Alles Nazis im Westen?

Die taz berich­tet heu­te über Po­li­zis­t*in­nen, die durch Rechts­ex­tre­mis­mus, Ras­sis­mus oder Anti­se­mi­tis­mus auf­ge­fal­len sind (taz, 21.10.2021). Inter­es­san­ter­wei­se sind alle Vor­fäl­le bis auf einen mit einer Poli­zis­tin aus Des­sau aus dem Wes­ten (Ber­lin zäh­le ich groß­zü­gig auch zum Wes­ten. Es geht wohl auch um Neukölln.):

  • Ber­lin:
  • Frankfurt/Main:
    • 6 Polizist*innen, rechts­ra­di­ka­le Bil­der, einer mit Waffen
    • 20 Beam­te des SEK: volks­ver­het­zen­der Chat­nach­rich­ten, 19 sus­pen­diert, 3 Vorgesetzte
    • Spe­zi­al­ein­heit aufgelöst
    • Min­des­tens 29 wei­te­re hes­si­sche Po­li­zei­be­am­t*in­nen gehör­ten zur Chat­grup­pe, 9 mit Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren, jedoch nicht straf­bar, weil pri­va­te Kommunikation
    • Poli­zei­prä­si­dent des Prä­si­di­ums West­hes­sen äußert sich rassistisch
  • Mühl­heim an der Ruhr/NRW:
    • Chat mit rechts­ex­tre­men und ras­sis­ti­schen Inhal­ten, 20 Polizist*innen sus­pen­diert, Straf­be­feh­le gegen 6
    • alle Aspek­te von grup­pen­be­zo­ge­ner Men­schen­feind­lich­keit, näm­lich Ras­sis­mus, Frem­den­feind­lich­keit, Anti­se­mi­tis­mus, Isla­mo­pho­bie, Sexis­mus und Homophobie.
    • gegen 29 Po­li­zei­be­am­t:in­nen ermit­telt, Mül­hei­mer Dienst­grup­pe A samt Dienst­grup­pen­lei­ter kom­plett suspendiert
    • Ins­ge­samt in NRW 53 bestä­tig­te rechts­ex­tre­me Fäl­le, 138 noch offen. Bei 59 Ver­dachts­fäl­len noch andau­ern­de straf­recht­li­che Prü­fun­gen und arbeits‑, dis­zi­pli­nar- oder beam­ten­recht­li­chen Prü­fun­gen, von 2017 bis Ende Sep­tem­ber 2021 275 Ver­dachts­fäl­le, 6 ent­las­se­ne Kommissaranwärter
  • Alsfeld/Hessen:
    • Hit­ler-Bild auf Whats­App geteilt, über das Aus­kunfts­sys­tem der Poli­zei Abfra­gen ohne dienst­li­chen Anlass vor­ge­nom­men und Infor­ma­tio­nen wei­ter­ge­ge­ben, uner­laub­te Schuss­waf­fen und Munition 
    • Geld­stra­fe 7000€, Jus­tiz fand Hit­ler­bild aber nicht rele­vant, weil war ja privat
  • Osnabrück/Niedersachsen:
    • Ermitt­lun­gen gegen 6 Beam­te, ver­fas­sungs­feind­li­che Sym­bo­le über whats­app ver­schickt, 4 suspendiert

So. Wat sagt uns dit­te? Ich schrei­be jetzt mal eine Ein­ord­nung, so wie man sie mit­un­ter anders­rum in Zei­tun­gen findet:

<sarcasm>Dieser gan­ze Neo­fa­schis­mus ist sehr schwer erträg­lich und nicht zu ver­ste­hen. Die Men­schen im Wes­ten sind irgend­wie ganz anders als wir lie­ben Lin­ken aus dem Osten. Wir haben in der Schu­le auf­ge­passt, haben alle mehr­fach Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger besucht und wis­sen, dass Faschis­mus unglaub­li­ches Leid über vie­le Men­schen gebracht hat. Wie kann man die­se Ent­glei­sun­gen nur erklä­ren? Mir fal­len meh­re­re Erklä­run­gen ein: 

  • Nach dem Krieg gab es kei­ne wirk­li­che Auf­ar­bei­tung des Faschismus.
  • Opa/Oma bzw. Uropa/Uroma der klei­nen Hit­lers in der Poli­zei sind in einer Dik­ta­tur auf­ge­wach­sen. Die ent­spre­chen­den Defor­mie­run­gen wur­den in der Fami­lie weitergegeben.
  • Die Nazi-Poli­zis­ten sind nie in einen Kin­der­gar­ten gegan­gen, saßen stun­den­lang allei­ne auf dem Topf, weil Mama sie nicht wei­ter­spie­len ließ, bis die wich­ti­gen Sachen erle­digt waren, und haben wegen feh­len­dem Kon­takt zu ande­ren Kin­dern kein ver­nünf­ti­ges Sozi­al­ver­hal­ten erlernt.
  • Die Nazi-Müt­ter (Müt­ter der Nazis) waren frus­triert, weil sie öko­no­misch abhän­gig waren und sich des­halb nicht von den Vätern tren­nen konnten.

</sarcasm>

Ist bescheu­ert? Ja. Aber sol­ches Zeug müs­sen Ost­deut­sche immer wie­der in der Zei­tung lesen (Zei­tun­gen sind bis auf das Neue Deutsch­land und die Ber­li­ner Zei­tung alles West-Zei­tun­gen). Zum Bei­spiel, dass Kin­der Neo­na­zis gewor­den sei­en, weil sie im Kin­der­gar­ten neben­ein­an­der auf dem Töpf­chen geses­sen hät­ten (gute Bespre­chung der Pfeif­fer­schen The­se von Kers­tin Decker im tages­spie­gel, 11.05.1999). Oder dass die Tat­sa­che, dass die AfD im Osten erfolg­reich ist, an der Dik­ta­tur­so­zia­li­sie­rung läge. Die DDR ist schon über 30 Jah­re Geschich­te. Jun­ge AfD-Wähler*innen ken­nen die DDR nur noch aus Erzählungen.

Zusammenfassung

Die­ses Land hat ein Nazi-Pro­blem. Oder meh­re­re. Ver­schie­de­ne. Es ist zu ein­fach, ange­ekelt auf den jeweils ande­ren zu bli­cken und zu sagen: Ih, die sind so anders. Die Nazis. Da drü­ben. Es wird nicht bes­ser, wenn man von oben her­ab über Min­der­hei­ten schreibt. Man kann sich zwar schön selbst ver­ge­wis­sern und die Leser*innen fin­den es auch duf­te, aber man schließt eben ein Fünf­tel der Bevöl­ke­rung des Lan­des wei­ter­hin aus (Die taz hat mit 6% ost­deut­schen Leser*innen den höchs­ten Ossi-Anteil. Bei Spie­gel und Süd­deut­scher liegt er bei 4% und 2,5%. Sie­he taz, 09.03.2021). Die­ses Fünf­tel wird die Zei­tun­gen wei­ter­hin nicht lesen und sind somit für nor­ma­le Medi­en mit jour­na­lis­ti­schen Qua­li­täts­stan­dards ver­lo­ren. Die­ser Teil der Bevöl­ke­rung kriegt sei­ne Infor­ma­ti­on und Unter­hal­tung eben auf rech­ten Schwur­bel­ka­nä­len. Wie gefähr­lich das ist, haben wir wäh­rend der Coro­na-Kri­se gese­hen und das gilt genau­so für die Klimakrise.

Quellen

Decker, Kers­tin. 1999. Das Töpf­chen und der Haß. tages­spie­gel. Ber­lin. (https://www.tagesspiegel.de/kultur/das-toepfchen-und-der-hass/77844.html)

Fromm, Anne. 2021. Pres­se in Ost­deutsch­land: Wer strei­chelt unse­re See­le? taz. Ber­lin. (https://taz.de/Presse-in-Ostdeutschland/!5756271/)

Giess­ler, Denis. 2021. Ver­dachts­fäl­le Ras­sis­mus bei der Poli­zei: Die lan­ge Lis­te der Ein­zel­fäl­le. taz. Ber­lin. (https://taz.de/Verdachtsfaelle-Rassismus-bei-der-Polizei/!5806075/)

Gür­gen, Male­ne. 2020. Ermitt­lun­gen gegen Ber­li­ner Beam­ten: AfD, NPD, Poli­zei. taz. Ber­lin. (https://taz.de/Ermittlungen-gegen-Berliner-Beamten/!5690788/)

Was qualifiziert Sie für den Bundestag?

In die­sem Bei­trag bespre­che ich die Vor­aus­set­zun­gen für eine Wahl in den Bun­des­tag, das Pro­blem, das die gegen­wär­ti­gen Kri­sen für die Demo­kra­tie dar­stel­len und Mög­lich­kei­ten zur Erwei­te­rung der­sel­ben. Ein abschlie­ßen­der Abschnitt ist den Mensch­heits­kri­sen und sich dar­aus erge­ben­den neu­en Anfor­de­run­gen an Politiker*innen gewidmet.

Voraussetzungen für die Wahl

Als ich mit mei­nen Eltern über mei­ne Bun­des­tags­kan­di­da­tur für Die PARTEI Erlan­gen gespro­chen habe, waren sie skep­tisch. Mein Vater war der Mei­nung, dass das doch Men­schen machen soll­ten, die etwas ent­spre­chen­des stu­diert haben. Poli­tik­wis­sen­schaf­ten, oder so. Tja, so sind wir, wir Ossis. Wir fra­gen uns, ob wir Din­ge kön­nen, und im Zwei­fels­fall las­sen wir die Blen­der vor (hat­te ich Andre­as Scheu­er, MA mit sei­nem Fake-Dok­tor­ti­tel schon erwähnt?), die ein­fach selbst­be­wusst auf­tre­ten. Es gibt dazu einen schö­nen Witz aus Nach­wen­de­zei­ten: Fra­ge: „War­um dau­ert das Abitur im Wes­ten 13 Jah­re, aber im Osten nur 12 Jah­re?“ Anwort: „Weil im Wes­ten noch ein Jahr Schau­spiel­un­ter­richt dabei ist!“ Regi­ne Hil­de­brandt (1990 Minis­te­rin für Arbeit, Sozia­les, Gesund­heit und Frau­en in Bran­den­burg) erzählt ihn sehr gut zum Anfang einer MDR-Doku­men­ta­ti­on über Ost-Frauen:

Regi­ne Hil­de­brandt erzählt den Abitur-Witz. 2. Teil einer drei­tei­li­gen Doku­men­ta­ti­on über Ost­frau­en, MDR

Ich per­sön­lich kann mich über man­geln­des Selbst­ver­trau­en nicht bekla­gen. Das liegt aller­dings dar­an, dass ich Wis­sen­schaft­ler bin und da ist die Sach­la­ge oft sehr klar. Ich hat­te ein­fach immer Recht. Also meis­tens. Also aus­rei­chend oft.1

Was qua­li­fi­ziert einen dazu, in den Bun­des­tag zu gehen? Muss man Politikwissenschaftler*in sein? Nein, 2013 kan­di­dier­te ein Kol­le­ge, eben­falls Sprach­wis­sen­schaft­ler, für eine damals gera­de neu gegrün­de­te Par­tei. Das fand nie­mand lus­tig. Nun kan­di­die­re ich für Die PARTEI. Das fin­den hof­fent­lich eini­ge lus­tig. Der Huf­ei­sen-Ste­fan Mül­ler von der CSU, gegen den ich antre­te, ist Bank­fach­wirt, vie­le CSU-Mit­glie­der sind Bau­ern. Julia Klöck­ner ist Wein­kö­ni­gin. Sie kann sehr gut lächeln. Das ist genau die Qua­li­fi­ka­ti­on, die sie braucht. Zum Bei­spiel zum Kuscheln mit Nestlé:

Julia Klöck­ner sagt in ihrem Bei­trag, dass sie in ihrem Gespräch mit Nest­lé viel Neu­es erfah­ren hat. Über Nest­lé hät­te sie schon vor­her viel erfah­ren kön­nen. Zum Bei­spiel aus dem Film We feed the world – Essen glo­bal. Ich will das hier nicht zusam­men­fas­sen, da bekom­me ich nur schlech­te Lau­ne. Guckt Euch den Film ein­fach an.

Lobbyismus und Repräsentativität

Aber jetzt ganz im Ernst: Der Bun­des­tag besteht aus vom Volk gewähl­ten Vertreter*innen, die die Inter­es­sen der Wähler*innen bzw. von Grup­pen von Wähler*innen ver­tre­ten sol­len. Also eigent­lich Lob­by­is­mus. Vie­le CDU/C­SU-Abge­ord­ne­te sind (Groß-)Bauern und sit­zen auch im Agrar­aus­schuss des Bun­des­ta­ges (62% der CSU/CDU, 25% der Grü­nen, 0% bei den ande­ren, taz, 17.03.2021). Außer ihrer Par­tei­mit­glied­schaft haben sie kei­ne beson­de­re Qua­li­fi­ka­ti­on. Auch das ist in Ord­nung (aber sie­he unten). Das ein­zi­ge Pro­blem ist, dass Lob­by­is­mus in CDU/CSU und lei­der auch der SPD bis­her intrans­pa­rent geblie­ben ist und dass die CDU/CSU sich gegen ent­spre­chen­de Geset­ze gewehrt hat. 

Mar­co Bülow (Ex-SPD, jetzt Die PARTEI) spricht beim Kli­ma­mon­tag von Berlin4Future über Kor­rup­ti­on und Lob­by­is­mus, Ber­lin, Alex­an­der­platz, 07.09.20, Bild: Ste­fan Mül­ler, CC-BY

Es muss trans­pa­rent sein, wer was im Bun­des­tag macht und was dabei die Inter­es­sen der jewei­li­gen Per­son sind oder sein könn­ten. Dann kön­nen Wähler*innen frei ent­schei­den, ob sie jeman­den wäh­len wol­len oder nicht. 

Grob ver­ein­facht kann man also als Grund­vor­aus­set­zung für ein Bun­des­tags­man­dat eine Par­tei­zu­ge­hö­rig­keit, die Fähig­keit zu lächeln2 und Men­schen zu begeis­tern und für gewis­se Posi­tio­nen die Fähig­keit zu füh­ren anneh­men. Reicht das für eine funk­tio­nie­ren­de Demo­kra­tie? Lei­der nicht, denn der Bun­des­tag ist nicht divers genug. Küp­pers­busch fasst zusammen: 

„Von der Idee, alle Stän­de und Beru­fe im Par­la­ment ver­tre­ten zu sehen ist wenig übrig. Im Bun­des­tag sit­zen 203 Abge­ord­ne­te aus dem Öffent­li­chen Dienst und zwei, die pri­vat Haus­mann­frau sind. 101 arbei­ten bei „gesell­schaft­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen“ wie etwa Par­tei­en, vier sind arbeits­los oder ohne Beruf. Das Par­la­ment bil­det die Gesell­schaft nicht mehr ab, und das schaff­te auch Fall­hö­he für eine Rabu­lis­ten­frak­ti­on rechtsaußen.“

Fried­rich Küpers­busch: Coro­na, CDU und Grü­ne: Impf­par­ty mit Schei­be.(taz, 06.04.2021)

Für das Pro­blem, dass sich Tei­le der Bevöl­ke­rung nicht reprä­sen­tiert füh­len, gibt es eine Lösung. Reprä­sen­ta­tiv zusam­men­ge­stell­te, gelos­te Bürger*innenräte. Die­se wür­den auch das Lob­by­is­mus-Pro­blem abmil­dern und sie sind wich­tig für Pro­blem­fel­der, die Politiker*innen sys­tem­be­dingt nicht bear­bei­ten kön­nen. Wie funk­tio­niert das im Detail und warum? 

Gewis­se Pro­ble­me kön­nen bzw. wol­len Politiker*innen nicht ange­hen, weil sie das je nach Pro­blem­la­ge 5–10% ihrer Wähler*innen kos­ten könn­te und weil die gesam­te gegen­wär­ti­ge Poli­tik auf Macht­er­halt und Wie­der­wahl in vier bzw. fünf Jah­ren aus­ge­rich­tet ist. Ein Bei­spiel für einen Bürger*innenrat war der, der zum The­ma Abtrei­bung in Irland durch­ge­führt wur­de. Es wäre für Politiker*innen schwer gewe­sen, sich hin­zu­stel­len und zu sagen: „Ich bin für Abtrei­bung.“ Es wur­de also ein Bürger*innenrat zusam­men­ge­stellt. Dazu wur­de eine reprä­sen­ta­ti­ve Grup­pe von 100 Per­so­nen aus­ge­wählt. Reprä­sen­ta­tiv heißt, dass die Zusam­men­set­zung der Alters­struk­tur, der sozio-öko­no­mi­schen Struk­tur usw. des jewei­li­gen Lan­des ent­spricht. Wer letzt­end­lich in die­sem Rat sitzt, wird nach der reprä­sen­ta­ti­ven Vor­auswahl durch ein Los­ver­fah­ren ent­schie­den. Der Bürger*innenrat trifft sich dann über meh­re­re Wochen und bekommt Input von Expert*innen zum jewei­li­gen Pro­blem (Recht, Gesund, Öko­no­mie, Kli­ma, Ver­ke­her, wha­te­ver), so dass alle Aspek­te gut auf­ge­ar­bei­tet sind. (Das unter­schei­det die Räte von Volks­ent­schei­den, bei denen ein­fach jede*r Ein­zel­ne aus dem Bauch her­aus ent­schei­det.) Die 100 Per­so­nen kom­men dann zu einem Schluss, der hof­fent­lich von einer brei­ten Mehr­heit der Gesell­schaft mit­ge­tra­gen wird. Das fol­gen­de Video über das Refe­ren­dum zur Abtrei­bung in Irland erklärt alle Punk­te sehr gut:

Außer die­sem Bürgerrinnen*rat zur Abtrei­bung gab es auch in Frank­reich schon einen zum The­ma Kli­ma­schutz. Die Regie­rung Macron hat Tei­le der Emp­feh­lun­gen auch übernommen.

Dass Bürger*innenräte kein Hirn­ge­spinst irgend­wel­cher Revo­lu­zer oder Sozi­al­ro­man­ti­ker sind, sieht man auch dar­an, dass Wolf­gang Schäu­be­le (Bun­des­tags­prä­si­dent, CDU) sie unterstützt.

Bür­ger­rat Demo­kra­tie Ver­an­stal­tung mit Bun­des­prä­si­dent Wolf­gang Schäu­be­le, 15.11.2019

Das Lob­by­is­mus­pro­blem wür­de duch Bürger*innenräte zwar nicht gelöst, aber zumin­dest auch abge­mil­dert, weil es nicht mög­lich ist, lang­jäh­ri­ge Netz­wer­ke und Abhän­gig­kei­ten auf­zu­bau­en, wenn die Rats­mit­glie­der zufäl­lig aus­ge­wählt sind und nur zu weni­gen Sit­zun­gen zusammenkommen. 

Dass beim The­ma Lob­by­is­mus und Kor­rup­ti­on drin­gend etwas pas­sie­ren muss, zeigt auch das Rezo-Video, um das es im fol­gen­den Abschnitt geht.

Krisentauglichkeit

Rezo hat die gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on mal wie­der schön zusam­men­ge­fasst: Unse­re gegen­wär­ti­ge Regie­rung ist kor­rupt, macho­mäs­sig unter­wegs und inkompetent:

Rezo zer­stört die Coro­na-Poli­tik, 05.04.2021

Was man in der aktu­el­len Situa­ti­on braucht, ist die Fähig­keit, eine Bedro­hungs­la­ge ein­zu­schät­zen. Man muss Expo­nen­ti­al­kur­ven ver­ste­hen kön­nen und man muss ein­schät­zen kön­nen, wie eine wei­te­re Ent­wick­lung ver­lau­fen wird. Nie­mand, der ein Minis­te­ri­um lei­tet, ver­steht alle fach­li­chen Details. Das muss auch nicht so sein, aber es braucht Selbst­be­wusst­sein und mensch­li­che Grö­ße und ein Urteils­ver­mö­gen, um ein­schät­zen zu kön­nen, dass man selbst an bestimm­ten Stel­len inkom­pe­tent ist und sich auf Expert*innen ver­las­sen muss. Rezo hat die wesent­li­chen Video­schnip­sel der letz­ten Wochen zusam­men­ge­schnit­ten und belegt, dass unse­re Bundesregierung/Ministerpräsidentenkonferenz ein inkom­pe­ten­ter, arro­gan­ter Macho­hau­fen ist. Aus der Bezeich­nung Macho­hau­fen (klingt irgend­wie wie Matsch­hau­fen, viel­leicht ist er ja nach dem Coro­na-Win­ter weg) folgt auch, dass Ange­la Mer­kel nicht ein­ge­schlos­sen ist. Sie hat Phy­sik stu­diert und ver­steht Expo­nen­ti­al­kur­ven. Das ist es, was wir brau­chen. Also nicht unbe­dingt die Phsyik aber die Expo­nen­ti­al­kur­ven (Mein Vater hat mich dar­auf hin­ge­wie­sen, dass das Ober­stu­fen­schul­stoff ist.). Die fol­gen­de Kur­ve zeigt das Infek­ti­ons­ge­sche­hen in Deutsch­land. Man sieht sehr schön die ers­te, zwei­te und drit­te Welle.

Drit­te Wel­le kurz vor dem Rum­ge­eie­re der Minis­ter­prä­si­den­ten­kon­fer­nez vor Ostern 2021

Die­se Ent­wick­lun­gen wur­den vor­her­ge­sagt. Es wur­den mathe­ma­ti­sche Model­le gebaut, die genau das vor­her­ge­sagt haben, was ein­ge­tre­ten ist. (Sie­he Fuß­no­te 1 zu for­ma­len Model­len in der Sprach­wis­sen­schaft.) In vie­len Situa­tio­nen hilft es, einen Phä­no­me­n­be­reich zu model­lie­ren. Man kann dann Vor­her­sa­gen einer Theo­rie bestim­men und ein Abgleich mit der Wirk­lich­keit hilft einem, Rück­schlüs­se auf die Qua­li­tät der Theo­rie zu zie­hen. Wie das Rezo-Video zeigt, wur­den die Gefah­ren, vor denen unser Land stand und immer noch steht, igno­riert und Poli­ti­ker (ohne *innen) sind sich nicht zu blöd, sich vorn hin­zu­stel­len und das auch noch rich­tig zu finden. 

Schau­en wir uns eine ande­re Kur­ve an. Sie ist aus dem Wiki­pe­dia-Arti­kel über Koh­len­stoff­di­oxid in der Erd­at­mo­sphä­re und zeigt eben­falls ein expo­nen­ti­el­les Wachstum:

Expo­nen­ti­el­ler Zunah­me von CO2 in der Atmo­sphä­re in den letz­ten Jahr­zehn­ten Quel­le: CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=694303

Klimawissenschaftler*innen bau­en kom­ple­xe Model­le zu den Ent­wick­lun­gen, die uns in den nächs­ten Jah­ren und Jahr­zehn­ten bevor­ste­hen. Sie sind sehr zurück­hal­tend und nicht alar­mis­tisch. Das ent­spricht der Serio­si­tät, die in der Wis­sen­schaft üblich ist. Ein Kol­le­ge von der Hum­boldt-Uni, der wie ich auch bei den Scientists4Future aktiv ist, hat noch vor zwei Jah­ren den Begriff Kli­ma­kri­se abge­lehnt, weil er ihn für zu alar­mis­tisch hielt. Die Klimawissenschftler*innen sind sich einig: Wir haben ein Pro­blem. Ein gro­ßes! Die Kli­ma­kri­se ist um ein Viel­fa­ches grö­ßer als das, was wir jetzt erle­ben. Coro­na macht kei­nen Spaß? Dann kämpft dafür, dass wir nicht Cor­na++ bekommen!

Ange­la Mer­kel ver­steht das alles, aber lei­der ist Ange­la Mer­kel eine lame duck. Sie konn­te sich bei Coro­na nicht gegen ihre Matsch-Kum­pels durch­set­zen. Auch die Öko-Bilanz ist fins­ter. Mer­kel war Umwelt­mi­nis­te­rin und hat auf die Kli­ma­pro­ble­me hingewiesen. 

Buch­pu­bli­ka­ti­on von Ange­la Mer­kel 1997

Sie hat schon 1997 klar auf­ge­zeigt, was getan wer­den muss. Was pas­siert ist, ist aber so ziem­lich das Gegen­teil von dem, was wir gebraucht hätten.

Chris­ti­an Lind­ner und mein Vater3 sagen: Die Kli­ma­pro­ble­me und die gro­ße Poli­tik soll­ten doch die Pro­fis regeln. Die­se haben aber ver­sagt. Wir kön­nen nicht mehr war­ten (und Lind­ner hat ja eh kei­ne Lust zu regie­ren). Und des­halb machen wir das jetzt selbst! Los! Wie Rezo sagt: Bes­ser als die sind wir allemal!

Ein (zukünf­ti­ger) Pro­fi demons­triert bei Fri­days For Future Demons­tra­ti­on in Ber­lin, 15.03.2019 Bild: Ste­fan Mül­ler, CC-BY

Quellen

Küpers­busch, Fried­rich. 2021. Coro­na, CDU und Grü­ne: Impf­par­ty mit Schei­be. (https://taz.de/Corona-CDU-und-Gruene/!5758868/)

Mau­rin, Jost. 2021. Lob­by­is­mus in der Uni­on: Anfäl­lig­keit für Ein­fluss­nah­me. (https://taz.de/Lobbyismus-in-der-Union/!5757524/)

tages­schau. 2019. Initia­ti­ve für mehr Demo­kra­tie: „Bür­ger­rat“ gibt Emp­feh­lun­gen ab. (https://www.youtube.com/watch?v=LV_dptGINYI)

Wagen­ho­fer, Erwin. 2005. We feed the world – Essen glo­bal. Alle­gro Film. (https://www.youtube.com/watch?v=m5HfaSBdtWU)

Aufbau West

Da in Erlan­gen Ste­fan Mül­ler von der CSU seit 2002 immer das Direkt­man­dat gewinnt, hat Die PARTEI beschlos­sen, den Erlanger*innen eine Alter­na­ti­ve zu bie­ten. In einem auf­wen­di­gen Cas­ting-Ver­fah­ren konn­te ich mich gegen Tau­sen­de Ste­fan Mül­lers und Stef­fi Mül­lers durch­set­zen und der Vor­sit­zen­de der Orts­grup­pe hat dann von mir ein Foto bekom­men (Pres­se­mit­tei­lung der Par­tei Die PARTEI).

Ges­tern nun war unser ers­tes Tref­fen, bei dem es um kon­kre­te Wahl­kampf­maß­nah­men ging. Ich habe dabei sehr viel Wis­sens­wer­tes über Erlan­gen erfah­ren. Scho­ckie­ren­de Details. Ich weiß jetzt, dass die Infra­struk­tur maro­de ist. Stra­ßen­la­ter­nen sind so wacke­lig, dass man nur ein Wahl­pla­kat pro Later­ne auf­hän­gen kann (Aus­nah­me­re­ge­lung zu § 2 Abs. 2 Nr. 16 der Pla­ka­tie­rungs­ver­ord­nung der Stadt Erlan­gen). Alle ande­ren Pla­ka­te müs­sen auf Drei­ecks­stän­dern aus Metall ste­hen, die sich aber nur die CSU in gro­ßer Anzahl leis­ten kann.

Vor­schrif­ten für Pla­ka­tie­run­gen in Erlan­gen, 2017 für eini­ge spe­zi­ell aus­ge­wie­se­nen Stra­ßen­zü­ge laut Aus­nah­me­re­ge­lung zu § 2 Abs. 2 Nr. 16 der Pla­ka­tie­rungs­ver­ord­nung der Stadt Erlan­gen von 2017.

Die­se Zustän­de sind natür­lich unhalt­bar und ich fra­ge mich ernst­haft, wie die armen Erlanger*innen das die letz­te 40 Jah­re lang aus­hal­ten konn­ten. Ich den­ke, hier muss drin­gend Abhil­fe geschaf­fen wer­den. Ich wer­de mich also im Bun­des­tag für einen Auf­bau West ein­set­zen. Der Osten ist ja jetzt fer­tig, wir haben über­all die ver­spro­che­nen blü­hen­den Land­schaf­ten und kön­nen uns nun also struk­tur­schwa­chen Regio­nen wie Erlan­gen zuwen­den. Die Ossis sind sehr froh über die blü­hen­den Land­schaf­ten und das gan­ze Geld, das in den Osten geflos­sen ist, und vie­le sind sicher bereit, es dem Wes­ten heim­zu­zah­len zurück­zu­zah­len. Ich wer­de mich dafür ein­set­zen, dass der Soli bei­be­hal­ten und aus­ge­baut wird. Der Soli ist übri­gens eine Steu­er, die alle Steu­ern zah­len­den Per­so­nen bezahlt haben, also Ossis und Wes­sis (Wiki­pe­dia: Soli­da­ri­täts­zu­schlag). Das wird mit­un­ter über­se­hen. Also: Für einen Soli­da­ri­täts­zu­schlag für struk­tur­schwa­che Gebie­te! Gern ein­kom­mens­ab­hän­gig gestaf­felt. Für Stra­ßen­be­leuch­tung in Erlan­gen und Umge­bung! Gegen Dunkeldeutschland!

Gendern und Bewertungen von Arbeitsleistungen im akademischen Bereich

Vor­weg: 1) Ich gen­de­re. 2) Ich war eins der ers­ten Mit­glie­der in Prof. Dr. Gis­bert Fan­se­lows Gesell­schaft gegen den Erhal­tung der deut­schen Spra­che. Gis­bert hat­te auf einer Web-Sei­te „100 gute rea­sons gegen die pre­ser­va­ti­on von der deut­schen Spra­che“. Mit irgend­wel­chen Sprachpfleger*innen habe ich also nichts zu tun.

Da bei der Deut­schen Gesell­schaft für Sprach­wis­sen­schaft (DGfS) eine Sat­zungs­än­de­rung in Rich­tung gen­der­ge­rech­te Spra­che anstand, habe ich im DGfS-Forum einen Bei­trag geschrie­ben, den ich dann auch außer­halb ver­öf­fent­li­chen woll­te (Gen­dern, arbei­ten und der Osten). Ich habe erst dar­über nach­ge­dacht, den Blog-Bereich der HU dafür zu benut­zen, habe den Bei­trag aber dann auf die­sen Ost-Blog getan, weil die dar­un­ter­lie­gen­den Fra­gen auch etwas mit dem Osten zu tun haben. Ich woll­te eigent­lich gar nicht wei­ter zum The­ma schrei­ben, aber jetzt muss ich doch noch ein­mal. Auf Twit­ter und sonst wo kocht gera­de die Dis­kus­si­on über, ob man denn Prü­fungs­leis­tun­gen von Stu­die­ren­den anders bewer­ten kann oder soll, wenn die­se nicht gendern. 

Bei der Uni­ver­si­tät Kas­sel fin­det man fol­gen­de Anleitung:

Anlei­tung zum Bewer­tungs­kri­te­ri­um gen­der­ge­rech­te Spra­che der Uni­ver­si­tät Kas­sel, 27.02.2021

Hier stellt sich die Fra­ge, wie man mit den Gen­der-Mar­kern all­ge­mein umge­hen soll. Vor drei­ßig Jah­ren wur­de das Binnen‑I z.B. bei der taz und die gespro­che­ne Vari­an­te mit Glot­tal­ver­schluß bei Radio 100 ver­wen­det. Bei­des Avant­gar­de und Nischen­an­ge­bo­te. Ansons­ten kam es in ent­spre­chen­den Zir­keln vor, ver­ein­zelt auch an Uni­ver­si­tä­ten. Ich habe eine Leip­zi­ger Hoch­schul­zeit­schrift von 1992 mit Bin­nen-I-Bei­trag. Inzwi­schen ist das Binnen‑I bzw. das Gen­der­stern­chen im Main­stream angekommen. 

Harald Schmidt gen­dert im Kom­men­tar zur Lan­des­tags­wahl in Baden-Wür­tem­berg, 2021

Es wird im Tagespie­gel ver­wen­det, von Nachrichtensprecher*innen u.s.w. For­schungs­för­de­rungs­ein­rich­tun­gen wie die DFG ver­wen­den es schon meh­re­re Jah­re stan­dard­mä­ßig, Uni­ver­si­tä­ten geben Emp­feh­lun­gen für gen­der­ge­rech­tes Schrei­ben. Vor eini­ger Zeit hat Ulri­ke Win­kel­mann, die Chef­re­dak­teu­rin der taz, einen wei­sen Bei­trag dazu ver­fasst. In der taz gab es immer sone und sol­che. Man­che haben das Gen­dern abge­lehnt1, man­che haben dafür gekämpft. Die taz ist ein bun­ter Hau­fen und das ist auch gut so. Ulri­ke Win­kel­mann hat dafür plä­diert, das Gen­dern nicht vor­zu­schrei­ben und nicht zu erzwingen:

In dem Augen­blick, da eman­zi­pa­ti­ve Sprach­po­li­tik zu einer von einem „Oben“ gesetz­ten Norm wird – und vie­les sieht aktu­ell schon danach aus –, wird sie sich genau die­sem Vor­wurf aus­set­zen müs­sen: dass sie Wirk­lich­kei­ten kon­stru­iert, die vie­le nicht als die ihren begreifen.

Ulrikw Winckel­mann, Sprach­kri­tik darf kein Eli­ten­pro­jekt sein, taz, 06.02.2021

Ich den­ke, es ist wich­tig, zwei Din­ge zu unter­schei­den: 1) gibt es Insti­tu­tio­nen, die beschlos­sen haben, Gleich­stel­lungs­aspek­te adäquat zu berück­sich­ti­gen und in der Innen­kom­mu­ni­ka­ti­on und nach außen gen­der­ge­rech­te Spra­che zu ver­wen­den. 2) gibt es Bestre­bun­gen oder zumin­dest die Mög­lich­keit, gen­der­ge­rech­te Spra­che bei ande­ren zu erzwin­gen. 1) ist nor­mal und in Ord­nung, 2) ist nicht in Ord­nung. War­um nicht? 

Wenn man ver­sucht, Sprach­wan­del zu erzwin­gen, stößt man auf Ableh­nung, bei denen, die sol­che Ent­wick­lun­gen kri­tisch sehen oder sich eben ein­fach nicht umstel­len wol­len. Soll man sie ein­fach zwin­gen? Nein. Ich bin aus dem Osten. Damals war es üblich, zu Prü­fun­gen ein FDJ-Hemd anzu­zie­hen. Das war ein Bekennt­nis zum Staat, das von Prüf­lin­gen ver­langt wur­de. Wenn nun gesetz­te Gen­der­stern­chen in die Bewer­tung ein­flie­ßen sol­len, dann erin­nert mich das sehr stark an die­se Zeit. Es war eine wider­wär­ti­ge Zeit. Die Poli­tik war über­all drin. Ich hat­te als 13jähriger eine Auf­nah­me­prü­fung für die Erwei­ter­te Ober­schu­le Hein­rich-Hertz, eine Mathe­schu­le. Die Prü­fung bestand aus zwei Tei­len: einem Mathe­test mit Kno­be­lauf­ga­ben und einem poli­ti­schen Gespräch mit dem stell­ver­tre­ten­den Direk­tor. Der Mathe­test war kein Pro­blem, aber eine der Fra­gen im Auf­nah­me­ge­spräch war, ob ich drei Jah­re zur Armee gehen wür­de. Ich war 13 und hat­te noch nie dar­über nach­ge­dacht. Spon­tan fand ich die Vor­stel­lung nicht so pri­ckelnd. Ich bin des­we­gen abge­lehnt wor­den und nur dem enor­men Ein­satz mei­ner Eltern ist es zu ver­dan­ken, dass ich dann doch auf die­se Schu­le gehen konn­te. Und ich habe zuge­sagt, drei Jah­re zur Armee zu gehen. Wie das im DDR-Bil­dungs­sys­tem lief, kann man sehr gut in Klaus Kor­dons Buch Kro­ko­dil im Nacken nach­le­sen. Kor­don beschreibt ein Paar, das loy­al und posi­tiv zum Staat ein­ge­stellt ist, was sich in dem Moment ändert, als die Kin­der in die Schu­le kom­men und der Wider­spruch zwi­schen Rea­li­tät und Schul­un­ter­richt so groß wird, dass die Fami­lie einen Flucht­ver­such unter­nimmt. Der schei­tert. Fol­gen: Tren­nung der Fami­lie, Eltern ein­zeln im Gefäng­nis, Kin­der im Heim. Ich bin sehr froh, dass die­se Zeit vor­bei ist, dass mei­ne Kin­der nicht in der Schu­le drei Fächer mit dem­sel­ben Inhalt (Staats­bür­ger­kun­de, Ein­füh­rung in die sozia­lis­ti­sche Pro­duk­ti­on, Geschich­te) haben, in denen man irgend­wel­che Grund­sät­ze des Sozia­lis­mus aus­wen­dig ler­nen muss.

Ich den­ke, das Gen­der­stern­chen hat sich durch­ge­setzt oder ist zumin­dest kurz davor und wir soll­ten den Rest nicht erzwin­gen. Zumin­dest der Osten hat­te sol­chen Zwang schon und wir wür­den damit nur die noAfD stärken.

Auf dem Berg der Ahnungslosen?

Man­fred Krie­ner schreibt in der taz einen guten Arti­kel über den Atom­aus­stieg nach der Reak­tor­ka­ta­stro­phe. Er ord­net dar­in Ange­la Mer­kels Han­deln ein. An sich ein schö­ner Arti­kel, den man schön wei­ter­vertwit­tern könn­te, wenn, ja wenn nicht die­se eine Pas­sa­ge wäre:

Mer­kel, die Kanz­le­rin der schwarz-gel­ben Lauf­zeit­ver­län­ge­rung, wird als Kanz­le­rin des Atom­aus­stiegs in die Geschichts­bücher ein­ge­hen. Dabei hat­te sie nie ver­stan­den, wie fun­da­men­tal der Atom­kon­flikt die west­deut­sche Gesell­schaft über Jahr­zehn­te ver­gif­tet hat­te. Die blu­ti­gen Schlach­ten an den Bau­zäu­nen Ende der 70er Jah­re, die Mas­sen­pro­tes­te der 80er Jah­re, die jahr­zehn­te­lan­gen Kämp­fe unzäh­li­ger Bür­ger­initia­ti­ven, die die Grü­nen erst mög­lich mach­ten: Mer­kel kann­te die rele­van­tes­te Pro­test­be­we­gung der alten Bun­des­re­pu­blik nur aus den Kurz­mel­dun­gen im Neu­en Deutsch­land.

Man­fred Krie­ner: Die letz­ten Kur­ven der Tal­fahrt, taz, 9.3.2011

Was ist das Pro­blem? Aus­sa­gen wie die­se sind nicht nur Geät­ze gegen Mer­kel son­dern eine Belei­di­gung für jeden poli­tisch inter­es­sier­ten Ost­deut­schen. Es gab in der DDR vie­le Mög­lich­kei­ten, sich zu infor­mie­ren. Als Jugend­li­cher habe ich Zei­tun­gen aus­ge­tra­gen, das ND lasen nur die wenigs­ten. Die, mit denen man nichts zu tun haben woll­te. Die, die statt der DDR-Fah­ne (oder gar kei­ner Fah­ne = Wider­stand) zum ers­ten Mai die rote Fah­ne aus dem Fens­ter gehängt haben). Wenn man ein biss­chen was über Ange­la Mer­kel weiß, dann kann man ahnen, dass sie nicht das ND gele­sen hat, jeden­falls nicht als ein­zi­ge Tages­zei­tung. Außer­dem gab es noch ande­re Infor­ma­ti­ons­quel­len, die auch bis auf klei­ne Gebie­te in Sach­sen (dem so genann­ten Tal der Ahnungs­lo­sen) über­all ver­füg­bar waren:1 Radio und Fern­se­hen. Ange­la Mer­kel wohnt seit 1978 in Ber­lin (sie­he Wiki­pe­dia-Ein­trag) und konn­te also SFB, Rias und alle West-Fern­seh­pro­gram­me emp­fan­gen. Ab und zu kamen west­li­che Pres­se­er­zeug­nis­se über die Gren­ze. Von Ver­wand­ten oder Diplo­ma­ten rüber­ge­bracht. Die­se wur­den von vie­len, vie­len Men­schen gele­sen. Es gab in der DDR ein sehr gro­ßes Inter­es­se am Wes­ten und der poli­ti­schen Ent­wick­lung dort.

War­um schrei­be ich das alles auf? In der sel­ben Aus­ga­be der taz hat Anne Fromm über die Absatz­zah­len der West­pres­se in Ost­deutsch­land geschrieben:

2,5 Pro­zent ihrer Gesamt­auf­la­ge ver­kauft die Süd­deut­sche Zei­tung in den Neu­en Bun­des­län­dern. 3,4 Pro­zent sind es bei der FAZ, etwa 4 Pro­zent beim Spie­gel. Bei der taz sind es, das steht nicht in der Stu­die, rund 6 Prozent.

Anne Fromm: Pres­se in Ost­deutsch­land: Wer strei­chelt unse­re See­le? taz, 9.3.2021

Wor­an könn­te das nur lie­gen? Anne Fromm beschreibt es in ihrem Arti­kel sehr genau.

State­ments wie das von Man­fred Krie­ner sind Belei­di­gun­gen, wie auch Vor­schlä­ge wie der von Mar­kus Lis­ke, der – eben­falls in der taz – dazu auf­rief, nicht mehr in den Osten zu rei­sen, weil dort alle Nazis sei­en (sie­he Blog­bei­trag Rei­sen­de, mei­det Nord­rhein-West­fa­len!). Wenn das in aus­rei­chen­der Fre­quenz in Pres­se­er­zeug­nis­sen vor­kommt, hören Men­schen auf, das zu lesen. War­um soll­ten wir den Wes­sis noch Geld dafür geben, dass sie uns belei­di­gen? Legen­där ist auch das Spie­gel-Cover, nach dem die­ser Blog benannt ist (sie­he Ich will was sagen).

Sol­che Bei­trä­ge kann man brin­gen, wenn man die Ossis nicht als sei­ne Leser*innen sieht. Wahr­schein­lich ist das bei vie­len Autor*innen so. Es ver­stärkt aber das Pro­blem, das wir auf sehr vie­len Ebe­nen haben. Men­schen bezie­hen Infor­ma­tio­nen aus Face­book-Grup­pen, Tele­gram-Kanä­len und ande­ren lus­ti­gen Quel­len. Das Ergeb­nis ist Popu­lis­mus, sich ver­stär­ken­de Echo­kam­mern mit Fake­news, Hass auf Anders­den­ken­de, die Lügen­pres­se und den Öffent­lich-Recht­li­chen Rund­funk. Es ist also auch im eige­nen Inter­es­se der klas­si­schen Medi­en, auf die Ossis zu ach­ten, die Ossis zu ach­ten. Sich zu infor­mie­ren und zu ver­su­chen, die Posi­ti­on von Min­der­hei­ten mitzudenken.

Hier ein Vor­schlag: Als die taz noch old-school pro­du­ziert wur­de, gab es Set­zer. Die­se haben mit­un­ter lus­ti­ge Kom­men­ta­re in die Tex­te der taz-Autor*innen ein­ge­baut. (sie­he … die Säz­zer-Kom­men­ta­re) So etwas brau­chen wir wie­der. Es müss­te einen Ossi vom Dienst geben, der das Recht dazu hat, zu allen Belan­gen, die den Osten betref­fen, einen (kur­zen) Kom­men­tar ein­zu­fü­gen. Mir hät­te es schon gereicht, wenn hin­ter der oben zitier­ten Pas­sa­ge gestan­den hät­te „[Was fürn Quatsch, Ossi vom Dienst]“. Es könn­te ein Pool aus Ost-Autor*innen, ‑redakteur*innen gebil­det wer­den, die sich dann Arti­kel vor der Ver­öf­fent­li­chung noch ein­mal anse­hen. Ich wür­de dafür 100€ im Monat bezah­len und man könn­te das Vor­ha­ben sicher über Crowd-Fun­ding auch noch bes­ser aus­stat­ten. Ich wür­de auch selbst mit­ar­bei­ten, falls das mög­lich ist. Dann wür­de ich mich über die Arti­kel freu­en, an denen ich etwas rum­me­ckern kann, ehm, ich mein­te, zu denen ich mit mei­nem Erfah­rungs­schatz bei­tra­gen kann. =:-) Wenn sich das nicht in den mit­un­ter hek­ti­schen Pres­se­all­tag inte­grie­ren lässt, könn­te man zumin­dest ein Kom­men­tar­recht für die Online-Arti­kel eta­blie­ren und zwar für Säz­zer-style Ein­wür­fe im Text, nicht in irgend­wel­chen Kom­men­tar­funk­tio­nen. Die­se könn­ten dann auch nach Ver­öf­fent­li­chung ein­ge­fügt und sogar mit län­ge­ren Begrün­dun­gen ver­linkt wer­den. So wür­den alle lernen.

Der grö­ße­re Wurf wäre die Ein­rich­tung einer Stif­tung, die Ossis in der Jour­na­lis­ten­aus­bil­dung unter­stützt und ihnen danach eine Start­pha­se finan­ziert, denn wie Anne Fromm dar­ge­legt hat, braucht man für Jour­na­lis­mus zur Zeit finan­zi­el­len Rück­halt in der Fami­lie und der ist im Osten meis­tens schlicht nicht gegeben. 

Gendern, arbeiten und der Osten

Auf der letz­ten Kon­fe­renz der Deut­schen Gesell­schaft für Sprach­wis­sen­schaft wur­de der Vor­stand damit beauf­tragt, einen Vor­schlag für eine gen­der­ge­rech­te Sat­zungs­än­de­rung zu machen. In Vor­be­rei­tung auf die im März statt­fin­den­de Jah­res­ta­gung fand in einem geschlos­se­nen Online-Forum eine Dis­kus­si­on dazu statt. Hier ist mein Beitrag:

Lie­be Kol­le­gin­nen und Kollegen,

Ich has­se es, wenn mir Men­schen vor­schrei­ben wol­len, was ich zu tun und zu las­sen habe. Das kommt noch aus mei­ner Kind­heit und Jugend, die ich im Osten ver­bracht habe. Bis vor eini­gen Jah­ren habe ich des­halb auch genau­so argu­men­tiert wie XY das in sei­nem Bei­trag getan hat und wie Peter Eisen­berg es in diver­sen Ver­öf­fent­li­chun­gen getan hat. Als taz-Leser habe ich schon sehr lan­ge mit dem Binnen‑I und sei­nen Freund*innen zu tun. Ich habe mich zum Bei­spiel über einen Arti­kel sehr geär­gert, in dem es um Straf­la­ger für Frau­en ging und dann von Die­ben und Mör­dern geschrie­ben wur­de, denn wo, wenn nicht da, hät­te man von Die­bin­nen und Mör­de­rin­nen schrei­ben müs­sen. Der Gip­fel war dann ein Bild mit einem Schild, das als Weg­wei­se­rin bezeich­net wur­de. Ich habe damals mit den Student*innen dar­über gespro­chen und ihnen erklärt, dass die ent­schei­den­de, die alles ent­schei­den­de Fra­ge die öko­no­mi­sche ist. Frau­en wer­den nie gleich­be­rech­tigt sein, wenn sie nicht arbei­ten, wenn sie nicht Kran­füh­re­rin, nicht Fir­men­lei­te­rin, nicht Kli­nik­che­fin, nicht Leh­re­rin, nicht Kin­der­gärt­ne­rin, nicht Pro­fes­so­rin wer­den. Frau­en waren im Osten in einer ganz ande­ren Posi­ti­on, weil sie öko­no­misch unab­hän­gig waren. Wenn der Macker genervt hat, sind sie halt gegan­gen bzw. haben ihn rausgeschmissen. 

Kran­füh­re­rin: Car­men Sei­del aus dem Plat­ten­werk Zwi­ckau, 1981. Bun­des­ar­chiv, Bild 183-Z0331-001 / CC-BY-SA 3.0

Die Frau­en aus der Ost-Frau­en­be­we­gung haben nach der Wen­de die West-Frau­en gar nicht ver­stan­den (und anders­rum), weil die ganz ande­re Pro­ble­me hat­ten. Es gibt eine sehr gute Doku­men­ta­ti­on vom MDR zu die­sem The­ma und dem Roll-Back nach der Wen­de: Ostrau­en: Selbst­be­wusst. Unab­hän­gig. Erfolg­reich.

Hier auch aus der Emma:

Die Frau­en der DDR waren ­Kran­füh­rer, Mau­rer, Elek­tri­ker, Schlos­ser, Inge­nieur oder Agrar­tech­ni­ker. Ihre Arbeit war das Herz­stück der sozia­lis­ti­schen Lebens­wei­se. Wo der Sozia­lis­mus Arbei­te­rIn­nen brauch­te, da unter­schied er nicht nach Frau oder Mann. Kon­se­quen­ter­wei­se war das „in“ in der Berufs­be­zeich­nung über­flüs­sig.

Emma 11/2009: Die arbeits­lo­se Kranführerin

Ich habe das Binnen‑I also Jahr­zehn­te abge­lehnt und die Kämp­fe dar­um für ver­geu­de­te Zeit gehal­ten. Vor unge­fähr drei Jah­ren habe ich mei­ne Mei­nung geän­dert. Der Grund dafür war ein Tweet von Hen­ning Lobin, durch den ich auf fol­gen­de Stu­die auf­merk­sam gewor­den bin:

Stahl­berg, Dag­mar, Sabi­ne Sczes­ny & Frie­de­ri­ke Braun. 2001. Name your favo­ri­te musi­ci­an: Effects of mas­cu­li­ne gene­rics and of their alter­na­ti­ves in Ger­man. Jour­nal of Lan­guage and Social Psy­cho­lo­gy 20(4). 464–469. DOI: 10.1177/0261927X01020004004.

Die Autorin­nen haben Per­so­nen gebe­ten, ihre Lieb­lings­mu­si­ker zu nen­nen. Das Ergeb­nis war, dass Musi­ker genannt wur­den, näm­lich vor­wie­gend männ­li­che. Wur­de dage­gen nach Lieb­lings­mu­si­kern bzw. Lieb­lings­mu­si­ke­rin­nen gefragt, war der Anteil der Musi­ke­rin­nen grö­ßer. Das heißt, dass all das, was Peter Eisen­berg und XY geschrie­ben haben, zwar rich­tig ist, also alles, was das gram­ma­ti­sche Sys­tem angeht, dass aber den­noch bei den Empfänger*innen etwas im Gehirn pas­siert, das nicht dem „mit­ge­meint“ ent­spricht (oder doch, sie­he unten). Kolleg*innen haben mich dann dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die­ses Phä­no­men nicht spe­zi­fisch für das Deut­sche ist. Was abge­bil­det wird, sind unse­re Ste­reo­ty­pe. Das Bei­spiel mit dem Chir­ur­gen kommt ursprüng­lich auch aus dem Eng­li­schen. Es stammt von den bei­den Psy­cho­lo­gin­nen Mikae­la Wap­man und Debo­rah Belle.

Also: Die gan­ze Sache hat nichts mit dem Deut­schen zu tun, die Ste­reo­ty­pen sind ein Abbild unse­rer Gesell­schaf­ten. Man kann sich das leicht vor Augen füh­ren, indem man über nur­se nach­denkt. Die ist natür­lich weib­lich. Jeden­falls blin­kern zuerst die ent­spre­chen­den Stel­len in unse­ren Gehir­nen auf. Um das zu ändern, müs­sen wir dafür sor­gen, dass Frau­en in allen Posi­tio­nen sicht­bar sind, damit sie nicht nur von der Gram­ma­tik mit­ge­meint sind, son­dern auch von den Emp­fän­gern unse­rer Nach­rich­ten mit­ge­dacht wer­den. Das ist letzt­end­lich wie­der die öko­no­mi­sche Fra­ge und dazu brau­chen wir Quo­ten und Kin­der­be­treu­ung und die Quo­ten haben wir ja inzwi­schen auch, die Kin­der­be­treu­ung wird auch lang­sam bes­ser. Wenn Frau­en in Par­la­men­ten gleich ver­tre­ten sind, ändert sich viel­leicht auch irgend­wann die Bezah­lung für die typi­schen Frau­en­be­ru­fe und es stellt sich ins­ge­samt eine fai­re­re Ver­tei­lung ein.

Wir als DGfS wol­len Frau­en. Wir wol­len Frau­en im Vor­stand, wir wol­len Frau­en auf Pro­fes­su­ren, wir wol­len Frau­en als Lei­te­rin­nen gro­ßer For­schungs­ver­bün­de. Wenn wir Stu­den­tin­nen errei­chen wol­len, wenn wir wol­len, dass sie sich ange­spro­chen füh­len, dass sie den­ken: „Ja, hier bin ich rich­tig!“, dann müs­sen wir sie expli­zit adres­sie­ren. Ich habe das bis vor eini­gen Jah­ren gemacht, in dem ich wie oben in der Anre­de die weib­li­che und die männ­li­che Form benutzt habe. Seit eini­ger Zeit mische ich das mit der Form mit Glot­tal­ver­schluss. Ein Kol­le­ge hat pro­phe­zeit, dass der dann irgend­wann als unöko­no­misch abge­schafft wird und so ist es in der Tat: Dann kommt eben das gene­ri­sche Femi­ni­num raus.

In der Schrift­form ver­wen­de ich das Gen­der­stern­chen. Es ist kür­zer als Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen und man hat die Nicht-Binä­ren noch mit dabei. 

Aber es wur­den ja schon Vor­schlä­ge gemacht, wie man das Pro­blem umschif­fen kann, so dass wir […] zu einer Form kom­men, die Frau­en und Nicht-Binä­ren zeigt, dass wir sie in der DGfS gern sehen.

Herz­li­che Grüße

Ste­fan

PS: Das i mit Stern­chen oben drauf fin­de ich herz­al­ler­liebst, schön ist auch das i mit zwei Punk­ten drü­ber. Ist aber nichts für nor­ma­le Men­schen. Ich set­ze Bücher, glaubt mir.

PPS: Wo wir schon dabei sind: Es gibt noch viel sub­ti­le­re Gen­der-Bia­ses in Syn­tax-Büchern. Ich habe dazu und zu dem, was in die­sem Post steht, etwas im Vor­wort mei­nes Buches über die Syn­tax der ger­ma­ni­schen Spra­chen geschrieben.

PPPS: Ich habe mit einer Kol­le­gin eine Kon­fe­renz orga­ni­siert. Eine Mail an uns begann mit der Anre­de: „Dear Sirs“. Tja.

Reisende, meidet Nordrhein-Westfalen!

Lie­ber Mar­kus Liske,

Sie schrei­ben heu­te in der taz über einen Rant von Kurt Tuchol­sky, der sei­ne Mitbürger*innen dazu auf­ruft, nicht mehr nach Bay­ern zu rei­sen. Wegen natio­na­lis­ti­scher Ten­den­zen dort. Sie for­dern Ihre Leser*innenschaft im Titel auf: Rei­sen­de, mei­det Sach­sen! und deh­nen das im Arti­kel auf den gesam­ten Osten aus. Sati­re und sol­che Rants funk­tio­nie­ren, wenn sich Schwä­che­re gegen Stär­ke­re oder Gleich­star­ke wen­den. Wenn der klei­ne Waden­bei­ßer sich im Bein des viel grö­ße­ren Geg­ners fest­beißt und ein­fach nicht abzu­schüt­teln ist. Sie funk­tio­nie­ren nicht aus der Posi­ti­on des Stär­ke­ren. Hier nun mein Rant: Ich habe mich über die­sen Arti­kel sehr geär­gert. Sie schla­gen vor, nicht mehr in den Osten zu fah­ren, weil dort die Nazis sind. Ers­tens belei­di­gen Sie mit sol­chen Pau­scha­li­sie­run­gen 18% der Einwohner*innen der Bun­des­re­pu­blik. Zwei­tens tref­fen Sie damit eine wich­ti­ge ver­blei­ben­de Ein­nah­me­quel­le. Nach der Wen­de wur­de die DDR-Indus­trie bewusst platt­ge­macht (MDR: 2020. D‑Mark, Ein­heit, Vater­land: Das schwie­ri­ge Erbe der Treu­hand), wei­te Tei­le des Lan­des sind deindus­tria­li­siert und es blie­ben nur die blü­hen­den Land­schaf­ten, die man berei­sen kann. Was wir statt Indus­trie bekom­men haben, sind Typen wie Hoff­mann von der Wehr­sport­grup­pe Hoff­mann, den Ihr gut für uns im Knast auf­be­wahrt und dann wegen guter Füh­rung eher wie­der raus­ge­las­sen habt. Er hat dann nach der Wen­de in Kahla/Thüringen das gemacht, was zu erwar­ten war. Eure Pro­fes­so­ren (weib­li­che Endung lass ich mal weg) haben die AfD auf­ge­baut. Fast die gesam­te Füh­rungs­rie­ge die­ser Par­tei ist aus dem Wes­ten. (hier eine Zusam­men­stel­lung) Die Chefs der Ost-Lan­des­ver­bän­de alle­mal: Kal­bitz, Höcke, Till­schnei­der, Rei­chardt. Die AfD­ler mit Kon­tak­ten zu Reichsbprgern und Holocaustleugner*innen kom­men aus Hes­sen: Doris von Sayn-Witt­gen­stein. Sie wur­de bei lau­fen­dem Aus­schluss­ver­fah­ren als Lan­des­vor­sit­zen­de Schles­wig-Hol­steins wie­der gewählt. Ihr habt über die ras­sis­ti­schen Ansich­ten des Chefs des Reser­vis­ten­ver­ban­des Sach­sen geschrie­ben. Was fehl­te: der ist aus dem Wes­ten. Der Ver­fas­sungs­schutz wur­de von Maaßen gelei­tet, der AfD-nah ist und nir­gend­wo Rechts­ex­tre­mis­mus sehen konn­te. Der Ver­fas­sungs­schutz war bei den NSU-Mor­den anwe­send. Es gibt rech­te Netz­wer­ke in Poli­zei, KSK und Armee. Quel­len muss ich hier nicht auf­füh­ren, denn alles, was ich dar­über weiß, weiß ich aus der taz. Ihr müss­tet es also auch wis­sen. (Vie­len Dank übri­gens für die tol­len Arti­kel!). Ver­fas­sungs­schutz, Jus­tiz und Poli­zei wur­den nach der Wen­de vom Wes­ten in der ehe­ma­li­gen DDR instal­liert. In den Lei­tungs­po­si­tio­nen gibt es noch heu­te kei­ne oder sehr weni­ge Ossis (laut Stef­fen Mau, Lüt­ten Klein sind nur 13,3% der Richter*innen im Osten Ossis.). Wie Ihr selbst schreibt, wur­den die Täter von Con­ne­witz, Neo-Nazis, die zu Hun­der­ten kamen und einen (lin­ken) Stadt­teil platt gemacht haben, auch fünf Jah­re nach dem Vor­fall nicht bestraft (taz: 11.01.2021, Schlep­pen­de Auf­klä­rung). Einer der Täter macht gera­de sein Jura-Refe­ren­da­ri­at … Kürz­lich hat­tet Ihr einen Arti­kel über einen Brand­an­schlag auf eine Flücht­lings­heim in Lübeck 1995 (taz: Hoyers­wer­da, Solin­gen, Lübeck!). Die mut­maß­li­chen Täter sind bekannt, die Bewei­se erdrü­ckend, ange­klagt wur­de ein Geflüch­te­ter. Ein Jus­tiz­skan­dal ohne­glei­chen. Die Ver­tu­schen­den in Poli­zei und Gerich­ten sind aus dem Wes­ten. Das Fazit, das man zie­hen kann und muss, ist, dass das gan­ze Land ein ein­zi­ger brau­ner Sumpf ist. Ent­spre­chend besetz­te Stel­len in Poli­zei und Jus­tiz im Osten berei­ten den Boden für die Saat der AfD und der Neonazi-Netzwerke.

Wenn Sie nun vor­schla­gen, nicht mehr in den Osten zu rei­sen, ist das selbst­ge­recht und bil­lig. Und es wür­de nicht zur Lösung des Pro­blems bei­tra­gen, son­dern es ver­schär­fen. Nach der Wen­de wur­den alle Print­me­di­en vom Wes­ten über­nom­men, Wes­sis schrei­ben über Ossis. Von oben her­ab, pau­scha­li­sie­rend, so wie Sie in die­sem Arti­kel. Oft ohne Sach­kennt­nis. Das hat dazu geführt, dass vie­le sich ein­fach abge­wen­det haben und die West-Medi­en (#Lügen­pres­se) nicht mehr rezi­pie­ren. Die­se Lücke kann dann die AfD mit ent­spre­chen­den Alter­na­tiv­an­ge­bo­ten nut­zen und das hat sie auch getan. Ihr (die West­me­di­en) habt die Ossis ver­lo­ren (jeden­falls den AfD-wäh­len­den Teil der Ost­deut­schen). Es nützt nichts, wenn die Tages­schau oder irgend­wel­che Print­me­di­en über die Coro­na-Pan­de­mie berich­ten, denn das kommt an den ent­spre­chen­den Stel­len nicht mehr an. Mit Ver­schwö­rungs­the­sen, Popu­lis­mus und Ras­sis­mus fin­den AfD und friends offe­ne Ohren. In der Wiki­pe­dia gibt es eine inter­es­san­te Sei­te zur Dis­kri­mi­nie­rung von Ost­deut­schen, auf der ent­spre­chen­de Stu­di­en zum White-Trash in den USA und zu den Ent­spre­chun­gen im Osten ver­linkt sind. Men­schen, denen es nicht gut geht, tre­ten nach unten. Men­schen, die sich unge­recht behan­delt füh­len, begeh­ren auf. Ihr Arti­kel trägt da nicht zu einer Lösung bei. Im Gegenteil.

Stel­len Sie sich ein­fach vor, es wür­de jemand einen Arti­kel mit der Über­schrift Rei­sen­de, mei­det Nord­rhein-West­fa­len! schrei­ben, weil es in NRW gan­ze Stadt­tei­le gibt, in denen nur Nazis woh­nen (Doku­men­ta­ti­on: 28.09.2020. pro sie­ben spe­zi­al: Rechts.Deutsch.Radikal, wiki­pe­dia: Dort­mund Dorst­feld). Lächer­lich, oder? Es funk­tio­niert nicht. Es funk­tio­niert nur anders­rum, aus einer Posi­ti­on der Stärke.

Ihr Arti­kel ist von der­sel­ben Art wie der vor eini­gen Jahr­zehn­ten eben­falls in der taz erschie­ne­ne von Eber­hard Sei­del-Pie­len, in dem er vor­schlug, dem Osten die Mit­tel zu strei­chen, bis die Ossis Demo­kra­tie ver­stan­den hät­ten: pau­scha­li­sier­dend, ver­let­zend, arro­gant und mies. Lie­ber Herr Lis­ke, wenn Sie sich in den ver­gan­gen Tagen wie Tuchol­sky gefühlt haben soll­ten, kann ich Ihnen nur sagen: Sie sind ganz weit weg davon. Ganz weit.

PS: Beim Schrei­ben von E‑Mails gibt es ja mit­un­ter Pro­ble­me, weil die­se viel här­ter aus­fal­len als das, was man Per­so­nen ins Gesicht sagen wür­de. Bei Zei­tungs­ar­ti­keln ist das wahr­schein­lich so ähn­lich. Viel­leicht stel­len Sie sich ja bei Ihrem nächs­ten Arti­kel vor, dass Sie mit einem 50jährigen Ossi in einer Knei­pe sit­zen und die­sem erzäh­len, was Sie dem­nächst über ihn schrei­ben wer­den. Ich wür­de mich auch als Test­per­son zur Ver­fü­gung stel­len. Das Ange­bot gilt auch für ande­re taz-Autor*innen.

Nee? Wol­len Sie nicht? Und ist Ihnen auch egal, was die Ossis so den­ken? Dann weiß ich nicht mehr wei­ter, dann ist die­ses Land verloren. 

Die Weimartage der FDJ

Bei mei­ner Arbeit zum Bei­trag Die Ossis und der Holo­caust habe ich nach den Wei­mer­ta­gen der FDJ gesucht, weil es da immer einen obli­ga­to­ri­schen Besuch der Gedenk­stät­te Buchen­wald gab. Mit gro­ßem Erstau­nen habe ich fest­ge­stellt, dass die Weim­ar­ta­ge außer auf einer Sei­te des Natio­nal­thea­ters Wei­mar nir­gend­wo im Netz auf­tau­chen. Kein Wiki­pe­dia-Ein­trag, kein Blog-Ein­trag, nichts. Das ist eini­ger­ma­ßen erstaun­lich, weil es ein jähr­lich wie­der­keh­ren­des Groß­ereig­nis war. Für 21 Mark konn­te man drei Tage in Schu­len über­nach­ten und vol­le Kan­ne von früh (7:00 Uhr !!!) bis abends (22:00) alles an Kul­tur (Thea­ter, Kon­zer­te, Lesun­gen, Muse­ums­füh­run­gen, Park­füh­run­gen, Vor­trä­ge, …) mit­neh­men, was man sich so vor­stel­len konn­te. Ham­let-Vor­füh­run­gen im Natio­nal­thea­ter Wei­mar. Abschluss­fest in den Parks Tie­furt oder Belvedere. 

Die FDJ hat genervt. Es war eine Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on, in der fast alle DDR-Bürger*innen Mit­glied waren. Man muss­te am FDJ-Stu­di­en­jahr teil­neh­men, wo man ein mal im Monat pro­pa­gan­dis­tisch ver­sorgt wur­de. Rot-Licht.

Aber eine Sache hat die FDJ wirk­lich gut gemacht: die Weim­ar­ta­ge der FDJ. Ich war sie­ben Mal dort und es waren wich­ti­ge Tage in mei­nem Leben. Damit das irgend­wo doku­men­tiert ist, stel­le ich hier eini­ge Pro­gramm­hef­te, Jour­na­le und Infor­ma­tio­nen für Rei­se­lei­ter ins Netz. Habt Spaß damit!

Der titel-fixierte Ossi?

Simo­ne Schmoll­ack, die ich sehr schät­ze und die vie­le wich­ti­ge und rich­ti­ge Arti­kel über den Osten geschrie­ben hat, hat heu­te einen Bei­trag in der taz über pro­mo­vier­te Sta­si-Mit­ar­bei­te­rIn­nen und über Jahns Vor­schlag, Dok­tor­ti­tel, die an der Sta­si-Hoch­schu­le in Pots­dam erwor­ben wur­den, statt als Dr. Jur. als Dr. Stas ein­zu­ord­nen. Ich stim­me ins­ge­samt in allem mit Simo­ne Schmoll­ack über­ein, nur eine klei­ne Text­stel­le hat mich geärgert: 

Denn so ein Dok­tor­ti­tel ver­zückt, das hat er schon immer getan, beson­ders im obrig­keits- und titel­ori­en­tie­ren Osten.

Obrig­keits­ori­en­tiert? Weiß ich nicht. Vie­le Men­schen haben sich ein­fach aus­ge­klinkt und sich ins Pri­va­te zurück­ge­zo­gen. Titel­ori­en­tiert war der Osten sicher nicht. Im Wes­ten hat­te und hat ein Pro­fes­sor, Offi­zier, Arzt viel höhe­res Anse­hen als es die­se Beru­fe im Osten je hat­ten. Ich wür­de sogar soweit gehen, den Osten als intel­lek­tu­el­len­feind­lich ein­zu­stu­fen. Man hat es tun­lichst ver­mie­den, sei­nen Dok­tor­ti­tel in den Per­so­nal­aus­weis zu schrei­ben, weil einem das bei Kon­trol­len eher scha­den als nüt­zen konn­te. Sozia­le Hier­ar­chien waren in der DDR eher flach. Intel­lek­tu­el­le waren im All­tag zu nichts zu gebrau­chen, viel wich­ti­ger waren Bezie­hun­gen zu Men­schen, die begehr­te Waren ver­kauf­ten oder zu Hand­wer­kern. Hand­wer­ke­rIn­nen ver­dien­ten viel, viel mehr Geld als Wis­sen­schaft­le­rIn­nen und waren auch ent­spre­chend ange­se­hen. Zu stu­die­ren bedeu­te­te, dass man erst mal zur Armee muss­te und dann fünf Jah­re lang kein Geld ver­dien­te. Irgend­wann kam man irgend­wo an, aber die Men­schen mit Lehr­be­ruf ver­dien­ten schon jah­re­lang. Schön blöd. 

Nach­trag vom 26.01.2020: Ich möch­te mei­nen Blog­post mit die­sem Zitat aus einem Buch de Sozio­lo­gen Prof. Dr. Stef­fen Mau stär­ken. (Ich weiß, das ist lustig …):

In unse­rer Klas­se blick­te die gro­ße Mehr­heit, die eine Berufs­aus­bil­dung anstreb­te, ver­ächt­lich auf die »Stre­ber«, und es war schwer zu ver­mit­teln, war­um man wei­ter die Schul­bank drü­cken soll­te, wenn es doch dar­um ging, schnell Geld zu ver­die­nen und auf eige­nen Füßen zu ste­hen. Ein Hoch­schul­stu­di­um erschien nicht allen als Gip­fel des Glücks, was sicher­lich auch damit zu tun hat­te, dass die damit ver­bun­de­nen Ein­kom­mens­ge­win­ne mar­gi­nal blie­ben (ein Argu­ment, das noch stär­ker zu Buche schlägt, wenn man die län­ge­re Bil­dungs­pha­se einrechnet).

Stef­fen Mau. 2019. Lüt­ten Klein, Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung, BD 10490 bzw. Suhr­kamp.