Müde oder aufgekratzt? Und mit warmem Bier.

Lars Rey­er, gebo­ren 1977 in der Nähe von Zwi­ckau, hat eine neue The­se über den Osten (und den Wes­ten): Wir waren müde. Sein Auf­satz in der taz mit dem Titel „Irgend­wann kommt was“ ist gut geschrie­ben, aber man­che Din­ge gefal­len mir nicht.

Viele DDRen

Lars Rey­er war zur Wen­de 12, ich war zur Wen­de 21. Mir ist ja beim Lesen von Kat­ja Heu­er (2023) klar gewor­den, dass man nicht von der DDR spre­chen darf. Es gab vie­le DDRen. Ein­mal zeit­lich mit der ent­spre­chend aus­ge­rich­te­ten Poli­tik. Pha­sen der Ent­span­nung und Anspan­nung. Und dann gab es indi­vi­du­ell ganz unter­schied­li­che Erfah­run­gen. Und es gab loka­le Unterschiede. 

Müdigkeit

Rey­er schreibt:

Die DDR in ihrem End­sta­di­um war ein Land, des­sen Müdig­keit und Ver­fall auf die in ihm leben­den Men­schen abfärb­te, die ihrer­seits müde und ver­fal­len durch den Tag schwapp­ten, der ein Tag war, des­sen Ende man her­bei­sehn­te, aber nie­mals wirk­lich erwartete.

Die­se Müdig­keit war kei­ne indi­vi­du­el­le, kei­ne psy­cho­lo­gi­sche, son­dern eine struk­tu­rel­le Müdig­keit. Sie war nicht Aus­druck von Faul­heit oder Träg­heit, son­dern das Ergeb­nis eines jahr­zehn­te­lan­gen Umgangs mit For­de­run­gen, die ihrer­seits ent­we­der aus Unter- oder Über­for­de­run­gen bestan­den; eines Lebens unter Bedin­gun­gen, die jedes Ver­spre­chen auf Zukunft ent­wer­te­ten, ehe es aus­ge­spro­chen war. Viel­leicht, so könn­te man sagen, war die­se Gesell­schaft eine, die das Prin­zip Hoff­nung durch das Prin­zip Erschöp­fung ersetzt hat­te. Der Mensch, die­ser geschun­de­ne, vom Pro­duk­ti­ons­plan genorm­te Orga­nis­mus, war im Grun­de nichts ande­res als eine wan­deln­de Soll­grö­ße. Sei­ne Funk­ti­on bestand dar­in, zu funktionieren.

Rey­er, Lars. 2026. Irgend­wann kommt was, taz, 21.02.2026.

Jetzt also Müdig­keit. Eine neue The­se über den Osten. Ich stim­me mit Rey­er über­haupt nicht über­ein. Das ist sicher auf den Alters­un­ter­schied zurück­zu­füh­ren. Lars Rey­er berich­tet über sei­nen Vater und sein Umfeld, das müde und viel­leicht resi­gniert war. Für mich und vie­le ande­re war die Zeit in den 80er Jah­ren eine Zeit der Empö­rung aber auch der Hoff­nung. In der Sowjet­uni­on hat­te Gor­bat­schow über­nom­men. Glas­nost und Pere­stroi­ka zogen ein. Das war auch in den Medi­en dort wahr­nehm­bar und schwappt zum Teil auch in die klei­ne DDR. In der sowje­ti­schen Polit­zeit­schrift Neue Zeit, die es auch in der DDR gab, stan­den uner­hör­te Din­ge. Der Sput­nik wur­de ver­bo­ten, Num­mern der Neu­en Zeit nicht aus­ge­lie­fert. In den Stu­dio­ki­nos der DDR waren Fil­me wie Vogel­scheu­che zu sehen (1983 in der SU, 1987 dann end­lich in der DDR), die der sowje­ti­schen Gesell­schaft ihr Bild vor Augen hiel­ten in Form vom Umgang von Kin­dern unter­ein­an­der. Unglaub­lich! Jadup und Boel kam 1988 in die Kinos. Ein sehr kri­ti­scher Film, der von 1980 bis dahin im Eis­schrank gele­gen hatte.

Die Men­schen äußer­ten ihren Unmut immer offe­ner. Der Wahl­be­trug bei den Kom­mu­nal­wah­len im Mai wur­de 1989 von kirch­lich orga­ni­sier­ten Grup­pen zum ers­ten Mal nach­ge­wie­sen. Mei­ne Schwes­ter war bei Aus­zäh­lun­gen in Wahl­lo­ka­len dabei. An jedem sieb­ten des Monats ver­sam­mel­ten sich Oppo­si­tio­nel­le an der Welt­zeit­uhr am Alex. Beim Sport in der Woche vor dem 7. Okto­ber, dem 40. Jah­res­tag der DDR, bei dem am Alex­an­der­platz demons­triert und pro­tes­tiert wer­den wür­de, sag­te ich zu den ande­ren: Da kommt was!

Es gab gedul­de­te Unter­grund­mu­sik mit kri­ti­schen Tex­ten. (Punk, die ande­ren Bands) 

San­dow offen staats­kri­tisch mit „Wir kön­nen bis an unse­re Gren­zen geh’n / Hast du schon mal drü­ber hin­weg geseh’n / Wir bau­en auf und tape­zi­ern nicht mit.“ Der Tape­zier-Vers war die Fusi­on von Hon­eckers Lieb­lings­lied „Bau auf, bau auf, Freie Deut­sche Jugend bau auf!“ und dem Spruch: „Wür­den Sie, neben­bei gesagt, wenn Ihr Nach­bar sei­ne Woh­nung neu tape­ziert, sich ver­pflich­tet füh­len, Ihre Woh­nung eben­falls neu zu tape­zie­ren?“, der von Hon­ecker kam und Kurt Hager zuge­schrie­ben wurde.

Auch AG Gei­ge war sehr schön. Die hat­ten den Song Zey­chen & Wun­der. Der erschien sogar noch auf ner Amiga-Platte.

Sie leb­ten in Zei­ten von Zey­chen und Wun­dern, wo sind sie hin, nie­mand sah sie gehn?
Trotz all­dem ver­blei­ben noch ein, zwei Sekun­den, viel­leicht wird ja doch noch ein PIEPS geschehen.

AG Gei­ge. 1989. Trick­beat Ami­ga. Zey­chen und Wunder

Weiß nicht, ob man dem als nicht Zen­sur-Erfah­re­ner etwas abge­win­nen kann, aber ich fin­de es großartig.

AG Gei­ge war Dada, Mul­ti­me­dia und für Funk­tio­nä­re wohl unverständlich.

Thea­ter­stü­cke, in denen man Kri­tik am Staat fin­den konn­te, wenn man genau­er hin­schau­te als die Zen­sur. In Hei­ner Mül­lers Stü­cke konn­te man auch diver­se Din­ge hin­ein- oder her­aus­le­sen. Mül­ler pro­du­zier­te zusam­men mit den Ein­stür­zen­den Neu­bau­ten beim Rund­funk der DDR Hör­spie­le. Selbst Faust und Shake­speare waren inter­es­sant. Thea­ter war für mich damals viel, viel wich­ti­ger als heu­te. Eben weil dort staats­kri­ti­sche Nach­rich­ten über­mit­telt wur­den. Damit haben die Akteu­re auch etwas bewirkt. Das funk­tio­nier­te nur, weil es Zen­sur gab und es mutig und gefähr­lich war, dage­gen auf­zu­be­geh­ren. Das ist heu­te anders. Viel­leicht wird es bald wie­der so. Oder so ähnlich.

Die gan­ze Unter­grund­kunst in Dres­den und Ber­lin (und sicher auch anders­wo). Aus­stel­lun­gen in Wohn­zim­mern. In die man nur rein­kam, wenn man vor­her auf dem Kon­zert schrä­ger Bands den Zet­tel mit­ge­nom­men hatte.

Es bro­del­te und blub­ber­te über­all. Es stank, aber das war Teil vom Ganzen.

Es war klar, dass etwas pas­sie­ren wür­de, nur nicht genau was. Wie Rey­ers Vater gesagt hat: „Da kommt was!“. Bei der Armee muss­ten wir im Juni alle die chi­ne­si­schen Pro­pa­gan­da-Fil­me sehen. Mei­ne Kum­pels waren dann auch im Okto­ber mit Schlag­stö­cken in Dres­den. Ich war zum Glück schon raus. Wie es ablief, kann man Uwe Tell­kamps Roman „Der Turm“ nach­le­sen.

Wir glaub­ten, dass wir den wei­te­ren Ver­lauf wür­den steu­ern kön­nen, wenn sich die chi­ne­si­sche Lösung ver­mei­den ließe.

Wir lagen falsch.

Wir waren … wir waren alles, nur nicht müde.

Wir waren naiv.

Lebenserwartung

„Ein Land mit einer „in Bezug auf die ent­wi­ckel­ten west­li­chen Natio­nen rela­tiv abnehmende(n) durchschnittliche(n) Lebens­er­war­tung“, wie der Sozio­lo­ge und Publi­zist Wolf­gang Eng­ler in sei­ner etwas pathe­tisch beti­tel­ten Eth­no­lo­gie „Die Ost­deut­schen, Kun­de von einem ver­lo­re­nen Land“ ganz bei­läu­fig notiert.“

Rey­er, Lars. 2026. Irgend­wann kommt was, taz, 21.02.2026.

Naja, das hört sich jetzt dra­ma­tisch an. Als wären wir alle so dahin­ge­stor­ben. Was da aber genau steht ist, dass die Lebens­er­war­tung sich nicht genau­so schnell erhöht hat wie im Wes­ten. Aber sie hat sich erhöht. Hier ist eine Abbil­dung von der Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung (Böt­cher, 2022).

Lebens­er­war­tung in der DDR und in der BRD von 1951–2010 nach (Böt­cher, 2022).

Aller­dings kann man dem Arti­kel der BPB auch ent­neh­men, dass das DDR-Gesund­heits­sys­tem zum Ende vom Wes­ten unter­stützt wur­de. Ich habe als Jugend­li­cher selbst West-Medi­ka­men­te bekom­men, nach­dem die For­mu­la­re von zwei Ärz­ten unter­schrie­ben wor­den waren.

Warmes Bier

Unter einem Bild des Autors steht: „Man saß nach der Früh­schicht in den Gär­ten, rede­te wenig, trank Bier aus lau­war­men Flaschen.“

Ich hielt das erst für eine neue Vari­an­te von Anne Rabes Geschich­ten dar­über, dass in der DDR nie­mand eine Wasch­ma­schi­ne beses­sen habe. Jetzt also: Wir hat­ten kei­ne Kühl­schrän­ke. Ich ken­ne nie­man­den, der kei­nen Kühl­schrank hat­te. Wir hat­ten sogar eine Tiefkühltruhe.

In der Dis­kus­si­on auf Mast­o­don habe ich dann erfah­ren, dass es man­cher­orts üblich ist, war­mes Bier zu trin­ken. In Thü­rin­ger Gast­stät­ten gab es sogar Tauch­sie­der, um das Bier auf­zu­wär­men, wenn es zu kalt war. Wie dem auch sei: Mir ist unklar, war­um die Tem­pe­ra­tur für den rest­li­chen Arti­kel dann rele­vant sein soll und war­um der Autor die­sen Umstand erwähnt hat.

Unse­re Kühl­schrän­ke waren übri­gens von der Fir­ma DKK (Foron), die als ers­te FCKW-freie Kühl­schrän­ke her­ge­stellt haben, dann aber von west­deut­schen Fir­men mit Kam­pa­gnen platt gemacht wurden.

Befindlichkeiten. Leere?

Ein Rück­zug auf das Ich, das einen, wenn man genau hin­hör­te, nur all­zu oft zurück anschwieg.

Rey­er, Lars. 2026. Irgend­wann kommt was, taz, 21.02.2026.

Viel­leicht. Vie­le. Aber nicht alle.

Wir haben ja Lyrik gemacht und unser selbst gedruck­tes Heft hieß Befind­lich­kei­ten. Wir haben in uns hin­ein­ge­hört. Genau. Aber unse­re Ichs haben nicht geschwie­gen. Sie haben geschrien.

Und woher will er wis­sen von der Lee­re? Wenn alle geschwie­gen hät­ten, woher will er dann wis­sen, dass sie auch von ihrem Selbst ange­schwie­gen wurden? 

Die Ein­stür­zen­den Neu­bau­ten aus West-Ber­lin dage­gen waren leer. Ohne Angst:

Wir sind leer / Glaub mir
Wir sind leer
Die Zeit hat ihre Kin­der längst gefres­sen
Und sie ist satt
Komm her komm mit
Sieh zu wie die Zeit
Zer­fällt vor unsern Augen
Komm her komm mit
Wir sind leer – ohne Angst
Wir sind leer
End­gül­tig / voll­stän­dig / leer
Abstieg & Zerfall

Ein­stür­zen­de Neu­bau­ten. 1981. Abstieg und Zer­fall, Kollaps.

Wir waren voll. Und ohne Angst. Viel­leicht waren wir naiv. Viel­leicht hät­ten wir Angst haben sol­len, aber in den 80ern hat­ten wir kei­ne. Mei­ne Schwie­ger­el­tern berich­te­ten von den 50er Jah­ren. Wenn vor dem Haus eine Auto­tür klapp­te, hat­ten sie Angst, abge­holt zu wer­den, denn in ihrer Umge­bung hat­te kei­ner ein Auto. In den 80er Jah­ren hat­ten vie­le eins und wir hat­ten kei­ne Angst mehr, abge­holt zu wer­den. Ich habe vor kur­zem mei­ne Sta­si­ak­te erneut ange­for­dert und habe die Aus­kunft erhal­ten, dass ich erfasst wur­de. Ich weiß aber noch nicht wes­halb. Ich habe damals schon immer zu allen gesagt, dass man davon aus­ge­hen muss, dass immer einer dabei ist, es wäre bit­ter, wenn es jemand war, der mir wich­tig war.

Diese unheimliche Armut! Wieder.

Rey­er kann viel bes­ser for­mu­lie­ren als Anne Rabe, die von einer „tasäch­li­chen Armut“ gespro­chen hat (sie­he Anne Rabe, die Prü­gel­stra­fe und Jugend­werk­hö­fe und die unglaub­li­che „tat­säch­li­che Armut“ in der DDR), aber wahr wer­den sei­ne Aus­sa­gen dadurch auch nicht. Er behaup­tet doch tat­säch­lich, dass wir nichts als unse­re Kör­per beses­sen hätten:

Denn der eige­ne Kör­per war das Ein­zi­ge, was in die­sem Land wirk­lich einem selbst gehör­te – und selbst das nur bedingt.

Rey­er, Lars. 2026. Irgend­wann kommt was, taz, 21.02.2026.

Viel­leicht war das ja Spaß. Oder lite­ra­risch über­höht. Wenn, ja, hab ich’s nicht mit­be­kom­men. Tut mir Leid.

Also: Es ist falsch: Wir hat­ten Bücher. Vie­le! Und gute! Auch von west­li­chen Autor*innen und Klas­si­ker natür­lich auch. Wir hat­ten Schall­plat­ten. Aus­’m Osten und aus dem Wes­ten (Lizenz­pres­sun­gen und Plat­ten aus Ungarn und der CSSR). Wir hat­ten Kas­set­ten mit Auf­nah­men von den Plat­ten, die wir anders nicht krie­gen konn­ten. Im DDR-Radio wur­den West-Plat­ten zum Mit­schnei­den gesen­det. Wir hat­ten Radi­os mit West­mu­sik. Wir hat­ten Ton­bän­der, Kas­set­ten­re­cor­der, Plat­ten­spie­ler. Wir hat­ten Fern­se­her (alle außer mei­ner Fami­lie, die erst spät einen klei­nen Sharp-Fern­se­her (5P-27G) hat­te, der sel­ten genutzt wur­de). Es gab sogar Farb­fern­se­her und als wir 1990 in Mos­kau waren, stell­ten wir fest, dass die DDR-Fern­se­her bes­ser waren als die dort übli­chen. Wir hat­ten Fahr­rä­der, zwar nicht so toll wie die im Wes­ten und gar nicht zu ver­glei­chen mit denen von heu­te, aber die fuh­ren auch. Ich habe 150km-Tou­ren damit gemacht.

Man­che hat­ten Grund­stü­cke mit Häu­sern oder klei­nen Gär­ten, man­che hat­ten Autos. Doch wirk­lich! Der Autor zeigt ja selbst ein Bild sei­nes Vaters in einem Gar­ten vor einem Bun­ga­low und spricht von Gär­ten in der Mehr­zahl. Man­che die­ser Gär­ten waren gepach­tet, man­che aber auch gekauft. Mein Schul­freund, den ich zum Schach gebracht habe und der spä­ter gegen Kas­pa­row (oder Kar­pow?) spie­len soll­te, hat­te einen Gar­ten mit Swim­ming-Pool (ich habe schip­pen gehol­fen) und sie hat­ten eine Citro­ën. Mit höhen­ver­stell­ba­rem Fahr­werk. Jawohl! Hier zur Geschich­te des Imports des Citro­ën GSA Pal­las. Mein Gott, jetzt ler­ne ich noch im hohen Alter Automarken. 

Mein Groß­va­ter war Koch in der Betriebs­kan­ti­ne des Stick­stoff­werks in Piesteritz. Mei­ne Oma war vor dem Krieg Zim­mer­mäd­chen, dann Haus­frau (ein Kind) und ab 1961 unge­lern­te Che­mie­ar­bei­te­rin in einem Indus­trie­be­trieb in Wit­ten­berg (Wit­tol). Also kein geho­be­nes Bür­ger­tum, son­dern ganz nor­ma­le Leu­te. Sie wohn­ten seit ich den­ken kann in einer soli­den Zwei­zim­mer­woh­nung mit Wasch­ma­schi­ne und Kühl­schrank. Hat­ten einen Klein­gar­ten, zeit­wei­se sogar zwei, und einen Motor­rol­ler, ab 1968 einen Trab­bi und spä­ter einen Moskwitsch in einer eige­nen Gara­ge. Alles hart erspart vom Gehalt mei­nes Groß­va­ters. Mein ande­rer Groß­va­ter war Inge­nieur mit Ein­zel­ver­trag bei Zeiss. Mei­ne Oma war Haus­frau mit drei Kin­dern. Mein Groß­va­ter hat­te einen Pol­ski-Fiat (auch mit Gara­ge). Sie wohn­ten in einer Alt­bau­woh­nung und nach dem Tod der Groß­mutter und dem Aus­zug der Kin­der wohn­te mein Groß­va­ter in einer Zwei­zim­mer­woh­nung in der Stra­ße der Kos­mo­nau­ten (heu­te Clo­se­wit­zer Stra­ße) in Jena. Mei­ne Eltern waren bei­de Wis­sen­schaft­ler. Sie hat­ten einen Lada und auch einen Gar­ten in der Nähe von Ebers­wal­de (per Anzei­ge in einer Zei­tung gefun­den). Man muss­te lan­ge auf ein Auto war­ten, und als ich klein war, ist mein Vater immer mit der Bahn von Ber­lin nach Wit­ten­berg zu mei­nem Groß­va­ter gefah­ren und hat deren Auto geborgt, mit dem wir dann in den Urlaub gefah­ren sind, aber uns gehör­te doch wesent­lich mehr als unse­re Körper.

Im Fol­gen­den möch­te ich drei Berei­che genau­er angu­cken: die Armen, die Rei­chen und die gro­ße Mas­se, stell­ver­tre­tend dafür die Grup­pe der Industriearbeiter*innen, für die am Ende der DDR genaue Daten erho­ben wurden.

Rentner*innen

Wenn man nach Armut in der DDR im Netz sucht, fin­det man eigent­lich haupt­säch­lich den Ver­weis auf die Pro­mo­ti­on B von Klaus-Peter Schwit­zer und es taucht an diver­sen Stel­len die­ses Stück Text auf:

Bezo­gen auf das Geld­ein­kom­men »leb­ten in der DDR 1970 cir­ca 65 Pro­zent, 1980 etwa 50 und 1988 rund 45 Pro­zent der Rent­ner­haus­hal­te im Bereich der Armuts­gren­ze«, so Klaus-Peter Schwit­zer. Kein Wun­der also, das noch zahl­rei­che älte­re Men­schen berufs­tä­tig waren.

Die Armut ist hier rela­tiv zum sons­ti­gen Ein­kom­men der Bevöl­ke­rung (äqui­va­lenz­ge­wich­te­tes Haus­halts­ein­kom­men). Die Ren­te ergab sich aus dem Durch­schnitts­ein­kom­men der letz­ten zwan­zig Jah­re. Das bedeu­te­te, dass – ent­spre­chen­de ost­deut­sche Erwerbs­bio­gra­fien vor­aus­ge­setzt – man mehr Ren­te bekommt als das ers­te Gehalt. Da es aber bei den Waren des täg­li­chen Bedarfs kei­ne Infla­ti­on gab, weil die Prei­se auf Vor­kriegs­ni­veau ein­ge­fro­ren waren, hat­te man als Rentner*in auf alle Fäl­le aus­rei­chend Geld, um die Waren des täg­li­chen Bedarfs kau­fen zu können. 

Zum Ende der DDR war ein gro­ßer Teil der Frau­en (1982 waren es 90 %, die höchs­te Beschäf­ti­gungs­quo­te welt­weit) werk­tä­tig und hat also auch über ein eige­nes Ein­kom­men ver­fügt. Das war in den Anfangs­jah­ren der DDR nicht so und der Anteil der Teil­zeit­ar­beit war höher. Ren­ten fie­len dann ent­spre­chend nied­ri­ger aus. Frau­en hat­ten aber das Recht, bereits mit 60 Jah­ren in Ren­te zu gehen. Sie könn­ten dann frei­wil­lig bis zum Bei­spiel 65 wei­ter­ge­ar­bei­tet haben. Bei Män­nern lag das Ren­ten­ein­tritts­al­ter bei 65 Jah­ren. Was übri­gens auch oft bei sol­chen Dis­kus­sio­nen ver­ges­sen wird: Das Sozi­al­le­ben spiel­te sich zu einem gro­ßen Teil in Betrie­ben ab bzw. wur­de über die Betrie­be orga­ni­siert. Wolf­gang Beck, Direk­tor des Elek­tro­mo­to­ren­wer­kes in Wer­ni­ge­ro­de hat dar­über in sei­nem Buch geschrie­ben (Beck 2023). Des­halb hat es auch für vie­le nach der Wen­de wie der blan­ke Hohn geklun­gen, wenn West­de­u­sche mein­ten, die Ossis soll­ten nicht so rum­jam­mern, sie bekä­men ja jetzt Arbeits­lo­sen­geld und es gin­ge ihnen bes­ser als vorher.

Im Wiki­pe­dia-Ent­rag über Sepul­kral­kul­tur in der DDR kann man lesen, dass die Wit­wen­ren­te 60 % des Ren­ten­be­trags des Ehe­part­ners betrug. Die Wit­wen­ren­te wur­de eben­falls ab 60 bzw. 65 Jah­ren aus­ge­zahlt (Wiki­pe­dia zitiert die Ren­ten­ver­ord­nung von 1974). 

Der Gen­der-Pay-Gap zwi­schen Män­nern und Frau­en betrug übri­gens nur 16 % im Ver­gleich zu 30 % im Wes­ten (Ste­phan & Wie­demann, 1990: 550), was aber nicht dar­an lag, dass sie auf der­sel­ben Stel­le schlech­ter bezahlt wur­den, son­dern dar­an, dass sie auf Stel­len mit nied­ri­ge­rer Qua­li­fi­ka­tion­an­for­de­rung arbeiteten.

Also: Wirk­lich eng konn­te es für allein­ste­hen­de Per­so­nen in schlecht bezahl­ten Jobs wer­den. Dazu zähl­ten auch typi­sche Frau­en­be­ru­fe wie Nähe­rin und Webe­rin. Kin­der­gärt­ne­rin war übri­gens ein Stu­di­en­be­ruf mit einem vier­jäh­ri­gen Stu­di­um an der Päd­ago­gi­schen Hosch­schu­le (Zeit­zeu­gen­be­richt). Der MDR hat­te als Bei­spiel eine Gemein­de­kran­ken­schwes­ter, die ihr Leben lang 300 Mark ver­dient hat­te (MDR 2021). Im Schnitt betrug die Ren­te 1989 laut MDR 426,88 Mark und zusam­men mit der Frei­wil­li­gen-Zusatz­ren­te 520,13 Mark.

Im nächs­ten Abschnitt bespre­che ich kurz die Mil­lio­nä­re, die es in der DDR auch gab, und danach kom­me ich zum eigent­lich wich­ti­gen Teil, der Mas­se der Werktätigen.

Millionäre

Bei ande­ren Armuts­disskus­sio­nen spie­len sie kei­ne Rol­le, aber wenn man Aus­sa­gen hat wie „Denn der eige­ne Kör­per war das Ein­zi­ge, was in die­sem Land wirk­lich einem selbst gehör­te – und selbst das nur bedingt.“, dann kann man auch dar­auf ver­wei­sen, dass es in der DDR Mil­lio­nä­re gab. Laut MDR waren es 40.

Der reichs­te war der Wis­sen­schaft­ler Man­fred von Arden­ne. Er war rei­cher als Jeff Bezos, denn er hat­te ein Kon­to ohne Begren­zung, von dem er ein­fach neh­men konn­te, was er woll­te. Ansons­ten gab es rei­che Künstler*innen, Schauspieler*innen, Antiquitätenhändler*innen und Handwerker*innen. Der MDR nennt eini­ge Namen:

Die Wirt­schafts­for­men, in denen Heinz Bor­man ope­rier­te, sind inter­es­sant. Sei­ne Fir­ma wur­de 1972 pri­va­ti­siert, womit sich letzt­end­lich der Staat selbst scha­de­te. Hier wie­der der Ver­weis auf die ver­schie­de­nen DDRen.

Inter­es­san­ter­wei­se war – wenn man von Arden­ne mit sei­nem vir­tu­el­len Kon­to absieht – der am reichs­ten, der die Aus­rei­se­an­ge­le­gen­hei­ten für poli­tisch Ver­folg­te und Wirt­schafts­flücht­lin­ge orga­ni­sier­te. Wolf­gang Vogel ver­dien­te Mil­lio­nen in Ost und West.

Die 40 Mil­lio­nä­re waren natür­lich beson­ders, aber es gab unter­halb die­ser Gren­ze auch Men­schen, die über dem Nor­ma­len leb­ten. In mei­ner Klas­se war ein Jun­ge, der war Sohn eines Onko­lo­gie-Pro­fes­sors am Kli­ni­kum Buch. Sie hat­ten einen Vol­vo und sei­ne Mut­ter war die ein­zi­ge Frau in der DDR, die ich kann­te, die nicht arbei­te­te. (Dass mei­ne bei­den Groß­müt­ter in den 50er Jah­ren nicht gear­bei­tet hat­ten, habe ich erst 2026 erfahren.)

Die Puh­dys hat­ten vor der Wen­de fast 20 Mil­lio­nen Alben ver­kauft. Citys Song Am Fens­ter 10 Mil­lio­nen Mal. Die Bands dürf­ten nicht am Hun­ger­tuch genagt haben.

Wissenschaftler*innen

Wenn es einem in der DDR ums Reich­wer­den ging, wur­de man eher nicht Wissenschaftler*in. Wenn man Wissenschaftler*in wer­den woll­te, muss­te man zwei Jah­re län­ger zur Schu­le gehen und fünf Jah­re lang stu­die­ren und bekam 200 Mark Sti­pen­di­um (plus evtl. Leis­tungs­zu­la­gen und Zula­gen für län­ge­ren Wehr­dienst). Einen Beruf konn­te man in eini­gen Jah­ren ler­nen und dann direkt Geld ver­die­nen. Woll­te man pro­mo­vie­ren, so fand das über­wie­gend in der Frei­zeit statt. Anders als das heu­te üblich ist, erstreck­te sich das über län­ge­re Zeit und man war dann mit ca. 40 Jah­ren pro­mo­viert. Heu­te schließt sich die Pro­mo­ti­ons­pha­se nor­ma­ler­wei­se direkt an das Stu­di­um an. Für Stel­len mit Befris­tung von bis zu sechs Jah­ren muss es ein Qua­li­fi­ka­ti­ons­ziel geben. Danach kann wei­te­re sechs Jah­re befris­tet ein­ge­stellt wer­den, wenn es wie­der ein Qua­li­fi­ka­ti­ons­ziel gibt: die Habi­li­ta­ti­on. In die­ser Zeit arbei­ten die Mitarbeiter*innen auf hal­ben oder gan­zen Mit­ar­bei­ter­stel­len zu Angestelltentarifen.

Mei­ne bei­den Eltern haben eine Dok­tor­ar­beit geschrie­ben. Das geschah in der Frei­zeit. Sie waren mit X und Y Jah­ren fer­tig. Mein Vater hat mit Z Jah­ren die Pro­mo­ti­on B ver­tei­digt (ent­spricht der Habi­li­ta­ti­on). Ich weiß von einer Frau, die gegen Ende der DDR ein Sti­pen­di­um für die Pro­mo­ti­on B bekom­men hat. Das betrug 80 Mark. Von 80 Mark konn­te man mit Kind nicht leben. Sie waren also auf das Gehalt des Man­nes angewiesen. 

In der Indus­trie lagen die Gehäl­ter der Men­schen mit Hoch­schul- oder Fach­schul­ab­schluss über denen der Arbeiter*innen, aber der Unter­schied war im Ver­gleich zum Wes­ten wesent­lich gerin­ger: Im Osten hat­te man 15% mehr Net­to, im Wes­ten 70% (Ste­phan & Wie­demann 1990: 550).

Arbeiter*innen und Angestellte in der Industrie

Rey­er schreibt von der Früh­schicht, nach der sein Vater im Gar­ten saß und Bier trank. Schicht­ar­bei­ter haben Schicht­zu­schlä­ge bekom­men. Hier sind die Gehäl­ter aus einer Stu­die mit 2,4 Mio Beschäf­tig­ten aus dem Jahr 1988. Ste­phan & Wie­demann (1990) berich­ten detail­liert dar­über, wie sich die Löh­ne zusam­men­ge­setzt haben und wie sich Net­to vom Brut­to unter­schied. Als Schichtarbeiter*in bekam man teil­wei­se hohe Zula­gen. HF-Kader waren die Studierten.

Mei­ne Frau hat vom Sep­tem­ber bis Dezem­ber 1985 in einem so genann­ten Vor­prak­ti­kum in der Glas­hüt­te Deren­burg gear­bei­tet und dort 500 Mark pro Monat ver­dient. Für Hilfs­ar­beit ohne jeg­li­che Aus­bil­dung. Im Janu­ar bis Juli 1986 hat sie im Por­zel­lan­werk Trip­tis gear­bei­tet. Sie hat dort im Zwei­schicht­be­trieb 8000 Tel­ler pro Schicht gla­siert. Die Tel­ler wur­den in die Gla­sier­ma­schie­ne ein­ge­legt und wie­der her­aus­ge­nom­men und dann in die Brenn­kap­sel ein­ge­legt. Mono­to­ne Arbeit. Stun­den­lang. Wahr­schein­lich sah sie nach der Schicht müde aus. Und leer. Ich weiß es nicht. Wir haben uns in den 80ern nur ab und zu mal in Wei­mar, auf Kon­zer­ten und im Thea­ter getroffen.

Nach Aus­sa­ge mei­ner Frau hät­te jede und jeder dort sofort unge­lernt anfan­gen können.

Ich habe als Jugend­li­cher gear­bei­tet (Kran­ken­haus, Post, Bus­se­wa­schen bei den Ber­li­ner Ver­kehrs­be­trie­ben, BVB). Da bekam man 2,55 oder 3,25 Mark pro Stun­de. Ich konn­te mir so einen Radio­re­kor­der und spä­ter eine Ste­reo­an­la­ge mit Kas­set­ten­re­kor­der zusammensparen.

Ich weiß nicht, was genau der Vater des Autors gear­bei­tet hat, aber ich kann mir vor­stel­len, dass man in einer Fami­lie mit vier Kin­dern (falls es nicht ande­re Ver­wand­te oder Bekann­te waren, die in der 55 km2-Woh­nung wohn­ten) nicht viel Geld übrig hat. Aller­dings gab es für kin­der­rei­che Fami­li­en auch För­de­rung vom Staat. Mit­te der 80er sogar schon ab drei Kin­dern. Wir haben wel­che bekom­men. Und als Stu­dent konn­te man von 200 M Sti­pen­di­um leben, wenn also bei­de Eltern­tei­le gear­bei­tet haben, dann müss­te auch Geld für Geschen­ke dage­we­sen sein. In Wiki­pe­dia fin­det man eine Lis­te mit den in der DDR ein­heit­lich gel­ten­den Prei­sen. Die Prei­se für Waren des all­täg­li­chen Bedarfs waren auf Vor­kriegs­ni­veau ein­ge­fro­ren wor­den. Mie­ten, Lebens­mit­tel, Mobi­li­tät, Klei­dung (die man nicht unbe­dingt anzie­hen woll­te und auch nicht in allen nöti­gen Kon­fek­ti­ons­grö­ßen, nur für Mit­tel­maß), Porto.

Und irgend­wer dort muss auch einen Foto­ap­pa­rat gehabt und die Farb­ab­zü­ge bezahlt haben. Sonst gäbe es die Bil­der vom Vater des Autors nicht.

Zusammenfassung

Dass wir nichts besa­ßen, ist ein­fach falsch. Und das mit unse­ren Kör­pern, ja, das war bedingt, denn man wur­de zu allem Mög­li­chen gezwun­gen. Zum Bei­spiel zum Wehr­dienst. Und schon vor­her zu para­mi­li­tä­ri­scher Aus­bil­dung in der Schule.

Der kaputte Sozialismus

Der Sozia­lis­mus, so wie er sich in den spä­ten Acht­zi­ger­jah­ren in der DDR zeig­te, war gewis­ser­ma­ßen das poli­ti­sche Äqui­va­lent einer stur am Lau­fen gehal­te­nen Indus­trie­bra­che. Alles pfiff auf dem letz­ten Loch, die Kes­sel dampf­ten und zisch­ten und stan­den kurz vorm Zer­bers­ten, aber irgend­wo fand sich immer unver­hofft ein Werk­stoff, den man zum Ersatz­teil umfunk­tio­nie­ren konn­te. Irgend­je­mand fand am Schluss doch immer ein Ven­til, um den Druck wie­der abzu­las­sen. Die Kes­sel explo­dier­ten vor­erst nicht.

Rey­er, Lars. 2026. Irgend­wann kommt was, taz, 21.02.2026.

Ja, ich habe ja vor 1986 diver­se Betrie­be besich­tigt. Toll, war’s nicht. In der Armee­zeit war ich in Espen­hain. Das war ein Braun­koh­le­kraft­werk, was aber auf Ver­schleiß gefah­ren wor­den war. Kaputt. An vie­len Stel­len. Und die abso­lu­te Öko­ka­ta­stro­phe. Die Anwohner*innen lit­ten an Atem­wegs­er­kran­kun­gen und Ekzemen.

Die Leip­zi­ger Band Die Art hat dar­über gesun­gen und das Lied Black Dust wur­de am 08.07.1989 auch im Parock­ti­kum gespielt.

Ich habe von mei­nen Betriebs­be­sich­ti­gun­gen schon in dem Blog-Post geschrie­ben, in dem es um den Natio­nal­stolz ging, den die SED-Funktionär*innen bei uns ent­facht haben sol­len (sie­he „His­to­ri­sche Ursa­chen der Frem­den­feind­lich­keit in den neu­en Bun­des­län­dern“: Kom­men­ta­re zu einem Auf­satz von Patri­ce G. Pou­trus, Jan C. Beh­rends und Den­nis Kuck). Das funk­tio­nier­te zum Ende der DDR nur noch bei 100%igen wie Patri­ce Pou­trus sel­ber, der war schließ­lich haupt­amt­li­cher FDJ-Chef eines Betriebes.

Es gab eini­ge mehr oder wenig gut funk­tio­nie­ren­de Betrie­be. Das VEB Elek­tro­mo­to­ren­werk Wer­ni­ge­ro­de (Elmo) gehör­te dazu. Wolf­gang Beck, der letz­te Betriebs­di­rek­tor hat dar­über in sei­nem Buch berich­tet (Beck 2023). Auch wie man mit­un­ter mit Devi­sen Mate­ri­al beschaf­fen muss­te. Und dar­über, was pas­sier­te, wenn man kei­ne Arbeits­kräf­te mehr hat­te, weil es eine Amnes­tie gab.

Letzt­end­lich dürf­te der CSU-Mann Strauß die DDR mit Hil­fe eines Mil­li­ar­den­kre­dits noch ein paar Jähr­chen über das eigent­li­che Ende hin­aus am Leben gehal­ten haben.

Warten, aber worauf?

Denn da (und obwohl) alles ein­ge­rich­tet und alles gere­gelt war, ahn­te man, dass es nicht mehr lan­ge so wei­ter­ge­hen konn­te, weil alles Ein­ge­rich­te­te und alles Gere­gel­te wie ein unend­lich andau­ern­des Pro­vi­so­ri­um erschien. Es war eine Zeit des War­tens – wor­auf, das wuss­te nie­mand so genau.“

Rey­er, Lars. 2026. Irgend­wann kommt was, taz, 21.02.2026.

Natür­lich wuss­ten wir, wor­auf wir war­te­ten. Auf Glas­nost und Perestroika.

Die Band Gefah­ren­zo­ne aus Saal­feld rich­te­te sogar ein Lied an Gor­bat­schow und wur­de dann prompt von der Sta­si zer­setzt. Aber die Tapes waren im Umlauf. Ich bekam es von einem Freund, des­sen Opa beim ZK war. So war das.

Sie san­gen: „Genos­se Gor­bat­schow, wo gehen Sie hin? Wir brau­chen genau sol­che Refor­men wie Sie in der UdSSR.“

Gefah­ren­zo­ne wur­de übri­gens, genau wie alle ande­ren oben erwähn­ten Bands, im DDR-Radio gespielt. Man mag es kaum glau­ben. Lutz Schramm hat sie im Parock­ti­kum gespielt. Man kann im Parock­ti­kum-Wiki selbst in Play­lists suchen.

Air­ti­me bei Parock­ti­kum 1987–1989 für die Saal­fel­der Band Gefah­ren­zo­ne, gegen die ein Ope­ra­ti­ver Vor­gang bei der Sta­si lief. 

Erzählen in kurzen Sätzen

Und so begann, im Rück­blick, ein fie­ber­haf­tes Nach­ho­len von Geschich­ten, ein Erzäh­len, das manch­mal an Selbst­recht­fer­ti­gung grenz­te. Die Müdig­keit wich der Erzäh­lung – aber in der Erzäh­lung blieb sie als Schatten.

Rey­er, Lars. 2026. Irgend­wann kommt was, taz, 21.02.2026.

Das ist per­fi­de. Die, die nicht ein­fach nach der Wen­de ver­stummt sind, ver­su­chen etwas gegen den Main­stream zu set­zen. In kur­zen Sät­zen. In vie­len kur­zen Sät­zen. Wie Danie­la Dahn anmerk­te. Man braucht ein gan­zes Kapi­tel, nur um zu zei­gen, was an einem ver­gif­te­ten oder ein­fach nur idio­ti­schen Satz falsch ist. Und viel­leicht ist die Müdig­keit auch neu. Und sogar eine kol­lek­ti­ve Müdig­keit. Die Müdig­keit einer Grup­pe. Einer Grup­pe, zu der ich nie gehö­ren woll­te, zu deren Bestand­teil ich und vie­le ande­re aber gemacht wurden.

Die­je­ni­gen, die frü­her geschwie­gen hat­ten, began­nen zu spre­chen. Aber ihre Sät­ze blie­ben kurz.

Die Müdig­keit, die frü­her kol­lek­tiv war, ist heu­te indi­vi­du­ell. Damals war man müde vom Staat; heu­te ist man müde von sich selbst.

Die Frei­heit hat die Erschöp­fung nicht auf­ge­ho­ben, sie hat sie privatisiert.

Rey­er, Lars. 2026. Irgend­wann kommt was, taz, 21.02.2026.

Mei­ne Schwie­ger­el­tern berich­te­ten von einem Kol­le­gen aus dem Wes­ten, der in den 70ern zu Besuch kam und fand, dass in der DDR selbst die Babys grau wären. Ich habe oben von Besitz gespro­chen. Ich besaß eine Plat­te mit Lie­dern vom Klei­nen Prin­zen. Eins davon hieß: „Man sieht nur mit dem Her­zen gut“. Men­schen, die nur grau­en Babys und nur müde Bür­ger gese­hen haben, ver­moch­ten nicht mit dem Her­zen zu sehen. Konn­ten nicht sehen, was unter der Ober­flä­che war und wie es dort bro­del­te. Bei vielen.

Die Bubble

Ich habe Ein­gangs erwähnt, dass mir klar­ge­wor­den ist, dass es die DDR nicht gibt. Es hat jeder Ossi sei­ne und dann gibt es noch das Gemisch vom Wes­ten. Nun kann man sagen: „Ja, Ste­fan, dann ist das, was Du schil­derst, eben Dei­ne.“ Das kann man sagen, aber ich möch­te doch zu beden­ken geben, dass ich Ende der 80er mit ganz vie­len Men­schen in wirk­lich ver­schie­de­nen Kon­tex­ten zusam­men­ge­kom­men bin. Das ist – ver­gli­chen mit allem, was bei mir danach kam und viel­leicht auch heu­te an Bla­sen­bil­dung üblich ist – ein wirk­lich gro­ßer Quer­schnitt der DDR-Bevöl­ke­rung gewe­sen. Ich zäh­le ein­fach mal ein paar Din­ge auf:

  • Groß­el­tern in Jena und Wit­ten­berg aus ver­schie­de­nen Milieus 
  • Armee­zeit: sechs Mona­te unter Unter­of­fi­ziers­schü­lern (haupt­säch­lich mit Abitur aus allen Lan­des­tei­len) zwei­ein­halb Jah­re Unter­of­fi­zier auf Zeit mit Sol­da­ten und Unter­of­fi­zie­ren aus allen Lan­des­tei­len und Bevöl­ke­rungs­schich­ten. Ich war sowohl mit Sol­da­ten als auch mit Unter­of­fi­zie­ren befreun­det. Das ging in Kamenz, weil der Druck da nicht so hoch war, wie anders­wo, denn es soll­ten ja auch mit­hil­fe der Wehr­dienst­leis­ten­den Offi­ziers­schü­ler aus­ge­bil­det wer­den. Ich hat­te auch Gesprä­che mit Offi­ziers­schü­lern, auch sol­chen, die „abge­keult“ haben = nach­träg­lich fest­ge­stellt hat­ten, dass sie nicht län­ger als not­wen­dig in der NVA die­nen woll­ten. Wir hör­ten gemein­sam Musik.
  • Im Win­ter 1987 war ich drei Wochen in der Koh­le in Espen­hain und habe da in der Nacht­schicht gear­bei­tet. Ich war als ein­zi­ger Armist einer Grup­pe von fünf, sechs Arbeiter*innen zugeordnet.
  • Kon­tak­te in die Kul­tur­sze­ne: Musik, Thea­ter, Wei­mar, Ber­lin, Dresden
  • Über die Musik Kon­tak­te in die Kir­che (Erlösa­fes­ti­val 1988 in der Erlö­ser­kir­che mit Grup­pen ohne Spiel­erlaub­nis und mit Sta­si um das Kirchengelände)
  • Volks­hoch­schu­le in Kamenz: Rus­sisch­kurs für die Vor­be­rei­tung auf die Uni. Auf dem Weg zurück von der Volks­hoch­schu­le in die Kaser­ne sprach ich oft mit einer gleich­alt­ri­gen Frau, die bei den Adven­tis­ten des sieb­ten Tages war. Wir spra­chen über Gott und die Welt.
  • Ich war beim Sport (Kara­te bei Ber­lin-Che­mie) und bin auch da mit Men­schen aus ande­ren Krei­sen zusammengekommen.

Ich den­ke, ich war mit 21 zur Wen­de auch noch jung, aber ich habe doch schon viel mehr mit­be­kom­men, als die Vier- bzw. Zwölf­jäh­ri­gen. Und viel beses­sen! Ich hät­te nie gedacht, dass ich mal mit mei­nem Besitz ange­ben wür­de. Aber hier: Das war meins. Es hat 6600 Mark gekos­tet und das sind nach heu­ti­gen Maß­stä­ben fast 20.000 Bro­te. Und dann hat­te ich noch eine Kame­ra (BX20) mit Objek­tiv. Aber kei­ne Hosen. Die gab es in mei­ner Grö­ße nicht.

Bild von HMK-Ste­reo-Anla­ge mit Tan­gen­ti­al­arm-Plat­ten­spie­ler (mach ich mal, wenn ich Zeit habe).

Zusammenfassung

Die Zusam­men­fas­sung hat­te ich eigent­lich schon 1989 wäh­rend mei­ner Mili­tär­zeit in Kamenz geschrie­ben: Bei mir waren die Men­schen nicht müde. Sie haben gelä­chelt und sind gegangen:

Kamenz 12.01.89
Einer nimmt den Zir­kus ernst. Sitzt unbe­weg­lich, starr auf der har­ten Sitz­bank. Er denkt an nichts, als dar­an, kor­rek­te Hal­tung zu bewah­ren. Streicht die blau­grü­ne Jacke glatt und über­prüft den Sitz sei­nes Ordens. Rings die Leu­te lächeln, in ihre eige­nen Gedan­ken ver­sun­ken. Die Mane­ge ist leer. Es ist ruhig. Man ist ruhig. Nach eini­ger Zeit ver­las­sen die Leu­te ein­zeln das Zir­kus­zelt. Der Mann mit dem Orden ist der letzte.

Und sie waren in ihre eige­nen Gedan­ken ver­sun­ken! Indi­vi­du­en, die gelä­chelt haben. Und sie haben nicht mit­ge­macht. Sie sind gegan­gen. Aus der Mane­ge. Nicht aus dem Land oder dem Leben. Sie wuss­ten: „Da kommt was!“

Ich den­ke, in die­sem kur­zen Text ist alles drin.

Quellen

Beck, Wolf­gang. 2023. Alles hat ein Ende – auch die Markt­wirt­schaft. Wolf­gang Beck, der letz­te Betriebs­di­rek­tor des VEB Elek­tro­mo­to­ren­werk Wer­ni­ge­ro­de (Elmo), erzählt von der Plan­wirt­schaft und dem wirt­schaft­li­chen Ab- und Auf­bruch nach 1990 (Rohn­stock Bio­gra­fien). Arn­stadt: THK-Verlag.

Bött­cher, Sabi­ne. 2022. Gesund­heit und Gesund­heits­ver­sor­gung in der DDR. Lan­ge Wege der deut­schen Ein­heit. Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung. (https://www.bpb.de/themen/deutsche-einheit/lange-wege-der-deutschen-einheit/505032/gesundheit-und-gesundheitsversorgung-in-der-ddr/)

Hoyer, Kat­ja. 2023. Dies­seits der Mau­er: Eine neue Geschich­te der DDR 1949–1990. Ham­burg: Hoff­mann und Campe.

MDR. 2021. Ren­te — damals und heu­te Was am Lebens­abend blieb: 12-Bett-Zim­mer und 520,13 Mark Ren­te. (https://www.mdr.de/geschichte/ddr/alltag/familie/rente-rentner-altersarmut-pflege-osten-100.html)

Ste­phan, Hel­ga & Wie­demann, Eber­hard. 1990. Lohn­struk­tur und Lohn­dif­fe­ren­zie­rung in der DDR Ergeb­nis­se der Lohn­da­ten­er­fas­sung vom Sep­tem­ber 1988. Mit­tei­lun­gen aus der Arbeits­markt- und Berufs­for­schung 23(4). 550–562. (https://doku.iab.de/mittab/1990/1990_4_MittAB_Stephan_Wiedemann.pdf)

Der 08.10.1989

Ich kann es nicht glau­ben, dass ich zu die­sem Tag noch nichts geschrie­ben habe. Jeden­falls kann ich nichts fin­den. Am 7.10.1989 gab es in Ber­lin die monat­li­che Demons­tra­ti­on, die seit der durch die kirch­lich orga­ni­sier­te Oppo­si­ti­on nach­ge­wie­se­ne Wahl­fäl­schung am 7. Mai 1989 monat­lich statt­fand. Gor­bat­schow war in der Stadt, Hon­ecker woll­te mit ihm und ein paar ran­ge­karr­ten FDJ­lern den 40. Jah­res­tag der Grün­dung der DDR fei­ern. Das miss­lang gründ­lich. Ich habe dar­über bereits in Der Anfang vom Ende (Repu­blik­ge­burts­tag) geschrie­ben. Die Demons­tra­ti­on der Oppo­si­tio­nel­len fand statt. Behelm­te Poli­zis­ten mit Schlag­stö­cken und Räum­pan­zer waren im Ein­satz. Am 8.10. und 9.10. fan­den Got­tes­diens­te in der Geth­se­ma­ne-Kir­che statt. Damals ver­füg­ten nur weni­ge meist pri­vi­le­gier­te Men­schen über Tele­fo­ne (Ärz­te, Funk­tio­nä­re, Sta­si, Men­schen in Neu­bau­vier­teln und sonst wie Glück­li­che). Die Kom­mu­ni­ka­ti­on war in Kri­sen­zei­ten also ein­ge­schränkt. Kir­chen ver­füg­ten über Tele­fo­ne und orga­ni­sier­ten den Aus­tausch und den Wider­stand. Ich war an die­sen Tagen auch bei den Got­tes­diens­ten. Es wur­den Gedächt­nis­pro­to­kol­le von Men­schen ver­le­sen, die von der Sta­si ver­haf­tet wor­den waren. Es wur­den die Zah­len von Men­schen ver­kün­det, die in ande­ren Städ­ten ver­haf­tet wor­den waren. Zu die­sem Zeit­punkt war alles noch unklar. Nie­mand wuss­te, wie es enden wür­de. Ich war im August aus der Armee ent­las­sen wor­den, aber sie hat­ten uns nach dem Mas­sa­ker auf dem Tian’anmen-Platz chi­ne­si­sche Pro­pa­gan­da­fil­me gezeigt. Alle muss­ten teil­neh­men. Es war klar, war­um wir die­sen Film sehen muss­ten: Wir soll­ten auf die Nie­der­schla­gung eines Volks­auf­stan­des vor­be­rei­tet wer­den. Krenz war in Peking und bekun­de­te sei­ne Soli­da­ri­tät (sie­he auch Wiki­pe­dia-Ein­trag zu inter­na­tio­na­len Reak­tio­nen). Mei­ne Freun­de, die noch bei der Armee waren, waren an die­sem Tag vor Dres­den im Ein­satz. Sie hat­ten Schlag­stö­cke und Hel­me bekom­men und stan­den außer­halb der Stadt bereit. Im Roman Der Turm von Uwe Tell­kamp sind ent­spre­chen­de Sze­nen ent­hal­ten. Von die­sen Ein­sät­zen wuss­te ich damals nichts, ich habe das erst spä­ter erfah­ren, aber dass die Lage ernst war, war klar.

Nach der Ver­an­stal­tung woll­te ich die Kir­che ver­las­sen, aber vor dem Ein­gang stau­te sich die Men­ge. Die Kir­che war von Poli­zis­ten umstellt. Kir­chen hat­ten in der DDR einen beson­de­ren Sta­tus: Die Kir­che hat­te in ihren Kir­chen und auf dem umge­ben­den Gelän­de Haus­recht. Die Poli­zei hielt sich dar­an und blieb drau­ßen. Die Sta­si offi­zi­ell auch. Inof­fi­zi­ell war in jeder Grup­pe von drei Oppo­si­tio­nel­len ein Sta­si­spit­zel (zuge­spitzt). Mit­un­ter auch in Ehen, also Zwei­er­grup­pen (sie­he Vera Wollenberger/Lengsfeld). Für uns bedeu­te­te der Son­der­sta­tus der Kir­chen, dass wir auf dem Kir­chen­ge­län­de sicher waren, aber irgend­wann muss­ten wir es ja ver­las­sen. Wir stan­den auf den Kir­chen­stu­fen direkt neben der Jesus-Sta­tue, der Sockel war von Wachs­ber­gen bedeckt.1 Hier fand seit eini­ger Zeit eine Mahn­wa­che statt und es wur­den immer wie­der Ker­zen ent­zün­det. Wir stan­den also direkt neben Jesus und rie­fen: „Kei­ne Gewalt! Kei­ne Gewalt!“. Neben mir stand ein stadt­be­kann­ter Punk, er rief es mit geball­ter Faust.

Der Pfar­rer ver­han­del­te mit der Poli­zei und wir konn­ten das Kir­chen­ge­län­de unge­hin­dert ver­las­sen. Bis zur S‑Bahn-Brü­cke Grei­fen­ha­gner Stra­ße war alles abge­sperrt. Poli­zei­ket­ten. Mein Freund und ich konn­ten ohne Pro­ble­me pas­sie­ren und waren drau­ßen. Wir sind dann zum Kino Colos­se­um gegan­gen, weil wir Kar­ten für Zwei schrä­ge Vögel hat­ten. Einer der letz­ten DEFA-Fil­me vor dem Mau­er­fall. Ein kri­ti­scher. Und wenn man schon Kino­kar­ten hat, dann lässt man die ja wegen der Revo­lu­ti­on nicht ver­fal­len. Als wir aus dem Kino kamen, war die Revo­lu­ti­on auch noch nicht vor­bei. Sie hat­te sich viel­mehr zuge­spitzt: Vor dem Kino stand eine Poli­zei­ket­te mit Poli­zis­ten mit Leder­stie­feln und Hun­den. Auch so etwas hat­te ich vor­her noch nie gese­hen. Die­se Sze­ne ist auch in Jochen Schmidts Roman Hoplo­poi­ia beschrieben.

Mein Freund und ich wohn­ten bei­de im Prenz­lau­er Berg. Wir trie­ben uns noch eine Wei­le auf der Schön­hau­ser Allee her­um, die für den Ver­kehr gesperrt war. Anwohner*innen waren auf der Stra­ße und dis­ku­tier­ten. Gan­ze Züge von Sta­si-Mit­ar­bei­tern in Zivil waren im Ein­satz. Sie waren in der Grup­pe leicht zu erken­nen: kur­ze Fri­su­ren, stone­wa­shed Jeans. Die Jeans waren begehrt und es gab sie nicht in aus­rei­chen­dem Maße zu kau­fen. Wahr­schein­lich hat­ten die Sta­sis eine pri­vi­le­gier­te Ver­sor­gung. Wenn sich irgend­wo eine Dis­kus­si­on inten­si­vier­te, kamen die­se Men­schen und umring­ten die Dis­ku­tie­ren­den. Es war dann wei­se, sich zu ver­drü­cken, wenn man nicht mit­ge­nom­men wer­den woll­te. So wur­den Dis­kus­sio­nen immer wie­der unterbunden.

Mir wur­de das irgend­wann zu heiß und ich zog mich in mei­ne Woh­nung zurück.

Peter Unfried, Lindner, Herbst in Peking und die Post

Lie­ber Peter Unfried,

Ich wün­sche Ihnen eine schö­ne Weih­nachts­zeit und ein gutes neu­es Jahr. 2025 dürf­te ja das wahr wer­den, wofür Sie immer in der taz argu­men­tiert haben: Wir bekom­men eine schwarz-grü­ne Regie­rung. Nur wird die­se nicht grün-libe­ral, son­dern neo­li­be­ral. Dank Merz. Ich schrei­be Ihnen die­se Kar­te, weil Sie vor einem Jahr in einer taz-Kolum­ne davon berich­tet haben, dass Sie sich eine Kar­te von Chris­ti­an Lind­ner in die Küche gehängt haben (taz, 07.01.2024). Ich wün­sche mir, dass ganz vie­le taz-Leser*innen Ihnen auch Post­kar­ten schi­cken, so dass Sie die von Lind­ner nicht mehr auf­hän­gen müs­sen, falls er Ihnen die­ses Jahr auch wie­der eine geschickt hat. Wahr­schein­lich haben Sie aber inzwi­schen auch erkannt, dass Lind­ner eine von Por­sche kor­rum­pier­te (taz, 25.07.2022) und von Döpf­ner pro­te­gier­te Per­son (taz, 16.04.2023) ist, deren Haupt­ziel es war, kon­struk­ti­ve Regie­rungs­ar­beit zu sabo­tie­ren (taz, 29.11.2024), auf kei­nen Fall also jemand, des­sen Weih­nachts­kar­ten man sich in die Küche hän­gen würde.

Weih­nachts­kar­te für Peter Unfried, damit er nicht wie­der eine von Chris­ti­an Lind­ner auf­hän­gen muss.

Ich möch­te Ihnen auch noch mal für Ihren Kling-Klang-Arti­kel zum Osten dan­ken. Beim Nach­den­ken über die­se Kar­te und dar­über, wie sie zu Ihnen gelan­gen könn­te, fiel mir eine Geschich­te von vor 35 Jah­ren ein. Der alter­na­ti­ve Radio­sen­der Radio 100 hat­te eine Sen­dung mit der Ost-Unter­grund­band Herbst in Peking gemacht und man konn­te eine Plat­te der Band gewin­nen. Dazu muss­te man eine Kar­te mit dem Mot­to der Band ein­schi­cken. Men­schen aus dem Osten wur­den aus­drück­lich auf­ge­for­dert zu schrei­ben. Die Hälf­te der Plat­ten soll­te an sie gehen. Die Bekannt­ga­be der Gewin­ner war für die Sen­dung in der kom­men­den Woche ange­setzt. Das Pro­blem war jedoch, dass die Post von Ost-Ber­lin nach West-Ber­lin damals 14 Tage brauch­te. Ich habe mich dann auf’s Rad gesetzt und mei­ne Post­kar­te in die Pots­da­mer Stra­ße gebracht. 

Plat­ten­co­ver von der ers­ten Lang­spiel­plat­te von Herbst in Peking.

Und so ist es, dass Men­schen aus dem Wes­ten mit­un­ter gar nicht mer­ken, dass eigent­lich gut gemein­te Din­ge nicht funk­tio­nie­ren. Im Osten.

Da die Zustell­zei­ten der Post sich denen in der Wen­de­zeit annä­hern, brin­ge ich die Post­kar­te mit dem Rad in die Friedrichstraße.

Hand­ge­schrie­be­ne Weih­nachts­post­kar­te für Peter Unfried, Ber­lin, 15.12.2024

Herz­li­che Grü­ße auch an Ihre Frau, die das Auf­hän­gen von Lind­ner-Kar­ten schon im letz­ten Jahr rich­tig ein­ge­ord­net hatte

      Stefan Müller
Weih­nachts­kar­te für Peter Unfried am taz-Tre­sen, Ber­lin, 16.12.2024

Wehrdienst bei der NVA

Ich lese gera­de das Buch von Kat­ja Hoyer Dies­seits der Mau­er. Sehr inter­es­sant und vie­les wird mir so kla­rer. War­um der Strauß fast ganz zum Schluss noch mal ein paar Mil­li­ar­den in die DDR gebracht hat, die Aufs und Abs in der Wirt­schafts­ent­wick­lung usw. Ein paar Sachen sind aber auch ein­fach falsch. Das Kapi­tel über den Wehr­dienst ent­hält gro­be Fehler.

Der ver­pflich­ten­de Grund­wehr­dienst dau­er­te nor­ma­ler­wei­se 18 Mona­te. Ihn zu ver­wei­gern war aus­schließ­lich aus reli­giö­sen Grün­den mög­lich. In die­sem Fall muss­te die Zeit eben­falls abge­leis­tet wer­den, und zwar als soge­nann­ter Bau­sol­dat im nicht­kämp­fen­den Dienst. Män­ner, die stu­die­ren woll­ten, soll­ten sich zuvor unter Beweis stel­len, wie der Staat ab 1970 offen argu­men­tier­te. Sie hat­ten kei­ne Chan­ce, dem Mili­tär zu ent­ge­hen, son­dern waren oben­drein ange­hal­ten, sich zu einer drei­jäh­ri­gen Offi­ziers­lauf­bahn zu verpflichten. 

Das ist im Prin­zip rich­tig. Auf Total­ver­wei­ge­rung stand Gefäng­nis. Wenn man Bau­sol­dat wur­de, bau­te man in Uni­form Rake­ten­stel­lun­gen. Nicht unbe­dingt das, was man sich als Pazi­fist so erträumt. Bau­sol­da­ten hat­ten kei­ne rosi­ge Per­spek­ti­ve in der DDR, es sei denn, sie woll­ten Theo­lo­gie stu­die­ren. Ansons­ten ent­hält das Zitat einen bedau­er­li­chen Feh­ler, denn für das Stu­di­um muss­te man nicht Offi­zier wer­den, son­dern Unter­of­fi­zier. Ich wer­de die ver­schie­de­nen Lauf­bah­nen im Fol­gen­den genau­er erklären.

Militärische Laufbahnen in der DDR

Es gab in der NVA ver­schie­de­ne Laufbahnen:

  • Sol­dat, 1,5 Jah­re Grundwehrdienst
  • Unter­of­fi­zier, 3 Jah­re (ein hal­bes Jahr Aus­bil­dung, dann zwei­ein­halb Jah­re Dienst)
  • Offi­zier auf Zeit, bis 1983 drei Jah­re, danach 4 Jah­re (ein Jahr Stu­di­um, dann zwei bzw. drei Jah­re Dienst) 
  • Berufs­un­ter­of­fi­zier auf Zeit, 10 Jah­re ende­te mit Meisterabschluss
  • Fähn­rich, 15 Jah­re Fachschulingenieursausbildung 
  • Offi­zier, 25 Jah­re (vier Jah­re Stu­di­um, 21 Jah­re Dienst)

Der drei­jäh­ri­ge Wehr­dienst bestand aus einer halb­jäh­ri­gen Aus­bil­dung zum Unter­of­fi­zier und 2 1/2 Jah­ren Dienst in der ent­spre­chen­den Waf­fen­gat­tung. Eine Aus­bil­dung zum Offi­zier erfolg­te an einer Offi­ziers­hoch­schu­le und dau­er­te vier Jah­re. Drei­jäh­ri­ge Offi­ziers­lauf­bah­nen gab es nur bis 1983. 

Selbst die klügs­ten und viel­ver­spre­chends­ten künf­ti­gen Aka­de­mi­ker und Wis­sen­schaft­ler waren so gezwun­gen, eine lang­wie­ri­ge Mili­tär­aus­bil­dung zu absol­vie­ren, bevor sie einen Stu­di­en­platz bekamen. 

Das ist kor­rekt. 1981–1986 wur­de von uns erwar­tet, dass wir uns für drei Jah­re zur Armee ver­pflich­te­ten. Nicht als Offi­zie­re son­dern als Unter­of­fi­zie­re. Aus mei­ner EOS-Klas­se gin­gen alle bis auf einen Jun­gen für drei Jah­re zur Armee. Ich wäre bei­na­he nicht für mei­ne Schu­le (EOS Hein­rich Hertz) zuge­las­sen wor­den, weil ich einen von zwei Auf­nah­me­tests nicht bestan­den hat­te. Es gab einen Mathe­test mit Kno­bel­auf­ga­ben, den ich mit vol­ler Punkt­zahl abschloss und ein poli­ti­sches Auf­nah­me­ge­spräch, in dem ich als Drei­zehn­jäh­ri­ger gefragt wur­de, ob ich gern drei Jah­re zur Armee gehen wür­de. Ich hielt das spon­tan für kei­ne gute Idee und war somit lei­der raus. Nur dem unglaub­li­chen Ein­satz mei­ner Eltern ist es zu ver­dan­ken, dass ich doch noch auf die Mathe­schu­le gekom­men bin. Ich muss­te vor­her noch mit dem Direk­tor mei­ner POS ein Gespräch füh­ren, in dem ich ihm ver­si­cher­te, dass es mein größ­ter Wunsch sei, drei Jah­re mei­nes Lebens in einer mili­tä­ri­schen Ein­rich­tung zu ver­p­läm­pern. Ich habe in mei­nem Kli­ma­blog dar­über geschrie­ben: Der mora­li­sche Druck der Öko-Gut­men­schen ist ja wie in der DDR.

Schummeln bei den Verpflichtungen?

Hoyer schreibt:

Man­che von ihnen waren so mutig wie Tho­ralf und tricks­ten das Sys­tem aus, indem sie sich zunächst zu einer »frei­wil­li­gen Ver­län­ge­rung« ver­pflich­te­ten, um einen Platz an der Erwei­ter­ten Ober­schu­le zu erhal­ten, und spä­ter anga­ben, sie hät­ten es sich doch anders über­legt. Auf die­se Wei­se gelang es Tho­ralf, ledig­lich 18 Mona­te abzu­leis­ten anstel­le der vol­len drei Jah­re, für die er sich ursprüng­lich gemel­det hatte.

Da hat­te der Tho­ralf aber Glück. Ich habe neu­lich die Zulas­sung zu mei­nem Stu­di­um wie­der­ge­fun­den und in die­ser stand expli­zit drin, dass die Zulas­sung vor­be­halt­lich erfolgt und vom Wohl­ver­hal­ten wäh­rend der Armee­zeit abhing. Ich habe mich 1985 für einen Stu­di­en­platz 1989 bewor­ben, also nach mei­ner Armee­zeit. Hät­te ich nach mei­nem Abitur gesagt: „Hi, hi, April, April, ich mach jetzt doch nur Grund­wehr­dienst.“, hät­te die Hum­boldt-Uni gesagt: „Hi, hi, dann such Dir mal nen Job mit Abitur aber ohne Stu­di­um und mit dem ent­spre­chen­den Ver­merk in der Kader­ak­te.“. Ganz so ein­fach war die Sache also nicht. Wenn es einem gelang, bei der Armee aus­ge­mus­tert zu wer­den, dann konn­te das wohl funk­tio­nie­ren, dass man frü­her wie­der auf­tauch­te und in einem frü­he­ren Stu­di­en­jahr mit­stu­die­ren konn­te. Aber ein Sys­tem aus­zu­trick­sen, dass den gesam­ten Lebens­lauf in einer per­so­nen­ge­bun­de­nen Akte (Stich­wort: Kader­ak­te) beglei­te­te, war eben sonst nicht möglich.

Vertrag mit dem Staat: Militärische Ausbildung beim Studium

Das hier ist übri­gens die Ver­pflich­tungs­er­klä­rung für das Studium:

Ver­pflich­tungs­er­klä­rung für das Studium

Man ver­pflich­te­te sich nach Zutei­lung des Stu­di­en­plat­zes an einer Aus­bil­dung zum Offi­zier der Reser­ve teil­zu­neh­men und einen zen­tral zuge­teil­ten Arbeits­platz für min­des­tens drei Jah­re anzunehmen.

Drei Jahre Pflicht für’s Studium?

Es gab Men­schen, die trotz Grund­wehr­dienst stu­die­ren konn­ten, aber an mei­ner Schu­le gab es eben auch einen Jun­gen, der nicht mit ins GST-Lager zur vor­mi­li­tä­ri­schen Aus­bil­dung gefah­ren ist und das Schie­ßen ver­wei­gert hat. Er war geni­al und hät­te zur inter­na­tio­na­len Mathe­olym­pia­de fah­ren kön­nen, aber das wur­de alles nichts und er ist Schä­fer gewor­den. Ich wuss­te nicht, dass es auch ohne die drei Jah­re hät­te gehen kön­nen und in jedem Fall wäre es nicht ohne Risi­ko gewe­sen und da ich außer Mathe nichts konn­te, bin ich eben drei Jah­re gegan­gen. Es waren die schlimms­ten drei Jah­re mei­nes Lebens.

Bindung durch Isolation?

Hoyer schreibt weiter:

Die NVA woll­te die jun­gen Män­ner mög­lichst ganz für sich ver­ein­nah­men, um sie mili­tä­risch opti­mal zu indok­tri­nie­ren. Des­halb sta­tio­nier­te man Rekru­ten häu­fig so weit weg von zu Hau­se wie mög­lich und gewähr­te ihnen kaum Urlaub, damit sie nur sel­ten ihre Fami­lie, Freun­de und Freun­din in der Hei­mat besu­chen konn­ten. Sie wur­den bewusst iso­liert, um sie anein­an­der und an den Staat zu binden.

Es stimmt, dass man meist so weit weg von zuhau­se war wie mög­lich. Ich wur­de Anfang Novem­ber 1986 ein­ge­zo­gen und war Sil­ves­ter 1986 zum ers­ten Mal auf Urlaub. Aber wenn das Ziel wirk­lich war, die Sol­da­ten an den Staat zu bin­den, denn muss­ten die, die sich die­se Stra­te­gie über­legt hat­ten, über sehr gerin­ge Men­schen­kennt­nis ver­fü­gen. Alle, die zum Grund­wehr­dienst oder für drei Jah­re bei der Armee waren, haben die Armee (auch Asche genannt) als Gefäng­nis emp­fun­den. Na ja, fast alle.

Und übri­gens: Das war bei den Offi­zie­ren und Offi­ziers­schü­lern ganz anders. Sie haben außer­halb der Kaser­ne gewohnt. In den letz­ten Jah­ren vor dem Ende der DDR wur­den die Offi­ziers­wohn­hei­me sogar mit Sat­teli­ten­schüs­seln aus­ge­stat­tet, damit die Offi­zie­re West-Fern­se­hen gucken konn­ten. Die Fern­se­her im Fern­seh­raum der Sol­da­ten und Unter­of­fi­zie­re waren ver­plombt. Nix West­vern­se­hen. Offi­ziers­schü­ler konn­ten, glau­be ich, im letz­ten Stu­di­en­jahr außer­halb der Kaser­ne woh­nen. Ich habe in Kamenz an einer Offi­ziers­hoch­schu­le gedient und war dann irgend­wann mit einem ehe­ma­li­gen Offi­ziers­schü­ler befreun­det. Er hat­te abge­keult (mit­ten in der Aus­bil­dung sei­ne Ver­pflich­tung für 25 Jah­re wider­ru­fen: gesell­schaft­li­ches Hara­ki­ri) und muss­te noch die Rest­zeit des nor­ma­len Grund­wehr­diens­tes abdie­nen. Wir moch­ten bei­de Punk und sons­ti­ge absei­ti­ge Musik, haben uns Abends in dem Büro, in dem ich gear­bei­tet habe, getrof­fen und auf dem Kas­set­ten­re­cor­der des Ober­leut­nants, dem das Büro gehör­te, Punk gehört. Das war lus­tig, denn als nor­ma­ler Sol­dat oder Unter­of­fi­zier durf­te man kei­ne Kas­set­ten­re­cor­der haben und man hat­te natür­lich auch kei­nen Platz, an dem man sich mal eben so tref­fen konn­te. Es gab einen Club­raum, aber da gab es natür­lich kei­nen Kas­set­ten­re­cor­der, son­dern den Schall­plat­ten­spie­ler und Plat­ten von Sil­ly. Ich war auch mal mit ihm und ande­ren Offi­ziers­schü­lern in Dres­den im Jugend­club Spi­ra­le bei einem Punk­kon­zert. Einer von denen hat­te einen Tra­bant. Ansons­ten, wenn ich allein unter­wegs war, bin ich die Stre­cke immer mit dem Rad gefahren.

Ich hat­te es nach der Grund­aus­bil­dung in Bad Düben und anfäng­li­chen Wir­ren in Kamenz (Ich war erst in der FLA-Rak­ten-Werk­statt) geschafft, in die Com­pu­ter­grup­pe zu kom­men. Von da bin ich dann einem Oberst­leut­nant direkt unter­stellt wor­den und lan­de­te in dem Büro des Leut­nants, der für die FDJ-Arbeit der Kom­pa­nie zustän­dig war. Der ging pünkt­lich 16:00 oder 16:30 nach Hau­se und ich hat­te mei­ne Ruhe. Das Para­dies (inmit­ten der Höl­le). Manch­mal schlief ich im Büro mit Schlaf­sack auf dem Tisch. Ich konn­te so aus­schla­fen und wur­de am Mor­gen nicht von der nor­ma­len Rou­ti­ne der Kom­pa­nie gestört. Das funk­tio­nier­te aber eben nur, weil Offi­zie­re etwas ganz ande­res waren als Unter­of­fi­zie­re. Die waren abends bis auf den Offi­zier vom Dienst weg. 

Ungebildete Opportunisten?

Die­se Stra­te­gie hat­te für das Regime jedoch auch eini­ge Nach­tei­le. Denn sie zwang vie­le gebil­de­te, weni­ger akti­ve und eher ableh­nend ein­ge­stell­te Per­so­nen dazu, einen Mili­tär­dienst zu absol­vie­ren, für den sie nicht son­der­lich geeig­net waren. Dies stärk­te die Oppo­si­ti­on gegen den Staat oder erzeug­te sie bis­wei­len regel­recht bei Men­schen, die sich ansons­ten mit der Rea­li­tät in der DDR abge­fun­den hät­ten. Ande­rer­seits ermög­lich­te sie auch Oppor­tu­nis­ten den Zugang zur begehr­ten höhe­ren Bil­dung, selbst wenn sie dafür von ihren Leis­tun­gen her gar nicht geeig­net waren.

Das stimmt im Prin­zip, ist aber hoch­gra­dig irre­füh­rend, weil der Unter­of­fi­ziers­dienst­grad mit dem Offi­ziers­dienst­grad durch­ein­an­der­ge­wor­fen wur­de. Die Zahl der Abitur­plät­ze war sehr gering. Weder im Wes­ten noch im Osten mach­ten damals so vie­le Men­schen Abitur wie heu­te. Von einer Klas­se mit 32 Schüler*innen wur­den zwei zum Abitur wei­ter­emp­foh­len. Da waren dann auch genü­gend sehr gut gebil­de­te dabei, die dann auch noch drei Jah­re zur Armee „woll­ten“. Anders war das bei den Offi­ziers­be­wer­bern. Es gab nicht vie­le, die sich für 25 Jah­re für den Dienst fürs Vater­land ver­pflich­ten woll­ten. Wenn das der Fall war, dann wur­den die betref­fen­den Per­so­nen geför­dert. So kamen auch leis­tungs­schwä­che­re Schü­ler auf Erwei­ter­te Ober­schu­len und Spezialschulen.

Das land­läu­fi­ge Argu­ment, dass sämt­li­che Offi­ziers­be­wer­ber nur durch die Aus­sicht auf einen Stu­di­en­platz gekö­dert wur­den, greift jedoch zu kurz. Das mit Rang und Abschluss ver­bun­de­ne Pres­ti­ge wäre für die über­wie­gen­de Mehr­heit von ihnen ansons­ten uner­reich­bar geblie­ben, sodass vie­le Arbei­ter­kin­der es weni­ger als Bür­de, son­dern eher als Chan­ce begriffen.

Das gesam­te Kapi­tel ver­liert natür­lich an Wert, weil nicht klar ist, ob Unter­of­fi­zie­re oder Offi­zie­re gemeint sind. Das Offi­ziers­stu­di­um dau­er­te vier Jah­re. Danach hat­te man eben ein abge­schlos­se­nes Hoch­schul­stu­di­um. Wie das mit dem Pres­ti­ge aus Arbei­ter­sicht aus­sah, ver­mag ich nicht zu beur­tei­len. Offi­zier war in der DDR etwas ande­res als in der BRD. Offi­zie­re waren Teil der Staats­macht und eben auch, weil jede*r das wer­den konn­te, war es nicht beson­ders ange­se­hen. Aber wahr­schein­lich vari­ier­te das auch über die ver­schei­de­nen Pha­sen der DDR hinweg. 

Die Unter­of­fi­ziers­lauf­bahn war in kei­nem Fall mit Pres­ti­ge ver­bun­den. Ich habe das Gan­ze eher als Schmach emp­fun­den. Ich muss­te mich dem Druck beu­gen und haben drei Jah­re mei­ner Jugend in Bad Düben und Kamenz verplämpert.

Es gab übri­gens zum Ende der DDR noch einen Spe­zi­al­witz: Die DDR brauch­te drin­gend Infor­ma­ti­ker. Des­halb war es irgend­wie irr­sin­nig, Män­ner mit ent­spre­chen­dem Stu­di­en­wunsch im Wald rum­lie­gen zu las­sen. Ab 1987 konn­te man des­halb mit dem Stu­di­en­wunsch Infor­ma­tik einen redu­zier­ten Wehr­dienst von nur neun Mona­ten ableis­ten. Vor­aus­set­zung war, dass man sich vor­her für drei Jah­re ver­pflich­tet hat­te. Lei­der kam die­se Reg­lung für mich zu spät, denn 1987 war ich schon ein Jahr bei der Armee. Die, die ein Jahr jün­ger waren als ich, kamen so ein Jahr vor mir wie­der raus. Tja.

Weitere Kommentare zu Anne Rabes Buch: Eine Möglichkeit aber kein Glück

Anne Rabe hat in ihrem Buch Eine Mög­lich­keit von Glück ihre trau­ma­ti­schen Gewalt­er­fah­run­gen in ihrer Kind­heit in Wis­mar auf­ge­ar­bei­tet. Ihre Eltern und Groß­el­tern waren DDR-Kader, ihr Groß­va­ter in Sta­lin­grad gewe­sen und sie führt alle Gewalt auf die DDR-Zeit und die Kriegs­er­leb­nis­se zurück. Ich habe in Kei­ne Gewalt: Zu Mög­lich­kei­ten und Glück und dem Buch von Anne Rabe bereits dazu geschrie­ben, wel­che inhalt­li­chen Feh­ler ihr dabei unter­lau­fen sind und dass ihre Schluss­fol­ge­run­gen nicht trag­fä­hig sind. Hier möch­te ich noch eini­ge wei­te­re Punk­te dis­ku­tie­ren, die inhalt­lich nicht in den ers­ten Blog-Post gepasst haben. Dabei geht es mir vor allem um eine kor­rek­te Dar­stel­lung der DDR-Zeit aber es ist auch noch ein gra­vie­ren­der Feh­ler bezüg­lich der Vor­fäl­le in Ros­tock-Lich­ten­ha­gen zu besprechen.

Nazis, Verantwortung und Scham

In die­sem ers­ten Abschnitt möch­te ich Rabes Ansich­ten bzgl. Kol­lek­tiv­schuld und ihre Scham bezüg­lich ihrer Eltern besprechen.

Schuld und Blut

Rabe schreibt, dass alle Deut­schen „qua ihres deut­schen Blu­tes“ zur SS, zur Wehr­macht, zu den Ver­bre­chern gehören:

Die Nazis waren immer die ande­ren. Die SS, die Wehr­macht, die Ver­bre­cher. Schlimm, schlimm das. So schlimm, dafür über­neh­men wir sogar dann gern die Ver­ant­wor­tung, wenn wir ganz sicher sind, dass unse­re Fami­li­en damit nichts zu tun haben. Aber qua Her­kunft, qua Abstam­mung, qua unse­res deut­schen Blu­tes gehö­ren wir eben dazu, sind wir eben mitverantwortlich.

S. 67

Ist das so? Ist das mit dem Blut nicht Nazi-Ideo­lo­gie? Und nie­mand hat’s gemerkt? Die Lek­to­rin nicht, kein Rezen­sent. War­um soll­te irgend­wer wegen Blut bes­ser oder schlech­ter sein? Tür­ke, Paläs­ti­nen­ser, Jude, Rus­se, Deut­scher? Ich emp­feh­le allen den Wiki­pe­dia-Arti­kel zur Kol­lek­tiv­schuld. Das Fol­gen­de steht dort gleich zu Beginn:

Kol­lek­tiv­schuld bedeu­tet, dass die Schuld für eine Tat nicht dem ein­zel­nen Täter (oder Tätern) ange­las­tet wird, son­dern einem Kol­lek­tiv, allen Ange­hö­ri­gen sei­ner Grup­pe, z. B. sei­ner Fami­lie, sei­nes Vol­kes oder sei­ner Orga­ni­sa­ti­on. Das beinhal­tet folg­lich auch Men­schen, die selbst nicht an der Tat betei­ligt waren. Das Straf­recht moder­ner Demo­kra­tien geht grund­sätz­lich von einer indi­vi­du­el­len Ver­ant­wort­lich­keit aus, so dass Kol­lek­tiv­schuld juris­tisch nicht rele­vant ist. Arti­kel 33 Gen­fer Abkom­men IV bestimmt, dass kei­ne Per­son für ein Ver­bre­chen ver­ur­teilt wer­den darf, das sie nicht per­sön­lich began­gen hat. Eine Kol­lek­tiv­stra­fe setzt Kol­lek­tiv­schuld vor­aus. Nach Art. 87 Abs. 3 Gen­fer Abkom­men III und Arti­kel 33 Gen­fer Abkom­men IV zäh­len Kol­lek­tiv­stra­fen zu den Kriegsverbrechen.

Nun könn­te man – völ­lig zu Recht – dar­über nach­den­ken, ob die Sache mit den Deut­schen viel­leicht doch etwas spe­zi­el­ler ist. Die Alli­ier­ten ver­folg­ten direkt nach dem Krieg einen Kol­lek­tiv­schuld-Ansatz. Das äußer­te sich unter ande­rem dar­in, dass die Wei­ma­rer Bevöl­ke­rung durch das befrei­te KZ Buchen­wald geführt wur­de. Den Etters­berg kann man von Wei­mar aus sehen. Buchen­wald hat­ten die Wei­ma­rer direkt vor der Nase. Sie haben den Rauch nicht gese­hen, das ver­brann­te Men­schen­fleisch nicht gero­chen. Oder es eben all die Jah­re aus­ge­blen­det. Es war rich­tig, sie alle sehen zu las­sen, was ganz in ihrer Nähe gesche­hen war. Film­ma­te­ri­al der US-Army und den Bericht einer Zeit­zeu­gin, die den KZ-Besuch mit­ge­macht hat, hat der Spie­gel veröffentlicht.

Im Urteil der Alli­ier­ten in den Nürn­ber­ger Kriegs­ver­bre­cher­pro­zes­sen steht 1948 Fol­gen­des zur Kollektivschuld:

Es ist undenk­bar, dass die Mehr­heit aller Deut­schen ver­dammt wer­den soll mit der Begrün­dung, dass sie Ver­bre­chen gegen den Frie­den began­gen hät­ten. Das wür­de der Bil­li­gung des Begrif­fes der Kol­lek­tiv­schuld gleich­kom­men, und dar­aus wür­de logi­scher­wei­se Mas­sen­be­stra­fung fol­gen, für die es kei­nen Prä­ze­denz­fall im Völ­ker­recht und kei­ne Recht­fer­ti­gung in den Bezie­hun­gen zwi­schen den Men­schen gibt.“ (aus dem Urteil der Alli­ier­ten in den Nürn­ber­ger Kriegs­ver­bre­cher­pro­zes­sen gegen die I.G. Far­ben, 29. Juli 1948).

Richard von Weiz­äcker schlägt statt Kol­lek­tiv­schuld eine Kol­lek­tiv­haf­tung vor:

auch Richard von Weiz­sä­cker beton­te in sei­ner viel beach­te­ten Rede „Zum 40. Jah­res­tag der Been­di­gung des Krie­ges in Euro­pa und der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gewalt­herr­schaft“, die er am 8. Mai 1985 vor dem Deut­schen Bun­des­tag hielt: „Schuld oder Unschuld eines gan­zen Vol­kes gibt es nicht“, rief aber gleich­zei­tig dazu auf, kol­lek­tiv die Ver­ant­wor­tung für das natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Unrecht zu akzep­tie­ren. Weiz­sä­cker bezeich­net die­se Hal­tung als „Kol­lek­tiv­haf­tung“.

Wiki­pe­dia über eine Rede von Bun­des­prä­si­dent Richard von Weiz­sä­cker Zum 40. Jah­res­tag der Been­di­gung des Krie­ges in Euro­pa und der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gewalt­herr­schaft vom 8. Mai 1985 vor dem Deut­schen Bundestag

Die­se Kol­lek­tiv­haf­tung gab es für die DDR. Wäh­rend die West-Alli­ier­ten den West-Deut­schen den Mar­shall-Plan geschenkt haben, hat die Sowjet­uni­on Fabri­ken und Infra­struk­tur abge­baut und nach Russ­land ver­schickt. Im Fal­le von Carl Zeiss Jena haben sie sogar Men­schen mit­ge­nom­men, die die Fabrik in Russ­land wie­der auf­ge­baut und über Jah­re hin­weg die Rus­sen ein­ge­ar­bei­tet haben. Die Rus­sen haben alles mit­ge­nom­men, was ihnen nütz­lich erschien. In Wiki­pe­dia gibt es ein Lis­te aller seit 1882 still­ge­leg­ten Bahn­ver­bin­dun­gen in Ber­lin und Bran­den­burg. In die­ser Lis­te ist auch ver­merkt, was die Rus­sen mit­ge­nom­men haben.

Ich habe dazu auch eine per­sön­li­che Geschich­te: Ab der fünf­ten Klas­se bin ich von Buch zur Hum­boldt-Uni zur Mathe­ma­ti­schen Schü­ler­ge­sell­schaft gefah­ren. Es gab damals noch eine direk­te Ver­bin­dung von Buch zum Alex­an­der­platz. Die fuhr abwech­selnd auf dem lin­ken und auf dem rech­ten Gleis. Alle 20 Minu­ten. Dazwi­schen fuhr der Zug in die ande­re Rich­tung nach Ber­nau. Ein­mal war ich zu früh dran und sprang gera­de noch in einen Zug auf dem lin­ken Gleis. Die Türen schlos­sen sich, der Zug fuhr los. Lei­der in die fal­sche Rich­tung. Ich war­te­te auf die nächs­te Sta­ti­on, stürz­te aus dem Zug und rann­te hin­über zur ande­ren Sei­te, weil ich da den Zug in Gegen­rich­tung erwi­schen woll­te. Aber, oh Schreck, da war gar kein Gleis! Die Rus­sen hat­ten es mit­ge­nom­men. Von Rönt­gen­tal bis Ber­nau ist die Stre­cke nur eingleisig.

Im Wiki­pe­dia­ar­ti­kel kann man auch lesen, dass die Sowjet­uni­on fast die Hälf­te des ost­deut­schen Schie­nen­net­zes mit­ge­nom­men hat und min­des­tens 2000 der bes­ten Betrie­be. Und dann haben wir bis 1953 noch fast ein Vier­tel des Brut­to­so­zi­al­pro­dukts in die Sowjet­uni­on abgeführt:

Die Repa­ra­ti­ons­leis­tun­gen der spä­te­ren DDR an die Sowjet­uni­on gescha­hen bis 1948 haupt­säch­lich durch Demon­ta­ge von Indus­trie­be­trie­ben. Davon betrof­fen waren 2000 bis 2400 der wich­tigs­ten und best­aus­ge­rüs­te­ten Betrie­be inner­halb der Sowje­ti­schen Besat­zungs­zo­ne Deutsch­lands (SBZ). Bis März 1947 wur­den zudem 11.800 Kilo­me­ter Eisen­bahn­schie­nen demon­tiert und in die Sowjet­uni­on ver­bracht. Damit wur­de das Schie­nen­netz bezo­gen auf den Stand von 1938 um 48 Pro­zent redu­ziert. Der Sub­stanz­ver­lust an indus­tri­el­len und infra­struk­tu­rel­len Kapa­zi­tä­ten durch die Demon­ta­gen betrug ins­ge­samt rund 30 Pro­zent der 1944 auf die­sem Gebiet vor­han­de­nen Fonds. Ab Juni 1946 begann sich mit dem SMAD-Befehl Nr. 167 die Form der Repa­ra­tio­nen von Demon­ta­gen auf Ent­nah­men aus lau­fen­der Pro­duk­ti­on im Rah­men der Sowje­ti­schen Akti­en­ge­sell­schaf­ten zu ver­la­gern, die von 1946 bis 1953 jähr­lich zwi­schen 48 und 12,9 Pro­zent (durch­schnitt­lich 22 Pro­zent) des Brut­to­so­zi­al­pro­dukts betru­gen. Die Repa­ra­tio­nen ende­ten nach dem Volks­auf­stand vom 17. Juni 1953. Auf der Grund­la­ge erst­mals erschlos­se­ner Archiv­ma­te­ria­li­en, vor allem in Mos­kau, kamen Lothar Baar, Rai­ner Karlsch und Wer­ner Matsch­ke vom Insti­tut für Wirt­schafts­ge­schich­te der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin etwa 1993 auf eine Gesamt­sum­me von min­des­tens 54 Mil­li­ar­den Reichs­mark bzw. Deut­sche Mark (Ost) zu lau­fen­den Prei­sen bzw. auf min­des­tens 14 Mil­li­ar­den US-Dol­lar zu Prei­sen des Jah­res 1938. 

Als die Repa­ra­tio­nen 1953 für been­det erklärt wur­den, hat­te die SBZ/DDR die höchs­ten im 20. Jahr­hun­dert bekannt­ge­wor­de­nen Repa­ra­ti­ons­leis­tun­gen erbracht.

Wiki­pe­dia-Arti­kel zu den Repa­ra­ti­ons­leis­tun­gen nach dem zwei­ten Weltkrieg

Dem Plus der BRD aus dem Mar­shall-Plan von 1,41 Mil­li­ar­den US-Dol­lar steht also ein Minus von min­des­tens 14 Mil­li­ar­den US-Dol­lar für die DDR gegen­über. (Neben­be­mer­kung: Ej, lie­be Wes­sis, „wir“ haben die aus der Haf­tung ent­stan­de­nen Schul­den über­nom­men und bezahlt und dann alles von vorn neu auf­ge­baut: die durch den Krieg zer­stör­te Infra­struk­tur und die demon­tier­ten Betrie­be, wohin­ge­gen „Ihr“ schö­ne Geschen­ke bekom­men habt bzw. Betrie­be und Per­so­nal aus dem Osten mit­ge­nom­men habt. Unter ande­rem auch einen Teil von Carl Zeiss, Sie­mens, Schott usw. Außer­dem konn­tet „Ihr“ „Eure“ Roh­stof­fe auf dem Welt­markt kau­fen (den glo­ba­len Süden aus­beu­ten), wäh­rend „wir“ unse­re Roh­stof­fe von „uns­ren Freun­den“ kau­fen muss­ten. Und zwar für West-Geld. Es gibt also kei­nen Grund zur Über­heb­lich­keit und Arro­ganz.) (Neben­be­mer­kung 2: Ins­ge­samt betru­gen die Wie­der­gut­ma­chungs­zah­lun­gen 2022 81,967 Mil­li­ar­den Euro. Die DDR hat sich an die­sen Zah­lun­gen nicht betei­ligt, weil sie das The­ma nach den Zah­lun­gen an die Sowjet­uni­on für erle­digt gehal­ten hat. Ab 1989 war „die DDR“ natür­lich an die­sen Zah­lun­gen betei­ligt. Die Zah­lun­gen wur­den zu unter­schied­li­chen Zei­ten geleis­tet, so dass die abso­lu­ten Zah­len nicht direkt ver­gleich­bar sind.2

Wei­ter schreibt Wiki­pe­dia zum The­ma Kollektivschuld:

Ralph Giord­a­no woll­te 1947 nicht von „Kol­lek­tiv­schuld“ spre­chen. Es habe eine Min­der­heit von Deut­schen gege­ben, die ihrem Gewis­sen und nicht dem Füh­rer gefolgt sei. Die Mehr­heit habe jedoch kein Recht, sich dadurch ent­las­tet zu füh­len und von deren Anstän­dig­keit zu pro­fi­tie­ren, beson­ders weil sie sich auch heu­te noch von die­ser Min­der­heit distanziere.

Das ist wahr. Ein Ver­wand­ter mei­ner Frau, soll­te in Nor­we­gen Zivilist*innen töten und hat sich gewei­gert. Er wur­de selbst erschos­sen. Der West­teils der Fami­lie hat sich dafür geschämt. Sie haben nie dar­über gespro­chen. Und sie­he auch den Bericht von Mari­an­ne Mey­er-Krah­mer Mein lan­ger Weg zur Stun­de Null, den ich hier im Blog ver­öf­fent­licht habe. Mey­er-Krah­mer ist die Toch­ter des Leip­zi­ger Ober­bür­ger­meis­ters Goer­de­ler, der als einer der Hit­ler-Atten­tä­ter hin­ge­rich­tet wur­de. Sie saß im KZ. Übri­gens ohne jeg­li­chen Grund. Es war Sip­pen­haft. Sip­pen­haft ist die klei­ne Freun­din von Kol­lek­tiv­schuld. Mey­er-Krah­mer berich­tet davon, wie ihr Men­schen nach ihrer Befrei­ung begeg­net sind, wie sie die Ableh­nung der BDM-Mäd­chen, mit denen sie als Leh­re­rin zu tun bekam, über­wand. Mit Goethe.

In Wiki­pe­dia fin­det man auch fol­gen­de Aus­sa­ge des Neu­ro­lo­gen und Psych­ia­ters Vik­tor Frankl zum The­ma Kollektivschuld:

es gibt nur zwei Ras­sen von Men­schen, die Anstän­di­gen und die Unanständigen.

Frankl war Jude und hat The­re­si­en­stadt und Ausch­witz über­lebt. Sei­ne rest­li­che Fami­lie wur­de ermor­det. Vater, Mut­ter, Bru­der, Frau.

Rabe wirft ihren Lehrer*innen vor, dass die­se kei­ne vor­wurfs­vol­len All­aus­sa­gen über die Vor­fah­ren ihrer Schüler*innen gemacht hätten:

Die­se omi­nö­sen deut­schen Sol­da­ten. Kein Leh­rer sag­te: Eure Groß­vä­ter und Urgroß­vä­ter waren die deut­schen Sol­da­ten, die in Ost­eu­ro­pa und der Sowjet­uni­on alles abge­schlach­tet haben, was sich beweg­te, die geraubt und ver­ge­wal­tigt und gan­ze Dör­fer ange­zün­det haben.

S. 87

Viel­leicht lag das dar­an, dass das zu platt und im Ein­zel­fall auch nicht rich­tig gewe­sen wäre? Wenn wäre die Aus­sa­ge ja wohl auch „Unse­re Groß­vä­ter und Urgroß­vä­ter“ gewe­sen. Und folgt es nicht auto­ma­tisch, wenn man über die Ver­bre­chen die­ser Gene­ra­ti­on auf­klärt, dass die Groß­el­tern und Urgroß­el­tern von vie­len, vie­len Deut­schen Täter*innen waren? Muss man die­sen Gedan­ken nicht selbst denken?

Mein einer Opa war übri­gens kriegs­wich­tig (Inge­nieur bei Kör­ting in Leip­zig) und des­halb nicht im Krieg und mein ande­rer war zwar bei der Wehr­macht aber als Koch.

Bei­de haben somit zwar irgend­et­was zum Krieg bei­getra­gen, aber der Vor­wurf, den Rabes Lehrer*innen ihnen hät­te machen sol­len, hät­te auf sie wohl nicht zugetroffen.

Mein Opa war in der SPD, nicht in der NSDAP. Die SPD war ab dem 22. Juni 1933 als „volks- und staats­feind­li­che Orga­ni­sa­ti­on“ ver­bo­ten. Der Bru­der mei­nes Groß­va­ters war bis zum Ver­bot am 28. Febru­ar 1933 in der SAJ (Sozia­lis­ti­sche Arbei­ter-Jun­gend). Er hat ein Jahr und neun Mona­te im KZ Lich­ten­burg geses­sen, weil er Flug­blät­ter für eine Ein­heits­front aus KPD und SPD ver­teilt hat. 

Ankla­ge­schrift „gegen List und Genos­sen wegen Vor­be­rei­tung eines hoch­ver­rä­te­ri­schen Unter­neh­mens“ 19.09.1935

Der Groß­va­ter mei­ner Frau hat einem Juden ein Bahn-Ticket nach Wla­di­wos­tok gekauft, als Juden das schon längst nicht mehr konn­ten. Er hat ihm zur Flucht ver­hol­fen. Mit Hil­fe eines israe­li­schen Kol­le­gen habe ich sei­nen Nef­fen in Isra­el aus­fin­dig gemacht und mein Schwa­ger hat ihn dann dort besucht. Der Groß­va­ter war Lei­ter des Arbeits­am­tes in Ins­ter­burg. Er saß in der Nazi­zeit mehr­fach im Gefäng­nis und stand mehr­fach vor Gericht. Ein­mal hat ein Kind eines Men­schen aus sei­ner Freun­des­grup­pe sie ver­ra­ten: Sie hat­ten Radio Lon­don gehört. Er konn­te sich vor Gericht dar­auf beru­fen, dass die Aus­sa­ge eines Kin­des nicht zäh­len wür­de. Ande­re aus dem Freun­des­kreis kann­ten sich nicht aus und wur­den ver­ur­teilt. Er wur­de oft von Men­schen gewarnt, denen er frü­her Arbeit ver­schafft hat­te. Beim drit­ten Mal Schutz­haft half ihm der Poli­zei­di­rek­tor: Die ande­ren Ange­klag­ten wur­den ins KZ Dach­au abtrans­por­tiert, der Poli­zei­prä­si­dent hielt den Groß­va­ter zurück mit der Behaup­tung, es habe kei­nen Platz mehr in den Trans­por­ten nach Dach­au gegeben.

Ein Ange­hö­ri­ger der Fami­lie mei­ner Frau hat sich im Krieg gewei­gert, nor­we­gi­sche Zivilist*innen (Par­ti­sa­nen) zu erschie­ßen und wur­de selbst erschos­sen. Ein Cou­sin mei­nes Vaters ist in Nor­we­gen mit einer Nor­we­ge­rin deser­tiert und wur­de erschossen.

Schrei­ben der Deut­schen Dienst­stel­le für die Benach­rich­ti­gung der nächs­ten Ange­hö­ri­gen der ehe­ma­li­gen deut­schen Wehr­macht, 07.04.2017

Der Cou­sin scheint sei­ne Waf­fe mit­ge­nom­men zu haben. Also: ein­mal Ver­wei­ge­rung des Schie­ßens aus Mensch­lich­keit, ein­mal Fah­nen­flucht aus Lie­be. „Todes­an­zei­gen oder Nach­ru­fe in Zei­tun­gen, Zeit­schrif­ten und der­glei­chen sind verboten.“

Sind wir schul­dig? Als Men­schen mit deut­schem Blut? Was ist das für ein ras­sis­ti­scher Unsinn! Soll­ten wir uns nicht alle dar­an mes­sen, was wir jetzt tun? Wie wir die Taten ande­rer ein­ord­nen? An unse­rer Mensch­lich­keit? Am 4.11.1989 gab es eine gro­ße Demons­tra­ti­on am Alex­an­der­platz. Die ers­te freie Demons­tra­ti­on in der DDR. Ich lief im Anti­fa-Block mit. Die Sta­si hat Bil­der von die­sem Block gemacht (sie­he Wag­ner, 2018, Ver­tusch­te Gefahr: Die Sta­si & Neo­na­zis).

© BStU, MfS HAXX, Fo 1021, Bild 57

Bin ich schul­dig? Muss ich mich schä­men? Ich habe nichts getan! Ich war sie­ben Mal in Buchen­wald (sie­he Weim­ar­ta­ge der FDJ) und auch in Sach­sen­hau­sen, in Ausch­witz. Ich habe mich inten­siv mit der deut­schen Ver­gan­gen­heit aus­ein­an­der­ge­setzt, aber ich konn­te die 1000 Jah­re zwi­schen 1933 und 1945 an kei­ner Stel­le beein­flus­sen. Denn ich war da noch nicht geboh­ren. Für mei­ne Eltern kann ich nichts, aber für mei­ne Kin­der. Ich wür­de mich schä­men, wenn sie in die AfD ein­tre­ten wür­den und/oder die Ver­nich­tung von Men­schen pla­nen würden.

Demoteilnehmer*innen mit Schil­dern „‘Remi­gra­ti­on’ ??? No way, AfD!“, „Dan­ke! Mama & Papa, dass ich kein Nazi gewor­den bin!!!“ und „Oh Schie­ße.“ und einem aus AfD-Pfei­len zusam­men­ge­setz­ten Haken­kreuz. Reichs­tag, Ber­lin, 21.01.2024

Scham

Anne Rabe wird zum Opfer ihrer Vor­stel­lun­gen von Kol­lek­tiv­schuld. Wie ich oben geschrie­ben habe: Sip­pen­haft ist die fie­se klei­ne Schwes­ter von Kol­lek­tiv­schuld. Das schreibt Rabe selbst:

Mei­ne Eltern hat­ten stu­die­ren kön­nen und hat­ten es des­halb auch nach dem Sys­tem­wech­sel leich­ter. Wir waren pri­vi­le­giert und ret­te­ten einen Teil die­ser Pri­vi­le­gi­en mit in die neue Zeit. Mut­ter und Vater wür­den sich auf dem Arbeits­markt eta­blie­ren kön­nen. Nicht ohne Pro­ble­me, nicht ohne Arbeits­lo­sig­keit, nicht ohne Umschu­lun­gen und die berühm­ten Brü­che in den Erwerbs­bio­gra­fien, aber sie hat­ten bes­se­re Start­chan­cen als die meis­ten der­je­ni­gen, die das Sys­tem zum Ein­sturz gebracht haben. Bes­se­re Chan­cen als die­je­ni­gen, denen auch ich mei­ne Frei­heit zu ver­dan­ken habe. Ich schä­me mich dafür. Immer noch.

S. 155

Jedes Mal, wenn ich von Hohen­schön­hau­sen, Tor­gau oder ande­ren Dun­kel­or­ten der DDR hör­te, wur­de ich von einer Scham­wel­le fort­ge­schwemmt, aus der ich mich nur lang­sam her­aus­kämp­fen konn­te, indem ich sorg­sam alles studierte.

S. 99

Aber wie­so schämt sich Rabe für ihre Eltern? Sie kann nichts für ihre Eltern. Sie hat sich sogar von ihnen los­ge­sagt. Damit ist doku­men­tiert, dass sie deren Hal­tung und ihre Gewalt­tä­tig­keit ablehnt. Rabe soll­te sich nicht für ihre Eltern schä­men. Aber sie könn­te sich zum Bei­spiel für die inhalt­li­chen Feh­ler in ihrem Buch schä­men. Für ihre Unin­for­miert­heit. Für ihre nicht erfolg­te Recher­che zu The­men, über die sie geschrie­ben hat. Für den Scha­den, den sie damit ange­rich­tet hat. All ihre Feh­ler sind in Kei­ne Gewalt! Zu Mög­lich­kei­ten und Glück und dem Buch von Anne Rabe und auch in die­sem Blog-Bei­trag doku­men­tiert. Oder für ihre Nai­vi­tät bzw. Durch­trie­ben­heit, auf die ich wei­ter unten zu spre­chen komme.

Reden

Anne Rabe mahnt in ihrem Buch an, dass wir doch mit­ein­an­der reden soll­ten. Dass wir Ossis unse­re dunk­le Ver­gan­gen­heit auf­ar­bei­ten soll­ten. Aber sie selbst hat nicht gere­det. Das Ver­sa­gen liegt auch bei ihr. Hier eini­ge Pas­sa­gen aus dem Buch:

Ich bin ein­fach wütend. Auch auf Adas Eltern. 

Auch sie haben uns im Stich und mit der gan­zen Geschich­te allein­ge­las­sen. Adas Vater hat über die roten Socken gespro­chen, über sein Radar, das da anging bei mei­nen Eltern und ande­ren. Sein Hass, sei­ne Wut, sie sind berech­tigt gewe­sen. Aber statt sich mit denen aus­ein­an­der­zu­set­zen, die dafür die Ver­ant­wor­tung tru­gen, statt mit ihnen die Din­ge zu klä­ren, hat er am Küchen­tisch sei­ne Reden geschwun­gen und eben mich spü­ren las­sen, wie wenig er mich lei­den konnte.

S. 155–156

Adas Eltern waren Systemgegner*innen. Sie durf­ten nicht stu­die­ren und haben unter der DDR gelit­ten. Unter Men­schen wie Rabes Eltern. Und jetzt ver­langt sie, dass die, die all das erlit­ten haben, zu denen gehen, die sich schul­dig gemacht haben, und sich mal aussprechen?

Das zeigt ganz klar, dass sie das alles nicht ver­stan­den hat. Sie hat nicht ver­stan­den, was Bau­sol­dat-Sein bedeu­tet hat. Man hat­te sich kom­plett aus der rest­li­chen Gesell­schaft aus­ge­klinkt. Man konn­te höchs­tens noch Theo­lo­gie stu­die­ren. Ich war an einer Spe­zi­al­schu­le mathe­ma­ti­scher Rich­tung. Es gab dort einen Jun­gen, der nahm an inter­na­tio­na­len Mathe­olym­pia­den teil. Er war geni­al. Er hat sich schon in der Schu­le gewei­gert, an dem zwei­wö­chi­gen GST-Lager, in dem wir auch mit auto­ma­ti­schen Waf­fen geschos­sen haben, teil­zu­neh­men. Die para­mi­li­tä­ri­sche Aus­bil­dung in der Schu­le war Pflicht. Der Schü­ler ist dann Schä­fer geworden. 

Ada hat mir erzählt, dass er in der DDR den Wehr­dienst an der Waf­fe ver­wei­gert hat, was nur ging, wenn man sich den »Bau­sol­da­ten« zutei­len ließ. Das hat­te Kon­se­quen­zen. Mie­se Schi­ka­nen wäh­rend und nach der Dienst­zeit – ein sehr bewusst gewähl­tes Außen­sei­ter­tum, einer Gesell­schaft zum Trotz, die einem kei­ne Wahl las­sen woll­te. Der Preis, den Adas Vater für sei­ne mora­li­sche Inte­gri­tät hat­te zah­len müs­sen, war hoch. Sein gan­zes Leben wür­de davon bestimmt sein. Auf ein Stu­di­um brauch­te er nicht mehr zu hof­fen und über­all, wo es sich anzu­stel­len galt, hat­te er sich ganz hin­ten ein­zu­rei­hen. Das hat­te ihn den­noch nicht davon abge­hal­ten, für sei­ne Über­zeu­gun­gen einzustehen.

S. 154

Jeder Kon­takt mit dem Sys­tem und des­sen Kin­dern war poten­ti­ell gefähr­lich und in jedem Fall anstren­gend. Als Bau­sol­dat war man als Sys­tem­geg­ner akten­kun­dig gewor­den. Viel­leicht wur­de man bespit­zelt. Rund um die Uhr. Arbeits­kol­le­gen mel­de­ten Auf­fäl­lig­kei­ten. Und sie ver­langt jetzt von den Oppo­si­tio­nel­len, dass sie mit ihren Eltern spre­chen? Zwar nach der Wen­de, aber ???

Völ­lig unklar.

So wie Gei­pel und Kaha­ne es nicht ver­ste­hen kön­nen, dass sie als rote Socken abge­lehnt wur­den, hat Rabe nicht ver­stan­den, wie die DDR war und was man da nach der Wen­de gemacht hat und was nicht. Wir waren froh, dass wir Krenz & fri­ends los waren. Mit denen woll­te man nicht mehr reden. Ganz davon abge­se­hen, dass nach der Wen­de alle im Über­le­bens­kampf waren, was Rabe ja auch selbst schreibt.

Wie kann Rabe eine Blut­schuld für das gesam­te deut­sche Volk und alle Nach­fah­ren for­dern, für sich selbst aber ver­lan­gen, dass ihre Gegen­über ihr unvor­ein­ge­nom­men begeg­nen? Müss­te die­se Blut­schuld nicht auch für sie gel­ten? Und für Anet­ta Kaha­ne, deren Vater das Neue Deutsch­land, Zen­tral­or­gan der SED, gelei­tet hat? Und für Ines Gei­pel, deren Vater IM war und laut ihrem Wiki­pe­dia-Ein­trag für „das Aus­spä­hen von Objek­ten und die Vor­be­rei­tung von Sabo­ta­ge auf dem Gebiet der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land“ zustän­dig (Hart­wich & Mascher, 2007)? Ist Unfug, oder? Anet­ta Kaha­ne war übri­gens selbst IM, nicht ihre Eltern. Sie hat ihre jüdi­schen Kum­pels verpfiffen.

Ja, Adas Vater hät­te sie nicht ableh­nen sol­len, so wie es auch von ihrer Leh­re­rin unpro­fes­sio­nell war, sie auf­grund ihrer Her­kunft aus­zu­schlie­ßen. Gera­de in der Grund­schu­le, wo ein betrof­fe­nes Kind das wahr­schein­lich nicht ver­ste­hen kann. Aber als erwach­se­ne Frau, und das ist die Ich-Erzäh­le­rin ja, soll­te sie die Situa­ti­on damals so weit ein­schät­zen kön­nen, dass sie die Hand­lun­gen der Akteur*innen ver­steht. Aber das kann sie nicht, denn sie hat nicht mit ihnen gespro­chen (ja, ja, das ist nur ein Roman, aber sol­che Roma­ne wür­de man dann hal­te eben nicht schrei­ben, hät­te man mit Men­schen gesprochen):

Aber das ist nicht der ein­zi­ge Grund, war­um ich das Gespräch mit Adas Eltern plötz­lich scheue. Ich will kei­ne Abso­lu­ti­on von ihnen, kei­ne spä­te Ver­brü­de­rung mit den­je­ni­gen, die auf mei­ne Eltern und ihr gan­zes Sys­tem zu Recht wütend waren. Ich woll­te mich auch nicht als die­je­ni­ge pro­du­zie­ren, die nun ihre Haus­auf­ga­ben gemacht und im Gegen­satz zu den ewig Gest­ri­gen ver­stan­den hat­te, aus was für einem Land sie kam.

S. 155

Hät­te sie mit ihnen gespro­chen, wüss­te sie, dass Christ*innen in der DDR dazu genö­tigt wur­den, vor der gan­zen Klas­se auf­zu­ste­hen. „Wer von Euch glaubt an Gott? Du, Sabi­ne? Dann steh mal bit­te auf. Wer noch?“

Rabe schreibt:

Die Ange­hö­ri­gen der Opfer erfuh­ren nichts über den Ver­bleib ihrer Kin­der, Väter, Müt­ter, Tan­ten, Onkel, Nach­barn und Freun­de. Das Schwei­gen dar­über war so total, dass heu­te kaum noch jemand um die Ver­bre­chen der Anfangs­zeit der DDR weiß, obwohl es nahe­zu kei­ne Fami­lie geben kann, die davon unbe­rührt blieb.

S. 265

Ich habe es immer geahnt: Ich bin ein­zig­ar­tig! Ich bin der ein­zi­ge Ossi, der irgend­wie wuss­te, dass in den 50ern Men­schen abge­holt wur­den. Dass es Men­schen gab, die Angst hat­ten, wenn Auto­tü­ren klapp­ten, weil sie dach­ten, jetzt wür­den sie geholt.

Sor­ry, Frau Rabe. „Auf der Suche nach Gatt“ wur­de in der Schu­le behan­delt. Da wur­de uns natür­lich erklärt, dass das am 17. Juni die Kon­ter­re­vo­lu­ti­on war. Aber man konn­te sei­ne Eltern fra­gen, was da war, was sie gemacht haben.

Der ande­re Teil mei­ner Fami­lie kommt aus Frankfurt/Oder, einer Bezirks­haupt­stadt, der ach­zehnt­größ­ten Stadt in der DDR, von der Sie schrei­ben: „Irgend­was Klei­nes in Bran­den­burg“. Die Mut­ter hat in der Bahn­hofs­mis­si­on gear­bei­tet. Der Vater war in den letz­ten Kriegs­ta­gen gefal­len, als er sich vom Volks­sturm abge­setzt hat­te und von einer irr­lich­tern­den Gra­na­te erwischt wur­de. Allein­ste­hen­de Frau mit fünf Kin­dern. Sie wur­de ein­ge­sperrt. Das wis­sen wir, das weiß die gan­ze Fami­lie, das weiß deren Umfeld. Christ*innen in der DDR wis­sen das. Sie haben halt nicht mit Ihnen drü­ber gespro­chen und hät­ten das zu DDR-Zei­ten auch nicht getan. Weil sie aus einer Funk­tio­närs­fa­mi­lie kom­men. Mein Gott!

Sie for­dern eine Auf­ar­bei­tung der SED-Zeit und Rezen­sen­ten grei­fen das begeis­tert auf: Ja, die Ossis sol­len mal ihren Dreck im Kel­ler auf­ar­bei­ten, so wie wir es ja getan haben 1968.

War Ihre Fami­lie in das SED-Regime ver­wi­ckelt? Gab es in Ihrer Fami­lie Mit­ar­bei­ter der Staats­si­cher­heit? Wür­den Sie sagen, dass Ihre Fami­lie zu DDR-Zei­ten eher Täter oder Opfer waren? Gehör­ten Sie zu den Mit­läu­fern? Hat Ihre Fami­lie vom SED-Regime pro­fi­tiert? Gibt es in Ihrer Fami­lie Mit­glie­der, die auf Grund ihres Glau­bens oder ihrer poli­ti­schen Über­zeu­gung ver­folgt wur­den? Hat Ihre Fami­lie akti­ven Wider­stand gegen das SED-Regime geleis­tet? Ist es wich­tig, dass kom­men­de Gene­ra­tio­nen in der Schu­le über das Unrecht, das in der ehe­ma­li­gen DDR began­gen wur­de, auf­ge­klärt werden?

Die­se Fra­gen wer­den nicht gestellt. Man befragt uns nicht dazu und misst dar­an auch nicht den Grad unse­res poli­ti­schen Bewusst­seins oder den Zustand der Republik.

S. 73

Sor­ry, Frau Rabe, da haben Sie wohl einen Dit­sch von ihrem Eltern­haus mit­be­kom­men. Wer ist denn „man“? Wer soll denn was fra­gen? Der Staat uns? Soll­ten wir das nicht selbst tun? Und ja, 1) hat der Staat uns befragt bzw. unse­re Daten abge­fragt und 2) haben wir mit­ein­an­der gere­det. Das pas­sier­te in den 90ern ziem­lich inten­siv. Nur haben Sie davon nichts mit­be­kom­men, weil Sie da noch zu klein waren. Das kann man Ihnen nicht vor­wer­fen, was man Ihnen vor­wer­fen kann, ist, dass Sie selbst nicht reden woll­ten (sie­he oben) und dass Sie auch nicht recher­chiert haben. Über „Wir müs­sen alle mal reden und wir brau­chen ein 68 für den Osten“ habe ich auch in Gewalt­er­fah­run­gen und 1968 für den Osten noch aus­führ­li­cher besprochen.

Berlinerisch

Auf S. 210 schreibt Anne Rabe zum Berlinischen:

Zwar ist es in der intel­lek­tu­el­len Land­schaft Ost­ber­lins ganz schick gewe­sen, den Jar­gon der Arbei­ter zu imitieren

S. 210

Anne Rabe hat an der FU-Ber­lin ab 2005 Ger­ma­nis­tik und Thea­ter­wis­sen­schaf­ten stu­diert. Als ich dort 2007 anfing, war sie wahr­schein­lich schon weg. An der FU lehr­te damals noch Prof. Nor­bert Ditt­mar, der zum Ber­li­ni­schen geforscht hat. Aber eigent­lich braucht es kei­ne sprach­wis­sen­schaft­li­che Aus­bil­dung, um zu wis­sen, dass das Ber­li­nern in Ber­lin und Bran­den­burg in allen Bevöl­ke­rungs­schich­ten üblich war. Ich konn­te ber­li­nern, schon bevor ich mit Arbei­tern in Kon­takt gekom­men bin. Mei­ne Eltern sind aus Jena und Wit­ten­berg. Von denen habe ich es nicht gelernt. Das kam ganz nor­mal über den Kin­der­gar­ten und die Schu­le. So hat man gespro­chen. Ein Kol­le­ge, der in den 90ern an der HU stu­diert hat, hat Vor­le­sun­gen in der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft gehört, in denen der Dozent bes­tens ber­li­nert hat. Wir alle haben ber­li­nert. Vie­le sind zwei­spra­chig und kön­nen Stan­dard­spra­che und Dia­lekt spre­chen. Im Wes­ten hat man den Schüler*innen das Ber­li­nern aus­ge­trie­ben, so wie man in Bay­ern den Kin­dern das Bay­ri­sche abge­wöhnt hat. Ich habe genau einen Freund aus West­ber­lin, der ber­li­nert. Sonst spre­chen alle West-Ber­li­ner hochdeutsch.

Ein mög­li­cher Grund dafür, dass die Schu­len nicht ver­sucht haben, uns die Dia­lek­te abzu­er­zie­hen, könn­te natür­lich sein, dass auch Funk­tio­nä­re Dia­lekt spra­chen, aber das ist etwas Ande­res als das, was Anne Rabe geschrie­ben hat. 

Jugendweihe – unser erster subversiver Akt

Zur Jugend­wei­he schreibt Rabe:

Das zwei­te Bekennt­nis leg­te das Kind dann selbst ab. In der ach­ten Klas­se, also mit 14 Jah­ren, soll­te das sozia­lis­ti­sche Kind qua Jugend­wei­he in die Welt der Erwach­se­nen auf­ge­nom­men wer­den und muss­te dafür laut­hals gelo­ben, sich „mit gan­zer Kraft für die gro­ße und edle Sache des Sozia­lis­mus einzusetzen“.

S. 114–115

Ja, die Jugend­wei­he war lus­tig! Und es war ganz prak­tisch, dass wir alle ber­li­ner­ten (sie­he vori­gen Abschnitt). Wir soll­ten alle die­ses blö­de Gelöb­nis spre­chen bzw. dann immer jeweils nach einem Stück Text sagen: „Ja, das gelo­ben wir!“

Was wir statt­des­sen sag­ten, war: „Ja, das glo­ben wir.“, was über­setzt ins Stan­dard­deut­sche „Ja, das glau­ben wir.“ heißt. Wir hat­ten alle Spaß. Für vie­le war das ihr ers­ter sub­ver­si­ver Akt. Hat kei­ner gemerkt.

Funktionärssprache

Ich hat­te oben schon das Zitat zum Reden mit Oppo­si­tio­nel­len. Dar­in war fol­gen­der Satz enthalten:

Ich woll­te mich auch nicht als die­je­ni­ge pro­du­zie­ren, die nun ihre Haus­auf­ga­ben gemacht und im Gegen­satz zu den ewig Gest­ri­gen ver­stan­den hat­te, aus was für einem Land sie kam.

S. 155

Ewig Gest­ri­ge ist für mich Funk­tio­närs­spra­che. Die­se Flos­kel kam über­all vor: im Geschichts­un­ter­richt, im Staats­bür­ger­kun­de­un­ter­richt, im FDJ-Stu­di­en­jahr. Es ging um Revan­chis­ten und Reak­tio­nä­re. Nun also Ossis. Hm. Viel­leicht kommt die­se Phra­se auch im Wes­ten vor. Ich hät­te sie aber nicht in solch einem Roman verwendet.

Ein Scherz, oder?

Rabe schreibt als Ich-Erzählerin:

Hans ist das Licht des Lap­tops zu hell im Bett. Er stöhnt und will schla­fen. Um sechs klin­gelt sein Wecker. Als du den Com­pu­ter zuklappst, ist es nicht weni­ger hell. Der Mond scheint dich an. Du stehst auf und ziehst ins Wohn­zim­mer und schreibst: „Vol­ler Mond, du dum­me Sau/zieh dich zurück in dei­nen Ver­hau.“ Es geht doch. Geht doch noch.

Das ist ein Scherz, oder? Ich bin in der Lage Humor zu erken­nen. Ist das der ein­zi­ge fik­tio­na­le Teil im Roman? Oder doch mehr? Oder alles? Oder ist alles ernst?

Spinnen und Bananen

Anne Rabe bzw. ihre Ich-Erzäh­le­rin hat­te es schwer. Ihre Kind­heit war ent­beh­rungs­reich und hart. Sie muss­te auf ein Außen­klo gehen, auf dem es Spin­nen gab. Und grü­ne Bana­nen essen.

Lie­be Frau Rabe, ich hab da ein paar Tipps für Sie: Wenn man nicht möch­te, dass es an einem Ort Spin­nen gibt, kann man sich ein Glas und Papier neh­men. Das Glas stülpt man über die Spin­ne. Das Papier schiebt man unter das Glas und dann kann man die Spin­ne zurück in die Natur beför­dern. Ich weiß, Ihre Kind­heit war schwer, aber es gab hof­fent­lich Papier (zu mei­ner Zeit war das Papier knapp). Min­des­tens Klo­pa­pier wird es wohl gege­ben haben und das sogar an dem Ort, wo sie es hät­ten benut­zen kön­nen. Wenn es bei Ihnen kein Glas gab, gab es viel­leicht die­se Punkte-Becher: 

DDR-Design­klas­si­ker: Punk­te-Becher aus Plas­te, 23.02.2024

Man hat­te mit solch einem Becher lei­der kei­nen Sicht­kon­takt zur Spin­ne mehr, aber hey, Not macht erfin­de­risch. Wir Ossis haben eigent­lich immer noch alles hinbekommen. 

Und mit den grü­nen Bana­nen, das kann ich voll nach­voll­zie­hen. Die sind dann so kleb­rig. Aber auch da gibt es einen Trick: Man lässt die Bana­nen etwas lie­gen. Dann sind sie reif. Sie schrei­ben ja selbst, dass Sie schon ein­mal brau­ne Bana­nen gese­hen hätten. 

Die Bana­nen, die ich nicht moch­te, weil wir sie geges­sen haben, wenn sie noch grün waren. Ich dach­te lan­ge, sie wären schlecht, sobald sie ein paar brau­ne Stel­len hatten.

S. 18

Dann müss­ten Ihnen doch eigent­lich auch Bana­nen in mitt­le­rer Rei­fe unter­ge­kom­men sein. Hät­ten Sie sys­te­ma­tisch getes­tet, hät­ten Sie her­aus­fin­den kön­nen, dass man Bana­nen weder grün noch braun essen muss.

Übri­gens: Bei uns damals war es so, dass wir über­haupt kei­ne Bana­nen hat­ten. Auch kei­ne grü­nen. Also, wir schon, denn wir leb­ten in Ber­lin und Ber­lin wur­de immer bes­ser ver­sorgt als der Rest der DDR. Das hing damit zusam­men, dass die Wes­sis nicht mer­ken soll­ten, dass es bestimm­te Din­ge in der DDR nicht gab, wenn sie mal kurz ihr Mäd­chen aus Ost­ber­lin besuch­ten. Also wir hat­ten wel­che, aber Ihre Eltern in Wis­mar nicht. 

Kari­ka­tur von Bernd A. Chmu­ra. Bana­nen-Repu­blik, 1986. Aus dem Kata­log der X. Kunst­aus­stel­lung der DDR, Dres­den. 1987/1988. S. 429. Ber­lin bekommt die Bana­nen, die rest­li­che DDR die Schalen.

Bzw. sie hat­ten sehr sel­ten wel­che. Ich erin­ne­re mich an Bana­nen bei einer Kur in Ahl­beck. Die waren noch grün!!! In Ber­lin gab es aber auch nicht immer Bana­nen. Eigent­lich gab es Süd­früch­te immer so um die Weih­nachts­zeit, wes­halb Obst­sa­lat noch heu­te für mich mit Weih­nach­ten ver­bun­den ist. 

Obst­sa­lat in einer Schüs­sel von Kahla Thü­rin­gen Por­zel­lan, Ber­lin, 18.12.2021. Kahla Thü­rin­gen Por­zel­lan wur­de nach der Wen­de für eine DM an einen Rechtstan­walt ver­kauft, des­sen einiz­ge Qua­li­fi­ka­ti­on dar­in bestand, einen Bru­der bei der Treu­hand zu haben. Na, ich schwei­fe ab. Und man soll auch nicht so viel Infor­ma­ti­on in Bild­un­ter­schrif­ten packen.

Dass es die Süd­früch­te nur zu Weih­nach­ten gab, lag dar­an, dass Erich Hon­ecker erst zum Jah­res­en­de genü­gend DDR-Oppo­si­tio­nel­le in den Wes­ten ver­kauft hat­te, so dass dann die Bana­nen und Apfel­si­nen gekauft wer­den konn­ten. (Das war Sarkasmus.)

Übri­gens: Die Sze­ne mit der Bade­wan­ne. Ist das nicht genau­so wie das mit den grü­nen Bana­nen? Sti­nes Mut­ter, die Mut­ter der Ich-Erzäh­le­rin, war in der Küche, ihr Vater im Wohn­zim­mer. Sie stand in dem sehr hei­ßen Was­ser. War­um hat sie nicht ein­fach kal­tes Was­ser nach­ge­füllt? War­um hat sie sich und ihren klei­nen Bru­der in das hei­ße Was­ser gestellt? Ich weiß, sie war noch klein und es war eine Stress­si­tua­ti­on. Aber wenn das immer wie­der pas­siert ist, hät­te sie ja mal drü­ber nach­den­ken kön­nen. Oder war es viel­leicht doch nicht so? Oder kann man das in die­sem Alter noch nicht? Sie muss ja min­des­tens vier gewe­sen sein.

Mangelnde Eigenverantwortung und die Fahrt in den Abgrund

Ein ähn­li­cher Fall liegt bei der Schlit­ten­sze­ne vor, auf die mich mein Klas­sen­ka­me­rad Peer in sei­ner Dis­kus­si­on von Anne Rabes Buch auf Mast­o­don hin­ge­wie­sen hat:

Wenn ich mich an Tim erin­ne­re, spü­re ich ihn hin­ter mir auf dem Schlit­ten sit­zen. Damals in Tsche­chi­en, im Rie­sen­ge­bir­ge. Er klam­mert sich an mich, und wir fah­ren im Affen­zahn einen Berg hin­un­ter. Er ver­traut mir, ver­traut dar­auf, dass ich die Kur­ve noch krie­ge vor dem Abhang. Ich brül­le: „Len­ken, Tim­mi, du musst den Fuß raus­hal­ten!“ Aber Tim, der jün­ger ist als ich, viel­leicht sechs oder sie­ben, weiß nicht, was ich mei­ne, und so grei­fe ich mit mei­nem rech­ten Arm hin­ter mich und rufe: „Spring!“ Der Schlit­ten saust ohne uns den Abhang hinunter.

S. 11

Die Fra­ge ist: Wie­so hat die Ich-Erzäh­le­rin nicht selbst die Füße raus­ge­stellt? Ist Sti­ne so? Ist Anne Rabe so? War­um greift sie nicht ein? Wenn so viel Zeit ist, dem zwei Jah­re jün­ge­ren Bru­der Anwei­sun­gen zu geben, war­um bremst SIE dann nicht? Ist das der bei Ossis immer wie­der kli­schee­haft beschwo­re­ne Man­gel an Eigen­ver­ant­wor­tung (sie­he auch Leser­brief zum mei­nem Arti­kel in der Ber­li­ner Zei­tung)? Oder nur ein schie­fes Bild im Roman? Schlech­te Literatur?

Schlagersüßtafel

Zum The­ma Schla­ger­süß­ta­fel schreibt Anne Rabe:

Dar­über, wie die Revo­lu­ti­on 89/90 auch durch die klei­ne Stadt gefegt war, schwieg sich mei­ne Fami­lie aus. Die DDR war den­noch oder gera­de des­halb selt­sam prä­sent. Ein ver­lo­re­ner Sehn­suchts­ort. Ein Ort, an dem alles gut war und »wisst ihr noch, die Schla­ger­süß­ta­fel?«. Die­se Scho­ko­la­de kam in fast allen Erzäh­lun­gen der Eltern vor. Auch wenn sie sich ganz gut ein­ge­lebt hat­ten im schlech­te­ren Deutsch­land, schien die Tat­sa­che, dass es die Schla­ger­süß­ta­fel nicht mehr zu kau­fen gab, von grö­ße­rer Bedeu­tung zu sein als das Haus, das sie nun bau­ten, die Urlau­be, in die wir fuh­ren, und der Ten­nis­kurs, den sie absol­vier­ten. Irgend­wann kamen sie zurück – die Ost­pro­duk­te. Sie füll­ten gan­ze Mes­se­hal­len und auch die Rega­le in unse­rem Super­markt. Plötz­lich gab es wie­der Bam­bi­na, Nudo­s­si, Puffreis und Fil­in­chen. Das ers­te Stück Schla­ger­süß­ta­fel aber war eine Ent­täu­schung. So hat­te sie also geschmeckt, die­se DDR? Nach nichts, noch nicht ein­mal nach Kakao­pul­ver. Ver­mut­lich war das gar kei­ne Schokolade.

S. 256

Schla­ger­süß­ta­fel wird in Wiki­pe­dia als Genuss­mit­tel gelis­tet. Aber ich muss Anne Rabe Recht geben: Schla­ger­süß­ta­fel war unge­nieß­bar. Ich habe in Schla­ger­süß­ta­fel und Klas­sen­kei­le bereits dar­über geschrie­ben: Wir hat­ten sie gekauft, weil wir dach­ten, es wären Bil­der von Schlagersänger*innen drin. Da sie zum Essen nicht taug­te, benutz­ten wir sie, um Bau­ar­bei­ter zu bewer­fen. Wie es dann wei­ter­ging, müsst Ihr in dem ande­ren Blog-Post lesen.

Wiki­pe­dia kann man auch die Zuta­ten ent­neh­men. Ein biss­chen Kakao war drin, aber nur 7%. Übri­gens lus­tig: Beim Lesen der Zuta­ten muss­te ich an die Mut­ter des Ich-Erzäh­lers von Stern 111 den­ken. Sie war Lebens­mit­tel­tech­ni­ke­rin und ihre Auf­ga­be war es, Ersatz­le­bens­mit­tel aus in der DDR ver­füg­ba­ren Roh­stof­fen zu kre­ieren. Viel­leicht war sie ja an der Krea­ti­on der Schla­ger­süß­ta­fel betei­ligt. Stern 111 ist übri­gens ein sehr gelun­ge­ner Nach­wen­de­ro­man. Wer wis­sen will, wie es vor der Wen­de war, soll­te Der Turm und Kro­ko­dil im Nacken lesen.

Plagiat? Nee! Oder doch?

In einem Bei­trag in der Neu­en Züri­cher Zei­tung schreibt Peer Teuw­sen, dass Anne Rabes Roman auf den Schul­tern von Ines Gei­pel ste­hen wür­de. Es wer­den drei Stel­len ange­führt. In einer fah­ren Kin­der Schlit­ten, in der zwei­ten trägt ein Vater sei­nen Sohn auf den Schul­tern und in der drit­ten spre­chen Kin­der über das Stern­bild gro­ßer Wagen. Pla­gi­at ist mein drit­tes Hob­by. Ich bin selbst pla­giert wor­den und habe ein ent­spre­chen­des Ver­fah­ren ein­ge­lei­tet. Ich war in einer Pla­gi­ats­kom­mis­si­on, die sich mit einer pla­gier­ten Dis­ser­ta­ti­on aus­ein­der­ge­setzt hat. Ich habe die­ses Jahr ein Pla­gi­at in einer BA-Arbeit gefun­den und ein 80seitiges Gut­ach­ten über ein Buch und das rest­li­che Werk eines sys­te­ma­tisch pla­gie­ren­den Autors ver­fasst. Der Vor­wurf des Pla­gi­ats gegen Rabe ist lächer­lich. (Nach­trag 29.06.2024: Aber sie­he unten.) Die Text­stel­len, die Teuw­sen anführt, sind kom­plett ver­schie­den, ja, sie haben inhalt­lich außer den oben genann­ten The­men selbst nichts mit­ein­an­der zu tun.

Die Ant­wort des Ver­lags ist interessant:

„Die Ähn­lich­kei­ten sind aus unse­rer Sicht zufäl­lig und allen­falls dadurch bedingt, dass die Bücher der bei­den Autorin­nen the­ma­tisch so nahe bei­ein­an­der lie­gen. Die Autorin­nen haben einen ähn­li­chen Blick auf die DDR und es gibt bio­gra­fi­sche Par­al­le­len (so haben bei­de Autorin­nen jün­ge­re Brü­der und kom­men aus einem sys­tem­na­hen Milieu)“, schreibt Rabes Verlag.

Peer Teuw­sen. 2023. Ver­heim­lich­te Nähe. NZZ.

Die Brü­der sind viel­leicht rele­vant, DDR ist kom­plett irrele­vant und Sys­tem­nä­he auch. Schlit­ten, Brü­der und den Gro­ßen Wagen gibt es auch im Wes­ten. Jeden­falls kann man Teuw­sens Arti­kel ent­neh­men, dass Gei­pel und Rabe befreun­det waren: „Die Älte­re fand es wun­der­bar, dass eine jün­ge­re Autorin sich ihrer The­men annimmt und ihnen eine neue Stim­me verleiht.“

Also kein Pla­gi­at, aber der Ein­fluss von Ines Gei­pel ist wahr­schein­lich für das gesam­te Ideen­ge­flecht rele­vant: Funk­tio­närs­kin­der kri­ti­sie­ren den Osten. Wie ich in mei­nem Blog­post Der Ossi und der Holo­caust gezeigt habe, lügt Ines Gei­pel. Es geht Ihr und Anet­ta Kaha­ne, eben­falls Funk­tio­närs­kind, nicht um eine Auf­ar­bei­tung von Unrecht. Sie stel­len Din­ge wahr­schein­lich bewusst falsch dar. Wie ich damals schon sag­te: Ent­we­der sie lügen bewusst oder sie sind unwis­send. Bei­des wäre schlecht, wenn man sich so weit aus dem Fens­ter lehnt. Und das ist auch für Anne Rabe so, wie ich in Kei­ne Gewalt! Zu Mög­lich­kei­ten und Glück und dem Buch von Anne Rabe und auch hier gezeigt habe: Ent­we­der sie lügt bewusst oder sie ist unwis­send. Wahr­schein­lich das Letz­te­re. Scha­de nur, dass sie damit solch einen Scha­den anrichtet.

Nach­trag vom 29.06.2024: In „Ines Gei­pel lügt“ habe ich eine Doku­men­ta­ti­on des MDRs zu Ines Gei­pels Behaup­tun­gen zu ihrer Ver­gan­gen­heit als Leis­tungs­sport­le­rin bespro­chen und auch wie sie gegen Gegner*innen vor­geht. Es sieht also so aus, als hät­te sie all­ge­mein Pro­ble­me mit der Wahr­heit und ihre Behaup­tun­gen in Bezug auf den Umgang mit dem Holo­caust gehen nicht auf Unwis­sen­heit zurück. Ich habe jetzt ihr Buch Umkämpf­te Zone. Mein Bru­der, der Osten und der Hass gele­sen und habe dort erfah­ren, dass sie das Buch Nackt unter Wöl­fen kann­te und auch in Buchen­wald war. 

Zum The­ma Pla­gi­at kann man fol­gen­des fest­hal­ten: Das Buch von Anne Rabe ist von der Struk­tur genau par­al­lel zu Ines Gei­pels Buch auf­ge­baut. Es gibt kur­ze Kapi­tel mit Impres­sio­nen aus dem Pri­vat­le­ben und dann län­ge­re essay­is­ti­sche Abschnit­te mit poli­ti­scher Ana­ly­se. Die The­men sind sehr ähn­lich. Ins­ge­samt gibt es einen ent­schei­den­den Unter­schied: Bei Ines Gei­pel gibt es ein rela­tiv lan­ges Quel­len­ver­zeich­nis mit 79 Ein­trä­gen, über­wie­gend Fach­auf­sät­zen zur DDR; das Quel­len­ver­zeich­nis von Anne Rabe ent­hält 14 Ein­trä­ge, von denen die meis­ten Gedicht­samm­lun­gen, Roma­ne oder Fil­me sind, aus denen sie ihren Kapi­teln Aus­zü­ge vor­an­ge­stellt hat: Bach­mann, Brasch, Brecht, Inge Mül­ler, Einar Schle­ef, Wera Küchen­meis­ter. Dazu ein Gesetz und ein all­ge­mei­ner Ver­weis auf das Sta­si-Unter­la­gen-Archiv. Die Qua­li­tät der Bücher ins­ge­samt spie­gelt sich an den Quel­len­ver­zeich­nis­sen: Pro­fes­so­rin mit Stu­di­um der Ger­ma­nis­tik auf der einen Sei­te und Per­son mit abge­bro­che­nen Ger­ma­nis­tik­stu­di­um auf der ande­ren Sei­te. Rabes Aus­re­de, sie habe ja kein Sach­buch geschrie­ben, ist lahm. Sie hat bzw. woll­te genau so ein Buch schrei­ben wie Gei­pel. Sie hät­te ein Quel­len­ver­zeich­nis gebraucht und in die­sem hät­te Gei­pel zitiert wer­den müs­sen. Und Teuw­sen ist zuzu­stim­men: Ines Gei­pel hät­te in den Dank­sa­gun­gen als Ideen­ge­be­rin genannt wer­den müs­sen. Inter­es­san­ter­wei­se gibt es bei Gei­pel eine Behaup­tung, die Rabe von dort über­nom­men zu haben scheint. Sol­che Über­nah­men fal­len auf, wenn das Über­nom­me­ne falsch ist. Gei­pel schreibt:

26. April 2002. Der ers­te Schul­a­mok­lauf in Deutsch­land, die öffent­li­chen Mor­de eines Gym­na­si­as­ten, das Unvor­stell­ba­re schlechthin.

Ines Gei­pel, 2019: Umkämpf­te Zone. Mein Bru­der, der Osten und der Hass, Stutt­gart: Klett-Cot­ta. S.110 des E‑Books.

Die­sel­be Behaup­tung fin­det sich bei Anne Rabe und wie ich im Bei­trag zu den Amok­läu­fen gezeigt habe, ist die Behaup­tung falsch: Der ers­te Amok­lauf war 1871 in Saar­brü­cken und dann gab es noch vie­le wei­te­re. Mit Schuss­waf­fen und Flam­men­wer­fern usw. Zum Bei­spiel 1964 in Köln, 1983 in Eppstein, Hessen. 

Also: Ja, es gibt auch hier ein Pro­blem bei Anne Rabe. 

Antisemitismus und Nationalismus

Auf S. 271 kommt mal eben so eine Aus­sa­ge zu Anti­se­mi­tis­mus und Nationalismus: 

Auch waren Anti­se­mi­tis­mus und Natio­na­lis­mus wich­ti­ge Bestand­tei­le der sowje­ti­schen und real­so­zia­lis­ti­schen Ideologie.

S. 271

Wo hat sie das nur her? Quel­len? Na, viel­leicht von Gei­pel. Dass Anet­ta Kaha­ne und Ines Gei­pel gelo­gen haben (oder extrem unwis­send sind), wenn sie behaup­ten, der Holo­caust sei im Osten nicht vor­ge­kom­men, habe ich schon in Der Ossi und der Holo­caust bespro­chen. Zum (fast) nicht vor­han­de­nen Anti­se­mi­tis­mus in der DDR hat die Jüdin Danie­la Dahn viel geschrie­ben. Man­ches ist auch im Holo­caust-Post erwähnt. Ande­re Sachen bespre­che ich im Post über die Aus­stel­lung über jüdi­sches Leben in der DDR, die vom jüdi­schen Muse­um orga­ni­siert wurde.

Ich habe diver­se Inter­views mit Anne Rabe gele­sen und in einem Inter­view von Cor­ne­lia Geiß­ler von der Ber­li­ner Zei­tung steht:

Auch der His­to­ri­ker Patri­ce G. Pou­trus, der eher Osch­manns Gene­ra­ti­on ange­hört, hat beob­ach­tet, dass Rech­te und Rechts­extre­me im Osten auf ein fes­tes natio­na­lis­ti­sches Welt­bild trafen.

Geiß­ler, Cor­ne­lia. 2023. Anne Rabe: „Es reicht nicht, die DDR immer nur vom Ende her zu erzäh­len“. Ber­li­ner Zei­tung.

Ich bin ja immer bereit, Neu­es zu ler­nen und dach­te mir: „Gut, mal gucken, was der His­to­ri­ker Pou­trus her­aus­ge­fun­den hat.“ Als ers­tes: Kur­zer Chek: Er ist aus dem Osten. Also gut, mal gucken. Bei der Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung habe ich einen Auf­satz von ihm gefun­den, den er gemein­sam mit Jan C. Beh­rends und Den­nis Kuck ver­fasst hat: His­to­ri­sche Ursa­chen der Frem­den­feind­lich­keit in den neu­en Bun­des­län­dern. Ich hat­te erst vie­le Punk­te, die in die­sem Arti­kel dis­ku­tiert wer­den, hier bespro­chen, aber dadurch wur­de der Post hier zu lang und zu unüber­sicht­lich. Des­halb habe ich die Dis­kus­si­on in den Post „His­to­ri­sche Ursa­chen der Frem­den­feind­lich­keit in den neu­en Bun­des­län­dern“: Kom­men­ta­re zu einem Auf­satz von Patri­ce G. Pou­trus, Jan C. Beh­rends und Den­nis Kuck ausgelagert.

Einen mei­ner Mei­nung nach ent­schei­den­den Bestand­teil des Natio­na­lis­mus erwäh­nen die Autoren nur im Vor­über­ge­hen im Nach­wort: den natio­na­len Tau­mel in der Wie­der­ver­ei­ni­gung. Die­ser war vom Wes­ten gewollt und geför­dert. Die Ost-Lin­ken haben das damals gese­hen und sich davor gefürch­tet. Mein Freund XY hat mir die bei­den fol­gen­den Gra­fi­ken geschenkt.

Men­schen, die ihren Kopf in der Hand hal­ten. Ein Hit­ler­kopf liegt am Stra­ßen­rand. Der Him­mel ist schwarz.
1989

Dank ich an angst in der Nacht Herz­li­chen Glück­wunsch zur Wiedervereinigung

Deutsch­tü­me­lei! Natio­na­lis­mus! Das kam von der Bun­des­re­gie­rung. Nicht in Ber­lin. In Ber­lin wur­de Kohl ausgebuht. 

In Sach­sen wur­de er mit offe­nen Armen emp­fan­gen. Er hat den Ossis blü­hen­de Land­schaf­ten ver­spro­chen. Von Oskar Lafon­taine, des­sen Herz links schlug, und der damals Kanz­ler­kan­di­dat der Par­tei war, in der auch Anne Rabe Mit­glied ist, woll­te nie­mand etwas Wis­sen. Er hat die Wahr­heit gesagt. Aber „die Wahr­heit ist häss­lich und hat stin­ken­den Atem“.

Sicher ist alles nicht mono­kau­sal. Ande­re mög­li­che Ursa­chen wer­den im genann­ten Blog-Post diskutiert.

Nazis aus dem Westen

Im Post „His­to­ri­sche Ursa­chen der Frem­den­feind­lich­keit in den neu­en Bun­des­län­dern“: Kom­men­ta­re zu einem Auf­satz von Patri­ce G. Pou­trus, Jan C. Beh­rends und Den­nis Kuck ver­lin­ke ich einen Fern­seh­bei­trag, der zeigt wie der CDU-Innen­mi­nis­ter Jörg Schön­bohm einen Jugend­club mit Nazi-Skins besucht und die Jugend­li­chen dort pri­ma fin­det. Schön­bohm war Gene­ral­leut­nant in der Bun­des­wehr und Lan­des­vor­sit­zen­der der CDU Bran­den­burg. Auch sieht man im Video, dass die Nazi-Par­tei Deut­sche Alter­na­ti­ve, die in Bran­den­burg aktiv war, von Men­schen aus dem Wes­ten auf­ge­baut wur­de (11:25). Rabe schreibt dazu auch an eini­gen Stel­len etwas und stellt das in Fra­ge. Die ras­sis­ti­schen Aus­schrei­tun­gen in Lich­ten­ha­gen erwähnt sie expli­zit. Auch Lich­ten­ha­gen ist ein schlim­mes Bei­spiel von Poli­zei­ver­sa­gen (sie­he Ros­tock-Lich­ten­ha­gen 1992: Ein Poli­zei­de­ba­kel). Poli­zei, Jus­tiz, Ver­fas­sungs­schutz, alle Insti­tu­tio­nen wur­den vom Wes­ten auf­ge­baut und waren von West­lern gelei­tet.3 Der Bru­der mei­ner Schwie­ger­mut­ter noch heu­te AfD-Wäh­ler hat zum Bei­spiel das Lan­des­ar­beits­ge­richt in Dres­den auf­ge­baut. Der für Lich­ten­ha­gen zustän­di­ge Poli­zist ist ins Wochen­en­de gefah­ren. Nach Bre­men. Er hat die bepiss­ten Nazis pöbeln und zün­deln las­sen. Im Wiki­pe­dia­ein­trag zu den Aus­schrei­tun­gen steht es noch kras­ser. Nach einer lan­gen, lan­gen Vor­ge­schich­te mit Ankün­di­gun­gen und Dro­hun­gen ist die gesam­te poli­ti­sche und poli­zei­li­che Füh­rung ins Wochen­en­de ver­schwun­den. In den Westen:

Trotz der ange­kün­dig­ten Kra­wal­le und der auf­ge­heiz­ten Stim­mung rund um die ZAst fuhr fast das gesam­te poli­tisch und poli­zei­lich lei­ten­de Per­so­nal, das nach der Wen­de nahe­zu voll­stän­dig mit west­deut­schen Beam­ten aus den Part­ner­län­dern Schles­wig-Hol­stein, Ham­burg und Bre­men besetzt wor­den war, wie üblich am Frei­tag zu ihren Fami­li­en nach West­deutsch­land. So waren am Wochen­en­de der Aus­schrei­tun­gen der Staats­se­kre­tär im Innen­mi­nis­te­ri­um, Klaus Balt­zer, der Abtei­lungs­lei­ter Öffent­li­che Sicher­heit, Olaf von Bre­vern, der Abtei­lungs­lei­ter für Aus­län­der­fra­gen im Innen­mi­nis­te­ri­um und zum dama­li­gen Zeit­punkt zugleich Aus­län­der­be­auf­trag­ter der Lan­des­re­gie­rung, Win­fried Rusch, der Lei­ter des Lan­des­po­li­zei­am­tes, Hans-Hein­rich Hein­sen, der Chef der Poli­zei­di­rek­ti­on Ros­tock, Sieg­fried Kor­dus, sowie der Ein­satz­lei­ter Jür­gen Deckert nicht in Schwe­rin bzw. Ros­tock zuge­gen. Deckert hat­te die Füh­rung an den noch in der Aus­bil­dung befind­li­chen Sieg­fried Trott­now übergeben.

Wiki­pe­dia­ein­trag Aus­schrei­tun­gen in Rostock-Lichtenhagen

Rabe lässt ihre Mut­ter bzw. Sti­nes Mut­ter sagen, dass man Nazis aus dem Wes­ten ange­karrt habe:

Mut­ter hat gesagt, dass man nichts gegen Aus­län­der haben darf. Die machen hier die Arbeit, auf die die Deut­schen kei­ne Lust mehr haben. Und die Viet­na­me­sen, wo sie in Ros­tock das Haus ange­zün­det haben, die sind sogar schon zu Ost­zei­ten in Ros­tock gewe­sen, die kön­nen gar nichts dafür. Außer­dem waren da auch vie­le Nazis aus dem Wes­ten dabei. Die hat man extra da hin­ge­fah­ren, damit sie Ran­da­le machen. Das waren Row­dys. Aber im Fern­se­hen sagen sie immer, dass die alle Ros­to­cker sind.

S. 88

Im Inter­view mit Cor­ne­lia Geiß­ler sagt Rabe: 

Als die Zen­tra­le Auf­nah­me­stel­le für Asyl­be­wer­ber in Ros­tock-Lich­ten­ha­gen in Brand gesetzt wur­de, 1992, hieß es, die Neo­na­zis sei­en nur aus dem Wes­ten ange­fah­ren wor­den. Die Eltern, die Leh­rer, die woll­ten das immer von sich weg­hal­ten. Aber wir Jugend­li­chen kann­ten die Nazis ganz gut, die saßen neben uns am Strand, in den Klas­sen, im Sportverein.

Geiß­ler, Cor­ne­lia. 2023. Anne Rabe: „Es reicht nicht, die DDR immer nur vom Ende her zu erzäh­len“. Ber­li­ner Zei­tung. Ber­lin.

In den bei­den Text­pas­sa­gen gibt es ver­schie­de­ne Aus­sa­gen. 1) Es waren vie­le Nazis aus dem Wes­ten dabei. 2) Die Neo­na­zis sei­en nur aus dem Wes­ten ange­fah­ren worden.

Das sind die Fakten:

Gegen 12 Uhr am Sonn­tag hat­ten sich bereits wie­der etwa 100 Per­so­nen vor der ZAst ver­sam­melt. Nun tra­fen Rechts­extre­mis­ten aus der gan­zen Bun­des­re­pu­blik in Ros­tock ein, dar­un­ter Bela Ewald Alt­hans, Ingo Has­sel­bach, Ste­fan Nie­mann, Micha­el Bütt­ner, Ger­hard End­ress, Ger­hard Frey, Chris­ti­an Mal­co­ci, Arnulf Priem, Erik Rund­quist, Nor­bert Weid­ner und Chris­ti­an Worch. Von die­sen wur­de nur End­ress wäh­rend der Aus­schrei­tun­gen festgenommen.

Wiki­pe­dia­ein­trag Aus­schrei­tun­gen in Rostock-Lichtenhagen

Also: Fakt ist, dass Neo­na­zis aus dem Wes­ten dabei waren. Ob die ange­fah­ren wor­den sind und wenn ja von wem, weiß ich nicht, aber ansons­ten hat­te Rabes (Roman-)Mutter Recht. Ja, auch ehe­ma­li­ge Funk­tio­nä­re kön­nen Recht haben.

Bei den NSU-Mor­den war der Ver­fas­sungs­schutz selbst dabei (taz, 03.04.2017). Maa­ßen, ein Neo-Nazi erst CDU, jetzt Wer­te­uni­on, war der, der den­je­ni­gen abge­löst hat, der wegen des Ver­sa­gens beim NSU gehen muss­te. In Leip­zig Con­ne­witz ist eine Hor­de von über 200 Nazis ein­ge­fal­len und haben den Stadt­teil ver­wüs­tet. Die Ver­fah­ren wur­den ver­schleppt, vie­le sind straf­frei davon­ge­kom­men. Einer war Jura-Stu­dent. Er hat danach wei­ter­stu­diert und trat 2018 sein Refe­ren­da­ri­at an. Ein JVA-Mit­ar­bei­ter und Täter arbei­te­te fröh­lich wei­ter in der JVA (taz: 11.01.2021, Schlep­pen­de Auf­klä­rung). Die AfD wur­de von Neo­li­be­ra­len Wirtschaftsprofessor*innen aus dem Wes­ten auf­ge­baut und nach und nach von West-Nazis über­nom­men. Das habe ich Osch­mann nach sei­nem ers­ten Arti­kel geschrie­ben und ihn auf mei­nen Blog-Bei­trag Der Ossi ist nicht demo­kra­tie­fä­hig. Merkt Ihr’s noch? mit den Quel­len ver­wie­sen. Er hat sich herz­lich bedankt und wird jetzt dafür zitiert. Die Quel­len­an­ga­be hat er wohl vergessen. 

Bei Ent­hül­lun­gen von Cor­rec­tiv zu den Depor­ta­ti­ons­plä­nen, die AfD-Mit­glie­der, CDU-Mit­glie­der und sons­ti­ge Neo­na­zis dis­ku­tiert haben, habe ich mir auch mal den Spaß gemacht, zu schau­en, wo die betei­lig­ten Per­so­nen her­ka­men. Über­ra­schung: Das Ver­hält­nis West zu Ost ist 19:1. Bit­te­schön: Cor­rec­tiv und die Nazi-Vor­stel­lun­gen bzgl. Remi­gra­ti­on.

In die­ser Auf­zäh­lung darf Karl-Heinz Hoff­mann nicht feh­len. Hoff­mann ist ein extre­mer Rechts­extre­mist. Er hat die Wehr­sport­grup­pe Hoff­mann gegrün­det und hat mit 400–600 Kum­pels bewaff­net für den End­sieg trai­niert. (Ej, lie­be Wes­sis, das gab es in der DDR wirk­lich nicht. Hört auf, vom „ver­ord­ne­ten Anti­fa­schis­mus“ zu faseln.) Hoff­mann ging dann irgend­wann doch in den Knast und kam schließ­lich 1989 wegen guter Füh­rung und posi­ti­ver Sozi­al­pro­gno­se pas­send zur Mau­er­öff­nung wie­der raus. Dan­ke­schön! Hoff­mann ist aus Kahla (Thü­rin­gen), ging sofort wie­der rüber, kauf­te die hal­be Stadt auf und begann Neo-Nazi-Struk­tu­ren aufzubauen.

So war es. Wir wis­sen das. Nur Anne Rabe tut so, als wäre es anders. Weil sie es nicht weiß? Weil sie nie mit jeman­dem gere­det hat? Außer mit Gei­pel? Weil sich das Gegen­teil bes­ser ver­kauft? Sie­he unten.

Verbot des Themas

Anne Rabe nimmt die Kri­tik an ihrem Buch vor­weg: Was wisst Ihr schon, Ihr Nachgeborenen!

„Ihr, die ihr auf­tau­chen wer­det aus der Flut
In der wir unter­ge­gan­gen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unse­ren Schwä­chen sprecht
Auch der fins­te­ren Zeit
Der ihr ent­ron­nen seid.“

Der blö­de Brecht macht mich noch wahn­sin­nig. Er mar­schiert mir gera­de rein in die Gedan­ken und mahnt und mahnt. Bil­de dir kein Urteil! Bil­de dir ja kein Urteil, du Nach­ge­bo­re­ne! Ja, wie­so eigent­lich nicht? Das ist doch ein bil­li­ger Trick. Hin­ter der wort­schö­nen Mah­ne­rei drei Kel­ler tief Schwei­gen. Dort habt ihr eure Schuld ver­bud­delt und ver­bie­tet uns, sie aus­zu­he­ben. Sprecht uns ab, dass wir zu unse­rem eige­nen Urteil kom­men. Was kümmert’s euch? Was geht’s euch an, was wir über euch denken?

Tja, Frau Rabe. Hätten’se mal mit Adas Eltern gespro­chen. Die hät­ten Ihnen erzählt, wie die DDR sich für Oppo­si­tio­nel­le ange­fühlt hat. Das woll­ten Sie aber nicht. Sie haben sich geschämt. Wenn Sie ein Sach­buch über den Osten schrei­ben wol­len oder einen sach­lich rich­ti­gen Roman, dann müs­sen Sie recher­chie­ren. Sie kön­nen sich nicht ein­fach etwas aus den Fin­gern sau­gen, von dem Sie anneh­men, dass es sich gut ver­kauft. Die „drei Kel­ler tief Schwei­gen“ fan­ta­sie­ren Sie her­bei. Oder sie sind da. Im Haus Ihrer Eltern. Aber da hät­ten Sie viel­leicht nicht suchen dür­fen. Es ist alles bespro­chen und Sie haben es avai­li­ble at your fin­ger­tips: einen Klick ent­fernt. Alles, was hier steht, kommt aus Wiki­pei­dia bzw. den dort ver­link­ten Quel­len. Sie habe es nicht für nötig gehal­ten, den Arti­kel über Lich­ten­ha­gen, den über Kinds­tö­tun­gen zu lesen. Sie dach­ten, dass Sie genug wüss­ten. So wie fast alle, die in Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten über Ihr Buch geschrie­ben haben, sich in ihren Vor­ur­tei­len bestä­tigt sahen. Ich wür­de Ihre Arbeit nicht als Pla­gi­at ein­ord­nen, aber als ein glat­tes „Durch­ge­fal­len“.

Unredlich oder naiv?

Eine Erklä­rung für den Erfolg die­ses Buches lie­fert wohl das Inter­view auf Deutsch­land­funk Kul­tur, das Mari­et­ta Schwarz geführt hat.

Schwarz: Das ist natür­lich ein Buch auch, was, und das sage ich jetzt mal ganz bewusst als West­deut­sche, die Bun­des­re­pu­blik total entlastet.

Rabe: Das ist aber inter­es­sant, weil das ist schön, dass man das immer, weil ich habe gar nicht an die Bun­des­re­pu­blik gedacht dabei und ich sage das auch immer wie­der, weil ja manch­mal auch so Leu­te kom­men ja aber in West­deutsch­land gab es das auch und so. Da sag ich immer ja wun­der­bar, bit­te schreibt die Bücher, weil ich fin­de, ich lese die auch ger­ne. Ich kann nur nichts dar­über schreiben.

Schwarz: Aber Sie wis­sen was mei­ne, ne?

Rabe: Ich weiß total, was Sie meinen.

Schwarz: Ich habe mir auch so gedacht, okay, war­um lade ich denn jetzt Anne Rabe ein, um mit ihr über die die­ses Buch zu reden. War­um spricht mich dann die­ses Buch an? Hat das damit zu tun, dass es sozusagen …

Rabe: Ich könn­te jetzt was ganz böses sagen.

Schwarz: Bit­te. Nur zu.

Rabe: Das ist wirk­lich inter­es­sant, weil des­we­gen mein­te ich, ich habe gar nicht an West­deutsch­land gedacht bei dem Schrei­ben. Und ich fin­de auch nicht, dass man immer, wenn man über den Osten schreibt, damit auto­ma­tisch was über den Wes­ten sagt. Aber, dass sie als West­deut­sche anschei­nend sofort den­ken, naja, das bedeu­tet was für mich als West­deut­sche, oder das bedeu­tet etwas Ent­las­ten­des für mich als West­deut­sche, wo der Wes­ten eigent­lich gar kei­ne Rol­le spielt in die­sem Buch.

Schwarz, Mari­et­ta. 2023. Anne Rabe: „In ver­wir­ren­den Zei­ten sind ein­fa­che Nar­ra­ti­ve ver­füh­re­risch“. 31.12.2023. Deutsch­land­ra­dio. (Zwi­schen­tö­ne.)

Das kann nicht sein. Rabe hat Ger­ma­nis­tik und Thea­ter­wis­sen­schaft stu­diert. Sie hat den PEN Ber­lin mit­ge­grün­det. Sie ist poli­tisch aktiv, Mit­glied der SPD. Sie ist ent­we­der abso­lut naiv oder durch­trie­ben. Das Buch schlägt genau in die Ker­be, in die von 60% der taz-Autor*innen und von weiß nicht wie vie­len Autor*innen in Zeit, FAZ, Spie­gel usw. geschla­gen wird. Die Wun­de ist tief und schmerzt. Und wenn kei­ne neu­en Schlä­ge kom­men, wird mal eben ein biss­chen Salz rein­ge­schüt­tet. Die­ser Blog ist voll von Bei­spie­len. Nur Frau Rabe hat von die­sem Ost-West-Dis­kurs noch nichts gemerkt, obwohl sie ja einen Ter­min mit Osch­mann auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se hat­te (zu dem Osch­mann nicht gekom­men ist).

Und wei­ter:

Schwarz: Ja, das bedeu­tet halt etwas …

Genau! Das lernt man in Prag­ma­tik. Im Ger­ma­nis­tik-Stu­di­um. Als Autorin und poli­ti­scher Mensch soll­te man das aller­dings auch ohne Stu­di­um sehen können.

Rabe: Aber es ist ihr Zen­trum anschei­nend sofort wie­der und viel­leicht auch das Zen­trum die­ser Bun­des­re­pu­blik immer noch zum Teil.

Schwarz: Ja, glau­be ich jetzt nicht, dass es mein Zen­trum ist, aber es bedeu­tet etwas für den Dis­kurs über Ost­deutsch­land, das es mir nicht so gefällt …
[…]
Rabe: Das stimmt schon mit der Ent­las­tung, aber das wür­de ich mir nicht anziehen.

Das Buch ist ein Erfolg und wird gefei­ert, weil es den Wes­ten ent­las­tet. Die Ossis sind schei­ße, alles Psy­chos, die in Schu­len Amok lau­fen, ihre Kin­der mas­sen­wei­se töten, Natio­na­lis­ten und Anti­se­mi­ten. Wir haben es immer gewusst und Anne Rabe hat es in ihrem Nicht-Sach­buch noch ein­mal gut zusam­men­ge­fasst. Anschau­lich bebil­dert mit Mate­ri­al aus ihrer eige­nen Kind­heit. Ich habe in der ver­gan­ge­nen Woche einem Pro­fes­sor für Poli­tik­wis­sen­schaf­ten einen kri­ti­schen Brief geschrie­ben. Er hat mir eine lan­ge Ant­wort-Mail geschickt und mich dazu auf­ge­for­dert, doch ein­mal das Buch von Anne Rabe zu lesen. So gehen Fake News in unser All­ge­mein­wis­sen ein. Es wird in der Poli­tik­wis­sen­schaft und in der Geschichts­for­schung zitiert wer­den, obwohl es eben kein Sach­buch ist, obwohl es nicht von Fachwissenschaftler*innen begut­ach­tet wurde. 

Hier ein paar Aus­schnit­te aus den Rezensionen:

Die Zumu­tung die­ses Buches besteht dar­in, erschüt­tern­de Lieb­lo­sig­keit und rohe Gewalt als Regel­fall, nicht als Aus­nah­me dazu­stel­len. Zu die­sem Zweck durch­zie­hen Archiv­re­cher­chen, Geset­zes­tex­te und Umfra­ge­er­geb­nis­se die 50 kur­zen Kapi­tel. Sie ver­mi­schen sich mit Erin­ne­run­gen, Traum­se­quen­zen und lite­ra­ri­schen Zita­ten zu einem kalei­do­skop­ar­ti­gen Text.

Dirk Hohn­strä­ter, „Die Mög­lich­keit von Glück“ von Anne Rabe. WDR, 11.10.2023.

Archiv­re­cher­chen hat es zu Anne Rabes Ver­wand­ten gege­ben, aber wenn es Recher­chen zu Rechts­extre­men oder irgend­wel­chen DDR-The­men gege­ben haben soll­te, so sind sie nicht drei Kel­ler tief gegan­gen, son­dern waren ober­fläch­lich. Umfra­ge­er­geb­nis­se zum Osten gab es nicht. Rabe bezieht sich auf Umfra­gen wie den Erin­ne­rungs­mo­ni­tor der Uni Bie­le­feld und die von der Uni Han­no­ver gelei­te­te Mehr­ge­ne­ra­tio­nen­stu­die. Auf Ergeb­nis­se von 2018 aus Bie­le­feld und es geht dabei um Erin­ne­run­gen an die Nazi­zeit. Die­se sind „zu die­sem Zweck“ ungeeignet.

Mit den fol­gen­den Zita­ten wirbt Anne Rabe selbst auf ihrer Web-Sei­te:

Liest man die­ses Buch, sieht man Deutsch­land anders.

Dirk Hohn­strä­ter, WDR 3

Ich hof­fe, dass das Buch schnell in der Ver­sen­kung ver­schwin­det. Und dass Dirk Hohn­strä­ters Behaup­tung für die­sen Blog­bei­trag gilt.

Anne Rabe ver­bin­det Archiv­ar­beit mit poli­ti­schem Essay­is­mus und epi­so­discher Autofiktion.

Katha­ri­na Teutsch, DLF Büchermarkt

Das Buch, das man jetzt lesen muss, wenn man nicht nach schlich­ten Ant­wor­ten auf die schlich­ten Fra­gen sucht, was das Erbe des ers­ten sozia­lis­ti­schen Staats auf deut­schem Boden sein könn­te und war­um ›im Osten‹ heu­te ›die Leu­te‹ wäh­len, wie sie wählen.

Tobi­as Rüt­her, Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Sonntagszeitung

Ich wür­de ja die Ant­wort von Anne Rabe als schlicht bezeich­nen. Sie nimmt die Gewalt, die sie in ihrer Fami­lie erfah­ren hat, als mono­kau­sa­le Erklä­rung für alles.

Die Mög­lich­keit von Glück‹ (ist) ein Buch, das weit über sei­nen indi­vi­du­el­len Gegen­stand hin­aus­reicht. Es erklärt, war­um Ost­deutsch­land eine ande­re Gewalt­ge­schich­te nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung auf­weist als West­deutsch­land. (…) Und die auch den der­zeit boo­men­den Büchern, die einer Nor­ma­li­sie­rung der DDR-Erfah­run­gen (und damit ihrer Rela­ti­vie­rung) das Wort reden wol­len, den Boden ent­zie­hen. Gegen den pau­scha­li­sie­ren­den Blick hilft der aufs indi­vi­du­el­le Schick­sal. Dass es eines im Roman ist, nimmt ihm nichts an Wahr­haf­tig­keit. Oder an Erschütterungskraft.

Andre­as Platt­haus, FAZ

Ja. Ich bin erschüttert.

Wer sind eigentlich die Anderen?

Hier ist oft von „den Wes­sis“ und „den Ossis“, von „wir“ und „ihr“ die Rede. Das ist schlecht, denn die­se Grup­pen­ein­tei­lung ist Teil des Pro­blems, das auch in die­sem Bei­trag bespro­chen wur­de. Ange­fan­gen bei der Kol­lek­tiv­schuld, über die Scham Rabes, die angeb­li­che Gewalt­tä­tig­keit des gan­zen Ostens. Ich woll­te nie ein Teil von „wir“ sein. Die DDR war mir zuwi­der. Zumin­dest der obe­re Teil. Also nicht Ros­tock son­dern die Staats­füh­rung. In einem Gym­na­si­um in Gel­sen­kir­chen habe ich mal gesagt, dass das Pro­blem mit der DDR gewe­sen sei, dass die Herr­schen­den so doof gewe­sen sei­en. Das war sicher etwas ver­ein­fa­chend, aber es war mein Pro­blem. „Ihr“ habt mich zum Ossi gemacht. Prof. Dr. Nai­ka Forou­tan beschreibt das in ihrer Arbeit: „Ost­deut­sche sind auch Migran­ten“. Mit „ihr“ sind in ihren Kli­schees gefan­ge­ne Journalist*inne, Historiker*innen und sons­ti­ge Per­so­nen gemeint und ich hät­te gehofft, dass „wir“ uns irgend­wann auf­lö­sen, aber das ist nicht pas­siert. Wie ich an mei­nem eige­nen Bei­spiel erfah­ren habe, wer­den „wir“ mehr, weil „ihr“ dafür sorgt. „Ihr“ kon­stru­iert „Euch“ den Osten, so wie es der Osch­mann gesagt hat. Jetzt hel­fen „Euch“ „unse­re“ Kin­der. Ich wünsch­te, das alles wäre nicht so. Ich wünsch­te, alle wür­den mit­ein­an­der reden. Viel­leicht hilft die­ser Text.

Ich bin die Andern, Du bist die Ande­ren. Die Andern haben ange­fan­gen! COR: Leit­kul­tur. 2017.

„So viel Richtigstellung ist also nötig, um einen einzigen Zeitungssatz zu widerlegen.“

Ich bit­te um Ent­schul­di­gung für die­sen lan­gen Blog­post. Und das war ja nur der zwei­te Teil zu den Mög­lich­kei­ten für Glück.

Danie­la Dahn erklärt in ihrem 1997er Buch über meh­re­re Sei­ten, war­um ein ein­zi­ger Satz im West-Ost-Dis­kurs falsch gewe­sen ist, und schreibt danach:

So viel Rich­tig­stel­lung ist also nötig, um einen ein­zi­gen Zei­tungs­satz zu wider­le­gen. Viel­leicht ver­steht man, daß die Ost­ler zu sol­chem Kraft­akt auf die Dau­er kei­ne Lust haben und oft nur abwin­ken: Ihr wer­det es nie verstehen!

Dahn, Danie­la. 1997. West­wärts und nicht ver­ges­sen: Vom Unbe­ha­gen in der Ein­heit S. 68

Ich muss­te vie­le Sät­ze in Anne Rabes Buch kom­men­tie­ren. Ent­spre­chend lang sind die Blog-Posts gewor­den. Ich wür­de mich freu­en, wenn sie von genau­so vie­len Men­schen gele­sen wer­den wie Anne Rabes Buch. Das wird wahr­schein­lich nicht pas­sie­ren, denn ich habe kei­ne Buch­preis-Jury und kei­ne Mar­ke­ting­ma­schi­ne auf mei­ner Sei­te. Nur Euch. Aber viel­leicht schaf­fen wir es ja. Emp­fehlt die Posts wei­ter. Dan­ke. Bitte.

Schlussfolgerung

Anne Rabe hat Recht mit ihrer Aus­sa­ge bezüg­lich Schlagersüßtafeln!

Danksagungen

Ich dan­ke mei­ner Such-Maschi­ne Peer für vie­le Bele­ge und auch für die immer kri­ti­sche Dis­kus­si­on. Ich dan­ke mei­nem klei­nen Bru­der dafür, dass er mir die Bum­mi-Hef­te gekauft hat, weil die alten, an die ich mich erin­nert hat­te, irgend­wann mal weg­ge­wor­fen wor­den waren. Ich dan­ke mei­ner Frau für die fort­wäh­ren­de Dis­kus­si­on von Ost­the­men. Wenn wir nicht über die Kli­ma­ka­ta­stro­phe reden, reden wir eigent­lich nur über den Osten. (Hat eigent­lich schon mal jemand ver­sucht, dem Osten die Kli­ma­ka­ta­stro­phe anzu­hän­gen? Ach ne, geht ja gar nicht, denn Deutsch­land steht ja nur des­halb halb­wegs gut in der Kli­ma­bi­lanz da, weil die Ost-Indus­trie in den 90ern abge­wi­ckelt wurde.) 

Und ich dan­ke mei­nem Vater und mei­ner Mut­ter für die Erlaub­nis, allein als Sechs­zehn­jäh­ri­ger bis ans Schwar­ze Meer zu fah­ren, und dafür, dass sie mich nicht zum Nazi erzo­gen haben.

Und Ihnen/Euch dan­ke ich dafür, dass Ihr bis hier­her gele­sen und alle Vide­os ange­se­hen und alle ver­link­ten Wiki­pe­dia­ar­ti­kel gele­sen habt.

Quellen

Bal­ser, Mar­kus & Stein­ke, Ronen. 2022. Ver­fas­sungs­schutz: See­ho­fer ließ Ver­fas­sungs­schutz­kri­tik an AfD abschwä­chen. Süd­deut­sche Zei­tung. (https://www.sueddeutsche.de/politik/afd-verfassungsschutz-seehofer-gutachtenvergleich‑1.5511775)

Geiß­ler, Cor­ne­lia. 2023. Anne Rabe: „Es reicht nicht, die DDR immer nur vom Ende her zu erzäh­len“. Ber­li­ner Zei­tung. Ber­lin. (https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/literatur/osten-interview-schriftstellerin-anne-rabe-es-reicht-nicht-die-ddr-immer-nur-vom-ende-her-zu-erzaehlen-debatte-dirk-oschmann-li.341318)

Gold­mann, Sven. 2013. Welt­fest­spie­le der Jugend 1973: Love & Peace in Ost-Ber­lin. Tages­spie­gel. Ber­lin. 22.07.2013 (https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/love-peace-in-ost-berlin-8099431.html)

Gosch­ler, Con­stan­tin. 1993. Pater­na­lis­mus und Ver­wei­ge­rung: Die DDR und die Wie­der­gut­ma­chung für jüdi­sche Ver­folg­te des Natio­nal­so­zia­lis­mus. In Benz, Wolf­gang (ed.), Jahr­buch für Anti­se­mi­tis­mus­for­schung, vol. 2. Frankfurt/Main: Campus-Verlag.

Hart­wich, Doreen & Mascher, Bernd-Hel­ge. 2007. Geschich­te der Spe­zi­al­kampf­füh­rung (Abtei­lung IV des MfS): Auf­ga­ben, Struk­tur, Per­so­nal, Über­lie­fe­rung. Ber­lin. (Sta­si-Unter­la­gen-Archiv.) (https://www.stasi-unterlagen-archiv.de/archiv/fachbeitraege/geschichte-der-spezialkampffuehrung-abteilung-iv-des-mfs/#c2565)

Lit­sch­ko, Kon­rad. 2017. Neu­es Gut­ach­ten zu NSU-Mord. taz. 03.04.2017. Ber­lin. (https://taz.de/Archiv-Suche/!5397496/)

Mau, Stef­fen. 2020. Lüt­ten Klein: Leben in der ost­deut­schen Trans­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft (Schrif­ten­rei­he 10490). Bonn: Zen­tra­le für Poli­ti­sche Bil­dung. (https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/303713/luetten-klein)

mh. 2022. Ros­tock-Lich­ten­ha­gen 1992: Ein Poli­zei­de­ba­kel. (https://www.mdr.de/geschichte/zeitgeschichte-gegenwart/politik-gesellschaft/was-wurde-aus-der-volkspolizei-rostock-lichtenhagen-randale-100.html)

Pou­trus, Patri­ce G., Beh­rends, Jan C. & Kuck, Den­nis. 2002. His­to­ri­sche Ursa­chen der Frem­den­feind­lich­keit in den neu­en Bun­des­län­dern. Aus Poli­tik und Zeit­ge­schich­te (https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/25428/historische-ursachen-der-fremdenfeindlichkeit-in-den-neuen-bundeslaendern/).

Schulz, Dani­el. 2018. Pro­fes­so­rin über Iden­ti­tä­ten: „Ost­deut­sche sind auch Migran­ten“. taz. Ber­lin. (https://taz.de/Professorin-ueber-Identitaeten/!5501987/)

Schwarz, Mari­et­ta. 2023. Anne Rabe: „In ver­wir­ren­den Zei­ten sind ein­fa­che Nar­ra­ti­ve ver­füh­re­risch“. 31.12.2023. Deutsch­land­ra­dio. (Zwi­schen­tö­ne.) (https://www.deutschlandfunk.de/anne-rabe-in-verwirrenden-zeiten-sind-einfache-narrative-verfuehrerisch-dlf-84b94bff-100.html)

Teuw­sen, Peer. 2023. Ver­heim­lich­te Nähe. Neue Züri­cher Zei­tung. 30.09.2023 (https://www.nzz.ch/feuilleton/anne-rabe-verheimlichte-naehe-ld.1782626)

Wag­ner, Bernd. 2018. Ver­tusch­te Gefahr: Die Sta­si & Neo­na­zis. (https://www.bpb.de/themen/deutsche-teilung/stasi/218421/vertuschte-gefahr-die-stasi-neonazis/)

Schlagersüßtafel und Klassenkeile

Nach dem Tod mei­nes Opas habe ich es oft bedau­ert, dass ich ihn nicht mehr zu sei­nem Leben befragt habe. Ich habe mei­ne Eltern gebe­ten, etwas aus ihren Erin­ne­run­gen auf­zu­schrei­ben, aber das wird wahr­schein­lich nichts. Ich muss sie fra­gen. Mich kann ich selbst fra­gen und ich kann auch Din­ge auf­schrei­ben. Ich habe beschlos­sen, das hier zu tun. Klei­ne Erin­ne­run­gen schaf­fen ein Bild unse­rer Ver­gan­gen­heit und ich möch­te, dass mei­ne Teil die­ses Bil­des sind, sonst schrei­ben ande­re unse­re Geschichte.

Schlagersüßtafel

Es gibt im Netz einen Ossi­la­den. Mit all dem Zeug, das ich nie mehr sehen woll­te. Es gab eine Kos­me­tik­se­rie, die hieß Action. Hm.

Schla­ger­süß­ta­fel! Konn­te man alles Mög­li­che mit machen nur nicht essen. Ich hat­te mit einem Kum­pel (C.) eine Tafel gekauft, weil wir dach­ten, dass da Bil­der von Schlagersänger*innen drin wären.4 Was für ne Ent­täu­schung. Wir haben dann Passant*innen vom Bal­kon aus damit bewor­fen. Irgend­wann kam ein Trupp Bau­ar­bei­ter. Die hat­ten offe­ne Farb­ei­mer auf einem Wagen. Die Scho­ko­la­de flog da rein. Splash. Sie fan­den es nicht gut und muss­ten gera­de noch gese­hen haben, wo die Scho­ko­la­de her­kam, obwohl wir uns urst schnell geduckt hat­ten. Sie kamen ins Haus zu uns hoch und klin­gel­ten Sturm. Ich dach­te mir, die machen ja das gan­ze Haus ver­rückt und stell­te die Klin­gel ab. Das war nicht so schlau, denn nun wuss­ten sie ja, dass sie an der rich­ti­gen Tür klin­gel­ten. Sie klopf­ten statt­des­sen. Damals waren die Woh­nungs­ein­gangs­tü­ren noch wenig wider­stands­fä­hi­ge Papp­tü­ren. Ich hat­te Angst. Auch um die Tür. Irgend­wann zogen sie ab. Wie immer haben die Nach­barn von unter uns mich an mei­ne Eltern verpetzt.

Die Siedlung

Den Klas­sen­ka­me­rad C. hab ich auch zu Hau­se besucht. Er wohn­te in einem Haus in der Sied­lung am Lin­den­ber­ger Weg und ich im Neu­bau (Es gab die „alten Neu­bau­ten“, die „Neu­bau­ten“ und die „neu­en Neu­bau­ten“. Wir wohn­ten in den „Neu­bau­ten“, die 1976 fer­tig gewor­den waren.) Die Fami­lie mei­nes Kum­pels hat­ten da noch Öfen und wir haben Wat­te ver­ko­kelt. Hat Spaß gemacht. 

Klassenkeile

Irgend­wann spä­ter gab es in unse­rer Klas­se eine Situa­ti­on, in der die Mäd­chen plötz­lich alle ein ande­res Mäd­chen B. schei­ße fan­den. Sie kam aus einer bil­dungs­fer­nen Fami­lie. Die Schul­klas­sen in mei­ner Schu­le bestan­den aus Schüler*innen, deren Eltern in der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten oder in den Kran­ken­häu­sern in Buch arbei­te­ten. In mei­ner Klas­se sind 8 von 31 Schüler*innen nach der ach­ten Klas­se abge­gan­gen. Zwei an die erwei­ter­te Ober­schu­le (Schli­e­mann und Hertz) und sechs Jun­gen in die Pro­duk­ti­on. Zu die­ser Zeit begann die nor­ma­le EOS ab der zehn­ten Klas­se. Die Schli­e­mann­schu­le war eine Spe­zi­al­schu­le mit Spra­chen­aus­rich­tung und die Hertz-Schu­le eine mit mathe­ma­tisch-natur­wis­sen­schaft­li­cher Aus­rich­tung. Die Klas­se war jeden­falls wild gemischt. Die Jungs, die die Klas­se ver­lie­ßen, waren zum Teil schon ein­mal sit­zen geblie­ben. Vie­le waren Früh­ent­wick­ler, super gut in Sport. Beim 100 Meter­lauf konn­te ich ihnen nur hinterhergucken.

An besag­tem Tag hat­te sich die gesam­te Klas­se gegen das Mäd­chen zusam­men­ge­tan. Heu­te wür­de das wohl alles unter Mob­bing lau­fen. B. soll­te Klas­sen­kei­le bekom­men. Ich habe ver­sucht zu ver­ste­hen, wie­so und war­um und habe gesagt, sie soll­ten sie mal in Ruhe las­sen. Das führ­te dazu, dass ich plötz­lich im Zen­trum des Inter­es­ses stand. Kei­ne Ahnung wie. Grup­pen­dy­na­mik halt. Ich weiß noch, dass es in der Turn­hal­le begann. Ich ging dann ein­fach los. Nach Hau­se. Die Klas­se kam mir hin­ter­her. Ich bin so ca. zehn Minu­ten gelau­fen, dann wur­de ich umstellt und eins der Mäd­chen nahm mei­nen Schul­ran­zen. Klassenkeile.

C. soll­te mich irgend­wie ver­hau­en. Wir stan­den in der Mit­te eines Krei­ses unse­rer Klas­sen­ka­me­ra­den. Ich habe ihn umfasst, sei­nen Ober­kör­per nach hin­ten gebo­gen und er fiel um. Ich nahm H. mei­ne Map­pe aus der Hand und ging nach Hau­se. Ich habe mich nicht umge­dreht. Sie sind mir nicht hin­ter­her gekom­men. Ich wüss­te gern, was sie gedacht und gesagt haben.

Zu Hau­se saß ich auf dem Sofa. Ich habe drei Stun­den lang gezit­tert. Es war kei­ne Mut­ter da und kein Vater. Wie auch, sie haben gear­bei­tet. Das war gut und nor­mal so. Ich glau­be, ich habe auch spä­ter nicht mit ihnen dar­über gesprochen.

Am nächs­ten Tag bin ich nor­mal in die Schu­le gegan­gen. Kann mich nicht erin­nern, dass die Vor­gän­ge vom Vor­tag the­ma­ti­siert wor­den wären. Auch nicht an Angst. Viel­leicht verdrängt. 

Ich habe gelernt, dass man als Ein­zel­ner auch etwas gegen eine Grup­pe aus­rich­ten kann. Dass es merk­wür­di­ge grup­pen­dy­na­mi­sche Pro­zes­se gibt.

Und eine nicht ganz erns­te Bemer­kung zum Schluss. Die Nach­ge­bo­re­nen fin­den ja, wir soll­ten jetzt mal 1968 im Osten machen und über unse­re Gewalt­er­fah­run­gen reden (Blog­post Gewalt­er­fah­run­gen und 1968 für den Osten). Das hier sind mei­ne Gewalt­er­fah­run­gen. Die­se sind natür­lich nicht gemeint. Es gab alle mög­li­chen Zwän­ge im Osten, mili­ta­ri­sier­ter Sport­un­ter­richt, Wehr­un­ter­richt, Ver­wei­ge­rung von Bil­dungs­mög­lich­kei­ten, wenn man nicht mit­ge­spielt hat usw. Nur ist das alles bekannt. Da muss man nichts aufarbeiten.

Berliner und Breschnew

Nach dem Tod mei­nes Opas habe ich es oft bedau­ert, dass ich ihn nicht mehr zu sei­nem Leben befragt habe. Ich habe mei­ne Eltern gebe­ten, etwas aus ihren Erin­ne­run­gen auf­zu­schrei­ben, aber das wird wahr­schein­lich nichts. Ich muss sie fra­gen. Mich kann ich selbst fra­gen und ich kann auch Din­ge auf­schrei­ben. Ich habe beschlos­sen, das hier zu tun. Klei­ne Erin­ne­run­gen schaf­fen ein Bild unse­rer Ver­gan­gen­heit und ich möch­te, dass mei­ne Teil die­ses Bil­des sind, sonst schrei­ben ande­re unse­re Geschichte.

Berliner

Es ist etwas Schlim­mes pas­siert! Ich woll­te gera­de beim Bäcker Ber­li­ner kau­fen. Dazu muss man wis­sen: Wir in Ber­lin sind gewalt­frei und kei­ne Kan­ni­ba­len. Wir essen köst­li­che Pfann­ku­chen und kei­ne Berliner.

Ich stand also vor der Ver­käu­fe­rin und dach­te dar­über nach, wie es denn sein kön­ne, dass ich Ber­li­ner zu die­sem Gebäck gesagt hat­te. Ich dreh­te mich um und schau­te auf die Wer­bung und frag­te sie, ob da tat­säch­lich „Ber­li­ner“ gestan­den hat­te. Aber nee, da stand „Pfann­ku­chen“.

Wer­be­pla­kat am Bäcker: Köst­li­che Pfann­ku­chen, Ber­lin 11.11.2023

Beim Raus­ge­hen hab ich’s dann ver­stan­den: Drau­ßen wur­de mit „Ber­li­ner“ und drin­nen mit „Pfann­ku­chen“ geworben.

Außen Ber­li­ner, innen Pfann­ku­chen. Wer­bung am Bäcker im Prenz­lau­er Berg, Ber­lin, 11.11.2023

Den­noch wer­de ich mir nie ver­zei­hen, dass ich das Wort „Ber­li­ner“ benutzt habe.

Ich habe von 1992–1993 in Edin­burgh stu­diert. Am Anfang, als wir noch kei­ne Woh­nung hat­ten, schlief ich in der Jugend­her­ber­ge. Bei der Anmel­dung in der Jugend­her­ber­ge mein­te der Mann an der Rezep­ti­on: „Ah, you’­re from Ber­lin. This is whe­re Ken­ne­dy said: ‘I am a donut.’“. Ich habe nicht ver­stan­den, was er woll­te. Ken­ne­dy hat­te natür­lich gesagt: „Ich bin ein Ber­li­ner!“. Das wuss­te ich.

Ken­ne­dy sagt: Ich bin ein Donut.

Aber ich habe das nicht mit Donuts zusam­men­be­kom­men, weil wir in Ber­lin zwar Ber­li­ner sind, aber kei­ne Ber­li­ner essen. Donuts ab und zu schon.

Übri­gens, lie­be Wes­sis, noch zum ers­ten Bild: Wir sind ver­rückt, aber wir sind nicht när­risch. Kar­ne­val wird hier nicht ver­stan­den und fin­det nicht statt. Wir sind das gan­ze Jahr über lustig.

Breschnew

Ges­tern vor 41 Jah­ren starb Leo­nid Bre­sch­new und heu­te vor 41 Jah­ren wur­de sein Tod bekannt. Wir woll­ten um 11:11 Par­ty machen und Pfann­ku­chen essen, aber irgend­wann um 10:00 wur­de ver­kün­det, dass Bre­sch­new gestor­ben war. Unser Phy­sik­leh­rer Herr F. hat geweint. Wir waren sau­er und etwas ver­wun­dert über Herrn Fs. Trauer.

Gewis­ser­ma­ßen als spä­te Rache ver­lin­ke ich eine Rede Bre­sch­news, die die Noto­ri­schen Refle­xe 1983 ver­tont haben. Sol­che Sachen lie­fen damals im SFB in der Sen­dung Dau­er­wel­le, die ich begeis­tert gehört und in Tei­len mit­ge­schnit­ten habe.

Noto­ri­sche Refle­xe — BREZHNEV RAP — 1983