Anne Rabe, die Prügelstrafe und Jugendwerkhöfe und die unglaubliche „tatsächliche Armut“ in der DDR

Dass ich das Buch Die Mög­lich­keit von Glück für einen Skan­dal hal­te, habe ich ja schon in diver­sen Posts hier und in einem Arti­kel in der Ber­li­ner Zei­tung kund­ge­tan (sie­he die Über­sichts­sei­te zu Anne Rabe). Anne Rabes neu­es Buch über Moral woll­te ich des­halb gar nicht lesen. Nun bin ich aber über Mast­o­don auf den Denk­an­ge­bot-Pod­cast von Katha­ri­na Nocun auf­merk­sam gewor­den, in dem sie mit Anne Rabe über Moral, den Osten und die AfD spricht. Das Inter­view hat mir recht gut gefal­len, aber es kom­men wie­der eini­ge Punk­te vor, die Anne Rabe seit eini­gen Jah­ren wie­der­holt. In leicht abge­wan­del­ter Ver­si­on. Letzt­end­lich bleibt sie bei ihren unhalt­ba­ren The­sen über Gewalt. Sie schil­dert die DDR in den dun­kels­ten Schat­tie­run­gen, die ein­fach nicht der Rea­li­tät ent­spre­chen. Ich dis­ku­tie­re im Fol­gen­den der Rei­hen­fol­ge nach eini­ge ihrer Aussagen.

Damit hier kei­ner was in den fal­schen Hals bekommt: Ich bin kein DDR-Nost­al­gi­ker. Ich woll­te die DDR, so wie sie war, nicht und will sie auch so nicht wie­der­ha­ben. Ich war im Früh­jahr 1989 auf dem Erlösa­fest, einem Punk-Kon­zert in der Erlö­ser­kir­che. Die Sta­si stand drau­ßen drum­rum. Mei­ne Schwes­ter war an der Doku­men­ta­ti­on der Fäl­schung der Kom­mu­nal­wah­len im Mai 1989 betei­ligt. Am 4.11.1989 bei der gro­ßen Demons­tra­ti­on gegen die DDR-Regie­rung bin ich im Anti­fa-Block mit­ge­lau­fen. Es gibt die­sen Blog, weil ich auf Trug­schlüs­se, Ver­zer­run­gen, Kli­schees hin­wei­sen will, die letzt­end­lich auch Schuld dar­an sind, dass wir jetzt da sind, wo wir sind. Mit 40% AfD und der Gefahr der abso­lu­ten Mehr­heit in eini­gen Bun­des­län­dern. Die in die­sem Blog dis­ku­tier­ten Falsch­dar­stel­lun­gen haben letzt­end­lich dazu bei­getra­gen, dass der Osten patho­lo­gi­siert wird und die wah­ren Ursa­chen ver­kannt oder igno­riert wurden.

Con­tent-War­nung: Im fol­gen­den Abschnitt geht es um Gewalt gegen Kin­der. Es gibt teil­wei­se expli­zi­te Schil­de­run­gen von Men­schen, die in West-Deutsch­land Gewalt erlebt haben. Man kann die­sen Abschnitt über­sprin­gen, indem man in der Glie­de­rung oben zum nächs­ten Abschnitt springt.

Gewalt gegen Kinder

Astrid Lindgrens Rede und gewaltfreie Erziehung

In der ers­ten kom­men­tie­rungs­wür­di­gen Pas­sa­ge spricht sie über eine Rede von Astrid Lind­gren, die die­se im Jahr 1972 gehal­ten hat:

Wenn man das heu­te liest, denkt man so, na ja, gut, also es ist eine sehr schö­ne, sehr berüh­ren­de Rede, aber die Pro­vo­ka­ti­on ver­steht man nicht mehr so ganz. Das liegt natür­lich dar­an, dass wir heu­te im Gegen­satz zu damals in der gesam­ten west­li­chen Welt das Recht auf gewalt­freie Erzie­hung durch­ge­setzt haben. Und aus­schlag­ge­bend war tat­säch­lich die­se Rede. Also damals gab es noch in kei­nem ein­zi­gen Land das Recht auf gewalt­freie Erzie­hung. Und nach die­ser Rede ging zuerst in Schwe­den eine Dis­kus­si­on los, eine poli­ti­sche. Da wur­de sie auch ein­ge­la­den und soll­te mit­dis­ku­tie­ren. Und ein Jahr spä­ter hat­te eben Schwe­den als ers­tes Land auf der gan­zen Welt ein Gesetz gegen Gewalt in der Erzie­hung. Und alle ande­ren west­li­chen Län­der folg­ten. Deutsch­land immer­hin 2001.

Nocun, Katha­ri­na. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ost­al­gie.

Was hier fehlt, ist der Ver­weis auf die Lage in der SBZ/DDR, in der die Prü­gel­stra­fe an Schu­len lan­ge vor der Lind­gren-Rede von 1972 abge­schafft wur­de. Näm­lich bereits 1945 von der sowje­ti­schen Mili­tär­ad­mi­nis­tra­ti­on (SMAD) als der Schul­be­trieb wie­der auf­ge­nom­men wur­de. Die ent­spre­chen­den Regeln wur­den bei Grün­dung von DDR über­nom­men (Wiki­pe­dia Kör­per­stra­fe), weil man Prü­gel­stra­fe, wie die viel zitier­ten 68er auch, für ein „Relikt inhu­ma­ner Dis­zi­pli­nie­rungs­me­tho­den des NS-Regimes“ hielt. Man beach­te auch, dass Nazi-Lehrer*innen nach dem Krieg nicht leh­ren durf­ten. Das wur­de von in Crash-Kur­sen aus­ge­bil­de­ten soge­nann­ten Neu­leh­rern über­nom­men. Ein Bruch mit der Nazi-Päd­ago­gik wur­de also, anders als im Wes­ten, radi­kal voll­zo­gen. Ich habe in Gewalt­er­fah­run­gen und 1968 für den Osten dar­über aus­führ­li­cher geschrie­ben. Im Wes­ten hat­te der Bun­des­ge­richts­hof Leh­rern noch 1957 ein „gene­rel­les Gewohn­heits­recht“ zum Prü­geln zuge­spro­chen. Erst 1973 wur­de das Prü­geln in der Schu­le ver­bo­ten, in Bay­ern gar erst 1983. Bis 1958 durf­te nur Papa prü­geln und im Zuge der Gleich­stel­lung der Frau­en durf­te das dann auch Mama. Zu den Quel­len sie­he den zitier­ten Post. Dazu kamen Miss­hand­lun­gen von über einer hal­ben Mil­li­on Kin­dern in staat­li­chen und christ­li­chen Kin­der­hei­men. Auch dafür Quel­len im Gewalt-Post und unten noch mehr.

Rabe sagt über die DDR-Schulen:

Die Auf­ga­be für die Eltern war es, die Kin­der im Sin­ne des Staa­tes zu erzie­hen zu sozia­lis­ti­schen Per­sön­lich­kei­ten. Und wenn das miss­glückt ist, aus wel­chen Grün­den auch immer und häu­fig sind ja Kin­der, die Gewalt aus­ge­setzt sind, zum Bei­spiel eben Kin­der, die dann nicht gut funk­tio­nie­ren, dann kann der Staat ein­grei­fen und zugrei­fen. Und da gibt es zahl­rei­che Geschich­ten. Da sagen natür­lich jetzt dann immer ganz vie­le, ja, aber wir haben das ja alle nicht so ernst genom­men, was der Staat da gesagt hat. Und das kann auch in ganz, ganz vie­len Fäl­len so sein. Aber dass es eben die Mög­lich­keit gibt, prägt einen erst mal.

Und in Dik­ta­tu­ren ist es eben oft will­kür­lich. Also nur weil der eine etwas nicht erfah­ren hat, heißt es nicht, dass es woan­ders nicht durch­ex­er­ziert wur­de. Wir haben eben Erzie­hungs­in­sti­tu­tio­nen wie Jugend­werk­hö­fe, bru­ta­le Arbeits­la­ger für Kin­der, all die­se Din­ge. Und da sind dann eben sol­che Geschich­ten wie Prü­gel­stra­fe in der Schu­le ist abge­schafft. Ist halt die Fra­ge, wie ent­schei­dend das ist, wenn ich gleich­zei­tig damit dro­hen kann, jeman­den in den Arbeits­knast zu ste­cken. Also die­se Gewich­tung. Und dann ist die Fra­ge, also ich ver­su­che mich dem sozu­sa­gen zu nähern aus der Sicht, was sind Din­ge, die haben wir iden­ti­fi­ziert als gute Bedin­gun­gen für Gewalt? Also was sind zum Bei­spiel Fak­to­ren, die wir heu­te ver­su­chen aus­zu­ra­die­ren oder wo wir ver­su­chen, Leu­ten zu hel­fen? Und davon herr­schen halt rela­tiv viele.

Nocun, Katha­ri­na. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ost­al­gie.

So, so. Bru­ta­le Arbeits­la­ger für Kin­der. Die Jugend­werk­hö­fe waren schreck­lich. Das ist klar. Es gibt Men­schen mit blei­ben­den Schä­den, die heu­te nicht arbei­ten kön­nen, weil sie unter post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­stö­run­gen leiden.

Ver­tre­ter von Ich bin armuts­be­trof­fen hält Rede im Kli­ma­camp von Extinc­tion Rebel­li­on. Er berich­tet von sei­nen Erfah­run­gen in einem DDR-Jugend­werk­hof. Inva­li­den­park, Ber­lin, 13.04.2023

Nur ist die Fra­ge, wer in die Spe­zi­al­hei­me kam. Die­se waren für schwer erzieh­ba­re Kin­der, wie Anne Rabe in ihrem Buch Die Mög­lich­keit von Glück auch selbst geschrie­ben hat. Bei der Bun­des­stif­tung zur Auf­ar­bei­tung der SED-Dik­ta­tur gibt es eine Über­sichts­sei­te zum The­ma Jugend­werk­hö­fe. Laut die­ser Sei­te waren in den 40 Jah­ren DDR 135.000 Kin­der und Jugend­li­che in Spe­zi­al­hei­men (was die Jugend­werk­hö­fe ein­schließt). In die­se Ein­rich­tun­gen kam man aber nur, wenn man mas­siv ver­hal­tens­auf­fäl­lig war (sie­he Bun­des­stif­tung zu Grün­den, auch unak­zep­ta­blen und eigent­lich geset­zes­wid­ri­gen). Im Unter­schied dazu konn­te man im Wes­ten einen Tritt in den Hin­tern bekom­men, weil man beim Wan­der­tag zu lang­sam lief oder frech zum Leh­rer war (sie­he unten). Die Lehrer*innen waren zum Teil noch Nazi-Lehrer*innen, die auch die erprob­ten Metho­den wei­ter ver­wen­de­ten. Im Osten wur­den die zum Groß­teil ent­las­sen oder durf­ten die ers­ten Jah­re nach dem Krieg nicht als Lehrer*in arbei­ten. In Crash-Kur­sen wur­den so genann­te Neu­leh­rer aus­ge­bil­det. Die Kon­ti­nui­tät der Nazi-Päd­ago­gik war gebro­chen. 1983 war ich 15 Jah­re alt. Mei­ne Altersgenoss*innen in Bay­ern hät­ten also alle bis zur neun­ten Klas­se ver­prü­gelt wer­den dür­fen. Auch dazu unten mehr.

Ich ken­ne ins­ge­samt drei Per­so­nen, die in einem Jugend­werk­hof waren. Ein Mäd­chen aus mei­ner Schu­le (nach­dem ich die Schu­le ver­las­sen hat­te). Ein Jun­ge, den ich über mei­ne Punk­freun­de nach der Wen­de ken­nen­ge­lernt hat­te und den Mann oben, den ich bei einer Kli­ma-Ver­an­stal­tung 2023 foto­gra­fiert habe. Bei der Bun­des­stif­tung steht Folgendes:

In Spe­zi­al­hei­men wur­den Kin­der und Jugend­li­che unter­ge­bracht, die als „schwer erzieh­bar“ gal­ten und „deren Umer­zie­hung in ihrer bis­he­ri­gen Erzie­hungs­um­ge­bung trotz opti­mal orga­ni­sier­ter erzie­he­ri­schen Ein­wir­kung der Gesell­schaft nicht erfolg­reich ver­lief.“ (§ 1 , Abs. 2, Anord­nung über die Spe­zi­al­hei­me der Jugend­hil­fe (1965). Hier­un­ter zähl­te die DDR-Päd­ago­gik alle Her­an­wach­sen­den, deren Ver­hal­tens­wei­sen und Leis­tun­gen im Wider­spruch zu den gesell­schaft­li­chen For­de­run­gen stan­den und sich u.a. in soge­nann­ter Dis­zi­plin­lo­sig­keit, Ver­hal­tens­auf­fäl­lig­kei­ten und kri­mi­nel­lem Ver­hal­ten niederschlugen.

[…]

Im Mai 1989 exis­tier­ten 401 Nor­mal­kin­der­hei­me und 73 Spe­zi­al­kin­der­hei­me. Dazu gehör­ten 41 Jugend­werk­hö­fe sowie der 1965 als Dis­zi­pli­nar­ein­rich­tung im Sys­tem der Spe­zi­al­hei­me ein­ge­rich­te­te Geschlos­se­ne Jugend­werk­hof Tor­gau. In den Jah­ren 1949 bis 1990 haben etwa 495.000 Min­der­jäh­ri­ge die Hei­me der DDR durch­lau­fen; 135.000 davon die Spe­zi­al­hei­me. Rund 6.000 Jugend­li­che leb­ten für eine gewis­se Zeit im Geschlos­se­nen Jugend­werk­hof Torgau.

Es gab also in der gesam­ten DDR-Zeit 135.000 Min­der­jäh­ri­ge in den Spe­zi­al­hei­men. In Wiki­pe­dia steht, dass zwi­schen 1968 und 1977 1,8 Min­der­jäh­ri­ge von 1000 in einem Jugend­werk­hof waren. In den Jugend­werk­hof kam man nur in einem Alter ab 14 Jah­ren. Die POS ging bis zur zehn­ten Klas­se, das heißt, dass man im Alter von 14 bis 16 in den Jugend­werk­hof kom­men konn­te. In mei­ner Schu­le gab es vier par­al­le­le Klas­sen a 31 Schü­ler. Wenn man die 8., 9. und 10. Klas­se als poten­ti­el­le Jugend­werk­hof-Jugend­li­che betrach­tet, dann wären das 372 Jugend­li­che. Unter 555 Jugend­li­chen ist einer in den Jugend­werk­hof gegan­gen, also nicht mal einer pro Schu­le. Das heißt, dass das sehr spe­zi­el­le Fäl­le waren. Die Jugend­li­che in mei­ner Schu­le hat über einen län­ge­ren Zeit­raum diver­se Din­ge ange­stellt, man­che auch mit einem poli­ti­schen Aspekt. Zum Bei­spiel eine DDR-Fah­ne ohne Emblem rausgehängt.

An mei­ner Schu­le gab es Jugend­li­che, die in das Leh­rer­zim­mer ein­ge­bro­chen waren und ein Ton­band­ge­rät gestoh­len hat­ten. Sie haben einen Tadel bekom­men und wenn ich mich recht erin­ne­re, wur­de die­ser auch beim Fah­nen­ap­pell vor der gan­zen Schu­le aus­ge­spro­chen. In mei­ner Stra­ße wohn­te ein Schul­schwän­zer. Weil er nicht zur Schu­le kam, wur­de dann irgend­wann ver­fügt, dass er von der Poli­zei gebracht wur­de. Der Poli­zist wohn­te im sel­ben Wohn­block. Immer wenn ich früh zur Schu­le ging, stand der Jugend­li­che grin­send am Stra­ßen­rand und war­te­te auf den Poli­zis­ten, der ihn dann im Poli­zei-Wart­burg zur Schu­le fah­ren wür­de.1 In mei­ner Klas­se gab es meh­re­re Jugend­li­che, die schon sit­zen­ge­blie­ben waren. In der ach­ten Klas­se mach­te die­ser Alters­un­ter­schied viel aus. Es gab Jun­gen, die im Bio­lo­gie-Unter­richt geraucht haben. Unse­re Klas­se hat meh­re­re Rus­sisch­leh­re­rin­nen, die frisch von der Uni kamen, fer­tig gemacht. Sie muss­ten die Klas­se abge­ben. Sie wur­den mit Ein­weg­sprit­zen, die es in Buch reich­lich gab, weil das Kli­ni­kum dort war, mit Was­ser bespritzt. Ein­mal hat einer sogar einen Apfel mit dem Mes­ser zer­lö­chert und dann nach vorn gegen die Tafel gewor­fen, wo er zer­platz­te und die Apfel­stü­cke über­all durch die Gegend flo­gen. Das ende­te erst, als eine erfah­re­ne, reso­lu­te Leh­re­rin den Rus­sisch­un­ter­richt über­nahm.2 Die Gro­ßen aus unse­rer Schu­le haben mal den Trab­bi der Bio­leh­re­rin in die Weit­sprung­gru­be getra­gen. Das war ein ziem­li­ches Stück Weg über den gesam­ten Sport­platz. Aber die Trab­bis waren ja aus Pap­pe und nicht so schwer. Weiß nicht, wie die Leh­re­rin den Trab­bi da wie­der raus­be­kom­men hat. Wahr­schein­lich muss­te sie die Halb­star­ken um Hil­fe bit­ten. Für all das kam man nicht in den Jugend­werk­hof. Man muss­te schon etwas mehr anstellen.

Anne Rabe sag­te so dahin: „Und da sind dann eben sol­che Geschich­ten wie Prü­gel­stra­fe in der Schu­le ist abge­schafft. Ist halt die Fra­ge, wie ent­schei­dend das ist, wenn ich gleich­zei­tig damit dro­hen kann, jeman­den in den Arbeits­knast zu ste­cken. Also die­se Gewich­tung.“ Die­se Dro­hung gab es so nicht. Jeden­falls nicht in der nor­ma­len Schu­le. Die kam dann höchs­tens, wenn alle ande­ren Instru­men­te der DDR-Päd­ago­gik ver­sagt hat­ten. Prü­gel wur­de frü­her in Nazi-Deutsch­land und dann in der BRD für ganz ande­re Ver­feh­lun­gen ver­ab­reicht (sie­he unten). Die Schwel­le dafür war sehr viel nied­ri­ger. Im Osten lie­fen die Dro­hun­gen anders. Zum Bei­spiel gab es auf jedem Zeug­nis eine ver­ba­le Beur­tei­lung. Dort wur­de auch der Klas­sen­stand­punkt bewer­tet. Wenn man schlech­te Noten oder attes­tier­te man­geln­de Loya­li­tät dem Staat gegen­über hat­te, konn­te das je nach Berufs­wunsch mas­si­ve Aus­wir­kun­gen auf das spä­te­re Leben haben. Die Zulas­sung zum Abitur und zum Stu­di­um hing davon ab. Der stän­di­ge Bekennt­nis­zwang in Schu­le und FDJ, das war das Pro­blem, nicht Gewalt in Schu­len oder Kur­hei­men (sie­he Kin­der­ver­schi­ckung und die DDR? zu Kuren). Ich habe über mora­li­schen Druck und Bekennt­nis­zwang in mei­nem Kli­ma­blog in Der mora­li­sche Druck der Öko-Gut­men­schen ist ja wie in der DDR geschrie­ben. Ein sehr gutes Buch zum The­ma ist auch Kro­ko­dil im Nacken von Klaus Kor­don. Es han­delt von einem sys­tem­treu­en Paar, das sich recht gut in der DDR ein­ge­rich­tet hat­te und dann aber, als das Kind in die Schu­le ging, merk­ten, wie falsch und ver­lo­gen alles war und wie sehr man sich anpas­sen und ver­bie­gen muss­te. Das führ­te dann zu einem Flucht­ver­such. Die­se Art der Erzie­hung war das Pro­blem der DDR, nicht Gewalt in den Schu­len, wie Anne Rabe alle Wes­sis und Nach­ge­bo­re­nen glau­ben machen möchte.

Gewalt an Schulen in der BRD

Ich habe auf Mast­o­don gefragt, ob Men­schen in der BRD Gewalt in Schu­len erlebt haben. Hier eini­ge der Antworten:

Ende der 1960er in BW noch erlebt: Mit dem Line­al auf die Fin­ger hau­en, Ohr­fei­gen und an den Haaren/den Ohren zie­hen. Letz­te­res war eine Spe­zia­li­tät der Reli­gi­ons­leh­re­rin. Das mit dem Line­al habe ich (nicht per­sön­lich) auch nur bei ihr erlebt, soweit ich mich ent­sin­ne. Ohr­fei­gen gab es (sel­ten) vom Klas­sen­leh­rer, der eigent­lich okay war, aber vom Krieg einen Gra­nat­split­ter im Kopf hat­te, der nicht ent­fernt wer­den konn­te und wenn der “wan­der­te”, stand er schon mal neben sich.🫣 (Ver­wen­dung ok)

Ja klar, kannst du ruhig ver­wen­den, aber die Schu­le benen­nen möch­te ich nicht. Es war glau­be ich auch an so ziem­lich allen Grund- und Haupt­schu­len so. Mein ältes­ter Bru­der war auf der „Volks­schu­le“ und da gehör­ten Prü­gel noch ziem­lich lan­ge zum Schul­all­tag, obwohl es da dann end­lich so lang­sam auch ers­ten Wider­stand durch die Eltern­schaft gab. Ich hab’ es ab dem Gym­na­si­um nicht mehr erlebt, aber das war dann auch schon in den 70ern. (Ver­öf­fent­li­chung OK)
Einer mei­ner Klas­sen­leh­rer hat­te sich damals die Ein­wil­li­gung zur “kör­per­li­chen Züch­ti­gung” eines Jun­gen geben las­sen. Die­ser hat­te wäh­rend einer Mathe Stun­de die Leh­re­rin vor der ver­sam­mel­ten Klas­se ver­prü­gelt, bis sie wei­nend fort­lief. Ich sah wie der Leh­rer den Jun­gen an einem ande­ren Tag, bei­de im vol­len Lauf in den Hin­tern trat als die­ser an einer Tür brem­sen muss­te und er von der Wucht gegen die Tür prall­te. Das muss ca 1986 gewe­sen sein. (Ver­öf­fent­li­chung OK) Das war in NRW. Name des Leh­rers bekannt.
Ich erin­ne­re mich, dass die Gewalt an den Schu­len oft The­ma unter uns Kin­dern waren. Aus mei­ner Per­spek­ti­ve erschien es mir, dass Kin­der aus „pre­kä­ren Ver­hält­nis­sen“, so wie ich auch von den Leh­rern gese­hen wur­den, einen schwe­ren Stand hat­ten. Den „Wohl­stands­kin­dern“, denen man es der Klei­dung bereits ansah, mit ihnen wur­de ganz anders gere­det und ihnen wur­de vie­les ver­zie­hen.
Es gab viel sub­ti­le ver­ba­le Gewalt und ich ver­stand sie sehr wohl. (Ver­öf­fent­li­chung OK) 
Ein­ge­schult 1976 in Süd­ost­bay­ern, drei Jah­re Dorf­schu­le, dann gro­ße Kreis­stadt Traun­stein. In der 5. Klas­se hat­te ich einen Klas­sen­leh­rer, der mit Schlüs­sel­bund und Sche­re nach Schü­lern warf, wenn sein Jäh­zorn mit ihm durch­ging. In der 6. Klas­se hat­te der Klas­sen­leh­rer eine klei­ne Arm­brust, mit der er Kor­ken und Krei­de­stü­cke auf Schü­ler schoß, die nicht auf­merk­sam waren. Ich war selbst nie betrof­fen. Ab 1980 Real­schu­le, dort kei­ne Vor­komm­nis­se mehr. (Ver­wen­dung OK)
aus zwei­ter Hand, aber: Ein ehem. Schü­ler von mir berich­te­te mal, dass eine (mir bekann­te und heu­te pen­sio­nier­te) Leh­re­rin ihn geschla­gen hät­te. Meh­re­re sei­ner dama­li­gen Mitschüler*innen haben das glaub­haft bestä­tigt. Den Anlass weiß ich nicht (mehr?). Der Schü­ler wur­de ~1997–1999 gebo­ren.
Bun­des­land Bay­ern. (Ver­wen­dung ok)

Damals noch in NRW. Auf dem Schul­aus­flug zu lang­sam und Trit­te in den Ar…. Grund­schu­le Süch­tel (Vier­sen) ca 1960 / 61 (Ver­öf­fent­li­chung OK)
Für #Öster­reich (#Stei­er­mark) kann ich sol­ches bis in die spä­ten 70er bestä­ti­gen: In der Volks­schu­le sehr stark abhän­gig von den ein­zel­nen Leh­rern. Der dama­li­ge Direk­tor ein stram­mer Nazi, wir durf­ten als 6jährige im Turn­saal das Exer­zie­ren ler­nen (so begann jede Turn­stun­de). Daheim davon etwas zu erzäh­len hät­te die Schlä­ge ver­dop­pelt: “Du wirst es schon ver­dient haben”. In der Ober­stu­fe des Gym­na­si­ums war das dann nicht mehr mög­lich, der Druck wur­de über Noten aus­ge­übt. (Ver­wen­dung OK, liest noch)
1960–64 in der Grund­schu­le “St. Peter und Paul”, Lands­hut, wur­de ich im 1. und 2. Schul­jahr von der Leh­re­rin geohr­feigt. Im 3. und 4. gab es dann vom Leh­rer “Tat­zen”, Schlä­ge mit dem Rohr­stock auf die Fin­ger. “Schwe­re­re Fäl­le bekamen“übergelegt”, dh. mit dem Rohr­stock auf den Hin­tern. An das ver­bis­se­ne Gesicht des Leh­rers, der gleich­zei­tig auch Schul­lei­ter war, erin­ne­re ich mich heu­te noch. Im Gym­na­si­um, ab 1964, wur­de am Schlä­fen­haar gezo­gen. Ab der 7. Klas­se war dann Schluss. (Ver­wen­dung OK)
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Ich kann mich dar­an erin­nern, dass 2 Klas­sen­ka­me­ra­den mit dem Stock der Hin­tern (hef­tigst!) ver­sohlt wur­de. Das war zw. 1980 und 1983. Bei­de waren zu dem Zeit­punkt etwa 13 — 15 Jah­re alt.
Leh­rer war […], Schü­ler […] und […]. In 1 Fall ging es dar­um, dass 1 einen Mitschüler(in?) geschla­gen hat, im ande­ren Fall, dass der Betr. zum Leh­rer “Leck mich am A…” gesagt hat. Es gab noch vie­le ande­re Fäl­le an die ich mich im Detail nicht erin­ne­re. 🤷🏻‍♂️(Ver­wen­dung ok)

Nach Aus­sa­ge von Elrho­em war die­se Schu­le kei­ne „öffent­li­che“ Schu­le. Die Schu­le war an ein Heim ange­glie­dert, folg­te dem öffent­li­chen Lehr­plan. Das Heim war von katho­li­schen Non­nen geführt, die noch im vor­letz­ten Jahr­hun­dert leb­ten, die Leh­rer waren „welt­lich“ (also Zivilisten).

Nicht in Bay­ern, in NRW, Gym­na­si­um, ca. 1994: flie­gen­der Schlüs­sel­bund, den ich aber auf­fan­gen konn­te und dann eher spon­tan aus dem Fens­ter in die Büsche geschmis­sen hat­te… Bestra­fung gab es dafür nicht, das wäre wohl zu sehr nach hin­ten los­ge­gan­gen. Glei­cher Geschichts­leh­rer ca. 1999 Ohren zie­hen, Fin­ger schmerz­haft in Rücken boh­ren (da saß ich nur im glei­chen Raum, war nicht Ziel). Zwei­ter Kom­men­tar: Bei uns war das auf glei­cher Schul­form, etwa zeit­gleich im glei­chen Land ein Bio­leh­rer und der Schlüs­sel­bund ging ins Auge. Die Eltern „konn­ten über­zeugt wer­den“, dass zu viel Thea­ter dar­um zu machen der Schul­kar­rie­re gleich bei­der Söh­ne nicht för­der­lich sei. (Ver­öf­fent­li­chung ok)
Span­nend! Reli­gi­ons­leh­re­rin in HH 1969 hat mir so eine gescheu­ert, das die Bril­le im Arsch war. Mei­ne Mut­ter hat kei­ne Anzei­ge erstat­tet und die Bril­le bezahlt. Damit ich kei­ne „Nach­tei­le“ habe. Hat­te ich natür­lich trotz­dem und das Ver­hält­nis zu mei­ner Mut­ter nach­hal­tig ver­än­dert. (Ver­öf­fent­li­chung ok)

Hier noch anony­mi­sier­te Bei­trä­ge mit OK für Verwendung:

Einem Leh­rer in der Grund­schu­le muss es wohl mal furcht­bar pein­lich gewe­sen sein, dass er mal ’n Buch nach mir gewor­fen hat, als ich zu sehr genervt habe. (War das hal­be Jahr in mei­nem Leben, als ADHS mal nicht hypo­ak­tiv war…) Prü­gel wären da also wohl noch juris­tisch OK gewesen …

Grund­schu­le in Lüden­scheid, NRW an den Ohren oder Haa­ren aus der Klas­se wer­fen war eher die Regel als die Aus­nah­me. Ca 1986/87. Das ist halt nur das, was ich aus der 2./3. Klas­se von damals erin­ne­re. Kon­se­quen­zen oder Öffent­lich­keit gab es keine.

1970 BW, Hoch­wür­den zieht mich im Unter­richt an den Haa­ren, mein Bank­nach­bar bekommt eine Kopf­nuss. Wir hat­ten uns unter­hal­ten. Wenn er in Rage war, hat Hoch­wür­den getobt und geschrien, auch mal einen Kin­der­stuhl gegen die Tafel geschla­gen. [Es war ein katho­li­scher Pfar­rer, der als Reli­gi­ons­leh­rer gear­bei­tet hat.]

Mir ist klar, dass eine Umfra­ge unter Mastodon-Nutzer*innen kei­ne sozio­lo­gisch soli­de Erhe­bung zur Gewalt an Schu­len ist, aber für einen ers­ten Ein­druck mag das genü­gen. Es gibt auch Medi­en­be­rich­te zum Thema:

In der Klas­se 6 b der Volks­schu­le im schwä­bi­schen Amen­din­gen ging die Erd­kun­de­stun­de zu Ende. Der für den Tafel­dienst ein­ge­teil­te elf­jäh­ri­ge Schü­ler warf erleich­tert den Schwamm ins Becken und traf dabei ver­se­hent­lich ein Trink­glas. Als er dann nach dem Klin­gel­zei­chen auch noch „wie ein Geiß­bock her­um­hüpf­te“, zog der Erd­kun­de­leh­rer „den Schü­ler an einem Ohr und an den in der Nähe des Ohres gewach­se­nen Haa­ren und ver­setz­te ihm anschlie­ßend min­des­tens zwei kräf­ti­ge Ohrfeigen“.

Die Tät­lich­kei­ten mach­ten dem Schü­ler „etwa eine Stun­de lang deut­li­che Schmer­zen“ und beschäf­tig­ten ein Jahr spä­ter das Baye­ri­sche Obers­te Lan­des­ge­richt. Die drei Rich­ter des 5. Straf­se­nats wer­te­ten die Züch­ti­gung zwar als „kör­per­li­che Miß­hand­lung“ weil das „Wohl­be­fin­den“ des Schü­lers „mehr als nur uner­heb­lich beein­träch­tigt“ gewe­sen sei. Aber: Der­lei Beein­träch­ti­gun­gen müß­ten bay­ri­sche Schü­ler schon mal hinnehmen.

Spie­gel 1979. Bay­ern: Sinn des Fort­schritts. 1979. Der Spie­gel 18/1979.

Ich fin­de das alles ziem­lich krass. Gewalt, die Angst erzeugt und wohl auch erzeu­gen soll­te. Im Kin­der­gar­ten wur­de ich an den Ohren gezo­gen, bis mei­ne Eltern sich beschwert haben, und in mei­ner Schul­zeit gab es einen schlüs­sel­wer­fen­den Che­mie-Leh­rer. Berich­te von schlüs­sel­wer­fen­den Leh­rern gibt es aus Ost und West auch aus der Zeit nach der Wen­de. Aber soweit ich weiß, gab es im Osten eben kei­nen Rohr­stock und Schlä­ge auf die Fin­ger oder den Hin­tern. Trit­te in den Po wegen Trö­de­lei bei einem Aus­flug? Kopf­nüs­se für Schwat­zen? Kräf­ti­ge Ohr­fei­gen für Über­mut? Undenk­bar. Wenn es so etwas in der DDR in Schu­len gege­ben hat, dann war es zumin­dest ille­gal. Da alles mit­ein­an­der ver­wo­ben war, Lehrer*innen und eini­ge Eltern in der Par­tei waren, dürf­ten sol­che Stra­fen, die der offi­zi­el­len Par­tei­li­nie wider­spra­chen, jedoch sel­ten vor­ge­kom­men sein. Ein Nut­zer merkt an, dass das Recht auf Erzie­hung ohne Prü­gel nichts wert sei, wenn man es man­gels funk­tio­nie­ren­dem Rechts­sys­tem nicht ein­kla­gen konn­te. Da ist etwas dran, aber in mei­nem Fall haben die Beschwer­den mei­ner Eltern gefruch­tet und inter­es­san­ter­wei­se hat das Rechts­sys­tem im Wes­ten je nach Kon­stel­la­ti­on auch nicht gehol­fen. Wenn das Leh­rer­kol­le­gi­um zusam­men­hielt und Prü­gel­stra­fe ok fand, dann wur­den Eltern davon über­zeugt, nicht zu kla­gen, wie man den Posts oben ent­neh­men kann.

Das Feh­len der oben doku­men­tier­ten Gewalt in DDR-Schu­len passt natür­lich nicht zu Anne Rabes Gewalt-These.

Heime im Westen und über 500.000 misshandelte Kinder

Außer­dem bit­te ich die geneig­te Leser*in zu beach­ten, dass Anne Rabe die Prü­gel­stra­fe im Wes­ten der Dro­hung mit dem Kin­der­heim bzw. dem Jugend­werk­hof gegen­über­stellt. Tat­sa­che ist jedoch, dass es im Wes­ten Prü­gel im Schul-All­tag UND Hei­me mit men­schen­un­wür­di­gen Bedin­gun­gen und Fol­ter gab. Dazu noch sexu­el­len Miss­brauch, der zumin­dest auf den Über­blicks­sei­ten zu den DDR-Hei­men, die ich gele­sen habe, nicht erwähnt wurde.

In der Zeit nach dem Krieg beschäf­tig­ten die ca. 3000 Hei­me und Anstal­ten häu­fig noch das­sel­be Per­so­nal, das bereits wäh­rend der Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus des­sen Erzie­hungs­kon­zep­te umge­setzt hat­te. Immer wie­der kam es zu will­kür­li­chen und ent­wür­di­gen­den Bestra­fun­gen oder die Für­sor­ge­zög­lin­ge wur­den ein­ge­sperrt. Oft muss­ten sie gewerb­li­che Tätig­kei­ten aus­üben, ohne dafür ver­gü­tet zu wer­den und ohne ren­ten­ver­si­chert zu sein. Vie­le Jugend­li­che wur­den auch an Bau­ern ver­lie­hen, um dort zu arbei­ten. Den Bau­ern wur­de dabei oft die Pfleg­schaft über die Kin­der und Jugend­li­chen über­tra­gen. Die Behand­lung war oft men­schen­un­wür­dig. Die Jugend­li­chen wur­den als bil­li­ge Arbeits­kraft gebraucht, da ein Pfleg­schafts­ver­hält­nis kein Arbeits­ver­hält­nis sein kann, weil es sich gegen­sei­tig aus­schließt. Eine beruf­li­che Bil­dung wur­de ihnen dabei nicht zuteil.[8] Vie­le der Miss­stän­de wur­den dadurch mög­lich, dass die Heim­auf­sicht in die­ser Zeit prak­tisch auf gan­zer Linie ver­sag­te. Dies hat­te struk­tu­rel­le Grün­de, denn Leis­tungs­er­brin­gung und die Auf­sicht dar­über lagen in einer Hand bei ein und der­sel­ben Behör­de. Hin­zu kam die oft­mals man­gel­haf­te per­so­nel­le (zu wenig und häu­fig schlecht qua­li­fi­zier­tes Per­so­nal) und räum­li­che (zu wenig Platz, dar­aus resul­tie­rend zu gerin­ge Pri­vat­sphä­re sowie schlech­te sani­tä­re Bedin­gun­gen) Aus­stat­tung der Hei­me, der als Fol­ge des Krie­ges eine gro­ße Zahl von zu betreu­en­den dabei aber häu­fig trau­ma­ti­sier­ten Kin­dern gegen­über stand.

Wiki­pe­dia-Ein­trag Heim­erzie­hung in Deutsch­land, abge­ru­fen 09.01.2026

Die Nazi-Lehrer*innen wur­den im Osten alle ent­las­sen bzw. durf­ten die ers­ten Jah­re nach dem Krieg nicht arbei­ten. Statt­des­sen gab es die in Crash-Kur­sen umge­schul­ten Neu­leh­rer*innen. Die Auf­ar­bei­tung ist erst 2010 erfolgt:

Im Dezem­ber 2010 leg­te der Run­de Tisch sei­nen Abschluss­be­richt vor[16]. Dar­in wird auf­ge­zeigt, dass in der Heim­erzie­hung der frü­hen Bun­des­re­pu­blik die Rech­te der Heim­kin­der durch kör­per­li­che Züch­ti­gun­gen, sexu­el­le Gewalt, reli­giö­sen Zwang, Ein­satz vom Medi­ka­men­ten und Medi­ka­men­ten­ver­su­che, Arbeits­zwang sowie feh­len­de oder unzu­rei­chen­de schu­li­sche und beruf­li­che För­de­rung mas­siv ver­letzt wur­den. Dies sei auch nach dama­li­ger Rechts­la­ge und deren Aus­le­gung nicht mit dem Gesetz und auch nicht mit päd­ago­gi­schen Über­zeu­gun­gen ver­ein­bar gewe­sen. Als Ver­ant­wort­li­che für das den Heim­kin­dern zuge­füg­te Leid wer­den Eltern, Vor­mün­der und Pfle­ger, Jugend­be­hör­den, Gerich­te, die kom­mu­na­len und kirch­li­chen Heim­trä­ger und das Heim­per­so­nal und schließ­lich die hier­zu schwei­gen­de Öffent­lich­keit genannt.

Wiki­pe­dia-Ein­trag Heim­erzie­hung in Deutsch­land, abge­ru­fen 09.01.2026

Hier noch ein Zitat aus Häus­ler (2013):

Vie­le Kin­der und Jugend­li­che in den Hei­men wur­den Opfer von Gewalt, Demü­ti­gun­gen und sexu­el­lem Miss­brauch. Die­se Taten wur­den viel­fach durch Mit-Zög­lin­ge aus­ge­übt, von den Erzie­hern aber häu­fig nicht unter­bun­den. Vie­le Betrof­fe­ne berich­ten aus ihrer Heim­zeit von einer Atmo­sphä­re emo­tio­na­ler Käl­te. Quel­len bele­gen, dass dem Erzie­hungs­per­so­nal zum Teil ein lie­be­vol­ler Umgang mit den Kin­dern unter­sagt wur­de. Auch Freund­schaf­ten unter den Bewoh­nern waren nicht gern gese­hen. Nur weni­ge Jugend­li­che in Heim­erzie­hung hat­ten die Gele­gen­heit zum Besuch eines Gym­na­si­ums oder einer ande­ren wei­ter­füh­ren­den Schu­le. Ein Teil der nicht mehr schul­pflich­ti­gen Jugend­li­chen absol­vier­te eine Leh­re, aber die Mehr­heit der Für­sor­ge­zög­lin­ge wur­de im Heim zu gering qua­li­fi­zier­ten, oft­mals kör­per­lich anstren­gen­den Arbeits­leis­tun­gen ver­pflich­tet, die über­wie­gend nicht sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig waren. Die­se von vie­len Betrof­fe­nen als Zwangs­ar­beit ange­se­he­ne Arbeit im Heim führt zu Fehl­zei­ten bei der Rentenversicherung.

Häus­ler, Micha­el. 2013. Ehe­ma­li­ge Heim­kin­der wol­len ihre Akte: Die Benut­zung von Kli­en­ten­ak­ten im Span­nungs­feld zwi­schen Opfer­an­spruch, Per­sön­lich­keits­schutz und his­to­ri­scher For­schung. Aus evan­ge­li­schen Archi­ven (Neue Fol­ge Der „All­ge­mei­nen Mit­tei­lun­gen“ 53), 7–20.

Es geht um die „ers­ten Jahr­zehn­te“ der Bun­des­re­pu­blik also nicht nur die Zeit unmit­tel­bar nach dem Krieg. Bis „Mit­te der 70er Jah­re“ (drei­ßig Jah­re) wur­den „mehr als eine hal­be Mil­li­on Kin­der in kirch­li­chen und staat­li­chen Hei­men allein in West­deutsch­land kör­per­lich und see­lisch schwer miss­han­delt“ (Grü­ter, 2019). In der DDR (40 Jah­re) waren 135.000 in den Spe­zi­al­hei­men (Bun­des­stif­tung Auf­ar­bei­tung).

Wenn es dar­um geht, aus dem Leben in einer Dik­ta­tur irgend­et­was abzu­lei­ten, gibt es dafür im Ver­gleich zur Bun­des­re­pu­blik – anders als von Anne Rabe behaup­tet – kei­ne Basis. Im Bereich Prü­gel­stra­fe und Heim­erzie­hung gibt es bis 1975 einen Vor­teil für den Osten.

Fehlende Forschung zu Gewalt in der DDR

Anne Rabe: Und es ist ein biss­chen schwie­rig mit der Gewalt, sozu­sa­gen der häus­li­chen Gewalt, in der DDR. Ich wer­de dafür ja dann auch immer mal ange­grif­fen, dass sie sagen: „Hä, das stimmt alles gar nicht.“.

Katha­ri­na Nocun: Ja, wir hat­ten ja eben ein­gangs auch dar­über gespro­chen, dass es noch gar nicht so lang der Fall ist, dass wirk­lich inter­na­tio­nal kör­per­li­che Stra­fen gegen Kin­der wirk­lich als Gewalt gese­hen wer­den. Ne, so hast Du eben auch ange­spro­chen, Deutsch­land ist erst in den 90ern zu dem Ergeb­nis gekom­men, ja, das könn­te man mal machen. Glaubst du wirk­lich, aber da gibt es so einen qua­li­ta­ti­ven Unter­schied durch die Sys­te­me auch und durch die Erzie­hungs­for­men, wie sie bei­spiels­wei­se in Schu­len oder Hor­ten vor­ge­lebt wur­den, die ja viel­leicht auch prä­gen, wie der Blick auf gesell­schaft­li­che Gewalt geprägt ist.

Anne Rabe: Ja, ich glau­be schon. Ich woll­te nur sagen, es ist des­halb schwie­rig, weil natür­lich ein Kenn­zei­chen von Dik­ta­tu­ren ist, dass es kei­ne freie For­schung gibt. Also wir haben im Ver­gleich jetzt zu West­deutsch­land über­haupt zu den haben wir eine ganz, ganz schlech­te Daten­la­ge. Das war eigent­lich der Anfang auch, wie ich mich damit beschäf­tigt habe. Ich habe näm­lich eine tol­le Arbeit dar­über gefun­den, weil ich her­aus­fin­den woll­te, ja, wie war das denn eben genau das? Wie war das mit dem Umgang zum Bei­spiel mit häus­li­cher Gewalt in der DDR? Wie ist man damit umgegangen?Diese For­schung über­haupt zu Gewalt in Fami­li­en, die ent­steht so im Kai­ser­reich in Deutsch­land und hat dann immer wei­ter zuge­nom­men. Selbst in der NS-Zeit wur­de dazu noch geforscht. Und in der DDR dann auch am Anfang. Und dann gab es da so Arbei­ten dazu, die haben aber immer so an die sozu­sa­gen in die Prä­am­bel geschrie­ben. Es han­delt sich um eine Form der bür­ger­li­chen Gewalt im Kapi­ta­lis­mus und ist auf­grund der Klein­fa­mi­lie an Struk­tu­ren. Und das wird ver­schwin­den, sobald der Sozia­lis­mus voll­endet ist. Das war die Idee. Und dann hat man in den 70er Jah­ren fest­ge­stellt, dass das nicht so ist. Und dann hat man halt die For­schung dazu ein­ge­stellt. Das ist natür­lich so ein typi­scher Weg, wie man in Dik­ta­tu­ren mit so was umgeht.

Nocun, Katha­ri­na. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ost­al­gie. 36:18

Ja, da hat Anne Rabe Recht: Miss­lie­bi­ge For­schung wur­de unter­drückt. Auch die Zah­len von Sui­zi­den wur­den nicht ver­öf­fent­licht. Was soll­ten denn glück­li­che sozia­lis­ti­sche Men­schen auch für Grün­de für Sui­zi­de haben? Wenn dann irgend­wann die Zahl der Sui­zi­de sprung­haft ansteigt, wie soll man das erklä­ren? Also wur­de so was unter der Decke gehal­ten. In solch einer Situa­ti­on kann man sich nun schön Daten sel­ber aus­den­ken, wie es Anne Rabe getan hat. Oder man kann Stu­di­en anstel­len und Men­schen befra­gen, wie es in der DDR war, wie es Anne Rabe nicht getan hat. Das habe ich im Mai 2024 dazu geschrieben:

Anne Rabe berich­tet von ein­zel­nen Vor­komm­nis­sen, von denen man nicht weiß, ob sie wirk­lich so statt­ge­fun­den haben. Man­ches ist ein­fach unplau­si­bel. Auf der Ebe­ne der anek­do­ti­schen Evi­denz ist es aber ohne­hin nicht mög­lich, zu einem trag­fä­hi­gen Ost-West-Ver­gleich zu kom­men. Dazu braucht es empi­ri­sche Stu­di­en. In Gesprä­chen (z.B. im taz-Lab 27.04.2024 mit Simo­ne Schmol­lack und im oben zitier­ten Inter­view mit Cor­ne­lia Geiss­ler) weist Anne Rabe dar­auf hin, dass es kei­ne Stu­di­en aus DDR-Zei­ten gibt. Aller­dings hat Sabi­ne Renne­fanz am 30.09.2023 im Tages­spie­gel auf eine Stu­die mit 5800 vor 1980 gebo­re­nen Teilnehmer*innen aus West und Ost zu deren Gewalt­er­fah­run­gen in der Kind­heit berich­tet (Ulke C. et al. 2021). Die Stu­die wur­de im Jah­re 2021 an der Uni Leip­zig durch­ge­führt und von den Medi­en wei­test­ge­hend igno­riert. Das Ergeb­nis war, dass es im Wes­ten mehr kör­per­li­che und sexu­el­le Gewalt gab (Zum Bei­spiel beson­ders deut­lich: 13,2 % der west­deut­schen Frau­en haben in ihrer Kind­heit sexu­el­le Gewalt erfah­ren. Im Osten waren es 7,8 %). Anne Rabes Theo­rie vom dik­ta­tur­ge­präg­ten gewalt­tä­ti­gen Osten ent­behrt also jeder empi­ri­schen Grund­la­ge. Die Fak­ten waren vor der ers­ten Auf­la­ge 2023 und wäh­rend der Zeit, in der die Jury des deut­schen Buch­prei­ses die Bücher für die Short­list aus­wähl­te, bekannt. 

Mül­ler, Ste­fan. 2024. Kei­ne Gewalt! Zu Mög­lich­kei­ten und Glück und dem Buch von Anne Rabe. Pas­sa­ge vom Mai 2024.

In der fol­gen­den Pas­sa­ge geht es um Sze­nen in Anne Rabes auto­fik­tio­na­lem Roman Die Mög­lich­keit von Glück:

Katha­ri­na Nocun: In dei­nem Roman Die Mög­lich­keit von Glück geht es ja um die Auf­ar­bei­tung einer Fami­li­en­ge­schich­te in der DDR und im Zuge des­sen auch um ziem­lich viel Gewalt. Da gab es eine Sze­ne, da hat­te ich wirk­lich Trä­nen in den Augen. Da ging es um eine Mut­ter, die ihr Kind absicht­lich zu lan­ge in hei­ßes Was­ser gestellt hat, um es zu bestra­fen. Und ja, viel­leicht auch, um zu quä­len. Glaubst du, es gibt einen Zusam­men­hang zwi­schen auto­ri­tä­ren Sys­te­men und dem Innen­le­ben von Familien? 

Anne Rabe: Ja, also ganz klar. Das ist ja auch ein DDR-Mythos, dass man sagt, okay, es gibt die­ses Fami­li­en­le­ben, das ist ganz wun­der­bar und die Dik­ta­tur ist irgend­wo drau­ßen, dass man über­haupt ver­sucht, in der Rück­schau Dik­ta­tur und All­tag zu tren­nen. Das ist ein Irr­tum. Das geht gar nicht.

Nocun, Katha­ri­na. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ost­al­gie. 34:58

Für alle, die Anne Rabes Buch nicht gele­sen haben: Anne Rabe beschreibt eine unnor­ma­le Fami­lie. Sie schreibt das selbst so:

Alle Fami­li­en haben sol­che Geschich­ten. Gemein­sa­me Erleb­nis­se, die eine Fami­lie zu einer Fami­lie machen. Geschich­ten, die man sich immer wie­der erzählt. Die Geschich­ten von einem miss­glück­ten Weih­nachts­bra­ten, von Irr­fahr­ten zu einem lang ersehn­ten Urlaubs­ziel, Miss­ge­schi­cke und Toll­pat­schig­kei­ten, die einem noch immer die Lach­trä­nen in die Augen trei­ben. Die­se Geschich­ten, an die man denkt, wenn man Zuhau­se denkt.

Was Tim und ich uns erzäh­len, wenn wir über unse­re Kind­heit spre­chen, sind Geschich­ten davon, wie wir gelernt haben, still zu sein.

Rabe, Anne. 2023. Die Mög­lich­keit von Glück. Stutt­gart: Klett-Cot­ta. S. 23

Ich habe in Kei­ne Gewalt! Zu Mög­lich­kei­ten und Glück und dem Buch von Anne Rabe bereits dar­über geschrie­ben: Anne Rabe schil­dert eine durch und durch gewalt­tä­ti­ge Fami­lie. Sie bekam stän­dig Schlä­ge und Kopf­nüs­se. Das wird dann mit wil­den The­sen über Gewalt und Kinds­mor­de und Amok­läu­fe im Osten kom­bi­niert, die ein­fach fak­tisch falsch sind. Die Details sind im eben zitier­ten Blog-Post und in Wei­te­re Kom­men­ta­re zu Anne Rabes Buch: Eine Mög­lich­keit aber kein Glück dis­ku­tiert. Das oben ange­ge­be­ne Zitat zeigt recht deut­lich, dass die Ich-Erzäh­le­rin in Anne Rabes auto­fik­tio­na­lem Roman weiß, dass ihre Fami­lie nicht nor­mal ist. Anne Rabe lei­tet aus dem Leben ihrer Fami­lie weit­rei­chen­de Schluss­fol­ge­run­gen für ein gan­zes Land ab. Ihre Eltern waren sys­tem­treu und Funk­tio­nä­re. Zumin­dest die im Roman. Was vom Roman der Rea­li­tät ent­spricht, will Anne Rabe nicht sagen. Es ist klar, dass ihre Mut­ter oder zumin­dest die beschrie­be­ne Per­son eine Psy­cho­path­in war, aber dar­aus irgend­was mit Dik­ta­tu­ren abzu­lei­ten, ist nicht zuläs­sig. War­um muss ich mir von Anne Rabe erklä­ren las­sen, dass man Fami­lie und Außen nicht tren­nen konn­te? War­um? So haben Mil­lio­nen Men­schen gelebt. In Sport­ver­ei­nen, in Fami­li­en. Wir waren uns 1989 alle (also in mei­nem Umfeld) einig, dass wir die DDR, so wie sie war, nicht woll­ten. Das war eben nicht nur die Fami­lie. Es war der musi­ka­li­sche Unter­grund, die soge­nann­ten ande­ren Bands, die avant­gar­dis­ti­sche Kunst­sze­ne (Autoper­fo­ra­ti­ons­ar­tis­ten usw.), der Sport­ver­ein (Ber­lin Che­mie)3, Men­schen aus mei­ner Schu­le. Sogar mein ehe­ma­li­ger Klas­sen­leh­rer. Ein SED-Mit­glied, das mir Have­mann-Bücher aus dem Wes­ten zum Lesen borg­te und den ich auf Punk-Kon­zert in die Wer­ner-See­len­bin­der-Hal­le mit­nahm, auf dem Neu­es-Forum-Ban­ner hoch­ge­hal­ten wur­den. Die Über­ra­schung kam dann nach der Wen­de, als plötz­lich das Eini­gen­de weg war und wir fest­stel­len muss­ten, dass wir alle unter­schied­li­che Vor­stel­lun­gen dar­über hat­ten, was wir statt­des­sen woll­ten. Wenn Anne Rabe bei Lesun­gen auf Men­schen trifft, die ihr von Erleb­nis­sen berich­ten, die ihren eige­nen ähneln, dann liegt das wohl dar­an, dass zu ihren Lesun­gen nur oder über­wie­gen­de die Men­schen kom­men, die ihre Erfah­run­gen oder ihre Grund­ein­stel­lung tei­len. Vie­le Ossis macht ihr Buch aber nur unfass­bar wütend. Jemand, der ganz offen­sicht­lich fal­sche Din­ge ver­brei­tet und dafür von noch ahnungs­lo­se­ren Wes­sis (Die Jury des Lite­ra­tur­prei­ses bestand in der Tat nur aus Wes­sis) fast einen Lite­ra­tur­preis bekommt, macht sie nicht nur bei DDR-Nost­al­gi­kern, zu denen ich mich – wie im Dis­clai­mer am Anfang des Posts erklärt – expli­zit nicht zäh­le, unbe­liebt. Mein Arti­kel in der Ber­li­ner Zei­tung, der die gra­vie­rends­ten der fak­ti­schen Feh­ler in Anne Rabes Buch dis­ku­tiert, war der mit Abstand am meis­ten run­ter­ge­la­de­ne der Aus­ga­be, wie mir Anja Reich dann mit­teil­te. Er hat­te offen­sicht­lich einen Nerv getrof­fen. Such­ma­schie­nen schlu­gen noch lan­ge nach der Ver­öf­fent­li­chung des Arti­kels „Anne Rabe Pro­fes­sor“ vor, wenn man bereits „Anne Rabe“ ein­ge­ge­ben hat­te. Also: Natür­lich konn­te man in der DDR so vor sich hin­le­ben. Mil­lio­nen haben das getan. Auch wenn Anne Rabe das nicht wahr­ha­ben will. Sie hat es nicht erlebt und weil sie das gar nicht will, wird sie nie ver­ste­hen, wie das funk­tio­niert hat und warum.

Diskurs, 1968 und alternative Erziehung

Hier eine Aus­sa­ge zu den 68ern, der Fra­ge nach Gewalt in der Erzie­hung und dem gesell­schaft­li­chen Diskurs:

Katha­ri­na Nocun: Und es gibt ja die The­se, dass auch das Feh­len einer 68er-Bewe­gung im Osten, die sich dann ja im Wes­ten extrem kri­tisch dann, halt auch teil­wei­se an den eige­nen Eltern und deren Betei­li­gung am NS-Regime und der Groß­el­tern abge­ar­bei­tet hat , dass das Feh­len einer ver­gleich­ba­ren Bewe­gung, die es ja auch gar nicht geben konn­te, so in die­sem Aus­maß, also weil, klar, auto­ri­tä­res Regime, dass das dazu führt, dass Men­schen, viel­leicht auch weni­ger Berüh­rungs­ängs­te mit extrem rech­ten Par­tei­en heu­te ent­wi­ckeln, weil sich das so wei­ter­trägt. Glaubst du, da ist was dran oder das ist halt viel­leicht auch eine Erklä­rung, die es sich zu leicht macht?

Anne Rabe: Bei­des. Also wenn wir zum Bei­spiel auch dar­über spre­chen, über die­se auto­ri­tä­ren Erzie­hungs­me­tho­den, also wo man auch immer sagen kann, okay, es gibt auch in West­deutsch­land und es gab auch in West­deutsch­land ganz, ganz viel Gewalt gegen Kin­der, aber es gab eben auch eine Dis­kus­si­on um auto­ri­tä­re Erzie­hung. Es gab dar­um einen Dis­kurs. Da hat sich was ver­än­dert und das gab es eben in Ost­deutsch­land nicht.

Nocun, Katha­ri­na. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ost­al­gie.

Diskurs in der DDR

Eine Sache, die ich bis­her immer über­se­hen habe, weil der gan­ze DDR-Dis­kurs auch mit gro­ßer Medi­en­be­tei­li­gung statt­fin­det, ist, dass der Dis­kurs in der DDR natür­lich ganz anders aus­ge­se­hen hat. Er war den­noch exis­tent, anders als heu­te in den West-Medi­en und auch von Anne Rabe behaup­tet wird. Mei­ne Frau hat beim Bahn­fah­ren mit Chris­ti­an Berndt, einem west­deut­schen His­to­ri­ker und Jour­na­lis­ten, über den Osten gespro­chen und der hat dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es im Osten durch­aus einen Dis­kurs zu den ver­schie­dens­ten The­men gab. Nur eben nicht in den offi­zi­el­len Medi­en. Im Osten wur­den alle Ent­wick­lun­gen, die es im Wes­ten gab, ganz auf­merk­sam mit­ver­folgt. Bis auf eine paar Täler mit Ahnungs­lo­sen (Dres­den und Greifs­wald) hat­te die gesam­te DDR West­fern­se­hen und Rund­funk. Zum Schluss auch in Sach­sen, weil die Men­schen ein­fach Satel­li­ten­schüs­seln benutzt haben. In Kamenz hat sogar die NVA auf den Wohn­blocks der Offi­zie­re Satel­li­ten­schüs­seln instal­liert, damit die­se nicht so ahnungs­los waren, wenn die Sol­da­ten mit den neus­ten Nach­rich­ten aus dem Urlaub kamen. Ich habe die Schüs­seln in Baut­zen auch selbst gese­hen. Das heißt, die Ossis haben alles mit­be­kom­men und der Dis­kurs fand statt. Bei Par­ties, im Pri­va­ten. Wir haben gere­det, in einem fort. Doch. Wirk­lich. Ich erin­ne­re mich an einen Witz über anti­au­to­ri­tä­re Erzie­hung. Ich glau­be, den hat­te ich sogar von einem Lehrer.

Journalist*innen und Nach­ge­bo­re­ne kön­nen sich das nicht vor­stel­len, weil sie den­ken, Dis­kurs bedeu­tet einen lan­gen Kom­men­tar in den Tages­the­men oder in der FAZ oder vom Chef­re­por­ter der taz Peter Unfried. Aber nein: Wenn die Pres­se zen­siert und zu Tei­len unbrauch­bar ist, dann fin­det der Dis­kurs zwi­schen den Zei­len in Thea­ter­stü­cken oder Fil­men, in Rock­songs oder eben im Pri­va­ten statt. Davon ist außer in Sta­si­un­ter­la­gen natür­lich wenig doku­men­tiert. Aber es gab ihn.

Diskurs zu Erziehung und Prügelstrafe

Und letzt­end­lich fand auch zum The­ma Prü­gel­stra­fe ein Dis­kurs in den DDR-Medi­en und der Gesell­schaft statt (so stand es zumin­dest im Neu­en Deutsch­land). Wir begin­nen mit ver­schärf­ter Pro­pa­gan­da von 1953:

Neu­es Deutsch­land, 12.05.1953. S. 4. FESSELN UND SCHLAGEN lega­li­sier­te das „Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt“ in Karls­ru­he durch eine Ent­schei­dung in letz­ter Instanz. Nach Auf­fas­sung jener Rich­ter, die über die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Kriegs­ver­trä­ge ent­schei­den soll­ten, ist eine sol­che Straf­maß­nah­me gerecht­fer­tigt, weil ‚Erzie­hungs­maß­nah­men ihrem Wesen und ihrem Zweck nach in der Zufü­gung kör­per­li­chen und see­li­schen Schmer­zes bestehen“. Mit die­ser Begrün­dung spra­chen sie ein Kass­ler Eltern­paar, das sei­ne sech­zehn­jäh­ri­ge Toch­ter häu­fig gefes­selt und geschla­gen hat­te, frei. Ein sol­ches Urteil des soge­nann­ten Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts in Karls­ru­he über­rascht bei uns nie­man­den, da bekannt ist, daß nach dem Wil­len Ade­nau­ers das gan­ze deut­sche Volk „gefes­selt und geschla­gen“ wer­den soll. Will­fäh­ri­ge ‚Kreuz­fah­rer sol­len durch sol­che Metho­den erzo­gen wer­den, denn all­seits gebil­de­te und zu bewuß­ten Per­sön­lich­kei­ten ent­wi­ckel­te jun­ge Men­schen sind nie­mals bereit, für ame­ri­ka­ni­sche Impe­ria­lis­ten als Söld­ner zu ster­ben, Der Kampf gegen die reak­tio­nä­re preu­ßi­sche Prü­gel­päd­ago­gik ist daher ein Teil des Kamp­fes um die Ein­heit und Unab­hän­gig­keit unse­res deut­schen Vaterlandes.

Das Akten­zei­chen für das ent­spre­chen­de Urteil des Bun­des­ge­richts­hofes ist: BGH NJW 1953, 1440 Nr. 23. In Hein­rich (2011) fin­det sich ein Zitat aus dem Urteil zu den Ver­ge­hen der Jugend­li­chen und der Stra­fe, die dann für ange­mes­sen befun­den wurde:

„Der damals im 16. Lebens­jahr ste­hen­den Toch­ter“ – so die Schil­de­rung des BGH^1 – wur­den von ihren Eltern „zu Zwe­cken der Erzie­hung […] in einem Fal­le […] ‚zwei­ein­halb‘ Mahl­zei­ten ent­zo­gen, weil sie wahr­heits­wid­rig in Abre­de gestellt hat­te, in Abwe­sen­heit der Eltern vom Fens­ter aus mit Jun­gen sich ver­stän­digt zu haben. Sie erhielt kein Mit­tag- und kein Abend­essen und am nächs­ten Tag zum Früh­stück [nur] ein Stück tro­cke­nes Brot und Kaf­fee. In einem ande­ren Fal­le band die Angekl. das Mäd­chen an einem Stuhl fest, ehe sie für etwa 2 Stun­den zum Zwe­cke von Besor­gun­gen das Haus ver­ließ. Fer­ner band der Angekl. das Mäd­chen zwei­mal die Nacht über im Bett um Leib und Bei­ne über der Decke fest. In einem wei­te­ren Fal­le schnitt die Angekl. dem Mäd­chen das Kopf­haar in so unre­gel­mä­ßi­ger Wei­se kurz, daß es sich auf der Stra­ße nicht sehen las­sen konnte“.

Hein­rich, Man­fred. 2011. Elter­li­che Züch­ti­gung und Straf­recht. Zeit­schrift für Inter­na­tio­na­le Straf­rechts­dog­ma­tik 5. 431–443. Die Aus­las­sungs­mar­kie­run­gen sind so bereits im Arti­kel, der Tei­le aus dem Urteil BGH NJW 1953, 1440 zitiert.

Man beach­te den Wunsch nach deut­scher Ein­heit, den es 1953 noch gab. Dazu muss­te die Prü­gel­stra­fe über­wun­den werden. =:-)

Neu­es Deutsch­land, 30.01.1952, S. 1

Im obi­gen Text von 1952 kann man lesen: „Sie berie­fen einen gemein­sa­men Aus­spra­che­abend ein, auf dem offen über die Fra­gen der Dis­zi­plin gespro­chen wur­de. Es gelang, die­je­ni­gen Eltern, die sich noch der Prü­gel­stra­fe bedie­nen, von der Schäd­lich­keit die­ser Metho­de für die Fes­ti­gung der elter­li­chen Auto­ri­tät und der bewuss­ten Dis­zi­plin in der Schu­le zu über­zeu­gen.“ Das war 1952! Im Wes­ten durf­te ab 1958 end­lich auch die Mut­ter ihre Kin­der ver­prü­geln, vor­her war das nur den Vätern erlaubt (Grü­ter, 2019). Gro­ße Fort­schrit­te in der Gleich­be­rech­ti­gung! Es brauch­te wirk­lich die 68er, bis sich im Wes­ten was änder­te. Bis 1968 waren es aber noch 16 Jahre.

Neu­es Deutsch­land, 02.01.1972, S. 5 (DFG-View­er)
Neue Zeit, 11.09.1975, S. 8B: „Prü­geln sol­len wir nicht – kann man mit Wor­ten erzie­hen?“ ist eins der The­men, die das umfang­rei­che Pro­gramm der Eltern­aka­de­mie Ber­lin zur Unter­stüt­zung jener anbie­tet, die für die Her­aus­bil­dung sozia­lis­ti­scher Per­sön­lich­kei­ten Ver­ant­wor­tung tragen.
Ber­li­ner Zei­tung, 16.03.1952, S. 9.

In dem oben gezeig­ten Bei­trag aus dem Neu­en Deutsch­land (ND) von 1972 ging es eben­falls um die Prü­gel­stra­fe. Das ND war die Par­tei­zei­tung (Zen­tral­or­gan der SED, wie man so schön sag­te) und was dort stand, ent­sprach dem offi­zi­el­len Stand­punkt. Und der war schon min­des­tens ab 1952, dass prü­geln nicht zu den zu prak­ti­zie­ren­den Erzie­hungs­me­tho­den gehör­te. Das ND wur­de, dort wo ich gelebt habe (Neu­bau­sied­lung Ber­lin-Buch) nur sehr wenig gele­sen. Ich habe bei der Post gear­bei­tet und Zei­tun­gen aus­ge­tra­gen. Die meis­ten beka­men die Ber­li­ner Zei­tung, man­che auch Par­tei­zei­tun­gen von Block­par­tei­en. Der direk­te Ein­fluss des NDs war also wahr­schein­lich beschränkt, aber der Zei­tungs­aus­schnitt oben ist zumin­dest ein Beleg dafür, wie die offi­zi­el­le Posi­ti­on zu Gewalt in der Erzie­hung war. Die Neue Zeit war die Zei­tung der Block­par­tei CDU. Wie man den Aus­schnit­ten aus der Ber­li­ner Zei­tung ent­neh­men kann, gab es durch­aus einen Dis­kurs zu Fra­gen der Prü­gel­stra­fe. Inter­es­sant an der Doku­men­ta­ti­on der Leser­brie­fe an die Ber­li­ner Zei­tung ist der Ver­weis dar­auf, dass die Leser*innen, die in ihren Brie­fen für eine Prü­gel­stra­fe argu­men­tier­ten, ihre Adres­se nicht ange­ge­ben hat­ten. Natür­lich war die Aus­wahl der Leser­zu­schrif­ten durch die staat­li­chen Vor­ga­ben gelenkt, aber wie oben dar­ge­legt, gab es einen dar­über hin­aus­ge­hen­den Dis­kurs im pri­va­ten Raum. 

Ergebnisse der Erziehung in Ost und West

Fes­seln und Schla­gen wur­de im Wes­ten höchst­rich­ter­lich gut­ge­hei­ßen, wäh­rend es im Osten von Beginn an die Bestre­bung gab, Eltern und Lehrer*innen eine gewalt­freie Erzie­hung bei­zu­brin­gen. Erfah­rungs­be­rich­te legen nahe, dass es in Ost und West auch nach 1968 noch Gewalt gegen Kin­der gab. Auch nach der Wen­de noch. Im Abschnitt zur feh­len­den For­schung in der DDR habe ich die Stu­die erwähnt, die nach dem Ende der DDR durch­ge­führt wur­de und die zeigt, dass es in der DDR weni­ger Gewalt gegen Kin­der und Jugend­li­che gege­ben hat. XY hat mich dar­auf hin­ge­wie­sen, dass nicht nur kör­per­li­che Gewalt in der Erzie­hung fatal sein kann. So waren auch die Erzie­hungs­me­tho­den von Hit­lers Lieb­lings­päd­ago­gin Johan­na Haa­rer schlecht für Kin­der. Ihre Bücher wur­den nach dem Krieg von den Alli­ier­ten ver­bo­ten, aber Die deut­sche Mut­ter und ihr ers­tes Kind bis 1987 in der alten BRD wei­ter ver­öf­fent­licht. In einer Auf­la­ge in Mil­lio­nen-Höhe. Johan­na Haa­rer war expli­zit gegen kör­per­li­che Gewalt.

Es gibt eine Stu­die der Cha­ri­té, die Men­schen aus Ost und West hin­sicht­lich Nar­ziss­mus und Selbst­wert­ge­fühl unter­sucht hat. Ich zitie­re hier aus der deut­schen Zusammenfassung:

Wie Wis­sen­schaft­ler um Prof. Dr. Ste­fan Röp­ke und Dr. Ali­ne Vater von der Kli­nik für Psych­ia­trie und Psy­cho­the­ra­pie am Cam­pus Ben­ja­min Frank­lin nun zei­gen konn­ten, hat das gesamt­ge­sell­schaft­li­che Umfeld Aus­wir­kun­gen auf das Ent­ste­hen einer über­mä­ßi­gen Selbst­über­schät­zung. „Moder­ne west­li­che Gesell­schaf­ten för­dern die Aus­prä­gung von Nar­ziss­mus. So wei­sen Men­schen, die in den Bun­des­län­dern west­lich der inner­deut­schen Gren­ze auf­ge­wach­sen sind, höhe­re Nar­ziss­mus-Wer­te auf als Men­schen, die eine Erzie­hung in der ehe­ma­li­gen DDR erlebt haben“, erklärt Prof. Röp­ke. „Gezeigt hat sich dies in unse­rer Stu­die vor­ran­gig für den soge­nann­ten gran­dio­sen Nar­ziss­mus, der durch star­ke Selbst­über­schät­zung gekenn­zeich­net ist“, stellt der Wis­sen­schaft­ler fest.

Ein genau gegen­tei­li­ges Bild zeigt sich hin­sicht­lich des Selbst­wert­ge­fühls. Die­ses ist im Osten des Lan­des höher aus­ge­prägt als im Wes­ten. Für ihre aktu­el­le Unter­su­chung haben die For­scher Daten aus einer anony­men Inter­net­um­fra­ge in der deut­schen Bevöl­ke­rung her­an­ge­zo­gen. Mehr als ein­tau­send Per­so­nen beant­wor­te­ten einen Fra­gen­ka­ta­log, wobei knapp 350 von ihnen in der ehe­ma­li­gen DDR gebo­ren waren und etwa 680 Stu­di­en­teil­neh­mer in der alten Bun­des­re­pu­blik auf­ge­wach­sen sind. Unter­schie­den wur­de bei der Aus­wer­tung in sub­kli­ni­schen, unter­schwel­li­gen Nar­ziss­mus, der zur Per­sön­lich­keit gehört und oft als gesun­der Nar­ziss­mus bezeich­net wird. Dane­ben gibt es die patho­lo­gi­sche Selbst­über­schät­zung, die über das gesun­de Maß hinausgeht. 

Pres­se­mit­tei­lung Cha­ri­té, 25.01.2018, För­dern west­li­che Gesell­schaf­ten die Aus­prä­gung von Narzissmus?

Wie das mit dem Nar­ziss­mus genau funk­tio­niert, wodurch er begüns­tigt wird, bit­te ich die Leser*innen, selbst nach­zu­le­sen. Jeden­falls kamen die Men­schen aus der DDR-Dik­ta­tur nicht gebro­chen und gewalt­a­ffin her­aus, son­dern mit bes­se­rem Selbst­wert­ge­fühl als die Men­schen aus dem Wes­ten. Auch das spricht also gegen die Patho­lo­gi­sie­rung der Ossis, der Anne Rabe das Wort redet. Viel­leicht haben die Ent­wick­lun­gen nach der Wen­de doch etwas mit den Ereig­nis­sen nach der Wen­de zu tun …

1968 und Aufarbeitung der Nazi-Diktatur vs. Aufarbeitung der SED-Diktatur

Noch zum The­ma 1968, weil das Katha­ri­na Nocun ange­spro­chen hat. Anne Rabe hat­te in ihrem Buch Die Mög­lich­keit von Glück auch eine angeb­lich feh­len­de Auf­ar­bei­tung der DDR-Zeit in der Art der 1968er behaup­tet. Das wur­de in der Pres­se begeis­tert auf­ge­nom­men, wodurch ich erst von die­sem Buch erfah­ren habe. Ich habe in diver­sen Blog­bei­trä­gen über ihre Posi­ti­on im Buch und in Inter­views geschrie­ben. Sie­he Gewalt­er­fah­run­gen und 1968 für den Osten und Wei­te­re Kom­men­ta­re zu Anne Rabes Buch: Eine Mög­lich­keit aber kein Glück. Die Auf­ar­bei­tung ist erfolgt. Die Sta­si-Akten wur­den ja geret­tet. Was raus­kam, war für vie­le sehr schmerz­haft. Sie haben erfah­ren, dass ihre eige­ne Mut­ter sie bei der Sta­si ver­pfif­fen hat oder ihr Ehe­part­ner (Vera Wol­len­ber­ger bzw. Lengs­feld und Ste­phan Herm­lin). Der IM Sascha Ander­son, der im Prin­zip die gan­ze Unter­grund­sze­ne im Prenz­lau­er Berg orga­ni­siert hat­te, flog auf. Ich war bei der Pre­mie­re des Films über ihn dabei. Die Punk-Band Die Fir­ma, bei der zwei von fünf Band­mit­glie­dern IMs waren. Der Lie­der­ma­cher Gun­der­mann. Das alles ist im ers­ten der zitier­ten Blog-Posts aus­führ­lich doku­men­tiert. Alles bekannt.

Im Pod­cast hat Anne Rabe jetzt eine mil­de­re Position:

Es ist natür­lich auch für eine Gesell­schaft ein­fa­cher, wenn sie sich viel­leicht eigent­lich mit sich sel­ber aus­ein­an­der­set­zen müss­te, den Feind im Außen zu suchen. Also in dem Fall dann der Wes­si. Anstatt mal die Kon­flik­te unter­ein­an­der zu klä­ren, was ist denn hier lie­gen geblie­ben? Und das ist was, wenn du auch nach mei­ner eige­nen Erfah­rung fragst, was für mich die­se 90er Jah­re extrem geprägt hat, ist eben die­ses Unver­mö­gen der Eltern­ge­nera­ti­on, das mit­ein­an­der zum Bei­spiel zu klä­ren. Ich bin ja auch in einer Klein­stadt auf­ge­wach­sen, wo jeder jeden kennt und jeder auch so weiß von jedem, was er so gemacht hat. Oder ahnt oder es gibt Gerüch­te, all die­se Din­ge. Und die konn­ten das nicht und es ist viel­leicht mensch­lich total ver­ständ­lich. Die haben das nicht geschafft, sich an den Tisch zu set­zen und zu sagen, so jetzt möch­te ich mal, dass wir das hier klä­ren. Wir leben doch jetzt nicht mehr in Gefahr. Wir kön­nen das jetzt machen. Und dadurch haben sich zum Bei­spiel eben Kon­flik­te wei­ter­ge­tra­gen in den Kin­dern. So wur­den die sozu­sa­gen pro­ji­ziert. Also ich kom­me ja aus einer sehr roten Fami­lie, wie man so sagt. Und ich habe das als Kind ganz oft erlebt, dass ich gemerkt habe, dass Leu­te mich nicht lei­den kön­nen. Das so Eltern sozu­sa­gen, wenn die mei­nen Namen gehört haben, dass die dann so, aha, okay, Oder fragt, bist du die Toch­ter, oder bist du die Enke­lin von sowie­so. Das gab es ganz häu­fig, ohne dass es erklärt wur­de. Oder auch in der Grund­schu­le war das zum Bei­spiel, das war ja kurz nach der Wen­de ganz mas­siv, da hat­te ich eine Leh­re­rin, die mich rich­tig gemobbt hat. Und ich habe das als Kind über­haupt nicht ver­stan­den. Weil das auch nicht erklärt wur­de. Und das liegt natür­lich an die­sem Unver­mö­gen der Erwach­se­nen mit­ein­an­der, sich hin­zu­set­zen und zu sagen, okay, wir haben hier noch was zu klä­ren. Das trägt sich so fort bis heute.

Das Ver­hal­ten der Leh­re­rin ist unpro­fes­sio­nell gewe­sen und unak­zep­ta­bel. Ansons­ten ist Anne Rabes Wunsch schräg. Die, die unter Men­schen wie ihren Eltern gelit­ten haben, sol­len sich jetzt mit ihnen aus­spre­chen? Sie sol­len nett zu den Kin­dern der Funk­tio­nä­re sein, die ihr Leben zer­stört haben? Das ist viel­leicht ein biss­chen viel ver­langt. Anne Rabe sagt inzwi­schen ja selbst: „Und die konn­ten das nicht und es ist viel­leicht mensch­lich total ver­ständ­lich.“ In ihrem Buch schreibt Anne Rabe, dass sie nicht mit den Opfern ihrer Eltern reden wollte. 

Aber das ist nicht der ein­zi­ge Grund, war­um ich das Gespräch mit Adas Eltern plötz­lich scheue. Ich will kei­ne Abso­lu­ti­on von ihnen, kei­ne spä­te Ver­brü­de­rung mit den­je­ni­gen, die auf mei­ne Eltern und ihr gan­zes Sys­tem zu Recht wütend waren. Ich woll­te mich auch nicht als die­je­ni­ge pro­du­zie­ren, die nun ihre Haus­auf­ga­ben gemacht und im Gegen­satz zu den ewig Gest­ri­gen ver­stan­den hat­te, aus was für einem Land sie kam.

Rabe, Anne. 2023. Die Mög­lich­keit von Glück. Stutt­gart: Klett-Cot­ta. S. 155

Also: Wenn jemand reden muss/will dann die Täter. Viel­leicht auch die Kin­der der Täter und der Opfer. Ansons­ten ist es etwas schräg, dass die Kin­der der Täter jetzt den Opfern vor­wer­fen, dass sie die Dik­ta­tur nicht auf­ge­ar­bei­tet hät­ten und dass des­halb 40% der Wähler*innen in man­chen ost­deut­schen Bun­des­län­dern die AfD wäh­len. Sol­che Argu­men­ta­tio­nen machen Men­schen wütend. Doch. Wirk­lich. Und das bekommt man dann aus den Feuil­le­tons bis zum Erbre­chen. Aus Redak­tio­nen in denen es einen hal­ben Ossi gibt, wenn’s hochkommt.

Noch zum Ver­gleich von 1968 mit der Auf­ar­bei­tung der DDR-Geschich­te. Die natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­bre­chen kann man nicht mit denen in der DDR ver­glei­chen. Es ist nicht genau fest­stell­bar, wie vie­le Men­schen in der DDR gestor­ben sind. Der Wis­sen­schaft­li­che Dienst des Bun­des­ta­ges gibt als Maxi­mal­wert 4.000 an für die gesam­ten 40 Jah­re der DDR (Wis­sen­schaft­li­cher Dienst des Bun­des­ta­ges 2021). Bei Kiev in Babyn Jar hat die Wehr­macht in 36 Stun­den 33.000 Men­schen erschos­sen. Durch die Nazis sind ca. 80 Mil­lio­nen Men­schen zu Tode gekom­men. Vie­le davon wur­den sys­te­ma­tisch in Ver­nich­tungs­la­gern ermordet. 

60–65 Mil­lio­nen Men­schen sind im Krieg gestor­ben. In Psych­ia­trien hat man Men­schen ver­hun­gern las­sen. Sie sind nach drei Mona­ten Man­gel­er­näh­rung gestor­ben (Hun­ger­kost-Erlaß). Ich habe in Zwei Dik­ta­tu­ren – zwei Töp­fe all die­se Unvor­stell­bar­kei­ten auf­ge­lis­tet. An die­sen gan­zen Ver­bre­chen waren Deut­sche betei­ligt. Es war ein rie­si­ger Appa­rat. Regie­rung, SS-Leu­te, SA-Leu­te, Rich­ter, Ärz­te, Kran­ken­pfle­ger, Juris­ten, Lok­füh­rer, ein Ver­wal­tungs­ap­pa­rat, NSDAP-Mit­glie­der. Journalist*innen von Zei­tun­gen, Zeit­schrif­ten, Filmemacher*innen wie Leni Rie­fen­stahl, ein Pro­pa­gan­da­ap­pa­rat, der das mög­lich gemacht hat. Dar­über muss­te man spre­chen. Die SS hat­te im Juni 1944 794.941 Ange­hö­ri­ge. Also 11% der NSDAP-Ange­hö­ri­gen (770.000). Bei Kriegs­en­de war die Waf­fen-SS noch 550.000 Mann stark. Ande­re SS-Leu­te dien­ten in der Wehr­macht. Bei 66 Mio Deut­schen im Jahr 1945 (Demo­gra­fie Deutsch­lands), wegen der Kriegs­fol­gen weni­ger als die Hälf­te davon Män­ner. Mit denen muss­te man reden. Es gibt Kar­ten von Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern, Straf­an­stal­ten (Zuchthaus/Gefängnis) und Gerichts­ge­fäng­nis­sen, die zei­gen, wie dicht das Netz die­ser Lager war.

Von Antifaschist*innen 1936 in einem Buch ver­öf­fent­lich­te Kar­te mit 100 Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern. Mit­tag, Oskar. Die „Über­sichts­kar­te über die Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger, Zucht­häu­ser und Gefäng­nis­se in Deutsch­land“ von 1936. Infor­ma­tio­nen zur Schles­wig-Hol­stei­ni­schen Zeit­ge­schich­te 63/64(2023/2024). 8–33.

Die Lager um 1933 und 1934 waren nicht mit den Ver­nich­tungs­la­gern, die spä­ter ent­stan­den sind, ver­gleich­bar, aber die SS-Leu­te waren auch damals schon bru­tal, wie man in Wil­li Bre­dels Buch Die Prü­fung nach­le­sen kann: Dun­kel­haft, Iso­la­ti­ons­haft, Fol­ter, vie­le Men­schen wur­den in den Sui­zid getrie­ben. Irgend­wer hat in die­sen Gefäng­nis­sen und KZs gear­bei­tet. Bür­ger­meis­ter von Städ­ten waren in Trans­por­te in KZs invol­viert, wie man dem fol­gen­den Doku­ment ent­neh­men kann.

Der Bür­ger­meis­ter als Orts­po­li­zei­be­hör­de: Trans­port­zet­tel für Trans­port eines Arbei­ters ins KZ Sach­sen­hau­sen, 21.06.1938

Je nach Grö­ße des Ortes und der Stadt waren die Bürgermeister*innen in der DDR rote Socken, aber sie haben kei­ne Pro­to­kol­le für den Bahn­trans­port von Oppo­si­tio­nel­len in Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger, in denen zehn­tau­sen­de Men­schen star­ben, unterschrieben. 

Die Sta­si hat­te einen enor­men Appa­rat von Haupt­amt­li­chen (1988 waren es 91.000). In Baut­zen I und Baut­zen II wur­de gefol­tert, im Geschlos­se­nen Jugend­werk­hof Tor­gau gab es eben­falls Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen und Fol­ter. Den­noch ist die Art und Anzahl von Ver­bre­chen, in die die­se Men­schen ver­wi­ckelt waren um Grö­ßen­ord­nun­gen anders als das, was in den 12 Jah­ren davor pas­siert ist. Die Anzahl der in der DDR betei­lig­ten Men­schen ist wesent­lich gerin­ger. Men­schen, die die bei­den Dik­ta­tu­ren gleich­set­zen, ver­harm­lo­sen letzt­end­lich den Holo­caust und ande­re Ver­bre­chen in Nazi-Deutschland.

Übri­gens: Oben habe ich einen Spie­gel-Arti­kel zum höchst­rich­ter­li­chen Ent­scheid zur Prü­gel­stra­fe in Bay­ern zitiert. Eine wei­te­re Stel­le aus die­sem Arti­kel passt hier sehr gut:

Poli­tisch unab­hän­gig sind die höchst­be­sol­de­ten Bay­ern-Juris­ten selbst­ver­ständ­lich auch. So erträgt der Frei­staat mit beach­tens­wer­ter Duld­sam­keit den Ober­strich­ter Karl Gün­ther Stem­pel, der sich seit Jah­ren in der rechts­ra­di­ka­len Sze­ne her­vor­tut und erst Ende März auf einer Ver­an­stal­tung des „Deut­schen Kul­tur­werks Euro­päi­schen Geis­tes“ in Lüne­burg ein „Bekennt­nis zur Volks­kul­tur in abend­län­di­scher Schick­sals­ge­mein­schaft“ abge­legt hat – neben dem Refe­ren­ten Ralf Oll­mann, der 1976 “wegen Schän­dung des jüdi­schen Fried­hofs in Göt­tin­gen“ zu 21 Mona­ten Haft mit Bewäh­rung ver­ur­teilt wor­den war. Die bay­ri­sche SPD: „Wahr­lich ein schö­nes Gespann.“

Spie­gel 1979. Bay­ern: Sinn des Fort­schritts. 1979. Der Spie­gel 18/1979.

Wer noch nicht genug hat, kann ja den Wiki­pe­dia­ein­trag von Karl Gün­ther Stem­pel lesen: „ein deut­scher Jurist und Autor natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Gesin­nung“. Der Spie­gel-Arti­kel ist von 1979, also 11 Jah­re nach 1968. Die Typen waren immer noch da.

Armut

Ein ande­res The­ma ist Armut. Bei 40:14 hört man dazu:

Anne Rabe: Gera­de ins­be­son­de­re so in den 80er Jah­ren der DDR. Da haben wir einer­seits eben die­se Ago­nie der DDR, dass klar ist, hier geht es irgend­wie nicht mehr vor­an. Die­ses gan­ze Heils­ver­spre­chen, das ist irgend­wie Quatsch, das wird nichts mehr. Wir haben eine zuneh­men­de Armut. Wir sehen halt die DDR-Bil­der dann immer aus Ber­lin. Aber das Pro­vinz­le­ben im Osten, so am Ran­de der Repu­blik, war ganz anders als in Ber­lin. Also, wei­ter man weg­kam sozu­sa­gen von der Haupt­stadt, umso schlech­ter war die Ver­sor­gung. Und da spre­chen wir wirk­lich von tat­säch­li­cher Armut, auch von Lebens­mit­tel­knapp­heit zum Teil. Also, das sind alles Din­ge, die gab es in den 80er Jah­ren. Oder man woll­te irgend­wel­che Pro­duk­te haben und dann kam man auf die War­te­lis­te oder man kann­te wen. 

Katha­ri­na Nocun: So, so kann ich das aus mei­ner Fami­lie in Polen. Also, da war über­haupt nicht die Erwar­tungs­hal­tung. Ich kann Din­ge irgend­wie kau­fen, das sei denn, irgend­je­mand hat mir Devi­sen gegeben. 

Anne Rabe: Sowas, aber auch tat­säch­lich, wo ich sage, also es gibt zum Bei­spiel Berich­te, das ist ganz inter­es­sant, so aus Brie­fen oder so, wo dann Leu­te, gera­de Frau­en, so was schrei­ben, wie ich habe wie­der kei­ne Win­ter­ja­cken für mei­ne Kin­der gekriegt. Oder im Kon­sum gab es wie­der nur Milch und Nudeln. So, also ich spre­che von einer tat­säch­li­chen Armut, nicht nur von einem kar­gen Leben, son­dern von Armut. Und das bedeu­te­te ins­be­son­de­re für die Frau­en ein wahn­sin­nig har­tes Leben, weil die natür­lich ver­ant­wort­lich waren für die Haus­ar­beit und für die Arbeit. Die muss­ten früh mor­gens ihre Kin­der in die Krip­pen brin­gen. Und da muss­ten die zur Arbeit gehen. Dann nach der Arbeit anste­hen, nach Lebens­mit­teln, viel­leicht noch Koh­len rein­s­chip­pen, hat­ten häu­fig kei­ne Wasch­ma­schi­nen zu Hau­se. Ja, dann musst du irgend­wie die Wäsche ein­ko­chen. Oder die­se gan­ze Ver­sor­gungs­la­ge hat dazu geführt, dass es ein wahn­sin­nig stres­si­ges, anstren­gen­des Leben für Frau­en war.

Nocun, Katha­ri­na. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ost­al­gie. 40:14

Waschmaschinen

Also, dass das Leben der Frau­en anstren­gend war, ist unbe­strit­ten, aber auch hier über­treibt Anne Rabe oder stellt es irgend­wie ver­quer dar. Immer­hin ist die Dar­stel­lung jetzt näher an der Rea­li­tät als in frü­he­ren Äuße­run­gen. In einem Inter­view in den Zwi­schen­tö­nen hat­te sie noch 2023 behaup­tet, es hät­te kei­ne Wasch­ma­schi­nen gege­ben. Jetzt behaup­tet sie nur noch, dass es häu­fig kei­ne Wasch­ma­schi­nen gege­ben hät­te. Ich habe über das Inter­view in den Zwi­schen­tö­nen bereits 2024 geschrie­ben (Wasch­ma­schi­nen und Schwu­le in der DDR und Les­ben natür­lich auch). Wenn Anne Rabe 5,6% der Haus­hal­te ohne Wasch­ma­schi­ne häu­fig fin­det, dann ist das wohl so. Ansons­ten kann man in den Fach­pu­bli­ka­tio­nen zum The­ma fol­gen­de Anga­ben finden:

1986 befan­den sich in 94,4 Pro­zent aller DDR-Haus­hal­te Wasch­ma­schi­nen, davon ca. 13 Pro­zent Wasch­voll­au­to­ma­ten, ca. 40 Pro­zent Wasch­au­to­ma­ten und ca. 47 Pro­zent Bot­tich­wasch­ma­schi­nen; Hans-Joa­chim Scheit­hau­er u. Micha­el Laue, Moder­ne Wasch­ma­schi­nen – spar­sa­me Hel­fer im Haus­halt, in: Ener­gie­an­wen­dung 37, 1988, H. 6, S. 229ff., hier S. 229; Sta­tis­ti­sches Amt der DDR (Hg.), Sta­tis­ti­sches Jahr­buch der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik 1990, Ber­lin 1990, S. 324f.

Wöl­fel, Syl­via. 2012. „Plan­mä­ßi­ge Ver­rin­ge­rung des Bedarfs“ Die Ent­wick­lung ver­brauchs­ar­mer Haus­halts­ge­rä­te in der DDR. Tech­nik­ge­schich­te 79(1). 45–60. (doi:10.5771/0040–117X-2012–1‑45)

Der Ver­brei­tungs­grad heu­te liegt bei 96,2%. Ich hat­te als Stu­dent eine Wel­len­rad-Maschi­ne. Die hat zwar alle Knöp­fe aus Klei­dungs­stü­cken geris­sen, für mei­nen Kara­te-Gi war sie aber sehr gut geeig­net. Zum Win­deln­wa­schen taug­ten die­se Din­ger auch. Mei­ne Mut­ter hat­te seit mei­ner Geburt 1968 einen Wasch­voll­au­to­ma­ten. In Ber­lin gab es den Wäsche­dienst Rewa­tex. Dort hat man Bett­wä­sche abge­ge­ben und bekam sie dann eine Woche spä­ter wie­der. Gewa­schen und gebü­gelt. Der Wäsche­mann kam vor­bei und hol­te schmut­zi­ge Wäsche ab und brach­te die gewa­sche­ne. In man­chen Wohn­blocks gab es Wasch­kü­chen mit gemein­sam nutz­ba­ren Wasch­ma­schi­nen. Zu den Details und Ehe­kre­di­ten für die Anschaf­fung von Wasch­ma­schi­nen und ande­rem sie­he Wasch­ma­schi­nen und Schwu­le in der DDR und Les­ben natür­lich auch.

Schwere Arbeit

Koh­le rein­s­chip­pen­de Frau­en hat es in der Tat gege­ben, aber die Koh­le kam ein­mal im Jahr. Anna Rabe erzeugt ein Bild von armen Frau­en, die täg­lich mit fie­ses­ter schwers­ter Arbeit belas­tet sind. In Ber­lin gab es Bri­ketts, die wur­den in den Kel­ler gebracht. Hoch­ge­tra­gen habe ich die Koh­le. Ich hät­te sie auch in den Kel­ler geschippt, wenn es nötig gewe­sen wäre. Aber in der DDR haben Frau­en eben auch Glei­se ver­legt, wenn sie solch einen Beruf woll­ten, und Koh­le in den Kel­ler geschippt. Zum Gleis­bau sie­he Stolz & Eigen­sinn.

Das Leben in der Mangelwirtschaft

Ich schrei­be zu die­sem Punkt der Armut noch ein­mal, weil das wich­tig ist. Denn die Fra­ge, was Wohl­stand ist, was ein ange­mes­se­ner Lebens­stan­dard ist, ist aktu­el­ler denn je, weil wir so, wie wir jetzt leben, nicht wei­ter­le­ben kön­nen. Der Erd­über­las­tungs­tag ist in Deutsch­land bereits Anfang Mai erreicht. Danach kon­su­mie­ren wir über das, was der Pla­net her­gibt. Des­halb ist die Fra­ge, ob die Men­schen in der DDR in „tat­säch­li­cher Armut“ gelebt haben, rele­vant. Ulri­ke Herr­mann hat vor­ge­schla­gen, dass man zurück zum Lebens­stan­dard der BRD 1978 gehen soll­te (natür­lich ohne Fort­schrit­te in der Medi­zin usw. auf­zu­ge­ben), aber eben ohne die gan­zen Aus­wüch­se und den Über­kon­sum, den es seit die­ser Zeit zuneh­mend gibt (Herr­mann, 2022). Für mich wäre auch der Lebens­stan­dard der 80er in der DDR annehm­bar, also etwas, was Anne Rabe als „tat­säch­li­che Armut“ bezeich­net hat.

Anne Rabe hat die­se Zeit nicht erlebt. Sie ist 1986 gebo­ren und berich­tet nur aus sekun­dä­ren Quel­len. Sie war nicht in Rumä­ni­en oder Polen in den 80er Jahren.

Also: Es gab Eng­päs­se. Es gab bestimm­te Din­ge oder auch Lebens­mit­tel nicht oder sel­ten oder nur in Spe­zi­al­lä­den für viel Geld zu kau­fen. Zum Bei­spiel Süd­früch­te (Bana­nen und Oran­gen) gab es in Ber­lin nur in der Weih­nachts­zeit, in der rest­li­chen DDR noch sel­te­ner (Anne Rabe schreibt auf S. 12 von Die Mög­lich­keit von Glück aber, dass sie Bana­nen hat­ten. Das war Wis­mar.). Der Man­gel an Süd­früch­ten kam daher, dass die DDR-Mark nicht kon­ver­tier­bar war und man eben die­se Früch­te für Ost­geld nicht impor­tie­ren konn­te. Das West-Geld, über das die DDR ver­füg­te, wur­de für ande­re Anschaf­fun­gen benö­tigt. Zum Bei­spiel muss­te das Öl, das uns unse­re „Freun­de“ aus der Sowjet­uni­on gelie­fert haben, mit Devi­sen bezahlt wer­den. Auch Ket­schup gab es nicht immer zu kau­fen. Mei­ne Kon­fek­ti­ons­grö­ße gab es in der DDR nicht. Ich war ein­fach zu lang und zu dünn. Ich habe jetzt 32/36 und Hosen in die­ser Län­ge gab es nur für Men­schen mit dop­pel­tem Hüft­um­fang. Das führ­te dazu, dass ich eine Kord­ho­se hat­te, die ein Fehl­kauf einer Kol­le­gin mei­ner Mut­ter im Inter­shop (West­geld) war und eine Kord­ho­se, die 1984 ein Import der DDR aus Däne­mark war. Zu Weih­nach­ten. Die­se Kord­ho­se habe ich zwei Jah­re lang getra­gen und danach auch noch, wenn ich wäh­rend mei­ner Armee­zeit Urlaub hat­te. Sie war zum Schluss fast durch­sich­tig. Die Mut­ter eines Freun­des hat einen Fli­cken drauf gemacht, dann ging sie noch ein biss­chen. Zu hau­se habe ich einen Trai­nings­an­zug ange­zo­gen, um die Hose zu schonen.

Gestell­ruck­sä­cke gab es nicht immer. Ich habe mal am Alex­an­der­platz jeman­den mit einem Gestell­ruck­sack in Plas­te­tü­te rum­lau­fen sehen und habe dar­aus geschlos­sen, dass er den irgend­wo gekauft haben muss­te. Ich habe ihn gefragt und bin dann sofort zum Haus für Sport und Frei­zeit am Frank­fur­ter Tor gefah­ren und habe einen gekauft.

War ich arm? Es hat in der DDR nie­mand gehun­gert. Ich hat­te als Stu­dent 1989 ein Sti­pen­di­um von 300 Mark. Da ich drei Jah­re bei der Armee gewe­sen war, betrug mein Sti­pen­di­um 100 Mark mehr als das regu­lä­re Sti­pen­di­um. Von 200 Mark konn­te man aber in der DDR leben. Die Mie­te für eine Ein­zim­mer­woh­nung betrug 20–30 Mark und die Prei­se für Grund­nah­rungs­mit­tel waren sub­ven­tio­niert. Ein Liter Milch kos­te­te 70 Pfen­nig (nach der Maul-und-Klau­en­seu­che 66 Pfen­nig mit leicht redu­zier­tem Fett­ge­halt), ein Brot 95 Pfen­nig. Prei­se für Nah­rungs­mit­tel und Mie­ten waren bei den Vor­kriegs­prei­sen ein­ge­fro­ren wor­den. Bei der Beklei­dung war es so, dass es meist ein erschwing­li­ches Modell zu kau­fen gab. Das woll­te man nicht unbe­dingt haben, weil es nicht chic war. Aber es gab es (wenn man nicht mei­ne Kör­per­ma­ße hat­te).4 Wiki­pe­dia hat eine sehr aus­führ­li­che Lis­te mit Prei­sen für die ver­schie­dens­ten Waren. Nah­rungs­mit­tel, Schall­plat­ten, Kos­me­tik, Unter­wä­sche, Kame­ras, Autos. Auch zu ver­füg­ba­rem Geld gibt es auf der Sei­te detail­lier­te Angaben.

Das Durch­schnitts­ein­kom­men in der DDR betrug 1989 1300 Mark (1949: 290 Mark, 1970: 755 Mark; mdr 2021). Die Ren­te wur­de aus dem Durch­schnitts­ein­kom­men der letz­ten 20 Jah­re ermit­telt. Dadurch, dass es kei­ne Infla­ti­on gab, hat­te man also mehr als das Ein­kom­men, das man vor 20 Jah­ren hat­te. Da man davon aber den Grund­be­darf schon vor 20 Jah­ren hat­te decken kön­nen, konn­te man ihn dann als Rentner*in garan­tiert decken. Von der Ren­te konn­te man sich nicht ohne Wei­te­res einen Farb­fern­se­her oder eine Ste­reo­an­la­ge leis­ten, aber die hat­te man ja viel­leicht vom Gehalt gekauft und es gab auch nicht viel Anre­gun­gen, etwas Neu­es zu kaufen.

Ich habe Erfah­rungs­be­rich­te von Wer­ni­ge­ro­de, Deren­burg, Trip­tis und Kahla. Dass es, wie von Anne Rabe behaup­tet, nur Nudeln und Milch gege­ben habe, ent­spricht nicht der Wahr­heit. Es gab Schul­spei­sung (bei uns war die nicht beson­ders lecker, Groß­kü­che, aber wir haben sie geges­sen). Teils hat ein rich­ti­ger Flei­scher für die Kauf­hal­le gear­bei­tet und es gab gute lokal gemach­te Wurst. In mei­ner Kind­heit waren wir in Thü­rin­gen, im Vogt­land, im Erz­ge­bir­ge und im Harz im Urlaub. Ein­mal waren wir in einem FDGB-Heim, ansons­ten in pri­va­ten Unter­künf­ten. Wir haben uns selbst ver­sorgt und auch ab und zu in Gast­stät­ten geges­sen. Es gab über­all ver­nünf­ti­ge Ver­sor­gung mit Lebens­mit­teln. Ich habe eine wei­te­re Umfra­ge zur Ver­sor­gung außer­halb Ber­lins auf Mast­o­don gestar­tet und es gab wohl im Nor­den auch Kar­tof­fel­eng­päs­se, aber das war kein Dau­er­zu­stand. Hun­gern muss­te niemand.

Hun­gern muss­te in der DDR nie­mand, nur die Jungs am kur­zen Ende der Son­nen­al­lee. (Für Nach­ge­bo­re­ne: Die Akteu­re im Buch Son­nen­al­lee und im Film machen sich einen Witz und spie­len Tourist*innen aus dem Wes­ten vor, dass sie Hun­ger hätten.)

In ande­ren sozia­lis­ti­schen Län­dern sah die Ver­sor­gung ganz anders aus. Ich war 1984, als das wie­der mög­lich war, mit einem Schü­ler­aus­tausch in Polen. Dort haben wir zwei Wochen lang Nudeln mit einer unde­fi­nier­ba­ren rosa Soße bekom­men. 1988 war ich in Rumä­ni­en. Dort gab es in den Lebens­mit­tel­lä­den außer Brot nichts. Das wür­de ich als Armut bezeich­nen. So war es in der DDR aber nicht. Bei der Mast­odon­um­fra­ge wur­den Fami­li­en mit Alko­hol­pro­ble­men erwähnt. Ich hat­te geschrie­ben, dass man von 200 Mark pri­ma leben konn­te. Das war so, aber ich habe auch weder geraucht noch getrun­ken. Gold­brand (32%) kos­te­te 14,50 Mark und Ziga­ret­ten 1,60 (Karo), 2,50 (Alte Juwel) bis 3,20 (Cabi­net). Wenn man pro Tag eine Schach­tel Ziga­ret­ten rauch­te waren also 48 bis 96 Mark weg. Also 48 bis 96 Bro­te. Bei einem Min­dest­lohn von 400 Mark (1976) waren dann immer noch über 300 Mark übrig. Ich weiß nicht, wie viel man rea­lis­tisch für Alko­hol aus­ge­ge­ben hat, wenn man viel getrun­ken hat. Unter Umstän­den war dann nicht mehr so viel übrig. Das ist aber heu­te nicht anders: Man kann von der Grundsicherung/vom Bür­ger­geld leben, aber wenn man Geld für Alko­hol und Tabak aus­gibt, wird es bei den Tages­sät­zen eng. 

Also, wenn ich mir über­le­ge, wie unser Leben heu­te sein soll­te, dann kommt im Prin­zip die Ver­sor­gung in Ber­lin ohne die Aus­fäl­le her­aus: regio­na­les, sai­so­na­les Obst und Gemü­se, lokal geba­cke­nes Brot, das am Abend nicht weg­ge­wor­fen wur­de, son­dern für den nächs­ten Tag auf­ge­ho­ben wur­de. Eine ver­nünf­ti­ge Ver­sor­gung mit Klei­dung und Schu­hen ohne Fast Fashion und Pro­duk­ti­on in Fern­ost (zur Schuh­pro­duk­ti­on in Wei­ßen­fels sie­he auch Stolz & Eigen­sinn).

Und Armut, Armut sieht so aus:

Sofa eines Obdach­lo­sen mit Tep­pich davor und Regal, mit Schlaf­sack, Kis­sen und ande­ren Hab­se­lig­kei­ten auf der Schön­hau­ser Allee. Dazu ein durch­sich­ti­ger Beu­tel von der Biblio­thek der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin. 26.10.2025
Zelt im Gleim­tun­nel. Davor Kokos­läu­fer, ein Tisch mit Blu­men, Bil­der, Stüh­le, ein Besen zum Aus­fe­gen und eine Kehr­schau­fel. Ber­lin, 25.10.2025

Das gab es in der DDR nicht. Es gab nicht genü­gend Woh­nun­gen und die Alt­bau­ten fie­len zusam­men, aber das bedeu­te­te eben, dass Kin­der bei ihren Eltern woh­nen muss­ten. Auf der Stra­ße leb­te niemand.

Junge Gemeinde und Studium

Anne Rabe behaup­tet Fol­gen­des über die Mit­glied­schaft in der Jun­gen Gemein­de und der FDJ:

Zum Bei­spiel im Vor­feld des 17. Juni gab es so eine ideo­lo­gi­sche Ver­schär­fung, dass man Jugend­li­chen, die gleich­zei­tig Mit­glied waren in der jun­gen Gemein­de, also in der christ­li­chen Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on, in der FDJ, der frei­en deut­schen Jugend, also der Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on der DDR, nach sowje­ti­schem Vor­bild, dass man gesagt hat, ihr könnt nicht mal gleich­zei­tig Mit­glied sein in bei­dem. Und nur wenn ihr in der FDJ seid, dann könnt ihr auch stu­die­ren und so. Also sol­che Geschich­ten, dass es dort einen Ver­such gab, einer ideo­lo­gi­schen Ver­schär­fung und dass man zum Bei­spiel sowas, da gab es so einen Beschluss, dass alle Jugend­li­chen, die in der jun­gen Gemein­de sind, müs­sen von den Schu­len ver­wie­sen wer­den. Also alle Acht­kläss­ler, Neunt­kläss­ler sozu­sa­gen raus, wenn die sich nicht zur FDJ beken­nen. Das wur­de spä­ter wie­der zurück­ge­nom­men, aber es gab eben so Schrit­te, die dazu geführt haben, dass sich die­se Sowjet­ideo­lo­gie, sta­li­nis­ti­sche Ideo­lo­gie, dass das ver­schärft wurde.

Nocun, Katha­ri­na. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ost­al­gie. 52:26

Die­se Aus­sa­ge hat mich erstaunt. In den 50er Jah­ren gab es noch die Grund­schu­le, die bis zur ach­ten Klas­se ging. Hät­te man die Schüler*innen der ach­ten Klas­se ein­fach raus­ge­schmis­sen, hät­ten sie in der DDR kei­nen Aus­bil­dungs­be­ruf erler­nen kön­nen. Da es aber eine Arbeits­pflicht gab und Arbeits­kräf­te über­all benö­tigt wur­den, wäre das recht merk­wür­dig gewe­sen. Es gab die­se Aktio­nen gegen die Jun­ge Gemein­de tat­säch­lich (Hugi, 2019) und Christ*innen wur­den auch nach 1953 noch wo mög­lich Stei­ne in den Weg gelegt, aber die Aktio­nen rich­te­ten sich gegen Abiturient*innen und gegen Student*innen. In der DDR und auch in der BRD haben damals viel, viel weni­ger Jugend­li­che Abitur gemacht (in den 80ern 2 von 30). Es gab alter­na­ti­ve Aus­bil­dungs­we­ge wie Berufs­aus­bil­dung mit Abitur. Die­je­ni­gen, die Abitur machen durf­ten, wur­den ent­spre­chend sorg­fäl­tig aus­ge­wählt. Die Logik dahin­ter war, dass der Staat in die­se Men­schen Geld inves­tier­te und nicht woll­te, dass sie bei der nächs­ten Gele­gen­heit in den Wes­ten ver­schwan­den. Für Christ*innen war es immer schwer, einen sol­chen Platz zu bekom­men. 1953 rich­te­ten sich die Maß­nah­men mit Schul­ver­wei­sen gegen Abiturient*innen und Student*innen. Grund­schü­ler waren nicht betrof­fen. Auch folgt aus „Nicht in der FDJ“ nicht Ver­weis von der Schu­le, wie es Anne Rabe dar­ge­stellt hat. Aus „Nicht in der FDJ“ folg­te Schwie­rig­kei­ten bei der Zulas­sung zum Abitur und dann zum Stu­di­um. Spä­ter gab es die zehn­klas­si­ge Poly­tech­ni­sche Ober­schu­le für alle Schüler*innen. Auch da gab es Gän­ge­lei und Druck, aber es gab eben auch Men­schen, die nicht bei den Thäl­mann-Pio­nie­ren oder in der FDJ waren. Ein katho­li­sches Mäd­chen aus mei­ner Klas­se muss­te immer ganz hin­ten beim Fah­nen­ap­pell ste­hen, damit man sie ohne ihr FDJ-Hemd nicht gese­hen hat.

Stalin, Chruschtschow und Breschnew 

Anne Rabe berich­tet über das Ende des Sta­li­nis­mus Folgendes:

Das ist auch immer inter­es­sant, wenn man rein­guckt, das Ende Sta­lins und das Ende des Sta­li­nis­mus ist ja eh super inter­es­sant, wie die da rein­ge­stol­pert sind aus lau­ter Angst vor die­sem Dik­ta­tor. Aber in der DDR war das noch extre­mer. Die fuh­ren dann als Dele­ga­ti­on dahin und die­se berühm­te Geheim­re­de von Bre­sch­new, wo er dann eben über die Ver­bre­chen des Sta­li­nis­mus gespro­chen hat. Und fuh­ren dann zurück und wuss­ten gar nicht, was sie damit machen soll­ten, sozu­sa­gen. Und brauch­ten dann erst wie­der Anwei­sun­gen aus Mos­kau, dass man jetzt eben wirk­lich hier die Denk­mä­ler run­ter­reißt und so. Weil sie völ­lig über­for­dert waren und das gar nicht sel­ber ent­schei­den konn­ten oder dis­kur­siv mit­ein­an­der besprechen.

Nocun, Katha­ri­na. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ost­al­gie. 52:56

Die Geheim­re­de Über den Per­so­nen­kult und sei­ne Fol­gen war nicht von Bre­sch­new, son­dern von Chruscht­schow. Chruscht­schow hat die Rede am 25.02.1956 zum Abschluss des 20. Par­tei­ta­ges der KPdSU gehalten. 

Schließ­lich wur­de ein wei­te­rer Tages­ord­nungs­punkt gebil­ligt, der aber unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit und ohne anschlie­ßen­de Dis­kus­si­on statt­fin­den soll­te. […] Nur loya­le Par­tei­mit­glie­der waren zuge­las­sen, die Anwe­sen­heit von Jour­na­lis­ten war verboten.

Geheim­re­de Über den Per­so­nen­kult und sei­ne Folgen

Das bedeu­tet, dass Anne Rabe nicht nur den dama­li­gen Par­tei­chef mit einem weit weni­ger bedeu­ten­den Funk­tio­när, der erst 1966 – also zehn Jah­re spä­ter – Gene­ral­se­kre­tär des ZK der KPdSU wer­den soll­te, ver­wech­selt hat. Sie hat auch ein­fach mal erfun­den, dass eine DDR-Dele­ga­ti­on bei die­sem Par­tei­tag anwe­send war.

Zuhö­rer berich­te­ten nach 1989, das Publi­kum habe die Rede in völ­li­gem Schwei­gen und mit läh­men­dem Ent­set­zen auf­ge­nom­men. Es habe kei­ne Aus­spra­che gege­ben. Jede münd­li­che oder schrift­li­che Wei­ter­ga­be des Gehör­ten wur­de den Dele­gier­ten unter­sagt. Kopien der Rede gin­gen im März 1956 an die Staats­chefs im Ostblock. 

Geheim­re­de Über den Per­so­nen­kult und sei­ne Folgen

Ich hat­te ja an ande­rer Stel­le dar­über geschrie­ben, dass Bre­sch­new am 10.11.1982 gestor­ben ist und uns damit den 11.11. ver­dor­ben hat (Ber­li­ner und Bre­sch­new). DDR-Bewohner*innen, die die 80er bewusst wahr­ge­nom­men haben, kön­nen Bre­sch­new, Andro­pow und Tscher­nen­kow aus eige­ner Erfah­rung grob zeit­lich ver­or­ten, auch wenn sie im Geschichts­un­ter­richt Krei­de holen waren. Die­ses Wis­sen aus eig­nen Erfah­run­gen fehlt Anne Rabe. 

Im taz-Lab hat Anne Rabe 2024 ange­merkt, dass Umber­to Eco ja auch nicht im Mit­tel­al­ter dabei gewe­sen sei und trotz­dem Roma­ne dar­über schrei­ben kön­ne. Die­se Aus­sa­ge ist 100% kor­rekt, nur ent­spre­chen Ecos Aus­sa­gen dem Wis­sens­stand und es gibt wirk­lich kei­ne Zeitzeug*innen mehr, die er hät­te befra­gen kön­nen und die ihn hät­ten wider­le­gen können.

Ulb­richt wur­de in Mos­kau über den Inhalt der Rede durch einen befreun­de­ten Genos­sen infor­miert (Hoyer, 2023), da er aber offi­zi­ell erst im März über die Rede in Kennt­nis gesetzt wur­de, konn­te er unmit­tel­bar nach der Rück­kehr auch nichts machen, denn er wuss­te ja offi­zi­ell noch über­haupt nichts von den Ver­än­de­run­gen in Mos­kau. Letzt­end­lich betrieb Ulb­richt aber einen ähn­li­chen Per­so­nen­kult wie Sta­lin, wes­halb die­ser Wan­del dann für ihn per­sön­lich auch pro­ble­ma­tisch war (Hoyer, 2023). Also: Es war alles ein biss­chen anders, als von Anne Rabe beschrie­ben, aber sie hat recht: Es war interessant.

Kolonialisierung und ökonomische Naivität

Anne Rabe äußert sich zu Erb­schaf­ten und Ver­mie­tern wie folgt:

Also das, was du gera­de ansprachst mit der Ungleich­heit, mit der Erb­schaft und so wei­ter. Und sagen kann, ja, das stimmt. In Ost­deutsch­land wird weni­ger geerbt. Das wird aber dann häu­fig so als Schuld­de­bat­te gen Wes­ten dis­ku­tiert. Dabei müss­te man das eigent­lich, wür­de ich zum Bei­spiel sagen, sieht man halt in Ost­deutsch­land aus his­to­ri­schen Grün­den eine Schwä­che unse­res Sys­tems beson­ders deut­lich. Ich fin­de immer ganz schön, mein Freund Patri­ce Pou­trus, der sagt immer so schön, ist mir doch egal, ob mir ein Wes­si die Mie­te erhöht oder einen Ossi. Die Rech­te der Mie­ter müs­sen gestärkt wer­den. Also die Ver­tei­lungs­fra­ge, die müs­sen wir gesamt­ge­sell­schaft­lich stel­len. Die Ursa­che dar­in liegt nicht, weil West­deut­sche böse waren zu Ost­deut­schen oder so. Das sie so die­sen Osten da aus­beu­ten woll­ten und sich, also das ist so unge­nau wie­der. Das, was ich mein­te von, wir müs­sen da genau­er sein. Das, was in Ost­deutsch­land an Ungleich­heits­fra­gen sicht­bar wird, ist wie unter einem Brenn­glas ein Pro­blem unse­rer gesam­ten Gesellschaft.

Auch hier wie­der Merk­wür­dig­kei­ten. Im Osten wur­de vor der Wen­de viel weni­ger Geld und Besitz akku­mu­liert. Men­schen, die Miet-Häu­ser besa­ßen, davon gab es noch eini­ge weni­ge, wur­den damit nicht reich. Im Gegen­teil: Die Mie­ten waren auf Vor­kriegs­ni­veau fest­ge­setzt und Sanie­run­gen konn­ten von den Miet­ein­nah­men nicht bezahlt wer­den. Die Besitzer*innen muss­ten für die Sanie­run­gen einen vir­tu­el­len Kre­dit auf­neh­men, der ihrem Haus zuge­ord­net war. Nach der Wen­de muss­ten sie das Haus ver­kau­fen, damit sie die Kre­di­te für Sanie­rung, die dann plötz­lich real gewor­den waren, abbe­zah­len konn­ten. Betrie­be waren in zwei Pri­va­ti­sie­rungs­wel­len ver­staat­licht wor­den. Die Men­schen hat­ten weni­ger Bar­geld ange­spart, weil das auch ohne­hin nicht sinn­voll war. Durch die Wäh­rungs­uni­on wur­den Ver­mö­gen ober­halb eines Sockel­be­trags hal­biert (was aus öko­no­mi­schen Grün­den nicht gut war, der Umtausch­kurs hät­te für die Ossis eigent­lich noch schlech­ter sein müs­sen). Wenn jetzt etwas ver­erbt wer­den kann, dann ist das im Wesent­li­chen das Ver­mö­gen, das nach der Wen­de auf­ge­baut wur­de. Das sind aber ganz ande­re Dimen­sio­nen als das, was man im Wes­ten kennt, wo Fami­li­en im Wirt­schafts­wun­der groß gewor­den sind. Dar­aus aber irgend­was mit Schuld gen Wes­ten abzu­lei­ten, wäre recht merk­wür­dig. „Schuld“ ist der Wes­ten bzw. die demo­kra­tisch gewähl­ten Regie­run­gen, die sich um bestimm­te Din­ge ein­fach nicht geküm­mert haben. Anne Rabe ist in der SPD. Die SPD hat­te 2017 zumin­dest mal den Plan, sich um die Ost­ren­ten zu küm­mern (taz, 13.01.2026). Das ist nicht erfolgt. Das Geld, das man für eine Ren­ten­re­form gebraucht hät­te, betrug 1 Mil­li­ar­de Euro. War halt poli­tisch in der Gro­ßen Koali­ti­on nicht durchsetzbar.

Der Satz von Anne Rabes Freund, dem His­to­ri­ker Patri­ce Pou­trus, zu DDR-Zei­ten geschul­ter Mar­xist und haupt­amt­li­cher FDJ-Sekre­tär, zeugt von einer unglaub­li­chen öko­no­mi­schen Nai­vi­tät. Fir­men­sit­ze sind im Wes­ten, Gewin­ne wer­den dort ver­steu­ert. Das gilt genau so für Ein­nah­men aus Ver­mie­tung und Ver­pach­tung. Wenn mein Ver­mie­ter also in Stutt­gart sitzt, dann pro­fi­tiert, abge­se­hen von der Grund­steu­er, Stutt­gart (15%), Baden-Würt­tem­berg (42,5%) und der Bund (42,5%; sie­he föde­ra­le Ver­tei­lung) von den Woh­nun­gen im Prenz­lau­er Berg oder in Leip­zig. Kapi­tal wird dort akku­mu­liert und wei­ter­ver­erbt. Die Erb­schaft­steu­er geht an das Bun­des­land. Das alles ändert sich auch nicht, wenn die Rech­te der Mie­ter gestärkt wer­den. Ich habe im Prenz­lau­er Berg gelebt. Die Häu­ser wären nach der Wen­de ein­ge­stürzt, wenn sie nicht mit gro­ßem Auf­wand saniert wor­den wären. Dazu hat Ber­lin pri­va­tes Kapi­tal her­an­ge­zo­gen. Es gab Miet­preis-Bin­dun­gen. Nach einer gewis­sen Zeit lie­fen die dann aber aus. Das sind völ­lig unkla­re poli­ti­sche Vor­ga­ben, die auch jetzt noch für den sozia­len Woh­nungs­bau ange­wen­det wer­den. Auch von Anne Rabes Par­tei. Es gibt eine schö­ne Fol­ge von Die Anstalt dazu: Die Abriss-Anstalt.

Es gibt immer wie­der die Dis­kus­si­on dar­über, ob die Bezie­hung zwi­schen West- und Ost-Deutsch­land eine kolo­nia­lis­ti­sche ist. Man kann sich dazu eine Sen­dung im Deutsch­land­funk anhö­ren: Ost­deutsch­land: War­um man von Kolo­nia­lis­mus spre­chen kann. Dort kom­men Exper­tin­nen für Kolo­nia­lis­mus zu Wort. Der Titel spoi­lert schon: Die Ant­wort ist: Ja, die Bezeich­nung Kolo­nia­lis­mus ist sinnvoll.

Also: Ja, für Ein­zel­per­so­nen ist es egal, an wen sie Mie­te bezah­len, aber für Gemein­den ist es nicht egal, wo die Gel­der hin­ge­hen. Von einer vier­zig­jäh­ri­gen Sozi­al­de­mo­kra­tin, die über den Osten und über Moral schreibt, und einem pro­mo­vier­ten His­to­ri­ker, der auch über den Osten und poli­ti­sche Zusam­men­hän­ge schreibt, soll­te man doch ein biss­chen mehr erwar­ten dürfen.

Ansons­ten hat Anne Rabe recht: Ungleich­heits­fra­gen spie­len eine Rol­le. Eine Erb­schafts­steu­er wür­de hel­fen. Ihre Par­tei ist im Prin­zip auch dafür, nur ist das poli­tisch nicht durch­setz­bar. Die CDU ist für Steu­er­re­duk­tio­nen und in der Ampel konn­te die klei­ne gel­be Par­tei die ande­ren bei­den Par­tei­en dar­an hin­dern, gerech­te­re Steu­ern ein­zu­füh­ren. Das ist lei­der auch Teil des AfD-Pro­blems und es ist in der Tat ein Ost-West-Pro­belm, auch wenn der His­to­ri­ker und die Schrift­stel­le­rin das nicht so sehen.

Zusammenfassung

Das Gespräch ist im Gro­ßen und Gan­zen gut. Die Bemer­kun­gen zu Gewalt und Armut ent­spre­chen wei­test­ge­hend dem, was Anne Rabe in frü­he­ren Inter­views und in ihrem auto­fik­tio­na­len Roman Die Mög­lich­keit von Glück behaup­tet hat, und sind somit unvoll­stän­dig, ten­den­zi­ös oder schlicht falsch.

Danksagungen

Ich dan­ke Chris­ti­an Pietsch, durch den ich auf den Pod­cast auf­merk­sam gewor­den bin. Ich war etwas ver­wun­dert, dass er schrieb, er wür­de allem Gesag­ten zustim­men. Das hat mich neu­gie­rig gemacht. Oben sind die Stel­len doku­men­tiert, denen ich nicht zustim­me. Weiß nicht, ob ich alle erwischt habe.

Ich dan­ke allen, die auf Mast­o­don mit­dis­ku­tiert haben, ins­be­son­de­re denen, deren Posts ich hier ver­wen­den durf­te. Peer dan­ke ich für das Auf­fin­den des Spie­gel-Arti­kels von 1979 und die Suche nach Quel­len im ND.

Quellen

Bartsch, Micha­el. 2026. Ost-Son­der­rent­ner in der DDR: Sie wur­den ver­ges­sen. taz 13.01.2026. Ber­lin. (https://taz.de/Ost-Sonderrentner-in-der-DDR/!6143827/)

Cha­ri­té. 2018. Pres­se­mit­tei­lung 25.01.2018, För­dern west­li­che Gesell­schaf­ten die Aus­prä­gung von Nar­ziss­mus? (https://www.charite.de/service/pressemitteilung/artikel/detail/foerdern_westliche_gesellschaften_die_auspraegung_von_narzissmus)

Der Spie­gel. 1979. Bay­ern: Sinn des Fort­schritts. Der Spie­gel 18/1979. (https://www.spiegel.de/politik/sinn-des-fortschritts-a-f95c10c7-0002–0001-0000–000040351630)

Grü­ter, Susan­ne. 2019. Deutsch­land­funk Kul­tur. Prü­geln ver­bo­ten: Vom lan­gen Kampf für die Kin­der­rech­te. (https://www.deutschlandfunk.de/pruegeln-verboten-vom-langen-kampf-fuer-die-kinderrechte-100.html)

Häus­ler, Micha­el. 2013. Ehe­ma­li­ge Heim­kin­der wol­len ihre Akte: Die Benut­zung von Kli­en­ten­ak­ten im Span­nungs­feld zwi­schen Opfer­an­spruch, Per­sön­lich­keits­schutz und his­to­ri­scher For­schung. Aus evan­ge­li­schen Archi­ven (Neue Fol­ge Der „All­ge­mei­nen Mit­tei­lun­gen“ 53), 7–20. (https://www.evangelische-archive.de/fileadmin/user_upload/vka/PDF/Aus_evangelischen_Archiven/53_2013.pdf)

Hein­rich, Man­fred. 2011. Elter­li­che Züch­ti­gung und Straf­recht. Zeit­schrift für Inter­na­tio­na­le Straf­rechts­dog­ma­tik 5. 431–443. (https://www.zis-online.com/dat/artikel/2011_5_577.pdf)

Herr­mann, Ulri­ke. 2022. Kapi­ta­lis­mus und Kli­ma­schutz: Schrump­fen statt Wach­sen. taz 17.09.2022. Ber­lin. (https://taz.de/Kapitalismus-und-Klimaschutz/!5879301/)

Hoyer, Kat­ja. 2023. Dies­seits der Mau­er: Eine neue Geschich­te der DDR 1949–1990. Ham­burg: Hoff­mann und Campe.

Hugi, Son­ja. 2019. Kam­pa­gne gegen die Jun­gen Gemein­den der evan­ge­li­schen Kir­chen. Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung. (https://www.bpb.de/themen/deutsche-teilung/ddr-kompakt/521490/kampagne-gegen-die-jungen-gemeinden-der-evangelischen-kirchen/)

mdr. 2021. Ren­te — damals und heu­te: Was am Lebens­abend blieb: 12-Bett-Zim­mer und 520,13 Mark Ren­te. (https://www.mdr.de/geschichte/ddr/alltag/familie/rente-rentner-altersarmut-pflege-osten-100.html)

Nocun, Katha­ri­na. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ost­al­gie. (https://www.denkangebot.org/allgemein/anne-rabe-ueber-moral-die-afd-und-ostalgie/)

Ulke, C. & Flei­scher, T. & Muehl­an, H. & Alt­weck, L. & Hahm, S. & Glaes­mer, H. & Fegert, J.M. et al. 2021. Socio-poli­ti­cal con­text as deter­mi­nant of child­hood maltre­at­ment: A popu­la­ti­on-based stu­dy among women and men in East and West Ger­ma­ny. Epi­de­mio­lo­gy and Psych­ia­tric Sci­en­ces (30). 1–8. (doi:10.1017/S2045796021000585)

Wis­sen­schaft­li­cher Dienst des Bun­des­ta­ges. 2021. Zur Zahl der Todes­op­fer auf­grund poli­ti­scher Ver­fol­gung in der DDR. Aus­ge­wähl­te Aspek­te. (https://www.bundestag.de/resource/blob/855618/52a47e246eee6bec67127050c4224a74/WD‑1–015–21-pdf.pdf)

Zschäch­ner, Roland. 2024. Ost­deutsch­land: War­um man von Kolo­nia­lis­mus spre­chen kann. 30.12.2024. Deutsch­land­funk Kul­tur. (https://www.deutschlandfunkkultur.de/ostdeutschland-postkoloniale-perspektiven-auf-das-innerdeutsche-verhaeltnis-dlf-kultur-5c421ba3-100.html)

Willi Bredel, Das schweigende Dorf, Schuld und Nazis im Osten

Die­ser Blog-Post beschäf­tigt sich mit zwei Behauptungen:

  1. Der Holo­caust sei im Osten nicht the­ma­ti­siert worden.
  2. Es sei behaup­tet wor­den, dass es im Osten kei­ne Nazis gäbe, weil die alle im Wes­ten seien.

Ver­schie­de­ne Behaup­tun­gen zum Holo­caust von Ines Gei­pel und Anet­ta Kaha­ne habe ich bereits in Der Ossi und der Holo­caust dis­ku­tiert, aber die Vor­stel­lung von der Ein­stel­lung zum Holo­caust in der DDR hält sich hart­nä­ckig. So fin­det man sie auch jüngst wie­der in der taz:

Nach dem Krieg brüs­kier­te er [Wil­li Bre­del] mit „Das schwei­gen­de Dorf“ (1948) fast schon die offi­zi­el­le Geschichts- und Gedenk­po­li­tik in Sowje­ti­scher Besat­zungs­zo­ne und DDR: Die hät­te den Holo­caust lie­ber verdrängt.

Schirr­meis­ter, Ben­no. 2025. NS-Wider­stands­ro­man „Die Prü­fung“: Eine not­wen­di­ge Qual. taz Nord. 01.01.2025 Hamburg.

Im Fol­gen­den zitie­re ich rele­vant Stel­len aus der Erzäh­lung, gebe dann Infor­ma­tio­nen zum rea­len Vor­gang und ord­ne alles in einem letz­ten Abschnitt ein.

Die Erzählung

1948 wur­de im Carl Hinstorff Ver­lag ein Band mit Erzäh­lun­gen von Wil­li Bre­del ver­öf­fent­licht. In der Erzäh­lung mit gleich­lau­ten­dem Titel lässt Bre­del einen Archi­tek­tur­stu­den­ten eine Geschich­te von einem Dorf zwi­schen Lud­wigs­lust und Schwe­rin (S. 7) erzäh­len. Auf S. 14–15 wer­den Ari­sie­run­gen the­ma­ti­siert und die Ermor­dung einer Müh­len­be­sit­ze­rin und ihrer Fami­lie in Auschwitz.

Im blu­ti­gen Hit­ler­früh­ling drei­und­drei­ßig waren sie aus Furcht vor Ver­fol­gun­gen in Ber­lin unter­ge­taucht. Her­ta Bockel­mann, sie hieß jetzt Sil­ber­stein, soll­te sich von ihrem jüdi­schen Gat­ten tren­nen, dann woll­te man ihr, der Toch­ter aus altem bäu­er­li­chen Geschlecht, ihren Fehl­tritt nach­se­hen. Her­ta Sil­ber­stein lehn­te sol­ches Ansin­nen ab, und die Doll­ha­ge­ner Müh­le wur­de ari­siert. Übri­gens wur­den spä­ter, wie wir erfuh­ren, die Sil­ber­steins mit ihren drei klei­nen Kin­dern nach Ausch­witz trans­por­tiert. Die Müh­le erhielt Uhle Bruhns vom Kreis­lei­ter für einen lächer­lich gerin­gen Preis zuge­scho­ben. Sie gehört ihm heu­te noch; er hat sie einem gewis­sen Ziems verpachtet.

Bre­del, Wil­li. 1948. Das schwei­gen­de Dorf. Ros­tock: Carl Hinstorff Ver­lag. 14–15.

In der Erzäh­lung geht es um einen KZ-Zug, in dem in den letz­ten Kriegs­ta­gen jüdi­sche Frau­en und Kin­der aus Ravens­brück nach Ber­gen-Bel­sen trans­por­tiert wur­den. In der Nähe des Dor­fes kommt der Zug zum Ste­hen. Frau­en und Kin­der flie­hen und ver­ste­cken sich im Dorf. Die SS befiehlt den Dorf­be­woh­nern unter Straf­an­dro­hung, die Flücht­lin­ge wie­der aus­zu­lie­fern. Die­se betei­li­gen sich an der Suche und Rück­füh­rung und es wird auch beschrie­ben, wie sie Frau­en erschla­gen und Kin­der leben­dig begra­ben. Ins­ge­samt sind 72 Tote unter den drei Eichen am Dorf­rand begra­ben. Von der SS und den Dorf­be­woh­nern ermor­det. Nie­mand im Dorf spricht dar­über. Zwei Jah­re lang, bis durch eine Ver­ket­tung von Zufäl­len alles herauskommt.

In den letz­ten Tagen des Zusam­men­bruchs des Hit­ler­rei­ches, kurz vor der Kapi­tu­la­ti­on, flu­te­ten Res­te der geschla­ge­nen Hit­ler­wehr­macht auf ihrer unun­ter­bro­che­nen Flucht vom Osten nach dem Wes­ten, auch an den Seen um Schwe­rin ent­lang und durch die Wäl­der West­meck­len­burgs über Doll­ha­gen hin­aus. In den Tagen, als die Rus­sen Ber­lin erober­ten, hielt an der klei­nen Bahn­sta­ti­on Doll­ha­gen ein Gefan­ge­nen­zug. An die zwan­zig Wag­gons, ver­schlos­se­ne Vieh­wa­gen, waren voll­ge­pfropft mit gefan­ge­nen Frau­en und Kin­dern. Sie kamen von Ravens­brück und soll­ten nach Bel­sen geschafft wer­den. Doch das dor­ti­ge Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger war zu der Stun­de, da der Zug in Doll­ha­gen auf­ge­hal­ten wur­de, bereits von ame­ri­ka­ni­schen Trup­pen besetzt. Nun war­te­te die Zug­be­glei­tung, eine Abtei­lung SS, auf wei­te­re Anwei­sung. Sie war­te­te einen Tag und eine Nacht. Es war ein Tag und eine Nacht des Grau­ens für Dollhagen.

Die Gefan­ge­nen waren größ­ten­teils Jüdin­nen, und zwar Jüdin­nen aus allen Län­dern Euro­pas, über­wie­gend aus Polen und der einst­mals besetz­ten Tei­le Sowjet­ruß­lands. Sie mach­ten einen erbar­mungs­wür­di­gen Ein­druck, tru­gen nur noch Fet­zen ihrer ehe­ma­li­gen Klei­der auf den Lei­bern und waren auf das erschre­ckends­te abge­ma­gert. Wim­mern und Heu­len drang aus den dicht­ver­schlos­se­nen Wag­gons. Kaum hielt der Zug an der Sta­ti­on, als auch schon acht ver­hun­ger­te Frau­en aus den Wag­gons gezerrt und der Rei­he nach an dem Bahn­damm hin­ge­legt wur­den. Sämt­li­che Frau­en und auch die Kin­der, die bei ihnen waren, hat­ten seit vie­len Tagen nichts zu trin­ken oder zu essen erhal­ten und waren nicht aus ihren fah­ren­den Käfi­gen her­aus­ge­kom­men. In ihrer Todes­qual jam­mer­ten und wim­mer­ten, schrien und brüll­ten die Tod­ge­weih­ten. Die SS-Bur­schen hat­ten Stö­cke und Peit­schen und schlu­gen damit auf die Gefan­ge­nen ein, die in ihrer Ver­zweif­lung ihre dür­ren Arme hun­ger­schrei­end durch die Git­ter­fens­ter zwängten.

Plötz­lich stürz­ten die Frau­en eines Wag­gons ins Freie und rann­ten über das Bahn­glei­se hin­weg ins Dorf hin­ein. Wahr­schein­lich war eine Wagen­tür geöff­net wor­den, um Lei­chen her­aus­zu­schaf­fen. Zwei der flüch­ti­gen Frau­en wur­den am Bahn­damm bereits von der SS erschos­sen, die übri­gen jedoch erreich­ten das Dorf; es waren ins­ge­samt vier­zehn. Da es schon zu däm­mern begann, war die Ver­fol­gung schwie­rig, und den Flücht­lin­gen war es leicht, sich in Scheu­nen und Stäl­len zu verbergen.

Die SS hol­te den Orts­grup­pen­lei­ter des Dor­fes, das war Uhle Bruhns. Sie tru­gen ihm auf, sämt­li­che flüch­ti­ge Frau­en tot oder lebend wie­der her­bei­zu­schaf­fen oder aber, so droh­ten sie, sie wür­den das Dorf zur Ver­ant­wor­tung zie­hen. Außer­dem, so behaup­te­ten die SS-Leu­te hämisch, hät­ten die Frau­en Typhus und wür­den sowie­so das gan­ze Dorf verseuchen.

Uhle Bruhns hol­te sich Hel­fer, den Eisen­bahn­ar­bei­ter Böh­le, den Huf­schmied Belz, den Kauf­mann Mar­tens, die Bau­ern Dirck­sen und Hin­nerk. Den Penz­lin­ger tra­fen sie in sei­nem Hau­se nicht an, weil er ins Holz gegan­gen war, um eini­ge Stäm­me zu holen; er gebrauch­te Lat­ten zur Aus­bes­se­rung sei­nes Vieh­stal­les. Das war sein Glück.

Mit Knüp­peln bewaff­net mach­ten die Bau­ern sich auf, die Flüch­ti­gen in ihren Ver­ste­cken auf­zu­stö­bern. Fan­den sie eine Frau, wur­de sie unter Stock­hie­ben nach der Sta­ti­on zurück­ge­trie­ben, wo sie die SS in Emp­fang nahm. Sie fan­den alle vier­zehn. Eine Frau jedoch war so geschwächt, daß sie schon unter den Hie­ben des Huf­schmieds im Dorf tot zusammenbrach.

Die SS war mit der Leis­tung der Bau­ern sehr zufrie­den und stell­te ihnen neue Auf­ga­ben. Sie muß­ten die Schwächs­ten und Hin­fäl­ligs­ten unter den Frau­en aus den Wag­gons her­aus­su­chen und zur Sta­ti­on schlep­pen. Uhle Bruhns, von dem man sag­te, er habe anfangs nur wider­wil­lig den Befeh­len der SS gehorcht, soll dabei der Wil­des­te, der Sata­nischs­te von allen gewe­sen sein. Erzählt wird, er sei von Wagen zu Wagen gegan­gen und habe geru­fen: „Wer hat am meis­ten Hun­ger?“ Die sich mel­de­ten, zerr­te er an den Haa­ren vom Wagen her­un­ter und schleif­te sie nach der Sta­ti­on. Unmit­tel­bar bei der Sta­ti­on ste­hen – wie Sie schon wis­sen – drei ein­sa­me Eichen. Unter die­sen Bäu­men wur­den die Unglück­li­chen von einer SS-Wache durch Genick­schüs­se getö­tet. Die Bau­ern muß­ten bei den Eichen eine Gru­be aus­he­ben, und in die wur­den die Ver­hun­ger­ten und Erschos­se­nen gewor­fen, ins­ge­samt, wie bis­her fest­ge­stellt wur­de, zwei­und­sieb­zig, dar­un­ter auch etli­che Kin­der, sogar Brust­kin­der. Uhle Bruhns soll alles, was in der Gru­be noch zuck­te, mit sei­nem Spa­ten voll­ends getö­tet haben.

Den gan­zen Abend war das Schrei­en, Brül­len und Toben der Gefan­ge­nen zu hören, bis tief in die Nacht hin­ein. Es ver­stumm­te erst, als gegen Mor­gen­grau­en der Todes­zug sei­ne Fahrt fort­setz­te. Aber Tage spä­ter fan­den die Doll­ha­ge­ner längs der Bahn­stre­cke noch Leichen.

Bre­del, Wil­li. 1948. Das schwei­gen­de Dorf. Ros­tock: Carl Hinstorff Ver­lag. 48–50.

In der Erzäh­lung ret­tet die Ver­lob­te des Erzäh­lers ein jüdi­sches Kind. Das Paar adop­tiert das Kind und stu­diert in Ros­tock Architektur.

Die Realität

In Bre­dels Erzäh­lung ist die Dorf­be­völ­ke­rung an den Grau­sam­kei­ten gegen die jüdi­schen Frau­en betei­ligt. Wie Gan­sel (2009: 26 fn. 21) fest­stellt, gab es einen rea­len Vor­gang, der als Vor­la­ge für die Erzäh­lung dient.

Wil­li Bre­del bezog sich in sei­ner Erzäh­lung näm­lich auf einen rea­len Vor­gang. In der Täg­li­chen Rund­schau vom 20.04.1947 wur­de über den Fund eines Mas­sen­gra­bes im Dorf Süls­torf bei Schwe­rin berich­tet. In dem Grab fan­den sich die Lei­chen von Häft­lin­gen, die im April 1945 bei einem Trans­port aus einem Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger ermor­det wor­den waren. 1951 errich­te­te die Jüdi­sche Lan­des­ge­mein­de in Süls­torf einen Gedenk­stein für die 53 ermor­de­ten jüdi­schen Frau­en aus Ungarn. Sie­he dazu: Vier­n­ei­sel, Bea­tri­ce: Die Erin­ne­rung an den KZ-Zug in Süls­torf im loka­len Gedächt­nis und der Kunst der DDR. In: Fried­hof für 53 unga­ri­sche Jüdin­nen in Süls­torf. Zur Geschich­te einer klei­nen Gedenk­stät­te. Hrsg. vom Poli­ti­sche Memo­ria­le e. V. Meck­len­burg-Vor­pom­mern. Ros­tock: Ingo Koch Ver­lag 2007, S. 45–86. Vier­n­ei­sel ver­weist dar­auf, dass es für die von Bre­del in sei­nem Text behaup­te­ten Ver­bre­chen der Dorf­be­völ­ke­rung kei­ne Bewei­se gebe. Ent­spre­chend heißt es: »Doch weder die frü­he­ren Zeu­gen­aus­sa­gen zu Süls­torf noch ande­re Berich­te zu den Todes­mär­schen übers Land in Meck­len­burg-Vor­pom­mern lie­fern, soweit bis heu­te erforscht, Bei­spie­le für Ver­bre­chen von Dorf­be­woh­nern.« (Ebd., S. 75).

Gan­sel, Cars­ten. 2009. Die „Gren­zen des Sag­ba­ren über­schrei­ten“: Zu „For­men der Erin­ne­rung“ in der Lite­ra­tur der DDR. In Gan­sel, Cars­ten (ed.), Rhe­to­rik der Erin­ne­rung: Lite­ra­tur und Gedächt­nis in den „geschlos­se­nen Gesell­schaf­ten“ des Real-Sozia­lis­mus zwi­schen 1945 und 1989 (Deutsch­spra­chi­ge Gegen­warts­li­te­ra­tur Und Medi­en 1), 19–38. Göt­tin­gen: V & R unipress.

Der Ver­ein Mahn- und Gedenk­stät­ten im Land­kreis Lud­wigs­lust-Par­chim e.V. schreibt:

Jüdi­sche Frau­en, die drei Mona­te vor­her aus dem KZ Ber­gen-Bel­sen in die SS-Reit­schu­le nach Braun­schweig gebracht wor­den waren, um Trüm­mer in der zer­bomb­ten Stadt zu räu­men, ver­lie­ßen Ende Febru­ar 1945 die Stal­lun­gen an der Salz­dah­lu­mer Stra­ße. Sie wur­den in das KZ-Außen­la­ger Been­dorf bei Helm­stedt gebracht. Am 9. April 1945 star­te­te hier der Räu­mungs­trans­port mit einem Güter­zug, in den 1300 Män­ner und 3000 Frau­en aus die­sem Lager gepfercht wur­den. Der Zug fuhr über Mag­de­burg, Stend­al, Nau­en, Wit­ten­ber­ge und erreich­te am 13. April 1945 den Bahn­hof in Süls­torf. Hier stand er drei Tage auf einem Neben­gleis. Mehr als 300 Men­schen kamen in Süls­torf ums Leben, auch auf­grund von Gewaltexzessen.

Am 15. April 1945 wur­den die männ­li­chen Häft­lin­ge in das noch unfer­ti­ge Stein­ba­ra­cken­la­ger des KZ- Außen­la­gers Wöb­be­lin gebracht. Die Frau­en ver­blie­ben in den Wag­gons. Erst eine Woche spä­ter erreich­te der Zug Ham­burg, wo die über­le­ben­den Frau­en auf die Ham­bur­ger Außen­la­ger Eidel­stedt, Sasel, Langenhorn/Ochsenzoll und Wands­bek ver­teilt wur­den. Die meis­ten Frau­en konn­ten Ham­burg am 1. Mai 1945 mit einem Trans­port nach Schwe­den ver­las­sen. Die in Ham­burg Ver­blie­be­nen wur­den eini­ge Tage spä­ter von bri­ti­schen Sol­da­ten befreit.

Die Son­der­aus­stel­lung doku­men­tiert eben­falls die Geschich­te der Süls­tor­fer Gedenk­stät­te, die bereits 1947 errich­tet wurde.

Mahn und Gedenk­stät­ten Wöb­be­lin. 2020. Son­der­aus­stel­lung zum Räu­mungs­trans­port aus dem KZ Been­dorf wird in Braun­schweig gezeigt.

Einordnung

Wil­li Bre­del schreibt in sei­ner Erzäh­lung über Ari­sie­rung, Berei­che­rung und Mor­de in Ausch­witz. Er beschreibt eine Dorf­ge­mein­schaft, die an Taten der SS betei­ligt war und nach dem Kriegs­en­de zwei Jah­re dar­über geschwie­gen hat. Nach aktu­el­lem For­schungs­stand ent­spricht die Tat­be­tei­li­gung der Dorf­be­woh­ner nicht den Tat­sa­chen, das Schwei­gen jedoch schon. Die Mas­sen­grä­ber wur­den erst 1947 entdeckt.

Bre­del schreibt über Nazis im Osten. Das wider­legt die Bau­haup­tung in der DDR sei behaup­tet wor­den, dass ALLE Nazis im Wes­ten sei­en. Bre­del gibt auch Moti­ve für ein Dableiben:

‚Gute Nacht, Herr!’ Leicht und beglückt schlüpf­te der Wirt aus dem Zim­mer. Er hat sicher­lich ruhig geschla­fen, wahr­schein­lich als ein­zi­ger in Doll­ha­gen. Drei Häu­ser wei­ter erhäng­te sich in die­ser Nacht auf dem Dach­bo­den sei­ner Werk­statt der Wagen- und Huf­schmied Fried­rich Belz.

Das war der zwei­te. Paul Böh­le, der Eisen­bah­ner war geflo­hen, hat­te alles in sei­ner Kate stehn und lie­gen las­sen und war ver­mut­lich im Wes­ten. Er hat­te gut flie­hen, denn er war Jung­ge­sel­le und besaß auch kein Land, das ihm an den Schuh­soh­len hing. Und nun hat­te sich der Huf­schmied erhängt. Tod und Angst, wah­re Todes­angst lag auf dem Dorf. Es muß her­ge­gan­gen sein, wie am Vor­tag des Jüngs­ten Gerichts.

Bre­del, Wil­li. 1948. Das schwei­gen­de Dorf. Ros­tock: Carl Hinstorff Ver­lag. S. 40.

In der Erzäh­lung Bre­dels blie­ben die Bau­ern, die ver­wur­zelt waren. Täter und Mitwisser*innen. Im rea­len Dorf Süls­torf gab es kei­ne Täter aber Mitwisser*innen.

Wider­legt ist auch ein­mal mehr, dass die DDR den Holo­caust ver­tu­schen woll­te oder dass der nicht erwähnt wur­de oder dass die Kom­mu­nis­ten nur sich selbst gefei­ert hät­ten. Gera­de die Arbei­ten von Wil­li Bre­del wider­le­gen die­se Behaup­tun­gen. Der Kom­mu­nist Bre­del hat in der Früh­lings­so­na­te über das Mas­sa­ker an Kie­wer Juden in Babyn Jar geschrie­ben. Alle Kin­der, die in der DDR groß gewor­den sind, haben die Früh­lings­so­na­te in der 9. Klas­se im Lite­ra­tur­un­ter­richt behan­delt (sie­he Der Ossi und der Holo­caust: Lite­ra­tur­un­ter­richt). Und in der Erzäh­lung Das schwei­gen­de Dorf kom­men die Ver­bre­chen an Jüd*innen eben auch vor.

Auf der Suche nach dem Buch Das schwei­gen­de Dorf habe ich Fotos einer spä­te­ren Auf­la­ge aus dem Insti­tut für Leh­rer­bil­dung Güs­trow samt Aus­leih­zet­tel gefun­den. Das Buch war in einem Lerhrer­bil­dungs­in­sti­tut von spä­tes­tens 1959 bis min­des­tens 1988 ver­füg­bar, wie die Aus­leihstem­pel zeigen. 

Zum Satz von Ben­no Schirr­meis­ter „Nach dem Krieg brüs­kier­te er mit „Das schwei­gen­de Dorf“ (1948) fast schon die offi­zi­el­le Geschichts- und Gedenk­po­li­tik in Sowje­ti­scher Besat­zungs­zo­ne und DDR: Die hät­te den Holo­caust lie­ber ver­drängt.“: Was soll „fast schon“ bedeu­ten? Und Wil­li Bre­del WAR die offi­zi­el­le „Geschichts- und Gedenk­po­li­tik“. Er war in Mos­kau im Exil gewe­sen, hat­te den sta­lin­schen Gro­ßen Ter­ror über­lebt und kam mit der „Grup­pe Ulb­richt“ im Mai 1945 in die SBZ, um einen sozia­lis­ti­schen Staat nach sowje­ti­schem Vor­bild auf­zu­bau­en. Bre­del war haupt­amt­li­cher poli­ti­scher Instruk­teur für das Zen­tral­ko­mi­tee der KPD in Meck­len­burg-Vor­pom­mern. Ab 1947 war er im Meck­len­bur­gi­schen Land­tag, in der Volks­kam­mer und dann im Zen­tral­ko­mi­tee der SED. Von 1962 bis 1964 war er Prä­si­dent der Deut­schen Aka­de­mie der Küns­te und mach­te die­se zu einer sozia­lis­ti­schen Aka­de­mie, wie das ZK der SED es vor­sah (sie­he Bre­dels Wiki­pe­dia-Ein­trag und dort ange­ge­be­ne Quel­len). Sei­ne Wer­ke wur­den auch nach sei­nem Tod 1964 noch in wei­te­ren Auf­la­gen ver­öf­fent­licht. Es gab in der DDR Zen­sur und, wie man dem Wiki­pe­dia-Ein­trag des Auf­bau Ver­lags ent­neh­men kann, schreck­te die Staats­füh­rung auch nicht davor zurück, gan­ze Aus­ga­ben von unge­neh­men Wer­ken maku­lie­ren zu las­sen. Nichts der­glei­chen geschah mit Bre­dels Wer­ken. Auch die Ver­öf­fent­li­chung 1948 war sicher durch einen Zen­sur-Pro­zess gegangen/irgendwo abge­seg­net wor­den, denn in der Nach­kriegs­zeit war in der SBZ Papier noch knap­per als spä­ter in der DDR. Das fol­gen­de Bild zeigt, dass es auch vom Schwei­gen­den Dorf min­des­tens noch eine wei­te­re Auf­la­ge 1951 gab. Laut Wil­li-Bre­del-Gesell­schaft gab es auch 1950, 1952 und 1954 wei­te­re Auf­la­gen. In den gesam­mel­ten Erzäh­lun­gen, die 1981 im Auf­bau Ver­lag erschie­nen, ist das Schwei­gen­de Dorf auch ent­hal­ten (laut Hans-Kai Möl­ler von der Wil­li-Bre­del-Gesell­schaft, 2025 auf den Sei­ten 217–265). Von die­sen gesam­mel­ten Erzäh­lun­gen gab es zwei Auflagen.

Laut Wil­li-Bre­del-Gesell­schaft ist Das schwei­gen­de Dorf 1951 auch auf Tsche­chisch und Pol­nisch erschie­nen. 1961 und 1971 wur­de eine Oper mit gleich­na­mi­gem Titel in Plau­en bzw. Schwe­rin auf­ge­führt (Nest­ler, 1999: 604).

1947 wur­de in Süls­torf eine Gedenk­stät­te und ein Ehren­fried­hof für die 53 ermor­de­ten jüdi­schen Frau­en und die ins­ge­samt 300 ermor­de­ten Men­schen ein­ge­rich­tet. Das ist sehr früh. Ich weiß von kei­ner sol­chen Gedenk­stät­te auf BRD-Gebiet.

Quellen

Gan­sel, Cars­ten. 2009. Die „Gren­zen des Sag­ba­ren über­schrei­ten“: Zu „For­men der Erin­ne­rung“ in der Lite­ra­tur der DDR. In Gan­sel, Cars­ten (ed.), Rhe­to­rik der Erin­ne­rung: Lite­ra­tur und Gedächt­nis in den „geschlos­se­nen Gesell­schaf­ten“ des Real-Sozia­lis­mus zwi­schen 1945 und 1989 (Deutsch­spra­chi­ge Gegen­warts­li­te­ra­tur Und Medi­en 1), 19–38. Göt­tin­gen: V & R uni­press. (https://www.carsten-gansel.de/wp-content/uploads/2019/09/Rhetorik_der_Erinnerung_Druckfassung‑v.23.01.09-Erinnerungen_2009-23–03__imp_.pdf)

Nest­ler, Bri­git­te. 1999. Biblio­gra­phie Wil­li Bre­del (Ham­bur­ger Bei­trä­ge zur Ger­ma­nis­tik 27). Frankfurt/Main: Peter Lang.

Schirr­meis­ter, Ben­no. 2025. NS-Wider­stands­ro­man „Die Prü­fung“: Eine not­wen­di­ge Qual. taz Nord. 01.01.2025 Ham­burg. (https://taz.de/NS-Widerstandsroman-Die-Pruefung/!6030440/)

Kahane 2.0: Holocaust, Antisemitismus, Antifaschismus, Israel, Propaganda und angebliche Nazi-Richter und ‑Lehrer in der DDR

Holocaust nicht thematisiert oder relativiert?

Vor sie­ben Jah­ren behaup­te­te Anet­ta Kaha­ne, dass die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Holo­caust in der DDR weder auf sys­te­mi­scher noch auf indi­vi­du­el­ler Ebe­ne gewollt gewe­sen sei.

Im Osten war eine sys­te­mi­sche und indi­vi­du­el­le Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Natio­nal­so­zia­lis­mus und der Sho­ah nicht gewollt. Dies hät­te zu Fra­gen nach Men­schen­rech­ten oder Min­der­hei­ten­schutz geführt, die nur bei Stra­fe des Unter­gangs der DDR zu beant­wor­ten gewe­sen wären. 

Anet­ta Kaha­ne, Debat­te Ost­deut­sche und Migran­ten: Nicht in die Fal­len tap­pen, taz, 12.06.2018

Sie­ben Jah­re spä­ter weist ihr Nef­fe Leon Kaha­ne in einem Inter­view in der Kunst­zeit­schrift Mono­pol dar­auf hin, dass es einen Uni­ver­sa­lis­mus gege­ben habe, in dem der Holo­caust mit den Mor­den an Kommunist*innen, Homo­se­xu­el­len usw. gemein­sam behan­delt wur­de. Immer­hin wird die Exis­tenz des Geden­kens nicht ganz geleug­net, wie das bei Ines Gei­pel der Fall war. Ich habe Anet­ta Kaha­nes und Ines Gei­pels Aus­sa­gen von 2018 und 2019 im Blog-Post Der Ossi und der Holo­caust dis­ku­tiert. Was will man gegen den Uni­ver­sa­lis­mus-Vor­wurf sagen? Uni­ver­sa­lis­mus ist ein schö­nes Schlag­wort dafür, dass sich die Kommunist*innen selbst gefei­ert haben. Da war viel Pro­pa­gan­da dabei, aber letzt­end­lich hat­ten die Men­schen, die im Wider­stand waren, auch das Recht dazu, stolz zu sein. Und es war nicht der Fall, dass der Völ­ker­mord an den Juden unter den Tisch gekehrt wur­de, wie Anet­ta Kaha­ne behaup­tet hat. Leon Kaha­ne war an einer Aus­stel­lung über jüdi­sches Leben in der DDR betei­ligt. Er weiß, dass es über 1000 Bücher zum jüdi­schen Leben, zum Holo­caust und zum Wider­stand gab, dass es über 1000 Fil­me gab (zu den Details sie­he Der Ossi und der Holo­caust). Aus­schnit­te aus den Fil­men konn­te man in der Aus­stel­lung sehen.

Über­sicht der Film­se­quen­zen, die in der Aus­stel­lung „Ein ande­res Land – Jüdisch in der DDR“ gezeigt wur­den, Jüdi­sches Muse­um, Ber­lin, 19.11.2023

Es gab dort auch ein Regal mit Büchern. 

Bücher in der Aus­stel­lung „Ein ande­res Land – Jüdisch in der DDR“, Jüdi­sches Muse­um, Ber­lin, 19.11.2023

Ich habe über die Aus­stel­lung in Aus­stel­lung: „Ein ande­res Land. Jüdisch in der DDR.“ geschrie­ben. All die Auf­ar­bei­tung und Aus­ein­an­der­set­zung und das Geden­ken wird igno­riert und abge­tan, indem man behaup­tet, die Kommunist*innen hät­ten sich nur selbst gefeiert.

Das Inter­view mit Leon Kaha­ne ist in einer Inter­view­rei­he der Zeit­schrift Mono­pol erschie­nen, zu der auf der Sei­te steht:

Es ist Teil der Rei­he „Osten vom Wes­ten“, für die Kage als in West­deutsch­land Auf­ge­wach­se­ner Gesprä­che mit Kul­tur­schaf­fen­den führt, die ihre Kar­rie­ren noch in der DDR begon­nen haben.

Die­se Aus­sa­ge ist lus­tig, denn Kaha­ne war zum Fall der Mau­er 4 Jah­re alt. Er wird damals noch im Bud­del­kas­ten Sand­förm­chen gebas­telt haben. Aber viel­leicht waren die von beson­de­rem künst­le­ri­schen Wert. Kaha­ne ist also in der­sel­ben Gene­ra­ti­on wie Anne Rabe und die Aus­sa­gen auch von ähn­li­cher Qua­li­tät. Ich gehe ein­fach mal eini­ge State­ments durch.

USA und Israel Faschisten?

In der DDR hat­te man den Faschis­mus in Gän­ze über­wun­den. Die neu­en Faschis­ten ver­or­te­te man in Isra­el und in Ame­ri­ka und hat so rela­tiv naht­los an zen­tra­le ideo­lo­gi­sche Ele­men­te des Natio­nal­so­zia­lis­mus anknüp­fen kön­nen und sie inso­fern auch nicht auf­ar­bei­ten müssen.

Leon Kaha­ne. 2025. Künst­ler Leon Kaha­ne „In der DDR gab es im Grun­de kei­ne Erin­ne­rungs­kul­tur“, Mono­pol. 20.06.2025

Also die USA waren ganz klar der Klas­sen­feind. Sie waren Kapi­ta­lis­ten und Impe­ria­lis­ten. Das wur­de uns so ver­mit­telt (mei­ne Schul­zeit dau­er­te von 1974–1986, auch wäh­rend der Armee­zeit gab es Polit­un­ter­richt). Faschis­mus war etwas ande­res, jeden­falls habe ich nie von solch einer Gleich­set­zung gehört.5 Die Sache mit Isra­el ist kom­plex. Die Sowjet­uni­on hat Isra­el nach der Staats­grün­dung sofort aner­kannt.6 Es gab in Isra­el lin­ke Tra­di­tio­nen und Bewe­gun­gen (Kib­bu­zim), wes­halb die Hoff­nung bestand, dass sich Isra­el dem Ost-Block anschlie­ßen wür­de. Ab der Stel­lung­nah­me Ben-Guri­ons zum Korea­krieg (1950–1953) war klar, dass Isra­el auf U.S.-Seite stand und die Block­lo­gik ergab dann, dass Isra­el auch Klas­sen­feind war. Das hat erst mal nichts mit Anti­se­mi­tis­mus zu tun, auch wenn das gern in einen Topf gewor­fen wird.7 Ein lus­ti­ges Gedan­ken­ex­pe­ri­ment ist es, sich aus­zu­ma­len, was pas­siert wäre, wenn Isra­el sich dem Ost­block ange­schlos­sen hät­te. Wür­de man dann alle, die das kri­ti­sie­ren, als Anti­se­mi­ten bezeich­nen? Oder nicht? Wenn nicht, war­um nicht?

Die Lager, die auf dem Gebiet der spä­te­ren DDR waren, haben eine Uni­ver­sa­li­sie­rungs-Erzäh­lung, die den Fokus ganz stark auf die kom­mu­nis­ti­schen Wider­ständ­ler legt, auf die Selbst­be­frei­ung und so wei­ter. Die Juden hat­ten dort, über die gan­ze DDR hin­weg, eigent­lich kei­nen Raum. Und das ist etwas, was gera­de wie­der Kon­junk­tur hat.

Die­se Aus­sa­ge ist falsch. Die Mor­de an den Juden kamen im Film vor, der in Buchen­wald allen Besucher*innen gezeigt wur­de. Sie­he dazu den Wiki­pe­dia-Ein­trag zum Film O Buchen­wald bzw. den Blog-Post Der Ossi und der Holo­caust. Wäh­rend vie­le West­deut­sche noch nie ein KZ gese­hen haben, war der Besuch eines KZs in der DDR für Schüler*innen Pflicht. Der Buchen­wald-Film wur­de den Besucher*innen der Gedenk­stät­te gezeigt. Er ist noch heu­te gele­gent­lich bei kom­men­tier­ten Vor­füh­run­gen zu sehen. Unab­hän­gig davon, ob die Mor­de an Juden in den Gedenk­stät­ten vor­ka­men, gibt es eine über­wäl­ti­gen­de Anzahl von Doku­men­ten und Ehrun­gen, die zei­gen, dass sie im All­tag der DDR immer wie­der the­ma­ti­siert wur­den. Ich ver­wei­se wie­der auf Der Ossi und der Holo­caust zum Geschichts- und Lite­ra­tur­un­ter­richt, zu Stra­ßen­na­men, zu Plas­ti­ken im öffent­li­chen Raum, Brief­mar­ken, Büchern, Fil­men usw.

Zeu­ge mag das völ­lig zer­le­se­ne Exem­plar von Nackt unter Wöl­fen sein, das ich 2025 foto­gra­fiert habe.

Nackt unter Wöl­fen von Bru­no Apitz, Aus­ga­be 1958, Pri­vat­be­sitz in Feri­en­quar­tier, foto­gra­fiert 2025

Die vor­lie­gen­de Aus­ga­be ist von 1958 und es waren damals bereits 330.000 Exem­pla­re verkauft.

Nackt unter Wöl­fen von Bru­no Apitz, Impres­sum Auf­la­ge 330.–369. Tausend

Zu den rele­van­ten Text­stel­len sie­he Lite­ra­tur­un­ter­richt. Nackt unter Wöl­fen erschien in 30 Spra­chen und erreich­te eine Gesamt­auf­la­ge von mehr als zwei Mil­lio­nen. Eben­falls beim Lite­ra­tur­un­ter­richt fin­det man eine Bal­la­de von Johan­nes R. Becher: Die Kin­der­schu­he aus Lub­lin (you­tube). Becher war Kul­tur­mi­nis­ter in der DDR, er war Kom­mu­nist, kein Jude und hat die Ermor­dung jüdi­scher Kin­der trotz­dem zu sei­nem The­ma gemacht. Die Bal­la­de wur­de in der DDR im Lite­ra­tur­un­ter­richt behan­delt. Es gab ein­heit­li­che Lehr­plä­ne für das gan­ze Land. Leon Kaha­ne kann das im Gegen­satz zu Anet­ta Kaha­ne nicht aus eige­ner Erfah­rung wis­sen, aber wenn er sol­che The­sen ver­tritt, hat er die Pflicht sich mit dem The­ma zu beschäftigen.

Der Wiederaufbau der Neuen Synagoge

Der Inter­view­er Jan Kage behaup­tet in einer Fra­ge über die Zeit nach der Wende:

Und gleich­zei­tig gab es ein neu­es jüdi­sches Leben, auch eine jüdi­sche Immi­gra­ti­on, dar­un­ter vie­le, die aus Ost­eu­ro­pa hier nach Ber­lin kamen. Die Syn­ago­ge wur­de wie­der in alter Pracht auf­ge­baut. Es gab einen Aufbruch.

Was dabei uner­wähnt bleibt, ist, dass die Grund­stein­le­gung für den Wie­der­auf­bau der Syn­ago­ge am 10. Novem­ber 1988 statt­fand. Einen Tag nach dem 50. Jah­res­tag der Reichs­po­grom­nacht. Ein Jahr vor dem Fall der Mau­er. Kaha­ne war da drei Jah­re alt. Laut Zeit­zeu­gen waren Kera­mik­werk­stät­ten der DDR mit der Anfer­ti­gung von Zie­geln für die Syn­ago­ge in der ent­spre­chend benö­tig­ten Form beschäf­tigt. Unter ande­rem die Werk­statt von Hed­wig Boll­ha­gen und die Kera­mik­werk­stadt der Kunst­hoch­schu­le Burg Gie­bi­chen­stein in Halle.

Bild mit Erich Hon­ecker. Bild­be­schrif­tung: „Sym­bo­li­sche Grund­stein­le­gung für den Wie­der­auf­bau der Neu­en Syn­ago­ge, Ber­lin, 1988“, „Zum 50. Jah­res­tag der Novem­ber­po­gro­me begann 1988 der Wie­der­auf­bau der Syn­ago­ge in der Ora­ni­en­bur­ger Stra­ße mit der sym­bo­li­schen Grund­stein­le­gung. Die SED-Füh­rung ver­folg­te damit außen­po­li­ti­sche und öko­no­mi­sche Inter­es­sen: Sie woll­te durch eine ver­än­der­te Erin­ne­rungs­po­li­tik die Bezie­hun­gen zu den USA ver­bes­sern. Doch sie reagier­te auch auf ein ver­än­der­tes Bewusst­sein in der Bevöl­ke­rung. In die­ser Zeit wur­den Aus­stel­lungs­pro­jek­te und Publi­ka­tio­nen zur Erin­ne­rung an die Ver­bre­chen in der NS-Zeit zu jüdi­schen The­men rea­li­siert. Mahn­ma­le und Gedenk­ta­feln wur­den errich­tet, FDJ-Mit­glie­der pfleg­ten jüdi­sche Fried­hö­fe.“ „Mit Dank­bar­keit möch­te ich gegen­über dem Staats­rats­vor­sit­zen­den und dem Hohen Haus erklä­ren, dass die Ent­schei­dung über den Wie­der­auf­bau der „Neu­en Syn­ago­ge“ in der Haupt­stadt Ber­lin im Ver­band der Jüdi­schen Gemein­den in der DDR und unter allen Bür­gern jüdi­schen Glau­bens mit gro­ßer Freu­de auf­ge­nom­men wur­de. Vie­le aus­län­di­sche Glau­bens­ge­nos­sen haben uns dazu beglück­wünscht und ver­ste­hen die­se Ent­schei­dung als Zeug­nis für leben­di­ges jüdi­sches Gemein­de­le­ben in der DDR. Sieg­mund Roth­stein (1925–2020), Gedenk­re­de auf der Son­der­sit­zung der Volks­kam­mer der DDR zum bevor­ste­hen­den Jah­res­tag am 9. Novem­ebr 1988“, Aus­stel­lung „Ein ande­res Land – Jüdisch in der DDR“, Jüdi­sches Muse­um, Ber­lin, 19.11.2023

Wahlerfolge der AfD und Transformationserfahrungen im Osten

Kaha­ne sagt zu den Wahl­er­fol­gen der AfD in den neu­en Bundesländern:

War­um wird in den soge­nann­ten „neu­en Bun­des­län­dern“ so viel AfD gewählt? Mei­nes Erach­tens hat das mehr mit der ver­säum­ten Auf­ar­bei­tung zu tun als mit der Trans­for­ma­ti­ons­er­fah­rung der Wende.

Ja, lie­ber Leon Kaha­ne. Das ist Dei­ne Geschich­te und auch die von Anne Rabe. Und die von Ines Gei­pel und von Dei­ner Tan­te. Sie wird von West-Medi­en ger­ne gedruckt, weil sie so schön ent­las­tend ist. Denn, wenn es die Trans­for­ma­ti­ons­er­fah­run­gen wären, dann wäre der Wes­ten mit­schul­dig. Wäre es aber eine man­geln­de Auf­ar­bei­tung oder, wie bei Anne Rabe behaup­tet, irgend­wel­che Gewalt­er­fah­run­gen oder bei Pfeif­fer das gemein­sa­me Sit­zen auf dem Töpf­chen im Kin­der­gar­ten (Decker, 1999), dann könn­te man die Ossis irgend­wie patho­lo­gi­sie­ren, als anders abtun und das Pro­blem exter­na­li­sie­ren. Man braucht dann noch ein biss­chen Huf­ei­sen­theo­rie dazu, damit man erklä­ren kann, war­um so vie­le Ossis erst Die Lin­ke gewählt haben und nun AfD wäh­len. Das macht lei­der aber kei­nen Sinn, weil Bodo Rame­low ein lie­ber Sozi­al­de­mo­krat ist (Thü­rin­gen hat­te einen Minis­ter­prä­si­den­ten von Der Lin­ken) und sei­ne Ansich­ten abso­lut inkom­pa­ti­bel mit denen des hes­si­schen Nazis Björn Höcke sind.

Nazi punks fuck off!

Leon Kaha­ne schreibt:

In der DDR gab es einen Wider­stand gegen den von oben ange­ord­ne­ten Anti­fa­schis­mus, der sich in einer sym­bo­li­schen Hin­wen­dung zum Rechts­ra­di­ka­lis­mus aus­drückt. Zum Bei­spiel Punks, die Land­ser gehört haben.

Leon Kaha­ne

Ja, lie­ber Leon, als sich Land­ser gegrün­det haben, warst Du sechs Jah­re alt. Das war näm­lich 1991. Aber sie waren erst 1992 dann unter dem Namen Land­ser unter­wegs. Also drei Jah­re nach der Wen­de und zwei Jah­re nach DDR. Kann schon mal pas­sie­ren. Bei die­sen gan­zen Sze­nen und Bands kennt sich ja kei­ner aus. Aber eins stimmt: Es gab ganz sicher einen oder andert­halb Punks die rechts­extre­me Musik gehört haben. Ich hat­te sel­ber eine Kas­set­te mit Titeln wie „Töte dei­nen Nach­barn“ und „Mein gol­de­ner Schlag­ring“ in der Hand.8 War nicht so meins. Ansons­ten: Die Punks haben von den Skin­heads aufs Maul bekom­men. Die Punks waren links. 1987 gab es den Über­fall von Nazis­kins aus Ost und West auf ein Kon­zert der Punk-Band Die Fir­ma in der Zions­kir­che. Es gab eine Anti­fa, die sich als Selbst­ver­tei­di­gungs­grup­pe gegen die Nazis­kins gebil­det hat­te. Es gab 1983 den Ver­such einer Kranz­nie­der­le­gung durch Ost-Ber­li­ner Punks im KZ Sach­sen­hau­sen. Das wur­de von der Sta­si ver­ei­telt. Die Punks nah­men den Kranz wie­der mit und leg­ten ihn an der Mahn­wa­che für die Opfer des Faschis­mus Unter den Lin­den ab. Die anti­fa­schis­ti­sche, pazi­fis­ti­sche Band Die Fir­ma hat­te einen Song mit der Zei­le: „Wir müs­sen weg von der Mit­te! Wo ist der Weg von der Mit­te?“ und es gab einen Song „Der Faschist“. Gefah­ren­zo­ne hat­te das Lied Glas­nost, in dem sie sich auf Rus­sisch an Micha­el Gor­bat­schow wand­ten. Die gan­ze Punk-Musik-Sze­ne ist recht gut in Lutz Schramms Par­ok­ti­mums­wi­ki beschrie­ben. Lutz Schramm hat von den Bands Tapes bekom­men und hat auch Bands wie Gefah­ren­zo­ne im DDR-Radio gespielt, gegen die in den 80ern Zer­set­zungs­maß­nah­men der Sta­si lie­fen. Auf tape attack kann man die in der DDR pro­du­zier­ten Kas­set­ten run­ter­la­den. Zum Bei­spiel Papier­krieg: Noch nie hat eine Dik­ta­tor sei­ne Volks­ab­stim­mung ver­lo­ren. Poli­tisch. Anti­fa­schis­tisch. Links. Der Song Der Schoß ist frucht­bar noch ent­hält die Zei­le „Lasst nicht zu, dass sechs Mil­lio­nen umsonst gestor­ben sind.“.

Es gab ver­schie­de­ne Teil­sze­nen. Zum Einen gab es die Punks die inner­halb der Kir­che Rück­zugs­räu­me fan­den, weil der Staat Kir­chen­ge­län­de respek­tiert hat. Auf Kir­chen­ge­län­de konn­ten Punk-Grup­pen pro­ben und es gab Fes­ti­vals wie das Erlösa­fes­ti­val in der Erlö­ser­kir­che. Die Punks arbei­te­ten in der Kir­che von Unten zusam­men. Undenk­bar, dass die Pfar­rer Nazis geför­dert hät­ten. Staats­feind­li­che Lie­der waren aber bei Kon­zer­ten auf Kir­chen­ge­län­de durch­aus zu hören („Des­halb erheb’ ich mei­ne Hand gegen mein Vater­land.“). Die Sta­si stand drau­ßen drum rum und hör­te inter­es­siert zu. In den Bands waren IMs. Gegen Ende der DDR gab es eine Libe­ra­li­sie­rung und Punk-Bands beka­men einen Ein­stu­fung (Spiel­erlaub­nis, man konn­te nicht ein­fach irgend­wie Musik machen). Das waren die so genann­ten ande­ren Bands. Von denen waren vie­le auch staats­kri­tisch und ver­lo­ren auch tem­po­rär oder für immer ihre Auf­tritts­ge­neh­mi­gung (Frey­gang, Herbst in Peking). Herbst in Peking wid­me­ten einen Song Leo Trotz­ki („dem Mann, den wir wäh­len wür­den, wenn wir wäh­len könnten“).

Nach der Wen­de kan­di­dier­ten Anar­chis­ten aus dem Umfeld von Frey­gang, Fir­ma, Ich Funk­ti­on und auch Fee­ling B als Auto­no­me Akti­on Wydoks für die Volks­kam­mer. Nix Nazis.

Zur Musik, die wir hör­ten, gehör­ten die Dead Ken­ne­dys und deren Lied: Nazi punks fuck off. Das wur­de von Lutz Schramm auch im DDR-Jugend­ra­dio DT64 gespielt.

Ein biss­chen was ist aber dran, an Dei­ner Ant­wort. Der „Gau-Lei­ter“ von Ber­lin war der Sohn eines Par­tei­ka­ders. So sag­te man. Das war die maxi­ma­le Rebellion.

Listen von Juden? Um Gottes Willen!

Kage fragt:

In der jüdi­schen Com­mu­ni­ty der DDR waren vie­le Kom­mu­nis­ten und Sozia­lis­ten. Sie waren also säku­lar. Zur kogni­ti­ven Dis­so­nanz gibt es eine Anek­do­te von Gre­gor Gysi, des­sen Vater Klaus ein paar Jah­re Kul­tur­mi­nis­ter der DDR war, und der auch aus einer jüdi­schen Fami­lie stammt. Als Ägyp­ten und Syri­en 1973 Isra­el über­fie­len, der Jom-Kip­pur-Krieg, gab es ein State­ment der SED, in dem die israe­li­sche Aggres­si­on ver­ur­teilt wur­de. Die­ses soll­ten alle jüdi­schen Per­so­nen des öffent­li­chen Lebens in der DDR unter­schrei­ben. Und der Sohn frag­te den Vater, der die Sho­ah über­lebt hat­te und der von die­sem Staat über­zeugt war, woher die denn wüss­ten, dass sie jüdisch sind. “Haben die Lis­ten?” Wie war das jüdi­sche Leben in der DDR organisiert? 

Ich weiß nicht, war­um Gysi die Geschich­te erzählt, aber die Ant­wort war ganz klar: Ja, es gab Lis­ten, denn die Men­schen, die KZs oder sonst wie Ver­fol­gung durch die Nazis über­lebt hat­ten, waren als Ver­folg­te des Nazi­re­gimes regis­triert (auch mein Groß­on­kel) und beka­men eine höhe­re Ren­te, konn­ten frü­her in Ren­te gehen und so weiter. 

Dies gilt im Prin­zip auch für die von der Deut­schen Wirt­schafts­kom­mis­si­on (DWK) am 5. Okto­ber 1949, d.h. zwei Tage vor der Grün­dung der DDR, erlas­se­nen »Anord­nung zur Siche­rung der recht­li­chen Stel­lung der aner­kann­ten Ver­folg­ten des Nazi­re­gimes«, die künf­tig den Eck­pfei­ler der Wie­der­gut­ma­chung in der DDR bil­de­te: Sie gewähr­te aner­kann­ten Opfern des Faschis­mus Alters- und Arbeits­un­fä­hig­keits­ren­ten, beson­de­re Berück­sich­ti­gung bei der Wohn- und Gewer­be­raum­ver­ga­be, aus­rei­chen­de Ver­sor­gung mit Haus­rat, umfas­sen­de Leis­tun­gen zur gesund­heit­li­chen Reha­bi­li­tie­rung sowie beson­de­re Stu­di­en­bei­hil­fen für ihre Kin­der. Im Febru­ar 1950 erlas­se­ne Richt­li­ni­en regel­ten den Kreis der Berech­tig­ten. In der detail­lier­ten Auf­lis­tung stan­den zwar die poli­tisch Ver­folg­ten, ins­be­son­de­re die­je­ni­gen, die aktiv gegen das NS-Regime gekämpft hat­ten, an der Spit­ze, doch waren die an zwölf­ter Stel­le genann­ten ras­sisch Ver­folg­ten dabei mate­ri­ell-recht­lich nicht dis­kri­mi­niert. Aller­dings waren die Ansprü­che auf sol­che aner­kann­ten Opfer des Faschis­mus beschränkt, die auf dem Ter­ri­to­ri­um der SBZ/DDR leb­ten – 1949 sol­len es etwa 50 000 gewe­sen sein.

Gosch­ler, Con­stan­tin. 1993. Pater­na­lis­mus und Ver­wei­ge­rung — Die DDR und die Wie­der­gut­ma­chung für jüdi­sche Ver­folg­te des Natio­nal­so­zia­lis­mus. In Benz, Wolf­gang (ed.), Jahr­buch für Anti­se­mi­tis­mus­for­schung, vol. 2. Frankfurt/Main: Campus-Verlag.

Aber unab­hän­gig davon hat­te der Staat Lis­ten über alles Mög­li­che. Die DDR war ein Über­wa­chungs­staat mit einem enorm auf­ge­bläh­ten Geheim­dienst und Netz von inof­fi­zi­el­len Mit­ar­bei­tern (ehm, hüstl, viel­leicht auch IM Gre­gor und ganz sicher IM Vic­to­ria, SCNR).

Letzt­end­lich waren die Per­so­nen, die zu Stel­lung­nah­men gedrängt wur­den, Per­so­nen des öffent­li­chen Lebens, die sich unter­ein­an­der gekannt haben dürf­ten und die sicher von­ein­an­der wuss­ten, war­um sie im KZ gewe­sen waren oder wo sie in der Emi­gra­ti­on gewe­sen waren.

Die Erklä­rung, die jüdi­sche Bür­ger der DDR zu einem Krieg in der Regi­on abge­ge­ben haben, bezog sich auf den Sechs­ta­ge­krieg. Ich habe sie in der Aus­stel­lung foto­gra­fiert, an der auch Leon Kaha­ne betei­ligt war (sie­he unten). Der Sechs­ta­ge­krieg fand 1967 statt. Der Jom-Kip­pur-Krieg dann 1973. Jan Kage sagt rich­tig über den Jom-Kip­pur-Krieg, dass Ägyp­ten und Syri­en Isra­el ange­grif­fen haben. Aber um die­sen Krieg ging es über­haupt nicht, son­dern eben um den Sechs­ta­ge­krieg von 1967. Ägyp­ten war mit 1000 Pan­zern und 100.000 Sol­da­ten an den israe­li­schen Gren­zen auf­mar­schiert. Isra­el hat­te dann in einem Prä­ven­tiv­schlag die ägyp­ti­sche Luft­waf­fe am Boden zer­stört und danach, da die Geg­ner ohne Absi­che­rung aus der Luft waren, gro­ße Gebie­te ein­ge­nom­men. Dar­un­ter die Golan­hö­hen, den Gaza-Strei­fen, die Sinai-Halb­in­sel, das West-Jor­dan­land und das poli­tisch und reli­gi­ös wich­ti­ge Ost­je­ru­sa­lem. Die fol­gen­de Kar­te gibt einen Über­blick über die erober­ten Gebiete:

Gebiets­ge­win­ne Isra­els im Sechs­ta­ge­krieg. Quel­le: Wiki­pe­dia Hoheit CC-BY-SA

Die Fra­ge von Jan Kage war falsch gestellt. Sie ent­hält meh­re­re Feh­ler. Leon Kaha­ne hät­te das auf­fal­len müs­sen und er hät­te den Inter­view­er auf den Feh­ler hin­wei­sen müs­sen. Der hät­te das leicht kor­ri­gie­ren kön­nen, ohne dass wir es gemerkt hät­ten, denn es war ja kein Fern­seh­in­ter­view. Die Fra­ge macht his­to­risch betrach­tet über­haupt kei­nen Sinn: War­um soll­te die SED Jüd*innen zu einem Brief anre­gen, wenn ande­re Län­der Isra­el über­fal­len? Beim Sechs­ta­ge­krieg war die Lage dage­gen anders: Isra­el hat­te einen Prä­ven­tiv­schlag geführt und im Ergeb­nis des Krie­ges gro­ße Gebie­te neu besetzt. Ein Land, das zum ande­ren Block gehör­te. Das konn­te man schon mal ver­ur­tei­len. So funk­tio­nier­te das Block­den­ken damals.

Es bleibt lei­der nur der Schluss, dass weder Inter­view­er noch Inter­view­ter sich mit der zuge­ge­be­ner­ma­ßen kom­ple­xen Mate­rie auskennen.

Mythos Antifaschismus?

Leon Kaha­ne antwortet:

Was ich zu die­sem „Sich-Ver­hal­ten“ sagen kann: Es gab tat­säch­lich eine Unter­schrif­ten­lis­te, ein State­ment jüdi­scher Bür­ger der DDR, das vie­le Künst­ler, Jour­na­lis­ten und Schrift­stel­ler ver­wei­gert haben zu unter­schrei­ben. Einer davon war mein Groß­va­ter. Die­ses State­ment war in sei­ner gan­zen Spra­che hoch­gra­dig anti­se­mi­tisch. Auch, dass man das im Namen der jüdi­schen Bür­ger ver­fasst hat, erin­nert mich an eini­ge offe­ne Brie­fe der Gegen­wart. Das Ver­ständ­nis des Juden­tums war in der DDR extrem ver­küm­mert. Auf der ande­ren Sei­te waren Bio­gra­fien wie die mei­ner Groß­el­tern unheim­lich wich­tig für den Mythos der DDR als anti­fa­schis­ti­schem Staat. Und somit auch, um nicht über das Ver­hält­nis zur NS-Nach­fol­ge­ge­sell­schaft nach­den­ken zu müs­sen. Die­ser Miss­brauch hat sicher­lich auch für Pri­vi­le­gi­en gesorgt. Aber die­se Pri­vi­le­gi­en waren ver­gif­tet und hat­ten einen Preis. Man kann sich viel­leicht vor­stel­len, wie pre­kär das jüdi­sche Leben war und wie sehr es an eine poli­ti­sche Bot­schaft der DDR gebun­den war. Sowas kann immer sehr schnell kippen.

Leon Kaha­ne

Also: Leon Kaha­ne war der Mei­nung, dass in der DDR von den USA als faschis­ti­schem Staat gespro­chen wur­de. Ande­rer­seits spricht er vom „Mythos der DDR als anti­fa­schis­ti­schem Staat“. Das heißt, er ist der Mei­nung, dass die DDR nicht anti­fa­schis­tisch war. Was denn dann? Ich bin ver­wirrt. Ich bin mein gan­zes Leben anti­fa­schis­tisch erzo­gen wor­den. Alle Kin­der der DDR waren in KZs. Ich war acht Mal in Buchen­wald (bei den Weim­ar­ta­ge der FDJ, bei einer Klas­sen­fahrt), ich war in Ausch­witz (im Rah­men eines Schul­aus­tauschs mit einer Part­ner­schu­le in Polen), ich war in Sach­sen­hau­sen (im Rah­men der Jugend­stun­den mei­ner POS). Stra­ßen, Schu­len waren nach Antifaschist*innen benannt, wir hat­ten anti­fa­schis­ti­schen Stoff in Musik, in Geschich­te, in Lite­ra­tur (z.B. haben wir Nackt unter Wöl­fen gele­sen. Ein Buch über Buchen­wald, in dem auch der Mord an den Juden the­ma­ti­siert wur­de und Die Früh­lings­so­na­te, eine Erzäh­lung, in der es um die Mor­de von SS und Wehr­macht an den Kie­wer Juden in Babyn Jar ging (33.000 Men­schen in 48 Stun­den). Zu den Details sie­he Der Ossi und der Holo­caust). Nur ein Mythos? In Wirk­lich­keit waren doch alle Faschis­ten? Wohl kaum. Die Herr­schen­den (Nicht-Juden und im Gegen­satz zum Wes­ten auch Juden) hat­ten auch im KZ geses­sen oder waren gera­de noch recht­zei­tig Rich­tung Osten oder Wes­ten geflo­hen. Man kann bzw. muss die Kom­mu­nis­ten schreck­lich fin­den, den Über­wa­chungs­staat, die Zer­set­zungs­maß­nah­men gegen die Oppo­si­ti­on usw. aber man kann nicht behaup­ten, dass sie kei­ne Anti­fa­schis­ten gewe­sen sei­en. Die Behaup­tung, dass es in der DDR kei­ne Nazis gab, kann man wohl ins Reich der Mythen ver­ban­nen. Es gab sogar neue und oft waren es Bon­zen­kin­der, die die extrems­te Form der Abgren­zung von ihren Eltern wähl­ten. In der DDR gab es auch eine Anti­fa, die nicht staat­lich war (Ich habe am 4.11.89 im Anti­fa-Block demons­triert.). Auch Anti­se­mi­tis­mus gab es in der DDR. Nach­wen­de­um­fra­gen erga­ben aber einen viel, viel gerin­ge­ren Grad an Anti­se­mi­tis­mus als im Wes­ten (Emnid-Umfra­ge von 1991: 4% vs. 16%, sie­he Dahn, 1997). Die Behaup­tung, dass die DDR nazifrei gewe­sen sei, wäre nicht rich­tig, aber ein anti­fa­schis­ti­scher Staat war sie sehr wohl.

Prekäres jüdisches Leben?

Kaha­ne schreibt: „Aber die­se Pri­vi­le­gi­en waren ver­gif­tet und hat­ten einen Preis. Man kann sich viel­leicht vor­stel­len, wie pre­kär das jüdi­sche Leben war und wie sehr es an eine poli­ti­sche Bot­schaft der DDR gebun­den war.“ Nein. Ich kann mir nicht vor­stel­len, wie pre­kär das jüdi­sche Leben war. Ich habe extra noch ein­mal nach­ge­se­hen, was pre­kär bedeu­tet: pre­kär in Wiki­pe­dia. Juden waren in der DDR als Ver­folg­te des Nazi­re­gimes (zu Recht) pri­vi­le­giert. Wie auch die Kaha­nes: Max Kaha­ne, von 1965–1968 Chef­kom­men­ta­tor der Par­tei­zei­tung Neu­es Deutsch­land, Doris Kaha­ne, Staats­künst­le­rin mit Auf­trä­gen in Indi­en. Die Kaha­nes waren 100%ig von der Sache der DDR über­zeugt und genos­sen auch schon dadurch wei­te­re Pri­vi­le­gi­en (Rei­se­frei­heit zum Bei­spiel, auch Anet­ta Kaha­ne war zu DDR-Zei­ten in den West­afri­ka und Mosam­bik.). In Der Ossi und der Holo­caust lis­te ich ande­re jüdi­sche Men­schen aus Wis­sen­schaft, Kul­tur und Poli­tik auf, die in der DDR ange­se­hen waren und das gesell­schaft­li­che Leben präg­ten. Das schreibt Gosch­ler (1993) zur mate­ri­el­len Absi­che­rung der Opfer des Faschismus:

Dort gelang­te nun die alte Tren­nung von »Kämp­fern« und »Opfern« wie­der zu neu­en Ehren und wur­de nun auch mit mate­ri­el­len Kon­se­quen­zen gewür­digt: Kämp­fer, die das um fünf Jah­re her­ab­ge­setz­te Pen­si­ons­al­ter erreicht hat­ten oder inva­li­de waren, soll­ten eine Ehren­pen­si­on in Höhe von monat­lich 800 Mark erhal­ten, für Opfer waren dem­ge­gen­über ledig­lich 600 Mark vor­ge­se­hen. Sofern Juden also nicht Trä­ger der »Medail­le für Kämp­fer gegen den Faschis­mus 1933–1945« waren, muß­ten sie sich mit dem min­de­ren Sta­tus und ent­spre­chen­der Pen­si­ons­be­rech­ti­gung des Opfers begnü­gen. Mau muß dabei aller­dings her­vor­he­ben, daß die Höhe der Ehren­pen­sio­nen gemes­sen an DDR-Nor­mal­ren­ten exor­bi­tant hoch war; bis 1989 waren die Ehren­pen­sio­nen auf 1800 Mark für »Kämp­fer« bzw. 1600 Mark für »Opfer« angestiegen.

Gosch­ler, Con­stan­tin. 1993. Pater­na­lis­mus und Ver­wei­ge­rung — Die DDR und die Wie­der­gut­ma­chung für jüdi­sche Ver­folg­te des Natio­nal­so­zia­lis­mus. In Benz, Wolf­gang (ed.), Jahr­buch für Anti­se­mi­tis­mus­for­schung, vol. 2. Frankfurt/Main: Campus-Verlag.

Die­se Ehren­pen­si­on gab es zusätz­lich zu der nor­ma­len Ren­te aus er Sozi­al­ver­si­che­rung. Nur zum Ver­gleich: 1989 betrug das Sti­pen­di­um 200 Mark. Man konn­te davon bequem leben, denn Grund­nah­rungs­mit­tel waren sehr bil­lig. Mie­te kos­te­te 30 Mark. Es wur­de den Bezieher*innen die­ser Ren­ten nahe­ge­legt, die­se nicht in Bank­fi­lia­len abzu­ho­len, um kei­nen Neid zu erregen.

Sicher, wenn man sich zum Staats­feind ent­wi­ckel­te, dann bekam man Pro­ble­me. Da gab es aber kei­ne Unter­schie­de zwi­schen Juden und Nicht-Juden. Die Zer­set­zungs­maß­nah­men der Sta­si waren für alle glei­cher­ma­ßen unschön. Ansons­ten war es auch nicht schlimm, wenn man die Ehren­pen­si­on nicht bekam, denn in der DDR konn­te man auch von nor­ma­len Ein­kom­men und Ren­ten leben. Und wegen des mög­li­chen Ent­zugs von Pri­vi­le­gi­en rum­zu­jam­mern, fin­de ich schon etwas … nun ja schräg.

Übri­gens stand neben dem State­ment in der Aus­stel­lung, dass vie­le Jüd*innen es nicht unter­schrie­ben haben. Dar­un­ter Peter Edel, Ste­fan Heym, Lin Jal­da­ti und Arnold Zweig. Wie Leon Kaha­ne anmerkt, hat wohl Max Kaha­ne auch nicht unter­schrie­ben. Max Kaha­ne hat noch 1970 den Vater­län­di­schen Ver­dienst­or­den in Gold bekom­men und 1974 eine Span­ge dazu. Auch Peter Edel und Lin Jal­da­ti wur­den noch nach 1967 mit hohen Aus­zeich­nun­gen geehrt. Wenn man im Osten in Ungna­de gefal­len war, bekam man kei­ne Orden mehr. Zu Max Kaha­nes Nicht-Unter­schrift gibt es unten noch wei­te­re Gedanken.

Die Erklärung jüdischer DDR-Bürger*innen zum Sechstagekrieg

Das ist die Erklä­rung der jüdi­schen DDR-Bür­ger. Ich habe sie in maxi­ma­ler Auf­lö­sung hoch­ge­la­den. Wenn man das Bild anklickt, kann man den Text lesen. 

Erklä­rung jüdi­scher Bürger*innen aus der DDR zu Isra­els Agie­ren im Sechs­ta­ge­krieg vom 09.06.1967 im Zen­tral­or­gan der SED Neu­es Deutschland

Kaha­ne sagt: „Die­ses State­ment war in sei­ner gan­zen Spra­che hoch­gra­dig anti­se­mi­tisch.“ Die geneig­te Lese­rin möge das State­ment selbst lesen. Zu Beginn steht: „Als Bür­ger der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik jüdi­scher Her­kunft erhe­ben wir unse­re Stim­me, um fei­er­lich die Aggres­si­on zu ver­ur­tei­len, der sich die herr­schen­den Krei­se Isra­els gegen die ara­bi­schen Nach­bar­staa­ten schul­dig gemacht haben.“ Das State­ment bezieht sich auf die Regie­rung, nicht auf die Israe­lis oder Jüd*innen an sich. Es stellt auch nicht das Exis­tenz­recht Isra­els in Fra­ge. Es wird ledig­lich dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Staats­grün­dung nicht nach dem vor­ge­se­he­nen UN-Plan erfolg­te. Die Behaup­tung zur Grün­dung Isra­els ist nicht kor­rekt. Isra­el hat­te sich selbst gegrün­det. Die Paläs­ti­nen­ser und die umge­ben­den Staa­ten (Ägyp­ten, Syri­en, Jor­da­ni­en und Irak) grif­fen Isra­el an. Das Ergeb­nis des Paläs­ti­na­krie­ges war aber, dass Gebie­te, die den Paläs­ti­nen­sern zuge­dacht waren, dann 1949 israe­lisch besetzt waren. Ansons­ten geht es in der Erklä­rung um die Gebiets­be­set­zung 1967, die im vori­gen Abschnitt beschrie­ben wur­den.9 Zum Schluss der Erklä­rung wird dar­auf hin­ge­wie­sen, wie die­ser Kon­flikt been­det wer­den kann: „Frie­den im Vor­de­ren Ori­ent wird es nur geben, wenn die Regie­rung Isra­els ihre impe­ria­lis­ti­sche Poli­tik auf­gibt und end­lich zu einer Poli­tik der guten Nach­bar­schaft und der Ach­tung der Inter­es­sen der ara­bi­schen Völ­ker fin­det.“. Es geht also ganz klar um gute Nach­bar­schaft. Das Exis­tenz­recht Isra­els wird nir­gends in Fra­ge gestellt. Die 1967 besetz­ten Gebie­te habe ich oben ver­linkt. Die geneig­te Leser*in möge den Links fol­gen und die in Wiki­pe­dia auf­ge­lis­te­ten UN-Reso­lu­tio­nen und völ­ker­recht­li­chen Ein­schät­zun­gen zur Kennt­nis neh­men. Erst 2024 stell­te der Inter­na­tio­na­le Gerichts­hof wie­der fest, dass das West­jor­dan­land unrecht­mä­ßig besetzt ist (tages­schau, 19.07.2024).

Also: Die­se Erklä­rung rich­te­te sich gegen die Poli­tik der israe­li­schen Regie­rung und ist auch nach der Defi­ni­ti­on der IHRA, die ich im Fol­gen­den dis­ku­tie­re, nicht antisemitisch.

Antisemitismus nach der Definition der IHRA

Im wei­te­ren Ver­lauf des Inter­views wie­der­holt Jan Kage den fal­schen Bezug auf den Jom-Kip­pur-Krieg und behaup­tet eben­falls, das State­ment dazu sei anti­se­mi­tisch gewesen:

Von hier bis zu der Debat­te nach dem Jom-Kip­pur-Krieg in der DDR: Immer wie­der kom­men die­se anti­se­mi­ti­schen Kli­schees hoch.

Jan Kage

Die­se Sache ist schwie­rig, aber wenn man sich gegen Krie­ge äußert, ist das noch lan­ge nicht anti­se­mi­tisch. Es kann anti­se­mi­tisch sein, auch kön­nen an sich nicht anti­se­mi­ti­sche Äuße­run­gen aus einer anti­se­mi­ti­schen Moti­va­ti­on her­aus getä­tigt wer­den, aber State­ments gegen einen Krieg sind nicht auto­ma­tisch anti­se­mi­tisch. Man kann sich das anhand der aktu­el­len Ent­wick­lun­gen in Gaza klar­ma­chen. Es ist abso­lut legi­tim, gegen die­sen Krieg zu sein. Ich habe Freun­de in Isra­el, die jede Woche gegen die Netan­ja­hu-Regie­rung protestieren.

Nurit auf dem Work­shop on lar­ge-sca­le grammar deve­lo­p­ment and grammar engi­nee­ring, Open Uni­ver­si­ty Hai­fa, Zikhron Ya’a­kov, 24.06.2015

Nurit hat ihre Nich­te beim Mas­sa­ker der Hamas ver­lo­ren. Sie war 17 und hat in der Wüs­te getanzt. Den­noch ist Nurit und ihre Fami­lie gegen den Krieg (Times of Isra­el, 20.03.2024) und sie demons­trier­te schon vor dem 7. Okto­ber 2023 jede Woche gegen die rechts­extre­me israe­li­sche Regie­rung. Ist sie anti­se­mi­tisch? Bin ich anti­se­mi­tisch, wenn ich den­ke wie sie? Wohl kaum.

Das hier ist die Defi­ni­ti­on von Anti­se­mi­tis­mus der Inter­na­tio­nal Holo­caust Remem­brance Alli­ance (IHRA), die von vie­len als zu streng abge­lehnt wird:

„Anti­se­mi­tis­mus ist eine bestimm­te Wahr­neh­mung von Jüdin­nen und Juden, die sich als Hass gegen­über Jüdin­nen und Juden aus­drü­cken kann. Der Anti­se­mi­tis­mus rich­tet sich in Wort oder Tat gegen jüdi­sche oder nicht­jü­di­sche Ein­zel­per­so­nen und/oder deren Eigen­tum sowie gegen jüdi­sche Gemein­de­in­sti­tu­tio­nen oder reli­giö­se Einrichtungen.“

Um die IHRA bei ihrer Arbeit zu lei­ten, kön­nen die fol­gen­den Bei­spie­le zur Ver­an­schau­li­chung dienen:

Erschei­nungs­for­men von Anti­se­mi­tis­mus kön­nen sich auch gegen den Staat Isra­el, der dabei als jüdi­sches Kol­lek­tiv ver­stan­den wird, rich­ten. Aller­dings kann Kri­tik an Isra­el, die mit der an ande­ren Län­dern ver­gleich­bar ist, nicht als anti­se­mi­tisch betrach­tet wer­den. Anti­se­mi­tis­mus umfasst oft die Anschul­di­gung, die Juden betrie­ben eine gegen die Mensch­heit gerich­te­te Ver­schwö­rung und sei­en dafür ver­ant­wort­lich, dass „die Din­ge nicht rich­tig lau­fen“. Der Anti­se­mi­tis­mus mani­fes­tiert sich in Wort, Schrift und Bild sowie in ande­ren Hand­lungs­for­men, er benutzt unheil­vol­le Ste­reo­ty­pe und unter­stellt nega­ti­ve Charakterzüge.

Das ist eine sinn­vol­le Defi­ni­ti­on mit einer sinn­vol­len Erklä­rung. Es ist nicht so, wie oft behaup­tet wird, dass die­se Defi­ni­ti­on Kri­tik an Isra­el unmög­lich machen wür­de. Jede Kri­tik an Isra­el wür­de aber sofort anti­se­mi­tisch wer­den, wenn man behaup­ten wür­de, dass Isra­el Gaza nur des­halb platt­ge­macht hat, weil die Men­schen in Isra­el Juden sind.

Also noch­mal: Die DDR war gegen Isra­el, weil Isra­el Teil des kapi­ta­lis­ti­schen Blocks war. Das steht auch sehr klar in die­sem Brief.

Nurit hat mir übri­gens davon erzählt, wie für den Krieg gegen die Men­schen im Gaza-Strei­fen argu­men­tiert wird. Es wird behaup­tet, in Gaza gäbe es kei­ne Unschul­di­gen. Schließ­lich hät­ten die Men­schen in Gaza ja die Hamas gewählt. Eine sol­che Argu­men­ta­ti­on ist ras­sis­tisch und rechts­extrem, denn: Die letz­ten Wah­len waren 2006. Wer weiß, was Men­schen heu­te den­ken? Wer weiß, was sie über den aktu­el­len Kon­flikt den­ken? Und was ist mit Kin­dern? Und unab­hän­gig davon: Muss man die Men­schen dann erschie­ßen? Inter­es­sant wird es, wenn man die­sel­be Logik auf Isra­el anwen­det, denn das wür­de bedeu­ten, dass es in Isra­el kei­ne Unschul­di­gen gibt und man die Israe­lis alle erschie­ßen könn­te, denn eine Mehr­heit von ihnen hat ja Netan­ja­hu gewählt bzw. eine der Koali­ti­ons­par­tei­en. Oder sind all die­je­ni­gen, die aktiv gegen den Krieg sind oder ihn auch nur pas­siv ableh­nen aus­ge­nom­men? Und was ist mit den Deut­schen? Was ist mit mei­nem Groß­on­kel? Ist er schuld? Der Mann aus dem ande­ren Teil der Fami­lie, der einem Juden ein Bahn­ti­cket gekauft hat und zur Flucht über Wla­di­wos­tok, Japan in die USA ver­hol­fen hat? Was ist mit uns, den Nach­kom­men? Bin ich raus, weil mein Groß­on­kel im KZ saß? Das wäre merk­wür­dig, denn für mei­nen Groß­on­kel kann ich nichts. Man kommt da in sehr schwie­ri­ge Berei­che. Die Alli­ier­ten haben nach dem Krieg die Vor­stel­lung von Kol­lek­tiv­schuld sehr schnell auf­ge­ge­ben. Es ist nicht gerecht­fer­tigt, ein ande­res Volk so zu behan­deln, wie es Isra­el der­zeit tut. Durch nichts.

Nurit hat ihre Nich­te ver­lo­ren. Ein jun­ges Mäd­chen, das getanzt hat. Bis früh um 7:00, bis die Ter­ro­ris­ten kamen. Bei der Aus­hand­lung des Waf­fen­still­stands gab es drei Hal­tun­gen von Men­schen aus Opfer­fa­mi­li­en. Man­che Eltern (weni­ge) waren der Mei­nung, ihre Kin­der soll­ten auf kei­nen Fall aus­ge­tauscht wer­den, denn auf die­se Wei­se kämen nur Paläs­ti­nen­ser frei, die wei­ter mor­den wür­den (War­ti­me Dia­ries, 2024). Eine zwei­te Grup­pe war der Ansicht, dass nur sol­che Men­schen aus­ge­tauscht wer­den soll­ten, die nicht zu den Mör­dern vom 7.10.2023 gehör­ten. Eine drit­te Grup­pe war dafür, dass das kei­ne Rol­le spie­len soll­te. Nurit und ihre Fami­lie gehör­te zur drit­ten Grup­pe. Ich bewun­de­re sie dafür. Die­ser Kon­flikt muss been­det wer­den. Der Hass muss ein Ende haben, die Spi­ra­le der Gewalt. Es geht nur, in dem bei­de Sei­ten sagen: Wir hören auf. Jetzt!

Die Ansichten von Max Kahane

Ein letz­ter Punkt noch hier­zu: „das vie­le Künst­ler, Jour­na­lis­ten und Schrift­stel­ler ver­wei­gert haben zu unter­schrei­ben. Einer davon war mein Groß­va­ter.“ In einem Inter­view von Wera Herz­berg, auf das ich wei­ter unten noch ein­ge­hen wer­de, berich­tet die­se von ihrer Mut­ter Ursu­la Herz­berg, die Staats­an­wäl­tin in der DDR war, dass die­se nie­mals etwas Kri­ti­sches gegen­über Isra­el gesagt oder unter­schrie­ben hät­te. Bei Max Kaha­ne war das anders (Dank an Peer, der das raus­ge­sucht hat):

Max Kaha­ne zu Isra­el in Neue Zeit, 23.04.1965, S. 6 (zwei Jah­re vor dem Sechstagekrieg)

Für Men­schen ohne DDR-Ver­ständ­nis: Für das State­ment der jüdi­schen Bür­ger der DDR gab es viel­leicht einen Druck zum Unter­schrei­ben von offi­zi­el­ler Sei­te. Anders war das für das obi­ge Doku­ment: Max Kaha­ne war die offi­zi­el­le Sei­te (aus ers­ter Hand). Was gedruckt wur­de, war abge­wo­gen. Auch wenn der Arti­kel das sug­ge­riert, wur­den kei­ne spon­ta­nen Ant­wor­ten, die viel­leicht Minu­ten spä­ter bereut wur­den, doku­men­tiert. Die Pres­se war in der Hand des Staa­tes. Die CDU war eine gleich­ge­schal­te­te Block­par­tei (Ulb­richt Mai, 1945: „Es muss demo­kra­tisch aus­se­hen, aber wir müs­sen alles in der Hand haben.“, Leon­hard, 1955). Was Max Kaha­ne hat dru­cken las­sen, war sei­ne Mei­nung und die des Staa­tes und der Tenor die­ser kur­zen Mel­dung ist der glei­che wie der des Brie­fes der jüdi­schen Bürger*innen: Isra­el ist ein impe­ria­lis­ti­scher Agres­sor. Anti­se­mi­tisch? Hängt von der Defi­ni­ti­on und deren Anwen­dung ab. Sie­he oben. Anti­im­pe­ria­lis­tisch? Ganz sicher. Bei Pro­fes­sor Eis­ler han­del­te es sich wohl um Hanns Eis­ler, eben­falls ein Jude.

Die Stel­lung­nah­me der jüdi­schen Bürger*innen erschien im Neu­en Deutsch­land. Pro­pa­gan­dis­tisch hät­te es über­haupt kei­nen Sinn erge­ben, wenn der Chef­kom­men­ta­tor des Neu­en Deutsch­lands einen Brief von unab­hän­gi­gen jüdi­schen Bürger*innen mit unter­zeich­net hät­te. Es war klar, dass das, was im Neu­en Deutsch­land erscheint, die offi­zi­el­le Mei­nung der SED-Staats­füh­rung war und somit iden­tisch mit der des Chef­kom­men­ta­tors. Sol­che Brie­fe und Stel­lung­nah­men waren dazu da, der rest­li­chen Bevöl­ke­rung zu zei­gen, was Intel­lek­tu­el­le und Künstler*innen von einer bestimm­ten Sache hal­ten. Also: Leon Kaha­ne kann sich nichts dar­auf ein­bil­den, dass sein Groß­va­ter das aus Leon Kaha­nes Sicht anti­se­mi­ti­sche State­ment nicht unter­schrie­ben hat. Viel­leicht war das State­ment ja doch nicht antisemitisch?

Nazis auf den mittleren Ebenen?

Jan Kage fragt:

Auch in der DDR hat man nach 1945 weder Rich­ter noch Staats­an­wäl­te oder Leh­rer – die­sen gan­zen Mit­tel­bau aus Beam­ten – aus­ge­tauscht. Das ging nicht, weil man nicht schnell genug nach­aus­bil­den konn­te. Statt­des­sen tausch­te man die Füh­rungs­ebe­ne aus. Und von hier konn­te man dann gut vom Osten auf den Wes­ten zei­gen. Wir sind die Guten und da drü­ben bei Ade­nau­er sit­zen die Faschis­ten. Und in Öster­reich auch. Waren die jüdi­schen Leu­te in der DDR Kron­zeu­gen für die­se eige­ne anti­fa­schis­ti­sche Erzählung?

Leon Kaha­ne wider­spricht dem nicht, aber die Aus­sa­ge ist ein­fach falsch. Es gab nach dem Krieg die soge­nann­ten Neu­leh­rer. Ich ken­ne per­sön­lich einen Latein/­Kunst-Leh­rer, der Mit­glied der NSDAP gewe­sen war und nach dem Krieg nicht arbei­ten durf­te. Das steht im Wiki­pe­dia-Ein­trag zu den Neulehrern:

Wur­den im ers­ten Schul­jahr noch eini­ge Leh­rer mit natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Ver­gan­gen­heit gedul­det, so wur­den die Richt­li­ni­en für den Ver­bleib im Schul­dienst schritt­wei­se ver­schärft. In den west­li­chen Besat­zungs­zo­nen konn­ten eini­ge Leh­rer mit zwei­fel­haf­tem Hin­ter­grund nach soge­nann­ten „Ent­bräu­nungs­kur­sen“ ab 1947 wie­der in den Schul­dienst ein­tre­ten, wäh­rend in der sowje­ti­schen Besat­zungs­zo­ne das Neu­leh­rer­pro­gramm so umfang­reich gestal­tet wur­de, dass gro­ße Tei­le der bis­he­ri­gen Leh­rer­schaft von den rund 40.000 Neu­leh­rern ersetzt wur­den. Obschon die alte Leh­rer­schaft die Qua­li­tät einer höchs­tens ein­jäh­ri­gen Umschu­lung anzwei­fel­te, war auf­grund des zumeist aka­de­mi­schen Hin­ter­grun­des der Neu­leh­rer das Ergeb­nis hin­rei­chend gut und ermög­lich­te den sonst im Nach­kriegs­deutsch­land auf­ga­ben­lo­sen Beru­fen eine fes­te Anstel­lung. Die gro­ße Mehr­zahl der Neu­leh­rer blieb auf Dau­er im Schul­dienst tätig.

Wiki­pe­dia­ein­trag Neu­leh­rer, 05.11.2025

Auch die Behaup­tung bezüg­lich der Juris­ten ist nicht rich­tig. Die Mut­ter von André Herz­berg (Dem Sän­ger der Rock­band Pan­kow, die auch in der Aus­stel­lung vor­kam) war Staats­an­wäl­tin in der DDR. Sie hat­te nach dem Krieg und der Rück­kehr aus dem Exil einen Crash-Kurs zur Juris­tin absol­viert. Ihre Toch­ter Wera Herz­berg hat über ihr Leben ein Thea­ter­stück gemacht und schreibt dazu in der Ber­li­ner Zeitung:

In Lei­ces­ter, wo sie leb­te, hat sie mei­nen Vater ken­nen­ge­lernt und vie­le ande­re jüdi­sche Emi­gran­ten aus Deutsch­land. Sie trat in die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei ein und ging 1947 zurück nach Deutsch­land, nach Ber­lin-Ste­glitz, wo sie bei Freun­den woh­nen konn­te. Und dann bekam sie die Chan­ce, einen Kurz­lehr­gang im Fach Jura zu besu­chen. Das war in Pots­dam und damit ver­bun­den war die Auf­for­de­rung, in den sowje­tisch besetz­ten Teil Deutsch­lands zu ziehen.

[…]

War­um ist sie zurück­ge­gan­gen?

Mei­ne Mut­ter ist 1942 in die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei ein­ge­tre­ten, und hat­te tat­säch­lich einen Auf­trag. Aber sie hat auch dar­an geglaubt, dass sie in die­sem Deutsch­land etwas ändern kann. Und der erkenn­ba­re Anti­fa­schis­mus im Ost­teil war für sie etwas Gutes. Zudem tat sich dort für sie ein rie­si­ges Berufs­feld auf, weil alle Nazi-Juris­ten ent­las­sen wurden.

Hat Ihre Mut­ter spä­ter noch Jura stu­diert?

Sie soll­te, aber sie hat­te dann schon drei Kin­der, hat­te sich von mei­nem Vater schei­den las­sen. Es war für sie nicht zu stem­men. Sie hat dann auf mitt­le­rer Ebe­ne als Staats­an­wäl­tin gear­bei­tet, war auch mal Jugend­staats­an­walt, aber eigent­lich war ihr Gebiet die Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät, auch Dieb­stäh­le und so etwas.

Lenz, Susan­ne. 11.01.2025. Wera Herz­berg im Inter­view: „Mei­ne Mut­ter woll­te raus aus dem ver­ein­ten Deutsch­land“. Ber­li­ner Zei­tung.

Peer hat mich auf Hafer­kamp & Wudt­ke (1997) hin­ge­wie­sen. In die­ser Fach­ver­öf­fent­li­chung zur Rich­ter­aus­bil­dung in der DDR kann man Fol­gen­des lesen:

Hin­zu kamen die rigo­ro­sen Ent­na­zi­fi­zie­rungs­plä­ne der Sowjets. In Befehl Nr. 49 der SMAD vom 4. Sep­tem­ber 1945 wur­de ange­ord­net, daß „bei der Durch­füh­rung der Reor­ga­ni­sa­ti­on des Gerichts­we­sens sämt­li­che frü­he­re Mit­glie­der des NSDAP aus dem Appa­rat der Gerich­te und der Staats­an­walt­schaft zu ent­fer­nen sind, eben­so Per­so­nen, wel­che an der Straf­po­li­tik unter dem Hit­ler­re­gime unmit­tel­bar teil­ge­nom­men haben.“ Von den etwa 2400 im Mai 1945 im Jus­tiz­dienst täti­gen Rich­tern und Staats­an­wäl­ten hat­ten knapp 80 % das Par­tei­buch der NSDAP. Schon im Okto­ber 1945 führ­te eine ers­te Ent­las­sungs­wel­le in der SBZ zur Ent­fer­nung von 811 Rich­tern, das ent­sprach etwa 90 % der NS-belas­te­ten Rich­ter. Bis 1948 erhöh­te sich die­se Zahl auf 905, damit betrug die ver­blie­be­ne Belas­tung in der Rich­ter­schaft im Sep­tem­ber 1948 4,8 %. Zu Errei­chung des Min­dest­solls für die Ein­rich­tung einer funk­ti­ons­fä­hi­gen Jus­tiz fehl­ten Ende 1945 bereits etwa 40 % der Rich­ter. Die ört­li­chen Kom­man­dan­ten ver­such­ten, die Lücke durch sog. „Rich­ter im Sofort­ein­satz“ zu schlie­ßen. Regio­nal unter­schied­lich über­nah­men juris­tisch halb- oder unge­bil­de­te Kom­mu­nis­ten und „bewähr­te Anti­fa­schis­ten“ die Recht­spre­chung. Ende 1945 waren etwa 25 % der Rich­ter „im Soforteinsatz“.

Hafer­kamp, Hans-Peter & Wudt­ke, Tors­ten. 1997. Rich­ter­aus­bil­dung in der DDR. forum his­to­riae iuris. Quel­len für die Ein­zel­aus­sa­gen sie­he dort.

Die Behaup­tun­gen von Jan Kage sind also plain wrong und es ist eine Schan­de für Leon Kaha­ne, dass er sie unwi­der­spro­chen ste­hen lässt.

Ehm, davon unab­hän­gig bleibt der Rest von Kages Fra­ge natür­lich wahr: „Und von hier konn­te man dann gut vom Osten auf den Wes­ten zei­gen. Wir sind die Guten und da drü­ben bei Ade­nau­er sit­zen die Faschis­ten.“ Die Füh­rungs­ebe­ne war aus­ge­tauscht und die Faschis­ten saßen im Wes­ten. Hans Glob­ke zum Bei­spiel. Glob­ke war Mit­ver­fas­ser der Nürn­ber­ger Ras­sen­ge­set­ze und rech­te Hand Ade­nau­ers. Die Orga­ni­sa­ti­on Geh­len war der Vor­läu­fer des BND und wur­de von Nazis auf­ge­baut. Alles so Sachen, die man schlecht weg­dis­ku­tiert bekommt. Ich habe auch für KZ-Mann­schaf­ten oder Deut­sche Chris­ten, die die Bibel von jüdi­schen Ein­flüs­sen befrei­en woll­ten, Ver­bleibs­stu­di­en ange­stellt. Die Schwer­ver­bre­cher sind bis auf sehr weni­ge Aus­nah­men alle in den Wes­ten oder über die Rat­ten­li­nie (von der katho­li­schen Kir­che bzw. US-Geheim­diens­ten orga­ni­siert) nach Argen­ti­ni­en oder in die ara­bi­sche Welt geflo­hen. Auch von den im Osten leben­den christ­li­chen Anti­se­mi­ten sind vie­le in den Wes­ten gegan­gen. Sie­he Nazis im Wes­ten, Nazis in der SED und Das SS-Lager­per­so­nal von Buchen­wald und (Ost-)Deutsche Chris­ten in Ost und West.

Antisemitismus?

Ich möch­te einen Punkt noch ein­mal klar machen: Isra­el begeht Men­schenrechs­ver­let­zun­gen. Der Anti­se­mi­tis­mus­vor­wurf ist eine Immu­ni­sie­rungs­stra­te­gie: Jede Kri­tik an Isra­el wird sofort als Anti­se­mi­tis­mus geblockt. Zum bes­se­ren Ver­ständ­nis viel­leicht hier ein Bei­spiel für sol­che Stra­te­gien aus den Mate­ria­li­en der Ama­deu-Anto­nio-Stif­tung, die Leon Kaha­nes Tan­te Anet­ta Kaha­ne gelei­tet hat. In der Erklä­rung anti­se­mi­ti­scher Codes wird neben Roth­schild, Rocke­fel­ler, Geor­ge Sor­os, Mark Zucker­berg und Bill Gates noch Anet­ta Kaha­ne genannt.

Bei­spiel für anti­se­mit­sche Codes in Mate­ri­al der Ama­deu-Anto­nio-Stif­tung erstellt am 23.09.2021 decon­s­truct anti­se­mi­tism! Anti­se­mi­ti­sche Codes und Meta­phern erken­nen, auch heu­te noch vom Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Bil­dung, Fami­lie, Senio­ren, Frau­en und Sport ver­linkt.

Als beschei­de­ner Mensch wür­de ich, wenn ich für eine sol­che Bro­schü­re ver­ant­wort­lich wäre (Anet­ta Kaha­ne lei­te­te die Stif­tung bis 2022), dafür sor­gen, dass mein Name aus die­ser Lis­te ver­schwin­det, selbst wenn die Aus­sa­ge wahr wäre. Davon abge­se­hen: Anet­ta Kaha­ne mag sich als Aus­län­der­be­auf­trag­te und auch im Kampf gegen Anti­se­mi­tis­mus ver­dient gemacht haben, sie spielt aber in einer gaaaaa­anz ande­ren Liga als Rocke­fel­ler, Sor­os, Zucker­berg und Gates. In einer ganz ande­ren. So anders, dass es schon weh tut. Die Auf­nah­me des eige­nen Namens in eine sol­che Lis­te ist der Ver­such der Immu­ni­sie­rung: Alle die Anet­ta Kaha­ne kri­ti­sie­ren, han­deln anti­se­mi­tisch, wenn man die Kri­te­ri­en von Anet­ta Kaha­ne zugrundelegt.

Zeitzeugen

Leon Kaha­ne gehört wie Anne Rabe zur Drit­ten Gene­ra­ti­on Ost. Die bei­den sind fast gleich alt. Anne Rabe hat in einer Podi­ums­dis­kus­si­on mit Simo­ne Schmol­lack auf die Fra­ge, wie sie denn über die DDR schrei­ben kön­ne, wenn sie zur Wen­de erst drei Jah­re alt war, geant­wor­tet, dass Umber­to Eco ja auch nicht im Mit­tel­al­ter gelebt, aber den­noch über die­se Zeit geschrie­ben habe. Das ist wohl wahr, aber im Gegen­satz zu Anne Rabe konn­te man Umber­to Eco bis­her kei­ne gro­ben Schnit­zer in sei­nem Roman nach­wei­sen. Im Gegen­satz zur Nach­kriegs­ge­nera­ti­on und zur DDR-Gene­ra­ti­on kön­nen die jüngs­ten Vertreter*innen der Drit­ten Gene­ra­ti­on Ost nichts oder sehr wenig über ihre Zeit in der DDR sagen, dafür aber eini­ges über die Nach­wen­de­zeit und das Leben mit ihren vom Umbruch betrof­fe­nen Eltern. Wenn Sie sich den­noch zu The­men äußern, die den DDR-All­tag betref­fen, müs­sen sie sich genau­so auf­wen­dig in die Mate­rie ein­ar­bei­ten, wie Men­schen aus dem Wes­ten. Sie brau­chen Quel­len und müs­sen ihr Wis­sen sys­te­ma­ti­sie­ren. Leon Kaha­ne hat offen­sicht­lich kei­ne Ahnung von den Sub­kul­tu­ren in der DDR und lei­der auch nicht von der Geschich­te der DDR nach dem Krieg (Neu­leh­rer) und der Geschich­te Isra­els (Sechs­ta­ge­krieg vs. Jom-Kip­pur-Krieg). Sonst hät­te er sei­nem Inter­view­part­ner wider­spre­chen müs­sen. Genau so hat Anne Rabe kei­ne Ahnung von Amok­läu­fen oder Poli­zei­sta­tis­ti­ken. All­ge­mein nicht mit dem wis­sen­schaft­li­chen Arbei­ten. Rabe und Kaha­ne kom­men aus sys­tem­treu­en Fami­li­en, wes­halb ihnen selbst das Wis­sen über den DDR-Unter­grund aus zwei­ter Hand aus den Fami­li­en fehlt. Ihre Aus­sa­gen sind also mit Vor­sicht zu genie­ßen und soll­ten von inter­es­sier­ten Journalist*innen veri­fi­ziert wer­den. Damit kann man Pein­lich­kei­ten wie das vor­lie­gen­de Inter­view und auch eine Preis­ver­ga­be an ein schlech­tes Buch vermeiden.

Zusammenfassung

Zusam­men­ge­fasst: Auch Israe­lis kön­nen Ras­sis­ten sein, auch Israe­lis kön­nen das Völ­ker­recht bre­chen und Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen bege­hen. Und Anet­ta Kaha­ne und ihr Nef­fe kön­nen Unfug über den Osten ver­brei­ten. Dass man zu einer dis­kri­mi­nier­ten Min­der­heit gehört, bedeu­tet nicht, dass man unfehl­bar ist. Um es mit Fun­ny van Dan­nen zu sagen: Auch les­bi­sche schwar­ze Behin­der­te kön­nen ätzend sein!

Das gan­ze Inter­view ist mal wie­der ein Ärger­nis und letzt­end­lich auch ein Bei­trag zur För­de­rung des Faschis­mus, auch wenn das Jan Kage und Leon Kaha­ne jetzt weh­tun mag. Die Bericht­erstat­tung über den Osten ist seit über 35 Jah­ren auf ähn­li­chem Niveau. Das hat zur Fol­ge, dass die west­deut­schen Leit­me­di­en im Osten nicht mehr kon­su­miert wer­den (Fromm, 2021), dass wei­te Tei­le der ost­deut­schen Gesell­schaft nicht mehr am Dis­kurs teil­neh­men und dann ihre Infor­ma­tio­nen aus diver­sen Schmud­del­ka­nä­len auf Tele­gram und sonst­wo bekom­men. War­um soll­ten sie Geld bezah­len, um Falsch­in­for­ma­tio­nen über sich zu lesen? War­um soll­ten sie Men­schen aus dem Wes­ten zuschau­en, die über sie spre­chen? Oder Men­schen aus dem Osten, die kei­ne Ahnung haben, wie die DDR war und The­sen ver­brei­ten, die zu dem pas­sen, was Men­schen aus dem Wes­ten hören wol­len? Die­se Men­schen zurück­zu­ho­len dürf­te schwer wer­den. Viel­leicht ist es bereits zu spät.

Danksagungen

Ich dan­ke Peer, der in der Dis­kus­si­on auf Mast­o­don mal wie­der wert­vol­le Doku­men­te bei­getra­gen hat.

Quellen

Dahn, Danie­la. 1997. West­wärts und nicht ver­ges­sen: Vom Unbe­ha­gen in der Ein­heit (Rororo Sach­buch 60341). Ham­burg: Rowohlt Verlag.

Decker, Kers­tin. 1999. Das Töpf­chen und der Haß. tages­spie­gel. Ber­lin. (https://www.tagesspiegel.de/kultur/das-toepfchen-und-der-hass/77844.html)

Fromm, Anne. 2021. Pres­se in Ost­deutsch­land: Wer strei­chelt unse­re See­le? taz. Ber­lin. (https://taz.de/Presse-in-Ostdeutschland/!5756271/)

Gosch­ler, Con­stan­tin. 1993. Pater­na­lis­mus und Ver­wei­ge­rung – Die DDR und die Wie­der­gut­ma­chung für jüdi­sche Ver­folg­te des Natio­nal­so­zia­lis­mus. In Benz, Wolf­gang (ed.), Jahr­buch für Anti­se­mi­tis­mus­for­schung, vol. 2. Frankfurt/Main: Campus-Verlag.

Hafer­kamp, Hans-Peter & Wudt­ke, Tors­ten. 1997. Rich­ter­aus­bil­dung in der DDR. forum his­to­riae iuris. (https://forhistiur.net/1997–10-haferkamp-wudtke/1997–10-haferkamp-wudtke)

Jung, Tilo. 2025. Geno­zid-For­scher Omer Bar­tov über Gaza, Isra­el & den Wes­ten. (https://jung-naiv.podigee.io/1103–784-genozid-forscher-omer-bartov-uber-gaza-israel-den-westen)

Lenz, Susan­ne. 2025. Wera Herz­berg im Inter­view: „Mei­ne Mut­ter woll­te raus aus dem ver­ein­ten Deutsch­land“. Ber­li­ner Zei­tung, 11.01.2025. (https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/theater/wera-herzberg-im-interview-meine-mutter-wollte-raus-aus-dem-vereinten-deutschland-li.2286366)

Leon­hard, Wolf­gang. 1955. Die Revo­lu­ti­on ent­lässt ihre Kin­der (Kiwi Band 119). Köln: Kie­pen­heu­er & Witsch.

Sokol, Sam. 2024. Likud MK tells fami­ly mem­ber of Oct. 7 vic­tim to ‘get out of my sight’ during Knes­set pro­test. Times of Isra­el 20.03.2024. (https://www.timesofisrael.com/liveblog_entry/likud-mk-tells-family-member-of-oct-7-vicitm-to-get-out-of-my-sight-during-knesset-protest/)

tages­schau. 2024. Inter­na­tio­na­ler Gerichts­hof: Isra­els Sied­lungs­po­li­tik laut UN-Gut­ach­ten ille­gal. tages­schau 19.07.2024. ARD. (https://www.tagesschau.de/ausland/asien/israel-igh-volkerrecht-100.html)

Tzvi­ka Mor. 2024. War­ti­me dia­ries 143. (https://www.israelstory.org/episode/tzvika-mor/)

Wel­lisch, Felix. 2025. Frei­ge­las­se­ne Paläs­ti­nen­ser: Wei­ter Weg zur Ver­söh­nung. taz. 29.10.2025. Ber­lin. (https://taz.de/Freigelassene-Palaestinenser/!6122480/)


Der 08.10.1989

Ich kann es nicht glau­ben, dass ich zu die­sem Tag noch nichts geschrie­ben habe. Jeden­falls kann ich nichts fin­den. Am 7.10.1989 gab es in Ber­lin die monat­li­che Demons­tra­ti­on, die seit der durch die kirch­lich orga­ni­sier­te Oppo­si­ti­on nach­ge­wie­se­ne Wahl­fäl­schung am 7. Mai 1989 monat­lich statt­fand. Gor­bat­schow war in der Stadt, Hon­ecker woll­te mit ihm und ein paar ran­ge­karr­ten FDJ­lern den 40. Jah­res­tag der Grün­dung der DDR fei­ern. Das miss­lang gründ­lich. Ich habe dar­über bereits in Der Anfang vom Ende (Repu­blik­ge­burts­tag) geschrie­ben. Die Demons­tra­ti­on der Oppo­si­tio­nel­len fand statt. Behelm­te Poli­zis­ten mit Schlag­stö­cken und Räum­pan­zer waren im Ein­satz. Am 8.10. und 9.10. fan­den Got­tes­diens­te in der Geth­se­ma­ne-Kir­che statt. Damals ver­füg­ten nur weni­ge meist pri­vi­le­gier­te Men­schen über Tele­fo­ne (Ärz­te, Funk­tio­nä­re, Sta­si, Men­schen in Neu­bau­vier­teln und sonst wie Glück­li­che). Die Kom­mu­ni­ka­ti­on war in Kri­sen­zei­ten also ein­ge­schränkt. Kir­chen ver­füg­ten über Tele­fo­ne und orga­ni­sier­ten den Aus­tausch und den Wider­stand. Ich war an die­sen Tagen auch bei den Got­tes­diens­ten. Es wur­den Gedächt­nis­pro­to­kol­le von Men­schen ver­le­sen, die von der Sta­si ver­haf­tet wor­den waren. Es wur­den die Zah­len von Men­schen ver­kün­det, die in ande­ren Städ­ten ver­haf­tet wor­den waren. Zu die­sem Zeit­punkt war alles noch unklar. Nie­mand wuss­te, wie es enden wür­de. Ich war im August aus der Armee ent­las­sen wor­den, aber sie hat­ten uns nach dem Mas­sa­ker auf dem Tian’anmen-Platz chi­ne­si­sche Pro­pa­gan­da­fil­me gezeigt. Alle muss­ten teil­neh­men. Es war klar, war­um wir die­sen Film sehen muss­ten: Wir soll­ten auf die Nie­der­schla­gung eines Volks­auf­stan­des vor­be­rei­tet wer­den. Krenz war in Peking und bekun­de­te sei­ne Soli­da­ri­tät (sie­he auch Wiki­pe­dia-Ein­trag zu inter­na­tio­na­len Reak­tio­nen). Mei­ne Freun­de, die noch bei der Armee waren, waren an die­sem Tag vor Dres­den im Ein­satz. Sie hat­ten Schlag­stö­cke und Hel­me bekom­men und stan­den außer­halb der Stadt bereit. Im Roman Der Turm von Uwe Tell­kamp sind ent­spre­chen­de Sze­nen ent­hal­ten. Von die­sen Ein­sät­zen wuss­te ich damals nichts, ich habe das erst spä­ter erfah­ren, aber dass die Lage ernst war, war klar.

Nach der Ver­an­stal­tung woll­te ich die Kir­che ver­las­sen, aber vor dem Ein­gang stau­te sich die Men­ge. Die Kir­che war von Poli­zis­ten umstellt. Kir­chen hat­ten in der DDR einen beson­de­ren Sta­tus: Die Kir­che hat­te in ihren Kir­chen und auf dem umge­ben­den Gelän­de Haus­recht. Die Poli­zei hielt sich dar­an und blieb drau­ßen. Die Sta­si offi­zi­ell auch. Inof­fi­zi­ell war in jeder Grup­pe von drei Oppo­si­tio­nel­len ein Sta­si­spit­zel (zuge­spitzt). Mit­un­ter auch in Ehen, also Zwei­er­grup­pen (sie­he Vera Wollenberger/Lengsfeld). Für uns bedeu­te­te der Son­der­sta­tus der Kir­chen, dass wir auf dem Kir­chen­ge­län­de sicher waren, aber irgend­wann muss­ten wir es ja ver­las­sen. Wir stan­den auf den Kir­chen­stu­fen direkt neben der Jesus-Sta­tue, der Sockel war von Wachs­ber­gen bedeckt.10 Hier fand seit eini­ger Zeit eine Mahn­wa­che statt und es wur­den immer wie­der Ker­zen ent­zün­det. Wir stan­den also direkt neben Jesus und rie­fen: „Kei­ne Gewalt! Kei­ne Gewalt!“. Neben mir stand ein stadt­be­kann­ter Punk, er rief es mit geball­ter Faust.

Der Pfar­rer ver­han­del­te mit der Poli­zei und wir konn­ten das Kir­chen­ge­län­de unge­hin­dert ver­las­sen. Bis zur S‑Bahn-Brü­cke Grei­fen­ha­gner Stra­ße war alles abge­sperrt. Poli­zei­ket­ten. Mein Freund und ich konn­ten ohne Pro­ble­me pas­sie­ren und waren drau­ßen. Wir sind dann zum Kino Colos­se­um gegan­gen, weil wir Kar­ten für Zwei schrä­ge Vögel hat­ten. Einer der letz­ten DEFA-Fil­me vor dem Mau­er­fall. Ein kri­ti­scher. Und wenn man schon Kino­kar­ten hat, dann lässt man die ja wegen der Revo­lu­ti­on nicht ver­fal­len. Als wir aus dem Kino kamen, war die Revo­lu­ti­on auch noch nicht vor­bei. Sie hat­te sich viel­mehr zuge­spitzt: Vor dem Kino stand eine Poli­zei­ket­te mit Poli­zis­ten mit Leder­stie­feln und Hun­den. Auch so etwas hat­te ich vor­her noch nie gese­hen. Die­se Sze­ne ist auch in Jochen Schmidts Roman Hoplo­poi­ia beschrieben.

Mein Freund und ich wohn­ten bei­de im Prenz­lau­er Berg. Wir trie­ben uns noch eine Wei­le auf der Schön­hau­ser Allee her­um, die für den Ver­kehr gesperrt war. Anwohner*innen waren auf der Stra­ße und dis­ku­tier­ten. Gan­ze Züge von Sta­si-Mit­ar­bei­tern in Zivil waren im Ein­satz. Sie waren in der Grup­pe leicht zu erken­nen: kur­ze Fri­su­ren, stone­wa­shed Jeans. Die Jeans waren begehrt und es gab sie nicht in aus­rei­chen­dem Maße zu kau­fen. Wahr­schein­lich hat­ten die Sta­sis eine pri­vi­le­gier­te Ver­sor­gung. Wenn sich irgend­wo eine Dis­kus­si­on inten­si­vier­te, kamen die­se Men­schen und umring­ten die Dis­ku­tie­ren­den. Es war dann wei­se, sich zu ver­drü­cken, wenn man nicht mit­ge­nom­men wer­den woll­te. So wur­den Dis­kus­sio­nen immer wie­der unterbunden.

Mir wur­de das irgend­wann zu heiß und ich zog mich in mei­ne Woh­nung zurück.

Die Nazis aus der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein (und Brandenburg)

Neu­lich hat­te ich ja mal geguckt, wo die Nazis aus dem KZ Lich­ten­burg und die Nazis aus Buchen­wald abge­blie­ben sind. Durch einen taz-Arti­kel über den Wahr­sa­ger Max Moe­cke (taz, 25.09.2025), der in Pir­na-Son­nen­stein ermor­det wur­de, bin ich auf die­sen Ort gekom­men und habe dann mal nach­ge­schaut, wo die Nazis nach Kriegs­en­de hin­ge­gan­gen sind und was aus ihnen gewor­den ist. Der Wiki­pe­dia­ein­trag für Pir­na-Son­nen­stein lis­tet fol­gen­de Per­so­nen auf, die für Eutha­na­sie-Ver­bre­chen im Rah­men der Akti­on T4 (13.720 psy­chisch kran­ke und geis­tig behin­der­te Men­schen wur­den in Son­nen­stein mit Gift­gas ermor­det) oder Mor­de an poli­ti­schen Geg­nern zustän­dig waren. Ich bespre­che im Fol­gen­den erst Pir­na-Son­nen­stein. Danach gibt es noch einen Nach­trag zur Tötungs­an­stalt in Bran­den­burg.

Die Akti­on T4 wur­de 1941 von Hit­ler been­det und das Schloss Son­nen­stein anders ver­wen­det, aber eini­ge der Nazis, die T4 bis dahin umge­setzt hat­ten, mor­de­ten dann in den Ver­nich­tungs­la­gern wei­ter. Die fol­gen­den Per­so­nen wer­den im Zusam­men­hang mit den Ver­nich­tungs­la­gern genannt:

Ansons­ten wer­den im Arti­kel noch fol­gen­de Ärz­te nament­lich genannt:

1947 gab es in Dres­den einen Pro­zess (Dresd­ner Ärz­te­pro­zess), in dem Her­mann Paul Nit­sche (seit 1940 einer der medi­zi­ni­schen Lei­ter der Kran­ken­mord­ak­ti­on) und zwei Son­nen­stei­ner Pfle­ger wur­den zum Tod ver­ur­teilt. Außer­dem gab es Haft­stra­fen, die 1956 bei einer Amnes­tie erlas­sen wur­den. In Wiki­pe­dia kann man zu dem Pro­zess lesen:

Der Dres­de­ner Pro­zess gilt als einer der frü­hes­ten Ver­su­che der deut­schen Jus­tiz zur juris­ti­schen Auf­ar­bei­tung der NS-Kran­ken­mor­de. Er fand unter Ober­ho­heit der sowje­ti­schen Besat­zung statt, Rechts­grund­la­ge war das Kon­troll­rats­ge­setz Nr. 10, das unter ande­rem die Bestra­fung von Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit vor­sah.[6]

Zwi­schen dem 16. Juni und dem 25. Juni wur­den die Ange­klag­ten und die Zeu­gen in öffent­li­chen Sit­zun­gen ver­nom­men.[7] Durch die Medi­en fand der Pro­zess in der Öffent­lich­keit gro­ße Auf­merk­sam­keit. Die Säch­si­sche Zei­tung berich­te­te täg­lich über den Ver­lauf des Pro­zes­ses.[8]

Am 7. Juli 1947 wur­de das Urteil ver­kün­det.[9] Die Staats­an­walt­schaft hat­te zwar elf­mal die Todes­stra­fe bean­tragt, jedoch wur­de sie nur vier­mal aus­ge­spro­chen. Beson­ders bei den Kran­ken­schwes­tern fie­len die Urtei­le meist gerin­ger aus als gefor­dert wur­de. Ein­zel­ne Ange­klag­te, dar­un­ter der Haupt­an­ge­klag­te Alfred Schulz sowie der Lei­ter der Kin­der­fach­ab­tei­lung Arthur Mit­tag, hat­ten sich zuvor sui­zi­diert resp. Sui­zid­ver­su­che began­gen, an deren Fol­gen sie ver­star­ben. Im März 1948 wur­den die Todes­ur­tei­le in Dres­den voll­streckt, nach­dem eine Revi­si­on gegen das Urteil mit Beschluss des Ober­lan­des­ge­richts Dres­den vom 27. Sep­tem­ber 1947 als unbe­grün­det ver­wor­fen wor­den war.[10]

Ich zitie­re das hier, damit man sehen kann, dass es im Osten Auf­ar­bei­tung gab, dass es Todes­ur­tei­le gab, die voll­streckt wur­den, dass es Medi­en­be­glei­tung gab. In ent­spre­chen­den Ver­öf­fent­li­chung wird immer wie­der behaup­tet, dass es in der DDR kei­ne Auf­ar­bei­tung und kei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Natio­nal­so­zia­lis­mus gab. Die Wahr­heit ist, dass es in bestimm­ten Berei­chen die ers­ten Pro­zess gab und dass die DDR auch bei der Errich­tung von Gedenk­stät­ten dem Wes­ten bis zum Schluss weit vor­aus war.

Text­ta­fel: „Die SED betrach­tet den Auf­stieg des Natio­nal­so­zia­lis­mus als eine Fol­ge des kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schafts­sys­tems. Mit der Eta­blie­rung des «Arbei­ter- und Bau­ern­staa­tes» und sei­nes plan­wirt­schaft­li­chen Sys­tems sieht sie den Faschis­mus als end­gül­tig über­wun­den an. Geschichts­po­li­tisch stellt sich die Par­tei in die Tra­di­ti­on des kom­mu­nis­ti­schen Arbei­ter­wi­der­stands gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus (NS). An Orten ehe­ma­li­ger Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger wird daher vor allem an pro­mi­nen­te Kom­mu­nis­ten wie Ernst Thäl­mann erin­nert, wäh­rend ande­re Opfer­grup­pen, allen vor­an Juden:Jüdinnen, in den Hin­ter­grund gerückt wer­den.
Die drei gro­ßen «Natio­na­len Mahn- und Gedenk­stät­ten» Buchen­wald, Sach­sen­hau­sen und Ravens­brück wer­den jähr­lich von Hun­dert­tau­sen­den besucht. Da es in der Bun­des­re­pu­blik zu jener Zeit kei­ne ver­gleich­ba­ren gesamt­staat­li­chen Insti­tu­tio­nen zur Erin­ne­rung an den NS-Ter­ror gibt, wird der Umgang mit ihnen ab 1990 wich­tig für die Her­aus­bil­dung der heu­ti­gen Gedenk­stät­ten­land­schaft.“ Muse­um Uto­pie und All­tag, Eisen­hüt­ten­stadt, 07.08.2025

Jetzt noch ein­mal eine alpha­be­ti­sche Lis­te aller Per­so­nen, die ich in Wiki­pe­dia fin­den konn­te, und deren Ver­bleib nach 1945.

  • Kurt Borm (2001, Suder­burg, Nie­der­sach­sen, Borm ver­heim­lich­te sei­ne Iden­ti­tät und wur­de in Schles­wig-Hol­stein lei­ten­der Arzt. Erst 1962 wur­de er ver­haf­tet, dann aber aus der Unter­su­chungs­haft ent­las­sen. „Am 6. Juni 1972 sprach ihn das Gericht frei. Borm habe zwar objek­tiv Bei­hil­fe zur Tötung von min­des­tens 6652 Geis­tes­kran­ken geleis­tet, jedoch kön­ne ihm nicht nach­ge­wie­sen wer­den, dass er schuld­haft gehan­delt habe, da ihm „unwi­der­leg­bar das Bewusst­sein der Rechts­wid­rig­keit“ sei­nes Tuns gefehlt habe. Urteil 1974 vom Bun­des­ge­richts­hof bestä­tigt.“ Er war dann wei­ter als Arzt tätig.),
  • Kurt Bolen­der (Sui­zid vor Urteils­ver­kün­dung, 1966, Hagen, NRW, leb­te bis 1961 uner­kannt in Ham­burg die Peit­sche aus dem KZ hat­te er noch in der Woh­nung. Er war mit Diet­rich Allers befreun­det, der T4 gelei­tet hatte)
  • Klaus End­ru­weit (1994, Hil­des­heim, Nie­der­sach­sen, „Am Ende des Krie­ges noch an der Ost­front ein­ge­setzt, geriet End­ru­weit in ame­ri­ka­ni­sche Gefan­gen­schaft, aus der er jedoch als­bald wie­der ent­las­sen wur­de. Im Juni 1945 konn­te er in Hil­des­heim beim Städ­ti­schen Kran­ken­haus gegen freie Woh­nung und Ver­pfle­gung unter­kom­men. Am 1. Juli 1946 eröff­ne­te er eine Arzt­pra­xis in Bet­t­rum im Land­kreis Hil­des­heim. Gleich­zei­tig war er ab 1956 Vor­stands­mit­glied der Kas­sen­ärzt­li­chen Ver­ei­ni­gung sowie von 1956 bis 1957 und 1962 bis 1965 der Ärz­te­kam­mer Nie­der­sach­sens in Hil­des­heim. Dort konn­te er bis zu sei­ner Ver­haf­tung am 20. Juni 1962 unbe­hel­ligt prak­ti­zie­ren. Noch am glei­chen Tage erhielt er Haft­ver­scho­nung gegen die Auf­la­ge, sich ein­mal wöchent­lich bei der Poli­zei zu mel­den. So konn­te er wei­ter­hin prak­ti­zie­ren.“ „Noch vor Pro­zess­be­ginn ord­ne­te der Regie­rungs­prä­si­dent in Hil­des­heim am 16. Sep­tem­ber 1966 das Ruhen von End­ru­weits Bestal­lung als Arzt an. Ähn­lich wie bei sei­nem Mit­an­ge­klag­ten lös­te die­se Ent­schei­dung eine Wel­le von Soli­da­ri­täts- und Sym­pa­thie­be­kun­dun­gen aus Krei­sen sei­ner Ärz­te­kol­le­gen, Ver­bän­den und ver­schie­de­nen Bür­ger­meis­tern aus.“),
  • Kurt Franz (1998, Wup­per­tal, Lager­kom­man­dant des Ver­nich­tungs­la­gers Treb­linka. „Aus der ame­ri­ka­ni­schen Gefan­gen­schaft konn­te er flie­hen und nach Düs­sel­dorf zurück­keh­ren. Dort mel­de­te er sich am 26. Juni 1945 mit sei­nem rich­ti­gen Namen beim Arbeits­amt an. Bis Ende 1948 war er als Brü­cken­bau­ar­bei­ter tätig. Von 1949 bis zu sei­ner Ver­haf­tung an sei­nem Wohn­ort Düs­sel­dorf am 2. Dezem­ber 1959 arbei­te­te er wie­der als Koch.“ Lebens­lan­ge Haft: „Wegen sei­nes Alters und aus gesund­heit­li­chen Grün­den wur­de Franz Mit­te 1993 ent­las­sen, nach­dem er bereits seit Ende der sieb­zi­ger Jah­re Frei­gän­ger war.“),
  • Hein­rich Gley (1985, Müns­ter, NRW, „Nach Kriegs­en­de geriet er am 10. Mai 1945 in Pil­sen in ame­ri­ka­ni­sche Kriegs­ge­fan­gen­schaft, sei­ne Ent­las­sung erfolg­te am 29. Dezem­ber 1947. Anschlie­ßend arbei­te­te er bis 1958 als Mau­rer in West­fa­len und muss­te in der Fol­ge die­se Tätig­keit krank­heits­be­dingt auf­ge­ben. In Bie­le­feld wur­de Gley wegen sei­ner Zuge­hö­rig­keit zur SS, wahr­schein­lich im Rah­men der Ent­na­zi­fi­zie­rung, zu 100 Tagen Haft ver­ur­teilt, die jedoch durch die Inter­nie­rungs­haft bereits abge­gol­ten waren. Im Rah­men der Ermitt­lun­gen bezüg­lich der Ver­bre­chen in Bel­zec kam Gley Anfang der 1960er Jah­re in Haft. Im Bel­zec-Pro­zess wur­de gegen Gley und sie­ben wei­te­re Ange­klag­te ab August 1963 vor dem Land­ge­richt Mün­chen ver­han­delt. Er wur­de wegen des Puta­tiv­not­stan­des im Janu­ar 1964 außer Ver­fol­gung gesetzt und damit wur­de kei­ne Haupt­ver­hand­lung gegen ihn eröff­net. Auch wegen sei­ner Betei­li­gung an der „Akti­on T4“ kam es zu kei­nem Pro­zess. Gley starb im Juni 1985.“
  • Lorenz Hacken­holt (für tot erklärt im Wes­ten, Eini­ge Jah­re nach dem Krieg stell­te sei­ne Frau den Antrag, ihren ver­miss­ten Mann für tot zu erklä­ren. Dies geschah am 1. April 1954 durch das Amts­ge­richt Ber­lin-Schö­ne­berg zum 31. Dezem­ber 1945. Trotz ein­zel­ner Hin­wei­se, dass Hacken­holt noch am Leben sei, ende­te eine Unter­su­chung durch eine Son­der­kom­mis­si­on der Münch­ner Kri­mi­nal­po­li­zei von 1959 bis 1963 ohne Ergebnis.)
  • Gott­lieb Hering (9/1945 Stet­ten im Rems­tal, BaWü, „Nach Kriegs­en­de soll Hering wie­der kurz­zei­tig die Kri­mi­nal­po­li­zei in Heil­bronn gelei­tet haben. Er starb infol­ge einer Erkran­kung unter unge­klär­ten Umstän­den im Schloss Stet­ten (Rems­tal), wo sich ab Herbst 1943 ein Aus­weichs­kran­ken­haus der Stadt Stutt­gart befand.[3] Sowohl in sei­nem 1948 von sei­ner deut­lich jün­ge­ren Wit­we pos­tum betrie­be­nen Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ver­fah­ren[4] als auch in sei­ner beim Poli­zei­prä­si­di­um Stutt­gart geführ­ten Per­so­nal­ak­te, laut der er sich im Okto­ber 1944 „vom Ein­satz zurück“ gemel­det habe,[5] blie­ben sei­ne Auf­ent­hal­te und Tätig­kei­ten seit Dezem­ber 1939 im Wesent­li­chen uner­wähnt. Man ging im Beneh­men mit dem Befrei­ungs­mi­nis­te­ri­um viel­mehr davon aus, dass er nicht als Haupt­schul­di­ger oder Belas­te­ter zu betrach­ten sei. Folg­lich blieb sei­ne Wit­we von der andern­falls zu erwar­ten­den Ein­zie­hung des Nach­las­ses und dem Ver­lust der Pen­si­ons­an­sprü­che ver­schont. Die­se Ent­schei­dung wur­de zuletzt noch im Jah­re 1972 bei der Über­prü­fung der soge­nann­ten 131er nach Akten­la­ge bestätigt.“
  • Otto Horn (1999, Ber­lin, „Horn wur­de vom Land­ge­richt Düs­sel­dorf am 3. Sep­tem­ber 1965 in den Treb­linka-Pro­zes­sen man­gels eines siche­ren Nach­wei­ses sei­ner Schuld frei­ge­spro­chen.“ War wohl angeb­lich gegen die Mor­de, die in sei­nem Umfeld stattfanden.)
  • Erwin Lam­bert (1976, Stutt­gart, BaWü, „Am 15. Mai 1945 wur­de Lam­bert von den Bri­ten gefan­gen genom­men und an die US-Ame­ri­ka­ner aus­ge­lie­fert, die ihn in ein Lager ins würt­tem­ber­gi­sche Aalen brach­ten. Nach Waib­lin­gen ent­las­sen, zog er zunächst nach Schwaik­heim und ließ sich dann in Stutt­gart nie­der. Dort mach­te er sich als Flie­sen­le­ger selb­stän­dig. Bei der Ent­na­zi­fi­zie­rung in Schwaik­heim wur­de Lam­bert als Mit­läu­fer ein­ge­stuft. Mit Urteil des Land­ge­richts Düs­sel­dorf vom 3. Sep­tem­ber 1965 (Az.: I Ks 2/64) wur­de er im soge­nann­ten Treb­linka-Pro­zess wegen Bei­hil­fe zum gemein­schaft­li­chen Mord an min­des­tens 300.000 Per­so­nen zu vier Jah­ren Zucht­haus ver­ur­teilt. Im Sobi­bor-Pro­zess ver­ur­teil­te ihn das Land­ge­richt Hagen am 20. Dezem­ber 1966 wegen gemein­schaft­li­cher Bei­hil­fe zum Mord an min­des­tens 57.000 Men­schen zu drei Jah­ren Zucht­haus (Az.: 11 Ks 1/64). Sara Ber­ger urteilt, Lam­bert habe die akti­ve Bereit­schaft gezeigt, Stra­te­gien zur Ver­bes­se­rung der Ver­nich­tungs­struk­tu­ren zu fin­den und maß­geb­lich zur Effi­zi­enz­stei­ge­rung der Lager bei­getra­gen.“)
  • Hein­rich Matthes (1978, JVA Bochum, Im Treb­linka-Pro­zess 1965 ver­ur­teilt, vor­her als Pfle­ger gearbeitet.)
  • Gus­tav Münz­ber­ger (1977, Gar­misch-Par­ten­kir­chen, Bay­ern „Nach Kriegs­en­de arbei­te­te Münz­ber­ger als Tisch­ler in Unter­am­mer­gau. Im Rah­men der Ermitt­lun­gen bezüg­lich der Ver­bre­chen im Ver­nich­tungs­la­ger Treb­linka geriet Münz­ber­ger in das Visier der Ermitt­lungs­be­hör­den und wur­de am 13. Juli 1963 in Haft genom­men. Der Treb­linka-Pro­zess gegen zehn Ange­klag­te fand vom 12. Okto­ber 1964 bis zum 3. Sep­tem­ber 1965 vor dem Land­ge­richt Düs­sel­dorf statt. Der Ver­fah­rens­ge­gen­stand umfass­te die Ver­ga­sung von min­des­tens 700.000 über­wie­gend jüdi­schen Men­schen sowie die töd­li­che Miss­hand­lung, Erschie­ßung, Erschla­gung sowie Erhän­gung ein­zel­ner Häft­lin­ge und zudem die Zer­flei­schung durch Bar­ry, den Dienst­hund des Lager­kom­man­dan­ten Kurt Franz. Im Pro­zess ver­such­te die Ver­tei­di­gung, Münz­ber­gers Taten zu recht­fer­ti­gen:
    „Wenn er auf eine mög­lichst letz­te Aus­nut­zung der Gas­kam­mern bestan­den habe, so sei das auch im Inter­es­se der war­ten­den Juden gewe­sen; denn je schnel­ler die Ver­ga­sun­gen erfolgt sei­en, umso kür­zer sei­en die Lei­den und Ängs­te der noch nicht ver­gas­ten Juden gewe­sen.“[3]
    Münz­ber­ger wur­de wegen Bei­hil­fe zum gemein­schaft­li­chen Mord bezie­hungs­wei­se Bei­hil­fe zum Mord zu 12 Jah­ren Zucht­haus ver­ur­teilt. Er ver­büß­te sei­ne Haft in der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Müns­ter und am 3. Sep­tem­ber 1975 wur­de aus der Haft bedingt entlassen.“)
  • Her­mann Paul Nit­sche (1948 Dres­den, nach Todes­ur­teil hin­ge­rich­tet, „Noch im Früh­jahr 1945 wur­de Nit­sche in Seb­nitz ver­haf­tet. Die von sowje­ti­schen Dienst­stel­len vor­ge­nom­me­nen Unter­su­chungs­er­geb­nis­se wur­den am 20. Juni 1946 an die deut­schen Jus­tiz­be­hör­den in Sach­sen über­ge­ben. Das Land­ge­richt Dres­den erhob am 7. Janu­ar 1947 Ankla­ge gegen Nit­sche und wei­te­re 14 Täter. Nit­sche ver­wies auf sei­nen Stand­punkt, wonach die Tötung von unheil­bar Kran­ken wis­sen­schaft­lich und auch gesell­schaft­lich gerecht­fer­tigt sei, und ver­wahr­te sich gegen die Mord­an­kla­ge. Mit Urteil vom 7. Juli 1947 wur­de er jedoch zum Tode ver­ur­teilt. Nach Ableh­nung der Beru­fung durch das Ober­lan­des­ge­richt Dres­den wur­de das Urteil am 25. März 1948 durch das Fall­beil voll­streckt und sein Leich­nam der Ana­to­mie in Leip­zig überantwortet.“)
  • Wal­ter Nowak (ver­schol­len wohl zu letzt in Ita­li­en gese­hen, davor in ame­ri­ka­ni­scher Gefangenschaft),
  • Josef Ober­hau­ser (1979 Mün­chen, Nach der Ent­las­sung aus der Gefan­gen­schaft war Ober­hau­ser 1947/48 Wald- und Säge­werks­ar­bei­ter in Beven­sen. Am 13. April 1948 wur­de er in der Ost­zo­ne ergrif­fen und am 24. Sep­tem­ber 1948 durch eine nach Befehl 201 der sowje­ti­schen Mili­tär­ver­wal­tung gebil­de­te 5. Straf­kam­mer des Land­ge­richts Mag­de­burg wegen Ver­bre­chens gegen das Kon­troll­rats­ge­setz Nr. 10 auf­grund sei­ner Zuge­hö­rig­keit zur SS als einer ver­bre­che­ri­schen Orga­ni­sa­ti­on und sei­ner Betei­li­gung an der Tötung von „Euthanasie“-Opfern in Gra­feneck, Bran­den­burg und Bern­burg zu einer Zucht­haus­stra­fe von 15 Jah­ren unter Aberken­nung der bür­ger­li­chen Ehren­rech­te auf zehn Jah­re ver­ur­teilt. Gleich­zei­tig wur­de er nach Direk­ti­ve 38 Arti­kel II Zif­fer 7 und 8 als Haupt­be­las­te­ter ein­ge­stuft. Nach acht Jah­ren wur­de Ober­hau­ser unter end­gül­ti­ger Haft­er­las­sung am 28. April 1956 im Rah­men einer Amnes­tie aus der Haft ent­las­sen. Zurück in sei­ner Hei­mat­stadt Mün­chen war Ober­hau­ser als Gele­gen­heits­ar­bei­ter und als Schank­kell­ner tätig, bis er am 21. Janu­ar 1965 vom Land­ge­richt Mün­chen I im Bel­zec-Pro­zess zu vier Jah­ren und sechs Mona­ten Zucht­haus wegen Bei­hil­fe zum gemein­schaft­li­chen Mord in 300.000 Fäl­len und wegen fünf wei­te­rer Ver­bre­chen der Bei­hil­fe zum gemein­schaft­li­chen Mord in je 150 Fäl­len ver­ur­teilt wur­de (Az.: 110 Ks 3/64, s. Web­link). Nach­dem er (unter Anrech­nung der Unter­su­chungs­haft) die Hälf­te sei­ner Stra­fe ver­büßt hat­te, wur­de er 1966 ent­las­sen und arbei­te­te wie­der als Schank­kell­ner in Mün­chen (als sol­cher erscheint er in einer kur­zen Sze­ne in Clau­de Lanz­manns Film Sho­ah[4]). Wegen der in Ita­li­en began­ge­nen Kriegs­ver­bre­chen wur­de er im April 1976 von einem ita­lie­ni­schen Gericht in Abwe­sen­heit zu einer lebens­lan­gen Frei­heits­stra­fe ver­ur­teilt. Da die ita­lie­ni­sche Jus­tiz auf einen (wegen feh­len­der Rechts­grund­la­gen aus­sichts­lo­sen) Aus­lie­fe­rungs­an­trag ver­zich­te­te, brauch­te er die­se Stra­fe nicht anzutreten.“)
  • Paul Rost (1984, Dres­den, Sach­sen „Paul Rost geriet 1945 in Öster­reich in ame­ri­ka­ni­sche Gefan­gen­schaft und war kurz­zei­tig im Lager Habach inter­niert. Dort soll er Wal­ter Nowak wie­der­ge­trof­fen haben,[8] der jedoch nach ande­ren Quel­len bereits seit 1943 oder 1944 tot war.[9] Von dort wur­de er nach kur­zer Zeit ent­las­sen und ging nach Dres­den zu sei­ner Fami­lie zurück. Kurz dar­auf nahm ihn dort 1946 die Sowje­ti­sche Armee in Unter­su­chungs­haft. Paul Rost wur­de im glei­chen Jahr im Rah­men des Dresd­ner Eutha­na­sie-Pro­zes­ses ver­nom­men und anschlie­ßend wie­der auf frei­en Fuß gesetzt.[10] Eine wei­te­re Straf­ver­fol­gung fand nicht statt. Die DDR lehn­te 1971 eine Zeu­gen­ver­neh­mung von Rost im Zusam­men­hang mit dem Pro­zess des Land­ge­richts Frank­furt am Main gegen den Direk­tor der Tötungs­an­stalt Son­nen­stein Horst Schu­mann ab.“)
  • Curt Schma­len­bach (1944 bei Flug­zeug­ab­sturz gestorben)
  • Alfred Schulz (1947, Haft­kran­ken­haus Zwi­ckau, evtl. Suizid)
  • Horst Schu­mann (1983, Frank­furt am Main, Im Janu­ar 1945 kam er als Trup­pen­arzt an die West­front, wo er in ame­ri­ka­ni­sche Gefan­gen­schaft geriet, aus der er im Okto­ber 1945 wie­der ent­las­sen wur­de. Mit sei­ner Frau zog er nach Glad­beck und mel­de­te sich beim dor­ti­gen Ein­woh­ner­mel­de­amt ord­nungs­ge­mäß am 15. April 1946 an. Zunächst als Sport­arzt in Diens­ten der Stadt Glad­beck, eröff­ne­te er 1949 mit einem Flücht­lings­kre­dit eine eige­ne Pra­xis. Im Juli 1950 wur­de er Knapp­schafts­arzt der Ruhr­knapp­schaft, obwohl sein Name bereits in Eugen Kogons frü­hem Werk Der SS-Staat genannt wur­de. Ein Antrag vom 29. Janu­ar 1951 auf Ertei­lung eines Jagd- und Fische­rei­sch­ei­nes bei der Stadt Glad­beck führ­te schließ­lich auf­grund des erfor­der­li­chen poli­zei­li­chen Füh­rungs­zeug­nis­ses zu sei­ner Ent­tar­nung als ein von der Staats­an­walt­schaft Tübin­gen Gesuch­ter. Die zöger­li­chen Ermitt­lun­gen ermög­lich­ten es Schu­mann jedoch, am 26. Febru­ar 1951 ins Aus­land zu flie­hen. Nach drei Jah­ren als Schiffs­arzt erhiel­ten die deut­schen Behör­den erst­mals wie­der am 25. Febru­ar 1954 durch das deut­sche Gene­ral­kon­su­lat im japa­ni­schen Osa­ka-Kobe einen Hin­weis auf Schu­mann. Die­ser hat­te dort einen deut­schen Rei­se­pass bean­tragt und erhal­ten. Die Spur Schu­manns führ­te dann 1955 wei­ter nach Ägyp­ten und Mit­te des glei­chen Jah­res in den Sudan, wohin ihm auch sei­ne Frau nach­reis­te. In der Wochen­zei­tung Christ und Welt, deren Redak­ti­ons­lei­ter der Jour­na­list und ehe­ma­li­ge SS-Haupt­sturm­füh­rer Gisel­her Wir­sing war, erschien am 16. April 1959 ein Arti­kel über einen „zwei­ten Albert Schweit­zer“ in Li Jubu, einem Ort im Grenz­ge­biet von Sudan, Kon­go und Fran­zö­sisch-Äqua­to­ri­al­afri­ka, und führ­te damit unge­wollt zur Ent­tar­nung Schu­manns. Einem Haft­be­fehl konn­te sich Schu­mann durch sei­ne Flucht über Nige­ria nach Gha­na ent­zie­hen, wo er in Kete Kra­chi ein Urwald­kran­ken­haus errich­te­te und lei­te­te. […] Ein Repor­ter der bri­ti­schen Zei­tung Dai­ly Express ent­deck­te das Ehe­paar Schu­mann 1962 in Gha­na. Ein deut­sches Aus­lie­fe­rungs­er­su­chen aus dem Vor­jahr wur­de vom gha­nai­schen Staats­prä­si­den­ten Kwa­me Nkru­mah, der Schu­mann zu sei­nen Freun­den zähl­te, igno­riert. Erst nach Nkru­mahs Sturz im Febru­ar 1966 wur­de Schu­mann von den neu­en Macht­ha­bern fest­ge­setzt und am 7. März 1966 in Aus­lie­fe­rungs­haft genom­men. Am 17. Novem­ber 1966 wur­de er an Deutsch­land aus­ge­lie­fert und in der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Butz­bach in Hes­sen in Unter­su­chungs­haft genom­men. Der Pro­zess gegen Schu­mann begann am 23. Sep­tem­ber 1970 vor dem Land­ge­richt Frank­furt am Main und geriet auf­grund der zahl­rei­chen und teil­wei­se dubio­sen Gut­ach­ten über sei­ne Ver­hand­lungs­un­fä­hig­keit zum Jus­tiz­skan­dal. Schließ­lich wur­de das Ver­fah­ren am 14. April 1971 wegen Ver­hand­lungs­un­fä­hig­keit, bedingt durch einen zu hohen Blut­druck des Ange­klag­ten, vor­läu­fig ein­ge­stellt. Am 29. Juli 1972 erfolg­te sei­ne Haft­ent­las­sung. Den Rest sei­nes Lebens ver­brach­te Schu­mann in Frank­furt-Seck­bach, wo er 1983 verstarb.“)
  • Ewald Wort­mann (1985, Osna­brück, Nie­der­sach­sen, 1950 kehr­te Wort­mann aus der sowje­ti­schen Gefan­gen­schaft zurück. Er eröff­ne­te in Fried­rich­skoog eine all­ge­mein­ärzt­li­che Pra­xis, hei­ra­te­te und hat­te vier Kin­der. Wort­mann konn­te erst als letz­ter T4-Arzt für den soge­nann­ten ers­ten Ärz­te­pro­zess gegen Ull­rich und ande­re vor dem Frank­fur­ter Land­ge­richt ermit­telt wer­den. Am 21. März 1963 sag­te er erst­mals als Zeu­ge im Ver­fah­ren gegen den T4-Arzt Georg Ren­no aus. Ein gegen Wort­mann ein­ge­lei­te­tes Ermitt­lungs­ver­fah­ren wur­de am 1. August 1969[9] ein­ge­stellt. Im Pro­zess gegen sei­nen ehe­ma­li­gen Vor­ge­setz­ten und Lei­ter der Ver­ga­sungs­an­stalt Son­nen­stein, Horst Schu­mann, ver­wei­ger­te er im Okto­ber 1970 sei­ne Aus­sa­ge. Wort­mann war der ein­zi­ge der T4-Ärz­te, der zumin­dest „eine gewis­se mora­li­sche Schuld“ ein­räum­te, „weil ich nichts gegen die­se Din­ge unter­nom­men habe. Das ist aber nur eine Ange­le­gen­heit, die mich inner­lich trifft. Ich konn­te ja damals über­haupt nicht gegen die­se Din­ge antre­ten. Es fehl­te mir die Mög­lich­keit und auch der Ein­fluß.“[10] In den Jah­ren 1969/70 dreh­te der Nord­deut­sche Rund­funk einen Doku­men­tar­film über Wort­mann und sei­ne Fami­lie, in dem unter dem Titel „De Dok­tor snackt platt“ die Situa­ti­on eines „typi­schen“ Land­arz­tes dar­ge­stellt wer­den soll­te. Die Auf­nah­men fan­den im Herbst 1969 statt; gesen­det wur­de der Film im Juni 1970.[11]“)

So. Zusam­men­fas­sen kann man sagen, dass von denen, die in Wiki­pe­dia auf­ge­führt sind, nur einer, näm­lich Paul Rost, im Osten geblie­ben sind. Im Osten wur­den Men­schen für ihre Ver­bre­chen zum Tode ver­ur­teilt oder begin­gen vor dem Urteil Sui­zid. Im Wes­ten wur­den eini­ge ver­ur­teilt aber im Rah­men von grö­ße­ren Pro­zes­sen wegen Mord an 700.000 Men­schen. Aber selbst da wur­den teil­wei­se Ver­fah­ren ein­ge­stellt, weil sie sehr spät erfolg­ten oder war­um auch immer.

Von 19 Per­so­nen ist einer im Osten geblie­ben und einer im Osten ver­ur­teilt wor­den und dann in den Wes­ten gegan­gen. Das ist genau so wie die Ergeb­nis­se zu Lich­ten­burg und Buchen­wald und genau­so, wie es uns die Pro­pa­gan­da zu DDR-Zei­ten gesagt hat. Die gro­ßen Nazis waren alle in den Wes­ten geflo­hen. Wer will es ihnen verdenken.

Da die AfD nun auch im Wes­ten erfolg­reich ist, begin­nen die ers­ten Men­schen zu begrei­fen, dass die Ursa­chen für den Erfolg der neu­en Nazis viel­leicht doch nicht oder nicht allein in der DDR-Ver­gan­gen­heit lie­gen, die nun auch schon 36 Jah­re hin­über ist. Viel­leicht gibt es ja Ursa­chen in der Zeit danach und viel­leicht sind es letzt­end­lich die­sel­ben wie im Wes­ten auch. Die Pro­ble­me wur­den nicht erkannt, weil es die­se beque­me Mög­lich­keit der Exter­na­li­sie­rung und Ver­drän­gung gab: ein Ost­pro­blem. Nee! 

Habt Ihr nun davon.

Nachtrag 26.09.2025

Ich wur­de dar­auf hin­ge­wie­sen, dass in Stadt­ro­da (Thü­rin­gen) auch Kin­der ermor­det wur­den. Die Sta­si hat davon 1965 erfah­ren, die Sache wur­de aber nicht ver­folgt. Mar­ga­re­te Hiel­schler hat bis zur Beren­tung 1965 als lei­ten­de Ober­ärz­tin in Stadt­ro­da gearbeitet.

Ger­hard Kloos war Direk­tor der Lan­des­heil­an­stal­ten Stadt­ro­da und als sol­cher an den Eutha­na­sie­ver­bre­chen betei­ligt. Er ist 1988 in Göt­tin­gen gestor­ben. Man lese sei­nen Wiki­pe­dia-Ein­trag, um sich über die Ver­net­zung mit T4-Leu­ten und sei­ne wei­ter Lehr­tä­tig­keit an west­deut­schen Uni­ver­si­tä­ten zu informieren.

Nachtrag 30.01.2026

Die Geschich­te mit Jus­suf Ibra­him ist kom­pli­ziert. Er war kein Nazi hat aber Kin­der zur Tötung nach Stadt­ro­da über­stellt. Er hat aber auch Eltern gewarnt und sie dar­um gebe­ten, ihre Kin­der zurück­zu­neh­men. Fol­gen­des kann man in einem taz-Arti­kel lesen:

Wir Jena­er, wir erin­nern uns, dass Jus­suf Ibra­him, der deut­sche Arzt ägyp­ti­scher Her­kunft, der Nicht­ari­er, jüdi­sche Kin­der behan­del­te, eini­ge von ihnen ver­steck­te und Pas­to­ren mit Berufs­ver­bot in sei­ner Kli­nik pre­di­gen ließ. Wir wis­sen, er war kein NSDAP-Mit­glied. Wir sind über­zeugt, dass die behin­der­te Schwes­ter unse­res Bür­ger­meis­ters nur des­we­gen noch lebt, weil Ibra­him die Mut­ter damals recht­zei­tig warnte.

Haar­hoff, Hei­ke. 2000. Jede Zeit hat ihre Moral. taz. Ber­lin.

Ganz anders gela­gert ist der Fall bei Erich Häß­ler, dem Nach­fol­ger Ibra­hims an der Kin­der­kli­nik in Jena. Der war in der NSDAP und in der SA, war Schu­lungs­red­ner im Ras­sen­po­li­ti­schen Amt Leip­zig, Anti­se­mit und an Eutha­na­sie-Ver­bre­chen beteiligt.

Über Häß­ler bin ich zu Rose­ma­rie Albrecht gekom­men. Auch die­se war als Ärz­tin in der DDR in lei­ten­der Posi­ti­on tätig und hat­te bis 1975 ver­schie­de­ne Lehr­stüh­le inne. Zwi­schen 1964 und 1965 ermit­tel­te die Sta­si wegen der Kran­ken­mor­de in der Lan­des­heil­an­stalt Stadt­ro­da. Die Ermitt­lun­gen wur­den aber auf Wei­sung des Minis­te­ri­ums ein­ge­stellt und die Akte gesperrt. Albrecht war wohl an meh­re­ren Mor­den durch Über­do­sie­rung von Beru­hi­gungs­mit­teln schul­dig. Die Akten wur­den erst 2000 gefun­den. Das Ver­fah­ren gegen sie wur­de 2005 wegen Ver­hand­lungs­un­fä­hig­keit ein­ge­stellt. Sie war da 90.

Nachtrag 29.01.2026: Tötungsanstalt Brandenburg

Durch einen taz-Arti­kel zum Geden­ken an den Holo­caust bin ich auf die Tötungs­an­stalt Bran­den­burg auf­merk­sam gewor­den. Das war das ehe­ma­li­ge Zucht­haus und dann von 1933 bis 1934 eins der frü­hen Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger. Über die­se Lager hat­te auch Wil­li Bre­del in „Die Prü­fung“ geschrie­ben. Zwi­schen 1940 und 1941 sind in Bran­den­burg 9.772 psy­chisch kran­ke Men­schen mit Koh­len­mon­oxid ver­gast wor­den. Die­se Mor­de durf­ten nur von Ärz­ten vor­ge­nom­men wer­den. Die Ärz­te ope­rier­ten unter Deck­na­men und die Todes­ur­sa­chen wur­den in einem eigens ein­ge­rich­te­ten Stan­des­amt gefälscht.

Im Fol­gen­den lis­te ich alle Per­so­nen auf, die im Zusam­men­hang mit Bran­den­burg genannt wer­den und gehe dann auf den Ver­bleib der Per­so­nen ein. Es scheint so zu sein, dass kei­ner von denen bis­her bespro­chen wurde.

Ärz­te:

So sah das Leben der tau­send­fa­chen Mör­der nach dem Krieg aus:

  • August Becker (1967 Lau­bach, Hes­sen, wegen SS-Ange­hö­rig­keit ver­ur­teilt zu drei Jah­ren Arbeits­la­ger, danach Arbeit bis 1959 Schlag­an­fall, danach ver­ur­teilt zu 10 Jah­ren Haft, aber wegen schlech­ter Gesund­heit 1960 wie­der entlassen) 
  • Phil­ipp Bouh­ler (19. Mai bei Dach­au Suizid)
  • Vik­tor Brack (1948, Kriegs­ver­bre­cher­ge­fäng­nis Lands­berg) Er wur­de im Nürn­ber­ger Ärz­te­pro­zess 1947 zum Tode ver­ur­teilt und 1948 hingerichtet.
  • Karl Brandt (1948, Kriegs­ver­bre­cher­ge­fäng­nis Lands­berg) Er war Arzt von Hit­ler und wur­de eben­falls im Nürn­ber­ger Ärz­te­pro­zess 1947 zum Tode ver­ur­teilt und 1948 hin­ge­rich­tet. Man möge in Wiki­pe­dia nach­le­sen, wel­che Per­so­nen und Orga­ni­sa­tio­nen Gna­den­ge­su­che unter­stützt haben.
  • Leo­nar­do Con­ti (1945 Nürn­berg, Suizid)
  • Wer­ner Heyde (1964 Butz­bach, Hes­sen, Sui­zid in Unter­su­chungs­haft) Heyde ver­lor sei­nen Lehr­stuhl für Psych­ia­trie und Neu­ro­lo­gie noch 1945. Heyde wur­de zum Nürn­ber­ger Ärz­te­pro­zess als Zeu­ge gela­den und dort dann selbst schwer belas­tet. Auf dem Rück­weg sprang er vom fah­ren­den Mili­tär­las­ter und für 12 Jah­re unter­tauch­te. Er leb­te dann unter fal­schem Namen in Schles­wig-Hol­stein. Sei­ne Frau erhielt Ver­sor­gungs­be­zü­ge. Ab 1949 prak­ti­zier­te Heyde unter fal­schem Namen als Sport­arzt in Flens­burg. Er leb­te in einem Stadt­teil, in dem auch ande­re unter­ge­tauch­te Nazi-Grö­ßen wohn­ten, in einem Rei­hen­haus. Er fer­tig­te ner­ven­ärzt­li­che Gut­ach­ten für das Ober­ver­si­che­rungs­amt in Schles­wig-Hol­stein an. Dabei ver­dien­te er über­durch­schnitt­lich gut. Bis 1979 erstell­te er ca. 7000 Gut­ach­ten. Als sei­ne Tar­nung auf­flog, floh er und stell­te sich dann in Frankfurt/M. in der Hoff­nung, dass der Ober­staats­an­walt dort, der schon ande­ren zu einem Per­sil­schein ver­hol­fen hat­te, ihn auch ent­spre­chend behan­deln wür­de. Nach der Ver­haf­tung stell­te sich her­aus, dass vie­le Ärz­te in sei­nem Umfeld von sei­ner Iden­ti­tät wuss­ten. Nie­mand wur­de verurteilt.
  • Albert Wid­mann (1986, Stutt­gart-Stamm­heim) Wid­man wur­de erst als Mit­läu­fer ein­ge­stuft, weil er nicht wahr­heits­ge­mäß über sei­ne Ver­stri­ckun­gen berich­te­te. 1959 ver­haf­tet, zu fünf Jah­ren ver­ur­teilt, dann vom Bun­des­ge­richts­hof auf drei Jah­re und sechs Mona­te redu­ziert. 1962 wegen Eutha­na­sie­mor­den ange­klagt. Wegen frü­he­rer Haft dann nur Geld­stra­fe von 4000 DM.

Die im Arti­kel zur Tötungs­an­stalt Bran­den­burg genann­ten gehör­ten zu den Orga­ni­sa­to­ren hun­dert­tau­sen­der Mor­de (die Teil­neh­mer an der „Pro­be­ver­ga­sung“). Des­halb sind vie­le von ihnen auch ver­ur­teilt wor­den oder haben Sui­zid began­gen. Aber Heyde ging es noch eine Wei­le gut. Und alle sind in den Wes­ten gegangen.

Ärz­te:

  • Aqui­lin Ull­rich (2001 Stutt­gart) 1945 aus ame­ri­ka­ni­scher Gefan­gen­schaft geflo­hen. Arbeit als Berg­mann im Saar­land. Sein Uni­ver­si­täts­leh­rer ver­half ihm zu einer Stel­le an einer Stutt­gar­ter Kli­nik. 1952 ließ er sich als Frau­en­arzt und Arzt für Geburts­hil­fe nie­der. Er hat­te wei­ter Kon­takt zu T4-Leu­ten, die eben­falls in Stutt­gart unter­ge­taucht waren. 22.08.1961 ver­haf­tet, 08.09.1961 wie­der ent­las­sen, obwohl er die Mor­de in Bran­den­burg gestan­den hat­te. Er konn­te wei­ter prak­ti­zie­ren und in den Urlaub fah­ren. Das schreibt Wiki­pe­dia: „Die Gene­ral­staats­an­walt­schaft Frankfurt/M. erhob am 15. Janu­ar 1965 Kla­ge gegen ihn sowie die T4-Ärz­te Kurt Borm, Klaus End­ru­weit und Aqui­lin Ull­rich „heim­tü­ckisch, grau­sam, aus nie­de­ren Beweg­grün­den, vor­sätz­lich und mit Über­le­gung jeweils meh­re­re Tau­send Men­schen getö­tet zu haben“. Noch vor Pro­zess­be­ginn ord­ne­te der Regie­rungs­prä­si­dent in Lüne­burg im Sep­tem­ber 1966 an, die ärzt­li­che Bestal­lung Bun­kes ruhen zu las­sen. Mehr als 5000 Men­schen aus Cel­le und Umge­bung sowie der Ärz­te­ver­ein Cel­le setz­ten sich dar­auf­hin für Bun­ke bei der Nie­der­säch­si­schen Lan­des­re­gie­rung ein mit dem Ergeb­nis, dass Bun­ke wei­ter prak­ti­zie­ren durf­te.“ Der Pro­zess ergab Frei­spruch wegen des feh­len­den „Bewußt­seins der Rechts­wid­rig­keit“ (unver­meid­ba­rer Ver­bots­irr­tum) sei­nes Tuns. Genau so wie alle Mit­an­ge­klag­ten auch. Bei der Wie­der­auf­nah­me des Ver­fah­rens konn­te er ein Attest vor­wei­sen, das ihm Ver­hand­lungs­un­fä­hig­keit bestä­tig­te. Er prak­ti­zier­te aber bis 1984 wei­ter als Arzt. 1987 wur­de er dann end­lich wegen Bei­hil­fe zum Mord in min­des­tens 4.500 Fäl­len zu vier Jah­ren Haft ver­ur­teilt. Das Urteil wur­de 1988 auf drei Jah­re revi­diert, weil man angeb­lich nur den Mord an 2.340 Men­schen nach­wei­sen konn­te. 1989 ging er dann ins Gefäng­nis und wur­de nach 20 Mona­ten auf Bewäh­rung entlassen. 
  • Ernst Baum­hard (1943 bei U‑Boot-Ein­satz im Atlantik)
  • Hein­rich Bun­ke (2001 in Cel­le, Nie­der­sach­sen) 1945 Lan­des­frau­en­kli­nik in Cel­le, 1951, nie­der­ge­las­se­ner Frau­en­arzt, 12.04.1961 ver­haf­tet, 19.04.1961 ent­las­sen, prak­ti­zier­te wei­ter, fuhr in den Urlaub. Wegen Bei­hil­fe zur Ermor­dung von 4950 Men­schen ange­klagt, aber frei­ge­spro­chen wegen des feh­len­den „Bewusst­seins der Rechts­wid­rig­keit“ (unver­meid­ba­rer Ver­bots­irr­tum), Ver­fah­ren 1971 wegen Ver­hand­lungs­un­fä­hig­keit ein­ge­stellt, Bun­ke konn­te aber Pra­xis trotz Ver­hand­lungs­un­fä­hig­keit wei­ter­be­trei­ben. 1987 ver­ur­teilt wegen Bei­hil­fe zum Mord in min­des­tens 11.000 Fäl­len zu vier Jah­ren Haft, Bun­des­ge­richts­hof ermä­ßig­te im Revi­si­ons­ver­fah­ren die Stra­fe auf drei Jah­re weil die Bei­hil­fe zum Mord nur für 9.200 Men­schen nach­ge­wie­sen wer­den kön­ne. Nach 18 Mona­ten wur­de er entlassen.
  • Irm­fried Eberl (1948, Ulm, Baden-Würt­em­berg, Sui­zid) 1945 aus der Kriegs­ge­fan­gen­schaft ent­las­sen, dann als Arzt in Blau­beu­ren nie­der­ge­las­sen, 1948 kam er in Unter­su­chungs­haft und beging dort Sui­zid noch bevor die zustän­di­gen Stel­len sei­ne wah­re Iden­ti­tät fest­ge­stellt hatten.

Zusam­men­fas­sung: Nie­mand ist im Osten geblie­ben. Die Ärz­te wur­den frei­ge­spro­chen und waren dann bei der Revi­si­on „ver­hand­lungs­un­fä­hig“ oder beka­men nied­ri­ge Strafen. 

Гражданская Оборона – Всё идет по плану

Grazhdans­ka­ya Obo­ro­na Bce idi­ot po pla­nu war der Hit. In mei­nem ers­ten Urlaub nach Mau­er­fall, als ich über­all hät­te hin­fah­ren kön­nen, sind wir nach Mos­kau gefah­ren zu einer befreun­de­ten Punk-Band. An der Krim soll­te ein Kon­zert statt­fin­den, das wur­de aber abge­sagt, weil Skin­heads einen erschla­gen hat­ten. Wir waren dann ohne Ein­la­dung an der Krim. Man darf sich nur 200km im Umkreis des Ortes bewe­gen, für den man eine Ein­la­dung hat. Das war Moskau.

Wir zel­te­ten in den Ber­gen neben dem offi­zi­el­len Feri­en­la­ger des Ener­gie­in­sti­tu­tes (Московский Энергетический Институт). Das war voll, aber es fuhr immer das gan­ze Insti­tut hin. Die, die kei­ne Plät­ze hat­ten, zel­te­ten halt in den Ber­gen um das Lager.

Aus dem Recor­der mit schwä­cheln­den Bat­te­rien lei­er­ten die Sex Pis­tols: Pro­blem, problem, …

10 Leu­te ver­sof­fen jeden Abend das Monats­ge­halt eines Rus­sen. Es gab zwei Cock­tails: Molo­tow und Rib­ben­trop. Mol­tow war Wod­ka mit Port­wein und Rib­ben­trop war Port­wein mit Wod­ka. Es kann auch sein, dass es umge­kehrt war, ich möch­te kei­ne Unwahr­hei­ten verbreiten.

Jeden­falls konn­ten alle sin­gen. Die Bands und die Fans. Ihre Lie­der und ande­ren Lie­der. Mir war es pein­lich, dass ich nicht sin­gen konnte.

Wir san­gen Bce idi­ot po pla­nu von Grazhdans­ka­ya Oborona.

Als wir von unse­rer Rei­se zurück nach Mos­kau kamen und in der fast lee­ren Metro unter­wegs waren, spiel­te Dan ein, zwei Akkor­de von Bco idi­ot po pla­nu. Uns gegen­über saß ein Mann in unse­rem Alter. Er griff Dans Gitar­re und sang das Lied. Alle san­gen mit. Unter­grund im Unter­grund. Ein irrer Moment.

Für die Jun­gen: Damals gab es kei­ne Han­dies, kein Spo­ti­fy, Schall­plat­ten pro­du­zier­te nur der Staat. Die­se Lie­der wan­der­ten nur von Lager­feu­er zu Lager­feu­er. Von Kas­set­ten­re­cor­der zu Kas­set­ten­re­cor­der. Den­noch kann­ten sie alle, also der Unter­grund. Von Sibi­ri­en bis Lenin­grad, von Lenin­grad bis zur Krim.

Hier ist das Lied in der Akustik-Version:

Das hier ist eine Ver­si­on mit Band und Untertiteln:

Der Sän­ger ent­wi­ckel­te sich dann zu einer frag­wür­di­gen Gestalt mit rechts­extre­men Ansich­ten … Lief nicht ganz nach Plan.

Quellen

Lan­den­ber­ger, Yeli­za­ve­ta. 2025. Dank Rönt­gen erklang der Under­ground hin­ter dem Eiser­nen Vor­hang. taz, 01.08.2025. Ber­lin. (https://www.taz.de/!6102572)

Kreuze und Honecker-Bilder in Schulen

Zwei Schü­le­rin­nen haben einen Gerichts­pro­zess gegen das Bun­des­land Bay­ern gewon­nen, weil sie kei­ne Kreu­ze in ihrem Gym­na­si­um haben woll­ten. Söder hat­te das vor­her für (fast) alle öffent­li­chen Gebäu­de verordnet.

Ich muss­te beim Lesen des taz-Arti­kels über die Kreu­ze dar­an den­ken, dass in mei­ner Schul­zeit auch Gegen­stän­de zum Anbe­ten in Schu­len und Klas­sen­zim­mern hin­gen. Bil­der von Erich Hon­ecker und der Gold-Käte Kata­ri­na Witt zum Bei­spiel. Die war Volks­kam­mer­mit­glied und die Bil­der von ihr im FDJ-Hemd hin­gen bei uns überall.

Erich Hon­ecker, ADN-ZB / Dewag / 09.08.1976

1989 war ich zu den Wei­mar-Tagen der FDJ in Wei­mar. Bei die­sen Wei­mar-Tagen, die jähr­lich in den Som­mer­fe­ri­en statt­fan­den, konn­te man für 21 Mark alle Thea­ter und Muse­en der Stadt besu­chen, bekam Essen und konn­te in einer der Schu­len schla­fen. In der Schu­le, in der wir unter­ge­bracht waren, gab es in jedem Raum ein Bild vom Erich. Schü­ler mei­ner Schu­le mach­ten sich den Spaß, alle Bil­der aus den Räu­men zusam­men­zu­tra­gen und im Trep­pen­haus auf­zu­hän­gen. Da hin­gen dann also drei iden­ti­sche Hon­ecker-Por­traits. D.h. sie waren nicht kom­plett gleich: Sie hat­ten ver­schie­de­ne Farbstiche.

Weiß auch nicht, ich fin­de das noch immer lus­tig und woll­te es mal aufschreiben.

Das Mosaik und Rassismus in DDR-Periodika, Indianer und Negerkönige

Es wird immer wie­der nach Erklä­run­gen dafür gesucht, dass DDR-Bür­ger so komisch sind, dass sie nicht die Par­tei­en wäh­len, die die Regie­run­gen stel­len, son­dern PDS, Die Lin­ke oder ver­meint­li­che Alter­na­ti­ven. Nie­mand ver­steht, war­um vie­le Ossis Populist*innen auf den Leim gehen. Da ist es doch recht hilf­reich, wenn es Aus­stel­lun­gen gibt, in denen einem etwas zu den his­to­ri­schen Fak­ten erklärt wird. Nur ist es dann mit­un­ter so, dass Men­schen mit West­bril­le in den Aus­stel­lun­gen völ­lig ande­re Din­ge sehen als die, die Ausstellungsmacher*innen im Sinn hat­ten. (sie­he auch Aus­stel­lung: „Ein ande­res Land. Jüdisch in der DDR.“)

Die aktu­el­le Aus­stel­lung „Frem­de Freun­de“ in Eisen­hüt­ten­stadt habe ich noch nicht gese­hen, aber ich habe dar­über etwas in der taz lesen können.

Die Diggedags

Uwe Rada schreibt:

Die­sem weit geöff­ne­ten Fens­ter zur Welt ent­ge­gen stan­den all die Repro­duk­tio­nen ste­reo­ty­per Bil­der, wie sie sich etwa in den vom Ver­lag „Mosa­ik“ her­aus­ge­ge­be­nen Comic­bän­den der „Dige­dags“ zeig­ten. Bei ihren Aben­teu­ern in fer­nen Län­dern, heißt es auf einer Tafel, wür­den „deren Bewoh­ne­r:in­nen inner­halb kolo­nia­ler Bild­wel­ten als pas­siv und pri­mi­tiv dar­ge­stellt, wäh­rend die Dige­dags als zivi­li­siert und wirk­mäch­tig auftreten“.

Rada, Uwe. 2025. Aus­stel­lung „Frem­de Freun­de“: Ver­ord­ne­te Freund­schaft. taz. Ber­lin. 05.06.2025

Ich rei­be mir ver­wun­dert die Augen? Ich habe alle Dige­dags-Bän­de gele­sen. Ich habe sie mir nach der Wen­de gekauft, weil sie da neu auf­ge­legt wur­den. Was kann nur gemeint sein? Mir fällt sofort die Ame­ri­ka-Serie ein, in der die Dige­dags den Schwar­zen bei ihrem Kampf gegen die Skla­ve­rei hel­fen. Pas­siv und pri­mi­tiv? Soll­te da irgend­was in den Mosa­iks schief gelau­fen sein? Das war jeden­falls nicht die offi­zi­el­le Linie. Ich habe ja schon in „His­to­ri­sche Ursa­chen der Frem­den­feind­lich­keit in den neu­en Bun­des­län­dern“: Kom­men­ta­re zu einem Auf­satz von Patri­ce G. Pou­trus, Jan C. Beh­rends und Den­nis Kuck über das offi­zi­el­le Bild von PoC in den DDR-Medi­en geschrie­ben und Bei­spie­le dafür gege­ben, wie das zu mei­ner Zeit in Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten aus­sah (Bum­mi, Wochen­post, NBI, Neu­es Leben).

Das Zitat zeigt recht deut­lich, dass jemand ohne Ahnung schreibt, denn das Mosa­ik erschien ab 12/1955 im Ver­lag Neu­es Leben und spä­ter im Ver­lag Jun­ge Welt. Es gab zwei Pha­sen: Die ers­te dau­er­te von 1955 bis 1975. In die­ser Pha­se waren die Hel­den die Dige­dags, 1975 ging Han­nes Hegen in Ren­te und die Dige­dags wur­den von den Abra­fa­xen abge­löst. Eine rund­ge­lutsch­te Ver­si­on der Abra­fa­xe ist noch heu­te im Dienst. Also: Der Ver­lag heißt nicht „Mosa­ik“, son­dern die Zeit­schrift. Die Dige­dags sind die Prot­ago­nis­ten des Comics. Lus­ti­ger­wei­se ist in der Online-Ver­si­on des taz-Arti­kels sogar die Wiki­pe­dia-Sei­te der Dige­dags ver­linkt. Pfusch! Ossis sind hier schon satt. Wäh­rend wir vie­le West-Comics ken­nen, denn die­se wur­den unter der Hand wei­ter­ge­ge­ben, ja auch das ras­sis­ti­sche Tim im Kon­go aus der Rei­he Tim und Strup­pi, haben Wes­sis kei­ne Ahnung von den Ost­pe­ri­odi­ka. Muss ja auch nicht sein. Aber dann soll­ten sie halt nicht drü­ber schrei­ben. Oder wenigs­tens die Wiki­pe­dia-Arti­kel lesen, die sie verlinken.

Letz­te Sei­te von Tim im Kon­go. Schwar­ze beten Tim und Strup­pi-Göt­zen an. Erst­mals erschie­nen 1930. Die Farb­aus­ga­be erschien erst­mals 1946, Deutsch erschie­nen im Carlsen-Ver­lag, Ham­burg, 1997.

Unver­ges­sen sind auch die Mecki-Comics, die zwi­schen 1958 und 1969 in der Hör­zu erschie­nen. Sie wur­den von kei­nem gerin­ge­ren als Wil­helm Peter­sen ange­fer­tigt. Peter­sen wur­de von Hit­ler direkt zum Pro­fes­sor beru­fen und war Kriegs­ma­ler der SS. Hit­ler, Göring und Bor­mann besa­ßen Wer­ke von ihm. Laut Volk & Ras­se, zitiert nach Wiki­pe­dia, wur­de er 1935 beauf­tragt Mate­ria­li­en für den Schul­un­ter­richt zu erstel­len, „die das natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Den­ken im Schul­un­ter­richt begreif­bar machen soll­ten, um „unse­rer Jugend einen künst­le­risch hoch­wer­ti­gen und wis­sen­schaft­li­chen Anschau­ungs­stoff“ zu liefern.“

Ich habe mei­ne Mosa­iks aus dem Schrank gekramt und ange­fan­gen zu blät­tern. Was könn­te gemeint sein? Römer? Rit­ter Run­kel? Die Besu­che beim Sul­tan und die flie­gen­den Tep­pi­che? Vene­dig? Hans Wurst in Öster­reich? Die Ame­ri­ka­rei­se? Dann habe ich mal eben im World Wide Web nach­ge­schaut und einen Arti­kel von Jens Mätsch­ke mit dem Titel Ras­sis­mus in Jugend­me­di­en der DDR? Eine For­schungs­ar­beit zur Dar­stel­lung und Insze­nie­rung von Schwar­zen im MOSAIK gefun­den. Und in der Tat: Die Arbeit dis­ku­tiert ras­sis­ti­sche Dar­stel­lun­gen (Bild­un­ter­schrif­ten aus der Arbeit):

Das Bild ist ganz klar nicht in Ordnung.

Die ande­ren Bil­der, die bespro­chen wer­den, sind aber weni­ger klar. In einem Heft wird über ein Fest geschrie­ben, bei dem die Dige­dags Ehren­gäs­te sind. Sie hat­ten den Sohn des Häupt­lings gerettet.

Das fol­gen­de Bild zeigt Dige­dag, wie er in das Dorf fliegt. Er wur­de mit einer Kano­nen­ku­gel aus Ver­se­hen auf die Insel geschos­sen. Im Hin­ter­grund sieht man eine Explo­si­on. Die Dorfbewohner*innen lau­fen erschreckt weg.

Bemän­gelt wird, dass die Dige­dags als Hel­den dar­ge­stellt wer­den und die Schwar­zen als ängstlich:

Ich habe einen Freund, der mit einem Mes­ser bewaff­net einen Bären ver­trie­ben hat. Er weiß inzwi­schen, dass das nicht hel­den­haft, son­dern wahn­sin­nig war.

Die Dige­dags ret­ten den Häuptlingssohn.

Die Dige­dags bau­en einen Düsen­an­trieb für das Zir­kus­schiff, nach­dem die­ses ein Leck bekom­men hat­te. Hier steht nir­gends, dass die Schwar­zen dumm wären. Sie wer­den als gleich­wer­ti­ge Part­ner behan­delt und die Kon­struk­ti­on wird erklärt. Sie wer­den nicht wie bei Tim und Strup­pi kari­kiert. Die Dige­dags sind die Hel­den des Comics, wes­halb es nicht ver­wun­der­lich ist, dass sie Leben ret­ten und tol­le Din­ge erfin­den. Das tun sie auch in ande­ren Ländern.

Die Dige­dags bau­en zusam­men mit den Insel­be­woh­nern ein Zir­kus­schiff, mit dem sie dann zusam­men mit eini­gen der Bewohner*innen die Insel ver­las­sen, um irgend­wo anders (in Rom) mit den wil­den Tie­ren, die sie von der Insel mit­neh­men, aufzutreten.

OK. Das ist nicht OK. Aber wenn man die DDR ver­ste­hen will und dazu etwas über Medi­en schreibt, soll­te man auch beach­ten, von wann die­se Mosa­ik-Aus­ga­ben waren und wie sich die Welt und die DDR danach ent­wi­ckelt hat. Mätsch­ke schreibt selbst über das Mosaik:

Bis 1975 ent­stan­den 223 MOSA­IK-Aus­ga­ben, die 5.400 Sei­ten umfassen.

Mätsch­ke, Jens. 2013. Ras­sis­mus in Jugend­me­di­en der DDR? Eine For­schungs­ar­beit zur Dar­stel­lung und Insze­nie­rung von Schwar­zen im MOSAIK. kjl&m 65(3).

Die unter­such­ten Aus­ga­ben sind von 1957 (Heft 9–13, Mätsch­ke 2013: 24). Was war zu die­ser Zeit so der Stand der Din­ge? Tim und Strup­pi oder schon weiter?

Hitlers Lieblingspropagandafilmerin und die Nuba

Zum Stich­wort „roman­ti­sie­ren­de, exo­ti­sche Dar­stel­lung“ von Schwar­zen emp­feh­le ich allen den Leni Rie­fen­stahl-Film. Rie­fen­stahl hat in den 60ern Bild­bän­de und Fil­me über die Nuba gemacht. Im Film kann man sehen, dass sie von gro­ßen (west-)deutschen Fir­men unter­stützt wur­de (Hen­kel und Kraft Foods Inc.). Sie hat Kaba und Per­sil in den Bil­dern plat­ziert. Für Wer­be­cam­pa­gnen der ent­spre­chen­den Firmen.

Aus­schnit­te zu Rie­fen­stahls Arbei­ten mit den Nuba aus dem Film über Leni Rie­fen­stahl von 2024. Im Bild bzw. an der ent­spre­chen­den Stel­le im Film zu sehen auch das Persil-Waschmittel.

Bei den Dig­ge­dags ist zu beach­ten, dass sie im Gegen­satz zur sonst übli­chen Pra­xis von einer Per­son mit rela­tiv gro­ßem Gestal­tungs­spiel­raum ver­fasst wur­den. Mätsch­ke schreibt dazu:

1955 ent­stand das MOSAIK in einer Peri­ode der poli­ti­schen Ent­span­nung nach dem Tode von Sta­lin, der geziel­ten staat­li­chen Beru­hi­gung und Inte­gra­ti­on von Oppo­si­tio­nel­len nach dem Auf­stand im Juni 1953 und den damit ein­her­ge­hen­den Locke­run­gen im Pres­se­we­sen. Der Grün­der Johan­nes Hegen­barth (Künst­ler­na­me Han­nes Hegen) konn­te sei­ne Idee eines Comics erfolg­reich beim Ver­lag Neu­es Leben ein­brin­gen und eine gro­ße Unab­hän­gig­keit in der inhalt­li­chen Gestal­tung erlangen.

Mätsch­ke, Jens. 2013. Ras­sis­mus in Jugend­me­di­en der DDR? Eine For­schungs­ar­beit zur Dar­stel­lung und Insze­nie­rung von Schwar­zen im MOSAIK. kjl&m 65(3).

Sicher unter­lag das Mosa­ik der Zen­sur und wur­de von ent­spre­chen­den Dienst­stel­len abge­nom­men. Will man das Mosa­ik mit dem im Wes­ten Übli­chen ver­glei­chen, so ist der Bezug auf die Wer­bung für Kakao­pul­ver und Wasch­mit­tel gut geeig­net. Gro­ße Fir­men unter­stüt­zen Hit­lers Pro­pa­gan­dis­tin in ihrer Arbeit mit den Nuba, um damit ihre Pro­duk­te zu bewer­ben und einen posi­ti­ven Effekt zu erzie­len. Das wäre nur in einer Gesell­schaft, die sol­che ästhe­ti­sie­ren­den Bil­der von den roman­ti­schen Wil­den gou­tiert, sinn­voll. Das bedeu­tet, dass wohl in den 60ern ein ent­spre­chen­des Bild im Wes­ten gän­gig gewe­sen sein dürfte.

Die Digedags in Amerika

Nicht betrach­tet wird auch die Ent­wick­lung des Mosa­iks. Die Ame­ri­ka­se­rie wur­de von 1969–1974 veröffentlicht. 

Die Ame­ri­ka­se­rie des Mosa­iks, Heft 152–211, 1969–1974

Die Dige­dags hel­fen Schwar­zen auf der Flucht. Im Mosa­ik wird der Skla­ven-Express beschrie­ben, der Skla­ven zur Flucht aus dem Süden in den pro­gres­si­ve­ren Nor­den ver­half (sie­he auch Wiki­pe­dia­ein­trag zu Under­ground Rail­road). Laut Mosape­dia ist der Skla­ven-Express his­to­risch kor­rekt beschrie­ben. Zum Ende der Ame­ri­ka­se­rie spen­den die Dige­dags Gewin­ne aus der Ver­äu­ße­rung eines Gold­schat­zes an den Skla­ven-Express. Zu Bil­dern sie­he auch Mosape­dia: Skla­ven-Express.

Viel­leicht kann man für Men­schen, die die DDR ver­ste­hen wol­len, zusam­men­fas­sen: Die DDR gab es nicht. Es gab vie­le ver­schie­de­ne DDRen. Nach dem Krieg, bis 1953, danach bis zum Abdan­ken Ulb­richts usw. Viel­leicht muss man sogar noch klein­tei­li­ge­re Unter­tei­lun­gen vor­neh­men. Es ist des­halb nicht zuläs­sig anhand von eini­gen Mosa­ik-Hef­ten auf das kom­plet­te Mosa­ik oder gar das Bild von Schwar­zen in den (Jugend-)Medien der DDR zu schließen.

Die Dakota

Wenn man über das Men­schen­bild in der DDR-Kin­der-und-Jugend-Lite­ra­tur spricht, soll­te man Die Söh­ne der Gro­ßen Bärin nicht ver­ges­sen. Die Söh­ne der Gro­ßen Bärin ist eine sechs­bän­di­ge Buch­rei­he, deren ers­ter Band 1951 ver­öf­fent­licht wur­de. Lie­se­lot­te Wels­kopf-Hen­rich war zwi­schen 1963 und 1974 mehr­mals in den USA und hat das Leben der Dako­ta dort stu­diert. Für ihre Dar­stel­lun­gen der nord­ame­ri­ka­ni­schen Ureinwohner*innen wur­de sie von ihnen mit dem Titel einer „Lako­ta-Tas­hi­na“ (= Schutz­de­cke der Lako­ta) ausgezeichnet. 

Wels­kopf-Hen­rich war Mit­glied der KPD, spä­ter SED. 1951 bekam sie den ers­ten Preis für Jugend­li­te­ra­tur der DDR für Die Söh­ne der Gro­ßen Bärin. 1958 und 1961 den Vater­län­di­schen Ver­dienst­or­den, 1972 den Natio­nal­preis der DDR III. Klas­se. Man kann also wohl davon aus­ge­hen, dass die­se Bücher der „offi­zi­el­len Linie“ der DDR in den 50er, 60er und 70er Jah­ren ent­spra­chen. Auch im Wes­ten sind die Bücher aner­kannt, 1968 erhielt Wels­kopf-Hen­rich den Fried­rich-Ger­stä­cker-Preis der Stadt Braun­schweig für Die Söh­ne der Gro­ßen Bärin.

Pippi Langstrumpf und der Negerkönig

Die Bezeich­nung von Pip­pis angeb­li­chem Vater ist immer wie­der Gegen­stand von Kon­tro­ver­sen. Heu­te soll das N‑Wort nicht mehr ver­wen­det wer­den. Inter­es­san­ter­wei­se kam es in DDR-Aus­ga­ben des Buches nie vor:

In der DDR dage­gen hat man das Pro­blem mit dem „Neger­kö­nig“ schon immer umgan­gen: Dort hieß Pip­pis Vater „König der Takatukaner“.

Gon­si­or, Nico­le & dpa. 2011. Ist „Pip­pi Lang­strumpf“ ras­sis­tisch? „Neger­kö­nig“ sorgt für Ärger. ntv.de.

Zum The­ma N‑Wort kann ich hier noch anfü­gen, dass eine Bekann­te, die schon sehr alt war, als sie auf das Wort ange­spro­chen wur­de, mein­te: „Na, immer­hin sage ich ja nicht Bim­bos wie mei­ne Kol­le­gen.“ Bei den Kolleg*innen han­del­te es sich um die viel gerühm­ten 68er und noch dazu an einem sprach­wis­sen­schaft­li­chen Insti­tut. Just saying.

Danksagungen

Ich dan­ke Peer für sei­ne Hil­fe beim Suchen nach dem Per­sil-Beleg für Leni Riefenstahl.

Schlussfolgerungen

Wie immer gilt: Es ist alles nicht so einfach.

Nebenbemerkung

Mätsch­ke schreibt:

Im Okto­ber 1987 wur­de ein ras­sis­ti­scher Über­fall auf ein Kon­zert in der Ber­li­ner Zions­kir­che inter­na­tio­nal bekannt gemacht und die ost­deut­schen Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den sahen sich erst­mals öffent­lich zum Han­deln gedrängt.

Mätsch­ke, Jens. 2013. Ras­sis­mus in Jugend­me­di­en der DDR? Eine For­schungs­ar­beit zur Dar­stel­lung und Insze­nie­rung von Schwar­zen im MOSAIK. kjl&m 65(3). S. 24

Die­se Behaup­tung ist schlicht falsch. Es gab den Über­fall auf das Kon­zert, aber die­ser war nicht ras­sis­tisch, son­dern poli­tisch moti­viert. Nazi-Skins hat­ten ein Kon­zert der Punk-Band Die Fir­ma und der Band Ele­ment of Crime über­fal­len. Man kann über den Über­fall auf die Zions­kir­che in Wiki­pe­dia nach­le­sen oder in den ent­spre­chen­den Stasi-Unterlagen. 

Quellen

Gon­si­or, Nico­le & dpa. 2011. Ist „Pip­pi Lang­strumpf“ ras­sis­tisch? „Neger­kö­nig“ sorgt für Ärger. ntv.de. (https://www.n‑tv.de/panorama/Negerkoenig-sorgt-fuer-Arger-article2696131.html)

Mätsch­ke, Jens. 2013. Ras­sis­mus in Jugend­me­di­en der DDR? Eine For­schungs­ar­beit zur Dar­stel­lung und Insze­nie­rung von Schwar­zen im MOSAIK. kjl&m 65(3). (https://www.xn--meinekinderbcher-uzb.de/wp-content/uploads/2022/03/Auszug-Phlesenswert_Ausgabe_1_2013.pdf)

Rada, Uwe. 2025. Aus­stel­lung „Frem­de Freun­de“: Ver­ord­ne­te Freund­schaft. taz. Ber­lin. 05.06.2025. (https://www.taz.de/!6088574)

Correctiv bei Nazi-Treffen und Remigration

Am 11.01.2024 habe ich zur Zusam­men­set­zung der Grup­pe beim Nazi-Tref­fen, das Cor­rec­tiv doku­men­tiert hat­te, geschrie­ben (Cor­rec­tiv und die Nazi-Vor­stel­lun­gen bzgl. Remi­gra­ti­on). Von 22 Men­schen war einer aus dem Osten. Alle ande­ren Nazis kom­men aus dem Wes­ten. Nun gab es wie­der ein Tref­fen. Dies­mal nicht in Pots­dam, son­dern in der Schweiz. Bei die­sem Tref­fen waren Mit­glie­der der in Deutsch­land ver­bo­te­nen rechts­extre­men Orga­ni­sa­ti­on „Blood & Honour“, der rechts­extre­men schwei­zer Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on Jun­ge Tat, Mit­glie­der der Jun­gen Alter­na­ti­ve Baden-Würt­tem­berg und AfD-Politiker*innen. Eini­ge wur­den mit Namen genannt: Roger Beck­amp, Abge­ord­ne­ter für die AfD im Deut­schen Bun­des­tag, und Lena Kotré, AfD-Land­tags­ab­ge­ord­ne­te in Brandenburg. 

Ich neh­me an, dass bei der Jun­gen Alter­na­ti­ve aus BaWü kein Ossi dabei war. Beck­amp ist aus Köln und Kotré aus West-Ber­lin. Das heißt, dass bei dem Tref­fen kein Ossi dabei war. Obwohl Kotré im Bran­den­bur­ger Land­tag sitzt, ist sie nicht aus dem Osten. Die Asso­zia­ti­on Osten = Nazi wird durch die Erwäh­nung des Arbeits­or­tes ohne die Anga­be der Her­kunft ver­stärkt. Noch mal: Beim Tref­fen in der Schweiz waren aus­schließ­lich Westler.

Quellen

Peters, Jean & Gins­burg, Tobi­as & Fie­gert, Nic­las & Böh­mer, Mar­tin. 2024. Neue Rech­te: Kein Geheim­tref­fen gegen Deutsch­land – wir waren trotz­dem dabei. cor­rec­tiv. (https://correctiv.org/aktuelles/neue-rechte/2024/12/27/kein-geheimtreffen-gegen-deutschland/)

Peter Unfried, Lindner, Herbst in Peking und die Post

Lie­ber Peter Unfried,

Ich wün­sche Ihnen eine schö­ne Weih­nachts­zeit und ein gutes neu­es Jahr. 2025 dürf­te ja das wahr wer­den, wofür Sie immer in der taz argu­men­tiert haben: Wir bekom­men eine schwarz-grü­ne Regie­rung. Nur wird die­se nicht grün-libe­ral, son­dern neo­li­be­ral. Dank Merz. Ich schrei­be Ihnen die­se Kar­te, weil Sie vor einem Jahr in einer taz-Kolum­ne davon berich­tet haben, dass Sie sich eine Kar­te von Chris­ti­an Lind­ner in die Küche gehängt haben (taz, 07.01.2024). Ich wün­sche mir, dass ganz vie­le taz-Leser*innen Ihnen auch Post­kar­ten schi­cken, so dass Sie die von Lind­ner nicht mehr auf­hän­gen müs­sen, falls er Ihnen die­ses Jahr auch wie­der eine geschickt hat. Wahr­schein­lich haben Sie aber inzwi­schen auch erkannt, dass Lind­ner eine von Por­sche kor­rum­pier­te (taz, 25.07.2022) und von Döpf­ner pro­te­gier­te Per­son (taz, 16.04.2023) ist, deren Haupt­ziel es war, kon­struk­ti­ve Regie­rungs­ar­beit zu sabo­tie­ren (taz, 29.11.2024), auf kei­nen Fall also jemand, des­sen Weih­nachts­kar­ten man sich in die Küche hän­gen würde.

Weih­nachts­kar­te für Peter Unfried, damit er nicht wie­der eine von Chris­ti­an Lind­ner auf­hän­gen muss.

Ich möch­te Ihnen auch noch mal für Ihren Kling-Klang-Arti­kel zum Osten dan­ken. Beim Nach­den­ken über die­se Kar­te und dar­über, wie sie zu Ihnen gelan­gen könn­te, fiel mir eine Geschich­te von vor 35 Jah­ren ein. Der alter­na­ti­ve Radio­sen­der Radio 100 hat­te eine Sen­dung mit der Ost-Unter­grund­band Herbst in Peking gemacht und man konn­te eine Plat­te der Band gewin­nen. Dazu muss­te man eine Kar­te mit dem Mot­to der Band ein­schi­cken. Men­schen aus dem Osten wur­den aus­drück­lich auf­ge­for­dert zu schrei­ben. Die Hälf­te der Plat­ten soll­te an sie gehen. Die Bekannt­ga­be der Gewin­ner war für die Sen­dung in der kom­men­den Woche ange­setzt. Das Pro­blem war jedoch, dass die Post von Ost-Ber­lin nach West-Ber­lin damals 14 Tage brauch­te. Ich habe mich dann auf’s Rad gesetzt und mei­ne Post­kar­te in die Pots­da­mer Stra­ße gebracht. 

Plat­ten­co­ver von der ers­ten Lang­spiel­plat­te von Herbst in Peking.

Und so ist es, dass Men­schen aus dem Wes­ten mit­un­ter gar nicht mer­ken, dass eigent­lich gut gemein­te Din­ge nicht funk­tio­nie­ren. Im Osten.

Da die Zustell­zei­ten der Post sich denen in der Wen­de­zeit annä­hern, brin­ge ich die Post­kar­te mit dem Rad in die Friedrichstraße.

Hand­ge­schrie­be­ne Weih­nachts­post­kar­te für Peter Unfried, Ber­lin, 15.12.2024

Herz­li­che Grü­ße auch an Ihre Frau, die das Auf­hän­gen von Lind­ner-Kar­ten schon im letz­ten Jahr rich­tig ein­ge­ord­net hatte

      Stefan Müller
Weih­nachts­kar­te für Peter Unfried am taz-Tre­sen, Ber­lin, 16.12.2024