(Ost-)Deutsche Christen in Ost und West

In den letz­ten Jah­ren gibt es mit dem Erstar­ken der AfD wie­der eine grö­ße­re Debat­te zu Nazis in der DDR. Es wird immer wie­der die offi­zi­el­le Geschich­te des nazifrei­en Lan­des zitiert. Dass die DDR nazifrei war ist sicher nicht rich­tig, aber dass die Nazi-Dich­te gerin­ger war und dass sie eben nicht – im Unter­schied zu Nazi-Grö­ßen wie Glob­ke und Freis­ler – in Füh­rungs­po­si­tio­nen waren ist und bleibt wahr. Im Wikip­deia-Arti­kel zu Rechts­extre­mis­mus in der DDR wer­den drei Per­so­nen exem­pla­risch genannt: Arno von Len­ski, Franz Füh­mann oder Erhard Mau­ers­ber­ger. Per­so­nen wie Arno von Len­ski habe ich schon in einem frü­he­ren Post bespro­chen. Len­ski war in Sta­lin­grad in sowje­ti­sche Gefan­gen­schaft gera­ten und hat dann die Sei­ten gewechselt:

Nach eini­gem Zögern trat Len­ski am 7. Mai 1944 dem Natio­nal­ko­mi­tee Frei­es Deutsch­land und dem Bund Deut­scher Offi­zie­re bei. Dafür wur­de er von einem Kriegs­ge­richt in Tor­gau in Abwe­sen­heit zum Tode ver­ur­teilt. Er war Mit­ar­bei­ter der Zei­tung und des Sen­ders Frei­es Deutsch­land in Luno­wo. Von Dezem­ber 1944 bis Mai 1945 stu­dier­te er Gesell­schafts­wis­sen­schaf­ten und Poli­ti­sche Öko­no­mie in der Anti­fa-Schu­le in Kras­no­gorsk. Von März 1946 bis August 1949 war er mili­tä­ri­scher Fach­be­ra­ter bei Mos­film für den Doku­men­tar­film Die Schlacht um Sta­lin­grad.

Wiki­pe­dia-Ein­trag von Len­ski, abge­ru­fen 22.06.2024

Franz Füh­mann war eben­falls auf einer Anti­fa-Schu­le und hat dann als Assis­tenz­leh­rer an Anti­fa-Schu­len gelehrt. Wenn wir über Faschis­mus und Faschis­ten reden, dann nicht über sol­che, die zu Antifaschist*innen wur­den, son­dern sol­che, die unbe­hel­ligt ihr Leben füh­ren konn­ten und es zum Teil noch füh­ren. Sol­che wie Karl M.:

Der drit­te Name ist Erhard Mau­ers­ber­ger, der Mit­ar­bei­ter des Insti­tuts zur Erfor­schung und Besei­ti­gung des jüdi­schen Ein­flus­ses auf das deut­sche kirch­li­che Leben war. Er hat dar­an mit­ge­wirkt, Kir­chen­lie­der umzu­dich­ten. Das wur­de zu DDR-Zei­ten nicht auf­ge­ar­bei­tet und ist in der Tat unakzeptabel.

Inter­es­sant ist, dass das Insti­tut sei­ne Mit­ar­bei­ter ver­öf­fent­licht hat, so dass man jetzt unter­su­chen kann, was aus den Nazis und Anti­se­mi­ten, die bis 1945 im Osten gelebt haben, gewor­den ist. Wiki­pe­dia hat eine lan­ge Lis­te mit Namen, von denen vie­le ver­linkt sind. Um zu zei­gen, dass nach dem Krieg weni­ger Nazis im Osten waren, muss man nur die Ost-Nazis anschau­en und unter­su­chen, wie vie­le von ihnen in den Wes­ten gegan­gen sind, denn es wird wohl kaum ein West-Nazi sein Leben auf­ge­ge­ben haben, um zu den Rus­sen in den Osten zu zie­hen. (Das setzt natür­lich eine Gleich­ver­tei­lung von Nazis in Ost und West direkt nach dem Krieg voraus.)

Die Wiki­pe­dia-Sei­te lis­tet die Mit­ar­bei­ter in drei Rubriken:

  • Mit­ar­bei­ter in kir­chen­lei­ten­der Funktion
  • Geist­li­che bzw. Pfarrer
  • Hoch­schul­leh­rer bzw. Akademiker

Im fol­gen­den sor­tie­re ich die Lis­ten nach Ster­be- oder Wohn­ort nach 1945 in West, Ost, unbekannt/irrelevant. Irrele­vant ist der Ster­be­ort zum Bei­spiel bei Per­so­nen, die in Kriegs­ge­fan­gen­schaft gestor­ben sind. Irrele­vant sind auch die­je­ni­gen, die schon vor Kriegs­en­de im Wes­ten waren.

In kirchenleitender Funktion

In den Westen gegangen 

  1. Bischof Fried­rich Peter, Ber­lin, gestor­ben 1960, Gro­nau, NRW „Obgleich Peter 1948 aus dem Pfarr­amt ent­las­sen wur­de, blie­ben ihm die geist­li­chen Rech­te erhal­ten. So erhielt er Beschäf­ti­gungs­auf­trä­ge in der Evan­ge­li­schen Kir­che von West­fa­len, zunächst in Oeding und seit 1953 in Gro­nau (Westf.).“
  2. Lan­des­bi­schof Walt­her Schultz, Schwe­rin, gestor­ben 1957 in Schna­cken­burg, Nie­der­sach­sen „Nach Kriegs­en­de wur­de Schultz, zusam­men mit Kon­sis­to­ri­al­prä­si­dent Her­mann Schmidt zur Ned­den, am 25. Juni 1945 von der bri­ti­schen Besat­zungs­macht ver­haf­tet und inter­niert. Zwei Tage spä­ter leg­te er sein Amt nie­der. Im Jah­re 1948 wur­de er aus dem Dienst der Lan­des­kir­che Meck­len­burgs ent­las­sen. Im Jah­re 1950 wur­de Schultz mit der pfarr­amt­li­chen Hil­fe­leis­tung in der St.-Dionysius-Kirchengemeinde Fal­ling­bos­tel in der Lüne­bur­ger Hei­de beauf­tragt. Als für die­se Auf­ga­be dort eine neue Pfarr­stel­le errich­tet wur­de, muss­te Schultz die Gemein­de ver­las­sen und über­nahm in Schna­cken­burg an der Elbe ein Gemein­de­pfarr­amt, das er bis zu sei­nem Tode innehatte.“
  3. Ober­kon­sis­to­ri­al­rat Theo­dor Ell­wein, Ber­lin, gestor­ben 1962 Mün­chen „Nach der Ent­las­sung im Dezem­ber 1949 wur­de er 1950 von kirch­li­cher Sei­te in den Ruhe­stand ver­setzt. Im Jah­re 1951 wur­de er Reli­gi­ons­leh­rer am Gym­na­si­um Pasing und Lehr­be­auf­trag­ter an der Leh­rer­bil­dungs­an­stalt Mün­chen-Pasing. Von 1954 bis 1961 war er Lei­ter der Päd­ago­gi­schen Arbeits­stel­le der Evan­ge­li­schen Aka­de­mie Bad Boll bei Göp­pin­gen. 1955 war er Mit­glied der Stu­di­en­kom­mis­si­on für Leh­rer­bil­dung („Tutz­in­ger Emp­feh­lun­gen“) in der Evan­ge­li­schen Aka­de­mie Tutz­ing. 1961 trat er in den Ruhestand.“
  4. Ober­kon­sis­to­ri­al­rat Hans Hohl­wein, Eisen­ach, gestor­ben 1996 in Solin­gen „Nach 1945 wirk­te Hohl­wein als theo­lo­gi­scher Hilfs­ar­bei­ter in der Props­tei Hal­ber­stadt, und von 1947 bis 1951 ver­wal­te­te er die Pfarr­stel­le Heu­de­ber in der Kir­chen­pro­vinz Sach­sen. Im Jah­re 1951 erfolg­te sei­ne Über­sied­lung in die Bun­des­re­pu­blik Deutschland.“
  5. Kir­chen­rat Wil­helm Bau­er, Eisen­ach, gestor­ben 1969 in Bay­ern „In dem von ihm 1935 her­aus­ge­ge­be­nen Buch „Fei­er­stun­den Deut­scher Chris­ten“ kamen neben Bibel­zi­ta­ten auch Autoren wie Adolf Hit­ler zu Wort. Zugleich betä­tig­te er sich als Schrift­lei­ter der Zeit­schrift „Deut­sche Fröm­mig­keit“, in der die Posi­tio­nen der Deut­schen Chris­ten ver­tre­ten wur­den. In einer ihrer Aus­ga­ben bekun­de­te er: „Wir sind Natio­nal­so­zia­lis­ten. Der Natio­nal­so­zia­lis­mus bedeu­tet uns die Wie­der­auf­rich­tung einer wahr­haf­ten Volks­ord­nung auf dem Grun­de der ewi­gen Geset­ze unse­res Blu­tes und unse­rer Hei­mat­er­de.“[2] Im Jah­re 1939 erklär­te er sei­ne Mit­ar­beit am Insti­tut zur Erfor­schung und Besei­ti­gung des jüdi­schen Ein­flus­ses auf das deut­sche kirch­li­che Leben.[3] Zu Beginn der 1940er Jah­re wur­de er stell­ver­tre­ten­der Stu­di­en­lei­ter des Thü­rin­ger Pre­di­ger­se­mi­nars. Nach der Befrei­ung vom Natio­nal­so­zia­lis­mus leb­te Bau­er in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, publi­zier­te dort wei­ter und starb in einem Ort des Frei­staats Bay­ern.“
  6. Lan­des­su­per­in­ten­dent Fried­rich Kent­mann, Güs­trow, gestor­ben 1953 in Ham­burg „Nach dem Ende von Natio­nal­so­zia­lis­mus und Zwei­tem Welt­krieg 1945 wur­de er sei­nes Amtes als Lan­des­su­per­in­ten­dent ent­ho­ben und vom pfarr­amt­li­chen Dienst sus­pen­diert. Sein Nach­fol­ger als Lan­des­su­per­in­ten­dent wur­de mit Wir­kung vom 1. Okto­ber 1945 der Güs­trower BK-Pas­tor Sibrand Sie­gert (1890–1954). 1950 erfolg­te die Ent­las­sung Kent­manns aus dem Dienst der meck­len­bur­gi­schen Landeskirche.“
  7. Super­in­ten­dent Ger­hard Span­gen­berg, Alten­wed­din­gen, gestor­ben 1975 in Dül­men, NRW

Im Osten geblieben

  1. Reichs­vi­kar Fritz Engel­ke, Schwe­rin, gestor­ben 1956 in Schwe­rin „Nach 1945 wirk­te er als Pas­tor der Evan­ge­lisch-Luthe­ri­schen Lan­des­kir­che Meck­len­burgs in Schwe­rin. Ab 1950 ver­trat er den im Gulag Worku­ta inhaf­tier­ten Aurel von Jüchen an der Kir­che St. Niko­lai (Schelf­kir­che) Schwe­rin.
  2. Ober­lan­des­kir­chen­rat Wil­ly Kretz­schmar, Dres­den, gestor­ben 1962 in Dres­den „Nach Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges 1945 erfolg­te zunächst sei­ne Ent­las­sung aus dem akti­ven Kir­chen­dienst. 1946 stell­te er den erfolg­rei­chen Antrag auf Reha­bi­li­tie­rung, in dem er sei­ne Mit­ar­beit im „Ent­ju­dungs­in­sti­tut“ in Eisen­ach extrem her­un­ter­spiel­te. In sei­nem Reha­bil­tie­rungs­an­trag an das säch­si­sche Lan­des­kir­chen­amt in Dres­den stell­te er sich selbst „als Ver­führ­ten der NSDAP“ dar. Spä­tes­tens seit 1939 habe er sich „zu akti­ven Geg­ner des NS-Regimes gewan­delt“ und sich anti­na­tio­na­lis­tisch und par­tei­schäd­lich ver­hal­ten sowie Grund­sät­ze der NSDAP bekämpft. 1959 ging Kretz­schmar als kirch­li­cher Finanz­ver­wal­ter der Lan­des­kir­che Sach­sens in den Ruhestand.“
  3. Ober­lan­des­kir­chen­rat Hein­rich Seck, Dres­den, gestor­ben 1947 in Stadt Weh­len „In die­ser Eigen­schaft und als Mit­glied der Deut­schen Chris­ten war er Mit­ar­bei­ter am Insti­tut zur Erfor­schung und Besei­ti­gung des jüdi­schen Ein­flus­ses auf das deut­sche kirch­li­che Leben und wur­de des­halb nach Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges 1945 aus dem akti­ven Kir­chen­dienst ent­las­sen. Er zog in die Säch­si­sche Schweiz, wo er im Alter von 51 Jah­ren in Stadt Weh­len starb.“
  4. Ober­kir­chen­rat Fried­rich Busch­töns, Ber­lin, gestor­ben 1962 in Ber­lin „1945 über­nahm er die Auf­sicht über die kirch­li­chen Ver­mö­gens­wer­te im Schloss Ilsen­burg und wenig spä­ter über das kirch­li­che Flücht­lings­la­ger in Stol­berg. 1946 wur­de Busch­töns in den Ruhe­stand ver­setzt. Er hat aber auch danach noch pfarr­amt­li­che Diens­te geleis­tet, so etwa in Klein­mach­now. 1955 gehör­te er zum Her­aus­ge­ber- und Redak­ti­ons­kreis der vom ZK der SED ange­reg­ten Zeit­schrift Glau­be und Gewis­sen: eine pro­tes­tan­ti­sche Monats­schrift.
  5. Kir­chen­rat Erhard Mau­ers­ber­ger, Eisen­ach, gestor­ben 1982 Leip­zig, Chor­lei­ter, Lei­ter Bach-Komi­tee, 1972 bei poli­ti­scher Säu­be­rung aus Chor­lei­tung entfernt. 

Unbekannt / irrelevant

  1. Lan­des­bi­schof Mar­tin Sas­se, Eisen­ach, gestor­ben 1942 an Schlaganfall
  2. Lan­des­bi­schof Erwin Bal­zer, Lübeck
  3. Lan­des­bi­schof Adal­bert Paul­sen, Kiel
  4. Bischof Wil­helm Sta­edel, Her­mann­stadt
  5. Bischof Hein­rich Josef Ober­heid, Bad Godesberg
  6. Prä­si­dent Chris­ti­an Kin­der, Kiel
  7. Prä­si­dent Fried­rich Wer­ner, Ber­lin-Char­lot­ten­burg
  8. Vize­prä­si­dent Hahn, Berlin-Charlottenburg
  9. Ober­kir­chen­rat Johan­nes Sie­vers, Lübeck
  10. Super­in­ten­dent Thie­me, Solingen
  11. Dekan Wal­ter Mulot, Wiesbaden
  12. Ober­kir­chen­rat Fröh­lich, Leipzig
  13. Ober­kon­sis­to­ri­al­rat Schön­rock, Schwerin
  14. Ober­kon­sis­to­ri­al­rat Schultz, Schwerin
  15. Ober­kon­sis­to­ri­al­rat Wie­ne­ke, Berlin
  16. Kir­chen­re­gie­rungs­rat Erwin Brau­er, Eisen­ach, gestor­ben 1946 Buchen­wald „Nach der Befrei­ung vom Natio­nal­so­zia­lis­mus ver­lor er sei­ne Ämter und wur­de von den sowje­ti­schen Mili­tär­be­hör­den im Spe­zi­al­la­ger Nr. 2 in Buchen­wald inter­niert, wo er am 19. Dezem­ber 1946 verstarb.“
  17. Kir­chen­rat Ger­hard Braun­schweig, Dresden
  18. Kon­sis­to­ri­al­rat Hans Pohl­mann, Schnei­de­mühl
  19. Gene­ral­su­per­in­ten­dent Hans Schött­ler, Buch­schlag
  20. Lan­des­su­per­in­ten­dent Hans Hein­rich Fölsch, Neustrelitz
  21. Lan­des­ju­gend­pfar­rer Gar­ten­schlä­ger, Potsdam
  22. Kir­chen­rat Volk­mar Franz, Eisenach
  23. Propst Johan­nes Grell (1875–1947), Lei­ter der Kir­chen­pro­vinz Grenz­mark Posen-West­preu­ßen, Schneidemühl
  24. Super­in­ten­dent Krü­ger, Sagan
  25. Super­in­ten­dent Hugo Pich, Eisen­ach

Zwi­schen­fa­zit: Von den Nazi-Chris­ten mit kirch­li­cher Funk­ti­on im Osten sind 7 in den Wes­ten gegan­gen und 5 im Osten geblie­ben. Das bedeu­tet ers­tens, dass die Mehr­heit in den Wes­ten gegan­gen ist und zwei­tens, dass es im Osten sie­ben Nazis weni­ger und im Wes­ten sie­ben Nazis mehr gab als vor der Befreiung.

Geistliche bzw. Pfarrer

Die Lis­te der Geist­li­chen ist lang. Nur weni­ge sind in Wiki­pe­dia ver­linkt. Ich lis­te hier nur die ver­link­ten auf.

In den Westen gegangen 

  1. Pfar­rer Her­men­au, Pots­dam, gestor­ben 1981 Wies­ba­den „Im Jah­re 1939 erklär­te er sei­ne Mit­ar­beit am Insti­tut zur Erfor­schung und Besei­ti­gung des jüdi­schen Ein­flus­ses auf das deut­sche kirch­li­che Leben. In zahl­rei­chen Publi­ka­tio­nen ver­trat er sei­ne Über­zeu­gung von der Rol­le der deut­schen Frau im Reich Adolf Hit­lers. […] 1972: Ver­dienst­kreuz 1. Klas­se der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land“ Zur Ent­na­zi­fi­zie­rung und zum Grund für das Bun­des­ver­dienst­kreuz steht nichts in Wikipedia. 
  2. Pfar­rer Hosen­thien, Mag­de­burg, gestor­ben 1972 in Braun­schweig „1949 folg­te Albert Hosen­thien sei­nem Sohn und zog nach Fort Bliss in El Paso (Texas), kehr­te jedoch, da er mit den dor­ti­gen Gege­ben­hei­ten nicht zurecht­kam, 1954 wie­der nach Deutsch­land zurück. Da die Regi­on Mag­de­burg jetzt in der DDR lag, sie­del­te er sich in Braun­schweig, im west­li­chen Teil Deutsch­lands an. Er arbei­te­te hier auch wie­der als Pfarrer.“
  3. Pfar­rer Hun­ger, Eisen­ach, gestor­ben 1995 Müns­ter, NRW „Nach 1945 ori­en­tier­te er sich auf das Gebiet der Sexu­al­erzie­hung, was ihm den Spitz­na­men „Sex-Hun­ger“ ein­trug. Bis Ende der 1960er Jah­re publi­zier­te er sei­ne christ­lich-kon­ser­va­ti­ve Sexu­al­mo­ral im Güters­lo­her Ver­lags­haus. Er wur­de auch Redak­ti­ons­lei­ter der Zeit­schrift Der evan­ge­li­sche Reli­gi­ons­leh­rer an der Berufs­schu­le, die vom Schrif­ten­mis­si­ons­ver­lag Glad­beck her­aus­ge­ge­ben wurde.“ 
  4. Pfar­rer Kers­ten-Thie­le, Köthen, gestor­ben 1988 Göt­tin­gen, Nie­der­sach­sen „Nach 1945 wirk­te Kers­ten-Thie­le im Vor­stand der Deut­schen Ost­asi­en-Mis­si­on und publi­zier­te in deren Sin­ne meh­re­re Bücher. 1948 war er Pfar­rer in Göt­tin­gen-Gro­ne und 1954 in Düs­sel­dorf. Von 1960 bis 1964 war er Reli­gi­ons­leh­rer am Rethel-Gym­na­si­um (bzw. Jaco­bi-Gym­na­si­um) Düs­sel­dorf und zwi­schen 1968 und 1973 war er als Pas­tor in Sereetz tätig. Anschlie­ßend ging er in die Rhei­ni­sche Lan­des­kir­che zurück.“ 
  5. Pfar­rer Kuhl, Ber­lin, gestor­ben 1959 Kas­sel „Spä­te­re Wohn­sit­ze waren Nord­kir­chen, wo er von 1949 bis 1956 Pfar­rer war. Hier grün­de­te er einen Kirch­bau­ver­ein, um in Nord­kir­chen ein Gemein­de­zen­trum schaf­fen zu kön­nen.[4] Im Jahr 1956 wur­de ihm von der evan­ge­lisch-theo­lo­gi­schen Fakul­tät der Uni­ver­si­tät Bonn die Ehren­dok­tor­wür­de ver­lie­hen.[5] Nach­dem Kuhl 1957 in den Ruhe­stand gegan­gen war, leb­te er bis zu sei­nem Tod 1959 in Kas­sel und hin­ter­ließ eine Frau und zwei Kin­der. In sei­nen letz­ten Lebens­jah­ren hat­te er einen Lehr­auf­trag an der Georg-August-Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen. Gemein­sam mit Bo Rei­cke arbei­te­te er ab 1958 am Biblisch-his­to­ri­schen Hand­wör­ter­buch für den Ver­lag Van­den­hoeck & Ruprecht. Kuhl war von 1921 bis zu sei­nem Tod Mit­glied der Deut­schen Mor­gen­län­di­schen Gesell­schaft.“
  6. Pfar­rer Schmidt-Claus­ing, Pots­dam-Babels­berg, gestor­ben 1984 in West-Ber­lin „Nach dem Zwei­ten Welt­krieg lei­te­te Schmidt-Claus­ing den Wie­der­auf­bau der Gemein­de von 1947 bis 1962 als Pfar­rer an der Ber­li­ner Kai­ser-Fried­rich-Gedächt­nis­kir­che. In der Kir­chen­rui­ne wur­de die ein­zi­ge ver­blie­be­ne Glo­cke wie­der gang­bar gemacht und bis in die 1950er Jah­re zum Begrü­ßungs­läu­ten für die Ber­li­ner Russ­land­heim­keh­rer benutzt. Im begin­nen­den Kal­ten Krieg setz­te Schmidt-Claus­ing damit ein poli­ti­sches Zei­chen und mach­te sei­ne Gemein­de bekannt – bis hin zur US-ame­ri­ka­ni­schen Wochen­schau, die das The­ma dank­bar auf­nahm. Fritz Schmidt-Claus­ing starb in einem West-Ber­li­ner Pfle­ge­heim und wur­de auf dem Fried­hof Wil­mers­dorf beigesetzt.“

Hans-Joa­chim Thi­lo hat sich neu­ori­en­tiert, so dass ich ihn hier extra auf­zäh­le. Prin­zi­pi­ell ist das bei den sechs oben genann­ten Per­so­nen natür­lich auch denk­bar, es steht aber ncihts dazu­in Wikipedia.

  1. Pas­tor Thi­lo, Pir­na, gestor­ben 2003 in Lübeck „Thi­los Erfah­run­gen im Kriegs­dienst, sei­ne Ver­wun­dung bei Kiew und sei­ne Kriegs­ge­fan­gen­schaft, zunächst in Kana­da, dann in Eng­land, führ­ten ihn zu einem Umden­ken und Neu­an­fang. Im Dezem­ber 1947 kehr­te er nach Deutsch­land zurück und erhielt eine Pfarr­stel­le der Kir­chen­ge­mein­de am Liet­zen­see in Ber­lin-Witz­le­ben. Gleich­zei­tig bau­te er hier die kirch­li­che Bera­tungs­ar­beit auf. Von 1956 bis 1961 wirk­te er an der Deut­schen Evan­ge­lisch-Luthe­ri­schen Kir­che in Genf. Anschlie­ßend war er Refe­rent an der Evan­ge­li­schen Aka­de­mie Bad Boll, bis er 1966 zum Pas­tor der Mari­en­kir­che in Lübeck beru­fen wur­de, wo er bis zu sei­ner Pen­sio­nie­rung wirk­te. 1973 habi­li­tier­te er sich an der Uni­ver­si­tät Ham­burg für das Fach Prak­ti­sche Theo­lo­gie. Er blieb Gemein­de­pas­tor, hielt jedoch regel­mä­ßig Lehr­ver­an­stal­tun­gen in Ham­burg. 1979 wur­de ihm der Titel Pro­fes­sor verliehen.“

Im Osten geblieben

  1. Ober­pfar­rer Ungern von Stern­berg, Ron­ne­burg, gestor­ben 1949 in Gera „Noch im Janu­ar 1945 gehör­te er zu den Thü­rin­ger Pröps­ten, die den DC-Kir­chen­prä­si­den­ten Hugo Rönck dazu dräng­ten, den Bischofs­ti­tel anzu­neh­men.[2] Auf­grund des Geset­zes zur Über­prü­fung der Pfar­rer­schaft und der Ver­wal­tung der Thü­rin­ger evan­ge­li­schen Kir­che (Rei­ni­gungs­ge­setz) vom 12. Dezem­ber 1945 wur­de Ungern-Stern­berg aus dem Pfarr­dienst ent­las­sen und die Dienst­be­zeich­nung „Super­in­ten­dent im War­te­stand“ wur­de ihm aberkannt. Er wur­de aber zunächst kom­mis­sa­risch als Pfar­rer in Ron­ne­burg wei­ter­be­schäf­tigt, ab dem 1. Dezem­ber 1947 wur­de er dann wie­der offi­zi­ell als Pfar­rer in Nie­der­pöll­nitz eingesetzt.“
  2. Pfar­rer Busch, Dres­den, gestor­ben 1952, Pir­na, Sachsen 
  3. Pfar­rer Del­ling, Leip­zig, gestor­ben 1986 in Hal­le „Im Jah­re 1945 geriet Del­ling in Däne­mark in Kriegs­ge­fan­gen­schaft und wirk­te bis 1947 als Seel­sor­ger im Inter­nie­rungs­la­ger Aar­hus. Nach sei­ner Ent­las­sung ging er nach Pom­mern und erhielt 1947 einen Lehr­auf­trag an der Ernst-Moritz-Arndt-Uni­ver­si­tät Greifs­wald. 1948 habi­li­tier­te er sich hier mit der Schrift Got­tes­dienst im Neu­en Tes­ta­ment (gedruckt 1952) für das Fach Neu­es Tes­ta­ment. Im Jah­re 1950 wur­de Del­ling als Pro­fes­sor mit Lehr­auf­trag an die Mar­tin-Luther-Uni­ver­si­tät Hal­le-Wit­ten­berg beru­fen, 1952 bekam er den vol­len Lehr­auf­trag, die Beför­de­rung zum Pro­fes­sor mit Lehr­stuhl für spät­an­ti­ke Reli­gi­ons­ge­schich­te erfolg­te 1953. 1955 erhielt er durch Kurt Aland, dem Lei­ter der Kom­mis­si­on für spät­an­ti­ke Reli­gi­ons­ge­schich­te der Deut­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten zu Ber­lin, eine Stel­le zur Reor­ga­ni­sa­ti­on des Cor­pus Hel­le­ni­sti­cum[1] 1955/56 über­nahm Del­ling eine Gast­pro­fes­sur an der Uni­ver­si­tät Leip­zig, eine Beru­fung kam jedoch eben­so wenig zustan­de wie die von Tei­len der Theo­lo­gi­schen Fakul­tät der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät in den 1960er Jah­ren gewünsch­te Ver­set­zung nach Ber­lin. An der Uni­ver­si­tät Hal­le bau­te Del­ling das Insti­tut für spät­an­ti­ke Reli­gi­ons­ge­schich­te auf, dem er seit 1963 als Direk­tor vor­stand. Nach der IV. Hoch­schul­re­form wur­de Del­ling 1969 zum ordent­li­chen Pro­fes­sor ernannt und 1970 eme­ri­tiert. Del­ling forsch­te vor allem zur Über­lie­fe­rungs­ge­schich­te des Neu­en Tes­ta­ments und zum anti­ken Juden­tum (Das Zeit­ver­ständ­nis des Neu­en Tes­ta­ments, 1940; Jüdi­sche Leh­re und Fröm­mig­keit in den para­li­po­me­na Jere­miae, 1967; gesam­mel­te Auf­sät­ze: Stu­di­en zum Neu­en Tes­ta­ment und zum hel­le­nis­ti­schen Juden­tum, 1950–1968, 1970; Stu­di­en zum Früh­ju­den­tum, 1971–1987, 2000). Außer­dem gab er Biblio­gra­phien zur jüdisch-hel­le­nis­ti­schen For­schung her­aus und arbei­te­te am Cor­pus Hel­le­ni­sti­cum Novi Tes­ta­men­ti mit. Die Uni­ver­si­tät Greifs­wald ver­lieh ihm 1964 die Ehren­dok­tor­wür­de. Del­ling ver­starb am 18. Juni 1986, im Alter von 81 Jah­ren, in Halle.“
  4. Pfar­rer Ohl­and, Unkero­da (Thü­rin­gen), gestor­ben 1953 in Frie­dels­hau­sen, Thü­rin­gen „Im Jah­re 1946 ver­lor Ohl­and sein Amt, durf­te aber seit 1948 in Beh­run­gen als Pfarr­vi­kar wie­der amtie­ren, seit 1952 als Pfar­rer in Friedelshausen.“

Irrelevant

  1. Pfar­rer Dungs, Essen
  2. Pfar­rer Jäger, Frei­burg
  3. Pfar­rer Peters­mann, Bres­lau
  4. Pfar­rer Rie­ge, Lübeck
  5. Pfar­rer Joseph Roth, Diers­heim, gestor­ben 1941 Tirol
  6. Pas­tor Dungs, Wei­mar, gestor­ben 1947 durch Hin­rich­tung oder 1949 in Haft

Zwi­schen­fa­zit: Von den Nazi-Pfar­rern im Osten sind 7 in den Wes­ten gegan­gen und 4 im Osten geblie­ben. Zählt man Hans-Joa­chim Thi­lo zu den irrele­van­ten Fäl­len, weil es bei ihm ein Umden­ken und Neu­an­fang gab, blei­ben 6 in den Wes­ten gegan­ge­ne, die zu den Nazis, die ohne­hin aus dem Wes­ten waren dazu­ge­kom­men sind und den Osten ver­las­sen haben.

Hochschullehrer bzw. Akademiker

In den Westen gegangen

  1. Johan­nes Hem­pel, Ber­lin, gestor­ben 1964 in Göt­tin­gen „Er über­nahm die Her­aus­ge­ber­schaft der Zeit­schrift für die alt­tes­ta­ment­li­che Wis­sen­schaft. Im Jah­re 1937 wur­de er nach Ber­lin beru­fen und lei­te­te das Insti­tu­tum Judai­cum zur Erfor­schung des Juden­tums „vom Boden der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Welt­an­schau­ung aus“. Im Jah­re 1939 erklär­te Hem­pel sei­ne Mit­ar­beit am Insti­tut zur Erfor­schung und Besei­ti­gung des jüdi­schen Ein­flus­ses auf das deut­sche kirch­li­che Leben als Lei­ter der Arbeits­grup­pe Altes Tes­ta­ment. Auf der Arbeits­ta­gung im März 1941 refe­rier­te er über Die Auf­ga­be von Theo­lo­gie und Kir­che von der Front her gese­hen. Wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges fun­gier­te er als Mili­tär­pfar­rer. Das Kriegs­en­de erleb­te er 1945 in einem Laza­rett an der Nord­see. Im Jah­re 1947 wur­de Hem­pel Pfarr­ver­we­ser in Salz­git­ter-Lebens­tedt, einem Ort im Gebiet der Braun­schwei­gi­schen Lan­des­kir­che. Im Jah­re 1955 wur­de er Hono­rar­pro­fes­sor in Göt­tin­gen und betrieb ab 1958 als Eme­ri­tus sei­ne wis­sen­schaft­li­che Arbeit wei­ter, beson­ders für die von ihm betreu­te Zeitschrift.“
  2. Wolf Mey­er-Erlach, Jena, gestor­ben 1982 in Idstein, Hes­sen „Im Jah­re 1945 ging er aller Ämter ver­lus­tig, auch eine Wie­der­ein­stel­lung in der baye­ri­schen Lan­des­kir­che blieb ihm ver­sagt. 1950 flüch­te­te Mey­er-Erlach aus der DDR. Von 1951 bis 1963 wur­de er Pfarr­ver­wal­ter in Wall­ra­ben­stein und Wörs­dorf bei Idstein im Tau­nus (Evan­ge­li­sche Kir­che in Hes­sen und Nas­sau). Von ihm wur­den his­to­ri­sche Sujets wie das Stück „Anno 1634“ aufgeführt.“
  3. Max Adolf Wagen­füh­rer, Jena, gestor­ben 2010 irgend­wo im Wes­ten „Nach dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs kam er an die Luther­kir­che nach Köln-Nip­pes und wur­de zunächst in den Pfarr­dienst der Rhei­ni­schen Kir­che über­nom­men. 1949 wur­de er wegen sei­ner feh­len­den Ordi­na­ti­on vor­über­ge­hend sus­pen­diert und wech­sel­te in den Schul­dienst. 1953 kam er zurück in den Pfarr­dienst, wur­de ordi­niert und erhielt eine Beru­fung an die neu­erbau­te Erlö­ser­kir­che in Wei­den­pesch. Von 1970 bis 1982 war er Pfar­rer in Prien am Chiemsee.“

Im Osten geblieben

  1. Richard Barth, Jena, gestor­ben nach 1946 „Nach der Befrei­ung vom Natio­nal­so­zia­lis­mus ver­lor er sein Amt. Ab 1946 arbei­te­te er als Grund­schul­leh­rer in Jena.“
  2. Paul Fie­big, Leip­zig, gestor­ben 1949 in Kal­be Sach­sen Anhalt 
  3. Rein­hard Lie­be, Frei­berg (Sach­sen), gestor­ben 1956 in Frei­berg. Der Wiki­pe­dia-Ein­trag lässt zu wün­schen übrig.
  4. Heinz Erich Eisen­huth, Jena, gestor­ben 1983 Pferdsdorf/Werra, Thü­rin­gen „Nach­dem er 1945 aus dem Uni­ver­si­täts­dienst ent­las­sen wor­den war, wur­de er 1946 zunächst kom­mis­sa­risch, spä­ter im Haupt­amt Pfar­rer in Jena-Zwät­zen. 1952 wur­de er Super­in­ten­dent in Eisen­ach. Anders als in der For­schungs­li­te­ra­tur bis­wei­len behaup­tet wird, über­nahm er jedoch nie die Lei­tung der Evan­ge­li­schen Aka­de­mie Thü­rin­gen. Er gehör­te aber zeit­wei­se der Syn­ode an und erhielt meh­re­re Lehr­auf­trä­ge am Theo­lo­gi­schen Semi­nar Leip­zig. Nach­dem er 1967 in den War­te­stand getre­ten war, ging er 1969 in den Ruhestand.“
  5. Wil­helm Knevels, Ros­tock, gestor­ben 1978 in West-Ber­lin „Im Jah­re 1950 erhielt er einen Lehr­auf­trag an der Mar­tin-Luther-Uni­ver­si­tät Hal­le-Wit­ten­berg. Nach sei­ner Eme­ri­tie­rung leb­te er in West-Ber­lin und wirk­te dort wei­ter an der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin. Er ist auf dem Wald­fried­hof Dah­lem bestat­tet. Auf dem Grab­stein steht unter den Lebens­da­ten: „Theo­lo­ge des drit­ten Weges / = Selbst­be­sin­nung des Glau­bens / zwi­schen Fun­da­men­ta­lis­mus / und Exis­ten­zi­al­theo­lo­gie / Unser Glau­be ist der Sieg / der die Welt über­win­det“.“ Knevels ist 1897 geboh­ren, die Eme­ri­tie­rung muss also gegen 1962 gewe­sen sein. Ich lis­te ihn hier unter Im Osten geblie­ben, weil er sein gesam­tes Berufs­le­ben im Osten ver­bracht hat.
  6. Wil­helm Koepp, Greifs­wald, gestor­ben 1965 Klein­mach­now „1952 erhielt er den Lehr­stuhl an der Uni­ver­si­tät Ros­tock. 1954 eme­ri­tiert, lehr­te er noch bis zu sei­nem Tode an der Uni­ver­si­tät Ros­tock weiter.“
  7. Johan­nes Lei­poldt, Leip­zig, gestor­ben 1965 in Leip­zig „Nach 1945 war er Dom­herr des Hoch­stifts Mei­ßen und erhielt eine Pro­fes­sur mit Lehr­stuhl für Neu­tes­ta­ment­li­che Wis­sen­schaft in Leip­zig. Er wur­de als ordent­li­ches Mit­glied in die Säch­si­sche Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten auf­ge­nom­men und 1954 mit dem Vater­län­di­schen Ver­dienst­or­den in Sil­ber und 1960 in Gold aus­ge­zeich­net. […] Lei­poldt war von 1953 bis 1963 als Ver­tre­ter der CDU Abge­ord­ne­ter der Volkskammer.“
  8. Her­bert von Hint­zen­s­tern, Eisen­ach, gestor­ben 1996 in Wei­mar „Seit August 1945 war er in Lauscha, ab 1948 als Pfar­rer. Dort trat er der DDR-CDU bei, sein Par­tei­aus­tritt erfolg­te zum 1. Mai 1947. Im Jah­re 1952 wur­de er zum Lan­des­ju­gend­pfar­rer der Evan­ge­lisch-Luthe­ri­schen Kir­che in Thü­rin­gen beru­fen. Seit 1956 lei­te­te er die Evan­ge­li­sche Aka­de­mie Thü­rin­gen und die Pres­se­stel­le der Kir­che. Gleich­zei­tig wur­de er zum Chef­re­dak­teur der Kir­chen­zei­tung Glau­be und Hei­mat beru­fen. 1962 wur­de er zum Kir­chen­rat ernannt. Von 1968 bis 1986 war er neben­amt­li­cher Lei­ter des Pfarr­haus­ar­chivs im Luther­hau­ses in Eisen­ach. 1981 ging er in den Ruhestand.“
  9. Rudolf Mey­er, Leip­zig, gestor­ben 1991 in Jena, Thü­rin­gen „Im Jah­re 1947 wur­de er außer­plan­mä­ßi­ger Pro­fes­sor und 1948 […] Ordi­na­ri­us für Altes Tes­ta­ment an der Fried­rich-Schil­ler-Uni­ver­si­tät Jena. Hier unter­rich­te­te er Gene­ra­tio­nen von Theo­lo­gie­stu­den­ten in Hebrä­isch, der Geschich­te des Vol­kes Isra­el und der Theo­lo­gie des Alten Tes­ta­ments. Zusam­men mit […] wur­de ihm 1952 von der Theo­lo­gi­schen Fakul­tät der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin die Ehren­dok­tor­wür­de ver­lie­hen. Mey­er war seit 1959 ordent­li­ches Mit­glied der Säch­si­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten und seit 1978 kor­re­spon­die­ren­des Mit­glied der Hei­del­ber­ger Aka­de­mie der Wissenschaften.“
  10. Sieg­fried Morenz, Leip­zig, gestor­ben 1970 Leip­zig „Morenz wur­de 1946 Dozent an der Uni­ver­si­tät Leip­zig und habi­li­tier­te sich im sel­ben Jahr bei Wil­helm Schub­art mit einer Schrift zu Ägyp­tens Bei­trag zur wer­den­den Kir­che. Ab 1948 lei­te­te Morenz, zunächst kom­mis­sa­risch, das Ägyp­to­lo­gi­sche Insti­tut der Uni­ver­si­tät Leip­zig. Im Febru­ar 1952 wur­de er Pro­fes­sor mit Lehr­auf­trag, im Sep­tem­ber des Jah­res mit vol­lem Lehr­auf­trag und zwi­schen 1954 und 1961 schließ­lich als Lehr­stuhl­in­ha­ber für Ägyp­to­lo­gie und hel­le­nis­ti­sche Reli­gi­ons­ge­schich­te. Zwi­schen 1952 und 1958 nahm Morenz zudem neben­amt­lich die Lei­tung der Ägyp­ti­schen Abtei­lung der Staat­li­chen Muse­en zu Ber­lin in Ost-Ber­lin wahr. Zwi­schen 1961 und 1966 lehr­te Morenz als Lehr­stuhl­in­ha­ber an der Uni­ver­si­tät Basel, lei­te­te jedoch im Neben­amt wei­ter­hin das Leip­zi­ger Ägyp­to­lo­gi­sche Insti­tut. Danach kehr­te er nach Leip­zig zurück, wo er bis zu sei­nem Tod 1970 wie­der den Lehr­stuhl für Ägyp­to­lo­gie innehatte.“
  11. Kon­rad Weiß, Ber­lin, gestor­ben 1979 in Ros­tock „1946 wur­de Weiß außer­or­dent­li­cher Pro­fes­sor für neu­tes­ta­ment­li­che Theo­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Ros­tock, 1948 wur­de er dort auf eine ordent­li­che Pro­fes­sur beru­fen und 1972 eme­ri­tiert. Die Uni­ver­si­tät Kiel zeich­ne­te Weiß 1961 mit der Ehren­dok­tor­wür­de aus.“

Unbekannt / irrelevant

Die Aus­wer­tung der Lebens­da­ten der Hoch­schul­leh­rer ist ver­blüf­fend. Nur drei sind in den Wes­ten gegan­gen. 11 sind im Osten geblie­ben. Man müss­te die Ein­zel­fäl­le näher anse­hen und erfor­schen, wie inten­siv ihre Mit­ar­beit im Insti­tut zur Erfor­schung und Besei­ti­gung des jüdi­schen Ein­flus­ses auf das deut­sche kirch­li­che Leben war und was davon zu Leb­zei­ten bekannt war. Teil­wei­se hat­ten die Wis­sen­schaft­ler Ehren­dok­tor­tit­le von Uni­ver­si­tä­ten in Ost und West.

Weitere Nazis aus dem Umfeld der Deutschen Christen / dem Institut

In den Westen gegangen

  1. Hugo Rönck deut­scher evan­ge­li­scher Pfar­rer und Bischof, gestor­ben 1990, bis 1976 Pas­tor in Eutin, Schles­wig-Hol­stein. „Im Jah­re 1945 nahm er „kurz vor dem Ein­marsch der amerikan[ischen] Trup­pen“ den Titel Lan­des­bi­schof an. Im April 1945 wur­de er von den Ver­tre­tern der inner­kirch­li­chen Oppo­si­ti­on um Moritz Mit­zen­heim, Erich Hertzsch und Ger­hard Kühn zum Amts­ver­zicht gedrängt und weni­ge Tage spä­ter von US-ame­ri­ka­ni­schen Trup­pen ver­haf­tet. Im August 1945 ent­ließ ihn die Thü­rin­ger Kir­che aus dem kirch­li­chen Dienst. Spä­ter war er von 1947 bis 1976 Pas­tor in Eutin.“

Im Osten geblieben

  1. Johan­nes Klot­sche gestor­ben 1963, Stadt Weh­len, Pir­na, Sach­sen, „Der „fana­ti­sche Anti­se­mit“ Klot­sche unter­zeich­ne­te im April 1939 gemein­sam mit zehn ande­ren Lan­des­kir­chen­lei­tern die Bekannt­ma­chung über Gemein­schafts­ar­beit von Lan­des­kir­chen­lei­tern, deren ers­te Maß­nah­me in der Grün­dung des Insti­tuts zur Erfor­schung und Besei­ti­gung des jüdi­schen Ein­flus­ses auf das deut­sche kirch­li­che Leben bestand. Im Dezem­ber 1941 wur­den Chris­ten jüdi­scher Her­kunft aus der Lan­des­kir­che aus­ge­schlos­sen, womit das Sakra­ment der Tau­fe in Sach­sen par­ti­ell außer Kraft gesetzt war. Bis 1942 gehör­te er dem Ver­wal­tungs­rat des sog. Ent­ju­dungs­in­sti­tuts an. Nach Kriegs­en­de absol­vier­te er 1951/52 eine Aus­bil­dung zum volks­mis­sio­na­ri­schen Dienst an der Pre­di­ger­schu­le Pau­li­num in Ost-Berlin.“
  2. Wal­ter Grund­mann gestor­ben 1976 in Eisen­ach „1930 wur­de er Mit­glied der NSDAP und 1933 akti­ves Mit­glied der Deut­schen Chris­ten, deren im gan­zen Deut­schen Reich gül­ti­ge Richt­li­ni­en er ver­fass­te. 1939 wur­de er zum aka­de­mi­schen Direk­tor des neu gegrün­de­ten Insti­tuts zur Erfor­schung und Besei­ti­gung des jüdi­schen Ein­flus­ses auf das deut­sche kirch­li­che Leben in Eisen­ach ernannt, das im Dienst des staat­li­chen Anti­se­mi­tis­mus die „Ent­ju­dung“ der Bibel und der theo­lo­gi­schen Aus­bil­dung betrieb. Unge­ach­tet sei­ner NS-Ver­gan­gen­heit erlang­te Grund­mann in der DDR als Theo­lo­ge erheb­li­ches Anse­hen: 1954 erteil­ten ihm das Kate­che­ti­sche Ober­se­mi­nar Naum­burg (Saa­le) und das Theo­lo­gi­sche Semi­nar Leip­zig Lehr­auf­trä­ge und er wur­de Rek­tor des Eisen­acher Kate­che­ten­se­mi­nars; sei­ne ab 1959 erschie­ne­nen Evan­ge­li­en­kom­men­ta­re waren Stan­dard­li­te­ra­tur und wer­den bis heu­te (2022) zitiert. Er arbei­te­te für das Minis­te­ri­um für Staats­si­cher­heit, unter dem Deck­na­men GI Berg. […] In der DDR galt Grund­mann bis zu sei­ner Eme­ri­tie­rung 1975 trotz sei­ner NS-Ver­gan­gen­heit als ange­se­he­ner theo­lo­gi­scher Leh­rer. 1974 ver­lieh die Kir­chen­lei­tung ihm noch­mals den Titel eines „Kir­chen­rats“, um sei­ne Arbeit anzu­er­ken­nen und um sei­ne Pen­si­on zu erhö­hen.“ Sei­ne Wiki­pe­dia-Sei­te ent­hält eine aus­führ­li­che­re Schil­de­rung der Stasi-Tätigkeit.

Irrelevant

  1. Fried­rich Coch gestor­ben Sep­tem­ber 1945 in ame­ri­ka­ni­scher Gefan­gen­schaft „Füh­rer der Glau­bens­ge­mein­schaft Deut­sche Chris­ten in Sach­sen und Her­aus­ge­ber der Monats­zeit­schrift Chris­ten­kreuz und Haken­kreuz.“

Schlussfolgerung

7 + 6 + 3 der Per­so­nen, die in der NSDAP waren und sich öffent­lich zum Anti­se­mi­tis­mus bekannt hat­ten sind vom Osten in den Wes­ten gegan­gen. Dazu noch min­des­tens ein lei­ten­des Mit­glied der Deut­schen Chris­ten. Damit hat sich die Anzahl der Anti­se­mi­ten und Nazis im Osten ver­rin­gert und im Wes­ten erhöht. Von eini­gen die­ser Per­so­nen ist klar, dass sie wirk­lich har­te Nazis und Ras­sis­ten waren. Ande­re waren even­tu­ell weni­ger invol­viert, eini­ge haben sich viel­leicht gewan­delt. Das geht aus Wiki­pe­dia nicht hervor.

Interview mit „Heiße Tasse“

Nach mei­nem Bei­trag zum Buch von Anne Rabe in der Ber­li­ner Zei­tung hat sich Tho­mas Stein­bre­cher vom offe­nen Radio TIDE.Radio in Ham­burg bei mir gemel­det und vor­ge­schla­gen, mal über die DDR und wie das dort so war zu plau­dern. Er hat mir geschrie­ben, dass er in der SED war und als er 1986 die Par­tei öffent­lich kri­ti­siert hat und aus­ge­tre­ten ist, Berufs­ver­bot bekam. Er lebt seit lan­ger Zeit in Ham­burg und fin­det die Bericht­erstat­tung über die DDR eben­falls zu einseitig.

Wir haben uns gut unter­hal­ten. Hier ist das Gespräch:

Ein wich­ti­ger neu­er Gedan­ke, der in die­sem Gespräch ent­hal­ten ist, ist, dass Anne Rabes Roman Men­schen, die kei­ne Ahnung von der DDR haben, ver­mit­telt, dass die DDR durch und durch gewalt­tä­tig gewe­sen wäre. Das ist per­fi­de, denn das negiert die groß­ar­ti­ge Leis­tung der ost­deut­schen Bür­ger­be­we­gung, die durch gewalt­frei­en zivi­len Wider­stand die Regie­rung gestürzt hat.

Verschriftlichung

Thors­ten Rochel­mey­er hat mir gehol­fen, das Gespräch zu ver­schrift­li­chen. Der nach­fol­gen­de Text wird nach und nach bearbeitet.

TS: Herr Mül­ler? Ja, hat geklappt. Jetzt habe ich Sie hier gewählt auf dem rich­ti­gen Tele­fon.
Ein wun­der­schö­nen guten Mor­gen und vie­len Dank, dass Sie oder dass Du zu frü­her hier am Tele­fon mit mir dar­über reden willst.

SM: Ja, genre.

TS: Wor­über wol­len wir reden? Wir wol­len nicht das machen, was alle machen, wir wol­len nicht ÜBER den Ossi reden. Genau das.

138
00:08:46,400 –> 00:08:47,040
Ich weiß nicht.

139
00:08:47,040 –> 00:08:49,360
Ich habe mir so ein paar über­legt, was erzäh­le ich denn da?

140
00:08:50,120 –> 00:08:56,000
Ich habe so ein paar Sachen, die man so erzäh­len könn­te über die DDR.

141
00:08:58,360 –> 00:09:00,080
Ich habe jetzt ganz viel Post bekommen.

142
00:09:00,680 –> 00:09:05,880
Teil­wei­se sind auch Sachen, die gar nicht zum The­ma sind,

143
00:09:06,280 –> 00:09:08,640
son­dern aus die­ser Ost­ta­gie­ge kommen.

144
00:09:08,640 –> 00:09:10,800
Das bin ich nicht.

145
00:09:11,160 –> 00:09:11,640
Wir sind bei­de nicht.

146
00:09:11,880 –> 00:09:20,520
Ich fin­de das lus­tig, dass wir auch in den Knaß geses­sen haben.

147
00:09:23,920 –> 00:09:25,400
Die DDR scheiße.

148
00:09:25,560 –> 00:09:27,560
Das sind wir uns zumin­dest einig.

149
00:09:31,560 –> 00:09:34,160
Es gibt vie­le Aspek­te auf der Welt.

150
00:09:35,120 –> 00:09:38,800
Ich glau­be, in der Welt kann kei­ner von sei­nem Land behaupten,

151
00:09:38,960 –> 00:09:43,560
dass er das zu 100 Pro­zent unter­stützt, was in dem Land passiert.

152
00:09:43,800 –> 00:09:47,680
Es gibt immer Sachen, die man mit­ge­hen kann.

153
00:09:47,880 –> 00:09:50,360
Und natür­lich vie­le Sachen, wo er sagt, das geht gar nicht.

154
00:09:53,480 –> 00:09:56,360
In den Län­dern unter­schied­lich ist es ja nicht deswegen.

155
00:09:57,240 –> 00:10:01,160
Sie haben die Mexi­ka­ner, die füh­len sich in ihrem Land nicht des­we­gen unwohl,

156
00:10:01,160 –> 00:10:04,160
weil dort die Dro­gen­ma­phä­er unter­wegs ist.

157
00:10:04,520 –> 00:10:07,000
Es gibt genau­so Mexi­ka­ner, die füh­len sich in ihrem Land ganz wohl.

158
00:10:07,360 –> 00:10:09,240
Oder was auch immer, wo man hinkuckt.

159
00:10:09,680 –> 00:10:11,360
Ich wür­de da nicht leben wol­len können.

160
00:10:13,480 –> 00:10:20,080
Und jetzt mal, du hast ja einen Blog geschrie­ben, so ist er der Aussi.

161
00:10:20,640 –> 00:10:21,160
Genau.

162
00:10:21,600 –> 00:10:24,640
Und war­um hast du das gemacht?

163
00:10:25,240 –> 00:10:27,120
War­um ist ja, klingt das so.

164
00:10:27,120 –> 00:10:29,400
Ich will es erklä­ren, wie der Aus­si ist.

165
00:10:29,680 –> 00:10:30,400
Muss man das?

166
00:10:31,520 –> 00:10:34,840
Ja, also, das ist ja die­se Geschichte.

167
00:10:36,720 –> 00:10:38,800
Also, ich war ja gar kein Aussi.

168
00:10:39,560 –> 00:10:42,120
Ich woll­te das sich ändert.

169
00:10:42,280 –> 00:10:45,840
Ich woll­te das DDR irgend­wie nicht mehr so ist, wie sie war.

170
00:10:46,160 –> 00:10:48,760
Und war dann froh, dass es vor­bei ist.

171
00:10:49,280 –> 00:10:52,040
Und irgend­wel­che Leu­te hat­ten ja die CDU gewählt.

172
00:10:52,160 –> 00:10:55,120
Und woll­ten das jetzt so einen Anschluss kommt.

173
00:10:55,120 –> 00:10:58,280
Und haben sich dann gewun­dert, dass sie weiß nicht.

174
00:10:58,320 –> 00:11:01,160
Ich weiß noch genau die­sen kann mich an die Momen­te in einer Währungsunion.

175
00:11:01,720 –> 00:11:07,080
An dem Tag, wo West­kild da war, war kom­plett das Sor­ti­ment aus­ge­tauscht in den Supermärkten.

176
00:11:07,760 –> 00:11:11,960
Also da gab es dann kei­ne Spree­wald­go­ken mehr und kei­nen Spiel und was dann geirrt war.

177
00:11:12,480 –> 00:11:14,280
Und dann haben die Leu­te irgend­wann gemerkt,

178
00:11:14,520 –> 00:11:17,880
oh ja, wenn bei unse­rer Zeug nicht mehr kau­fen, dann sind verjabelslos.

179
00:11:18,520 –> 00:11:20,400
Also das war ich nicht.

180
00:11:20,520 –> 00:11:23,800
Ich woll­te das DDR irgend­wie anders wird.

181
00:11:23,800 –> 00:11:25,640
Und nicht so einen Anschluss.

182
00:11:25,800 –> 00:11:29,680
Und des­we­gen hat­te ich dann irgend­wie auch kein Pro­blem, dass die weg war.

183
00:11:29,920 –> 00:11:32,400
Also ich hat­te war so in der Panxi­no unterwegs,

184
00:11:32,560 –> 00:11:36,680
war sel­ber jetzt kei­ner mit Euro oder so, aber jeden­falls auf die­sen Kon­zer­ten und so.

185
00:11:37,200 –> 00:11:40,720
Und war froh, dass das vor­bei war.

186
00:11:41,040 –> 00:11:47,240
Und auch so die weiß nicht so San­dro, die DDR-Benz, die hat­ten dann zu DDR-Zei­ten noch irgendwie

187
00:11:47,240 –> 00:11:54,680
die I was born in der GTA, so ein Prin­zip so gegen DDR auch irgend­wie sonst Statement.

188
00:11:55,160 –> 00:11:57,360
Und das kam dann, haben die dann nicht mehr gespielt,

189
00:11:57,560 –> 00:11:59,880
weil sozu­sa­gen die­se gan­zen DDR-Austeilgegter,

190
00:11:59,960 –> 00:12:04,000
das irgend­wie hin­ter­her getraut haben und das woll­ten die nicht so.

191
00:12:04,160 –> 00:12:05,560
Und ich war eben auch kein Ostsee.

192
00:12:06,120 –> 00:12:07,840
In dem Sin­ne, ich woll­te das auch nicht.

193
00:12:08,480 –> 00:12:11,760
Und bin auch pri­ma klar gekom­men im Westen.

194
00:12:13,400 –> 00:12:16,760
Wahr­schein­lich sogar die Mehr­zahl mei­ner Freun­de sind Westler,

195
00:12:17,600 –> 00:12:21,040
was sie sich jetzt aus so beruf­li­chen Kon­tak­ten und so alles erge­ben hat.

196
00:12:21,680 –> 00:12:27,440
Und dann war aber eigent­lich so mit dem Auf­kom­men der AfD,

197
00:12:27,680 –> 00:12:33,360
war sowas, wo ich dann gesagt habe, nee, aber jetzt ging jetzt zu weit.

198
00:12:33,560 –> 00:12:37,880
Also so schlimm oder auf die­se Wei­se schlimm, wie es dar­ge­stellt wird,

199
00:12:38,840 –> 00:12:40,680
waren die DDR halt doch nicht.

200
00:12:41,200 –> 00:12:44,080
Und ich woll­te ja auch nicht aus­rei­sen, ich woll­te nie das Land verlassen.

201
00:12:44,200 –> 00:12:46,400
Ich woll­te mal gucken, wie es auf der ande­ren Sei­te ist oder so.

202
00:12:46,840 –> 00:12:49,920
Aber das war mein Leben, mei­ne Freun­de und so weiter.

203
00:12:50,120 –> 00:12:51,280
Und da woll­te ich halt auch bleiben.

204
00:12:51,720 –> 00:12:53,280
Das ist wie­der die meis­ten Men­schen so, ne?

205
00:12:53,360 –> 00:12:58,720
Also es geht ja gar nicht dar­um, wel­chen Sys­tem man lebt oder wie das Sys­tem auf einen Raum auf­ge­baut ist.

206
00:12:58,760 –> 00:13:01,880
Man hat eine bestimm­ten Freun­des­kreis, man hat verwandte,

207
00:13:02,200 –> 00:13:04,080
man hat einen Ursprung, aus dem man kommt.

208
00:13:04,080 –> 00:13:07,680
Und das ist erst­mal die Heimat.

209
00:13:08,000 –> 00:13:12,160
Wenn man nicht dann eine ande­re Hei­mat fin­det, man kann auch die Hei­mat wechseln.

210
00:13:12,360 –> 00:13:15,480
mei­ner Mei­nung nach, ja, indem man woan­ders hin­geht, dann geht er dort wie­der Freun­de findet

211
00:13:15,480 –> 00:13:18,760
und eine Umge­bung, in der man sich wohlfühlt.

212
00:13:20,360 –> 00:13:21,840
Aber erst­mal ist es ja das.

213
00:13:22,560 –> 00:13:25,120
Und es hat mit dem Osten ja gar nichts zu tun oder mit dem System.

214
00:13:26,720 –> 00:13:27,560
Ja, genau.

215
00:13:27,720 –> 00:13:30,600
Also das ist halt die Fra­ge, wo die Gren­zen sind.

216
00:13:30,600 –> 00:13:34,800
Also sozu­sa­gen für ein sel­ber, was man halt mit­macht und was nicht.

217
00:13:35,040 –> 00:13:44,480
Also ich war halt zu Wen­der 21 und kann mir vor­stel­len, dass ich dann irgend­wann auch da ange­hekt wäre.

218
00:13:44,680 –> 00:13:49,520
Also ich habe bei der bin so ganz trau­rig, dass ich gar kei­ne Sta­si­ak­ta­te bei der,

219
00:13:49,560 –> 00:13:57,080
weil ich bei der Ermie halt auch so Sachen gefragt habe auf so einem Tref­fen, wo so ein ZK-Gene­ral dann da war.

220
00:13:57,080 –> 00:14:03,360
Und sich waren Kar­mens, da waren so offi­ziers­schül­le, die hat­ten dann so einen so ein Meeting,

221
00:14:03,880 –> 00:14:07,800
wo eben die­ser Gene­ral da war, aus dem Polit­bu­ro, ganz weit oben.

222
00:14:09,000 –> 00:14:13,600
Und wir durf­ten da auch rein und ich habe so Fra­gen, durf­ten auch Fra­gen stellen.

223
00:14:13,760 –> 00:14:20,880
Und ich habe dann gefragt, wie man dann im Zeit­al­ter der fried­li­chen Co-Exis­tenz Mili­tär­pa­ra­den machen kann.

224
00:14:21,240 –> 00:14:24,560
So eine Dach­te, ich, okay, das wäre jetzt wenigs­tens mal so ein Ein­trag wert gewesen.

225
00:14:25,040 –> 00:14:28,360
Der Appel­mann hat ja die Armee-Sta­si-Akten ver­nich­ten lassen.

226
00:14:28,960 –> 00:14:30,280
Also viel­leicht war es da auch irgend­wo drin.

227
00:14:30,760 –> 00:14:36,760
Also ich war sozu­sa­gen so kurz davor, rich­tig Oppo­si­ti­on zu wer­den und viel­leicht hät­te sich das dann auch geändert.

228
00:14:37,000 –> 00:14:40,240
Also ich habe einen gro­ßen Respekt vor den Leu­ten, die da im Gefäng­nis geses­sen haben.

229
00:14:40,720 –> 00:14:46,000
Und das war ja, ich mei­ne, dar­über kann man schrei­ben, über die­se Zer­set­zungs­maß­nah­men der Stasi,

230
00:14:46,120 –> 00:14:51,040
also wo die in die Woh­nung rein­ge­gan­gen sind, wo die Blum­töp­fe umge­stellt haben,

231
00:14:51,040 –> 00:14:53,680
sodass die Leu­te alle irgend­wie dach­ten, sie wer­den jetzt ver­rückt oder so.

232
00:14:54,200 –> 00:14:59,960
Und das war alles schlimm, aber ich mei­ne, damit wird man halt nicht auf die Schott­list gesetzt,

233
00:15:00,200 –> 00:15:03,960
der so mit was ande­re Rabe gemacht hat. Das ist halt was ganz anderes.

234
00:15:04,360 –> 00:15:07,760
Da haben wir mal kurz ein­grei­fen, das kennt nicht jeder ande­re Rabe.

235
00:15:07,760 –> 00:15:09,920
Ist eine Schrift­stel­le­rin und die hat ein Buch geschrieben.

236
00:15:10,560 –> 00:15:12,360
Das heißt, wie ein…

237
00:15:12,360 –> 00:15:14,320
Die Mög­lich­keit für Glück oder?

238
00:15:14,360 –> 00:15:14,960
Von Glück oder?

239
00:15:15,360 –> 00:15:16,080
Von Glück, genau.

240
00:15:16,400 –> 00:15:17,240
Und du hast das beraten.

241
00:15:17,480 –> 00:15:18,840
Ich nicht, ich habe noch mal drü­ber flogen.

242
00:15:18,840 –> 00:15:19,280
Ja, ja.

243
00:15:19,720 –> 00:15:26,520
Ich habe mir das jetzt noch so durch den Kopf gegan­gen mit der, sozu­sa­gen, die­ser Wendezeit.

244
00:15:27,080 –> 00:15:34,960
Also das gro­ße Ding ist ja, dass sozu­sa­gen die Aus­sies fried­lich gewalt­frei die­ses Sys­tem gestürzt haben.

245
00:15:35,080 –> 00:15:36,400
Und das war halt kurz vom Kippen.

246
00:15:36,440 –> 00:15:41,520
Ich mei­ne, wenn jemand für Leip­zig den Schieß­be­fehl gege­ben hät­te, dann hät­ten sie alle weggemäuelt.

247
00:15:42,080 –> 00:15:46,080
Und das ist ein­fach so groß­ar­tig und so groß ist verdienst.

248
00:15:46,080 –> 00:15:51,000
Und das Schlim­me, das habe ich noch nie irgend­wo auch hingeschrieben.

249
00:15:51,160 –> 00:15:55,120
Das Schlim­me ist ja das ande­re Rabe sozu­sa­gen mit der Teese,

250
00:15:55,160 –> 00:15:59,600
dass der gan­ze Osten irgend­wie gewalt­tä­tig war, was auch tota­ler Quatsch ist,

251
00:15:59,680 –> 00:16:02,440
weil sie in ihrem Buch sel­ber schreibt ihre Fami­lie, war unnormal.

252
00:16:02,760 –> 00:16:07,680
Das steht an einer Stel­le, wo sie beschreibt, wie sie mit ihrem Bru­der dar­über redet,

253
00:16:07,880 –> 00:16:13,720
wie Schlimm ihre Fami­lie war und ande­re Fami­lie reden über irgend­wel­che Weih­nachts­er­leb­nis­se oder so.

254
00:16:13,720 –> 00:16:21,000
Also sie sagt eigent­lich sel­ber, dass sie unnor­mal war, da hät­tet aber so eine gan­ze Gewalt­his­to­rie irgend­wie für das gan­ze Land ab.

255
00:16:21,640 –> 00:16:27,360
Und was sie damit macht ist im Prin­zip die­se fried­li­che Revolution.

256
00:16:27,760 –> 00:16:36,480
Also das, das hät­te jetzt fast gesagt, das ein­zi­ge groß­ar­ti­ge, was eine wirk­lich groß­ar­ti­ge Sache, die die Aus­sies gemacht haben.

257
00:16:37,000 –> 00:16:42,520
Also auch, ja und dass sie das im Prin­zip kaputt macht oder ver­sucht kaputt zu machen.

258
00:16:42,520 –> 00:16:52,880
Ich habe da noch eine ganz ande­re Wahr­neh­mung, wenn sie da schreibt, dass das basiert die Gewalt und die Gewalt in Osterschland

259
00:16:52,880 –> 00:16:59,800
ist auf alle Fäl­len nicht klein zu reden, aber sie ist auch in West­deutsch­land nicht klein zu reden.

260
00:17:00,200 –> 00:17:09,839
Das haben wir, wir sind ja, mal kurz mei­nen genann­ten zu Ende füh­ren, wir sind ja bei­de Sei­ten Ost und West­deutsch­land entstanden

261
00:17:09,839 –> 00:17:14,319
aus die­sem fata­len Erbe des Nationalsozialismus.

262
00:17:15,079 –> 00:17:25,599
Und in die­ser Zeit wur­den die Men­schen erzo­gen und die Men­schen, die in die­ser Zeit groß gewor­den sind, so wie mei­ne Mut­ter, die zu Kriegs­be­ginn 18 war.

263
00:17:27,160 –> 00:17:47,840
Die haben eine ganz ande­re Sozia­li­sa­ti­on, dann die­se Schreck­li­che Erfah­rung des Zwei­ten Welt­krie­ges, die Schreck­li­che Erfah­rung nach dem Zwei­ten Welt­krieg, als der Krieg dann für die Deut­sche in Anfüh­rungs­stri­chen ver­lo­ren war.

264
00:17:50,840 –> 00:17:57,800
Das war eine Schmach für die Men­schen, die eigent­lich erzo­gen wur­den in einem ganz ande­ren T‑Nure.

265
00:17:58,680 –> 00:18:07,600
Und aus die­ser Erfah­rung des Zwei­ten Welt­krie­ges und des Natio­nal­so­zia­lis­mus ist in Ost und West eine Gewalt ent­stan­den, die auch doku­men­tiert ist.

266
00:18:07,600 –> 00:18:19,480
Also es gibt ja im Osten gab es die Jugend­wehr­kö­fe. Im Osten und im Wes­ten gab es die­se nach dem Krieg ein gerich­te­ten Trippabogen.

267
00:18:19,760 –> 00:18:21,320
Ich weiß nicht, ob das kennst die­se T‑Nure.

268
00:18:21,320 –> 00:18:22,520
Ja, ja hab ich ja geschütten.

269
00:18:23,000 –> 00:18:35,080
Es gab im Wes­ten die­se Kin­der­ver­schi­ckun­gen, die nicht die Kin­der­land­ver­schi­ckung im Zwei­ten Welt­krieg, son­dern die gan­zen Sachen damit sie mal einen Urlaub machen.

270
00:18:35,080 –> 00:18:42,280
Und es gab natür­lich auch die kirch­li­chen und ande­ren Kin­der­hei­men, die gab es im Osten genauso.

271
00:18:43,160 –> 00:18:46,040
Ich habe so etwas nie erlebt, du wahr­schein­lich auch nicht.

272
00:18:46,440 –> 00:18:49,360
Doch doch, ich war zwei­mal zirk­ur. Ich hab auch in dem Blog drü­ber geschrieben.

273
00:18:49,920 –> 00:18:56,080
Das ist, das kann man nicht ver­glei­chen. Ich glau­be wirk­lich, das ist auch so was, was mich so nervt.

274
00:18:56,080 –> 00:19:07,720
Mein Vater war auch zirk­ur wegen Unter­ge­wicht und so. Ich war wegen Haut­ge­schich­ten zur Kur, zwei­mal, also län­ger auch irgend­wie sechs Wochen und noch län­ger drei Monate.

275
00:19:08,680 –> 00:19:18,720
Und hab ich auch alles genau beschrie­ben. Das war wun­der­bar. Und ich mei­ne mal, ein Kann-Leu­te mit Haut-Pro­blem. Die kann man nicht stres­sen, weil da wird das als nur noch schlimmer.

276
00:19:19,040 –> 00:19:22,680
Das ist tota­ler Quatsch sozu­sa­gen jetzt da so Geschichten.

277
00:19:22,680 –> 00:19:28,000
Was ich mei­ne, was ich mei­ne mit dem nicht erlebt, du hast halt kei­ne Gewalt erlebt dort.

278
00:19:28,480 –> 00:19:30,320
Nie, nie, ja, genau auf kei­nen Fall.

279
00:19:30,440 –> 00:19:39,560
Ja, aber ande­re haben es erlebt. Es gibt also aus­rei­chen­de Berich­te von Men­schen, die sich mitt­ler­wei­le trau­en dar­über zu reden, die die­se Gewalt erlebt haben.

280
00:19:40,200 –> 00:19:48,320
Und das ist aber nicht nur im Osten, son­dern es ist auch im Wes­ten. Und mei­ner Mei­nung nach rührt das aus der Geschich­te des Natio­nal­so­zia­lis­mus und die­ser Erziehung.

281
00:19:48,320 –> 00:19:56,680
Ich hab, wenn man, also ich hab ja dar­über geschrie­ben, dann gab es dann auch Dis­kus­sio­nen in den sozia­len Medi­en und so.

282
00:19:57,240 –> 00:20:08,560
Und was mich halt auf­ge­regt hat, ist, also das wird jetzt auf­ge­ar­bei­tet. Da ist sozu­sa­gen ganz viel Kir­che, pri­va­te Trie­ger und so wei­ter sind da irgend­wie involviert.

283
00:20:08,560 –> 00:20:16,280
Und dann kommt das hoch, die Leu­te mel­den sich und dann wird geguckt, ja, wie aber das kann jetzt immer Osten nicht bes­ser gewe­sen sein.

284
00:20:16,440 –> 00:20:23,120
Und dann wird halt gesucht nach Leu­ten im Osten, die das bestä­ti­gen. Und mir ist noch kei­ner runtergekommen.

285
00:20:23,480 –> 00:20:30,200
Also es gibt natür­lich die­se Sachen, wenn du so eine Leu­te mit Unte­ren­ne­rung hast, dann fühlst du halt, dass die was essen.

286
00:20:30,200 –> 00:20:40,080
Und die Päd­ago­gik, also das ist viel­leicht, was du meinst, dass die Päd­ago­gik war halt irgend­wie in den 80 Jah­ren oder sieb­zei Jah­ren auch noch anders als es jetzt ist.

287
00:20:40,240 –> 00:20:47,480
Also ich sehe das bei Sport­leh­rern oder also das Gin­ge jetzt alles gar nicht. Des­we­gen machen die Leu­te auch gar kein Sport mehr.

288
00:20:47,640 –> 00:20:52,400
Also wenn ich auf dem Sport­platz bin, dann lau­fen die irgend­wie Lar­men an Kreis so, das ist irgend­wie anders.

289
00:20:52,400 –> 00:21:00,720
Da ist weni­ger Druck in der Päd­ago­gik drin. Und ich glau­be, also die Prü­gels­stra­fe wur­de halt im Osten 49 abgeschafft.

290
00:21:01,040 –> 00:21:11,720
Also in der sozia­lis­ti­schen Schu­le gab es das nicht. Das habe ich auch noch nie das Gewalt­tä­tigs­te, was ich erlebt habe, war ein Che­mie-Leh­rer, der man im Schlüs­sel gewor­fen hat.

291
00:21:12,320 –> 00:21:13,400
Also das hät­te auch…

292
00:21:13,400 –> 00:21:14,600
Mir war es ja Deutschlehrer.

293
00:21:15,080 –> 00:21:17,560
Ja, aber sonst…

294
00:21:17,560 –> 00:21:20,400
Also und ich mei­ne, das ist im Wes­ten mit…

295
00:21:20,400 –> 00:21:25,840
Also Gerichts­ur­tei­len bestä­tigt wor­den, dass das schon okay ist, wenn man mal ein Verhaut.

296
00:21:26,280 –> 00:21:32,520
Also das war im Osten garan­tiert anders. Das wur­de als Nazi-Päd­ago­gik ein­ge­stuft und gab es nicht mehr.

297
00:21:32,680 –> 00:21:38,560
Und ich sag das jetzt mal so, gab es nicht mehr, viel­leicht gab es hier und da irgend­was. Aber das war ja auch eine ganz ande­re Kontrolle.

298
00:21:38,560 –> 00:21:48,720
Also da war dann die Par­tei irgend­wo mit drin und wenn sozu­sa­gen, wie rich­tig linie war, hier wird nicht geprü­gelt, dann konn­te so einen Prü­geln da leh­ren, der hat dann halt Pro­ble­me gekriegt.

299
00:21:49,040 –> 00:21:51,200
Also ich glau­be, das ist wirk­lich bes­ser aber.

300
00:21:51,520 –> 00:21:55,160
Es haben aber auch ande­re lee­re Pro­ble­me gekriegt, also nicht nur die geprügelt.

301
00:21:55,200 –> 00:21:55,880
Ja, ja, ja, klar.

302
00:21:56,160 –> 00:22:02,600
Ich ken­ne das an mei­ner Erwei­ter­ten-Ober-Schu­le. Heu­te sagt man, Gym­na­si­um. Da war es auch eine Lehrerin.

303
00:22:02,600 –> 00:22:09,320
Dann glau­be ich, nach­dem ich abge­schlos­sen hat­te, vor der Schu­le ver­schwun­den, weil sie halt nicht auf Linie war.

304
00:22:10,080 –> 00:22:14,160
Nee, das ist ganz klar. Also das hät­te ich jetzt in den Köln­bau noch drü­ber sprechen.

305
00:22:14,560 –> 00:22:21,080
Also das ist ja, war­um ich die DDR halt nicht mehr so woll­te, weil das alles …

306
00:22:21,080 –> 00:22:27,880
Also ich habe jetzt von auch in dem Zuge die­ser Leser­brie­fe, die ich da gekriegt habe, von Betriebsdirektor,

307
00:22:27,880 –> 00:22:33,640
der über eine Zuschrift gekriegt, der ein Buch über sei­ne Zeit als Betriebs­di­rek­tor geschrie­ben hat.

308
00:22:34,080 –> 00:22:37,880
Und das wuss­te ich ja nicht, ich war ja, also als Schü­ler sind wir in einer Pro­duk­ti­on gewesen,

309
00:22:38,080 –> 00:22:40,920
aber da sieht man ja nicht die gan­zen Orga­ni­sa­tio­nen und so.

310
00:22:41,400 –> 00:22:48,160
Und das war alles ein Klops­ver­floch­ten-Mili­tär-Pat­hai-FDj, und so.

311
00:22:48,680 –> 00:22:53,720
Die FDj hat­te da ein Weto-Recht, in irgend­wel­chen Ent­schei­dun­gen von den Betrie­ben und so.

312
00:22:53,720 –> 00:22:59,920
Das war alles so ein Brei irgend­wie und da kam man auch nicht raus.

313
00:23:00,280 –> 00:23:09,520
Also wenn man … also man hat sich dann so irgend­wie dane­ben aran­giert und hat so sei­ne Freun­des­krei­se gehabt und so und dann ging das.

314
00:23:09,720 –> 00:23:17,480
Aber in die­sen … alles, was halt irgend­wie staat­lich orga­ni­siert war, Betrie­be, Uni­ver­si­tä­ten und so, da war das über­all mit drin.

315
00:23:18,960 –> 00:23:30,000
Ich glau­be, du hast unwur­de geschrie­ben, es gibt da ein FDj-Kri­ter, der jetzt so ein rich­ti­ger Aus­si-Kri­ti­ker ist,

316
00:23:30,640 –> 00:23:35,000
der damals im Werk für Fern­se­he-Elek­tro­nik in den 80er-Jah­ren war.

317
00:23:35,440 –> 00:23:40,840
Ich war auch in den 80er-Jah­ren im Werk für Fern­se­he-Elek­tro­nik. Aber ein paar Jah­re vor ihm.

318
00:23:40,840 –> 00:23:47,160
Also ich ken­ne ihn nicht, weil ich bin dar­aus 81, bevor er da wahr­schein­lich rein ist.

319
00:23:48,360 –> 00:23:54,080
Und ich habe in die­sem Werk für Fern­se­he-Elek­tro­nik, von dem du da auch mal geschrie­ben hast,

320
00:23:54,200 –> 00:24:01,280
glau­be ich, da habe ich Betriebs­fun­ke gemacht. Ich hat­te dort eine eige­ne Jugend­sen­dung, ein­mal die Woche,

321
00:24:02,000 –> 00:24:05,920
habe ich eine hal­be Stun­de dort sen­den dür­fen in Betriebsfunke.

322
00:24:05,920 –> 00:24:15,800
Und das war, wie soll man sagen, ein biss­chen schwie­rig, weil man muss­te ja gucken, wie weit kann man gehen,

323
00:24:16,200 –> 00:24:24,640
dass man nicht ver­bo­ten wird. Aber schon allein die Musik, die ich gespielt habe, ist dort anstö­ßig gewesen.

324
00:24:25,000 –> 00:24:35,880
Also wenn man dann 1980 oder 1970 halt ACDC in der DDR Fab­rie gespielt hat, dann stan­den da die Reden.

325
00:24:39,960 –> 00:24:41,560
Da war die allergetatzt.

326
00:24:42,200 –> 00:24:44,760
Ja, also die haben dann mehr Schwung hinterher.

327
00:24:46,920 –> 00:24:50,880
Es gab damals ein Jugendobjekt.

328
00:24:51,800 –> 00:24:57,760
Es gab eine sehr inter­es­san­te Geschich­te, eine lan­ge Geschichte.

329
00:24:58,560 –> 00:25:02,280
Näm­lich wur­den damals ja ACD anzeich, weil sie natür­lich ja erinners,

330
00:25:02,280 –> 00:25:08,400
dass die­se ACD anzei­gen für Uhren oder so, die soll­ten da pro­du­ziert werden.

331
00:25:09,480 –> 00:25:14,520
Die ACD anzei­ge ist übri­gens eine Erfin­dung aus der DDR, nur um mal wie­der den Aus­sih­hoch zu sein.

332
00:25:15,000 –> 00:25:23,440
Ja, ein Phy­si-Dr. Mül­ler aus Hal­le-Aner-Sale hat das in den 60er Jah­ren erfun­den, nur mal so nebenbei.

333
00:25:24,120 –> 00:25:30,640
Ich habe ihn per­sön­lich ken­nen­ge­lernt in der Aka­de­mien­er­wis­sen­schaf­ten, in den 70er, in den 80ern Jahren.

334
00:25:30,640 –> 00:25:38,000
Jeden­falls die­se ACD anzei­gen wur­den da pro­du­ziert auf einer Anla­ge, die aus Japan kamen,

335
00:25:38,000 –> 00:25:42,920
denn die Paten­te hat­te die DDR an 96 oder 70 an Japan verkauft.

336
00:25:46,040 –> 00:25:47,800
Die ist ein lan­ge Geschichte.

337
00:25:48,080 –> 00:25:49,480
Kann man … Es gar nicht hin.

338
00:25:49,800 –> 00:25:54,080
Aber dort war zum Jugend­ob­jekt aus­ge­ru­fen worden.

339
00:25:54,080 –> 00:25:55,720
Die ACD anzei­gen, das mal.

340
00:25:56,160 –> 00:25:58,600
Und es gab 90% Ausschuss.

341
00:26:01,040 –> 00:26:04,440
Und … Aber das war auch … Was kam raus?

342
00:26:04,640 –> 00:26:06,560
Was kam raus? Im Reinstraum.

343
00:26:06,880 –> 00:26:08,880
Es ist ja eine hoch­rei­ner Raum.

344
00:26:09,360 –> 00:26:15,920
Durch zwei Schläu­zen muss man durch, hat­ten die Jugend­li­chen Skat­kar­ten mit eingeschleust

345
00:26:15,920 –> 00:26:22,240
und spiel­ten hin­ten in der Ecke Skat und die­se Fus­seln von den Kar­ten, die ver­un­rei­nig­ten die Luft

346
00:26:22,240 –> 00:26:24,320
und pro­du­zier­ten den Ausschuss.

347
00:26:25,800 –> 00:26:31,800
Nur das viel­leicht zum Werk für Fern­seh­len elek­tro­nik und damit woll­te ich eigent­lich nur bewei­sen, dass ich da wirk­lich war.

348
00:26:32,440 –> 00:26:37,440
Ja, es sag mal, aber … Es gab doch die­se 60–40 Rege­lun­gen, oder?

349
00:26:37,560 –> 00:26:40,000
Muss das so ein Osmo­seeg spie­len oder ein Galt, das für dich nicht?

350
00:26:40,280 –> 00:26:44,360
Ja, ja, natür­lich muss­te man auch … Osmo­seeg­spiel habe ich auch.

351
00:26:45,080 –> 00:26:47,160
Der Vater von mei­nem Chef eingeführt.

352
00:26:48,280 –> 00:26:54,880
Aber ich war auch DJ und ich kann­te kei­nen DJ, der auf­ge­legt hat, der 60–40 gespielt hat.

353
00:26:55,080 –> 00:27:04,400
Doch, doch, die Legen­de ist, wir hat­ten die letz­ten, die längs­ten des Groß der Welt, weil das irgend­wie um fünf anfing, dann wur­de der gan­ze Ost­krank gespielt und dann kam das richtig.

354
00:27:05,080 –> 00:27:05,360
Oder nicht?

355
00:27:05,720 –> 00:27:07,200
Nein, also bei uns nicht.

356
00:27:07,320 –> 00:27:07,840
Das war viel­leicht nicht schuld, das ist gut.

357
00:27:08,440 –> 00:27:10,760
Ja, wir hat­ten die Tjau­nich, also was wir …

358
00:27:10,760 –> 00:27:19,280
Wir waren drei DJs in Ber­lin, die Jazz und Fang und so was auf­ge­legt haben, so die war­ten so eine bestimm­te Rich­tung, wir drei.

359
00:27:19,680 –> 00:27:24,120
Und wir hat­ten unse­re vier, fünf Clubs, wo wir dann immer rund umaufligten.

360
00:27:25,560 –> 00:27:35,880
Ich, wenn ich mal was gespielt habe, dann war das viel­leicht die Horst Krü­ger­band mit die­sem wun­der­ba­ren Bla­ser Satz von Tagesreise.

361
00:27:35,880 –> 00:27:48,160
Das war das, also viel oder eben, was immer lief und heu­te noch läuft und heu­te mich vor allem immer dann wie­der zu Ein­holt ist Man­fred Krug.

362
00:27:48,440 –> 00:27:52,640
Wenn ich den Auf­lie­ge her auch im Wes­ten begeis­te­rung ohne Ende.

363
00:27:53,200 –> 00:27:54,120
Ja, okay.

364
00:27:55,120 –> 00:27:59,120
Ja, viel­leicht noch­mal zurück zu die­sem Pro­toss, weil das war ja auch so …

365
00:27:59,680 –> 00:28:04,360
Also, das ist im Prin­zip sozu­sa­gen wis­sen­schaft­lich und logisch und argumentativ.

366
00:28:04,560 –> 00:28:11,080
Ist es, ohne dass das Schub­la­de sozu­sa­gen auf Per­so­nen abzuzielen.

367
00:28:11,440 –> 00:28:19,920
Und der Eko Sascha Kovalch­uk hat das jetzt gera­de wie­der gemacht für Fih­ris­ti, Jen­ny, Apple­mann oder so.

368
00:28:19,920 –> 00:28:27,120
Ich habe ich Namen ver­ges­sen, wo er sagt ja, man muss halt gucken, was die Füh­ne Bio­gra­fie hat.

369
00:28:27,280 –> 00:28:32,040
Und in die­ser Ost­west­ge­schich­te ist das aber, glau­be ich, teil­wei­se berechtigt.

370
00:28:32,240 –> 00:28:37,920
Also man muss trotz­dem die ein­zel­nen Argu­men­te und Fak­ten angu­cken, aber man muss halt auch gucken …

371
00:28:39,080 –> 00:28:41,920
Also wie haben die Leu­te, die die DDA wahrgenommen?

372
00:28:42,400 –> 00:28:46,800
Und das war jetzt bei der Frau, die gera­de in der Ertats bespro­chen wurde.

373
00:28:46,800 –> 00:28:55,120
Und die konn­ten halt nach Ita­li­en aus­rei­sen und sich da die Welt angu­cken und sind dann wie­der­ge­kom­men und haben irgendwie …

374
00:28:55,120 –> 00:28:56,640
Weiß nicht, schöne …

375
00:28:56,640 –> 00:29:03,160
Also dann nimmt man halt sozu­sa­gen die DDA auch ganz anders wahr, weil da ein viel weni­ger Druck auf den Kes­sel ist.

376
00:29:03,360 –> 00:29:11,600
Ja, und dann kom­men halt ande­re Schil­de­run­gen raus als sonst von nor­ma­len, sag ich mal, Ostes.

377
00:29:12,800 –> 00:29:19,880
Und die das viel­leicht anders erlebt haben und bei Patrick Potrus war es halt so, dass der …

378
00:29:19,880 –> 00:29:22,480
Also irgend­wie bes­tens inte­griert war …

379
00:29:22,480 –> 00:29:28,120
Also er ist aus dem off­kal­ler, da gibt es halt Pro­ble­me, das war auch auf dem Tats­nab dann zu hören,

380
00:29:28,320 –> 00:29:36,720
dass er auch Pro­ble­me mit Ras­sis­mus hat­te und so auch bei der Armee und so.

381
00:29:36,720 –> 00:29:42,200
Aber er war halt öff­net er sich krea­t­är von so einem Betrieb.

382
00:29:42,480 –> 00:29:48,400
Und also was das bedeu­tet, ist mir dann jetzt erst auch noch klar gewor­den, als ich die­sen Bericht davon …

383
00:29:48,400 –> 00:29:56,480
… den Betriebs­lei­ter gele­sen habe, dass die da wirk­lich macht hat­ten und in die­sem Macht­ab­be­rat da weit oben waren.

384
00:29:56,720 –> 00:30:05,360
Und er hat vor der Wen­de ange­fan­gen Geschich­te zu stu­die­ren, das waren die Schlimms­ten im Osten.

385
00:30:05,360 –> 00:30:10,000
Also Geschich­te für Loso­phie, also das war ein­fach öde und tot in der Schu­le schon.

386
00:30:10,160 –> 00:30:12,480
Also war­um wür­de man so was irgend­wie machen wollen?

387
00:30:12,840 –> 00:30:20,080
Also der war da rich­tig mit drin und jetzt kann man ja sagen, okay, muss man ja jedem zubil­di­gen, dass man dann sagt, okay,

388
00:30:20,240 –> 00:30:23,360
hat es jetzt ver­stan­den und ist irgendwie …

389
00:30:24,600 –> 00:30:26,440
… hat ein­ge­se­hen, was das missbar.

390
00:30:26,960 –> 00:30:34,960
Aber es ist glau­be sozu­sa­gen für den eige­nen Ruf dann auch wich­tig, dass man sich davon die­ser Ver­gan­gen­heit irgend­wie los sagt.

391
00:30:34,960 –> 00:30:42,920
Und dann ist es bei eini­gen Leu­ten halt so, dass sie dann voll auf die ande­re Sei­te gehen und gar nichts Gutes mehr finden.

392
00:30:43,280 –> 00:30:54,200
Und ich bin oft den gekom­men, weil eine Rabe in Inter­views den so als Quel­le und irgend­wie Anhalts­punkt genannt hat.

393
00:30:54,280 –> 00:31:03,840
Und dann habe ich halt einen Arti­kel von ihm, der über Ursa­chen von Ras­sis­mus und Natio­na­lis­mus in den ost­deut­schen Bun­des­län­dern geht.

394
00:31:03,840 –> 00:31:13,840
Hab ich mir ange­guckt, der ist bei der bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung his­to­ri­ker, also Stu­den­ten, die jetzt stu­die­ren haben, gesagt, ja, ist ein ganz wich­ti­ger Artikel.

395
00:31:14,240 –> 00:31:20,040
Also das ist sozu­sa­gen so ein wich­ti­ger Arti­kel von einem His­to­ri­ker über die DDR.

396
00:31:20,600 –> 00:31:27,240
Wenn es euch mir jetzt ange­guckt und es stimmt nicht, also da steht drin die Ost­lis konn­ten nicht reisen.

397
00:31:27,560 –> 00:31:29,400
Also die konn­ten gar nicht rei­sen so.

398
00:31:29,400 –> 00:31:41,800
Und ich war halt immer, also bis Bul­ga­ri­en da unter­wegs und mit einem Kum­pel von Mas­ter Don haben wir dann halt, der hat ja irgend­wel­che Archi­ve mit Tages­pres­se durchgeguckt.

399
00:31:41,880 –> 00:31:49,720
Und da sind halt Wer­bung für die Aus­lands­rei­sen, da sind Mel­dun­gen für Bus­rei­sen an den Bal­la­torn, die irgend­wie weiß ich nicht, das Rei­se­bü­ro organisiert.

400
00:31:49,720 –> 00:31:59,160
Also das ist alles fak­tisch falsch, also was sozu­sa­gen ein His­to­ri­ker der Arti­kel schon älter, viel­leicht ist ja damals nicht an die Quel­len ran­ge­kom­men, so wie wir heute.

401
00:31:59,640 –> 00:32:01,680
Aber er ist doch da geliebt, ich mei­ne er war der FD.

402
00:32:01,720 –> 00:32:04,680
Ja, ja, eben, also das ist ja der Irrsinn.

403
00:32:04,920 –> 00:32:18,720
Und wir sind betrennt, also wenn ich heu­te mit, ich bin ja seit vie­len, vie­len Jah­ren jetzt hier auch in Wes­ten und habe auch vie­le, vie­le Freun­de hier und auch meine…

404
00:32:19,360 –> 00:32:28,200
Ex-Frau, mei­ne jet­zi­ge Freun­din sind alles Ham­bur­ge­rin­nen und die, wenn wir dar­über erzäh­len, wie ist unse­re Jugend verlaufen?

405
00:32:28,280 –> 00:32:30,240
Wie sind wir gereist?

406
00:32:30,880 –> 00:32:45,800
Und ich erzäh­le von unse­ren Tremp­tu­ren nach Bul­ga­ri­en und mei­ne Freun­de aus dem Osten sind wir sind bei Fäten dabei und wir erzäh­len dar­über, dann sag­ten die, das war ja eine wahn­sin­ni­ge Frei­heit, die wir hat­ten in die­ser Enge.

407
00:32:46,480 –> 00:33:00,240
Ja, das war halt, also ich mei­ne das ist auch noch­mal so ein Punkt. Also wie sind wirk­lich, das waren halt dann auch in Buda­pest, im Prag und so und so, so Paul hab ich immer die Leu­te getrof­fen, weil die waren alle auf die­ser Tour, dar­un­ter in Schwar­ze Meer.

408
00:33:00,520 –> 00:33:01,640
Wie Platz gab es nicht getrennt?

409
00:33:02,600 –> 00:33:06,720
Ich bin ja, ich bin nicht getrennt, wir sind Bahn gefah­ren, das war ja alles bittelig.

410
00:33:06,720 –> 00:33:23,680
Also und auch die Lebens­hal­tungs­kos­ten in den Län­dern, das war ja Essen, hät­ten er zu Hau­se auch müs­sen, ja, also das war lus­tig und es gab sozu­sa­gen die­se Frei­heit und Auf­re­gung im Unter­grund sozusagen.

411
00:33:23,960 –> 00:33:25,720
Also ich hab…

412
00:33:26,280 –> 00:33:53,280
Und war dann, weiß ich nicht, wo ich das her­ge­kriegt habe, irgend­wel­che Fly­er, Flug­blät­ter, wahr­schein­lich aufs Dam­pan­kon­zer hat oder so von Leu­ten in die Hand gedrückt gekriegt, dann war ich in so einer Wohn­zim­mer­aus­stel­lung in Dres­den und hab mir da irgend­wie Kunst ange­guckt, das waren Leu­te, die haben so, ich fies nicht, wie das siehst, die haben tele­fo­niert, eine Stun­de, irgend­wie, das war ja so, dass man einen Anruf bezahlt hat, 20 fen­ne ich oder was das war.

413
00:33:53,280 –> 00:34:08,719
Und dann haben die eine Stun­de tele­fo­niert und der eine hat auf der einen Sei­te gemalt und der ande­re auf der ande­ren Sei­te und das wur­de dann in so einer so bere­si­gen Wohn­zim­mer­aus­stel­lung, also duf­te man ja nicht, man muss­te sozu­sa­gen Aus­stel­lun­gen gegen ja alles irgend­wie so offi­zi­el­le Wege, die haben mal in ihrer Woh­nung da ausgestellt.

414
00:34:09,280 –> 00:34:18,400
So und das war so eine Sze­ne von irgend­ei­nen Leu­ten und das war lus­tig und das war ja nur inter­es­sant, weil es eigent­lich ver­bo­ten war, ja, so war das gar nicht gingen.

415
00:34:18,400 –> 00:34:30,639
Oder es gab auch 1989, muss das gewe­sen sein, oder 88, gab es halt so Leu­te, die haben ne nep­tun­brun­nen mit Flat­ter­band abge­spannt und haben da so schil­ler auf­ge­hängt, foto­gra­fie­ren verboten.

416
00:34:31,440 –> 00:34:42,679
Also kei­ne sozu­sa­gen direk­te poli­ti­sche Aus­sa­ge, aber die Sta­se, die war sofort da, hat das alles abge­räumt, weil sich nicht, also die haben alles immer so was sie nicht ver­stan­den haben, haben sie ja irgend­wie mitgenommen.

417
00:34:42,679 –> 00:34:51,679
Und dann war sozu­sa­gen die gan­zen Woh­nung im Prenz­le­rer Berg, das waren dann so auf­kle­ber an der Tür, foto­gra­fie­ren ver­bo­ten und alle haben so in sich hineingekichert.

418
00:34:52,800 –> 00:34:55,120
Also die­se Art Kunst­ak­ti­on, wenn man …

419
00:34:55,120 –> 00:35:11,320
Ja, ja, also das war super, ein­fach mit nichts, ja, und auch ich mei­ne Thea­ter­kunst und so die Aus­lichs­kun­den ja alle irgend­wie zwi­schen den Zei­len lesen, da waren dann irgend­wel­che Din­ge so rein­ge­packt in irgend­wel­che göti­sche Stü­cke oder so.

420
00:35:11,320 –> 00:35:19,320
Also ich bin seit­dem, seit da Wen­de nicht mehr in irgend­wel­chen göte Offüh­run­gen gewe­sen, aber das war so …

421
00:35:19,880 –> 00:35:22,760
Ja, also das war auch so was span­nen­des, ja.

422
00:35:23,000 –> 00:35:25,200
Ja, aber das ist viel­leicht bei uns so, ne?

423
00:35:25,400 –> 00:35:34,320
Ich habe das auch immer gedacht und ich habe lei­der am 4. Okto­ber 1989 mein Inter­es­se an die­ser fried­li­chen Revo­lu­ti­on verloren,

424
00:35:34,320 –> 00:35:46,680
weil ich da gemerkt habe, es geht in eine ande­re Rich­tung, es geht eben auf Kas­set­te-Rag­or­der und VWGDI und so, da geht’s hin.

425
00:35:48,080 –> 00:35:51,320
Und das war nicht mein Inter­es­se, ne?

426
00:35:51,360 –> 00:35:56,880
Ich hat­te im Osten mei­nen Berufs­ver­bot, das hat aber nichts genutzt, ich habe trotz­dem gearbeitet.

427
00:35:57,760 –> 00:35:59,640
Wie als DJ oder als …

428
00:35:59,640 –> 00:36:08,840
Nee, ich war ja eigent­lich ein Aus­bil­der für Soft­ware, also für Text­vera­belspro­gram­me und so was, bei der …

429
00:36:08,840 –> 00:36:10,320
Also … wo sind Fir­ma Robo­tro­nen, ne?

430
00:36:10,920 –> 00:36:16,680
Und ich hat­te da auch Leu­te von der Sta­si teil­wei­se vor mir sit­zen, wuss­te man nicht so wirk­lich, ob die von der Sta­si waren, aber …

431
00:36:16,680 –> 00:36:26,680
aber die soll­te ich auch aus­bil­den und auf­grund mei­ner poli­ti­schen Äuße­rung, ich habe damals mich geoutet und habe …

432
00:36:26,680 –> 00:36:32,760
so, wie wir sagen, an die Bezirks­par­tei­ler und der SED einen offe­nen Brief geschrie­ben mit meinem …

433
00:36:32,760 –> 00:36:34,680
mit mei­ner Kri­tik an die­ser Partei.

434
00:36:35,800 –> 00:36:36,480
Und …

435
00:36:36,480 –> 00:36:42,160
Der wur­de auch bei uns immer Fir­ma an die Wand­zeit unge­hef­tet, ne?

436
00:36:43,760 –> 00:36:52,160
Aber das hat mir natür­lich dann sofort ein Berufs­ver­bot ein, man hat mich gemobbt, mich durf­te nicht mehr arbei­ten, ich durf­te nichts mehr machen.

437
00:36:52,680 –> 00:37:00,640
Ich woll­te man nicht ver­set­zen, aber da muss ich sagen, zu die­ser Zeit habe ich gelernt, dass es auch im Ost sei­ne Gewerk­schaft gab und die Gewerkschaft …

438
00:37:00,640 –> 00:37:03,000
hat mir gehol­fen, die hat mir Rechts­bei­st­ein gege­ben, ja.

439
00:37:04,080 –> 00:37:05,040
Und das ist toll, ja.

440
00:37:05,360 –> 00:37:06,440
Die hat mir Rechts­bei­st­ein gegeben.

441
00:37:06,920 –> 00:37:07,400
Und es lag aber nicht mehr.

442
00:37:07,400 –> 00:37:10,440
Die war für mich, weil das nur ein Urlaubsverteilungsverein …

443
00:37:10,440 –> 00:37:14,160
Nein, nein, ich bin dahin zu unse­rem Gewerk­schaf­tern, hat gesagt, die …

444
00:37:14,680 –> 00:37:22,120
Die ver­wol­len mich jetzt in die Pro­duk­ti­on ver­set­zen, dür­fen die das, ne? Und er sagt dann nicht, dür­fen sie nicht …

445
00:37:22,120 –> 00:37:32,560
Ich bin im Rechts­an­walt und da gehst du hin und der … erklärt dir das und da hat mir das erklärt, ich brauch­te den Rechts­an­walt gar nicht beauf­tra­gen, son­dern ich hab dann dem Par­tei­se­kri­ter gesagt, nie …

446
00:37:32,560 –> 00:37:37,800
Genos­se, du bist nicht die Arbei­ter­klas­se und du darfst mich nicht in die Pro­duk­ti­on versetzen.

447
00:37:38,200 –> 00:37:48,680
Und es hat da auch nicht gemacht, aber sie haben mich gemobbt und sie haben ver­sucht, wenn ich woan­ders einen Job mir orga­ni­sie­ren woll­te, da wur­de ja dann immer unter­ein­an­der gespro­chen, war­um will der eure tol­le Fir­ma verlassen?

448
00:37:49,360 –> 00:37:53,480
Ja, eigent­lich krieg ich mal die Kader-Akte und so wei­ter, dann krieg­te ich dann die Jobs nicht, ne?

449
00:37:53,840 –> 00:37:54,600
Also man hat immer von …

450
00:37:54,600 –> 00:37:56,280
Und in der Kader-Akte stand es drin, richtig?

451
00:37:56,440 –> 00:38:02,560
Ja, ja, auch in der Sta­si-Akte stan­den nur Gutes über mich, also das so.

452
00:38:02,840 –> 00:38:06,680
Ich hab die Sta­si-Akte gele­sen, nicht die Gis­kom­plet­te, das fehlt ein Stück aber …

453
00:38:07,440 –> 00:38:14,560
Das war okay, der anders her­um und das ist ja, was man heu­te auch wie­der hat­te, mit die­ser Wahrnehmung …

454
00:38:14,560 –> 00:38:19,800
die­ser Wahr­neh­mung, die­ser Men­schen, die in der DDR sozia­li­siert wurden.

455
00:38:20,360 –> 00:38:25,440
Ich wur­de zu Ost­zei­ten immer so wahr­ge­nom­men, ich bin der Stasi-Mitarbeiter.

456
00:38:27,240 –> 00:38:32,720
Also, um mich her­um mein­ten immer, mit dem du fand ich so viel, der ist bei der Stasi.

457
00:38:33,320 –> 00:38:34,000
Aber wie so?

458
00:38:34,600 –> 00:38:43,600
Ich weiß es nicht, ein Mädel aus mei­ner Grund­schu­le hat sich irgend­wann spä­ter in den 2019ern, die mich auf der Stra­ße getrof­fen hat,

459
00:38:43,600 –> 00:38:48,840
hat sich dafür ent­schul­digt, du sagst, du machst ja schon in der Schu­le oder was?

460
00:38:48,840 –> 00:38:49,400
In der Schu­le, schon.

461
00:38:49,560 –> 00:38:50,120
Nach dem Mann, das ist ja.

462
00:38:50,520 –> 00:38:51,360
Was so, okay.

463
00:38:51,800 –> 00:38:52,320
Ja, also das …

464
00:38:52,320 –> 00:38:55,520
Ja, also das ist so … komm ich, weil ich eben …

465
00:38:56,200 –> 00:39:01,960
… den Sozia­lis­mus und auch die­se Sachen und die lin­ke Idee immer ver­tei­le ich habe, ich fand das immer gut.

466
00:39:03,040 –> 00:39:05,080
Aber nicht so, wie es gemacht wur­de halt.

467
00:39:05,520 –> 00:39:08,800
Ja, nee, also das …

468
00:39:08,800 –> 00:39:09,600
Also ich hab …

469
00:39:09,600 –> 00:39:12,600
… das damals gesagt …

470
00:39:13,640 –> 00:39:23,280
… also es gibt die­sen Song von Code Dem­lar, einer ist immer dabei von der ganz drei­den Poli­zei und einer macht immer ein Strich, wenn du es nicht bist, bin ich.

471
00:39:23,800 –> 00:39:30,160
Also mit dem ich wuss­te, dass ich nicht dabei war, aber ansons­ten war der Punkt halt, man muss­te damit leben.

472
00:39:30,360 –> 00:39:35,600
Also ich hab bei der ARMY haben wir im Prin­zip so kon­spi­ra­ti­ve Tref­fen gemacht, also das war …

473
00:39:35,600 –> 00:39:43,120
… ich hab Soft­ware gemacht und da war da in einem Büro mit einem Leu­ten, an der war das Gau­be zusammen.

474
00:39:44,040 –> 00:39:50,480
Und der ist natür­lich 16 Uhr in der Hau­se gegan­gen und dann hat­te ich das Büro für mich allei­ne, das war sehr toll, weil …

475
00:39:50,480 –> 00:39:55,720
… weil der ARMY war das halt gro­ße Zim­mer, die man hat­te irgend­wie kein Rück­zugs­raum und so.

476
00:39:56,240 –> 00:39:58,680
Das war schon irgend­wie Blö­de und …

477
00:39:59,360 –> 00:40:04,680
… ich hat­te dann zwei Kum­pel und mit denen habe ich mich dann da in das Büro eingeschlossen.

478
00:40:04,680 –> 00:40:13,680
Und wir haben die getrun­ken und das war sehr schön, aber das hät­te prin­zi­pi­ell sein kön­nen, dass einer von bei­den oder bei­de irgend­wie auch bei der Sta­si sind.

479
00:40:13,840 –> 00:40:15,560
Und damit muss­te man halt leben.

480
00:40:15,800 –> 00:40:20,000
Also das war irgend­wie … das war das, was auch schlimm war, ja.

481
00:40:20,160 –> 00:40:22,920
Ich mei­ne, es kam ja hin­ter­her raus, also irgendwie …

482
00:40:22,920 –> 00:40:27,800
… der Mann von Vera Wol­len­ber­ger war bei der Sta­si und hat sie Bespit­ze direkt so.

483
00:40:27,800 –> 00:40:32,000
Und das war schon so, aber …

484
00:40:32,000 –> 00:40:33,560
… ja, man hat …

485
00:40:33,560 –> 00:40:39,040
… also ich hab mir dann irgend­wo gesagt, okay, wer ich jetzt ver­rückt oder sage ich scheiß drauf und …

486
00:40:39,040 –> 00:40:40,480
… und … und … und kokalt …

487
00:40:40,480 –> 00:40:43,880
… dass ich so ein­fach irgend­wie nor­mal damit weiterleben.

488
00:40:44,360 –> 00:40:46,360
Also wir hat­ten in der Schule …

489
00:40:46,360 –> 00:40:49,000
… hat­ten wir auch …

490
00:40:49,000 –> 00:40:50,800
… die muss­ten übri­gens zum Ende kom­men, die sind nicht so.

491
00:40:50,800 –> 00:40:51,360
Also, okay.

492
00:40:52,360 –> 00:41:01,440
Aber es ist nett, mal dar­über zu reden, zwi­schen zwei Leu­ten, die in die­ser DDR groß gewor­den sind und die eine bestimm­te Erfah­rung gemacht haben, …

493
00:41:01,440 –> 00:41:05,720
… was wir nicht raus­fin­den kön­nen, ist war­um jetzt diese …

494
00:41:05,720 –> 00:41:11,880
… wie heißt die Par­tei bei dir, die­se Schluft­par­tei, in ganz Ost­deutsch­land jetzt gewählt wird?

495
00:41:12,040 –> 00:41:15,520
Ich ver­ste­he es auch nicht, es ist kei­ne alter­na­ti­ve Lie­be Leute.

496
00:41:16,000 –> 00:41:18,720
Das müs­sen wir … also ich weiß nicht, siehst du wahr­schein­lich auch so.

497
00:41:18,720 –> 00:41:23,320
Sie wird euch nicht das brin­gen, was ihr von ihr erwartet.

498
00:41:25,440 –> 00:41:28,680
Ja, ich glau­be, dass da wirk­lich auch …

499
00:41:29,240 –> 00:41:33,920
… Natio­na­lis­ten, Ras­sis­ten und Nazis dabei sind, ich glau­be aber auch, dass …

500
00:41:33,920 –> 00:41:35,120
… also, weil sich …

501
00:41:35,120 –> 00:41:37,000
… jetzt war der Hahn oder was für …

502
00:41:37,000 –> 00:41:38,600
Ja, ich will gleich noch nicht sicher fühlen.

503
00:41:39,200 –> 00:41:44,640
Nee, also das Pro­blem ist, die haben ja vor­her die Links­par­tei gebildet.

504
00:41:44,640 –> 00:41:50,280
Also, ich will irgend­wie nicht glau­ben, dass die­se Leu­te jetzt alle Nazis gewor­den sind.

505
00:41:50,320 –> 00:41:51,280
Das kann irgend­wie nicht sein.

506
00:41:51,560 –> 00:41:53,680
Und dann ist die Fra­ge, wie holt man die zurück?

507
00:41:53,840 –> 00:41:54,720
Also, es wären ja auch immer mehr.

508
00:41:54,920 –> 00:41:57,320
Also, das wür­de ja hei­ßen, die­ses sind irgendwie …

509
00:41:57,320 –> 00:42:00,400
… über ein Jahr so und so viel mehr Nazis geworden.

510
00:42:00,600 –> 00:42:04,680
Das kann … das will ich ein­fach nicht glau­ben, ich glau­be, ans Gute im Menschen.

511
00:42:05,160 –> 00:42:07,200
Und dann muss man halt gucken, wie man die zurückkriegt.

512
00:42:07,440 –> 00:42:10,160
Okay, und dabei belas­sen wir es …

513
00:42:10,160 –> 00:42:13,960
… wir haben Mül­ler aus Ber­lin, Sprach­wis­sen­schaft­ler und Pro­fes­se an Humboldt-Universität.

514
00:42:14,520 –> 00:42:16,000
Das war die hei­ße Tasse.

515
00:42:16,200 –> 00:42:18,400
Ste­fan, dan­ke, dass du dabei warst.

516
00:42:19,160 –> 00:42:19,560
Ja, ger­ne.

517
00:42:19,760 –> 00:42:23,840
Wir kön­nen das ja viel­leicht im Lau­fe des Jah­res noch mal weiterführen.

518
00:42:24,280 –> 00:42:29,240
Viel­leicht haben wir dann was aus­ge­fun­den, war­um die dort alle blau wäh­len und …

519
00:42:29,240 –> 00:42:30,600
… so unter Alter­na­ti­ve wählen.

520
00:42:31,160 –> 00:42:36,480
Ich wer­de ver­su­chen, das raus­zu­fin­den, aber ich bin mir nicht sicher, ob das gelingt.

521
00:42:37,400 –> 00:42:38,680
Ich wün­sche dir das mal dein …

522
00:42:38,680 –> 00:42:40,040
Das ist wohl die Fak­to­rie, kann ich nur sagen.

523
00:42:40,360 –> 00:42:40,600
Ja, genau.

524
00:42:41,000 –> 00:42:42,520
Ich wün­sche dir bei dei­nem Blog …

525
00:42:42,520 –> 00:42:47,120
… so ist er da aus dem noch viel Erfolg und natür­lich auch als Pro­fes­se an Humboldt-Universität.

526
00:42:47,160 –> 00:42:48,360
Ich hab da auch mal in die Plo­gen gemacht.

527
00:42:49,080 –> 00:42:49,320
Ist aber …

528
00:42:49,320 –> 00:42:49,800
Wun­der­bar, ja.

529
00:42:50,120 –> 00:42:51,320
Tschüss, tschüss, tschüss.

530
00:42:51,480 –> 00:42:52,160
Dan­ke, tschüss.

531
00:42:53,000 –> 00:42:54,480
So, wir hören uns wie­der am Donnerstag.

532
00:42:55,160 –> 00:42:56,400
Hier bei der Hal­tung Tas­se. Tschüss.

Danksagungen

Ich dan­ke Tho­mas Stein­bre­cher für das Gespräch und Thors­ten Rochel­mey­er für Hil­fe beim Verschriftlichen.

„Ines Geipel lügt“

In Der Ossi und der Holo­caust habe ich die Behaup­tun­gen von Anet­ta Kaha­ne und Ines Gei­pel zum Umgang der DDR mit dem Holo­caust unter­sucht und bin zum Schluss gekom­men, dass bei­de Autorin­nen ent­we­der kei­ne Ahnung haben oder lügen. 

Die West-Gesell­schaft des direk­ten Nach­kriegs, die sich manisch schön­putz­te, die schier mär­chen­gleich Koh­le mach­te und sich in ihrer Unfä­hig­keit zu trau­ern ver­pupp­te. Die post­fa­schis­ti­sche DDR der fünf­zi­ger Jah­re dage­gen wur­de zur Syn­the­se zwi­schen ein­ge­kap­sel­tem Hit­ler und neu­er Sta­lin-Dik­ta­tur, pla­niert durch einen roten Anti­fa­schis­mus, der ein­zig eine Hel­den­sor­te zuließ: den deut­schen Kom­mu­nis­ten als Über­win­der Hit­lers. Mit die­ser instru­men­tel­len Ver­ges­sens­po­li­tik wur­de im sel­ben Atem­zug der Holo­caust für 40 Jah­re in den Ost-Eis­schrank gescho­ben. Er kam öffent­lich nicht vor.

Ines Gei­pel, Das Ding mit dem Osten, Frank­fur­ter All­ge­mei­ne, 14.08.2019

Im Blog-Post zei­ge ich recht deut­lich, dass die Ver­bre­chen an den Juden über­all the­ma­ti­siert wur­den. In den Geschichts­bü­chern der neun­ten Klas­se, im Lite­ra­tur­un­ter­richt, in Büchern, Fil­men, Stra­ßen­nah­men usw.

Beim taz-Lab gab es eine Podi­ums­dis­kus­si­on mit der His­to­ri­ke­rin Kat­ja Hoyer und dem Schrift­stel­ler Mar­co Mar­tin, bei der letz­te­rer sag­te, das mit der Geschichts­schrei­bung durch die Sie­ger im Ver­ei­ni­gungs­pro­zess sei doch eine Mär, denn es gäbe doch auch ost­deut­sche Stim­men wie Ines Gei­pel und Anne Rabe. Ich habe dann im Dis­kus­si­ons­teil dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Anet­ta Kaha­ne und Ines Gei­pel kei­ne glaub­wür­di­gen Quel­len sei­en, da sie ent­we­der kei­ne Ahnung hät­ten oder lügen wür­den, was zu gro­ßer Ent­rüs­tung führ­te. Lei­der kann­te ich zu die­sem Zeit­punkt eine Doku­men­ta­ti­on des MDRs noch nicht, denn aus die­ser geht her­vor, dass Ines Gei­pel erheb­li­che Pro­ble­me mit der Wahr­heit in Bezug auf ihr eige­nes Leben hat. Auch die Zah­len der Doping­be­trof­fe­nen, die sie als Che­fin der Doping­op­fer­hil­fe ver­tre­ten hat, hiel­ten einer Über­prü­fung nicht stand.

Das ist der MDR-Beitrag:

Doping und Dich­tung: Bei­trag vom MDR über Behaup­tun­gen von Ines Geipel

Ines Gei­pel hat behaup­tet, dass die Sta­si bei einer Blind­darm-Ope­ra­ti­on ihre Bauch­mus­ku­la­tur und all ihre Orga­ne zer­schnit­ten habe. 

Eine Unter­leibs­ope­ra­ti­on 1984 bot die Gele­gen­heit, „sie zumin­dest für län­ge­re Zeit auf Eis zu legen“, wie sie aus den Akten zitier­te. Ein Chir­urg der Virch­ow-Kli­nik in Ber­lin stell­te 2004, zwan­zig Jah­re nach der per­fi­den Tat, fest, was die Ärz­te in der DDR ihr ange­tan hat­ten. „Mein gesam­ter Bauch war samt Mus­ku­la­tur durch­schnit­ten wor­den“, erfuhr sie. „Alle inne­ren Orga­ne waren verletzt.“

Reinsch, Micha­el. 12.04.2011. Ines Gei­pel: Der Schre­cken steht mit­ten im Raum. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung. Frankfurt/Main.

In der Doku­men­ta­ti­on wur­de sie bei einem Sprint-Wett­be­werb zwei Mona­te nach der OP gezeigt. Mit ver­letz­ten Orga­nen läuft man kei­ne 100m, weil man auch vor dem Wett­kampf trai­nie­ren muss. 

Den kom­plet­ten Bauch auf­schnei­den, wer glaubt in so einen Unsinn? Da könn­te man nicht mehr lau­fen. Ich habe ja erst vor ein paar Tagen wie­der gele­sen, dass alle inne­re inne­ren Orga­ne wur­den ver­letzt. Das ist ein Unding. Das geht nicht und da kann man vor allen Din­gen nicht sechs Wochen oder acht Wochen spä­ter lau­fen. Schlecht wie immer – aber gelau­fen ist sie.

Uwe Trö­mer im MDR-Bei­trag Doping und Dichtung

Bezüg­lich ihrer Blind­darm­ope­ra­ti­on gibt sie an, dass sie als Fol­ge der durch die Sta­si durch­ge­führ­ten Ope­ra­ti­on kei­ne Kin­der mehr bekom­men konn­te (Ein­zel­kämp­fer bei 1:24:15). Laut MDR-Fak­ten­check (2023: 60) steht im OP-Bericht vom 17.01.2003 nichts von Ver­let­zun­gen ande­rer Orga­ne oder Ver­let­zun­gen, die Kin­der­lo­sig­keit hät­ten ver­ur­sacht haben können.

Gei­pel gibt mit Welt­re­kor­den an und damit Olym­pio­ni­kin gewe­sen zu sein, sie hat aber nie eine gewon­nen, ja, sie hat nicht ein­mal an einer Olym­pia­de teil­ge­nom­men. Bei Sprint-Wett­kämp­fen lan­de­te sie trotz hoher Doping­wer­te auf hin­te­ren Plät­zen. In die natio­na­le Aus­wahl der Sprint­staf­fel kam sie nicht, weil es bes­se­re Läu­fe­rin­nen gab. 

Nach Aus­strah­lung der MDR-Doku leg­te Ines Gei­pel eine Pro­gramm­be­schwer­de ein (doku­men­tiert auf ihrer Web-Sei­te: Pro­gramm­be­schwer­de Doping und Dich­tung). Die­se ist eigent­lich noch schlim­mer, als das, was man aus der Doku erfährt, denn sie zeigt, wie Ines Gei­pel arbei­tet. Mit bewuss­ten Aus­las­sun­gen, Ver­dre­hun­gen und Mani­pu­la­tio­nen. Der MDR hat die Pro­gramm­be­schwer­de durch zwei renom­mier­te Sportjournalist*innen prü­fen las­sen und auf 101 Sei­ten ist die gan­ze Unge­heu­er­lich­keit des Vor­gangs doku­men­tiert. Die Autor*innen nen­nen Gei­pel dar­in eine Lüg­ne­rin und Hoch­stap­le­rin, die Wör­ter Unver­fro­ren­heit und Dreis­tig­keit kom­men vor. Nur ein Bei­spiel: In Gei­pels Sta­si-Akte steht:

Die­ser Darm­ver­schluss ergab sich jedoch, da dies bei jun­gen Men­schen noch der Fall ist oder mög­lich ist; ansons­ten wäre eine wei­te­re Ope­ra­ti­on nötig gewe­sen. Danach soll­te Gei­pel wie­der in ein Kran­ken­haus wegen ihrer .… Geschich­te. Dies wäre die Chan­ce gewe­sen, sie für län­ge­re Zeit auf Eis zu legen. Sie ist jetzt z.Z. in einer Pha­se der Rehabilitation …

BStU, nach Screen­shot aus MDR-Doku.

BStU, Screen­shot aus MDR-Doku.

Die­se Aus­sa­ge belegt, dass das eine Chan­ce gewe­sen wäre, d.h. das Auf-Eis-Legen ist nicht erfolgt. Gei­pel lässt in ihren Zita­ten das Wort gewe­sen ein­fach weg: „Das ist die Chan­ce, sie für län­ge­re Zeit auf Eis zu legen.“ (In Ein­zel­kämp­fer, 2013: 1:26:15 kann man sehen, wie sie die Pas­sa­ge „vor­liest“).

Man kann also schlie­ßen, dass Ines Gei­pel kei­ne glaub­wür­di­ge Zeu­gin in Bezug auf die DDR-Geschich­te ist. 

Denn der ver­ant­wor­tungs­vol­le Umgang mit der Wahr­heit gehört augen­schein­lich nicht zu den Stär­ken der 62 Jah­re alten Berlinerin.

Lud­wig, Udo & Neu­mann, Thi­lo & Pursch­ke, Tho­mas. 2023. Ver­lei­hung des Erich-Loest-Prei­ses: Ines Gei­pel und der schwie­ri­ge Umgang mit der Wahr­heit. Der Spie­gel. 23.02.2023

Ich hat­te ja in der Aus­ein­an­der­set­zung über den Umgang mit dem Holo­caust in der DDR als Ergeb­nis die bei­den Mög­lich­kei­ten „kei­ne Ahnung“ und „lügen“. Theo­re­tisch ist es immer noch mög­lich, dass Ines Gei­pel kei­ne Ahnung in Bezug auf das The­ma Holo­caust hat­te bzw. hat, aber die Lügen-Mög­lich­keit erhält mit die­ser Infor­ma­ti­on über Ines Gei­pel mehr Plausibilität.

Nachtrag

Die Doku­men­te auf Ines Gei­pels Web-Sei­te sind mir bekannt. Sie wer­den im Fak­ten­check in der Erwi­de­rung auf die Pro­gramm­be­schwer­de gegen den MDR bespro­chen. Die von Gei­pel bei­gebrach­ten Doku­men­te wider­le­gen nichts von dem, was oben aus den Doku­men­ta­tio­nen zitiert wurde.

Quellen

Kar­te, Uwe. 2023. Doping und Dich­tung: Das schwie­ri­ge Erbe des DDR-Sports. 2023. mdr. (https://www.youtube.com/watch?v=FUInTLwH4fI)

Kau­del­ka, San­dra. 2013. Ein­zel­kämp­fer. ZDF. (https://youtu.be/Vdhu-cNkWcc?t=5054)

Kowal­c­zuk, Ilko-Sascha. 2022. Getrüb­te Erin­ne­run­gen? Über ein Buch, das nicht erschie­nen ist. Deutsch­land Archiv. (https://www.bpb.de/513987)

Kowal­c­zuk, Ilko-Sascha. 2023. Der Fall Gei­pel und Gesin­nungs­kämp­fe: Doping und Praw­da. taz 16.12.2023. Ber­lin. (https://taz.de/Der-Fall-Geipel-und-Gesinnungskaempfe/!5977524/)

Lud­wig, Udo & Neu­mann, Thi­lo & Pursch­ke, Tho­mas. 2022. Wir­bel um Ver­tre­te­rin von Doping-Opfern: Lügen, betrü­gen, täu­schen. Der Spie­gel 21. (https://www.spiegel.de/sport/ines-geipel-vertreterin-von-doping-opfern-luegen-betruegen-taeuschen-a-4f0bebfd-c8f3-4eda-bc21-0baf6ecaf7ea)

Lud­wig, Udo & Neu­mann, Thi­lo & Pursch­ke, Tho­mas. 2023. Ver­lei­hung des Erich-Loest-Prei­ses: Ines Gei­pel und der schwie­ri­ge Umgang mit der Wahr­heit. Der Spie­gel. (https://www.spiegel.de/sport/ddr-dopingsystem-ines-geipel-und-der-schwierige-umgang-mit-der-wahrheit-a-7e209638-b5ce-4ad7-b35f-9d096b33e04b)

MDR Haupt­re­dak­ti­on Sport. 2023. MDR-Doku­men­ta­ti­on „Doping und Dich­tung“ Fak­ten­check. Leip­zig. 24.08.2023.

Reinsch, Micha­el. 2011. Ines Gei­pel: Der Schre­cken steht mit­ten im Raum. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung. 12.04.2011. Frankfurt/Main. (https://www.faz.net/aktuell/sport/sportpolitik/doping/ines-geipel-der-schrecken-steht-mitten-im-raum-1621434.html)

Antwort auf abgedruckte Leserbriefe (Directors cut = viel zu lange Version)

Ich möch­te mich recht herz­lich für alle Emails, Brie­fe und Päck­chen bedan­ken, die ich nach der Ver­öf­fent­li­chung mei­nes Arti­kels zu Anne Rabes Buch Die Mög­lich­keit von Glück erhal­ten habe. Ich hat­te das nicht erwar­tet, aber das Feed­back war im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes über­wäl­ti­gend. Von den Brie­fen waren sechs kritisch/negativ und 23 posi­tiv. Ich habe die kritischen/negativen unge­kürzt in mei­nen Blog auf­ge­nom­men und dis­ku­tie­re sie dort detail­liert: https://so-isser-der-ossi.de/2024/05/27/anne-rabe-leserbriefe/, auch den zum Jam­mer-Ossi. Auf die in der Ber­li­ner Zei­tung abge­druck­ten Tei­le der Leser­brie­fe möch­te ich im Fol­gen­den ein­ge­hen. In mei­nem Blog und auch im ver­öf­fent­lich­ten Bei­trag in der BLZ geht es mir dar­um, wel­chen Ein­druck Anne Rabe von der DDR ver­mit­telt und was dar­aus abge­lei­tet wird. Den ers­ten Blog-Ein­trag Gewalt­er­fah­run­gen und 1968 für den Osten habe ich auch zu einem Arti­kel in der taz geschrie­ben, bevor ich Anne Rabes Roman über­haupt gele­sen hat­te. Anne Rabe argu­men­tiert grob ver­ein­fa­chend für eine Töpf­chen­theo­rie 2.0: Weil es Fami­li­en gab, in denen es Gewalt gab, war der ganz Osten so und man kann dar­aus letzt­end­lich alles ablei­ten: Ras­sis­mus, Faschis­mus, Natio­na­lis­mus, Anti­se­mi­tis­mus. Alles, wovor sich das Bil­dungs­bür­ger­tum zu Recht gru­selt. Und es ist pri­ma: Das alles ist nur im Osten zu ver­or­ten. Dun­kel­deutsch­land eben. Dabei ist es lei­der so, dass es im gesam­ten Land ziem­lich fins­ter aus­sieht, ja, sogar in Euro­pa. Die Rechts­extre­mis­mus-Stu­die hat das für Deutsch­land dis­ku­tiert. Der Autor der Stu­die hat in der Ber­li­ner Zei­tung (BLZ, 08.07.2023) her­vor­ge­ho­ben, dass der Rechts­extre­mis­mus mit der Struk­tur der Bevöl­ke­rung im Osten zusam­men­hängt und in struk­tu­rell ähn­li­chen Gebie­ten im Wes­ten ähn­li­che Ein­stel­lun­gen nach­zu­wei­sen sind. Das bedeu­tet also, dass man für die Wahl­er­fol­ge der AfD im Osten oder ras­sis­ti­sche Ein­stel­lun­gen kei­ne gewalt­tä­ti­gen Eltern als Erklä­rung benö­tigt. Die empi­ri­sche For­schung lie­fert Grün­de. Auch bricht Anne Rabes Töpf­chen­theo­rie sofort in sich zusam­men, wenn man ihren auto­fik­tio­na­len Roman genau­er liest, denn dort fin­det sich die fol­gen­de Passage: 

Alle Fami­li­en haben sol­che Geschich­ten. Gemein­sa­me Erleb­nis­se, die eine Fami­lie zu einer Fami­lie machen. Geschich­ten, die man sich immer wie­der erzählt. Die Geschich­ten von einem miss­glück­ten Weih­nachts­bra­ten, von Irr­fahr­ten zu einem lang ersehn­ten Urlaubs­ziel, Miss­ge­schi­cke und Toll­pat­schig­kei­ten, die einem noch immer die Lach­trä­nen in die Augen trei­ben. Die­se Geschich­ten, an die man denkt, wenn man Zuhau­se denkt.

Was Tim und ich uns erzäh­len, wenn wir über unse­re Kind­heit spre­chen, sind Geschich­ten davon, wie wir gelernt haben, still zu sein.

Rabe, Anne. 2023. Die Mög­lich­keit von Glück. Stutt­gart: Klett-Cot­ta. S. 23

Das bedeu­tet, dass Anne Rabe bzw. die Ich-Erzäh­le­rin die­se Fami­lie als unnor­mal ein­stuft. Wenn sie aber unnor­mal war, dann kann man aus der Exis­tenz die­ser Fami­lie nicht auf die Bevöl­ke­rung eines gan­zen Lan­des schlie­ßen. Wie hoch die Antei­le von auto und fik­tio­nal an der auto­fik­tio­na­len Geschich­te sind, wer­den wir nie her­aus­fin­den, denn Anne Rabe äußert sich in Inter­views zu dies­be­züg­li­chen Fra­gen nicht (zum Bei­spiel beim taz-Lab-Gespräch mit Simo­ne Schmol­lack).

Zwei Brie­fe spre­chen die Fra­ge nach den abso­lu­ten und den rela­ti­ven Zah­len bei Kinds­tö­tun­gen an und einer unter­stellt mir eine bewuss­te Falsch­dar­stel­lung. Die Poli­zei­li­che Kri­mi­nal­sta­tis­tik (PKS) ver­wen­det rela­ti­ve Zah­len, um die Zah­len über­haupt ver­gleich­bar zu machen. Ich möch­te das an einem Bei­spiel erklä­ren: Im Fall der so genann­ten Neo­na­ti­zide, also der Kinds­tö­tun­gen direkt nach der Geburt, sind abso­lu­te Zah­len nicht aus­sa­ge­kräf­tig, denn in Bre­men wur­den zum Bei­spiel im Jahr 2022 nur 6.720 Kin­der gebo­ren. In NRW waren es im sel­ben Zeit­raum dage­gen 164.496 Kin­der. Wenn in bei­den Bun­des­län­dern jeweils ein Kind getö­tet wor­den wäre, wäre die abso­lu­te Anzahl gleich, aber für Bre­men wäre die rela­ti­ve Anzahl, also die Anzahl im Ver­gleich zu den Kin­dern, die über­haupt Opfer hät­ten wer­den kön­nen, viel grö­ßer. Neh­men wir an, in Bre­men wären 6.720 Kin­der getö­tet wor­den, dann wären es 100% gewe­sen. 6.270 Kin­der in NRW wären aber nur 4,1%. Der Ver­gleich abso­lu­ter Zah­len ist also offen­sicht­lich unsin­nig. In der PKS wird des­halb der abso­lu­te Wert auf Opfer pro 100.000 mög­li­che Opfer umge­rech­net. In Bre­men wäre die ermit­tel­te Zahl dann also grö­ßer als die tat­säch­li­che Zahl und in NRW klei­ner. So wer­den die Neo­na­ti­zi­de in Bre­men und NRW ver­gleich­bar. Das ist auch in der zitier­ten Stu­die zu den Kinds­tö­tun­gen auf S. 337 erklärt (Höynck, Behn­sen & Zäh­rin­ger, 2015). Ich zitie­re genau die­se Sei­te in mei­nem Blog-Post vom 20.02.2024, der die Kinds­tö­tun­gen aus­führ­li­cher bespricht, als das in der Ber­li­ner mög­lich war. Im Arti­kel, der als Print-Ver­si­on erschie­nen ist, sind die Quel­len aus Platz­grün­den aus­ge­la­gert wor­den. Wenn man nun über die Kinds­tö­tun­gen von Kin­dern unter 6 Jah­ren spricht, muss man als Bezugs­grö­ße 100.000 Kin­der in den jewei­li­gen Bun­des­län­dern anneh­men. Ein Bezug auf die Gesamt­be­völ­ke­rungs­zahl, wie von einem Leser vor­ge­schla­gen, wäre nicht kor­rekt. In mei­ner Ori­gi­nal­ein­rei­chung war ein Satz zu den rela­ti­ven Zah­len bzgl. 100.000 mög­li­chen Opfern ent­hal­ten. Ich wur­de gebe­ten, das noch bes­ser zu erklä­ren und habe des­halb die Sät­ze ein­ge­fügt, die dar­le­gen, wie absurd das Ergeb­nis wür­de, wenn man von abso­lu­ten Zah­len aus­gin­ge. Die PKS und auch die Pres­se­be­rich­te dar­über haben sich auf rela­ti­ve Zah­len (Fach­wort Opferzahlen/OZ) bezo­gen, Anne Rabe hat aber geschrie­ben: „Die Zahl der Kinds­tö­tun­gen ist im Osten Deutsch­lands in den 90er und 00er Jah­ren dop­pelt so hoch wie im Wes­ten und steigt im Jahr 2006 sogar auf das Vier­fa­che an.“ Die­se Aus­sa­ge ist fak­tisch falsch. Ein Leser schrieb mir AR hät­te die rela­ti­ve Zahl gemeint. Was jemand gemeint hat, ist aber nicht rele­vant, ent­schei­dend ist, was jemand ver­öf­fent­licht hat. Als Sprach­wis­sen­schaft­ler kann ich ein­schät­zen, was ein Satz bedeu­tet und als Mathe­ma­ti­ker und pro­mo­vier­ter Infor­ma­ti­ker weiß ich, was Anne Rabe statt­des­sen hät­te schrei­ben müs­sen. Dass ich das jetzt nicht hin­ter­her irgend­wie zurecht­ge­bo­gen habe, sieht man, wenn man sich den Print-Arti­kel ansieht: Dort sind die Bevöl­ke­rungs­grö­ße und die Gebur­ten­ra­ten erwähnt. Nur der eine Satz mit der Bezugs­grö­ße 100.000 ist lei­der im Ping-Pong mit der Redak­ti­on ver­lo­ren gegan­gen. Ich hät­te bes­ser auf­pas­sen müs­sen. Der Punkt mit den abso­lu­ten und rela­ti­ven Zah­len hat jetzt in der Dis­kus­si­on und auch im Arti­kel einen viel zu gro­ßen Raum ein­ge­nom­men. Wich­tig ist, und das sagen Höynck, Behn­sen & Zäh­rin­ger (2015: 337) auch sehr klar (auch an ande­ren Stel­len in ihrem im renom­mier­ten Wis­sen­schafts­ver­lag Sprin­ger erschie­nen Buch), dass man aus der PKS nichts ablei­ten kann. Der wich­tigs­te Punkt ist, dass die Zah­len (glück­li­cher­wei­se) zu klein sind. Die Autorin­nen lis­ten wei­te­re Pro­ble­me auf, die zei­gen, dass das Zie­hen von Schlüs­sen aus der PKS zu Kinds­tö­tun­gen unzu­läs­sig ist. Es wur­de in vie­len Brie­fen kri­ti­siert, dass ich auf Wiki­pe­dia ver­wie­sen habe. Ich bin Pro­fes­sor und bil­de zukünf­ti­ge Wissenschaftler*innen aus. Ich weiß sehr wohl, was Wiki­pe­dia kann und was Wiki­pe­dia nicht kann. In mei­nem Blog-Bei­trag zu den Leser­brie­fen gehen ich dar­auf auch genau­er ein. Der Punkt ist hier, dass genau die­se Stu­die und auch die ent­spre­chen­de Sei­te im Wiki­pe­dia-Ein­trag zu Kinds­tö­tun­gen zitiert wird. Wenn also jemand einen Quick­check zu Anne Rabes Behaup­tun­gen hät­te machen wol­len (Ver­lag, Jury, Rezen­sen­ten), so wäre es ein Leich­tes gewe­sen, in Wiki­pe­dia die Stel­le für wei­te­re Nach­for­schun­gen zu fin­den. Das Pro­blem für die­ses Land ist, dass nie­mand sich die Mühe gemacht hat. Die Gru­sel­ge­schich­te war doch zu schön.

Bern­hard Kave­mann liest aus mei­nem Arti­kel, dass ich kein Ver­ständ­nis für Kau­sa­li­tät hät­te. Ich habe in mathe­ma­ti­scher Logik eine 1,0 im Stu­di­um gehabt, habe ein Sys­tem mit Dis­kurs­re­prä­sen­ta­ti­ons­theo­rie imple­men­tiert und Logik und Com­pu­ta­tio­na­le Seman­tik an diver­sen Unis gelehrt. Wie Schlüs­se funk­tio­nie­ren, weiß ich sehr wohl. Ich habe nir­gends behaup­tet, dass es im Osten kei­ne Nazis gab. Wes­halb wäre ich sonst wohl 1989 im Anti­fa-Block mar­schiert (was ich im Arti­kel auch erwähnt habe). Ich habe behaup­tet, dass Anne Rabe fak­tisch fal­sche Behaup­tun­gen in ihren Roman ein­ge­baut hat. Den Nach­weis dafür haben ich im Arti­kel und noch detail­lier­ter in den Blog-Posts erbracht. Bern­hard Kave­mann schreibt wei­ter: „Der Ver­such mit den AfD-Poli­ti­kern geht eben­falls dane­ben: „Höcke und Kal­bitz sind aus dem Wes­ten.“ Ja, aber da sind sie nichts gewor­den, waren klei­ne Lich­ter, groß sind sie erst im Osten gewor­den.“ Im Arti­kel habe ich bereits Georg Maa­ßen erwähnt, der nicht im Osten groß gewor­den ist, son­dern im Ver­fas­sungs­schutz. Das Bun­des­ka­bi­nett hat ihn 2012 auf Vor­schlag des Bun­des­in­nen­mi­nis­ters Hans-Peter Fried­rich (CSU) zum Chef gemacht. Inzwi­schen wird Maa­ßen von der Behör­de, der er vor­saß, beob­ach­tet. Auch Dr. Alex­an­der „Wir wer­den sie jagen“ Gau­land ist nicht durch Ossis groß gewor­den. Vogel­schiss-Gau­land war von 1973 bis 2013 in der CDU, war im Magis­trat von Frankfurt/Main, und lei­te­te von 1987 bis 1991 die Hes­si­sche Staats­kanz­lei. Er ist jetzt Ehren­vor­sit­zen­der der Höcke-AfD und Vor­sit­zen­der der Bun­des­tags­frak­ti­on. Alle die­je­ni­gen, die noch ein biss­chen Anstand haben, sind bereits aus der AfD aus­ge­tre­ten. Wo kom­men die füh­ren­den Nazis her? Wer hat sie groß gemacht? Gern bit­te in mei­nem Blog in der Rubrik Nazis nachlesen. 

Hel­gard Most merkt an, dass man bei der Dis­kus­si­on mit Anne Rabe beim taz-Lab mei­ne Behaup­tun­gen nicht nach­prü­fen konn­te. Dafür habe ich den Blog geschrie­ben und den Arti­kel in der Ber­li­ner Zei­tung ver­öf­fent­licht. Die Blog-Bei­trä­ge hat­te ich aus­ge­druckt beim taz-Lab mit. 80 Sei­ten. Ich hät­te sie Anne Rabe geschenkt. Wirk­lich. HM behaup­tet wei­ter: „Wir Leser*innen sind intel­li­gent genug, zwi­schen einem Roman, der Anre­gun­gen für eige­ne Gedan­ken geben soll, und der Pau­scha­li­sie­rung einer gan­zen Bevölkerung, wie Herr Müller sie behaup­tet, zu unter­schei­den.“ Das mag für Frau Most zutref­fen, ist aber im All­ge­mei­nen lei­der nicht rich­tig. Mein ers­ter Anne Rabe-Post im Blog bezog sich des­halb auch nicht auf den Roman, den ich damals noch nicht gele­sen hat­te, son­dern auf die Dis­kus­si­on, den die­ser Roman aus­ge­löst hat. Da wird pau­scha­li­siert, die Mär von der gewalt­tä­ti­gen DDR wird ver­brei­tet. End­lich eine Erklä­rung dafür, wie komisch die Ossis sind. Ich möch­te hier ein wei­te­res wich­ti­ges Bei­spiel für die Roman/­Sach­buch-Dis­kus­si­on geben. Anne Rabe behaup­tet: „Auch waren Anti­se­mi­tis­mus und Natio­na­lis­mus wich­ti­ge Bestand­tei­le der sowje­ti­schen und real­so­zia­lis­ti­schen Ideo­lo­gie.“ Das ist eine Tat­sa­chen­be­haup­tung. Der Kon­text ist:

In der DDR droh­te die Dik­ta­tur zudem stän­dig, einen für die Ver­gan­gen­heit zur Ver­ant­wor­tung zu zie­hen. Auch des­halb wur­de geschwie­gen. In einem Land, in dem der Anti­fa­schis­mus Staats­rä­son war, wie soll man da über das spre­chen, was man in der »faschis­ti­schen Wehr­macht« getan hat­te? Auch waren Anti­se­mi­tis­mus und Natio­na­lis­mus wich­ti­ge Bestand­tei­le der sowje­ti­schen und real­so­zia­lis­ti­schen Ideologie.

S. 215

Das ist nicht ein Satz, den irgend­ei­ne Per­son im Roman sagt. Das ist eine Erklä­rung für den Leser. Und sie ist fak­tisch falsch. Ich habe das in mei­nem Blog-Post zum Holo­caust aus­führ­lich bespro­chen und es gibt auch diver­se ande­re Posts, zum Bei­spiel einen, der eine wis­sen­schaft­li­che Stu­die zu Poli­ti­kern in Ost und West aus­wer­tet. Im Osten gab es in den ver­schie­de­nen Regie­run­gen neun, dann acht, dann einen jüdi­schen Poli­ti­ker. Unter ande­rem Klaus Gysi. Im Wes­ten gab es nie in irgend­ei­ner Regie­rung einen. Null. Wich­ti­ge Poli­ti­ker, Musi­ker, Künst­ler der DDR waren Juden. Der Vater von Anet­ta Kaha­ne war ganz vorn mit dabei: Er hat die Nach­rich­ten­agen­tur ADN auf­ge­baut und lei­te­te das Neue Deutsch­land. Wolf Bier­mann hat­te mit Mar­got Hon­ecker meh­re­re Jah­re in einem Haus­halt gelebt. Mari­on Brasch hat als Jüdin Yas­sir Ara­fat am Wer­bel­lin­see begrüßt. Als ich einen Bre­mer Pro­fes­sor für Poli­tik­wis­sen­schaft nach sei­ner Evi­denz bezüg­lich tra­dier­ten Anti­se­mi­tis­mus’ in der DDR frag­te, schrieb er mir zurück, ich sol­le doch mal das Buch von Anne Rabe lesen. Das ist das Niveau, auf dem die Dis­kus­si­on läuft. Ein Wis­sen­schaft­ler ver­weist mich auf ein Buch, das nicht als Sach­buch bewer­tet wur­de und des­halb auch nicht das wis­sen­schaft­li­che Qua­li­täts­si­che­rungs­sys­tem durch­lau­fen hat. Beim taz-Lab gab es eine Dis­kus­si­on zwi­schen dem Schrift­stel­ler Mar­co Mar­tin und der His­to­ri­ke­rin Kat­ja Hoyer. Ich habe Hoyers Buch noch nicht gele­sen und kann zu sei­ner Qua­li­tät nichts sagen, aber Mar­co Mar­tin behaup­te­te, dass es nicht wahr sei, dass die Sie­ger die Geschich­te schrei­ben, und führt zum Bei­spiel Ines Gei­pel und Anne Rabe als ost­deut­sche Stim­men an, die ja den Gegen­part zu den Sie­gern über­näh­men. Das heißt, dass Anne Rabe auf eine Stu­fe mit His­to­ri­kern gestellt wird, die in einem Qua­li­täts­si­che­rungs­sys­tem arbei­ten und ver­öf­fent­li­chen. So wird aus einem Roman ein Sach­buch. Zu Ines Gei­pel gibt es eine Doku­men­ta­ti­on des MDR, die dis­ku­tiert, dass Gei­pel weder Olym­pio­ni­kin, noch Welt­re­kord­hal­te­rin war, dass die Zah­len der Doping­op­fer, die sie als Che­fin der Doping­op­fer­hil­fe genannt hat, viel zu hoch waren. Gei­pel hat eine Pro­gramm­be­schwer­de beim Rund­funk­rat ein­ge­legt. Die 101-sei­ti­ge Erwi­de­rung des MDR liegt mir vor. Die Autor*innen nen­nen Gei­pel dar­in eine Lüg­ne­rin und Hoch­stap­le­rin, die Wör­ter Unver­fro­ren­heit und Dreis­tig­keit kom­men vor. Wie­so soll jemand, der in Bezug auf sei­ne eige­ne Geschich­te lügt, eine glaub­wür­di­ge Quel­le für unser aller Geschich­te sein? Über den Holo­caust schreibt Gei­pel: „Mit die­ser instru­men­tel­len Ver­ges­sens­po­li­tik wur­de im sel­ben Atem­zug der Holo­caust für 40 Jah­re in den Ost-Eis­schrank gescho­ben. Er kam öffent­lich nicht vor.“ Das ist fak­tisch falsch, wie ich aus­führ­lich in Der Ossi und der Holo­caust nach­ge­wie­sen habe.  Anne Rabe und ihre (ehe­ma­li­ge?) Freun­din Ines Gei­pel sind kei­ne ver­läss­li­chen Quel­len, was die Geschich­te der DDR angeht. Das in Bezug auf Anne Rabe zu zei­gen, war das Ziel mei­nes Bei­trags in der Ber­li­ner Zei­tung. Und dann bleibt die Fra­ge: Wer schreibt unse­re Geschichte?

Den Leser­brief zu den Blu­men­töp­fen ver­ste­he ich nicht. Ich weiß nicht, war­um die Leser­brief­re­dak­ti­on ihn aus­ge­sucht hat. 

Rein­hard Brett­schnei­der wirft mir vor, dass ich die Spal­tung erhal­ten will. Nichts liegt mir fer­ner. Wie gesagt: Ich habe mich bis 2013 nicht als Ossi gese­hen. Die Spal­tung ist jedoch real. Vie­les wird man nicht mehr repa­rie­ren kön­nen. Eigen­tums­struk­tu­ren wer­den immer so blei­ben: Ver­mie­ter woh­nen im Wes­ten, die Ein­nah­men flie­ßen dort­hin ab. Fir­men­sit­ze lie­gen im Wes­ten, Ein­nah­men und Paten­te gehen in den Wes­ten. Steu­ern wer­den nicht im Osten gezahlt, son­dern am Fir­men­sitz. Aber man könn­te eini­ge Din­ge ändern, die zur Ver­hei­lung eini­ger Wun­den bei­tra­gen könn­ten. Dazu gehört, dass respekt­voll über den Osten geschrie­ben wird, ja, dass die Men­schen dort über­haupt als sol­che wahr­ge­nom­men wer­den. Ich habe in mei­nem Blog eini­ge Fäl­le dis­ku­tiert, in denen West-Autoren und ‑Wis­sen­schaft­ler über den Osten reden, als wäre er nicht Teil des Lan­des. Und das in Arti­keln, die einen posi­ti­ven Bei­trag zur Ost-West-Debat­te leis­ten wol­len. Ich kämp­fe dafür, dass für die­se Pro­ble­me über­haupt erst mal ein Bewusst­sein ent­steht. Das ist drin­gend not­wen­dig, denn ein ver­nünf­ti­ges Mit­ein­an­der ist auch ein Betrag im Kampf gegen den Faschis­mus. In der taz schreibt Georg Seeß­len: „Die Men­schen, die einem Maxi­mi­li­an Krah zuju­beln, […] trotz der Nach­rich­ten über die­sen Mann, müs­sen einen fun­da­men­ta­len Bruch voll­zo­gen haben.“ Der Punkt hier ist: Die­se Men­schen wur­den von den rele­van­ten Nach­rich­ten wahr­schein­lich nicht erreicht, denn sie sind nicht mehr Teil des gesell­schaft­li­chen Dis­kur­ses. 2021 schrieb Anne Fromm in der taz: „2,5 Pro­zent ihrer Gesamt­auf­la­ge ver­kauft die Süd­deut­sche Zei­tung in den Neu­en Bun­des­län­dern. 3,4 Pro­zent sind es bei der FAZ, etwa 4 Pro­zent beim Spie­gel. Bei der taz sind es, das steht nicht in der Stu­die, rund 6 Pro­zent. […] Die Ost­deut­schen lesen also kei­ne Zei­tun­gen, zumin­dest kei­ne über­re­gio­na­len mit Sitz in der alten BRD.“ War­um soll ich Geld für Druckerzeug­nis­se bezah­len, in denen dau­ernd merk­wür­di­ge Din­ge über mich ste­hen? Ich möch­te, dass es wie­der einen Dis­kurs gibt. Dass wir mit­ein­an­der reden, nicht über­ein­an­der. Ich bin also kein Spal­ter. Ich kämp­fe für ein Mit­ein­an­der, eine Eini­gung, für die deut­sche Ein­heit! Wer hät­te das 1989 gedacht?

Quellen

Beer, Maxi­mi­li­an & Hol­ler­sen, Wieb­ke. 2023. „Es hat eher wenig mit der DDR zu tun“: For­scher über Rechts­extre­mis­mus in Ost­deutsch­land. Ber­li­ner Zei­tung. 08.07.2023. (https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/die-these-vom-rechtsruck-ist-unsinn-forscher-ueber-ostdeutschland-extremismus-und-afd-li.366563)

Fromm, Anne. 2021. Pres­se in Ost­deutsch­land: Wer strei­chelt unse­re See­le? taz, 09.03.2021. Ber­lin. (https://taz.de/Presse-in-Ostdeutschland/!5756271/)

Höynck, The­re­sia & Behn­sen, Mira & Zäh­rin­ger, Ulri­ke. 2015. Tötungs­de­lik­te an Kin­dern unter 6 Jah­ren in Deutsch­land: Eine kri­mi­no­lo­gi­sche Unter­su­chung anhand von Straf­ver­fah­rens­ak­ten (1997–2006). Wies­ba­den: Sprin­ger. (https://doi.org/10.1007/978–3‑658–07587‑3)

Kar­te, Uwe. 2023. Doping und Dich­tung – Das schwie­ri­ge Erbe des DDR-Sports. mdr. 21.01.2023 (https://www.youtube.com/watch?v=FUInTLwH4fI)

MDR Haupt­re­dak­ti­on Sport. 2023. MDR-Doku­men­ta­ti­on „Doping und Dich­tung“ Fak­ten­check. Leip­zig.

Teuw­sen, Peer. 2023. Ver­heim­lich­te Nähe. Neue Züri­cher Zei­tung. 30.09.2023. (https://www.nzz.ch/feuilleton/anne-rabe-verheimlichte-naehe-ld.1782626)

Wir, die Soziologin und die aus dem zwar vorbildlichen, aber abweichenden Osten

Ich habe schon im Bei­trag über Kling Klang und den Osten dar­über geschrie­ben, dass Zei­tungs­bei­trä­ge die Ossis ein­fach nicht zur Leser­schaft zäh­len. Es wird über sie geschrie­ben. Selbst in Fäl­len in denen die Autor*innen das eigent­lich ändern wol­len und auf eine bes­se­re Ver­stän­di­gung und mehr Respekt hin­ar­bei­ten. Hier möch­te ich ein par­al­le­les Bei­spiel aus der Wis­sen­schaft diskutieren.

Die Sozio­lo­gin Prof. Jut­ta All­men­din­ger spricht über Kin­der­be­treu­ung und wie sich das alles bei „uns“ ver­än­dert und ver­bes­sert hat. Wie „wir“ mit gewis­sen Pro­ble­men umge­hen und erwähnt dann lobend und ver­glei­chend den Osten. Wenn man genau hin­hört oder hin­ter­her noch mal drü­ber nach­denkt, merkt man, dass der Osten nicht zu „wir“ gehört. Der Osten ist immer das Ande­re, das Abwei­chen­de. Etwas mit dem man sich ver­glei­chen kann. 

Wir sind halt kei­ne dop­pel­ten Lott­chen. Wir leben in unse­rer Gesell­schaft. Wir kön­nen hier nur Ver­glei­che anziehn. Bei­spiels­wei­se zu den ost­deut­schen Län­dern, wo immer noch es viel, viel selbst­ver­ständ­li­cher ist, dass Frau­en auch erwerbs­tä­tig, auch ganz­tags erwerbs­tä­tig sind.

Zer­back, Sarah, 15. Mai 2024: Sozio­lo­gin zu Fami­li­en: 33-Stun­den-Woche für bei­de Eltern­tei­le ide­al Inter­view mit Prof. Jut­ta All­men­din­ger. Rele­van­ter Teil beginnt ab 4:03.

Als Wissenschaftler*in müss­te man sagen: Bei uns ist das so: Einer­seits haben wir X im Wes­ten und ande­rer­seits haben wir Y im Osten.

Dass es Unter­schie­de gibt, lässt sich nicht leug­nen. Aber die gibt es auch zwi­schen Nord und Süd (zum Bei­spiel im Fleischverbrauch).

Vie­le Ossis woll­ten lan­ge dazu­ge­hö­ren. Jetzt haben sie auf­ge­ge­ben. Die Schlumpf­par­tei hört ihnen zu. Alle ande­ren haben ver­sagt. Ver­sa­gen immer noch.

Und wie man sieht, ist das Gan­ze nicht nur ein Pro­blem der (West-)Medien, son­dern auch eins der Intel­li­genz, der wis­sen­schaft­li­chen Elite.

Kling, klang, Du und ich – Und was ist mit mir?

Das war lus­tig: Peter Unfried fragt in der taz: „Wer von Ihnen hat schon zu „Kling Klang“ getanzt?“ Ich denk so bei mir: „Äh, Kling Klang? Was meint er? Keim­zeit kann’s ja nicht sein, ist doch ein Wes­si.“ Und dann geht es im Arti­kel dar­um, dass das ein Ossi-Wes­si-Test ist, mit dem man ermit­teln kann, wo jemand herkommt.

Keim­zeit ist Schla­ger. Biss­chen über banal. Das Lus­ti­ge ist, dass mir Nor­bert Lei­se­gang als Sup­port von San­dow unter­ge­kom­men ist, wes­halb ich ihn sogar foto­gra­fiert habe.

Peter Unfried schreibt: 

Eine vol­le Tanz­flä­che bei „Kling Klang“ wird es nicht rei­ßen, aber es wäre ein Anfang, eine Ges­te des kul­tu­rell-bio­gra­fi­schen Respekts, die du und ich uns echt abrin­gen sollten.

Peter Unfried: Ossis und Wes­sis: Wer hat zu „Kling Klang“ getanzt? taz, 23.04.2024

Es gibt drei Mög­lich­kei­ten, wie ich auf die­se Zei­len ant­wor­ten kann.

  • Ich schreie drei mal India­ner! Weil die Wes­sis sich jetzt ein­fach unse­re Kul­tur aneig­nen! Selbst #Keim­zeit wol­len sie uns wegnehmen.
  • Ich sage schlicht, dass ich nie zu Keim­zeit tan­zen wer­de. Dann lie­ber gleich zu Sandow.
  • Ich wei­se dar­auf hin, dass die­ser ver­damm­te Wes­si Peter Unfried für dich und für sich sel­ber geschrie­ben hat, aber nicht für uns, denn Wes­sis reden nicht mit uns, son­dern über uns und dass sie mal nett zu uns sein sollten.

Ich habe das Gan­ze für Mast­o­don etwas zuge­spitzt, aber das Bei­spiel illus­triert doch recht schön, dass „die Medi­en“ über uns schrei­ben, als wären wir nicht im sel­ben (Diskurs-)Raum. Selbst wenn sie wie Peter Unfried im Kon­kre­ten und die taz im All­ge­mei­nen das Pro­blem erkannt haben und eine Wie­der­ver­ei­ni­gung her­bei­füh­ren wol­len. Der Osten, das sind immer die Ande­ren. Selbst bei Wissenschaftler*innen, die doch neu­tra­ler und sys­te­ma­ti­scher vor­ge­hen soll­ten. Sie­he Blog-Post über ein Radio-Inter­view mit Jut­ta Allmendinger.

PS: Mir ist erst spä­ter auf­ge­fal­len, dass das „Du und ich“ eine geschick­te Wie­der­auf­nah­me des Lied­tex­tes war. Nur ist sie lei­der für alle, die „Born in the GDR“ sind, dane­ben gegangen.

Kai-Uwe Kohl­schmidt, Sän­ger von Sandow
her­vor­ge­ho­be­ner Leser­brief in der taz, die zum taz-Lab erschie­nen ist.
Leser­brief in der taz, die zum taz-Lab erschie­nen ist.

Anne Rabe – Leserbriefe

Ich habe vie­le, vie­le Reak­tio­nen zu mei­nem Arti­kel über Anne Rabes Buch in der Ber­li­ner Zei­tung bekom­men: Leser­brie­fe über die BLZ, Emails direkt an mich, Brie­fe und Post-Kar­ten, Anru­fe, Hin­wei­se auf Bücher mit eige­nen Bio­gra­fien, ja sogar ein Päck­chen mit einem sol­chen Buch. Eine Zuschrift war eine Inter­view­an­fra­ge eines Ham­bur­ger Radio-Sen­ders. Das Inter­view in „Hei­ße Tas­se“ hat inzwi­schen statt­ge­fun­den und ist auch Bestand­teil mei­nes Blogs gewor­den. Ins­ge­samt waren von den Zuschrif­ten 30 posi­tiv und sechs in ein­zel­nen Punk­ten kri­tisch oder ins­ge­samt nega­tiv (Stand 14.06.2024). Zu den negativen/kritischen möch­te ich hier Stel­lung neh­men. Tei­le posi­ti­ver und nega­ti­ver Brie­fe wur­den in der Ber­li­ner Zei­tung am 01.06.2024 ver­öf­fent­licht. Dazu gibt es eine Ant­wort in der BLZ vom 15.06.2024. Der ursprüng­li­che Ant­wort­text war 17.000 Zei­chen lang und lag somit deut­lich über den 5.000 zur Ver­fü­gung ste­hen­den Zei­chen. Die­ser Text über­lappt sich etwas mit den Ant­wor­ten hier.

Saarbrücken ist nicht Neunkirchen

Auf Mast­o­don und von einem Leser wur­de ich dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Erich Hon­ecker nicht in Saar­brü­cken son­dern in Neun­kir­chen gebo­ren ist. Die­ser Feh­ler tut mir Leid. Er war im ursprüng­li­chen Blog­post nicht ent­hal­ten und mei­ne Erin­ne­rung hat mich wohl der Poin­te wegen beim Schrei­ben des Arti­kels getäuscht. Da ich den gedruck­ten Arti­kel in der Ber­li­ner Zei­tung nicht mehr ändern kann, wer­de ich den Hon­ecker-Ein­trag in der Wiki­pe­dia ändern. (Das war ein Scherz, der zum nächs­ten Abschnitt überleitet.)

Wikipedia ist keine wissenschaftliche Quelle

Mehr­fach kam der Ein­wand, dass Wiki­pe­dia kei­ne wis­sen­schaft­li­che Quel­le ist. Das ist mir durch­aus bewusst. Ich bil­de Student*innen im wis­sen­schaft­li­chen Arbei­ten aus (sie­he hier mei­ne Richt­li­ni­en für Haus­ar­bei­ten). In der Online-Ver­si­on des Arti­kels sind die wis­sen­schaft­li­chen Quel­len zitiert. Im Druck-Arti­kel war dafür kein Platz, aber am Ende des Arti­kels gibt es einen Ver­weis auf die Online-Ver­si­on.

Wiki­pe­dia ist auch für Wissenschaftler*innen ein ers­ter Anlauf­punkt. Man kann dort nach­le­sen und dann die dort zitier­te Fach­li­te­ra­tur kon­sul­tie­ren. Im Fall der Amok­läu­fe und der Kinds­tö­tun­gen habe ich das getan. Der Ver­weis auf Wiki­pe­dia im BLZ-Arti­kel und hier im Blog-Post hat­te den Sinn zu zei­gen, wie ein­fach es gewe­sen wäre, einen Start­punkt für wei­te­re Recher­chen zu fin­den. Weder Anne Rabe noch irgendeine*r der Buchpreis-Juror*innen oder Rezensent*innen (Aus­nah­me Wieb­ke Hol­ler­sen) hat das getan. Ich zitie­re hier mei­nen Artikel:

Zusam­men­fas­send kann man sagen, dass Anne Rabes Buch an vie­len wich­ti­gen Stel­len gra­vie­ren­de Feh­ler ent­hält, die oft­mals durch nur einen Klick in die ent­spre­chen­den Wiki­pe­dia-Arti­kel oder einen zwei­ten Klick in die dort ver­link­te Fach­li­te­ra­tur als sol­che erkannt wer­den können.

Ein wei­te­rer Grund, Wiki­pe­dia in bestimm­ten Situa­tio­nen zu ver­wen­den, ist, dass Argu­men­ta­tio­nen nach­voll­zieh­bar sein sol­len. Die ver­link­ten Doku­men­te müs­sen dazu zugäng­lich sein. Das ist bei Fach­pu­bli­ka­tio­nen lei­der immer noch nicht der Fall. Eine Zusam­men­stel­lung der Fak­ten über die Wehr­sport­grup­pe Hoff­mann wäre zum Bei­spiel nicht zu leis­ten. Ich müss­te dazu im Prin­zip Wiki­pe­dia replizieren.

Absolute und relative Zahlen

Ein Pro­fes­sor schreibt mir:

Wenn Herr Pro­fes­sor Mül­ler so stark auf die Rich­tig­keit der Fak­ten abstellt, was die Aus­sa­gen von Frau Rabe in Ihrem Buch „Die Mög­lich­keit von Glück“ angeht, so ist das nicht zu bean­stan­den. Es stimmt mich aber bedenk­lich — und das stellt dann auch den gan­zen Arti­kel in Fra­ge — wenn die Aus­sa­gen der Autorin bewusst (?) nicht rich­tig inter­pre­tiert wer­den. Wenn im Jah­re 2006 im Wes­ten 48 und im Osten 34 Kinds­tö­tun­gen erfolg­ten, dann kann man nicht ein­fach sagen, dass dies 29% weni­ger Tötun­gen im Osten waren als im Wes­ten. Wer die­se Zah­len näm­lich ins Ver­hält­nis zum Bevöl­ke­rungs­an­teil setzt, der stellt fest, dass 2006 4x mehr West­deut­sche als Ost­deut­sche in Deutsch­land leb­ten. Wenn ich die Zahl 48 mit 4 mul­ti­pli­zie­re, dann ist das Ergeb­nis 192. Die Aus­sa­ge von Frau Rabe — rich­tig inter­pre­tiert — fällt sogar noch güns­tig für die Ost­deut­schen aus. 

Herr Pro­fes­sor Mül­ler: Wenn man so anspruchs­voll daher­kommt, soll­te man sich schon etwas mehr Mühe geben.

Leser­brief OL

Die­se Aus­sa­ge ent­hält die Unter­stel­lung, ich hät­te die Autorin bewusst fehl­in­ter­pre­tiert. Hier ist die zitier­te Stel­le aus mei­nem BLZ-Artikel:

Als letz­ten Punkt möch­te ich die Kinds­tö­tun­gen anspre­chen. Anne Rabe behaup­tet in ihrem Nicht-Sach­buch, dass die Zahl der Kinds­tö­tun­gen in den 90er- und 2000er-Jah­ren im Osten dop­pelt so hoch war wie im Wes­ten und im Jahr 2006 auf das Vier­fa­che anstieg. Schaut man in Stu­di­en zur Poli­zei­li­chen Kri­mi­nal­sta­tis­tik (PKS) die­ser Jah­re, stellt man fest, dass die Fall­zah­len ins­ge­samt so klein sind, dass man kei­ne sta­tis­tisch rele­van­ten Aus­sa­gen machen kann. 

Außer­dem wei­sen die Autorin­nen dar­auf hin, dass die Fäl­le mit dem Jahr der Erfas­sung in die PKS ein­ge­hen. Das war für die neun Kinds­tö­tun­gen, die in Frank­furt (Oder) zwi­schen 1988 und 1999 statt­fan­den, das Jahr 2006. Dadurch ist der extre­me Anstieg von 2006 zu erklä­ren, denn die Fall­zah­len ins­ge­samt sind sehr klein. Zu guter Letzt ist die Aus­sa­ge von Anne Rabe, die Zahl der Kinds­tö­tun­gen sei im Osten dop­pelt so hoch wie im Wes­ten gewe­sen, schlicht falsch. Wenn dem so wäre, wäre das wirk­lich extrem, denn im Osten gibt es viel weni­ger Men­schen und viel gerin­ge­re Gebur­ten­ra­ten als im Westen.

Die abso­lu­ten Zah­len für 2006 betra­gen 48 tote Kin­der für West­deutsch­land und 34 für Ost­deutsch­land – das sind 29 Pro­zent weni­ger. Wenn die abso­lu­ten Zah­len im Osten vier­mal so groß wie im Wes­ten gewe­sen wären, hät­ten es 192 statt 34 Kinds­tö­tun­gen sein müssen.

Die Kri­tik des Lesers ist sehr merk­wür­dig, denn ich habe im Satz vor den abso­lu­ten Zah­len geschrie­ben, dass es im Osten viel weni­ger Men­schen und viel nied­ri­ge­re Geburts­ra­ten gibt als im Wes­ten und dass man, wenn man die abso­lu­ten Zah­len betrach­ten wür­de, nicht auf eine um den Fak­tor vier höhe­re Tötungs­zahl kom­men könn­te. Im von mir ein­ge­reich­ten Bei­trag stand auch noch ein Satz zur Ermitt­lung der Opfer­zif­fern (OZ). Rele­vant sind die Kinds­tö­tun­gen pro 100.000 Men­schen im rele­van­ten Alter (Kin­der unter sechs Jahren). 

Lei­der ist die­ser Satz im Redak­ti­ons­pro­zess ver­lo­ren gegan­gen, was mir nicht auf­ge­fal­len ist. Ich hät­te den gan­zen Absatz noch ein­mal sorg­fäl­tig lesen müs­sen. Jetzt steht fol­gen­des in der Online-Version:

Die abso­lu­ten Zah­len für 2006 sind für West­deutsch­land 48 und für Ost­deutsch­land 34. Was unter­sucht wur­de, ist die Anzahl der Kinds­tö­tun­gen pro 100.000 Kin­dern unter sechs Jahren. 

Im Ori­gi­nal-Blog­post zum The­ma ist das rich­tig. Hier noch ein­mal die Gra­fik aus der Poli­zei­sta­tis­tik mit den rela­ti­ven und abso­lu­ten Zahlen:

Man sieht sehr schön, dass die rela­ti­ven Zah­len (West 1,28 vs. Ost 5,76) sich anders ver­hal­ten als die abso­lu­ten (48 vs. 34). Die rela­ti­ven Zah­len sind in der Tat um den Fak­tor vier höher, die abso­lu­ten Zah­len sind aber um 29 % niedriger.

Wer spricht?

Leser Rein­hard Brett­schnei­der schreibt:

Sehr geehr­ter Herr Mül­ler, lie­be Ber­li­ner Zei­tung, es ist sehr gut, dass die Ber­li­ner Zei­tung so viel­fäl­tig und frei Men­schen ihre Mei­nung schrei­ben lässt. Ich fin­de es super, Herr Mül­ler, dass Sie die­sen Frei­raum nut­zen. Ich bin froh, dass ich, sei­ner­zeit 29 Jah­re alt, mit dem Ende der DDR die­se Frei­hei­ten auch dort erle­ben konn­te.

Ich fin­de mich in Ihren Arti­kel in kei­ner Wei­se wie­der. Für mich ein Arti­kel mehr, der Spal­tung zwi­schen Ost und West erhal­ten will. Und ich per­sön­lich bin sehr froh, dass ich sowohl per­sön­lich als auch beruf­lich die­sen Spal­ter­geist nicht erle­be.

Eine Sache hat mich beson­ders irri­tiert. Gleich am Anfang schlie­ßen Sie
2 Grup­pen aus dem Dis­kurs aus und Ihre Begrün­dun­gen klin­gen für mich wie „nied­ri­ge Beweg­grün­de“ mit denen bei­de Grup­pe, ihre Mei­nung zur DDR bil­den.. Wenn ich ehe­ma­li­ge Oppo­si­tio­nel­le in Medi­en oder anders­wo erle­be, so haben sie sehr unter­schied­li­che und dif­fe­ren­zier­te Mei­nun­gen.
Zu der ande­ren Grup­pe hat­te und habe ich zu wenig Kon­takt.

Ich bin Phy­si­ker und des­halb etwas zah­len­af­fin. Herr Mül­ler, Sie haben voll­kom­men recht, dass Frau Rabe falsch liegt, wenn sie behaup­tet hat, dass die abso­lu­te Zahl der Kinds­tö­tun­gen in in den neu­en Bun­des­län­dern über den der alten Län­der lag. Ich ken­ne das Ori­gi­nal­zi­tat von Frau Rabe nicht, aber üblich sind in sol­chen Fäl­len für Ver­glei­che natür­lich rela­ti­ve Zah­len.
Gro­be Zah­len zum ein­fa­chen Rech­nen: Neue Län­der ca. 14 Mio (inkl. 1,4 Mio Ber­lin), alte Län­der 70 Mio., 25 (=34–9 wegen des Son­der­ef­fekts) vs.
48 macht einen Anteil von 1,8 pro Mio Ein­woh­ner gegen 0,7 pro 1 Mio. Das ist etwa das 2,5 fache. Das ist schon eine deut­li­che Kor­re­la­ti­on, ins­be­son­de­re wenn es über einen lan­gen Zeit­raum so war. Kor­re­la­ti­on ist kei­ne Kau­sa­li­tät. Und ich ver­mu­te, dass die abso­lu­te Zahl (zum Glück) so klein ist, dass die gewiss viel­fäl­ti­gen Ursa­chen nicht wis­sen­schaft­lich erforscht wer­den.

Lie­be Ber­li­ner Zei­tung, auch wenn Sie für die OS-Arti­kel inhalt­li­che Ver­ant­wor­tung aus­schlie­ßen, wäre ein Fak­ten­check bei einem Arti­kel, der sich auf Fak­ten beruft, viel­leicht doch angebracht.

Leser­brief Rein­hard Brettschneider

Hier die ein­zel­nen Punk­te kommentiert:

Für mich ein Arti­kel mehr, der Spal­tung zwi­schen Ost und West erhal­ten will. Und ich per­sön­lich bin sehr froh, dass ich sowohl per­sön­lich als auch beruf­lich die­sen Spal­ter­geist nicht erlebe.

Leser­brief Rein­hard Brettschneider

Sehr geehr­ter Herr Brett­schnei­der, ein ers­ter Bei­trag zur Hei­lung wäre ein ange­mes­se­ne Wahr­neh­mung der Tat­sa­chen, eine fai­re Bericht­erstat­tung in den Medi­en. Die­se ist nicht gege­ben, wes­halb ich die­sen Blog betrei­be. Ich erle­be die­sen Spal­ter­geist auch weder beruf­lich noch per­sön­lich. Wir hat­ten gera­de eine pri­va­te Par­ty mit ca. 70 Men­schen, bei denen wahr­schein­lich 80 Pro­zent aus dem Wes­ten waren. Wir waren mit Fami­li­en aus dem Wes­ten im Urlaub usw. In mei­nem Umfeld an der Hum­boldt-Uni kom­me ich prims­tens mit allen aus. Eini­ge mei­ner Kolleg*innen haben mich auch auf den Arti­kel ange­spro­chen. Posi­tiv. Die Spal­tung ist real. Gera­de auch bei Pro­fes­su­ren zeigt sie sich. Ich bin an unse­rem Insti­tut an einer Ost-Uni der ein­zi­ge Ossi von neun Pro­fes­su­ren. Von 22 Jura-Professor*innen sind zwei aus dem Osten. Ich habe in Ich will was sagen über mei­ne Ent­wick­lung zum Ossi und die Grün­de für die­sen Blog geschrie­ben. Spal­tung liegt mir fern. Wis­sen­schaft geht auch ohne­hin nur gemein­sam. Ich habe lan­ge Jah­re in Saar­brü­cken, Bre­men, in Jena und auch an der FU-Ber­lin gear­bei­tet. Aus­schließ­lich mit West-Professor*innen. Ich bin auch ins DFG-Fach­kol­le­gi­um gewählt wor­den. Das Fach­kol­le­gi­um ver­gibt die For­schungs­mit­tel, die Wissenschaftler*innen bean­tra­gen kön­nen. Wäh­len dür­fen alle im betref­fen­den Fach Pro­mo­vier­ten. Auch dort war ich der ein­zi­ge Ossi. Ich habe als Ossi im beruf­li­chen Umfeld kei­ner­lei Pro­ble­me. Ich möch­te hier auf Miss­stän­de hin­wei­sen und die Spal­tung über­win­den. Dazu ist es wich­tig, dass ten­den­ziö­ser Bericht­erstat­tung etwas ent­ge­gen­ge­stellt wird. 

Eine Sache hat mich beson­ders irri­tiert. Gleich am Anfang schlie­ßen Sie
2 Grup­pen aus dem Dis­kurs aus und Ihre Begrün­dun­gen klin­gen für mich wie „nied­ri­ge Beweg­grün­de“ mit denen bei­de Grup­pe, ihre Mei­nung zur DDR bil­den.. Wenn ich ehe­ma­li­ge Oppo­si­tio­nel­le in Medi­en oder anders­wo erle­be, so haben sie sehr unter­schied­li­che und dif­fe­ren­zier­te Mei­nun­gen.
Zu der ande­ren Grup­pe hat­te und habe ich zu wenig Kontakt.

Leser­brief Rein­hard Brettschneider

Ich habe zu die­sem Punkt in einem Blog-Post über einen Arti­kel von Patri­ce Pou­trus geschrie­ben. Ad homi­nem-Argu­men­te sind immer schwach, in bestimm­ten Dis­kus­sio­nen sogar schlecht, eine Form von What­a­bou­tism. Aber in der aktu­el­len Situa­ti­on ist es schon wich­tig zu schau­en, wer spricht. Mir geht es um extre­me Ansich­ten. Es gibt His­to­ri­ker oder ande­re Autor*innen, die kein gutes Haar an der DDR las­sen und eben auch fak­tisch Fal­sches oder logisch Unhalt­ba­res von sich geben. Und man fragt sich dann, war­um sie das tun. Patri­ce Pou­trus war in der DDR haupt­amt­li­cher FDJ-Sekre­tär. Er hat vor der Wen­de ange­fan­gen Geschich­te zu stu­die­ren. Das waren nur die rötes­ten Socken. Genau­so kommt Ines Gei­pel aus einem Eltern­haus mit Sta­si-IM, der für Ter­ror­an­schlä­ge auf dem Gebiet der BRD zustän­dig war. Kaha­ne ist die Toch­ter eines füh­ren­den DDR-Jour­na­lis­ten. Die­se Men­schen haben sich irgend­wann von ihrer Ver­gan­gen­heit gelöst, sind dabei aber über das Ziel hin­aus­ge­schos­sen. Sie sind kei­ne ver­läss­li­chen his­to­ri­schen Zeit­zeu­gen, so wie Anne Rabe auch kei­ne ver­läss­li­che Quel­le in Bezug auf die DDR ist. Der Abschnitt mit der Selbst­vor­stel­lung in der Ber­li­ner Zei­tung ist – gemes­sen an dem, was ich hät­te auch noch sagen wol­len und müs­sen – viel­leicht etwas zu lang gera­ten. Er war nötig, um zu zei­gen, dass ich kein „Im Osten war alles dufte“-Mensch bin, kein Ost­al­gi­ker und kein Jam­mer-Ossi (ein Begriff zur pau­scha­len Zurück­wei­sung aller Klagen).

Übri­gens war ich beim taz-Lab mit zwei Ost­le­rin­nen, die bei­de in der Jun­gen Gemein­de waren. Eine der bei­den ist in der zehn­ten Klas­se aus poli­ti­schen Grün­den von der Schu­le geflo­gen. Sie hat einen Aus­rei­se­an­trag gestellt und durf­te zwei Wochen vor Mau­er­öff­nung in den Wes­ten aus­rei­sen. Wir fan­den es alle drei kuri­os, dass jetzt die Dissident*innen die DDR ver­tei­di­gen müs­sen. Also: Es gibt immer sone und sol­che. Ich ver­su­che, ein dif­fe­ren­zier­tes Bild von der DDR zu zeichnen.

Ich bin Phy­si­ker und des­halb etwas zah­len­af­fin. Herr Mül­ler, Sie haben voll­kom­men recht, dass Frau Rabe falsch liegt, wenn sie behaup­tet hat, dass die abso­lu­te Zahl der Kinds­tö­tun­gen in in den neu­en Bun­des­län­dern über den der alten Län­der lag. Ich ken­ne das Ori­gi­nal­zi­tat von Frau Rabe nicht, aber üblich sind in sol­chen Fäl­len für Ver­glei­che natür­lich rela­ti­ve Zah­len.
Gro­be Zah­len zum ein­fa­chen Rech­nen: Neue Län­der ca. 14 Mio (inkl. 1,4 Mio Ber­lin), alte Län­der 70 Mio., 25 (=34–9 wegen des Son­der­ef­fekts) vs.
48 macht einen Anteil von 1,8 pro Mio Ein­woh­ner gegen 0,7 pro 1 Mio. Das ist etwa das 2,5 fache. Das ist schon eine deut­li­che Kor­re­la­ti­on, ins­be­son­de­re wenn es über einen lan­gen Zeit­raum so war. Kor­re­la­ti­on ist kei­ne Kau­sa­li­tät. Und ich ver­mu­te, dass die abso­lu­te Zahl (zum Glück) so klein ist, dass die gewiss viel­fäl­ti­gen Ursa­chen nicht wis­sen­schaft­lich erforscht wer­den.

Lie­be Ber­li­ner Zei­tung, auch wenn Sie für die OS-Arti­kel inhalt­li­che Ver­ant­wor­tung aus­schlie­ßen, wäre ein Fak­ten­check bei einem Arti­kel, der sich auf Fak­ten beruft, viel­leicht doch angebracht.

Leser­brief Rein­hard Brettschneider

Lie­ber Herr Brett­schnei­der, ich habe ange­fan­gen, Mathe­ma­tik zu stu­die­ren, dann – als es den Fach­be­reich gab – zu Infor­ma­tik gewech­selt und in Infor­ma­tik pro­mo­viert. Ich bin auch zah­len­af­fin. Im vori­gen Abschnitt habe ich erklärt, was schief gegan­gen ist. Der Satz bezüg­lich der Kinds­tö­tun­gen pro 100.000 Gebur­ten ist dem Ping-Pong mit der zustän­di­gen Redak­teu­rin zum Opfer gefal­len. Sie hat­te ange­merkt, dass mit den abso­lu­ten Zah­len etwas unklar sei, wes­halb ich dann noch ein­ge­fügt hat­te, wie hoch die abso­lu­ten Zah­len sein müss­ten, wenn man Anne Rabes Aus­sa­ge zugrun­de­le­gen wür­de. Hier kön­nen Sie auch sehen, dass die Redak­ti­on durch­aus auch inhalt­lich mit mir an dem Arti­kel gear­bei­tet hat. Die Ver­öf­fent­li­chung wur­de um meh­re­re Wochen ver­zö­gert, weil da noch Din­ge geprüft wur­den. Es wäre übri­gens nicht kor­rekt, wie Sie vor­ge­schla­gen haben, die Bevöl­ke­rungs­grö­ßen zum Ver­gleich her­an­zu­zie­hen. Das kann man sehen, wenn man sich über­legt, was wäre, wenn in den neu­en Bun­des­län­dern in einem Jahr nur ein Kind gebo­ren wür­de. Wenn die­ses dann getö­tet wür­de, wäre die Zahl der getö­te­ten Kin­der pro Ein­woh­ner extrem gering. Die Zahl der Kinds­tö­tun­gen pro Geburt läge aber bei 100%. Was in der Poli­zei­sta­tis­tik also ange­ge­ben wur­de sind die Zahl der Kinds­tö­tun­gen pro 100.000 Gebur­ten. Das wäre ver­gleich­bar, wenn es nicht Pro­ble­me mit Dun­kel- und Hell­feld in der Erfas­sung und das Pro­blem der ins­ge­samt zu nied­ri­gen Fall­zah­len gäbe, die Sie ja auch anspre­chen. Man kann dar­aus abso­lut nichts ablei­ten. Das habe ich im Arti­kel auch geschrieben:

Schaut man in Stu­di­en zur Poli­zei­li­chen Kri­mi­nal­sta­tis­tik (PKS) die­ser Jah­re, stellt man fest, dass die Fall­zah­len ins­ge­samt so klein sind, dass man kei­ne sta­tis­tisch rele­van­ten Aus­sa­gen machen kann.

Die Autorin­nen der zitier­ten Stu­die schrei­ben das auch expli­zit (Höynck, Behn­sen & Zäh­rin­ger. 2015: 337). Sie kön­nen in der Stu­die auch noch wei­te­re pro­ble­ma­ti­sche Aspek­te fin­den. Zum Bei­spiel Auf­nah­me des Falls durch die Poli­zei vs. Ankla­ge vs. Ver­ur­tei­lung. Die PKS lis­tet die Fäl­le erst mal nur aus der Sicht der Poli­zei. Es kann sich dann immer noch her­aus­stel­len, dass die Sach­la­ge anders war. Ich bit­te Sie, noch mei­nen ori­gi­na­len Blog-Post zu dem The­ma Kinds­tö­tun­gen zu lesen. Da sind die Grün­de, war­um man aus der PKS nichts ablei­ten kann, genau erklärt. Lei­der konn­te ich auf der einen Sei­te, die mir zur Ver­fü­gung stand, nicht tie­fer ins Detail gehen.

Kausalität und Faktencheck

Im fol­gen­den Leser­brief geht es um die Tat­sa­che, dass der Faschis­mus im Osten in sei­ner jet­zi­gen Aus­prä­gung nicht ohne den Wes­ten mög­lich gewe­sen wäre. Wie ich im Ori­gi­nal-Arti­kel aus­ge­führt habe, haben die Poli­zei und auch zustän­di­ge Politiker*innen in Ros­tock-Lich­ten­ha­gen mas­siv ver­sagt. Alle betei­lig­ten waren aus dem Wes­ten und trotz Ankün­di­gung der Aus­schrei­tun­gen im Wochen­en­de. Par­tei­struk­tu­ren wur­den von Neo­na­zis auf­ge­baut (Deut­sche Alter­na­ti­ve), rech­te und rechts­extre­me Akti­vi­tä­ten von Gerich­ten und Ver­fas­sungs­schutz geschützt oder gedeckt. Ich gebe hier einen Leser­brief kom­plett wie­der und gehe dann auf Details ein:

Das Lesen des Bei­tra­ges von Herrn Ste­fan Mül­ler hat mich doch etwas ärger­lich gemacht, denn von einem Hoch­schul­leh­rer hät­te ich doch ein wenig mehr erwar­tet. Aber mal im ein­zel­nen: Ich fand den Ton des Bei­tra­ges schon etwas gei­fernd, was eigent­lich unnö­tig ist, denn wenn man jeman­den Feh­ler nach­wei­sen kann, kommt das in sach­li­cher Ton­la­ge durch­aus bes­ser an. Ein Ver­ständ­nis von Kau­sa­li­tät, was ist  Ursa­che und was ist Fol­ge, hat Herr Mül­ler offen­bar auch nicht so recht. Denn zu den Aus­schrei­tun­gen in Ros­tock-Lich­ten­ha­gen schriebt er tri­um­phie­rend: „Die Neo­na­zis aus dem Wes­ten kam am zwei­ten Tag“ – ja, wenn es einen ers­ten Tag, völ­lig ohne Neo­na­zis aus dem Wes­ten nicht gege­ben hät­te, dann hät­te es auch kei­nen zwei­ten Tag geben kön­nen. Der Ver­such ging dann doch in die Hose. Und der Ver­such mit Höcke und Kal­bitz geht dane­ben: „Höcke und Kal­bitz sind aus dem Wes­ten“. Ja, natür­lich, aber da sind sie nichts gewor­den, waren klei­ne Lich­ter, groß sind sie erst im Osten gewor­den. Und ein paar Zei­len spä­ter sieht Herr Mül­ler das dann offen­bar auch selbst ein: „Natür­lich gehört zum Erfolg der Nazis in Ost­deutsch­land das Fuß­volk, das begeis­tert mit­macht“. Ja, natür­lich, ohne Fuß­volk kann man in der Poli­tik gar nichts werden. 

Und dann die Geschich­te mit den „Nazi-Auf­mär­schen“. Dass die Ver­samm­lungs­frei­heit ein hohes Gut ist, ist gera­de erst zum 75. Jubi­lä­um des Grund­ge­set­zes wie­der betont wor­den, und dass es hohe Hür­den gibt, bevor eine Demons­tra­ti­on ver­bo­ten wer­den kann soll­te auch bekannt sein. Dafür die Ver­wal­tungs­rich­ter in Gera zu schel­ten und dann auch noch dar­auf hin­zu­wei­sen, dass alle drei „Wes­sis“ sind, das geht nun wirk­lich an der Sache vor­bei. Es gibt in der Bun­des­re­pu­blik – anders als frü­her in der DDR – eine poli­tisch unab­hän­gi­ge Jus­tiz, die nach Recht und Gesetz zu ent­schei­den hat und nicht nach poli­ti­scher Oppor­tu­ni­tät. Dass das manch­mal schwer aus­zu­hal­ten ist, ver­ste­he ich, zumal der zitier­te Jena­er Bür­ger­meis­ter, der den Auf­marsch ver­bie­ten woll­te, ein Par­tei­freund von mir ist. Aber das gehört lei­der nun mal zu einem frei­heit­li­chen Rechts­staat dazu.

Leser­brief Bern­hard Kavemann

Ich ver­ste­he die Emo­tio­na­li­tät des Leser­brief­schrei­bers. Ich bin auch manch­mal emotional.

Nun zu den Details:

Ein Ver­ständ­nis von Kau­sa­li­tät, was ist  Ursa­che und was ist Fol­ge, hat Herr Mül­ler offen­bar auch nicht so recht. Denn zu den Aus­schrei­tun­gen in Ros­tock-Lich­ten­ha­gen schriebt er tri­um­phie­rend: „Die Neo­na­zis aus dem Wes­ten kam am zwei­ten Tag“ – ja, wenn es einen ers­ten Tag, völ­lig ohne Neo­na­zis aus dem Wes­ten nicht gege­ben hät­te, dann hät­te es auch kei­nen zwei­ten Tag geben können. 

Leser­brief Bern­hard Kavemann

Wer am ers­ten Tag da war, weiß ich nicht. Dar­um geht es auch in dem Bei­trag nicht. Es geht um die Fak­ten bzgl. Ros­tock-Lich­ten­ha­gen und da liegt Anne Rabe falsch. Bit­te lesen Sie auch den Blog-Abschnitt „Nazis aus dem Wes­ten“ zu die­sem The­ma. Man hät­te die­se Aus­schrei­tun­gen sofort unter­bin­den müs­sen. Das ist nicht gesche­hen, weil die Poli­zei­füh­rung und Poli­ti­ker alle­samt zuhau­se waren und der Mob trotz mona­te­lan­ger vor­he­ri­ger Ankün­di­gung unge­hin­dert toben konn­te. Nazi-Ver­bre­chen sind nie kon­se­quent ver­folgt wor­den, wes­halb sich das Pro­blem immer wei­ter zuge­spitzt hat.

Und der Ver­such mit Höcke und Kal­bitz geht dane­ben: „Höcke und Kal­bitz sind aus dem Wes­ten“. Ja, natür­lich, aber da sind sie nichts gewor­den, waren klei­ne Lich­ter, groß sind sie erst im Osten gewor­den. Und ein paar Zei­len spä­ter sieht Herr Mül­ler das dann offen­bar auch selbst ein: „Natür­lich gehört zum Erfolg der Nazis in Ost­deutsch­land das Fuß­volk, das begeis­tert mit­macht“. Ja, natür­lich, ohne Fuß­volk kann man in der Poli­tik gar nichts werden. 

Leser­brief Bern­hard Kavemann

Bit­te lesen Sie die Zusam­men­stel­lung der rechts­extre­men AfD-Politiker*innen und auch der Lan­des­vor­sit­zen­den, die auch aus der Online-Ver­si­on des Arti­kels ver­linkt ist. Da kön­nen Sie sehen, wel­che ande­ren AfD­ler es noch gibt und gab. Sie kön­nen ihre Lebens­läu­fe stu­die­ren und selbst nach­prü­fen, ob aus den jewei­li­gen Per­so­nen im Wes­ten nichts gewor­den ist. Die AfD ist von neo­li­be­ra­len Professor*innen aus dem Wes­ten gegrün­det wor­den. Die­se waren Mit­glie­der der CDU/CSU, der FDP und ja, sogar der SPD. Die Par­tei wur­de nach und nach immer extre­mer. Nicht nur im Osten sind extrem rech­te Politiker*innen am Werk. Die im Wes­ten wer­den auch von ihren Lan­des­ver­bän­den immer wie­der gewählt. Auch trotz Aus­schluss­ver­fah­ren wegen Holo­caust-Leug­nung und so wei­ter. Alles bes­tens ver­linkt. Ich erin­ne­re nur an Dr. Alex­an­der „Wir wer­den sie jagen“ Gau­land, Oberst a. D. Georg Paz­der­ski, Dr. Ali­ce Wei­del, Offi­zier Mar­tin Rei­chardt, Doris von Sayn-Witt­gen­stein, PD Dr. phil. Hans-Tho­mas Till­schnei­der, Dr. Wolf­gang Gede­on. Das sind Men­schen mit hohem Bil­dungs­ni­veau, aus denen im Wes­ten schon was gewor­den war. Der ein­drück­lichs­te Beweis:

Gau­land war von 1973 bis 2013 Mit­glied der CDU. Er war im Lau­fe sei­ner Par­tei­kar­rie­re im Frank­fur­ter Magis­trat und im Bun­des­um­welt­mi­nis­te­ri­um tätig und lei­te­te von 1987 bis 1991 die Hes­si­sche Staats­kanz­lei unter Minis­ter­prä­si­dent Wal­ter Wall­mann, der sein Men­tor war.

Und viel­leicht soll­te man auch den Chef des Bun­des­ver­fas­sung­schut­zes Hans-Georg Maa­ßen erwäh­nen, der durch Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer ins Amt geholt wor­den war und der nun selbst durch sei­ne eige­ne Behör­de beob­ach­tet wird. Wie wird man groß?

Und dann die Geschich­te mit den “Nazi-Auf­mär­schen”. Dass die Ver­samm­lungs­frei­heit ein hohes Gut ist, ist gera­de erst zum 75. Jubi­lä­um des Grund­ge­set­zes wie­der betont wor­den, und dass es hohe Hür­den gibt, bevor eine Demons­tra­ti­on ver­bo­ten wer­den kann soll­te auch bekannt sein. Dafür die Ver­wal­tungs­rich­ter in Gera zu schel­ten und dann auch noch dar­auf hin­zu­wei­sen, dass alle drei „Wes­sis“ sind, das geht nun wirk­lich an der Sache vor­bei. Es gibt in der Bun­des­re­pu­blik – anders als frü­her in der DDR – eine poli­tisch unab­hän­gi­ge Jus­tiz, die nach Recht und Gesetz zu ent­schei­den hat und nicht nach poli­ti­scher Oppor­tu­ni­tät. Dass das manch­mal schwer aus­zu­hal­ten ist, ver­ste­he ich, zumal der zitier­te Jena­er Bür­ger­meis­ter, der den Auf­marsch ver­bie­ten woll­te, ein Par­tei­freund von mir ist. Aber das gehört lei­der nun mal zu einem frei­heit­li­chen Rechts­staat dazu.

Leser­brief Bern­hard Kavemann

Bit­te lesen Sie den auch ver­link­ten Arti­kel über die drei Rich­ter in der taz. Wenn man sich anguckt, wie ihre Urtei­le im Ver­gleich zum Bun­des­ge­biet aus­fal­len, ist klar, wer da sitzt. 

In Jena durf­te die NPD Mär­sche im Geden­ken an die Reichs­po­grom­nacht und an den Tod von Hit­ler­stell­ver­tre­ter Rudolf Heß durch­füh­ren. Die Neo­na­zi-Grup­pe „Thügida/Wir lie­ben Ost­thü­rin­gen“ durf­te Hit­lers Geburts­tag am 20. April 2016 mit einem Fackel­zug in Jena fei­ern. Das Gericht kas­sier­te dabei immer wie­der zuvor ver­häng­te Ver­samm­lungs­ver­bo­te des dama­li­gen SPD-Ober­bür­ger­meis­ters Albrecht Schröter.

Wag­ner, Joa­chim. 2024. AfD-nahe Jus­tiz: Die rech­ten Rich­ter von Gera. taz. Ber­lin.

Ist das von der Ver­samm­lungs­frei­heit gedeckt? Freu­den­mär­sche zur Reichs­pro­grom­nacht? Fei­ern zu Hit­lers Geburts­tag? Wirk­lich? Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt sah das bezüg­lich Heß-Auf­mär­schen in Wun­sie­del anders:

Der erwei­ter­te Para­graf 130 stel­le tat­säch­lich einen Ein­griff in die Mei­nungs­frei­heit dar, urteil­ten jetzt die Leip­zi­ger Rich­ter. Die­ser sei jedoch gerecht­fer­tigt, weil es dem Schutz des öffent­li­chen Frie­dens und der Men­schen­wür­de der Opfer und ihrer Nach­kom­men die­ne. Der ver­bo­te­ne Auf­marsch in Wun­sie­del hät­te laut Urteil den öffent­li­chen Frie­den gestört. Er hät­te weit über die Stadt hin­aus Beach­tung gefun­den und ins­be­son­de­re bei Opfern des NS-Regimes die ver­ständ­li­che Furcht aus­ge­löst vor der gefähr­li­chen Aus­brei­tung des Gedan­ken­guts der Neo­na­zis, hieß es.

Erleich­tert reagier­te Wun­sie­dels Bür­ger­meis­ter Karl-Wil­li Beck (CSU): “Wir sind wirk­lich sehr froh. Damit ist ein gewich­ti­ger Kelch an uns vor­über gegan­gen.” Die Ent­schei­dung sei jedoch nicht nur für die Kom­mu­ne von gro­ßer Bedeu­tung, son­dern bundesweit.

“Wir freu­en uns, dass der Spuk im August been­det ist”, sag­te Wun­sie­dels Land­rat, Karl Döh­ler (CSU). Die Rich­ter hät­ten sei­ne Behör­de auf der gesam­ten Linie bestä­tigt. Bay­erns Minis­ter­prä­si­dent Gün­ter Beck­stein (CSU) sprach von einem “guten Tag für den Rechts­staat”. Die Ent­schei­dung stär­ke die­sen gegen Verfassungsfeinde.

dpa. 2019. Ver­schärf­tes Ver­samm­lungs­recht bestä­tigt. Frank­fur­ter Rund­schau. Frankfurt/Main.

Auch zu ande­ren Gele­gen­hei­ten wur­den NPD-Demos ver­bo­ten. Ich habe im fol­gen­den nur Fäl­le auf­ge­führt, bei denen kei­ne beson­de­ren Ver­bots­grün­de (Coro­na-Infek­ti­ons­schutz­maß­nah­men, poli­zei­li­che Über­las­tung am 1. Mai usw.) ange­führt wurden:

Rechts­extre­mis­ti­sche Auf­zü­ge an geschichts­träch­ti­gen Orten und Gedenk­ta­gen sind künf­tig leich­ter zu ver­bie­ten. Laut einer Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts muss einer zuerst ange­mel­de­ten Demons­tra­ti­on nicht zwin­gend Vor­rang gewährt werden.

Der Spie­gel. 2005. Karls­ru­he erleich­tert Ver­bot von NPD-Demos. Der Spie­gel. Hamburg.10.06.2005

Das deut­sche Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVG) in Karls­ru­he hat die für Sams­tag geplan­te Demons­tra­ti­on der rechts­extre­men NPD (Natio­nal­de­mo­kra­ti­sche Par­tei Deutsch­lands) in Ber­lin end­gül­tig ver­bo­ten. Das teil­te ein Spre­cher der Ber­li­ner Poli­zei mit. Das Gericht wies in letz­ter Instanz eine Beschwer­de der Par­tei gegen das poli­zei­li­che Ver­bot des Auf­mar­sches zurück und bestä­tig­te damit eine ent­spre­chen­de Ent­schei­dung der Vorinstanzen.

Zuvor hat­ten bereits das Ver­wal­tungs­ge­richt (VG) und das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt (OVG) Ber­lin das Ver­bot bestä­tigt. In den Vor­in­stan­zen hat­ten die Gerich­te das Ver­bot der Demons­tra­ti­on damit begrün­det, dass bei dem Auf­marsch mit Straf­ta­ten wie Volks­ver­het­zung zu rech­nen sei. Zudem zie­le das Mot­to der gegen isla­mi­sche Zen­tren in der Stadt gerich­te­ten Demons­tra­ti­on — “Ber­lin bleibt deutsch” — dar­auf ab, Feind­se­lig­kei­ten gegen mos­le­mi­sche Bür­ger und ins­be­son­de­re gegen Tür­ken zu schü­ren. Die Ver­an­stal­ter hat­ten rund tau­send Teil­neh­mer erwartet.

Der Stan­dard. 2004. Ver­fas­sungs­ge­richt bestä­tigt Ver­bot von NPD-Demons­tra­ti­on. Der Stan­dard. 26.09.2004

Es scho­ckiert mich, dass ein SPD­ler im Eil­ent­scheid auf­ge­ho­be­ne Ver­bo­te von NPD-Demos zum Hit­ler­ge­burts­tag nor­mal fin­det, wäh­rend sogar CSU­ler für ein Ver­bot von Demos am Todes­tag von Hit­lers Stell­ver­tre­ter gefoch­ten haben und erleich­tert sind, dass der Spuk vor­bei ist. 

Herr Kave­mann, Mit­glie­der mei­ner Fami­lie haben im KZ geses­sen (sie­he Blog-Post zur Kol­lek­tiv­schuld bei Anne Rabe) oder sind gera­de noch so einer Ver­haf­tung ent­gan­gen (aus bei­den Tei­len der Fami­lie). Sie waren alle in Ihrer Par­tei bzw. deren Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on SAJ. Und Sie schrei­ben mir, dass es schon ok ist, dass eine ver­fas­sungs­feind­li­che Orga­ni­sa­ti­on am Hit­ler­ge­burts­tag mit Fackeln durch die Stadt zieht?

Wie die Zita­te oben zei­gen, gibt es Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten. Die rech­ten Rich­ter hät­ten also anders ent­schei­den kön­nen. Und selbst wenn dem nicht so wäre: Die Rich­ter spre­chen unser Recht. Wir kön­nen es ändern. Wir könn­ten dafür sor­gen, dass sol­che Auf­mär­sche ver­bo­ten wären, so wie es für Wun­sie­del ja auch getan wur­de. Wenn so eine Rechts­an­pas­sung für Ver­bo­te von NPD-Auf­mär­schen nötig wäre, so müss­te das von den zustän­di­gen Stel­len umge­setzt wer­den, die haupt­säch­lich mit West-Jurist*innen besetzt sind. Wir sind also wie­der da gelan­det, wo wir ange­fan­gen haben: Das gan­ze Land hat ein Pro­blem und an den Posi­tio­nen, wo man etwas tun kann, sit­zen über­wie­gend Westler.

Jammer-Ossi

Brief aus Rostock.

ich,  „Wes­si“ lebe und arbei­te in Rostock. 

Ich lebe hier ger­ne und bin die­ses Ost- West ziem­lich müde.

Was mich an die­sem (lei­der pseu­do- wis­sen­schaft­li­chen) Arti­kel mas­siv stört, ist das was ich hier so oft höre.

Die man­geln­de Über­nah­me der Eigen­ver­ant­wor­tung. Man war ja doch nur Opfer, man bekam etwas über­ge­stülpt, es gibt doch einen gro­ßen Wes­si Plan hin­ter allem, dahin­ter ste­cken doch ame­ri­ka­ni­sche Mulits und „es gab auch sehr viel Gutes in der DDR“..  das Soft­eis und der Ori­gi­nal DDR Eierlikör… 

Ich kann’s nicht mehr hören! 

1. Es gab und gibt vie­le “Ossi” die Gewin­ner sind. Ros­tock ist voll von gut situ­ier­ten gebür­ti­gen Ros­to­ckern, auch  die ehe­ma­li­gen LPG Vor­sit­zen­den im Land­kreis haben sich gut bedient.

2. Zur Wahr­heit gehört auch: MV ist das Bun­des­land mit der höchs­ten Alko­ho­li­ker­quo­te, der höchs­ten Schul­ab­bre­cher Quo­te, die höchs­te Rate an Dia­be­ti­kern,… ( Ich arbei­te im Gesund­heits­we­sen…). Das ist jetzt mal kein Wes­si Ding aus, denn das war zu Zei­ten der DDR nicht anders- nur bes­ser vertuscht. 

3. Fragt man nach Bewei­sen, wo genau die Wes­si über­all hin­ter ste­cken… Kommt nix! Auch mit den ame­ri­ka­ni­schen Mul­tis… Nix.

Was für eine beque­me mär 

4. Unwis­sen­schaft­lich: In MV (dar­über weiß ich inzwi­schen gut Bescheid — auch über Lich­ten­ha­gen) leben 1.7 Mio. Men­schen. Ten­denz stei­gend — lei­der nur durch Zuzug 65+ Men­schen aus dem Westen). 

Wenn man schon Zah­len ver­gleicht, Herr Pro­fes­sor, dann soll­te die Bezugs­ba­sis stim­men. 1.7 Mio Men­schen leben allei­ne in der Regi­on Han­no­ver mit Braun­schweig, da kom­me ich ursprüng­lich her.

Es nervt total, dass sich die „Ossis“ sel­ber ger­ne schön rechnen.…dann braucht man ja nicht ins Han­deln zu kommen.

Wiki­pe­dia ist übri­gens kei­ne akzep­tier­te Quel­le… Eher hier zur Ver­dum­mung des Lesers genutzt.

Auch das die lini­en­treu­en Rich­ter, Poli­zis­ten, sprich der Kader, initi­al durch Wes­sis aus­ge­tauscht wur­de, ist jetzt kein Geheim­nis und war auch rich­tig – oder soll­ten die SED­ler wei­ter machen? Mein Onkel gehör­te zum Kader auch dazu – und ist noch heu­te so was von lini­en­treu… wür­de  alles zurück­dre­hen. Echt unerträglich!

Es gibt hier (in MV) echt vie­le Pro­ble­me – genau­so wie im Westen.

Mit dem Unter­schied, daß sich dort nie­mand mit Wen­de, die Wes­sis, … raus­re­den kann. 

Und die­ses Nar­ra­tiv soll­te jetzt hier end­lich auch mal aufhören. 

Es gibt vie­le Ros­to­cker die anpa­cken, die gestalten. 

Es gibt aber auch vie­le, die genau so einen Arti­kel nut­zen um sich ent­spannt zurück zu leh­nen, als Opfer rum­stöh­nen, anstatt sich der eige­nen Geschich­te und Ver­ant­wor­tung kri­tisch zu stel­len.  Es gibt ihn schon: den Jam­mer Ossi.

Recht­fer­ti­gen tun sich die Ossis nur dau­ernd vor sich sel­ber… und ver­ge­wis­sern sich, das sie ja nichts machen können. 

Kann das end­lich mal aufhören?!

Leser­brief HR

Ich war mir erst nicht sicher, ob der Vor­stel­lungs­teil, in dem ich über mei­nen Hin­ter­grund geschrie­ben habe, nicht zu lang war. Jetzt bin ich froh, dass ich ihn geschrie­ben habe. Zur man­geln­den Über­nah­me von Eigen­ver­ant­wor­tung kann ich sagen, dass ich das aus eige­ner Anschau­ung bestä­ti­gen kann. Ich habe nach der Wen­de mit Glück eine Stel­le im Wis­sen­schaft­ler­in­te­gra­ti­ons­pro­gramm bekom­men. Die­ses Pro­gramm war für Ostwissenschaftler*innen als Brü­cke gedacht. Sie wur­den drei Jah­re finan­ziert und soll­ten die­se Jah­re dazu benut­zen, sich in das neue aka­de­mi­sche Sys­tem zu inte­grie­ren. Ich hat­te kurz nach der Wen­de bei Prof. Kun­ze an der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten eine Hilfs­kraft­stel­le und habe dann, als er an die Hum­boldt-Uni­ver­si­tät wech­sel­te, eine Mit­ar­bei­ter­stel­le bekom­men, weil sei­ne Inte­gra­ti­ons­mit­tel frei wur­den, da er einen Lehr­stuhl an der HU bekam. Kurz vor Ablauf der Drei­jah­res­frist gab es ein Tref­fen all der­je­ni­gen, die in die­sem Pro­gramm waren. Ich war auch dabei und war erschüt­tert: Alle klag­ten dar­über, dass sie nun arbeits­los wer­den wür­den und fan­den, die Poli­tik müs­se etwas tun. Dabei wäre es an ihnen gewe­sen, sich irgend­wie inner­halb die­ser drei Jah­re zu bewerben. 

Ich möch­te Ihren Brief jetzt nach den Punk­ten beantworten:

1. Es gab und gibt vie­le „Ossi“ die Gewin­ner sind. Ros­tock ist voll von gut situ­ier­ten gebür­ti­gen Ros­to­ckern, auch  die ehe­ma­li­gen LPG Vor­sit­zen­den im Land­kreis haben sich gut bedient.

Leser­brief HR

Ich sehe mich als abso­lu­ten Gewin­ner an. Das habe ich auch in Ich will was sagen so geschrie­ben. Ich habe eine Fami­lie, ein tol­les Fahr­rad (von 1997), eine Woh­nung und eine Arbeit, die mir gro­ßen Spaß macht. Ich bin Pro­fes­sor am bes­ten sprach­wis­sen­schaft­li­chen Insti­tut, das es in die­sem Land gibt. Zur Zeit bin ich sogar Direk­tor die­ses Insti­tuts. Ich habe über 500.000€ an Dritt­mit­teln ein­ge­wor­ben und damit vie­len Men­schen eine Arbeits­stel­le in mei­nen Pro­jek­ten geben kön­nen. Seit 2014 bin ich Mit­glied in der Aca­de­mia Euro­paea, Sec­tion Lin­gu­i­stic Stu­dies. Mei­ne Erdős-Zahl ist 4. Mein h‑index liegt bei 35 (Goog­le-Scho­lar-Pro­fil). Ich habe mit mei­nem Leip­zi­ger Kol­le­gen Prof. Dr. Mar­tin Has­pel­math (aus dem Wes­ten und sehr in Ord­nung) den wis­sen­schaft­li­chen Ver­lag Lan­guage Sci­ence Press gegrün­det, der sprach­wis­sen­schaft­li­che Bücher im Open Access ver­öf­fent­licht. Über tau­send Autor*innen haben bei uns ver­öf­fent­licht, der Ver­lag hat ins­ge­samt über 2 Mio Down­loads. Noam Chom­sky ist einer unse­rer pro­mi­nen­ten Unterstützer*innen. Ste­ven Pin­ker gehört auch dazu. Ich habe mich nir­gends bedient, das war alles har­te Arbeit. Poli­tisch aktiv bin ich auch: 2021 war ich Kanz­ler­kan­di­dat für die Par­tei Die PARTEI. Außer­dem arbei­te ich neben­be­ruf­lich als Foto­graf. Mein Leben ist erfüllt, man könn­te auch sagen über­füllt. Man­geln­de Eigen­in­itia­ti­ve kön­nen Sie mir sicher nicht vorwerfen.

Mein klei­ner Bru­der ist Pro­fes­sor, mei­ne klei­ne Schwes­ter pro­mo­viert. Uns allen geht es gut. Mei­ne Eltern sind bis auf kur­ze Unter­bre­chun­gen bei mei­ner Mut­ter sogar als Wissenschaftler*innen durch die Wen­de gekom­men. Es tut mir Leid, wenn ich Sie ner­ve, aber ich jam­me­re nicht. Ich beschwe­re mich! Ich tue das, um Pro­ble­me zu lösen, um Din­ge zu ändern. Nicht für mich, son­dern für die­ses Land. Sehen Sie sich die Wahl­er­geb­nis­se an, dann ver­ste­hen Sie viel­leicht mei­ne Motivation.

Von Lebens­mit­teln habe ich im Arti­kel über Anne Rabe nichts geschrie­ben. Im Gegen­teil ich stim­me ihr sogar zu: Schla­ger­süß­ta­fel ist eklig! (sie­he Blog-Post zu Anne Rabe und Schla­ger­süß­ta­fel. In einem frü­he­ren Blog-Post habe ich beschrie­ben, was ich mit mei­nem Freund mit Schla­ger­süß­ta­fel gemacht habe: Schla­ger­süß­ta­fel und Klas­sen­kei­le)

Zu 2. habe ich nichts zu sagen. Ich weiß nicht, was das mit mei­nem Bei­trag zu tun hat.

3. Fragt man nach Bewei­sen, wo genau die Wes­si über­all hin­ter ste­cken… Kommt nix! Auch mit den ame­ri­ka­ni­schen Mul­tis… Nix.

Was für eine beque­me mär 

Leser­brief HR

Ich habe in mei­nem Bei­trag kon­kre­te Per­so­nen bzw. Ereig­nis­se genannt, an denen West-Per­so­nen betei­ligt waren. Politiker*innen und Poli­zis­ten in Lich­ten­ha­gen, Poli­ti­ker, die ehe­mals Ver­fas­sungs­schutz­prä­si­den­ten waren, die rech­ten Rich­ter aus Gera, die Poli­ti­ker der AfD.

Ansons­ten gibt es inzwi­schen auch viel Infor­ma­ti­on zur Treu­hand. Der ers­te Chef von Kahla-Thü­rin­gen Por­zel­lan hat­te kei­ne Ahnung von Por­zel­lan. Sei­ne ein­zi­ge Qua­li­fi­ka­ti­on bestand dar­in, dass er einen Bru­der bei der Treu­hand hat­te. Er hat dann auch sehr schnel­le eine Plei­te hin­ge­legt. Zum Glück war sein Nach­fol­ger ein Por­zel­laner von Rosen­thal. Über die Abwick­lung von Elmo in Wer­ni­ge­ro­de können Sie auch in der Ber­li­ner Zei­tung lesen. Die Vor­stel­lun­gen von Bir­git Breu­el und Det­lef Roh­wed­der kön­nen Sie auch dem Arti­kel ent­neh­men. Aber eigent­lich war das nicht The­ma des Artikels.

Zu vier­tens: Was die Ein­woh­ner­zahl von MV mit irgend etwas, was in dem Arti­kel bespro­chen wur­de, zu tun haben soll, ist mir unklar. Zu Wiki­pe­dia sie­he oben.

Auch das die lini­en­treu­en Rich­ter, Poli­zis­ten, sprich der Kader, initi­al durch Wes­sis aus­ge­tauscht wur­de, ist jetzt kein Geheim­nis und war auch rich­tig – oder soll­ten die SED­ler wei­ter machen? Mein Onkel gehör­te zum Kader auch dazu – und ist noch heu­te so was von lini­en­treu… wür­de  alles zurück­dre­hen. Echt unerträglich!

Leser­brief HR

Ja, das stimmt, denn das Fach­wis­sen war auf Ost­sei­te außer bei ein paar Fachanwält*innen, die bei Schalk-Golod­kow­ski gear­bei­tet haben, nicht vor­han­den. Durch den selbst gewähl­ten Anschluss galt plötz­lich das west­deut­sche Rechts­sys­tem. Man hät­te aber den Auf­bau-Ost anders gestal­ten kön­nen und zum Bei­spiel Ost-West-Tan­dems für Pos­ten bil­den kön­nen. Ossi wird ein­ge­ar­bei­tet und über­nimmt dann spä­ter. Statt­des­sen gab es das Gefühl fremd­be­stimmt zu sein. Das rächt sich jetzt bit­ter, weil vie­le rechts­extrem wäh­len. Die AfD holt die Frus­trier­ten ab.

Es gibt hier (in MV) echt vie­le Pro­ble­me – genau­so wie im Westen.

Mit dem Unter­schied, daß sich dort nie­mand mit Wen­de, die Wes­sis, … raus­re­den kann. 

Leser­brief HR

Bit­te schau­en Sie sich sta­tis­ti­sche Kar­ten an. Sie wer­den immer die Umris­se der DDR erken­nen. Der Wohl­stand ist ver­schie­den ver­teilt. Die Fir­men sit­zen im Wes­ten und besit­zen den Osten. Steu­ern wer­den im Wes­ten am Fir­men­sitz gezahlt nicht vor Ort. Paten­te wer­den im Wes­ten am Fir­men­sitz ange­mel­det. Dar­über kann man schon kla­gen. Übri­gens ist der Pas­sus mit den „gleich­ar­ti­gen Lebens­ver­hält­nis­sen“ in allen Lan­des­tei­len 1994 aus dem Grund­ge­setz gestri­chen worden.

War in Arti­kel 72 Grund­ge­setz einst das Hand­lungs­ziel „ein­heit­li­cher Lebensverhältnisse“ ver­an­kert, wur­de das Adjek­tiv „ein­heit­lich“ 1994 durch das inter­prera­ri­ons­of­fe­ne­re „gleich­wer­tig“ ersetzt.

Mau, Stef­fen (2019). Lüt­ten Klein. S. 163

Das Buch mei­nes Kol­le­gen Prof. Dr. Stef­fen Mau kann ich Ihnen nur wärms­tens emp­feh­len. Er ist Sozio­lo­ge und prä­sen­tiert Ihnen noch wei­te­re Fak­ten. Auch zur Abwick­lung der Eli­ten im Osten und zu den Trans­for­ma­tio­nen im Ost-Block allgemein.

Es gibt aber auch vie­le, die genau so einen Arti­kel nut­zen um sich ent­spannt zurück zu leh­nen, als Opfer rum­stöh­nen, anstatt sich der eige­nen Geschich­te und Ver­ant­wor­tung kri­tisch zu stel­len.  Es gibt ihn schon: den Jam­mer Ossi.

Leser­brief HR

Das kann schon sein. Mir geht es um die ande­re Sei­te, die den gesam­ten Osten seit Jahr­zehn­ten pau­schal beschimpft. So wie auch Sie es getan haben. Ich wei­se dar­auf hin, dass die Schuld am Faschis­mus nicht der Osten allein trägt. Und ich kann das tun, weil ich kein Jam­mer-Ossi son­dern ein erfolg­rei­cher Wis­sen­schaft­ler bin. Und nein, das hört nicht auf. Ich fan­ge gera­de erst an.

Kinderverschickung

Es erstaunt, dass ein deut­scher pro­fes­sor stän­dig wiki­pe­dia als beweis bemüht. Sei­ne mei­nung über kinds­tö­tun­gen ist ein­sei­tig: im wes­ten hat nie­mand gleich meh­re­re neu­ge­bo­re­ne in blu­men­töp­fen abge­legt. Aber im wes­ten hat bis­her nie­mand alle blu­men­töp­fe unter­sucht und das ergeb­nis bei wiki­pe­dia ver­ewigt.
Die erwähn­te „kin­der­land­ver­schi­ckung“ fand übri­gens im bom­ben­krieg statt.
Gemeint ist hier schlicht die kin­der­ver­schi­ckung – bei der es im osten wie im wes­ten zu gewalt und miss­brauch kam. Das soll­te man bei wiki­pe­dia nachtragen. 

Leser­brief F.F., Berlin-wilmersdorf

Es stimmt, es hät­te Kin­der­ver­schi­ckung hei­ßen müs­sen. Vie­len Dank für den Hin­weis, das wur­de jetzt im Arti­kel und über­all hier im Blog kor­ri­giert. Kin­der­ver­schi­ckung habe ich in einem Blog-Post dis­ku­tiert. Soweit ich weiß, sind kei­ne Fäl­le von Miss­brauch bekannt. Das gan­ze Gesund­heits­sys­tem war anders orga­ni­siert. Nicht über­wie­gend kirch­lich und nicht pro­fit­ori­en­tiert. Die Prü­gel­stra­fe war – anders als im Wes­ten – bereits 1949 abge­schafft wor­den (sie­he Blog-Bei­trag Gewalt­er­fah­run­gen und 1968 für den Osten), die staat­li­che und gesell­schaft­li­che Kon­trol­le war in allen Berei­chen des Lebens strikter.

Was haben die Blu­men­töp­fe mit der Dis­kus­si­on zu tun? Es geht um die Anzahl der Kinds­tö­tun­gen pro 100.000 Gebur­ten pro Jahr. Dazu gibt es die Poli­zei­li­che Kri­mi­nal­sta­tis­tik. Und Forschungsliteratur.

Dunkeldeutschland

Auch, dass es ein „Dun­kel­deutsch­land“ gar nicht gab, son­dern eine Erfin­dung von Anne Rabe ist.  Ich war übri­gens bei der Lesung und Dis­kus­si­on des Romans auf dem taz Kon­gress und habe die aggres­si­ven, atem­los vor­ge­tra­ge­nen detail­lier­ten Vor­wür­fe des Herrn Ste­fan Mül­ler mit ange­hört. Sei­ne Wut war kaum zu brem­sen. Nie­mand konn­te sei­ne Behaup­tun­gen nachprüfen. 

Wir Leser*innen sind intel­li­gent genug, zwi­schen einem Roman, der Anre­gun­gen für eige­ne Gedan­ken geben soll, und einer Pau­scha­li­sie­rung einer gan­zen Bevöl­ke­rung wie Herr Mül­ler behaup­tet, zu unter­schei­den. Herr Mül­ler war touché.

Ich habe nicht gesagt, dass es Dun­kel­deutsch­land nicht gab. 

Weil es so eine schö­ne Geschich­te ist, die zu allem passt, was man über Dun­kel­deutsch­land zu wis­sen glaubt.

Zitat aus mei­nem Artikel

Ich ver­wen­de den Begriff ja sogar selbst. Wenn auch sar­kas­tisch. Ich möch­te vor­schla­gen, dass man sei­ne Ver­wen­dung auf das gan­ze Land aus­wei­tet, denn es sieht all­ge­mein recht fins­ter aus (Man rech­ne nur mal die Wahl­er­geb­nis­se von CSU, Frei­en Wäh­lern und AfD in Bay­ern zusam­men.) Übri­gens habe ich im dun­kels­ten Erlan­gen für einen Auf­bau West gekämpft. Laut CSU hat Erlan­gen maro­de Stra­ßen­lam­pen, wes­halb da nur ein Pla­kat dran hän­gen darf. Das von der CSU. Lei­der hat es nicht für eine Mehr­heit gereicht.

Hier ist das Video vom taz-Lab an der Stel­le mit mei­nem Kom­men­tar. Ich hat­te Anne Rabe ange­bo­ten, ihr einen 80seitigen Aus­druck mei­ner Blog-Posts zu über­las­sen. Sie woll­te ihn nicht haben und auch nicht dar­über reden. Damit man mei­ne Behaup­tun­gen nach­prü­fen kann, habe ich die Blog-Posts mit Quel­len­an­ga­ben und dann den Arti­kel in der Ber­li­ner geschrie­ben. Die Behaup­tun­gen über den „Ossi an sich“ fin­den sich im Roman, der kein Sach­buch ist. Zum Bei­spiel an den Stel­len über Amok­läu­fe, zum Bei­spiel an den Stel­len über die Kinds­tö­tun­gen. An Stel­len, wo ein­fach mal behaup­tet wird, dass Anti­se­mi­tis­mus Bestand­teil der real­so­zia­lis­ti­schen Ideo­lo­gie war:

Auch waren Anti­se­mi­tis­mus und Natio­na­lis­mus wich­ti­ge Bestand­tei­le der sowje­ti­schen und real­so­zia­lis­ti­schen Ideologie.

Rabe, Anne. 2023. Die Mög­lich­keit von Glück. Stutt­gart: Klett-Cot­ta.
S. 271

Sie­he Blog-Post zu die­sem The­ma.

Anne Rabe wird dann von einem Bre­mer Poli­tik­pro­fes­sor als Quel­le für sei­ne nicht beleg­ten Behaup­tun­gen bezüg­lich Anti­se­mi­tis­mus zitiert. Das ist ein sich gegen­sei­tig stüt­zen­des Netz von Falsch­be­haup­tun­gen. Hier der Blog-Post zum Poli­tik-Pro­fes­sor. Und falls es Fra­gen zum Anti­se­mi­tis­mus und zu offi­zi­el­len Ein­stel­lun­gen zum Holo­caust in der DDR gibt, kann ich gleich noch den Blog-Bei­trag Der Ossi und der Holo­caust empfehlen.

Danksagungen

Ich möch­te mich bei allen Leserbriefschreiber*innen bedan­ken. Außer­dem dan­ke ich allen Nutzer*innen von Mast­o­don, die sich an der Dis­kus­si­on betei­ligt haben und auch bei der Suche nach NPD-Gerichts­ur­tei­len Tipps gege­ben haben.

Quellen

Der Spie­gel. 2005. Karls­ru­he erleich­tert Ver­bot von NPD-Demos. Der Spie­gel. 10.06.2005. Ham­burg. (https://www.spiegel.de/politik/deutschland/verfassungsgericht-karlsruhe-erleichtert-verbot-von-npd-demos-a-359875.html)

Der Stan­dard. 2004. Ver­fas­sungs­ge­richt bestä­tigt Ver­bot von NPD-Demons­tra­ti­on. Der Stan­dard. 26.09.2004 (https://www.derstandard.at/story/1804305/verfassungsgericht-bestaetigt-verbot-von-npd-demonstration)

dpa. 2019. Ver­schärf­tes Ver­samm­lungs­recht bestä­tigt. Frank­fur­ter Rund­schau. Frankfurt/Main. (https://www.fr.de/politik/verschaerftes-versammlungsrecht-bestaetigt-11568632.html)

Karls­ru­he erleich­tert Ver­bot von NPD-Demos. 2005. Der Spie­gel. Ham­burg.

Höynck, The­re­sia & Behn­sen, Mira & Zäh­rin­ger, Ulri­ke. 2015. Tötungs­de­lik­te an Kin­dern unter 6 Jah­ren in Deutsch­land: Eine kri­mi­no­lo­gi­sche Unter­su­chung anhand von Straf­ver­fah­rens­ak­ten (1997–2006). Wies­ba­den: Sprin­ger. (https://doi.org/10.1007/978–3‑658–07587‑3)

Hol­ler­sen, Wieb­ke. 2023. Erzie­hung in der DDR: Gibt es im Osten „eine ver­erb­te Bru­ta­li­tät“? Ber­li­ner Zei­tung. Ber­lin. (https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/erziehung-in-der-ddr-gibt-es-im-osten-eine-vererbte-brutalitaet-li.418237)

Mül­ler, Ste­fan. 2024. Pro­fes­sor kri­ti­siert Anne Rabe: „Es geht mir auf die Ner­ven, wie über die DDR geschrie­ben wird“. Ber­li­ner Zei­tung. Ber­lin. (https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/berliner-professor-stefan-mueller-kritisiert-anne-rabe-es-geht-mir-auf-die-nerven-wie-ueber-die-ddr-geschrieben-wird-li.2213032)

Wag­ner, Joa­chim. 2024. AfD-nahe Jus­tiz: Die rech­ten Rich­ter von Gera. taz. Ber­lin. (https://taz.de/AfD-nahe-Justiz/!5999618/)

Ossis of Colour, Allerleirauh, Mode im Osten und die Todesstrafe

Ges­tern war ich beim taz­lab zum The­ma Osten und es war groß­ar­tig. Vie­le par­al­lel statt­fin­den­de Ver­an­stal­tun­gen zu The­men, die mich auch hier immer wie­der beschäf­ti­gen. Ras­sis­mus in der DDR ist ein The­ma und die Fra­ge ist, ob die DDR ras­sis­tisch war oder nicht. Es gab eine spe­zi­el­le Dis­kus­si­ons­run­de mit „Ossis of Colour“. (Auf­zeich­nung auf You­tube)

Ossis of Colour beim taz-Lab: Patri­ce Pou­trus, His­to­ri­ker, Peg­gy Kur­ka, Autorin, Katha­ri­na War­da, Autorin & Sozio­lo­gin und Mode­ra­to­rin Adef­un­mi Ola­nig­an, taz-Volon­tä­rin, Ber­lin, 27.04.2024

Rassismus

Patri­ce Potrous hat von einer Bege­ben­heit erzählt, bei der er einen ras­sis­ti­schen Vor­fall bei der NVA mel­den woll­te und die­ser ein­fach nicht ver­folgt wur­de. Der Offi­zier habe das ein­fach abge­bü­gelt mit der Bemer­kung: „Willst Du etwa sagen, dass es in der DDR Ras­sis­mus gäbe?“ Was nicht sein kann, dass nicht sein darf. 

Katha­ri­na War­da wur­de 1985 in der DDR gebo­ren. Ihr Vater war Wider­stands­kämp­fer im ANC und ist geflo­hen. Der ANC wur­de in der Bun­des­re­pu­blik nicht unter­stützt, so also DDR. Katha­ri­na War­das Eltern wur­den bei der Schwan­ger­schaft der Mut­ter vor die Wahl Aus­rei­se oder Abtrei­bung gestellt. Wie es dazu kam, dass sie doch in der DDR gebo­ren wur­de, hat sie nicht erklärt.

Alle drei waren sich einig, dass sie froh sein kön­nen, die DDR und die Nach­wen­de­zeit über­lebt zu haben. Katha­ri­na War­da hat davon berich­tet, dass Per­so­nen, die mit ihr über Ras­sis­mus im Osten reden, immer ihre vor­ge­fass­te Mei­nung bestä­tigt sehen wol­len. Sie mein­te, dass Ras­sis­mus kein spe­zi­fi­sches DDR-Pro­blem gewe­sen und der Wes­ten genau­so gewe­sen sei.

Inter­es­sant war, dass alle irgend­wie nicht schwarz sein woll­ten und irgend­wie nicht auf­fal­len wollten. 

Ich habe die meis­te Zeit in der DDR damit zuge­bracht den Genos­se­nen zu bewei­sen, dass man zu mir Ver­trau­en haben kann, dass ich irgend­wie doch nicht anders bin. Das ging soweit, dass ich zeit­wei­se sogar im Som­mer mich gewei­gert habe, mich in die Son­ne zu stel­len, weil es zu einer signi­fi­kan­ten Ver­än­de­rung mei­nes Äuße­ren führte.

Patri­ce Potrous beim taz­lab, 27.04.2024

Ande­re schwar­ze Ost­deut­sche haben was sehr Ähn­li­ches in dem Bereich erlebt, war unglaub­lich heil­sam für mich, denn ich fin­de auch, und ich weiß nicht wie das in West­deutsch­land ablief oder in der alten BRD, aber wir hat­ten das ja eben schon beschrie­ben: Wir hät­ten uns nicht mal Hal­lo gesagt wahr­schein­lich frü­her und zumin­dest hät­ten wir kein Inter­es­se anein­an­der gehabt. Das ist ein Effekt von Ras­sis­mus und ein ande­rer Effekt von Ras­sis­mus, der damit ein­her­geht, ist eine enor­me Ein­sam­keit, die ich emp­fun­den habe im Her­an­wach­sen, weil eben genau die­se Per­spek­ti­ve so blind gemacht wur­de so mit Scham auf­ge­la­den war und über­haupt nicht besprech­bar war und ich nie jeman­den hat­te, mit dem ich die­sen Bal­last der auch du hat­test gesagt: „Dass du noch am Leben bist, ist ein Wun­der.“ und ich sag das oft auch: Ich füh­le mich als Über­le­ben­de der Zeit vor allem was die 90er Jah­re angeht und das mei­ne ich auch so, denn vie­le ande­re haben es nicht über­lebt, aber was man da alles mit sich trägt, sich nie dar­über aus­tau­schen zu kön­nen und nie jeman­den zu sehen, dem es ähn­lich geht und ich immer in sei­nem Schwarz­sein ver­ste­cken zu müs­sen oder sich als Per­son ver­ste­cken zu müs­sen, sich klein machen zu müs­sen, die­se Last der Ein­sam­keit ist ein Teil von Ras­sis­mus und dar­über zu spre­chen und zu mer­ken „So, wir haben da doch was gemein­sam.“, ist unglaub­lich befreiend.

Katha­ri­na War­da beim taz­lab, 27.04.2024

Patri­ce Potrous mein­te, wenn man ande­re PoCs getrof­fen hat, dann hat man nicht gesagt: „Hey, Du bist ja Schwarz. Wie ich. Wie geht es Dir?“. Bei der Ver­an­stal­tung, die danach auf der­sel­ben Büh­ne statt­fand, war Prof. Dr. Nai­ka Forou­tan, Sozio­lo­gin an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin, zu Gast. Sie hat­te ja 2018 Ossis und Migrant*innen ver­gli­chen (taz, 13.05.2018).

Prof. Dr. Nai­ka Forou­tan, Sozio­lo­gin an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin beim taz­lab, Ber­lin, 27.04.2024

Dar­an muss­te ich den­ken, als ich neu­lich eine Frau in einem Kli­ma­camp Thü­rin­gisch spre­chen hör­te. Ich sprach sie an, ob sie aus dem Osten sei, wegen ihrem Dia­lekt. Sie ent­schul­dig­te sich und sag­te, dass sie den manch­mal nicht unter­drü­cken kön­ne. Ich war scho­ckiert, denn ich bin ja aus Jena und habe mich sehr gefreut, jeman­den zu tref­fen, der Dia­lekt spricht. Ich den­ke, dass das das­sel­be Phä­no­men ist, obwohl die Gefah­ren, die sich aus einer nicht-wei­ßen Haut und einem nicht west­deut­schen Spra­che erge­ben, nicht zu ver­glei­chen sind. 

Ganz ähn­lich hat­te Osch­mann auch über das Säch­si­sche geschrieben:

Und schon vor 1989 ist das Säch­si­sche als die am deut­lichs­ten im Ost­teil des Lan­des zu ver­or­ten­de Sprach­va­rie­tät in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung zum Inbe­griff des gesam­ten Ostens »auf­ge­stie­gen«, das heißt zum Inbe­griff des Häss­li­chen, Schlech­ten, Unfä­hi­gen und Unge­bil­de­ten, zum Inbe­griff all des­sen, was man nicht haben will und was man selbst nicht zu sein glaubt. Ich habe in Sach­sen auf­ge­wach­se­ne Bekann­te, die Schu­lun­gen belegt haben, um lupen­rei­nes Hoch­deutsch zu erler­nen, weil sie schmerz­lich erfah­ren muss­ten, wegen ihres Hei­ma­t­idi­oms unab­läs­sig dis­kri­mi­niert zu wer­den und gesell­schaft­lich chan­cen­los zu sein. Dazu passt eine Dresd­ner Zei­tungs­an­non­ce aus den Neun­zi­ger­jah­ren: »Säch­si­scher Dia­lekt in der frei­en Markt­wirt­schaft? Undenk­bar! Neh­men Sie Sprech­un­ter­richt!« Tho­mas Rosen­lö­cher teilt das mit und mar­kiert das Säch­si­sche prä­gnant als »Ver­lier­er­spa­che«. Ganz auf die­ser Linie habe ich mei­nen eige­nen Kin­dern ange­droht, ihnen das Taschen­geld zu strei­chen, soll­ten sie je anfan­gen, Säch­sisch zu spre­chen. Wie schlimm aber ist es um eine Regi­on bestellt, die nicht mehr wagt, ihre Spra­che zu pfle­gen, weil sie Sank­tio­nen aller Art, mehr noch die Beschä­di­gung ihrer gesam­ten Exis­tenz fürch­ten muss?! Was ist das für ein gesell­schaft­li­ches Kli­ma, was für ein Land, in dem ein gro­ßer Teil der Men­schen die eige­ne Mut­ter­spra­che able­gen und die eige­ne Her­kunft ver­leug­nen muss, wenn er gesell­schaft­lich der Stig­ma­ti­sie­rung ent­ge­hen möch­te? Was für ein Land, in dem sich Men­schen ihrer Spra­che, ihrer Her­kunft und ihrer Ver­gan­gen­heit schä­men sol­len, mit­hin zen­tra­ler unhin­ter­geh­ba­rer Exis­ten­zia­li­en, was für ein Land, in wel­chem sie sich aus­ge­rech­net von dem distan­zie­ren sol­len, was sie fun­da­men­tal aus­macht und aller­erst in der Welt beheimatet?

Osch­mann, Dirk. 2023. Der Osten – eine west­deut­sche Erfin­dung, Ullstein.

Ossis ver­su­chen, nicht auf­zu­fal­len. Wie man dem Roman von Lutz Sei­ler Stern 111 ent­neh­men kann, wur­de ihnen das auch von Wes­sis expli­zit bei­gebracht. Sein Vater, der fünf Pro­gram­mier­spra­chen konn­te und im Wes­ten Schu­lun­gen durch­ge­führt hat, soll­te unbe­dingt dar­auf ach­ten, dass die Schulungsteilnehmer*innen nicht merk­ten, dass sie etwas von einem Ossi erklärt beka­men. Einem Ossi! Für 1000 DM/Tag kriegt man nur einen Ossi. Über die Vor­stel­lung, dass die Ossis alle doof waren, und die Ver­wun­de­rung dar­über, dass jemand im Osten (!) fünf (!) Programmier(!)sprachen(!) konn­te, habe ich auch in Wis­sen, Unwis­sen, Igno­ranz und Arro­ganz geschrieben.

Man sieht den Ossis ihre Her­kunft weni­ger an als PoCs, aber man­che „ver­ra­ten“ sich halt über die Spra­che. (1995 war ein Kol­le­ge von mir total geschockt, weil er, nach­dem wir eine Woche zusam­men gear­bei­tet haben, her­aus­ge­fun­den hat­te, dass ich ein Ossi bin. Ich hat­te „Plas­te“ gesagt.) Spra­che oder Haa­re, bei­des nicht gut und viel­leicht kom­men wir ja irgend­wann in einer Gesell­schaft an, die das ver­stan­den hat. Und alle Kin­der bekom­men Taschen­geld und Lie­be, egal wie sie aus­se­hen oder sprechen. 

Mode unter Lebensgefahr?

Peg­gy Kur­ka und Katha­ri­na War­da waren Punks, was sicher kein Spaß war. Schon als wei­ßer Punk hat­te man es nicht unbe­dingt leicht. Peg­gy Kur­ka war außer­dem noch Model. Sie sprach davon, dass Mode in der DDR sub­ver­siv gewe­sen ist und dass man unter Todes­dro­hung leb­te. Sie erwähn­te auch die Mode­grup­pe Aller­lei­rauh:

Ich neh­me jetzt mal mein Feld: Man hat, es gab Aller­lei­rauh, es gab eine Moden­schau, wenn die eine Moden­schau gemacht haben, dann haben die ihr Leben ris­kiert für die­se Modenschau.

Peg­gy Kur­ka: taz­lab Ossis of Colour, 27.04.2024, Stel­le im Viedeo

Mich und die bei­den Ost-Frau­en, die anwe­send waren, hat das eini­ger­ma­ßen ver­wun­dert, denn die Ost-Mode hat­te ziem­lich gro­ße Frei­hei­ten. Es gab die Sibyl­le, in der immer in sehr guten Foto­stre­cken abge­dreh­te Mode prä­sen­tiert wur­de. Eine mei­ner Beglei­te­rin­nen war mit den Kin­dern der Mitarbeiter*innen vom Mode­insti­tut im Feri­en­la­ger und berich­te­te auch von den gro­ßen Frei­räu­men im Modebereich.

Ich habe spe­zi­fisch zu Aller­lei­rauh in der Wiki­pe­dia nach­ge­se­hen und – Was soll ich sagen? – die Aus­sa­ge von Peg­gy Kur­ka ist ein­fach falsch. All­ge­mein wür­de ich behaup­ten wol­len, dass in den 80er Jah­ren nie­mand mehr ein­fach so ermor­det wur­de und schon gar nicht für Mode. In Wiki­pe­dia kann man lesen, dass Katha­ri­na Rein­wald und Ange­li­ka Kro­ker 1988 in den Ver­band Bil­den­der Künst­ler der DDR (VBK) auf­ge­nom­men wur­den. Lei­der hat der Prä­si­dent des VBK im Jahr 1988 gewech­selt, so dass man nicht genau sagen kan­ne, wer den VBK zur Zeit des Ein­tritts der bei­den Desi­gne­rin­nen gelei­tet hat. Von 1974 bis 1988 war der wegen sei­ner schin­ken­las­ti­gen Arbeiter*innengemälde all­seits gefürch­te­te Wil­li Sit­te Prä­si­dent (Lie­ber vom Leben gezeich­net, als von Sit­te gemalt.). Danach der Desi­gner Clauss Die­tel. Von 1986 bis 1989 war Sit­te Mit­glied des Zen­tral­ko­mi­tees der SED (ZK der SED). Clauss Die­tel war Mit­glied der Bezirks­lei­tung der SED in Karl-Marx-Stadt. Das heißt, der VBK war fest in SED-Hand, wie eigent­lich alle grö­ße­ren Struk­tu­ren und Ver­ei­ne. Man kann also sicher ablei­ten, dass die Modedesigner*innen ihrem Beruf nicht unter Ein­satz ihres Lebens ausübten.

Dem Arti­kel über Aller­lei­rauh kann man ent­neh­men, dass die Grup­pe gro­ße Auf­trit­te hatte:

Als Höhe­punkt gilt das Aller­lei­rauh-Hap­pe­ning im Jahr 1988, das an drei Aben­den vor 600 Zuschau­ern im aus­ver­kauf­ten Haus der jun­gen Talen­te in Ost-Ber­lin statt­fand. Die Rock­band Pan­kow spie­le live, die Man­ne­quins tra­ten in Män­teln aus Leder­fli­cken und geschupp­ten 3‑D-Klei­dern auf. 

Wiki­pe­dia-Ein­trag für Aller­lei­rauh, 28.04.2024

Das HdjT war staat­lich ver­wal­tet. Nie­mand, der schon mit einem Bein im Knast stand konn­te dort auf­tre­ten. Die Rock­grup­pe Herbst in Peking hat­te zum Bei­spiel nach einer Schwei­ge­mi­nu­te für die Opfer des Mas­sa­kers am Tian’anmen-Platz Auf­tritts­ver­bot. Das heißt, dass Aller­lei­rauh staat­lich aner­kannt war und es heißt auch, dass die­se Mode-Designer*innen und Models sich nicht irgend­wel­chen Gefah­ren aus­ge­setzt haben. 

Ein Schul­freund von mir war Ensem­ble­mit­glied beim Mode­thea­ter Lari­fa­ri, das auch im Wiki­pe­dia­ein­trag von Aller­lei­rauh erwähnt wird. Er hat mir zum The­ma Fol­gen­des geschrieben:

Ich kann das, wie auch du, so nicht bestä­ti­gen. Mei­ne Tätig­keit war beim Mode­insti­tut und bei einer frei­en Trup­pe namens Lari­fa­ri. Natür­lich waren wir sta­si­durch­setzt, was ich zu DDR-Zei­ten nicht wahr­ha­ben woll­te, spä­ter dann offen­sicht­lich wur­de. Mein Aus­schluss aus bei­den vor­ge­nann­ten 1987 scheint damit in Zusam­men­hang gestan­den zu haben – ich habe das nicht wei­ter recher­chiert, bis­her nicht in die Akte schau­en wol­len. Die Sze­ne und der Bedarf waren sicher nicht zu ver­hin­dern, so gab es die Ven­til­me­tho­dik. Ich kann mich gut an 1986/87 erin­nern. Wir sind durch die Lan­de getin­gelt und als Farb­tup­fer will­kom­men gewe­sen, das sogar auf den Arbei­ter­fest­spie­len. Eine unse­rer Damen war sogar im Zen­tral­rat der FDJ. Hast du den Film „In einem Land, das es nicht mehr gibt“ gese­hen? Für mich war er ein Aus­flug in mei­ne Jugend – logi­scher­wei­se alles sehr kom­pri­miert, Sta­si an Frank Schä­fer – klar, aber auch vie­le Frei­hei­ten und knall­har­te Kon­kur­renz, was sicher gewis­se Äuße­run­gen moti­viert. Sybil­le war nicht so nah am Mode­insti­tut, wie es der Film sagt. Eine mir suspek­te Sze­ne mit Grenz­hun­den an der Ost­see woll­te ich bei Gele­gen­heit hin­ter­fra­gen. Ein Trach­ten nach Leben ist mir nicht bekannt.

Email 30.04.204

Ich kann es nicht direkt nach­wei­sen, aber es soll­te mich sehr wun­dern, wenn irgend­wer in der DDR wegen Mode mit dem Tode bedroht wor­den sein soll­te oder ins Gefäng­nis kam. Nein, man kam in die Sibyl­le.

(Was Peg­gy Kur­ka vor­her im Video über abwei­chen­de Mei­nun­gen in der DDR sagt, stimmt. Es wur­de alles unter­drückt, aber ganz so krass war es dann doch nicht.)

Schlussfolgerung

Lie­be Wes­sis, lie­be Ossis, lie­be Nach­ge­bo­re­ne: Die Mes­sit­sch ist sim­pel. Glaubt uns nicht. Auch wenn die Sto­ries zu Euren Geschich­ten und Kli­schees pas­sen. Die DDR ist nun zum Glück lan­ge Geschich­te, aber Erin­ne­run­gen ver­schie­ben sich und man­che Men­schen erzäh­len auch bewusst fal­sche Din­ge. Guckt ein­fach mal in Wiki­pe­dia nach. Das ist die Schmal­spur­va­ri­an­te der his­to­ri­schen For­schung, aber Wiki­pe­dia gibt ja immer Quel­len an. Da könnt Ihr dann weitermachen.

Quellen

Osch­mann, Dirk. 2023. Der Osten: eine west­deut­sche Erfin­dung. Ber­lin: Ull­stein Buchverlage.

Schulz, Dani­el. 2018. Pro­fes­so­rin über Iden­ti­tä­ten: „Ost­deut­sche sind auch Migran­ten“. taz. Ber­lin. (https://taz.de/Professorin-ueber-Identitaeten/!5501987/)

Die rechten Richter von Gera

In der taz vom 22.04.2024 gibt es einen Arti­kel über rech­te Rich­ter von Gera. Bespro­chen wird, dass zwei Rich­ter Asyl­an­trä­ge signi­fi­kant häu­fi­ger ableh­nen, als das im bun­des­wei­ten Durch­schnitt der Fall ist. 

In einem „For­de­rungs­pa­pier zur Jus­tiz in Thü­rin­gen“ aus dem April 2022 bekla­gen neun Ver­ei­ne aus der Flücht­lings­hil­fe eine „Ent­schei­dungs­pra­xis“ des Ver­wal­tungs­ge­richts Gera in Asyl­ver­fah­ren, die „min­des­tens eine ten­den­ziö­se Recht­spre­chung ver­mu­ten lässt“. Unter Rechts­an­wäl­ten sei es ein „offe­nes Geheim­nis“, dass es dort fast unmög­lich ist, Asyl­ver­fah­ren afri­ka­ni­scher Klä­ger zu gewin­nen. Im Faden­kreuz der Kri­tik ste­hen die Rich­ter Fuchs und Ame­lung. MDR-Recher­chen und eine Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung auf eine Klei­ne Anfra­ge der Links­frak­ti­on im Bun­des­tag bestä­ti­gen die Pra­xis­er­fah­run­gen der Anwäl­te und Flüchtlingshelfer.

Außer­dem sind Rich­ter des­sel­ben Gerichts für Geneh­mi­gun­gen von Nazi-Ver­an­stal­tun­gen zuständig:

Die Asyl­rechts­spre­chung ist aber nicht der ein­zi­ge Bereich, der in Gera Fra­gen auf­wirft. Auch die Ent­schei­dungs­pra­xis des Prä­si­den­ten des Ver­wal­tungs­ge­richts Gera, Micha­el Obhues, als Vor­sit­zen­der der 1. Kam­mer ist poli­tisch umstrit­ten. Die­se hat einer Neo­na­zi-Grup­pe und der NDP (heu­te „Die Hei­mat“) über Jah­re erstaun­lich viel Raum für Demons­tra­tio­nen, Pro­test­ak­tio­nen und rech­te Rock­kon­zer­te eröffnet.

In Jena durf­te die NPD Mär­sche im Geden­ken an die Reichs­po­grom­nacht und an den Tod von Hit­ler­stell­ver­tre­ter Rudolf Heß durch­füh­ren. Die Neo­na­zi-Grup­pe „Thügida/Wir lie­ben Ost­thü­rin­gen“ durf­te Hit­lers Geburts­tag am 20. April 2016 mit einem Fackel­zug in Jena fei­ern. Das Gericht kas­sier­te dabei immer wie­der zuvor ver­häng­te Ver­samm­lungs­ver­bo­te des dama­li­gen SPD-Ober­bür­ger­meis­ters Albrecht Schröter.

Typisch für die­se Gerichts­be­schlüs­se ist, dass die Kam­mer den Vor­trä­gen der brau­nen Anmel­der eher glaub­te als denen des Ober­bür­ger­meis­ters – wenn sie zum Bei­spiel vor­ga­ben, mit Demos die Mei­nungs­frei­heit zu ver­tei­di­gen oder gegen „lin­ken Ter­ror“ zu pro­tes­tie­ren, obwohl sie tat­säch­lich Hit­ler oder Heß hul­di­gen woll­ten. Dass die offi­zi­ell genann­ten Demons­tra­ti­ons­zie­le nur zur Tar­nung vor­ge­scho­ben waren und die Pro­tes­te in Wirk­lich­keit Tarn­ver­samm­lun­gen für brau­ne Anlie­gen waren, hiel­ten die Ver­wal­tungs­rich­ter in Gera für nicht hin­rei­chend belegt.

Und wie Joa­chim Wag­ner fest­stellt: „Die Fol­ge die­ser Spruch­pra­xis: Zwi­schen 2006 und 2016 hat­te sich Jena zur einem Pro­te­stel­do­ra­do für NPD und Neo­na­zis entwickelt.“

Das­sel­be Gericht hat ent­schie­den, dass die AfD nicht wirk­lich ver­fas­sungs­feind­lich sei, obwohl der Ver­fas­sungs­schutz, der sich ja mit der Ein­ord­nung von Par­tei­en als rechts­extrem auch nicht leicht tut, das nach jah­re­lan­ger Detail­ar­beit inzwi­schen her­aus­ge­fun­den hat­te. Ein AfD-Sport­schüt­ze durf­te sei­ne Waf­fe behalten:

Hier kam die Kam­mer im August 2023 neben­bei zum Ergeb­nis, dass die Ver­fas­sungs­schüt­zer bis­lang nicht „trag­fä­hig nach­ge­wie­sen“ hät­ten, dass der Thü­rin­ger AfD-Lan­des­ver­band „erwie­sen rechts­extre­mis­tisch“ sei. Der AfD-Sport­schüt­ze durf­te sei­ne Waf­fen­be­sitz­kar­te vor­erst behalten.

Sehr guter Arti­kel. Es fehl­ten nur eini­ge Details, die im Ost-West-Dis­kurs aber sehr wich­tig sind: Wer sind die­se Rich­ter? Wo kom­men sie her? Dr. Bengt-Chris­ti­an Fuchs, Vize­prä­si­dent des Ver­wal­tungs­ge­richts Gera, ist laut lin­ke­dIn-Pro­fil Bank­kauf­mann und hat 1984–1986 in Han­no­ver und Lon­don gear­bei­tet. Er ist außer­dem Oberst­leut­nant der Bun­des­wehr. Dr. Bernd Ame­lung hat von 1982–1989 an der Georg-August-Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen sein ers­tes Staats­examen in Öffent­li­chem Recht gemacht. Micha­el Obhues, Prä­si­dent des Ver­wal­tungs­ge­richts Gera, wur­de in Erwit­te/Westfalen gebo­ren. Er stu­dier­te 1986–1992 an der Universität in Münster Rechts­wis­sen­schaf­ten. Details zu sei­ner Kar­rie­re als Jurist fin­det man in den ThürVBl. 8/2006, S. III.

Stef­fen Mau hat in Lüt­ten Klein fest­ge­stellt, dass Richter*innen im Osten meis­tens aus dem Wes­ten sind: 

In den weni­gen Berei­chen, wo die Ost­deut­schen auf­ho­len konn­ten, reden wir von Fort­schrit­ten im nied­ri­gen ein­stel­li­gen Pro­zent­be­reich: in der Rich­ter­schaft ins­ge­samt von 11,8 auf 13,3 Pro­zent, bei den Prä­si­den­ten und Vize­prä­si­den­ten der obers­ten Gerich­te sowie den Vor­sit­zen­den Rich­tern der ein­zel­nen Sena­te von 3,4 auf 5,9 Pro­zent. Jeweils in Ost­deutsch­land wohl­ge­merkt, nicht bundesweit.

Mau, Stef­fen. 2020. Lüt­ten Klein: Leben in der ost­deut­schen Trans­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft (Schrif­ten­rei­he 10490). Bonn: Zen­tra­le für Poli­ti­sche Bil­dung. S. 182

Und so ist es auch in die­sem Fall. Was ich mir von der taz wün­sche, ist, dass die Her­kunft von Nazis oder von Men­schen, die Nazi-Aktio­nen ermög­li­chen, ange­ge­ben wird. Das ist wich­tig, weil durch die Bericht­erstat­tung ohne die­se Infor­ma­ti­on das Kli­schee ver­fes­tigt wird, dass im Osten alles Nazis sei­en. Hier am kon­kre­ten Fall von Jena kann man sehen, dass die Wähler*innen einen SPD-Bür­ger­meis­ter gewählt haben, der sich red­lich müh­te, die Nazis aus der Stadt zu hal­ten, was aber durch Richter*innen aus dem Wes­ten tor­pe­diert wurde. 

Nach der Wen­de wur­de die kom­plet­te Jus­tiz und Poli­zei und auch der Ver­fas­sungs­schutz von West­lern auf­ge­baut. Wie wir jetzt wis­sen, waren vie­le der invol­vier­ten Per­so­nen extrem rechts. (Maa­ßen war der gemä­ßig­te Ersatz für jeman­den, der mit dem NSU zu gut klar­ge­kom­men war, und was Maa­ßen denkt, wis­sen wir ja nun ziem­lich genau. Sei­ne eige­ne Behör­de stuft ihn als rechts­extrem ein.) Nazi-Par­tei­en sind gezielt in den Osten gegan­gen, um dort Struk­tu­ren auf­zu­bau­en (sie­he „His­to­ri­sche Ursa­chen der Frem­den­feind­lich­keit in den neu­en Bun­des­län­dern“: Kom­men­ta­re zu einem Auf­satz von Patri­ce G. Pou­trus, Jan C. Beh­rends und Den­nis Kuck). Das alles soll­te man wis­sen, wenn man dar­über nach­denkt, war­um die Macht­ver­hält­nis­se im Osten jetzt so sind, wie sie sind. Der blü­hen­de Faschis­mus im Osten ist sicher nicht dar­auf zurück­zu­füh­ren, dass wir Ossis alle neben­ein­an­der auf dem Töpf­chen geses­sen hät­ten (Pfeif­fer) und auch Anne Rabes Geschwa­fel von der Gewalt­tä­tig­keit in der DDR ist Unfug, wie ich in vie­len Blog-Posts nach­ge­wie­sen habe (Sie inter­pre­tiert die Kri­mi­nal­sta­tis­tik falsch. Aus­sa­gen über Amok­läu­fe in Schu­len sind falsch usw. usf.). Auch in Lich­ten­ha­gen waren am drit­ten Tag West-Nazis vor Ort und die gesam­te ver­ant­wort­li­che Füh­rung (Regie­rung und Poli­zei­lei­tung) war trotz vor­he­ri­ger Ankün­di­gung der Aus­schrei­tun­gen in Zei­tun­gen im Wochen­en­de und nicht erreich­bar (Post dazu). Zu Anne Rabes Behaup­tun­gen sie­he die Über­sichts­sei­te mit Blog­posts.

Man stel­le sich nun die Gefüh­le eines anti­fa­schis­ti­schen Men­schen vor, der sol­che Arti­kel liest. Sie denkt: Erst kom­men sie her und beset­zen alle Stel­len in der Ver­wal­tung, um uns Ossis zu zei­gen, wie es geht. Dann legen sie die kom­plet­te Indus­trie still, weil sie die Treu­hand-Anstalt auch über­nom­men haben (Kahla Thü­rin­gen Por­zel­lan wur­de für 1 DM an einen win­di­gen Rechts­an­walt ver­kauft, des­sen ein­zi­ge Qua­li­fi­ka­ti­on ein Bru­der bei der Treu­hand war.). Dann kom­men West­ler, grün­den eine rech­te, wirt­schafts­li­be­ra­le Par­tei, wo auch fast die gesam­te Füh­rung der ost­deut­schen Lan­des­vor­stän­de in West-Hand sind (sie­he Der Ossi ist nicht demo­kra­tie­fä­hig. Merkt Ihr’s noch?). Dann radi­ka­li­siert sich die­se Par­tei und die Gerich­te im Osten, die mit Westler*innen bestückt sind, pro­te­gie­ren das. Den Ossis wird nach erfolg­rei­chem Auf­bau der Struk­tu­ren durch West­ler vor­ge­wor­fen, dass sie alle Nazis sei­en. Und wenn dann über den Osten berich­tet wird, wer­den die rele­van­ten Fak­ten über die Her­kunft der ent­spre­chen­den Nazis oder ihre Beschützer*innen nicht genannt und das Kli­schee wei­ter vertieft. 

Quellen

Decker, Kers­tin. 1999. Das Töpf­chen und der Haß. tages­spie­gel. Ber­lin. (https://www.tagesspiegel.de/kultur/das-toepfchen-und-der-hass/77844.html)

Mau, Stef­fen. 2020. Lüt­ten Klein: Leben in der ost­deut­schen Trans­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft (Schrif­ten­rei­he 10490). Bonn: Zen­tra­le für Poli­ti­sche Bil­dung. (https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/303713/luetten-klein)

Frankfurt

Die taz hat sich in den letz­ten Wochen und Mona­ten extrem ver­bes­sert, was die Bericht­erstat­tung über den Osten angeht. Wahr­schein­lich hängt das auch mit dem kom­men­den taz-Lab zum The­ma Osten zusam­men. Ein beson­de­res High­light ist der Bei­trag von Dr. rer. pol. Ute Scheub Demo­kra­tie reso­nant machen über den Anschluss der DDR und ver­ta­ne Chan­cen bei der Aus­ar­bei­tung einer gemein­sa­men Verfassung. 

Zu einer Sache, die immer wie­der pas­siert und die vie­le Ossis ärgern dürf­te und die auch jetzt noch – trotz geschärf­ter Sin­ne – pas­siert, möch­te ich etwas sagen. Frank­furt. In der taz vom 20.04.2024 schreibt Bernd Pickert zum The­ma Mixed Mar­ti­al Arts (MMA):

Da ist Katha­ri­na Dalis­da aus Frank­furt, stu­dier­te Sportöko­no­min mit Bürs­ten­schnitt und Blu­men­kohl­oh­ren, eine der auf­stre­ben­den Frau­en in den deut­schen MMA, 

Pickert, Bernd (20.04.2024): Die net­ten Cage­figh­ter von nebenan

Katha­ri­na Dalis­da ist aus Frank­furt am Main. Der Fluss wird aber nicht genannt. Es gibt in der BRD zwei Frank­fur­te: Frank­furt am Main und Frank­furt an der Oder. Das Pro­blem ist, dass das Ost-Frank­furt kom­plett igno­riert wird. Nun könn­te man sagen, Frankfurt/M. ist viel grö­ßer, ein indus­tri­el­les, kul­tu­rel­les und poli­ti­sches Zen­trum and not­hing important ever came from Frank­furt (Oder). Aber das ist nicht rich­tig: Frank­furt O. war eine der 15 Bezirks­haupt­städ­te in der DDR und ist aus Sicht der taz von Ber­lin aus viel näher gele­gen. Das könn­te die Wich­tig­keit des ande­ren Frank­furts aus­glei­chen, aber selbst wenn man das nicht weiß oder wenn es einem egal ist, soll­te man doch als Jour­na­list, der zum The­ma Spor, ins­be­son­de­re Mixed Mar­ti­al Arts, schreibt, schon von Frank­furt gehört haben.

In Wiki­pe­dia steht zum The­ma MMA:

Die Kämp­fer bedie­nen sich sowohl der Schlag- und Tritt­tech­ni­ken (Striking) des Boxens, Kick­bo­xens, Tae­kwon­do, Muay Thai und Kara­te als auch der Boden­kampf- und Ring­tech­ni­ken (Grap­pling) des Bra­zi­li­an Jiu-Jitsu, Rin­gens, Judo und Sam­bo. Auch Tech­ni­ken aus ande­ren Kampf­kunst­ar­ten wer­den benutzt.

Frank­furt O. war und ist eine Sport­stadt. Der Armee­s­port­klub Frank­furt hat zu DDR-Zei­ten dort trai­niert und es gibt dort jetzt auch einen Bun­des­wehr­sport­stütz­punkt. Mas­sen­haft Olym­pia­sie­ger kom­men aus Frank­furt O. Sieger*innen im Boxen, im Judo und im Rin­gen (sie­he Sport­zen­trum Frank­furt). Allen, die in den 90ern irgend­was mit Sport zu tun hat­ten, dürf­ten Hen­ry Mas­ke und Axel Schulz ein Begriff sein, die bei­de aus der Box­tra­di­ti­on her­vor­ge­gan­gen sind (trai­niert von Man­fred Wol­ke). Auch Men­schen, die ansons­ten mit dem Boxen nichts am Hut hat­ten, kann­ten die bei­den. Ihre Box­kämp­fe hat­ten Rekordeinschaltquoten.

Also, wenn eins der bei­den Frank­furts hier der Default ist, dann ist es wohl Frank­furt O. Da Katha­ri­na Dalis­da aus Frankfurt/Main ist, hät­te das kennt­lich gemacht wer­den müssen.

Es ist eine Klei­nig­keit, aber die­se Klei­nig­keit zeigt: Der Osten ist in den Redak­tio­nen nicht prä­sent. Vie­le Men­schen gen­dern, weil sie es nicht aus­rei­chend fin­den, dass Frau­en nur mit­ge­dacht wer­den anstatt mit­re­prä­sen­tiert und mit­ge­nannt zu wer­den. Der Osten, selbst wenn er direkt vor der Tür liegt, wird nicht mit­ge­dacht. Über den Osten wird bzw. wur­de nur geschrie­ben, wenn es irgend etwas Nega­ti­ves zu ver­mel­den gibt. Das ändert sich gera­de bei der taz so ein biss­chen. Hof­fen wir, dass das auch nach dem taz-Lab so bleibt.

In der Wochen­end­aus­ga­be zum taz-Lab gab es eine Korrektur. =:-)