Lars Reyer, geboren 1977 in der Nähe von Zwickau, hat eine neue These über den Osten (und den Westen): Wir waren müde. Sein Aufsatz in der taz mit dem Titel „Irgendwann kommt was“ ist gut geschrieben, aber manche Dinge gefallen mir nicht.
Viele DDRen
Lars Reyer war zur Wende 12, ich war zur Wende 21. Mir ist ja beim Lesen von Katja Heuer (2023) klar geworden, dass man nicht von der DDR sprechen darf. Es gab viele DDRen. Einmal zeitlich mit der entsprechend ausgerichteten Politik. Phasen der Entspannung und Anspannung. Und dann gab es individuell ganz unterschiedliche Erfahrungen. Und es gab lokale Unterschiede.
Müdigkeit
Reyer schreibt:
Die DDR in ihrem Endstadium war ein Land, dessen Müdigkeit und Verfall auf die in ihm lebenden Menschen abfärbte, die ihrerseits müde und verfallen durch den Tag schwappten, der ein Tag war, dessen Ende man herbeisehnte, aber niemals wirklich erwartete.
Diese Müdigkeit war keine individuelle, keine psychologische, sondern eine strukturelle Müdigkeit. Sie war nicht Ausdruck von Faulheit oder Trägheit, sondern das Ergebnis eines jahrzehntelangen Umgangs mit Forderungen, die ihrerseits entweder aus Unter- oder Überforderungen bestanden; eines Lebens unter Bedingungen, die jedes Versprechen auf Zukunft entwerteten, ehe es ausgesprochen war. Vielleicht, so könnte man sagen, war diese Gesellschaft eine, die das Prinzip Hoffnung durch das Prinzip Erschöpfung ersetzt hatte. Der Mensch, dieser geschundene, vom Produktionsplan genormte Organismus, war im Grunde nichts anderes als eine wandelnde Sollgröße. Seine Funktion bestand darin, zu funktionieren.
Jetzt also Müdigkeit. Eine neue These über den Osten. Ich stimme mit Reyer überhaupt nicht überein. Das ist sicher auf den Altersunterschied zurückzuführen. Lars Reyer berichtet über seinen Vater und sein Umfeld, das müde und vielleicht resigniert war. Für mich und viele andere war die Zeit in den 80er Jahren eine Zeit der Empörung aber auch der Hoffnung. In der Sowjetunion hatte Gorbatschow übernommen. Glasnost und Perestroika zogen ein. Das war auch in den Medien dort wahrnehmbar und schwappt zum Teil auch in die kleine DDR. In der sowjetischen Politzeitschrift Neue Zeit, die es auch in der DDR gab, standen unerhörte Dinge. Der Sputnik wurde verboten, Nummern der Neuen Zeit nicht ausgeliefert. In den Studiokinos der DDR waren Filme wie Vogelscheuche zu sehen (1983 in der SU, 1987 dann endlich in der DDR), die der sowjetischen Gesellschaft ihr Bild vor Augen hielten in Form vom Umgang von Kindern untereinander. Unglaublich! Jadup und Boel kam 1988 in die Kinos. Ein sehr kritischer Film, der von 1980 bis dahin im Eisschrank gelegen hatte.
Die Menschen äußerten ihren Unmut immer offener. Der Wahlbetrug bei den Kommunalwahlen im Mai wurde 1989 von kirchlich organisierten Gruppen zum ersten Mal nachgewiesen. Meine Schwester war bei Auszählungen in Wahllokalen dabei. An jedem siebten des Monats versammelten sich Oppositionelle an der Weltzeituhr am Alex. Beim Sport in der Woche vor dem 7. Oktober, dem 40. Jahrestag der DDR, bei dem am Alexanderplatz demonstriert und protestiert werden würde, sagte ich zu den anderen: Da kommt was!
Es gab geduldete Untergrundmusik mit kritischen Texten. (Punk, die anderen Bands)
Sandow offen staatskritisch mit „Wir können bis an unsere Grenzen geh’n / Hast du schon mal drüber hinweg geseh’n / Wir bauen auf und tapeziern nicht mit.“ Der Tapezier-Vers war die Fusion von Honeckers Lieblingslied „Bau auf, bau auf, Freie Deutsche Jugend bau auf!“ und dem Spruch: „Würden Sie, nebenbei gesagt, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?“, der von Honecker kam und Kurt Hager zugeschrieben wurde.
Auch AG Geige war sehr schön. Die hatten den Song Zeychen & Wunder. Der erschien sogar noch auf ner Amiga-Platte.
Sie lebten in Zeiten von Zeychen und Wundern, wo sind sie hin, niemand sah sie gehn? Trotz alldem verbleiben noch ein, zwei Sekunden, vielleicht wird ja doch noch ein PIEPS geschehen.
AG Geige. 1989. Trickbeat Amiga. Zeychen und Wunder
Weiß nicht, ob man dem als nicht Zensur-Erfahrener etwas abgewinnen kann, aber ich finde es großartig.
AG Geige war Dada, Multimedia und für Funktionäre wohl unverständlich.
Theaterstücke, in denen man Kritik am Staat finden konnte, wenn man genauer hinschaute als die Zensur. In Heiner Müllers Stücke konnte man auch diverse Dinge hinein- oder herauslesen. Müller produzierte zusammen mit den Einstürzenden Neubauten beim Rundfunk der DDR Hörspiele. Selbst Faust und Shakespeare waren interessant. Theater war für mich damals viel, viel wichtiger als heute. Eben weil dort staatskritische Nachrichten übermittelt wurden. Damit haben die Akteure auch etwas bewirkt. Das funktionierte nur, weil es Zensur gab und es mutig und gefährlich war, dagegen aufzubegehren. Das ist heute anders. Vielleicht wird es bald wieder so. Oder so ähnlich.
Die ganze Untergrundkunst in Dresden und Berlin (und sicher auch anderswo). Ausstellungen in Wohnzimmern. In die man nur reinkam, wenn man vorher auf dem Konzert schräger Bands den Zettel mitgenommen hatte.
Es brodelte und blubberte überall. Es stank, aber das war Teil vom Ganzen.
Es war klar, dass etwas passieren würde, nur nicht genau was. Wie Reyers Vater gesagt hat: „Da kommt was!“. Bei der Armee mussten wir im Juni alle die chinesischen Propaganda-Filme sehen. Meine Kumpels waren dann auch im Oktober mit Schlagstöcken in Dresden. Ich war zum Glück schon raus. Wie es ablief, kann man Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ nachlesen.
Wir glaubten, dass wir den weiteren Verlauf würden steuern können, wenn sich die chinesische Lösung vermeiden ließe.
Wir lagen falsch.
Wir waren … wir waren alles, nur nicht müde.
Wir waren naiv.
Lebenserwartung
„Ein Land mit einer „in Bezug auf die entwickelten westlichen Nationen relativ abnehmende(n) durchschnittliche(n) Lebenserwartung“, wie der Soziologe und Publizist Wolfgang Engler in seiner etwas pathetisch betitelten Ethnologie „Die Ostdeutschen, Kunde von einem verlorenen Land“ ganz beiläufig notiert.“
Naja, das hört sich jetzt dramatisch an. Als wären wir alle so dahingestorben. Was da aber genau steht ist, dass die Lebenserwartung sich nicht genauso schnell erhöht hat wie im Westen. Aber sie hat sich erhöht. Hier ist eine Abbildung von der Bundeszentrale für politische Bildung (Bötcher, 2022).
Lebenserwartung in der DDR und in der BRD von 1951–2010 nach (Bötcher, 2022).
Allerdings kann man dem Artikel der BPB auch entnehmen, dass das DDR-Gesundheitssystem zum Ende vom Westen unterstützt wurde. Ich habe als Jugendlicher selbst West-Medikamente bekommen, nachdem die Formulare von zwei Ärzten unterschrieben worden waren.
Warmes Bier
Unter einem Bild des Autors steht: „Man saß nach der Frühschicht in den Gärten, redete wenig, trank Bier aus lauwarmen Flaschen.“
In der Diskussion auf Mastodon habe ich dann erfahren, dass es mancherorts üblich ist, warmes Bier zu trinken. In Thüringer Gaststätten gab es sogar Tauchsieder, um das Bier aufzuwärmen, wenn es zu kalt war. Wie dem auch sei: Mir ist unklar, warum die Temperatur für den restlichen Artikel dann relevant sein soll und warum der Autor diesen Umstand erwähnt hat.
Unsere Kühlschränke waren übrigens von der Firma DKK (Foron), die als erste FCKW-freie Kühlschränke hergestellt haben, dann aber von westdeutschen Firmen mit Kampagnen platt gemacht wurden.
Befindlichkeiten. Leere?
Ein Rückzug auf das Ich, das einen, wenn man genau hinhörte, nur allzu oft zurück anschwieg.
Wir haben ja Lyrik gemacht und unser selbst gedrucktes Heft hieß Befindlichkeiten. Wir haben in uns hineingehört. Genau. Aber unsere Ichs haben nicht geschwiegen. Sie haben geschrien.
Und woher will er wissen von der Leere? Wenn alle geschwiegen hätten, woher will er dann wissen, dass sie auch von ihrem Selbst angeschwiegen wurden?
Die Einstürzenden Neubauten aus West-Berlin dagegen waren leer. Ohne Angst:
Wir sind leer / Glaub mir Wir sind leer Die Zeit hat ihre Kinder längst gefressen Und sie ist satt Komm her komm mit Sieh zu wie die Zeit Zerfällt vor unsern Augen Komm her komm mit Wir sind leer – ohne Angst Wir sind leer Endgültig / vollständig / leer Abstieg & Zerfall
Einstürzende Neubauten. 1981. Abstieg und Zerfall, Kollaps.
Wir waren voll. Und ohne Angst. Vielleicht waren wir naiv. Vielleicht hätten wir Angst haben sollen, aber in den 80ern hatten wir keine. Meine Schwiegereltern berichteten von den 50er Jahren. Wenn vor dem Haus eine Autotür klappte, hatten sie Angst, abgeholt zu werden, denn in ihrer Umgebung hatte keiner ein Auto. In den 80er Jahren hatten viele eins und wir hatten keine Angst mehr, abgeholt zu werden. Ich habe vor kurzem meine Stasiakte erneut angefordert und habe die Auskunft erhalten, dass ich erfasst wurde. Ich weiß aber noch nicht weshalb. Ich habe damals schon immer zu allen gesagt, dass man davon ausgehen muss, dass immer einer dabei ist, es wäre bitter, wenn es jemand war, der mir wichtig war.
Vielleicht war das ja Spaß. Oder literarisch überhöht. Wenn, ja, hab ich’s nicht mitbekommen. Tut mir Leid.
Also: Es ist falsch: Wir hatten Bücher. Viele! Und gute! Auch von westlichen Autor*innen und Klassiker natürlich auch. Wir hatten Schallplatten. Aus’m Osten und aus dem Westen (Lizenzpressungen und Platten aus Ungarn und der CSSR). Wir hatten Kassetten mit Aufnahmen von den Platten, die wir anders nicht kriegen konnten. Im DDR-Radio wurden West-Platten zum Mitschneiden gesendet. Wir hatten Radios mit Westmusik. Wir hatten Tonbänder, Kassettenrecorder, Plattenspieler. Wir hatten Fahrräder, zwar nicht so toll wie die im Westen und gar nicht zu vergleichen mit denen von heute, aber die fuhren auch. Ich habe 150km-Touren damit gemacht.
Manche hatten Grundstücke mit Häusern oder kleinen Gärten, manche hatten Autos. Doch wirklich! Der Autor zeigt ja selbst ein Bild seines Vaters in einem Garten vor einem Bungalow und spricht von Gärten in der Mehrzahl. Manche dieser Gärten waren gepachtet, manche aber auch gekauft.
Mein Großvater war Koch in der Betriebskantine des Stickstoffwerks in Piesteritz. Meine Oma war Zimmermädchen und dann Kerzenmacherin in einem Industriebetrieb in Wittenberg (Wittol). Also kein gehobenes Bürgertum, sondern ganz normale Leute. Sie wohnten in einer soliden Zweizimmerwohnung mit Waschmaschine und Kühlschrank. Hatten einen Kleingarten, zeitweise sogar zwei, und ab 1968 einen Trabbi und später einen Moskwitsch in einer eigenen Garage. Mein anderer Großvater war Ingenieur bei Zeiss. Er hatte einen Polski-Fiat (auch mit Garage). Er wohnte in einer Zweizimmerwohnung in der Allee der Kosmonauten in Jena. Meine Eltern waren beide Wissenschaftler. Sie hatten einen Lada und auch einen Garten in der Nähe von Eberswalde. Man musste lange auf ein Auto warten, und als ich klein war, ist mein Vater immer mit der Bahn von Berlin nach Wittenberg zu meinem Großvater gefahren und hat deren Auto geborgt, mit dem wir dann in den Urlaub gefahren sind, aber uns gehörte doch wesentlich mehr als unsere Körper.
Reyer schreibt von der Frühschicht, nach der sein Vater im Garten saß und Bier trank. Schichtarbeiter haben Schichtzuschläge bekommen. Hier sind die Gehälter aus einer Studie mit 2,4 Mio Beschäftigten aus dem Jahr 1988. Stephan & Wiedemann (1990) berichten detailliert darüber, wie sich die Löhne zusammengesetzt haben und wie sich Netto vom Brutto unterschied. Als Schichtarbeiter*in bekam man teilweise hohe Zulagen. HF-Kader waren die Studierten.
Meine Frau hat vom September bis Dezember 1985 in einem so genannten Vorpraktikum in der Glashütte Derenburg gearbeitet und dort 500 Mark pro Monat verdient. Für Hilfsarbeit ohne jegliche Ausbildung. Im Januar bis Juli 1986 hat sie im Porzellanwerk Triptis gearbeitet. Sie hat dort im Zweischichtbetrieb 8000 Teller pro Schicht glasiert. Die Teller wurden in die Glasiermaschiene eingelegt und wieder herausgenommen und dann in die Brennkapsel eingelegt. Monotone Arbeit. Stundenlang. Wahrscheinlich sah sie nach der Schicht müde aus. Und leer. Ich weiß es nicht. Wir haben uns in den 80ern nur ab und zu mal in Weimar, auf Konzerten und im Theater getroffen.
Nach Aussage meiner Frau hätte jede und jeder dort sofort ungelernt anfangen können.
Ich habe als Jugendlicher gearbeitet (Krankenhaus, Post, Bussewaschen bei der BVG). Da bekam man 2,55 oder 3,25 Mark pro Stunde. Ich konnte mir so einen Radiorekorder und später eine Stereoanlage mit Kassettenrekorder zusammensparen.
Ich weiß nicht, was genau der Vater des Autors gearbeitet hat, aber ich kann mir vorstellen, dass man in einer Familie mit vier Kindern (falls es nicht andere Verwandte oder Bekannte waren, die in der 55 km²-Wohnung wohnten) nicht viel Geld übrig hat. Allerdings gab es für kinderreiche Familien auch Förderung vom Staat. Mitte der 80er sogar schon ab drei Kindern. Wir haben welche bekommen. Und als Student konnte man von 200 M Stipendium leben, wenn also beide Elternteile gearbeitet haben, dann müsste auch Geld für Geschenke dagewesen sein. In Wikipedia findet man eine Liste mit den in der DDR einheitlich geltenden Preisen. Die Preise für Waren des alltäglichen Bedarfs waren auf Vorkriegsniveau eingefroren worden. Mieten, Lebensmittel, Mobilität, Kleidung (die man nicht unbedingt anziehen wollte und auch nicht in allen nötigen Konfektionsgrößen, nur für Mittelmaß), Porto.
Und irgendwer dort muss auch einen Fotoapparat gehabt und die Farbabzüge bezahlt haben. Sonst gäbe es die Bilder vom Vater des Autors nicht.
Und mit dem Körper, ja, das war bedingt, denn man wurde zu allem Möglichen gezwungen. Zum Beispiel zum Wehrdienst. Und schon vorher zu paramilitärischer Ausbildung in der Schule.
Der kaputte Sozialismus
Der Sozialismus, so wie er sich in den späten Achtzigerjahren in der DDR zeigte, war gewissermaßen das politische Äquivalent einer stur am Laufen gehaltenen Industriebrache. Alles pfiff auf dem letzten Loch, die Kessel dampften und zischten und standen kurz vorm Zerbersten, aber irgendwo fand sich immer unverhofft ein Werkstoff, den man zum Ersatzteil umfunktionieren konnte. Irgendjemand fand am Schluss doch immer ein Ventil, um den Druck wieder abzulassen. Die Kessel explodierten vorerst nicht.
Ja, ich habe ja vor 1986 diverse Betriebe besichtigt. Toll, war’s nicht. In der Armeezeit war ich in Espenhain. Das war ein Braunkohlekraftwerk, was aber auf Verschleiß gefahren worden war. Kaputt. An vielen Stellen. Und die absolute Ökokatastrophe. Die Anwohner*innen litten an Atemwegserkrankungen und Ekzemen.
Es gab einige mehr oder wenig gut funktionierende Betriebe. Das VEB Elektromotorenwerk Wernigerode (Elmo) gehörte dazu. Wolfgang Beck, der letzte Betriebsdirektor hat darüber in seinem Buch berichtet (Beck 2023). Auch wie man mitunter mit Devisen Material beschaffen musste. Und darüber, was passierte, wenn man keine Arbeitskräfte mehr hatte, weil es eine Amnestie gab.
Letztendlich dürfte der CSU-Mann Strauß die DDR mit Hilfe eines Milliardenkredits noch ein paar Jährchen über das eigentliche Ende hinaus am Leben gehalten haben.
Warten, aber worauf?
Denn da (und obwohl) alles eingerichtet und alles geregelt war, ahnte man, dass es nicht mehr lange so weitergehen konnte, weil alles Eingerichtete und alles Geregelte wie ein unendlich andauerndes Provisorium erschien. Es war eine Zeit des Wartens – worauf, das wusste niemand so genau.“
Natürlich wussten wir, worauf wir warteten. Auf Glasnost und Perestroika.
Die Band Gefahrenzone aus Saalfeld richtete sogar ein Lied an Gorbatschow und wurde dann prompt von der Stasi zersetzt. Aber die Tapes waren im Umlauf. Ich bekam es von einem Freund, dessen Opa beim ZK war. So war das.
Sie sangen: „Genosse Gorbatschow, wo gehen Sie hin? Wir brauchen genau solche Reformen wie Sie in der UdSSR.“
Airtime bei Parocktikum 1987–1989 für die Saalfelder Band Gefahrenzone, gegen die ein Operativer Vorgang bei der Stasi lief.
Erzählen in kurzen Sätzen
Und so begann, im Rückblick, ein fieberhaftes Nachholen von Geschichten, ein Erzählen, das manchmal an Selbstrechtfertigung grenzte. Die Müdigkeit wich der Erzählung – aber in der Erzählung blieb sie als Schatten.
Das ist perfide. Die, die nicht einfach nach der Wende verstummt sind, versuchen etwas gegen den Mainstream zu setzen. In kurzen Sätzen. In vielen kurzen Sätzen. Wie Daniela Dahn anmerkte. Man braucht ein ganzes Kapitel, nur um zu zeigen, was an einem vergifteten oder einfach nur idiotischen Satz falsch ist. Und vielleicht ist die Müdigkeit auch neu. Und sogar eine kollektive Müdigkeit. Die Müdigkeit einer Gruppe. Einer Gruppe, zu der ich nie gehören wollte, zu deren Bestandteil ich und viele andere aber gemacht wurden.
Diejenigen, die früher geschwiegen hatten, begannen zu sprechen. Aber ihre Sätze blieben kurz.
Die Müdigkeit, die früher kollektiv war, ist heute individuell. Damals war man müde vom Staat; heute ist man müde von sich selbst.
Die Freiheit hat die Erschöpfung nicht aufgehoben, sie hat sie privatisiert.
Meine Schwiegereltern berichteten von einem Kollegen aus dem Westen, der in den 70ern zu Besuch kam und fand, dass in der DDR selbst die Babys grau wären. Ich habe oben von Besitz gesprochen. Ich besaß eine Platte mit Liedern vom Kleinen Prinzen. Eins davon hieß: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Menschen, die nur grauen Babys und nur müde Bürger gesehen haben, vermochten nicht mit dem Herzen zu sehen. Konnten nicht sehen, was unter der Oberfläche war und wie es dort brodelte. Bei vielen.
Die Bubble
Ich habe Eingangs erwähnt, dass mir klargeworden ist, dass es die DDR nicht gibt. Es hat jeder Ossi seine und dann gibt es noch das Gemisch vom Westen. Nun kann man sagen: „Ja, Stefan, dann ist das, was Du schilderst, eben Deine.“ Das kann man sagen, aber ich möchte doch zu bedenken geben, dass ich Ende der 80er mit ganz vielen Menschen in wirklich verschiedenen Kontexten zusammengekommen bin. Das ist – verglichen mit allem, was bei mir danach kam und vielleicht auch heute an Blasenbildung üblich ist – ein wirklich großer Querschnitt der DDR-Bevölkerung gewesen. Ich zähle einfach mal ein paar Dinge auf:
Großeltern in Jena und Wittenberg aus verschiedenen Milieus
Armeezeit: sechs Monate unter Unteroffiziersschülern (hauptsächlich mit Abitur aus allen Landesteilen) zweieinhalb Jahre Unteroffizier auf Zeit mit Soldaten und Unteroffizieren aus allen Landesteilen und Bevölkerungsschichten. Ich war sowohl mit Soldaten als auch mit Unteroffizieren befreundet. Das ging in Kamenz, weil der Druck da nicht so hoch war, wie anderswo, denn es sollten ja auch mithilfe der Wehrdienstleistenden Offiziersschüler ausgebildet werden. Ich hatte auch Gespräche mit Offiziersschülern, auch solchen, die „abgekeult“ haben = nachträglich festgestellt hatten, dass sie nicht länger als notwendig in der NVA dienen wollten. Wir hörten gemeinsam Musik.
Im Winter 1987 war ich drei Wochen in der Kohle in Espenhain und habe da in der Nachtschicht gearbeitet. Ich war als einziger Armist einer Gruppe von fünf, sechs Arbeiter*innen zugeordnet.
Kontakte in die Kulturszene: Musik, Theater, Weimar, Berlin, Dresden
Über die Musik Kontakte in die Kirche (Erlösafestival 1988 in der Erlöserkirche mit Gruppen ohne Spielerlaubnis und mit Stasi um das Kirchengelände)
Volkshochschule in Kamenz: Russischkurs für die Vorbereitung auf die Uni. Auf dem Weg zurück von der Volkshochschule in die Kaserne sprach ich oft mit einer gleichaltrigen Frau, die bei den Adventisten des siebten Tages war. Wir sprachen über Gott und die Welt.
Ich war beim Sport (Karate bei Berlin-Chemie) und bin auch da mit Menschen aus anderen Kreisen zusammengekommen.
Ich denke, ich war mit 21 zur Wende auch noch jung, aber ich habe doch schon viel mehr mitbekommen, als die Vier- bzw. Zwölfjährigen. Und viel besessen! Ich hätte nie gedacht, dass ich mal mit meinem Besitz angeben würde. Aber hier: Das war meins. Es hat 6600 Mark gekostet und das sind nach heutigen Maßstäben fast 20.000 Brote. Und dann hatte ich noch eine BX20 mit Objektiv. Aber keine Hosen. Die gab es in meiner Größe nicht.
Bild von HMK-Stereo-Anlage mit Tangentialarm-Plattenspieler
Zusammenfassung
Die Zusammenfassung hatte ich eigentlich schon 1989 während meiner Militärzeit in Kamenz geschrieben: Bei mir waren die Menschen nicht müde. Sie haben gelächelt und sind gegangen:
Kamenz 12.01.89 Einer nimmt den Zirkus ernst. Sitzt unbeweglich, starr auf der harten Sitzbank. Er denkt an nichts, als daran, korrekte Haltung zu bewahren. Streicht die blaugrüne Jacke glatt und überprüft den Sitz seines Ordens. Rings die Leute lächeln, in ihre eigenen Gedanken versunken. Die Manege ist leer. Es ist ruhig. Man ist ruhig. Nach einiger Zeit verlassen die Leute einzeln das Zirkuszelt. Der Mann mit dem Orden ist der letzte.
Und sie waren in ihre eigenen Gedanken versunken! Individuen, die gelächelt haben. Und sie haben nicht mitgemacht. Sie sind gegangen. Aus der Manege. Nicht aus dem Land oder dem Leben. Sie wussten: „Da kommt was!“
Ich denke, in diesem kurzen Text ist alles drin.
Quellen
Beck, Wolfgang. 2023. Alles hat ein Ende – auch die Marktwirtschaft. Wolfgang Beck, der letzte Betriebsdirektor des VEB Elektromotorenwerk Wernigerode (Elmo), erzählt von der Planwirtschaft und dem wirtschaftlichen Ab- und Aufbruch nach 1990 (Rohnstock Biografien). Arnstadt: THK-Verlag.
Hoyer, Katja. 2023. Diesseits der Mauer: Eine neue Geschichte der DDR 1949–1990. Hamburg: Hoffmann und Campe.
Stephan, Helga & Wiedemann, Eberhard. 1990. Lohnstruktur und Lohndifferenzierung in der DDR Ergebnisse der Lohndatenerfassung vom September 1988. Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 23(4). 550–562. (https://doku.iab.de/mittab/1990/1990_4_MittAB_Stephan_Wiedemann.pdf)
Dass ich das Buch Die Möglichkeit von Glück für einen Skandal halte, habe ich ja schon in diversen Posts hier und in einem Artikel in der Berliner Zeitung kundgetan (siehe die Übersichtsseite zu Anne Rabe). Anne Rabes neues Buch über Moral wollte ich deshalb gar nicht lesen. Nun bin ich aber über Mastodon auf den Denkangebot-Podcast von Katharina Nocun aufmerksam geworden, in dem sie mit Anne Rabe über Moral, den Osten und die AfD spricht. Das Interview hat mir recht gut gefallen, aber es kommen wieder einige Punkte vor, die Anne Rabe seit einigen Jahren wiederholt. In leicht abgewandelter Version. Letztendlich bleibt sie bei ihren unhaltbaren Thesen über Gewalt. Sie schildert die DDR in den dunkelsten Schattierungen, die einfach nicht der Realität entsprechen. Ich diskutiere im Folgenden der Reihenfolge nach einige ihrer Aussagen.
Damit hier keiner was in den falschen Hals bekommt: Ich bin kein DDR-Nostalgiker. Ich wollte die DDR, so wie sie war, nicht und will sie auch so nicht wiederhaben. Ich war im Frühjahr 1989 auf dem Erlösafest, einem Punk-Konzert in der Erlöserkirche. Die Stasi stand draußen drumrum. Meine Schwester war an der Dokumentation der Fälschung der Kommunalwahlen im Mai 1989 beteiligt. Am 4.11.1989 bei der großen Demonstration gegen die DDR-Regierung bin ich im Antifa-Block mitgelaufen. Es gibt diesen Blog, weil ich auf Trugschlüsse, Verzerrungen, Klischees hinweisen will, die letztendlich auch Schuld daran sind, dass wir jetzt da sind, wo wir sind. Mit 40% AfD und der Gefahr der absoluten Mehrheit in einigen Bundesländern. Die in diesem Blog diskutierten Falschdarstellungen haben letztendlich dazu beigetragen, dass der Osten pathologisiert wird und die wahren Ursachen verkannt oder ignoriert wurden.
Content-Warnung: Im folgenden Abschnitt geht es um Gewalt gegen Kinder. Es gibt teilweise explizite Schilderungen von Menschen, die in West-Deutschland Gewalt erlebt haben. Man kann diesen Abschnitt überspringen, indem man in der Gliederung oben zum nächsten Abschnitt springt.
Gewalt gegen Kinder
Astrid Lindgrens Rede und gewaltfreie Erziehung
In der ersten kommentierungswürdigen Passage spricht sie über eine Rede von Astrid Lindgren, die diese im Jahr 1972 gehalten hat:
Wenn man das heute liest, denkt man so, na ja, gut, also es ist eine sehr schöne, sehr berührende Rede, aber die Provokation versteht man nicht mehr so ganz. Das liegt natürlich daran, dass wir heute im Gegensatz zu damals in der gesamten westlichen Welt das Recht auf gewaltfreie Erziehung durchgesetzt haben. Und ausschlaggebend war tatsächlich diese Rede. Also damals gab es noch in keinem einzigen Land das Recht auf gewaltfreie Erziehung. Und nach dieser Rede ging zuerst in Schweden eine Diskussion los, eine politische. Da wurde sie auch eingeladen und sollte mitdiskutieren. Und ein Jahr später hatte eben Schweden als erstes Land auf der ganzen Welt ein Gesetz gegen Gewalt in der Erziehung. Und alle anderen westlichen Länder folgten. Deutschland immerhin 2001.
Was hier fehlt, ist der Verweis auf die Lage in der SBZ/DDR, in der die Prügelstrafe an Schulen lange vor der Lindgren-Rede von 1972 abgeschafft wurde. Nämlich bereits 1945 von der sowjetischen Militäradministration (SMAD) als der Schulbetrieb wieder aufgenommen wurde. Die entsprechenden Regeln wurden bei Gründung von DDR übernommen (Wikipedia Körperstrafe), weil man Prügelstrafe, wie die viel zitierten 68er auch, für ein „Relikt inhumaner Disziplinierungsmethoden des NS-Regimes“ hielt. Man beachte auch, dass Nazi-Lehrer*innen nach dem Krieg nicht lehren durften. Das wurde von in Crash-Kursen ausgebildeten sogenannten Neulehrern übernommen. Ein Bruch mit der Nazi-Pädagogik wurde also, anders als im Westen, radikal vollzogen. Ich habe in Gewalterfahrungen und 1968 für den Osten darüber ausführlicher geschrieben. Im Westen hatte der Bundesgerichtshof Lehrern noch 1957 ein „generelles Gewohnheitsrecht“ zum Prügeln zugesprochen. Erst 1973 wurde das Prügeln in der Schule verboten, in Bayern gar erst 1983. Bis 1958 durfte nur Papa prügeln und im Zuge der Gleichstellung der Frauen durfte das dann auch Mama. Zu den Quellen siehe den zitierten Post. Dazu kamen Misshandlungen von über einer halben Million Kindern in staatlichen und christlichen Kinderheimen. Auch dafür Quellen im Gewalt-Post und unten noch mehr.
Rabe sagt über die DDR-Schulen:
Die Aufgabe für die Eltern war es, die Kinder im Sinne des Staates zu erziehen zu sozialistischen Persönlichkeiten. Und wenn das missglückt ist, aus welchen Gründen auch immer und häufig sind ja Kinder, die Gewalt ausgesetzt sind, zum Beispiel eben Kinder, die dann nicht gut funktionieren, dann kann der Staat eingreifen und zugreifen. Und da gibt es zahlreiche Geschichten. Da sagen natürlich jetzt dann immer ganz viele, ja, aber wir haben das ja alle nicht so ernst genommen, was der Staat da gesagt hat. Und das kann auch in ganz, ganz vielen Fällen so sein. Aber dass es eben die Möglichkeit gibt, prägt einen erst mal.
Und in Diktaturen ist es eben oft willkürlich. Also nur weil der eine etwas nicht erfahren hat, heißt es nicht, dass es woanders nicht durchexerziert wurde. Wir haben eben Erziehungsinstitutionen wie Jugendwerkhöfe, brutale Arbeitslager für Kinder, all diese Dinge. Und da sind dann eben solche Geschichten wie Prügelstrafe in der Schule ist abgeschafft. Ist halt die Frage, wie entscheidend das ist, wenn ich gleichzeitig damit drohen kann, jemanden in den Arbeitsknast zu stecken. Also diese Gewichtung. Und dann ist die Frage, also ich versuche mich dem sozusagen zu nähern aus der Sicht, was sind Dinge, die haben wir identifiziert als gute Bedingungen für Gewalt? Also was sind zum Beispiel Faktoren, die wir heute versuchen auszuradieren oder wo wir versuchen, Leuten zu helfen? Und davon herrschen halt relativ viele.
So, so. Brutale Arbeitslager für Kinder. Die Jugendwerkhöfe waren schrecklich. Das ist klar. Es gibt Menschen mit bleibenden Schäden, die heute nicht arbeiten können, weil sie unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden.
Vertreter von Ich bin armutsbetroffen hält Rede im Klimacamp von Extinction Rebellion. Er berichtet von seinen Erfahrungen in einem DDR-Jugendwerkhof. Invalidenpark, Berlin, 13.04.2023
Nur ist die Frage, wer in die Spezialheime kam. Diese waren für schwer erziehbare Kinder, wie Anne Rabe in ihrem Buch Die Möglichkeit von Glück auch selbst geschrieben hat. Bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gibt es eine Übersichtsseite zum Thema Jugendwerkhöfe. Laut dieser Seite waren in den 40 Jahren DDR 135.000 Kinder und Jugendliche in Spezialheimen (was die Jugendwerkhöfe einschließt). In diese Einrichtungen kam man aber nur, wenn man massiv verhaltensauffällig war (siehe Bundesstiftung zu Gründen, auch unakzeptablen und eigentlich gesetzeswidrigen). Im Unterschied dazu konnte man im Westen einen Tritt in den Hintern bekommen, weil man beim Wandertag zu langsam lief oder frech zum Lehrer war (siehe unten). Die Lehrer*innen waren zum Teil noch Nazi-Lehrer*innen, die auch die erprobten Methoden weiter verwendeten. Im Osten wurden die zum Großteil entlassen oder durften die ersten Jahre nach dem Krieg nicht als Lehrer*in arbeiten. In Crash-Kursen wurden so genannte Neulehrer ausgebildet. Die Kontinuität der Nazi-Pädagogik war gebrochen. 1983 war ich 15 Jahre alt. Meine Altersgenoss*innen in Bayern hätten also alle bis zur neunten Klasse verprügelt werden dürfen. Auch dazu unten mehr.
Ich kenne insgesamt drei Personen, die in einem Jugendwerkhof waren. Ein Mädchen aus meiner Schule (nachdem ich die Schule verlassen hatte). Ein Junge, den ich über meine Punkfreunde nach der Wende kennengelernt hatte und den Mann oben, den ich bei einer Klima-Veranstaltung 2023 fotografiert habe. Bei der Bundesstiftung steht Folgendes:
In Spezialheimen wurden Kinder und Jugendliche untergebracht, die als „schwer erziehbar“ galten und „deren Umerziehung in ihrer bisherigen Erziehungsumgebung trotz optimal organisierter erzieherischen Einwirkung der Gesellschaft nicht erfolgreich verlief.“ (§ 1 , Abs. 2, Anordnung über die Spezialheime der Jugendhilfe (1965). Hierunter zählte die DDR-Pädagogik alle Heranwachsenden, deren Verhaltensweisen und Leistungen im Widerspruch zu den gesellschaftlichen Forderungen standen und sich u.a. in sogenannter Disziplinlosigkeit, Verhaltensauffälligkeiten und kriminellem Verhalten niederschlugen.
[…]
Im Mai 1989 existierten 401 Normalkinderheime und 73 Spezialkinderheime. Dazu gehörten 41 Jugendwerkhöfe sowie der 1965 als Disziplinareinrichtung im System der Spezialheime eingerichtete Geschlossene Jugendwerkhof Torgau. In den Jahren 1949 bis 1990 haben etwa 495.000 Minderjährige die Heime der DDR durchlaufen; 135.000 davon die Spezialheime. Rund 6.000 Jugendliche lebten für eine gewisse Zeit im Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau.
Es gab also in der gesamten DDR-Zeit 135.000 Minderjährige in den Spezialheimen. In Wikipedia steht, dass zwischen 1968 und 1977 1,8 Minderjährige von 1000 in einem Jugendwerkhof waren. In den Jugendwerkhof kam man nur in einem Alter ab 14 Jahren. Die POS ging bis zur zehnten Klasse, das heißt, dass man im Alter von 14 bis 16 in den Jugendwerkhof kommen konnte. In meiner Schule gab es vier parallele Klassen a 31 Schüler. Wenn man die 8., 9. und 10. Klasse als potentielle Jugendwerkhof-Jugendliche betrachtet, dann wären das 372 Jugendliche. Unter 555 Jugendlichen ist einer in den Jugendwerkhof gegangen, also nicht mal einer pro Schule. Das heißt, dass das sehr spezielle Fälle waren. Die Jugendliche in meiner Schule hat über einen längeren Zeitraum diverse Dinge angestellt, manche auch mit einem politischen Aspekt. Zum Beispiel eine DDR-Fahne ohne Emblem rausgehängt.
An meiner Schule gab es Jugendliche, die in das Lehrerzimmer eingebrochen waren und ein Tonbandgerät gestohlen hatten. Sie haben einen Tadel bekommen und wenn ich mich recht erinnere, wurde dieser auch beim Fahnenappell vor der ganzen Schule ausgesprochen. In meiner Straße wohnte ein Schulschwänzer. Weil er nicht zur Schule kam, wurde dann irgendwann verfügt, dass er von der Polizei gebracht wurde. Der Polizist wohnte im selben Wohnblock. Immer wenn ich früh zur Schule ging, stand der Jugendliche grinsend am Straßenrand und wartete auf den Polizisten, der ihn dann im Polizei-Wartburg zur Schule fahren würde.1 In meiner Klasse gab es mehrere Jugendliche, die schon sitzengeblieben waren. In der achten Klasse machte dieser Altersunterschied viel aus. Es gab Jungen, die im Biologie-Unterricht geraucht haben. Unsere Klasse hat mehrere Russischlehrerinnen, die frisch von der Uni kamen, fertig gemacht. Sie mussten die Klasse abgeben. Sie wurden mit Einwegspritzen, die es in Buch reichlich gab, weil das Klinikum dort war, mit Wasser bespritzt. Einmal hat einer sogar einen Apfel mit dem Messer zerlöchert und dann nach vorn gegen die Tafel geworfen, wo er zerplatzte und die Apfelstücke überall durch die Gegend flogen. Das endete erst, als eine erfahrene, resolute Lehrerin den Russischunterricht übernahm.2 Die Großen aus unserer Schule haben mal den Trabbi der Biolehrerin in die Weitsprunggrube getragen. Das war ein ziemliches Stück Weg über den gesamten Sportplatz. Aber die Trabbis waren ja aus Pappe und nicht so schwer. Weiß nicht, wie die Lehrerin den Trabbi da wieder rausbekommen hat. Wahrscheinlich musste sie die Halbstarken um Hilfe bitten. Für all das kam man nicht in den Jugendwerkhof. Man musste schon etwas mehr anstellen.
Anne Rabe sagte so dahin: „Und da sind dann eben solche Geschichten wie Prügelstrafe in der Schule ist abgeschafft. Ist halt die Frage, wie entscheidend das ist, wenn ich gleichzeitig damit drohen kann, jemanden in den Arbeitsknast zu stecken. Also diese Gewichtung.“ Diese Drohung gab es so nicht. Jedenfalls nicht in der normalen Schule. Die kam dann höchstens, wenn alle anderen Instrumente der DDR-Pädagogik versagt hatten. Prügel wurde früher in Nazi-Deutschland und dann in der BRD für ganz andere Verfehlungen verabreicht (siehe unten). Die Schwelle dafür war sehr viel niedriger. Im Osten liefen die Drohungen anders. Zum Beispiel gab es auf jedem Zeugnis eine verbale Beurteilung. Dort wurde auch der Klassenstandpunkt bewertet. Wenn man schlechte Noten oder attestierte mangelnde Loyalität dem Staat gegenüber hatte, konnte das je nach Berufswunsch massive Auswirkungen auf das spätere Leben haben. Die Zulassung zum Abitur und zum Studium hing davon ab. Der ständige Bekenntniszwang in Schule und FDJ, das war das Problem, nicht Gewalt in Schulen oder Kurheimen (siehe Kinderverschickung und die DDR? zu Kuren). Ich habe über moralischen Druck und Bekenntniszwang in meinem Klimablog in Der moralische Druck der Öko-Gutmenschen ist ja wie in der DDR geschrieben. Ein sehr gutes Buch zum Thema ist auch Krokodil im Nacken von Klaus Kordon. Es handelt von einem systemtreuen Paar, das sich recht gut in der DDR eingerichtet hatte und dann aber, als das Kind in die Schule ging, merkten, wie falsch und verlogen alles war und wie sehr man sich anpassen und verbiegen musste. Das führte dann zu einem Fluchtversuch. Diese Art der Erziehung war das Problem der DDR, nicht Gewalt in den Schulen, wie Anne Rabe alle Wessis und Nachgeborenen glauben machen möchte.
Ende der 1960er in BW noch erlebt: Mit dem Lineal auf die Finger hauen, Ohrfeigen und an den Haaren/den Ohren ziehen. Letzteres war eine Spezialität der Religionslehrerin. Das mit dem Lineal habe ich (nicht persönlich) auch nur bei ihr erlebt, soweit ich mich entsinne. Ohrfeigen gab es (selten) vom Klassenlehrer, der eigentlich okay war, aber vom Krieg einen Granatsplitter im Kopf hatte, der nicht entfernt werden konnte und wenn der “wanderte”, stand er schon mal neben sich.🫣 (Verwendung ok)Ja klar, kannst du ruhig verwenden, aber die Schule benennen möchte ich nicht. Es war glaube ich auch an so ziemlich allen Grund- und Hauptschulen so. Mein ältester Bruder war auf der „Volksschule“ und da gehörten Prügel noch ziemlich lange zum Schulalltag, obwohl es da dann endlich so langsam auch ersten Widerstand durch die Elternschaft gab. Ich hab’ es ab dem Gymnasium nicht mehr erlebt, aber das war dann auch schon in den 70ern. (Veröffentlichung OK)Einer meiner Klassenlehrer hatte sich damals die Einwilligung zur “körperlichen Züchtigung” eines Jungen geben lassen. Dieser hatte während einer Mathe Stunde die Lehrerin vor der versammelten Klasse verprügelt, bis sie weinend fortlief. Ich sah wie der Lehrer den Jungen an einem anderen Tag, beide im vollen Lauf in den Hintern trat als dieser an einer Tür bremsen musste und er von der Wucht gegen die Tür prallte. Das muss ca 1986 gewesen sein. (Veröffentlichung OK) Das war in NRW. Name des Lehrers bekannt.Ich erinnere mich, dass die Gewalt an den Schulen oft Thema unter uns Kindern waren. Aus meiner Perspektive erschien es mir, dass Kinder aus „prekären Verhältnissen“, so wie ich auch von den Lehrern gesehen wurden, einen schweren Stand hatten. Den „Wohlstandskindern“, denen man es der Kleidung bereits ansah, mit ihnen wurde ganz anders geredet und ihnen wurde vieles verziehen. Es gab viel subtile verbale Gewalt und ich verstand sie sehr wohl. (Veröffentlichung OK) Eingeschult 1976 in Südostbayern, drei Jahre Dorfschule, dann große Kreisstadt Traunstein. In der 5. Klasse hatte ich einen Klassenlehrer, der mit Schlüsselbund und Schere nach Schülern warf, wenn sein Jähzorn mit ihm durchging. In der 6. Klasse hatte der Klassenlehrer eine kleine Armbrust, mit der er Korken und Kreidestücke auf Schüler schoß, die nicht aufmerksam waren. Ich war selbst nie betroffen. Ab 1980 Realschule, dort keine Vorkommnisse mehr. (Verwendung OK)aus zweiter Hand, aber: Ein ehem. Schüler von mir berichtete mal, dass eine (mir bekannte und heute pensionierte) Lehrerin ihn geschlagen hätte. Mehrere seiner damaligen Mitschüler*innen haben das glaubhaft bestätigt. Den Anlass weiß ich nicht (mehr?). Der Schüler wurde ~1997–1999 geboren. Bundesland Bayern. (Verwendung ok)Damals noch in NRW. Auf dem Schulausflug zu langsam und Tritte in den Ar…. Grundschule Süchtel (Viersen) ca 1960 / 61 (Veröffentlichung OK)Für #Österreich (#Steiermark) kann ich solches bis in die späten 70er bestätigen: In der Volksschule sehr stark abhängig von den einzelnen Lehrern. Der damalige Direktor ein strammer Nazi, wir durften als 6jährige im Turnsaal das Exerzieren lernen (so begann jede Turnstunde). Daheim davon etwas zu erzählen hätte die Schläge verdoppelt: “Du wirst es schon verdient haben”. In der Oberstufe des Gymnasiums war das dann nicht mehr möglich, der Druck wurde über Noten ausgeübt. (Verwendung OK, liest noch)1960–64 in der Grundschule “St. Peter und Paul”, Landshut, wurde ich im 1. und 2. Schuljahr von der Lehrerin geohrfeigt. Im 3. und 4. gab es dann vom Lehrer “Tatzen”, Schläge mit dem Rohrstock auf die Finger. “Schwerere Fälle bekamen“übergelegt”, dh. mit dem Rohrstock auf den Hintern. An das verbissene Gesicht des Lehrers, der gleichzeitig auch Schulleiter war, erinnere ich mich heute noch. Im Gymnasium, ab 1964, wurde am Schläfenhaar gezogen. Ab der 7. Klasse war dann Schluss. (Verwendung OK)Ich kann mich daran erinnern, dass 2 Klassenkameraden mit dem Stock der Hintern (heftigst!) versohlt wurde. Das war zw. 1980 und 1983. Beide waren zu dem Zeitpunkt etwa 13 — 15 Jahre alt. Lehrer war […], Schüler […] und […]. In 1 Fall ging es darum, dass 1 einen Mitschüler(in?) geschlagen hat, im anderen Fall, dass der Betr. zum Lehrer “Leck mich am A…” gesagt hat. Es gab noch viele andere Fälle an die ich mich im Detail nicht erinnere. 🤷🏻♂️(Verwendung ok)
Nach Aussage von Elrhoem war diese Schule keine „öffentliche“ Schule. Die Schule war an ein Heim angegliedert, folgte dem öffentlichen Lehrplan. Das Heim war von katholischen Nonnen geführt, die noch im vorletzten Jahrhundert lebten, die Lehrer waren „weltlich“ (also Zivilisten).
Nicht in Bayern, in NRW, Gymnasium, ca. 1994: fliegender Schlüsselbund, den ich aber auffangen konnte und dann eher spontan aus dem Fenster in die Büsche geschmissen hatte… Bestrafung gab es dafür nicht, das wäre wohl zu sehr nach hinten losgegangen. Gleicher Geschichtslehrer ca. 1999 Ohren ziehen, Finger schmerzhaft in Rücken bohren (da saß ich nur im gleichen Raum, war nicht Ziel). Zweiter Kommentar: Bei uns war das auf gleicher Schulform, etwa zeitgleich im gleichen Land ein Biolehrer und der Schlüsselbund ging ins Auge. Die Eltern „konnten überzeugt werden“, dass zu viel Theater darum zu machen der Schulkarriere gleich beider Söhne nicht förderlich sei. (Veröffentlichung ok)Spannend! Religionslehrerin in HH 1969 hat mir so eine gescheuert, das die Brille im Arsch war. Meine Mutter hat keine Anzeige erstattet und die Brille bezahlt. Damit ich keine „Nachteile“ habe. Hatte ich natürlich trotzdem und das Verhältnis zu meiner Mutter nachhaltig verändert. (Veröffentlichung ok)
Hier noch anonymisierte Beiträge mit OK für Verwendung:
Einem Lehrer in der Grundschule muss es wohl mal furchtbar peinlich gewesen sein, dass er mal ’n Buch nach mir geworfen hat, als ich zu sehr genervt habe. (War das halbe Jahr in meinem Leben, als ADHS mal nicht hypoaktiv war…) Prügel wären da also wohl noch juristisch OK gewesen …
Grundschule in Lüdenscheid, NRW an den Ohren oder Haaren aus der Klasse werfen war eher die Regel als die Ausnahme. Ca 1986/87. Das ist halt nur das, was ich aus der 2./3. Klasse von damals erinnere. Konsequenzen oder Öffentlichkeit gab es keine.
1970 BW, Hochwürden zieht mich im Unterricht an den Haaren, mein Banknachbar bekommt eine Kopfnuss. Wir hatten uns unterhalten. Wenn er in Rage war, hat Hochwürden getobt und geschrien, auch mal einen Kinderstuhl gegen die Tafel geschlagen. [Es war ein katholischer Pfarrer, der als Religionslehrer gearbeitet hat.]
Mir ist klar, dass eine Umfrage unter Mastodon-Nutzer*innen keine soziologisch solide Erhebung zur Gewalt an Schulen ist, aber für einen ersten Eindruck mag das genügen. Es gibt auch Medienberichte zum Thema:
In der Klasse 6 b der Volksschule im schwäbischen Amendingen ging die Erdkundestunde zu Ende. Der für den Tafeldienst eingeteilte elfjährige Schüler warf erleichtert den Schwamm ins Becken und traf dabei versehentlich ein Trinkglas. Als er dann nach dem Klingelzeichen auch noch „wie ein Geißbock herumhüpfte“, zog der Erdkundelehrer „den Schüler an einem Ohr und an den in der Nähe des Ohres gewachsenen Haaren und versetzte ihm anschließend mindestens zwei kräftige Ohrfeigen“.
Die Tätlichkeiten machten dem Schüler „etwa eine Stunde lang deutliche Schmerzen“ und beschäftigten ein Jahr später das Bayerische Oberste Landesgericht. Die drei Richter des 5. Strafsenats werteten die Züchtigung zwar als „körperliche Mißhandlung“ weil das „Wohlbefinden“ des Schülers „mehr als nur unerheblich beeinträchtigt“ gewesen sei. Aber: Derlei Beeinträchtigungen müßten bayrische Schüler schon mal hinnehmen.
Ich finde das alles ziemlich krass. Gewalt, die Angst erzeugt und wohl auch erzeugen sollte. Im Kindergarten wurde ich an den Ohren gezogen, bis meine Eltern sich beschwert haben, und in meiner Schulzeit gab es einen schlüsselwerfenden Chemie-Lehrer. Berichte von schlüsselwerfenden Lehrern gibt es aus Ost und West auch aus der Zeit nach der Wende. Aber soweit ich weiß, gab es im Osten eben keinen Rohrstock und Schläge auf die Finger oder den Hintern. Tritte in den Po wegen Trödelei bei einem Ausflug? Kopfnüsse für Schwatzen? Kräftige Ohrfeigen für Übermut? Undenkbar. Wenn es so etwas in der DDR in Schulen gegeben hat, dann war es zumindest illegal. Da alles miteinander verwoben war, Lehrer*innen und einige Eltern in der Partei waren, dürften solche Strafen, die der offiziellen Parteilinie widersprachen, jedoch selten vorgekommen sein. Ein Nutzer merkt an, dass das Recht auf Erziehung ohne Prügel nichts wert sei, wenn man es mangels funktionierendem Rechtssystem nicht einklagen konnte. Da ist etwas dran, aber in meinem Fall haben die Beschwerden meiner Eltern gefruchtet und interessanterweise hat das Rechtssystem im Westen je nach Konstellation auch nicht geholfen. Wenn das Lehrerkollegium zusammenhielt und Prügelstrafe ok fand, dann wurden Eltern davon überzeugt, nicht zu klagen, wie man den Posts oben entnehmen kann.
Das Fehlen der oben dokumentierten Gewalt in DDR-Schulen passt natürlich nicht zu Anne Rabes Gewalt-These.
Heime im Westen und über 500.000 misshandelte Kinder
Außerdem bitte ich die geneigte Leser*in zu beachten, dass Anne Rabe die Prügelstrafe im Westen der Drohung mit dem Kinderheim bzw. dem Jugendwerkhof gegenüberstellt. Tatsache ist jedoch, dass es im Westen Prügel im Schul-Alltag UND Heime mit menschenunwürdigen Bedingungen und Folter gab. Dazu noch sexuellen Missbrauch, der zumindest auf den Überblicksseiten zu den DDR-Heimen, die ich gelesen habe, nicht erwähnt wurde.
In der Zeit nach dem Krieg beschäftigten die ca. 3000 Heime und Anstalten häufig noch dasselbe Personal, das bereits während der Zeit des Nationalsozialismus dessen Erziehungskonzepte umgesetzt hatte. Immer wieder kam es zu willkürlichen und entwürdigenden Bestrafungen oder die Fürsorgezöglinge wurden eingesperrt. Oft mussten sie gewerbliche Tätigkeiten ausüben, ohne dafür vergütet zu werden und ohne rentenversichert zu sein. Viele Jugendliche wurden auch an Bauern verliehen, um dort zu arbeiten. Den Bauern wurde dabei oft die Pflegschaft über die Kinder und Jugendlichen übertragen. Die Behandlung war oft menschenunwürdig. Die Jugendlichen wurden als billige Arbeitskraft gebraucht, da ein Pflegschaftsverhältnis kein Arbeitsverhältnis sein kann, weil es sich gegenseitig ausschließt. Eine berufliche Bildung wurde ihnen dabei nicht zuteil.[8] Viele der Missstände wurden dadurch möglich, dass die Heimaufsicht in dieser Zeit praktisch auf ganzer Linie versagte. Dies hatte strukturelle Gründe, denn Leistungserbringung und die Aufsicht darüber lagen in einer Hand bei ein und derselben Behörde. Hinzu kam die oftmals mangelhafte personelle (zu wenig und häufig schlecht qualifiziertes Personal) und räumliche (zu wenig Platz, daraus resultierend zu geringe Privatsphäre sowie schlechte sanitäre Bedingungen) Ausstattung der Heime, der als Folge des Krieges eine große Zahl von zu betreuenden dabei aber häufig traumatisierten Kindern gegenüber stand.
Die Nazi-Lehrer*innen wurden im Osten alle entlassen bzw. durften die ersten Jahre nach dem Krieg nicht arbeiten. Stattdessen gab es die in Crash-Kursen umgeschulten Neulehrer*innen. Die Aufarbeitung der Taten in den BRD-Heimen ist erst 2010 erfolgt:
Im Dezember 2010 legte der Runde Tisch seinen Abschlussbericht vor[16]. Darin wird aufgezeigt, dass in der Heimerziehung der frühen Bundesrepublik die Rechte der Heimkinder durch körperliche Züchtigungen, sexuelle Gewalt, religiösen Zwang, Einsatz vom Medikamenten und Medikamentenversuche, Arbeitszwang sowie fehlende oder unzureichende schulische und berufliche Förderung massiv verletzt wurden. Dies sei auch nach damaliger Rechtslage und deren Auslegung nicht mit dem Gesetz und auch nicht mit pädagogischen Überzeugungen vereinbar gewesen. Als Verantwortliche für das den Heimkindern zugefügte Leid werden Eltern, Vormünder und Pfleger, Jugendbehörden, Gerichte, die kommunalen und kirchlichen Heimträger und das Heimpersonal und schließlich die hierzu schweigende Öffentlichkeit genannt.
Nazi-Ärzte, die an der Aktion T4 zur Ermordung von mehr als 70.000 Kranken beteiligt waren, leiteten in der Bundesrepublik Kliniken (Prof. Hans Aloys Schmitz in Bonn, Prof. Hans Heinze in Wunstorf bei Hannover und Friedrich Panse in Düsseldorf). In der BRD wurden an Heimkindern medizinische Operationen vorgenommen und Medikamente getestet. Die Medizinfirmen veröffentlichten sogar Studien mit nicht zugelassenen Medikamenten (Kowalewski, 2018).
Hier noch ein Zitat aus Häusler (2013):
Viele Kinder und Jugendliche in den Heimen wurden Opfer von Gewalt, Demütigungen und sexuellem Missbrauch. Diese Taten wurden vielfach durch Mit-Zöglinge ausgeübt, von den Erziehern aber häufig nicht unterbunden. Viele Betroffene berichten aus ihrer Heimzeit von einer Atmosphäre emotionaler Kälte. Quellen belegen, dass dem Erziehungspersonal zum Teil ein liebevoller Umgang mit den Kindern untersagt wurde. Auch Freundschaften unter den Bewohnern waren nicht gern gesehen. Nur wenige Jugendliche in Heimerziehung hatten die Gelegenheit zum Besuch eines Gymnasiums oder einer anderen weiterführenden Schule. Ein Teil der nicht mehr schulpflichtigen Jugendlichen absolvierte eine Lehre, aber die Mehrheit der Fürsorgezöglinge wurde im Heim zu gering qualifizierten, oftmals körperlich anstrengenden Arbeitsleistungen verpflichtet, die überwiegend nicht sozialversicherungspflichtig waren. Diese von vielen Betroffenen als Zwangsarbeit angesehene Arbeit im Heim führt zu Fehlzeiten bei der Rentenversicherung.
Es geht um die „ersten Jahrzehnte“ der Bundesrepublik also nicht nur die Zeit unmittelbar nach dem Krieg. 1969 organisierte die Außerparlamentarische Opposition Aufstände in den Heimen und half bei Fluchten (Wensierski, 2006). Ab Mitte der Siebziger wurden viele Heime geschlossen, andere reformiert. Aber selbst Mitte der 70er Jahre war noch nicht alles vorbei. Bei Wensierski (2006) kann man folgendes lesen:
Einige Briefe zeigen zudem, dass selbst die Reformen, die 1969 durch die Heimkampagne der Studentenbewegung ausgelöst wurden, mancherorts noch lange brauchten, um sich durchzusetzen. Vanadis B. etwa hat in den Jahren 1970 bis 1979 das Gleiche erlebt wie ihre Vorgänger in den fünfziger und sechziger Jahren: „In einem Heim, das von katholischen Nonnen geleitet wurde, konnte ich meinem Schicksal nur durch einen Selbstmordversuch entgehen. Ich habe viele Narben, seelisch wie körperlich.“ Ulrich Chwalek, der 1975 im Sankt-Josef-Stift in Eisingen nahe Würzburg bei Nonnen sein Anerkennungsjahr als Erzieher verbrachte, berichtet: „Während der täglichen Messe wurden die behinderten Kinder, wenn sie sich nicht absolut ruhig verhielten, von den anwesenden Nonnen gnadenlos zusammengeprügelt. Entwürdigende Strafen waren an der Tagesordnung. Angehende Mediziner/innen der Uni-Würzburg haben zur Blutentnahme Probestechen bei mongoloiden Kindern vorgenommen.“ Als Chwalek gegen diese Behandlung protestierte, bekam er zur Antwort: „Gehen Sie doch raus, wenn Sie kein Blut sehen können.“
Manche Fälle liegen nicht so lange zurück. So wurden Kinder im katholischen St.-Joseph-Haus in Seligenstadt noch 1992 blutig geschlagen. Und im katholischen Stift Eisingen bei Würzburg steckten Erzieher noch im Jahr 1995 Zöglinge zur Strafe in Badewannen mit kaltem Wasser. In diesen Fällen schritt immerhin schon die Staatsanwaltschaft ein.
Wensierski, Peter. 2006. Schläge im Namen des Herrn: Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik. München: Deutsche Verlags-Anstalt / SPIEGEL-Verlag.
Bis „Mitte der 70er Jahre“ (dreißig Jahre) wurden „mehr als eine halbe Million Kinder in kirchlichen und staatlichen Heimen allein in Westdeutschland körperlich und seelisch schwer misshandelt“ (Grüter, 2019). In der DDR (40 Jahre) waren 135.000 in den Spezialheimen (Bundesstiftung Aufarbeitung).
Wenn es darum geht, aus dem Leben in einer Diktatur irgendetwas abzuleiten, gibt es dafür im Vergleich zur Bundesrepublik – anders als von Anne Rabe behauptet – keine Basis. Im Bereich Prügelstrafe und Heimerziehung gibt es bis 1975 sogar einen Vorteil für den Osten.
Fehlende Forschung zu Gewalt in der DDR
Anne Rabe: Und es ist ein bisschen schwierig mit der Gewalt, sozusagen der häuslichen Gewalt, in der DDR. Ich werde dafür ja dann auch immer mal angegriffen, dass sie sagen: „Hä, das stimmt alles gar nicht.“.
Katharina Nocun: Ja, wir hatten ja eben eingangs auch darüber gesprochen, dass es noch gar nicht so lang der Fall ist, dass wirklich international körperliche Strafen gegen Kinder wirklich als Gewalt gesehen werden. Ne, so hast Du eben auch angesprochen, Deutschland ist erst in den 90ern zu dem Ergebnis gekommen, ja, das könnte man mal machen. Glaubst du wirklich, aber da gibt es so einen qualitativen Unterschied durch die Systeme auch und durch die Erziehungsformen, wie sie beispielsweise in Schulen oder Horten vorgelebt wurden, die ja vielleicht auch prägen, wie der Blick auf gesellschaftliche Gewalt geprägt ist.
Anne Rabe: Ja, ich glaube schon. Ich wollte nur sagen, es ist deshalb schwierig, weil natürlich ein Kennzeichen von Diktaturen ist, dass es keine freie Forschung gibt. Also wir haben im Vergleich jetzt zu Westdeutschland überhaupt zu den haben wir eine ganz, ganz schlechte Datenlage. Das war eigentlich der Anfang auch, wie ich mich damit beschäftigt habe. Ich habe nämlich eine tolle Arbeit darüber gefunden, weil ich herausfinden wollte, ja, wie war das denn eben genau das? Wie war das mit dem Umgang zum Beispiel mit häuslicher Gewalt in der DDR? Wie ist man damit umgegangen?Diese Forschung überhaupt zu Gewalt in Familien, die entsteht so im Kaiserreich in Deutschland und hat dann immer weiter zugenommen. Selbst in der NS-Zeit wurde dazu noch geforscht. Und in der DDR dann auch am Anfang. Und dann gab es da so Arbeiten dazu, die haben aber immer so an die sozusagen in die Präambel geschrieben. Es handelt sich um eine Form der bürgerlichen Gewalt im Kapitalismus und ist aufgrund der Kleinfamilie an Strukturen. Und das wird verschwinden, sobald der Sozialismus vollendet ist. Das war die Idee. Und dann hat man in den 70er Jahren festgestellt, dass das nicht so ist. Und dann hat man halt die Forschung dazu eingestellt. Das ist natürlich so ein typischer Weg, wie man in Diktaturen mit so was umgeht.
Ja, da hat Anne Rabe Recht: Missliebige Forschung wurde unterdrückt. Auch die Zahlen von Suiziden wurden nicht veröffentlicht. Was sollten denn glückliche sozialistische Menschen auch für Gründe für Suizide haben? Wenn dann irgendwann die Zahl der Suizide sprunghaft ansteigt, wie soll man das erklären? Also wurde so was unter der Decke gehalten. In solch einer Situation kann man sich nun schön Daten selber ausdenken, wie es Anne Rabe getan hat. Oder man kann Studien anstellen und Menschen befragen, wie es in der DDR war, wie es Anne Rabe nicht getan hat. Das habe ich im Mai 2024 dazu geschrieben:
Anne Rabe berichtet von einzelnen Vorkommnissen, von denen man nicht weiß, ob sie wirklich so stattgefunden haben. Manches ist einfach unplausibel. Auf der Ebene der anekdotischen Evidenz ist es aber ohnehin nicht möglich, zu einem tragfähigen Ost-West-Vergleich zu kommen. Dazu braucht es empirische Studien. In Gesprächen (z.B. im taz-Lab 27.04.2024 mit Simone Schmollack und im oben zitierten Interview mit Cornelia Geissler) weist Anne Rabe darauf hin, dass es keine Studien aus DDR-Zeiten gibt. Allerdings hat Sabine Rennefanz am 30.09.2023 im Tagesspiegel auf eine Studie mit 5800 vor 1980 geborenen Teilnehmer*innen aus West und Ost zu deren Gewalterfahrungen in der Kindheit berichtet (Ulke C. et al. 2021). Die Studie wurde im Jahre 2021 an der Uni Leipzig durchgeführt und von den Medien weitestgehend ignoriert. Das Ergebnis war, dass es im Westen mehr körperliche und sexuelle Gewalt gab (Zum Beispiel besonders deutlich: 13,2 % der westdeutschen Frauen haben in ihrer Kindheit sexuelle Gewalt erfahren. Im Osten waren es 7,8 %). Anne Rabes Theorie vom diktaturgeprägten gewalttätigen Osten entbehrt also jeder empirischen Grundlage. Die Fakten waren vor der ersten Auflage 2023 und während der Zeit, in der die Jury des deutschen Buchpreises die Bücher für die Shortlist auswählte, bekannt.
In der folgenden Passage geht es um Szenen in Anne Rabes autofiktionalem Roman Die Möglichkeit von Glück:
Katharina Nocun: In deinem Roman Die Möglichkeit von Glück geht es ja um die Aufarbeitung einer Familiengeschichte in der DDR und im Zuge dessen auch um ziemlich viel Gewalt. Da gab es eine Szene, da hatte ich wirklich Tränen in den Augen. Da ging es um eine Mutter, die ihr Kind absichtlich zu lange in heißes Wasser gestellt hat, um es zu bestrafen. Und ja, vielleicht auch, um zu quälen. Glaubst du, es gibt einen Zusammenhang zwischen autoritären Systemen und dem Innenleben von Familien?
Anne Rabe: Ja, also ganz klar. Das ist ja auch ein DDR-Mythos, dass man sagt, okay, es gibt dieses Familienleben, das ist ganz wunderbar und die Diktatur ist irgendwo draußen, dass man überhaupt versucht, in der Rückschau Diktatur und Alltag zu trennen. Das ist ein Irrtum. Das geht gar nicht.
Für alle, die Anne Rabes Buch nicht gelesen haben: Anne Rabe beschreibt eine unnormale Familie. Sie schreibt das selbst so:
Alle Familien haben solche Geschichten. Gemeinsame Erlebnisse, die eine Familie zu einer Familie machen. Geschichten, die man sich immer wieder erzählt. Die Geschichten von einem missglückten Weihnachtsbraten, von Irrfahrten zu einem lang ersehnten Urlaubsziel, Missgeschicke und Tollpatschigkeiten, die einem noch immer die Lachtränen in die Augen treiben. Diese Geschichten, an die man denkt, wenn man Zuhause denkt.
Was Tim und ich uns erzählen, wenn wir über unsere Kindheit sprechen, sind Geschichten davon, wie wir gelernt haben, still zu sein.
Rabe, Anne. 2023. Die Möglichkeit von Glück. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 23
Ich habe in Keine Gewalt! Zu Möglichkeiten und Glück und dem Buch von Anne Rabe bereits darüber geschrieben: Anne Rabe schildert eine durch und durch gewalttätige Familie. Sie bekam ständig Schläge und Kopfnüsse. Das wird dann mit wilden Thesen über Gewalt und Kindsmorde und Amokläufe im Osten kombiniert, die einfach faktisch falsch sind. Die Details sind im eben zitierten Blog-Post und in Weitere Kommentare zu Anne Rabes Buch: Eine Möglichkeit aber kein Glück diskutiert. Das oben angegebene Zitat zeigt recht deutlich, dass die Ich-Erzählerin in Anne Rabes autofiktionalem Roman weiß, dass ihre Familie nicht normal ist. Anne Rabe leitet aus dem Leben ihrer Familie weitreichende Schlussfolgerungen für ein ganzes Land ab. Ihre Eltern waren systemtreu und Funktionäre. Zumindest die im Roman. Was vom Roman der Realität entspricht, will Anne Rabe nicht sagen. Es ist klar, dass ihre Mutter oder zumindest die beschriebene Person eine Psychopathin war, aber daraus irgendwas mit Diktaturen abzuleiten, ist nicht zulässig. Warum muss ich mir von Anne Rabe erklären lassen, dass man Familie und Außen nicht trennen konnte? Warum? So haben Millionen Menschen gelebt. In Sportvereinen, in Familien. Wir waren uns 1989 alle (also in meinem Umfeld) einig, dass wir die DDR, so wie sie war, nicht wollten. Das war eben nicht nur die Familie. Es war der musikalische Untergrund, die sogenannten anderen Bands, die avantgardistische Kunstszene (Autoperforationsartisten usw.), der Sportverein (Berlin Chemie)3, Menschen aus meiner Schule. Sogar mein ehemaliger Klassenlehrer. Ein SED-Mitglied, das mir Havemann-Bücher aus dem Westen zum Lesen borgte und den ich auf Punk-Konzert in die Werner-Seelenbinder-Halle mitnahm, auf dem Neues-Forum-Banner hochgehalten wurden. Die Überraschung kam dann nach der Wende, als plötzlich das Einigende weg war und wir feststellen mussten, dass wir alle unterschiedliche Vorstellungen darüber hatten, was wir stattdessen wollten. Wenn Anne Rabe bei Lesungen auf Menschen trifft, die ihr von Erlebnissen berichten, die ihren eigenen ähneln, dann liegt das wohl daran, dass zu ihren Lesungen nur oder überwiegende die Menschen kommen, die ihre Erfahrungen oder ihre Grundeinstellung teilen. Viele Ossis macht ihr Buch aber nur unfassbar wütend. Jemand, der ganz offensichtlich falsche Dinge verbreitet und dafür von noch ahnungsloseren Wessis (Die Jury des Literaturpreises bestand in der Tat nur aus Wessis) fast einen Literaturpreis bekommt, macht sie nicht nur bei DDR-Nostalgikern, zu denen ich mich – wie im Disclaimer am Anfang des Posts erklärt – explizit nicht zähle, unbeliebt. Mein Artikel in der Berliner Zeitung, der die gravierendsten der faktischen Fehler in Anne Rabes Buch diskutiert, war der mit Abstand am meisten runtergeladene der Ausgabe, wie mir Anja Reich dann mitteilte. Er hatte offensichtlich einen Nerv getroffen. Suchmaschienen schlugen noch lange nach der Veröffentlichung des Artikels „Anne Rabe Professor“ vor, wenn man bereits „Anne Rabe“ eingegeben hatte. Also: Natürlich konnte man in der DDR so vor sich hinleben. Millionen haben das getan. Auch wenn Anne Rabe das nicht wahrhaben will. Sie hat es nicht erlebt und weil sie das gar nicht will, wird sie nie verstehen, wie das funktioniert hat und warum.
Diskurs, 1968 und alternative Erziehung
Hier eine Aussage zu den 68ern, der Frage nach Gewalt in der Erziehung und dem gesellschaftlichen Diskurs:
Katharina Nocun: Und es gibt ja die These, dass auch das Fehlen einer 68er-Bewegung im Osten, die sich dann ja im Westen extrem kritisch dann, halt auch teilweise an den eigenen Eltern und deren Beteiligung am NS-Regime und der Großeltern abgearbeitet hat , dass das Fehlen einer vergleichbaren Bewegung, die es ja auch gar nicht geben konnte, so in diesem Ausmaß, also weil, klar, autoritäres Regime, dass das dazu führt, dass Menschen, vielleicht auch weniger Berührungsängste mit extrem rechten Parteien heute entwickeln, weil sich das so weiterträgt. Glaubst du, da ist was dran oder das ist halt vielleicht auch eine Erklärung, die es sich zu leicht macht?
Anne Rabe: Beides. Also wenn wir zum Beispiel auch darüber sprechen, über diese autoritären Erziehungsmethoden, also wo man auch immer sagen kann, okay, es gibt auch in Westdeutschland und es gab auch in Westdeutschland ganz, ganz viel Gewalt gegen Kinder, aber es gab eben auch eine Diskussion um autoritäre Erziehung. Es gab darum einen Diskurs. Da hat sich was verändert und das gab es eben in Ostdeutschland nicht.
Eine Sache, die ich bisher immer übersehen habe, weil der ganze DDR-Diskurs auch mit großer Medienbeteiligung stattfindet, ist, dass der Diskurs in der DDR natürlich ganz anders ausgesehen hat. Er war dennoch existent, anders als heute in den West-Medien und auch von Anne Rabe behauptet wird. Meine Frau hat beim Bahnfahren mit Christian Berndt, einem westdeutschen Historiker und Journalisten, über den Osten gesprochen und der hat darauf hingewiesen, dass es im Osten durchaus einen Diskurs zu den verschiedensten Themen gab. Nur eben nicht in den offiziellen Medien. Im Osten wurden alle Entwicklungen, die es im Westen gab, ganz aufmerksam mitverfolgt. Bis auf eine paar Täler mit Ahnungslosen (Dresden und Greifswald) hatte die gesamte DDR Westfernsehen und Rundfunk. Zum Schluss auch in Sachsen, weil die Menschen einfach Satellitenschüsseln benutzt haben. In Kamenz hat sogar die NVA auf den Wohnblocks der Offiziere Satellitenschüsseln installiert, damit diese nicht so ahnungslos waren, wenn die Soldaten mit den neusten Nachrichten aus dem Urlaub kamen. Ich habe die Schüsseln in Bautzen auch selbst gesehen. Das heißt, die Ossis haben alles mitbekommen und der Diskurs fand statt. Bei Parties, im Privaten. Wir haben geredet, in einem fort. Doch. Wirklich. Ich erinnere mich an einen Witz über antiautoritäre Erziehung. Ich glaube, den hatte ich sogar von einem Lehrer.
Journalist*innen und Nachgeborene können sich das nicht vorstellen, weil sie denken, Diskurs bedeutet einen langen Kommentar in den Tagesthemen oder in der FAZ oder vom Chefreporter der taz Peter Unfried. Aber nein: Wenn die Presse zensiert und zu Teilen unbrauchbar ist, dann findet der Diskurs zwischen den Zeilen in Theaterstücken oder Filmen, in Rocksongs oder eben im Privaten statt. Davon ist außer in Stasiunterlagen natürlich wenig dokumentiert. Aber es gab ihn.
Diskurs zu Erziehung und Prügelstrafe
Und letztendlich fand auch zum Thema Prügelstrafe ein Diskurs in den DDR-Medien und der Gesellschaft statt (so stand es zumindest im Neuen Deutschland). Wir beginnen mit verschärfter Propaganda von 1953:
Neues Deutschland, 12.05.1953. S. 4. FESSELN UND SCHLAGEN legalisierte das „Bundesverfassungsgericht“ in Karlsruhe durch eine Entscheidung in letzter Instanz. Nach Auffassung jener Richter, die über die Verfassungsmäßigkeit der Kriegsverträge entscheiden sollten, ist eine solche Strafmaßnahme gerechtfertigt, weil ‚Erziehungsmaßnahmen ihrem Wesen und ihrem Zweck nach in der Zufügung körperlichen und seelischen Schmerzes bestehen“. Mit dieser Begründung sprachen sie ein Kassler Elternpaar, das seine sechzehnjährige Tochter häufig gefesselt und geschlagen hatte, frei. Ein solches Urteil des sogenannten Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe überrascht bei uns niemanden, da bekannt ist, daß nach dem Willen Adenauers das ganze deutsche Volk „gefesselt und geschlagen“ werden soll. Willfährige ‚Kreuzfahrer sollen durch solche Methoden erzogen werden, denn allseits gebildete und zu bewußten Persönlichkeiten entwickelte junge Menschen sind niemals bereit, für amerikanische Imperialisten als Söldner zu sterben, Der Kampf gegen die reaktionäre preußische Prügelpädagogik ist daher ein Teil des Kampfes um die Einheit und Unabhängigkeit unseres deutschen Vaterlandes.
Das Aktenzeichen für das entsprechende Urteil des Bundesgerichtshofes ist: BGH NJW 1953, 1440 Nr. 23. In Heinrich (2011) findet sich ein Zitat aus dem Urteil zu den Vergehen der Jugendlichen und der Strafe, die dann für angemessen befunden wurde:
„Der damals im 16. Lebensjahr stehenden Tochter“ – so die Schilderung des BGH^1 – wurden von ihren Eltern „zu Zwecken der Erziehung […] in einem Falle […] ‚zweieinhalb‘ Mahlzeiten entzogen, weil sie wahrheitswidrig in Abrede gestellt hatte, in Abwesenheit der Eltern vom Fenster aus mit Jungen sich verständigt zu haben. Sie erhielt kein Mittag- und kein Abendessen und am nächsten Tag zum Frühstück [nur] ein Stück trockenes Brot und Kaffee. In einem anderen Falle band die Angekl. das Mädchen an einem Stuhl fest, ehe sie für etwa 2 Stunden zum Zwecke von Besorgungen das Haus verließ. Ferner band der Angekl. das Mädchen zweimal die Nacht über im Bett um Leib und Beine über der Decke fest. In einem weiteren Falle schnitt die Angekl. dem Mädchen das Kopfhaar in so unregelmäßiger Weise kurz, daß es sich auf der Straße nicht sehen lassen konnte“.
Heinrich, Manfred. 2011. Elterliche Züchtigung und Strafrecht. Zeitschrift für Internationale Strafrechtsdogmatik 5. 431–443. Die Auslassungsmarkierungen sind so bereits im Artikel, der Teile aus dem Urteil BGH NJW 1953, 1440 zitiert.
Man beachte den Wunsch nach deutscher Einheit, den es 1953 noch gab. Dazu musste die Prügelstrafe überwunden werden. =:-)
Neues Deutschland, 30.01.1952, S. 1
Im obigen Text von 1952 kann man lesen: „Sie beriefen einen gemeinsamen Ausspracheabend ein, auf dem offen über die Fragen der Disziplin gesprochen wurde. Es gelang, diejenigen Eltern, die sich noch der Prügelstrafe bedienen, von der Schädlichkeit dieser Methode für die Festigung der elterlichen Autorität und der bewussten Disziplin in der Schule zu überzeugen.“ Das war 1952! Im Westen durfte ab 1958 endlich auch die Mutter ihre Kinder verprügeln, vorher war das nur den Vätern erlaubt (Grüter, 2019). Große Fortschritte in der Gleichberechtigung! Es brauchte wirklich die 68er, bis sich im Westen was änderte. Bis 1968 waren es aber noch 16 Jahre.
Neues Deutschland, 02.01.1972, S. 5 (DFG-Viewer)Neue Zeit, 11.09.1975, S. 8B: „Prügeln sollen wir nicht – kann man mit Worten erziehen?“ ist eins der Themen, die das umfangreiche Programm der Elternakademie Berlin zur Unterstützung jener anbietet, die für die Herausbildung sozialistischer Persönlichkeiten Verantwortung tragen.Berliner Zeitung, 16.03.1952, S. 9.Berliner Zeitung, 16.03.1952, S. 9. Ausschnitte gehören noch zum obigen Bild
In dem oben gezeigten Beitrag aus dem Neuen Deutschland (ND) von 1972 ging es ebenfalls um die Prügelstrafe. Das ND war die Parteizeitung (Zentralorgan der SED, wie man so schön sagte) und was dort stand, entsprach dem offiziellen Standpunkt. Und der war schon mindestens ab 1952, dass prügeln nicht zu den zu praktizierenden Erziehungsmethoden gehörte. Das ND wurde, dort wo ich gelebt habe (Neubausiedlung Berlin-Buch) nur sehr wenig gelesen. Ich habe bei der Post gearbeitet und Zeitungen ausgetragen. Die meisten bekamen die Berliner Zeitung, manche auch Parteizeitungen von Blockparteien. Der direkte Einfluss des NDs war also wahrscheinlich beschränkt, aber der Zeitungsausschnitt oben ist zumindest ein Beleg dafür, wie die offizielle Position zu Gewalt in der Erziehung war. Die Neue Zeit war die Zeitung der Blockpartei CDU. Wie man den Ausschnitten aus der Berliner Zeitung entnehmen kann, gab es durchaus einen Diskurs zu Fragen der Prügelstrafe. Interessant an der Dokumentation der Leserbriefe an die Berliner Zeitung ist der Verweis darauf, dass die Leser*innen, die in ihren Briefen für eine Prügelstrafe argumentierten, ihre Adresse nicht angegeben hatten. Natürlich war die Auswahl der Leserzuschriften durch die staatlichen Vorgaben gelenkt, aber wie oben dargelegt, gab es einen darüber hinausgehenden Diskurs im privaten Raum.
Ergebnisse der Erziehung in Ost und West
Fesseln und Schlagen wurde im Westen höchstrichterlich gutgeheißen, während es im Osten von Beginn an die Bestrebung gab, Eltern und Lehrer*innen eine gewaltfreie Erziehung beizubringen. Erfahrungsberichte legen nahe, dass es in Ost und West auch nach 1968 noch Gewalt gegen Kinder gab. Auch nach der Wende noch. Im Abschnitt zur fehlenden Forschung in der DDR habe ich die Studie erwähnt, die nach dem Ende der DDR durchgeführt wurde und die zeigt, dass es in der DDR weniger Gewalt gegen Kinder und Jugendliche gegeben hat. XY hat mich darauf hingewiesen, dass nicht nur körperliche Gewalt in der Erziehung fatal sein kann. So waren auch die Erziehungsmethoden von Hitlers Lieblingspädagogin Johanna Haarer schlecht für Kinder. Ihre Bücher wurden nach dem Krieg von den Alliierten verboten, aber Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind bis 1987 in der alten BRD weiter veröffentlicht. In einer Auflage in Millionen-Höhe. Johanna Haarer war explizit gegen körperliche Gewalt.
Es gibt eine Studie der Charité, die Menschen aus Ost und West hinsichtlich Narzissmus und Selbstwertgefühl untersucht hat. Ich zitiere hier aus der deutschen Zusammenfassung:
Wie Wissenschaftler um Prof. Dr. Stefan Röpke und Dr. Aline Vater von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Benjamin Franklin nun zeigen konnten, hat das gesamtgesellschaftliche Umfeld Auswirkungen auf das Entstehen einer übermäßigen Selbstüberschätzung. „Moderne westliche Gesellschaften fördern die Ausprägung von Narzissmus. So weisen Menschen, die in den Bundesländern westlich der innerdeutschen Grenze aufgewachsen sind, höhere Narzissmus-Werte auf als Menschen, die eine Erziehung in der ehemaligen DDR erlebt haben“, erklärt Prof. Röpke. „Gezeigt hat sich dies in unserer Studie vorrangig für den sogenannten grandiosen Narzissmus, der durch starke Selbstüberschätzung gekennzeichnet ist“, stellt der Wissenschaftler fest.
Ein genau gegenteiliges Bild zeigt sich hinsichtlich des Selbstwertgefühls. Dieses ist im Osten des Landes höher ausgeprägt als im Westen. Für ihre aktuelle Untersuchung haben die Forscher Daten aus einer anonymen Internetumfrage in der deutschen Bevölkerung herangezogen. Mehr als eintausend Personen beantworteten einen Fragenkatalog, wobei knapp 350 von ihnen in der ehemaligen DDR geboren waren und etwa 680 Studienteilnehmer in der alten Bundesrepublik aufgewachsen sind. Unterschieden wurde bei der Auswertung in subklinischen, unterschwelligen Narzissmus, der zur Persönlichkeit gehört und oft als gesunder Narzissmus bezeichnet wird. Daneben gibt es die pathologische Selbstüberschätzung, die über das gesunde Maß hinausgeht.
Wie das mit dem Narzissmus genau funktioniert, wodurch er begünstigt wird, bitte ich die Leser*innen, selbst nachzulesen. Jedenfalls kamen die Menschen aus der DDR-Diktatur nicht gebrochen und gewaltaffin heraus, sondern mit besserem Selbstwertgefühl als die Menschen aus dem Westen. Auch das spricht also gegen die Pathologisierung der Ossis, der Anne Rabe das Wort redet. Vielleicht haben die Entwicklungen nach der Wende doch etwas mit den Ereignissen nach der Wende zu tun …
1968 und Aufarbeitung der Nazi-Diktatur vs. Aufarbeitung der SED-Diktatur
Noch zum Thema 1968, weil das Katharina Nocun angesprochen hat. Anne Rabe hatte in ihrem Buch Die Möglichkeit von Glück auch eine angeblich fehlende Aufarbeitung der DDR-Zeit in der Art der 1968er behauptet. Das wurde in der Presse begeistert aufgenommen, wodurch ich erst von diesem Buch erfahren habe. Ich habe in diversen Blogbeiträgen über ihre Position im Buch und in Interviews geschrieben. Siehe Gewalterfahrungen und 1968 für den Osten und Weitere Kommentare zu Anne Rabes Buch: Eine Möglichkeit aber kein Glück. Die Aufarbeitung ist erfolgt. Die Stasi-Akten wurden ja gerettet. Was rauskam, war für viele sehr schmerzhaft. Sie haben erfahren, dass ihre eigene Mutter sie bei der Stasi verpfiffen hat oder ihr Ehepartner (Vera Wollenberger bzw. Lengsfeld und Stephan Hermlin). Der IM Sascha Anderson, der im Prinzip die ganze Untergrundszene im Prenzlauer Berg organisiert hatte, flog auf. Ich war bei der Premiere des Films über ihn dabei. Die Punk-Band Die Firma, bei der zwei von fünf Bandmitgliedern IMs waren. Der Liedermacher Gundermann. Das alles ist im ersten der zitierten Blog-Posts ausführlich dokumentiert. Alles bekannt.
Im Podcast hat Anne Rabe jetzt eine mildere Position:
Es ist natürlich auch für eine Gesellschaft einfacher, wenn sie sich vielleicht eigentlich mit sich selber auseinandersetzen müsste, den Feind im Außen zu suchen. Also in dem Fall dann der Wessi. Anstatt mal die Konflikte untereinander zu klären, was ist denn hier liegen geblieben? Und das ist was, wenn du auch nach meiner eigenen Erfahrung fragst, was für mich diese 90er Jahre extrem geprägt hat, ist eben dieses Unvermögen der Elterngeneration, das miteinander zum Beispiel zu klären. Ich bin ja auch in einer Kleinstadt aufgewachsen, wo jeder jeden kennt und jeder auch so weiß von jedem, was er so gemacht hat. Oder ahnt oder es gibt Gerüchte, all diese Dinge. Und die konnten das nicht und es ist vielleicht menschlich total verständlich. Die haben das nicht geschafft, sich an den Tisch zu setzen und zu sagen, so jetzt möchte ich mal, dass wir das hier klären. Wir leben doch jetzt nicht mehr in Gefahr. Wir können das jetzt machen. Und dadurch haben sich zum Beispiel eben Konflikte weitergetragen in den Kindern. So wurden die sozusagen projiziert. Also ich komme ja aus einer sehr roten Familie, wie man so sagt. Und ich habe das als Kind ganz oft erlebt, dass ich gemerkt habe, dass Leute mich nicht leiden können. Das so Eltern sozusagen, wenn die meinen Namen gehört haben, dass die dann so, aha, okay, Oder fragt, bist du die Tochter, oder bist du die Enkelin von sowieso. Das gab es ganz häufig, ohne dass es erklärt wurde. Oder auch in der Grundschule war das zum Beispiel, das war ja kurz nach der Wende ganz massiv, da hatte ich eine Lehrerin, die mich richtig gemobbt hat. Und ich habe das als Kind überhaupt nicht verstanden. Weil das auch nicht erklärt wurde. Und das liegt natürlich an diesem Unvermögen der Erwachsenen miteinander, sich hinzusetzen und zu sagen, okay, wir haben hier noch was zu klären. Das trägt sich so fort bis heute.
Das Verhalten der Lehrerin ist unprofessionell gewesen und unakzeptabel. Ansonsten ist Anne Rabes Wunsch schräg. Die, die unter Menschen wie ihren Eltern gelitten haben, sollen sich jetzt mit ihnen aussprechen? Sie sollen nett zu den Kindern der Funktionäre sein, die ihr Leben zerstört haben? Das ist vielleicht ein bisschen viel verlangt. Anne Rabe sagt inzwischen ja selbst: „Und die konnten das nicht und es ist vielleicht menschlich total verständlich.“ In ihrem Buch schreibt Anne Rabe, dass sie nicht mit den Opfern ihrer Eltern reden wollte.
Aber das ist nicht der einzige Grund, warum ich das Gespräch mit Adas Eltern plötzlich scheue. Ich will keine Absolution von ihnen, keine späte Verbrüderung mit denjenigen, die auf meine Eltern und ihr ganzes System zu Recht wütend waren. Ich wollte mich auch nicht als diejenige produzieren, die nun ihre Hausaufgaben gemacht und im Gegensatz zu den ewig Gestrigen verstanden hatte, aus was für einem Land sie kam.
Rabe, Anne. 2023. Die Möglichkeit von Glück. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 155
Also: Wenn jemand reden muss/will dann die Täter. Vielleicht auch die Kinder der Täter und der Opfer. Ansonsten ist es etwas schräg, dass die Kinder der Täter jetzt den Opfern vorwerfen, dass sie die Diktatur nicht aufgearbeitet hätten und dass deshalb 40% der Wähler*innen in manchen ostdeutschen Bundesländern die AfD wählen. Solche Argumentationen machen Menschen wütend. Doch. Wirklich. Und das bekommt man dann aus den Feuilletons bis zum Erbrechen. Aus Redaktionen in denen es einen halben Ossi gibt, wenn’s hochkommt.
Noch zum Vergleich von 1968 mit der Aufarbeitung der DDR-Geschichte. Die nationalsozialistischen Verbrechen kann man nicht mit denen in der DDR vergleichen. Es ist nicht genau feststellbar, wie viele Menschen in der DDR gestorben sind. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages gibt als Maximalwert 4.000 an für die gesamten 40 Jahre der DDR (Wissenschaftlicher Dienst des Bundestages 2021). Bei Kiev in Babyn Jar hat die Wehrmacht in 36 Stunden 33.000 Menschen erschossen. Durch die Nazis sind ca. 80 Millionen Menschen zu Tode gekommen. Viele davon wurden systematisch in Vernichtungslagern ermordet.
60–65 Millionen Menschen sind im Krieg gestorben. In Psychiatrien hat man Menschen verhungern lassen. Sie sind nach drei Monaten Mangelernährung gestorben (Hungerkost-Erlaß). Ich habe in Zwei Diktaturen – zwei Töpfe all diese Unvorstellbarkeiten aufgelistet. An diesen ganzen Verbrechen waren Deutsche beteiligt. Es war ein riesiger Apparat. Regierung, SS-Leute, SA-Leute, Richter, Ärzte, Krankenpfleger, Juristen, Lokführer, ein Verwaltungsapparat, NSDAP-Mitglieder. Journalist*innen von Zeitungen, Zeitschriften, Filmemacher*innen wie Leni Riefenstahl, ein Propagandaapparat, der das möglich gemacht hat. Darüber musste man sprechen. Die SS hatte im Juni 1944 794.941 Angehörige. Also 11% der NSDAP-Angehörigen (770.000). Bei Kriegsende war die Waffen-SS noch 550.000 Mann stark. Andere SS-Leute dienten in der Wehrmacht. Bei 66 Mio Deutschen im Jahr 1945 (Demografie Deutschlands), wegen der Kriegsfolgen weniger als die Hälfte davon Männer. Mit denen musste man reden. Es gibt Karten von Konzentrationslagern, Strafanstalten (Zuchthaus/Gefängnis) und Gerichtsgefängnissen, die zeigen, wie dicht das Netz dieser Lager war.
Von Antifaschist*innen 1936 in einem Buch veröffentlichte Karte mit 100 Konzentrationslagern. Mittag, Oskar. Die „Übersichtskarte über die Konzentrationslager, Zuchthäuser und Gefängnisse in Deutschland“ von 1936. Informationen zur Schleswig-Holsteinischen Zeitgeschichte 63/64(2023/2024). 8–33.
Die Lager um 1933 und 1934 waren nicht mit den Vernichtungslagern, die später entstanden sind, vergleichbar, aber die SS-Leute waren auch damals schon brutal, wie man in Willi Bredels Buch Die Prüfung nachlesen kann: Dunkelhaft, Isolationshaft, Folter, viele Menschen wurden in den Suizid getrieben. Irgendwer hat in diesen Gefängnissen und KZs gearbeitet. Bürgermeister von Städten waren in Transporte in KZs involviert, wie man dem folgenden Dokument entnehmen kann.
Der Bürgermeister als Ortspolizeibehörde: Transportzettel für Transport eines Arbeiters ins KZ Sachsenhausen, 21.06.1938
Je nach Größe des Ortes und der Stadt waren die Bürgermeister*innen in der DDR rote Socken, aber sie haben keine Protokolle für den Bahntransport von Oppositionellen in Konzentrationslager, in denen zehntausende Menschen starben, unterschrieben.
Die Stasi hatte einen enormen Apparat von Hauptamtlichen (1988 waren es 91.000). In Bautzen I und Bautzen II wurde gefoltert, im Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau gab es ebenfalls Menschenrechtsverletzungen und Folter. Dennoch ist die Art und Anzahl von Verbrechen, in die diese Menschen verwickelt waren um Größenordnungen anders als das, was in den 12 Jahren davor passiert ist. Die Anzahl der in der DDR beteiligten Menschen ist wesentlich geringer. Menschen, die die beiden Diktaturen gleichsetzen, verharmlosen letztendlich den Holocaust und andere Verbrechen in Nazi-Deutschland.
Übrigens: Oben habe ich einen Spiegel-Artikel zum höchstrichterlichen Entscheid zur Prügelstrafe in Bayern zitiert. Eine weitere Stelle aus diesem Artikel passt hier sehr gut:
Politisch unabhängig sind die höchstbesoldeten Bayern-Juristen selbstverständlich auch. So erträgt der Freistaat mit beachtenswerter Duldsamkeit den Oberstrichter Karl Günther Stempel, der sich seit Jahren in der rechtsradikalen Szene hervortut und erst Ende März auf einer Veranstaltung des „Deutschen Kulturwerks Europäischen Geistes“ in Lüneburg ein „Bekenntnis zur Volkskultur in abendländischer Schicksalsgemeinschaft“ abgelegt hat – neben dem Referenten Ralf Ollmann, der 1976 “wegen Schändung des jüdischen Friedhofs in Göttingen“ zu 21 Monaten Haft mit Bewährung verurteilt worden war. Die bayrische SPD: „Wahrlich ein schönes Gespann.“
Wer noch nicht genug hat, kann ja den Wikipediaeintrag von Karl Günther Stempel lesen: „ein deutscher Jurist und Autor nationalsozialistischer Gesinnung“. Der Spiegel-Artikel ist von 1979, also 11 Jahre nach 1968. Die Typen waren immer noch da.
Armut
Ein anderes Thema ist Armut. Bei 40:14 hört man dazu:
Anne Rabe: Gerade insbesondere so in den 80er Jahren der DDR. Da haben wir einerseits eben diese Agonie der DDR, dass klar ist, hier geht es irgendwie nicht mehr voran. Dieses ganze Heilsversprechen, das ist irgendwie Quatsch, das wird nichts mehr. Wir haben eine zunehmende Armut. Wir sehen halt die DDR-Bilder dann immer aus Berlin. Aber das Provinzleben im Osten, so am Rande der Republik, war ganz anders als in Berlin. Also, weiter man wegkam sozusagen von der Hauptstadt, umso schlechter war die Versorgung. Und da sprechen wir wirklich von tatsächlicher Armut, auch von Lebensmittelknappheit zum Teil. Also, das sind alles Dinge, die gab es in den 80er Jahren. Oder man wollte irgendwelche Produkte haben und dann kam man auf die Warteliste oder man kannte wen.
Katharina Nocun: So, so kann ich das aus meiner Familie in Polen. Also, da war überhaupt nicht die Erwartungshaltung. Ich kann Dinge irgendwie kaufen, das sei denn, irgendjemand hat mir Devisen gegeben.
Anne Rabe: Sowas, aber auch tatsächlich, wo ich sage, also es gibt zum Beispiel Berichte, das ist ganz interessant, so aus Briefen oder so, wo dann Leute, gerade Frauen, so was schreiben, wie ich habe wieder keine Winterjacken für meine Kinder gekriegt. Oder im Konsum gab es wieder nur Milch und Nudeln. So, also ich spreche von einer tatsächlichen Armut, nicht nur von einem kargen Leben, sondern von Armut. Und das bedeutete insbesondere für die Frauen ein wahnsinnig hartes Leben, weil die natürlich verantwortlich waren für die Hausarbeit und für die Arbeit. Die mussten früh morgens ihre Kinder in die Krippen bringen. Und da mussten die zur Arbeit gehen. Dann nach der Arbeit anstehen, nach Lebensmitteln, vielleicht noch Kohlen reinschippen, hatten häufig keine Waschmaschinen zu Hause. Ja, dann musst du irgendwie die Wäsche einkochen. Oder diese ganze Versorgungslage hat dazu geführt, dass es ein wahnsinnig stressiges, anstrengendes Leben für Frauen war.
Also, dass das Leben der Frauen anstrengend war, ist unbestritten, aber auch hier übertreibt Anne Rabe oder stellt es irgendwie verquer dar. Immerhin ist die Darstellung jetzt näher an der Realität als in früheren Äußerungen. In einem Interview in den Zwischentönen hatte sie noch 2023 behauptet, es hätte keine Waschmaschinen gegeben. Jetzt behauptet sie nur noch, dass es häufig keine Waschmaschinen gegeben hätte. Ich habe über das Interview in den Zwischentönen bereits 2024 geschrieben (Waschmaschinen und Schwule in der DDR und Lesben natürlich auch). Wenn Anne Rabe 5,6% der Haushalte ohne Waschmaschine häufig findet, dann ist das wohl so. Ansonsten kann man in den Fachpublikationen zum Thema folgende Angaben finden:
1986 befanden sich in 94,4 Prozent aller DDR-Haushalte Waschmaschinen, davon ca. 13 Prozent Waschvollautomaten, ca. 40 Prozent Waschautomaten und ca. 47 Prozent Bottichwaschmaschinen; Hans-Joachim Scheithauer u. Michael Laue, Moderne Waschmaschinen – sparsame Helfer im Haushalt, in: Energieanwendung 37, 1988, H. 6, S. 229ff., hier S. 229; Statistisches Amt der DDR (Hg.), Statistisches Jahrbuch der Deutschen Demokratischen Republik 1990, Berlin 1990, S. 324f.
Wölfel, Sylvia. 2012. „Planmäßige Verringerung des Bedarfs“ Die Entwicklung verbrauchsarmer Haushaltsgeräte in der DDR. Technikgeschichte 79(1). 45–60. (doi:10.5771/0040–117X-2012–1‑45)
Der Verbreitungsgrad heute liegt bei 96,2%. Ich hatte als Student eine Wellenrad-Maschine. Die hat zwar alle Knöpfe aus Kleidungsstücken gerissen, für meinen Karate-Gi war sie aber sehr gut geeignet. Zum Windelnwaschen taugten diese Dinger auch. Meine Mutter hatte seit meiner Geburt 1968 einen Waschvollautomaten. In Berlin gab es den Wäschedienst Rewatex. Dort hat man Bettwäsche abgegeben und bekam sie dann eine Woche später wieder. Gewaschen und gebügelt. Der Wäschemann kam vorbei und holte schmutzige Wäsche ab und brachte die gewaschene. In manchen Wohnblocks gab es Waschküchen mit gemeinsam nutzbaren Waschmaschinen. Zu den Details und Ehekrediten für die Anschaffung von Waschmaschinen und anderem siehe Waschmaschinen und Schwule in der DDR und Lesben natürlich auch.
Das Leben in der Provinz
Meine Großeltern lebten in Piesteritz bei Wittenberg. Mein Großvater war Koch in der Betriebskantine des Stickstoffwerks. Meine Oma war Kerzenmacherin in einem Industriebetrieb in Wittenberg (Wittol). Sie wohnten in einer soliden Zweizimmerwohnung mit Waschmaschine und Kühlschrank. Hatten einen Kleingarten, zeitweise sogar zwei, und einen Trabant und später einen Moskwitsch in einer eigenen Garage. Sie waren keine Akademiker*innen, sondern wurden zur Arbeiterklasse gezählt. Dennoch waren sie nicht arm. Ich habe dort viele meiner Winterferien (3 Wochen) verbracht. Es gab immer gut zu essen. Sowohl mein Opa als auch meine Oma haben gekocht.
Schwere Arbeit
Kohle reinschippende Frauen hat es in der Tat gegeben, aber die Kohle kam einmal im Jahr. Anna Rabe erzeugt ein Bild von armen Frauen, die täglich mit fiesester schwerster Arbeit belastet sind. In Berlin gab es Briketts, die wurden in den Keller gebracht. Hochgetragen habe ich die Kohle. Ich hätte sie auch in den Keller geschippt, wenn es nötig gewesen wäre. Aber in der DDR haben Frauen eben auch Gleise verlegt, wenn sie solch einen Beruf wollten, und Kohle in den Keller geschippt. Zum Gleisbau siehe Stolz & Eigensinn.
Das Leben in der Mangelwirtschaft
Ich schreibe zu diesem Punkt der Armut noch einmal, weil das wichtig ist. Denn die Frage, was Wohlstand ist, was ein angemessener Lebensstandard ist, ist aktueller denn je, weil wir so, wie wir jetzt leben, nicht weiterleben können. Der Erdüberlastungstag ist in Deutschland bereits Anfang Mai erreicht. Danach konsumieren wir über das, was der Planet hergibt. Deshalb ist die Frage, ob die Menschen in der DDR in „tatsächlicher Armut“ gelebt haben, relevant. Ulrike Herrmann hat vorgeschlagen, dass man zurück zum Lebensstandard der BRD 1978 gehen sollte (natürlich ohne Fortschritte in der Medizin usw. aufzugeben), aber eben ohne die ganzen Auswüchse und den Überkonsum, den es seit dieser Zeit zunehmend gibt (Herrmann, 2022). Für mich wäre auch der Lebensstandard der 80er in der DDR annehmbar, also etwas, was Anne Rabe als „tatsächliche Armut“ bezeichnet hat.
Anne Rabe hat diese Zeit nicht erlebt. Sie ist 1986 geboren und berichtet nur aus sekundären Quellen. Sie war nicht in Rumänien oder Polen in den 80er Jahren.
Also: Es gab Engpässe. Es gab bestimmte Dinge oder auch Lebensmittel nicht oder selten oder nur in Spezialläden für viel Geld zu kaufen. Zum Beispiel Südfrüchte (Bananen und Orangen) gab es in Berlin nur in der Weihnachtszeit, in der restlichen DDR noch seltener (Anne Rabe schreibt auf S. 12 von Die Möglichkeit von Glück aber, dass sie Bananen hatten. Das war Wismar.). Der Mangel an Südfrüchten kam daher, dass die DDR-Mark nicht konvertierbar war und man eben diese Früchte für Ostgeld nicht importieren konnte. Das West-Geld, über das die DDR verfügte, wurde für andere Anschaffungen benötigt. Zum Beispiel musste das Öl, das uns unsere „Freunde“ aus der Sowjetunion geliefert haben, mit Devisen bezahlt werden. Auch Ketschup gab es nicht immer zu kaufen. Meine Konfektionsgröße gab es in der DDR nicht. Ich war einfach zu lang und zu dünn. Ich habe jetzt 32/36 und Hosen in dieser Länge gab es nur für Menschen mit doppeltem Hüftumfang. Das führte dazu, dass ich eine Kordhose hatte, die ein Fehlkauf einer Kollegin meiner Mutter im Intershop (Westgeld) war und eine Kordhose, die 1984 ein Import der DDR aus Dänemark war. Zu Weihnachten. Diese Kordhose habe ich zwei Jahre lang getragen und danach auch noch, wenn ich während meiner Armeezeit Urlaub hatte. Sie war zum Schluss fast durchsichtig. Die Mutter eines Freundes hat einen Flicken drauf gemacht, dann ging sie noch ein bisschen. Zu hause habe ich einen Trainingsanzug angezogen, um die Hose zu schonen.
Gestellrucksäcke gab es nicht immer. Ich habe mal am Alexanderplatz jemanden mit einem Gestellrucksack in Plastetüte rumlaufen sehen und habe daraus geschlossen, dass er den irgendwo gekauft haben musste. Ich habe ihn gefragt und bin dann sofort zum Haus für Sport und Freizeit am Frankfurter Tor gefahren und habe einen gekauft.
War ich arm? Es hat in der DDR niemand gehungert. Ich hatte als Student 1989 ein Stipendium von 300 Mark. Da ich drei Jahre bei der Armee gewesen war, betrug mein Stipendium 100 Mark mehr als das reguläre Stipendium. Von 200 Mark konnte man aber in der DDR leben. Die Miete für eine Einzimmerwohnung betrug 20–30 Mark und die Preise für Grundnahrungsmittel waren subventioniert. Ein Liter Milch kostete 70 Pfennig (nach der Maul-und-Klauenseuche 66 Pfennig mit leicht reduziertem Fettgehalt), ein Brot 95 Pfennig. Preise für Nahrungsmittel und Mieten waren bei den Vorkriegspreisen eingefroren worden. Bei der Bekleidung war es so, dass es meist ein erschwingliches Modell zu kaufen gab. Das wollte man nicht unbedingt haben, weil es nicht chic war. Aber es gab es (wenn man nicht meine Körpermaße hatte).4 Wikipedia hat eine sehr ausführliche Liste mit Preisen für die verschiedensten Waren. Nahrungsmittel, Schallplatten, Kosmetik, Unterwäsche, Kameras, Autos. Auch zu verfügbarem Geld gibt es auf der Seite detaillierte Angaben.
Das Durchschnittseinkommen in der DDR betrug 1989 1300 Mark (1949: 290 Mark, 1970: 755 Mark; mdr 2021). Die Rente wurde aus dem Durchschnittseinkommen der letzten 20 Jahre ermittelt. Dadurch, dass es keine Inflation gab, hatte man also mehr als das Einkommen, das man vor 20 Jahren hatte. Da man davon aber den Grundbedarf schon vor 20 Jahren hatte decken können, konnte man ihn dann als Rentner*in garantiert decken. Von der Rente konnte man sich nicht ohne Weiteres einen Farbfernseher oder eine Stereoanlage leisten, aber die hatte man ja vielleicht vom Gehalt gekauft und es gab auch nicht viel Anregungen, etwas Neues zu kaufen.
Ich habe Erfahrungsberichte von Wernigerode, Derenburg, Triptis und Kahla. Dass es, wie von Anne Rabe behauptet, nur Nudeln und Milch gegeben habe, entspricht nicht der Wahrheit. Es gab Schulspeisung (bei uns war die nicht besonders lecker, Großküche, aber wir haben sie gegessen). Teils hat ein richtiger Fleischer für die Kaufhalle gearbeitet und es gab gute lokal gemachte Wurst. In meiner Kindheit waren wir in Thüringen, im Vogtland, im Erzgebirge und im Harz im Urlaub. Einmal waren wir in einem FDGB-Heim, ansonsten in privaten Unterkünften. Wir haben uns selbst versorgt und auch ab und zu in Gaststätten gegessen. Es gab überall vernünftige Versorgung mit Lebensmitteln. Ich habe eine weitere Umfrage zur Versorgung außerhalb Berlins auf Mastodon gestartet und es gab wohl im Norden auch Kartoffelengpässe, aber das war kein Dauerzustand. Hungern musste niemand.
Hungern musste in der DDR niemand, nur die Jungs am kurzen Ende der Sonnenallee. (Für Nachgeborene: Die Akteure im Buch Sonnenallee und im Film machen sich einen Witz und spielen Tourist*innen aus dem Westen vor, dass sie Hunger hätten.)
In anderen sozialistischen Ländern sah die Versorgung ganz anders aus. Ich war 1984, als das wieder möglich war, mit einem Schüleraustausch in Polen. Dort haben wir zwei Wochen lang Nudeln mit einer undefinierbaren rosa Soße bekommen. 1988 war ich in Rumänien. Dort gab es in den Lebensmittelläden außer Brot nichts. Das würde ich als Armut bezeichnen. So war es in der DDR aber nicht. Bei der Mastodonumfrage wurden Familien mit Alkoholproblemen erwähnt. Ich hatte geschrieben, dass man von 200 Mark prima leben konnte. Das war so, aber ich habe auch weder geraucht noch getrunken. Goldbrand (32%) kostete 14,50 Mark und Zigaretten 1,60 (Karo), 2,50 (Alte Juwel) bis 3,20 (Cabinet). Wenn man pro Tag eine Schachtel Zigaretten rauchte waren also 48 bis 96 Mark weg. Also 48 bis 96 Brote. Bei einem Mindestlohn von 400 Mark (1976) waren dann immer noch über 300 Mark übrig. Ich weiß nicht, wie viel man realistisch für Alkohol ausgegeben hat, wenn man viel getrunken hat. Unter Umständen war dann nicht mehr so viel übrig. Das ist aber heute nicht anders: Man kann von der Grundsicherung/vom Bürgergeld leben, aber wenn man Geld für Alkohol und Tabak ausgibt, wird es bei den Tagessätzen eng.
Also, wenn ich mir überlege, wie unser Leben heute sein sollte, dann kommt im Prinzip die Versorgung in Berlin ohne die Ausfälle heraus: regionales, saisonales Obst und Gemüse, lokal gebackenes Brot, das am Abend nicht weggeworfen wurde, sondern für den nächsten Tag aufgehoben wurde. Eine vernünftige Versorgung mit Kleidung und Schuhen ohne Fast Fashion und Produktion in Fernost (zur Schuhproduktion in Weißenfels siehe auch Stolz & Eigensinn).
Und Armut, Armut sieht so aus:
Sofa eines Obdachlosen mit Teppich davor und Regal, mit Schlafsack, Kissen und anderen Habseligkeiten auf der Schönhauser Allee. Dazu ein durchsichtiger Beutel von der Bibliothek der Freien Universität Berlin. 26.10.2025Zelt im Gleimtunnel. Davor Kokosläufer, ein Tisch mit Blumen, Bilder, Stühle, ein Besen zum Ausfegen und eine Kehrschaufel. Berlin, 25.10.2025
Das gab es in der DDR nicht. Es gab nicht genügend Wohnungen und die Altbauten fielen zusammen, aber das bedeutete eben, dass Kinder bei ihren Eltern wohnen mussten. Auf der Straße lebte niemand.
Junge Gemeinde und Studium
Anne Rabe behauptet Folgendes über die Mitgliedschaft in der Jungen Gemeinde und der FDJ:
Zum Beispiel im Vorfeld des 17. Juni gab es so eine ideologische Verschärfung, dass man Jugendlichen, die gleichzeitig Mitglied waren in der jungen Gemeinde, also in der christlichen Jugendorganisation, in der FDJ, der freien deutschen Jugend, also der Jugendorganisation der DDR, nach sowjetischem Vorbild, dass man gesagt hat, ihr könnt nicht mal gleichzeitig Mitglied sein in beidem. Und nur wenn ihr in der FDJ seid, dann könnt ihr auch studieren und so. Also solche Geschichten, dass es dort einen Versuch gab, einer ideologischen Verschärfung und dass man zum Beispiel sowas, da gab es so einen Beschluss, dass alle Jugendlichen, die in der jungen Gemeinde sind, müssen von den Schulen verwiesen werden. Also alle Achtklässler, Neuntklässler sozusagen raus, wenn die sich nicht zur FDJ bekennen. Das wurde später wieder zurückgenommen, aber es gab eben so Schritte, die dazu geführt haben, dass sich diese Sowjetideologie, stalinistische Ideologie, dass das verschärft wurde.
Diese Aussage hat mich erstaunt. In den 50er Jahren gab es noch die Grundschule, die bis zur achten Klasse ging. Hätte man die Schüler*innen der achten Klasse einfach rausgeschmissen, hätten sie in der DDR keinen Ausbildungsberuf erlernen können. Da es aber eine Arbeitspflicht gab und Arbeitskräfte überall benötigt wurden, wäre das recht merkwürdig gewesen. Es gab diese Aktionen gegen die Junge Gemeinde tatsächlich (Hugi, 2019) und Christ*innen wurden auch nach 1953 noch wo möglich Steine in den Weg gelegt, aber die Aktionen richteten sich gegen Abiturient*innen und gegen Student*innen. In der DDR und auch in der BRD haben damals viel, viel weniger Jugendliche Abitur gemacht (in den 80ern 2 von 30). Es gab alternative Ausbildungswege wie Berufsausbildung mit Abitur. Diejenigen, die Abitur machen durften, wurden entsprechend sorgfältig ausgewählt. Die Logik dahinter war, dass der Staat in diese Menschen Geld investierte und nicht wollte, dass sie bei der nächsten Gelegenheit in den Westen verschwanden. Für Christ*innen war es immer schwer, einen solchen Platz zu bekommen. 1953 richteten sich die Maßnahmen mit Schulverweisen gegen Abiturient*innen und Student*innen. Grundschüler waren nicht betroffen. Auch folgt aus „Nicht in der FDJ“ nicht Verweis von der Schule, wie es Anne Rabe dargestellt hat. Aus „Nicht in der FDJ“ folgte Schwierigkeiten bei der Zulassung zum Abitur und dann zum Studium. Später gab es die zehnklassige Polytechnische Oberschule für alle Schüler*innen. Auch da gab es Gängelei und Druck, aber es gab eben auch Menschen, die nicht bei den Thälmann-Pionieren oder in der FDJ waren. Ein katholisches Mädchen aus meiner Klasse musste immer ganz hinten beim Fahnenappell stehen, damit man sie ohne ihr FDJ-Hemd nicht gesehen hat.
Stalin, Chruschtschow und Breschnew
Anne Rabe berichtet über das Ende des Stalinismus Folgendes:
Das ist auch immer interessant, wenn man reinguckt, das Ende Stalins und das Ende des Stalinismus ist ja eh super interessant, wie die da reingestolpert sind aus lauter Angst vor diesem Diktator. Aber in der DDR war das noch extremer. Die fuhren dann als Delegation dahin und diese berühmte Geheimrede von Breschnew, wo er dann eben über die Verbrechen des Stalinismus gesprochen hat. Und fuhren dann zurück und wussten gar nicht, was sie damit machen sollten, sozusagen. Und brauchten dann erst wieder Anweisungen aus Moskau, dass man jetzt eben wirklich hier die Denkmäler runterreißt und so. Weil sie völlig überfordert waren und das gar nicht selber entscheiden konnten oder diskursiv miteinander besprechen.
Schließlich wurde ein weiterer Tagesordnungspunkt gebilligt, der aber unter Ausschluss der Öffentlichkeit und ohne anschließende Diskussion stattfinden sollte. […] Nur loyale Parteimitglieder waren zugelassen, die Anwesenheit von Journalisten war verboten.
Das bedeutet, dass Anne Rabe nicht nur den damaligen Parteichef mit einem weit weniger bedeutenden Funktionär, der erst 1966 – also zehn Jahre später – Generalsekretär des ZK der KPdSU werden sollte, verwechselt hat. Sie hat auch einfach mal erfunden, dass eine DDR-Delegation bei diesem Parteitag anwesend war.
Zuhörer berichteten nach 1989, das Publikum habe die Rede in völligem Schweigen und mit lähmendem Entsetzen aufgenommen. Es habe keine Aussprache gegeben. Jede mündliche oder schriftliche Weitergabe des Gehörten wurde den Delegierten untersagt. Kopien der Rede gingen im März 1956 an die Staatschefs im Ostblock.
Ich hatte ja an anderer Stelle darüber geschrieben, dass Breschnew am 10.11.1982 gestorben ist und uns damit den 11.11. verdorben hat (Berliner und Breschnew). DDR-Bewohner*innen, die die 80er bewusst wahrgenommen haben, können Breschnew, Andropow und Tschernenkow aus eigener Erfahrung grob zeitlich verorten, auch wenn sie im Geschichtsunterricht Kreide holen waren. Dieses Wissen aus eignen Erfahrungen fehlt Anne Rabe.
Im taz-Lab hat Anne Rabe 2024 angemerkt, dass Umberto Eco ja auch nicht im Mittelalter dabei gewesen sei und trotzdem Romane darüber schreiben könne. Diese Aussage ist 100% korrekt, nur entsprechen Ecos Aussagen dem Wissensstand und es gibt wirklich keine Zeitzeug*innen mehr, die er hätte befragen können und die ihn hätten widerlegen können.
Ulbricht wurde in Moskau über den Inhalt der Rede durch einen befreundeten Genossen informiert (Hoyer, 2023), da er aber offiziell erst im März über die Rede in Kenntnis gesetzt wurde, konnte er unmittelbar nach der Rückkehr auch nichts machen, denn er wusste ja offiziell noch überhaupt nichts von den Veränderungen in Moskau. Letztendlich betrieb Ulbricht aber einen ähnlichen Personenkult wie Stalin, weshalb dieser Wandel dann für ihn persönlich auch problematisch war (Hoyer, 2023). Also: Es war alles ein bisschen anders, als von Anne Rabe beschrieben, aber sie hat recht: Es war interessant.
Kolonialisierung und ökonomische Naivität
Anne Rabe äußert sich zu Erbschaften und Vermietern wie folgt:
Also das, was du gerade ansprachst mit der Ungleichheit, mit der Erbschaft und so weiter. Und sagen kann, ja, das stimmt. In Ostdeutschland wird weniger geerbt. Das wird aber dann häufig so als Schulddebatte gen Westen diskutiert. Dabei müsste man das eigentlich, würde ich zum Beispiel sagen, sieht man halt in Ostdeutschland aus historischen Gründen eine Schwäche unseres Systems besonders deutlich. Ich finde immer ganz schön, mein Freund Patrice Poutrus, der sagt immer so schön, ist mir doch egal, ob mir ein Wessi die Miete erhöht oder einen Ossi. Die Rechte der Mieter müssen gestärkt werden. Also die Verteilungsfrage, die müssen wir gesamtgesellschaftlich stellen. Die Ursache darin liegt nicht, weil Westdeutsche böse waren zu Ostdeutschen oder so. Das sie so diesen Osten da ausbeuten wollten und sich, also das ist so ungenau wieder. Das, was ich meinte von, wir müssen da genauer sein. Das, was in Ostdeutschland an Ungleichheitsfragen sichtbar wird, ist wie unter einem Brennglas ein Problem unserer gesamten Gesellschaft.
Auch hier wieder Merkwürdigkeiten. Im Osten wurde vor der Wende viel weniger Geld und Besitz akkumuliert. Menschen, die Miet-Häuser besaßen, davon gab es noch einige wenige, wurden damit nicht reich. Im Gegenteil: Die Mieten waren auf Vorkriegsniveau festgesetzt und Sanierungen konnten von den Mieteinnahmen nicht bezahlt werden. Die Besitzer*innen mussten für die Sanierungen einen virtuellen Kredit aufnehmen, der ihrem Haus zugeordnet war. Nach der Wende mussten sie das Haus verkaufen, damit sie die Kredite für Sanierung, die dann plötzlich real geworden waren, abbezahlen konnten. Betriebe waren in zwei Privatisierungswellen verstaatlicht worden. Die Menschen hatten weniger Bargeld angespart, weil das auch ohnehin nicht sinnvoll war. Durch die Währungsunion wurden Vermögen oberhalb eines Sockelbetrags halbiert (was aus ökonomischen Gründen nicht gut war, der Umtauschkurs hätte für die Ossis eigentlich noch schlechter sein müssen). Wenn jetzt etwas vererbt werden kann, dann ist das im Wesentlichen das Vermögen, das nach der Wende aufgebaut wurde. Das sind aber ganz andere Dimensionen als das, was man im Westen kennt, wo Familien im Wirtschaftswunder groß geworden sind. Daraus aber irgendwas mit Schuld gen Westen abzuleiten, wäre recht merkwürdig. „Schuld“ ist der Westen bzw. die demokratisch gewählten Regierungen, die sich um bestimmte Dinge einfach nicht gekümmert haben. Anne Rabe ist in der SPD. Die SPD hatte 2017 zumindest mal den Plan, sich um die Ostrenten zu kümmern (taz, 13.01.2026). Das ist nicht erfolgt. Das Geld, das man für eine Rentenreform gebraucht hätte, betrug 1 Milliarde Euro. War halt politisch in der Großen Koalition nicht durchsetzbar.
Der Satz von Anne Rabes Freund, dem Historiker Patrice Poutrus, zu DDR-Zeiten geschulter Marxist und hauptamtlicher FDJ-Sekretär, zeugt von einer unglaublichen ökonomischen Naivität. Firmensitze sind im Westen, Gewinne werden dort versteuert. Das gilt genau so für Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung. Wenn mein Vermieter also in Stuttgart sitzt, dann profitiert, abgesehen von der Grundsteuer, Stuttgart (15%), Baden-Württemberg (42,5%) und der Bund (42,5%; siehe föderale Verteilung) von den Wohnungen im Prenzlauer Berg oder in Leipzig. Kapital wird dort akkumuliert und weitervererbt. Die Erbschaftsteuer geht an das Bundesland. Das alles ändert sich auch nicht, wenn die Rechte der Mieter gestärkt werden. Ich habe im Prenzlauer Berg gelebt. Die Häuser wären nach der Wende eingestürzt, wenn sie nicht mit großem Aufwand saniert worden wären. Dazu hat Berlin privates Kapital herangezogen. Es gab Mietpreis-Bindungen. Nach einer gewissen Zeit liefen die dann aber aus. Das sind völlig unklare politische Vorgaben, die auch jetzt noch für den sozialen Wohnungsbau angewendet werden. Auch von Anne Rabes Partei. Es gibt eine schöne Folge von Die Anstalt dazu: Die Abriss-Anstalt.
Es gibt immer wieder die Diskussion darüber, ob die Beziehung zwischen West- und Ost-Deutschland eine kolonialistische ist. Man kann sich dazu eine Sendung im Deutschlandfunk anhören: Ostdeutschland: Warum man von Kolonialismus sprechen kann. Dort kommen Expertinnen für Kolonialismus zu Wort. Der Titel spoilert schon: Die Antwort ist: Ja, die Bezeichnung Kolonialismus ist sinnvoll.
Also: Ja, für Einzelpersonen ist es egal, an wen sie Miete bezahlen, aber für Gemeinden ist es nicht egal, wo die Gelder hingehen. Von einer vierzigjährigen Sozialdemokratin, die über den Osten und über Moral schreibt, und einem promovierten Historiker, der auch über den Osten und politische Zusammenhänge schreibt, sollte man doch ein bisschen mehr erwarten dürfen.
Ansonsten hat Anne Rabe recht: Ungleichheitsfragen spielen eine Rolle. Eine Erbschaftssteuer würde helfen. Ihre Partei ist im Prinzip auch dafür, nur ist das politisch nicht durchsetzbar. Die CDU ist für Steuerreduktionen und in der Ampel konnte die kleine gelbe Partei die anderen beiden Parteien daran hindern, gerechtere Steuern einzuführen. Das ist leider auch Teil des AfD-Problems und es ist in der Tat ein Ost-West-Probelm, auch wenn der Historiker und die Schriftstellerin das nicht so sehen.
Zusammenfassung
Das Gespräch ist im Großen und Ganzen gut. Die Bemerkungen zu Gewalt und Armut entsprechen weitestgehend dem, was Anne Rabe in früheren Interviews und in ihrem autofiktionalen Roman Die Möglichkeit von Glück behauptet hat, und sind somit unvollständig, tendenziös oder schlicht falsch.
Danksagungen
Ich danke Christian Pietsch, durch den ich auf den Podcast aufmerksam geworden bin. Ich war etwas verwundert, dass er schrieb, er würde allem Gesagten zustimmen. Das hat mich neugierig gemacht. Oben sind die Stellen dokumentiert, denen ich nicht zustimme. Weiß nicht, ob ich alle erwischt habe.
Ich danke allen, die auf Mastodon mitdiskutiert haben, insbesondere denen, deren Posts ich hier verwenden durfte. Peer danke ich für das Auffinden des Spiegel-Artikels von 1979 und die Suche nach Quellen im ND.
Ulke, C. & Fleischer, T. & Muehlan, H. & Altweck, L. & Hahm, S. & Glaesmer, H. & Fegert, J.M. et al. 2021. Socio-political context as determinant of childhood maltreatment: A population-based study among women and men in East and West Germany. Epidemiology and Psychiatric Sciences (30). 1–8. (doi:10.1017/S2045796021000585)
Wensierski, Peter. 2006. Schläge im Namen des Herrn: Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik. München: Deutsche Verlags-Anstalt / SPIEGEL-Verlag.
Dieser Blog-Post beschäftigt sich mit zwei Behauptungen:
Der Holocaust sei im Osten nicht thematisiert worden.
Es sei behauptet worden, dass es im Osten keine Nazis gäbe, weil die alle im Westen seien.
Verschiedene Behauptungen zum Holocaust von Ines Geipel und Anetta Kahane habe ich bereits in Der Ossi und der Holocaust diskutiert, aber die Vorstellung von der Einstellung zum Holocaust in der DDR hält sich hartnäckig. So findet man sie auch jüngst wieder in der taz:
Nach dem Krieg brüskierte er [Willi Bredel] mit „Das schweigende Dorf“ (1948) fast schon die offizielle Geschichts- und Gedenkpolitik in Sowjetischer Besatzungszone und DDR: Die hätte den Holocaust lieber verdrängt.
Im Folgenden zitiere ich relevant Stellen aus der Erzählung, gebe dann Informationen zum realen Vorgang und ordne alles in einem letzten Abschnitt ein.
Die Erzählung
1948 wurde im Carl Hinstorff Verlag ein Band mit Erzählungen von Willi Bredel veröffentlicht. In der Erzählung mit gleichlautendem Titel lässt Bredel einen Architekturstudenten eine Geschichte von einem Dorf zwischen Ludwigslust und Schwerin (S. 7) erzählen. Auf S. 14–15 werden Arisierungen thematisiert und die Ermordung einer Mühlenbesitzerin und ihrer Familie in Auschwitz.
Im blutigen Hitlerfrühling dreiunddreißig waren sie aus Furcht vor Verfolgungen in Berlin untergetaucht. Herta Bockelmann, sie hieß jetzt Silberstein, sollte sich von ihrem jüdischen Gatten trennen, dann wollte man ihr, der Tochter aus altem bäuerlichen Geschlecht, ihren Fehltritt nachsehen. Herta Silberstein lehnte solches Ansinnen ab, und die Dollhagener Mühle wurde arisiert. Übrigens wurden später, wie wir erfuhren, die Silbersteins mit ihren drei kleinen Kindern nach Auschwitz transportiert. Die Mühle erhielt Uhle Bruhns vom Kreisleiter für einen lächerlich geringen Preis zugeschoben. Sie gehört ihm heute noch; er hat sie einem gewissen Ziems verpachtet.
Bredel, Willi. 1948. Das schweigende Dorf. Rostock: Carl Hinstorff Verlag. 14–15.
In der Erzählung geht es um einen KZ-Zug, in dem in den letzten Kriegstagen jüdische Frauen und Kinder aus Ravensbrück nach Bergen-Belsen transportiert wurden. In der Nähe des Dorfes kommt der Zug zum Stehen. Frauen und Kinder fliehen und verstecken sich im Dorf. Die SS befiehlt den Dorfbewohnern unter Strafandrohung, die Flüchtlinge wieder auszuliefern. Diese beteiligen sich an der Suche und Rückführung und es wird auch beschrieben, wie sie Frauen erschlagen und Kinder lebendig begraben. Insgesamt sind 72 Tote unter den drei Eichen am Dorfrand begraben. Von der SS und den Dorfbewohnern ermordet. Niemand im Dorf spricht darüber. Zwei Jahre lang, bis durch eine Verkettung von Zufällen alles herauskommt.
In den letzten Tagen des Zusammenbruchs des Hitlerreiches, kurz vor der Kapitulation, fluteten Reste der geschlagenen Hitlerwehrmacht auf ihrer ununterbrochenen Flucht vom Osten nach dem Westen, auch an den Seen um Schwerin entlang und durch die Wälder Westmecklenburgs über Dollhagen hinaus. In den Tagen, als die Russen Berlin eroberten, hielt an der kleinen Bahnstation Dollhagen ein Gefangenenzug. An die zwanzig Waggons, verschlossene Viehwagen, waren vollgepfropft mit gefangenen Frauen und Kindern. Sie kamen von Ravensbrück und sollten nach Belsen geschafft werden. Doch das dortige Konzentrationslager war zu der Stunde, da der Zug in Dollhagen aufgehalten wurde, bereits von amerikanischen Truppen besetzt. Nun wartete die Zugbegleitung, eine Abteilung SS, auf weitere Anweisung. Sie wartete einen Tag und eine Nacht. Es war ein Tag und eine Nacht des Grauens für Dollhagen.
Die Gefangenen waren größtenteils Jüdinnen, und zwar Jüdinnen aus allen Ländern Europas, überwiegend aus Polen und der einstmals besetzten Teile Sowjetrußlands. Sie machten einen erbarmungswürdigen Eindruck, trugen nur noch Fetzen ihrer ehemaligen Kleider auf den Leibern und waren auf das erschreckendste abgemagert. Wimmern und Heulen drang aus den dichtverschlossenen Waggons. Kaum hielt der Zug an der Station, als auch schon acht verhungerte Frauen aus den Waggons gezerrt und der Reihe nach an dem Bahndamm hingelegt wurden. Sämtliche Frauen und auch die Kinder, die bei ihnen waren, hatten seit vielen Tagen nichts zu trinken oder zu essen erhalten und waren nicht aus ihren fahrenden Käfigen herausgekommen. In ihrer Todesqual jammerten und wimmerten, schrien und brüllten die Todgeweihten. Die SS-Burschen hatten Stöcke und Peitschen und schlugen damit auf die Gefangenen ein, die in ihrer Verzweiflung ihre dürren Arme hungerschreiend durch die Gitterfenster zwängten.
Plötzlich stürzten die Frauen eines Waggons ins Freie und rannten über das Bahngleise hinweg ins Dorf hinein. Wahrscheinlich war eine Wagentür geöffnet worden, um Leichen herauszuschaffen. Zwei der flüchtigen Frauen wurden am Bahndamm bereits von der SS erschossen, die übrigen jedoch erreichten das Dorf; es waren insgesamt vierzehn. Da es schon zu dämmern begann, war die Verfolgung schwierig, und den Flüchtlingen war es leicht, sich in Scheunen und Ställen zu verbergen.
Die SS holte den Ortsgruppenleiter des Dorfes, das war Uhle Bruhns. Sie trugen ihm auf, sämtliche flüchtige Frauen tot oder lebend wieder herbeizuschaffen oder aber, so drohten sie, sie würden das Dorf zur Verantwortung ziehen. Außerdem, so behaupteten die SS-Leute hämisch, hätten die Frauen Typhus und würden sowieso das ganze Dorf verseuchen.
Uhle Bruhns holte sich Helfer, den Eisenbahnarbeiter Böhle, den Hufschmied Belz, den Kaufmann Martens, die Bauern Dircksen und Hinnerk. Den Penzlinger trafen sie in seinem Hause nicht an, weil er ins Holz gegangen war, um einige Stämme zu holen; er gebrauchte Latten zur Ausbesserung seines Viehstalles. Das war sein Glück.
Mit Knüppeln bewaffnet machten die Bauern sich auf, die Flüchtigen in ihren Verstecken aufzustöbern. Fanden sie eine Frau, wurde sie unter Stockhieben nach der Station zurückgetrieben, wo sie die SS in Empfang nahm. Sie fanden alle vierzehn. Eine Frau jedoch war so geschwächt, daß sie schon unter den Hieben des Hufschmieds im Dorf tot zusammenbrach.
Die SS war mit der Leistung der Bauern sehr zufrieden und stellte ihnen neue Aufgaben. Sie mußten die Schwächsten und Hinfälligsten unter den Frauen aus den Waggons heraussuchen und zur Station schleppen. Uhle Bruhns, von dem man sagte, er habe anfangs nur widerwillig den Befehlen der SS gehorcht, soll dabei der Wildeste, der Satanischste von allen gewesen sein. Erzählt wird, er sei von Wagen zu Wagen gegangen und habe gerufen: „Wer hat am meisten Hunger?“ Die sich meldeten, zerrte er an den Haaren vom Wagen herunter und schleifte sie nach der Station. Unmittelbar bei der Station stehen – wie Sie schon wissen – drei einsame Eichen. Unter diesen Bäumen wurden die Unglücklichen von einer SS-Wache durch Genickschüsse getötet. Die Bauern mußten bei den Eichen eine Grube ausheben, und in die wurden die Verhungerten und Erschossenen geworfen, insgesamt, wie bisher festgestellt wurde, zweiundsiebzig, darunter auch etliche Kinder, sogar Brustkinder. Uhle Bruhns soll alles, was in der Grube noch zuckte, mit seinem Spaten vollends getötet haben.
Den ganzen Abend war das Schreien, Brüllen und Toben der Gefangenen zu hören, bis tief in die Nacht hinein. Es verstummte erst, als gegen Morgengrauen der Todeszug seine Fahrt fortsetzte. Aber Tage später fanden die Dollhagener längs der Bahnstrecke noch Leichen.
Bredel, Willi. 1948. Das schweigende Dorf. Rostock: Carl Hinstorff Verlag. 48–50.
In der Erzählung rettet die Verlobte des Erzählers ein jüdisches Kind. Das Paar adoptiert das Kind und studiert in Rostock Architektur.
Die Realität
In Bredels Erzählung ist die Dorfbevölkerung an den Grausamkeiten gegen die jüdischen Frauen beteiligt. Wie Gansel (2009: 26 fn. 21) feststellt, gab es einen realen Vorgang, der als Vorlage für die Erzählung dient.
Willi Bredel bezog sich in seiner Erzählung nämlich auf einen realen Vorgang. In der Täglichen Rundschau vom 20.04.1947 wurde über den Fund eines Massengrabes im Dorf Sülstorf bei Schwerin berichtet. In dem Grab fanden sich die Leichen von Häftlingen, die im April 1945 bei einem Transport aus einem Konzentrationslager ermordet worden waren. 1951 errichtete die Jüdische Landesgemeinde in Sülstorf einen Gedenkstein für die 53 ermordeten jüdischen Frauen aus Ungarn. Siehe dazu: Vierneisel, Beatrice: Die Erinnerung an den KZ-Zug in Sülstorf im lokalen Gedächtnis und der Kunst der DDR. In: Friedhof für 53 ungarische Jüdinnen in Sülstorf. Zur Geschichte einer kleinen Gedenkstätte. Hrsg. vom Politische Memoriale e. V. Mecklenburg-Vorpommern. Rostock: Ingo Koch Verlag 2007, S. 45–86. Vierneisel verweist darauf, dass es für die von Bredel in seinem Text behaupteten Verbrechen der Dorfbevölkerung keine Beweise gebe. Entsprechend heißt es: »Doch weder die früheren Zeugenaussagen zu Sülstorf noch andere Berichte zu den Todesmärschen übers Land in Mecklenburg-Vorpommern liefern, soweit bis heute erforscht, Beispiele für Verbrechen von Dorfbewohnern.« (Ebd., S. 75).
Der Verein Mahn- und Gedenkstätten im Landkreis Ludwigslust-Parchim e.V. schreibt:
Jüdische Frauen, die drei Monate vorher aus dem KZ Bergen-Belsen in die SS-Reitschule nach Braunschweig gebracht worden waren, um Trümmer in der zerbombten Stadt zu räumen, verließen Ende Februar 1945 die Stallungen an der Salzdahlumer Straße. Sie wurden in das KZ-Außenlager Beendorf bei Helmstedt gebracht. Am 9. April 1945 startete hier der Räumungstransport mit einem Güterzug, in den 1300 Männer und 3000 Frauen aus diesem Lager gepfercht wurden. Der Zug fuhr über Magdeburg, Stendal, Nauen, Wittenberge und erreichte am 13. April 1945 den Bahnhof in Sülstorf. Hier stand er drei Tage auf einem Nebengleis. Mehr als 300 Menschen kamen in Sülstorf ums Leben, auch aufgrund von Gewaltexzessen.
Am 15. April 1945 wurden die männlichen Häftlinge in das noch unfertige Steinbarackenlager des KZ- Außenlagers Wöbbelin gebracht. Die Frauen verblieben in den Waggons. Erst eine Woche später erreichte der Zug Hamburg, wo die überlebenden Frauen auf die Hamburger Außenlager Eidelstedt, Sasel, Langenhorn/Ochsenzoll und Wandsbek verteilt wurden. Die meisten Frauen konnten Hamburg am 1. Mai 1945 mit einem Transport nach Schweden verlassen. Die in Hamburg Verbliebenen wurden einige Tage später von britischen Soldaten befreit.
Die Sonderausstellung dokumentiert ebenfalls die Geschichte der Sülstorfer Gedenkstätte, die bereits 1947 errichtet wurde.
Willi Bredel schreibt in seiner Erzählung über Arisierung, Bereicherung und Morde in Auschwitz. Er beschreibt eine Dorfgemeinschaft, die an Taten der SS beteiligt war und nach dem Kriegsende zwei Jahre darüber geschwiegen hat. Nach aktuellem Forschungsstand entspricht die Tatbeteiligung der Dorfbewohner nicht den Tatsachen, das Schweigen jedoch schon. Die Massengräber wurden erst 1947 entdeckt.
Bredel schreibt über Nazis im Osten. Das widerlegt die Bauhauptung in der DDR sei behauptet worden, dass ALLE Nazis im Westen seien. Bredel gibt auch Motive für ein Dableiben:
‚Gute Nacht, Herr!’ Leicht und beglückt schlüpfte der Wirt aus dem Zimmer. Er hat sicherlich ruhig geschlafen, wahrscheinlich als einziger in Dollhagen. Drei Häuser weiter erhängte sich in dieser Nacht auf dem Dachboden seiner Werkstatt der Wagen- und Hufschmied Friedrich Belz.
Das war der zweite. Paul Böhle, der Eisenbahner war geflohen, hatte alles in seiner Kate stehn und liegen lassen und war vermutlich im Westen. Er hatte gut fliehen, denn er war Junggeselle und besaß auch kein Land, das ihm an den Schuhsohlen hing. Und nun hatte sich der Hufschmied erhängt. Tod und Angst, wahre Todesangst lag auf dem Dorf. Es muß hergegangen sein, wie am Vortag des Jüngsten Gerichts.
Bredel, Willi. 1948. Das schweigende Dorf. Rostock: Carl Hinstorff Verlag. S. 40.
In der Erzählung Bredels blieben die Bauern, die verwurzelt waren. Täter und Mitwisser*innen. Im realen Dorf Sülstorf gab es keine Täter aber Mitwisser*innen.
Widerlegt ist auch einmal mehr, dass die DDR den Holocaust vertuschen wollte oder dass der nicht erwähnt wurde oder dass die Kommunisten nur sich selbst gefeiert hätten. Gerade die Arbeiten von Willi Bredel widerlegen diese Behauptungen. Der Kommunist Bredel hat in der Frühlingssonate über das Massaker an Kiewer Juden in Babyn Jar geschrieben. Alle Kinder, die in der DDR groß geworden sind, haben die Frühlingssonate in der 9. Klasse im Literaturunterricht behandelt (siehe Der Ossi und der Holocaust: Literaturunterricht). Und in der Erzählung Das schweigende Dorf kommen die Verbrechen an Jüd*innen eben auch vor.
Auf der Suche nach dem Buch Das schweigende Dorf habe ich Fotos einer späteren Auflage aus dem Institut für Lehrerbildung Güstrow samt Ausleihzettel gefunden. Das Buch war in einem Lerhrerbildungsinstitut von spätestens 1959 bis mindestens 1988 verfügbar, wie die Ausleihstempel zeigen.
Zum Satz von Benno Schirrmeister „Nach dem Krieg brüskierte er mit „Das schweigende Dorf“ (1948) fast schon die offizielle Geschichts- und Gedenkpolitik in Sowjetischer Besatzungszone und DDR: Die hätte den Holocaust lieber verdrängt.“: Was soll „fast schon“ bedeuten? Und Willi Bredel WAR die offizielle „Geschichts- und Gedenkpolitik“. Er war in Moskau im Exil gewesen, hatte den stalinschen Großen Terror überlebt und kam mit der „Gruppe Ulbricht“ im Mai 1945 in die SBZ, um einen sozialistischen Staat nach sowjetischem Vorbild aufzubauen. Bredel war hauptamtlicher politischer Instrukteur für das Zentralkomitee der KPD in Mecklenburg-Vorpommern. Ab 1947 war er im Mecklenburgischen Landtag, in der Volkskammer und dann im Zentralkomitee der SED. Von 1962 bis 1964 war er Präsident der Deutschen Akademie der Künste und machte diese zu einer sozialistischen Akademie, wie das ZK der SED es vorsah (siehe Bredels Wikipedia-Eintrag und dort angegebene Quellen). Seine Werke wurden auch nach seinem Tod 1964 noch in weiteren Auflagen veröffentlicht. Es gab in der DDR Zensur und, wie man dem Wikipedia-Eintrag des Aufbau Verlags entnehmen kann, schreckte die Staatsführung auch nicht davor zurück, ganze Ausgaben von ungenehmen Werken makulieren zu lassen. Nichts dergleichen geschah mit Bredels Werken. Auch die Veröffentlichung 1948 war sicher durch einen Zensur-Prozess gegangen/irgendwo abgesegnet worden, denn in der Nachkriegszeit war in der SBZ Papier noch knapper als später in der DDR. Das folgende Bild zeigt, dass es auch vom Schweigenden Dorf mindestens noch eine weitere Auflage 1951 gab. Laut Willi-Bredel-Gesellschaft gab es auch 1950, 1952 und 1954 weitere Auflagen. In den gesammelten Erzählungen, die 1981 im Aufbau Verlag erschienen, ist das Schweigende Dorf auch enthalten (laut Hans-Kai Möller von der Willi-Bredel-Gesellschaft, 2025 auf den Seiten 217–265). Von diesen gesammelten Erzählungen gab es zwei Auflagen.
Laut Willi-Bredel-Gesellschaft ist Das schweigende Dorf 1951 auch auf Tschechisch und Polnisch erschienen. 1961 und 1971 wurde eine Oper mit gleichnamigem Titel in Plauen bzw. Schwerin aufgeführt (Nestler, 1999: 604).
1947 wurde in Sülstorf eine Gedenkstätte und ein Ehrenfriedhof für die 53 ermordeten jüdischen Frauen und die insgesamt 300 ermordeten Menschen eingerichtet. Das ist sehr früh. Ich weiß von keiner solchen Gedenkstätte auf BRD-Gebiet.
Vor sieben Jahren behauptete Anetta Kahane, dass die Auseinandersetzung mit dem Holocaust in der DDR weder auf systemischer noch auf individueller Ebene gewollt gewesen sei.
Im Osten war eine systemische und individuelle Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der Shoah nicht gewollt. Dies hätte zu Fragen nach Menschenrechten oder Minderheitenschutz geführt, die nur bei Strafe des Untergangs der DDR zu beantworten gewesen wären.
Sieben Jahre später weist ihr Neffe Leon Kahane in einem Interview in der Kunstzeitschrift Monopol darauf hin, dass es einen Universalismus gegeben habe, in dem der Holocaust mit den Morden an Kommunist*innen, Homosexuellen usw. gemeinsam behandelt wurde. Immerhin wird die Existenz des Gedenkens nicht ganz geleugnet, wie das bei Ines Geipel der Fall war. Ich habe Anetta Kahanes und Ines Geipels Aussagen von 2018 und 2019 im Blog-Post Der Ossi und der Holocaust diskutiert. Was will man gegen den Universalismus-Vorwurf sagen? Universalismus ist ein schönes Schlagwort dafür, dass sich die Kommunist*innen selbst gefeiert haben. Da war viel Propaganda dabei, aber letztendlich hatten die Menschen, die im Widerstand waren, auch das Recht dazu, stolz zu sein. Und es war nicht der Fall, dass der Völkermord an den Juden unter den Tisch gekehrt wurde, wie Anetta Kahane behauptet hat. Leon Kahane war an einer Ausstellung über jüdisches Leben in der DDR beteiligt. Er weiß, dass es über 1000 Bücher zum jüdischen Leben, zum Holocaust und zum Widerstand gab, dass es über 1000 Filme gab (zu den Details siehe Der Ossi und der Holocaust). Ausschnitte aus den Filmen konnte man in der Ausstellung sehen.
Übersicht der Filmsequenzen, die in der Ausstellung „Ein anderes Land – Jüdisch in der DDR“ gezeigt wurden, Jüdisches Museum, Berlin, 19.11.2023
Es gab dort auch ein Regal mit Büchern.
Bücher in der Ausstellung „Ein anderes Land – Jüdisch in der DDR“, Jüdisches Museum, Berlin, 19.11.2023
Ich habe über die Ausstellung in Ausstellung: „Ein anderes Land. Jüdisch in der DDR.“ geschrieben. All die Aufarbeitung und Auseinandersetzung und das Gedenken wird ignoriert und abgetan, indem man behauptet, die Kommunist*innen hätten sich nur selbst gefeiert.
Das Interview mit Leon Kahane ist in einer Interviewreihe der Zeitschrift Monopol erschienen, zu der auf der Seite steht:
Es ist Teil der Reihe „Osten vom Westen“, für die Kage als in Westdeutschland Aufgewachsener Gespräche mit Kulturschaffenden führt, die ihre Karrieren noch in der DDR begonnen haben.
Diese Aussage ist lustig, denn Kahane war zum Fall der Mauer 4 Jahre alt. Er wird damals noch im Buddelkasten Sandförmchen gebastelt haben. Aber vielleicht waren die von besonderem künstlerischen Wert. Kahane ist also in derselben Generation wie Anne Rabe und die Aussagen auch von ähnlicher Qualität. Ich gehe einfach mal einige Statements durch.
USA und Israel Faschisten?
In der DDR hatte man den Faschismus in Gänze überwunden. Die neuen Faschisten verortete man in Israel und in Amerika und hat so relativ nahtlos an zentrale ideologische Elemente des Nationalsozialismus anknüpfen können und sie insofern auch nicht aufarbeiten müssen.
Also die USA waren ganz klar der Klassenfeind. Sie waren Kapitalisten und Imperialisten. Das wurde uns so vermittelt (meine Schulzeit dauerte von 1974–1986, auch während der Armeezeit gab es Politunterricht). Faschismus war etwas anderes, jedenfalls habe ich nie von solch einer Gleichsetzung gehört.5 Die Sache mit Israel ist komplex. Die Sowjetunion hat Israel nach der Staatsgründung sofort anerkannt.6 Es gab in Israel linke Traditionen und Bewegungen (Kibbuzim), weshalb die Hoffnung bestand, dass sich Israel dem Ost-Block anschließen würde. Ab der Stellungnahme Ben-Gurions zum Koreakrieg (1950–1953) war klar, dass Israel auf U.S.-Seite stand und die Blocklogik ergab dann, dass Israel auch Klassenfeind war. Das hat erst mal nichts mit Antisemitismus zu tun, auch wenn das gern in einen Topf geworfen wird.7 Ein lustiges Gedankenexperiment ist es, sich auszumalen, was passiert wäre, wenn Israel sich dem Ostblock angeschlossen hätte. Würde man dann alle, die das kritisieren, als Antisemiten bezeichnen? Oder nicht? Wenn nicht, warum nicht?
Die Lager, die auf dem Gebiet der späteren DDR waren, haben eine Universalisierungs-Erzählung, die den Fokus ganz stark auf die kommunistischen Widerständler legt, auf die Selbstbefreiung und so weiter. Die Juden hatten dort, über die ganze DDR hinweg, eigentlich keinen Raum. Und das ist etwas, was gerade wieder Konjunktur hat.
Diese Aussage ist falsch. Die Morde an den Juden kamen im Film vor, der in Buchenwald allen Besucher*innen gezeigt wurde. Siehe dazu den Wikipedia-Eintrag zum Film O Buchenwald bzw. den Blog-Post Der Ossi und der Holocaust. Während viele Westdeutsche noch nie ein KZ gesehen haben, war der Besuch eines KZs in der DDR für Schüler*innen Pflicht. Der Buchenwald-Film wurde den Besucher*innen der Gedenkstätte gezeigt. Er ist noch heute gelegentlich bei kommentierten Vorführungen zu sehen. Unabhängig davon, ob die Morde an Juden in den Gedenkstätten vorkamen, gibt es eine überwältigende Anzahl von Dokumenten und Ehrungen, die zeigen, dass sie im Alltag der DDR immer wieder thematisiert wurden. Ich verweise wieder auf Der Ossi und der Holocaust zum Geschichts- und Literaturunterricht, zu Straßennamen, zu Plastiken im öffentlichen Raum, Briefmarken, Büchern, Filmen usw.
Zeuge mag das völlig zerlesene Exemplar von Nackt unter Wölfen sein, das ich 2025 fotografiert habe.
Nackt unter Wölfen von Bruno Apitz, Ausgabe 1958, Privatbesitz in Ferienquartier, fotografiert 2025
Die vorliegende Ausgabe ist von 1958 und es waren damals bereits 330.000 Exemplare verkauft.
Nackt unter Wölfen von Bruno Apitz, Impressum Auflage 330.–369. Tausend
Zu den relevanten Textstellen siehe Literaturunterricht. Nackt unter Wölfen erschien in 30 Sprachen und erreichte eine Gesamtauflage von mehr als zwei Millionen. Ebenfalls beim Literaturunterricht findet man eine Ballade von Johannes R. Becher: Die Kinderschuhe aus Lublin (youtube). Becher war Kulturminister in der DDR, er war Kommunist, kein Jude und hat die Ermordung jüdischer Kinder trotzdem zu seinem Thema gemacht. Die Ballade wurde in der DDR im Literaturunterricht behandelt. Es gab einheitliche Lehrpläne für das ganze Land. Leon Kahane kann das im Gegensatz zu Anetta Kahane nicht aus eigener Erfahrung wissen, aber wenn er solche Thesen vertritt, hat er die Pflicht sich mit dem Thema zu beschäftigen.
Der Wiederaufbau der Neuen Synagoge
Der Interviewer Jan Kage behauptet in einer Frage über die Zeit nach der Wende:
Und gleichzeitig gab es ein neues jüdisches Leben, auch eine jüdische Immigration, darunter viele, die aus Osteuropa hier nach Berlin kamen. Die Synagoge wurde wieder in alter Pracht aufgebaut. Es gab einen Aufbruch.
Was dabei unerwähnt bleibt, ist, dass die Grundsteinlegung für den Wiederaufbau der Synagoge am 10. November 1988 stattfand. Einen Tag nach dem 50. Jahrestag der Reichspogromnacht. Ein Jahr vor dem Fall der Mauer. Kahane war da drei Jahre alt. Laut Zeitzeugen waren Keramikwerkstätten der DDR mit der Anfertigung von Ziegeln für die Synagoge in der entsprechend benötigten Form beschäftigt. Unter anderem die Werkstatt von Hedwig Bollhagen und die Keramikwerkstadt der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle.
Bild mit Erich Honecker. Bildbeschriftung: „Symbolische Grundsteinlegung für den Wiederaufbau der Neuen Synagoge, Berlin, 1988“, „Zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome begann 1988 der Wiederaufbau der Synagoge in der Oranienburger Straße mit der symbolischen Grundsteinlegung. Die SED-Führung verfolgte damit außenpolitische und ökonomische Interessen: Sie wollte durch eine veränderte Erinnerungspolitik die Beziehungen zu den USA verbessern. Doch sie reagierte auch auf ein verändertes Bewusstsein in der Bevölkerung. In dieser Zeit wurden Ausstellungsprojekte und Publikationen zur Erinnerung an die Verbrechen in der NS-Zeit zu jüdischen Themen realisiert. Mahnmale und Gedenktafeln wurden errichtet, FDJ-Mitglieder pflegten jüdische Friedhöfe.“ „Mit Dankbarkeit möchte ich gegenüber dem Staatsratsvorsitzenden und dem Hohen Haus erklären, dass die Entscheidung über den Wiederaufbau der „Neuen Synagoge“ in der Hauptstadt Berlin im Verband der Jüdischen Gemeinden in der DDR und unter allen Bürgern jüdischen Glaubens mit großer Freude aufgenommen wurde. Viele ausländische Glaubensgenossen haben uns dazu beglückwünscht und verstehen diese Entscheidung als Zeugnis für lebendiges jüdisches Gemeindeleben in der DDR. Siegmund Rothstein (1925–2020), Gedenkrede auf der Sondersitzung der Volkskammer der DDR zum bevorstehenden Jahrestag am 9. Novemebr 1988“, Ausstellung „Ein anderes Land – Jüdisch in der DDR“, Jüdisches Museum, Berlin, 19.11.2023
Wahlerfolge der AfD und Transformationserfahrungen im Osten
Kahane sagt zu den Wahlerfolgen der AfD in den neuen Bundesländern:
Warum wird in den sogenannten „neuen Bundesländern“ so viel AfD gewählt? Meines Erachtens hat das mehr mit der versäumten Aufarbeitung zu tun als mit der Transformationserfahrung der Wende.
Ja, lieber Leon Kahane. Das ist Deine Geschichte und auch die von Anne Rabe. Und die von Ines Geipel und von Deiner Tante. Sie wird von West-Medien gerne gedruckt, weil sie so schön entlastend ist. Denn, wenn es die Transformationserfahrungen wären, dann wäre der Westen mitschuldig. Wäre es aber eine mangelnde Aufarbeitung oder, wie bei Anne Rabe behauptet, irgendwelche Gewalterfahrungen oder bei Pfeiffer das gemeinsame Sitzen auf dem Töpfchen im Kindergarten (Decker, 1999), dann könnte man die Ossis irgendwie pathologisieren, als anders abtun und das Problem externalisieren. Man braucht dann noch ein bisschen Hufeisentheorie dazu, damit man erklären kann, warum so viele Ossis erst Die Linke gewählt haben und nun AfD wählen. Das macht leider aber keinen Sinn, weil Bodo Ramelow ein lieber Sozialdemokrat ist (Thüringen hatte einen Ministerpräsidenten von Der Linken) und seine Ansichten absolut inkompatibel mit denen des hessischen Nazis Björn Höcke sind.
Nazi punks fuck off!
Leon Kahane schreibt:
In der DDR gab es einen Widerstand gegen den von oben angeordneten Antifaschismus, der sich in einer symbolischen Hinwendung zum Rechtsradikalismus ausdrückt. Zum Beispiel Punks, die Landser gehört haben.
Leon Kahane
Ja, lieber Leon, als sich Landser gegründet haben, warst Du sechs Jahre alt. Das war nämlich 1991. Aber sie waren erst 1992 dann unter dem Namen Landser unterwegs. Also drei Jahre nach der Wende und zwei Jahre nach DDR. Kann schon mal passieren. Bei diesen ganzen Szenen und Bands kennt sich ja keiner aus. Aber eins stimmt: Es gab ganz sicher einen oder anderthalb Punks die rechtsextreme Musik gehört haben. Ich hatte selber eine Kassette mit Titeln wie „Töte deinen Nachbarn“ und „Mein goldener Schlagring“ in der Hand.8 War nicht so meins. Ansonsten: Die Punks haben von den Skinheads aufs Maul bekommen. Die Punks waren links. 1987 gab es den Überfall von Naziskins aus Ost und West auf ein Konzert der Punk-Band Die Firma in der Zionskirche. Es gab eine Antifa, die sich als Selbstverteidigungsgruppe gegen die Naziskins gebildet hatte. Es gab 1983 den Versuch einer Kranzniederlegung durch Ost-Berliner Punks im KZ Sachsenhausen. Das wurde von der Stasi vereitelt. Die Punks nahmen den Kranz wieder mit und legten ihn an der Mahnwache für die Opfer des Faschismus Unter den Linden ab. Die antifaschistische, pazifistische Band Die Firma hatte einen Song mit der Zeile: „Wir müssen weg von der Mitte! Wo ist der Weg von der Mitte?“ und es gab einen Song „Der Faschist“. Gefahrenzone hatte das Lied Glasnost, in dem sie sich auf Russisch an Michael Gorbatschow wandten. Die ganze Punk-Musik-Szene ist recht gut in Lutz Schramms Paroktimumswiki beschrieben. Lutz Schramm hat von den Bands Tapes bekommen und hat auch Bands wie Gefahrenzone im DDR-Radio gespielt, gegen die in den 80ern Zersetzungsmaßnahmen der Stasi liefen. Auf tape attack kann man die in der DDR produzierten Kassetten runterladen. Zum Beispiel Papierkrieg: Noch nie hat eine Diktator seine Volksabstimmung verloren. Politisch. Antifaschistisch. Links. Der Song Der Schoß ist fruchtbar noch enthält die Zeile „Lasst nicht zu, dass sechs Millionen umsonst gestorben sind.“.
Es gab verschiedene Teilszenen. Zum Einen gab es die Punks die innerhalb der Kirche Rückzugsräume fanden, weil der Staat Kirchengelände respektiert hat. Auf Kirchengelände konnten Punk-Gruppen proben und es gab Festivals wie das Erlösafestival in der Erlöserkirche. Die Punks arbeiteten in der Kirche von Unten zusammen. Undenkbar, dass die Pfarrer Nazis gefördert hätten. Staatsfeindliche Lieder waren aber bei Konzerten auf Kirchengelände durchaus zu hören („Deshalb erheb’ ich meine Hand gegen mein Vaterland.“). Die Stasi stand draußen drum rum und hörte interessiert zu. In den Bands waren IMs. Gegen Ende der DDR gab es eine Liberalisierung und Punk-Bands bekamen einen Einstufung (Spielerlaubnis, man konnte nicht einfach irgendwie Musik machen). Das waren die so genannten anderen Bands. Von denen waren viele auch staatskritisch und verloren auch temporär oder für immer ihre Auftrittsgenehmigung (Freygang, Herbst in Peking). Herbst in Peking widmeten einen Song Leo Trotzki („dem Mann, den wir wählen würden, wenn wir wählen könnten“).
Nach der Wende kandidierten Anarchisten aus dem Umfeld von Freygang, Firma, Ich Funktion und auch Feeling B als Autonome Aktion Wydoks für die Volkskammer. Nix Nazis.
Zur Musik, die wir hörten, gehörten die Dead Kennedys und deren Lied: Nazi punks fuck off. Das wurde von Lutz Schramm auch im DDR-Jugendradio DT64 gespielt.
Ein bisschen was ist aber dran, an Deiner Antwort. Der „Gau-Leiter“ von Berlin war der Sohn eines Parteikaders. So sagte man. Das war die maximale Rebellion.
Listen von Juden? Um Gottes Willen!
Kage fragt:
In der jüdischen Community der DDR waren viele Kommunisten und Sozialisten. Sie waren also säkular. Zur kognitiven Dissonanz gibt es eine Anekdote von Gregor Gysi, dessen Vater Klaus ein paar Jahre Kulturminister der DDR war, und der auch aus einer jüdischen Familie stammt. Als Ägypten und Syrien 1973 Israel überfielen, der Jom-Kippur-Krieg, gab es ein Statement der SED, in dem die israelische Aggression verurteilt wurde. Dieses sollten alle jüdischen Personen des öffentlichen Lebens in der DDR unterschreiben. Und der Sohn fragte den Vater, der die Shoah überlebt hatte und der von diesem Staat überzeugt war, woher die denn wüssten, dass sie jüdisch sind. “Haben die Listen?” Wie war das jüdische Leben in der DDR organisiert?
Ich weiß nicht, warum Gysi die Geschichte erzählt, aber die Antwort war ganz klar: Ja, es gab Listen, denn die Menschen, die KZs oder sonst wie Verfolgung durch die Nazis überlebt hatten, waren als Verfolgte des Naziregimes registriert (auch mein Großonkel) und bekamen eine höhere Rente, konnten früher in Rente gehen und so weiter.
Dies gilt im Prinzip auch für die von der Deutschen Wirtschaftskommission (DWK) am 5. Oktober 1949, d.h. zwei Tage vor der Gründung der DDR, erlassenen »Anordnung zur Sicherung der rechtlichen Stellung der anerkannten Verfolgten des Naziregimes«, die künftig den Eckpfeiler der Wiedergutmachung in der DDR bildete: Sie gewährte anerkannten Opfern des Faschismus Alters- und Arbeitsunfähigkeitsrenten, besondere Berücksichtigung bei der Wohn- und Gewerberaumvergabe, ausreichende Versorgung mit Hausrat, umfassende Leistungen zur gesundheitlichen Rehabilitierung sowie besondere Studienbeihilfen für ihre Kinder. Im Februar 1950 erlassene Richtlinien regelten den Kreis der Berechtigten. In der detaillierten Auflistung standen zwar die politisch Verfolgten, insbesondere diejenigen, die aktiv gegen das NS-Regime gekämpft hatten, an der Spitze, doch waren die an zwölfter Stelle genannten rassisch Verfolgten dabei materiell-rechtlich nicht diskriminiert. Allerdings waren die Ansprüche auf solche anerkannten Opfer des Faschismus beschränkt, die auf dem Territorium der SBZ/DDR lebten – 1949 sollen es etwa 50 000 gewesen sein.
Goschler, Constantin. 1993. Paternalismus und Verweigerung — Die DDR und die Wiedergutmachung für jüdische Verfolgte des Nationalsozialismus. In Benz, Wolfgang (ed.), Jahrbuch für Antisemitismusforschung, vol. 2. Frankfurt/Main: Campus-Verlag.
Aber unabhängig davon hatte der Staat Listen über alles Mögliche. Die DDR war ein Überwachungsstaat mit einem enorm aufgeblähten Geheimdienst und Netz von inoffiziellen Mitarbeitern (ehm, hüstl, vielleicht auch IM Gregor und ganz sicher IM Victoria, SCNR).
Letztendlich waren die Personen, die zu Stellungnahmen gedrängt wurden, Personen des öffentlichen Lebens, die sich untereinander gekannt haben dürften und die sicher voneinander wussten, warum sie im KZ gewesen waren oder wo sie in der Emigration gewesen waren.
Die Erklärung, die jüdische Bürger der DDR zu einem Krieg in der Region abgegeben haben, bezog sich auf den Sechstagekrieg. Ich habe sie in der Ausstellung fotografiert, an der auch Leon Kahane beteiligt war (siehe unten). Der Sechstagekrieg fand 1967 statt. Der Jom-Kippur-Krieg dann 1973. Jan Kage sagt richtig über den Jom-Kippur-Krieg, dass Ägypten und Syrien Israel angegriffen haben. Aber um diesen Krieg ging es überhaupt nicht, sondern eben um den Sechstagekrieg von 1967. Ägypten war mit 1000 Panzern und 100.000 Soldaten an den israelischen Grenzen aufmarschiert. Israel hatte dann in einem Präventivschlag die ägyptische Luftwaffe am Boden zerstört und danach, da die Gegner ohne Absicherung aus der Luft waren, große Gebiete eingenommen. Darunter die Golanhöhen, den Gaza-Streifen, die Sinai-Halbinsel, das West-Jordanland und das politisch und religiös wichtige Ostjerusalem. Die folgende Karte gibt einen Überblick über die eroberten Gebiete:
Gebietsgewinne Israels im Sechstagekrieg. Quelle: Wikipedia Hoheit CC-BY-SA
Die Frage von Jan Kage war falsch gestellt. Sie enthält mehrere Fehler. Leon Kahane hätte das auffallen müssen und er hätte den Interviewer auf den Fehler hinweisen müssen. Der hätte das leicht korrigieren können, ohne dass wir es gemerkt hätten, denn es war ja kein Fernsehinterview. Die Frage macht historisch betrachtet überhaupt keinen Sinn: Warum sollte die SED Jüd*innen zu einem Brief anregen, wenn andere Länder Israel überfallen? Beim Sechstagekrieg war die Lage dagegen anders: Israel hatte einen Präventivschlag geführt und im Ergebnis des Krieges große Gebiete neu besetzt. Ein Land, das zum anderen Block gehörte. Das konnte man schon mal verurteilen. So funktionierte das Blockdenken damals.
Es bleibt leider nur der Schluss, dass weder Interviewer noch Interviewter sich mit der zugegebenermaßen komplexen Materie auskennen.
Mythos Antifaschismus?
Leon Kahane antwortet:
Was ich zu diesem „Sich-Verhalten“ sagen kann: Es gab tatsächlich eine Unterschriftenliste, ein Statement jüdischer Bürger der DDR, das viele Künstler, Journalisten und Schriftsteller verweigert haben zu unterschreiben. Einer davon war mein Großvater. Dieses Statement war in seiner ganzen Sprache hochgradig antisemitisch. Auch, dass man das im Namen der jüdischen Bürger verfasst hat, erinnert mich an einige offene Briefe der Gegenwart. Das Verständnis des Judentums war in der DDR extrem verkümmert. Auf der anderen Seite waren Biografien wie die meiner Großeltern unheimlich wichtig für den Mythos der DDR als antifaschistischem Staat. Und somit auch, um nicht über das Verhältnis zur NS-Nachfolgegesellschaft nachdenken zu müssen. Dieser Missbrauch hat sicherlich auch für Privilegien gesorgt. Aber diese Privilegien waren vergiftet und hatten einen Preis. Man kann sich vielleicht vorstellen, wie prekär das jüdische Leben war und wie sehr es an eine politische Botschaft der DDR gebunden war. Sowas kann immer sehr schnell kippen.
Leon Kahane
Also: Leon Kahane war der Meinung, dass in der DDR von den USA als faschistischem Staat gesprochen wurde. Andererseits spricht er vom „Mythos der DDR als antifaschistischem Staat“. Das heißt, er ist der Meinung, dass die DDR nicht antifaschistisch war. Was denn dann? Ich bin verwirrt. Ich bin mein ganzes Leben antifaschistisch erzogen worden. Alle Kinder der DDR waren in KZs. Ich war acht Mal in Buchenwald (bei den Weimartage der FDJ, bei einer Klassenfahrt), ich war in Auschwitz (im Rahmen eines Schulaustauschs mit einer Partnerschule in Polen), ich war in Sachsenhausen (im Rahmen der Jugendstunden meiner POS). Straßen, Schulen waren nach Antifaschist*innen benannt, wir hatten antifaschistischen Stoff in Musik, in Geschichte, in Literatur (z.B. haben wir Nackt unter Wölfen gelesen. Ein Buch über Buchenwald, in dem auch der Mord an den Juden thematisiert wurde und Die Frühlingssonate, eine Erzählung, in der es um die Morde von SS und Wehrmacht an den Kiewer Juden in Babyn Jar ging (33.000 Menschen in 48 Stunden). Zu den Details siehe Der Ossi und der Holocaust). Nur ein Mythos? In Wirklichkeit waren doch alle Faschisten? Wohl kaum. Die Herrschenden (Nicht-Juden und im Gegensatz zum Westen auch Juden) hatten auch im KZ gesessen oder waren gerade noch rechtzeitig Richtung Osten oder Westen geflohen. Man kann bzw. muss die Kommunisten schrecklich finden, den Überwachungsstaat, die Zersetzungsmaßnahmen gegen die Opposition usw. aber man kann nicht behaupten, dass sie keine Antifaschisten gewesen seien. Die Behauptung, dass es in der DDR keine Nazis gab, kann man wohl ins Reich der Mythen verbannen. Es gab sogar neue und oft waren es Bonzenkinder, die die extremste Form der Abgrenzung von ihren Eltern wählten. In der DDR gab es auch eine Antifa, die nicht staatlich war (Ich habe am 4.11.89 im Antifa-Block demonstriert.). Auch Antisemitismus gab es in der DDR. Nachwendeumfragen ergaben aber einen viel, viel geringeren Grad an Antisemitismus als im Westen (Emnid-Umfrage von 1991: 4% vs. 16%, siehe Dahn, 1997). Die Behauptung, dass die DDR nazifrei gewesen sei, wäre nicht richtig, aber ein antifaschistischer Staat war sie sehr wohl.
Prekäres jüdisches Leben?
Kahane schreibt: „Aber diese Privilegien waren vergiftet und hatten einen Preis. Man kann sich vielleicht vorstellen, wie prekär das jüdische Leben war und wie sehr es an eine politische Botschaft der DDR gebunden war.“ Nein. Ich kann mir nicht vorstellen, wie prekär das jüdische Leben war. Ich habe extra noch einmal nachgesehen, was prekär bedeutet: prekär in Wikipedia. Juden waren in der DDR als Verfolgte des Naziregimes (zu Recht) privilegiert. Wie auch die Kahanes: Max Kahane, von 1965–1968 Chefkommentator der Parteizeitung Neues Deutschland, Doris Kahane, Staatskünstlerin mit Aufträgen in Indien. Die Kahanes waren 100%ig von der Sache der DDR überzeugt und genossen auch schon dadurch weitere Privilegien (Reisefreiheit zum Beispiel, auch Anetta Kahane war zu DDR-Zeiten in den Westafrika und Mosambik.). In Der Ossi und der Holocaust liste ich andere jüdische Menschen aus Wissenschaft, Kultur und Politik auf, die in der DDR angesehen waren und das gesellschaftliche Leben prägten. Das schreibt Goschler (1993) zur materiellen Absicherung der Opfer des Faschismus:
Dort gelangte nun die alte Trennung von »Kämpfern« und »Opfern« wieder zu neuen Ehren und wurde nun auch mit materiellen Konsequenzen gewürdigt: Kämpfer, die das um fünf Jahre herabgesetzte Pensionsalter erreicht hatten oder invalide waren, sollten eine Ehrenpension in Höhe von monatlich 800 Mark erhalten, für Opfer waren demgegenüber lediglich 600 Mark vorgesehen. Sofern Juden also nicht Träger der »Medaille für Kämpfer gegen den Faschismus 1933–1945« waren, mußten sie sich mit dem minderen Status und entsprechender Pensionsberechtigung des Opfers begnügen. Mau muß dabei allerdings hervorheben, daß die Höhe der Ehrenpensionen gemessen an DDR-Normalrenten exorbitant hoch war; bis 1989 waren die Ehrenpensionen auf 1800 Mark für »Kämpfer« bzw. 1600 Mark für »Opfer« angestiegen.
Goschler, Constantin. 1993. Paternalismus und Verweigerung — Die DDR und die Wiedergutmachung für jüdische Verfolgte des Nationalsozialismus. In Benz, Wolfgang (ed.), Jahrbuch für Antisemitismusforschung, vol. 2. Frankfurt/Main: Campus-Verlag.
Diese Ehrenpension gab es zusätzlich zu der normalen Rente aus er Sozialversicherung. Nur zum Vergleich: 1989 betrug das Stipendium 200 Mark. Man konnte davon bequem leben, denn Grundnahrungsmittel waren sehr billig. Miete kostete 30 Mark. Es wurde den Bezieher*innen dieser Renten nahegelegt, diese nicht in Bankfilialen abzuholen, um keinen Neid zu erregen.
Sicher, wenn man sich zum Staatsfeind entwickelte, dann bekam man Probleme. Da gab es aber keine Unterschiede zwischen Juden und Nicht-Juden. Die Zersetzungsmaßnahmen der Stasi waren für alle gleichermaßen unschön. Ansonsten war es auch nicht schlimm, wenn man die Ehrenpension nicht bekam, denn in der DDR konnte man auch von normalen Einkommen und Renten leben. Und wegen des möglichen Entzugs von Privilegien rumzujammern, finde ich schon etwas … nun ja schräg.
Übrigens stand neben dem Statement in der Ausstellung, dass viele Jüd*innen es nicht unterschrieben haben. Darunter Peter Edel, Stefan Heym, Lin Jaldati und Arnold Zweig. Wie Leon Kahane anmerkt, hat wohl Max Kahane auch nicht unterschrieben. Max Kahane hat noch 1970 den Vaterländischen Verdienstorden in Gold bekommen und 1974 eine Spange dazu. Auch Peter Edel und Lin Jaldati wurden noch nach 1967 mit hohen Auszeichnungen geehrt. Wenn man im Osten in Ungnade gefallen war, bekam man keine Orden mehr. Zu Max Kahanes Nicht-Unterschrift gibt es unten noch weitere Gedanken.
Die Erklärung jüdischer DDR-Bürger*innen zum Sechstagekrieg
Das ist die Erklärung der jüdischen DDR-Bürger. Ich habe sie in maximaler Auflösung hochgeladen. Wenn man das Bild anklickt, kann man den Text lesen.
Erklärung jüdischer Bürger*innen aus der DDR zu Israels Agieren im Sechstagekrieg vom 09.06.1967 im Zentralorgan der SED Neues Deutschland
Kahane sagt: „Dieses Statement war in seiner ganzen Sprache hochgradig antisemitisch.“ Die geneigte Leserin möge das Statement selbst lesen. Es befindet sich in Gänze im Anhang. Zu Beginn steht: „Als Bürger der Deutschen Demokratischen Republik jüdischer Herkunft erheben wir unsere Stimme, um feierlich die Aggression zu verurteilen, der sich die herrschenden Kreise Israels gegen die arabischen Nachbarstaaten schuldig gemacht haben.“ Das Statement bezieht sich auf die Regierung, nicht auf die Israelis oder Jüd*innen an sich. Es stellt auch nicht das Existenzrecht Israels in Frage. Es wird lediglich darauf hingewiesen, dass die Staatsgründung nicht nach dem vorgesehenen UN-Plan erfolgte. Die Behauptung zur Gründung Israels ist nicht korrekt. Israel hatte sich selbst gegründet. Die Palästinenser und die umgebenden Staaten (Ägypten, Syrien, Jordanien und Irak) griffen Israel an. Das Ergebnis des Palästinakrieges war aber, dass Gebiete, die den Palästinensern zugedacht waren, dann 1949 israelisch besetzt waren. Ansonsten geht es in der Erklärung um die Gebietsbesetzung 1967, die im vorigen Abschnitt beschrieben wurden.9 Zum Schluss der Erklärung wird darauf hingewiesen, wie dieser Konflikt beendet werden kann: „Frieden im Vorderen Orient wird es nur geben, wenn die Regierung Israels ihre imperialistische Politik aufgibt und endlich zu einer Politik der guten Nachbarschaft und der Achtung der Interessen der arabischen Völker findet.“. Es geht also ganz klar um gute Nachbarschaft. Das Existenzrecht Israels wird nirgends in Frage gestellt. Die 1967 besetzten Gebiete habe ich oben verlinkt. Die geneigte Leser*in möge den Links folgen und die in Wikipedia aufgelisteten UN-Resolutionen und völkerrechtlichen Einschätzungen zur Kenntnis nehmen. Erst 2024 stellte der Internationale Gerichtshof wieder fest, dass das Westjordanland unrechtmäßig besetzt ist (tagesschau, 19.07.2024).
Also: Diese Erklärung richtete sich gegen die Politik der israelischen Regierung und ist auch nach der Definition der IHRA, die ich im Folgenden diskutiere, nicht antisemitisch.
Antisemitismus nach der Definition der IHRA
Im weiteren Verlauf des Interviews wiederholt Jan Kage den falschen Bezug auf den Jom-Kippur-Krieg und behauptet ebenfalls, das Statement dazu sei antisemitisch gewesen:
Von hier bis zu der Debatte nach dem Jom-Kippur-Krieg in der DDR: Immer wieder kommen diese antisemitischen Klischees hoch.
Jan Kage
Diese Sache ist schwierig, aber wenn man sich gegen Kriege äußert, ist das noch lange nicht antisemitisch. Es kann antisemitisch sein, auch können an sich nicht antisemitische Äußerungen aus einer antisemitischen Motivation heraus getätigt werden, aber Statements gegen einen Krieg sind nicht automatisch antisemitisch. Man kann sich das anhand der aktuellen Entwicklungen in Gaza klarmachen. Es ist absolut legitim, gegen diesen Krieg zu sein. Ich habe Freunde in Israel, die jede Woche gegen die Netanjahu-Regierung protestieren.
Nurit auf dem Workshop on large-scale grammar development and grammar engineering, Open University Haifa, Zikhron Ya’akov, 24.06.2015
Nurit hat ihre Nichte beim Massaker der Hamas verloren. Sie war 17 und hat in der Wüste getanzt. Dennoch ist Nurit und ihre Familie gegen den Krieg (Times of Israel, 20.03.2024) und sie demonstrierte schon vor dem 7. Oktober 2023 jede Woche gegen die rechtsextreme israelische Regierung. Ist sie antisemitisch? Bin ich antisemitisch, wenn ich denke wie sie? Wohl kaum.
„Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden, die sich als Hass gegenüber Jüdinnen und Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.“
Um die IHRA bei ihrer Arbeit zu leiten, können die folgenden Beispiele zur Veranschaulichung dienen:
Erscheinungsformen von Antisemitismus können sich auch gegen den Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, richten. Allerdings kann Kritik an Israel, die mit der an anderen Ländern vergleichbar ist, nicht als antisemitisch betrachtet werden. Antisemitismus umfasst oft die Anschuldigung, die Juden betrieben eine gegen die Menschheit gerichtete Verschwörung und seien dafür verantwortlich, dass „die Dinge nicht richtig laufen“. Der Antisemitismus manifestiert sich in Wort, Schrift und Bild sowie in anderen Handlungsformen, er benutzt unheilvolle Stereotype und unterstellt negative Charakterzüge.
Das ist eine sinnvolle Definition mit einer sinnvollen Erklärung. Es ist nicht so, wie oft behauptet wird, dass diese Definition Kritik an Israel unmöglich machen würde. Jede Kritik an Israel würde aber sofort antisemitisch werden, wenn man behaupten würde, dass Israel Gaza nur deshalb plattgemacht hat, weil die Menschen in Israel Juden sind.
Also nochmal: Die DDR war gegen Israel, weil Israel Teil des kapitalistischen Blocks war. Das steht auch sehr klar in diesem Brief.
Nurit hat mir übrigens davon erzählt, wie für den Krieg gegen die Menschen im Gaza-Streifen argumentiert wird. Es wird behauptet, in Gaza gäbe es keine Unschuldigen. Schließlich hätten die Menschen in Gaza ja die Hamas gewählt. Eine solche Argumentation ist rassistisch und rechtsextrem, denn: Die letzten Wahlen waren 2006. Wer weiß, was Menschen heute denken? Wer weiß, was sie über den aktuellen Konflikt denken? Und was ist mit Kindern? Und unabhängig davon: Muss man die Menschen dann erschießen? Interessant wird es, wenn man dieselbe Logik auf Israel anwendet, denn das würde bedeuten, dass es in Israel keine Unschuldigen gibt und man die Israelis alle erschießen könnte, denn eine Mehrheit von ihnen hat ja Netanjahu gewählt bzw. eine der Koalitionsparteien. Oder sind all diejenigen, die aktiv gegen den Krieg sind oder ihn auch nur passiv ablehnen ausgenommen? Und was ist mit den Deutschen? Was ist mit meinem Großonkel? Ist er schuld? Der Mann aus dem anderen Teil der Familie, der einem Juden ein Bahnticket gekauft hat und zur Flucht über Wladiwostok, Japan in die USA verholfen hat? Was ist mit uns, den Nachkommen? Bin ich raus, weil mein Großonkel im KZ saß? Das wäre merkwürdig, denn für meinen Großonkel kann ich nichts. Man kommt da in sehr schwierige Bereiche. Die Alliierten haben nach dem Krieg die Vorstellung von Kollektivschuld sehr schnell aufgegeben. Es ist nicht gerechtfertigt, ein anderes Volk so zu behandeln, wie es Israel derzeit tut. Durch nichts.
Nurit hat ihre Nichte verloren. Ein junges Mädchen, das getanzt hat. Bis früh um 7:00, bis die Terroristen kamen. Bei der Aushandlung des Waffenstillstands gab es drei Haltungen von Menschen aus Opferfamilien. Manche Eltern (wenige) waren der Meinung, ihre Kinder sollten auf keinen Fall ausgetauscht werden, denn auf diese Weise kämen nur Palästinenser frei, die weiter morden würden (Wartime Diaries, 2024). Eine zweite Gruppe war der Ansicht, dass nur solche Menschen ausgetauscht werden sollten, die nicht zu den Mördern vom 7.10.2023 gehörten. Eine dritte Gruppe war dafür, dass das keine Rolle spielen sollte. Nurit und ihre Familie gehörte zur dritten Gruppe. Ich bewundere sie dafür. Dieser Konflikt muss beendet werden. Der Hass muss ein Ende haben, die Spirale der Gewalt. Es geht nur, in dem beide Seiten sagen: Wir hören auf. Jetzt!
Die Ansichten von Max Kahane
Ein letzter Punkt noch hierzu: „das viele Künstler, Journalisten und Schriftsteller verweigert haben zu unterschreiben. Einer davon war mein Großvater.“ In einem Interview von Wera Herzberg, auf das ich weiter unten noch eingehen werde, berichtet diese von ihrer Mutter Ursula Herzberg, die Staatsanwältin in der DDR war, dass diese niemals etwas Kritisches gegenüber Israel gesagt oder unterschrieben hätte. Bei Max Kahane war das anders (Dank an Peer, der das rausgesucht hat):
Für Menschen ohne DDR-Verständnis: Für das Statement der jüdischen Bürger der DDR gab es vielleicht einen Druck zum Unterschreiben von offizieller Seite. Anders war das für das obige Dokument: Max Kahane war die offizielle Seite (aus erster Hand). Was gedruckt wurde, war abgewogen. Auch wenn der Artikel das suggeriert, wurden keine spontanen Antworten, die vielleicht Minuten später bereut wurden, dokumentiert. Die Presse war in der Hand des Staates. Die CDU war eine gleichgeschaltete Blockpartei (Ulbricht Mai, 1945: „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“, Leonhard, 1955). Was Max Kahane hat drucken lassen, war seine Meinung und die des Staates und der Tenor dieser kurzen Meldung ist der gleiche wie der des Briefes der jüdischen Bürger*innen: Israel ist ein imperialistischer Agressor. Antisemitisch? Hängt von der Definition und deren Anwendung ab. Siehe oben. Antiimperialistisch? Ganz sicher. Bei Professor Eisler handelte es sich wohl um Hanns Eisler, ebenfalls ein Jude.
Die Stellungnahme der jüdischen Bürger*innen erschien im Neuen Deutschland. Propagandistisch hätte es überhaupt keinen Sinn ergeben, wenn der Chefkommentator des Neuen Deutschlands einen Brief von unabhängigen jüdischen Bürger*innen mit unterzeichnet hätte. Es war klar, dass das, was im Neuen Deutschland erscheint, die offizielle Meinung der SED-Staatsführung war und somit identisch mit der des Chefkommentators. Solche Briefe und Stellungnahmen waren dazu da, der restlichen Bevölkerung zu zeigen, was Intellektuelle und Künstler*innen von einer bestimmten Sache halten. Also: Leon Kahane kann sich nichts darauf einbilden, dass sein Großvater das aus Leon Kahanes Sicht antisemitische Statement nicht unterschrieben hat. Vielleicht war das Statement ja doch nicht antisemitisch?
Nazis auf den mittleren Ebenen?
Jan Kage fragt:
Auch in der DDR hat man nach 1945 weder Richter noch Staatsanwälte oder Lehrer – diesen ganzen Mittelbau aus Beamten – ausgetauscht. Das ging nicht, weil man nicht schnell genug nachausbilden konnte. Stattdessen tauschte man die Führungsebene aus. Und von hier konnte man dann gut vom Osten auf den Westen zeigen. Wir sind die Guten und da drüben bei Adenauer sitzen die Faschisten. Und in Österreich auch. Waren die jüdischen Leute in der DDR Kronzeugen für diese eigene antifaschistische Erzählung?
Leon Kahane widerspricht dem nicht, aber die Aussage ist einfach falsch. Es gab nach dem Krieg die sogenannten Neulehrer. Ich kenne persönlich einen Latein/Kunst-Lehrer, der Mitglied der NSDAP gewesen war und nach dem Krieg nicht arbeiten durfte. Das steht im Wikipedia-Eintrag zu den Neulehrern:
Wurden im ersten Schuljahr noch einige Lehrer mit nationalsozialistischer Vergangenheit geduldet, so wurden die Richtlinien für den Verbleib im Schuldienst schrittweise verschärft. In den westlichen Besatzungszonen konnten einige Lehrer mit zweifelhaftem Hintergrund nach sogenannten „Entbräunungskursen“ ab 1947 wieder in den Schuldienst eintreten, während in der sowjetischen Besatzungszone das Neulehrerprogramm so umfangreich gestaltet wurde, dass große Teile der bisherigen Lehrerschaft von den rund 40.000 Neulehrern ersetzt wurden. Obschon die alte Lehrerschaft die Qualität einer höchstens einjährigen Umschulung anzweifelte, war aufgrund des zumeist akademischen Hintergrundes der Neulehrer das Ergebnis hinreichend gut und ermöglichte den sonst im Nachkriegsdeutschland aufgabenlosen Berufen eine feste Anstellung. Die große Mehrzahl der Neulehrer blieb auf Dauer im Schuldienst tätig.
Auch die Behauptung bezüglich der Juristen ist nicht richtig. Die Mutter von André Herzberg (Dem Sänger der Rockband Pankow, die auch in der Ausstellung vorkam) war Staatsanwältin in der DDR. Sie hatte nach dem Krieg und der Rückkehr aus dem Exil einen Crash-Kurs zur Juristin absolviert. Ihre Tochter Wera Herzberg hat über ihr Leben ein Theaterstück gemacht und schreibt dazu in der Berliner Zeitung:
In Leicester, wo sie lebte, hat sie meinen Vater kennengelernt und viele andere jüdische Emigranten aus Deutschland. Sie trat in die Kommunistische Partei ein und ging 1947 zurück nach Deutschland, nach Berlin-Steglitz, wo sie bei Freunden wohnen konnte. Und dann bekam sie die Chance, einen Kurzlehrgang im Fach Jura zu besuchen. Das war in Potsdam und damit verbunden war die Aufforderung, in den sowjetisch besetzten Teil Deutschlands zu ziehen.
[…]
Warum ist sie zurückgegangen?
Meine Mutter ist 1942 in die Kommunistische Partei eingetreten, und hatte tatsächlich einen Auftrag. Aber sie hat auch daran geglaubt, dass sie in diesem Deutschland etwas ändern kann. Und der erkennbare Antifaschismus im Ostteil war für sie etwas Gutes. Zudem tat sich dort für sie ein riesiges Berufsfeld auf, weil alle Nazi-Juristen entlassen wurden.
Hat Ihre Mutter später noch Jura studiert?
Sie sollte, aber sie hatte dann schon drei Kinder, hatte sich von meinem Vater scheiden lassen. Es war für sie nicht zu stemmen. Sie hat dann auf mittlerer Ebene als Staatsanwältin gearbeitet, war auch mal Jugendstaatsanwalt, aber eigentlich war ihr Gebiet die Wirtschaftskriminalität, auch Diebstähle und so etwas.
Peer hat mich auf Haferkamp & Wudtke (1997) hingewiesen. In dieser Fachveröffentlichung zur Richterausbildung in der DDR kann man Folgendes lesen:
Hinzu kamen die rigorosen Entnazifizierungspläne der Sowjets. In Befehl Nr. 49 der SMAD vom 4. September 1945 wurde angeordnet, daß „bei der Durchführung der Reorganisation des Gerichtswesens sämtliche frühere Mitglieder des NSDAP aus dem Apparat der Gerichte und der Staatsanwaltschaft zu entfernen sind, ebenso Personen, welche an der Strafpolitik unter dem Hitlerregime unmittelbar teilgenommen haben.“ Von den etwa 2400 im Mai 1945 im Justizdienst tätigen Richtern und Staatsanwälten hatten knapp 80 % das Parteibuch der NSDAP. Schon im Oktober 1945 führte eine erste Entlassungswelle in der SBZ zur Entfernung von 811 Richtern, das entsprach etwa 90 % der NS-belasteten Richter. Bis 1948 erhöhte sich diese Zahl auf 905, damit betrug die verbliebene Belastung in der Richterschaft im September 1948 4,8 %. Zu Erreichung des Mindestsolls für die Einrichtung einer funktionsfähigen Justiz fehlten Ende 1945 bereits etwa 40 % der Richter. Die örtlichen Kommandanten versuchten, die Lücke durch sog. „Richter im Soforteinsatz“ zu schließen. Regional unterschiedlich übernahmen juristisch halb- oder ungebildete Kommunisten und „bewährte Antifaschisten“ die Rechtsprechung. Ende 1945 waren etwa 25 % der Richter „im Soforteinsatz“.
Haferkamp, Hans-Peter & Wudtke, Torsten. 1997. Richterausbildung in der DDR. forum historiae iuris. Quellen für die Einzelaussagen siehe dort.
Die Behauptungen von Jan Kage sind also plain wrong und es ist eine Schande für Leon Kahane, dass er sie unwidersprochen stehen lässt.
Ehm, davon unabhängig bleibt der Rest von Kages Frage natürlich wahr: „Und von hier konnte man dann gut vom Osten auf den Westen zeigen. Wir sind die Guten und da drüben bei Adenauer sitzen die Faschisten.“ Die Führungsebene war ausgetauscht und die Faschisten saßen im Westen. Hans Globke zum Beispiel. Globke war Mitverfasser der Nürnberger Rassengesetze und rechte Hand Adenauers. Die Organisation Gehlen war der Vorläufer des BND und wurde von Nazis aufgebaut. Alles so Sachen, die man schlecht wegdiskutiert bekommt. Ich habe auch für KZ-Mannschaften oder Deutsche Christen, die die Bibel von jüdischen Einflüssen befreien wollten, Verbleibsstudien angestellt. Die Schwerverbrecher sind bis auf sehr wenige Ausnahmen alle in den Westen oder über die Rattenlinie (von der katholischen Kirche bzw. US-Geheimdiensten organisiert) nach Argentinien oder in die arabische Welt geflohen. Auch von den im Osten lebenden christlichen Antisemiten sind viele in den Westen gegangen. Siehe Nazis im Westen, Nazis in der SED und Das SS-Lagerpersonal von Buchenwald und (Ost-)Deutsche Christen in Ost und West.
Antisemitismus?
Ich möchte einen Punkt noch einmal klar machen: Israel begeht Menschenrechsverletzungen. Der Antisemitismusvorwurf ist eine Immunisierungsstrategie: Jede Kritik an Israel wird sofort als Antisemitismus geblockt. Zum besseren Verständnis vielleicht hier ein Beispiel für solche Strategien aus den Materialien der Amadeu-Antonio-Stiftung, die Leon Kahanes Tante Anetta Kahane geleitet hat. In der Erklärung antisemitischer Codes wird neben Rothschild, Rockefeller, George Soros, Mark Zuckerberg und Bill Gates noch Anetta Kahane genannt.
Als bescheidener Mensch würde ich, wenn ich für eine solche Broschüre verantwortlich wäre (Anetta Kahane leitete die Stiftung bis 2022), dafür sorgen, dass mein Name aus dieser Liste verschwindet, selbst wenn die Aussage wahr wäre. Davon abgesehen: Anetta Kahane mag sich als Ausländerbeauftragte und auch im Kampf gegen Antisemitismus verdient gemacht haben, sie spielt aber in einer gaaaaaanz anderen Liga als Rockefeller, Soros, Zuckerberg und Gates. In einer ganz anderen. So anders, dass es schon weh tut. Die Aufnahme des eigenen Namens in eine solche Liste ist der Versuch der Immunisierung: Alle die Anetta Kahane kritisieren, handeln antisemitisch, wenn man die Kriterien von Anetta Kahane zugrundelegt.
Zeitzeugen
Leon Kahane gehört wie Anne Rabe zur Dritten Generation Ost. Die beiden sind fast gleich alt. Anne Rabe hat in einer Podiumsdiskussion mit Simone Schmollack auf die Frage, wie sie denn über die DDR schreiben könne, wenn sie zur Wende erst drei Jahre alt war, geantwortet, dass Umberto Eco ja auch nicht im Mittelalter gelebt, aber dennoch über diese Zeit geschrieben habe. Das ist wohl wahr, aber im Gegensatz zu Anne Rabe konnte man Umberto Eco bisher keine groben Schnitzer in seinem Roman nachweisen. Im Gegensatz zur Nachkriegsgeneration und zur DDR-Generation können die jüngsten Vertreter*innen der Dritten Generation Ost nichts oder sehr wenig über ihre Zeit in der DDR sagen, dafür aber einiges über die Nachwendezeit und das Leben mit ihren vom Umbruch betroffenen Eltern. Wenn Sie sich dennoch zu Themen äußern, die den DDR-Alltag betreffen, müssen sie sich genauso aufwendig in die Materie einarbeiten, wie Menschen aus dem Westen. Sie brauchen Quellen und müssen ihr Wissen systematisieren. Leon Kahane hat offensichtlich keine Ahnung von den Subkulturen in der DDR und leider auch nicht von der Geschichte der DDR nach dem Krieg (Neulehrer) und der Geschichte Israels (Sechstagekrieg vs. Jom-Kippur-Krieg). Sonst hätte er seinem Interviewpartner widersprechen müssen. Genau so hat Anne Rabe keine Ahnung von Amokläufen oder Polizeistatistiken. Allgemein nicht mit dem wissenschaftlichen Arbeiten. Rabe und Kahane kommen aus systemtreuen Familien, weshalb ihnen selbst das Wissen über den DDR-Untergrund aus zweiter Hand aus den Familien fehlt. Ihre Aussagen sind also mit Vorsicht zu genießen und sollten von interessierten Journalist*innen verifiziert werden. Damit kann man Peinlichkeiten wie das vorliegende Interview und auch eine Preisvergabe an ein schlechtes Buch vermeiden.
Zusammenfassung
Zusammengefasst: Auch Israelis können Rassisten sein, auch Israelis können das Völkerrecht brechen und Menschenrechtsverletzungen begehen. Und Anetta Kahane und ihr Neffe können Unfug über den Osten verbreiten. Dass man zu einer diskriminierten Minderheit gehört, bedeutet nicht, dass man unfehlbar ist. Um es mit Funny van Dannen zu sagen: Auch lesbische schwarze Behinderte können ätzend sein!
Das ganze Interview ist mal wieder ein Ärgernis und letztendlich auch ein Beitrag zur Förderung des Faschismus, auch wenn das Jan Kage und Leon Kahane jetzt wehtun mag. Die Berichterstattung über den Osten ist seit über 35 Jahren auf ähnlichem Niveau. Das hat zur Folge, dass die westdeutschen Leitmedien im Osten nicht mehr konsumiert werden (Fromm, 2021), dass weite Teile der ostdeutschen Gesellschaft nicht mehr am Diskurs teilnehmen und dann ihre Informationen aus diversen Schmuddelkanälen auf Telegram und sonstwo bekommen. Warum sollten sie Geld bezahlen, um Falschinformationen über sich zu lesen? Warum sollten sie Menschen aus dem Westen zuschauen, die über sie sprechen? Oder Menschen aus dem Osten, die keine Ahnung haben, wie die DDR war und Thesen verbreiten, die zu dem passen, was Menschen aus dem Westen hören wollen? Diese Menschen zurückzuholen dürfte schwer werden. Vielleicht ist es bereits zu spät.
Anhang: Vollständige Erklärung jüdischer Bürger der DDR zum Sechstagekrieg
Das steht in der Erklärung:
Als Bürger der Deutschen Demokratischen Republik jüdischer Herkunft erheben wir unsere Stimme, um feierlich die Aggression zu verurteilen, der sich die herrschenden Kreise Israels gegen die Nachbarstaaten schuldig gemacht haben. Wir fühlen uns berechtigt und verpflichtet, unsere Stimme zu erheben, denn wir Bürger der DDR, in der der Antisemitismus ausgerottet und für Antisemiten kein Platz ist, die wir selber unter den Verfolgungen des Hitlerfaschismus schwer gelitten haben, beklagen ebenso wie viele Bürger Israels den Verlust zahlreicher Familienangehöriger, gemordet von den deutschen Imperialisten. Wenn die Regierung Israels sich anmaßt, im Namen der Juden zu sprechen, so sei festgestellt, daß die erdrückende Mehrzahl der Juden außerhalb Israels lebt und dieses nicht als ihren Staat betrachtet. Sympathien, die in der Welt den durch den Hitlerfaschismus und Antisemitismus geschundenen Juden entgegengebracht werden, sollen zur Tarnung imperialistischer Interessen missbraucht werden.
Es ist die Tragik der jüdischen Bevölkerung Israels, dass die Machthaber dieses Staates eine Politik betreiben, dies sich in den Dienst der strategischen Interessen imperialistischer Großmächte am Suezkanal und an den arabischen Ölquellen gestellt hat.
Leider trifft das nicht nur auf das Jahr 1967 zu. Schon die Geburt des Staates Israel ist behaftet mit Wortbruch und Annexion. Die Resolution der UNO vom November 1947 zur Bildung eines arabischen und eines jüdischen Staates auf dem Gebiet des damaligen Palästina wurde gebrochen. Unter Mißachtung der UNO-Festlegung wurde von den reaktionären Kreisen der Staat Israel gegründet, der 80 Prozent des Territoriums des ehemaligen Palästina okkupierte. Viele Hunderttausende arabische Menschen wurden mit Waffengewalt brutal aus Heimat, Haus und Hof durch die israelische Großbourgeoisie vertrieben. So wie die USA-Imperialisten die Bundesrepublik zur Speerspitze gegen die Völker Europas ausbauten, so wurde Israel zur zur Speerspitze gegen die arabischen Völker auserkoren. Diese Israel zugedachte Rolle zeigte sich besonders deutlich im Jahre 1956, als Israel, gefolgt von den imperialistischen Großmächten Ägypten überfiel. Die jetzigen Machthaber Israels, die das Brandmal der Aggression von 1956 auf ihrer Stirn tragen, kommandieren auch die Aggression von 1967, wie das Beispiel des Kriegsministers Dayan beweist. Dayan hat auch an der Aggression des USA-Imperialismus gegen Vietnam teilgenommen und sie in Wort und Schrift verherrlicht.
Nach allen schrecklichen Lehren der Vergangenheit genügte es den Machthabern Israels nicht, ein verhängnisvolles und unnatürliches Bündnis mit dem Imperialismus einzugehen, sondern darüber hinaus arbeiten sie noch offen mit den Nazimördern des jüdischen Volkes, mit den westdeutschen Imperialisten in Bonn, auf das allerengste zusammen. Systematisch haben die westdeutschen Imperialisten seit vielen Jahren das israelische Aggressionspotential durch gewaltige Waffenhilfe, durch die Ausbildung militärischer Kader in den Kasernen der Nazigenerale und den Aufbau einer Kriegsproduktion in Israel mitgeschaffen. Die verächtliche Charakterlosigkeit dieser Komplicenschaft fand bekanntlich auch ihren Ausdruck während des Eichmann-Prozesses, als durch geheime Vereinbarungen zwischen den Regierungen Bonns und Tel Avivs der millionenfache Mörder Globke und andere Antisemiten, die im westdeutschen Staat entscheidende Positionen einnehmen, gedeckt wurden. Es liegt uns am Herzen, vor der Fortsetzung der Politik der Israelischen Regierung zu warnen, zu warnen vor der herausfordernden Haltung des Eroberers, wie sie zu bekunden der israelische Außenminister Abba Eban gerade in jenem Augenblick für richtig befand, als er sich dem UNO-Sicherheitsrat stellte, von dem die erregten Völker den Beschluß zur Beendigung der Kampfhanlungen erwarteten. Als „den schönsten Tag in seinem Leben“ bezeichnete derselbe Außenminister den Tag des militärischen Angriffs gegen Ägypten, die Invasion in den unbestreitbaren Gebietsbesitz fremder Völker.
Wir sind in tiefer Sorge um das Schicksal der Bevölkerung Israels, unter der wir zahlreiche Freunde und Verwandte besitzen. Die imperialistische Politik richtet sich gegen deren Interessen, und sie selbst sind Opfer dieser Politik. Das alte Erbe aus der englischen Kolonialherrschaft, die Schürung der Gegensätze zwischen Arabern und Juden, wird jetzt ausgenutzt, um den geführten Angriff als Verteidigung zu maskieren.
Mit unserer Regierung gemeinsam verlangen wir DDR-Bürger jüdischer Herkunft die Einstellung der Aggression und die sofortige Rücknahme der israelischen Truppen hinter die Linie, von der aus sie die Kriegshandlungen begonnen haben.
Es ist die Politik der Aggression, welche die Existenz Israels aufs Spiel setzt und das Leben all seiner Bürger aufs schwerste gefährdet. Wer auf der Insel lebt, soll sich das Meer nicht zum Feind machen! Frieden im Vorderen Orient wird es nur geben, wenn die Regierung Israels ihre imperialistische Politik aufgibt und endlich zu einer Politik der guten Nachbarschaft der arabischen Völker findet.
Goschler, Constantin. 1993. Paternalismus und Verweigerung – Die DDR und die Wiedergutmachung für jüdische Verfolgte des Nationalsozialismus. In Benz, Wolfgang (ed.), Jahrbuch für Antisemitismusforschung, vol. 2. Frankfurt/Main: Campus-Verlag.
Ich kann es nicht glauben, dass ich zu diesem Tag noch nichts geschrieben habe. Jedenfalls kann ich nichts finden. Am 7.10.1989 gab es in Berlin die monatliche Demonstration, die seit der durch die kirchlich organisierte Opposition nachgewiesene Wahlfälschung am 7. Mai 1989 monatlich stattfand. Gorbatschow war in der Stadt, Honecker wollte mit ihm und ein paar rangekarrten FDJlern den 40. Jahrestag der Gründung der DDR feiern. Das misslang gründlich. Ich habe darüber bereits in Der Anfang vom Ende (Republikgeburtstag) geschrieben. Die Demonstration der Oppositionellen fand statt. Behelmte Polizisten mit Schlagstöcken und Räumpanzer waren im Einsatz. Am 8.10. und 9.10. fanden Gottesdienste in der Gethsemane-Kirche statt. Damals verfügten nur wenige meist privilegierte Menschen über Telefone (Ärzte, Funktionäre, Stasi, Menschen in Neubauvierteln und sonst wie Glückliche). Die Kommunikation war in Krisenzeiten also eingeschränkt. Kirchen verfügten über Telefone und organisierten den Austausch und den Widerstand. Ich war an diesen Tagen auch bei den Gottesdiensten. Es wurden Gedächtnisprotokolle von Menschen verlesen, die von der Stasi verhaftet worden waren. Es wurden die Zahlen von Menschen verkündet, die in anderen Städten verhaftet worden waren. Zu diesem Zeitpunkt war alles noch unklar. Niemand wusste, wie es enden würde. Ich war im August aus der Armee entlassen worden, aber sie hatten uns nach dem Massaker auf dem Tian’anmen-Platz chinesische Propagandafilme gezeigt. Alle mussten teilnehmen. Es war klar, warum wir diesen Film sehen mussten: Wir sollten auf die Niederschlagung eines Volksaufstandes vorbereitet werden. Krenz war in Peking und bekundete seine Solidarität (siehe auch Wikipedia-Eintrag zu internationalen Reaktionen). Meine Freunde, die noch bei der Armee waren, waren an diesem Tag vor Dresden im Einsatz. Sie hatten Schlagstöcke und Helme bekommen und standen außerhalb der Stadt bereit. Im Roman Der Turm von Uwe Tellkamp sind entsprechende Szenen enthalten. Von diesen Einsätzen wusste ich damals nichts, ich habe das erst später erfahren, aber dass die Lage ernst war, war klar.
Nach der Veranstaltung wollte ich die Kirche verlassen, aber vor dem Eingang staute sich die Menge. Die Kirche war von Polizisten umstellt. Kirchen hatten in der DDR einen besonderen Status: Die Kirche hatte in ihren Kirchen und auf dem umgebenden Gelände Hausrecht. Die Polizei hielt sich daran und blieb draußen. Die Stasi offiziell auch. Inoffiziell war in jeder Gruppe von drei Oppositionellen ein Stasispitzel (zugespitzt). Mitunter auch in Ehen, also Zweiergruppen (siehe Vera Wollenberger/Lengsfeld). Für uns bedeutete der Sonderstatus der Kirchen, dass wir auf dem Kirchengelände sicher waren, aber irgendwann mussten wir es ja verlassen. Wir standen auf den Kirchenstufen direkt neben der Jesus-Statue, der Sockel war von Wachsbergen bedeckt.10 Hier fand seit einiger Zeit eine Mahnwache statt und es wurden immer wieder Kerzen entzündet. Wir standen also direkt neben Jesus und riefen: „Keine Gewalt! Keine Gewalt!“. Neben mir stand ein stadtbekannter Punk, er rief es mit geballter Faust.
Der Pfarrer verhandelte mit der Polizei und wir konnten das Kirchengelände ungehindert verlassen. Bis zur S‑Bahn-Brücke Greifenhagner Straße war alles abgesperrt. Polizeiketten. Mein Freund und ich konnten ohne Probleme passieren und waren draußen. Wir sind dann zum Kino Colosseum gegangen, weil wir Karten für Zwei schräge Vögel hatten. Einer der letzten DEFA-Filme vor dem Mauerfall. Ein kritischer. Und wenn man schon Kinokarten hat, dann lässt man die ja wegen der Revolution nicht verfallen. Als wir aus dem Kino kamen, war die Revolution auch noch nicht vorbei. Sie hatte sich vielmehr zugespitzt: Vor dem Kino stand eine Polizeikette mit Polizisten mit Lederstiefeln und Hunden. Auch so etwas hatte ich vorher noch nie gesehen. Diese Szene ist auch in Jochen Schmidts Roman Hoplopoiia beschrieben.
Mein Freund und ich wohnten beide im Prenzlauer Berg. Wir trieben uns noch eine Weile auf der Schönhauser Allee herum, die für den Verkehr gesperrt war. Anwohner*innen waren auf der Straße und diskutierten. Ganze Züge von Stasi-Mitarbeitern in Zivil waren im Einsatz. Sie waren in der Gruppe leicht zu erkennen: kurze Frisuren, stonewashed Jeans. Die Jeans waren begehrt und es gab sie nicht in ausreichendem Maße zu kaufen. Wahrscheinlich hatten die Stasis eine privilegierte Versorgung. Wenn sich irgendwo eine Diskussion intensivierte, kamen diese Menschen und umringten die Diskutierenden. Es war dann weise, sich zu verdrücken, wenn man nicht mitgenommen werden wollte. So wurden Diskussionen immer wieder unterbunden.
Mir wurde das irgendwann zu heiß und ich zog mich in meine Wohnung zurück.
Neulich hatte ich ja mal geguckt, wo die Nazis aus dem KZ Lichtenburg und die Nazis aus Buchenwald abgeblieben sind. Durch einen taz-Artikel über den Wahrsager Max Moecke (taz, 25.09.2025), der in Pirna-Sonnenstein ermordet wurde, bin ich auf diesen Ort gekommen und habe dann mal nachgeschaut, wo die Nazis nach Kriegsende hingegangen sind und was aus ihnen geworden ist. Der Wikipediaeintrag für Pirna-Sonnenstein listet folgende Personen auf, die für Euthanasie-Verbrechen im Rahmen der Aktion T4 (13.720 psychisch kranke und geistig behinderte Menschen wurden in Sonnenstein mit Giftgas ermordet) oder Morde an politischen Gegnern zuständig waren. Ich bespreche im Folgenden erst Pirna-Sonnenstein. Danach gibt es noch einen Nachtrag zur Tötungsanstalt in Brandenburg.
Die Aktion T4 wurde 1941 von Hitler beendet und das Schloss Sonnenstein anders verwendet, aber einige der Nazis, die T4 bis dahin umgesetzt hatten, mordeten dann in den Vernichtungslagern weiter. Die folgenden Personen werden im Zusammenhang mit den Vernichtungslagern genannt:
1947 gab es in Dresden einen Prozess (Dresdner Ärzteprozess), in dem Hermann Paul Nitsche (seit 1940 einer der medizinischen Leiter der Krankenmordaktion) und zwei Sonnensteiner Pfleger wurden zum Tod verurteilt. Außerdem gab es Haftstrafen, die 1956 bei einer Amnestie erlassen wurden. In Wikipedia kann man zu dem Prozess lesen:
Der Dresdener Prozess gilt als einer der frühesten Versuche der deutschen Justiz zur juristischen Aufarbeitung der NS-Krankenmorde. Er fand unter Oberhoheit der sowjetischen Besatzung statt, Rechtsgrundlage war das Kontrollratsgesetz Nr. 10, das unter anderem die Bestrafung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorsah.[6]
Zwischen dem 16. Juni und dem 25. Juni wurden die Angeklagten und die Zeugen in öffentlichen Sitzungen vernommen.[7] Durch die Medien fand der Prozess in der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit. Die Sächsische Zeitung berichtete täglich über den Verlauf des Prozesses.[8]
Am 7. Juli 1947 wurde das Urteil verkündet.[9] Die Staatsanwaltschaft hatte zwar elfmal die Todesstrafe beantragt, jedoch wurde sie nur viermal ausgesprochen. Besonders bei den Krankenschwestern fielen die Urteile meist geringer aus als gefordert wurde. Einzelne Angeklagte, darunter der Hauptangeklagte Alfred Schulz sowie der Leiter der KinderfachabteilungArthur Mittag, hatten sich zuvor suizidiert resp. Suizidversuche begangen, an deren Folgen sie verstarben. Im März 1948 wurden die Todesurteile in Dresden vollstreckt, nachdem eine Revision gegen das Urteil mit Beschluss des Oberlandesgerichts Dresden vom 27. September 1947 als unbegründet verworfen worden war.[10]
Ich zitiere das hier, damit man sehen kann, dass es im Osten Aufarbeitung gab, dass es Todesurteile gab, die vollstreckt wurden, dass es Medienbegleitung gab. In entsprechenden Veröffentlichung wird immer wieder behauptet, dass es in der DDR keine Aufarbeitung und keine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus gab. Die Wahrheit ist, dass es in bestimmten Bereichen die ersten Prozess gab und dass die DDR auch bei der Errichtung von Gedenkstätten dem Westen bis zum Schluss weit voraus war.
Texttafel: „Die SED betrachtet den Aufstieg des Nationalsozialismus als eine Folge des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Mit der Etablierung des «Arbeiter- und Bauernstaates» und seines planwirtschaftlichen Systems sieht sie den Faschismus als endgültig überwunden an. Geschichtspolitisch stellt sich die Partei in die Tradition des kommunistischen Arbeiterwiderstands gegen den Nationalsozialismus (NS). An Orten ehemaliger Konzentrationslager wird daher vor allem an prominente Kommunisten wie Ernst Thälmann erinnert, während andere Opfergruppen, allen voran Juden:Jüdinnen, in den Hintergrund gerückt werden. Die drei großen «Nationalen Mahn- und Gedenkstätten» Buchenwald, Sachsenhausen und Ravensbrück werden jährlich von Hunderttausenden besucht. Da es in der Bundesrepublik zu jener Zeit keine vergleichbaren gesamtstaatlichen Institutionen zur Erinnerung an den NS-Terror gibt, wird der Umgang mit ihnen ab 1990 wichtig für die Herausbildung der heutigen Gedenkstättenlandschaft.“ Museum Utopie und Alltag, Eisenhüttenstadt, 07.08.2025
Jetzt noch einmal eine alphabetische Liste aller Personen, die ich in Wikipedia finden konnte, und deren Verbleib nach 1945.
Kurt Borm (2001, Suderburg, Niedersachsen, Borm verheimlichte seine Identität und wurde in Schleswig-Holstein leitender Arzt. Erst 1962 wurde er verhaftet, dann aber aus der Untersuchungshaft entlassen. „Am 6. Juni 1972 sprach ihn das Gericht frei. Borm habe zwar objektiv Beihilfe zur Tötung von mindestens 6652 Geisteskranken geleistet, jedoch könne ihm nicht nachgewiesen werden, dass er schuldhaft gehandelt habe, da ihm „unwiderlegbar das Bewusstsein der Rechtswidrigkeit“ seines Tuns gefehlt habe. Urteil 1974 vom Bundesgerichtshof bestätigt.“ Er war dann weiter als Arzt tätig.),
Kurt Bolender (Suizid vor Urteilsverkündung, 1966, Hagen, NRW, lebte bis 1961 unerkannt in Hamburg die Peitsche aus dem KZ hatte er noch in der Wohnung. Er war mit Dietrich Allers befreundet, der T4 geleitet hatte)
Klaus Endruweit (1994, Hildesheim, Niedersachsen, „Am Ende des Krieges noch an der Ostfront eingesetzt, geriet Endruweit in amerikanische Gefangenschaft, aus der er jedoch alsbald wieder entlassen wurde. Im Juni 1945 konnte er in Hildesheim beim Städtischen Krankenhaus gegen freie Wohnung und Verpflegung unterkommen. Am 1. Juli 1946 eröffnete er eine Arztpraxis in Bettrum im Landkreis Hildesheim. Gleichzeitig war er ab 1956 Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Vereinigung sowie von 1956 bis 1957 und 1962 bis 1965 der Ärztekammer Niedersachsens in Hildesheim. Dort konnte er bis zu seiner Verhaftung am 20. Juni 1962 unbehelligt praktizieren. Noch am gleichen Tage erhielt er Haftverschonung gegen die Auflage, sich einmal wöchentlich bei der Polizei zu melden. So konnte er weiterhin praktizieren.“ „Noch vor Prozessbeginn ordnete der Regierungspräsident in Hildesheim am 16. September 1966 das Ruhen von Endruweits Bestallung als Arzt an. Ähnlich wie bei seinem Mitangeklagten löste diese Entscheidung eine Welle von Solidaritäts- und Sympathiebekundungen aus Kreisen seiner Ärztekollegen, Verbänden und verschiedenen Bürgermeistern aus.“),
Kurt Franz (1998, Wuppertal, Lagerkommandant des Vernichtungslagers Treblinka. „Aus der amerikanischen Gefangenschaft konnte er fliehen und nach Düsseldorf zurückkehren. Dort meldete er sich am 26. Juni 1945 mit seinem richtigen Namen beim Arbeitsamt an. Bis Ende 1948 war er als Brückenbauarbeiter tätig. Von 1949 bis zu seiner Verhaftung an seinem Wohnort Düsseldorf am 2. Dezember 1959 arbeitete er wieder als Koch.“ Lebenslange Haft: „Wegen seines Alters und aus gesundheitlichen Gründen wurde Franz Mitte 1993 entlassen, nachdem er bereits seit Ende der siebziger Jahre Freigänger war.“),
Heinrich Gley (1985, Münster, NRW, „Nach Kriegsende geriet er am 10. Mai 1945 in Pilsen in amerikanische Kriegsgefangenschaft, seine Entlassung erfolgte am 29. Dezember 1947. Anschließend arbeitete er bis 1958 als Maurer in Westfalen und musste in der Folge diese Tätigkeit krankheitsbedingt aufgeben. In Bielefeld wurde Gley wegen seiner Zugehörigkeit zur SS, wahrscheinlich im Rahmen der Entnazifizierung, zu 100 Tagen Haft verurteilt, die jedoch durch die Internierungshaft bereits abgegolten waren. Im Rahmen der Ermittlungen bezüglich der Verbrechen in Belzec kam Gley Anfang der 1960er Jahre in Haft. Im Belzec-Prozess wurde gegen Gley und sieben weitere Angeklagte ab August 1963 vor dem Landgericht München verhandelt. Er wurde wegen des Putativnotstandes im Januar 1964 außer Verfolgung gesetzt und damit wurde keine Hauptverhandlung gegen ihn eröffnet. Auch wegen seiner Beteiligung an der „Aktion T4“ kam es zu keinem Prozess. Gley starb im Juni 1985.“
Lorenz Hackenholt (für tot erklärt im Westen, Einige Jahre nach dem Krieg stellte seine Frau den Antrag, ihren vermissten Mann für tot zu erklären. Dies geschah am 1. April 1954 durch das Amtsgericht Berlin-Schöneberg zum 31. Dezember 1945. Trotz einzelner Hinweise, dass Hackenholt noch am Leben sei, endete eine Untersuchung durch eine Sonderkommission der Münchner Kriminalpolizei von 1959 bis 1963 ohne Ergebnis.)
Gottlieb Hering (9/1945 Stetten im Remstal, BaWü, „Nach Kriegsende soll Hering wieder kurzzeitig die Kriminalpolizei in Heilbronn geleitet haben. Er starb infolge einer Erkrankung unter ungeklärten Umständen im Schloss Stetten (Remstal), wo sich ab Herbst 1943 ein Ausweichskrankenhaus der Stadt Stuttgart befand.[3] Sowohl in seinem 1948 von seiner deutlich jüngeren Witwe postum betriebenen Entnazifizierungsverfahren[4] als auch in seiner beim Polizeipräsidium Stuttgart geführten Personalakte, laut der er sich im Oktober 1944 „vom Einsatz zurück“ gemeldet habe,[5] blieben seine Aufenthalte und Tätigkeiten seit Dezember 1939 im Wesentlichen unerwähnt. Man ging im Benehmen mit dem Befreiungsministerium vielmehr davon aus, dass er nicht als Hauptschuldiger oder Belasteter zu betrachten sei. Folglich blieb seine Witwe von der andernfalls zu erwartenden Einziehung des Nachlasses und dem Verlust der Pensionsansprüche verschont. Diese Entscheidung wurde zuletzt noch im Jahre 1972 bei der Überprüfung der sogenannten 131er nach Aktenlage bestätigt.“
Otto Horn (1999, Berlin, „Horn wurde vom Landgericht Düsseldorf am 3. September 1965 in den Treblinka-Prozessen mangels eines sicheren Nachweises seiner Schuld freigesprochen.“ War wohl angeblich gegen die Morde, die in seinem Umfeld stattfanden.)
Erwin Lambert (1976, Stuttgart, BaWü, „Am 15. Mai 1945 wurde Lambert von den Briten gefangen genommen und an die US-Amerikaner ausgeliefert, die ihn in ein Lager ins württembergische Aalen brachten. Nach Waiblingen entlassen, zog er zunächst nach Schwaikheim und ließ sich dann in Stuttgart nieder. Dort machte er sich als Fliesenleger selbständig. Bei der Entnazifizierung in Schwaikheim wurde Lambert als Mitläufer eingestuft. Mit Urteil des Landgerichts Düsseldorf vom 3. September 1965 (Az.: I Ks 2/64) wurde er im sogenannten Treblinka-Prozess wegen Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord an mindestens 300.000 Personen zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Sobibor-Prozess verurteilte ihn das Landgericht Hagen am 20. Dezember 1966 wegen gemeinschaftlicher Beihilfe zum Mord an mindestens 57.000 Menschen zu drei Jahren Zuchthaus (Az.: 11 Ks 1/64). Sara Berger urteilt, Lambert habe die aktive Bereitschaft gezeigt, Strategien zur Verbesserung der Vernichtungsstrukturen zu finden und maßgeblich zur Effizienzsteigerung der Lager beigetragen.“)
Heinrich Matthes (1978, JVA Bochum, Im Treblinka-Prozess 1965 verurteilt, vorher als Pfleger gearbeitet.)
Gustav Münzberger (1977, Garmisch-Partenkirchen, Bayern „Nach Kriegsende arbeitete Münzberger als Tischler in Unterammergau. Im Rahmen der Ermittlungen bezüglich der Verbrechen im Vernichtungslager Treblinka geriet Münzberger in das Visier der Ermittlungsbehörden und wurde am 13. Juli 1963 in Haft genommen. Der Treblinka-Prozess gegen zehn Angeklagte fand vom 12. Oktober 1964 bis zum 3. September 1965 vor dem Landgericht Düsseldorf statt. Der Verfahrensgegenstand umfasste die Vergasung von mindestens 700.000 überwiegend jüdischen Menschen sowie die tödliche Misshandlung, Erschießung, Erschlagung sowie Erhängung einzelner Häftlinge und zudem die Zerfleischung durch Barry, den Diensthund des Lagerkommandanten Kurt Franz. Im Prozess versuchte die Verteidigung, Münzbergers Taten zu rechtfertigen: „Wenn er auf eine möglichst letzte Ausnutzung der Gaskammern bestanden habe, so sei das auch im Interesse der wartenden Juden gewesen; denn je schneller die Vergasungen erfolgt seien, umso kürzer seien die Leiden und Ängste der noch nicht vergasten Juden gewesen.“[3] Münzberger wurde wegen Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord beziehungsweise Beihilfe zum Mord zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt. Er verbüßte seine Haft in der Justizvollzugsanstalt Münster und am 3. September 1975 wurde aus der Haft bedingt entlassen.“)
Hermann Paul Nitsche (1948 Dresden, nach Todesurteil hingerichtet, „Noch im Frühjahr 1945 wurde Nitsche in Sebnitz verhaftet. Die von sowjetischen Dienststellen vorgenommenen Untersuchungsergebnisse wurden am 20. Juni 1946 an die deutschen Justizbehörden in Sachsen übergeben. Das Landgericht Dresden erhob am 7. Januar 1947 Anklage gegen Nitsche und weitere 14 Täter. Nitsche verwies auf seinen Standpunkt, wonach die Tötung von unheilbar Kranken wissenschaftlich und auch gesellschaftlich gerechtfertigt sei, und verwahrte sich gegen die Mordanklage. Mit Urteil vom 7. Juli 1947 wurde er jedoch zum Tode verurteilt. Nach Ablehnung der Berufung durch das Oberlandesgericht Dresden wurde das Urteil am 25. März 1948 durch das Fallbeil vollstreckt und sein Leichnam der Anatomie in Leipzig überantwortet.“)
Walter Nowak (verschollen wohl zu letzt in Italien gesehen, davor in amerikanischer Gefangenschaft),
Josef Oberhauser (1979 München, Nach der Entlassung aus der Gefangenschaft war Oberhauser 1947/48 Wald- und Sägewerksarbeiter in Bevensen. Am 13. April 1948 wurde er in der Ostzone ergriffen und am 24. September 1948 durch eine nach Befehl 201 der sowjetischen Militärverwaltung gebildete 5. Strafkammer des Landgerichts Magdeburg wegen Verbrechens gegen das Kontrollratsgesetz Nr. 10 aufgrund seiner Zugehörigkeit zur SS als einer verbrecherischen Organisation und seiner Beteiligung an der Tötung von „Euthanasie“-Opfern in Grafeneck, Brandenburg und Bernburg zu einer Zuchthausstrafe von 15 Jahren unter Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf zehn Jahre verurteilt. Gleichzeitig wurde er nach Direktive 38 Artikel II Ziffer 7 und 8 als Hauptbelasteter eingestuft. Nach acht Jahren wurde Oberhauser unter endgültiger Hafterlassung am 28. April 1956 im Rahmen einer Amnestie aus der Haft entlassen. Zurück in seiner Heimatstadt München war Oberhauser als Gelegenheitsarbeiter und als Schankkellner tätig, bis er am 21. Januar 1965 vom Landgericht München I im Belzec-Prozess zu vier Jahren und sechs Monaten Zuchthaus wegen Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord in 300.000 Fällen und wegen fünf weiterer Verbrechen der Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord in je 150 Fällen verurteilt wurde (Az.: 110 Ks 3/64, s. Weblink). Nachdem er (unter Anrechnung der Untersuchungshaft) die Hälfte seiner Strafe verbüßt hatte, wurde er 1966 entlassen und arbeitete wieder als Schankkellner in München (als solcher erscheint er in einer kurzen Szene in Claude Lanzmanns Film Shoah[4]). Wegen der in Italien begangenen Kriegsverbrechen wurde er im April 1976 von einem italienischen Gericht in Abwesenheit zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Da die italienische Justiz auf einen (wegen fehlender Rechtsgrundlagen aussichtslosen) Auslieferungsantrag verzichtete, brauchte er diese Strafe nicht anzutreten.“)
Paul Rost (1984, Dresden, Sachsen „Paul Rost geriet 1945 in Österreich in amerikanische Gefangenschaft und war kurzzeitig im Lager Habach interniert. Dort soll er Walter Nowak wiedergetroffen haben,[8] der jedoch nach anderen Quellen bereits seit 1943 oder 1944 tot war.[9] Von dort wurde er nach kurzer Zeit entlassen und ging nach Dresden zu seiner Familie zurück. Kurz darauf nahm ihn dort 1946 die Sowjetische Armee in Untersuchungshaft. Paul Rost wurde im gleichen Jahr im Rahmen des Dresdner Euthanasie-Prozesses vernommen und anschließend wieder auf freien Fuß gesetzt.[10] Eine weitere Strafverfolgung fand nicht statt. Die DDR lehnte 1971 eine Zeugenvernehmung von Rost im Zusammenhang mit dem Prozess des Landgerichts Frankfurt am Main gegen den Direktor der Tötungsanstalt Sonnenstein Horst Schumann ab.“)
Alfred Schulz (1947, Haftkrankenhaus Zwickau, evtl. Suizid)
Horst Schumann (1983, Frankfurt am Main, Im Januar 1945 kam er als Truppenarzt an die Westfront, wo er in amerikanische Gefangenschaft geriet, aus der er im Oktober 1945 wieder entlassen wurde. Mit seiner Frau zog er nach Gladbeck und meldete sich beim dortigen Einwohnermeldeamt ordnungsgemäß am 15. April 1946 an. Zunächst als Sportarzt in Diensten der Stadt Gladbeck, eröffnete er 1949 mit einem Flüchtlingskredit eine eigene Praxis. Im Juli 1950 wurde er Knappschaftsarzt der Ruhrknappschaft, obwohl sein Name bereits in Eugen Kogons frühem Werk Der SS-Staat genannt wurde. Ein Antrag vom 29. Januar 1951 auf Erteilung eines Jagd- und Fischereischeines bei der Stadt Gladbeck führte schließlich aufgrund des erforderlichen polizeilichen Führungszeugnisses zu seiner Enttarnung als ein von der Staatsanwaltschaft Tübingen Gesuchter. Die zögerlichen Ermittlungen ermöglichten es Schumann jedoch, am 26. Februar 1951 ins Ausland zu fliehen. Nach drei Jahren als Schiffsarzt erhielten die deutschen Behörden erstmals wieder am 25. Februar 1954 durch das deutsche Generalkonsulat im japanischen Osaka-Kobe einen Hinweis auf Schumann. Dieser hatte dort einen deutschen Reisepass beantragt und erhalten. Die Spur Schumanns führte dann 1955 weiter nach Ägypten und Mitte des gleichen Jahres in den Sudan, wohin ihm auch seine Frau nachreiste. In der Wochenzeitung Christ und Welt, deren Redaktionsleiter der Journalist und ehemalige SS-Hauptsturmführer Giselher Wirsing war, erschien am 16. April 1959 ein Artikel über einen „zweiten Albert Schweitzer“ in Li Jubu, einem Ort im Grenzgebiet von Sudan, Kongo und Französisch-Äquatorialafrika, und führte damit ungewollt zur Enttarnung Schumanns. Einem Haftbefehl konnte sich Schumann durch seine Flucht über Nigeria nach Ghana entziehen, wo er in Kete Krachi ein Urwaldkrankenhaus errichtete und leitete. […] Ein Reporter der britischen Zeitung Daily Express entdeckte das Ehepaar Schumann 1962 in Ghana. Ein deutsches Auslieferungsersuchen aus dem Vorjahr wurde vom ghanaischen Staatspräsidenten Kwame Nkrumah, der Schumann zu seinen Freunden zählte, ignoriert. Erst nach Nkrumahs Sturz im Februar 1966 wurde Schumann von den neuen Machthabern festgesetzt und am 7. März 1966 in Auslieferungshaft genommen. Am 17. November 1966 wurde er an Deutschland ausgeliefert und in der Justizvollzugsanstalt Butzbach in Hessen in Untersuchungshaft genommen. Der Prozess gegen Schumann begann am 23. September 1970 vor dem Landgericht Frankfurt am Main und geriet aufgrund der zahlreichen und teilweise dubiosen Gutachten über seine Verhandlungsunfähigkeit zum Justizskandal. Schließlich wurde das Verfahren am 14. April 1971 wegen Verhandlungsunfähigkeit, bedingt durch einen zu hohen Blutdruck des Angeklagten, vorläufig eingestellt. Am 29. Juli 1972 erfolgte seine Haftentlassung. Den Rest seines Lebens verbrachte Schumann in Frankfurt-Seckbach, wo er 1983 verstarb.“)
Ewald Wortmann (1985, Osnabrück, Niedersachsen, 1950 kehrte Wortmann aus der sowjetischen Gefangenschaft zurück. Er eröffnete in Friedrichskoog eine allgemeinärztliche Praxis, heiratete und hatte vier Kinder. Wortmann konnte erst als letzter T4-Arzt für den sogenannten ersten Ärzteprozess gegen Ullrich und andere vor dem Frankfurter Landgericht ermittelt werden. Am 21. März 1963 sagte er erstmals als Zeuge im Verfahren gegen den T4-Arzt Georg Renno aus. Ein gegen Wortmann eingeleitetes Ermittlungsverfahren wurde am 1. August 1969[9] eingestellt. Im Prozess gegen seinen ehemaligen Vorgesetzten und Leiter der Vergasungsanstalt Sonnenstein, Horst Schumann, verweigerte er im Oktober 1970 seine Aussage. Wortmann war der einzige der T4-Ärzte, der zumindest „eine gewisse moralische Schuld“ einräumte, „weil ich nichts gegen diese Dinge unternommen habe. Das ist aber nur eine Angelegenheit, die mich innerlich trifft. Ich konnte ja damals überhaupt nicht gegen diese Dinge antreten. Es fehlte mir die Möglichkeit und auch der Einfluß.“[10] In den Jahren 1969/70 drehte der Norddeutsche Rundfunk einen Dokumentarfilm über Wortmann und seine Familie, in dem unter dem Titel „De Doktor snackt platt“ die Situation eines „typischen“ Landarztes dargestellt werden sollte. Die Aufnahmen fanden im Herbst 1969 statt; gesendet wurde der Film im Juni 1970.[11]“)
So. Zusammenfassen kann man sagen, dass von denen, die in Wikipedia aufgeführt sind, nur einer, nämlich Paul Rost, im Osten geblieben sind. Im Osten wurden Menschen für ihre Verbrechen zum Tode verurteilt oder begingen vor dem Urteil Suizid. Im Westen wurden einige verurteilt aber im Rahmen von größeren Prozessen wegen Mord an 700.000 Menschen. Aber selbst da wurden teilweise Verfahren eingestellt, weil sie sehr spät erfolgten oder warum auch immer.
Von 19 Personen ist einer im Osten geblieben und einer im Osten verurteilt worden und dann in den Westen gegangen. Das ist genau so wie die Ergebnisse zu Lichtenburg und Buchenwald und genauso, wie es uns die Propaganda zu DDR-Zeiten gesagt hat. Die großen Nazis waren alle in den Westen geflohen. Wer will es ihnen verdenken.
Da die AfD nun auch im Westen erfolgreich ist, beginnen die ersten Menschen zu begreifen, dass die Ursachen für den Erfolg der neuen Nazis vielleicht doch nicht oder nicht allein in der DDR-Vergangenheit liegen, die nun auch schon 36 Jahre hinüber ist. Vielleicht gibt es ja Ursachen in der Zeit danach und vielleicht sind es letztendlich dieselben wie im Westen auch. Die Probleme wurden nicht erkannt, weil es diese bequeme Möglichkeit der Externalisierung und Verdrängung gab: ein Ostproblem. Nee!
Habt Ihr nun davon.
Nachtrag 26.09.2025
Ich wurde darauf hingewiesen, dass in Stadtroda (Thüringen) auch Kinder ermordet wurden. Die Stasi hat davon 1965 erfahren, die Sache wurde aber nicht verfolgt. Margarete Hielschler hat bis zur Berentung 1965 als leitende Oberärztin in Stadtroda gearbeitet.
Gerhard Kloos war Direktor der Landesheilanstalten Stadtroda und als solcher an den Euthanasieverbrechen beteiligt. Er ist 1988 in Göttingen gestorben. Man lese seinen Wikipedia-Eintrag, um sich über die Vernetzung mit T4-Leuten und seine weiter Lehrtätigkeit an westdeutschen Universitäten zu informieren.
Nachtrag 30.01.2026
Die Geschichte mit Jussuf Ibrahim ist kompliziert. Er war kein Nazi hat aber Kinder zur Tötung nach Stadtroda überstellt. Er hat aber auch Eltern gewarnt und sie darum gebeten, ihre Kinder zurückzunehmen. Folgendes kann man in einem taz-Artikel lesen:
Wir Jenaer, wir erinnern uns, dass Jussuf Ibrahim, der deutsche Arzt ägyptischer Herkunft, der Nichtarier, jüdische Kinder behandelte, einige von ihnen versteckte und Pastoren mit Berufsverbot in seiner Klinik predigen ließ. Wir wissen, er war kein NSDAP-Mitglied. Wir sind überzeugt, dass die behinderte Schwester unseres Bürgermeisters nur deswegen noch lebt, weil Ibrahim die Mutter damals rechtzeitig warnte.
Ganz anders gelagert ist der Fall bei Erich Häßler, dem Nachfolger Ibrahims an der Kinderklinik in Jena. Der war in der NSDAP und in der SA, war Schulungsredner im Rassenpolitischen Amt Leipzig, Antisemit und an Euthanasie-Verbrechen beteiligt.
Über Häßler bin ich zu Rosemarie Albrecht gekommen. Auch diese war als Ärztin in der DDR in leitender Position tätig und hatte bis 1975 verschiedene Lehrstühle inne. Zwischen 1964 und 1965 ermittelte die Stasi wegen der Krankenmorde in der Landesheilanstalt Stadtroda. Die Ermittlungen wurden aber auf Weisung des Ministeriums eingestellt und die Akte gesperrt. Albrecht war wohl an mehreren Morden durch Überdosierung von Beruhigungsmitteln schuldig. Die Akten wurden erst 2000 gefunden. Das Verfahren gegen sie wurde 2005 wegen Verhandlungsunfähigkeit eingestellt. Sie war da 90.
Nachtrag 29.01.2026: Tötungsanstalt Brandenburg
Durch einen taz-Artikel zum Gedenken an den Holocaust bin ich auf die Tötungsanstalt Brandenburg aufmerksam geworden. Das war das ehemalige Zuchthaus und dann von 1933 bis 1934 eins der frühen Konzentrationslager. Über diese Lager hatte auch Willi Bredel in „Die Prüfung“ geschrieben. Zwischen 1940 und 1941 sind in Brandenburg 9.772 psychisch kranke Menschen mit Kohlenmonoxid vergast worden. Diese Morde durften nur von Ärzten vorgenommen werden. Die Ärzte operierten unter Decknamen und die Todesursachen wurden in einem eigens eingerichteten Standesamt gefälscht.
Im Folgenden liste ich alle Personen auf, die im Zusammenhang mit Brandenburg genannt werden und gehe dann auf den Verbleib der Personen ein. Es scheint so zu sein, dass keiner von denen bisher besprochen wurde.
August Becker (Spezialist für Gaswagen, Teilnehmer an der ersten „Probevergasung“)
So sah das Leben der tausendfachen Mörder nach dem Krieg aus:
August Becker (1967 Laubach, Hessen, wegen SS-Angehörigkeit verurteilt zu drei Jahren Arbeitslager, danach Arbeit bis 1959 Schlaganfall, danach verurteilt zu 10 Jahren Haft, aber wegen schlechter Gesundheit 1960 wieder entlassen)
Karl Brandt (1948, Kriegsverbrechergefängnis Landsberg) Er war Arzt von Hitler und wurde ebenfalls im Nürnberger Ärzteprozess 1947 zum Tode verurteilt und 1948 hingerichtet. Man möge in Wikipedia nachlesen, welche Personen und Organisationen Gnadengesuche unterstützt haben.
Werner Heyde (1964 Butzbach, Hessen, Suizid in Untersuchungshaft) Heyde verlor seinen Lehrstuhl für Psychiatrie und Neurologie noch 1945. Heyde wurde zum Nürnberger Ärzteprozess als Zeuge geladen und dort dann selbst schwer belastet. Auf dem Rückweg sprang er vom fahrenden Militärlaster und für 12 Jahre untertauchte. Er lebte dann unter falschem Namen in Schleswig-Holstein. Seine Frau erhielt Versorgungsbezüge. Ab 1949 praktizierte Heyde unter falschem Namen als Sportarzt in Flensburg. Er lebte in einem Stadtteil, in dem auch andere untergetauchte Nazi-Größen wohnten, in einem Reihenhaus. Er fertigte nervenärztliche Gutachten für das Oberversicherungsamt in Schleswig-Holstein an. Dabei verdiente er überdurchschnittlich gut. Bis 1979 erstellte er ca. 7000 Gutachten. Als seine Tarnung aufflog, floh er und stellte sich dann in Frankfurt/M. in der Hoffnung, dass der Oberstaatsanwalt dort, der schon anderen zu einem Persilschein verholfen hatte, ihn auch entsprechend behandeln würde. Nach der Verhaftung stellte sich heraus, dass viele Ärzte in seinem Umfeld von seiner Identität wussten. Niemand wurde verurteilt.
Albert Widmann (1986, Stuttgart-Stammheim) Widman wurde erst als Mitläufer eingestuft, weil er nicht wahrheitsgemäß über seine Verstrickungen berichtete. 1959 verhaftet, zu fünf Jahren verurteilt, dann vom Bundesgerichtshof auf drei Jahre und sechs Monate reduziert. 1962 wegen Euthanasiemorden angeklagt. Wegen früherer Haft dann nur Geldstrafe von 4000 DM.
Die im Artikel zur Tötungsanstalt Brandenburg genannten gehörten zu den Organisatoren hunderttausender Morde (die Teilnehmer an der „Probevergasung“). Deshalb sind viele von ihnen auch verurteilt worden oder haben Suizid begangen. Aber Heyde ging es noch eine Weile gut. Und alle sind in den Westen gegangen.
Ärzte:
Aquilin Ullrich (2001 Stuttgart) 1945 aus amerikanischer Gefangenschaft geflohen. Arbeit als Bergmann im Saarland. Sein Universitätslehrer verhalf ihm zu einer Stelle an einer Stuttgarter Klinik. 1952 ließ er sich als Frauenarzt und Arzt für Geburtshilfe nieder. Er hatte weiter Kontakt zu T4-Leuten, die ebenfalls in Stuttgart untergetaucht waren. 22.08.1961 verhaftet, 08.09.1961 wieder entlassen, obwohl er die Morde in Brandenburg gestanden hatte. Er konnte weiter praktizieren und in den Urlaub fahren. Das schreibt Wikipedia: „Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt/M. erhob am 15. Januar 1965 Klage gegen ihn sowie die T4-Ärzte Kurt Borm, Klaus Endruweit und Aquilin Ullrich „heimtückisch, grausam, aus niederen Beweggründen, vorsätzlich und mit Überlegung jeweils mehrere Tausend Menschen getötet zu haben“. Noch vor Prozessbeginn ordnete der Regierungspräsident in Lüneburg im September 1966 an, die ärztliche Bestallung Bunkes ruhen zu lassen. Mehr als 5000 Menschen aus Celle und Umgebung sowie der Ärzteverein Celle setzten sich daraufhin für Bunke bei der Niedersächsischen Landesregierung ein mit dem Ergebnis, dass Bunke weiter praktizieren durfte.“ Der Prozess ergab Freispruch wegen des fehlenden „Bewußtseins der Rechtswidrigkeit“ (unvermeidbarer Verbotsirrtum) seines Tuns. Genau so wie alle Mitangeklagten auch. Bei der Wiederaufnahme des Verfahrens konnte er ein Attest vorweisen, das ihm Verhandlungsunfähigkeit bestätigte. Er praktizierte aber bis 1984 weiter als Arzt. 1987 wurde er dann endlich wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 4.500 Fällen zu vier Jahren Haft verurteilt. Das Urteil wurde 1988 auf drei Jahre revidiert, weil man angeblich nur den Mord an 2.340 Menschen nachweisen konnte. 1989 ging er dann ins Gefängnis und wurde nach 20 Monaten auf Bewährung entlassen.
Heinrich Bunke (2001 in Celle, Niedersachsen) 1945 Landesfrauenklinik in Celle, 1951, niedergelassener Frauenarzt, 12.04.1961 verhaftet, 19.04.1961 entlassen, praktizierte weiter, fuhr in den Urlaub. Wegen Beihilfe zur Ermordung von 4950 Menschen angeklagt, aber freigesprochen wegen des fehlenden „Bewusstseins der Rechtswidrigkeit“ (unvermeidbarer Verbotsirrtum), Verfahren 1971 wegen Verhandlungsunfähigkeit eingestellt, Bunke konnte aber Praxis trotz Verhandlungsunfähigkeit weiterbetreiben. 1987 verurteilt wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 11.000 Fällen zu vier Jahren Haft, Bundesgerichtshof ermäßigte im Revisionsverfahren die Strafe auf drei Jahre weil die Beihilfe zum Mord nur für 9.200 Menschen nachgewiesen werden könne. Nach 18 Monaten wurde er entlassen.
Irmfried Eberl (1948, Ulm, Baden-Würtemberg, Suizid) 1945 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, dann als Arzt in Blaubeuren niedergelassen, 1948 kam er in Untersuchungshaft und beging dort Suizid noch bevor die zuständigen Stellen seine wahre Identität festgestellt hatten.
Zusammenfassung: Niemand ist im Osten geblieben. Die Ärzte wurden freigesprochen und waren dann bei der Revision „verhandlungsunfähig“ oder bekamen niedrige Strafen.
Grazhdanskaya Oborona Bce idiot po planu war der Hit. In meinem ersten Urlaub nach Mauerfall, als ich überall hätte hinfahren können, sind wir nach Moskau gefahren zu einer befreundeten Punk-Band. An der Krim sollte ein Konzert stattfinden, das wurde aber abgesagt, weil Skinheads einen erschlagen hatten. Wir waren dann ohne Einladung an der Krim. Man darf sich nur 200km im Umkreis des Ortes bewegen, für den man eine Einladung hat. Das war Moskau.
Wir zelteten in den Bergen neben dem offiziellen Ferienlager des Energieinstitutes (Московский Энергетический Институт). Das war voll, aber es fuhr immer das ganze Institut hin. Die, die keine Plätze hatten, zelteten halt in den Bergen um das Lager.
Aus dem Recorder mit schwächelnden Batterien leierten die Sex Pistols: Problem, problem, …
10 Leute versoffen jeden Abend das Monatsgehalt eines Russen. Es gab zwei Cocktails: Molotow und Ribbentrop. Moltow war Wodka mit Portwein und Ribbentrop war Portwein mit Wodka. Es kann auch sein, dass es umgekehrt war, ich möchte keine Unwahrheiten verbreiten.
Jedenfalls konnten alle singen. Die Bands und die Fans. Ihre Lieder und anderen Lieder. Mir war es peinlich, dass ich nicht singen konnte.
Wir sangen Bce idiot po planu von Grazhdanskaya Oborona.
Als wir von unserer Reise zurück nach Moskau kamen und in der fast leeren Metro unterwegs waren, spielte Dan ein, zwei Akkorde von Bco idiot po planu. Uns gegenüber saß ein Mann in unserem Alter. Er griff Dans Gitarre und sang das Lied. Alle sangen mit. Untergrund im Untergrund. Ein irrer Moment.
Für die Jungen: Damals gab es keine Handies, kein Spotify, Schallplatten produzierte nur der Staat. Diese Lieder wanderten nur von Lagerfeuer zu Lagerfeuer. Von Kassettenrecorder zu Kassettenrecorder. Dennoch kannten sie alle, also der Untergrund. Von Sibirien bis Leningrad, von Leningrad bis zur Krim.
Hier ist das Lied in der Akustik-Version:
Das hier ist eine Version mit Band und Untertiteln:
Der Sänger entwickelte sich dann zu einer fragwürdigen Gestalt mit rechtsextremen Ansichten … Lief nicht ganz nach Plan.
Quellen
Landenberger, Yelizaveta. 2025. Dank Röntgen erklang der Underground hinter dem Eisernen Vorhang. taz, 01.08.2025. Berlin. (https://www.taz.de/!6102572)
Zwei Schülerinnen haben einen Gerichtsprozess gegen das Bundesland Bayern gewonnen, weil sie keine Kreuze in ihrem Gymnasium haben wollten. Söder hatte das vorher für (fast) alle öffentlichen Gebäude verordnet.
Ich musste beim Lesen des taz-Artikels über die Kreuze daran denken, dass in meiner Schulzeit auch Gegenstände zum Anbeten in Schulen und Klassenzimmern hingen. Bilder von Erich Honecker und der Gold-Käte Katarina Witt zum Beispiel. Die war Volkskammermitglied und die Bilder von ihr im FDJ-Hemd hingen bei uns überall.
Erich Honecker, ADN-ZB / Dewag / 09.08.1976
1989 war ich zu den Weimar-Tagen der FDJ in Weimar. Bei diesen Weimar-Tagen, die jährlich in den Sommerferien stattfanden, konnte man für 21 Mark alle Theater und Museen der Stadt besuchen, bekam Essen und konnte in einer der Schulen schlafen. In der Schule, in der wir untergebracht waren, gab es in jedem Raum ein Bild vom Erich. Schüler meiner Schule machten sich den Spaß, alle Bilder aus den Räumen zusammenzutragen und im Treppenhaus aufzuhängen. Da hingen dann also drei identische Honecker-Portraits. D.h. sie waren nicht komplett gleich: Sie hatten verschiedene Farbstiche.
Weiß auch nicht, ich finde das noch immer lustig und wollte es mal aufschreiben.
Es wird immer wieder nach Erklärungen dafür gesucht, dass DDR-Bürger so komisch sind, dass sie nicht die Parteien wählen, die die Regierungen stellen, sondern PDS, Die Linke oder vermeintliche Alternativen. Niemand versteht, warum viele Ossis Populist*innen auf den Leim gehen. Da ist es doch recht hilfreich, wenn es Ausstellungen gibt, in denen einem etwas zu den historischen Fakten erklärt wird. Nur ist es dann mitunter so, dass Menschen mit Westbrille in den Ausstellungen völlig andere Dinge sehen als die, die Ausstellungsmacher*innen im Sinn hatten. (siehe auch Ausstellung: „Ein anderes Land. Jüdisch in der DDR.“)
Die aktuelle Ausstellung „Fremde Freunde“ in Eisenhüttenstadt habe ich noch nicht gesehen, aber ich habe darüber etwas in der taz lesen können.
Die Diggedags
Uwe Rada schreibt:
Diesem weit geöffneten Fenster zur Welt entgegen standen all die Reproduktionen stereotyper Bilder, wie sie sich etwa in den vom Verlag „Mosaik“ herausgegebenen Comicbänden der „Digedags“ zeigten. Bei ihren Abenteuern in fernen Ländern, heißt es auf einer Tafel, würden „deren Bewohner:innen innerhalb kolonialer Bildwelten als passiv und primitiv dargestellt, während die Digedags als zivilisiert und wirkmächtig auftreten“.
Ich reibe mir verwundert die Augen? Ich habe alle Digedags-Bände gelesen. Ich habe sie mir nach der Wende gekauft, weil sie da neu aufgelegt wurden. Was kann nur gemeint sein? Mir fällt sofort die Amerika-Serie ein, in der die Digedags den Schwarzen bei ihrem Kampf gegen die Sklaverei helfen. Passiv und primitiv? Sollte da irgendwas in den Mosaiks schief gelaufen sein? Das war jedenfalls nicht die offizielle Linie. Ich habe ja schon in „Historische Ursachen der Fremdenfeindlichkeit in den neuen Bundesländern“: Kommentare zu einem Aufsatz von Patrice G. Poutrus, Jan C. Behrends und Dennis Kuck über das offizielle Bild von PoC in den DDR-Medien geschrieben und Beispiele dafür gegeben, wie das zu meiner Zeit in Zeitungen und Zeitschriften aussah (Bummi, Wochenpost, NBI, Neues Leben).
Das Zitat zeigt recht deutlich, dass jemand ohne Ahnung schreibt, denn das Mosaik erschien ab 12/1955 im Verlag Neues Leben und später im Verlag Junge Welt. Es gab zwei Phasen: Die erste dauerte von 1955 bis 1975. In dieser Phase waren die Helden die Digedags, 1975 ging Hannes Hegen in Rente und die Digedags wurden von den Abrafaxen abgelöst. Eine rundgelutschte Version der Abrafaxe ist noch heute im Dienst. Also: Der Verlag heißt nicht „Mosaik“, sondern die Zeitschrift. Die Digedags sind die Protagonisten des Comics. Lustigerweise ist in der Online-Version des taz-Artikels sogar die Wikipedia-Seite der Digedags verlinkt. Pfusch! Ossis sind hier schon satt. Während wir viele West-Comics kennen, denn diese wurden unter der Hand weitergegeben, ja auch das rassistische Tim im Kongo aus der Reihe Tim und Struppi, haben Wessis keine Ahnung von den Ostperiodika. Muss ja auch nicht sein. Aber dann sollten sie halt nicht drüber schreiben. Oder wenigstens die Wikipedia-Artikel lesen, die sie verlinken.
Letzte Seite von Tim im Kongo. Schwarze beten Tim und Struppi-Götzen an. Erstmals erschienen 1930. Die Farbausgabe erschien erstmals 1946, Deutsch erschienen im Carlsen-Verlag, Hamburg, 1997.
Unvergessen sind auch die Mecki-Comics, die zwischen 1958 und 1969 in der Hörzu erschienen. Sie wurden von keinem geringeren als Wilhelm Petersen angefertigt. Petersen wurde von Hitler direkt zum Professor berufen und war Kriegsmaler der SS. Hitler, Göring und Bormann besaßen Werke von ihm. Laut Volk & Rasse, zitiert nach Wikipedia, wurde er 1935 beauftragt Materialien für den Schulunterricht zu erstellen, „die das nationalsozialistische Denken im Schulunterricht begreifbar machen sollten, um „unserer Jugend einen künstlerisch hochwertigen und wissenschaftlichen Anschauungsstoff“ zu liefern.“
Ich habe meine Mosaiks aus dem Schrank gekramt und angefangen zu blättern. Was könnte gemeint sein? Römer? Ritter Runkel? Die Besuche beim Sultan und die fliegenden Teppiche? Venedig? Hans Wurst in Österreich? Die Amerikareise? Dann habe ich mal eben im World Wide Web nachgeschaut und einen Artikel von Jens Mätschke mit dem Titel Rassismus in Jugendmedien der DDR? Eine Forschungsarbeit zur Darstellung und Inszenierung von Schwarzen im MOSAIK gefunden. Und in der Tat: Die Arbeit diskutiert rassistische Darstellungen (Bildunterschriften aus der Arbeit):
Das Bild ist ganz klar nicht in Ordnung.
Die anderen Bilder, die besprochen werden, sind aber weniger klar. In einem Heft wird über ein Fest geschrieben, bei dem die Digedags Ehrengäste sind. Sie hatten den Sohn des Häuptlings gerettet.
Das folgende Bild zeigt Digedag, wie er in das Dorf fliegt. Er wurde mit einer Kanonenkugel aus Versehen auf die Insel geschossen. Im Hintergrund sieht man eine Explosion. Die Dorfbewohner*innen laufen erschreckt weg.
Bemängelt wird, dass die Digedags als Helden dargestellt werden und die Schwarzen als ängstlich:
Ich habe einen Freund, der mit einem Messer bewaffnet einen Bären vertrieben hat. Er weiß inzwischen, dass das nicht heldenhaft, sondern wahnsinnig war.
Die Digedags retten den Häuptlingssohn.
Die Digedags bauen einen Düsenantrieb für das Zirkusschiff, nachdem dieses ein Leck bekommen hatte. Hier steht nirgends, dass die Schwarzen dumm wären. Sie werden als gleichwertige Partner behandelt und die Konstruktion wird erklärt. Sie werden nicht wie bei Tim und Struppi karikiert. Die Digedags sind die Helden des Comics, weshalb es nicht verwunderlich ist, dass sie Leben retten und tolle Dinge erfinden. Das tun sie auch in anderen Ländern.
Die Digedags bauen zusammen mit den Inselbewohnern ein Zirkusschiff, mit dem sie dann zusammen mit einigen der Bewohner*innen die Insel verlassen, um irgendwo anders (in Rom) mit den wilden Tieren, die sie von der Insel mitnehmen, aufzutreten.
OK. Das ist nicht OK. Aber wenn man die DDR verstehen will und dazu etwas über Medien schreibt, sollte man auch beachten, von wann diese Mosaik-Ausgaben waren und wie sich die Welt und die DDR danach entwickelt hat. Mätschke schreibt selbst über das Mosaik:
Bis 1975 entstanden 223 MOSAIK-Ausgaben, die 5.400 Seiten umfassen.
Die untersuchten Ausgaben sind von 1957 (Heft 9–13, Mätschke 2013: 24). Was war zu dieser Zeit so der Stand der Dinge? Tim und Struppi oder schon weiter?
Hitlers Lieblingspropagandafilmerin und die Nuba
Zum Stichwort „romantisierende, exotische Darstellung“ von Schwarzen empfehle ich allen den Leni Riefenstahl-Film. Riefenstahl hat in den 60ern Bildbände und Filme über die Nuba gemacht. Im Film kann man sehen, dass sie von großen (west-)deutschen Firmen unterstützt wurde (Henkel und Kraft Foods Inc.). Sie hat Kaba und Persil in den Bildern platziert. Für Werbecampagnen der entsprechenden Firmen.
Ausschnitte zu Riefenstahls Arbeiten mit den Nuba aus dem Film über Leni Riefenstahl von 2024. Im Bild bzw. an der entsprechenden Stelle im Film zu sehen auch das Persil-Waschmittel.
Bei den Diggedags ist zu beachten, dass sie im Gegensatz zur sonst üblichen Praxis von einer Person mit relativ großem Gestaltungsspielraum verfasst wurden. Mätschke schreibt dazu:
1955 entstand das MOSAIK in einer Periode der politischen Entspannung nach dem Tode von Stalin, der gezielten staatlichen Beruhigung und Integration von Oppositionellen nach dem Aufstand im Juni 1953 und den damit einhergehenden Lockerungen im Pressewesen. Der Gründer Johannes Hegenbarth (Künstlername Hannes Hegen) konnte seine Idee eines Comics erfolgreich beim Verlag Neues Leben einbringen und eine große Unabhängigkeit in der inhaltlichen Gestaltung erlangen.
Sicher unterlag das Mosaik der Zensur und wurde von entsprechenden Dienststellen abgenommen. Will man das Mosaik mit dem im Westen Üblichen vergleichen, so ist der Bezug auf die Werbung für Kakaopulver und Waschmittel gut geeignet. Große Firmen unterstützen Hitlers Propagandistin in ihrer Arbeit mit den Nuba, um damit ihre Produkte zu bewerben und einen positiven Effekt zu erzielen. Das wäre nur in einer Gesellschaft, die solche ästhetisierenden Bilder von den romantischen Wilden goutiert, sinnvoll. Das bedeutet, dass wohl in den 60ern ein entsprechendes Bild im Westen gängig gewesen sein dürfte.
Die Digedags in Amerika
Nicht betrachtet wird auch die Entwicklung des Mosaiks. Die Amerikaserie wurde von 1969–1974 veröffentlicht.
Die Amerikaserie des Mosaiks, Heft 152–211, 1969–1974
Die Digedags helfen Schwarzen auf der Flucht. Im Mosaik wird der Sklaven-Express beschrieben, der Sklaven zur Flucht aus dem Süden in den progressiveren Norden verhalf (siehe auch Wikipediaeintrag zu Underground Railroad). Laut Mosapedia ist der Sklaven-Express historisch korrekt beschrieben. Zum Ende der Amerikaserie spenden die Digedags Gewinne aus der Veräußerung eines Goldschatzes an den Sklaven-Express. Zu Bildern siehe auch Mosapedia: Sklaven-Express.
Vielleicht kann man für Menschen, die die DDR verstehen wollen, zusammenfassen: Die DDR gab es nicht. Es gab viele verschiedene DDRen. Nach dem Krieg, bis 1953, danach bis zum Abdanken Ulbrichts usw. Vielleicht muss man sogar noch kleinteiligere Unterteilungen vornehmen. Es ist deshalb nicht zulässig anhand von einigen Mosaik-Heften auf das komplette Mosaik oder gar das Bild von Schwarzen in den (Jugend-)Medien der DDR zu schließen.
Die Dakota
Wenn man über das Menschenbild in der DDR-Kinder-und-Jugend-Literatur spricht, sollte man Die Söhne der Großen Bärin nicht vergessen. Die Söhne der Großen Bärin ist eine sechsbändige Buchreihe, deren erster Band 1951 veröffentlicht wurde. Lieselotte Welskopf-Henrich war zwischen 1963 und 1974 mehrmals in den USA und hat das Leben der Dakota dort studiert. Für ihre Darstellungen der nordamerikanischen Ureinwohner*innen wurde sie von ihnen mit dem Titel einer „Lakota-Tashina“ (= Schutzdecke der Lakota) ausgezeichnet.
Welskopf-Henrich war Mitglied der KPD, später SED. 1951 bekam sie den ersten Preis für Jugendliteratur der DDR für Die Söhne der Großen Bärin. 1958 und 1961 den Vaterländischen Verdienstorden, 1972 den Nationalpreis der DDR III. Klasse. Man kann also wohl davon ausgehen, dass diese Bücher der „offiziellen Linie“ der DDR in den 50er, 60er und 70er Jahren entsprachen. Auch im Westen sind die Bücher anerkannt, 1968 erhielt Welskopf-Henrich den Friedrich-Gerstäcker-Preis der Stadt Braunschweig für Die Söhne der Großen Bärin.
Pippi Langstrumpf und der Negerkönig
Die Bezeichnung von Pippis angeblichem Vater ist immer wieder Gegenstand von Kontroversen. Heute soll das N‑Wort nicht mehr verwendet werden. Interessanterweise kam es in DDR-Ausgaben des Buches nie vor:
In der DDR dagegen hat man das Problem mit dem „Negerkönig“ schon immer umgangen: Dort hieß Pippis Vater „König der Takatukaner“.
Zum Thema N‑Wort kann ich hier noch anfügen, dass eine Bekannte, die schon sehr alt war, als sie auf das Wort angesprochen wurde, meinte: „Na, immerhin sage ich ja nicht Bimbos wie meine Kollegen.“ Bei den Kolleg*innen handelte es sich um die viel gerühmten 68er und noch dazu an einem sprachwissenschaftlichen Institut. Just saying.
Danksagungen
Ich danke Peer für seine Hilfe beim Suchen nach dem Persil-Beleg für Leni Riefenstahl.
Schlussfolgerungen
Wie immer gilt: Es ist alles nicht so einfach.
Nebenbemerkung
Mätschke schreibt:
Im Oktober 1987 wurde ein rassistischer Überfall auf ein Konzert in der Berliner Zionskirche international bekannt gemacht und die ostdeutschen Strafverfolgungsbehörden sahen sich erstmals öffentlich zum Handeln gedrängt.
Diese Behauptung ist schlicht falsch. Es gab den Überfall auf das Konzert, aber dieser war nicht rassistisch, sondern politisch motiviert. Nazi-Skins hatten ein Konzert der Punk-Band Die Firma und der Band Element of Crime überfallen. Man kann über den Überfall auf die Zionskirche in Wikipedia nachlesen oder in den entsprechenden Stasi-Unterlagen.
Am 11.01.2024 habe ich zur Zusammensetzung der Gruppe beim Nazi-Treffen, das Correctiv dokumentiert hatte, geschrieben (Correctiv und die Nazi-Vorstellungen bzgl. Remigration). Von 22 Menschen war einer aus dem Osten. Alle anderen Nazis kommen aus dem Westen. Nun gab es wieder ein Treffen. Diesmal nicht in Potsdam, sondern in der Schweiz. Bei diesem Treffen waren Mitglieder der in Deutschland verbotenen rechtsextremen Organisation „Blood & Honour“, der rechtsextremen schweizer Jugendorganisation Junge Tat, Mitglieder der Jungen Alternative Baden-Württemberg und AfD-Politiker*innen. Einige wurden mit Namen genannt: Roger Beckamp, Abgeordneter für die AfD im Deutschen Bundestag, und Lena Kotré, AfD-Landtagsabgeordnete in Brandenburg.
Ich nehme an, dass bei der Jungen Alternative aus BaWü kein Ossi dabei war. Beckamp ist aus Köln und Kotré aus West-Berlin. Das heißt, dass bei dem Treffen kein Ossi dabei war. Obwohl Kotré im Brandenburger Landtag sitzt, ist sie nicht aus dem Osten. Die Assoziation Osten = Nazi wird durch die Erwähnung des Arbeitsortes ohne die Angabe der Herkunft verstärkt. Noch mal: Beim Treffen in der Schweiz waren ausschließlich Westler.