Frankfurt

Die taz hat sich in den letz­ten Wochen und Mona­ten extrem ver­bes­sert, was die Bericht­erstat­tung über den Osten angeht. Wahr­schein­lich hängt das auch mit dem kom­men­den taz-Lab zum The­ma Osten zusam­men. Ein beson­de­res High­light ist der Bei­trag von Dr. rer. pol. Ute Scheub Demo­kra­tie reso­nant machen über den Anschluss der DDR und ver­ta­ne Chan­cen bei der Aus­ar­bei­tung einer gemein­sa­men Verfassung. 

Zu einer Sache, die immer wie­der pas­siert und die vie­le Ossis ärgern dürf­te und die auch jetzt noch – trotz geschärf­ter Sin­ne – pas­siert, möch­te ich etwas sagen. Frank­furt. In der taz vom 20.04.2024 schreibt Bernd Pickert zum The­ma Mixed Mar­ti­al Arts (MMA):

Da ist Katha­ri­na Dalis­da aus Frank­furt, stu­dier­te Sportöko­no­min mit Bürs­ten­schnitt und Blu­men­kohl­oh­ren, eine der auf­stre­ben­den Frau­en in den deut­schen MMA, 

Katha­ri­na Dalis­da ist aus Frank­furt am Main. Der Fluss wird aber nicht genannt. Es gibt in der BRD zwei Frank­fur­te: Frank­furt am Main und Frank­furt an der Oder. Das Pro­blem ist, dass das Ost-Frank­furt kom­plett igno­riert wird. Nun könn­te man sagen, Frankfurt/M. ist viel grö­ßer, ein indus­tri­el­les, kul­tu­rel­les und poli­ti­sches Zen­trum and not­hing important ever came from Frank­furt (Oder). Aber das ist nicht rich­tig: Frank­furt O. war eine der 15 Bezirks­haupt­städ­te in der DDR und ist aus Sicht der taz von Ber­lin aus viel näher gele­gen. Das könn­te die Wich­tig­keit des ande­ren Frank­furts aus­glei­chen, aber selbst wenn man das nicht weiß oder wenn es einem egal ist, soll­te man doch als Jour­na­list, der zum The­ma Spor, ins­be­son­de­re Mixed Mar­ti­al Arts, schreibt, schon von Frank­furt gehört haben.

In Wiki­pe­dia steht zum The­ma MMA:

Die Kämp­fer bedie­nen sich sowohl der Schlag- und Tritt­tech­ni­ken (Striking) des Boxens, Kick­bo­xens, Tae­kwon­do, Muay Thai und Kara­te als auch der Boden­kampf- und Ring­tech­ni­ken (Grap­pling) des Bra­zi­li­an Jiu-Jitsu, Rin­gens, Judo und Sam­bo. Auch Tech­ni­ken aus ande­ren Kampf­kunst­ar­ten wer­den benutzt.

Frank­furt O. war und ist eine Sport­stadt. Der Armee­s­port­klub Frank­furt hat zu DDR-Zei­ten dort trai­niert und es gibt dort jetzt auch einen Bun­des­wehr­sport­stütz­punkt. Mas­sen­haft Olym­pia­sie­ger kom­men aus Frank­furt O. Sieger*innen im Boxen, im Judo und im Rin­gen (sie­he Sport­zen­trum Frank­furt). Allen, die in den 90ern irgend­was mit Sport zu tun hat­ten, dürf­ten Hen­ry Mas­ke und Axel Schulz ein Begriff sein, die bei­de aus der Box­tra­di­ti­on her­vor­ge­gan­gen sind (trai­niert von Man­fred Wol­ke). Auch Men­schen, die ansons­ten mit dem Boxen nichts am Hut hat­ten, kann­ten die bei­den. Ihre Box­kämp­fe hat­ten Rekordeinschaltquoten.

Also, wenn eins der bei­den Frank­furts hier der Default ist, dann ist es wohl Frank­furt O. Da Katha­ri­na Dalis­da aus Frankfurt/Main ist, hät­te das kennt­lich gemacht wer­den müssen.

Es ist eine Klei­nig­keit, aber die­se Klei­nig­keit zeigt: Der Osten ist in den Redak­tio­nen nicht prä­sent. Vie­le Men­schen gen­dern, weil sie es nicht aus­rei­chend fin­den, dass Frau­en nur mit­ge­dacht wer­den anstatt mit­re­prä­sen­tiert und mit­ge­nannt zu wer­den. Der Osten, selbst wenn er direkt vor der Tür liegt, wird nicht mit­ge­dacht. Über den Osten wird bzw. wur­de nur geschrie­ben, wenn es irgend etwas Nega­ti­ves zu ver­mel­den gibt. Das ändert sich gera­de bei der taz so ein biss­chen. Hof­fen wir, dass das auch nach dem taz-Lab so bleibt.

Anne Rabe im Überblick

Irgend­wie ist Anne Rabe inzwi­schen zu mei­nem drit­ten Hob­by gewor­den. Das Geflecht an Blog-Posts wird etwas unüber­sicht­lich, wes­halb ich hier mal eine Über­sicht ange­legt habe:

  1. Gewalt­er­fah­run­gen und 1968 für den Osten Post zu Gewalt im Osten und das angeb­lich nöti­ge 1968 für den Osten. Es geht um die Prü­gel­stra­fe in Schu­len und zuhau­se. Prü­geln war im Wes­ten lan­ge Zeit legal, auch in der Schu­le. Der Osten war da viel weiter. 
  2. Kei­ne Gewalt! Zu Mög­lich­kei­ten und Glück und dem Buch von Anne Rabe Gewalt in der DDR bzw. in Anne Rabes von ihr selbst als außer­ge­wöhn­lich bezeich­ne­ten Fami­lie. Um Kinds­tö­tun­gen, Amok­läu­fe usw. Ich zei­ge detail­liert auf, dass alle Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen von ihr falsch sind. Dazu zie­he ich die Kri­mi­nal­sta­tis­ti­ken und Fach­li­te­ra­tur zu ihrer Inter­pre­ta­ti­on heran. 
  3. Wei­te­re Kom­men­ta­re zu Anne Rabes Buch: Eine Mög­lich­keit aber kein Glück Hier geht es haupt­säch­lich um Kol­lek­tiv­schuld, Nazi­ideo­lo­gie bei Rabe selbst, Rabes Scham wegen ihrer Eltern, fal­sche Behaup­tun­gen über Lich­ten­ha­gen und angeb­lich nicht anwe­sen­de West-Nazis, die sie im Roman gemacht und in Inter­views in ähn­li­cher Form wie­der­holt hat. Diver­se klei­ne­re Feh­ler. Und eine Gesamt­ein­ord­nung auch zur Rezep­ti­on des Werkes.
  4. „His­to­ri­sche Ursa­chen der Frem­den­feind­lich­keit in den neu­en Bun­des­län­dern“: Kom­men­ta­re zu einem Auf­satz von Patri­ce G. Pou­trus, Jan C. Beh­rends und Den­nis Kuck Das ist ein aus­ge­la­ger­ter Teil, in dem ich mich mit einem Auf­satz von Patri­ce G. Pou­trus und ande­ren aus­ein­an­der­set­ze. Über Natio­na­lis­mus und Ras­sis­mus. Anne Rabe hat­te sich auf die­sen His­to­ri­ker beru­fen. Ich zei­ge, dass es in die­sem Auf­satz sehr vie­le inhalt­li­che Feh­ler gibt und dass ein mei­ner Mei­nung nach ent­schei­den­der Punkt in der Natio­na­lis­mus-Dis­kus­si­on viel zu kurz kommt.
  5. Wasch­ma­schi­nen und Schwu­le in der DDR und Les­ben natür­lich auch Ein paar Kom­men­ta­re zu State­ments in einem Inter­view zu „tat­säch­li­che mate­ri­el­le Armut“ in den 80ern in der DDR, Wasch­ma­schi­nen und Homo­se­xua­li­tät in Kuba und den Sozialismus.

Die fol­gen­den Blog-Posts sind zum Teil älter, haben also nicht direkt einen Bezug zu Anne Rabes Aus­sa­gen. Ich lis­te sie den­noch auf, weil sie für die Dis­kus­si­on von Gewalt in Ost und West rele­vant sind.

  1. Kin­der­land­ver­schi­ckung und die DDR? Hier geht es um trau­ma­ti­sche Erfah­run­gen, die Kin­der in der BRD in teils kirch­li­chen Erho­lungs­hei­men bei der so genann­ten Kin­der­land­ver­schi­ckung gemacht haben. Ich berich­te von den DDR-Hei­men, die anders waren und mache mir Gedan­ken über mög­li­che Gründe.

Waschmaschinen und Schwule in der DDR und Lesben natürlich auch

Ich dach­te, ich sei fer­tig mit Anne Rabe (sie­he Posts in Kate­go­rie Anne Rabe), aber ich woll­te die Sen­dung Zwi­schen­tö­ne mit ihr noch mal kom­plett hören. Es ist wirk­lich erschüt­ternd, wie wenig Anne Rabe über die DDR weiß. Da ihre Gesprächspartner*innen meist aus dem Wes­ten sind, blei­ben ihre Aus­sa­gen auch unwi­der­spro­chen und wer­den weiterverbreitet.

Waschmaschinen

Anne Rabe behaup­tet, in der DDR hät­te es kei­ne Wasch­ma­schi­nen gegeben. 

Tat­säch­lich auf jeden Fall weiß ich, dass mei­ne Mut­ter zu der Zeit allein gelebt hat mit uns, weil mein Vater noch woan­ders stu­die­ren war und das ist was, wor­über ich manch­mal so nach­den­ke, weil tat­säch­lich, also die­se tat­säch­li­che mate­ri­el­le Armut beson­ders für die Frau­en so in den 80er Jah­ren ein ziem­lich har­tes Leben bedeu­te­te, so ohne Wasch­ma­schi­nen, ohne Bade­zim­mer, also die­ses Win­deln aus­ko­chen, ohne das, was wir heu­te alles so haben und die Kin­der eben sehr früh mor­gens in den Kin­der­gar­ten brin­gen und dann wei­ter zur Arbeit. Also das ist was, wor­über ich manch­mal nach­den­ke, dass das doch ein sehr, sehr anstren­gen­des Leben gera­de für jun­ge Müt­ter war.

Anne Rabe im Inter­view in den Zwischentönen

Wiki­pe­dia schreibt zum The­ma Waschmaschinen:

Die WM 66 war eine Wasch­ma­schi­ne, die in der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik (DDR) ab 1966 gebaut und ver­kauft wur­de. Die Bezeich­nung WM stand für Wel­len­rad­wasch­ma­schi­ne. Auf­grund der ein­fa­chen tech­ni­schen Kon­struk­ti­on war sie ver­gleichs­wei­se preis­wert und gekenn­zeich­net durch leich­te Bedien­bar­keit, eine kom­pak­te Bau­form, sehr gerin­ge Stör- und Feh­ler­an­fäl­lig­keit sowie eine lan­ge Lebens­dau­er. Dies trug dazu bei, dass sie sowohl für den DDR-Markt als auch für den Export mil­lio­nen­fach pro­du­ziert wur­de. Die wei­te Ver­brei­tung der WM 66 mach­te sie zu einem der bekann­tes­ten Elek­tro­haus­halts­ge­rä­te in der DDR und zum Sym­bol für den Anstieg des Lebens­stan­dards, der ab dem Ende der 1960er und dem Beginn der 1970er Jah­re die sozia­le Ent­wick­lung in der DDR kenn­zeich­ne­te. Her­stel­ler war der VEB Wasch­ge­rä­te­werk Schwar­zen­berg – Betrieb des Kom­bi­na­tes Haushaltsgeräte.

Wiki­pe­dia-Arti­kel zur WM 66.

Und so sah sie aus:

WM 66 mit einem Paket Spee, einem bekann­ten Wasch­mit­tel in der DDR, Bild aus Wiki­pe­dia CC0.

Mei­ne Eltern hat­ten auch eine Wasch­ma­schi­ne. Sogar einen Wasch­voll­au­to­mat. Mei­ne Mut­ter hat damit mei­ne Hosen geschrumpft, wes­halb ich mich genau dar­an erin­nern kann. Die Wasch­ma­schi­ne stand im Bad. Eine Trom­mel­wasch­ma­schi­ne. Ein Toploa­der. Wir sind 1976 in die Woh­nung gezo­gen. Da war sie schon da. Nach Aus­kunft mei­ner Mut­ter war es eine WVA66. Mei­ne Mut­ter hat­te sie zu mei­ner Geburt (1968) von mei­nem Groß­va­ter bekom­men. Die hat­te 2800 Mark gekos­tet, was viel, viel Geld war, aber mein Opa war Inge­nieur bei Zeiss. Wiki­pe­dia schreibt zu die­sem Gerät:

1966 wur­de ein Wasch­voll­au­to­mat ohne Boden­be­fes­ti­gung in Schmal­bau­wei­se mit der Typ­be­zeich­nung WVA 66 (Nach­fol­ge­ge­rät WVA 68) vor­ge­stellt. Die Beschi­ckung der Wasch­trom­mel mit Wäsche erfolg­te von oben (Top­la­der). Die Behäl­ter­bau­grup­pe mit Antriebs­sys­tem war schwing­be­weg­lich in Federn zur Kom­pen­sa­ti­on der Unwucht­kräf­te wäh­rend des Schleu­der­gan­ges auf­ge­hängt, sodass das Gerät ohne Boden­be­fes­ti­gung betrie­ben wer­den konn­te. Die Schleu­der­dreh­zahl betrug 850/min. Das Gerät war auf aus­fahr­ba­ren Lauf­rol­len ortsbeweglich.

Wel­len­rad­wasch­ma­schi­nen gab es ab 640 Mark. Ich hat­te auch selbst so eine Wel­len­rad­wasch­ma­schi­ne, als ich eine eige­ne Woh­nung hat­te (1989). Das Rad am Boden riss alle Knöp­fe ab. Wiki­pe­dia: „Nach­teil des Wel­len­rad­sys­tems ist der rela­tiv hohe Wäsche­ver­schleiß, da die Wäsche teil­wei­se auch vom rotie­ren­den Wel­len­rad erfasst wird.“ Aber Win­deln und Kara­te-Anzü­ge haben kei­ne Knöp­fe, dafür waren sie auf alle Fäl­le geeig­net. Die Schleu­der war extra. Als Stu­dent hat­te ich das Geld, was ich als Sti­pen­di­um bekam. Das waren 300 Mark, weil ich bei der Armee gewe­sen war. Sonst lag es bei 200 Mark. Ich weiß nicht, wo ich die Wasch­ma­schi­ne her hat­te. Kann mich jeden­falls nicht erin­nern, dass Geld ein Pro­blem gewe­sen wäre. Viel­leicht habe ich sie gebraucht gekauft oder geschenkt bekom­men von jeman­dem, der sich eine bes­se­re gekauft hat.

Das DDR-Design­mu­se­um schreibt zum The­ma Waschmaschinen:

Wel­cher DDR-Bür­ger kennt die­se Wasch­ma­schi­nen nicht. Der Name Schwar­zen­berg war ein Begriff.

1961 ent­stand der Wasch­voll­au­to­mat WVA 61. 1966 die WVA 66 mit Schleu­der­gang, 1987 der Wasch­voll­au­to­mat VA 68‑E.

Die ers­te Wasch­ma­schi­ne vom Typ „WM 66“ wur­de ab 1966 her­ge­stellt. Die Maschi­ne konn­te weder spü­len noch schleu­dern. Die Bezeich­nung WM steht für Wel­len­rad­wasch­ma­schi­ne. Die Haus­frau benö­tig­te zum Schleu­dern eine Tischschleuder.

Auf der Muse­ums­sei­te gibt es Bil­der der ver­schie­de­nen Model­le und der Schleu­dern. Auf der Wiki­pe­dia-Sei­te des Wasch­ge­rä­te­werks Schwar­zen­berg fin­det man Infor­ma­ti­on zu den ver­kauf­ten Stück­zah­len. Anne Rabe scheint die ein­zi­ge DDR-Bür­ge­rin zu sein, die die­se Wasch­ma­schi­nen nicht kennt. Viel­leicht hat­te ihre Mut­ter die Maschi­ne im Kel­ler und hat das vor ihrer Toch­ter geheim gehal­ten. Anders ist das nicht zu erklä­ren. Viel­leicht hat­ten sie auch wirk­lich kei­ne, obwohl es eine Funk­tio­närs­fa­mi­lie mit zwei arbei­ten­den Erwach­se­nen und einem Funk­tio­närs­groß­va­ter waren, aber dann müs­sen sie das Geld irgend­wie anders ver­p­läm­pert haben.

Übri­gens: Es gab in der DDR Ehe­kre­di­te, die man „abkin­dern“ konn­te. Die waren genau für sol­che Din­ge wie Wasch­ma­schi­nen gedacht.

Zwi­schen 1972 und 1988 wur­den 1.371.649 Ehe­kre­di­te mit einem Gesamt­vo­lu­men von 9,3 Mil­li­ar­den Mark ver­ge­ben, von denen etwa ein Vier­tel „abge­kin­dert“ wurde.

Wiki­pe­dia: Ehe­kre­dit

Die Ehe­kre­di­te gab es für Paa­re, „deren gemein­sa­mes Ein­kom­men bei Ehe­schlie­ßung nicht über 1.400 Mark lag“. Rabe sagt, dass ihre Mut­ter gear­bei­tet hat. Ihr Vater hat viel­leicht ein Sti­pen­di­um bekom­men. Ent­we­der, sie haben über 1400 Mark ver­dient, dann konn­ten sie eine Wasch­ma­schi­ne kau­fen oder sie haben weni­ger ver­dient, dann hät­ten sie einen Kre­dit über 5000 Mark bekom­men, von dem sie nur 2500 Mark hät­ten zurück­zah­len müs­sen. Das wäre prak­tisch ein geschenk­ter Wasch­voll­au­to­mat gewesen.

(Nach­trag: 09.04.2024 Peer hat mich auf fol­gen­de Infor­ma­ti­on zur Ver­brei­tung von Wasch­ma­schi­nen hingewiesen:

1986 befan­den sich in 94,4 Pro­zent aller DDR-Haus­hal­te Wasch­ma­schi­nen, davon ca. 13 Pro­zent Wasch­voll­au­to­ma­ten, ca. 40 Pro­zent Wasch­au­to­ma­ten und ca. 47 Pro­zent Bot­tich­wasch­ma­schi­nen; Hans-Joa­chim Scheit­hau­er u. Micha­el Laue, Moder­ne Wasch­ma­schi­nen – spar­sa­me Hel­fer im Haus­halt, in: Ener­gie­an­wen­dung 37, 1988, H. 6, S. 229ff., hier S. 229; Sta­tis­ti­sches Amt der DDR (Hg.), Sta­tis­ti­sches Jahr­buch der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik 1990, Ber­lin 1990, S. 324f.

Wöl­fel, Syl­via. 2012. „Plan­mä­ßi­ge Ver­rin­ge­rung des Bedarfs“ Die Ent­wick­lung ver­brauchs­ar­mer Haus­halts­ge­rä­te in der DDR. Tech­nik­ge­schich­te 79(1). 45–60. (doi:10.5771/0040–117X-2012–1‑45)

Die­se Ver­brei­tung ent­spricht in etwa der heu­ti­gen Ver­brei­tung in der Bun­des­re­pu­blik, die bei 96,2% liegt.

Das bedeu­tet, so die Aus­sa­ge über „tat­säch­li­che mate­ri­el­le Armut“ und die feh­len­de Wasch­ma­schi­ne in der Fami­lie Rabe denn kor­rekt ist, dass die­se Fami­lie sehr spe­zi­ell war. Aber die­sen Ver­dacht hat­te ich ja schon mehr­fach und Rabe selbst äußert sich ja auch so bzgl. der Gewalt in ihrer Familie.)

Homosexualität

Im Inter­view in den Zwi­schen­tö­nen beschreibt Anne Rabe, wie sie fest­ge­stellt hat, dass der Sozia­lis­mus der DDR ganz schreck­lich war:

Rabe: Eigent­lich gab es einen Moment, einen Aus­lö­ser, an den ich mich sehr gut erin­ne­re und zwar war ich so mit 18, Sil­ves­ter in Ham­burg und war dann mit mei­nem Freund damals im Kino und wir haben den Film geguckt von Juli­an Schna­bel, Befo­re Night Falls. Ein ganz tol­ler Film, den ich sehr emp­feh­len kann, über den kuba­ni­schen Schrift­stel­ler Rey­nal­do Are­nas, einen homo­se­xu­el­len Schrift­stel­ler, der des­halb auf Kuba ver­folgt wur­de für sei­ne Homo­se­xua­li­tät. Und das war ein sehr berüh­ren­der Film, da gibt es dann auch so Ver­schnit­te mit vie­len Cas­tro-Reden über Homo­se­xua­li­tät und das war der Moment, ich konn­te hin­ter­her gar nicht auf­ste­hen aus dem Kino­ses­sel, wo mir so bewusst wur­de, dass das, ich bin mit einem sehr posi­ti­ven DDR-Bild, einem sehr posi­ti­ven Bild vom Sozia­lis­mus und auch so sehr naiv damals noch so im Sin­ne von „Das wäre eigent­lich die Lösung für die Pro­ble­me unse­rer Zeit jetzt.“ auf­ge­wach­sen, hat­te nicht viel gehört über die Abgrün­de die­ses Sys­tems und das war für mich dann klar, ach so, das ist alles ganz, ganz anders und ich selbst wuss­te damals auch schon eben, ich bin nicht hete­ro­se­xu­ell, ich bin sel­ber que­er, für mich gäbe es da kei­nen Platz viel­leicht oder das wäre infra­ge gestellt und das war so ein ganz, ganz berüh­ren­der Moment, der mich rich­tig geschockt hat und da war mir klar, ach nee, hier stimmt eigent­lich gar nichts.

Schwarz: Mit 18, im Jahr 2002, nee 2004.

Rabe: Genau und dann habe ich tat­säch­lich ange­fan­gen auch dar­über zu lesen und mir selbst ein Bild zu machen über die DDR, über das, was da so alles so los war und dann gerät man ja rela­tiv schnell, kommt man da auf ziem­lich fins­te­re Ange­le­gen­hei­ten sozu­sa­gen. Ja doch, wenn man sucht schon, also das geht schon.

Nun ist es aber so, dass die Ein­stel­lung zur Homo­se­xua­li­tät im katho­lisch gepräg­ten Kuba sicher eine ande­re war als in der DDR der 80er Jah­re. Die DDR hat­te 1968 den Para­graph 175 gegen Homo­se­xua­li­tät lan­ge vor der BRD (1994) abge­schafft und in den 80er Jah­ren gab es Schwu­len­grup­pen in der FDJ und der SED, die ver­such­ten, den kirch­li­chen Grup­pen, die es schon seit den 70ern gab, Kon­kur­renz zu machen bzw. mit denen zu kooperieren.

Man kann dazu bei der Bun­des­zen­tra­le poli­ti­scher Bil­dung nachlesen: 

1988/89 kam es zur Grün­dung von schwul-les­bi­schen Grup­pen bei der Frei­en Deut­schen Jugend (FDJ) und in Klub­häu­sern. In Leip­zig nann­te man sich „Rosa­Lin­de“, in Dres­den „Gere­de“. Ziel war es, ein schwul-les­bi­sches Enga­ge­ment außer­halb der Kir­che zu initi­ie­ren. Man ver­such­te auch, Par­tei­mit­glie­der in bestehen­de Orga­ni­sa­tio­nen ein­zu­schleu­sen oder dort ange­schlos­se­ne Genos­sen für die SED-Zie­le zu instru­men­ta­li­sie­ren, bei­spiels­wei­se im Sonn­tags-Club. Nach­dem die­ser Ver­such geschei­tert war, wur­de – als Kon­kur­renz – die Grup­pe „Cou­ra­ge“ gegrün­det. Die FDJ gab allen Jugend­klubs vor, ein­mal im Monat eine Ver­an­stal­tung zum The­ma Homo­se­xua­li­tät zu orga­ni­sie­ren. Die unter dem Dach der SED in ver­schie­de­nen Städ­ten gegrün­de­ten Grup­pen bil­de­ten die „Inter­es­sen­grup­pe Theo­rie“, die schwul-les­bi­sche Poli­tik auf mar­xis­tisch-leni­nis­ti­scher Basis, aber auch eine Ver­net­zung mit den kirch­li­chen Arbeits­krei­sen anstrebte. 

Kön­ne, Chris­ti­an. 2018. Schwu­le und Les­ben in der DDR und der Umgang des SED-Staa­tes mit Homo­se­xua­li­tät. Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung.

Ich hat­te einen schwu­len Klas­sen­ka­me­ra­den, der mir Info­ma­te­ri­al kirch­li­cher Grup­pen zu Homo­se­xua­li­tät gege­ben hat (ca. 1985). Jörg ist jetzt Pfar­rer und hat es sich erkämpft, dass er mit sei­nem Mann im Pfarr­haus woh­nen darf (May­er, 2015).

Pfar­rer Jörg Zab­ka mit sei­nem Mann, Ber­lin, 02.11.2014. Bild: Vere­na May­er / Süd­deut­sche Zeitung

Kneipen

Wir wuss­ten von Schwu­len­treffs in der DDR. Von einem Lokal an der Schön­hau­ser Allee Ecke Kas­ta­ni­en­al­lee hat mir mein Mathe­leh­rer erzählt. Den Namen habe ich lei­der ver­ges­sen. Wahr­schein­lich war es das Cafe Schön­hau­ser. Es gab die Offen­bach­stu­ben. Die Prenz­lau­er-Berg-Nach­rich­ten schrei­ben über schwu­le Treffpunkte:

Nach der Zeit vor der Wen­de befragt, fal­len Patrick meh­re­re legen­dä­re Loca­ti­ons für schwu­les Publi­kum ein: „Es gab das Café Schön­hau­ser, die Schop­pen­stu­be und den Burg­frie­den“, zählt er auf. „Der Film Coming Out wur­de in die­sen Knei­pen gedreht“, weiß Wal­ter zu berich­ten. Und das war ein wah­rer Mei­len­stein: Coming Out (Regie: Hei­ner Carow) war der ein­zi­ge Film mit zen­tral schwu­ler The­ma­tik, der in der DDR je pro­du­ziert wur­de – im Novem­ber 1989 kam er in die Kinos. Auch (Ost-)Berlins bekann­tes­te Trans*-Person, Char­lot­te von Mahls­dorf, ein Name, der im Lau­fe des Abends häu­fi­ger fällt, hat­te eine Rol­le in Coming Out.

Cald­art, Isa­bel­la. 2018. Ver­schwin­den die schwu­len Knei­pen? Prenz­lau­er Berg Nachrichten.

In Kön­ne (2018) wird ange­merkt, dass es in Ost-Ber­lin viel weni­ger Schwu­len-Knei­pen gab als vor dem Krieg. Dazu muss man aller­dings wis­sen, dass es in Ost-Ber­lin ins­ge­samt eine Unter­ver­sor­gung mit Knei­pen gab. Man müss­te das also ins Ver­hält­nis zur Gesamt­knei­pen­dich­te set­zen, wenn man irgend­et­was dar­aus ablei­ten will.

Papier

Kön­ne (2018) schreibt zu Papierkontingenten:

Selbst Papier­kon­tin­gen­te für Flug­blät­ter wur­den staat­li­cher­seits nicht genehmigt.

Das hört sich für Nicht-Ossis oder Nach­ge­boh­re­ne sicher nach schlim­mer Unter­drü­ckung an. Die feh­len­de Hin­ter­grund­in­for­ma­ti­on ist, dass es einen extre­men Man­gel an Papier gab. Die meis­ten Druckerzeug­nis­se waren so genann­te Bück­wa­re. Man konn­te nicht ohne wei­te­res Abos für Peri­odi­ka abschlie­ßen. Ich habe jah­re­lang für mei­ne Mut­ter auf dem Schul­weg am Bahn­hofs­ki­osk ver­sucht, die Für Dich und die NBI zu ergat­tern. Ich war früh um 7:00 dort und es hat meis­tens geklappt. Wenn ich es ver­ba­selt hat­te, war mei­ne Mut­ter sauer. 

Titel­sei­te der DDR-Frau­en­zei­tung Für Dich von 1979. Die DDR hat Ver­wun­de­te aus Nami­bia in Ber­lin-Buch im Kli­ni­kum betreut. Bild in einer Aus­stel­lung im Muse­um Pan­kow, Ber­lin, 04.04.2024

Das Mosa­ik habe ich auch meis­tens bekom­men, aber mei­ne Samm­lung hat­te auch Lücken. 

  • Mosa­ik (Comic für Kin­der und Jugendliche)
  • Neu­es Leben (Jugend­zeit­schrift)
  • Für Dich (Wochen­zeit­schrift für die Frau)
  • NBI (Neue Ber­li­ner Illus­trier­te, Wochenzeitschrift)
  • Das Maga­zin (monat­lich erschei­nen­de Zeit­schrift mit Geschich­ten und Akt-Bildern)

Wenn also der Staat den Schwu­len- und Les­ben-Ver­bän­den Papier geneh­migt hät­te, dann hät­te das bedeu­tet, dass er Homo­se­xua­li­tät nicht nur nicht behin­dert, son­dern auch för­dert. Das pass­te nun aber gar nicht ins Sys­tem. Wie­so soll­te der Staat etwas för­dern, das er nicht unter Kon­trol­le hat­te und das ihm even­tu­ell Schwie­rig­kei­ten berei­ten wür­de? Geför­dert wur­den eige­ne Mas­sen­or­ga­ni­sa­ti­on oder Grup­pen, die die eige­ne Ideo­lo­gie propagierten.

Ver­viel­fäl­ti­gungs­ma­schi­nen und Papier gab es nicht. Ich habe eine Zeit­schrift, die ich mit einem Freund gemacht habe, auf NVA-Dru­ckern aus­ge­druckt. Der Tele­graph wur­de mit Uralt-Druck­wal­zen vervielfältigt.

Stasi

Kön­ne (2018) schreibt, dass die Sta­si Schwu­len- und Les­ben­ver­bän­de bespit­zelt hat. Das hört sich schlimm an und es war auch schlimm, aber als Hin­ter­grund­in­for­ma­ti­on muss man wis­sen, dass alle Grup­pie­run­gen, die sich gebil­det haben, von der Sta­si unter­wan­dert und beob­ach­tet wur­den. Allen war klar, dass bei einem Tref­fen von drei Leu­ten, einer bei der Sta­si war. Man­che, wie zum Bei­spiel Vera Wol­len­ber­ger, hat­ten die Sta­si mit im Bett. Da war sie sogar in Zwei­er­grup­pen dabei. Das war die DDR. Ein Staat, der sei­ner Bevöl­ke­rung nicht trau­te und sie lücken­los über­wacht hat.

Kurt Demm­ler am 4.11.1989: Irgend­ei­ner ist immer dabei

Die Schwu­len- und Les­ben­ver­bän­de haben das ein­zig Rich­ti­ge getan: Sie haben die Sta­si mit offe­nen Armen empfangen.

Einstellung zu Homosexualität in Aufklärungsbüchern und der Wissenschaft

Im Auf­klä­rungs­buch „Mann und Frau intim“ gibt es ein Kapi­tel zur Homo­se­xua­li­tät, das im Wesent­li­chen dem ent­spricht, was fort­schritt­li­che Men­schen heu­te über Homo­se­xua­li­tät den­ken. Das Buch ist 1971 erschie­nen und wur­de wie­der­holt unver­än­dert nach­ge­druckt. Mir liegt die 12. unver­än­der­te Auf­la­ge von 1979 vor. Mei­ne Aus­ga­be ist aus dem Ver­lag Volk und Gesund­heit, Ber­lin. Nach Wiki­pe­dia­ein­trag des Autors Schnabl ist es vor­her 1969 in Rudol­stadt und auch als gering­fü­gig gekürz­te Lizenz­aus­ga­be 1969 in der BRD ver­öf­fent­licht wor­den. Das Buch wur­de ins Tsche­chi­sche (1972), Bul­ga­ri­sche (1979) und Rus­si­sche (1982) über­setzt. Bis 1990 hat­te das Buch 18 Auflagen.

Sexu­al­rat­ge­ber von 1971 aus der DDR mit heu­ti­gen Ansich­ten zur Homosexualität

Da in der DDR nicht ein­fach irgend­wer irgend­wel­che Bücher ver­öf­fent­li­chen konn­te, kann man davon aus­ge­hen, dass das die offi­zi­el­le Mei­nung zum The­ma war. Kön­nen (2018) schreibt:

Dies zeig­te sich in den Rat­ge­bern zur Sexua­li­tät für Erwach­se­ne. So wur­de 1977 Homo­se­xua­li­tät im Auf­klä­rungs­buch „Mann und Frau intim“ als eine von meh­re­ren Mög­lich­kei­ten mensch­li­cher Sexua­li­tät dar­ge­stellt. 1984 fand sich in „Lie­be und Sexua­li­tät bis 30“ erst­mals ein Kapi­tel zur Homo­se­xua­li­tät, das die­se posi­tiv dar­stell­te. Es ist nicht belegt, dass eine sol­che Ände­rung auch in den Unter­richts­hil­fen erfolg­te. Im sel­ben Jahr wur­de vom Ber­li­ner Magis­trat, der Ost-Ber­li­ner Stadt­ver­wal­tung, eine Grup­pe von Wis­sen­schaft­lern an der Hum­boldt Uni­ver­si­tät ein­ge­setzt, die Kon­zep­te erar­bei­ten soll­te, um die Lebens­um­stän­de und Lebens­be­din­gun­gen von Schwu­len und Les­ben zu ver­bes­sern.

DDR-weit gab es von 1985 bis 1990 drei inter­dis­zi­pli­nä­re Work­shops an ver­schie­de­nen Uni­ver­si­tä­ten mit dem Fokus auf homo­se­xu­el­len Eman­zi­pa­ti­ons­be­we­gun­gen. 1987 erschien mit „Homo­se­xua­li­tät“ die ers­te popu­lär­wis­sen­schaft­li­che Publi­ka­ti­on in der DDR. 1988 pro­du­zier­te das Deut­sche Hygie­ne-Muse­um Dres­den den Auf­klä­rungs­film „Die ande­re Lie­be“. Die Bro­schü­re zum Film infor­mier­te über die Geschich­te und das aktu­el­le Leben Homo­se­xu­el­ler sowie über die Kennt­nis­se der Wis­sen­schaft und gab Tipps für den All­tag des Ein­zel­nen – und spe­zi­ell für Eltern und Erzieher.

Kön­ne, Chris­ti­an. 2018. Schwu­le und Les­ben in der DDR und der Umgang des SED-Staa­tes mit Homo­se­xua­li­tät. Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung.

Kuba und Homosexualität

Kuba war nach der Revo­lu­ti­on bis zu Fidel Cas­tros Tod von die­sem kon­trol­liert und gelenkt. Wie Rabe schreibt, gab es Reden von Cas­tro mit homo­se­xu­el­le­feind­li­chen Äuße­run­gen. Nach des­sen Tod wur­den wich­ti­ge Ämter von Raúl Cas­tro über­nom­men. Inter­es­san­ter­wei­se lei­te­te ab 1980 Raúl Cas­tros Toch­ter Marie­la Cas­tro Espín das Zen­trum für Sexu­el­le Bil­dung. Seit 1990 ist sie Direk­to­rin des Cen­tro Nacio­nal de Edu­ca­ción Sexu­al (Natio­na­les Zen­trum für sexu­el­le Auf­klä­rung – CENESEX). Sie ist LGBTQ-Akti­vis­tin und setzt sich sehr stark für die Rech­te der Homo­se­xu­el­len ein. Der Cuba-Bud­dy, eine Tou­ris­mus-Sei­te mit Spe­zia­li­sie­rung auf Kuba, schreibt:

In den letz­ten Jah­ren hat sich die Situa­ti­on der LGBTQ-Gemein­schaft auf Kuba deut­lich ver­bes­sert. Im Jahr 2008 wur­den Geset­ze ein­ge­führt, die Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund der sexu­el­len Ori­en­tie­rung ver­bie­ten. Die Geschlechts­um­wand­lung wur­de lega­li­siert und ist für jede Kuba­ne­rin und für jeden Kuba­ner kos­ten­frei und wird voll­stän­dig von den Kran­ken­kas­sen übernommen.

Im Sep­tem­ber 2022 stimm­te eine gro­ße Mehr­heit der Bevöl­ke­rung außer­dem bei einem Refe­ren­dum für eine Reform des Fami­li­en­ge­set­zes. Damit ist die Lega­li­sie­rung der gleich­ge­schlecht­li­chen Ehe, die Mög­lich­keit der Leih­mut­ter­schaft für homo­se­xu­el­le Paa­re sowie Adop­ti­on und här­te­res Vor­ge­hen gegen geschlech­ter­spe­zi­fi­sche Gewalt beschlos­sen worden.

Vor genau zehn Jah­ren, 2013 fand die ers­te offi­zi­el­le Pri­de-Woche in Havan­na statt, an der Tau­sen­de von Men­schen teil­nah­men. Seit­dem erstrahlt die Haupt­stadt jedes Jahr für eine Woche in den Far­ben der Community.

Der Cuba bud­dy: Geschich­te der LGBTQIAS+-Gemeinschaft in Kuba

Aus wirt­schaft­li­chen Grün­den inten­si­vier­te Kuba ab den 80er Jah­ren den Tou­ris­mus und war des­halb auch an einer fort­schritt­li­che­ren Sicht auf Homo­se­xua­li­tät inter­es­siert. 2022, also ein Jahr vor dem Inter­view mit Rabe, wur­den die Fami­li­en­ge­set­ze in Kuba moder­ni­siert, so dass man jetzt gleich­ge­schlecht­lich hei­ra­ten kann. Kuba hat jetzt eins der libe­rals­ten Fami­li­en­ge­set­ze weltweit.

Kuba ist immer noch ein sozia­lis­ti­sches Land, ein Ein­par­tei­en­sys­tem mit einer kom­mu­nis­ti­schen Par­tei. Die Fra­ge, die man sich stel­len muss, ist, war­um es so lan­ge gedau­ert hat, bis die Geset­ze geän­dert wur­den. Und die Ant­wort ist, dass in sol­chen Dik­ta­tu­ren des Pro­le­ta­ri­ats, also de fac­to Ein­par­tei­en­sys­te­men, je nach Gege­ben­hei­ten im jewei­li­gen Land, viel an Ein­zel­per­so­nen hän­gen kann. Die Men­schen, die, als Rabe drei Jah­re alt war, an den run­den Tischen saßen, waren zum Teil für einen Sozia­lis­mus mit mensch­li­chem Ant­litz. Mehr Betei­li­gung, weni­ger Über­wa­chung. Eine eigen­stän­di­ge, lin­ke, pro­gres­si­ve DDR.

Wer­bung für Anti-Kohl-Demo im Dezem­ber 1989 ver­schie­de­ner Oppo­si­ti­ons­grup­pen, u.a. den Grü­nen und der Frau­en­ver­ei­ni­gung Lila Offen­si­ve. DDR-Muse­um Eisenhüttenstadt.

Wich­tig ist in die­sem Zusam­men­hang, dass das Fami­li­en­ge­setz auf­grund eines Refe­ren­dums geän­dert wur­de. Das zeigt, dass es in Kuba heut­zu­ta­ge eine Betei­li­gung des Vol­kes gibt. Übri­gens setzt sich auch hier Marie­la Cas­tro für die Stär­kung par­ti­zi­pa­ti­ver Mecha­nis­men ein.

Schwule und der Sozialismus

Anne Rabe lei­te­te ja aus einem Film über einen Schrift­stel­ler im katho­li­schen Kuba irgend­et­was über „den Sozia­lis­mus“ ab. Man hät­te ja mal gucken kön­nen, wie es in der DDR war, um her­aus­zu­fin­den, ob das im Film Gezeig­te für den Sozia­lis­mus an sich typisch gewe­sen war. Aber selbst wenn es in der DDR auch so schlimm gewe­sen wäre, wäre man noch nicht fer­tig gewe­sen. Es hät­te ja sein kön­nen, dass die DDR viel­leicht als Nazi-Erbe noch bestimm­te spe­zi­el­le homo­pho­be Ein­stel­lun­gen tra­diert hät­te, die aber nicht zwangs­läu­fig mit dem Sozia­lis­mus gekop­pelt gewe­sen sein müss­ten. Dazu hät­te man über­prü­fen müs­sen, wie es in ande­ren Län­dern des Ost-Blocks gewe­sen ist. Kön­nen (2018) schreibt dazu:

Die sich in der DDR for­mie­ren­de Eman­zi­pa­ti­ons­be­we­gung war durch die­sel­be Film­pro­duk­ti­on beein­flusst wie die der Bun­des­re­pu­blik und such­te sich auch spä­ter ihre Vor­bil­der im Wes­ten. Sol­che aus der frü­hen Geschich­te der UdSSR, wo die Straf­bar­keit für Homo­se­xua­li­tät – zwi­schen 1917 und 1934 – abge­schafft wor­den war, wur­den nicht genutzt. Kon­tak­te mit Homo­se­xu­el­len aus ande­ren Staa­ten des ehe­ma­li­gen Ost­blocks wie Polen, ČSSR oder Ungarn, in denen Homo­se­xua­li­tät teil­wei­se eben­falls seit den 1960er straf­frei war, sind aber ab 1987/88 bezeugt.

Das zeigt, dass die Sowjet­uni­on, wo zumin­dest die spä­te­re Hälf­te des Mar­xis­mus-Leni­nis­mus her­kam, schon vor 1934 eine ande­re Ein­stel­lung zur Homo­se­xua­li­tät hat­te als die Deut­schen, die ihr 1000jähriges fins­te­res Kapi­tel da gera­de erst begon­nen hat­ten. 1934 wur­de Röhm ermor­det und dann war der Weg frei für die sys­te­ma­ti­sche Ver­fol­gung und Ver­nich­tung Homo­se­xu­el­ler (Wiki­pe­dia: Homo­se­xua­li­tät in der Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus). In Polen wur­de die Homo­se­xua­li­tät sogar 1932 schon straf­frei und homo­se­xu­el­le Pro­sti­tu­ti­on 1968 lega­li­siert.

Schlussfolgerung

An der DDR gab es viel zu bemän­geln und ich war auch im Okto­ber 1989 in der Geth­se­ma­ne-Kir­che und habe pro­tes­tiert, aber aus einem Film über das schwe­re Leben eines schwu­len Schrift­stel­lers in Kuba abzu­lei­ten, dass der Sozia­lis­mus schlecht ist, hal­te ich für etwas gewagt. Schlimm ist es dann, wenn eine que­e­re Per­son 2023, also 19 Jah­re spä­ter, die­se Geschich­te völ­lig unre­flek­tiert erzählt.

Der Sozialismus ist tot, es lebe der Solzialismus!

Anne Rabe ist Mit­glied der SPD. Aus mei­nen ver­schie­de­nen Blog-Bei­trä­gen soll­te klar gewor­den sein, dass Anna Rabes Arbeit sich nicht durch Gründ­lich­keit aus­zeich­net. So hat sie wahr­schein­lich auch nicht wirk­lich nach­ge­schaut, in wel­che Par­tei sie ein­ge­tre­ten ist. Die SPD war ursprüng­lich eine Arbei­ter­par­tei. Mein Opa war drin, sein Bru­der war in der SAJ, der Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on der SPD. Er hat im KZ geses­sen für Flug­blät­ter für eine Ein­heits­front aus KPD und SPD (sie­he Blog-Post zu Rabes Ideen von Blut­schuld). Die SPD war bis 1959, bis zum Godes­ber­ger Pro­gramm, eine mar­xis­tisch-leni­nis­ti­sche Par­tei. Das haben sie dann aus dem Pro­gramm gewor­fen, aber sie wol­len immer noch den (demo­kra­ti­schen) Sozia­lis­mus auf­bau­en (sie­he Ham­bur­ger Pro­gramm, 2007). Ob das mit dem aktu­el­len Per­so­nal was wird, ist noch eine ande­re Fra­ge, aber das ist zumin­dest das Ziel. Die SPD steht zur Zeit nir­gend­wo im Osten da, wo sie ste­hen könn­te, in Sach­sen bei 6%, und Anne Rabe ist Teil des Pro­blems. Sie hilft dem Wes­ten, wie Osch­mann es sagen wür­de, sich einen Osten zu kon­stru­ie­ren. Mit die­sen Men­schen möch­te im Osten nie­mand zu tun haben. Damit die­ses Pro­blem irgend­wann im Wes­ten ankommt, schrei­be ich die­se Blog-Beiträge.

Umfra­ge­er­geb­nis­se für Sach­sen 3.4.2024: https://dawum.de/Sachsen/

Zusammenfassung

Lie­be Wes­sis, lie­be drit­te oder vier­te Gene­ra­ti­on Ossis: Anne Rabe ist kei­ne zuver­läs­si­ge Quel­le für irgend­was. Wenn Ihr sie inter­viewt, berei­tet Euch gut dar­auf vor. Wenn Ihr über Ihre Aus­sa­gen schreibt, recher­chiert selbst. Ihr wer­det sonst auch Teil der gro­ßen Peinlichkeit.

Quellen

Anne Rabe: „In ver­wir­ren­den Zei­ten sind ein­fa­che Nar­ra­ti­ve ver­füh­re­risch“. 2023. Deutsch­land­ra­dio. (Zwi­schen­tö­ne.) (https://www.deutschlandfunk.de/anne-rabe-in-verwirrenden-zeiten-sind-einfache-narrative-verfuehrerisch-dlf-84b94bff-100.html)

Kön­ne, Chris­ti­an. 2018. Schwu­le und Les­ben in der DDR und der Umgang des SED-Staa­tes mit Homo­se­xua­li­tät. Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung. (https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/265466/schwule-und-lesben-in-der-ddr/)

May­er, Vere­na. 2015. Homo­se­xua­li­tät und Kir­che: Der Herr Pfar­rer und sein Mann. Süd­deut­sche Zei­tung. Mün­chen. (https://www.sueddeutsche.de/leben/homosexualitaet-und-kirche-der-herr-pfarrer-und-sein-mann‑1.2218981)

Wöl­fel, Syl­via. 2012. „Plan­mä­ßi­ge Ver­rin­ge­rung des Bedarfs“ Die Ent­wick­lung ver­brauchs­ar­mer Haus­halts­ge­rä­te in der DDR. Tech­nik­ge­schich­te 79(1). 45–60. (doi:10.5771/0040–117X-2012–1‑45)

Combat 18 und Thüringen

Der Chef von Com­bat 18 lebt in Thü­rin­gen. Net­ter­wei­se schreibt die taz jetzt aber auch schon manch­mal selbst dazu, wo die Nazis eigent­lich herkommen:

Die vier Män­ner, dar­un­ter der Anfüh­rer Stan­ley Rös­ke, sol­len Com­bat 18 gemein­sam mit ande­ren Mit­glie­dern bis min­des­tens 2022 wei­ter­be­trie­ben haben. […] Rös­ke ist ein lang­jäh­ri­ger Neo­na­zi aus Kas­sel, der nach Thü­rin­gen über­ge­sie­delt war und sich auch mit Ste­phan Ernst umge­ben hat­te, dem Mör­der des Kas­se­ler Regie­rungs­prä­si­den­ten Wal­ter Lübcke.

Sabi­ne am Orde: Ankla­ge gegen vier Neo­na­zis, taz, 05.04.2024, S. 6. 

Der ande­re Chef kommt nach Spie­gel aus Dort­mund bzw. nach taz aus Cas­trop-Rau­xel in Nordrhein-Westfalen.

Im taz-Arti­kel wird auch Knock­out 51 erwähnt. Das ist eine Nazi­or­ga­ni­sa­ti­on von Men­schen aus Eisen­ach und Erfurt. Sie wur­de laut MDR vom Neo­na­zi Patrick Wiesch­ke (NPD, jetzt Die Hei­mat) aufgebaut. 

Was die bür­ger­li­che Fas­sa­de als Buch­händ­ler und das bie­de­re Image der Par­tei für man­che Beob­ach­ter ver­deck­te: Wiesch­ke scharr­te schon zu die­sem Zeit­punkt immer mehr Jugend­li­che aus Eisen­ach und Erfurt um sich, die zwar rechts, aber noch nicht straff orga­ni­siert waren.

dst. 20.08.2023 MDR THü­rin­gen: Die Neo­na­zis, die nie­mand stopp­te: Pro­zess gegen Eisen­acher “Knock­out 51” startet

Wiesch­ke ist selbst aus Eisen­ach, aber wur­de erst 1981 gebo­ren. Zur Wen­de war er also 8 Jah­re alt. Den über­wie­gen­den und für die Her­aus­bil­dung poli­ti­scher Über­zeu­gun­gen wich­ti­ge­ren Teil sei­ner Jugend hat er also im Nach­wen­de-Deutsch­land verbracht.

Quellen

Die Neo­na­zis, die nie­mand stopp­te: Pro­zess gegen Eisen­acher “Knock­out 51” star­tet. 2023. MDR Thü­rin­gen. (https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/west-thueringen/eisenach/neonazis-knockout-angeklagt-flieder-100.html)

Leipziger oder Franke?

Ha! Wie­der! Die taz schreibt über den Schelm-Ver­lag, der Mein Kampf und Holo­caust-Leug­nung ver­treibt (Die Lie­fe­ran­ten des Has­ses). Sie schrei­ben über den Ver­lags­lei­ter als Rechts­extre­mist und frü­he­ren Leipziger.

der lang­jäh­ri­ge Rechts­extre­mist und frü­he­re Leip­zi­ger Adri­an Preißdinger.

taz, 15.03.: Die Lie­fe­ran­ten des Hasses

Der Ver­lag war in Leip­zig, das wird im Arti­kel auch erwähnt, aber wie­so soll­te die Infor­ma­ti­on, dass der Ver­lags­lei­ter ein Leip­zi­ger war, rele­vant sein? Die wäre nur in der Ost-West-Dis­kus­si­on wich­tig. Und da ist sie falsch. Adri­an Preiß­in­ger wur­de 1964 in Kro­nach, einer ober­frän­ki­schen Stadt, geboren.