Der Ossi ist nicht demokratiefähig. Merkt Ihr’s noch?

Die Behaup­tung, die Ossis sei­en nicht demo­kra­tiefä­hig, fin­det sich immer wie­der. In den Print-Medi­en, im Radio, im Fern­se­hen, ja, sogar im Inter­net.1 Aber, und hier stim­me ich zum ers­ten Mal in mei­nem Leben mit der AfD über­ein, was haben sie getan: Sie haben bei einer demo­kra­ti­schen Wahl eine im nor­ma­len demo­kra­ti­schen Pro­zess auf­ge­stell­te Par­tei gewählt. In Sach­sen hat­te die­se Par­tei das mit dem Pro­zess zwar nicht so rich­tig gerafft und hat Feh­ler bei der Auf­stel­lung der Kan­di­da­tIn­nen gemacht, aber sonst alles pri­ma. Und wie Kal­bitz mit einem süf­fi­san­ten Lächeln bemerk­te, hat die AfD sogar Nicht-Wäh­ler mobi­li­siert. Und zwar wie die Ana­ly­se der Wäh­ler­wan­de­rung zeigt: 115.000 in Bran­den­burg und 246.000 in Sach­sen! In Sach­sen stieg die Wahl­be­tei­li­gung um 17,5 % in Bran­den­burg um 15,2 %.

Ja, sie haben Nazis gewählt. Ver­tre­ter (ohne ‑Innen) des Flü­gels, der vom Ver­fas­sungs­schutz jetzt offi­zi­ell als kri­tisch ein­ge­stuft wird. Schau­en wir uns die Par­tei, die zur Wahl stand, mal an. 

Zusammensetzung des Vorstands / Personal in den Bundesländern / Rechtsextreme

Sie wur­de 2013 gegrün­det von neo­li­be­ra­len Professoren/Akademikern, die den Euro ablehnten.

  • Prof. Dr. Bernd Lucke (West-Ber­lin, Aus­tritt 2015 nach Abwahl als Vor­sit­zen­der zuguns­ten von Petry auch wegen aus­län­der- und islam­feind­li­cher Tendenzen)
  • Albrecht Gla­ser (Worms, per­sön­li­cher Refe­rent des Rek­tors der Uni Hei­del­berg, noch Mit­glied und im Vorstand)
  • Frau­ke Petry (Dres­den, Aus­tritt 2017)
  • Hans-Olaf Hen­kel (Ham­burg, Mana­ger bei IBM, Prä­si­dent BDI, Aus­tritt 2015, wegen Petry)
  • Kon­rad Adam (Wup­per­tal, Grün­dungs­spre­cher, 2015 wegen War­nung vor Rechts­ruck von Par­tei abge­mahnt, noch Mitglied)

Der ein­zi­ge Ossi, der auf Füh­rungs­ebe­ne eine Rol­le spiel­te, war Frau­ke Petry.

Zur Zeit sind fol­gen­de Per­so­nen im Vorstand:

Ali­ce Wei­del (Güters­loh, NRW) ist mit Gau­land Co-Vor­sit­zen­de der AfD-Bundestagsfraktion.

Die Lan­des­vor­sit­zen­den der AfD in Ost­län­dern sind:

Man kann also zusam­men­fas­sen, dass im Vor­stand 2 von 8 Per­so­nen aus dem Osten sind. Dazu noch Ali­ce Wei­del im Bun­des­tag an pro­mi­nen­ter Posi­ti­on. Also 2 von 9. Von den fünf neu­en Bun­des­län­dern haben zwei einen Ost­deut­schen zum Vor­sitz. Inzwi­schen ist Andre­as Kal­bitz durch den rechts­ex­tre­men Hans-Chris­toph Berndt ersetzt wor­den, der aus dem Osten ist.

Pro­mi­nen­te Rechtsextreme/Nazis sind:

  • Doris von Sayn-Witt­gen­stein (Arol­sen, Hes­sen, rechts­ex­trem, Kon­takt zu Reichs­bür­gern und Holo­caust­leug­nern, bei lau­fen­dem Auschluss­ver­fah­ren Wie­der­wahl zur Lan­des­vor­sit­zen­den Schleswig-Holstein)
  • Bea­trix von Storch (Lübeck, Flü­gel, seit 2013 dabei, gegen Homo-Ehe, Rassistin)
  • Mar­cus Pret­zell (Rin­teln, Nie­der­sach­sen, Rechts­an­walt, Immo­bi­li­en­ent­wick­ler, seit 2013 dabei, 2016 Bei­tritt zur rechts­ex­tre­men Frak­ti­on Euro­pa der Natio­nen und der Frei­heit (ENF), Ehe­mann von Frau­ke Petry aber immer noch in der AfD)
  • André Pog­gen­burg (Wei­ßen­fels, Sach­sen-Anhalt, Flü­gel)
  • Dr. phil. Hans-Tho­mas Till­schnei­der (Land­tag von Sach­sen-Anhalt, aus Freu­den­stadt, Baden-Würt­tem­berg, Flü­gel)
  • Wolf­gang Gede­on (Cham, Bay­ern, Anti­se­mit, Flü­gel, die AfD-Frak­ti­on in Baden-Wür­tem­berg bekam kei­ne 2/3‑Mehrheit zusam­men, die für einen Aus­schluss von Gede­on nötig gewe­sen wäre, nach Spal­tung der Frak­ti­on wur­de wei­ter mit ihm zusam­men­ge­ar­bei­tet, im Sep­tem­ber 2019 spa­chen sich über die Hälf­te der Land­tags­ab­ge­or­den­ten für eine Wie­der­auf­nah­me von Gede­on in die Frak­ti­on aus, im Okto­ber 2019 schei­ter­te das zwei­te Ausschlussverfahren)
  • Joa­chim Paul (Ben­dorf, Reih­n­land-Pfalz, Frak­ti­ons­vi­ze Reih­n­land-Pfalz, hat höchst­wahr­schein­lich in NPD-Zeit­schrift H&J publi­ziert, mit 107 von 127 Stim­men zum stell­ver­tre­ten­den Lan­des­vor­sit­zen­den gewählt)
  • Den­nis Augus­tin (Ham­burg, Lan­des­vor­sit­zen­der Meck­len­burg-Vor­po­mern 2017–2019, NPD-Mit­glied, 2019 wegen Ver­heim­li­chung der NPD-Mit­glied­schaft ausgeschlossen)
  • Hei­ko Heß­enk­em­per (Hamm, Lan­des­lis­te auf Platz 6 der AfD Sach­sen 2017)
  • Jens Mei­er (Bre­men, 2017 über Lan­des­lis­te Sach­sen (Platz 2) in den Bun­des­tag ein­ge­zo­gen, vom Säch­si­schen Ver­fas­sungs­schutz als rechts­ex­trem ein­ge­stuft, er war Obman des Flügels)

Man kann also zusam­men­fas­send sagen: Die AfD wur­de von West-Pro­fes­so­ren gegrün­det und sie wird von West­deut­schen gelei­tet. Pro­mi­nen­te Rechts­ex­tre­me bzw. Nazis kom­men aus dem Wes­ten und wur­den zum Teil auch nach ange­lau­fe­nen Aus­schluss­ver­fah­ren in ihren Ämtern bestätigt.

Demokratieversagen?

Was ist pas­siert? 25 % der säch­si­schen und bran­den­bur­gi­schen Wäh­le­rIn­nen haben eine Nazi-Par­tei gewählt. Haben sie sich unde­mo­kra­tisch ver­hal­ten? Nein. Sie­he oben. Wie konn­te das über­haupt pas­sie­ren? Wie­so gab es das frü­her nicht? Es gab im Wes­ten immer schon sol­che Par­tei­en wie die NPD, die DVU, die Repu­bli­ka­ner. Das Gute war: Die waren zu doof. Sobald sie irgend­wie nen­nens­wer­te Stim­men­an­tei­le beka­men und Posi­tio­nen beset­zen konn­ten brach alles zusam­men, weil die nöti­ge Struk­tu­riert­heit und der Durch­hal­te­wil­le fehl­ten. Das ist nun anders. Neo­li­be­ra­le Pro­fes­so­ren haben die­se Par­tei gegrün­det und auf einen rechts­kon­ser­va­ti­ven Weg gebracht. Die Par­tei wur­de dann schritt­wei­se von Nazis über­nom­men, bei den Macht­spiel­chen von Lucke, Petry und Gau­land ist eben eini­ges schief gelaufen.

Wer hat ver­sagt? Wir alle. Ja, unse­re Demo­kra­tie hat ver­sagt. Spä­tes­tens seit Maaßen ist das klar. Ver­fas­sungs­schutz­chef Maaßen (CDU, Mön­chen­glad­bach, Nord­rhein-West­fa­len) konn­te in Chem­nitz kei­ne Hetz­jag­den erken­nen und es hat ein Jahr gebraucht, bis dann irgend­wie doch klar war, dass es Hetz­jag­den gab. See­hofer (CSU) hat Mona­te gebraucht, bis er Maaßen end­lich gefeu­ert hat. Kurt „Die Sach­sen sind immun gegen Rechts­ex­tre­mis­mus.“ Bie­den­kopf konn­te in Sach­sen kei­ne rechts­ex­tre­men Ten­den­zen fest­stel­len. Der säch­si­sche Ver­fas­sungs­schutz war ihm offen­sicht­lich kei­ne gro­ße Hil­fe. Klei­ne gemei­ne Fra­ge: Wer hat den Ver­fas­sungs­schutz im Osten auf­ge­baut? Wer die Poli­zei? Die Ost­deut­schen? Nee. Wie war das mit dem NSU? Nix gemerkt? Oder viel­leicht doch sogar einer vom Ver­fas­sungs­schutz beim Mord dabei gewe­sen? Wir haben rie­si­ge rechts­ex­tre­me Netz­wer­ke mit Todes­lis­ten (Han­ni­bal), rechts­ex­tre­me Vor­fäl­le in Armee und Poli­zei. Gar einen Mord mit rechts­ex­tre­men Hin­ter­grund in Hes­sen (wur­de lei­der bei der Mel­dung der Straf­ta­ten mit rechts­ex­tre­men Hin­ter­grund ver­ges­sen, upsi).

Und nun? Ver­bie­ten? Ist nicht so ein­fach, wenn die Par­tei bereits 25 % der Stim­men bekom­men hat. 

Sind die Ostdeutschen nicht demokratiefähig?

Eine Stu­die der Uni­ver­si­tät Leip­zig hat erge­ben, dass die Ost­deut­schen Demo­kra­tie grund­sätz­lich befür­wor­ten und zwar zu 95 % (im Wes­ten nur 93 %). Ein Teil der Wäh­le­rIn­nen hat eine rechts­ex­tre­me Par­tei gewählt. Die­se wur­de von West­deut­schen Pro­fes­so­ren gegrün­det und eta­bliert und wird immer noch über­wie­gend von West­deut­schen gelei­tet. Auf­grund der spe­zi­fi­schen Situa­ti­on im Osten sind Men­schen dort für ras­sis­ti­sche und natio­na­lis­ti­sche Posi­tio­nen und den Quatsch, den die AfD von der Wen­de erzählt, emp­fäng­lich. Ins­ge­samt ist es aber so, dass die­ses Land, das gesam­te Land, ein Rechts­ex­tre­mis­mus­pro­blem hat. Die­ses kann man nur gemein­sam lösen und man löst es nicht durch Fin­ger­zei­gen und Bemer­kun­gen von oben nach unten. Das Posi­ti­ve ist, dass die jüngs­ten Ereig­nis­se zu einer Poli­ti­sie­rung und auch zu einem Umden­ken in der Poli­tik geführt haben:

Den­noch geben die Wah­len für all­zu apo­ka­lyp­ti­sche Deu­tun­gen kei­nen Anlass. In dem Schla­mas­sel ste­cken Geschich­ten, die Mut machen. Sie spie­len jen­seits der klas­si­schen Par­tei­e­na­rith­me­tik und klin­gen nach Auf­bruch und Erneue­rung. Da wäre zum Bei­spiel eine umfas­sen­de Poli­ti­sie­rung der Gesell­schaft, die bei Wahl­ver­an­stal­tun­gen von CDU, SPD, Grü­nen oder Lin­ken zu spü­ren war. Die Men­schen kamen, sie waren vie­le, und sie rede­ten ernst­haft über Poli­tik. Über schrump­fen­de Dör­fer, über Züge, die nicht mehr fah­ren, über die Braun­koh­le – und über Kon­zep­te, die es bes­ser machen. Was sel­ten vor­kam, war das ima­gi­nier­te Zuviel an Migra­ti­on. Es fand eine Erdung statt, die vor einem Jahr undenk­bar schien, als Neo­na­zis durch Chem­nitz maro­dier­ten.
Die demo­kra­ti­sche Mehr­heit hat sich dis­kur­si­ve Räu­me zurück­er­kämpft und mit Leben gefüllt. Von Des­in­ter­es­se der Bür­ge­rIn­nen kann kei­ne Rede sein, es gibt ein Bedürf­nis nach Teil­ha­be und Enga­ge­ment. Das, was Ost- und West­deutsch­land 30 Jah­re nach der Wen­de trennt, liegt jetzt auf dem Tisch, für alle sicht­bar. Auch die Par­tei­en haben viel rich­tig gemacht. Oben auf der Büh­ne steht einer, belehrt die ande­ren und wird gewählt – so funk­tio­niert es nicht mehr. CDU-Mann Kret­schmer hat im Wahl­kampf gefühlt jedem Sach­sen per­sön­lich die Hand geschüt­telt, der Grü­ne Habeck in sei­nen Town Halls auch dem kri­tischs­ten Atom­kraft­fan minu­ten­lang geantwortet. 

Ernst­haft ins Gespräch kom­men, Zuge­wandt­heit zei­gen, das ist ein Anfang, aus dem etwas ent­ste­hen kann. Die Zivil­ge­sell­schaft und die demo­kra­ti­schen Par­tei­en befin­den sich in einer Such­be­we­gung – auf­ein­an­der zu.

Ulrich Schul­te, Auch Mut machen­de Signa­le, taz, 03.09.2019

Hof­fen wir, dass die­se Ent­wick­lung anhält und dass wir die­ses Land ret­ten können.

Nach­trag 07.09.2019: In Alten­stadt-Wald­sied­lung (Hes­sen) wur­de der stell­ver­tre­ten­de NPD-Lan­des­vor­sit­zen­de ein­stim­mig mit Stim­men der SPD, FDP und CDU zum Orts­vor­ste­her gewählt.

Genau das ist das Problem: Selbstgefälligkeit und Arroganz

Vorgeschichte zur Einordnung

  1. Ich bin Anti­fa­schist, habe für #unteil­bar gear­bei­tet und bin zutiefst erschüt­tert über das Wahl­er­geb­nis der AfD in Bran­den­burg und in Sach­sen. Es ist umso schlim­mer, weil klar ist, dass Kal­bitz ein Nazi ist (taz, Spie­gel, Jung&Naiv). Mit tie­fer Ver­wur­ze­lung im rechts­ex­tre­men Milieu.
  2. Ich bin in den 60ern in Jena gebo­ren wor­den und seit 2013 Ossi.
  3. Ana­tol Ste­fa­no­witsch ist ein guter Kol­le­ge von mir. Wir haben jah­re­lang zusam­men in Bre­men gear­bei­tet und uns zur Freu­de unse­rer Mit­ar­bei­te­rIn­nen jeden Tag beim Mit­tag­essen über alles Mög­li­che gestrit­ten. Meis­tens Grammatik.
  4. Ich tei­le vie­le sei­ner Ansich­ten und lie­be sei­ne poin­tier­ten Tweets. Sie sind oft auf den Punkt.

Klischees und wilde Behauptungen

In sei­nem Tweet vom 02.09.2019 direkt nach den Land­tags­wah­len in Sach­sen und Bran­den­burg schreibt Ana­tol Ste­fa­no­witsch fol­gen­des: Wahl­sta­tis­ti­ker: „War­um haben Sie AfD gewählt?“ Wäh­ler: „Aus Pro­test gegen Aus­län­der, Juden, Mus­li­me, Schwu­le, Frau­en und Gre­ta.“ Wahl­sta­tis­ti­ker: *kreuzt “Pro­test­wäh­ler” an.

Tweet von @aste­fa­no­witsch nach den Land­tags­wah­len in Bran­den­burg und Sach­sen, 02.09.2019

Damit tut Ana­tol (ich nehm’ mal den Vor­na­men) zwei Din­ge: Ers­tens er bezwei­felt die Wis­sen­schaft­lich­keit von Wahl­for­schung. Und er belei­digt die Pro­test­wäh­ler, denn er unter­stellt, dass ein gro­ßer Teil der Pro­test­wäh­le­rIn­nen Aus­län­der, Juden, Mus­li­me, Schwu­le, Frau­en oder Gre­ta Thun­berg ablehnt.

Infragestellung von Forschungsergebnissen: eine rechte Strategie, oder?

Der ers­te Punkt ist schlimm, denn er ent­spricht genau dem, was Rech­te und Rechts­ex­tre­me tun: Sie zie­hen wis­sen­schaft­li­che Ergeb­nis­se in Zwei­fel. OK, wir alle wis­sen, dass mit Umfra­ge­er­geb­nis­sen auch Poli­tik gemacht wird. Aber es gibt ja meh­re­re Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tu­te und man kann die Pro­gno­sen vor Wah­len sehr gut mit den Wahl-Ergeb­nis­sen abglei­chen und kann dann das Insti­tut ent­spre­chend ein­ord­nen. Je nach Insti­tut schwan­ken die Zah­len um eini­ge Pro­zent. Bei der Wahl­be­richt­erstat­tung in der ARD wur­de aber gesagt, dass nur 39 % der AfD-Wäh­le­rIn­nen in Sach­sen sie wegen der Inhal­te gewählt haben, 52 % dage­gen aus Ent­täu­schung. Von 8–9% wis­sen wir es nicht.

Wahl­be­richt­erstat­tung Land­tags­wahl Sach­sen und Bran­den­burg am 01.09.2019

Selbst wenn man hier eine Ver­fäl­schung des Ergeb­nis­ses in eine bestimm­te Rich­tung unter­stel­len woll­te, bekä­me man immer noch einen Wert um die 50% von Wäh­lern, die sich nicht mit den Inhal­ten der Par­tei identifizieren.

Protestwähler

Noch mal: Ich bin zutiefst erschüt­tert ob des Wahl­er­geb­nis­ses. Es gibt kei­ne Recht­fer­ti­gung dafür, eine Par­tei mit Nazi-Per­so­nal an der Spit­ze zu wählen.

Aber: Es gibt Leu­te, die aus Pro­test kei­ne der demo­kra­ti­schen Par­tei­en mehr wäh­len. Man sieht in Sach­sen sehr deut­lich, dass Wäh­le­rIn­nen der Lin­ken zur AfD gewech­selt sind.

Wäh­ler­wan­de­rung, Dar­stel­lung aus dem Spie­gel-Arti­kel Ana­ly­se zu Wah­len in Sach­sen und Bran­den­burg, 2019

Man kann sich die Deutsch­land­kar­ten anse­hen und stellt fest, dass sozio­öko­no­mi­scher Sta­tus stark mit dem Wahl­ver­hal­ten kor­re­liert ist. Guckt man nach Bay­ern (19,2% Deg­gen­dorf) oder Baden-Wür­tem­berg (16,3% Pforz­heim) so fin­det man in eini­gen Wahl­krei­sen einen 15–20%-Anteil an AfD-Wäh­lern, ohne dass es in die­sen Orten irgend­wel­che Pro­ble­me der Art gibt, mit der der Osten kämpft. Ähn­lich gela­gert dürf­te es im Osten sein: Es gibt einen Anteil der­je­ni­gen, die AfD-Posi­tio­nen teilt (die 39% der Wäh­le­rIn­nen). Oben drauf kom­men dann die Abghäng­ten und Frus­trier­ten. Das ist kei­ne Ent­schul­di­gung für irgend­was, aber wir müs­sen uns damit aus­ein­an­der­set­zen, damit wir etwas ändern können.

Arroganz

Auf mei­ne Kri­tik an Ana­tols ursprüng­li­chem Post kam die Ant­wort von einem Nut­zer aus NRW: „Niveau sieht nur von unten wie Arro­ganz aus.“ Net­ter­wei­se hat er noch dazu­ge­schrie­ben, dass NRW in West­deutsch­land liegt. Ich hät­te sonst erst nach­gu­cken müssen.

Lus­ti­ger Aus­tausch auf Twit­ter. 02.09.2019

Das zeigt recht deut­lich, wo das Pro­blem liegt: Man bewegt sich niveau­voll in sei­ner Bla­se und spricht von oben nach unten. Das löst aber das Pro­blem nicht. Lei­der ver­stärkt es das Pro­blem nur. Ja, das Von-oben-nach-unten-Reden ist ein Pro­blem. Der Wes­ten ist immer noch wirt­schaft­lich stär­ker. Im Osten gibt es die Tari­fe nicht, die es im Wes­ten gibt. Schon über Jahr­zehn­te (z.B. seit 2003 35-Stun­den-Woche bei der IG Metall im Wes­ten, 38 Stun­den im Osten für glei­ches Geld).

Keine Toleranz für Nazis und Mitläufer

Es gibt ganz vie­le Ant­wor­ten auf den Tweet, die ihre Abgren­zung zum Aus­druck brin­gen. Kann ich voll ver­ste­hen. Nur was folgt dar­aus? Dass wir mit 18 % der Bevöl­ke­rung (18,6 % in Sach­sen, 14,4 % in Bran­den­burg bei Berück­sich­ti­gung der Nicht­wäh­ler) nicht mehr reden? Es ist zu ein­fach zu sagen, ich bin gut und ihr seid Nazis. Das ist selbst­ge­fäl­lig. Man macht es sich bequem auf sei­nem Sessel/Bürodrehstuhl und guckt mit Schau­dern gen Osten und zeigt mit dem Fin­ger. Davon ändert sich aber nichts. Im Gegen­teil. Die ande­ren Reden mit ihnen. Und sie hören das wahn­sin­ni­ge Gefa­sel von der Wen­de 2.0. Von Leu­ten, die damals noch ganz klein waren und in West­fa­len oder Mün­chen zur Schu­le gegan­gen sind.

Höcke: Dafür haben wir nicht die fried­li­che Revo­lu­ti­on gemacht

Hier noch mal für den Geschichts­leh­rer: Das haben die Bür­ger­be­we­gun­gen damals gewollt. Der gan­ze ande­re Scheiß kam später.

Demo­auf­ruf der ver­schie­de­nen Grup­pie­run­gen der Bür­ger­be­we­gung, 19.12.1989, DDR-Muse­um Eisenhüttenstadt

Schlussfolgerung

Wir müs­sen mit­ein­an­der reden. Wohl eher nicht mit den Nazis, obwohl Thi­lo von Jung auch das sehr gut hin­be­kom­men hat (Inter­view mit Kal­bitz). Aber wenn wirk­lich 61 % von 25 % nicht mit den Ansich­ten der AfD über­ein­stim­men, dann sind das doch sehr vie­le Men­schen. Und selbst bei den 39 % ist noch nicht alles ver­lo­ren. Da sind sicher Men­schen dabei, die wegen „Gre­ta“ die AfD gewählt haben, denn die Kli­ma­wan­del­leug­ner haben sich recht klar für Koh­le posi­tio­niert und das ist für eini­ge Bran­den­bur­ge­rIn­nen existenziell.

Also, ver­su­chen wir mit ihnen zu reden. Bit­te ver­sucht Ihr Wes­sis mit uns Ossis auf Augen­hö­he zu reden. Es ist Eure ein­zi­ge Chan­ce. Es ist unse­re ein­zi­ge Chance.

Nachtrag 04.09.2019

Lei­der muss ich mir hier gleich wider­spre­chen. Die oben ange­spro­che­nen Erkennt­nis­se von infra­test dimap, wonach nur 39% der Wäh­le­rIn­nen in Sach­sen die AfD aus Über­zeu­gung gewählt haben, wider­spricht eine Stu­die der For­schungs­grup­pe Wah­len, der­zu­fol­ge 28 % das Motiv „Denk­zet­tel“ nann­ten und 70% die AfD „wegen ihrer poli­ti­schen For­de­run­gen“ wähl­ten (Tele­fon­be­fra­gung unter 1071 zufäl­lig aus­ge­wähl­ten Wahl­be­rech­tig­ten in der Woche vor der Wahl und Befra­gung von 18 411 Wäh­lern am Wahl­tag). Ein Unter­schied von 31% in den Ergeb­nis­sen ist doch ziem­lich groß. Ich wer­de mich bemü­hen, Nähe­res über die ers­te Befra­gung her­aus­zu­fin­den. Immer­hin ist die Zahl 28% auch nicht klein. In Bran­den­burg lag die Zahl der Pro­test­wäh­le­rinn­nen bei über 50%.