Gendern, arbeiten und der Osten

Aktua­li­sie­rung 31.07.2022: Auf der Mit­glie­der­ver­samm­lung der Deut­schen Gesell­schaft für Sprach­wis­sen­schaft, die am 24.02.2022 online statt­fand, haben 122 für die neue gen­der­ge­rech­te Sat­zung gestimmt. Es gab 10 Gegen­stim­men und 7 Ent­hal­tun­gen (88% dafür 7% dage­gen). Zum Hin­ter­grund Zitat aus Wiki­pe­dia: Anders als die sprach­pfle­ge­risch oder lai­en­ori­en­tier­ten Sprach­ver­ei­ne ist bei der DGfS ein aka­de­mi­scher Beruf im Bereich der Sprach­wis­sen­schaf­ten Vor­aus­set­zung für den Sta­tus als ordent­li­ches Mit­glied. Somit fun­giert die DGfS auch als Berufs­ver­band der deut­schen Sprachwissenschaftler.

Auf der letz­ten Kon­fe­renz der Deut­schen Gesell­schaft für Sprach­wis­sen­schaft wur­de der Vor­stand damit beauf­tragt, einen Vor­schlag für eine gen­der­ge­rech­te Sat­zungs­än­de­rung zu machen. In Vor­be­rei­tung auf die im März statt­fin­den­de Jah­res­ta­gung fand in einem geschlos­se­nen Online-Forum eine Dis­kus­si­on dazu statt. Hier ist mein Beitrag:

Lie­be Kol­le­gin­nen und Kollegen,

Ich has­se es, wenn mir Men­schen vor­schrei­ben wol­len, was ich zu tun und zu las­sen habe. Das kommt noch aus mei­ner Kind­heit und Jugend, die ich im Osten ver­bracht habe. Bis vor eini­gen Jah­ren habe ich des­halb auch genau­so argu­men­tiert wie XY das in sei­nem Bei­trag getan hat und wie Peter Eisen­berg es in diver­sen Ver­öf­fent­li­chun­gen getan hat. Als taz-Leser habe ich schon sehr lan­ge mit dem Binnen‑I und sei­nen Freund*innen zu tun. Ich habe mich zum Bei­spiel über einen Arti­kel sehr geär­gert, in dem es um Straf­la­ger für Frau­en ging und dann von Die­ben und Mör­dern geschrie­ben wur­de, denn wo, wenn nicht da, hät­te man von Die­bin­nen und Mör­de­rin­nen schrei­ben müs­sen. Der Gip­fel war dann ein Bild mit einem Schild, das als Weg­wei­se­rin bezeich­net wur­de. Ich habe damals mit den Student*innen dar­über gespro­chen und ihnen erklärt, dass die ent­schei­den­de, die alles ent­schei­den­de Fra­ge die öko­no­mi­sche ist. Frau­en wer­den nie gleich­be­rech­tigt sein, wenn sie nicht arbei­ten, wenn sie nicht Kran­füh­re­rin, nicht Fir­men­lei­te­rin, nicht Kli­nik­che­fin, nicht Leh­re­rin, nicht Kin­der­gärt­ne­rin, nicht Pro­fes­so­rin wer­den. Frau­en waren im Osten in einer ganz ande­ren Posi­ti­on, weil sie öko­no­misch unab­hän­gig waren. Wenn der Macker genervt hat, sind sie halt gegan­gen bzw. haben ihn rausgeschmissen. 

Kran­füh­re­rin: Car­men Sei­del aus dem Plat­ten­werk Zwi­ckau, 1981. Bun­des­ar­chiv, Bild 183-Z0331-001 / CC-BY-SA 3.0

Die Frau­en aus der Ost-Frau­en­be­we­gung haben nach der Wen­de die West-Frau­en gar nicht ver­stan­den (und anders­rum), weil die ganz ande­re Pro­ble­me hat­ten. Es gibt eine sehr gute Doku­men­ta­ti­on vom MDR zu die­sem The­ma und dem Roll-Back nach der Wen­de: Ost­rau­en: Selbst­be­wusst. Unab­hän­gig. Erfolg­reich.

Hier auch aus der Emma:

Die Frau­en der DDR waren ­Kran­füh­rer, Mau­rer, Elek­tri­ker, Schlos­ser, Inge­nieur oder Agrar­tech­ni­ker. Ihre Arbeit war das Herz­stück der sozia­lis­ti­schen Lebens­wei­se. Wo der Sozia­lis­mus Arbei­te­rIn­nen brauch­te, da unter­schied er nicht nach Frau oder Mann. Kon­se­quen­ter­wei­se war das „in“ in der Berufs­be­zeich­nung über­flüs­sig.

Emma 11/2009: Die arbeits­lo­se Kranführerin

Ich habe das Binnen‑I also Jahr­zehn­te abge­lehnt und die Kämp­fe dar­um für ver­geu­de­te Zeit gehal­ten. Vor unge­fähr drei Jah­ren habe ich mei­ne Mei­nung geän­dert. Der Grund dafür war ein Tweet von Hen­ning Lobin, durch den ich auf fol­gen­de Stu­die auf­merk­sam gewor­den bin:

Stahl­berg, Dag­mar, Sabi­ne Sczes­ny & Frie­de­ri­ke Braun. 2001. Name your favo­ri­te musi­ci­an: Effects of mas­cu­li­ne gene­rics and of their alter­na­ti­ves in Ger­man. Jour­nal of Lan­guage and Social Psy­cho­lo­gy 20(4). 464–469. DOI: 10.1177/0261927X01020004004.

Die Autorin­nen haben Per­so­nen gebe­ten, ihre Lieb­lings­mu­si­ker zu nen­nen. Das Ergeb­nis war, dass Musi­ker genannt wur­den, näm­lich vor­wie­gend männ­li­che. Wur­de dage­gen nach Lieb­lings­mu­si­kern bzw. Lieb­lings­mu­si­ke­rin­nen gefragt, war der Anteil der Musi­ke­rin­nen grö­ßer. Das heißt, dass all das, was Peter Eisen­berg und XY geschrie­ben haben, zwar rich­tig ist, also alles, was das gram­ma­ti­sche Sys­tem angeht, dass aber den­noch bei den Empfänger*innen etwas im Gehirn pas­siert, das nicht dem „mit­ge­meint“ ent­spricht (oder doch, sie­he unten). Kolleg*innen haben mich dann dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die­ses Phä­no­men nicht spe­zi­fisch für das Deut­sche ist. Was abge­bil­det wird, sind unse­re Ste­reo­ty­pe. Das Bei­spiel mit dem Chir­ur­gen kommt ursprüng­lich auch aus dem Eng­li­schen. Es stammt von den bei­den Psy­cho­lo­gin­nen Mikae­la Wap­man und Debo­rah Belle.

Also: Die gan­ze Sache hat nichts mit dem Deut­schen zu tun, die Ste­reo­ty­pen sind ein Abbild unse­rer Gesell­schaf­ten. Man kann sich das leicht vor Augen füh­ren, indem man über nur­se nach­denkt. Die ist natür­lich weib­lich. Jeden­falls blin­kern zuerst die ent­spre­chen­den Stel­len in unse­ren Gehir­nen auf. Um das zu ändern, müs­sen wir dafür sor­gen, dass Frau­en in allen Posi­tio­nen sicht­bar sind, damit sie nicht nur von der Gram­ma­tik mit­ge­meint sind, son­dern auch von den Emp­fän­gern unse­rer Nach­rich­ten mit­ge­dacht wer­den. Das ist letzt­end­lich wie­der die öko­no­mi­sche Fra­ge und dazu brau­chen wir Quo­ten und Kin­der­be­treu­ung und die Quo­ten haben wir ja inzwi­schen auch, die Kin­der­be­treu­ung wird auch lang­sam bes­ser. Wenn Frau­en in Par­la­men­ten gleich ver­tre­ten sind, ändert sich viel­leicht auch irgend­wann die Bezah­lung für die typi­schen Frau­en­be­ru­fe und es stellt sich ins­ge­samt eine fai­re­re Ver­tei­lung ein.

Wir als DGfS wol­len Frau­en. Wir wol­len Frau­en im Vor­stand, wir wol­len Frau­en auf Pro­fes­su­ren, wir wol­len Frau­en als Lei­te­rin­nen gro­ßer For­schungs­ver­bün­de. Wenn wir Stu­den­tin­nen errei­chen wol­len, wenn wir wol­len, dass sie sich ange­spro­chen füh­len, dass sie den­ken: „Ja, hier bin ich rich­tig!“, dann müs­sen wir sie expli­zit adres­sie­ren. Ich habe das bis vor eini­gen Jah­ren gemacht, in dem ich wie oben in der Anre­de die weib­li­che und die männ­li­che Form benutzt habe. Seit eini­ger Zeit mische ich das mit der Form mit Glot­tal­ver­schluss. Ein Kol­le­ge hat pro­phe­zeit, dass der dann irgend­wann als unöko­no­misch abge­schafft wird und so ist es in der Tat: Dann kommt eben das gene­ri­sche Femi­ni­num raus.

In der Schrift­form ver­wen­de ich das Gen­der­stern­chen. Es ist kür­zer als Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen und man hat die Nicht-Binä­ren noch mit dabei. 

Aber es wur­den ja schon Vor­schlä­ge gemacht, wie man das Pro­blem umschif­fen kann, so dass wir […] zu einer Form kom­men, die Frau­en und Nicht-Binä­ren zeigt, dass wir sie in der DGfS gern sehen.

Herz­li­che Grüße

Ste­fan

PS: Das i mit Stern­chen oben drauf fin­de ich herz­al­ler­liebst, schön ist auch das i mit zwei Punk­ten drü­ber. Ist aber nichts für nor­ma­le Men­schen. Ich set­ze Bücher, glaubt mir.

PPS: Wo wir schon dabei sind: Es gibt noch viel sub­ti­le­re Gen­der-Bia­ses in Syn­tax-Büchern. Ich habe dazu und zu dem, was in die­sem Post steht, etwas im Vor­wort mei­nes Buches über die Syn­tax der ger­ma­ni­schen Spra­chen geschrieben.

PPPS: Ich habe mit einer Kol­le­gin eine Kon­fe­renz orga­ni­siert. Eine Mail an uns begann mit der Anre­de: „Dear Sirs“. Tja.