Der Ossi und der Holocaust

Die­ser Text wur­de am 01.09.2019 begon­nen und ist lei­der immer noch nicht ganz fer­tig, aber er soll jetzt mal sicht­bar werden 

Einleitung

Die Wes­sis ver­su­chen jetzt, den Osten zu ver­ste­hen. Ein biss­chen spät, denn das Kind ist in den Brun­nen gefal­len. Dazu gibt es ver­schie­de­ne Ana­ly­sen in Zei­tun­gen, die für die Mei­nungs­bil­dung rele­vant sind. Einen wich­ti­gen Punkt aus zwei die­ser Ana­ly­sen möch­te ich in die­sem Bei­trag bespre­chen: DDR und Holo­caust. Die AutorIn­nen der bespro­che­nen Bei­trä­ge sind jeweils aus dem Osten: Ines Gei­pel und Anet­ta Kaha­ne. Das macht ihre Aus­sa­gen um so ver­wun­der­li­cher. Sehen wir uns die Aus­sa­gen von Ines Gei­pel und Anet­ta Kaha­ne im Detail an:

Die West-Gesell­schaft des direk­ten Nach­kriegs, die sich manisch schön­putz­te, die schier mär­chen­gleich Koh­le mach­te und sich in ihrer Unfä­hig­keit zu trau­ern ver­pupp­te. Die post­fa­schis­ti­sche DDR der fünf­zi­ger Jah­re dage­gen wur­de zur Syn­the­se zwi­schen ein­ge­kap­sel­tem Hit­ler und neu­er Sta­lin-Dik­ta­tur, pla­niert durch einen roten Anti­fa­schis­mus, der ein­zig eine Hel­den­sor­te zuließ: den deut­schen Kom­mu­nis­ten als Über­win­der Hit­lers. Mit die­ser instru­men­tel­len Ver­ges­sens­po­li­tik wur­de im sel­ben Atem­zug der Holo­caust für 40 Jah­re in den Ost-Eis­schrank gescho­ben. Er kam öffent­lich nicht vor. 

Ines Gei­pel, Das Ding mit dem Osten, Frank­fur­ter All­ge­mei­ne, 14.08.2019

Im Osten war eine sys­te­mi­sche und indi­vi­du­el­le Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Natio­nal­so­zia­lis­mus und der Sho­ah nicht gewollt. Dies hät­te zu Fra­gen nach Men­schen­rech­ten oder Min­der­hei­ten­schutz geführt, die nur bei Stra­fe des Unter­gangs der DDR zu beant­wor­ten gewe­sen wären. 

Anet­ta Kaha­ne, Debat­te Ost­deut­sche und Migran­ten: Nicht in die Fal­len tap­pen, taz, 12.06.2018

Die kras­ses­te Behaup­tung ist die von Gei­pel, der Holo­caust sei öffent­lich nicht vor­ge­kom­men.1 Die­se Behaup­tung ist leicht zu wider­le­gen und Mat­thi­as Krauß hat das bereits 2007 getan.2 Für die Behaup­tung von Kaha­ne muss man etwas wei­ter ausholen.

Schulbildung: Literatur und Filme

Die Beschäf­ti­gung mit dem Holo­caust zog sich durch die gesam­te Schul­bil­dung. Die Schul­bil­dung war in der DDR zen­tral gere­gelt, d.h. alle Schü­le­rin­nen und Schü­ler wur­den nach dem­sel­ben Lehr­plan und mit den­sel­ben Lehr­ma­te­ria­li­en unter­rich­tet. Wir haben in der 9. Klas­se Kin­der­schu­he aus Lub­lin von Johan­nes R. Becher gelernt. Vie­le haben das auf­ge­sagt (33 Stro­phen). Die, die es nicht selbst gelernt haben, haben es zumin­dest vie­le Male gehört. Bechers Bala­de von den Drei­en war eben­falls im Lese­buch der DDR 9. Klas­se ent­hal­ten. Die­ses Gedicht hat­te nur neun Zei­len. Das haben die auf­ge­sagt, denen die Kin­der­schu­he zu lang waren. Ich habe es oft gehört.

Wir haben Nackt unter Wöl­fen von Bru­no Apitz gele­sen. Im Buch geht es um ein jüdi­sches Kind, das im KZ Buchen­wald ver­steckt wird. Der Mord an den Juden wird ganz klar thematisiert:

Unter den 6000 jüdi­schen Häft­lin­gen des Lagers ver­ur­sach­te der Befehl einen Auf­ruhr der Angst und Ver­zweif­lung. Zuerst war ein Schrei des Ent­set­zens in ihnen auf­ge­bro­chen. Sie woll­ten die schüt­zen­den Blocks nicht ver­las­sen. Sie schrien und wein­ten, wuss­ten nicht, was sie tun soll­ten. Wie ein wüten­der Wolf hat­te der furcht­ba­re Befehl sie ange­sprun­gen, hat­te sich in sie ver­bis­sen, und sie konn­ten ihn nicht mehr abschüt­teln. Unge­ach­tet von Weis­angks Befehl, die Blocks nicht zu ver­las­sen, stürz­ten vie­le der jüdi­schen Häft­lin­ge fort, kopf­los und in höchs­ter Not. Sie rann­ten in ande­re Blocks hin­ein, in die Seu­chen­ba­ra­cke des Klei­nen Lagers, ins Häft­lings­re­vier. »Helft uns! Ver­steckt uns!« »Wie euch ver­ste­cken? Wir kom­men doch sel­ber dran.« Trotz­dem, die Blocks nah­men sie auf. Man riss ihnen die jüdi­schen Mar­kie­run­gen von den Klei­dern, gab ihnen ande­re dafür. Köhn {und der Kapo vom Revier} steck­ten die Hil­fe­su­chen­den als »Kran­ke« in die Bet­ten, gab ihnen eben­falls ande­re Mar­kie­run­gen und Num­mern. Man­che der Gehetz­ten ver­steck­ten sich auf eige­ne Faust und kro­chen in den Lei­chen­kel­ler des Reviers. Ande­re wie­der stürz­ten in die Pfer­de­stäl­le des Klei­nen Lagers, in der Mas­se unter­tau­chend. Und doch war die­se Flucht die sinn­lo­ses­te, denn gera­de hier steck­ten vie­le jüdi­sche Ange­hö­ri­ge frem­der Natio­nen. Aber wer über­leg­te, wer dach­te klar, wenn er vom Wolf gehetzt wur­de … Was in den Blocks der jüdi­schen Häft­lin­ge zurück­blieb, unter­lag schließ­lich der Läh­mung des mör­de­ri­schen Befehls. Ver­stört sahen sie dem Kom­men­den ent­ge­gen. Die Blo­ck­äl­tes­ten, selbst jüdi­sche Häft­lin­ge, hat­ten nicht den Mut, zum Marsch nach dem Tor antre­ten zu las­sen. Dort war­te­te der Tod! Konn­te man ihn nicht auch hier erwarten? 

Bru­no Apitz. 1958. Nackt unter Wöl­fen, Mit­tel­deut­scher Ver­lag, Hal­le (Saa­le). Zitiert nach Aus­ga­be vom Auf­bau­ver­lag, 2012, S. 274–275

Zum Buch gab es 1963 eine Ver­fil­mung von Frank Bey­er für die DEFA (sie­he Fil­me). Nackt unter Wöl­fen erschien in 30 Spra­chen und erreich­te eine Gesamt­auf­la­ge von mehr als zwei Millionen.

Pro­fes­sor Mam­lock (ein Thea­ter­stück von 1934) wur­de 1961 ver­filmt und in Schu­len gezeigt. Der Film han­delt von einem jüdi­schen Kli­nik­lei­ter und des­sen Fami­lie. Arbeits­ver­bot, Inhaf­tie­rung. Ein Sohn flieht. Pro­fes­sor Mam­lock begeht Selbstmord.

Edu und Unku wur­de eben­falls im Lite­ra­tur­un­ter­richt behan­delt. Unku ist ein Sin­ti-Mäd­chen, das in Ausch­witz ermor­det wurde.

Die erst­mals 1958 ver­öf­fent­lich­te Erzäh­lung Früh­lings­so­na­te von Wil­li Bredel befand sich im Lese­buch der 9./10. Klas­se.3 Es ging um einen jüdi­schen Polit­of­fi­zier, der mit der Roten Armee nach Deutsch­land gekom­men war. Er hört die Musik, die eine Fami­lie mit Kla­vier und Fagott spielt, kommt in deren Woh­nung, immer wie­der, bringt Essen mit. Sie wer­den ver­traut. Eines Tages fragt die Fami­lie ihn nach sei­nem Lieb­lings­stück und er nennt Beet­ho­vens Früh­lings­so­na­te. Die Fami­lie stu­diert das Stück ein, spielt es vor dem Offi­zier und die­ser bricht zusam­men und ver­wüs­tet die Woh­nung. Dar­auf­hin wird er ver­haf­tet und ein­ge­sperrt und von sei­nen Vor­ge­setz­ten ver­prü­gelt. Der Fami­li­en­va­ter – ein deut­scher Pro­fes­sor – ent­schul­digt ihn. Hier Aus­zü­ge aus dem Text, der aus sei­ner Per­spek­ti­ve geschrie­ben ist:

Der Fami­li­en­va­ter:

Ich beob­ach­te­te Rut­hil­de, sie spiel­te vor­treff­lich. Plötz­lich aber sah ich sie erschre­cken: Haupt­mann Pritz­ker wank­te an den Tisch und goss den Inhalt der Wod­ka-Karaf­fe in ein Bier­glas. Der Haupt­mann goss in einem ein­zi­gen Zug den Wod­ka in sich hin­ein. Auf­hö­ren! Um Got­tes Wil­len auf­hö­ren, dach­te ich. Rut­hil­de aber spiel­te wei­ter – und wie sie spiel­te. Mei­ne Frau muss­te ein­set­zen. Der Haupt­mann hat­te bei­de Hän­de vors Gesicht gepresst, als lit­te er Qua­len. Was bedeu­te­te das alles nur? „War­um spiel­ten sie noch? 

Plötz­lich geschah es. Ein Schrei dem unver­ständ­li­che Wor­te folg­ten – und plötz­lich riss der Haupt­mann mit einem Ruck die Tisch­de­cke samt allem, was dar­auf stand her­un­ter. Mei­ne Frau schlug mit dem Kopf auf die Tas­ten des Flügels – wie ohn­mäch­tig. Irm­gart und Häns­chen, zu Tode erschro­cken, rann­ten aus dem Zim­mer. Der Haupt­mann zog mit sei­nem gan­zen Gewicht an dem Schrank, in dem unse­re Glä­ser und etwas Geschirr stan­den, so dass er über den Tisch fiel. Er zerr­te mit einem Griff Vor­hän­ge und Gar­di­nen vom Fens­ter. Einem Stuhl gab er einen Tritt. Und unun­ter­bro­chen schrie er Flüche oder Dro­hun­gen in sei­ner Mut­ter­spra­che her­aus. Rut­hil­de, Gei­ge und Bogen noch in der Hand, stand da und rühr­te sich nicht. Gleich wird er über sie her­fal­len, dach­te ich, bereit, mich ihm ent­ge­gen­zu­wer­fen. Statt des­sen aber hock­te er sich plötz­lich in den Ses­sel, leg­te den Kopf auf die Leh­ne und wein­te, schluchz­te herz­zer­rei­ßend. Ich hat­te mei­ne Frau auf das Sofa gebet­tet, jetzt trat ich zu mei­ner Toch­ter und leg­te den Arm um ihre Schul­ter. So blick­ten wir auf den Unglücklichen, der den Kopf hin und her warf und wie ein Kind wim­mer­te. End­lich kamen Sol­da­ten der Mili­tär­po­li­zei und führ­ten ihn ab.

Wil­li Bredel. 1971. Früh­lings­so­na­te, Ber­lin und Wei­mar: Auf­bau-Ver­lag. S. 164–165. (Zitat mit freund­li­cher Geneh­mi­gung der Wil­li-Bredel-Gesell­schaft-Geschichts­werk­statt e. V., Hamburg)

Die Erklä­rung für das Ver­hal­ten wird am nächs­ten Tag von einem ande­ren Offi­zier geliefert:

Heu­te mit­tag näm­lich hat mich ein jun­ger Offi­zier von der Kom­man­dan­tur auf­ge­sucht. Er bat für sei­nen Lands­mann um Ent­schul­di­gung und erbot sich, den Scha­den zu erset­zen. Dann erzähl­te er mir das Schick­sal des Haupt­manns. Es ist noch tra­gi­scher, als wir ver­mu­ten konn­ten. Hören Sie nur: 

Haupt­mann Pritz­ker war vor sei­ner Ein­be­ru­fung zur Sowjet­ar­mee Musik­päd­ago­ge am Kon­ser­va­to­ri­um in Kiew. Er war ver­hei­ra­tet, hat­te eine Toch­ter und einen Sohn, bei­de noch schul­pflich­tig. Im Jah­re 1942 haben deut­sche Sol­da­ten der Hit­ler-Wehr­macht in Kiew Zehn­tau­sen­de Juden, Män­ner, Frau­en und Kin­der, zusam­men­ge­trie­ben wie Vieh und unweit der Stadt vor ihren Grä­bern erschos­sen. Unter den Opfern befan­den sich des Haupt­manns Frau und Kin­der. Die Fami­lie hat­te am Abend, bevor Pritz­ker ein­be­ru­fen wur­de, die Frühlingssonate von Beet­ho­ven gespielt.

Wil­li Bredel. 1971. Früh­lings­so­na­te, Ber­lin und Wei­mar: Auf­bau-Ver­lag. S. 165.

An einer ande­ren, aus der Sicht des Oberst der sowje­ti­schen Mili­tär­kom­man­dan­tu­rer, der den Haupt­mann ver­hört und geschal­gen hat, erzähl­ten Stel­le heißt es: 

Der Oberst über­leg­te … Da liest man in den Zei­tun­gen, hört in Rund­funk­sen­dun­gen, auch in Gesprä­chen: Bei Worow­schil­wo­grad zwölf­tau­send Juden mas­sa­kriert. In Kertsch Tau­sen­de Ein­woh­ner vor der Stadt füsi­liert. In Kiew zehn­tau­sen­de Juden und Kom­mu­nis­ten gemeu­chelt und in Mas­sen­grä­ber ver­scharrt. Man liest es, ist ent­setzt, aber es dringt nicht mehr rich­tig ins Bewusst­sein; der Ver­stand wehrt sich die­se Häu­fung von Ver­bre­chen aufzunehmen.

Wil­li Bredel. 1971. Früh­lings­so­na­te, Ber­lin und Wei­mar: Auf­bau-Ver­lag. S. 168.

Der Bericht des Pro­fes­sors endet damit, dass er den Haupt­mann entschuldigt:


„Die Schul­di­gen sind doch eigent­lich wir“: sag­te der Pro­fes­sor, „ich mei­ne, wir Deut­schen. ” Er blick­te auf und fuhr fort: „Man stel­le sich vor: Ein Offi­zier befin­det sich als Sie­ger in dem Land, aus dem die Men­schen kamen, die in sei­ner Hei­mat sei­ne Frau und sei­ne bei­den Kin­der umge­bracht haben. Die Mör­der sind besiegt, aber die Men­schen die­ses Lan­des sind den Mör­dern nicht in den Arm gefal­len, sie haben sie gewäh­ren, das heißt mor­den las­sen. Und ein­sam geht er durch die Stadt der Besieg­ten. Da sitzt in ihrem Haus eine Fami­lie – nicht einer fehlt: Mann, Frau, Töch­ter, Sohn – sie musi­zie­ren, spie­len Schu­mann, Brahms und Mozart. Er steht auf der Stra­ße und lauscht. Jeden Akkord kennt er,
er ist ja Musik­leh­rer, ein Freund der Haus­mu­sik. Musik ist stär­ker als Hass. Gleich einem Bitt­stel­ler klopft er an die Tür der Besieg­ten und — ja, der Mit­schul­di­gen an sei­nem und sei­nes Lan­des Unglück. Er darf zuhö­ren und ist glücklich. Bei Deut­schen, den Lands­leu­ten derer, die sei­ne Frau und Kin­der und unge­zähl­te Tau­sen­de ande­rer Frau­en und Kin­der in sei­ner Hei­mat ermor­det haben. Er denkt dar­an, er muss immer wie­der dar­an den­ken, und ihn packt, ihn überwältigt das ihm zuge­füg­te Leid. Er will es betäu­ben, er will nicht, dass sei­ne deut­schen Bekann­ten etwas davon mer­ken. Er trinkt, um zu ver­ges­sen. Und gera­de das Stück, das sie nichts­ah­nend ihm zur Freu­de spie­len, wird ihm zur größ­ten Qual … ja, wir sind die Schul­di­gen. Die Schul­di­gen sind wir.”

Wil­li Bredel. 1971. Früh­lings­so­na­te, Ber­lin und Wei­mar: Auf­bau-Ver­lag. S. 166.

Man beach­te, dass bei Bredel 1958 auch schon ganz klar auf die Rol­le der Wehr­macht bei der Mas­sen­ver­nich­tung der Juden hin­ge­wie­sen wird. Die gan­ze Unge­heu­er­lich­keit ist im Arti­kel über Babyn Jar in Wiki­pe­dia aus­führ­lich doku­men­tiert. SS und Wehr­macht haben gemein­sam 33.771 Juden in einer Schlucht bei Kiew ermor­det und dann vor Kriegs­en­de noch ver­sucht, die Spu­ren zu besei­ti­gen. Men­schen aus dem Osten waren sehr erstaunt, was die Wehr­machts­aus­stel­lung noch 1995–1999 für einen Auf­ruhr erzeu­gen konn­te. Wir wuss­ten Bescheid. Wir hat­ten es spä­tes­tens in der 10. Klas­se gelernt. 

Wiki­pe­dia schreibt dazu:

Die brei­te Öffent­lich­keit nahm so erst­mals his­to­risch gut erforsch­te, aber damals all­ge­mein noch wenig bekann­te Sach­ver­hal­te zur Kenntnis: 

  • den Beginn des Holo­caust in den besetz­ten Gebie­ten der Sowjet­uni­on, den die Wehr­machts­füh­rung mit plan­te und dann arbeits­tei­lig mit durchführte, 
  • die Betei­li­gung gan­zer Trup­pen­tei­le an die­sen Ver­bre­chen, wobei Wider­stand bis auf weni­ge Aus­nah­men ausblieb, 
  • den in Wehr­machts­füh­rung wie ein­fa­chen Trup­pen weit ver­brei­te­ten Anti­se­mi­tis­mus und Rassismus, 
  • die ver­bre­che­ri­schen Befeh­le (zum Bei­spiel den Kom­mis­sar­be­fehl) und ihre weit­hin wider­spruchs­lo­se Aus­füh­rung und 
  • die als Kriegs­ziel beab­sich­tig­te mil­lio­nen­fa­che Ver­nich­tung der ost­eu­ro­päi­schen Zivilbevölkerung.

In aktu­el­len poli­ti­schen Dis­kus­sio­nen wird immer wie­der behaup­tet, dass es in der DDR kei­ne sys­te­ma­ti­sche Auf­ar­bei­tung des Faschis­mus gege­ben habe, wohin­ge­gen das in der BRD nach 1968 gesche­hen sei. Wie das Wiki­pe­dia-Zitat nahe­legt, waren die Fak­ten Exper­ten bekannt, jedoch kein All­ge­mein­wis­sen. In der DDR kam nie­mand an die­sen Fak­ten vorbei.

Über­le­ben­de wur­den in die Schu­len ein­ge­la­den. Schu­len wur­den nach Wider­stands­kämp­fern benannt z.B. nach Her­bert Baum (jüdi­scher Wider­stands­kämp­fer). Nach der Wen­de zog das Hein­rich-Hertz Gym­na­si­um in die Gebäu­de der POS Her­bert Baum. Es gibt jetzt kei­ne Schu­le mehr, die nach ihm benannt ist.

Neulehrer

Bei der gan­zen Sache mit der Schul­bil­dung soll­te man auch beden­ken, dass Nazis nach dem Krieg im Bil­dungs­sys­tem der DDR sys­te­ma­tisch durch soge­nann­te Neu­leh­rer ersetzt wur­den. 40.000 Neu­leh­rer. Laut Wiki­pe­dia waren 1949 67,8 Pro­zent aller Leh­rer­stel­len mit Neu­leh­rern besetzt. Es war somit sicher­ge­stellt, dass die Per­so­nen auch das in den Lehr­plä­nen Vor­ge­ge­be­ne unter­rich­ten wür­den, ins­be­son­de­re dann, wenn es sich um anti­fa­schis­ti­schen Lehr­stoff han­del­te. Leh­re­rIn­nen hät­ten den ent­spre­chen­den Stoff schon allein des­halb nicht weg­las­sen kön­nen, weil in jeder Klas­se Kin­der mit Genos­sen­el­tern waren und es sicher Pro­ble­me mit der Schul­lei­tung gege­ben hät­te. Das kann man fin­den, wie man will, aber dar­aus folgt, dass alle Kin­der in der DDR die Mate­ria­li­en, die sich mit dem Faschis­mus beschäf­tigt haben, auch behan­delt haben.

Bücher

LTI – Notiz­buch eines Phi­lo­lo­gen von Vic­tor Klem­pe­rer erschien 1947 im Auf­bau Ver­lag und wur­de dann 1966 in Reclams Uni­ver­sal-Biblio­thek in Leip­zig wie­der­ver­öf­fent­licht. 1990 wur­de die 10. Auf­la­ge gedruckt. Papier war in der DDR knapp. Popu­lä­re Zeit­schrif­ten wie das Maga­zin waren des­halb Bück­wa­re. Es muss also ers­tens einen Bedarf für LTI gege­ben haben und zwei­tens auch den poli­ti­schen Wil­len der Staats­macht, die­ses Buch in gro­ßen Stück­zah­len unters Volk zu brin­gen. Klem­pe­rer selbst war jüdi­scher Abstam­mung und hat sich dafür ent­schie­den, in der DDR zu bleiben.

Scan des Titel­blat­tes von LTI, Aus­ga­be 1975.

Außer­dem gab es Jakob der Lüg­ner von Jurek Becker Auf­bau-Ver­lag, Berlin/DDR 1969. und auch Das Tage­buch der Anne Frank erschien bereits 1957.4

Wei­te­re Bücher:

  • Mar­tin Rie­sen­bur­ger. 1960. Das Licht ver­lösch­te nicht. Ein Zeug­nis aus der Nacht des Faschis­mus, Ber­lin: Uni­on Ver­lag. wei­ter Auf­la­gen in den 1980ern.
  • Arnold Zweig. 1960. „Beginn und ‚End­lö­sung‘“. In: Pro­gramm­heft zu „Affä­re Blum“, Volks­büh­ne Ber­lin, Spiel­zeit 1960/61, S. 4–7., wei­te­re Arti­kel im Neu­en Deutsch­land etc.
  • Kurt Pät­zold. 1983. Ver­fol­gung, Ver­trei­bung, Ver­nich­tung. Doku­men­te des faschis­ti­schen Anti­se­mi­tis­mus 1933 bis 1942. Ber­lin: Reclam.
Reclam-Buch von 1983 über die Juden­ver­fol­gung. Kurt Pät­zold hat an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu die­sem The­ma geforscht. Sein Wiki­pe­dia­ein­trag ent­hält wei­te­re Quellen.

Filme

Es gab diver­se Fil­me, die die Juden­ver­fol­gung the­ma­ti­sier­ten oder in denen sie vor­kam. Es gab in der DDR in vie­len klei­nen Orten Kinos und die Fil­me sind oft jah­re­lang durch die DDR getourt. Fol­gen­de Fil­me sind mir bekannt:

Zur Pre­mie­re des Anne-Frank-Films gibt es einen inter­es­san­ten Bei­trag in der ZEIT von 1959:

Vor der Urauf­füh­rung des Films „Ein Tage­buch für Anne Frank“ im Ost­sek­tor Ber­lins betrat der grei­se Arnold Zweig die Büh­ne im „Haus der Pres­se“ am Bahn­hof Fried­rich­stra­ße. Er sprach davon, daß mit die­sem Film ein Bei­trag zur mora­li­schen Wie­der­gut­ma­chung geleis­tet wer­den solle. 

Anne Frank in West und Ost, Zeit 14/1959

Zu Ich bin klein aber wich­tig gibt es einen Text von Kon­rad Weiß, der 1988 in Film und Fern­se­hen ver­öf­fent­licht wurde.

Theaterstücke

Der DEFA-Film Affä­re Blum, 1948, Erich Engel, hat­te zu DDR-Zei­ten über 4 Mio Zuschau­er. Es geht um einen anti­se­mi­ti­schen Jus­tiz­sakndal im Jah­re 1925. Zum Film gab es auch ein Thea­ter­stück und im Pro­gramm­heft von 1960/1961 gab es einen Bei­trag von Arnold Zweig: Beginn und ‚End­lö­sung‘. In: Pro­gramm­heft zu „Affä­re Blum“, Volks­büh­ne Ber­lin, Spiel­zeit 1960/61, S. 4–7.

Skulpturen und Denkmäler

Inge­borg Hun­zin­ger. 1970. Stür­zen­de, Sand­stein; für die Opfer des Todes­mar­sches des KZ Sach­sen­hau­sen vom April 1945 in Par­chim in einer Park­an­la­ge zwi­schen Goe­the­schu­le und Krankenhaus.

Der Bild­hau­er Will Lam­bert war mit einer jüdi­schen Frau ver­hei­ra­tet und floh 1933 aus Deutsch­land. Nach sei­ner Rück­kehr aus dem Exil und der Ver­ban­nung arbei­te­te er haupt­säch­lich an der Gestal­tung der Mahn- und Gedenk­stät­te Ravens­brück. Die Jüdin Olga Ben­a­rio war das Vor­bild für die Skulp­tur Tra­gen­de (1957). Die­se Skulp­tur wur­de 1959 in Ravens­brück aufgestellt.

Ori­gi­nal­bild­un­ter­schrift: Zen­tral­bild Jun­ge 15.4.65 DDR: Zum 20. Jah­res­tag der Befrei­ung des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers Ravens­brück. An der Natio­na­len Mahn- und Gedenk­stät­te Ravens­brück geden­ken die Bür­ger der DDR und vie­le aus­län­di­sche Gäs­te am 30. April die­ses Jah­res der 92.000 Frau­en, Müt­ter und Kin­der, die an die­ser Stät­te einen qual­vol­len Tod fan­den. Hier ver­nei­gen wir uns vor den unsterb­li­chen Hel­den des anti­fa­schis­ti­schen Kamp­fes aus mehr als 20 Natio­nen, die für eine glück­li­che Zukunft aller Völ­ker ihr Leben gaben. 132.000 Frau­en und Kin­der ver­schlepp­ten die Hit­ler­fa­schis­ten nach Ravens­brück, 92.000 erleb­ten den Tag der Befrei­ung nicht mehr. CC-BY-SA Von Bun­des­ar­chiv, Bild 183-D0415-0016–006

13 Figu­ren, die eigent­lich mit der Tra­gen­den kom­bi­niert wer­den soll­ten (sie­he auch Brief­mar­ken), ste­hen seit 1985 zum Geden­ken an die jüdi­schen Opfer des Faschis­mus am Alten Jüdi­schen Fried­hof in Berlin-Mitte.

Denk­mal „Jüdi­sche Opfer des Faschis­mus“ von Will Lam­mert am Alten Jüdi­schen Fried­hof, Ber­lin-Mit­te, 1956/85 Wiki­me­dia, CC-BY-SA Jochen Teufel.

Briefmarken

Es gab Rei­he von Son­der­mar­ken, die in der Zeit von 1955–1964 her­aus­ge­ge­ben wur­den. Mit einem Auf­schlag konn­ten sich die Käu­fe­rIn­nen am Auf­bau und der Erhal­tung der Natio­na­len Mahn- und Gedenk­stät­ten Buchen­wald, Sach­sen­hau­sen und Ravens­brück betei­li­gen. Die gesam­ten Mar­ken inklu­si­ve Auf­la­gen­hö­he sind aus­führ­lich in Wiki­pe­dia doku­men­tiert: Auf­bau und Erhal­tung der Natio­na­len Mahn- und Gedenk­stät­ten. Laut dem Wiki­pe­di­ar­ti­kel zur Gedenk­stät­te Sach­sen­hau­sen sind allein 1955 2 Mil­lio­nen Mark auf die­se Wei­se gespen­det wor­den. Zum Ver­gleich: Das Durch­schnitts­ein­kom­men (brut­to) betrug damals 432 Mark (Sta­tis­ti­sches Jahr­buch er DDR, 1990, S. 52).

Brief­mar­ken­se­rie zu KZs
Die­se Brief­mar­ke (Auf­la­ge 1.500.000) zeigt die Plas­tik Tra­gen­de von Will Lam­mert. Die Tra­gen­de ist nach der Jüdin Olga Ben­a­rio model­liert. Die Figu­ren am Fuße der Säu­le wur­den spä­ter zum Geden­ken an die jüdi­schen Opfer des Faschis­mus am Alten Jüdi­schen Fried­hof in Ber­lin Mit­te aufgestellt.
Her­bert Baum-Brief­mar­ke, 1961, Auf­la­ge 2.000.000, 5 Pfen­nig wur­den für den Auf­bau von Gedenk­stät­ten gespendet

1963 wur­de eine Brief­mar­ke „Nie­mals wie­der Kris­tall­nacht“ in einer Auf­la­ge von 5 Mil­lio­nen Stück herausgegeben. 

Brief­mar­ke von 1963 zum 25 Jah­res­tag der Reichs­pro­grom­nacht, Auf­la­ge 5 Mio
Brief­mar­ke 1988 zum 50 Jah­res­tag der Reichs­pro­grom­nacht, Auf­la­ge 3,5 Mio

Straßen, Schulen, Plätze

Im Abschnitt über Schu­len wur­de schon erwähnt, dass es Schu­len gab, die nach Juden benannt waren, die in KZs ermor­det wur­den. Nach Her­bert Baum wur­de auch eine Stra­ße benannt: Eine Gedenk­ta­fel für die Getö­te­ten der Her­bert-Baum-Grup­pe und das Grab Baums befin­den sich auf dem Jüdi­schen Fried­hof Wei­ßen­see. Das Grab ist als Ehren­grab der Stadt Ber­lin gewid­met. Die auf das Haupt­por­tal des Fried­hofs füh­ren­de Stra­ße heißt seit 1951 Herbert-Baum-Straße.

Rudi Arndt (in Buchen­wald ermor­det) ist ein wei­te­rer Jude, nach dem vie­le Stra­ßen, Plät­ze, Thea­ter und Jugedn­her­ber­gen benannt wur­den. Zu den Details sie­he Ehrun­gen in sei­nem Wiki­pe­dia­ein­trag. Wie auch Her­bert Baum war Rudi Arndt im kom­mu­nis­ti­schen Wider­stand, aber bei einer Aus­ein­ader­set­zung mit sei­ner Per­son stieß man auch auf sei­ne Religionszugehörigkeit:

1938 wur­de er als „poli­ti­scher Jude“ ins KZ Buchen­wald depor­tiert. Nach sei­ner Ankunft war Arndt zunächst kur­ze Zeit in einem Bau­kom­man­do tätig. 1938/1939 arbei­te­te er als Kran­ken­pfle­ger für jüdi­sche Häft­lin­ge und war Blo­ck­äl­tes­ter im Block 22. Er setz­te sich sehr für die jüdi­schen Pati­en­ten ein, was der SS außer­or­dent­lich miss­fiel. Nach einer Denun­zia­ti­on durch kri­mi­nel­le Häft­lin­ge im Stein­bruch wur­de er von der SS vor­geb­lich „auf der Flucht“ erschossen. 

Wiki­pe­dia­ein­trag von Rudi Arndt, 03.03.2020

Nach Olga Ben­a­rio waren Schu­len, Kin­der­gaär­ten und Stra­ßen benannt.

Ich selbst bin in der Georg-Ben­ja­min-Stra­ße auf­ge­wach­sen, einer Stra­ße, die 1974 in einem Neu­bau­ge­biet nach dem jüdi­schen Arzt und Wider­stands­kämp­fer Georg Ben­ja­min benannt wur­de. Zu wei­te­ren Ehrun­gen sie­he Wiki­pe­dia. In Wiki­pe­dia steht übri­gens auch, dass eine im Som­mer 1951 am Wed­din­ger Net­tel­beck­platz auf­ge­stell­te Gedenk­ta­fel für „Hin­ge­rich­te­te und ermor­de­te Wed­din­ger Anti­fa­schis­ten“, die Georg Ben­ja­mins Namen ent­hielt, von Unbe­kann­ten recht schnell ent­fernt wurde.

Weimartage der FDJ und Besuche im KZ Buchenwald

Die FDJ hat jedes Jahr in Wei­mar ein gro­ßes drei­tä­gi­ges Fes­ti­val ver­an­stal­tet. Thea­ter, Musik, Muse­en. Man konn­te für 21 Mark alles besu­chen, bekam Essen und konn­te in Wei­ma­rer Schu­len schla­fen. Auf Pro­be­büh­nen und den Haupt­büh­nen fan­den gleich­zei­tig meh­re­re Vor­stel­lun­gen pro Tag statt. (Merk­wür­dig, dass man dazu im Netz bis auf eine Sei­te des Natio­nal­thea­ters in Wei­mar und das Archiv des Neu­en Deutsch­lands nichts, aber auch gar nichts, fin­den kann.)

Arti­kel im ND Weim­ar­ta­ge der FDJ laden ein, 04.07.1988

Obli­ga­to­risch mit im Pro­gramm war immer ein Besuch im KZ Buchen­wald inklu­si­ve Film in der Gedenk­stät­te. Gezeigt wur­de Film­ma­te­ri­al, das die Ame­ri­ka­ner nach der Befrei­ung ange­fer­tigt haben. Lei­chen­ber­ge, fast ver­hun­ger­te KZ-Insas­sen und die Wei­ma­rer Bevöl­ke­rung, die auf Anord­nung der Ame­ri­ka­ner durch das Lager geführt wur­de, um zu sehen, was dort pas­siert war. Der Spie­gel hat ein Inter­view mit einer Frau, die als 17jährige Teil die­ses KZ-Besu­ches war. Ich war sie­ben Mal bei den Weim­ar­ta­gen. Ich sage immer, dass die Weim­ar­ta­ge das ein­zi­ge Gute sind, was die FDJ zustan­de gebracht hat. Sechs Mal war ich mit im KZ. Ein­mal habe ich geschwänzt. Man möge es mir ver­zei­hen. Ich kann­te da schon jedes Detail. Ich habe die Öfen gese­hen, die Schrumpf­köp­fe, die Lam­pen­schir­me aus Men­schen­haut.5

Schrumpf­köp­fe und Men­schen­haut mit Täto­wie­run­gen im KZ Buchenwald

Obligatorische Besuche in KZs

Mei­ne Mut­ter hat einen gro­ßen Teil ihrer Jugend in Jena ver­bracht. Im Rah­men ihrer Jugend­wei­he war sie Ende der 50er Jah­re auch im KZ Buchen­wald. Der Besuch eines Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers war für alle Schü­le­rin­nen und Schü­ler in der DDR obli­ga­to­risch. (Sie­he Wiki­pe­dia-Arti­kel zu Jugend­stun­den, die in Vor­be­rei­tung auf die Jugend­wei­he stattfanden.)

Die Ber­li­ner und Bran­den­bur­ger Schü­ler waren alle im KZ Sach­sen­hau­sen. Ich war dort wahr­schein­lich in der 8ten Klas­se. Es gab (und gibt) in Sach­sen­hau­sen Aus­stel­lungs­tei­le, die auf das Leid der jüdi­schen Bür­ger hin­ge­wie­sen haben: Die Bara­cke 38 war das „Muse­um des Wider­stands­kamp­fes und der Lei­den jüdi­scher Bür­ger“.

Ich war außer­dem noch in Lub­lin-Mai­d­anek (1984 bei einer Rei­se im Rah­men einer Schul­part­ner­schaft in Polen). Ich habe die Bara­cken mit den deut­schen Auf­schrif­ten gese­hen. Ich habe die Haa­re und die Schu­he gese­hen. Bara­cken voll damit.

Schu­he von Ermor­de­ten, Maj­da­nek, Polen, August 1944 (Quel­le)

Es gab übri­gens eine inter­es­san­te Umfra­ge des chris­mons, einer Bei­la­ge der ZEIT, die von der Evan­ge­li­schen Kir­che her­aus­ge­ge­ben wird. Nach die­ser Umfra­ge sagen 89 % der Ost­deut­schen, man sol­le unbe­dingt ein­mal im Leben eine KZ-Gedenk­stät­te ­besu­chen. Im Wes­ten sind das nur 77 %.

Zeitzeugen

Auch Zeit­zeu­gen spiel­ten im Osten eine Rol­le. Wie schon gesagt, wur­den sie z.B. in Schu­len ein­ge­la­den. Mei­ne Mut­ter berich­te­te mir von einem Kon­zert­abend 1959 im Volks­haus Jena, bei dem die Pia­nis­tin ihre ein­tä­to­wier­te KZ-Num­mer gezeigt hat. Sie hat nur über­lebt, weil sie für die Nazis gespielt hat.

Holocaust im West-Fernsehen

Die ame­ri­ka­ni­sche Mini-Serie Holo­caust wur­de im Jahr 1979 im West-Fern­se­hen gezeigt (da sich eini­ge Sen­de­an­stal­ten der ARD wei­ger­ten, die Serie im Haupt­pro­gramm zu zei­gen, kam sie dann in den drit­ten Pro­gram­men). Da bis auf die Sach­sen im Tal der Ahnungs­lo­sen alle DDR-Bür­ger West-Pro­gram­me emp­fan­gen konn­ten, dürf­ten eini­ge die Serie gese­hen haben. Nein, jetzt bit­te kei­nen Zusam­men­hang zwi­schen schlech­tem Fern­seh­emp­fang und Wahl von Nazi-Par­tei­en herstellen.

Der Begriff Holo­caust wur­de durch die­sen Film sowohl im Osten als auch im Wes­ten bekannt. Im Osten wur­de sonst von Völ­ker­mord gesprochen.

Wiederaufbau der Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin

Diskussion

Das war der Osten. Im Osten kam man als Schü­ler nicht am Holo­caust vor­bei. Ich war übri­gens auch bei Füh­run­gen in einer jüdi­schen Syn­ago­ge in Ber­lin. Ich wuss­te, dass es in Ost-Ber­lin noch zwei­hun­dert in der jüdi­schen Gemein­de orga­ni­sier­te Juden gab. Und ich wuss­te auch, war­um das so weni­ge waren.

Zum Ver­gleich möch­te ich von einem per­sön­li­chen Erleb­nis in einer süd­deut­schen Stadt Ende der 90er Jah­re berich­ten. Wir durf­ten bei Nach­barn von Bekann­ten über­nach­ten. Dort hing an der Wand ein Bild des Vaters in Uni­form. Waf­fen-SS. Mit Toten­kopf­sym­bol. Eine ganz nor­ma­le net­te Nach­ba­rin (Leh­re­rin), die ande­re in ihrer Woh­nung woh­nen lässt. Kein nor­ma­ler Mensch hät­te sich im Osten sei­nen Vater in SS-Uni­form ins Wohn­zim­mer gehängt. So etwas hät­te es im Osten nie gege­ben. Nie. [Inzwi­schen ist mir noch ein wei­te­rer sol­cher Fall bekannt.]

Kaha­ne schreibt wei­ter: „Dies [die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Holo­caust] hät­te zu Fra­gen nach Men­schen­rech­ten oder Min­der­hei­ten­schutz geführt, die nur bei Stra­fe des Unter­gangs der DDR zu beant­wor­ten gewe­sen wären.“ Das ist eini­ger­ma­ßen bizarr, denn damit rela­ti­viert sie den Holo­caust. In der DDR wäre nie­mand im Traum dar­auf gekom­men so ein biss­chen Rede­frei­heit und Publi­ka­ti­ons­frei­heit, Rei­se­frei­heit mit der sys­te­ma­ti­schen Ermor­dung von Mil­lio­nen Men­schen zu ver­glei­chen. Sol­che Ein­schrän­kun­gen zu erklä­ren, war für die Staats­macht kein Pro­blem. Sie wur­den ja sogar auch damit erklärt, dass ver­hin­dert wer­den soll­te, dass sich so etwas wie­der­holt. Damit das ganz klar ist: Ich war 1989 auf der Stra­ße für Rede­frei­heit, Rei­se­frei­heit und nicht als Sta­si-Mit­ar­bei­ter. Ich ver­ste­he nicht, war­um Kaha­ne schreibt, was sie schreibt. Es ent­spricht jeden­falls nicht der Wahrheit.

Auch legt ihr Satz nahe, dass es in der DDR kei­ne Dis­kus­sio­nen über Men­schen­rech­te gege­ben hät­te. Es gab sehr wohl Men­schen, die sich mit Fra­gen der Men­schen­rech­te beschäf­tigt haben. Die Initia­ti­ve für Frie­den und Men­schen­rech­te wur­de 1986 offi­zi­ell gegrün­det. Vor­her gab es Grup­pen, meist unter dem Dach der Kir­che orga­ni­siert aber nicht not­wen­di­ger­wei­se reli­gi­ös, die den Ein­satz für Men­schen­rech­te als ihr Haupt­an­lie­gen sahen. Dafür brauch­te es kei­ne Holocaust-Diskussion.

„Lügenpresse“ bzw. Pfuschpresse

Der Wes­ten wun­dert sich, war­um der Osten sich anders benimmt, als man das viel­leicht erwar­ten wür­de. Ein Grund dafür sind sol­che Arti­kel in der Pres­se. Sieht man vom Neu­en Deutsch­land ab, gibt es kei­ne Ost-Pres­se mehr. Die West-Medi­en haben immer nur über den Osten geschrie­ben. Die Wes­sis haben über die Ossis gere­det, nicht mit ihnen. Das beginnt sich nun gera­de zu ändern. Es gibt tol­le Arti­kel von Anja Mai­er, Simo­ne Schmoll­ack und Sabi­ne am Orde in der taz6, gute Arti­kel im Spie­gel, von Sabi­ne Renne­fanz in der Ber­li­ner Zei­tung und auch die Zeit ist aktiv um Ände­run­gen bemüht. Aber die oben zitier­ten Bei­trä­ge ent­hal­ten gro­be Unwahr­hei­ten und das macht die, über die gere­det wird, wütend. Es ver­letzt sie, sie wen­den sich ab und sind nicht mehr erreich­bar. Ein Vier­tel der Men­schen, die in die­sem Land leben. Unglaub­lich, oder?

Es ist ein Armuts­zeug­nis, dass die FAZ einen Arti­kel wie den von Gei­pel ein­fach so ver­öf­fent­licht. Wenn sie irgend­was über den Osten wüss­ten, wüss­ten sie eben auch, wie die Schul­bil­dung aus­sah, was die Men­schen gemacht und gedacht haben. Ich habe für das Schrei­ben die­ses Arti­kels einen Sonn­tag gebraucht. Die Quel­len sind im Netz ver­füg­bar. Es gibt sogar ein Buch, das sich mit dem Holo­caust im DDR-Unter­richt aus­ein­an­der­setzt. Wenn es der FAZ wich­tig wäre, wür­den sie Men­schen ein­stel­len, die das nöti­ge Wis­sen für ent­spre­chen­de Dis­kus­sio­nen haben. So ist es ein­fach nur unterirdisch.

Wenn Ost­deut­sche behaup­ten, der Holo­caust wäre in der DDR nicht the­ma­ti­siert wor­den, dann gibt es dafür zwei mög­li­che Grün­de: Sie ver­fol­gen politische/persönliche Zie­le und lügen bewusst oder sie haben die Behand­lung des Holo­caust ver­ges­sen. Ich weiß nicht, was schlim­mer ist.

Literatur

Bodo von Borries

Krauß, Mat­thi­as. 2007. Völ­ker­mord statt Holo­caust. Jude und Juden­bild im Lite­ra­tur­un­ter­richt der DDR. Leip­zig: Ander­beck Verlag.

Krauß, Mat­thi­as. 2012. Völ­ker­mord statt Holo­caust. Jude und Juden­bild im Lite­ra­tur­un­ter­richt der DDR. Schkeu­ditz: Schkeu­dit­zer Buch­ver­lag. Über­ar­bei­te­te Ver­si­on von Krauß (2007).

Danksagung

Ich habe nach der Erstel­lung einer Ent­wurfs­fas­sung die­ses Tex­tes mit vie­len Men­schen gespro­chen bzw. Mail aus­ge­tauscht und den Text dann ent­spre­chend ange­passt. Dafür dan­ke ich ihnen. Beson­de­rer Dank geht an XY für den Hin­weis, mal nach Plas­ti­ken und Brief­mar­ken zu suchen. Über die Wiki­pe­dia­sei­te zu den Brief­mar­ken bin ich dann auch auf die Plas­ti­ken von Will Lam­bert gesto­ßen. Ich dan­ke der Wil­li-Bredel-Gesell­schaft für promp­te Aus­kunft zu Erschei­nungs­da­ten der Früh­lings­so­na­te.

Links

  • Jüdi­sche Gemein­den in Meck­len­burg-Vor­pom­mern: Vom Über­le­ben einer Min­der­heit, Deutsch­land­funk, 17.10.2015.
  • Johann Nie­mann, der Lager­kom­man­dant des Ver­nich­tungs­la­gers Sobi­bor, in dem 180.000 Juden ermor­det wur­den steht auf dem Krie­ger­denk­mal im ost­frie­si­schen Völ­len mit der Inschrift „Unse­ren gefal­le­nen Hel­den“. taz, 26.02.2020
  1. Auch in ande­ren Zei­tungs­ar­ti­keln wird von Ost­deut­schen die Aus­sa­ge ver­tre­ten, der Holo­caust wäre im Osten nicht vor­ge­kom­men (taz, 13.10.2019).
  2. Mat­thi­as Krauß. 2007. Völ­ker­mord statt Holo­caust. Jude und Juden­bild im Lite­ra­tur­un­ter­richt der DDR. Ander­beck Ver­lag, Leip­zig. Das Buch ent­hält einen Dan­kes­brief der Bil­dungs­mi­nis­te­rin der DDR Mar­got Hon­ecker, was wohl dazu bei­tra­gen dürf­te, dass es nicht oft zitiert wird. Ich bin über eine Web­sei­te der AG Frie­dens­for­schung dar­auf gestoßen.
  3. Laut Aus­kunft der Wil­li-Bredel-Gesell­schaft erschien Die Früh­lings­so­na­te erst­mals als Vor­ab­druck aus dem Roman Ein neu­es Kapi­tel in der DDR-Kul­tur­zeit­schrift Sonn­tag, Ber­lin, Jg. 13 (1958), Nr. 29, 20. Juli, S. 8 und Nr. 30, 27. Juli, S. 7–8. Ein wei­te­rer Vor­ab­druck wur­de in: Die Zau­ber­tru­he. Ein Alma­nach für jun­ge Mäd­chen. Band 5, Ber­lin 1959, S. 34–48 ver­öf­fent­licht. Die Novel­le erschien dann in die­sem Jahr auch als Bestand­teil des Roma­nes Ein neu­es Kapi­tel, der lose mit den Haupt­li­ni­en des Wer­kes ver­knüpft ist.
  4. Das Tage­buch der Anne Frank, 1957, Ber­lin (DDR): Union.
  5. Hier noch Anmer­kun­gen der Gedenk­stät­te Buchen­wald zu den Lam­pen­schir­men aus Men­schen­haut, die es wohl gege­ben hat, die aber nicht im Muse­um aus­ge­stellt waren, weil sie noch im Krieg ver­nich­tet wur­den. Das Aus­stel­lungs­ex­po­nat im Muse­um war höchst­wahr­schein­lich nicht aus Men­schen­haut gefertigt.
  6. Die taz hat­te direkt nach der Wen­de einen Ost-Able­ger. Es gab in der taz immer wie­der gute Arti­kel, aber eben auch Eber­hard-Sei­del-Pie­len, der den Ossis mal die Sub­ven­tio­nen strei­chen woll­te, wenn sie sich nicht wohlverhalten.

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