Lars Reyer, geboren 1977 in der Nähe von Zwickau, hat eine neue These über den Osten (und den Westen): Wir waren müde. Sein Aufsatz in der taz mit dem Titel „Irgendwann kommt was“ ist gut geschrieben, aber manche Dinge gefallen mir nicht.
Viele DDRen
Lars Reyer war zur Wende 12, ich war zur Wende 21. Mir ist ja beim Lesen von Katja Heuer (2023) klar geworden, dass man nicht von der DDR sprechen darf. Es gab viele DDRen. Einmal zeitlich mit der entsprechend ausgerichteten Politik. Phasen der Entspannung und Anspannung. Und dann gab es individuell ganz unterschiedliche Erfahrungen. Und es gab lokale Unterschiede.
Müdigkeit
Reyer schreibt:
Die DDR in ihrem Endstadium war ein Land, dessen Müdigkeit und Verfall auf die in ihm lebenden Menschen abfärbte, die ihrerseits müde und verfallen durch den Tag schwappten, der ein Tag war, dessen Ende man herbeisehnte, aber niemals wirklich erwartete.
Diese Müdigkeit war keine individuelle, keine psychologische, sondern eine strukturelle Müdigkeit. Sie war nicht Ausdruck von Faulheit oder Trägheit, sondern das Ergebnis eines jahrzehntelangen Umgangs mit Forderungen, die ihrerseits entweder aus Unter- oder Überforderungen bestanden; eines Lebens unter Bedingungen, die jedes Versprechen auf Zukunft entwerteten, ehe es ausgesprochen war. Vielleicht, so könnte man sagen, war diese Gesellschaft eine, die das Prinzip Hoffnung durch das Prinzip Erschöpfung ersetzt hatte. Der Mensch, dieser geschundene, vom Produktionsplan genormte Organismus, war im Grunde nichts anderes als eine wandelnde Sollgröße. Seine Funktion bestand darin, zu funktionieren.
Jetzt also Müdigkeit. Eine neue These über den Osten. Ich stimme mit Reyer überhaupt nicht überein. Das ist sicher auf den Altersunterschied zurückzuführen. Lars Reyer berichtet über seinen Vater und sein Umfeld, das müde und vielleicht resigniert war. Für mich und viele andere war die Zeit in den 80er Jahren eine Zeit der Empörung aber auch der Hoffnung. In der Sowjetunion hatte Gorbatschow übernommen. Glasnost und Perestroika zogen ein. Das war auch in den Medien dort wahrnehmbar und schwappt zum Teil auch in die kleine DDR. In der sowjetischen Politzeitschrift Neue Zeit, die es auch in der DDR gab, standen unerhörte Dinge. Der Sputnik wurde verboten, Nummern der Neuen Zeit nicht ausgeliefert. In den Studiokinos der DDR waren Filme wie Vogelscheuche zu sehen (1983 in der SU, 1987 dann endlich in der DDR), die der sowjetischen Gesellschaft ihr Bild vor Augen hielten in Form vom Umgang von Kindern untereinander. Unglaublich! Jadup und Boel kam 1988 in die Kinos. Ein sehr kritischer Film, der von 1980 bis dahin im Eisschrank gelegen hatte.
Die Menschen äußerten ihren Unmut immer offener. Der Wahlbetrug bei den Kommunalwahlen im Mai wurde 1989 von kirchlich organisierten Gruppen zum ersten Mal nachgewiesen. Meine Schwester war bei Auszählungen in Wahllokalen dabei. An jedem siebten des Monats versammelten sich Oppositionelle an der Weltzeituhr am Alex. Beim Sport in der Woche vor dem 7. Oktober, dem 40. Jahrestag der DDR, bei dem am Alexanderplatz demonstriert und protestiert werden würde, sagte ich zu den anderen: Da kommt was!
Es gab geduldete Untergrundmusik mit kritischen Texten. (Punk, die anderen Bands)
Sandow offen staatskritisch mit „Wir können bis an unsere Grenzen geh’n / Hast du schon mal drüber hinweg geseh’n / Wir bauen auf und tapeziern nicht mit.“ Der Tapezier-Vers war die Fusion von Honeckers Lieblingslied „Bau auf, bau auf, Freie Deutsche Jugend bau auf!“ und dem Spruch: „Würden Sie, nebenbei gesagt, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?“, der von Honecker kam und Kurt Hager zugeschrieben wurde.
Auch AG Geige war sehr schön. Die hatten den Song Zeychen & Wunder. Der erschien sogar noch auf ner Amiga-Platte.
Sie lebten in Zeiten von Zeychen und Wundern, wo sind sie hin, niemand sah sie gehn? Trotz alldem verbleiben noch ein, zwei Sekunden, vielleicht wird ja doch noch ein PIEPS geschehen.
AG Geige. 1989. Trickbeat Amiga. Zeychen und Wunder
Weiß nicht, ob man dem als nicht Zensur-Erfahrener etwas abgewinnen kann, aber ich finde es großartig.
AG Geige war Dada, Multimedia und für Funktionäre wohl unverständlich.
Theaterstücke, in denen man Kritik am Staat finden konnte, wenn man genauer hinschaute als die Zensur. In Heiner Müllers Stücke konnte man auch diverse Dinge hinein- oder herauslesen. Müller produzierte zusammen mit den Einstürzenden Neubauten beim Rundfunk der DDR Hörspiele. Selbst Faust und Shakespeare waren interessant. Theater war für mich damals viel, viel wichtiger als heute. Eben weil dort staatskritische Nachrichten übermittelt wurden. Damit haben die Akteure auch etwas bewirkt. Das funktionierte nur, weil es Zensur gab und es mutig und gefährlich war, dagegen aufzubegehren. Das ist heute anders. Vielleicht wird es bald wieder so. Oder so ähnlich.
Die ganze Untergrundkunst in Dresden und Berlin (und sicher auch anderswo). Ausstellungen in Wohnzimmern. In die man nur reinkam, wenn man vorher auf dem Konzert schräger Bands den Zettel mitgenommen hatte.
Es brodelte und blubberte überall. Es stank, aber das war Teil vom Ganzen.
Es war klar, dass etwas passieren würde, nur nicht genau was. Wie Reyers Vater gesagt hat: „Da kommt was!“. Bei der Armee mussten wir im Juni alle die chinesischen Propaganda-Filme sehen. Meine Kumpels waren dann auch im Oktober mit Schlagstöcken in Dresden. Ich war zum Glück schon raus. Wie es ablief, kann man Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ nachlesen.
Wir glaubten, dass wir den weiteren Verlauf würden steuern können, wenn sich die chinesische Lösung vermeiden ließe.
Wir lagen falsch.
Wir waren … wir waren alles, nur nicht müde.
Wir waren naiv.
Lebenserwartung
„Ein Land mit einer „in Bezug auf die entwickelten westlichen Nationen relativ abnehmende(n) durchschnittliche(n) Lebenserwartung“, wie der Soziologe und Publizist Wolfgang Engler in seiner etwas pathetisch betitelten Ethnologie „Die Ostdeutschen, Kunde von einem verlorenen Land“ ganz beiläufig notiert.“
Naja, das hört sich jetzt dramatisch an. Als wären wir alle so dahingestorben. Was da aber genau steht ist, dass die Lebenserwartung sich nicht genauso schnell erhöht hat wie im Westen. Aber sie hat sich erhöht. Hier ist eine Abbildung von der Bundeszentrale für politische Bildung (Bötcher, 2022).
Lebenserwartung in der DDR und in der BRD von 1951–2010 nach (Bötcher, 2022).
Allerdings kann man dem Artikel der BPB auch entnehmen, dass das DDR-Gesundheitssystem zum Ende vom Westen unterstützt wurde. Ich habe als Jugendlicher selbst West-Medikamente bekommen, nachdem die Formulare von zwei Ärzten unterschrieben worden waren.
Warmes Bier
Unter einem Bild des Autors steht: „Man saß nach der Frühschicht in den Gärten, redete wenig, trank Bier aus lauwarmen Flaschen.“
In der Diskussion auf Mastodon habe ich dann erfahren, dass es mancherorts üblich ist, warmes Bier zu trinken. In Thüringer Gaststätten gab es sogar Tauchsieder, um das Bier aufzuwärmen, wenn es zu kalt war. Wie dem auch sei: Mir ist unklar, warum die Temperatur für den restlichen Artikel dann relevant sein soll und warum der Autor diesen Umstand erwähnt hat.
Unsere Kühlschränke waren übrigens von der Firma DKK (Foron), die als erste FCKW-freie Kühlschränke hergestellt haben, dann aber von westdeutschen Firmen mit Kampagnen platt gemacht wurden.
Befindlichkeiten. Leere?
Ein Rückzug auf das Ich, das einen, wenn man genau hinhörte, nur allzu oft zurück anschwieg.
Wir haben ja Lyrik gemacht und unser selbst gedrucktes Heft hieß Befindlichkeiten. Wir haben in uns hineingehört. Genau. Aber unsere Ichs haben nicht geschwiegen. Sie haben geschrien.
Und woher will er wissen von der Leere? Wenn alle geschwiegen hätten, woher will er dann wissen, dass sie auch von ihrem Selbst angeschwiegen wurden?
Die Einstürzenden Neubauten aus West-Berlin dagegen waren leer. Ohne Angst:
Wir sind leer / Glaub mir Wir sind leer Die Zeit hat ihre Kinder längst gefressen Und sie ist satt Komm her komm mit Sieh zu wie die Zeit Zerfällt vor unsern Augen Komm her komm mit Wir sind leer – ohne Angst Wir sind leer Endgültig / vollständig / leer Abstieg & Zerfall
Einstürzende Neubauten. 1981. Abstieg und Zerfall, Kollaps.
Wir waren voll. Und ohne Angst. Vielleicht waren wir naiv. Vielleicht hätten wir Angst haben sollen, aber in den 80ern hatten wir keine. Meine Schwiegereltern berichteten von den 50er Jahren. Wenn vor dem Haus eine Autotür klappte, hatten sie Angst, abgeholt zu werden, denn in ihrer Umgebung hatte keiner ein Auto. In den 80er Jahren hatten viele eins und wir hatten keine Angst mehr, abgeholt zu werden. Ich habe vor kurzem meine Stasiakte erneut angefordert und habe die Auskunft erhalten, dass ich erfasst wurde. Ich weiß aber noch nicht weshalb. Ich habe damals schon immer zu allen gesagt, dass man davon ausgehen muss, dass immer einer dabei ist, es wäre bitter, wenn es jemand war, der mir wichtig war.
Vielleicht war das ja Spaß. Oder literarisch überhöht. Wenn, ja, hab ich’s nicht mitbekommen. Tut mir Leid.
Also: Es ist falsch: Wir hatten Bücher. Viele! Und gute! Auch von westlichen Autor*innen und Klassiker natürlich auch. Wir hatten Schallplatten. Aus’m Osten und aus dem Westen (Lizenzpressungen und Platten aus Ungarn und der CSSR). Wir hatten Kassetten mit Aufnahmen von den Platten, die wir anders nicht kriegen konnten. Im DDR-Radio wurden West-Platten zum Mitschneiden gesendet. Wir hatten Radios mit Westmusik. Wir hatten Tonbänder, Kassettenrecorder, Plattenspieler. Wir hatten Fernseher (alle außer meiner Familie, die erst spät einen kleinen Sharp-Fernseher (5P-27G) hatte, der selten genutzt wurde). Es gab sogar Farbfernseher und als wir 1990 in Moskau waren, stellten wir fest, dass die DDR-Fernseher besser waren als die dort üblichen. Wir hatten Fahrräder, zwar nicht so toll wie die im Westen und gar nicht zu vergleichen mit denen von heute, aber die fuhren auch. Ich habe 150km-Touren damit gemacht.
Manche hatten Grundstücke mit Häusern oder kleinen Gärten, manche hatten Autos. Doch wirklich! Der Autor zeigt ja selbst ein Bild seines Vaters in einem Garten vor einem Bungalow und spricht von Gärten in der Mehrzahl. Manche dieser Gärten waren gepachtet, manche aber auch gekauft. Mein Schulfreund, den ich zum Schach gebracht habe und der später gegen Kasparow (oder Karpow?) spielen sollte, hatte einen Garten mit Swimming-Pool (ich habe schippen geholfen) und sie hatten eine Citroën. Mit höhenverstellbarem Fahrwerk. Jawohl! Hier zur Geschichte des Imports des Citroën GSA Pallas. Mein Gott, jetzt lerne ich noch im hohen Alter Automarken.
Mein Großvater war Koch in der Betriebskantine des Stickstoffwerks in Piesteritz. Meine Oma war vor dem Krieg Zimmermädchen, dann Hausfrau (ein Kind) und ab 1961 ungelernte Chemiearbeiterin in einem Industriebetrieb in Wittenberg (Wittol). Also kein gehobenes Bürgertum, sondern ganz normale Leute. Sie wohnten seit ich denken kann in einer soliden Zweizimmerwohnung mit Waschmaschine und Kühlschrank. Hatten einen Kleingarten, zeitweise sogar zwei, und einen Motorroller, ab 1968 einen Trabbi und später einen Moskwitsch in einer eigenen Garage. Alles hart erspart vom Gehalt meines Großvaters. Mein anderer Großvater war Ingenieur mit Einzelvertrag bei Zeiss. Meine Oma war Hausfrau mit drei Kindern. Mein Großvater hatte einen Polski-Fiat (auch mit Garage). Sie wohnten in einer Altbauwohnung und nach dem Tod der Großmutter und dem Auszug der Kinder wohnte mein Großvater in einer Zweizimmerwohnung in der Straße der Kosmonauten (heute Closewitzer Straße) in Jena. Meine Eltern waren beide Wissenschaftler. Sie hatten einen Lada und auch einen Garten in der Nähe von Eberswalde (per Anzeige in einer Zeitung gefunden). Man musste lange auf ein Auto warten, und als ich klein war, ist mein Vater immer mit der Bahn von Berlin nach Wittenberg zu meinem Großvater gefahren und hat deren Auto geborgt, mit dem wir dann in den Urlaub gefahren sind, aber uns gehörte doch wesentlich mehr als unsere Körper.
Im Folgenden möchte ich drei Bereiche genauer angucken: die Armen, die Reichen und die große Masse, stellvertretend dafür die Gruppe der Industriearbeiter*innen, für die am Ende der DDR genaue Daten erhoben wurden.
Rentner*innen
Wenn man nach Armut in der DDR im Netz sucht, findet man eigentlich hauptsächlich den Verweis auf die Promotion B von Klaus-Peter Schwitzer und es taucht an diversen Stellen dieses Stück Text auf:
Bezogen auf das Geldeinkommen »lebten in der DDR 1970 circa 65 Prozent, 1980 etwa 50 und 1988 rund 45 Prozent der Rentnerhaushalte im Bereich der Armutsgrenze«, so Klaus-Peter Schwitzer. Kein Wunder also, das noch zahlreiche ältere Menschen berufstätig waren.
Die Armut ist hier relativ zum sonstigen Einkommen der Bevölkerung (äquivalenzgewichtetes Haushaltseinkommen). Die Rente ergab sich aus dem Durchschnittseinkommen der letzten zwanzig Jahre. Das bedeutete, dass – entsprechende ostdeutsche Erwerbsbiografien vorausgesetzt – man mehr Rente bekommt als das erste Gehalt. Da es aber bei den Waren des täglichen Bedarfs keine Inflation gab, weil die Preise auf Vorkriegsniveau eingefroren waren, hatte man als Rentner*in auf alle Fälle ausreichend Geld, um die Waren des täglichen Bedarfs kaufen zu können.
Zum Ende der DDR war ein großer Teil der Frauen (1982 waren es 90 %, die höchste Beschäftigungsquote weltweit) werktätig und hat also auch über ein eigenes Einkommen verfügt. Das war in den Anfangsjahren der DDR nicht so und der Anteil der Teilzeitarbeit war höher. Renten fielen dann entsprechend niedriger aus. Frauen hatten aber das Recht, bereits mit 60 Jahren in Rente zu gehen. Sie könnten dann freiwillig bis zum Beispiel 65 weitergearbeitet haben. Bei Männern lag das Renteneintrittsalter bei 65 Jahren. Was übrigens auch oft bei solchen Diskussionen vergessen wird: Das Sozialleben spielte sich zu einem großen Teil in Betrieben ab bzw. wurde über die Betriebe organisiert. Wolfgang Beck, Direktor des Elektromotorenwerkes in Wernigerode hat darüber in seinem Buch geschrieben (Beck 2023). Deshalb hat es auch für viele nach der Wende wie der blanke Hohn geklungen, wenn Westdeusche meinten, die Ossis sollten nicht so rumjammern, sie bekämen ja jetzt Arbeitslosengeld und es ginge ihnen besser als vorher.
Im Wikipedia-Entrag über Sepulkralkultur in der DDR kann man lesen, dass die Witwenrente 60 % des Rentenbetrags des Ehepartners betrug. Die Witwenrente wurde ebenfalls ab 60 bzw. 65 Jahren ausgezahlt (Wikipedia zitiert die Rentenverordnung von 1974).
Der Gender-Pay-Gap zwischen Männern und Frauen betrug übrigens nur 16 % im Vergleich zu 30 % im Westen (Stephan & Wiedemann, 1990: 550), was aber nicht daran lag, dass sie auf derselben Stelle schlechter bezahlt wurden, sondern daran, dass sie auf Stellen mit niedrigerer Qualifikationanforderung arbeiteten.
Also: Wirklich eng konnte es für alleinstehende Personen in schlecht bezahlten Jobs werden. Dazu zählten auch typische Frauenberufe wie Näherin und Weberin. Kindergärtnerin war übrigens ein Studienberuf mit einem vierjährigen Studium an der Pädagogischen Hoschschule (Zeitzeugenbericht). Der MDR hatte als Beispiel eine Gemeindekrankenschwester, die ihr Leben lang 300 Mark verdient hatte (MDR 2021). Im Schnitt betrug die Rente 1989 laut MDR 426,88 Mark und zusammen mit der Freiwilligen-Zusatzrente 520,13 Mark.
Im nächsten Abschnitt bespreche ich kurz die Millionäre, die es in der DDR auch gab, und danach komme ich zum eigentlich wichtigen Teil, der Masse der Werktätigen.
Millionäre
Bei anderen Armutsdisskussionen spielen sie keine Rolle, aber wenn man Aussagen hat wie „Denn der eigene Körper war das Einzige, was in diesem Land wirklich einem selbst gehörte – und selbst das nur bedingt.“, dann kann man auch darauf verweisen, dass es in der DDR Millionäre gab. Laut MDR waren es 40.
Der reichste war der Wissenschaftler Manfred von Ardenne. Er war reicher als Jeff Bezos, denn er hatte ein Konto ohne Begrenzung, von dem er einfach nehmen konnte, was er wollte. Ansonsten gab es reiche Künstler*innen, Schauspieler*innen, Antiquitätenhändler*innen und Handwerker*innen. Der MDR nennt einige Namen:
Die Wirtschaftsformen, in denen Heinz Borman operierte, sind interessant. Seine Firma wurde 1972 privatisiert, womit sich letztendlich der Staat selbst schadete. Hier wieder der Verweis auf die verschiedenen DDRen.
Interessanterweise war – wenn man von Ardenne mit seinem virtuellen Konto absieht – der am reichsten, der die Ausreiseangelegenheiten für politisch Verfolgte und Wirtschaftsflüchtlinge organisierte. Wolfgang Vogel verdiente Millionen in Ost und West.
Die 40 Millionäre waren natürlich besonders, aber es gab unterhalb dieser Grenze auch Menschen, die über dem Normalen lebten. In meiner Klasse war ein Junge, der war Sohn eines Onkologie-Professors am Klinikum Buch. Sie hatten einen Volvo und seine Mutter war die einzige Frau in der DDR, die ich kannte, die nicht arbeitete. (Dass meine beiden Großmütter in den 50er Jahren nicht gearbeitet hatten, habe ich erst 2026 erfahren.)
Die Puhdys hatten vor der Wende fast 20 Millionen Alben verkauft. Citys Song Am Fenster 10 Millionen Mal. Die Bands dürften nicht am Hungertuch genagt haben.
Wissenschaftler*innen
Wenn es einem in der DDR ums Reichwerden ging, wurde man eher nicht Wissenschaftler*in. Wenn man Wissenschaftler*in werden wollte, musste man zwei Jahre länger zur Schule gehen und fünf Jahre lang studieren und bekam 200 Mark Stipendium (plus evtl. Leistungszulagen und Zulagen für längeren Wehrdienst). Einen Beruf konnte man in einigen Jahren lernen und dann direkt Geld verdienen. Wollte man promovieren, so fand das überwiegend in der Freizeit statt. Anders als das heute üblich ist, erstreckte sich das über längere Zeit und man war dann mit ca. 40 Jahren promoviert. Heute schließt sich die Promotionsphase normalerweise direkt an das Studium an. Für Stellen mit Befristung von bis zu sechs Jahren muss es ein Qualifikationsziel geben. Danach kann weitere sechs Jahre befristet eingestellt werden, wenn es wieder ein Qualifikationsziel gibt: die Habilitation. In dieser Zeit arbeiten die Mitarbeiter*innen auf halben oder ganzen Mitarbeiterstellen zu Angestelltentarifen.
Meine beiden Eltern haben eine Doktorarbeit geschrieben. Das geschah in der Freizeit. Sie waren mit X und Y Jahren fertig. Mein Vater hat mit Z Jahren die Promotion B verteidigt (entspricht der Habilitation). Ich weiß von einer Frau, die gegen Ende der DDR ein Stipendium für die Promotion B bekommen hat. Das betrug 80 Mark. Von 80 Mark konnte man mit Kind nicht leben. Sie waren also auf das Gehalt des Mannes angewiesen.
In der Industrie lagen die Gehälter der Menschen mit Hochschul- oder Fachschulabschluss über denen der Arbeiter*innen, aber der Unterschied war im Vergleich zum Westen wesentlich geringer: Im Osten hatte man 15% mehr Netto, im Westen 70% (Stephan & Wiedemann 1990: 550).
Arbeiter*innen und Angestellte in der Industrie
Reyer schreibt von der Frühschicht, nach der sein Vater im Garten saß und Bier trank. Schichtarbeiter haben Schichtzuschläge bekommen. Hier sind die Gehälter aus einer Studie mit 2,4 Mio Beschäftigten aus dem Jahr 1988. Stephan & Wiedemann (1990) berichten detailliert darüber, wie sich die Löhne zusammengesetzt haben und wie sich Netto vom Brutto unterschied. Als Schichtarbeiter*in bekam man teilweise hohe Zulagen. HF-Kader waren die Studierten.
Meine Frau hat vom September bis Dezember 1985 in einem so genannten Vorpraktikum in der Glashütte Derenburg gearbeitet und dort 500 Mark pro Monat verdient. Für Hilfsarbeit ohne jegliche Ausbildung. Im Januar bis Juli 1986 hat sie im Porzellanwerk Triptis gearbeitet. Sie hat dort im Zweischichtbetrieb 8000 Teller pro Schicht glasiert. Die Teller wurden in die Glasiermaschiene eingelegt und wieder herausgenommen und dann in die Brennkapsel eingelegt. Monotone Arbeit. Stundenlang. Wahrscheinlich sah sie nach der Schicht müde aus. Und leer. Ich weiß es nicht. Wir haben uns in den 80ern nur ab und zu mal in Weimar, auf Konzerten und im Theater getroffen.
Nach Aussage meiner Frau hätte jede und jeder dort sofort ungelernt anfangen können.
Ich habe als Jugendlicher gearbeitet (Krankenhaus, Post, Bussewaschen bei den Berliner Verkehrsbetrieben, BVB). Da bekam man 2,55 oder 3,25 Mark pro Stunde. Ich konnte mir so einen Radiorekorder und später eine Stereoanlage mit Kassettenrekorder zusammensparen.
Ich weiß nicht, was genau der Vater des Autors gearbeitet hat, aber ich kann mir vorstellen, dass man in einer Familie mit vier Kindern (falls es nicht andere Verwandte oder Bekannte waren, die in der 55 km2-Wohnung wohnten) nicht viel Geld übrig hat. Allerdings gab es für kinderreiche Familien auch Förderung vom Staat. Mitte der 80er sogar schon ab drei Kindern. Wir haben welche bekommen. Und als Student konnte man von 200 M Stipendium leben, wenn also beide Elternteile gearbeitet haben, dann müsste auch Geld für Geschenke dagewesen sein. In Wikipedia findet man eine Liste mit den in der DDR einheitlich geltenden Preisen. Die Preise für Waren des alltäglichen Bedarfs waren auf Vorkriegsniveau eingefroren worden. Mieten, Lebensmittel, Mobilität, Kleidung (die man nicht unbedingt anziehen wollte und auch nicht in allen nötigen Konfektionsgrößen, nur für Mittelmaß), Porto.
Und irgendwer dort muss auch einen Fotoapparat gehabt und die Farbabzüge bezahlt haben. Sonst gäbe es die Bilder vom Vater des Autors nicht.
Zusammenfassung
Dass wir nichts besaßen, ist einfach falsch. Und das mit unseren Körpern, ja, das war bedingt, denn man wurde zu allem Möglichen gezwungen. Zum Beispiel zum Wehrdienst. Und schon vorher zu paramilitärischer Ausbildung in der Schule.
Der kaputte Sozialismus
Der Sozialismus, so wie er sich in den späten Achtzigerjahren in der DDR zeigte, war gewissermaßen das politische Äquivalent einer stur am Laufen gehaltenen Industriebrache. Alles pfiff auf dem letzten Loch, die Kessel dampften und zischten und standen kurz vorm Zerbersten, aber irgendwo fand sich immer unverhofft ein Werkstoff, den man zum Ersatzteil umfunktionieren konnte. Irgendjemand fand am Schluss doch immer ein Ventil, um den Druck wieder abzulassen. Die Kessel explodierten vorerst nicht.
Ja, ich habe ja vor 1986 diverse Betriebe besichtigt. Toll, war’s nicht. In der Armeezeit war ich in Espenhain. Das war ein Braunkohlekraftwerk, was aber auf Verschleiß gefahren worden war. Kaputt. An vielen Stellen. Und die absolute Ökokatastrophe. Die Anwohner*innen litten an Atemwegserkrankungen und Ekzemen.
Es gab einige mehr oder wenig gut funktionierende Betriebe. Das VEB Elektromotorenwerk Wernigerode (Elmo) gehörte dazu. Wolfgang Beck, der letzte Betriebsdirektor hat darüber in seinem Buch berichtet (Beck 2023). Auch wie man mitunter mit Devisen Material beschaffen musste. Und darüber, was passierte, wenn man keine Arbeitskräfte mehr hatte, weil es eine Amnestie gab.
Letztendlich dürfte der CSU-Mann Strauß die DDR mit Hilfe eines Milliardenkredits noch ein paar Jährchen über das eigentliche Ende hinaus am Leben gehalten haben.
Warten, aber worauf?
Denn da (und obwohl) alles eingerichtet und alles geregelt war, ahnte man, dass es nicht mehr lange so weitergehen konnte, weil alles Eingerichtete und alles Geregelte wie ein unendlich andauerndes Provisorium erschien. Es war eine Zeit des Wartens – worauf, das wusste niemand so genau.“
Natürlich wussten wir, worauf wir warteten. Auf Glasnost und Perestroika.
Die Band Gefahrenzone aus Saalfeld richtete sogar ein Lied an Gorbatschow und wurde dann prompt von der Stasi zersetzt. Aber die Tapes waren im Umlauf. Ich bekam es von einem Freund, dessen Opa beim ZK war. So war das.
Sie sangen: „Genosse Gorbatschow, wo gehen Sie hin? Wir brauchen genau solche Reformen wie Sie in der UdSSR.“
Airtime bei Parocktikum 1987–1989 für die Saalfelder Band Gefahrenzone, gegen die ein Operativer Vorgang bei der Stasi lief.
Erzählen in kurzen Sätzen
Und so begann, im Rückblick, ein fieberhaftes Nachholen von Geschichten, ein Erzählen, das manchmal an Selbstrechtfertigung grenzte. Die Müdigkeit wich der Erzählung – aber in der Erzählung blieb sie als Schatten.
Das ist perfide. Die, die nicht einfach nach der Wende verstummt sind, versuchen etwas gegen den Mainstream zu setzen. In kurzen Sätzen. In vielen kurzen Sätzen. Wie Daniela Dahn anmerkte. Man braucht ein ganzes Kapitel, nur um zu zeigen, was an einem vergifteten oder einfach nur idiotischen Satz falsch ist. Und vielleicht ist die Müdigkeit auch neu. Und sogar eine kollektive Müdigkeit. Die Müdigkeit einer Gruppe. Einer Gruppe, zu der ich nie gehören wollte, zu deren Bestandteil ich und viele andere aber gemacht wurden.
Diejenigen, die früher geschwiegen hatten, begannen zu sprechen. Aber ihre Sätze blieben kurz.
Die Müdigkeit, die früher kollektiv war, ist heute individuell. Damals war man müde vom Staat; heute ist man müde von sich selbst.
Die Freiheit hat die Erschöpfung nicht aufgehoben, sie hat sie privatisiert.
Meine Schwiegereltern berichteten von einem Kollegen aus dem Westen, der in den 70ern zu Besuch kam und fand, dass in der DDR selbst die Babys grau wären. Ich habe oben von Besitz gesprochen. Ich besaß eine Platte mit Liedern vom Kleinen Prinzen. Eins davon hieß: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Menschen, die nur grauen Babys und nur müde Bürger gesehen haben, vermochten nicht mit dem Herzen zu sehen. Konnten nicht sehen, was unter der Oberfläche war und wie es dort brodelte. Bei vielen.
Die Bubble
Ich habe Eingangs erwähnt, dass mir klargeworden ist, dass es die DDR nicht gibt. Es hat jeder Ossi seine und dann gibt es noch das Gemisch vom Westen. Nun kann man sagen: „Ja, Stefan, dann ist das, was Du schilderst, eben Deine.“ Das kann man sagen, aber ich möchte doch zu bedenken geben, dass ich Ende der 80er mit ganz vielen Menschen in wirklich verschiedenen Kontexten zusammengekommen bin. Das ist – verglichen mit allem, was bei mir danach kam und vielleicht auch heute an Blasenbildung üblich ist – ein wirklich großer Querschnitt der DDR-Bevölkerung gewesen. Ich zähle einfach mal ein paar Dinge auf:
Großeltern in Jena und Wittenberg aus verschiedenen Milieus
Armeezeit: sechs Monate unter Unteroffiziersschülern (hauptsächlich mit Abitur aus allen Landesteilen) zweieinhalb Jahre Unteroffizier auf Zeit mit Soldaten und Unteroffizieren aus allen Landesteilen und Bevölkerungsschichten. Ich war sowohl mit Soldaten als auch mit Unteroffizieren befreundet. Das ging in Kamenz, weil der Druck da nicht so hoch war, wie anderswo, denn es sollten ja auch mithilfe der Wehrdienstleistenden Offiziersschüler ausgebildet werden. Ich hatte auch Gespräche mit Offiziersschülern, auch solchen, die „abgekeult“ haben = nachträglich festgestellt hatten, dass sie nicht länger als notwendig in der NVA dienen wollten. Wir hörten gemeinsam Musik.
Im Winter 1987 war ich drei Wochen in der Kohle in Espenhain und habe da in der Nachtschicht gearbeitet. Ich war als einziger Armist einer Gruppe von fünf, sechs Arbeiter*innen zugeordnet.
Kontakte in die Kulturszene: Musik, Theater, Weimar, Berlin, Dresden
Über die Musik Kontakte in die Kirche (Erlösafestival 1988 in der Erlöserkirche mit Gruppen ohne Spielerlaubnis und mit Stasi um das Kirchengelände)
Volkshochschule in Kamenz: Russischkurs für die Vorbereitung auf die Uni. Auf dem Weg zurück von der Volkshochschule in die Kaserne sprach ich oft mit einer gleichaltrigen Frau, die bei den Adventisten des siebten Tages war. Wir sprachen über Gott und die Welt.
Ich war beim Sport (Karate bei Berlin-Chemie) und bin auch da mit Menschen aus anderen Kreisen zusammengekommen.
Ich denke, ich war mit 21 zur Wende auch noch jung, aber ich habe doch schon viel mehr mitbekommen, als die Vier- bzw. Zwölfjährigen. Und viel besessen! Ich hätte nie gedacht, dass ich mal mit meinem Besitz angeben würde. Aber hier: Das war meins. Es hat 6600 Mark gekostet und das sind nach heutigen Maßstäben fast 20.000 Brote. Und dann hatte ich noch eine Kamera (BX20) mit Objektiv. Aber keine Hosen. Die gab es in meiner Größe nicht.
Bild von HMK-Stereo-Anlage mit Tangentialarm-Plattenspieler (mach ich mal, wenn ich Zeit habe).
Zusammenfassung
Die Zusammenfassung hatte ich eigentlich schon 1989 während meiner Militärzeit in Kamenz geschrieben: Bei mir waren die Menschen nicht müde. Sie haben gelächelt und sind gegangen:
Kamenz 12.01.89 Einer nimmt den Zirkus ernst. Sitzt unbeweglich, starr auf der harten Sitzbank. Er denkt an nichts, als daran, korrekte Haltung zu bewahren. Streicht die blaugrüne Jacke glatt und überprüft den Sitz seines Ordens. Rings die Leute lächeln, in ihre eigenen Gedanken versunken. Die Manege ist leer. Es ist ruhig. Man ist ruhig. Nach einiger Zeit verlassen die Leute einzeln das Zirkuszelt. Der Mann mit dem Orden ist der letzte.
Und sie waren in ihre eigenen Gedanken versunken! Individuen, die gelächelt haben. Und sie haben nicht mitgemacht. Sie sind gegangen. Aus der Manege. Nicht aus dem Land oder dem Leben. Sie wussten: „Da kommt was!“
Ich denke, in diesem kurzen Text ist alles drin.
Quellen
Beck, Wolfgang. 2023. Alles hat ein Ende – auch die Marktwirtschaft. Wolfgang Beck, der letzte Betriebsdirektor des VEB Elektromotorenwerk Wernigerode (Elmo), erzählt von der Planwirtschaft und dem wirtschaftlichen Ab- und Aufbruch nach 1990 (Rohnstock Biografien). Arnstadt: THK-Verlag.
Stephan, Helga & Wiedemann, Eberhard. 1990. Lohnstruktur und Lohndifferenzierung in der DDR Ergebnisse der Lohndatenerfassung vom September 1988. Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 23(4). 550–562. (https://doku.iab.de/mittab/1990/1990_4_MittAB_Stephan_Wiedemann.pdf)
Ich kann es nicht glauben, dass ich zu diesem Tag noch nichts geschrieben habe. Jedenfalls kann ich nichts finden. Am 7.10.1989 gab es in Berlin die monatliche Demonstration, die seit der durch die kirchlich organisierte Opposition nachgewiesene Wahlfälschung am 7. Mai 1989 monatlich stattfand. Gorbatschow war in der Stadt, Honecker wollte mit ihm und ein paar rangekarrten FDJlern den 40. Jahrestag der Gründung der DDR feiern. Das misslang gründlich. Ich habe darüber bereits in Der Anfang vom Ende (Republikgeburtstag) geschrieben. Die Demonstration der Oppositionellen fand statt. Behelmte Polizisten mit Schlagstöcken und Räumpanzer waren im Einsatz. Am 8.10. und 9.10. fanden Gottesdienste in der Gethsemane-Kirche statt. Damals verfügten nur wenige meist privilegierte Menschen über Telefone (Ärzte, Funktionäre, Stasi, Menschen in Neubauvierteln und sonst wie Glückliche). Die Kommunikation war in Krisenzeiten also eingeschränkt. Kirchen verfügten über Telefone und organisierten den Austausch und den Widerstand. Ich war an diesen Tagen auch bei den Gottesdiensten. Es wurden Gedächtnisprotokolle von Menschen verlesen, die von der Stasi verhaftet worden waren. Es wurden die Zahlen von Menschen verkündet, die in anderen Städten verhaftet worden waren. Zu diesem Zeitpunkt war alles noch unklar. Niemand wusste, wie es enden würde. Ich war im August aus der Armee entlassen worden, aber sie hatten uns nach dem Massaker auf dem Tian’anmen-Platz chinesische Propagandafilme gezeigt. Alle mussten teilnehmen. Es war klar, warum wir diesen Film sehen mussten: Wir sollten auf die Niederschlagung eines Volksaufstandes vorbereitet werden. Krenz war in Peking und bekundete seine Solidarität (siehe auch Wikipedia-Eintrag zu internationalen Reaktionen). Meine Freunde, die noch bei der Armee waren, waren an diesem Tag vor Dresden im Einsatz. Sie hatten Schlagstöcke und Helme bekommen und standen außerhalb der Stadt bereit. Im Roman Der Turm von Uwe Tellkamp sind entsprechende Szenen enthalten. Von diesen Einsätzen wusste ich damals nichts, ich habe das erst später erfahren, aber dass die Lage ernst war, war klar.
Nach der Veranstaltung wollte ich die Kirche verlassen, aber vor dem Eingang staute sich die Menge. Die Kirche war von Polizisten umstellt. Kirchen hatten in der DDR einen besonderen Status: Die Kirche hatte in ihren Kirchen und auf dem umgebenden Gelände Hausrecht. Die Polizei hielt sich daran und blieb draußen. Die Stasi offiziell auch. Inoffiziell war in jeder Gruppe von drei Oppositionellen ein Stasispitzel (zugespitzt). Mitunter auch in Ehen, also Zweiergruppen (siehe Vera Wollenberger/Lengsfeld). Für uns bedeutete der Sonderstatus der Kirchen, dass wir auf dem Kirchengelände sicher waren, aber irgendwann mussten wir es ja verlassen. Wir standen auf den Kirchenstufen direkt neben der Jesus-Statue, der Sockel war von Wachsbergen bedeckt.1 Hier fand seit einiger Zeit eine Mahnwache statt und es wurden immer wieder Kerzen entzündet. Wir standen also direkt neben Jesus und riefen: „Keine Gewalt! Keine Gewalt!“. Neben mir stand ein stadtbekannter Punk, er rief es mit geballter Faust.
Der Pfarrer verhandelte mit der Polizei und wir konnten das Kirchengelände ungehindert verlassen. Bis zur S‑Bahn-Brücke Greifenhagner Straße war alles abgesperrt. Polizeiketten. Mein Freund und ich konnten ohne Probleme passieren und waren draußen. Wir sind dann zum Kino Colosseum gegangen, weil wir Karten für Zwei schräge Vögel hatten. Einer der letzten DEFA-Filme vor dem Mauerfall. Ein kritischer. Und wenn man schon Kinokarten hat, dann lässt man die ja wegen der Revolution nicht verfallen. Als wir aus dem Kino kamen, war die Revolution auch noch nicht vorbei. Sie hatte sich vielmehr zugespitzt: Vor dem Kino stand eine Polizeikette mit Polizisten mit Lederstiefeln und Hunden. Auch so etwas hatte ich vorher noch nie gesehen. Diese Szene ist auch in Jochen Schmidts Roman Hoplopoiia beschrieben.
Mein Freund und ich wohnten beide im Prenzlauer Berg. Wir trieben uns noch eine Weile auf der Schönhauser Allee herum, die für den Verkehr gesperrt war. Anwohner*innen waren auf der Straße und diskutierten. Ganze Züge von Stasi-Mitarbeitern in Zivil waren im Einsatz. Sie waren in der Gruppe leicht zu erkennen: kurze Frisuren, stonewashed Jeans. Die Jeans waren begehrt und es gab sie nicht in ausreichendem Maße zu kaufen. Wahrscheinlich hatten die Stasis eine privilegierte Versorgung. Wenn sich irgendwo eine Diskussion intensivierte, kamen diese Menschen und umringten die Diskutierenden. Es war dann weise, sich zu verdrücken, wenn man nicht mitgenommen werden wollte. So wurden Diskussionen immer wieder unterbunden.
Mir wurde das irgendwann zu heiß und ich zog mich in meine Wohnung zurück.
Ich wünsche Ihnen eine schöne Weihnachtszeit und ein gutes neues Jahr. 2025 dürfte ja das wahr werden, wofür Sie immer in der taz argumentiert haben: Wir bekommen eine schwarz-grüne Regierung. Nur wird diese nicht grün-liberal, sondern neoliberal. Dank Merz. Ich schreibe Ihnen diese Karte, weil Sie vor einem Jahr in einer taz-Kolumne davon berichtet haben, dass Sie sich eine Karte von Christian Lindner in die Küche gehängt haben (taz, 07.01.2024). Ich wünsche mir, dass ganz viele taz-Leser*innen Ihnen auch Postkarten schicken, so dass Sie die von Lindner nicht mehr aufhängen müssen, falls er Ihnen dieses Jahr auch wieder eine geschickt hat. Wahrscheinlich haben Sie aber inzwischen auch erkannt, dass Lindner eine von Porsche korrumpierte (taz, 25.07.2022) und von Döpfner protegierte Person (taz, 16.04.2023) ist, deren Hauptziel es war, konstruktive Regierungsarbeit zu sabotieren (taz, 29.11.2024), auf keinen Fall also jemand, dessen Weihnachtskarten man sich in die Küche hängen würde.
Weihnachtskarte für Peter Unfried, damit er nicht wieder eine von Christian Lindner aufhängen muss.
Ich möchte Ihnen auch noch mal für Ihren Kling-Klang-Artikel zum Osten danken. Beim Nachdenken über diese Karte und darüber, wie sie zu Ihnen gelangen könnte, fiel mir eine Geschichte von vor 35 Jahren ein. Der alternative Radiosender Radio 100 hatte eine Sendung mit der Ost-Untergrundband Herbst in Peking gemacht und man konnte eine Platte der Band gewinnen. Dazu musste man eine Karte mit dem Motto der Band einschicken. Menschen aus dem Osten wurden ausdrücklich aufgefordert zu schreiben. Die Hälfte der Platten sollte an sie gehen. Die Bekanntgabe der Gewinner war für die Sendung in der kommenden Woche angesetzt. Das Problem war jedoch, dass die Post von Ost-Berlin nach West-Berlin damals 14 Tage brauchte. Ich habe mich dann auf’s Rad gesetzt und meine Postkarte in die Potsdamer Straße gebracht.
Plattencover von der ersten Langspielplatte von Herbst in Peking.
Und so ist es, dass Menschen aus dem Westen mitunter gar nicht merken, dass eigentlich gut gemeinte Dinge nicht funktionieren. Im Osten.
Da die Zustellzeiten der Post sich denen in der Wendezeit annähern, bringe ich die Postkarte mit dem Rad in die Friedrichstraße.
Handgeschriebene Weihnachtspostkarte für Peter Unfried, Berlin, 15.12.2024
Herzliche Grüße auch an Ihre Frau, die das Aufhängen von Lindner-Karten schon im letzten Jahr richtig eingeordnet hatte
Stefan Müller
Weihnachtskarte für Peter Unfried am taz-Tresen, Berlin, 16.12.2024
Ich lese gerade das Buch von Katja Hoyer Diesseits der Mauer. Sehr interessant und vieles wird mir so klarer. Warum der Strauß fast ganz zum Schluss noch mal ein paar Milliarden in die DDR gebracht hat, die Aufs und Abs in der Wirtschaftsentwicklung usw. Ein paar Sachen sind aber auch einfach falsch. Das Kapitel über den Wehrdienst enthält grobe Fehler.
Der verpflichtende Grundwehrdienst dauerte normalerweise 18 Monate. Ihn zu verweigern war ausschließlich aus religiösen Gründen möglich. In diesem Fall musste die Zeit ebenfalls abgeleistet werden, und zwar als sogenannter Bausoldat im nichtkämpfenden Dienst. Männer, die studieren wollten, sollten sich zuvor unter Beweis stellen, wie der Staat ab 1970 offen argumentierte. Sie hatten keine Chance, dem Militär zu entgehen, sondern waren obendrein angehalten, sich zu einer dreijährigen Offizierslaufbahn zu verpflichten.
Das ist im Prinzip richtig. Auf Totalverweigerung stand Gefängnis. Wenn man Bausoldat wurde, baute man in Uniform Raketenstellungen. Nicht unbedingt das, was man sich als Pazifist so erträumt. Bausoldaten hatten keine rosige Perspektive in der DDR, es sei denn, sie wollten Theologie studieren. Ansonsten enthält das Zitat einen bedauerlichen Fehler, denn für das Studium musste man nicht Offizier werden, sondern Unteroffizier. Ich werde die verschiedenen Laufbahnen im Folgenden genauer erklären.
Militärische Laufbahnen in der DDR
Es gab in der NVA verschiedene Laufbahnen:
Soldat, 1,5 Jahre Grundwehrdienst
Unteroffizier, 3 Jahre (ein halbes Jahr Ausbildung, dann zweieinhalb Jahre Dienst)
Offizier auf Zeit, bis 1983 drei Jahre, danach 4 Jahre (ein Jahr Studium, dann zwei bzw. drei Jahre Dienst)
Berufsunteroffizier auf Zeit, 10 Jahre endete mit Meisterabschluss
Der dreijährige Wehrdienst bestand aus einer halbjährigen Ausbildung zum Unteroffizier und 2 1/2 Jahren Dienst in der entsprechenden Waffengattung. Eine Ausbildung zum Offizier erfolgte an einer Offiziershochschule und dauerte vier Jahre. Dreijährige Offizierslaufbahnen gab es nur bis 1983.
Selbst die klügsten und vielversprechendsten künftigen Akademiker und Wissenschaftler waren so gezwungen, eine langwierige Militärausbildung zu absolvieren, bevor sie einen Studienplatz bekamen.
Das ist korrekt. 1981–1986 wurde von uns erwartet, dass wir uns für drei Jahre zur Armee verpflichteten. Nicht als Offiziere sondern als Unteroffiziere. Aus meiner EOS-Klasse gingen alle bis auf einen Jungen für drei Jahre zur Armee. Ich wäre beinahe nicht für meine Schule (EOS Heinrich Hertz) zugelassen worden, weil ich einen von zwei Aufnahmetests nicht bestanden hatte. Es gab einen Mathetest mit Knobelaufgaben, den ich mit voller Punktzahl abschloss und ein politisches Aufnahmegespräch, in dem ich als Dreizehnjähriger gefragt wurde, ob ich gern drei Jahre zur Armee gehen würde. Ich hielt das spontan für keine gute Idee und war somit leider raus. Nur dem unglaublichen Einsatz meiner Eltern ist es zu verdanken, dass ich doch noch auf die Matheschule gekommen bin. Ich musste vorher noch mit dem Direktor meiner POS ein Gespräch führen, in dem ich ihm versicherte, dass es mein größter Wunsch sei, drei Jahre meines Lebens in einer militärischen Einrichtung zu verplämpern. Ich habe in meinem Klimablog darüber geschrieben: Der moralische Druck der Öko-Gutmenschen ist ja wie in der DDR.
Schummeln bei den Verpflichtungen?
Hoyer schreibt:
Manche von ihnen waren so mutig wie Thoralf und tricksten das System aus, indem sie sich zunächst zu einer »freiwilligen Verlängerung« verpflichteten, um einen Platz an der Erweiterten Oberschule zu erhalten, und später angaben, sie hätten es sich doch anders überlegt. Auf diese Weise gelang es Thoralf, lediglich 18 Monate abzuleisten anstelle der vollen drei Jahre, für die er sich ursprünglich gemeldet hatte.
Da hatte der Thoralf aber Glück. Ich habe neulich die Zulassung zu meinem Studium wiedergefunden und in dieser stand explizit drin, dass die Zulassung vorbehaltlich erfolgt und vom Wohlverhalten während der Armeezeit abhing. Ich habe mich 1985 für einen Studienplatz 1989 beworben, also nach meiner Armeezeit. Hätte ich nach meinem Abitur gesagt: „Hi, hi, April, April, ich mach jetzt doch nur Grundwehrdienst.“, hätte die Humboldt-Uni gesagt: „Hi, hi, dann such Dir mal nen Job mit Abitur aber ohne Studium und mit dem entsprechenden Vermerk in der Kaderakte.“. Ganz so einfach war die Sache also nicht. Wenn es einem gelang, bei der Armee ausgemustert zu werden, dann konnte das wohl funktionieren, dass man früher wieder auftauchte und in einem früheren Studienjahr mitstudieren konnte. Aber ein System auszutricksen, dass den gesamten Lebenslauf in einer personengebundenen Akte (Stichwort: Kaderakte) begleitete, war eben sonst nicht möglich.
Vertrag mit dem Staat: Militärische Ausbildung beim Studium
Das hier ist übrigens die Verpflichtungserklärung für das Studium:
Verpflichtungserklärung für das Studium
Man verpflichtete sich nach Zuteilung des Studienplatzes an einer Ausbildung zum Offizier der Reserve teilzunehmen und einen zentral zugeteilten Arbeitsplatz für mindestens drei Jahre anzunehmen.
Drei Jahre Pflicht für’s Studium?
Es gab Menschen, die trotz Grundwehrdienst studieren konnten, aber an meiner Schule gab es eben auch einen Jungen, der nicht mit ins GST-Lager zur vormilitärischen Ausbildung gefahren ist und das Schießen verweigert hat. Er war genial und hätte zur internationalen Matheolympiade fahren können, aber das wurde alles nichts und er ist Schäfer geworden. Ich wusste nicht, dass es auch ohne die drei Jahre hätte gehen können und in jedem Fall wäre es nicht ohne Risiko gewesen und da ich außer Mathe nichts konnte, bin ich eben drei Jahre gegangen. Es waren die schlimmsten drei Jahre meines Lebens.
Bindung durch Isolation?
Hoyer schreibt weiter:
Die NVA wollte die jungen Männer möglichst ganz für sich vereinnahmen, um sie militärisch optimal zu indoktrinieren. Deshalb stationierte man Rekruten häufig so weit weg von zu Hause wie möglich und gewährte ihnen kaum Urlaub, damit sie nur selten ihre Familie, Freunde und Freundin in der Heimat besuchen konnten. Sie wurden bewusst isoliert, um sie aneinander und an den Staat zu binden.
Es stimmt, dass man meist so weit weg von zuhause war wie möglich. Ich wurde Anfang November 1986 eingezogen und war Silvester 1986 zum ersten Mal auf Urlaub. Aber wenn das Ziel wirklich war, die Soldaten an den Staat zu binden, denn mussten die, die sich diese Strategie überlegt hatten, über sehr geringe Menschenkenntnis verfügen. Alle, die zum Grundwehrdienst oder für drei Jahre bei der Armee waren, haben die Armee (auch Asche genannt) als Gefängnis empfunden. Na ja, fast alle.
Und übrigens: Das war bei den Offizieren und Offiziersschülern ganz anders. Sie haben außerhalb der Kaserne gewohnt. In den letzten Jahren vor dem Ende der DDR wurden die Offizierswohnheime sogar mit Sattelitenschüsseln ausgestattet, damit die Offiziere West-Fernsehen gucken konnten. Die Fernseher im Fernsehraum der Soldaten und Unteroffiziere waren verplombt. Nix Westvernsehen. Offiziersschüler konnten, glaube ich, im letzten Studienjahr außerhalb der Kaserne wohnen. Ich habe in Kamenz an einer Offiziershochschule gedient und war dann irgendwann mit einem ehemaligen Offiziersschüler befreundet. Er hatte abgekeult (mitten in der Ausbildung seine Verpflichtung für 25 Jahre widerrufen: gesellschaftliches Harakiri) und musste noch die Restzeit des normalen Grundwehrdienstes abdienen. Wir mochten beide Punk und sonstige abseitige Musik, haben uns Abends in dem Büro, in dem ich gearbeitet habe, getroffen und auf dem Kassettenrecorder des Oberleutnants, dem das Büro gehörte, Punk gehört. Das war lustig, denn als normaler Soldat oder Unteroffizier durfte man keine Kassettenrecorder haben und man hatte natürlich auch keinen Platz, an dem man sich mal eben so treffen konnte. Es gab einen Clubraum, aber da gab es natürlich keinen Kassettenrecorder, sondern den Schallplattenspieler und Platten von Silly. Ich war auch mal mit ihm und anderen Offiziersschülern in Dresden im Jugendclub Spirale bei einem Punkkonzert. Einer von denen hatte einen Trabant. Ansonsten, wenn ich allein unterwegs war, bin ich die Strecke immer mit dem Rad gefahren.
Ich hatte es nach der Grundausbildung in Bad Düben und anfänglichen Wirren in Kamenz (Ich war erst in der FLA-Rakten-Werkstatt) geschafft, in die Computergruppe zu kommen. Von da bin ich dann einem Oberstleutnant direkt unterstellt worden und landete in dem Büro des Leutnants, der für die FDJ-Arbeit der Kompanie zuständig war. Der ging pünktlich 16:00 oder 16:30 nach Hause und ich hatte meine Ruhe. Das Paradies (inmitten der Hölle). Manchmal schlief ich im Büro mit Schlafsack auf dem Tisch. Ich konnte so ausschlafen und wurde am Morgen nicht von der normalen Routine der Kompanie gestört. Das funktionierte aber eben nur, weil Offiziere etwas ganz anderes waren als Unteroffiziere. Die waren abends bis auf den Offizier vom Dienst weg.
Ungebildete Opportunisten?
Diese Strategie hatte für das Regime jedoch auch einige Nachteile. Denn sie zwang viele gebildete, weniger aktive und eher ablehnend eingestellte Personen dazu, einen Militärdienst zu absolvieren, für den sie nicht sonderlich geeignet waren. Dies stärkte die Opposition gegen den Staat oder erzeugte sie bisweilen regelrecht bei Menschen, die sich ansonsten mit der Realität in der DDR abgefunden hätten. Andererseits ermöglichte sie auch Opportunisten den Zugang zur begehrten höheren Bildung, selbst wenn sie dafür von ihren Leistungen her gar nicht geeignet waren.
Das stimmt im Prinzip, ist aber hochgradig irreführend, weil der Unteroffiziersdienstgrad mit dem Offiziersdienstgrad durcheinandergeworfen wurde. Die Zahl der Abiturplätze war sehr gering. Weder im Westen noch im Osten machten damals so viele Menschen Abitur wie heute. Von einer Klasse mit 32 Schüler*innen wurden zwei zum Abitur weiterempfohlen. Da waren dann auch genügend sehr gut gebildete dabei, die dann auch noch drei Jahre zur Armee „wollten“. Anders war das bei den Offiziersbewerbern. Es gab nicht viele, die sich für 25 Jahre für den Dienst fürs Vaterland verpflichten wollten. Wenn das der Fall war, dann wurden die betreffenden Personen gefördert. So kamen auch leistungsschwächere Schüler auf Erweiterte Oberschulen und Spezialschulen.
Das landläufige Argument, dass sämtliche Offiziersbewerber nur durch die Aussicht auf einen Studienplatz geködert wurden, greift jedoch zu kurz. Das mit Rang und Abschluss verbundene Prestige wäre für die überwiegende Mehrheit von ihnen ansonsten unerreichbar geblieben, sodass viele Arbeiterkinder es weniger als Bürde, sondern eher als Chance begriffen.
Das gesamte Kapitel verliert natürlich an Wert, weil nicht klar ist, ob Unteroffiziere oder Offiziere gemeint sind. Das Offiziersstudium dauerte vier Jahre. Danach hatte man eben ein abgeschlossenes Hochschulstudium. Wie das mit dem Prestige aus Arbeitersicht aussah, vermag ich nicht zu beurteilen. Offizier war in der DDR etwas anderes als in der BRD. Offiziere waren Teil der Staatsmacht und eben auch, weil jede*r das werden konnte, war es nicht besonders angesehen. Aber wahrscheinlich variierte das auch über die verscheidenen Phasen der DDR hinweg.
Die Unteroffizierslaufbahn war in keinem Fall mit Prestige verbunden. Ich habe das Ganze eher als Schmach empfunden. Ich musste mich dem Druck beugen und haben drei Jahre meiner Jugend in Bad Düben und Kamenz verplämpert.
Es gab übrigens zum Ende der DDR noch einen Spezialwitz: Die DDR brauchte dringend Informatiker. Deshalb war es irgendwie irrsinnig, Männer mit entsprechendem Studienwunsch im Wald rumliegen zu lassen. Ab 1987 konnte man deshalb mit dem Studienwunsch Informatik einen reduzierten Wehrdienst von nur neun Monaten ableisten. Voraussetzung war, dass man sich vorher für drei Jahre verpflichtet hatte. Leider kam diese Reglung für mich zu spät, denn 1987 war ich schon ein Jahr bei der Armee. Die, die ein Jahr jünger waren als ich, kamen so ein Jahr vor mir wieder raus. Tja.
Anne Rabe hat in ihrem Buch Eine Möglichkeit von Glück ihre traumatischen Gewalterfahrungen in ihrer Kindheit in Wismar aufgearbeitet. Ihre Eltern und Großeltern waren DDR-Kader, ihr Großvater in Stalingrad gewesen und sie führt alle Gewalt auf die DDR-Zeit und die Kriegserlebnisse zurück. Ich habe in Keine Gewalt: Zu Möglichkeiten und Glück und dem Buch von Anne Rabe bereits dazu geschrieben, welche inhaltlichen Fehler ihr dabei unterlaufen sind und dass ihre Schlussfolgerungen nicht tragfähig sind. Hier möchte ich noch einige weitere Punkte diskutieren, die inhaltlich nicht in den ersten Blog-Post gepasst haben. Dabei geht es mir vor allem um eine korrekte Darstellung der DDR-Zeit aber es ist auch noch ein gravierender Fehler bezüglich der Vorfälle in Rostock-Lichtenhagen zu besprechen.
Nazis, Verantwortung und Scham
In diesem ersten Abschnitt möchte ich Rabes Ansichten bzgl. Kollektivschuld und ihre Scham bezüglich ihrer Eltern besprechen.
Schuld und Blut
Rabe schreibt, dass alle Deutschen „qua ihres deutschen Blutes“ zur SS, zur Wehrmacht, zu den Verbrechern gehören:
Die Nazis waren immer die anderen. Die SS, die Wehrmacht, die Verbrecher. Schlimm, schlimm das. So schlimm, dafür übernehmen wir sogar dann gern die Verantwortung, wenn wir ganz sicher sind, dass unsere Familien damit nichts zu tun haben. Aber qua Herkunft, qua Abstammung, qua unseres deutschen Blutes gehören wir eben dazu, sind wir eben mitverantwortlich.
S. 67
Ist das so? Ist das mit dem Blut nicht Nazi-Ideologie? Und niemand hat’s gemerkt? Die Lektorin nicht, kein Rezensent. Warum sollte irgendwer wegen Blut besser oder schlechter sein? Türke, Palästinenser, Jude, Russe, Deutscher? Ich empfehle allen den Wikipedia-Artikel zur Kollektivschuld. Das Folgende steht dort gleich zu Beginn:
Kollektivschuld bedeutet, dass die Schuld für eine Tat nicht dem einzelnen Täter (oder Tätern) angelastet wird, sondern einem Kollektiv, allen Angehörigen seiner Gruppe, z. B. seiner Familie, seines Volkes oder seiner Organisation. Das beinhaltet folglich auch Menschen, die selbst nicht an der Tat beteiligt waren. Das Strafrecht moderner Demokratien geht grundsätzlich von einer individuellen Verantwortlichkeit aus, so dass Kollektivschuld juristisch nicht relevant ist. Artikel 33 Genfer Abkommen IV bestimmt, dass keine Person für ein Verbrechen verurteilt werden darf, das sie nicht persönlich begangen hat. Eine Kollektivstrafe setzt Kollektivschuld voraus. Nach Art. 87 Abs. 3 Genfer Abkommen III und Artikel 33 Genfer Abkommen IV zählen Kollektivstrafen zu den Kriegsverbrechen.
Nun könnte man – völlig zu Recht – darüber nachdenken, ob die Sache mit den Deutschen vielleicht doch etwas spezieller ist. Die Alliierten verfolgten direkt nach dem Krieg einen Kollektivschuld-Ansatz. Das äußerte sich unter anderem darin, dass die Weimarer Bevölkerung durch das befreite KZ Buchenwald geführt wurde. Den Ettersberg kann man von Weimar aus sehen. Buchenwald hatten die Weimarer direkt vor der Nase. Sie haben den Rauch nicht gesehen, das verbrannte Menschenfleisch nicht gerochen. Oder es eben all die Jahre ausgeblendet. Es war richtig, sie alle sehen zu lassen, was ganz in ihrer Nähe geschehen war. Filmmaterial der US-Army und den Bericht einer Zeitzeugin, die den KZ-Besuch mitgemacht hat, hat der Spiegel veröffentlicht.
Im Urteil der Alliierten in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen steht 1948 Folgendes zur Kollektivschuld:
Es ist undenkbar, dass die Mehrheit aller Deutschen verdammt werden soll mit der Begründung, dass sie Verbrechen gegen den Frieden begangen hätten. Das würde der Billigung des Begriffes der Kollektivschuld gleichkommen, und daraus würde logischerweise Massenbestrafung folgen, für die es keinen Präzedenzfall im Völkerrecht und keine Rechtfertigung in den Beziehungen zwischen den Menschen gibt.“ (aus dem Urteil der Alliierten in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen gegen die I.G. Farben, 29. Juli 1948).
Richard von Weizäcker schlägt statt Kollektivschuld eine Kollektivhaftung vor:
auch Richard von Weizsäcker betonte in seiner viel beachteten Rede „Zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges in Europa und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“, die er am 8. Mai 1985 vor dem Deutschen Bundestag hielt: „Schuld oder Unschuld eines ganzen Volkes gibt es nicht“, rief aber gleichzeitig dazu auf, kollektiv die Verantwortung für das nationalsozialistische Unrecht zu akzeptieren. Weizsäcker bezeichnet diese Haltung als „Kollektivhaftung“.
Wikipedia über eine Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker Zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges in Europa und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft vom 8. Mai 1985 vor dem Deutschen Bundestag
Diese Kollektivhaftung gab es für die DDR. Während die West-Alliierten den West-Deutschen den Marshall-Plan geschenkt haben, hat die Sowjetunion Fabriken und Infrastruktur abgebaut und nach Russland verschickt. Im Falle von Carl Zeiss Jena haben sie sogar Menschen mitgenommen, die die Fabrik in Russland wieder aufgebaut und über Jahre hinweg die Russen eingearbeitet haben. Die Russen haben alles mitgenommen, was ihnen nützlich erschien. In Wikipedia gibt es ein Liste aller seit 1882 stillgelegten Bahnverbindungen in Berlin und Brandenburg. In dieser Liste ist auch vermerkt, was die Russen mitgenommen haben.
Ich habe dazu auch eine persönliche Geschichte: Ab der fünften Klasse bin ich von Buch zur Humboldt-Uni zur Mathematischen Schülergesellschaft gefahren. Es gab damals noch eine direkte Verbindung von Buch zum Alexanderplatz. Die fuhr abwechselnd auf dem linken und auf dem rechten Gleis. Alle 20 Minuten. Dazwischen fuhr der Zug in die andere Richtung nach Bernau. Einmal war ich zu früh dran und sprang gerade noch in einen Zug auf dem linken Gleis. Die Türen schlossen sich, der Zug fuhr los. Leider in die falsche Richtung. Ich wartete auf die nächste Station, stürzte aus dem Zug und rannte hinüber zur anderen Seite, weil ich da den Zug in Gegenrichtung erwischen wollte. Aber, oh Schreck, da war gar kein Gleis! Die Russen hatten es mitgenommen. Von Röntgental bis Bernau ist die Strecke nur eingleisig.
Im Wikipediaartikel kann man auch lesen, dass die Sowjetunion fast die Hälfte des ostdeutschen Schienennetzes mitgenommen hat und mindestens 2000 der besten Betriebe. Und dann haben wir bis 1953 noch fast ein Viertel des Bruttosozialprodukts in die Sowjetunion abgeführt:
Die Reparationsleistungen der späteren DDR an die Sowjetunion geschahen bis 1948 hauptsächlich durch Demontage von Industriebetrieben. Davon betroffen waren 2000 bis 2400 der wichtigsten und bestausgerüsteten Betriebe innerhalb der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands (SBZ). Bis März 1947 wurden zudem 11.800 Kilometer Eisenbahnschienen demontiert und in die Sowjetunion verbracht. Damit wurde das Schienennetz bezogen auf den Stand von 1938 um 48 Prozent reduziert. Der Substanzverlust an industriellen und infrastrukturellen Kapazitäten durch die Demontagen betrug insgesamt rund 30 Prozent der 1944 auf diesem Gebiet vorhandenen Fonds. Ab Juni 1946 begann sich mit dem SMAD-Befehl Nr. 167 die Form der Reparationen von Demontagen auf Entnahmen aus laufender Produktion im Rahmen der Sowjetischen Aktiengesellschaften zu verlagern, die von 1946 bis 1953 jährlich zwischen 48 und 12,9 Prozent (durchschnittlich 22 Prozent) des Bruttosozialprodukts betrugen. Die Reparationen endeten nach dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953. Auf der Grundlage erstmals erschlossener Archivmaterialien, vor allem in Moskau, kamen Lothar Baar, Rainer Karlsch und Werner Matschke vom Institut für Wirtschaftsgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin etwa 1993 auf eine Gesamtsumme von mindestens 54 Milliarden Reichsmark bzw. Deutsche Mark (Ost) zu laufenden Preisen bzw. auf mindestens 14 Milliarden US-Dollar zu Preisen des Jahres 1938.
Als die Reparationen 1953 für beendet erklärt wurden, hatte die SBZ/DDR die höchsten im 20. Jahrhundert bekanntgewordenen Reparationsleistungen erbracht.
Dem Plus der BRD aus dem Marshall-Plan von 1,41 Milliarden US-Dollar steht also ein Minus von mindestens 14 Milliarden US-Dollar für die DDR gegenüber. (Nebenbemerkung: Ej, liebe Wessis, „wir“ haben die aus der Haftung entstandenen Schulden übernommen und bezahlt und dann alles von vorn neu aufgebaut: die durch den Krieg zerstörte Infrastruktur und die demontierten Betriebe, wohingegen „Ihr“ schöne Geschenke bekommen habt bzw. Betriebe und Personal aus dem Osten mitgenommen habt. Unter anderem auch einen Teil von Carl Zeiss, Siemens, Schott usw. Außerdem konntet „Ihr“ „Eure“ Rohstoffe auf dem Weltmarkt kaufen (den globalen Süden ausbeuten), während „wir“ unsere Rohstoffe von „unsren Freunden“ kaufen mussten. Und zwar für West-Geld. Es gibt also keinen Grund zur Überheblichkeit und Arroganz.) (Nebenbemerkung 2: Insgesamt betrugen die Wiedergutmachungszahlungen 2022 81,967 Milliarden Euro. Die DDR hat sich an diesen Zahlungen nicht beteiligt, weil sie das Thema nach den Zahlungen an die Sowjetunion für erledigt gehalten hat. Ab 1989 war „die DDR“ natürlich an diesen Zahlungen beteiligt. Die Zahlungen wurden zu unterschiedlichen Zeiten geleistet, so dass die absoluten Zahlen nicht direkt vergleichbar sind.2
Weiter schreibt Wikipedia zum Thema Kollektivschuld:
Ralph Giordano wollte 1947 nicht von „Kollektivschuld“ sprechen. Es habe eine Minderheit von Deutschen gegeben, die ihrem Gewissen und nicht dem Führer gefolgt sei. Die Mehrheit habe jedoch kein Recht, sich dadurch entlastet zu fühlen und von deren Anständigkeit zu profitieren, besonders weil sie sich auch heute noch von dieser Minderheit distanziere.
Das ist wahr. Ein Verwandter meiner Frau, sollte in Norwegen Zivilist*innen töten und hat sich geweigert. Er wurde selbst erschossen. Der Westteils der Familie hat sich dafür geschämt. Sie haben nie darüber gesprochen. Und siehe auch den Bericht von Marianne Meyer-Krahmer Mein langer Weg zur Stunde Null, den ich hier im Blog veröffentlicht habe. Meyer-Krahmer ist die Tochter des Leipziger Oberbürgermeisters Goerdeler, der als einer der Hitler-Attentäter hingerichtet wurde. Sie saß im KZ. Übrigens ohne jeglichen Grund. Es war Sippenhaft. Sippenhaft ist die kleine Freundin von Kollektivschuld. Meyer-Krahmer berichtet davon, wie ihr Menschen nach ihrer Befreiung begegnet sind, wie sie die Ablehnung der BDM-Mädchen, mit denen sie als Lehrerin zu tun bekam, überwand. Mit Goethe.
In Wikipedia findet man auch folgende Aussage des Neurologen und Psychiaters Viktor Frankl zum Thema Kollektivschuld:
es gibt nur zwei Rassen von Menschen, die Anständigen und die Unanständigen.
Frankl war Jude und hat Theresienstadt und Auschwitz überlebt. Seine restliche Familie wurde ermordet. Vater, Mutter, Bruder, Frau.
Rabe wirft ihren Lehrer*innen vor, dass diese keine vorwurfsvollen Allaussagen über die Vorfahren ihrer Schüler*innen gemacht hätten:
Diese ominösen deutschen Soldaten. Kein Lehrer sagte: Eure Großväter und Urgroßväter waren die deutschen Soldaten, die in Osteuropa und der Sowjetunion alles abgeschlachtet haben, was sich bewegte, die geraubt und vergewaltigt und ganze Dörfer angezündet haben.
S. 87
Vielleicht lag das daran, dass das zu platt und im Einzelfall auch nicht richtig gewesen wäre? Wenn wäre die Aussage ja wohl auch „Unsere Großväter und Urgroßväter“ gewesen. Und folgt es nicht automatisch, wenn man über die Verbrechen dieser Generation aufklärt, dass die Großeltern und Urgroßeltern von vielen, vielen Deutschen Täter*innen waren? Muss man diesen Gedanken nicht selbst denken?
Mein einer Opa war übrigens kriegswichtig (Ingenieur bei Körting in Leipzig) und deshalb nicht im Krieg und mein anderer war zwar bei der Wehrmacht aber als Koch.
Beide haben somit zwar irgendetwas zum Krieg beigetragen, aber der Vorwurf, den Rabes Lehrer*innen ihnen hätte machen sollen, hätte auf sie wohl nicht zugetroffen.
Anklageschrift „gegen List und Genossen wegen Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens“ 19.09.1935
Der Großvater meiner Frau hat einem Juden ein Bahn-Ticket nach Wladiwostok gekauft, als Juden das schon längst nicht mehr konnten. Er hat ihm zur Flucht verholfen. Mit Hilfe eines israelischen Kollegen habe ich seinen Neffen in Israel ausfindig gemacht und mein Schwager hat ihn dann dort besucht. Der Großvater war Leiter des Arbeitsamtes in Insterburg. Er saß in der Nazizeit mehrfach im Gefängnis und stand mehrfach vor Gericht. Einmal hat ein Kind eines Menschen aus seiner Freundesgruppe sie verraten: Sie hatten Radio London gehört. Er konnte sich vor Gericht darauf berufen, dass die Aussage eines Kindes nicht zählen würde. Andere aus dem Freundeskreis kannten sich nicht aus und wurden verurteilt. Er wurde oft von Menschen gewarnt, denen er früher Arbeit verschafft hatte. Beim dritten Mal Schutzhaft half ihm der Polizeidirektor: Die anderen Angeklagten wurden ins KZ Dachau abtransportiert, der Polizeipräsident hielt den Großvater zurück mit der Behauptung, es habe keinen Platz mehr in den Transporten nach Dachau gegeben.
Ein Angehöriger der Familie meiner Frau hat sich im Krieg geweigert, norwegische Zivilist*innen (Partisanen) zu erschießen und wurde selbst erschossen. Ein Cousin meines Vaters ist in Norwegen mit einer Norwegerin desertiert und wurde erschossen.
Schreiben der Deutschen Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen der ehemaligen deutschen Wehrmacht, 07.04.2017
Der Cousin scheint seine Waffe mitgenommen zu haben. Also: einmal Verweigerung des Schießens aus Menschlichkeit, einmal Fahnenflucht aus Liebe. „Todesanzeigen oder Nachrufe in Zeitungen, Zeitschriften und dergleichen sind verboten.“
Sind wir schuldig? Als Menschen mit deutschem Blut? Was ist das für ein rassistischer Unsinn! Sollten wir uns nicht alle daran messen, was wir jetzt tun? Wie wir die Taten anderer einordnen? An unserer Menschlichkeit? Am 4.11.1989 gab es eine große Demonstration am Alexanderplatz. Die erste freie Demonstration in der DDR. Ich lief im Antifa-Block mit. Die Stasi hat Bilder von diesem Block gemacht (siehe Wagner, 2018, Vertuschte Gefahr: Die Stasi & Neonazis).
Bin ich schuldig? Muss ich mich schämen? Ich habe nichts getan! Ich war sieben Mal in Buchenwald (siehe Weimartage der FDJ) und auch in Sachsenhausen, in Auschwitz. Ich habe mich intensiv mit der deutschen Vergangenheit auseinandergesetzt, aber ich konnte die 1000 Jahre zwischen 1933 und 1945 an keiner Stelle beeinflussen. Denn ich war da noch nicht gebohren. Für meine Eltern kann ich nichts, aber für meine Kinder. Ich würde mich schämen, wenn sie in die AfD eintreten würden und/oder die Vernichtung von Menschen planen würden.
Demoteilnehmer*innen mit Schildern „‘Remigration’ ??? No way, AfD!“, „Danke! Mama & Papa, dass ich kein Nazi geworden bin!!!“ und „Oh Schieße.“ und einem aus AfD-Pfeilen zusammengesetzten Hakenkreuz. Reichstag, Berlin, 21.01.2024
Scham
Anne Rabe wird zum Opfer ihrer Vorstellungen von Kollektivschuld. Wie ich oben geschrieben habe: Sippenhaft ist die fiese kleine Schwester von Kollektivschuld. Das schreibt Rabe selbst:
Meine Eltern hatten studieren können und hatten es deshalb auch nach dem Systemwechsel leichter. Wir waren privilegiert und retteten einen Teil dieser Privilegien mit in die neue Zeit. Mutter und Vater würden sich auf dem Arbeitsmarkt etablieren können. Nicht ohne Probleme, nicht ohne Arbeitslosigkeit, nicht ohne Umschulungen und die berühmten Brüche in den Erwerbsbiografien, aber sie hatten bessere Startchancen als die meisten derjenigen, die das System zum Einsturz gebracht haben. Bessere Chancen als diejenigen, denen auch ich meine Freiheit zu verdanken habe. Ich schäme mich dafür. Immer noch.
S. 155
Jedes Mal, wenn ich von Hohenschönhausen, Torgau oder anderen Dunkelorten der DDR hörte, wurde ich von einer Schamwelle fortgeschwemmt, aus der ich mich nur langsam herauskämpfen konnte, indem ich sorgsam alles studierte.
S. 99
Aber wieso schämt sich Rabe für ihre Eltern? Sie kann nichts für ihre Eltern. Sie hat sich sogar von ihnen losgesagt. Damit ist dokumentiert, dass sie deren Haltung und ihre Gewalttätigkeit ablehnt. Rabe sollte sich nicht für ihre Eltern schämen. Aber sie könnte sich zum Beispiel für die inhaltlichen Fehler in ihrem Buch schämen. Für ihre Uninformiertheit. Für ihre nicht erfolgte Recherche zu Themen, über die sie geschrieben hat. Für den Schaden, den sie damit angerichtet hat. All ihre Fehler sind in Keine Gewalt! Zu Möglichkeiten und Glück und dem Buch von Anne Rabe und auch in diesem Blog-Beitrag dokumentiert. Oder für ihre Naivität bzw. Durchtriebenheit, auf die ich weiter unten zu sprechen komme.
Reden
Anne Rabe mahnt in ihrem Buch an, dass wir doch miteinander reden sollten. Dass wir Ossis unsere dunkle Vergangenheit aufarbeiten sollten. Aber sie selbst hat nicht geredet. Das Versagen liegt auch bei ihr. Hier einige Passagen aus dem Buch:
Ich bin einfach wütend. Auch auf Adas Eltern.
Auch sie haben uns im Stich und mit der ganzen Geschichte alleingelassen. Adas Vater hat über die roten Socken gesprochen, über sein Radar, das da anging bei meinen Eltern und anderen. Sein Hass, seine Wut, sie sind berechtigt gewesen. Aber statt sich mit denen auseinanderzusetzen, die dafür die Verantwortung trugen, statt mit ihnen die Dinge zu klären, hat er am Küchentisch seine Reden geschwungen und eben mich spüren lassen, wie wenig er mich leiden konnte.
S. 155–156
Adas Eltern waren Systemgegner*innen. Sie durften nicht studieren und haben unter der DDR gelitten. Unter Menschen wie Rabes Eltern. Und jetzt verlangt sie, dass die, die all das erlitten haben, zu denen gehen, die sich schuldig gemacht haben, und sich mal aussprechen?
Das zeigt ganz klar, dass sie das alles nicht verstanden hat. Sie hat nicht verstanden, was Bausoldat-Sein bedeutet hat. Man hatte sich komplett aus der restlichen Gesellschaft ausgeklinkt. Man konnte höchstens noch Theologie studieren. Ich war an einer Spezialschule mathematischer Richtung. Es gab dort einen Jungen, der nahm an internationalen Matheolympiaden teil. Er war genial. Er hat sich schon in der Schule geweigert, an dem zweiwöchigen GST-Lager, in dem wir auch mit automatischen Waffen geschossen haben, teilzunehmen. Die paramilitärische Ausbildung in der Schule war Pflicht. Der Schüler ist dann Schäfer geworden.
Ada hat mir erzählt, dass er in der DDR den Wehrdienst an der Waffe verweigert hat, was nur ging, wenn man sich den »Bausoldaten« zuteilen ließ. Das hatte Konsequenzen. Miese Schikanen während und nach der Dienstzeit – ein sehr bewusst gewähltes Außenseitertum, einer Gesellschaft zum Trotz, die einem keine Wahl lassen wollte. Der Preis, den Adas Vater für seine moralische Integrität hatte zahlen müssen, war hoch. Sein ganzes Leben würde davon bestimmt sein. Auf ein Studium brauchte er nicht mehr zu hoffen und überall, wo es sich anzustellen galt, hatte er sich ganz hinten einzureihen. Das hatte ihn dennoch nicht davon abgehalten, für seine Überzeugungen einzustehen.
S. 154
Jeder Kontakt mit dem System und dessen Kindern war potentiell gefährlich und in jedem Fall anstrengend. Als Bausoldat war man als Systemgegner aktenkundig geworden. Vielleicht wurde man bespitzelt. Rund um die Uhr. Arbeitskollegen meldeten Auffälligkeiten. Und sie verlangt jetzt von den Oppositionellen, dass sie mit ihren Eltern sprechen? Zwar nach der Wende, aber ???
Völlig unklar.
So wie Geipel und Kahane es nicht verstehen können, dass sie als rote Socken abgelehnt wurden, hat Rabe nicht verstanden, wie die DDR war und was man da nach der Wende gemacht hat und was nicht. Wir waren froh, dass wir Krenz & friends los waren. Mit denen wollte man nicht mehr reden. Ganz davon abgesehen, dass nach der Wende alle im Überlebenskampf waren, was Rabe ja auch selbst schreibt.
Wie kann Rabe eine Blutschuld für das gesamte deutsche Volk und alle Nachfahren fordern, für sich selbst aber verlangen, dass ihre Gegenüber ihr unvoreingenommen begegnen? Müsste diese Blutschuld nicht auch für sie gelten? Und für Anetta Kahane, deren Vater das Neue Deutschland, Zentralorgan der SED, geleitet hat? Und für Ines Geipel, deren Vater IM war und laut ihrem Wikipedia-Eintrag für „das Ausspähen von Objekten und die Vorbereitung von Sabotage auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland“ zuständig (Hartwich & Mascher, 2007)? Ist Unfug, oder? Anetta Kahane war übrigens selbst IM, nicht ihre Eltern. Sie hat ihre jüdischen Kumpels verpfiffen.
Ja, Adas Vater hätte sie nicht ablehnen sollen, so wie es auch von ihrer Lehrerin unprofessionell war, sie aufgrund ihrer Herkunft auszuschließen. Gerade in der Grundschule, wo ein betroffenes Kind das wahrscheinlich nicht verstehen kann. Aber als erwachsene Frau, und das ist die Ich-Erzählerin ja, sollte sie die Situation damals so weit einschätzen können, dass sie die Handlungen der Akteur*innen versteht. Aber das kann sie nicht, denn sie hat nicht mit ihnen gesprochen (ja, ja, das ist nur ein Roman, aber solche Romane würde man dann halte eben nicht schreiben, hätte man mit Menschen gesprochen):
Aber das ist nicht der einzige Grund, warum ich das Gespräch mit Adas Eltern plötzlich scheue. Ich will keine Absolution von ihnen, keine späte Verbrüderung mit denjenigen, die auf meine Eltern und ihr ganzes System zu Recht wütend waren. Ich wollte mich auch nicht als diejenige produzieren, die nun ihre Hausaufgaben gemacht und im Gegensatz zu den ewig Gestrigen verstanden hatte, aus was für einem Land sie kam.
S. 155
Hätte sie mit ihnen gesprochen, wüsste sie, dass Christ*innen in der DDR dazu genötigt wurden, vor der ganzen Klasse aufzustehen. „Wer von Euch glaubt an Gott? Du, Sabine? Dann steh mal bitte auf. Wer noch?“
Rabe schreibt:
Die Angehörigen der Opfer erfuhren nichts über den Verbleib ihrer Kinder, Väter, Mütter, Tanten, Onkel, Nachbarn und Freunde. Das Schweigen darüber war so total, dass heute kaum noch jemand um die Verbrechen der Anfangszeit der DDR weiß, obwohl es nahezu keine Familie geben kann, die davon unberührt blieb.
S. 265
Ich habe es immer geahnt: Ich bin einzigartig! Ich bin der einzige Ossi, der irgendwie wusste, dass in den 50ern Menschen abgeholt wurden. Dass es Menschen gab, die Angst hatten, wenn Autotüren klappten, weil sie dachten, jetzt würden sie geholt.
Sorry, Frau Rabe. „Auf der Suche nach Gatt“ wurde in der Schule behandelt. Da wurde uns natürlich erklärt, dass das am 17. Juni die Konterrevolution war. Aber man konnte seine Eltern fragen, was da war, was sie gemacht haben.
Der andere Teil meiner Familie kommt aus Frankfurt/Oder, einer Bezirkshauptstadt, der achzehntgrößten Stadt in der DDR, von der Sie schreiben: „Irgendwas Kleines in Brandenburg“. Die Mutter hat in der Bahnhofsmission gearbeitet. Der Vater war in den letzten Kriegstagen gefallen, als er sich vom Volkssturm abgesetzt hatte und von einer irrlichternden Granate erwischt wurde. Alleinstehende Frau mit fünf Kindern. Sie wurde eingesperrt. Das wissen wir, das weiß die ganze Familie, das weiß deren Umfeld. Christ*innen in der DDR wissen das. Sie haben halt nicht mit Ihnen drüber gesprochen und hätten das zu DDR-Zeiten auch nicht getan. Weil sie aus einer Funktionärsfamilie kommen. Mein Gott!
Sie fordern eine Aufarbeitung der SED-Zeit und Rezensenten greifen das begeistert auf: Ja, die Ossis sollen mal ihren Dreck im Keller aufarbeiten, so wie wir es ja getan haben 1968.
War Ihre Familie in das SED-Regime verwickelt? Gab es in Ihrer Familie Mitarbeiter der Staatssicherheit? Würden Sie sagen, dass Ihre Familie zu DDR-Zeiten eher Täter oder Opfer waren? Gehörten Sie zu den Mitläufern? Hat Ihre Familie vom SED-Regime profitiert? Gibt es in Ihrer Familie Mitglieder, die auf Grund ihres Glaubens oder ihrer politischen Überzeugung verfolgt wurden? Hat Ihre Familie aktiven Widerstand gegen das SED-Regime geleistet? Ist es wichtig, dass kommende Generationen in der Schule über das Unrecht, das in der ehemaligen DDR begangen wurde, aufgeklärt werden?
Diese Fragen werden nicht gestellt. Man befragt uns nicht dazu und misst daran auch nicht den Grad unseres politischen Bewusstseins oder den Zustand der Republik.
S. 73
Sorry, Frau Rabe, da haben Sie wohl einen Ditsch von ihrem Elternhaus mitbekommen. Wer ist denn „man“? Wer soll denn was fragen? Der Staat uns? Sollten wir das nicht selbst tun? Und ja, 1) hat der Staat uns befragt bzw. unsere Daten abgefragt und 2) haben wir miteinander geredet. Das passierte in den 90ern ziemlich intensiv. Nur haben Sie davon nichts mitbekommen, weil Sie da noch zu klein waren. Das kann man Ihnen nicht vorwerfen, was man Ihnen vorwerfen kann, ist, dass Sie selbst nicht reden wollten (siehe oben) und dass Sie auch nicht recherchiert haben. Über „Wir müssen alle mal reden und wir brauchen ein 68 für den Osten“ habe ich auch in Gewalterfahrungen und 1968 für den Osten noch ausführlicher besprochen.
Berlinerisch
Auf S. 210 schreibt Anne Rabe zum Berlinischen:
Zwar ist es in der intellektuellen Landschaft Ostberlins ganz schick gewesen, den Jargon der Arbeiter zu imitieren
S. 210
Anne Rabe hat an der FU-Berlin ab 2005 Germanistik und Theaterwissenschaften studiert. Als ich dort 2007 anfing, war sie wahrscheinlich schon weg. An der FU lehrte damals noch Prof. Norbert Dittmar, der zum Berlinischen geforscht hat. Aber eigentlich braucht es keine sprachwissenschaftliche Ausbildung, um zu wissen, dass das Berlinern in Berlin und Brandenburg in allen Bevölkerungsschichten üblich war. Ich konnte berlinern, schon bevor ich mit Arbeitern in Kontakt gekommen bin. Meine Eltern sind aus Jena und Wittenberg. Von denen habe ich es nicht gelernt. Das kam ganz normal über den Kindergarten und die Schule. So hat man gesprochen. Ein Kollege, der in den 90ern an der HU studiert hat, hat Vorlesungen in der Literaturwissenschaft gehört, in denen der Dozent bestens berlinert hat. Wir alle haben berlinert. Viele sind zweisprachig und können Standardsprache und Dialekt sprechen. Im Westen hat man den Schüler*innen das Berlinern ausgetrieben, so wie man in Bayern den Kindern das Bayrische abgewöhnt hat. Ich habe genau einen Freund aus Westberlin, der berlinert. Sonst sprechen alle West-Berliner hochdeutsch.
Ein möglicher Grund dafür, dass die Schulen nicht versucht haben, uns die Dialekte abzuerziehen, könnte natürlich sein, dass auch Funktionäre Dialekt sprachen, aber das ist etwas Anderes als das, was Anne Rabe geschrieben hat.
Jugendweihe – unser erster subversiver Akt
Zur Jugendweihe schreibt Rabe:
Das zweite Bekenntnis legte das Kind dann selbst ab. In der achten Klasse, also mit 14 Jahren, sollte das sozialistische Kind qua Jugendweihe in die Welt der Erwachsenen aufgenommen werden und musste dafür lauthals geloben, sich „mit ganzer Kraft für die große und edle Sache des Sozialismus einzusetzen“.
S. 114–115
Ja, die Jugendweihe war lustig! Und es war ganz praktisch, dass wir alle berlinerten (siehe vorigen Abschnitt). Wir sollten alle dieses blöde Gelöbnis sprechen bzw. dann immer jeweils nach einem Stück Text sagen: „Ja, das geloben wir!“
Was wir stattdessen sagten, war: „Ja, das globen wir.“, was übersetzt ins Standarddeutsche „Ja, das glauben wir.“ heißt. Wir hatten alle Spaß. Für viele war das ihr erster subversiver Akt. Hat keiner gemerkt.
Funktionärssprache
Ich hatte oben schon das Zitat zum Reden mit Oppositionellen. Darin war folgender Satz enthalten:
Ich wollte mich auch nicht als diejenige produzieren, die nun ihre Hausaufgaben gemacht und im Gegensatz zu den ewig Gestrigen verstanden hatte, aus was für einem Land sie kam.
S. 155
Ewig Gestrige ist für mich Funktionärssprache. Diese Floskel kam überall vor: im Geschichtsunterricht, im Staatsbürgerkundeunterricht, im FDJ-Studienjahr. Es ging um Revanchisten und Reaktionäre. Nun also Ossis. Hm. Vielleicht kommt diese Phrase auch im Westen vor. Ich hätte sie aber nicht in solch einem Roman verwendet.
Ein Scherz, oder?
Rabe schreibt als Ich-Erzählerin:
Hans ist das Licht des Laptops zu hell im Bett. Er stöhnt und will schlafen. Um sechs klingelt sein Wecker. Als du den Computer zuklappst, ist es nicht weniger hell. Der Mond scheint dich an. Du stehst auf und ziehst ins Wohnzimmer und schreibst: „Voller Mond, du dumme Sau/zieh dich zurück in deinen Verhau.“ Es geht doch. Geht doch noch.
Das ist ein Scherz, oder? Ich bin in der Lage Humor zu erkennen. Ist das der einzige fiktionale Teil im Roman? Oder doch mehr? Oder alles? Oder ist alles ernst?
Spinnen und Bananen
Anne Rabe bzw. ihre Ich-Erzählerin hatte es schwer. Ihre Kindheit war entbehrungsreich und hart. Sie musste auf ein Außenklo gehen, auf dem es Spinnen gab. Und grüne Bananen essen.
Liebe Frau Rabe, ich hab da ein paar Tipps für Sie: Wenn man nicht möchte, dass es an einem Ort Spinnen gibt, kann man sich ein Glas und Papier nehmen. Das Glas stülpt man über die Spinne. Das Papier schiebt man unter das Glas und dann kann man die Spinne zurück in die Natur befördern. Ich weiß, Ihre Kindheit war schwer, aber es gab hoffentlich Papier (zu meiner Zeit war das Papier knapp). Mindestens Klopapier wird es wohl gegeben haben und das sogar an dem Ort, wo sie es hätten benutzen können. Wenn es bei Ihnen kein Glas gab, gab es vielleicht diese Punkte-Becher:
DDR-Designklassiker: Punkte-Becher aus Plaste, 23.02.2024
Man hatte mit solch einem Becher leider keinen Sichtkontakt zur Spinne mehr, aber hey, Not macht erfinderisch. Wir Ossis haben eigentlich immer noch alles hinbekommen.
Und mit den grünen Bananen, das kann ich voll nachvollziehen. Die sind dann so klebrig. Aber auch da gibt es einen Trick: Man lässt die Bananen etwas liegen. Dann sind sie reif. Sie schreiben ja selbst, dass Sie schon einmal braune Bananen gesehen hätten.
Die Bananen, die ich nicht mochte, weil wir sie gegessen haben, wenn sie noch grün waren. Ich dachte lange, sie wären schlecht, sobald sie ein paar braune Stellen hatten.
S. 18
Dann müssten Ihnen doch eigentlich auch Bananen in mittlerer Reife untergekommen sein. Hätten Sie systematisch getestet, hätten Sie herausfinden können, dass man Bananen weder grün noch braun essen muss.
Übrigens: Bei uns damals war es so, dass wir überhaupt keine Bananen hatten. Auch keine grünen. Also, wir schon, denn wir lebten in Berlin und Berlin wurde immer besser versorgt als der Rest der DDR. Das hing damit zusammen, dass die Wessis nicht merken sollten, dass es bestimmte Dinge in der DDR nicht gab, wenn sie mal kurz ihr Mädchen aus Ostberlin besuchten. Also wir hatten welche, aber Ihre Eltern in Wismar nicht.
Karikatur von Bernd A. Chmura. Bananen-Republik, 1986. Aus dem Katalog der X. Kunstausstellung der DDR, Dresden. 1987/1988. S. 429. Berlin bekommt die Bananen, die restliche DDR die Schalen.
Bzw. sie hatten sehr selten welche. Ich erinnere mich an Bananen bei einer Kur in Ahlbeck. Die waren noch grün!!! In Berlin gab es aber auch nicht immer Bananen. Eigentlich gab es Südfrüchte immer so um die Weihnachtszeit, weshalb Obstsalat noch heute für mich mit Weihnachten verbunden ist.
Obstsalat in einer Schüssel von Kahla Thüringen Porzellan, Berlin, 18.12.2021. Kahla Thüringen Porzellan wurde nach der Wende für eine DM an einen Rechtstanwalt verkauft, dessen einizge Qualifikation darin bestand, einen Bruder bei der Treuhand zu haben. Na, ich schweife ab. Und man soll auch nicht so viel Information in Bildunterschriften packen.
Dass es die Südfrüchte nur zu Weihnachten gab, lag daran, dass Erich Honecker erst zum Jahresende genügend DDR-Oppositionelle in den Westen verkauft hatte, so dass dann die Bananen und Apfelsinen gekauft werden konnten. (Das war Sarkasmus.)
Übrigens: Die Szene mit der Badewanne. Ist das nicht genauso wie das mit den grünen Bananen? Stines Mutter, die Mutter der Ich-Erzählerin, war in der Küche, ihr Vater im Wohnzimmer. Sie stand in dem sehr heißen Wasser. Warum hat sie nicht einfach kaltes Wasser nachgefüllt? Warum hat sie sich und ihren kleinen Bruder in das heiße Wasser gestellt? Ich weiß, sie war noch klein und es war eine Stresssituation. Aber wenn das immer wieder passiert ist, hätte sie ja mal drüber nachdenken können. Oder war es vielleicht doch nicht so? Oder kann man das in diesem Alter noch nicht? Sie muss ja mindestens vier gewesen sein.
Mangelnde Eigenverantwortung und die Fahrt in den Abgrund
Wenn ich mich an Tim erinnere, spüre ich ihn hinter mir auf dem Schlitten sitzen. Damals in Tschechien, im Riesengebirge. Er klammert sich an mich, und wir fahren im Affenzahn einen Berg hinunter. Er vertraut mir, vertraut darauf, dass ich die Kurve noch kriege vor dem Abhang. Ich brülle: „Lenken, Timmi, du musst den Fuß raushalten!“ Aber Tim, der jünger ist als ich, vielleicht sechs oder sieben, weiß nicht, was ich meine, und so greife ich mit meinem rechten Arm hinter mich und rufe: „Spring!“ Der Schlitten saust ohne uns den Abhang hinunter.
S. 11
Die Frage ist: Wieso hat die Ich-Erzählerin nicht selbst die Füße rausgestellt? Ist Stine so? Ist Anne Rabe so? Warum greift sie nicht ein? Wenn so viel Zeit ist, dem zwei Jahre jüngeren Bruder Anweisungen zu geben, warum bremst SIE dann nicht? Ist das der bei Ossis immer wieder klischeehaft beschworene Mangel an Eigenverantwortung (siehe auch Leserbrief zum meinem Artikel in der Berliner Zeitung)? Oder nur ein schiefes Bild im Roman? Schlechte Literatur?
Schlagersüßtafel
Zum Thema Schlagersüßtafel schreibt Anne Rabe:
Darüber, wie die Revolution 89/90 auch durch die kleine Stadt gefegt war, schwieg sich meine Familie aus. Die DDR war dennoch oder gerade deshalb seltsam präsent. Ein verlorener Sehnsuchtsort. Ein Ort, an dem alles gut war und »wisst ihr noch, die Schlagersüßtafel?«. Diese Schokolade kam in fast allen Erzählungen der Eltern vor. Auch wenn sie sich ganz gut eingelebt hatten im schlechteren Deutschland, schien die Tatsache, dass es die Schlagersüßtafel nicht mehr zu kaufen gab, von größerer Bedeutung zu sein als das Haus, das sie nun bauten, die Urlaube, in die wir fuhren, und der Tenniskurs, den sie absolvierten. Irgendwann kamen sie zurück – die Ostprodukte. Sie füllten ganze Messehallen und auch die Regale in unserem Supermarkt. Plötzlich gab es wieder Bambina, Nudossi, Puffreis und Filinchen. Das erste Stück Schlagersüßtafel aber war eine Enttäuschung. So hatte sie also geschmeckt, diese DDR? Nach nichts, noch nicht einmal nach Kakaopulver. Vermutlich war das gar keine Schokolade.
S. 256
Schlagersüßtafel wird in Wikipedia als Genussmittel gelistet. Aber ich muss Anne Rabe Recht geben: Schlagersüßtafel war ungenießbar. Ich habe in Schlagersüßtafel und Klassenkeile bereits darüber geschrieben: Wir hatten sie gekauft, weil wir dachten, es wären Bilder von Schlagersänger*innen drin. Da sie zum Essen nicht taugte, benutzten wir sie, um Bauarbeiter zu bewerfen. Wie es dann weiterging, müsst Ihr in dem anderen Blog-Post lesen.
Wikipedia kann man auch die Zutaten entnehmen. Ein bisschen Kakao war drin, aber nur 7%. Übrigens lustig: Beim Lesen der Zutaten musste ich an die Mutter des Ich-Erzählers von Stern 111 denken. Sie war Lebensmitteltechnikerin und ihre Aufgabe war es, Ersatzlebensmittel aus in der DDR verfügbaren Rohstoffen zu kreieren. Vielleicht war sie ja an der Kreation der Schlagersüßtafel beteiligt. Stern 111 ist übrigens ein sehr gelungener Nachwenderoman. Wer wissen will, wie es vor der Wende war, sollte Der Turm und Krokodil im Nacken lesen.
Plagiat? Nee! Oder doch?
In einem Beitrag in der Neuen Züricher Zeitung schreibt Peer Teuwsen, dass Anne Rabes Roman auf den Schultern von Ines Geipel stehen würde. Es werden drei Stellen angeführt. In einer fahren Kinder Schlitten, in der zweiten trägt ein Vater seinen Sohn auf den Schultern und in der dritten sprechen Kinder über das Sternbild großer Wagen. Plagiat ist mein drittes Hobby. Ich bin selbst plagiert worden und habe ein entsprechendes Verfahren eingeleitet. Ich war in einer Plagiatskommission, die sich mit einer plagierten Dissertation auseindergesetzt hat. Ich habe dieses Jahr ein Plagiat in einer BA-Arbeit gefunden und ein 80seitiges Gutachten über ein Buch und das restliche Werk eines systematisch plagierenden Autors verfasst. Der Vorwurf des Plagiats gegen Rabe ist lächerlich. (Nachtrag 29.06.2024: Aber siehe unten.) Die Textstellen, die Teuwsen anführt, sind komplett verschieden, ja, sie haben inhaltlich außer den oben genannten Themen selbst nichts miteinander zu tun.
Die Antwort des Verlags ist interessant:
„Die Ähnlichkeiten sind aus unserer Sicht zufällig und allenfalls dadurch bedingt, dass die Bücher der beiden Autorinnen thematisch so nahe beieinander liegen. Die Autorinnen haben einen ähnlichen Blick auf die DDR und es gibt biografische Parallelen (so haben beide Autorinnen jüngere Brüder und kommen aus einem systemnahen Milieu)“, schreibt Rabes Verlag.
Die Brüder sind vielleicht relevant, DDR ist komplett irrelevant und Systemnähe auch. Schlitten, Brüder und den Großen Wagen gibt es auch im Westen. Jedenfalls kann man Teuwsens Artikel entnehmen, dass Geipel und Rabe befreundet waren: „Die Ältere fand es wunderbar, dass eine jüngere Autorin sich ihrer Themen annimmt und ihnen eine neue Stimme verleiht.“
Also kein Plagiat, aber der Einfluss von Ines Geipel ist wahrscheinlich für das gesamte Ideengeflecht relevant: Funktionärskinder kritisieren den Osten. Wie ich in meinem Blogpost Der Ossi und der Holocaust gezeigt habe, lügt Ines Geipel. Es geht Ihr und Anetta Kahane, ebenfalls Funktionärskind, nicht um eine Aufarbeitung von Unrecht. Sie stellen Dinge wahrscheinlich bewusst falsch dar. Wie ich damals schon sagte: Entweder sie lügen bewusst oder sie sind unwissend. Beides wäre schlecht, wenn man sich so weit aus dem Fenster lehnt. Und das ist auch für Anne Rabe so, wie ich in Keine Gewalt! Zu Möglichkeiten und Glück und dem Buch von Anne Rabe und auch hier gezeigt habe: Entweder sie lügt bewusst oder sie ist unwissend. Wahrscheinlich das Letztere. Schade nur, dass sie damit solch einen Schaden anrichtet.
Nachtrag vom 29.06.2024: In „Ines Geipel lügt“ habe ich eine Dokumentation des MDRs zu Ines Geipels Behauptungen zu ihrer Vergangenheit als Leistungssportlerin besprochen und auch wie sie gegen Gegner*innen vorgeht. Es sieht also so aus, als hätte sie allgemein Probleme mit der Wahrheit und ihre Behauptungen in Bezug auf den Umgang mit dem Holocaust gehen nicht auf Unwissenheit zurück. Ich habe jetzt ihr Buch Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass gelesen und habe dort erfahren, dass sie das Buch Nackt unter Wölfen kannte und auch in Buchenwald war.
Zum Thema Plagiat kann man folgendes festhalten: Das Buch von Anne Rabe ist von der Struktur genau parallel zu Ines Geipels Buch aufgebaut. Es gibt kurze Kapitel mit Impressionen aus dem Privatleben und dann längere essayistische Abschnitte mit politischer Analyse. Die Themen sind sehr ähnlich. Insgesamt gibt es einen entscheidenden Unterschied: Bei Ines Geipel gibt es ein relativ langes Quellenverzeichnis mit 79 Einträgen, überwiegend Fachaufsätzen zur DDR; das Quellenverzeichnis von Anne Rabe enthält 14 Einträge, von denen die meisten Gedichtsammlungen, Romane oder Filme sind, aus denen sie ihren Kapiteln Auszüge vorangestellt hat: Bachmann, Brasch, Brecht, Inge Müller, Einar Schleef, Wera Küchenmeister. Dazu ein Gesetz und ein allgemeiner Verweis auf das Stasi-Unterlagen-Archiv. Die Qualität der Bücher insgesamt spiegelt sich an den Quellenverzeichnissen: Professorin mit Studium der Germanistik auf der einen Seite und Person mit abgebrochenen Germanistikstudium auf der anderen Seite. Rabes Ausrede, sie habe ja kein Sachbuch geschrieben, ist lahm. Sie hat bzw. wollte genau so ein Buch schreiben wie Geipel. Sie hätte ein Quellenverzeichnis gebraucht und in diesem hätte Geipel zitiert werden müssen. Und Teuwsen ist zuzustimmen: Ines Geipel hätte in den Danksagungen als Ideengeberin genannt werden müssen. Interessanterweise gibt es bei Geipel eine Behauptung, die Rabe von dort übernommen zu haben scheint. Solche Übernahmen fallen auf, wenn das Übernommene falsch ist. Geipel schreibt:
26. April 2002. Der erste Schulamoklauf in Deutschland, die öffentlichen Morde eines Gymnasiasten, das Unvorstellbare schlechthin.
Ines Geipel, 2019: Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass, Stuttgart: Klett-Cotta. S.110 des E‑Books.
Dieselbe Behauptung findet sich bei Anne Rabe und wie ich im Beitrag zu den Amokläufen gezeigt habe, ist die Behauptung falsch: Der erste Amoklauf war 1871 in Saarbrücken und dann gab es noch viele weitere. Mit Schusswaffen und Flammenwerfern usw. Zum Beispiel 1964 in Köln, 1983 in Eppstein, Hessen.
Also: Ja, es gibt auch hier ein Problem bei Anne Rabe.
Antisemitismus und Nationalismus
Auf S. 271 kommt mal eben so eine Aussage zu Antisemitismus und Nationalismus:
Auch waren Antisemitismus und Nationalismus wichtige Bestandteile der sowjetischen und realsozialistischen Ideologie.
S. 271
Wo hat sie das nur her? Quellen? Na, vielleicht von Geipel. Dass Anetta Kahane und Ines Geipel gelogen haben (oder extrem unwissend sind), wenn sie behaupten, der Holocaust sei im Osten nicht vorgekommen, habe ich schon in Der Ossi und der Holocaust besprochen. Zum (fast) nicht vorhandenen Antisemitismus in der DDR hat die Jüdin Daniela Dahn viel geschrieben. Manches ist auch im Holocaust-Post erwähnt. Andere Sachen bespreche ich im Post über die Ausstellung über jüdisches Leben in der DDR, die vom jüdischen Museum organisiert wurde.
Ich habe diverse Interviews mit Anne Rabe gelesen und in einem Interview von Cornelia Geißler von der Berliner Zeitung steht:
Auch der Historiker Patrice G. Poutrus, der eher Oschmanns Generation angehört, hat beobachtet, dass Rechte und Rechtsextreme im Osten auf ein festes nationalistisches Weltbild trafen.
Einen meiner Meinung nach entscheidenden Bestandteil des Nationalismus erwähnen die Autoren nur im Vorübergehen im Nachwort: den nationalen Taumel in der Wiedervereinigung.Dieser war vom Westen gewollt und gefördert. Die Ost-Linken haben das damals gesehen und sich davor gefürchtet. Mein Freund XY hat mir die beiden folgenden Grafiken geschenkt.
Menschen, die ihren Kopf in der Hand halten. Ein Hitlerkopf liegt am Straßenrand. Der Himmel ist schwarz. 1989Dank ich an angst in der Nacht Herzlichen Glückwunsch zur Wiedervereinigung
Deutschtümelei! Nationalismus! Das kam von der Bundesregierung. Nicht in Berlin. In Berlin wurde Kohl ausgebuht.
In Sachsen wurde er mit offenen Armen empfangen. Er hat den Ossis blühende Landschaften versprochen. Von Oskar Lafontaine, dessen Herz links schlug, und der damals Kanzlerkandidat der Partei war, in der auch Anne Rabe Mitglied ist, wollte niemand etwas Wissen. Er hat die Wahrheit gesagt. Aber „die Wahrheit ist hässlich und hat stinkenden Atem“.
Sicher ist alles nicht monokausal. Andere mögliche Ursachen werden im genannten Blog-Post diskutiert.
Nazis aus dem Westen
Im Post „Historische Ursachen der Fremdenfeindlichkeit in den neuen Bundesländern“: Kommentare zu einem Aufsatz von Patrice G. Poutrus, Jan C. Behrends und Dennis Kuck verlinke ich einen Fernsehbeitrag, der zeigt wie der CDU-Innenminister Jörg Schönbohm einen Jugendclub mit Nazi-Skins besucht und die Jugendlichen dort prima findet. Schönbohm war Generalleutnant in der Bundeswehr und Landesvorsitzender der CDU Brandenburg. Auch sieht man im Video, dass die Nazi-Partei Deutsche Alternative, die in Brandenburg aktiv war, von Menschen aus dem Westen aufgebaut wurde (11:25). Rabe schreibt dazu auch an einigen Stellen etwas und stellt das in Frage. Die rassistischen Ausschreitungen in Lichtenhagen erwähnt sie explizit. Auch Lichtenhagen ist ein schlimmes Beispiel von Polizeiversagen (siehe Rostock-Lichtenhagen 1992: Ein Polizeidebakel). Polizei, Justiz, Verfassungsschutz, alle Institutionen wurden vom Westen aufgebaut und waren von Westlern geleitet.3 Der Bruder meiner Schwiegermutter noch heute AfD-Wähler hat zum Beispiel das Landesarbeitsgericht in Dresden aufgebaut. Der für Lichtenhagen zuständige Polizist ist ins Wochenende gefahren. Nach Bremen. Er hat die bepissten Nazis pöbeln und zündeln lassen. Im Wikipediaeintrag zu den Ausschreitungen steht es noch krasser. Nach einer langen, langen Vorgeschichte mit Ankündigungen und Drohungen ist die gesamte politische und polizeiliche Führung ins Wochenende verschwunden. In den Westen:
Trotz der angekündigten Krawalle und der aufgeheizten Stimmung rund um die ZAst fuhr fast das gesamte politisch und polizeilich leitende Personal, das nach der Wende nahezu vollständig mit westdeutschen Beamten aus den Partnerländern Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen besetzt worden war, wie üblich am Freitag zu ihren Familien nach Westdeutschland. So waren am Wochenende der Ausschreitungen der Staatssekretär im Innenministerium, Klaus Baltzer, der Abteilungsleiter Öffentliche Sicherheit, Olaf von Brevern, der Abteilungsleiter für Ausländerfragen im Innenministerium und zum damaligen Zeitpunkt zugleich Ausländerbeauftragter der Landesregierung, Winfried Rusch, der Leiter des Landespolizeiamtes, Hans-Heinrich Heinsen, der Chef der Polizeidirektion Rostock, Siegfried Kordus, sowie der Einsatzleiter Jürgen Deckert nicht in Schwerin bzw. Rostock zugegen. Deckert hatte die Führung an den noch in der Ausbildung befindlichen Siegfried Trottnow übergeben.
Rabe lässt ihre Mutter bzw. Stines Mutter sagen, dass man Nazis aus dem Westen angekarrt habe:
Mutter hat gesagt, dass man nichts gegen Ausländer haben darf. Die machen hier die Arbeit, auf die die Deutschen keine Lust mehr haben. Und die Vietnamesen, wo sie in Rostock das Haus angezündet haben, die sind sogar schon zu Ostzeiten in Rostock gewesen, die können gar nichts dafür. Außerdem waren da auch viele Nazis aus dem Westen dabei. Die hat man extra da hingefahren, damit sie Randale machen. Das waren Rowdys. Aber im Fernsehen sagen sie immer, dass die alle Rostocker sind.
S. 88
Im Interview mit Cornelia Geißler sagt Rabe:
Als die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber in Rostock-Lichtenhagen in Brand gesetzt wurde, 1992, hieß es, die Neonazis seien nur aus dem Westen angefahren worden. Die Eltern, die Lehrer, die wollten das immer von sich weghalten. Aber wir Jugendlichen kannten die Nazis ganz gut, die saßen neben uns am Strand, in den Klassen, im Sportverein.
In den beiden Textpassagen gibt es verschiedene Aussagen. 1) Es waren viele Nazis aus dem Westen dabei. 2) Die Neonazis seien nur aus dem Westen angefahren worden.
Das sind die Fakten:
Gegen 12 Uhr am Sonntag hatten sich bereits wieder etwa 100 Personen vor der ZAst versammelt. Nun trafen Rechtsextremisten aus der ganzen Bundesrepublik in Rostock ein, darunter Bela Ewald Althans, Ingo Hasselbach, Stefan Niemann, Michael Büttner, Gerhard Endress, Gerhard Frey, Christian Malcoci, Arnulf Priem, Erik Rundquist, Norbert Weidner und Christian Worch. Von diesen wurde nur Endress während der Ausschreitungen festgenommen.
Also: Fakt ist, dass Neonazis aus dem Westen dabei waren. Ob die angefahren worden sind und wenn ja von wem, weiß ich nicht, aber ansonsten hatte Rabes (Roman-)Mutter Recht. Ja, auch ehemalige Funktionäre können Recht haben.
Bei den NSU-Morden war der Verfassungsschutz selbst dabei (taz, 03.04.2017). Maaßen, ein Neo-Nazi erst CDU, jetzt Werteunion, war der, der denjenigen abgelöst hat, der wegen des Versagens beim NSU gehen musste. In Leipzig Connewitz ist eine Horde von über 200 Nazis eingefallen und haben den Stadtteil verwüstet. Die Verfahren wurden verschleppt, viele sind straffrei davongekommen. Einer war Jura-Student. Er hat danach weiterstudiert und trat 2018 sein Referendariat an. Ein JVA-Mitarbeiter und Täter arbeitete fröhlich weiter in der JVA (taz: 11.01.2021, Schleppende Aufklärung). Die AfD wurde von Neoliberalen Wirtschaftsprofessor*innen aus dem Westen aufgebaut und nach und nach von West-Nazis übernommen. Das habe ich Oschmann nach seinem ersten Artikel geschrieben und ihn auf meinen Blog-Beitrag Der Ossi ist nicht demokratiefähig. Merkt Ihr’s noch? mit den Quellen verwiesen. Er hat sich herzlich bedankt und wird jetzt dafür zitiert. Die Quellenangabe hat er wohl vergessen.
Bei Enthüllungen von Correctiv zu den Deportationsplänen, die AfD-Mitglieder, CDU-Mitglieder und sonstige Neonazis diskutiert haben, habe ich mir auch mal den Spaß gemacht, zu schauen, wo die beteiligten Personen herkamen. Überraschung: Das Verhältnis West zu Ost ist 19:1. Bitteschön: Correctiv und die Nazi-Vorstellungen bzgl. Remigration.
In dieser Aufzählung darf Karl-Heinz Hoffmann nicht fehlen. Hoffmann ist ein extremer Rechtsextremist. Er hat die Wehrsportgruppe Hoffmann gegründet und hat mit 400–600 Kumpels bewaffnet für den Endsieg trainiert. (Ej, liebe Wessis, das gab es in der DDR wirklich nicht. Hört auf, vom „verordneten Antifaschismus“ zu faseln.) Hoffmann ging dann irgendwann doch in den Knast und kam schließlich 1989 wegen guter Führung und positiver Sozialprognose passend zur Maueröffnung wieder raus. Dankeschön! Hoffmann ist aus Kahla (Thüringen), ging sofort wieder rüber, kaufte die halbe Stadt auf und begann Neo-Nazi-Strukturen aufzubauen.
So war es. Wir wissen das. Nur Anne Rabe tut so, als wäre es anders. Weil sie es nicht weiß? Weil sie nie mit jemandem geredet hat? Außer mit Geipel? Weil sich das Gegenteil besser verkauft? Siehe unten.
Verbot des Themas
Anne Rabe nimmt die Kritik an ihrem Buch vorweg: Was wisst Ihr schon, Ihr Nachgeborenen!
„Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut In der wir untergegangen sind Gedenkt Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht Auch der finsteren Zeit Der ihr entronnen seid.“
Der blöde Brecht macht mich noch wahnsinnig. Er marschiert mir gerade rein in die Gedanken und mahnt und mahnt. Bilde dir kein Urteil! Bilde dir ja kein Urteil, du Nachgeborene! Ja, wieso eigentlich nicht? Das ist doch ein billiger Trick. Hinter der wortschönen Mahnerei drei Keller tief Schweigen. Dort habt ihr eure Schuld verbuddelt und verbietet uns, sie auszuheben. Sprecht uns ab, dass wir zu unserem eigenen Urteil kommen. Was kümmert’s euch? Was geht’s euch an, was wir über euch denken?
Tja, Frau Rabe. Hätten’se mal mit Adas Eltern gesprochen. Die hätten Ihnen erzählt, wie die DDR sich für Oppositionelle angefühlt hat. Das wollten Sie aber nicht. Sie haben sich geschämt. Wenn Sie ein Sachbuch über den Osten schreiben wollen oder einen sachlich richtigen Roman, dann müssen Sie recherchieren. Sie können sich nicht einfach etwas aus den Fingern saugen, von dem Sie annehmen, dass es sich gut verkauft. Die „drei Keller tief Schweigen“ fantasieren Sie herbei. Oder sie sind da. Im Haus Ihrer Eltern. Aber da hätten Sie vielleicht nicht suchen dürfen. Es ist alles besprochen und Sie haben es availible at your fingertips: einen Klick entfernt. Alles, was hier steht, kommt aus Wikipeidia bzw. den dort verlinkten Quellen. Sie habe es nicht für nötig gehalten, den Artikel über Lichtenhagen, den über Kindstötungen zu lesen. Sie dachten, dass Sie genug wüssten. So wie fast alle, die in Zeitungen und Zeitschriften über Ihr Buch geschrieben haben, sich in ihren Vorurteilen bestätigt sahen. Ich würde Ihre Arbeit nicht als Plagiat einordnen, aber als ein glattes „Durchgefallen“.
Schwarz: Das ist natürlich ein Buch auch, was, und das sage ich jetzt mal ganz bewusst als Westdeutsche, die Bundesrepublik total entlastet.
Rabe: Das ist aber interessant, weil das ist schön, dass man das immer, weil ich habe gar nicht an die Bundesrepublik gedacht dabei und ich sage das auch immer wieder, weil ja manchmal auch so Leute kommen ja aber in Westdeutschland gab es das auch und so. Da sag ich immer ja wunderbar, bitte schreibt die Bücher, weil ich finde, ich lese die auch gerne. Ich kann nur nichts darüber schreiben.
Schwarz: Aber Sie wissen was meine, ne?
Rabe: Ich weiß total, was Sie meinen.
Schwarz: Ich habe mir auch so gedacht, okay, warum lade ich denn jetzt Anne Rabe ein, um mit ihr über die dieses Buch zu reden. Warum spricht mich dann dieses Buch an? Hat das damit zu tun, dass es sozusagen …
Rabe: Ich könnte jetzt was ganz böses sagen.
Schwarz: Bitte. Nur zu.
Rabe: Das ist wirklich interessant, weil deswegen meinte ich, ich habe gar nicht an Westdeutschland gedacht bei dem Schreiben. Und ich finde auch nicht, dass man immer, wenn man über den Osten schreibt, damit automatisch was über den Westen sagt. Aber, dass sie als Westdeutsche anscheinend sofort denken, naja, das bedeutet was für mich als Westdeutsche, oder das bedeutet etwas Entlastendes für mich als Westdeutsche, wo der Westen eigentlich gar keine Rolle spielt in diesem Buch.
Das kann nicht sein. Rabe hat Germanistik und Theaterwissenschaft studiert. Sie hat den PEN Berlin mitgegründet. Sie ist politisch aktiv, Mitglied der SPD. Sie ist entweder absolut naiv oder durchtrieben. Das Buch schlägt genau in die Kerbe, in die von 60% der taz-Autor*innen und von weiß nicht wie vielen Autor*innen in Zeit, FAZ, Spiegel usw. geschlagen wird. Die Wunde ist tief und schmerzt. Und wenn keine neuen Schläge kommen, wird mal eben ein bisschen Salz reingeschüttet. Dieser Blog ist voll von Beispielen. Nur Frau Rabe hat von diesem Ost-West-Diskurs noch nichts gemerkt, obwohl sie ja einen Termin mit Oschmann auf der Leipziger Buchmesse hatte (zu dem Oschmann nicht gekommen ist).
Und weiter:
Schwarz: Ja, das bedeutet halt etwas …
Genau! Das lernt man in Pragmatik. Im Germanistik-Studium. Als Autorin und politischer Mensch sollte man das allerdings auch ohne Studium sehen können.
Rabe: Aber es ist ihr Zentrum anscheinend sofort wieder und vielleicht auch das Zentrum dieser Bundesrepublik immer noch zum Teil.
Schwarz: Ja, glaube ich jetzt nicht, dass es mein Zentrum ist, aber es bedeutet etwas für den Diskurs über Ostdeutschland, das es mir nicht so gefällt … […] Rabe: Das stimmt schon mit der Entlastung, aber das würde ich mir nicht anziehen.
Das Buch ist ein Erfolg und wird gefeiert, weil es den Westen entlastet. Die Ossis sind scheiße, alles Psychos, die in Schulen Amok laufen, ihre Kinder massenweise töten, Nationalisten und Antisemiten. Wir haben es immer gewusst und Anne Rabe hat es in ihrem Nicht-Sachbuch noch einmal gut zusammengefasst. Anschaulich bebildert mit Material aus ihrer eigenen Kindheit. Ich habe in der vergangenen Woche einem Professor für Politikwissenschaften einen kritischen Brief geschrieben. Er hat mir eine lange Antwort-Mail geschickt und mich dazu aufgefordert, doch einmal das Buch von Anne Rabe zu lesen. So gehen Fake News in unser Allgemeinwissen ein. Es wird in der Politikwissenschaft und in der Geschichtsforschung zitiert werden, obwohl es eben kein Sachbuch ist, obwohl es nicht von Fachwissenschaftler*innen begutachtet wurde.
Hier ein paar Ausschnitte aus den Rezensionen:
Die Zumutung dieses Buches besteht darin, erschütternde Lieblosigkeit und rohe Gewalt als Regelfall, nicht als Ausnahme dazustellen. Zu diesem Zweck durchziehen Archivrecherchen, Gesetzestexte und Umfrageergebnisse die 50 kurzen Kapitel. Sie vermischen sich mit Erinnerungen, Traumsequenzen und literarischen Zitaten zu einem kaleidoskopartigen Text.
Archivrecherchen hat es zu Anne Rabes Verwandten gegeben, aber wenn es Recherchen zu Rechtsextremen oder irgendwelchen DDR-Themen gegeben haben sollte, so sind sie nicht drei Keller tief gegangen, sondern waren oberflächlich. Umfrageergebnisse zum Osten gab es nicht. Rabe bezieht sich auf Umfragen wie den Erinnerungsmonitor der Uni Bielefeld und die von der Uni Hannover geleitete Mehrgenerationenstudie. Auf Ergebnisse von 2018 aus Bielefeld und es geht dabei um Erinnerungen an die Nazizeit. Diese sind „zu diesem Zweck“ ungeeignet.
Mit den folgenden Zitaten wirbt Anne Rabe selbst auf ihrer Web-Seite:
Liest man dieses Buch, sieht man Deutschland anders.
Dirk Hohnsträter, WDR 3
Ich hoffe, dass das Buch schnell in der Versenkung verschwindet. Und dass Dirk Hohnsträters Behauptung für diesen Blogbeitrag gilt.
Anne Rabe verbindet Archivarbeit mit politischem Essayismus und episodischer Autofiktion.
Katharina Teutsch, DLF Büchermarkt
Das Buch, das man jetzt lesen muss, wenn man nicht nach schlichten Antworten auf die schlichten Fragen sucht, was das Erbe des ersten sozialistischen Staats auf deutschem Boden sein könnte und warum ›im Osten‹ heute ›die Leute‹ wählen, wie sie wählen.
Ich würde ja die Antwort von Anne Rabe als schlicht bezeichnen. Sie nimmt die Gewalt, die sie in ihrer Familie erfahren hat, als monokausale Erklärung für alles.
Die Möglichkeit von Glück‹ (ist) ein Buch, das weit über seinen individuellen Gegenstand hinausreicht. Es erklärt, warum Ostdeutschland eine andere Gewaltgeschichte nach der Wiedervereinigung aufweist als Westdeutschland. (…) Und die auch den derzeit boomenden Büchern, die einer Normalisierung der DDR-Erfahrungen (und damit ihrer Relativierung) das Wort reden wollen, den Boden entziehen. Gegen den pauschalisierenden Blick hilft der aufs individuelle Schicksal. Dass es eines im Roman ist, nimmt ihm nichts an Wahrhaftigkeit. Oder an Erschütterungskraft.
Andreas Platthaus, FAZ
Ja. Ich bin erschüttert.
Wer sind eigentlich die Anderen?
Hier ist oft von „den Wessis“ und „den Ossis“, von „wir“ und „ihr“ die Rede. Das ist schlecht, denn diese Gruppeneinteilung ist Teil des Problems, das auch in diesem Beitrag besprochen wurde. Angefangen bei der Kollektivschuld, über die Scham Rabes, die angebliche Gewalttätigkeit des ganzen Ostens. Ich wollte nie ein Teil von „wir“ sein. Die DDR war mir zuwider. Zumindest der obere Teil. Also nicht Rostock sondern die Staatsführung. In einem Gymnasium in Gelsenkirchen habe ich mal gesagt, dass das Problem mit der DDR gewesen sei, dass die Herrschenden so doof gewesen seien. Das war sicher etwas vereinfachend, aber es war mein Problem. „Ihr“ habt mich zum Ossi gemacht. Prof. Dr. Naika Foroutan beschreibt das in ihrer Arbeit: „Ostdeutsche sind auch Migranten“. Mit „ihr“ sind in ihren Klischees gefangene Journalist*inne, Historiker*innen und sonstige Personen gemeint und ich hätte gehofft, dass „wir“ uns irgendwann auflösen, aber das ist nicht passiert. Wie ich an meinem eigenen Beispiel erfahren habe, werden „wir“ mehr, weil „ihr“ dafür sorgt. „Ihr“ konstruiert „Euch“ den Osten, so wie es der Oschmann gesagt hat. Jetzt helfen „Euch“ „unsere“ Kinder. Ich wünschte, das alles wäre nicht so. Ich wünschte, alle würden miteinander reden. Vielleicht hilft dieser Text.
Ich bin die Andern, Du bist die Anderen. Die Andern haben angefangen! COR: Leitkultur. 2017.
„So viel Richtigstellung ist also nötig, um einen einzigen Zeitungssatz zu widerlegen.“
Ich bitte um Entschuldigung für diesen langen Blogpost. Und das war ja nur der zweite Teil zu den Möglichkeiten für Glück.
Daniela Dahn erklärt in ihrem 1997er Buch über mehrere Seiten, warum ein einziger Satz im West-Ost-Diskurs falsch gewesen ist, und schreibt danach:
So viel Richtigstellung ist also nötig, um einen einzigen Zeitungssatz zu widerlegen. Vielleicht versteht man, daß die Ostler zu solchem Kraftakt auf die Dauer keine Lust haben und oft nur abwinken: Ihr werdet es nie verstehen!
Dahn, Daniela. 1997. Westwärts und nicht vergessen: Vom Unbehagen in der Einheit S. 68
Ich musste viele Sätze in Anne Rabes Buch kommentieren. Entsprechend lang sind die Blog-Posts geworden. Ich würde mich freuen, wenn sie von genauso vielen Menschen gelesen werden wie Anne Rabes Buch. Das wird wahrscheinlich nicht passieren, denn ich habe keine Buchpreis-Jury und keine Marketingmaschine auf meiner Seite. Nur Euch. Aber vielleicht schaffen wir es ja. Empfehlt die Posts weiter. Danke. Bitte.
Schlussfolgerung
Anne Rabe hat Recht mit ihrer Aussage bezüglich Schlagersüßtafeln!
Danksagungen
Ich danke meiner Such-Maschine Peer für viele Belege und auch für die immer kritische Diskussion. Ich danke meinem kleinen Bruder dafür, dass er mir die Bummi-Hefte gekauft hat, weil die alten, an die ich mich erinnert hatte, irgendwann mal weggeworfen worden waren. Ich danke meiner Frau für die fortwährende Diskussion von Ostthemen. Wenn wir nicht über die Klimakatastrophe reden, reden wir eigentlich nur über den Osten. (Hat eigentlich schon mal jemand versucht, dem Osten die Klimakatastrophe anzuhängen? Ach ne, geht ja gar nicht, denn Deutschland steht ja nur deshalb halbwegs gut in der Klimabilanz da, weil die Ost-Industrie in den 90ern abgewickelt wurde.)
Und ich danke meinem Vater und meiner Mutter für die Erlaubnis, allein als Sechszehnjähriger bis ans Schwarze Meer zu fahren, und dafür, dass sie mich nicht zum Nazi erzogen haben.
Und Ihnen/Euch danke ich dafür, dass Ihr bis hierher gelesen und alle Videos angesehen und alle verlinkten Wikipediaartikel gelesen habt.
Goschler, Constantin. 1993. Paternalismus und Verweigerung: Die DDR und die Wiedergutmachung für jüdische Verfolgte des Nationalsozialismus. In Benz, Wolfgang (ed.), Jahrbuch für Antisemitismusforschung, vol. 2. Frankfurt/Main: Campus-Verlag.
Nach dem Tod meines Opas habe ich es oft bedauert, dass ich ihn nicht mehr zu seinem Leben befragt habe. Ich habe meine Eltern gebeten, etwas aus ihren Erinnerungen aufzuschreiben, aber das wird wahrscheinlich nichts. Ich muss sie fragen. Mich kann ich selbst fragen und ich kann auch Dinge aufschreiben. Ich habe beschlossen, das hier zu tun. Kleine Erinnerungen schaffen ein Bild unserer Vergangenheit und ich möchte, dass meine Teil dieses Bildes sind, sonst schreiben andere unsere Geschichte.
Schlagersüßtafel
Es gibt im Netz einen Ossiladen. Mit all dem Zeug, das ich nie mehr sehen wollte. Es gab eine Kosmetikserie, die hieß Action. Hm.
Schlagersüßtafel! Konnte man alles Mögliche mit machen nur nicht essen. Ich hatte mit einem Kumpel (C.) eine Tafel gekauft, weil wir dachten, dass da Bilder von Schlagersänger*innen drin wären.4 Was für ne Enttäuschung. Wir haben dann Passant*innen vom Balkon aus damit beworfen. Irgendwann kam ein Trupp Bauarbeiter. Die hatten offene Farbeimer auf einem Wagen. Die Schokolade flog da rein. Splash. Sie fanden es nicht gut und mussten gerade noch gesehen haben, wo die Schokolade herkam, obwohl wir uns urst schnell geduckt hatten. Sie kamen ins Haus zu uns hoch und klingelten Sturm. Ich dachte mir, die machen ja das ganze Haus verrückt und stellte die Klingel ab. Das war nicht so schlau, denn nun wussten sie ja, dass sie an der richtigen Tür klingelten. Sie klopften stattdessen. Damals waren die Wohnungseingangstüren noch wenig widerstandsfähige Papptüren. Ich hatte Angst. Auch um die Tür. Irgendwann zogen sie ab. Wie immer haben die Nachbarn von unter uns mich an meine Eltern verpetzt.
Die Siedlung
Den Klassenkamerad C. hab ich auch zu Hause besucht. Er wohnte in einem Haus in der Siedlung am Lindenberger Weg und ich im Neubau (Es gab die „alten Neubauten“, die „Neubauten“ und die „neuen Neubauten“. Wir wohnten in den „Neubauten“, die 1976 fertig geworden waren.) Die Familie meines Kumpels hatten da noch Öfen und wir haben Watte verkokelt. Hat Spaß gemacht.
Klassenkeile
Irgendwann später gab es in unserer Klasse eine Situation, in der die Mädchen plötzlich alle ein anderes Mädchen B. scheiße fanden. Sie kam aus einer bildungsfernen Familie. Die Schulklassen in meiner Schule bestanden aus Schüler*innen, deren Eltern in der Akademie der Wissenschaften oder in den Krankenhäusern in Buch arbeiteten. In meiner Klasse sind 8 von 31 Schüler*innen nach der achten Klasse abgegangen. Zwei an die erweiterte Oberschule (Schliemann und Hertz) und sechs Jungen in die Produktion. Zu dieser Zeit begann die normale EOS ab der zehnten Klasse. Die Schliemannschule war eine Spezialschule mit Sprachenausrichtung und die Hertz-Schule eine mit mathematisch-naturwissenschaftlicher Ausrichtung. Die Klasse war jedenfalls wild gemischt. Die Jungs, die die Klasse verließen, waren zum Teil schon einmal sitzen geblieben. Viele waren Frühentwickler, super gut in Sport. Beim 100 Meterlauf konnte ich ihnen nur hinterhergucken.
An besagtem Tag hatte sich die gesamte Klasse gegen das Mädchen zusammengetan. Heute würde das wohl alles unter Mobbing laufen. B. sollte Klassenkeile bekommen. Ich habe versucht zu verstehen, wieso und warum und habe gesagt, sie sollten sie mal in Ruhe lassen. Das führte dazu, dass ich plötzlich im Zentrum des Interesses stand. Keine Ahnung wie. Gruppendynamik halt. Ich weiß noch, dass es in der Turnhalle begann. Ich ging dann einfach los. Nach Hause. Die Klasse kam mir hinterher. Ich bin so ca. zehn Minuten gelaufen, dann wurde ich umstellt und eins der Mädchen nahm meinen Schulranzen. Klassenkeile.
C. sollte mich irgendwie verhauen. Wir standen in der Mitte eines Kreises unserer Klassenkameraden. Ich habe ihn umfasst, seinen Oberkörper nach hinten gebogen und er fiel um. Ich nahm H. meine Mappe aus der Hand und ging nach Hause. Ich habe mich nicht umgedreht. Sie sind mir nicht hinterher gekommen. Ich wüsste gern, was sie gedacht und gesagt haben.
Zu Hause saß ich auf dem Sofa. Ich habe drei Stunden lang gezittert. Es war keine Mutter da und kein Vater. Wie auch, sie haben gearbeitet. Das war gut und normal so. Ich glaube, ich habe auch später nicht mit ihnen darüber gesprochen.
Am nächsten Tag bin ich normal in die Schule gegangen. Kann mich nicht erinnern, dass die Vorgänge vom Vortag thematisiert worden wären. Auch nicht an Angst. Vielleicht verdrängt.
Ich habe gelernt, dass man als Einzelner auch etwas gegen eine Gruppe ausrichten kann. Dass es merkwürdige gruppendynamische Prozesse gibt.
Und eine nicht ganz ernste Bemerkung zum Schluss. Die Nachgeborenen finden ja, wir sollten jetzt mal 1968 im Osten machen und über unsere Gewalterfahrungen reden (Blogpost Gewalterfahrungen und 1968 für den Osten). Das hier sind meine Gewalterfahrungen. Diese sind natürlich nicht gemeint. Es gab alle möglichen Zwänge im Osten, militarisierter Sportunterricht, Wehrunterricht, Verweigerung von Bildungsmöglichkeiten, wenn man nicht mitgespielt hat usw. Nur ist das alles bekannt. Da muss man nichts aufarbeiten.
Nach dem Tod meines Opas habe ich es oft bedauert, dass ich ihn nicht mehr zu seinem Leben befragt habe. Ich habe meine Eltern gebeten, etwas aus ihren Erinnerungen aufzuschreiben, aber das wird wahrscheinlich nichts. Ich muss sie fragen. Mich kann ich selbst fragen und ich kann auch Dinge aufschreiben. Ich habe beschlossen, das hier zu tun. Kleine Erinnerungen schaffen ein Bild unserer Vergangenheit und ich möchte, dass meine Teil dieses Bildes sind, sonst schreiben andere unsere Geschichte.
Berliner
Es ist etwas Schlimmes passiert! Ich wollte gerade beim Bäcker Berliner kaufen. Dazu muss man wissen: Wir in Berlin sind gewaltfrei und keine Kannibalen. Wir essen köstliche Pfannkuchen und keine Berliner.
Ich stand also vor der Verkäuferin und dachte darüber nach, wie es denn sein könne, dass ich Berliner zu diesem Gebäck gesagt hatte. Ich drehte mich um und schaute auf die Werbung und fragte sie, ob da tatsächlich „Berliner“ gestanden hatte. Aber nee, da stand „Pfannkuchen“.
Werbeplakat am Bäcker: Köstliche Pfannkuchen, Berlin 11.11.2023
Beim Rausgehen hab ich’s dann verstanden: Draußen wurde mit „Berliner“ und drinnen mit „Pfannkuchen“ geworben.
Außen Berliner, innen Pfannkuchen. Werbung am Bäcker im Prenzlauer Berg, Berlin, 11.11.2023
Dennoch werde ich mir nie verzeihen, dass ich das Wort „Berliner“ benutzt habe.
Ich habe von 1992–1993 in Edinburgh studiert. Am Anfang, als wir noch keine Wohnung hatten, schlief ich in der Jugendherberge. Bei der Anmeldung in der Jugendherberge meinte der Mann an der Rezeption: „Ah, you’re from Berlin. This is where Kennedy said: ‘I am a donut.’“. Ich habe nicht verstanden, was er wollte. Kennedy hatte natürlich gesagt: „Ich bin ein Berliner!“. Das wusste ich.
Kennedy sagt: Ich bin ein Donut.
Aber ich habe das nicht mit Donuts zusammenbekommen, weil wir in Berlin zwar Berliner sind, aber keine Berliner essen. Donuts ab und zu schon.
Übrigens, liebe Wessis, noch zum ersten Bild: Wir sind verrückt, aber wir sind nicht närrisch. Karneval wird hier nicht verstanden und findet nicht statt. Wir sind das ganze Jahr über lustig.
Breschnew
Gestern vor 41 Jahren starb Leonid Breschnew und heute vor 41 Jahren wurde sein Tod bekannt. Wir wollten um 11:11 Party machen und Pfannkuchen essen, aber irgendwann um 10:00 wurde verkündet, dass Breschnew gestorben war. Unser Physiklehrer Herr F. hat geweint. Wir waren sauer und etwas verwundert über Herrn Fs. Trauer.
Gewissermaßen als späte Rache verlinke ich eine Rede Breschnews, die die Notorischen Reflexe 1983 vertont haben. Solche Sachen liefen damals im SFB in der Sendung Dauerwelle, die ich begeistert gehört und in Teilen mitgeschnitten habe.