„Historische Ursachen der Fremdenfeindlichkeit in den neuen Bundesländern“: Kommentare zu einem Aufsatz von Patrice G. Poutrus, Jan C. Behrends und Dennis Kuck

Einleitung

Ich arbei­te gera­de an einer Rezen­si­on von Anne Rabes Buch „Die Mög­lich­keit von Glück“. Ich habe dazu zwei Blog-Posts geschrie­ben (Kei­ne Gewalt! Zu Mög­lich­kei­ten und Glück und dem Buch von Anne Rabe und Wei­te­re Kom­men­ta­re zu Anne Rabes Buch: Eine Mög­lich­keit aber kein Glück) und im zwei­ten auch den fol­gen­den Satz zu Anti­se­mi­tis­mus und Natio­na­lis­mus kommentiert:

Auch waren Anti­se­mi­tis­mus und Natio­na­lis­mus wich­ti­ge Bestand­tei­le der sowje­ti­schen und real­so­zia­lis­ti­schen Ideologie.

S. 271

Die Bespre­chung die­ses einen Sat­zes ist viel zu lang gera­ten, so dass ich beschlos­sen habe, sie in einen extra Blog-Post aus­zu­la­gern. Das ist die­ser hier.

Ad hominem: Wer spricht?

Ich habe mich gefragt, wo hat Anne Rabe das nur her­hat. Quel­len hat sie kei­ne ange­ge­ben. Da steht nur die­ser eine Satz. Na, viel­leicht von Ines Gei­pel. Dass sie mit Ines Gei­pel befreun­det war/ist habe ich aus einem Arti­kel in der NZZ über ein angeb­li­ches Pla­gi­at von Rabe erfah­ren (sie­he Wei­te­re Kom­men­ta­re zu Anne Rabes Buch: Eine Mög­lich­keit aber kein Glück). Dass Anet­ta Kaha­ne und Ines Gei­pel gelo­gen haben (oder extrem unwis­send sind), wenn sie behaup­ten, der Holo­caust sei im Osten nicht vor­ge­kom­men, habe ich schon in Der Ossi und der Holo­caust bespro­chen. Zum (fast) nicht vor­han­de­nen Anti­se­mi­tis­mus in der DDR hat die Jüdin Danie­la Dahn viel geschrie­ben. Man­ches ist auch im Holo­caust-Post erwähnt. Ande­re Sachen bespre­che ich im Post über die Aus­stel­lung über jüdi­sches Leben in der DDR, die vom jüdi­schen Muse­um orga­ni­siert wurde.

Ich habe diver­se Inter­views mit Anne Rabe gele­sen und in einem Inter­view von Cor­ne­lia Geiß­ler von der Ber­li­ner Zei­tung steht:

Auch der His­to­ri­ker Patri­ce G. Pou­trus, der eher Osch­manns Gene­ra­ti­on ange­hört, hat beob­ach­tet, dass Rech­te und Rechts­extre­me im Osten auf ein fes­tes natio­na­lis­ti­sches Welt­bild trafen.

Geiß­ler, Cor­ne­lia. 2023. Anne Rabe: „Es reicht nicht, die DDR immer nur vom Ende her zu erzäh­len“. Ber­li­ner Zei­tung.

Ich bin ja immer bereit, Neu­es zu ler­nen und dach­te mir: „Gut, mal gucken, was der His­to­ri­ker Pou­trus her­aus­ge­fun­den hat.“ Als ers­tes: Kur­zer Chek: Er ist aus dem Osten. Also gut, mal gucken. Bei der Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung habe ich einen Auf­satz von ihm gefun­den, den er gemein­sam mit Jan C. Beh­rends und Den­nis Kuck ver­fasst hat: His­to­ri­sche Ursa­chen der Frem­den­feind­lich­keit in den neu­en Bun­des­län­dern.

Zwei­ter Check: Wiki­pe­dia­ein­trag zu Patri­ce G. Pou­trus.

Anschlie­ßend arbei­te­te er als haupt­amt­li­cher FDJ-Funk­tio­när erst im VEB Werk für Fern­seh­elek­tro­nik und dann in der FDJ-Bezirks­lei­tung Ber­lin. 1988 leg­te er sein Abitur an der Abend­schu­le der Volks­hoch­schu­le Ber­lin-Trep­tow ab. 1989 wur­de er zum Fern­stu­di­um der Geschichts­wis­sen­schaf­ten an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin zugelassen.

Nun ja, nun ja. Ein FDJ-Sekre­tär, der sich für ein Geschichts­stu­di­um bewor­ben hat. In der DDR. Fächer wie Geschich­te und Phi­lo­so­phie stu­dier­ten in der DDR nur die rötes­ten Socken. Für mich fällt Pou­trus damit in eine Grup­pe mit Gei­pel (Vater IM für ter­ro­ris­ti­sche Anschlä­ge auf BRD-Gebiet), Kaha­ne (Vater ND-Chef­re­dak­teur, sie selbst IM, die aktiv jüdi­sche Freun­de ver­ra­ten hat) und Rabe (Funk­tio­närs­kind): ehe­ma­li­ge rote Socken bzw. Funk­tio­närs­kin­der, die auf die ande­re Sei­te vom Pferd gefal­len sind. Der Punkt ist: Als belas­te­ter Mensch darf man auf kei­nen Fall irgend­et­was Gutes an dem fin­den, was man hin­ter sich gelas­sen hat, denn ande­re könn­ten ja dann den­ken, man sei immer noch „so einer“.

Rote Ver­gan­gen­heit allein bedeu­tet nichts. Men­schen kön­nen sich ändern. Ad homi­nem-Argu­men­te sind in der nor­ma­len Wis­sen­schaft unzu­läs­sig. Aber irgend­wie scheint mir hier doch ein Mus­ter vor­zu­lie­gen und es geht bei gesell­schaft­lich rele­van­ten Aus­sa­gen eben doch dar­um, wer spricht. Die ech­ten Argu­men­te zu Pou­trus kom­men in den nun fol­gen­den Abschnit­ten. Die gegen Kaha­ne und Gei­pel habe ich bereits in Holo­caust-Post vor­ge­bracht. Die gegen Rabe in den bei­den zu Beginn zitier­ten Blog-Posts und auch ver­mischt mit dem, was jetzt kommt.

Jugendliche Rechtsextremisten in Jugendtreffs

Ich gehe den Text von Pou­trus, Beh­rends & Kuck ein­fach mal der Rei­he nach durch. Die Autoren schreiben:

Trotz Ver­ein­heit­li­chungs­ten­den­zen und inter­na­tio­na­ler Ver­net­zung in der rech­ten und Skin­head-Sze­ne sind deut­li­che Unter­schie­de zwi­schen der Situa­ti­on in Ost- und West­deutsch­land zu beob­ach­ten. Kenn­zeich­nend ist nicht nur die ’star­ke Domi­nanz jugend­li­cher Rechts­extre­mis­ten’ in den Jugend­treffs ver­schie­de­ner ost­deut­scher Brenn­punk­te, son­dern die inzwi­schen erreich­te vor­aus­set­zungs­lo­se Gewaltbereitschaft.

Pou­trus, Patri­ce G., Beh­rends, Jan C. & Kuck, Den­nis. 2002. His­to­ri­sche Ursa­chen der Frem­den­feind­lich­keit in den neu­en Bun­des­län­dern. Aus Poli­tik und Zeit­ge­schich­te.

Hier­zu möch­te ich der geneig­ten Leser*in fol­gen­des Video ans Herz legen:

Der Bei­trag zeigt einen Jugend­club in Cott­bus, in dem sich Rechts­ra­di­ka­le tref­fen. Sie wer­den dort vom CDU-Innen­mi­nis­ter Jörg Schön­bohm besucht, der die Jugend­li­chen pri­ma fin­det (12:30). Die Fami­lie Schön­bohm floh 1945 in den Wes­ten. Schön­bohm war Gene­ral­leut­nant in der Bun­des­wehr und Lan­des­vor­sit­zen­der der CDU Bran­den­burg. Auch sieht man im Video, dass die Nazi-Par­tei Deut­sche Alter­na­ti­ve, die in Bran­den­burg aktiv war, von Men­schen aus dem Wes­ten auf­ge­baut wur­de (11:25). Rabe schreibt dazu auch an eini­gen Stel­len etwas und stellt den Ein­fluss von West-Nazis und West­po­li­ti­kern in Fra­ge. Ihre Aus­sa­gen im Buch zum Bei­spiel bzgl. Lich­ten­ha­gen sind ein­fach falsch. Zu die­ser Dis­kus­si­on sie­he Wei­te­re Kom­men­ta­re zu Anne Rabes Buch: Eine Mög­lich­keit aber kein Glück.

Nationalstolz

Die Autoren argu­men­tie­ren, dass die DDR einen Natio­nal­stolz zu eta­blie­ren ver­sucht habe, der dann spä­ter in den jetzt zu beob­ach­ten Natio­na­lis­mus umge­schla­gen sei. Im Fol­gen­den möch­te ich eini­ge Berei­che unter­su­chen, aus die man hät­te stolz sein kön­nen oder sollen.

Sport

Die Staats­füh­rung woll­te, dass wir stolz auf unser Land sind. Ver­ständ­lich. Sie woll­te, dass wir gern dort leben und nicht bei der erst­bes­ten Gele­gen­heit abhau­en. Aber hat das irgend­wie geklappt? Ich bin ja fast noch nach­träg­lich stolz auf die DDR gewor­den, als ich ges­tern gese­hen habe, wie gigan­tisch die Last war, die die Gene­ra­ti­on mei­ner Eltern und Groß­el­tern gestemmt hat: Repa­ra­ti­ons­leis­tun­gen und Wie­der­auf­bau (sie­he Wei­te­re Kom­men­ta­re zu Anne Rabes Buch: Eine Mög­lich­keit aber kein Glück). Aber zu DDR-Zei­ten war ich nicht stolz auf die DDR und kann­te außer andert­halb Sta­si-Kin­dern wahr­schein­lich auch nie­man­den, der stolz war. Die DDR hat es ver­sucht. Mit Sport. Kata­ri­na Witt war super. Ich habe sie als Kind beim Schau­lau­fen gese­hen. Im Frei­zeit­zen­trum im Fried­richs­hain. Beim Kin­der­schau­lau­fen. Sie war ein Schlumpf. Wahr­schein­lich so 14 Jah­re alt. Spä­ter hing in jedem Klas­sen­raum ein Bild von ihr. Im FDJ-Hemd. Sie war Mit­glied der Volks­kam­mer. Sie kann­te Bryan Adams und hat­te dafür gesorgt, dass er zu einem Kon­zert nach Ber­lin kam.

Sie ließ es sich nicht neh­men, ihn anzu­kün­di­gen. Vor 65.000 Men­schen. Sie haben sie aus­ge­buht.1 Die Gold-Käthe hat es nicht ver­stan­den. Wo kam nur die­se Abnei­gung her? Sie hat­te doch alles gewon­nen, was man gewin­nen konn­te? Für die FDJ, für Erich Hon­ecker, für ihr Land. Wir moch­ten sie nicht.

Nach der Wen­de hat sie das Land ver­las­sen. Wie man dem fol­gen­den Video ent­neh­men kann, hat sie heu­te noch nicht ver­stan­den, war­um wir sie nicht mochten.

San­dow hat sogar ein Lied über die Kon­zer­te damals (mit Bruce Springsteen) und über unse­ren Stolz auf Katha­ri­na Witt geschrieben:

Wir bau­en auf und tape­zi­ern nicht mit

Wir sind sehr stolz auf Katha­ri­na Witt

Katha­ri­na was born

Born in the GDR.

San­dow: Born in the GDR. 1989

Betriebe

Mei­ne Mut­ter hat Betriebs­be­sich­ti­gun­gen orga­ni­siert. (Für die, die es nicht erlebt haben: Ein Groß­teil des kul­tu­rel­len Lebens fand in der DDR auch über die Betrie­be statt. Musik, Aus­flü­ge usw. Frei­geis­ter fan­den das doof. Die­se kleb­ri­ge Enge. Aber das war alles weg, als nach der Wen­de die Arbeits­lo­sig­keit kam. Per­sön­li­che Bin­dun­gen weg, Arbeit weg, Kul­tur weg. Es blieb nur ein Trüm­mer­hau­fen.) Jeden­falls habe ich eine Licht­lei­ter­fa­brik, eine Fabrik von Stern­ra­dio, ein Kugel­la­ger­werk besich­tigt. Ich dach­te, dass eine Licht­lei­ter­fa­brik etwas Hoch­mo­der­nes sein müss­te. Es war eine klei­ne Klit­sche mit Maschi­nen aus den 70er Jah­ren. Die Kugel­la­ger­fa­brik funk­tio­nier­te. Ich fand es lus­tig, dass die fer­ti­gen Kugel­la­ger­rol­len auf Schie­nen durch die Hal­le roll­ten. Die Fer­ti­gungs­an­la­ge für Stern­ra­dio wur­de aus Schwe­den impor­tiert. Coo­les Zeug. Nest­bau­wei­se. Wir konn­ten sehen, wie die Schalt­krei­se auf die Pla­ti­nen kamen usw. Die Takt­stra­ße stand in einem alten Fabrik­ge­bäu­de. Die Stern­re­cor­der – muss wohl der SKR 700 gewe­sen sein – wur­den ganz oben pro­du­ziert. Wenn sie fer­tig waren schweb­ten sie am För­der­band ins Trep­pen­haus, wo sie dann ins Erd­ge­schoss hin­ab­ge­las­sen wer­den soll­ten. Das Abbrem­sen der Recor­der im Trep­pen­haus funk­tio­nier­te nicht, so dass eine gro­ße Anzahl der Recor­der sechs Stock­wer­ke in die Tie­fe stürz­te. 1540 Mark ein­fach futsch. Pfusch. Soll­te ich dar­auf stolz sein?

Ich bin in Buch auf­ge­wach­sen. In den Neu­bau­ten. Es gab die alten Neu­bau­ten, die Neu­bau­ten und die neu­en Neu­bau­ten. Ich konn­te dabei zuse­hen, wie Tei­le der Neu­bau­ten und der neu­en Neu­bau­ten ent­stan­den. Die Bau­stel­len stan­den oft Mona­te lang still, weil Mate­ri­al fehl­te. Die Bau­ar­bei­ter saßen in den Bau­wa­gen davor. Soll­te ich dar­auf stolz sein? Es gab Woh­nungs­not. Spä­ter im Wes­ten habe ich mich dar­über gewun­dert, wie schnell man Häu­ser bau­en konnte.

1987 war ich für drei Wochen im Braun­koh­le­werk Espen­hain. Die Schwe­le­rei war zuge­fro­ren und das Werk hat­te die Armee um Hil­fe gebe­ten. Die Kom­pa­nie vor uns hat­te die Schwe­le­rei vom Eis befreit, so dass die För­der­bän­der wie­der lie­fen. Wir waren nur noch zur Sicher­heit dort im Ein­satz. Ich erin­ne­re mich genau dar­an, wie wir hin­ge­fah­ren sind. Wir saßen auf einem Las­ter, ich war ein­ge­schla­fen. Irgend­wann bin ich auf­ge­wacht, hab einen kur­zen Blick nach drau­ßen gewor­fen und wuss­te: Wir sind da. Der Schnee war schwarz. Ich habe in der Nacht­schicht gear­bei­tet und mei­ne Auf­ga­be war es, ab und zu an ein Rohr einer Fil­ter­an­la­ge zu klop­fen, damit die Asche in einen mit Was­ser gespül­ten Kanal fiel, denn die Klap­pe dafür ver­klemm­te sich ab und zu. Es gab För­der­bän­der über die Koh­le­bri­ketts aus den Koh­le­pres­sen in Bahn­wag­gons trans­por­tiert wur­de. Die Bri­ketts kamen aus der Pres­se über Dop­pel-T-Trä­ger aus Stahl. Die Trä­ger waren so abge­nutzt, dass in der Mit­te das Metall weg war. Des­halb ver­klemm­te sich ab und zu Koh­le, sie plopp­te raus und fiel neben die Trä­ger. Unse­re Auf­ga­be war es, die Koh­le auf die Bän­der zu schip­pen. Ein Ange­stell­ter erzähl­te uns, dass das nor­ma­ler­wei­se „die Rus­sen“ machen. Die T‑Träger befan­den sich in der Höhe von 2 bis 3 Metern. Wenn dann so viel Koh­le run­ter­ge­fal­len war, dass sie in die Höhe der T‑Träger kam, wur­den die „Freun­de“ geru­fen und schipp­ten das alles in einem Rutsch weg. Aber da wir nun schon mal da waren, konn­ten wir das auch erledigen. 

Wenn es reg­ne­te, sah man die Pfüt­zen nicht. Der Staub lager­te sich auf ihnen ab.

Das Werk Espen­hain wur­de 1937 von den Nazis gebaut. Schon kriegs­si­cher in red­un­dan­ter Dop­pelt­aus­füh­rung: zwei glei­che Kraft­wer­ke nebeneinander.

Nach dem Koh­le­ein­satz beka­men wir drei Tage ver­län­ger­ten Kurz­ur­laub (VKU). Ich habe jeden Tag geba­det. Die Koh­le war noch lan­ge in den Poren. (Nicht, dass wir in Espen­hain nicht geduscht hät­ten. Das hat nur nicht viel geholfen.)

Soll­te ich auf Espen­hain stolz sein? Das war ein kom­plett run­ter­ge­rock­tes Kraftwerk!

Das steht hier­zu in Wikipedia:

In den 1960er Jah­ren waren die Anla­gen im Zusam­men­hang mit der Wirt­schafts­ori­en­tie­rung auf die Erd­öl­che­mie mas­siv auf Ver­schleiß gefah­ren wor­den. Als Anfang der 1970er Jah­re die Koh­le­che­mie wie­der an Bedeu­tung gewann, wur­de die Pro­duk­ti­on in den ver­schlis­se­nen Anla­gen auf maxi­ma­le Leis­tung gestei­gert. Dadurch und durch nicht vor­han­de­ne Inves­ti­tio­nen im Bereich des Umwelt­schut­zes stie­gen die Schad­stoff­emis­sio­nen in Luft und Was­ser sehr stark an. Über dem Ort und sei­ner Umge­bung lag immer eine Wol­ke von Phe­no­len, Schwe­fel, Ruß und Asche. Der hohe Schad­stoff­aus­stoß mach­te es erfor­der­lich, jeden Mor­gen Stra­ßen und Geh­we­ge zu keh­ren, da sich eine dicke Asche­schicht nie­der­ge­las­sen hat­te. Eini­ge Ein­woh­ner berich­ten, dass gele­gent­lich die Son­ne hin­ter Asche­wol­ken ver­schwand und dass Autos tags­über mit Licht fah­ren muss­ten. Die gesund­heit­li­chen Aus­wir­kun­gen auf die Ein­woh­ner der Stadt waren ver­hee­rend. Die Lebens­er­war­tung lag infol­ge­des­sen eini­ge Jah­re unter dem lan­des­wei­ten Durch­schnitt. Vor allem Kin­der lit­ten stark unter den auf­tre­ten­den Haut- und Atem­wegs­er­kran­kun­gen, wie z. B. Ekze­men und chro­nisch-obstruk­ti­ver Lun­gen­er­kran­kung (COPD). Auch heu­te noch sind vie­le Ein­woh­ner von Spät­fol­gen betroffen

Wiki­pe­dia-Ein­trag zu Espen­hain. 24.02.2024

Im Kon­sum des Wer­kes gab es Schnaps für 60 Pfen­nig (Wiki­pe­dia sagt 1,12 M) die Fla­sche (Brau­se­fla­sche). Der wur­de Kum­pel­tod genannt. Berg­leu­te und Leu­te in den Kraft­wer­ken wur­den exklu­siv damit ver­sorgt. Ich hab das nicht getrun­ken. Viel­leicht bin ich dar­auf stolz …

In den Nach­rich­ten wur­de der 1‑Me­ga­bit-Chip gefei­ert. Soll­te ich dar­auf stolz sein? Freun­de hat­ten West-Com­pu­ter, ich arbei­te­te an Ost-Com­pu­tern. Ich wuss­te, wo wir standen. 

Alle wuss­ten es. Es gab Wit­ze: „Ein Japa­ner kommt in die DDR und reist durchs Land. Kurz vor sei­ner Abrei­se wird er gefragt, was er am bes­ten fand. Die Ant­wort: ‚Die gan­zen Muse­en: Per­ga­mon, Robo­tron, Pen­t­a­con.’“ (Neben­be­mer­kung: Das bedeu­tet nicht, dass alles Schrott war. Es gab neu errich­te­te Wer­ke, gut funk­tio­nie­ren­de Wer­ke, es gab Boden­schatz­vor­kom­men, die ergie­bi­ger waren als die im Wes­ten (Kali). Das alles konn­te man in einem Film über die Treu­hand sehen, der aber lei­der pri­va­ti­siert wur­de … (Auf you­tube auf pri­vat gestellt wurde.))

Ich war nicht stolz auf die DDR. Ich war auch nicht stolz Deut­scher zu sein. Wir hat­ten gelernt, dass Natio­na­lis­mus das Wur­zel allen Übels war. Ich bin nach der Wen­de noch jah­re­lang zusam­men­ge­zuckt, wenn jemand „Deutsch­land“ gesagt hat, und wür­de die­ses Wort auch heu­te noch ger­ne nicht verwenden.

Die Autoren schreiben:

Hilf­los gegen­über der All­ge­gen­wart des West­fern­se­hens und der wirt­schaft­li­chen Über­le­gen­heit der Bun­des­re­pu­blik, ver­such­te die Par­tei eher durch den Ver­gleich mit den sozia­lis­ti­schen Bru­der­län­dern, den Ver­weis auf die eige­ne Spit­zen­stel­lung (hin­ter der Sowjet­uni­on), Punk­te zu sam­meln. Ins­be­son­de­re in Kri­sen­si­tua­tio­nen war die Par­tei­füh­rung auch bereit, unge­niert anti­pol­ni­sche Ste­reo­ty­pe (‘pol­ni­sche Wirt­schaft’) zu bedienen

Es stimmt, dass wir wuss­ten, dass wir die Bes­ten der Abge­häng­ten waren. Noch vor der Sowjet­uni­on. Ich war 1984 in Polen und 1988 in Rumä­ni­en und die Ver­sor­gung dort war unglaub­lich schlecht. Aber ich dach­te: Puh, da haben wir aber Glück. Und muss ja, weil wir das Schau­fens­ter waren (sie­he Bana­nen im Post Wei­te­re Kom­men­ta­re zu Anne Rabes Buch: Eine Mög­lich­keit aber kein Glück). Stolz war ich dar­auf nicht. Die Sache mit den Polen stimmt. Das ging gegen Soli­dar­ność.

Wor­auf war ich stolz, wor­auf konn­te ich stolz sein? Auf mei­ne eige­nen Erfol­ge im Sport? Im Schach? In Mathe­ma­tik­olym­pia­den? Ja. 

Auf unse­re Täte­rä­tä – wie Man­fred Krug sie nann­te – stolz zu sein, wäre mir nie im Traum ein­ge­fal­len. Das war bei FDJ-Funk­tio­nä­ren und bei Sach­sen viel­leicht anders.2

Nationalismus und Rassismus

Nationalismus

Zum Natio­na­lis­mus schrei­ben die Autoren:

In der ‘patrio­ti­schen Erzie­hung’ der DDR wur­den Begrif­fe wie ‘Hei­mat­lie­be’ oder ‘Stolz auf die Errun­gen­schaf­ten’ der DDR mit sozia­lis­ti­scher Ideo­lo­gie auf­ge­la­den. ‘Sozia­lis­ti­scher Patrio­tis­mus’, das hieß unver­brüch­li­che Freund­schaft zur Sowjet­uni­on, Lie­be zur SED und Ver­eh­rung für die Par­tei­füh­rung und Soli­da­ri­tät mit den ‘unter­drück­ten’ Völ­kern der Welt. Uns erscheint aber zwei­fel­haft, ob die Bevöl­ke­rungs­mehr­heit all die­se Impli­ka­tio­nen nach­voll­zog oder ob nicht eher nach der prä­gen­den Kraft dahin­ter­ste­hen­der tra­dier­ter Denk­struk­tu­ren, näm­lich der kri­tik­lo­sen Über­hö­hung des Eige­nen und der exklu­si­ven Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem eige­nen Kol­lek­tiv zu fra­gen ist. Beruh­te die­se ‘ima­gi­ned com­mu­ni­ty’ (Bene­dict Ander­son) also auf genau jenen Mecha­nis­men, die für das Gefühl und das Erleb­nis, einer eth­nisch defi­nier­ten ‘Nati­on’ anzu­ge­hö­ren, typisch sind? Eini­ge fach­spe­zi­fi­sche For­schungs­er­geb­nis­se wei­sen in die­se Rich­tung: Die bil­dungs­ge­schicht­li­che Stu­die von Hel­ga Mar­bur­ger und Chris­tia­ne Grie­se attes­tiert der DDR-Päd­ago­gik einen star­ken Homo­ge­ni­sie­rungs­druck nach innen. ‘Das Eige­ne war kol­lek­ti­ves Eige­nes und als sol­ches streng genormt.’

Hm. Ja. Viel­leicht. Aber ist jetzt das DDR-Sys­tem schuld dar­an, dass es woll­te, dass die Bevöl­ke­rung die­ses Land lieb­te und da blieb, statt bei der nächst­bes­ten Gele­gen­heit in den Wes­ten zu ver­schwin­den? Die exklu­si­ve Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem eige­nen Kol­lek­tiv gehör­te sicher nicht zu den „dahin­ter­ste­hen­den tra­dier­ten Denk­struk­tu­ren“, denn uns wur­de immer der Wert der Völ­ker­freund­schaft bei­gebracht. Inter­na­tio­na­le Soli­da­ri­tät. Im Kampf für eine bes­se­re Welt, ohne Aus­beu­tung usw.

Wei­ter:

Loh­nend ist in die­sem Zusam­men­hang ein Blick auf das Ver­hält­nis der Sta­si zu den auch in der DDR exis­ten­ten Skin­head­grup­pen. In den Sta­si-Akten zum Skin­head­über­fall auf die Zions­kir­che von 1987 wird deut­lich, wie stark die Denk­sche­ma­ta der Ermitt­ler durch­ein­an­der gerie­ten. Waren doch die Opfer – Ziel des Über­falls war ein Punk­kon­zert – durch ihren Non-Kon­for­mis­mus bis dahin selbst Objekt von Beob­ach­tung und Ver­fol­gung der Sicher­heits­or­ga­ne, weil ihre Ein­stel­lung als sys­tem­feind­lich galt. Was die rech­ten Schlä­ger betrifft, so rei­chen die Akten über rechts­extre­me Vor­fäl­le bis 1978 zurück. Gleich­wohl pass­te die ‘faschis­ti­sche’ Ori­en­tie­rung die­ser Täter­grup­pe nicht in das Ras­ter der klas­sen­kämp­fe­risch geschul­ten Geheim­dienst­ler, hat­ten die Skins doch wesent­li­che ’sozia­lis­ti­sche Wer­te’ wie Arbeits­lie­be, Ord­nung, Sau­ber­keit und Bereit­schaft zum Mili­tär­dienst für sich ange­nom­men. Die­ses Bei­spiel ver­deut­licht die ’sozi­al-hygie­ni­schen’ Gemein­sam­kei­ten staats­so­zia­lis­ti­scher und rechts­extre­mer Leit­bil­der. Die­se Über­ein­stim­mung war es, die eine cou­ra­gier­te und offe­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Rechts­extre­mis­mus unmög­lich mach­te, wären damit doch die genann­ten Grund­wer­te der DDR und letzt­lich der beschrie­be­ne Herr­schafts­mo­dus der SED in Mit­lei­den­schaft gezo­gen worden.

Sor­ry. Das geht nicht auf als Argu­ment. Grup­pe 1 hat Wer­te A, B, C, D. Grup­pe 2 hat Wer­te A, B und X. War­um soll Grup­pe 1 nicht Grup­pe 2 wegen X bekämp­fen kön­nen? Wenn es Nazi-Musik gibt, lie­gen Straf­ta­ten vor, gegen die man vor­ge­hen kann. Ich hat­te Kas­set­ten in der Hand, auf denen Songs wie „Töte Dei­nen Nach­barn!“ und „Mein gol­de­ner Schlag­ring“ waren.

Übri­gens kann man den Sta­si-Unter­la­gen zum Vor­fall in der Zions­kir­che auch ent­neh­men, dass das Skin­heads aus West-Ber­lin dabei waren. Just saying.

Reisen

Zum The­ma „Frem­de und Aus­län­der in der DDR“ schrei­ben die Autoren:

Spä­tes­tens seit dem Mau­er­bau waren Aus­lands­rei­sen und inter­na­tio­na­le Mobi­li­tät aus dem All­tag der DDR ver­bannt. Nur weni­ge konn­ten sich pri­va­te Urlaubs­rei­sen etwa nach Bul­ga­ri­en oder Ungarn leis­ten. Besu­che im Wes­ten waren Aus­nah­men im Fal­le wich­ti­ger Fami­li­en­an­ge­le­gen­hei­ten. Für die Mehr­heit der DDR-Bür­ger war Rei­sen ein staat­lich gewähr­tes Pri­vi­leg. Die­sen ein­ge­schränk­ten Erfah­rungs­ho­ri­zont gilt es zu berück­sich­ti­gen, wenn man den Auf­ent­halt von Frem­den und Aus­län­dern in der DDR betrach­tet. Die staats­so­zia­lis­ti­sche Dik­ta­tur mit ihrem all­um­fas­sen­den Rege­lungs­an­spruch ‘offi­zia­li­sier­te’ jede Form und Gele­gen­heit des Kon­takts zu Frem­den, so wie sie das mit allen sozia­len Bezie­hun­gen zu ver­wirk­li­chen such­te. ‘Gesell­schaft’ im Sin­ne eines rela­tiv auto­no­men Bereichs sozia­ler Bezie­hun­gen und Insti­tu­tio­nen, wie er für bür­ger­lich-libe­ra­le Staa­ten typisch ist, soll­te es in der DDR nicht geben, und das galt auch und gera­de auf die­sem Gebiet. Kon­tak­te und Umgang außer­halb der staat­lich fest­ge­leg­ten Regeln waren nicht vor­ge­se­hen, ent­we­der expli­zit ver­bo­ten, zumin­dest aber uner­wünscht. Ange­hö­ri­ge unter­schied­li­cher Staats­an­ge­hö­rig­kei­ten soll­ten sich der SED-Ideo­lo­gie zufol­ge gewis­ser­ma­ßen daher immer als ‘Reprä­sen­tan­ten’ ihrer jewei­li­gen Staats­völ­ker, qua­si in diplo­ma­ti­scher Funk­ti­on, begeg­nen, nicht jedoch auf einer ‘Von-Mensch-zu-Mensch-Basis’. Das ein­an­der Akzep­tie­ren als ‘Men­schen wie du und ich’, als indi­vi­du­el­le Gäs­te und Gast­ge­ber, Durch­rei­sen­de und Ein­hei­mi­sche, als Zufalls­be­kannt­schaf­ten etc. wur­de dadurch von vorn­her­ein erschwert bzw. erfor­der­te bewuss­tes, eigen­sin­ni­ges Gegen­hal­ten — wofür es durch­aus Bei­spie­le gab! Die Bot­schaft der offi­zi­el­len Rege­lungs­wut war aber: ‘Staats­zu­ge­hö­rig­keit’ (und die mach­te sich prak­tisch an der Nati­ons­zu­ge­hö­rig­keit fest) ist emi­nent ‘wich­tig’, der Inter­na­tio­na­lis­mus stell­te die Vor­rang­stel­lung der Nati­on nie infrage .

Das hat mich eini­ger­ma­ßen ver­wun­dert. Denn ich war in Mos­kau, Car­l­o­vy Vary (Karls­bad)
Prag, Buda­pest, Brașov, Buka­rest, Sofia, Soso­pol, Var­na, War­schau und Puła­wy. An vie­len Orten war ich mehr­fach. Das Ein­zi­ge, was man bezah­len muss­te, war eine Zug­fahr­kar­te. Die war nicht teu­er. Lebens­mit­tel kos­te­ten genau so viel wie zu hau­se. Geschla­fen haben wir auf dem Zelt­platz. Ich war im Buce­gi-Gebir­ge wan­dern. Wir hat­ten Sei­fe und Kaf­fee mit. Bes­te Zah­lungs­mit­tel in Rumä­ni­en damals. Die Tour Berlin–Sosopol war der Stan­dard damals. Ich weiß noch, dass die Son­nen­schir­me in Soso­pol 3 Mark gekos­tet haben. Das haben wir uns nicht geleis­tet. Ein­mal hat­te ich Fie­ber, da muss­ten wir. Man hat unter­wegs die­sel­ben Leu­te in Prag und Buda­pest getrof­fen. Die Rei­sen fan­den zwi­schen 1984 und 1989 statt. Ich war jung und hat­te kein Geld. Es ging dennoch.

Von der Schu­le aus war ich in Mos­kau, Car­l­o­vy Vary und Polen (Puła­wy, War­schau, Ausch­witz). Das ent­spricht dem, was die Autoren geschrie­ben haben: Wir waren in diplo­ma­ti­scher Funk­ti­on dort. Ich bin auch Ehren­pio­nier der Sowjet­uni­on gewor­den, was mir spä­ter in mei­ner Zeit als Kanz­ler­kan­di­dat der Par­tei Die PARTEI sehr hel­fen soll­te (sie­he Kor­rek­tur Lebens­lauf).

Ste­fan Mül­ler, Pro­fes­sor für deut­sche Syn­tax an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin und Direkt­kan­di­dat der Par­tei Die PARTEI für den Wahl­kreis 242 Erlan­gen für die Bun­des­tags­wahl 2021, 09.08.2021, Bild: Arne Rein­hardt CC-BY.

Ich brauch­te kei­ne rote Kra­wat­te mehr zu kau­fen, son­dern habe ein­fach das rote Hals­tuch genom­men, das noch im Kel­ler lag. (Oh, gehö­re ich jetzt zu einer Grup­pe? Bin ich mit­schul­dig gewor­den? Im Sin­ne der Blut­schuld, die Anne Rabe ver­tritt?) Der Rest der Rei­sen waren Individualreisen.

Nun kann man ein­wen­den, dass ich und die ande­ren Men­schen, die ich kann­te, nicht reprä­sen­ta­tiv für die DDR war. Schließ­lich war ich Abitu­ri­ent und die Anzahl der Abiturient*innen war ins­ge­samt eher gering. Zwei Schüler*innen in einer Klas­se mit 30–31 Schüler*innen. Peer, ein Schul­freund, der auch mit in Mos­kau war, hat die­sen Ein­wand auch sofort gebracht. Da er aber auch die bes­te Such-Maschi­ne der Welt ist, hat er ihn dann auch gleich ent­kräf­tet. Und zwar so richtig.

Eine Mel­dung aus dem Jah­re 1989 kün­digt den neu­en inter­na­tio­na­len Jugend­her­bergs­aus­weis an. 

SED-Zen­tral­or­gan Neu­es Deutsch­land vom 13.01.1989

Da die­ser Aus­weis damals neu war, gab es das vor­her noch nicht. Aber immer­hin zeigt das schon mal, dass die Aus­sa­ge der Autoren nicht rich­tig sein kann. Es geht expli­zit um Indi­vi­du­al­rei­sen, güns­ti­ge Indi­vi­du­al­rei­sen ins Ausland.

Aber auch schon 1976 gab es Indi­vi­du­al­rei­sen nach Ungarn. Mit dem Bus.

Neue Zeit, 10.07.1976, S. 11

Im Arti­kel steht, dass Pri­vat­quar­tie­re am Bala­ton ver­mit­telt wer­den. Das passt nicht zu den Anga­ben der Autoren. Staat­lich orga­ni­sier­te Indi­vi­du­al­rei­sen. Unter­stüt­zen­der geht es nicht.

Es gibt einen Zeit­zeu­gen­be­richt über Mög­lich­kei­ten für Urlaubs­rei­sen der DDR-Bür­ger ins Aus­land.

Peer hat auch Anzei­gen für Fahr­ten ins Aus­land gefunden:

Neue Zeit, 16.12.1987, S. 6

Peer merkt an:

Dass man nicht alles glau­ben soll­te, was in Zei­tun­gen steht oder gar in DDR-Zei­tun­gen stand, gilt hier natür­lich auch. Aber es wäre kei­ne pro­pa­gan­dis­ti­sche Glanz­leis­tung, eine Nach­fra­ge bzw. ein Bedürf­nis nach Aus­lands­rei­sen zu wecken, das man eigent­lich ver­hin­dern wollte.

Peer auf Mast­o­don, 21.04.2024

Den Punkt „Ossis haben noch nie ande­re Men­schen gese­hen.“ kön­nen wir also getrost abhaken.

Jugend-Feldbettspiele

Die Autoren schreiben:

Tat­säch­li­cher Kon­takt der Bür­ger mit Aus­län­dern stell­te für die SED-Dik­ta­tur dage­gen ein Sicher­heits­ri­si­ko dar. So unter­la­gen auch die weni­gen inter­na­tio­na­len Ver­an­stal­tun­gen wie die ‘Welt­fest­spie­le der Jugend und Stu­den­ten’ im Som­mer 1973 oder die ‘Fes­ti­vals des poli­ti­schen Lie­des’ poli­ti­scher Kontrolle.

Hey, war­te mal. Auch das habe ich anders gehört. Es gab nach dem Fes­ti­val vie­le inter­na­tio­na­le Kin­der. Es war ein Fest der Völ­ker­freund­schaft. Soll­ten die Orga­ne des Inne­ren so ver­sagt haben und kom­plett die Kon­trol­le über die äuße­ren Orga­ne ver­lo­ren haben? Das Fes­ti­val der Jugend war unser sum­mer of love.

Das schreibt der Tages­spie­gel dazu:

Das eigent­li­che Fes­ti­val fin­det nicht in den Bars oder Klubs statt, son­dern unter frei­em Him­mel. Zehn­tau­sen­de von Jugend­li­chen kam­pie­ren in den Grün­an­la­gen der Ost-Ber­li­ner Innen­stadt. Das bleibt nicht ohne Fol­gen. Das Fes­ti­val zei­tigt Fes­ti­val-Ehen und Fes­ti­val-Kin­der, und im Volks­mund hei­ßen die Jugend-Welt­fest­spie­le bald Jugend-Feldbettspiele.

Gold­mann, Sven. 2013. Welt­fest­spie­le der Jugend 1973: Love & Peace in Ost-Ber­lin. Tages­spie­gel. Ber­lin.

Es waren 8 Mil­lio­nen Men­schen in der Stadt. Es war die Höl­le los. Der Tages­spie­gel beschreibt auch die Maß­nah­men der Sta­si, aber die Ver­brü­de­rung bzw. Ver­schwes­terung oder Ver­menschung der 8 Mil­lio­nen konn­te und soll­te nicht ver­hin­dert wer­den. Alle spra­chen offen. Sogar mit den Typen von der CDU.

Vertragsarbeiter

Was stimmt, ist, dass man die Ver­trags­ar­bei­ter eigent­lich nicht gese­hen hat und zu den Sowjet­sol­da­ten hat­te man im Prin­zip auch kei­nen Kon­takt. Ich hat­te mal „diplo­ma­ti­schen“ Kon­takt, weil wir bei unse­ren Freun­den in ihrer Kaser­ne waren und Schach gespielt haben. Ich habe gewon­nen. Gere­det haben wir nicht viel. Wohl eher, weil mein Rus­sisch zu schlecht war. Als Schü­ler habe ich bei Ber­nau Erd­bee­ren gepflückt. Da waren auch ein paar Sowjet­sol­da­ten. Ich habe geges­sen und gepflückt, sie haben nur gepflückt. Sie waren unglaub­lich schnell. Gere­det haben wir nicht. Über „Меня зовут Стефан.“ wäre ich auch nicht hin­aus­ge­kom­men und viel­leicht hät­ten sie auch Ärger bekom­men. Bei mei­ner Frau an der Burg Gie­bi­chen­stein in Hal­le haben Kuba­ner, Viet­na­me­sen, Tsche­chen und Bul­ga­ren stu­diert. Es gab Ver­trä­ge mit den jewei­li­gen Ländern.

Dass es Kon­flik­te und ras­sis­ti­sche Vor­fäl­le mit den Vertragsarbeiter*innen in den Betrie­ben gab, kann ich mir vor­stel­len. Auch dass die­se ver­tuscht wur­den, weil nicht sein konn­te, was nicht sein darf. Aber dass die­se eben nicht sein durf­ten, war die offi­zi­el­le Staats­li­nie. Das war der Anspruch. Der Ras­sis­mus war nicht etwas, was den DDR-Bürger*innen bei­gebracht wur­de. Als Beleg möge die fol­gen­de Sei­te aus Bum­mi für Eltern 1/1981 gelten:

Bum­mi für Eltern 1/1981. Bericht über Lenin-Denk­mal und befreun­de­te Natio­nen, Län­der, in denen Urlaub gemacht wur­de, und ein Bild von einem befreun­de­ten Schwar­zen Mann mit dem Kind der Autorin auf dem Arm. 

Das Stück ist ein­deu­tig ein Pro­pa­gan­da­text. Es geht um den guten Men­schen Lenin. Dann geht es um Urlaub im Aus­land (erneut ein Wider­spruch zu den Behaup­tun­gen der Autoren) und um ihren Freund aus Afri­ka. Auch wenn die­se Tex­te viel­leicht nicht vie­le gele­sen habe, schon gar nicht bis zu der Stel­le nach Lenin, so ist die Aus­sa­ge des Bil­des doch klar. Die Men­schen aus Afri­ka sind lieb. Sie tra­gen unse­re Kin­der. Papi war ein Jahr dort und hat ihnen gehol­fen und jetzt stu­diert Ibrahi­ma hier. Geht so Ras­sis­mus? Ich bin nicht zum Ras­sis­mus erzo­gen wor­den, son­dern zu Völ­ker­freund­schaft und Ver­stän­di­gung. Und zwar vom Kin­der­gar­ten bis zum Unter­gang der DDR.

Mit der Zuspit­zung der Ver­sor­gungs­kri­se der DDR Ende der acht­zi­ger Jah­re hiel­ten die Schlag­wor­te ‘Schmug­gel’ und ‘Waren­ab­kauf’ durch Aus­län­der Ein­zug in die gesteu­er­ten DDR-Medi­en, ver­such­te die SED doch auf die­sem Wege von ihrer ver­fehl­ten Wirt­schafts­po­li­tik abzu­len­ken. Die im Band Aus­land DDR ver­öf­fent­lich­te Leser­brief­samm­lung der Ber­li­ner Zei­tung aus der Zeit des Mau­er­falls zeigt, wel­che Blü­ten die Frem­den­feind­lich­keit bereits weit vor der Ein­heit getrie­ben hat­te. Sie bie­tet ein Pan­ora­ma aus beson­ders anti­pol­ni­schen Vor­ur­tei­len (‘arbeits­scheu’, ‘faul’), Aus­ver­kaufs- und Über­frem­dungs­ängs­ten (‘wol­len wir etwa eine Misch­ras­se?’), aber auch weni­gen mah­nen­den Stimmen . 

Das kann sein. Und wenn die­se Bot­schaf­ten wirk­lich über die DDR-Medi­en ver­brei­tet wor­den sind, dann ist auch wirk­lich die DDR-Füh­rung dafür ver­ant­wort­lich zu machen. Ansons­ten ist die Tat­sa­che, dass eine bestimm­te Fra­ge in der Leser­brief­samm­lung vor­kam noch nicht viel wert, denn es geht ja dar­um, den höhe­ren Grad an Ras­sis­mus und Frem­den­feind­lich­keit in der DDR zu erklä­ren. Und die­se Stim­men hät­te man wohl im Wes­ten mit sei­ner unge­bro­che­nen Nazi-Tra­di­ti­on3 auch fin­den kön­nen. Ich erin­ne­re nur an Horst See­ho­fer, der den Ver­fas­sungs­schutz­be­richt über die Ein­stu­fung der AfD als rechts­extre­me Par­tei hat ändern las­sen, weil die CSU zum Teil die­sel­ben Sprü­che klopft, wie die AfD (Süd­deut­sche, 21.01.2022).

Der nationalistische Taumel der Wiedervereinigung

Ganz zum Schluss, im Fazit, wird das ange­spro­chen, was ich für den eigent­li­chen oder zumin­dest den wich­tigs­ten Grund hal­te.4 Im Fazit steht das wich­tigs­te Wort: Wie­der­ver­ei­ni­gungs­eu­pho­rie. Das ist der Punkt. Kohl kam nach Dres­den. Er schwamm in einem Meer aus Fah­nen. Ein natio­na­lis­ti­scher Tau­mel. Vom Wes­ten gewollt und geför­dert. Die tau­mel­ten drü­ben genau­so. Viel­leicht ist es zu ein­fach, aber wir haben das damals gesehen. 

Men­schen, die ihren Kopf in der Hand hal­ten. Ein Hit­ler­kopf liegt am Stra­ßen­rand. Der Him­mel ist schwarz. Jan Pautsch, 1989

Wir hat­ten Angst davor. 

Dank ich an angst in der nacht Herz­li­chen Glück­wunsch zur Wiedervereinigung

Deutsch­tü­me­lei! Natio­na­lis­mus! Das kam von der Bun­des­re­gie­rung. Nicht in Ber­lin. In Ber­lin wur­de Kohl ausgebuht. 

In Sach­sen wur­de er mit offe­nen Armen emp­fan­gen. Er hat den Ossis blü­hen­de Land­schaf­ten ver­spro­chen. Von Oskar Lafon­taine, des­sen Herz links schlug, und der damals Kanz­ler­kan­di­dat der Par­tei war, in der auch Anne Rabe Mit­glied ist, woll­te nie­mand etwas Wis­sen. Er hat die Wahr­heit gesagt. Aber „die Wahr­heit ist häss­lich und hat stin­ken­den Atem“.

Sicher ist alles nicht mono­kau­sal. Die Sache mit den Vertragsarbeiter*innen spielt bestimmt eine Rol­le, aber den gesamt­deut­schen Natio­na­lis­mus nur in einem Satz zu erwäh­nen, ist nicht angemessen. 

Zusammenfassung

Ich habe zu Beginn bespro­chen, dass einer der Autoren des hier bespro­che­nen Auf­sat­zes, so wie Gei­pel, Kaha­ne und Rabe, stark mit der DDR ver­ban­delt war. Eine Erklä­rung für ein­sei­ti­ge und fal­sche Posi­tio­nen oder Sicht­wei­sen kann dann sein, dass man über­haupt nicht erst in den Ver­dacht von Sys­tem­nä­he kom­men will. 

Zu den „jugend­li­chen Rechts­extre­mis­ten in Jugend­treffs“ habe ich ange­merkt, dass die­se dort von höchs­ter Stel­le gedul­det waren. Von Jörg Schö­ne­bohm, Gene­ral­leut­nant der Bun­des­wehr a.D. und Vor­sit­zen­der der CDU, Bran­den­burg. Nazi-Akti­vi­tä­ten wur­den im Osten durch die Ver­ant­wort­li­chen, die fast aus­schließ­lich aus dem Wes­ten waren (sie­he Rabe-Post) nicht aus­rei­chend ver­folgt. Die Autoren spre­chen vom Natio­nal­stolz, der in der DDR geför­dert wur­de. Viel­leicht waren Men­schen stolz auf ver­schie­de­ne Sport­ler oder auf Gesamt­ergeb­nis­se bei Olym­pia­den, aber bei Katha­ri­na Witt war das nicht der Fall. Sie wur­de von Tau­sen­den aus­ge­buht. Nach der Wen­de hat sie das Land ver­las­sen, weil sie nicht ver­stan­den hat, woher die Abnei­gung kam. Die Wirt­schaft war maro­de, nichts wor­auf man stolz sein konn­te. Die Behaup­tung, man hät­te in der DDR nicht rei­sen kön­nen und Indi­vi­du­al­rei­sen sei­en uner­wünscht gewe­sen, ist schlicht falsch. Auch die Bemer­kun­gen zu den Jugend-Welt­fest­spie­len ent­spre­chen nicht den Tat­sa­chen, wie man auch noch genau­er im zitier­ten Tages­spie­gel-Arti­kel nach­le­sen kann. Dass es nicht viel Kon­takt zu Ver­trags­ar­bei­tern gege­ben hat, stimmt. Der natio­na­lis­ti­sche Tau­mel nach der Wen­de, der vom Wes­ten auch befeu­ert wur­de, ist sicher ein rele­van­ter Fak­tor, wur­de aber von den Autoren nicht ange­mes­sen diskutiert.

Für Anne Rabes Behaup­tung, im Osten hät­te es Natio­na­lis­mus gege­ben, lie­fern Pou­trus, Beh­rends & Kuck jeden­falls kei­ne Beweise.

Quellen

Bal­ser, Mar­kus & Stein­ke, Ronen. 2022. Ver­fas­sungs­schutz: See­ho­fer ließ Ver­fas­sungs­schutz­kri­tik an AfD abschwä­chen. Süd­deut­sche Zei­tung. (https://www.sueddeutsche.de/politik/afd-verfassungsschutz-seehofer-gutachtenvergleich‑1.5511775)

Geiß­ler, Cor­ne­lia. 2023. Anne Rabe: „Es reicht nicht, die DDR immer nur vom Ende her zu erzäh­len“. Ber­li­ner Zei­tung. Ber­lin. (https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/literatur/osten-interview-schriftstellerin-anne-rabe-es-reicht-nicht-die-ddr-immer-nur-vom-ende-her-zu-erzaehlen-debatte-dirk-oschmann-li.341318)

Gold­mann, Sven. 2013. Welt­fest­spie­le der Jugend 1973: Love & Peace in Ost-Ber­lin. Tages­spie­gel. Ber­lin. 22.07.2013 (https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/love-peace-in-ost-berlin-8099431.html)

Hart­wich, Doreen & Mascher, Bernd-Hel­ge. 2007. Geschich­te der Spe­zi­al­kampf­füh­rung (Abtei­lung IV des MfS): Auf­ga­ben, Struk­tur, Per­so­nal, Über­lie­fe­rung. Ber­lin. (Sta­si-Unter­la­gen-Archiv.) (https://www.stasi-unterlagen-archiv.de/archiv/fachbeitraege/geschichte-der-spezialkampffuehrung-abteilung-iv-des-mfs/#c2565)

Lit­sch­ko, Kon­rad. 2017. Neu­es Gut­ach­ten zu NSU-Mord. taz. 03.04.2017. Ber­lin. (https://taz.de/Archiv-Suche/!5397496/)

Mau, Stef­fen. 2020. Lüt­ten Klein: Leben in der ost­deut­schen Trans­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft (Schrif­ten­rei­he 10490). Bonn: Zen­tra­le für Poli­ti­sche Bil­dung. (https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/303713/luetten-klein)

mh. 2022. Ros­tock-Lich­ten­ha­gen 1992: Ein Poli­zei­de­ba­kel. (https://www.mdr.de/geschichte/zeitgeschichte-gegenwart/politik-gesellschaft/was-wurde-aus-der-volkspolizei-rostock-lichtenhagen-randale-100.html)

Pou­trus, Patri­ce G., Beh­rends, Jan C. & Kuck, Den­nis. 2002. His­to­ri­sche Ursa­chen der Frem­den­feind­lich­keit in den neu­en Bun­des­län­dern. Aus Poli­tik und Zeit­ge­schich­te (https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/25428/historische-ursachen-der-fremdenfeindlichkeit-in-den-neuen-bundeslaendern/).

Schulz, Dani­el. 2018. Pro­fes­so­rin über Iden­ti­tä­ten: „Ost­deut­sche sind auch Migran­ten“. taz. Ber­lin. (https://taz.de/Professorin-ueber-Identitaeten/!5501987/)

Schwarz, Mari­et­ta. 2023. Anne Rabe: „In ver­wir­ren­den Zei­ten sind ein­fa­che Nar­ra­ti­ve ver­füh­re­risch“. 31.12.2023. Deutsch­land­ra­dio. (Zwi­schen­tö­ne.) (https://www.deutschlandfunk.de/anne-rabe-in-verwirrenden-zeiten-sind-einfache-narrative-verfuehrerisch-dlf-84b94bff-100.html)

Teuw­sen, Peer. 2023. Ver­heim­lich­te Nähe. Neue Züri­cher Zei­tung. 30.09.2023 (https://www.nzz.ch/feuilleton/anne-rabe-verheimlichte-naehe-ld.1782626)

Nazis im Westen, Nazis in der SED

Wäh­rend der Arbeit am Bei­trag Wei­te­re Kom­men­ta­re zu Anne Rabes Buch: Eine Mög­lich­keit aber kein Glück habe ich mir den Wiki­pe­dia-Ein­trag zum KZ Lich­ten­burg ange­se­hen. Mein Groß­on­kel war dort ein Jahr und neun Mona­te ein­ge­sperrt. Es gibt dort Lis­ten mit den Lager­ko­man­dan­ten und den Schutz­haft­la­ger­füh­rern. Die Schutz­haft­la­ger­füh­rer waren die, die die Häft­lin­ge bewach­ten. Sie unter­stan­den dem Lager­kom­man­dan­ten. Ich habe mir dann den Spaß gemacht, nach­zu­schau­en, wer die Nazis waren, die in der Zeit, als mein Groß­on­kel dort ein­ge­ses­sen hat und was aus ihnen gewor­den ist. Wiki­pe­dia ist ein fan­tas­ti­sche Res­sour­ce! Hier ist das Ergebnis:

Lagerkommandanten

Die Lager­kom­man­dan­ten waren:

  • SS-Stan­dard­ten­füh­rer Otto Reich. Wiki­pe­dia sagt: „Reich wur­de nach Kriegs­en­de juris­tisch nicht belangt.“ Reich ist 1955 in Düs­sel­dorf gestorben.
  • SS-Stan­dar­ten­füh­rer Her­mann Bara­now­ski, gestor­ben 1940 in Aue
  • SS-Stan­dar­ten­füh­rer Hans Hel­wig, gestor­ben 1952 in Hems­bach, Baden-Würt­tem­berg. „Hel­wig starb 1952, ohne dass es zu einer straf­recht­li­chen Ver­fol­gung sei­ner Tätig­keit in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern gekom­men war.“

Schutzlagerführer

Die Schutz­haft­la­ger­füh­rer waren:

Der wur­de weni­ge Tage vor der Befrei­ung Buchen­walds durch die Nazis selbst hin­ge­rich­tet. Das wuss­te ich bis­her nicht. Es gab ein Kor­rup­ti­ons­ver­fah­ren gegen ihn. Himm­ler hat­te ihn erst geschützt, aber dann war es doch zu viel. Er hat Zeu­gen ermordet.

Rem­mert wur­de ver­ur­teilt: „wegen Kör­per­ver­let­zung im Amt“. 1934!

Wiki­pe­dia schreibt: „In der zeit­ge­nös­si­schen Pres­se wur­de über das Ver­fah­ren nicht berich­tet. Es han­del­te sich um ein wei­test­ge­hend nach rechts­staat­li­chen Grund­sät­zen ablau­fen­des Ver­fah­ren. In der Fol­ge befahl Adolf Hit­ler, dass wei­te­re zu den Miss­hand­lun­gen im KZ Ester­we­gen lau­fen­de Ermitt­lun­gen ein­ge­stellt wer­den sollten.“

„Von 1946 bis 1948 war er inter­niert; anschlie­ßend wur­de er wegen sei­ner SS-Zuge­hö­rig­keit zu einem Jahr Gefäng­nis ver­ur­teilt; sei­ne Inter­nie­rung wur­de jedoch ange­rech­net, sodass er frei­kam. 1950 wur­de er wegen der Miss­hand­lung wei­te­rer Häft­lin­ge zu drei Jah­ren Haft ver­ur­teilt; er kam im April 1954 frei.“

  • Egon Zill, gestor­ben 1974 in Dach­au, Bayern. 

„1955 fäll­te das Schwur­ge­richt des Land­ge­richt Mün­chen II am 14. Janu­ar ein Urteil: lebens­läng­li­che Haft wegen „Anstif­tung zum Mord im KZ Dachau“.“

Auswertung des Schnelltests

Das Ergeb­nis die­ser Kurz­über­prü­fung aus pri­va­tem Inter­es­se ist:

1) Die Nazis, die mit Lich­ten­burg zu tun hat­ten, sind nach Kriegs­en­de alle (!) in den Wes­ten gegangen.

2) Vie­le von ihnen haben dort fröh­lich bis an ihr Lebens­en­de gelebt. Sie wur­den nicht ange­klagt und nicht ver­ur­teilt oder beka­men Haft­stra­fen von weni­gen Jahren.

Das ent­spricht dem, was Ossis in der Schu­le gelernt haben, und ist irgend­wie auch nicht ver­wun­der­lich. Als Nazi hät­te ich auch Angst vor den Rus­sen gehabt.

Nazis in der SED

In der Dis­kus­si­on auf Mast­o­don über Anne Rabes Buch „Die Mög­lich­keit von Glück“ gibt es einen Nut­zer, der mei­ne Argu­men­ta­ti­on nicht ver­steht. Er hat mich auf eine Publi­ka­ti­on des Wis­sen­schaft­li­chen Diens­tes des Bun­des­tags von 2019 hin­ge­wie­sen, in der der Anteil der NSDAP-Mit­glie­der in der SED dis­ku­tiert wird. In die­ser Kurz­mit­tei­lung fin­det man Folgendes:

Einen ers­ten repräsentativen Überblick über die frühere Zugehörigkeit der Par­tei­mit­glie­der zur NSDAP und deren Glie­de­run­gen ver­schaff­te sich die Par­tei­zen­tra­le Anfang 1954. Dem­nach hat­ten zu die­sem Zeit­punkt 96844 Mit­glie­der (= 8,6%) und 9533 Kan­di­da­ten(= 9,3%) früher der NSDAP angehört.

Die­se Infor­ma­ti­on ist inter­es­sant. In Wiki­pe­dia steht noch ein biss­chen mehr dazu:

Nach dem 17. Juni 1953, in des­sen Fol­ge es bis zum März 1954 zu 23.173 Par­tei­aus­schlüs­sen kam,[43] wur­de von der Abtei­lung Par­tei­or­ga­ne des Zen­tral­ko­mi­tees ein­ma­lig auch der Anteil ehe­ma­li­ger NSDAP-Mit­glie­der an der SED-Mit­glied­schaft ermittelt.[44] Dem­nach hat­ten zu die­sem Zeit­punkt 8,7 % (106.377) der SED-Mit­glie­der und ‑Kan­di­da­ten vor 1945 der NSDAP ange­hört. Regio­nal war die­ser Anteil aus bis­lang nicht abschlie­ßend geklär­ten Grün­den sehr ungleich­mä­ßig ver­teilt; in Ber­lin lag er bei ledig­lich 4 Pro­zent, in Thü­rin­gen in ein­zel­nen Kreis­or­ga­ni­sa­tio­nen dage­gen bei bis zu 25 Pro­zent. Die­se SED-Mit­glie­der mit NS-Ver­gan­gen­heit las­sen sich nach dem For­schungs­stand von 2021 in der Haupt­sa­che zwei Grup­pen mit unter­schied­li­chen Pro­fi­len zuord­nen. Zum einen han­del­te es sich um jün­ge­re Män­ner, die nach einer Ver­gan­gen­heit in der Hit­ler­ju­gend wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges Mit­glie­der der NSDAP gewor­den waren, zum ande­ren um Lei­tungs­per­so­nal in Betrie­ben und Ver­wal­tun­gen, das von der Ent­na­zi­fi­zie­rung nicht erfasst wor­den war. Die Inte­gra­ti­on der zuletzt genann­ten Grup­pe war mit erheb­li­chen Span­nun­gen ver­bun­den; vor allem wäh­rend der 1950er Jah­re kam es immer wie­der zu „Kon­flik­ten zwi­schen Alt­kom­mu­nis­ten und Wirt­schafts­funk­tio­nä­ren“, die „als ehe­ma­li­ge NSDAP-Mit­glie­der der SED bei­getre­ten waren und wei­ter­hin wie loka­le Hono­ra­tio­ren auftraten“.

Man kann die Zahl der Mit­glie­der nun mit der Anzahl der NSDAP-Mit­glie­der in Gesamt­deutsch­land ver­glei­chen. Im Mai 43 waren 7.700.000 Men­schen in die­ser Par­tei. Das waren 11% der Deut­schen. Wenn 8,6% der SED-Mit­glie­der in der NSDAP waren, dann muss die Gesamt­zahl der Mit­glie­der bei 1.126.093 gele­gen haben. 1954 lag die Ein­woh­ner­zahl bei 18.002.000. Geht man davon aus, dass die NSDAP-Mit­glied­schaft gleich­mä­ßig über das Deut­sche Reich ver­teilt ist, müss­ten 1.980.220 Men­schen auf DDR-Gebiet in der NSDAP gewe­sen sein. Es ist sehr wahr­schein­lich, dass die­se Zahl nicht kor­rekt ist, denn in den Jah­ren vor 1954 haben schon Hun­dert­tau­sen­de die DDR bzw. die SBZ ver­las­sen. Dar­un­ter sicher auch vie­le Nazis. Wahr­schein­lich über­pro­por­tio­nal vie­le Nazis. Wenn man jetzt trotz­dem mit 1.980.220 wei­ter­rech­net, kommt man dar­auf, dass 5,4% der NSDAP-Mit­glie­der in die SED auf­ge­nom­men wurden.

Am 15. Juni 1946 fass­te das Zen­tral­se­kre­ta­ri­at den grund­le­gen­den Beschluss zur Öff­nung der Par­tei für „nomi­nel­le Pgs“ und hob damit einen Unver­ein­bar­keits­be­schluss auf. Die Auf­nah­me konn­te nun nach „indi­vi­du­el­ler Beur­tei­lung in den Par­tei­or­ga­ni­sa­tio­nen“ erfol­gen; bei der Ent­schei­dung berück­sich­tigt wer­den soll­ten ins­be­son­de­re Jugend­li­che und „die akti­ve Betä­ti­gung des Betref­fen­den gegen Hitler“.

Wie weit jetzt die indi­vi­du­el­len Beur­tei­lun­gen in den Par­tei­or­ga­ni­sa­tio­nen kor­rekt waren, kann ich nicht wis­sen, aber dass es in Betrie­ben Lei­tungs­per­so­nal gab, das in die Par­tei ein­ge­tre­ten war, um dort prä­sent zu sein, weiß ich aus dem fami­liä­ren Umfeld einer anti­fa­schis­ti­schen Fami­lie. Der Hin­ter­ge­dan­ke war, dass man früh­zei­tig über even­tu­ell für die Fir­ma bedroh­li­che Ent­wick­lun­gen infor­miert war. Aus der ent­spre­chen­den Fabrik­lei­tung ging eine von drei Per­so­nen ungern in die Partei.

So, davon kann man jetzt hal­ten, was man will. Wich­tig ist, wel­che NSDAP-Mit­glie­der in Füh­rungs­po­si­tio­nen gelang­ten. Und dafür gibt es glück­li­cher­wei­se eine Lis­te in Wiki­pe­dia: Lis­te ehe­ma­li­ger NSDAP-Mit­glie­der, die nach Mai 1945 poli­tisch tätig waren. Die­ser Lis­te kann man ent­neh­men, dass fast aus­schließ­lich in West-Deutsch­land Nazis in hohe Posi­tio­nen gekom­men sind. Die NSDAP-Mit­glie­der, die im Osten aktiv waren, waren vor­her bei den Rus­sen in Umer­zie­hungs­pro­gram­men gewe­sen und haben teil­wei­se noch im Krieg aktiv gegen Nazi-Deutsch­land gekämpft. Im Natio­nal­ko­mi­tee Frei­es Deutsch­land (NKFD). Lei­der ist die Lis­te nicht voll­stän­dig, aber Kurt Blecha und Gün­ther Kretz­scher, die auf der Lis­te noch feh­len, waren eben­falls im NKFD und haben aktiv gegen die Nazis gekämpft. Gün­ter Kertzscher war sogar Grün­dungs­mit­glied des NKFD. Auf der ande­ren Sei­te gab es Glob­ke, der als Jurist pro­mi­nent im Natio­nal­so­zia­lis­mus an Ras­sen­ge­set­zen mit­wirk­te, und ande­re hohe Nazis, die auch im Wes­ten wie­der hohe Posi­tio­nen belegten. 

Neue­re For­schun­gen in einem Son­der­for­schungs­be­reich haben erge­ben, dass in Thü­rin­gen 14% der SED-Funk­tio­nä­re in lei­ten­der Funk­ti­on ihre NSDAP-Mit­glied­schaft die gesam­te DDR-Zeit geheim hal­ten konn­ten (Novy, Bea­trix. 2009). Die rele­van­te Grup­pe bestand aus 262 Per­so­nen. 14% davon sind 36. Die Wissenschaftler*innen haben 3 von 15 Bezir­ken der DDR unter­sucht und ver­mu­ten, dass in Meck­len­burg-Vor­pom­mern noch mehr Per­so­nen betrof­fen sein könn­ten, weil die Ver­trie­be­nen dort ohne Papie­re anka­men. Mul­ti­pli­ziert man also 36 mit 5 und legt noch ein biss­chen was drauf für die Ver­trie­be­nen im Nor­den, so kommt man auf 180+20 oder 180+70. Das wären dann 250 NSDAP-Mit­glie­der, die sich uner­kannt durch­ge­mo­gelt haben. Wie Diet­mar Remy sagt, sagt das nichts dar­über aus, was sie als NSDA­P­ler gemacht und gedacht haben. Es wur­de nur die Tat­sa­che fest­ge­stellt, dass sie in der NSDAP waren und das nicht ange­ge­ben hat­ten. Teil­wei­se hat­ten ihnen wohl älte­re Genos­sen gesagt, dass das ok sei (Novy, Bea­trix. 2009). Jeden­falls han­del­te es sich nicht um Men­schen vom Kali­ber Glob­kes. Die hät­ten das nicht geheim hal­ten können.

Sag mir, wo die Nazis sind! Wo sind sie geblieben?

Als klei­nes Kind hat­te mei­ne Frau gelernt, dass in Deutsch­land die Nazis geherrscht hat­ten. Sie hat­te dann ihre Mut­ter gefragt, wo denn die Men­schen von frü­her sei­en. Nein, die Nazis waren nicht alle weg. Aber die schlim­men Nazis waren weg. Sie leb­ten ent­we­der im Wes­ten fried­lich vor sich hin (sie­he oben) oder wan­der­ten über die Rat­ten­li­nie, unter­stützt von west­li­chen Geheim­diens­ten und dem Vati­kan, nach Süd­ame­ri­ka aus, wo sie bei der Nie­der­schla­gung lin­ker Revo­lu­tio­nen gern gese­he­ne Exper­ten für Fol­ter und Zer­stö­rung waren (Har­ras­ser, 2022). 

Die­ser Mann lebt noch heute:

In Nord­stem­men in Nie­der­sach­sen. Er wur­de in Frank­reich wegen sei­ner Ver­bre­chen zum Tode ver­ur­teilt, aber da es kein Aus­lie­fe­rungs­ab­kom­men gab, wur­de er nicht aus­ge­lie­fert und er konn­te auch nicht in der Bun­des­re­pu­blik erneut ange­klagt wer­den, weil es recht­lich nicht mög­lich ist, für das­sel­be Ver­bre­chen zwei­mal vor Gericht gestellt zu wer­den. Tja. Jetzt wird er von Neo­na­zis gefei­ert und fin­det das toll: Er bereut nichts. 

Wenn es im Osten noch ehe­mals pro­mi­nen­te Nazis gab, dann haben die wenigs­tens die Hufe still­ge­hal­ten. Par­tei­en wie die Sozia­lis­ti­sche Reichs­par­tei gegrün­det haben sie jeden­falls nicht.

To do Anteil der NSDAP-Mit­glie­der in Par­tei­en der BRD.

Quellen

Novy, Bea­trix. 2009. Ver­schwie­ge­ne Lebens­läu­fe in der DDR. 16.12.2009. Deutsch­land­funk. (https://www.deutschlandfunk.de/verschwiegene-lebenslaeufe-in-der-ddr-100.html)

Har­ras­ser, Karin. 2022. Sura­zo: Moni­ka und Hans Ertl: Eine deut­sche Geschich­te in Boli­vi­en. Ber­lin: Matthes & Seitz.

Weitere Kommentare zu Anne Rabes Buch: Eine Möglichkeit aber kein Glück

Anne Rabe hat in ihrem Buch Eine Mög­lich­keit von Glück ihre trau­ma­ti­schen Gewalt­er­fah­run­gen in ihrer Kind­heit in Wis­mar auf­ge­ar­bei­tet. Ihre Eltern und Groß­el­tern waren DDR-Kader, ihr Groß­va­ter in Sta­lin­grad gewe­sen und sie führt alle Gewalt auf die DDR-Zeit und die Kriegs­er­leb­nis­se zurück. Ich habe in Kei­ne Gewalt: Zu Mög­lich­kei­ten und Glück und dem Buch von Anne Rabe bereits dazu geschrie­ben, wel­che inhalt­li­chen Feh­ler ihr dabei unter­lau­fen sind und dass ihre Schluss­fol­ge­run­gen nicht trag­fä­hig sind. Hier möch­te ich noch eini­ge wei­te­re Punk­te dis­ku­tie­ren, die inhalt­lich nicht in den ers­ten Blog-Post gepasst haben. Dabei geht es mir vor allem um eine kor­rek­te Dar­stel­lung der DDR-Zeit aber es ist auch noch ein gra­vie­ren­der Feh­ler bezüg­lich der Vor­fäl­le in Ros­tock-Lich­ten­ha­gen zu besprechen.

Nazis, Verantwortung und Scham

In die­sem ers­ten Abschnitt möch­te ich Rabes Ansich­ten bzgl. Kol­lek­tiv­schuld und ihre Scham bezüg­lich ihrer Eltern besprechen.

Schuld und Blut

Rabe schreibt, dass alle Deut­schen „qua ihres deut­schen Blu­tes“ zur SS, zur Wehr­macht, zu den Ver­bre­chern gehören:

Die Nazis waren immer die ande­ren. Die SS, die Wehr­macht, die Ver­bre­cher. Schlimm, schlimm das. So schlimm, dafür über­neh­men wir sogar dann gern die Ver­ant­wor­tung, wenn wir ganz sicher sind, dass unse­re Fami­li­en damit nichts zu tun haben. Aber qua Her­kunft, qua Abstam­mung, qua unse­res deut­schen Blu­tes gehö­ren wir eben dazu, sind wir eben mitverantwortlich.

S. 67

Ist das so? Ist das mit dem Blut nicht Nazi-Ideo­lo­gie? Und nie­mand hat’s gemerkt? Die Lek­to­rin nicht, kein Rezen­sent. War­um soll­te irgend­wer wegen Blut bes­ser oder schlech­ter sein? Tür­ke, Paläs­ti­nen­ser, Jude, Rus­se, Deut­scher? Ich emp­feh­le allen den Wiki­pe­dia-Arti­kel zur Kol­lek­tiv­schuld. Das Fol­gen­de steht dort gleich zu Beginn:

Kol­lek­tiv­schuld bedeu­tet, dass die Schuld für eine Tat nicht dem ein­zel­nen Täter (oder Tätern) ange­las­tet wird, son­dern einem Kol­lek­tiv, allen Ange­hö­ri­gen sei­ner Grup­pe, z. B. sei­ner Fami­lie, sei­nes Vol­kes oder sei­ner Orga­ni­sa­ti­on. Das beinhal­tet folg­lich auch Men­schen, die selbst nicht an der Tat betei­ligt waren. Das Straf­recht moder­ner Demo­kra­tien geht grund­sätz­lich von einer indi­vi­du­el­len Ver­ant­wort­lich­keit aus, so dass Kol­lek­tiv­schuld juris­tisch nicht rele­vant ist. Arti­kel 33 Gen­fer Abkom­men IV bestimmt, dass kei­ne Per­son für ein Ver­bre­chen ver­ur­teilt wer­den darf, das sie nicht per­sön­lich began­gen hat. Eine Kol­lek­tiv­stra­fe setzt Kol­lek­tiv­schuld vor­aus. Nach Art. 87 Abs. 3 Gen­fer Abkom­men III und Arti­kel 33 Gen­fer Abkom­men IV zäh­len Kol­lek­tiv­stra­fen zu den Kriegsverbrechen.

Nun könn­te man – völ­lig zu Recht – dar­über nach­den­ken, ob die Sache mit den Deut­schen viel­leicht doch etwas spe­zi­el­ler ist. Die Alli­ier­ten ver­folg­ten direkt nach dem Krieg einen Kol­lek­tiv­schuld-Ansatz. Das äußer­te sich unter ande­rem dar­in, dass die Wei­ma­rer Bevöl­ke­rung durch das befrei­te KZ Buchen­wald geführt wur­de. Den Etters­berg kann man von Wei­mar aus sehen. Buchen­wald hat­ten die Wei­ma­rer direkt vor der Nase. Sie haben den Rauch nicht gese­hen, das ver­brann­te Men­schen­fleisch nicht gero­chen. Oder es eben all die Jah­re aus­ge­blen­det. Es war rich­tig, sie alle sehen zu las­sen, was ganz in ihrer Nähe gesche­hen war. Film­ma­te­ri­al der US-Army und den Bericht einer Zeit­zeu­gin, die den KZ-Besuch mit­ge­macht hat, hat der Spie­gel veröffentlicht.

Richard von Weiz­äcker schlägt statt Kol­lek­tiv­schuld eine Kol­lek­tiv­haf­tung vor:

auch Richard von Weiz­sä­cker beton­te in sei­ner viel beach­te­ten Rede „Zum 40. Jah­res­tag der Been­di­gung des Krie­ges in Euro­pa und der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gewalt­herr­schaft“, die er am 8. Mai 1985 vor dem Deut­schen Bun­des­tag hielt: „Schuld oder Unschuld eines gan­zen Vol­kes gibt es nicht“, rief aber gleich­zei­tig dazu auf, kol­lek­tiv die Ver­ant­wor­tung für das natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Unrecht zu akzep­tie­ren. Weiz­sä­cker bezeich­net die­se Hal­tung als „Kol­lek­tiv­haf­tung“.

Wiki­pe­dia über eine Rede von Bun­des­prä­si­dent Richard von Weiz­sä­cker Zum 40. Jah­res­tag der Been­di­gung des Krie­ges in Euro­pa und der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gewalt­herr­schaft vom 8. Mai 1985 vor dem Deut­schen Bundestag

Die­se Kol­lek­tiv­haf­tung gab es für die DDR. Wäh­rend die West-Alli­ier­ten den West-Deut­schen den Mar­shall-Plan geschenkt haben, hat die Sowjet­uni­on Fabri­ken und Infra­struk­tur abge­baut und nach Russ­land ver­schickt. Im Fal­le von Carl Zeiss Jena haben sie sogar Men­schen mit­ge­nom­men, die die Fabrik in Russ­land wie­der auf­ge­baut und über Jah­re hin­weg die Rus­sen ein­ge­ar­bei­tet haben. Die Rus­sen haben alles mit­ge­nom­men, was ihnen nütz­lich erschien. In Wiki­pe­dia gibt es ein Lis­te aller seit 1882 still­ge­leg­ten Bahn­ver­bin­dun­gen in Ber­lin und Bran­den­burg. In die­ser Lis­te ist auch ver­merkt, was die Rus­sen mit­ge­nom­men haben.

Ich habe dazu auch eine per­sön­li­che Geschich­te: Ab der fünf­ten Klas­se bin ich von Buch zur Hum­boldt-Uni zur Mathe­ma­ti­schen Schü­ler­ge­sell­schaft gefah­ren. Es gab damals noch eine direk­te Ver­bin­dung von Buch zum Alex­an­der­platz. Die fuhr abwech­selnd auf dem lin­ken und auf dem rech­ten Gleis. Alle 20 Minu­ten. Dazwi­schen fuhr der Zug in die ande­re Rich­tung nach Ber­nau. Ein­mal war ich zu früh dran und sprang gera­de noch in einen Zug auf dem lin­ken Gleis. Die Türen schlos­sen sich, der Zug fuhr los. Lei­der in die fal­sche Rich­tung. Ich war­te­te auf die nächs­te Sta­ti­on, stürz­te aus dem Zug und rann­te hin­über zur ande­ren Sei­te, weil ich da den Zug in Gegen­rich­tung erwi­schen woll­te. Aber, oh Schreck, da war gar kein Gleis! Die Rus­sen hat­ten es mit­ge­nom­men. Von Rönt­gen­tal bis Ber­nau ist die Stre­cke nur eingleisig.

Im Wiki­pe­dia­ar­ti­kel kann man auch lesen, dass die Sowjet­uni­on fast die Hälf­te des ost­deut­schen Schie­nen­net­zes mit­ge­nom­men hat und min­des­tens 2000 der bes­ten Betrie­be. Und dann haben wir bis 1953 noch fast ein Vier­tel des Brut­to­so­zi­al­pro­dukts in die Sowjet­uni­on abgeführt:

Die Repa­ra­ti­ons­leis­tun­gen der spä­te­ren DDR an die Sowjet­uni­on gescha­hen bis 1948 haupt­säch­lich durch Demon­ta­ge von Indus­trie­be­trie­ben. Davon betrof­fen waren 2000 bis 2400 der wich­tigs­ten und best­aus­ge­rüs­te­ten Betrie­be inner­halb der Sowje­ti­schen Besat­zungs­zo­ne Deutsch­lands (SBZ). Bis März 1947 wur­den zudem 11.800 Kilo­me­ter Eisen­bahn­schie­nen demon­tiert und in die Sowjet­uni­on ver­bracht. Damit wur­de das Schie­nen­netz bezo­gen auf den Stand von 1938 um 48 Pro­zent redu­ziert. Der Sub­stanz­ver­lust an indus­tri­el­len und infra­struk­tu­rel­len Kapa­zi­tä­ten durch die Demon­ta­gen betrug ins­ge­samt rund 30 Pro­zent der 1944 auf die­sem Gebiet vor­han­de­nen Fonds. Ab Juni 1946 begann sich mit dem SMAD-Befehl Nr. 167 die Form der Repa­ra­tio­nen von Demon­ta­gen auf Ent­nah­men aus lau­fen­der Pro­duk­ti­on im Rah­men der Sowje­ti­schen Akti­en­ge­sell­schaf­ten zu ver­la­gern, die von 1946 bis 1953 jähr­lich zwi­schen 48 und 12,9 Pro­zent (durch­schnitt­lich 22 Pro­zent) des Brut­to­so­zi­al­pro­dukts betru­gen. Die Repa­ra­tio­nen ende­ten nach dem Volks­auf­stand vom 17. Juni 1953. Auf der Grund­la­ge erst­mals erschlos­se­ner Archiv­ma­te­ria­li­en, vor allem in Mos­kau, kamen Lothar Baar, Rai­ner Karlsch und Wer­ner Matsch­ke vom Insti­tut für Wirt­schafts­ge­schich­te der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin etwa 1993 auf eine Gesamt­sum­me von min­des­tens 54 Mil­li­ar­den Reichs­mark bzw. Deut­sche Mark (Ost) zu lau­fen­den Prei­sen bzw. auf min­des­tens 14 Mil­li­ar­den US-Dol­lar zu Prei­sen des Jah­res 1938. 

Als die Repa­ra­tio­nen 1953 für been­det erklärt wur­den, hat­te die SBZ/DDR die höchs­ten im 20. Jahr­hun­dert bekannt­ge­wor­de­nen Repa­ra­ti­ons­leis­tun­gen erbracht.

Wiki­pe­dia-Arti­kel zu den Repa­ra­ti­ons­leis­tun­gen nach dem zwei­ten Weltkrieg

Dem Plus der BRD aus dem Mar­shall-Plan von 1,41 Mil­li­ar­den US-Dol­lar steht also ein Minus von min­des­tens 14 Mil­li­ar­den US-Dol­lar für die DDR gegen­über. (Neben­be­mer­kung: Ej, lie­be Wes­sis, „wir“ haben die aus der Haf­tung ent­stan­de­nen Schul­den über­nom­men und bezahlt und dann alles von vorn neu auf­ge­baut: die durch den Krieg zer­stör­te Infra­struk­tur und die demon­tier­ten Betrie­be, wohin­ge­gen „Ihr“ schö­ne Geschen­ke bekom­men habt bzw. Betrie­be und Per­so­nal aus dem Osten mit­ge­nom­men habt. Unter ande­rem auch einen Teil von Carl Zeiss, Sie­mens, Schott usw. Außer­dem konn­tet „Ihr“ „Eure“ Roh­stof­fe auf dem Welt­markt kau­fen (den glo­ba­len Süden aus­beu­ten), wäh­rend „wir“ unse­re Roh­stof­fe von „uns­ren Freun­den“ kau­fen muss­ten. Und zwar für West-Geld. Es gibt also kei­nen Grund zur Über­heb­lich­keit und Arro­ganz.)

Wei­ter schreibt Wiki­pe­dia zum The­ma Kollektivschuld:

Ralph Giord­a­no woll­te 1947 nicht von „Kol­lek­tiv­schuld“ spre­chen. Es habe eine Min­der­heit von Deut­schen gege­ben, die ihrem Gewis­sen und nicht dem Füh­rer gefolgt sei. Die Mehr­heit habe jedoch kein Recht, sich dadurch ent­las­tet zu füh­len und von deren Anstän­dig­keit zu pro­fi­tie­ren, beson­ders weil sie sich auch heu­te noch von die­ser Min­der­heit distanziere.

Das ist wahr. Ein Ver­wand­ter mei­ner Frau, soll­te in Nor­we­gen Zivilist*innen töten und hat sich gewei­gert. Er wur­de selbst erschos­sen. Der West­teils der Fami­lie hat sich dafür geschämt. Sie haben nie dar­über gespro­chen. Und sie­he auch den Bericht von Mari­an­ne Mey­er-Krah­mer Mein lan­ger Weg zur Stun­de Null, den ich hier im Blog ver­öf­fent­licht habe. Mey­er-Krah­mer ist die Toch­ter des Leip­zi­ger Ober­bür­ger­meis­ters Goer­de­ler, der als einer der Hit­ler-Atten­tä­ter hin­ge­rich­tet wur­de. Sie saß im KZ. Übri­gens ohne jeg­li­chen Grund. Es war Sip­pen­haft. Sip­pen­haft ist die klei­ne Freun­din von Kol­lek­tiv­schuld. Sie berich­tet davon, wie ihr Men­schen nach ihrer Befrei­ung begeg­net sind, wie sie die Ableh­nung der BDM-Mäd­chen, mit denen sie als Leh­re­rin zu tun bekam über­wand. Mit Goethe.

In Wiki­pe­dia fin­det man auch fol­gen­de Aus­sa­ge des Neu­ro­lo­gen und Psych­ia­ters Vik­tor Frankl zum The­ma Kollektivschuld:

es gibt nur zwei Ras­sen von Men­schen, die Anstän­di­gen und die Unanständigen.

Frankl war Jude und hat The­re­si­en­stadt Ausch­witz über­lebt. Sei­ne rest­li­che Fami­lie wur­de ermor­det. Vater, Mut­ter, Bru­der, Frau.

Rabe wirft ihren Lehrer*innen vor, dass die­se kei­ne vor­wurfs­vol­len All­aus­sa­gen über die Vor­fah­ren ihrer Schüler*innen gemacht hätten:

Die­se omi­nö­sen deut­schen Sol­da­ten. Kein Leh­rer sag­te: Eure Groß­vä­ter und Urgroß­vä­ter waren die deut­schen Sol­da­ten, die in Ost­eu­ro­pa und der Sowjet­uni­on alles abge­schlach­tet haben, was sich beweg­te, die geraubt und ver­ge­wal­tigt und gan­ze Dör­fer ange­zün­det haben.

S. 87

Viel­leicht lag das dar­an, dass das zu platt und im Ein­zel­fall auch nicht rich­tig gewe­sen wäre? Wenn wäre die Aus­sa­ge ja wohl auch „Unse­re Groß­vä­ter und Urgroß­vä­ter“ gewe­sen. Und folgt es nicht auto­ma­tisch, wenn man über die Ver­bre­chen die­ser Gene­ra­ti­on auf­klärt, dass die Groß­el­tern und Urgroß­el­tern von vie­len, vie­len Deut­schen Täter*innen waren? Muss man die­sen Gedan­ken nicht selbst denken?

Mein einer Opa war übri­gens kriegs­wich­tig (Inge­nieur bei Kör­ting in Leip­zig) und des­halb nicht im Krieg und mein ande­rer war zwar bei der Wehr­macht aber als Koch.

Bei­de haben somit zwar irgend­et­was zum Krieg bei­getra­gen, aber der Vor­wurf, den Rabes Lehrer*innen ihnen hät­te machen sol­len, hät­te auf sie wohl nicht zugetroffen.

Mein Opa war in der SPD, nicht in der NSDAP. Die SPD war ab dem 22. Juni 1933 als „volks- und staats­feind­li­che Orga­ni­sa­ti­on“ ver­bo­ten. Der Bru­der mei­nes Groß­va­ters war bis zum Ver­bot am 28. Febru­ar 1933 in der SAJ (Sozia­lis­ti­sche Arbei­ter-Jun­gend). Er hat ein Jahr und neun Mona­te im KZ Lich­ten­burg geses­sen, weil er Flug­blät­ter für eine Ein­heits­front aus KPD und SPD ver­teilt hat. 

Ankla­ge­schrift „gegen List und Genos­sen wegen Vor­be­rei­tung eines hoch­ver­rä­te­ri­schen Unter­neh­mens“ 19.09.1935

Der Groß­va­ter mei­ner Frau hat einem Juden ein Bahn-Ticket nach Wla­di­wos­tok gekauft, als Juden das schon längst nicht mehr konn­ten. Er hat ihm zur Flucht ver­hol­fen. Mit Hil­fe eines israe­li­schen Kol­le­gen habe ich sei­nen Nef­fen in Isra­el aus­fin­dig gemacht und mein Schwa­ger hat ihn dann dort besucht. Der Groß­va­ter war Lei­ter des Arbeits­am­tes in Ins­ter­burg. Er saß in der Nazi­zeit mehr­fach im Gefäng­nis und stand mehr­fach vor Gericht. Ein­mal hat ein Kind eines Men­schen aus sei­ner Freun­des­grup­pe sie ver­ra­ten: Sie hat­ten Radio Lon­don gehört. Er konn­te sich vor Gericht dar­auf beru­fen, dass die Aus­sa­ge eines Kin­des nicht zäh­len wür­de. Ande­re aus dem Freun­des­kreis kann­ten sich nicht aus und wur­den ver­ur­teilt. Er wur­de oft von Men­schen gewarnt, denen er frü­her Arbeit ver­schafft hat­te. Beim drit­ten Mal Schutz­haft half ihm der Poli­zei­di­rek­tor: Die ande­ren Ange­klag­ten wur­den ins KZ Dach­au abtrans­por­tiert, der Poli­zei­prä­si­dent hielt den Groß­va­ter zurück mit der Behaup­tung, es habe kei­nen Platz mehr in den Trans­por­ten nach Dach­au gegeben.

Ein Ange­hö­ri­ger der Fami­lie mei­ner Frau hat sich im Krieg gewei­gert, nor­we­gi­sche Zivilist*innen (Par­ti­sa­nen) zu erschie­ßen und wur­de selbst erschos­sen. Ein Cou­sin mei­nes Vaters ist in Nor­we­gen mit einer Nor­we­ge­rin deser­tiert und wur­de erschossen.

Schrei­ben der Deut­schen Dienst­stel­le für die Benach­rich­ti­gung der nächs­ten Ange­hö­ri­gen der ehe­ma­li­gen deut­schen Wehr­macht, 07.04.2017

Der Cou­sin scheint sei­ne Waf­fe mit­ge­nom­men zu haben. Also: ein­mal Ver­wei­ge­rung des Schie­ßens aus Mensch­lich­keit, ein­mal Fah­nen­flucht aus Lie­be. „Todes­an­zei­gen oder Nach­ru­fe in Zei­tun­gen, Zeit­schrif­ten und der­glei­chen sind verboten.“

Sind wir schul­dig? Als Men­schen mit deut­schem Blut? Was ist das für ein ras­sis­ti­scher Unsinn! Soll­ten wir uns nicht alle dar­an mes­sen, was wir jetzt tun? Wie wir die Taten ande­rer ein­ord­nen? An unse­rer Mensch­lich­keit? Am 4.11.1989 gab es eine gro­ße Demons­tra­ti­on am Alex­an­der­platz. Die ers­te freie Demons­tra­ti­on in der DDR. Ich lief im Anti­fa-Block mit. Die Sta­si hat Bil­der von die­sem Block gemacht (sie­he Wag­ner, 2018, Ver­tusch­te Gefahr: Die Sta­si & Neo­na­zis).

© BStU, MfS HAXX, Fo 1021, Bild 57

Bin ich schul­dig? Muss ich mich schä­men? Ich habe nichts getan! Ich war sie­ben Mal in Buchen­wald (sie­he Weim­ar­ta­ge der FDJ) und auch in Sach­sen­hau­sen, in Ausch­witz. Ich habe mich inten­siv mit der deut­schen Ver­gan­gen­heit aus­ein­an­der­ge­setzt, aber ich konn­te die 1000 Jah­re zwi­schen 1933 und 1945 an kei­ner Stel­le beein­flus­sen. Denn ich war da noch nicht geboh­ren. Für mei­ne Eltern kann ich nichts, aber für mei­ne Kin­der. Ich wür­de mich schä­men, wenn sie in die AfD ein­tre­ten wür­den und/oder die Ver­nich­tung von Men­schen pla­nen würden.

Demoteilnehmer*innen mit Schil­dern „‘Remi­gra­ti­on’ ??? No way, AfD!“, „Dan­ke! Mama & Papa, dass ich kein Nazi gewor­den bin!!!“ und „Oh Schie­ße.“ und einem aus AfD-Pfei­len zusam­men­ge­setz­ten Haken­kreuz. Reichs­tag, Ber­lin, 21.01.2024

Scham

Anne Rabe wird zum Opfer ihrer Vor­stel­lun­gen von Kol­lek­tiv­schuld. Wie ich oben geschrie­ben habe: Sip­pen­haft ist die fie­se klei­ne Schwes­ter von Kol­lek­tiv­schuld. Das schreibt Rabe selbst:

Mei­ne Eltern hat­ten stu­die­ren kön­nen und hat­ten es des­halb auch nach dem Sys­tem­wech­sel leich­ter. Wir waren pri­vi­le­giert und ret­te­ten einen Teil die­ser Pri­vi­le­gi­en mit in die neue Zeit. Mut­ter und Vater wür­den sich auf dem Arbeits­markt eta­blie­ren kön­nen. Nicht ohne Pro­ble­me, nicht ohne Arbeits­lo­sig­keit, nicht ohne Umschu­lun­gen und die berühm­ten Brü­che in den Erwerbs­bio­gra­fien, aber sie hat­ten bes­se­re Start­chan­cen als die meis­ten der­je­ni­gen, die das Sys­tem zum Ein­sturz gebracht haben. Bes­se­re Chan­cen als die­je­ni­gen, denen auch ich mei­ne Frei­heit zu ver­dan­ken habe. Ich schä­me mich dafür. Immer noch.

S. 155

Jedes Mal, wenn ich von Hohen­schön­hau­sen, Tor­gau oder ande­ren Dun­kel­or­ten der DDR hör­te, wur­de ich von einer Scham­wel­le fort­ge­schwemmt, aus der ich mich nur lang­sam her­aus­kämp­fen konn­te, indem ich sorg­sam alles studierte.

S. 99

Aber wie­so schämt sich Rabe für ihre Eltern? Sie kann nichts für ihre Eltern. Sie hat sich sogar von ihnen los­ge­sagt. Damit ist doku­men­tiert, dass sie deren Hal­tung und ihre Gewalt­tä­tig­keit ablehnt. Rabe soll­te sich nicht für ihre Eltern schä­men. Aber sie könn­te sich zum Bei­spiel für die inhalt­li­chen Feh­ler in ihrem Buch schä­men. Für ihre Unin­for­miert­heit. Für ihre nicht erfolg­te Recher­che zu The­men, über die sie geschrie­ben hat. Für den Scha­den, den sie damit ange­rich­tet hat. All ihre Feh­ler sind in Kei­ne Gewalt! Zu Mög­lich­kei­ten und Glück und dem Buch von Anne Rabe und auch in die­sem Blog-Bei­trag doku­men­tiert. Oder für ihre Nai­vi­tät bzw. Durch­trie­ben­heit, auf die ich wei­ter unten zu spre­chen komme.

Reden

Anne Rabe mahnt in ihrem Buch an, dass wir doch mit­ein­an­der reden soll­ten. Dass wir Ossis unse­re dunk­le Ver­gan­gen­heit auf­ar­bei­ten soll­ten. Aber sie selbst hat nicht gere­det. Das Ver­sa­gen liegt auch bei ihr. Hier eini­ge Pas­sa­gen aus dem Buch:

Ich bin ein­fach wütend. Auch auf Adas Eltern. 

Auch sie haben uns im Stich und mit der gan­zen Geschich­te allein­ge­las­sen. Adas Vater hat über die roten Socken gespro­chen, über sein Radar, das da anging bei mei­nen Eltern und ande­ren. Sein Hass, sei­ne Wut, sie sind berech­tigt gewe­sen. Aber statt sich mit denen aus­ein­an­der­zu­set­zen, die dafür die Ver­ant­wor­tung tru­gen, statt mit ihnen die Din­ge zu klä­ren, hat er am Küchen­tisch sei­ne Reden geschwun­gen und eben mich spü­ren las­sen, wie wenig er mich lei­den konnte.

S. 155–156

Adas Eltern waren Systemgegner*innen. Sie durf­ten nicht stu­die­ren und haben unter der DDR gelit­ten. Unter Men­schen wie Rabes Eltern. Und jetzt ver­langt sie, dass die, die all das erlit­ten haben, zu denen gehen, die sich schul­dig gemacht haben, und sich mal aussprechen?

Das zeigt ganz klar, dass sie das alles nicht ver­stan­den hat. Sie hat nicht ver­stan­den, was Bau­sol­dat-Sein bedeu­tet hat. Man hat­te sich kom­plett aus der rest­li­chen Gesell­schaft aus­ge­klinkt. Man konn­te höchs­tens noch Theo­lo­gie stu­die­ren. Ich war an einer Spe­zi­al­schu­le mathe­ma­ti­scher Rich­tung. Es gab dort einen Jun­gen, der nahm an inter­na­tio­na­len Mathe­olym­pia­den teil. Er war geni­al. Er hat sich schon in der Schu­le gewei­gert, an dem zwei­wö­chi­gen GST-Lager, in dem wir auch mit auto­ma­ti­schen Waf­fen geschos­sen haben, teil­zu­neh­men. Die para­mi­li­tä­ri­sche Aus­bil­dung in der Schu­le war Pflicht. Der Schü­ler ist dann Schä­fer geworden. 

Ada hat mir erzählt, dass er in der DDR den Wehr­dienst an der Waf­fe ver­wei­gert hat, was nur ging, wenn man sich den »Bau­sol­da­ten« zutei­len ließ. Das hat­te Kon­se­quen­zen. Mie­se Schi­ka­nen wäh­rend und nach der Dienst­zeit – ein sehr bewusst gewähl­tes Außen­sei­ter­tum, einer Gesell­schaft zum Trotz, die einem kei­ne Wahl las­sen woll­te. Der Preis, den Adas Vater für sei­ne mora­li­sche Inte­gri­tät hat­te zah­len müs­sen, war hoch. Sein gan­zes Leben wür­de davon bestimmt sein. Auf ein Stu­di­um brauch­te er nicht mehr zu hof­fen und über­all, wo es sich anzu­stel­len galt, hat­te er sich ganz hin­ten ein­zu­rei­hen. Das hat­te ihn den­noch nicht davon abge­hal­ten, für sei­ne Über­zeu­gun­gen einzustehen.

S. 154

Jeder Kon­takt mit dem Sys­tem und des­sen Kin­dern war poten­ti­ell gefähr­lich und in jedem Fall anstren­gend. Als Bau­sol­dat war man als Sys­tem­geg­ner akten­kun­dig gewor­den. Viel­leicht wur­de man bespit­zelt. Rund um die Uhr. Arbeits­kol­le­gen mel­de­ten Auf­fäl­lig­kei­ten. Und sie ver­langt jetzt von den Oppo­si­tio­nel­len, dass sie mit ihren Eltern spre­chen? Zwar nach der Wen­de, aber ???

Völ­lig unklar.

So wie Gei­pel und Kaha­ne es nicht ver­ste­hen kön­nen, dass sie als rote Socken abge­lehnt wur­den, hat Rabe nicht ver­stan­den, wie die DDR war und was man da nach der Wen­de gemacht hat und was nicht. Wir waren froh, dass wir Krenz & fri­ends los waren. Mit denen woll­te man nicht mehr reden. Ganz davon abge­se­hen, dass nach der Wen­de alle im Über­le­bens­kampf waren, was Rabe ja auch selbst schreibt.

Wie kann Rabe eine Blut­schuld für das gesam­te deut­sche Volk und alle Nach­fah­ren for­dern, für sich selbst aber ver­lan­gen, dass ihre Gegen­über ihr unvor­ein­ge­nom­men begeg­nen? Müss­te die­se Blut­schuld nicht auch für sie gel­ten? Und für Anet­ta Kaha­ne, deren Vater das Neue Deutsch­land, Zen­tral­or­gan der SED, gelei­tet hat? Und für Ines Gei­pel, deren Vater IM war und laut ihrem Wiki­pe­dia-Ein­trag für „das Aus­spä­hen von Objek­ten und die Vor­be­rei­tung von Sabo­ta­ge auf dem Gebiet der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land“ zustän­dig (Hart­wich & Mascher, 2007)? Ist Unfug, oder? Anet­ta Kaha­ne war übri­gens selbst IM, nicht ihre Eltern. Sie hat ihre jüdi­schen Kum­pels verpfiffen.

Ja, Adas Vater hät­te sie nicht ableh­nen sol­len, so wie es auch von ihrer Leh­re­rin unpro­fes­sio­nell war, sie auf­grund ihrer Her­kunft aus­zu­schlie­ßen. Gera­de in der Grund­schu­le, wo ein betrof­fe­nes Kind das wahr­schein­lich nicht ver­ste­hen kann. Aber als erwach­se­ne Frau, und das ist die Ich-Erzäh­le­rin ja, soll­te sie die Situa­ti­on damals so weit ein­schät­zen kön­nen, dass sie die Hand­lun­gen der Akteur*innen ver­steht. Aber das kann sie nicht, denn sie hat nicht mit ihnen gespro­chen (ja, ja, das ist nur ein Roman, aber sol­che Roma­ne wür­de man dann hal­te eben nicht schrei­ben, hät­te man mit Men­schen gesprochen):

Aber das ist nicht der ein­zi­ge Grund, war­um ich das Gespräch mit Adas Eltern plötz­lich scheue. Ich will kei­ne Abso­lu­ti­on von ihnen, kei­ne spä­te Ver­brü­de­rung mit den­je­ni­gen, die auf mei­ne Eltern und ihr gan­zes Sys­tem zu Recht wütend waren. Ich woll­te mich auch nicht als die­je­ni­ge pro­du­zie­ren, die nun ihre Haus­auf­ga­ben gemacht und im Gegen­satz zu den ewig Gest­ri­gen ver­stan­den hat­te, aus was für einem Land sie kam.

S. 155

Hät­te sie mit ihnen gespro­chen, wüss­te sie, dass Christ*innen in der DDR dazu genö­tigt wur­den, vor der gan­zen Klas­se auf­zu­ste­hen. „Wer von Euch glaubt an Gott? Du, Sabi­ne? Dann steh mal bit­te auf. Wer noch?“

Rabe schreibt:

Die Ange­hö­ri­gen der Opfer erfuh­ren nichts über den Ver­bleib ihrer Kin­der, Väter, Müt­ter, Tan­ten, Onkel, Nach­barn und Freun­de. Das Schwei­gen dar­über war so total, dass heu­te kaum noch jemand um die Ver­bre­chen der Anfangs­zeit der DDR weiß, obwohl es nahe­zu kei­ne Fami­lie geben kann, die davon unbe­rührt blieb.

S. 265

Ich habe es immer geahnt: Ich bin ein­zig­ar­tig! Ich bin der ein­zi­ge Ossi, der irgend­wie wuss­te, dass in den 50ern Men­schen abge­holt wur­den. Dass es Men­schen gab, die Angst hat­ten, wenn Auto­tü­ren klapp­ten, weil sie dach­ten, jetzt wür­den sie geholt.

Sor­ry, Frau Rabe. „Auf der Suche nach Gatt“ wur­de in der Schu­le behan­delt. Da wur­de uns natür­lich erklärt, dass das am 17. Juni die Kon­ter­re­vo­lu­ti­on war. Aber man konn­te sei­ne Eltern fra­gen, was da war, was sie gemacht haben.

Der ande­re Teil mei­ner Fami­lie kommt aus Frankfurt/Oder, einer Bezirks­haupt­stadt, der ach­zehnt­größ­ten Stadt in der DDR, von der Sie schrei­ben: „Irgend­was Klei­nes in Bran­den­burg“. Die Mut­ter hat in der Bahn­hofs­mis­si­on gear­bei­tet. Der Vater war in den letz­ten Kriegs­ta­gen gefal­len, als er sich vom Volks­sturm abge­setzt hat­te und von einer irr­lich­tern­den Gra­na­te erwischt wur­de. Allein­ste­hen­de Frau mit fünf Kin­dern. Sie wur­de ein­ge­sperrt. Das wis­sen wir, das weiß die gan­ze Fami­lie, das weiß deren Umfeld. Christ*innen in der DDR wis­sen das. Sie haben halt nicht mit Ihnen drü­ber gespro­chen und hät­ten das zu DDR-Zei­ten auch nicht getan. Weil sie aus einer Funk­tio­närs­fa­mi­lie kom­men. Mein Gott!

Sie for­dern eine Auf­ar­bei­tung der SED-Zeit und Rezen­sen­ten grei­fen das begeis­tert auf: Ja, die Ossis sol­len mal ihren Dreck im Kel­ler auf­ar­bei­ten, so wie wir es ja getan haben 1968.

War Ihre Fami­lie in das SED-Regime ver­wi­ckelt? Gab es in Ihrer Fami­lie Mit­ar­bei­ter der Staats­si­cher­heit? Wür­den Sie sagen, dass Ihre Fami­lie zu DDR-Zei­ten eher Täter oder Opfer waren? Gehör­ten Sie zu den Mit­läu­fern? Hat Ihre Fami­lie vom SED-Regime pro­fi­tiert? Gibt es in Ihrer Fami­lie Mit­glie­der, die auf Grund ihres Glau­bens oder ihrer poli­ti­schen Über­zeu­gung ver­folgt wur­den? Hat Ihre Fami­lie akti­ven Wider­stand gegen das SED-Regime geleis­tet? Ist es wich­tig, dass kom­men­de Gene­ra­tio­nen in der Schu­le über das Unrecht, das in der ehe­ma­li­gen DDR began­gen wur­de, auf­ge­klärt werden?

Die­se Fra­gen wer­den nicht gestellt. Man befragt uns nicht dazu und misst dar­an auch nicht den Grad unse­res poli­ti­schen Bewusst­seins oder den Zustand der Republik.

S. 73

Sor­ry, Frau Rabe, da haben Sie wohl einen Dit­sch von ihrem Eltern­haus mit­be­kom­men. Wer ist denn „man“? Wer soll denn was fra­gen? Der Staat uns? Soll­ten wir das nicht selbst tun? Und ja, 1) hat der Staat uns befragt bzw. unse­re Daten abge­fragt und 2) haben wir mit­ein­an­der gere­det. Das pas­sier­te in den 90ern ziem­lich inten­siv. Nur haben Sie davon nichts mit­be­kom­men, weil Sie da noch zu klein waren. Das kann man Ihnen nicht vor­wer­fen, was man Ihnen vor­wer­fen kann, ist, dass Sie selbst nicht reden woll­ten (sie­he oben) und dass Sie auch nicht recher­chiert haben. Über „Wir müs­sen alle mal reden und wir brau­chen ein 68 für den Osten“ habe ich auch in Gewalt­er­fah­run­gen und 1968 für den Osten noch aus­führ­li­cher besprochen.

Berlinerisch

Auf S. 210 schreibt Anne Rabe zum Berlinischen:

Zwar ist es in der intel­lek­tu­el­len Land­schaft Ost­ber­lins ganz schick gewe­sen, den Jar­gon der Arbei­ter zu imitieren

S. 210

Anne Rabe hat an der FU-Ber­lin ab 2005 Ger­ma­nis­tik und Thea­ter­wis­sen­schaf­ten stu­diert. Als ich dort 2007 anfing, war sie wahr­schein­lich schon weg. An der FU lehr­te damals noch Prof. Nor­bert Ditt­mar, der zum Ber­li­ni­schen geforscht hat. Aber eigent­lich braucht es kei­ne sprach­wis­sen­schaft­li­che Aus­bil­dung, um zu wis­sen, dass das Ber­li­nern in Ber­lin und Bran­den­burg in allen Bevöl­ke­rungs­schich­ten üblich war. Ich konn­te ber­li­nern, schon bevor ich mit Arbei­tern in Kon­takt gekom­men bin. Mei­ne Eltern sind aus Jena und Wit­ten­berg. Von denen habe ich es nicht gelernt. Das kam ganz nor­mal über den Kin­der­gar­ten und die Schu­le. So hat man gespro­chen. Ein Kol­le­ge, der in den 90ern an der HU stu­diert hat, hat Vor­le­sun­gen in der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft gehört, in denen der Dozent bes­tens ber­li­nert hat. Wir alle haben ber­li­nert. Vie­le sind zwei­spra­chig und kön­nen Stan­dard­spra­che und Dia­lekt spre­chen. Im Wes­ten hat man den Schüler*innen das Ber­li­nern aus­ge­trie­ben, so wie man in Bay­ern den Kin­dern das Bay­ri­sche abge­wöhnt hat. Ich habe genau einen Freund aus West­ber­lin, der ber­li­nert. Sonst spre­chen alle West-Ber­li­ner hochdeutsch.

Ein mög­li­cher Grund dafür, dass die Schu­len nicht ver­sucht haben, uns die Dia­lek­te abzu­er­zie­hen, könn­te natür­lich sein, dass auch Funk­tio­nä­re Dia­lekt spra­chen, aber das ist etwas Ande­res als das, was Anne Rabe geschrie­ben hat. 

Jugendweihe – unser erster subversiver Akt

Zur Jugend­wei­he schreibt Rabe:

Das zwei­te Bekennt­nis leg­te das Kind dann selbst ab. In der ach­ten Klas­se, also mit 14 Jah­ren, soll­te das sozia­lis­ti­sche Kind qua Jugend­wei­he in die Welt der Erwach­se­nen auf­ge­nom­men wer­den und muss­te dafür laut­hals gelo­ben, sich „mit gan­zer Kraft für die gro­ße und edle Sache des Sozia­lis­mus einzusetzen“.

S. 114–115

Ja, die Jugend­wei­he war lus­tig! Und es war ganz prak­tisch, dass wir alle ber­li­ner­ten (sie­he vori­gen Abschnitt). Wir soll­ten alle die­ses blö­de Gelöb­nis spre­chen bzw. dann immer jeweils nach einem Stück Text sagen: „Ja, das gelo­ben wir!“

Was wir statt­des­sen sag­ten, war: „Ja, das glo­ben wir.“, was über­setzt ins Stan­dard­deut­sche „Ja, das glau­ben wir.“ heißt. Wir hat­ten alle Spaß. Für vie­le war das ihr ers­ter sub­ver­si­ver Akt. Hat kei­ner gemerkt.

Funktionärssprache

Ich hat­te oben schon das Zitat zum Reden mit Oppo­si­tio­nel­len. Dar­in war fol­gen­der Satz enthalten:

Ich woll­te mich auch nicht als die­je­ni­ge pro­du­zie­ren, die nun ihre Haus­auf­ga­ben gemacht und im Gegen­satz zu den ewig Gest­ri­gen ver­stan­den hat­te, aus was für einem Land sie kam.

S. 155

Ewig Gest­ri­ge ist für mich Funk­tio­närs­spra­che. Die­se Flos­kel kam über­all vor: im Geschichts­un­ter­richt, im Staats­bür­ger­kun­de­un­ter­richt, im FDJ-Stu­di­en­jahr. Es ging um Revan­chis­ten und Reak­tio­nä­re. Nun also Ossis. Hm. Viel­leicht kommt die­se Phra­se auch im Wes­ten vor. Ich hät­te sie aber nicht in solch einem Roman verwendet.

Ein Scherz, oder?

Rabe schreibt als Ich-Erzählerin:

Hans ist das Licht des Lap­tops zu hell im Bett. Er stöhnt und will schla­fen. Um sechs klin­gelt sein Wecker. Als du den Com­pu­ter zuklappst, ist es nicht weni­ger hell. Der Mond scheint dich an. Du stehst auf und ziehst ins Wohn­zim­mer und schreibst: „Vol­ler Mond, du dum­me Sau/zieh dich zurück in dei­nen Ver­hau.“ Es geht doch. Geht doch noch.

Das ist ein Scherz, oder? Ich bin in der Lage Humor zu erken­nen. Ist das der ein­zi­ge fik­tio­na­le Teil im Roman? Oder doch mehr? Oder alles? Oder ist alles ernst?

Spinnen und Bananen

Anne Rabe bzw. ihre Ich-Erzäh­le­rin hat­te es schwer. Ihre Kind­heit war ent­beh­rungs­reich und hart. Sie muss­te auf ein Außen­klo gehen, auf dem es Spin­nen gab. Und grü­ne Bana­nen essen.

Lie­be Frau Rabe, ich hab da ein paar Tipps für Sie: Wenn man nicht möch­te, dass es an einem Ort Spin­nen gibt, kann man sich ein Glas und Papier neh­men. Das Glas stülpt man über die Spin­ne. Das Papier schiebt man unter das Glas und dann kann man die Spin­ne zurück in die Natur beför­dern. Ich weiß, Ihre Kind­heit war schwer, aber es gab hof­fent­lich Papier (zu mei­ner Zeit war das Papier knapp). Min­des­tens Klo­pa­pier wird es wohl gege­ben haben und das sogar an dem Ort, wo sie es hät­ten benut­zen kön­nen. Wenn es bei Ihnen kein Glas gab, gab es viel­leicht die­se Punkte-Becher: 

DDR-Design­klas­si­ker: Punk­te-Becher aus Plas­te, 23.02.2024

Man hat­te mit solch einem Becher lei­der kei­nen Sicht­kon­takt zur Spin­ne mehr, aber hey, Not macht erfin­de­risch. Wir Ossis haben eigent­lich immer noch alles hinbekommen. 

Und mit den grü­nen Bana­nen, das kann ich voll nach­voll­zie­hen. Die sind dann so kleb­rig. Aber auch da gibt es einen Trick: Man lässt die Bana­nen etwas lie­gen. Dann sind sie reif. Sie schrei­ben ja selbst, dass Sie schon ein­mal brau­ne Bana­nen gese­hen hätten. 

Die Bana­nen, die ich nicht moch­te, weil wir sie geges­sen haben, wenn sie noch grün waren. Ich dach­te lan­ge, sie wären schlecht, sobald sie ein paar brau­ne Stel­len hatten.

S. 18

Dann müss­ten Ihnen doch eigent­lich auch Bana­nen in mitt­le­rer Rei­fe unter­ge­kom­men sein. Hät­ten Sie sys­te­ma­tisch getes­tet, hät­ten Sie her­aus­fin­den kön­nen, dass man Bana­nen weder grün noch braun essen muss.

Übri­gens: Bei uns damals war es so, dass wir über­haupt kei­ne Bana­nen hat­ten. Auch kei­ne grü­nen. Also, wir schon, denn wir leb­ten in Ber­lin und Ber­lin wur­de immer bes­ser ver­sorgt als der Rest der DDR. Das hing damit zusam­men, dass die Wes­sis nicht mer­ken soll­ten, dass es bestimm­te Din­ge in der DDR nicht gab, wenn sie mal kurz ihr Mäd­chen aus Ost­ber­lin besuch­ten. Also wir hat­ten wel­che, aber Ihre Eltern in Wis­mar nicht. 

Kari­ka­tur von Bernd A. Chmu­ra. Bana­nen-Repu­blik, 1986. Aus dem Kata­log der X. Kunst­aus­stel­lung der DDR, Dres­den. 1987/1988. S. 429. Ber­lin bekommt die Bana­nen, die rest­li­che DDR die Schalen.

Bzw. sie hat­ten sehr sel­ten wel­che. Ich erin­ne­re mich an Bana­nen bei einer Kur in Ahl­beck. Die waren noch grün!!! In Ber­lin gab es aber auch nicht immer Bana­nen. Eigent­lich gab es Süd­früch­te immer so um die Weih­nachts­zeit, wes­halb Obst­sa­lat noch heu­te für mich mit Weih­nach­ten ver­bun­den ist. 

Obst­sa­lat in einer Schüs­sel von Kahla Thü­rin­gen Por­zel­lan, Ber­lin, 18.12.2021. Kahla Thü­rin­gen Por­zel­lan wur­de nach der Wen­de für eine DM an einen Rechtstan­walt ver­kauft, des­sen einiz­ge Qua­li­fi­ka­ti­on dar­in bestand, einen Bru­der bei der Treu­hand zu haben. Na, ich schwei­fe ab. Und man soll auch nicht so viel Infor­ma­ti­on in Bild­un­ter­schrif­ten packen.

Dass es die Süd­früch­te nur zu Weih­nach­ten gab, lag dar­an, dass Erich Hon­ecker erst zum Jah­res­en­de genü­gend DDR-Oppo­si­tio­nel­le in den Wes­ten ver­kauft hat­te, so dass dann die Bana­nen und Apfel­si­nen gekauft wer­den konnten.

Übri­gens: Die Sze­ne mit der Bade­wan­ne. Ist das nicht genau­so wie das mit den grü­nen Bana­nen? Ihr Mut­ter war in der Küche, Ihr Vater im Wohn­zim­mer. Sie soll­ten in das kochen­de Was­ser. War­um haben Sie nicht ein­fach kal­tes Was­ser nach­ge­füllt? War­um haben Sie sich und ihren klei­nen Bru­der in das hei­ße Was­ser gestellt? Ich weiß, sie waren noch klein und es war eine Stress­si­tua­ti­on. Aber wenn das immer wie­der pas­siert ist, hät­te man ja mal drü­ber nach­den­ken können.

Schlagersüßtafel

Zum The­ma Schla­ger­süß­ta­fel schreibt Anne Rabe:

Dar­über, wie die Revo­lu­ti­on 89/90 auch durch die klei­ne Stadt gefegt war, schwieg sich mei­ne Fami­lie aus. Die DDR war den­noch oder gera­de des­halb selt­sam prä­sent. Ein ver­lo­re­ner Sehn­suchts­ort. Ein Ort, an dem alles gut war und »wisst ihr noch, die Schla­ger­süß­ta­fel?«. Die­se Scho­ko­la­de kam in fast allen Erzäh­lun­gen der Eltern vor. Auch wenn sie sich ganz gut ein­ge­lebt hat­ten im schlech­te­ren Deutsch­land, schien die Tat­sa­che, dass es die Schla­ger­süß­ta­fel nicht mehr zu kau­fen gab, von grö­ße­rer Bedeu­tung zu sein als das Haus, das sie nun bau­ten, die Urlau­be, in die wir fuh­ren, und der Ten­nis­kurs, den sie absol­vier­ten. Irgend­wann kamen sie zurück – die Ost­pro­duk­te. Sie füll­ten gan­ze Mes­se­hal­len und auch die Rega­le in unse­rem Super­markt. Plötz­lich gab es wie­der Bam­bi­na, Nudo­s­si, Puffreis und Fil­in­chen. Das ers­te Stück Schla­ger­süß­ta­fel aber war eine Ent­täu­schung. So hat­te sie also geschmeckt, die­se DDR? Nach nichts, noch nicht ein­mal nach Kakao­pul­ver. Ver­mut­lich war das gar kei­ne Schokolade.

S. 256

Schla­ger­süß­ta­fel wird in Wiki­pe­dia als Genuss­mit­tel gelis­tet. Aber ich muss Anne Rabe Recht geben: Schla­ger­süß­ta­fel war unge­nieß­bar. Ich habe in Schla­ger­süß­ta­fel und Klas­sen­kei­le bereits dar­über geschrie­ben: Wir hat­ten sie gekauft, weil wir dach­ten, es wären Bil­der von Schlagersänger*innen drin. Da sie zum Essen nicht taug­te, benutz­ten wir sie, um Bau­ar­bei­ter zu bewer­fen. Wie es dann wei­ter­ging, müsst Ihr in dem ande­ren Blog-Post lesen.

Wiki­pe­dia kann man auch die Zuta­ten ent­neh­men. Ein biss­chen Kakao war drin, aber nur 7%. Übri­gens lus­tig: Beim Lesen der Zuta­ten muss­te ich an die Mut­ter des Ich-Erzäh­lers von Stern 111 den­ken. Sie war Lebens­mit­tel­tech­ni­ke­rin und ihre Auf­ga­be war es, Ersatz­le­bens­mit­tel aus in der DDR ver­füg­ba­ren Roh­stof­fen zu kre­ieren. Viel­leicht war sie ja an der Krea­ti­on der Schla­ger­süß­ta­fel betei­ligt. Stern 111 ist übri­gens ein sehr gelun­ge­ner Nach­wen­de­ro­man. Wer wis­sen will, wie es vor der Wen­de war, soll­te Der Turm und Kro­ko­dil im Nacken lesen.

Plagiat? Nee!

In einem Bei­trag in der Neu­en Züri­cher Zei­tung schreibt Peer Teuw­sen, dass Anne Rabes Roman auf den Schul­tern von Ines Gei­pel ste­hen wür­de. Es wer­den drei Stel­len ange­führt. In einer fah­ren Kin­der Schlit­ten, in der zwei­ten trägt ein Vater sei­nen Sohn auf den Schul­tern und in der drit­ten spre­chen Kin­der über das Stern­bild gro­ßer Wagen. Pla­gi­at ist mein drit­tes Hob­by. Ich bin selbst pla­giert wor­den und habe ein ent­spre­chen­des Ver­fah­ren ein­ge­lei­tet. Ich war in einer Pla­gi­ats­kom­mis­si­on, die sich mit einer pla­gier­ten Dis­ser­ta­ti­on aus­ein­der­ge­setzt hat. Ich habe die­ses Jahr ein Pla­gi­at in einer BA-Arbeit gefun­den und ein 80seitiges Gut­ach­ten über ein Buch und das rest­li­che Werk eines sys­te­ma­tisch pla­gie­ren­den Autors ver­fasst. Der Vor­wurf des Pla­gi­ats gegen Rabe ist lächer­lich. Die Text­stel­len, die Teuw­sen anführt, sind kom­plett ver­schie­den, ja, sie haben inhalt­lich außer den oben genann­ten The­men selbst nichts mit­ein­an­der zu tun.

Die Ant­wort des Ver­lags ist interessant:

„Die Ähn­lich­kei­ten sind aus unse­rer Sicht zufäl­lig und allen­falls dadurch bedingt, dass die Bücher der bei­den Autorin­nen the­ma­tisch so nahe bei­ein­an­der lie­gen. Die Autorin­nen haben einen ähn­li­chen Blick auf die DDR und es gibt bio­gra­fi­sche Par­al­le­len (so haben bei­de Autorin­nen jün­ge­re Brü­der und kom­men aus einem sys­tem­na­hen Milieu)“, schreibt Rabes Verlag.

Peer Teuw­sen. 2023. Ver­heim­lich­te Nähe. NZZ.

Die Brü­der sind viel­leicht rele­vant, DDR ist kom­plett irrele­vant und Sys­tem­nä­he auch. Schlit­ten, Brü­der und den Gro­ßen Wagen gibt es auch im Wes­ten. Jeden­falls kann man Teuw­sens Arti­kel ent­neh­men, dass Gei­pel und Rabe befreun­det waren: „Die Älte­re fand es wun­der­bar, dass eine jün­ge­re Autorin sich ihrer The­men annimmt und ihnen eine neue Stim­me verleiht.“

Also kein Pla­gi­at, aber der Ein­fluss von Ines Gei­pel ist wahr­schein­lich für das gesam­te Ideen­ge­flecht rele­vant: Funk­tio­närs­kin­der kri­ti­sie­ren den Osten. Wie ich in mei­nem Blog­post Der Ossi und der Holo­caust gezeigt habe, lügt Ines Gei­pel. Es geht Ihr und Anet­ta Kaha­ne, eben­falls Funk­tio­närs­kind, nicht um eine Auf­ar­bei­tung von Unrecht. Sie stel­len Din­ge wahr­schein­lich bewusst falsch dar. Wie ich damals schon sag­te: Ent­we­der sie lügen bewusst oder sie sind unwis­send. Bei­des wäre schlecht, wenn man sich so weit aus dem Fens­ter lehnt. Und das ist auch für Anne Rabe so, wie ich in Kei­ne Gewalt! Zu Mög­lich­kei­ten und Glück und dem Buch von Anne Rabe und auch hier gezeigt habe: Ent­we­der sie lügt bewusst oder sie ist unwis­send. Wahr­schein­lich das Letz­te­re. Scha­de nur, dass sie damit solch einen Scha­den anrichtet.

Antisemitismus und Nationalismus

Auf S. 271 kommt mal eben so eine Aus­sa­ge zu Anti­se­mi­tis­mus und Nationalismus: 

Auch waren Anti­se­mi­tis­mus und Natio­na­lis­mus wich­ti­ge Bestand­tei­le der sowje­ti­schen und real­so­zia­lis­ti­schen Ideologie.

S. 271

Wo hat sie das nur her? Quel­len? Na, viel­leicht von Gei­pel. Dass Anet­ta Kaha­ne und Ines Gei­pel gelo­gen haben (oder extrem unwis­send sind), wenn sie behaup­ten, der Holo­caust sei im Osten nicht vor­ge­kom­men, habe ich schon in Der Ossi und der Holo­caust bespro­chen. Zum (fast) nicht vor­han­de­nen Anti­se­mi­tis­mus in der DDR hat die Jüdin Danie­la Dahn viel geschrie­ben. Man­ches ist auch im Holo­caust-Post erwähnt. Ande­re Sachen bespre­che ich im Post über die Aus­stel­lung über jüdi­sches Leben in der DDR, die vom jüdi­schen Muse­um orga­ni­siert wurde.

Ich habe diver­se Inter­views mit Anne Rabe gele­sen und in einem Inter­view von Cor­ne­lia Geiß­ler von der Ber­li­ner Zei­tung steht:

Auch der His­to­ri­ker Patri­ce G. Pou­trus, der eher Osch­manns Gene­ra­ti­on ange­hört, hat beob­ach­tet, dass Rech­te und Rechts­extre­me im Osten auf ein fes­tes natio­na­lis­ti­sches Welt­bild trafen.

Geiß­ler, Cor­ne­lia. 2023. Anne Rabe: „Es reicht nicht, die DDR immer nur vom Ende her zu erzäh­len“. Ber­li­ner Zei­tung.

Ich bin ja immer bereit, Neu­es zu ler­nen und dach­te mir: „Gut, mal gucken, was der His­to­ri­ker Pou­trus her­aus­ge­fun­den hat.“ Als ers­tes: Kur­zer Chek: Er ist aus dem Osten. Also gut, mal gucken. Bei der Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung habe ich einen Auf­satz von ihm gefun­den, den er gemein­sam mit Jan C. Beh­rends und Den­nis Kuck ver­fasst hat: His­to­ri­sche Ursa­chen der Frem­den­feind­lich­keit in den neu­en Bun­des­län­dern.

Ich gehe den Text ein­fach auch mal der Rei­he nach durch. Die Autoren schreiben:

Trotz Ver­ein­heit­li­chungs­ten­den­zen und inter­na­tio­na­ler Ver­net­zung in der rech­ten und Skin­head-Sze­ne sind deut­li­che Unter­schie­de zwi­schen der Situa­ti­on in Ost- und West­deutsch­land zu beob­ach­ten. Kenn­zeich­nend ist nicht nur die ’star­ke Domi­nanz jugend­li­cher Rechts­extre­mis­ten’ in den Jugend­treffs ver­schie­de­ner ost­deut­scher Brenn­punk­te, son­dern die inzwi­schen erreich­te vor­aus­set­zungs­lo­se Gewaltbereitschaft.

Hier­zu möch­te ich der geneig­ten Leser*in fol­gen­des Video ans Herz legen:

Der Bei­trag zeigt einen Jugend­club in Cott­bus, in dem sich Rechts­ra­di­ka­le tref­fen. Sie wer­den dort vom CDU-Innen­mi­nis­ter Jörg Schön­bohm besucht, der die Jugend­li­chen pri­ma fin­det (12:30). Die Fami­lie Schön­bohm floh 1945 in den Wes­ten. Schön­bohm war Gene­ral­leut­nant in der Bun­des­wehr und Lan­des­vor­sit­zen­der der CDU Bran­den­burg. Auch sieht man im Video, dass die Nazi-Par­tei Deut­sche Alter­na­ti­ve, die in Bran­den­burg aktiv war, von Men­schen aus dem Wes­ten auf­ge­baut wur­de (11:25). Rabe schreibt dazu auch an eini­gen Stel­len etwas und stellt das in Fra­ge (unten mehr zu den West-Einflüssen).

Aber wenn wir bei der Schuld­fra­ge sind, soll­ten wir auch noch ein­mal über Lich­ten­ha­gen spre­chen. Lich­ten­ha­gen ist ein schlim­mes Bei­spiel von Poli­zei­ver­sa­gen (sie­he Ros­tock-Lich­ten­ha­gen 1992: Ein Poli­zei­de­ba­kel). Poli­zei, Jus­tiz, Ver­fas­sungs­schutz, alle Insti­tu­tio­nen wur­den vom Wes­ten auf­ge­baut und waren von West­lern gelei­tet.1 Der Bru­der mei­ner Schwie­ger­mut­ter noch heu­te AfD-Wäh­ler hat zum Bei­spiel das Lan­des­ar­beits­ge­richt in Dres­den auf­ge­baut. Der für Lich­ten­ha­gen zustän­di­ge Poli­zist ist ins Wochen­en­de gefah­ren. Nach Bre­men. Er hat die bepiss­ten Nazis pöbeln und zün­deln las­sen. Im Wiki­pe­dia­ein­trag zu den Aus­schrei­tun­gen steht es noch kras­ser. Nach einer lan­gen, lan­gen Vor­ge­schich­te mit Ankün­di­gun­gen und Dro­hun­gen ist die gesam­te poli­ti­sche und poli­zei­li­che Füh­rung ins Wochen­en­de ver­schwun­den. In den Westen:

Trotz der ange­kün­dig­ten Kra­wal­le und der auf­ge­heiz­ten Stim­mung rund um die ZAst fuhr fast das gesam­te poli­tisch und poli­zei­lich lei­ten­de Per­so­nal, das nach der Wen­de nahe­zu voll­stän­dig mit west­deut­schen Beam­ten aus den Part­ner­län­dern Schles­wig-Hol­stein, Ham­burg und Bre­men besetzt wor­den war, wie üblich am Frei­tag zu ihren Fami­li­en nach West­deutsch­land. So waren am Wochen­en­de der Aus­schrei­tun­gen der Staats­se­kre­tär im Innen­mi­nis­te­ri­um, Klaus Balt­zer, der Abtei­lungs­lei­ter Öffent­li­che Sicher­heit, Olaf von Bre­vern, der Abtei­lungs­lei­ter für Aus­län­der­fra­gen im Innen­mi­nis­te­ri­um und zum dama­li­gen Zeit­punkt zugleich Aus­län­der­be­auf­trag­ter der Lan­des­re­gie­rung, Win­fried Rusch, der Lei­ter des Lan­des­po­li­zei­am­tes, Hans-Hein­rich Hein­sen, der Chef der Poli­zei­di­rek­ti­on Ros­tock, Sieg­fried Kor­dus, sowie der Ein­satz­lei­ter Jür­gen Deckert nicht in Schwe­rin bzw. Ros­tock zuge­gen. Deckert hat­te die Füh­rung an den noch in der Aus­bil­dung befind­li­chen Sieg­fried Trott­now übergeben.

Wiki­pe­dia­ein­trag Aus­schrei­tun­gen in Rostock-Lichtenhagen

Rabe lässt ihre Mut­ter bzw. Sti­nes Mut­ter sagen, dass man Nazis aus dem Wes­ten ange­karrt habe:

Mut­ter hat gesagt, dass man nichts gegen Aus­län­der haben darf. Die machen hier die Arbeit, auf die die Deut­schen kei­ne Lust mehr haben. Und die Viet­na­me­sen, wo sie in Ros­tock das Haus ange­zün­det haben, die sind sogar schon zu Ost­zei­ten in Ros­tock gewe­sen, die kön­nen gar nichts dafür. Außer­dem waren da auch vie­le Nazis aus dem Wes­ten dabei. Die hat man extra da hin­ge­fah­ren, damit sie Ran­da­le machen. Das waren Row­dys. Aber im Fern­se­hen sagen sie immer, dass die alle Ros­to­cker sind.

S. 88

Im Inter­view mit Cor­ne­lia Geiß­ler sagt Rabe: 

Als die Zen­tra­le Auf­nah­me­stel­le für Asyl­be­wer­ber in Ros­tock-Lich­ten­ha­gen in Brand gesetzt wur­de, 1992, hieß es, die Neo­na­zis sei­en nur aus dem Wes­ten ange­fah­ren wor­den. Die Eltern, die Leh­rer, die woll­ten das immer von sich weg­hal­ten. Aber wir Jugend­li­chen kann­ten die Nazis ganz gut, die saßen neben uns am Strand, in den Klas­sen, im Sportverein.

Geiß­ler, Cor­ne­lia. 2023. Anne Rabe: „Es reicht nicht, die DDR immer nur vom Ende her zu erzäh­len“. Ber­li­ner Zei­tung. Ber­lin.

In den bei­den Text­pas­sa­gen gibt es ver­schie­de­ne Aus­sa­gen. 1) Es waren vie­le Nazis aus dem Wes­ten dabei. 2) Die Neo­na­zis sei­en nur aus dem Wes­ten ange­fah­ren worden.

Das sind die Fakten:

Gegen 12 Uhr am Sonn­tag hat­ten sich bereits wie­der etwa 100 Per­so­nen vor der ZAst ver­sam­melt. Nun tra­fen Rechts­extre­mis­ten aus der gan­zen Bun­des­re­pu­blik in Ros­tock ein, dar­un­ter Bela Ewald Alt­hans, Ingo Has­sel­bach, Ste­fan Nie­mann, Micha­el Bütt­ner, Ger­hard End­ress, Ger­hard Frey, Chris­ti­an Mal­co­ci, Arnulf Priem, Erik Rund­quist, Nor­bert Weid­ner und Chris­ti­an Worch. Von die­sen wur­de nur End­ress wäh­rend der Aus­schrei­tun­gen festgenommen.

Wiki­pe­dia­ein­trag Aus­schrei­tun­gen in Rostock-Lichtenhagen

Also: Fakt ist, dass Neo­na­zis aus dem Wes­ten dabei waren. Ob die ange­fah­ren wor­den sind und wenn ja von wem, weiß ich nicht, aber ansons­ten hat­te Rabes Mut­ter Recht. Ja, auch ehe­ma­li­ge Funk­tio­nä­re kön­nen Recht haben.

Bei den NSU-Mor­den war der Ver­fas­sungs­schutz selbst dabei (taz, 03.04.2017). Maa­ßen, ein Neo-Nazi erst CDU, jetzt Wer­te­uni­on, war der, der den­je­ni­gen abge­löst hat, der wegen des Ver­sa­gens beim NSU gehen muss­te. In Leip­zig Con­ne­witz ist eine Hor­de von über 200 Nazis ein­ge­fal­len und haben den Stadt­teil ver­wüs­tet. Die Ver­fah­ren wur­den ver­schleppt, vie­le sind straf­frei davon­ge­kom­men. Einer war Jura-Stu­dent. Er hat danach wei­ter­stu­diert und trat 2018 sein Refe­ren­da­ri­at an. Ein JVA-Mit­ar­bei­ter und Täter arbei­te­te fröh­lich wei­ter in der JVA (taz: 11.01.2021, Schlep­pen­de Auf­klä­rung). Die AfD wur­de von Neo­li­be­ra­len Wirtschaftsprofessor*innen aus dem Wes­ten auf­ge­baut und nach und nach von West-Nazis über­nom­men. Das habe ich Osch­mann nach sei­nem ers­ten Arti­kel geschrie­ben und ihn auf mei­nen Blog-Bei­trag Der Ossi ist nicht demo­kra­tie­fä­hig. Merkt Ihr’s noch? mit den Quel­len ver­wie­sen. Er hat sich herz­lich bedankt und wird jetzt dafür zitiert. Die Quel­len­an­ga­be hat er wohl vergessen. 

Bei Ent­hül­lun­gen von Cor­rec­tiv zu den Depor­ta­ti­ons­plä­nen, die AfD-Mit­glie­der, CDU-Mit­glie­der und sons­ti­ge Neo­na­zis dis­ku­tiert haben, habe ich mir auch mal den Spaß gemacht, zu schau­en, wo die betei­lig­ten Per­so­nen her­ka­men. Über­ra­schung: Das Ver­hält­nis West zu Ost ist 19:1. Bit­te­schön: Cor­rec­tiv und die Nazi-Vor­stel­lun­gen bzgl. Remi­gra­ti­on.

In die­ser Auf­zäh­lung darf Karl-Heinz Hoff­mann nicht feh­len. Hoff­mann ist ein extre­mer Rechts­extre­mist. Er hat die Wehr­sport­grup­pe Hoff­mann gegrün­det und hat mit 400–600 Kum­pels bewaff­net für den End­sieg trai­niert. (Ej, lie­be Wes­sis, das gab es in der DDR wirk­lich nicht. Hört auf, vom „ver­ord­ne­ten Anti­fa­schis­mus“ zu faseln.) Hoff­mann ging dann irgend­wann doch in den Knast und kam schließ­lich 1989 wegen guter Füh­rung und posi­ti­ver Sozi­al­pro­gno­se pas­send zur Mau­er­öff­nung wie­der raus. Dan­ke­schön! Hoff­mann ist aus Kahla (Thü­rin­gen), ging sofort wie­der rüber, kauf­te die hal­be Stadt auf und begann Neo-Nazi-Struk­tu­ren aufzubauen.

So war es. Wir wis­sen das. Nur Anne Rabe tut so, als wäre es anders. Weil sie es nicht weiß? Weil sie nie mit jeman­dem gere­det hat? Außer mit Gei­pel? Weil sich das Gegen­teil bes­ser ver­kauft? Sie­he unten.

So. Das war ein wei­ter Schlen­ker von „die ’star­ke Domi­nanz jugend­li­cher Rechts­extre­mis­ten’ in den Jugend­treffs ver­schie­de­ner ost­deut­scher Brenn­punk­te“ im Arti­kel von Pou­trus, Beh­rends & Kuck über Ver­ant­wor­tung der west­deut­schen Poli­ti­ker und Polizeibeamten.

Nationalstolz

Sport

Die Staats­füh­rung woll­te, dass wir stolz auf unser Land sind. Ver­ständ­lich. Sie woll­te, dass wir gern dort leben und nicht bei der erst­bes­ten Gele­gen­heit abhau­en. Aber hat das irgend­wie geklappt? Ich bin ja fast noch nach­träg­lich stolz auf die DDR gewor­den, als ich ges­tern gese­hen habe, wie gigan­tisch die Last war, die die Gene­ra­ti­on mei­ner Eltern und Groß­el­tern gestemmt hat: Repa­ra­ti­ons­leis­tun­gen und Wie­der­auf­bau. Aber zu DDR-Zei­ten war ich nicht stolz auf die DDR und kann­te außer andert­halb Sta­si-Kin­dern wahr­schein­lich auch nie­man­den, der stolz war. Die DDR hat es ver­sucht. Mit Sport. Kata­ri­na Witt war super. Ich habe sie als Kind beim Schau­lau­fen gese­hen. Im Frei­zeit­zen­trum im Fried­richs­hain. Beim Kin­der­schau­lau­fen. Sie war ein Schlumpf. Wahr­schein­lich so 14 Jah­re alt. Spä­ter hing in jedem Klas­sen­raum ein Bild von ihr. Im FDJ-Hemd. Sie war Mit­glied der Volks­kam­mer. Sie kann­te Bri­an Adams und hat­te dafür gesorgt, dass er zu einem Kon­zert nach Ber­lin kam.

Sie ließ es sich nicht neh­men, ihn anzu­kün­di­gen. Vor 65.000 Men­schen. Wir haben sie aus­ge­buht. Die Gold-Käthe hat es nicht ver­stan­den. Wo kam nur die­se Abnei­gung her? Sie hat­te doch alles gewon­nen, was man gewin­nen konn­te? Für die FDJ, für Erich Hon­ecker, für ihr Land. Wir moch­ten sie nicht.

Betriebe

Mei­ne Mut­ter hat Betriebs­be­sich­ti­gun­gen orga­ni­siert. (Für die, die es nicht erlebt haben: Ein Groß­teil des kul­tu­rel­len Lebens fand in der DDR auch über die Betrie­be statt. Musik, Aus­flü­ge usw. Frei­geis­ter fan­den das doof. Die­se kleb­ri­ge Enge. Aber das war alles weg, als nach der Wen­de die Arbeits­lo­sig­keit kam. Per­sön­li­che Bin­dun­gen weg, Arbeit weg, Kul­tur weg. Es blieb nur ein Trüm­mer­hau­fen.) Jeden­falls habe ich eine Licht­lei­ter­fa­brik, eine Fabrik von Stern­ra­dio, ein Kugel­la­ger­werk besich­tigt. Ich dach­te, dass eine Licht­lei­ter­fa­brik etwas Hoch­mo­der­nes sein müss­te. Es war eine klei­ne Klit­sche mit Maschi­nen aus den 70er Jah­ren. Die Kugel­la­ger­fa­brik funk­tio­nier­te. Ich fand es lus­tig, dass die fer­ti­gen Kugel­la­ger­rol­len auf Schie­nen durch die Hal­le roll­ten. Die Fer­ti­gungs­an­la­ge für Stern­ra­dio wur­de aus Schwe­den impor­tiert. Coo­les Zeug. Nest­bau­wei­se. Wir konn­ten sehen, wie die Schalt­krei­se auf die Pla­ti­nen kamen usw. Die Takt­stra­ße stand in einem alten Fabrik­ge­bäu­de. Die Stern­re­cor­der – muss wohl der SKR 700 gewe­sen sein – wur­den ganz oben pro­du­ziert. Wenn sie fer­tig waren schweb­ten sie am För­der­band ins Trep­pen­haus, wo sie dann ins Erd­ge­schoss hin­ab­ge­las­sen wer­den soll­ten. Das Abbrem­sen der Recor­der im Trep­pen­haus funk­tio­nier­te nicht, so dass eine gro­ße Anzahl der Recor­der sechs Stock­wer­ke in die Tie­fe stürz­te. 1540 Mark ein­fach futsch. Pfusch. Soll­te ich dar­auf stolz sein?

Ich bin in Buch auf­ge­wach­sen. In den Neu­bau­ten. Es gab die alten Neu­bau­ten, die Neu­bau­ten und die neu­en Neu­bau­ten. Ich konn­te dabei zuse­hen, wie Tei­le der Neu­bau­ten und der neu­en Neu­bau­ten ent­stan­den. Die Bau­stel­len stan­den oft Mona­te lang still, weil Mate­ri­al fehl­te. Die Bau­ar­bei­ter saßen in den Bau­wa­gen davor. Soll­te ich dar­auf stolz sein? Es gab Woh­nungs­not. Spä­ter im Wes­ten habe ich mich dar­über gewun­dert, wie schnell man Häu­ser bau­en konnte.

1987 war ich für drei Wochen im Braun­koh­le­werk Espen­hain. Die Schwe­le­rei war zuge­fro­ren und das Werk hat­te die Armee um Hil­fe gebe­ten. Die Grup­pe vor uns hat­te die Schwe­le­rei vom Eis befreit, so dass die För­der­bän­der wie­der lie­fen. Wir waren nur noch vor­sorg­lich dort im Ein­satz. Ich erin­ne­re mich genau dar­an, wie wir hin­ge­fah­ren sind. Wir saßen auf einem Las­ter, ich war ein­ge­schla­fen. Irgend­wann bin ich auf­ge­wacht, hab einen kur­zen Blick nach drau­ßen gewor­fen und wuss­te: Wir sind da. Der Schnee war schwarz. Ich habe in der Nacht­schicht gear­bei­tet und mei­ne Auf­ga­be war es, ab und zu an ein Rohr einer Fil­ter­an­la­ge zu klop­fen, damit die Asche in einen mit Was­ser gespül­ten Kanal fiel, denn die Klap­pe dafür ver­klemm­te sich ab und zu. Es gab För­der­bän­der über die Koh­le­bri­ketts aus den Koh­le­pres­sen in Bahn­wag­gons trans­por­tiert wur­de. Die Bri­ketts kamen aus der Pres­se über Dop­pel-T-Trä­ger aus Stahl. Die Trä­ger waren so abge­nutzt, dass in der Mit­te das Metall weg war. Des­halb ver­klemm­te sich ab und zu Koh­le, sie plopp­te raus und fiel neben die Trä­ger. Unse­re Auf­ga­be war es, die Koh­le auf die Bän­der zu schip­pen. Ein Ange­stell­ter erzähl­te uns, dass das nor­ma­ler­wei­se „die Rus­sen“ machen. Die T‑Träger waren so in der Höhe von 2–3 Metern. Wenn dann so viel Koh­le run­ter­ge­fal­len war, dass sie in die Höhe der T‑Träger kam, wur­den die Freun­de geru­fen und schipp­ten das alles in einem Rutsch weg. Aber da wir nun schon mal da waren, konn­ten wir das auch erledigen. 

Wenn es reg­ne­te, sah man die Pfüt­zen nicht. Der Staub lager­te sich auf ihnen ab.

Das Werk Espen­hain wur­de 1937 von den Nazis gebaut. Schon kriegs­si­cher in red­un­dan­ter Dop­pelt­aus­füh­rung: zwei glei­che Kraft­wer­ke nebeneinander.

Nach dem Koh­le­ein­satz beka­men wir drei Tage ver­län­ger­ten Kurz­ur­laub (VKU). Ich habe jeden Tag geba­det. Die Koh­le war noch lan­ge in den Poren. (Nicht, dass wir in Espen­hain nicht geduscht hät­ten. Das hat nur nicht viel geholfen.)

Soll­te ich auf Espen­hain stolz sein? Das war ein kom­plett run­ter­ge­rock­tes Kraftwerk!

Das steht hier­zu in Wikipedia:

In den 1960er Jah­ren waren die Anla­gen im Zusam­men­hang mit der Wirt­schafts­ori­en­tie­rung auf die Erd­öl­che­mie mas­siv auf Ver­schleiß gefah­ren wor­den. Als Anfang der 1970er Jah­re die Koh­le­che­mie wie­der an Bedeu­tung gewann, wur­de die Pro­duk­ti­on in den ver­schlis­se­nen Anla­gen auf maxi­ma­le Leis­tung gestei­gert. Dadurch und durch nicht vor­han­de­ne Inves­ti­tio­nen im Bereich des Umwelt­schut­zes stie­gen die Schad­stoff­emis­sio­nen in Luft und Was­ser sehr stark an. Über dem Ort und sei­ner Umge­bung lag immer eine Wol­ke von Phe­no­len, Schwe­fel, Ruß und Asche. Der hohe Schad­stoff­aus­stoß mach­te es erfor­der­lich, jeden Mor­gen Stra­ßen und Geh­we­ge zu keh­ren, da sich eine dicke Asche­schicht nie­der­ge­las­sen hat­te. Eini­ge Ein­woh­ner berich­ten, dass gele­gent­lich die Son­ne hin­ter Asche­wol­ken ver­schwand und dass Autos tags­über mit Licht fah­ren muss­ten. Die gesund­heit­li­chen Aus­wir­kun­gen auf die Ein­woh­ner der Stadt waren ver­hee­rend. Die Lebens­er­war­tung lag infol­ge­des­sen eini­ge Jah­re unter dem lan­des­wei­ten Durch­schnitt. Vor allem Kin­der lit­ten stark unter den auf­tre­ten­den Haut- und Atem­wegs­er­kran­kun­gen, wie z. B. Ekze­men und chro­nisch-obstruk­ti­ver Lun­gen­er­kran­kung (COPD). Auch heu­te noch sind vie­le Ein­woh­ner von Spät­fol­gen betroffen

Wiki­pe­dia-Ein­trag zu Espen­hain. 24.02.2024

Im Kon­sum des Wer­kes gab es Schnaps für 60 Pfen­nig (Wiki­pe­dia sagt 1,12 M) die Fla­sche (Brau­se­fla­sche). Der wur­de Kum­pel­tod genannt. Berg­leu­te und Leu­te in den Kraft­wer­ken wur­den exklu­siv damit ver­sorgt. Ich hab das nicht getrun­ken. Viel­leicht bin ich dar­auf stolz …

In den Nach­rich­ten wur­de der 1‑Me­ga­bit-Chip gefei­ert. Soll­te ich dar­auf stolz sein? Freun­de hat­ten West-Com­pu­ter, ich arbei­te an Ost-Com­pu­tern. Ich wuss­te, wo wir standen. 

Ich war nicht stolz auf die DDR. Ich war auch nicht stolz Deut­scher zu sein. Wir hat­ten gelernt, dass Natio­na­lis­mus der Wur­zel allen Übels war. Ich bin nach der Wen­de noch jah­re­lang zusam­men­ge­zuckt, wenn jemand „Deutsch­land“ gesagt hat, und wür­de die­ses Wort auch heu­te noch ger­ne nicht verwenden.

Die Autoren schreiben:

Hilf­los gegen­über der All­ge­gen­wart des West­fern­se­hens und der wirt­schaft­li­chen Über­le­gen­heit der Bun­des­re­pu­blik, ver­such­te die Par­tei eher durch den Ver­gleich mit den sozia­lis­ti­schen Bru­der­län­dern, den Ver­weis auf die eige­ne Spit­zen­stel­lung (hin­ter der Sowjet­uni­on), Punk­te zu sam­meln. Ins­be­son­de­re in Kri­sen­si­tua­tio­nen war die Par­tei­füh­rung auch bereit, unge­niert anti­pol­ni­sche Ste­reo­ty­pe (‘pol­ni­sche Wirt­schaft’) zu bedienen

Es stimmt, dass wir wuss­ten, dass wir die Bes­ten der Abge­häng­ten waren. Aber ich dach­te: Puh, da haben wir aber Glück. Und muss ja, weil wir das Schau­fens­ter waren. Stolz war ich dar­auf nicht. Die Sache mit den Polen stimmt. Das ging gegen Soli­dar­ność.

Wor­auf war ich stolz, wor­auf konn­te ich stolz sein? Auf mei­ne eige­nen Erfol­ge im Sport? Im Schach? Ja. Ha, mir fällt eine Sache ein, für die mich alle geliebt haben. Ich war der Bes­te im Spin­nen­fan­gen. Ich habe es geschafft, in 60 Sekun­den 80 Spin­nen zu fan­gen. Man­che haben mich gebe­ten, das für sie zu erle­di­gen. Im Prenz­lau­er Berg hat­te ich des­halb den Spitz­na­men: der Spinner!

Auf unse­re Täte­rä­tä – wie Man­fred Krug sie nann­te – stolz zu sein, wäre mir nie im Traum eingefallen.

Nationalismus und Rassismus

Nationalismus

Zum Natio­na­lis­mus schrei­ben die Autoren:

In der ‘patrio­ti­schen Erzie­hung’ der DDR wur­den Begrif­fe wie ‘Hei­mat­lie­be’ oder ‘Stolz auf die Errun­gen­schaf­ten’ der DDR mit sozia­lis­ti­scher Ideo­lo­gie auf­ge­la­den. ‘Sozia­lis­ti­scher Patrio­tis­mus’, das hieß unver­brüch­li­che Freund­schaft zur Sowjet­uni­on, Lie­be zur SED und Ver­eh­rung für die Par­tei­füh­rung und Soli­da­ri­tät mit den ‘unter­drück­ten’ Völ­kern der Welt. Uns erscheint aber zwei­fel­haft, ob die Bevöl­ke­rungs­mehr­heit all die­se Impli­ka­tio­nen nach­voll­zog oder ob nicht eher nach der prä­gen­den Kraft dahin­ter­ste­hen­der tra­dier­ter Denk­struk­tu­ren, näm­lich der kri­tik­lo­sen Über­hö­hung des Eige­nen und der exklu­si­ven Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem eige­nen Kol­lek­tiv zu fra­gen ist. Beruh­te die­se ‘ima­gi­ned com­mu­ni­ty’ (Bene­dict Ander­son) also auf genau jenen Mecha­nis­men, die für das Gefühl und das Erleb­nis, einer eth­nisch defi­nier­ten ‘Nati­on’ anzu­ge­hö­ren, typisch sind? Eini­ge fach­spe­zi­fi­sche For­schungs­er­geb­nis­se wei­sen in die­se Rich­tung: Die bil­dungs­ge­schicht­li­che Stu­die von Hel­ga Mar­bur­ger und Chris­tia­ne Grie­se attes­tiert der DDR-Päd­ago­gik einen star­ken Homo­ge­ni­sie­rungs­druck nach innen. ‘Das Eige­ne war kol­lek­ti­ves Eige­nes und als sol­ches streng genormt.’

Hm. Ja. Viel­leicht. Aber ist jetzt das DDR-Sys­tem schuld dar­an, dass es woll­te, dass die Bevöl­ke­rung die­ses Land lieb­te und da blieb, statt bei der nächst­bes­ten Gele­gen­heit in den Wes­ten zu ver­schwin­den? Die exklu­si­ve Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem eige­nen Kol­lek­tiv gehör­te sicher nicht zu den „dahin­ter­ste­hen­den tra­dier­ten Denk­struk­tu­ren“, denn uns wur­de immer der Wert der Völ­ker­freund­schaft bei­gebracht. Inter­na­tio­na­le Soli­da­ri­tät. Im Kampf für eine bes­se­re Welt, ohne Aus­beu­tung usw.

Wei­ter:

Loh­nend ist in die­sem Zusam­men­hang ein Blick auf das Ver­hält­nis der Sta­si zu den auch in der DDR exis­ten­ten Skin­head­grup­pen. In den Sta­si-Akten zum Skin­head­über­fall auf die Zions­kir­che von 1987 wird deut­lich, wie stark die Denk­sche­ma­ta der Ermitt­ler durch­ein­an­der gerie­ten. Waren doch die Opfer – Ziel des Über­falls war ein Punk­kon­zert – durch ihren Non-Kon­for­mis­mus bis dahin selbst Objekt von Beob­ach­tung und Ver­fol­gung der Sicher­heits­or­ga­ne, weil ihre Ein­stel­lung als sys­tem­feind­lich galt. Was die rech­ten Schlä­ger betrifft, so rei­chen die Akten über rechts­extre­me Vor­fäl­le bis 1978 zurück. Gleich­wohl pass­te die ‘faschis­ti­sche’ Ori­en­tie­rung die­ser Täter­grup­pe nicht in das Ras­ter der klas­sen­kämp­fe­risch geschul­ten Geheim­dienst­ler, hat­ten die Skins doch wesent­li­che ’sozia­lis­ti­sche Wer­te’ wie Arbeits­lie­be, Ord­nung, Sau­ber­keit und Bereit­schaft zum Mili­tär­dienst für sich ange­nom­men. Die­ses Bei­spiel ver­deut­licht die ’sozi­al-hygie­ni­schen’ Gemein­sam­kei­ten staats­so­zia­lis­ti­scher und rechts­extre­mer Leit­bil­der. Die­se Über­ein­stim­mung war es, die eine cou­ra­gier­te und offe­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Rechts­extre­mis­mus unmög­lich mach­te, wären damit doch die genann­ten Grund­wer­te der DDR und letzt­lich der beschrie­be­ne Herr­schafts­mo­dus der SED in Mit­lei­den­schaft gezo­gen worden.

Sor­ry. Das geht nicht auf als Argu­ment. Grup­pe 1 hat Wer­te A, B, C, D. Grup­pe 2 hat Wer­te A, B und X. War­um soll Grup­pe 1 nicht Grup­pe 2 wegen X bekämp­fen kön­nen? Wenn es Nazi-Musik gibt, lie­gen Straf­ta­ten vor, gegen die man vor­ge­hen kann. Ich hat­te Kas­set­ten in der Hand, auf denen Songs wie „Töte Dei­nen Nach­barn!“ und „Mein gol­de­ner Schlag­ring“ waren.

Übri­gens kann man den Sta­si-Unter­la­gen zum Vor­fall in der Zions­kir­che auch ent­neh­men, dass das Skin­heads aus West-Ber­lin dabei waren. Just saying.

Reisen

Zum The­ma „Frem­de und Aus­län­der in der DDR“ schrei­ben die Autoren:

Spä­tes­tens seit dem Mau­er­bau waren Aus­lands­rei­sen und inter­na­tio­na­le Mobi­li­tät aus dem All­tag der DDR ver­bannt. Nur weni­ge konn­ten sich pri­va­te Urlaubs­rei­sen etwa nach Bul­ga­ri­en oder Ungarn leis­ten. Besu­che im Wes­ten waren Aus­nah­men im Fal­le wich­ti­ger Fami­li­en­an­ge­le­gen­hei­ten. Für die Mehr­heit der DDR-Bür­ger war Rei­sen ein staat­lich gewähr­tes Pri­vi­leg. Die­sen ein­ge­schränk­ten Erfah­rungs­ho­ri­zont gilt es zu berück­sich­ti­gen, wenn man den Auf­ent­halt von Frem­den und Aus­län­dern in der DDR betrach­tet. Die staats­so­zia­lis­ti­sche Dik­ta­tur mit ihrem all­um­fas­sen­den Rege­lungs­an­spruch ‘offi­zia­li­sier­te’ jede Form und Gele­gen­heit des Kon­takts zu Frem­den, so wie sie das mit allen sozia­len Bezie­hun­gen zu ver­wirk­li­chen such­te. ‘Gesell­schaft’ im Sin­ne eines rela­tiv auto­no­men Bereichs sozia­ler Bezie­hun­gen und Insti­tu­tio­nen, wie er für bür­ger­lich-libe­ra­le Staa­ten typisch ist, soll­te es in der DDR nicht geben, und das galt auch und gera­de auf die­sem Gebiet. Kon­tak­te und Umgang außer­halb der staat­lich fest­ge­leg­ten Regeln waren nicht vor­ge­se­hen, ent­we­der expli­zit ver­bo­ten, zumin­dest aber uner­wünscht. Ange­hö­ri­ge unter­schied­li­cher Staats­an­ge­hö­rig­kei­ten soll­ten sich der SED-Ideo­lo­gie zufol­ge gewis­ser­ma­ßen daher immer als ‘Reprä­sen­tan­ten’ ihrer jewei­li­gen Staats­völ­ker, qua­si in diplo­ma­ti­scher Funk­ti­on, begeg­nen, nicht jedoch auf einer ‘Von-Mensch-zu-Mensch-Basis’. Das ein­an­der Akzep­tie­ren als ‘Men­schen wie du und ich’, als indi­vi­du­el­le Gäs­te und Gast­ge­ber, Durch­rei­sen­de und Ein­hei­mi­sche, als Zufalls­be­kannt­schaf­ten etc. wur­de dadurch von vorn­her­ein erschwert bzw. erfor­der­te bewuss­tes, eigen­sin­ni­ges Gegen­hal­ten — wofür es durch­aus Bei­spie­le gab! Die Bot­schaft der offi­zi­el­len Rege­lungs­wut war aber: ‘Staats­zu­ge­hö­rig­keit’ (und die mach­te sich prak­tisch an der Nati­ons­zu­ge­hö­rig­keit fest) ist emi­nent ‘wich­tig’, der Inter­na­tio­na­lis­mus stell­te die Vor­rang­stel­lung der Nati­on nie infrage .

Das hat mich eini­ger­ma­ßen ver­wun­dert. Denn ich war in Mos­kau, Car­l­o­vy Vary (Karls­bad)
Prag, Buda­pest, Brașov, Buka­rest, Sofia, Soso­pol, Var­na, War­schau und Puła­wy. An vie­len Orten war ich mehr­fach. Das Ein­zi­ge, was man bezah­len muss­te, war eine Zug­fahr­kar­te. Die war nicht teu­er. Lebens­mit­tel kos­te­ten genau so viel wie zu hau­se. Geschla­fen haben wir auf dem Zelt­platz. Ich war im Buce­gi-Gebir­ge wan­dern. Wir hat­ten Sei­fe und Kaf­fee mit. Bes­te Zah­lungs­mit­tel in Rumä­ni­en damals. Die Tour Berlin–Sosopol war der Stan­dard damals. Ich weiß noch, dass die Son­nen­schir­me in Soso­pol 3 Mark gekos­tet haben. Das haben wir uns nicht geleis­tet. Ein­mal hat­te ich Fie­ber, da muss­ten wir. Man hat unter­wegs die­sel­ben Leu­te in Prag und Buda­pest getrof­fen. Die Rei­sen fan­den zwi­schen 1984 und 1989 statt. Ich war jung und hat­te kein Geld. Es ging dennoch.

Von der Schu­le aus war ich in Mos­kau, Car­l­o­vy Vary und Polen (Puła­wy, War­schau, Ausch­witz). Das ent­spricht dem, was die Autoren geschrie­ben haben: Wir waren in diplo­ma­ti­scher Funk­ti­on dort. Ich bin auch Ehren­pio­nier der Sowjet­uni­on gewor­den, was mir spä­ter in mei­ner Zeit als Kanz­ler­kan­di­dat der Par­tei Die PARTEI sehr hel­fen soll­te (sie­he Kor­rek­tur Lebens­lauf).

Ste­fan Mül­ler, Pro­fes­sor für deut­sche Syn­tax an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin und Direkt­kan­di­dat der Par­tei Die PARTEI für den Wahl­kreis 242 Erlan­gen für die Bun­des­tags­wahl 2021, 09.08.2021, Bild: Arne Rein­hardt CC-BY.

Ich brauch­te kei­ne rote Kra­wat­te mehr zu kau­fen, son­dern habe ein­fach das rote Hals­tuch genom­men, das noch im Kel­ler lag. (Oh, gehö­re ich jetzt zu einer Grup­pe? Bin ich mit­schul­dig gewor­den?) Der Rest der Rei­sen waren Individualreisen.

Nun kann man ein­wen­den, dass ich und die ande­ren Men­schen, die ich kann­te, nicht reprä­sen­ta­tiv für die DDR war. Schließ­lich war ich Abitu­ri­ent und die Anzahl der Abiturient*innen war ins­ge­samt eher gering. Zwei Schüler*innen in einer Klas­se mit 30–31 Schüler*innen. Peer, ein Schul­freund, der auch mit in Mos­kau war, hat die­sen Ein­wand auch sofort gebracht. Da er aber auch die bes­te Such-Maschi­ne der Welt ist, hat er ihn dann auch gleich ent­kräf­tet. Und zwar so richtig.

Eine Mel­dung aus dem Jah­re 1989 kün­digt den neu­en inter­na­tio­na­len Jugend­her­bergs­aus­weis an. 

SED-Zen­tral­or­gan Neu­es Deutsch­land vom 13.01.1989

Da die­ser Aus­weis damals neu war, gab es das vor­her noch nicht. Aber immer­hin zeigt das schon mal, dass die Aus­sa­ge der Autoren nicht rich­tig sein kann. Es geht expli­zit um Indi­vi­du­al­rei­sen, güns­ti­ge Indi­vi­du­al­rei­sen ins Ausland.

Aber auch schon 1976 gab es Indi­vi­du­al­rei­sen nach Ungarn. Mit dem Bus.

Neue Zeit, 10.07.1976, S. 11

Im Arti­kel steht, dass Pri­vat­quar­tie­re am Bala­ton ver­mit­telt wer­den. Das passt nicht zu den Anga­ben der Autoren. Staat­lich orga­ni­sier­te Indi­vi­du­al­rei­sen. Unter­stüt­zen­der geht es nicht.

Es gibt einen Zeit­zeu­gen­be­richt über Mög­lich­kei­ten für Urlaubs­rei­sen der DDR-Bür­ger ins Aus­land.

Peer hat auch Anzei­gen für Fahr­ten ins Aus­land gefunden:

Neue Zeit, 16.12.1987, S. 6

Peer merkt an:

Dass man nicht alles glau­ben soll­te, was in Zei­tun­gen steht oder gar in DDR-Zei­tun­gen stand, gilt hier natür­lich auch. Aber es wäre kei­ne pro­pa­gan­dis­ti­sche Glanz­leis­tung, eine Nach­fra­ge bzw. ein Bedürf­nis nach Aus­lands­rei­sen zu wecken, das man eigent­lich ver­hin­dern wollte.

Peer auf Mast­o­don, 21.04.2024

Den Punkt „Ossis haben noch nie ande­re Men­schen gese­hen.“ kön­nen wir also getrost abhaken.

Jugend-Feldbettspiele

Die Autoren schreiben:

So unter­la­gen auch die weni­gen inter­na­tio­na­len Ver­an­stal­tun­gen wie die ‘Welt­fest­spie­le der Jugend und Stu­den­ten’ im Som­mer 1973 oder die ‘Fes­ti­vals des poli­ti­schen Lie­des’ poli­ti­scher Kontrolle.

Hey, war­te mal. Auch das habe ich anders gehört. Es gab nach dem Fes­ti­val vie­le inter­na­tio­na­le Kin­der. Es war ein Fest der Völ­ker­freund­schaft. Soll­ten die inne­ren Orga­ne so ver­sagt haben und kom­plett die Kon­trol­le über die äuße­ren Orga­ne ver­lo­ren haben? Das Fes­ti­val der Jugend war unser sum­mer of love.

Das schreibt der Tages­spie­gel dazu:

Das eigent­li­che Fes­ti­val fin­det nicht in den Bars oder Klubs statt, son­dern unter frei­em Him­mel. Zehn­tau­sen­de von Jugend­li­chen kam­pie­ren in den Grün­an­la­gen der Ost-Ber­li­ner Innen­stadt. Das bleibt nicht ohne Fol­gen. Das Fes­ti­val zei­tigt Fes­ti­val-Ehen und Fes­ti­val-Kin­der, und im Volks­mund hei­ßen die Jugend-Welt­fest­spie­le bald Jugend-Feldbettspiele.

Gold­mann, Sven. 2013. Welt­fest­spie­le der Jugend 1973: Love & Peace in Ost-Ber­lin. Tages­spie­gel. Ber­lin.

Es waren 8 Mil­lio­nen Men­schen in der Stadt. Es war die Höl­le los. Der Tages­spie­gel beschreibt auch die Maß­nah­men der Sta­si, aber die Ver­brü­de­rung bzw. Ver­schwes­terung oder Ver­menschung der 8 Mil­lio­nen konn­te und soll­te nicht ver­hin­dert wer­den. Alle spra­chen offen. Sogar mit den Typen von der CDU.

Vertragsarbeiter

Was stimmt, ist, dass man die Ver­trags­ar­bei­ter eigent­lich nicht gese­hen hat und zu den Sowjet­sol­da­ten hat­te man im Prin­zip auch kei­nen Kon­takt. Ich hat­te mal „diplo­ma­ti­schen“ Kon­takt, weil wir bei unse­ren Freun­den in ihrer Kaser­ne waren und Schach gespielt haben. Ich habe gewon­nen. Gere­det haben wir nicht viel. Wohl eher, weil mein Rus­sisch zu schlecht war. Als Schü­ler habe ich bei Ber­nau Erd­bee­ren gepflückt. Da waren auch ein paar Sowjet­sol­da­ten. Ich habe geges­sen und gepflückt, sie haben nur gepflückt. Sie waren unglaub­lich schnell. Gere­det haben wir nicht. Über „Меня зовут Стефан.“ wäre ich auch nicht hin­aus­ge­kom­men und viel­leicht hät­ten sie auch Ärger bekom­men. Bei mei­ner Frau an der Burg Gie­bi­chen­stein in Hal­le haben Kuba­ner, Viet­na­me­sen, Tsche­chen und Bul­ga­ren stu­diert. Es gab Ver­trä­ge mit den jewei­li­gen Ländern.

Dass es Kon­flik­te und ras­sis­ti­sche Vor­fäl­le mit den Vertragsarbeiter*innen in den Betrie­ben gab, kann ich mir vor­stel­len. Auch dass die­se ver­tuscht wur­den, weil nicht sein konn­te, was nicht sein darf. Aber dass die­se eben nicht sein durf­ten, war die offi­zi­el­le Staats­li­nie. Das war der Anspruch. Der Ras­sis­mus war nicht etwas, was den DDR-Bürger*innen bei­gebracht wur­de. Als Beleg möge die fol­gen­de Sei­te aus Bum­mi für Eltern 1/1981 gelten:

Bum­mi für Eltern 1/1981. Bericht über Lenin-Denk­mal und befreun­de­te Natio­nen, Län­der, in denen Urlaub gemacht wur­de, und ein Bild von einem befreun­de­ten Schwar­zen Mann mit dem Kind der Autorin auf dem Arm. 

Das Stück ist ein­deu­tig ein Pro­pa­gan­da­text. Es geht um den guten Men­schen Lenin. Dann geht es um Urlaub im Aus­land (erneut ein Wider­spruch zu den Behaup­tun­gen der Autoren) und um ihren Freund aus Afri­ka. Auch wenn die­se Tex­te viel­leicht nicht vie­le gele­sen habe, schon gar nicht bis zu der Stel­le nach Lenin, so ist die Aus­sa­ge des Bil­des doch klar. Die Men­schen aus Afri­ka sind lieb. Sie tra­gen unse­re Kin­der. Papi war ein Jahr dort und hat ihnen gehol­fen und jetzt stu­diert Ibrahi­ma hier. Geht so Ras­sis­mus? Ich bin nicht zum Ras­sis­mus erzo­gen wor­den, son­dern zu Völ­ker­freund­schaft und Ver­stän­di­gung. Und zwar vom Kin­der­gar­ten bis zum Unter­gang der DDR.

Mit der Zuspit­zung der Ver­sor­gungs­kri­se der DDR Ende der acht­zi­ger Jah­re hiel­ten die Schlag­wor­te ‘Schmug­gel’ und ‘Waren­ab­kauf’ durch Aus­län­der Ein­zug in die gesteu­er­ten DDR-Medi­en, ver­such­te die SED doch auf die­sem Wege von ihrer ver­fehl­ten Wirt­schafts­po­li­tik abzu­len­ken. Die im Band Aus­land DDR ver­öf­fent­lich­te Leser­brief­samm­lung der Ber­li­ner Zei­tung aus der Zeit des Mau­er­falls zeigt, wel­che Blü­ten die Frem­den­feind­lich­keit bereits weit vor der Ein­heit getrie­ben hat­te. Sie bie­tet ein Pan­ora­ma aus beson­ders anti­pol­ni­schen Vor­ur­tei­len (‘arbeits­scheu’, ‘faul’), Aus­ver­kaufs- und Über­frem­dungs­ängs­ten (‘wol­len wir etwa eine Misch­ras­se?’), aber auch weni­gen mah­nen­den Stimmen . 

Das kann sein. Und wenn die­se Bot­schaf­ten wirk­lich über die DDR-Medi­en ver­brei­tet wor­den sind, dann ist auch wirk­lich die DDR-Füh­rung dafür ver­ant­wort­lich zu machen. Ansons­ten ist die Tat­sa­che, dass eine bestimm­te Fra­ge in der Leser­brief­samm­lung vor­kam noch nicht viel wert, denn es geht ja dar­um, den höhe­ren Grad an Ras­sis­mus und Frem­den­feind­lich­keit in der DDR zu erklä­ren. Und die­se Stim­men hät­te man wohl im Wes­ten mit sei­ner unge­bro­che­nen Nazi-Tra­di­ti­on2 auch fin­den kön­nen. Ich erin­ne­re nur an Horst See­ho­fer, der den Ver­fas­sungs­schutz­be­richt über die Ein­stu­fung der AfD als rechts­extre­me Par­tei hat ändern las­sen, weil die CSU zum Teil die­sel­ben Sprü­che klopft, wie die AfD (Süd­deut­sche, 21.01.2022).

Der nationalistische Taumel der Wiedervereinigung

Ganz zum Schluss, im Fazit, wird das ange­spro­chen, was ich für den eigent­li­chen oder zumin­dest den wich­tigs­ten Grund hal­te.3 Im Fazit steht das wich­tigs­te Wort: Wie­der­ver­ei­ni­gungs­eu­pho­rie. Das ist der Punkt. Kohl kam nach Dres­den. Er schwamm in einem Meer aus Fah­nen. Ein natio­na­lis­ti­scher Tau­mel. Vom Wes­ten gewollt und geför­dert. Die tau­mel­ten drü­ben genau­so. Viel­leicht ist es zu ein­fach, aber wir haben das damals gesehen. 

Men­schen, die ihren Kopf in der Hand hal­ten. Ein Hit­ler­kopf liegt am Stra­ßen­rand. Der Him­mel ist schwarz. Jan Pautsch, 1989

Wir hat­ten Angst davor. 

Dank ich an angst in der nacht Herz­li­chen Glück­wunsch zur Wiedervereinigung

Deutsch­tü­me­lei! Natio­na­lis­mus! Das kam von der Bun­des­re­gie­rung. Nicht in Ber­lin. In Ber­lin wur­de Kohl ausgebuht. 

In Sach­sen wur­de er mit offe­nen Armen emp­fan­gen. Er hat den Ossis blü­hen­de Land­schaf­ten ver­spro­chen. Von Oskar Lafon­taine, des­sen Herz links schlug, und der damals Kanz­ler­kan­di­dat der Par­tei war, in der auch Anne Rabe Mit­glied ist, woll­te nie­mand etwas Wis­sen. Er hat die Wahr­heit gesagt. Aber „die Wahr­heit ist häss­lich und hat stin­ken­den Atem“.

Sicher ist alles nicht mono­kau­sal. Die Sache mit den Vertragsarbeiter*innen spielt bestimmt eine Rol­le, aber den gesamt­deut­schen Natio­na­lis­mus nur in einem Satz zu erwäh­nen, ist nicht angemessen. 

Verbot des Themas

Anne Rabe nimmt die Kri­tik an ihrem Buch vor­weg: Was wisst Ihr schon, Ihr Nachgeborenen!

„Ihr, die ihr auf­tau­chen wer­det aus der Flut 

In der wir unter­ge­gan­gen sind 

Gedenkt

Wenn ihr von unse­ren Schwä­chen sprecht 

Auch der fins­te­ren Zeit 

Der ihr ent­ron­nen seid.“ 

Der blö­de Brecht macht mich noch wahn­sin­nig. Er mar­schiert mir gera­de rein in die Gedan­ken und mahnt und mahnt. Bil­de dir kein Urteil! Bil­de dir ja kein Urteil, du Nach­ge­bo­re­ne! Ja, wie­so eigent­lich nicht? Das ist doch ein bil­li­ger Trick. Hin­ter der wort­schö­nen Mah­ne­rei drei Kel­ler tief Schwei­gen. Dort habt ihr eure Schuld ver­bud­delt und ver­bie­tet uns, sie aus­zu­he­ben. Sprecht uns ab, dass wir zu unse­rem eige­nen Urteil kom­men. Was kümmert’s euch? Was geht’s euch an, was wir über euch denken?

Tja, Frau Rabe. Hätten’se mal mit Adas Eltern gespro­chen. Die hät­ten Ihnen erzählt, wie die DDR sich für Oppo­si­tio­nel­le ange­fühlt hat. Das woll­ten Sie aber nicht. Sie haben sich geschämt. Wenn Sie ein Sach­buch über den Osten schrei­ben wol­len oder einen sach­lich rich­ti­gen Roman, dann müs­sen Sie recher­chie­ren. Sie kön­nen sich nicht ein­fach etwas aus den Fin­gern sau­gen, von dem Sie anneh­men, dass es sich gut ver­kauft. Die „drei Kel­ler tief Schwei­gen“ fan­ta­sie­ren Sie her­bei. Oder sie sind da. Im Haus Ihrer Eltern. Aber da hät­ten Sie viel­leicht nicht suchen dür­fen. Es ist alles bespro­chen und Sie haben es avai­li­ble at your fin­ger­tips: einen Klick ent­fernt. Alles, was hier steht, kommt aus Wiki­pei­dia bzw. den dort ver­link­ten Quel­len. Sie habe es nicht für nötig gehal­ten, den Arti­kel über Lich­ten­ha­gen, den über Kinds­tö­tun­gen zu lesen. Sie dach­ten, dass Sie genug wüss­ten. So wie fast alle, die in Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten über Ihr Buch geschrie­ben haben, sich in ihren Vor­ur­tei­len bestä­tigt sahen. Ich wür­de Ihre Arbeit nicht als Pla­gi­at ein­ord­nen, aber als ein glat­tes „Durch­ge­fal­len“.

Unredlich oder naiv?

Eine Erklä­rung für den Erfolg die­ses Buches lie­fert wohl das Inter­view von auf Deutsch­land­funk Kul­tur, das Mari­et­ta Schwarz geführt hat.

Schwarz: Das ist natür­lich ein Buch auch, was, und das sage ich jetzt mal ganz bewusst als West­deut­sche, die Bun­des­re­pu­blik total entlastet.

Rabe: Das ist aber inter­es­sant, weil das ist schön, dass man das immer, weil ich habe gar nicht an die Bun­des­re­pu­blik gedacht dabei und ich sage das auch immer wie­der, weil ja manch­mal auch so Leu­te kom­men ja aber in West­deutsch­land gab es das auch und so. Da sag ich immer ja wun­der­bar, bit­te schreibt die Bücher, weil ich fin­de, ich lese die auch ger­ne. Ich kann nur nichts dar­über schreiben.

Schwarz: Aber Sie wis­sen was mei­ne, ne?

Rabe: Ich weiß total, was Sie meinen.

Schwarz: Ich habe mir auch so gedacht, okay, war­um lade ich denn jetzt Anne Rabe ein, um mit ihr über die die­ses Buch zu reden. War­um spricht mich dann die­ses Buch an? Hat das damit zu tun, dass es sozusagen…

Rabe: Ich könn­te jetzt was ganz böses sagen.

Schwarz: Bit­te. Nur zu.

Rabe: Das ist wirk­lich inter­es­sant, weil des­we­gen mein­te ich, ich habe gar nicht an West­deutsch­land gedacht bei dem Schrei­ben. Und ich fin­de auch nicht, dass man immer, wenn man über den Osten schreibt, damit auto­ma­tisch was über den Wes­ten sagt. Aber, dass sie als West­deut­sche anschei­nend sofort den­ken, naja, das bedeu­tet was für mich als West­deut­sche, oder das bedeu­tet etwas Ent­las­ten­des für mich als West­deut­sche, wo der Wes­ten eigent­lich gar kei­ne Rol­le spielt in die­sem Buch.

Schwarz, Mari­et­ta. 2023. Anne Rabe: „In ver­wir­ren­den Zei­ten sind ein­fa­che Nar­ra­ti­ve ver­füh­re­risch“. 31.12.2023. Deutsch­land­ra­dio. (Zwi­schen­tö­ne.)

Das kann nicht sein. Rabe hat Ger­ma­nis­tik und Thea­ter­wis­sen­schaft stu­diert. Sie hat den PEN Ber­lin mit­ge­grün­det. Sie ist poli­tisch aktiv, Mit­glied der SPD. Sie ist ent­we­der abso­lut naiv oder durch­trie­ben. Das Buch schlägt genau in die Ker­be, in die von 60% der taz-Autor*innen und von weiß nicht wie vie­len Autor*innen in Zeit, FAZ, Spie­gel usw. geschla­gen wird. Die Wun­de ist tief und schmerzt. Und wen kei­ne neu­en Schlä­ge kom­men, wird mal eben ein biss­chen Salz rein­ge­schüt­tet. Die­ser Blog ist voll von Bei­spie­len. Nur Frau Rabe hat von die­sem Ost-West-Dis­kurs noch nichts gemerkt, obwohl sie ja einen Ter­min mit Osch­mann auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se hat­te (zu dem Osch­mann nicht gekom­men ist).

Und wei­ter:

Schwarz: Ja, das bedeu­tet halt etwas …

Genau! Das lernt man in Prag­ma­tik. Im Ger­ma­nis­tik-Stu­di­um. Als Autorin und poli­ti­scher Mensch soll­te man das aller­dings auch ohne Stu­di­um sehen können.

Rabe: Aber es ist ihr Zen­trum anschei­nend sofort wie­der und viel­leicht auch das Zen­trum die­ser Bun­des­re­pu­blik immer noch zum Teil.

Schwarz: Ja, glau­be ich jetzt nicht, dass es mein Zen­trum ist, aber es bedeu­tet etwas für den Dis­kurs über Ost­deutsch­land, das es mir nicht so gefällt…
[…]
Rabe: Das stimmt schon mit der Ent­las­tung, aber das wür­de ich mir nicht anziehen.

Das Buch ist ein Erfolg und wird gefei­ert, weil es den Wes­ten ent­las­tet. Die Ossis sind schei­ße, alles Psy­chos, die in Schu­len Amok lau­fen, ihre Kin­der mas­sen­wei­se töten, Natio­na­lis­ten und Anti­se­mi­ten. Wir haben es immer gewusst und Anne Rabe hat es in ihrem Nicht-Sach­buch noch ein­mal gut zusam­men­ge­fasst. Anschau­lich bebil­dert mit Mate­ri­al aus ihrer eige­nen Kind­heit. Ich habe in der ver­gan­ge­nen Woche einem Pro­fes­sor für Poli­tik­wis­sen­schaf­ten einen kri­ti­schen Brief geschrie­ben. Er hat mir eine lan­ge Ant­wort-Mail geschickt und mich dazu auf­ge­for­dert, doch ein­mal das Buch von Anne Rabe zu lesen. So gehen Fake News in unser All­ge­mein­wis­sen ein. Es wird in der Poli­tik­wis­sen­schaft und in der Geschichts­for­schung zitiert wer­den, obwohl es eben kein Sach­buch ist, obwohl es nicht von Fachwissenschaftler*innen begut­ach­tet wurde. 

Hier ein paar Aus­schnit­te aus den Rezensionen:

Die Zumu­tung die­ses Buches besteht dar­in, erschüt­tern­de Lieb­lo­sig­keit und rohe Gewalt als Regel­fall, nicht als Aus­nah­me dazu­stel­len. Zu die­sem Zweck durch­zie­hen Archiv­re­cher­chen, Geset­zes­tex­te und Umfra­ge­er­geb­nis­se die 50 kur­zen Kapi­tel. Sie ver­mi­schen sich mit Erin­ne­run­gen, Traum­se­quen­zen und lite­ra­ri­schen Zita­ten zu einem kalei­do­skop­ar­ti­gen Text.

Dirk Hohn­strä­ter, „Die Mög­lich­keit von Glück“ von Anne Rabe. WDR, 11.10.2023.

Archiv­re­cher­chen hat es zu Anne Rabes Ver­wand­ten gege­ben, aber wenn es Recher­chen zu Rechts­extre­men oder irgend­wel­chen DDR-The­men gege­ben haben soll­te, so sind sie nicht drei Kel­ler tief gegan­gen, son­dern waren ober­fläch­lich. Umfra­ge­er­geb­nis­se zum Osten gab es nicht. Rabe bezieht sich auf Umfra­gen wie den Erin­ne­rungs­mo­ni­tor der Uni Bie­le­feld und die von der Uni Han­no­ver gelei­te­te Mehr­ge­ne­ra­tio­nen­stu­die. Auf Ergeb­nis­se von 2018 aus Bie­le­feld und es geht dabei um Erin­ne­run­gen an die Nazi­zeit. Die­se sind „zu die­sem Zweck“ ungeeignet.

Mit die­sen Zita­ten wirbt Anne Rabe selbst:

Liest man die­ses Buch, sieht man Deutsch­land anders.

Dirk Hohn­strä­ter, WDR 3

Ich hof­fe, dass das Buch schnell in der Ver­sen­kung ver­schwin­det. Und dass Dirk Hohn­strä­ters Behaup­tung für die­sen Blog­bei­trag gilt.

Anne Rabe ver­bin­det Archiv­ar­beit mit poli­ti­schem Essay­is­mus und epi­so­discher Autofiktion.

Katha­ri­na Teutsch, DLF Büchermarkt

Das Buch, das man jetzt lesen muss, wenn man nicht nach schlich­ten Ant­wor­ten auf die schlich­ten Fra­gen sucht, was das Erbe des ers­ten sozia­lis­ti­schen Staats auf deut­schem Boden sein könn­te und war­um ›im Osten‹ heu­te ›die Leu­te‹ wäh­len, wie sie wählen.

Tobi­as Rüt­her, Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Sonntagszeitung

Ich wür­de ja die Ant­wort von Anne Rabe als schlicht bezeich­nen. Sie nimmt die Gewalt, die sie in ihrer Fami­lie erfah­ren hat, als mono­kau­sa­le Erklä­rung für alles.

Die Mög­lich­keit von Glück‹ (ist) ein Buch, das weit über sei­nen indi­vi­du­el­len Gegen­stand hin­aus­reicht. Es erklärt, war­um Ost­deutsch­land eine ande­re Gewalt­ge­schich­te nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung auf­weist als West­deutsch­land. (…) Und die auch den der­zeit boo­men­den Büchern, die einer Nor­ma­li­sie­rung der DDR-Erfah­run­gen (und damit ihrer Rela­ti­vie­rung) das Wort reden wol­len, den Boden ent­zie­hen. Gegen den pau­scha­li­sie­ren­den Blick hilft der aufs indi­vi­du­el­le Schick­sal. Dass es eines im Roman ist, nimmt ihm nichts an Wahr­haf­tig­keit. Oder an Erschütterungskraft.

Andre­as Platt­haus, FAZ

Ja. Ich bin erschüttert.

Wer sind eigentlich die Anderen?

Hier ist oft von „den Wes­sis“ und „den Ossis“, von „wir“ und „ihr“ die Rede. Das ist schlecht, denn die­se Grup­pen­ein­tei­lung ist Teil des Pro­blems, das auch in die­sem Bei­trag bespro­chen wur­de. Ange­fan­gen bei der Kol­lek­tiv­schuld, über die Scham Rabes, die angeb­li­che Gewalt­tä­tig­keit des gan­zen Ostens. Ich woll­te nie ein Teil von „wir“ sein. Die DDR war mir zuwi­der. Zumin­dest der obe­re Teil. Also nicht Ros­tock son­dern die Staats­füh­rung. In einem Gym­na­si­um in Gel­sen­kir­chen habe ich mal gesagt, dass das Pro­blem mit der DDR gewe­sen sei, dass die Herr­schen­den so doof gewe­sen sei­en. Das war sicher etwas ver­ein­fa­chend, aber es war mein Pro­blem. „Ihr“ habt mich zum Ossi gemacht. Prof. Dr. Nai­ka Forou­tan beschreibt das in ihrer Arbeit: „Ost­deut­sche sind auch Migran­ten“. Mit „ihr“ sind in ihren Kli­schees gefan­ge­ne Journalist*inne, Historiker*innen und sons­ti­ge Per­so­nen gemeint und ich hät­te gehofft, dass „wir“ uns irgend­wann auf­lö­sen, aber das ist nicht pas­siert. Wie ich an mei­nem eige­nen Bei­spiel erfah­ren habe, wer­den „wir“ mehr, weil „ihr“ dafür sorgt. „Ihr“ kon­stru­iert „Euch“ den Osten, so wie es der Osch­mann gesagt hat. Jetzt hel­fen „Euch“ „unse­re“ Kin­der. Ich wünsch­te, das alles wäre nicht so. Ich wünsch­te, alle wür­den mit­ein­an­der reden. Viel­leicht hilft die­ser Text.

Ich bin die Andern, Du bist die Ande­ren. Die Andern haben ange­fan­gen! COR: Leit­kul­tur. 2017.

„So viel Richtigstellung ist also nötig, um einen einzigen Zeitungssatz zu widerlegen.“

Ich bit­te um Ent­schul­di­gung für die­sen lan­gen Blog­post. Und das war ja nur der zwei­te Teil zu den Mög­lich­kei­ten für Glück.

Danie­la Dahn erklärt über meh­re­re Sei­ten, war­um ein ein­zi­ger Satz im West-Ost-Dis­kurs falsch gewe­sen ist, und schreibt danach:

So viel Rich­tig­stel­lung ist also nötig, um einen ein­zi­gen Zei­tungs­satz zu wider­le­gen. Viel­leicht ver­steht man, daß die Ost­ler zu sol­chem Kraft­akt auf die Dau­er kei­ne Lust haben und oft nur abwin­ken: Ihr wer­det es nie verstehen!

Dahn, Danie­la. 1997. West­wärts und nicht ver­ges­sen: Vom Unbe­ha­gen in der Ein­heit S. 68

Ich muss­te vie­le Sät­ze in Anne Rabes Buch kom­men­tie­ren. Ent­spre­chend lang sind die Blog-Posts gewor­den. Ich wür­de mich freu­en, wenn sie von genau­so vie­len Men­schen gele­sen wer­den, wie Anne Rabes Buch lesen. Das wird wahr­schein­lich nicht pas­sie­ren, denn ich habe kei­ne Buch­preis-Jury und kei­ne Mar­ke­ting­ma­schi­ne auf mei­ner Sei­te. Nur Euch. Aber viel­leicht schaf­fen wir es ja. Emp­fehlt die Posts wei­ter. Dan­ke. Bitte.

Schlussfolgerung

Anne Rabe hat Recht mit ihrer Aus­sa­ge bezüg­lich Schlagersüßtafeln!

Danksagungen

Ich dan­ke mei­ner Such-Maschi­ne Peer für vie­le Bele­ge und auch für die immer kri­ti­sche Dis­kus­si­on. Ich dan­ke mei­nem klei­nen Bru­der dafür, dass er mir die Bum­mi-Hef­te gekauft hat, weil die alten, an die ich mich erin­nert hat­te, irgend­wann mal weg­ge­wor­fen wor­den waren. Ich dan­ke mei­ner Frau für die fort­wäh­ren­de Dis­kus­si­on von Ost­the­men. Wenn wir nicht über die Kli­ma­ka­ta­stro­phe reden, reden wir eigent­lich nur über den Osten. (Hat eigent­lich schon mal jemand ver­sucht, dem Osten die Kli­ma­ka­ta­stro­phe anzu­hän­gen? Ach ne, geht ja gar nicht, denn Deutsch­land steht ja nur des­halb halb­wegs gut in der Kli­ma­bi­lanz da, weil die Ost-Indus­trie in den 90ern abge­wi­ckelt wurde.) 

Und ich dan­ke mei­nem Vater und mei­ner Mut­ter für die Erlaub­nis allein als Sechs­zehn­jäh­ri­ger bis ans Schwar­ze Meer zu fah­ren und dafür dass sie mich nicht zum Nazi erzo­gen haben.

Und Ihnen/Euch dan­ke ich dafür, dass Ihr bis hier­her gele­sen und alle Vide­os ange­se­hen und alle ver­link­ten Wiki­pe­die­aar­ti­kel gele­sen habt.

Quellen

Bal­ser, Mar­kus & Stein­ke, Ronen. 2022. Ver­fas­sungs­schutz: See­ho­fer ließ Ver­fas­sungs­schutz­kri­tik an AfD abschwä­chen. Süd­deut­sche Zei­tung. (https://www.sueddeutsche.de/politik/afd-verfassungsschutz-seehofer-gutachtenvergleich‑1.5511775)

Geiß­ler, Cor­ne­lia. 2023. Anne Rabe: „Es reicht nicht, die DDR immer nur vom Ende her zu erzäh­len“. Ber­li­ner Zei­tung. Ber­lin. (https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/literatur/osten-interview-schriftstellerin-anne-rabe-es-reicht-nicht-die-ddr-immer-nur-vom-ende-her-zu-erzaehlen-debatte-dirk-oschmann-li.341318)

Gold­mann, Sven. 2013. Welt­fest­spie­le der Jugend 1973: Love & Peace in Ost-Ber­lin. Tages­spie­gel. Ber­lin. 22.07.2013 (https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/love-peace-in-ost-berlin-8099431.html)

Hart­wich, Doreen & Mascher, Bernd-Hel­ge. 2007. Geschich­te der Spe­zi­al­kampf­füh­rung (Abtei­lung IV des MfS): Auf­ga­ben, Struk­tur, Per­so­nal, Über­lie­fe­rung. Ber­lin. (Sta­si-Unter­la­gen-Archiv.) (https://www.stasi-unterlagen-archiv.de/archiv/fachbeitraege/geschichte-der-spezialkampffuehrung-abteilung-iv-des-mfs/#c2565)

Lit­sch­ko, Kon­rad. 2017. Neu­es Gut­ach­ten zu NSU-Mord. taz. 03.04.2017. Ber­lin. (https://taz.de/Archiv-Suche/!5397496/)

Mau, Stef­fen. 2020. Lüt­ten Klein: Leben in der ost­deut­schen Trans­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft (Schrif­ten­rei­he 10490). Bonn: Zen­tra­le für Poli­ti­sche Bil­dung. (https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/303713/luetten-klein)

mh. 2022. Ros­tock-Lich­ten­ha­gen 1992: Ein Poli­zei­de­ba­kel. (https://www.mdr.de/geschichte/zeitgeschichte-gegenwart/politik-gesellschaft/was-wurde-aus-der-volkspolizei-rostock-lichtenhagen-randale-100.html)

Pou­trus, Patri­ce G., Beh­rends, Jan C. & Kuck, Den­nis. 2002. His­to­ri­sche Ursa­chen der Frem­den­feind­lich­keit in den neu­en Bun­des­län­dern. Aus Poli­tik und Zeit­ge­schich­te (https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/25428/historische-ursachen-der-fremdenfeindlichkeit-in-den-neuen-bundeslaendern/).

Schulz, Dani­el. 2018. Pro­fes­so­rin über Iden­ti­tä­ten: „Ost­deut­sche sind auch Migran­ten“. taz. Ber­lin. (https://taz.de/Professorin-ueber-Identitaeten/!5501987/)

Schwarz, Mari­et­ta. 2023. Anne Rabe: „In ver­wir­ren­den Zei­ten sind ein­fa­che Nar­ra­ti­ve ver­füh­re­risch“. 31.12.2023. Deutsch­land­ra­dio. (Zwi­schen­tö­ne.) (https://www.deutschlandfunk.de/anne-rabe-in-verwirrenden-zeiten-sind-einfache-narrative-verfuehrerisch-dlf-84b94bff-100.html)

Teuw­sen, Peer. 2023. Ver­heim­lich­te Nähe. Neue Züri­cher Zei­tung. 30.09.2023 (https://www.nzz.ch/feuilleton/anne-rabe-verheimlichte-naehe-ld.1782626)

Wag­ner, Bernd. 2018. Ver­tusch­te Gefahr: Die Sta­si & Neo­na­zis. (https://www.bpb.de/themen/deutsche-teilung/stasi/218421/vertuschte-gefahr-die-stasi-neonazis/)

Wissen, Unwissen, Ignoranz und Arroganz

Ich habe das her­vor­ra­gen­de Buch von Lutz Sei­ler Stern 111 gele­sen. Es han­delt von einem jun­gen Mann aus Gera, der nach Ber­lin auf­bricht, nach­dem sei­ne Eltern am Tag der Mau­er­öff­nung in den Wes­ten gegan­gen sind. Das Schick­sal sei­ner Eltern in Auf­nah­me­la­gern und bei ers­ten Jobs wird beschrie­ben. Fol­gen­den Aus­schnitt habe ich mir mar­kiert und auch auf Mast­o­don gepostet:

Ohne Zwei­fel gab es Kurs­teil­neh­mer, die über UNIX ein paar Din­ge fra­gen konn­ten, die Wal­ter Bisch­off nicht wuss­te. Sie lie­ßen es ihn spü­ren, sie ver­such­ten, es ihm zu bewei­sen. „Das Wich­tigs­te wird sein, dass nie­mand erfährt, woher du kommst, eigent­lich“ — das hat­te Kara­jan gesagt, Chef­trai­ner von CTZ. Kara­jan hat­te Wal­ter gezeigt, wie das Kurs­ma­te­ri­al beschaf­fen sein soll­te, wel­che Tech­nik ihn vor Ort erwar­ten und wie sie gehand­habt wer­den muss­te. Das Auf­wen­digs­te waren die Foli­en für den Over­head-Pro­jek­tor. Jeder Kurs war eine Foli­en­wüs­te. „Ein Ost­ler, ver­stehst du, Wal­ter — vie­le ertrü­gen das nicht, bei 1000 Mark Kurs­ge­bühr pro Tag“, hat­te Kara­jan gesagt. 

Lutz Sei­ler, 2020: Stern 111, Suhrkamp

Die­se Abwer­tung und Arro­ganz. Sowohl durch den Chef der Aus­bil­dungs­fir­ma als auch durch die Aus­zu­bil­den­den. Ich selbst habe die­se Abwer­tung nie erfah­ren, aber die Mehr­heit der Ost­deut­schen wohl schon. Vie­le West­deut­sche wun­dern sich, war­um die Din­ge so lau­fen, wie sie jetzt lau­fen, aber sie ver­ste­hen immer noch nichts.

Bei der Dis­kus­si­on auf Mast­o­don hat mich jemand auf einen Pod­cast hin­ge­wie­sen, in dem Andre­as Baum und Andi Arbeit über Stern 111 spre­chen. Andi Arbeit äußert dann irgend­wann folgendes:

Und ich glaub, bei so Aka­de­mi­ker­el­tern stellt sich dann ja auch raus, dass der Vater – wie man sich kaum vor­stel­len kann – irgend­wel­che Pro­gram­mier­spra­chen kann, mit denen er dann bis in LA irgend­wel­che wil­den Soft­ware-Pro­gram­me irgend­wie ent­wirft und wo man sich auch fragt: Mein Gott, woher konn­te der das? In Jena oder irgend­wo in irgend ner Uni hat er dann C+ oder C++, ich weiß auch nicht genau, wie die heißt, alles Mög­li­che gelernt, was ihn dazu befä­higt hat, über­haupt die­ses Leben zu führen. 

Andi Arbeit 2020: Mein Freund der Baum — das Bücher­ra­dio mit Andre­as Baum & Andi Arbeit 24:13

Hät­te ich nicht beim Abwa­schen gestan­den, wäre ich wohl vom Stuhl gefal­len. Über drei­ßig Jah­re spä­ter kommt da die­sel­be Arro­ganz zum Vor­schein, die es auch 1989 gab und die im Buch beschrie­ben ist. Und Andi Arbeit hat es wahr­schein­lich nicht ein­mal selbst bemerkt. Mein Gott, woher konn­te der das? Als Ossi! C+ oder C++ oder wie das heißt. Das kann man sich ja kaum vor­stel­len, dass irgend­ei­ner von die­sem nichts­nut­zi­gen Pack zu irgend­was gut war.

Mal schnell noch zwi­schen­durch, bevor wir zum eigent­li­che Inhalt hier kom­men. In der Syn­tax von C und auch ande­ren Pro­gram­mier­spra­chen gibt es eine Nach­fol­ger­funk­ti­on. Man kann also statt c = c + 1; auch c = c++; oder ein­fach gleich c++; schrei­ben. Damit wird der Wert der Varia­ble c um eins erhöht. Die Pro­gram­mier­spra­che C++ ist der Nach­fol­ger von C. Eine Weiterentwicklung.

Also: Also! Los.

Karl Marx und ich

Über Karl Marx haben wir in der Schu­le gelernt, dass er acht Spra­chen konn­te. Ich habe mich als jun­ger Mann dar­über gefreut, dass ich mehr Spra­chen als Marx beherrsch­te. Die meis­ten davon waren aller­dings Com­pu­ter­spra­chen. Ich konn­te BASIC, Pas­cal (Tur­bo Pas­cal), C, C++, ReDa­Bas (Ost-Kopie von DBASE) und forth. Außer­dem konn­te ich Z80 Assem­bler pro­gram­mie­ren. Ich kann­te mich mit CP/M und Unix aus und hat­te mit pro­gram­mier­ba­ren Taschen­rech­nern von Texas Instru­ments (Umge­kehr­te Pol­ni­sche Nota­ti­on, yes), Home-Com­pu­tern (ZX81, C20, C64, C128, Z9001, KC 85/2) und an rus­si­schen Pro­zess­rech­nern wie der SM‑4 (Nach­bau der PDP-11 von DEC) gear­bei­tet. Alles noch vor dem Stu­di­um. Wie war es mir nur gelun­gen, die­ses Wis­sen zu erwer­ben? Als Ossi????

Homecomputer und Computerclubs

In den 80er Jah­ren kamen die ers­ten Home­com­pu­ter auf. Der ZX80 kos­te­te 100£ und das Nach­fol­ge­mo­dell, der ZX81, fand auch sei­nen Weg nach Ost­deutsch­land. Lie­be West­ver­wand­te brach­ten einen mit, man­che Arbeits­grup­pen hat­ten sol­che West­ge­rä­te. Spä­ter fand der C64 auch in ost­deut­schen Kin­der­zim­mern wei­te Ver­brei­tung. Mit mei­nem Freund Peer bekam ich einen Feri­en­job bei einem Wis­sen­schaft­ler in einer Lun­gen­kli­nik in Buch. Er hat­te zwei C64 und auch das Vor­gän­ger­mo­dell Com­mo­do­re VC20. Unser Job war es, Pro­gram­me aus der Zeit­schrift 64er ein­zu­ge­ben. Die­se Maschi­nen­sprach­e­pro­gram­me waren dort in Hexa­de­zi­mal­code abge­druckt. End­lo­se Zei­chen­ko­lon­nen. Wozu die Lun­gen­kli­nik Com­pu­ter­spie­le brauch­te, war uns nicht ganz klar, aber wir durf­ten die Pro­gram­me dann auch selbst haben und beka­men noch Geld. Die­se Pro­gram­me bil­de­ten den Grund­stock eines Tausch­im­pe­ri­ums für Com­pu­ter­spie­le, die dann im Haus der Jun­gen Talen­te in grö­ße­ren Tausch­krei­sen noch ver­mehrt wur­den (Don’t ask about copy­rights. War halt ne Mau­er dazwi­schen.). Der Punkt ist: Es gab West-Com­pu­ter, es gab West-Zeit­schrif­ten, die bis zur abso­lu­ten Mate­ri­al­er­mü­dung gele­sen und wei­ter­ge­ge­ben wur­den. Es gab auch Com­pu­ter-Bücher von Data-Becker zum Bei­spiel, die von hilfs­be­rei­ten Omas oder Opas über die Gren­ze gebracht wur­den. Es gab Com­pu­ter­clubs und es gab Ver­an­stal­tun­gen für Schüler*innen, bei denen man auch pro­gram­mie­ren ler­nen konn­te. Die­se Heim­com­pu­ter hat­ten meist einen BASIC-Inter­pre­ter dabei, so dass alle BASIC ler­nen konnten.

Universitäten und Forschungseinrichtungen

Mei­ne Mut­ter hat Astro­phy­sik stu­diert, mein Vater Phy­sik. Im Rah­men des Astro­phy­sik­stu­di­ums wur­den die Student*innen auf dem Zeiss-Rechen­au­to­mat 1 (ZRA1) aus­ge­bil­det. Mein Vater hat, obwohl das eigent­lich nur für die Astrophysiker*innen Pflicht war, auch in die­ser Ver­an­stal­tung pro­gram­mie­ren gelernt. Das war 1964/1965. Wäh­rend der Müt­ter­kur nach mei­ner Geburt 1968 lern­te mei­ne Mut­ter COBOL. Sie war nicht ganz sicher, wel­che Pro­gram­mier­spra­che sie brau­chen wür­de. Es stell­te sich her­aus, dass das die fal­sche Spra­che gewe­sen war und sie For­tran brauch­te, aber auch das war dann kein Pro­blem. Über 20 Jah­re spä­ter, nach der Wen­de, wur­de mei­ne Mut­ter ent­las­sen. Sie arbei­te­te dann in der Wei­ter­bil­dung für Frau­en und brach­te ihnen Pro­gram­mie­ren bei. In COBOL. Mei­ne Eltern arbei­te­ten bei­de an der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten in der Mole­ku­lar­bio­lo­gie an einem Groß­rech­ner, der BESM‑6. Noch wäh­rend der DDR-Zeit lern­te mei­ne Mut­ter auch BASIC und C. Mei­ne Eltern hat­ten in der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten Zugriff auf die Fach­zeit­schrif­ten aus dem Wes­ten. Mein Vater hat zu hau­se mit einem pro­gram­mier­ba­ren Taschen­rech­ner von Texas Instru­ments gear­bei­tet, den sein Schwie­ger­va­ter aus dem Wes­ten mit­ge­bracht hat­te. Pro­gram­me wur­den auf Magnet­kar­ten gespei­chert. Mein Vater konn­te MOPS (Maschi­nen­ori­en­tier­te Pro­gram­mier­spra­che für den Robo­tron 300), alle For­tran-Vari­an­ten und Algol 60.

Mei­ne Mut­ter hat mich auch schon als Schü­ler zu Kol­le­gen mit­ge­nom­men, die Com­pu­ter zusam­men gebaut haben. Ich erin­ne­re mich an Büros mit offe­nen Com­pu­tern, wo ich die Pla­ti­nen sehen konn­te. Die Laufwerke. 

Ich hat­te das Glück, auf die Spe­zi­al­schu­le mit mathe­ma­tisch-natur­wis­sen­schaft­li­cher Aus­rich­tung Hein­rich-Hertz gehen zu kön­nen. Dort hat­ten wir zu Beginn (1982) eben­falls pro­gram­mier­ba­re Taschen­rech­ner von Texas Instru­ments. Spä­ter kamen Z9001 dazu, die ers­ten Heim­com­pu­ter der DDR. Die Hein­rich-Hertz-Schu­le ist sogar im Wiki­pe­dia-Artiekl über den Z9001 erwähnt. Unser Com­pu­ter­ka­bi­nett wur­de mit Com­pu­tern aus den ers­ten 100 Stück aus­ge­stat­tet. Mit die­sen Rech­nern hat­ten wir spe­zi­el­len Infor­ma­tik­un­ter­richt, den es an ande­ren Schu­len nicht gab. Wir lern­ten Grund­la­gen wie bestimm­te Algo­rith­men und Pro­gramm­ab­lauf­plä­ne. Mit Peer bekam ich eine Ein­zel­be­treu­ung im Rechen­zen­trum der Hum­boldt-Uni. Wir konn­ten direkt am Haupt­com­pu­ter der HU arbei­ten, was die Student*innen zu der Zeit nicht durf­ten. Sie muss­ten Loch­kar­ten stan­zen und die­se dann zum Rech­nen abge­ben. In der elf­ten und zwölf­ten Klas­se gab es ein Unter­richts­fach Wis­sen­schaft­lich-prak­ti­sche Arbeit. Die Hertz-Schu­le hat­te Ver­trä­ge mit dem Zen­tral­in­sti­tut für Kyber­ne­tik und Infor­ma­ti­ons­pro­zes­se der DDR (ZKI). Peer, ich und ein Jun­ge aus der Nach­bar­klas­se konn­ten in der UNIX-Arbeits­grup­pe arbei­ten. Sie arbei­ten an MUTOS. Das war eine UNIX-Vari­an­te, die ihren Weg über Öster­reich-Ungarn in den Ost­block gefun­den hat­te. Embar­go­tech­nik, aber für Geld … Im ZKI habe ich C gelernt. Der Wis­sen­schaft­ler, der es mir bei­gebracht hat, mein­te zu BASIC: „Wer BASIC gelernt hat, ist ver­saut für’s Leben!“ Ich habe dann die Arbeit am ZKI der Arbeit im Rechen­zen­trum der HU vor­ge­zo­gen, denn die Rech­ner im ZKI waren bes­ser. Der theo­re­ti­sche Teil in der HU war aber toll. In der HU wur­de auch das fol­gen­de Doku­ment ausgedruckt:

Aus­druck von Ker­nig­han & Rit­chie, das in Karl-Marx-Stadt ein­ge­ge­ben wor­den war auf einem Par­al­lel­dru­cker der Humboldt-Universität.

Das war eine Ver­si­on des Stan­dard-Buches über C von Ker­nig­han & Rit­chie aus dem Jah­re 1978. Es wur­de für mich auf einem Par­al­lel­dru­cker aus­ge­druckt. Der Dru­cker hat­te Typen­rä­der und es wur­de je eine Zei­le gedruckt. Lei­der waren die Typen­rä­der nicht gut syn­chro­ni­siert. Das wur­de aber durch das Ruckeln der Stra­ßen­bah­nen ausgeglichen.

Im ZKI konn­ten Peer und ich die Biblio­thek benut­zen und hat­ten dar­über Zugriff auf Com­pu­ter und Wis­sen­schafts­zeit­schrif­ten (mc – Die Mikro­com­pu­ter-Zeit­schrift, c’t, Chip, Bild der Wis­sen­schaft). Die aktu­el­len Aus­ga­ben waren oft aus­ge­lie­hen, aber wir lasen auch alte Aus­ga­ben gern. Peer sorg­te auch dafür, dass wir an die Fach­zeit­schrif­ten in der Ber­li­ner Stadt­bi­blio­thek dran­ka­men: Nach einem Brief­wech­sel inklu­si­ve Leser­brief an die Ber­li­ner Zei­tung hat­ten wir irgend­wann ein Gespräch mit dem Direk­tor der Biblio­thek. Ich habe dort als Schü­ler auch Bücher über die Grund­la­gen der Hard­ware von Com­pu­tern gele­sen. Die­se Bücher waren ganz nor­mal für alle auch ohne Son­der­ge­neh­mi­gung ausleihbar.

Bestä­ti­gung des Rechen­zen­trums der HU, das die Schü­ler, die dort arbei­te­ten, Zugang zu West-Lite­ra­tur benö­tig­ten. 02.04.1985

Bei der Armee konn­te ich dann letzt­lich auch mit Com­pu­tern arbei­ten. Ich habe mit Reda­bas (ein geklau­tes Ost­block-DBASE) und dann mit Tur­bo-Pas­cal gear­bei­tet. Um in die Com­pu­ter­grup­pe rein­zu­kom­men (lief wohl irgend­wie über die ZKI-Con­nec­tion, die Kon­tak­te nach Straus­berg hat­ten, wo auch MUTOS ver­wen­det wur­de), muss­te ich nach­wei­sen, dass ich das ent­spre­chen­de Wis­sen hat­te. Ich arbei­te nach Dienst an einem Pro­gramm für den KC85/2 in Assem­bler. Die KC85/2 hat­ten einen U880-Pro­zes­sor. Das war die Ost-Vari­an­te des Z80.

Zusam­men­fas­sung: Es gab im Osten Com­pu­ter. Die lie­fen mit den­sel­ben Pro­gram­mier­spra­chen wie im Wes­ten. Wir hat­ten Zugriff auf die West-Lite­ra­tur. Mit­un­ter lief die Lite­ra­tur­be­schaf­fung etwas hol­pe­rig, aber man kam dran. Mit­un­ter waren die Aus­dru­cke etwas hol­pe­rig, aber man kam zurecht. Wissenschaftler*innen aus ganz ver­schie­de­nen Dis­zi­pli­nen haben mit Com­pu­tern gear­bei­tet. Allein in mei­ner Fami­lie war es Phy­sik, Astro­phy­sik, Mole­ku­lar­bio­lo­gie, Kris­tal­lo­gra­fie. Das Mili­tär hat­te Com­pu­ter. Nach der Wen­de arbei­tet ich als Stu­den­ti­sche Hilfs­kraft bei der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten der DDR, Abtei­lung für Com­pu­ter­lin­gu­is­tik von Prof. Jür­gen Kun­ze. Die Arbeits­grup­pe gab es – soweit ich weiß – seit den 70er Jah­ren. Sie hat­ten Com­pu­ter und haben die­se pro­gram­miert. Überraschung. 

Infor­ma­tik als eige­nes Fach gab es erst rela­tiv spät. Es gab ab 1987 an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin einen Stu­di­en­gang für Mathe­ma­ti­sche Infor­ma­tik. Das war das kom­plet­te Mathe­stu­di­um plus zusätz­li­che Infor­ma­tik­kur­se. In die­sem Stu­di­en­gang habe ich 1989 ange­fan­gen zu stu­die­ren. In Dres­den gab es noch tech­ni­sche Infor­ma­tik. Dort ging es mehr um die Hard­ware von Computern. 

In Frankfurt/Oder gab es ein Halb­lei­ter­werk, das den Osten ver­sorgt hat. Es brach zusam­men, am Tag der Wäh­rungs­uni­on, weil der Ost­block kei­ne West-Wäh­rung bezah­len konn­te. In Sach­sen gab es eben­falls Halb­lei­ter-Indus­trie. Die NZZ schreibt zur Zeit nach der Wende:

In den 1990er Jah­ren habe man des­halb die rich­ti­gen Fach­kräf­te gefun­den, und die Uni­ver­si­tä­ten sei­en dar­auf aus­ge­rich­tet gewe­sen, die­se Fach­kräf­te auszubilden.

Hölt­schi, 2022: Von der DDR-Ver­gan­gen­heit zur Bewah­rung euro­päi­scher Sou­ve­rä­ni­tät: der Halb­lei­ter-Clus­ter Sili­con Sax­o­ny, Neue Züri­cher Zeitung.

Das heißt, es gab qua­li­fi­zier­tes Per­so­nal und es gab Uni­ver­si­tä­ten, die die Men­schen aus­ge­bil­det haben.

Schulbildung

Die Schul­bil­dung war im natur­wis­sen­schaft­li­chen Bereich bes­ser als die im Wes­ten. Sagt man. Mein Sohn hat­te einen guten Mathe­leh­rer, der auch schon zu Ost­zei­ten Leh­rer war. Er hat zur Vor­be­rei­tung auf die MSA-Prü­fung die Schüler*innen Auf­ga­ben für die Prü­fung nach der 10. Klas­se in der DDR rech­nen las­sen. Mein Sohn mein­te, dass die viel, viel schwie­ri­ger waren als die aktu­el­len Aufgaben.

Im Eini­gungs­ver­trag wur­den alle Ost-Abitur-Abschlüs­se um eine Note her­un­ter­ge­stuft. Ich stel­le mir gera­de vor, wie der West-Ver­hand­lungs­füh­rer, des­sen Name ich ver­ges­sen habe, mit dem Ost-Ver­hand­lungs­füh­rer, des­sen Name ich ver­ges­sen habe, gespro­chen hat: „Also, Herr X, Sie müs­sen schon ein­se­hen, dass die Ossis alle ein biss­chen döo­fer als die Wes­sis sind.“ „Ja, ehm, hm, Herr Y, da haben sie schon Recht. Wäre es ok, wenn wir die Abitur­no­ten aller Ossis um eine hal­be Note nach unten kor­ri­gie­ren?“ „Nein, die sind noch viel döo­fer. Also das muss min­des­tens eine gan­ze Note sein.“ „Ok.“ (Mis­ter X zu sich sel­ber: „Sag ich doch, die sind doof.“)

Aber jetzt mal Spaß bei­sei­te. Die empi­ri­sche Grund­la­ge die­ses Beschlus­ses wür­de mich schon inter­es­sie­ren. Wie wur­den die Ver­gleichs­stich­pro­ben bestimmt? So?

Miss Ost­deutsch­lands im Bil­dungs­test 2004, 15 Jah­re nach der Wen­de, d.h. mit guter West-Bildung

Aber das kann es nicht gewe­sen sein, denn die­se Form der Besten­er­mitt­lung fand erst statt, als der Eini­gungs­ver­trag unter Dach und Fach war.

Das Ergeb­nis war jeden­falls, dass alle Ossis schon mal schlech­te­re Chan­cen hat­ten, wenn sie sich mit West­lern mes­sen muss­ten. Und das muss­ten vie­le. Mil­lio­nen haben nach der Wen­de das Land (den Osten) ver­las­sen, denn sie wur­den dort arbeits­los, weil ihre Betrie­be geschlos­sen wur­den oder sie ein­fach aus den Uni­ver­si­tä­ten und den For­schungs­ein­rich­tun­gen raus­ge­wor­fen wur­den. („Von den 218.000 Wis­sen­schaft­lern der ehe­ma­li­gen DDR ver­lor die Hälf­te ihre Stel­le. Bei den Pro­fes­so­ren waren es nach Zah­len der bri­ti­schen Zeit­schrift Natu­re sogar zwei Drit­tel.“ Peter André Alt, Ber­li­ner Zei­tung, 06.11.2019)

Es gab übri­gens zwei Schu­len im Osten, deren Abitur nicht abge­wer­tet wur­de. Eine davon war mei­ne. Ich bin also nicht betrof­fen. Ich bin also kein Jam­mer-Ossi. Bis 2013 war mir das gan­ze Ost-The­ma Wum­pe. Die DDR war nichts meins, ich habe ihr nicht nach­ge­weint. Ich bin Pro­fes­sor, mir geht es gut. Bis 2019 habe ich auch nichts gesagt. Jetzt spre­che ich für ande­re. Ich hof­fe, irgend­wer ver­steht das und irgend­wem nützt das.

Nach­trag 08.01.2024. Es gab Nach­fra­gen bezüg­lich der Her­ab­stu­fung der Abitur­no­ten. Im Eini­gungs­ver­trag war das nicht gere­gelt, aber ich habe zwei Arti­kel zu dem The­ma gefun­den. Einen im Spie­gel (Drü­ben war es leich­ter) und einen in der taz (Zwei Bun­des­län­der erken­nen DDR-Abitur nicht an). Noch zum Hin­ter­grund: In der DDR konn­ten pro Klas­se zwei bis drei Schüler*innen Abitur machen, wobei die Klas­sen­stär­ke um die 30 lag.

In unse­ren Klas­sen erhiel­ten von knapp drei­ßig Kin­dern gera­de mal zwei bis drei eine Emp­feh­lung für die Erwei­ter­te Ober­schu­le, so dass Leh­rer gut dar­an taten, früh­zei­tig zu signa­li­sie­ren, wen sie dafür im Auge hatten.

Mau, Stef­fen, 2019, Lüt­ten Klein: Leben in der ost­deut­schen Trans­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft, Ber­lin: Suhr­kamp Ver­lag S. 55.

In mei­ner Klas­se waren 31 Schüler*innen. Die Stu­di­en­platz­ver­ga­be erfolg­te nach volks­wirt­schaft­li­chem Bedarf. Wenn man einen Stu­di­en­platz bekom­men hat, hat­te man dann auch die Arbeits­stel­le sicher. Das war ganz anders, als das im Wes­ten ist, wo es hun­der­te Student*innen im Bereich Lite­ra­tur­wis­sen­schaft und habi­li­tier­te Taxifahrer*innen gibt.

Zusammenfassung

Lie­be Wes­sis, wir wuss­ten alles über Euch. Wir fan­den Euch inter­es­sant. Euer Leben haben wir im Fern­se­hen gese­hen und das der Amis. Wir haben Eure Bücher gele­sen. Die Roma­ne und die Fach­bü­cher. Das war noch viel span­nen­der, wenn sie schwer zu bekom­men waren. Wir wuss­ten alles über Euch, aber Ihr nichts über uns. Und das ist zum Teil lei­der auch über 30 Jah­re nach dem Anschluss der DDR immer noch so. Shame on you. Also jeden­falls on ein paar von Euch. On tho­se, who immer noch sol­chen Müll in Zei­tun­gen schrei­ben, in Pod­casts sagen oder sonst wie ver­brei­ten. Wun­dert Euch nicht, wenn das kei­ner mehr will bzw. immer noch kei­ner will.

Und noch etwas: Redet über uns, als wären wir dabei. Das reicht viel­leicht schon. Wobei, Andre­as Baum ist ja aus dem Osten und Andi Arbeit hat den­noch so gesagt, was sie gesagt hat.

Immer­hin haben ja alle bis zum Ende gele­sen. =:-) Stay tun­ed, bis zum nächs­ten Rant.

Nachgedanken

Mir fal­len immer noch nach­träg­lich Din­ge ein. Zum The­ma „doo­fe Ossis“ noch drei Punk­te: 1) Man­fred Bier­wisch war der ers­te Deut­sche, der im Rah­men von Chom­skys Trans­for­ma­ti­ons­gram­ma­tik gear­bei­tet hat. Und zwar ab 1959, lan­ge, lan­ge vor dem Wes­ten. Jahr­zehn­te. Bier­wisch hat 1963 die ers­te Trans­for­ma­ti­ons­ana­ly­se des Deut­schen vor­ge­stellt. Es gibt ein tol­les Gespräch mit Bier­wisch über die gesam­te DDR-Zeit und dar­über, wie die Ent­wick­lung der Arbeits­grup­pen ver­lief. Vie­le bekann­te West­ler haben die Grup­pe im Osten besucht (Prof. Dr. Die­ter Wun­der­lich war einer davon. In Wiki­pe­dia steht auch, dass Wun­der­lich über Bier­wisch zur Gene­ra­ti­ven Gram­ma­tik kam.)

2) Die soge­nann­te Aka­de­mie-Gram­ma­tik von 1981 Grund­zü­ge einer deut­schen Gram­ma­tik hat Stan­dards gesetzt. Die Duden-Gram­ma­tik aus die­ser Zeit war … nun ja. Ab 2005 ist sie sehr gut.

3) Rena­te Schmidt, eine gute Bekann­te, hat an der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten an Wör­ter­bü­chern gear­bei­tet. Nach der Wen­de wur­de die Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten der DDR abge­wi­ckelt. 22 Ossis wur­den vom Insti­tut für Deut­sche Spra­che in Mann­heim über­nom­men. Rena­tes Chef Hel­mut Schu­ma­cher begrüß­te die Neu­en und ver­sprach ihr, ihr das Erstel­len von Wör­ter­bü­chern bei­zu­brin­gen. Sie hat­te aber schon an fünf Wör­ter­bü­chern mit­ge­ar­bei­tet. Zum Wör­ter­buch der deut­schen Gegen­warts­spra­che steht in Wikipedia:

Das Wör­ter­buch der deut­schen Gegen­warts­spra­che (WDG) wur­de in Ber­lin an der Deut­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten (ab Okto­ber 1972: Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten der DDR) zwi­schen 1952 und 1977 unter der Lei­tung von Ruth Klap­pen­bach und Wolf­gang Stei­nitz erar­bei­tet. Das Wör­ter­buch erschien in 6 Bän­den und wur­de bis zum Ende der DDR band­wei­se ver­setzt nach­ge­druckt. Das WDG umfasst über 4.500 Sei­ten und ent­hält knapp 100.000 Stich­wör­ter. In Kon­zep­ti­on und Quel­len­aus­wahl war es sei­ner Zeit weit vor­aus und wur­de daher auch als Vor­bild vie­ler Wör­ter­buch­pro­jek­te her­an­ge­zo­gen, so etwa vom Gro­ßen Wör­ter­buch der deut­schen Spra­che des Duden­ver­lags (1976–1981).

Im Wes­ten wur­de das Werk zu DDR-Zei­ten kaum rezen­siert oder gar in sei­ner Bedeu­tung erkannt und gewürdigt. 

Wiki­pe­dia zum Wör­ter­buch der Deut­schen Gegen­warts­spra­che, 08.01.2024

Rena­te Schmidt arbei­te­te unter Hel­mut Schu­ma­chers „Lei­tung“ am Valen­z­wör­ter­buch: VALBU. Valen­z­wör­ter­buch deut­scher Ver­ben. Schu­ma­chers Bei­trag am gesam­ten Wör­ter­buch waren vier Arti­kel von ins­ge­samt 638. Sei­ne Arti­kel waren von schlech­ter Qua­li­tät. Rena­te Schmidt kor­ri­gier­te die­se Arti­kel und leg­te sie ihm wie­der hin. Er über­nahm die revi­dier­ten Fas­sun­gen ohne irgend­wel­che Ände­run­gen und ohne irgend­ei­nen Kom­men­tar. Wort­los. Rena­te hat noch als Rent­ne­rin das gan­ze Wör­ter­buch durch­ge­se­hen und alle Arti­kel kor­ri­giert. Als Erst­au­tor wird Schu­ma­cher geführt (Das ist in der Wis­sen­schaft wich­tig, weil die Lite­ra­tur­ver­zeich­nis­se nach Erst­au­toren sor­tiert sind.) Schuh­ma­cher war dann wegen schwe­rer Depres­sio­nen sechs Mona­te krank geschrie­ben. Er sag­te, Rena­te Schmidt habe ihn in die Depres­si­on getrie­ben. Tja, ist eben doof, wenn man nichts bei­trägt und das Weni­ge, was von einem kommt, dann auch noch falsch ist. Viel­leicht noch zum Hin­ter­grund: Rena­te ist die liebs­te Per­son der Welt, nie­mand, der Stress macht oder so. Das kön­nen sicher alle ehe­ma­li­gen Kolleg*innen bestä­ti­gen. Ein Kol­le­ge, der frü­her am IDS arbei­te­te und jetzt eine Pro­fes­sur anders­wo hat, hat mir mal gesagt, dass sich die Arbeits­at­mo­sphä­re am IDS durch die Ossis wesent­lich ver­bes­sert hat. Die Ossis gin­gen sogar mit Sekre­tä­rin­nen essen, was die Wes­sis nie im Leben gemacht hät­ten, obwohl sie 68er-Revo­luz­zer waren. Also alles sehr umgäng­li­che Men­schen, kein Grund für schlech­te Lau­ne. Schu­ma­chers Depres­si­on ist also wahr­schein­lich wirk­lich auf die Ein­sicht in die eige­ne Inkom­pe­tenz zurückzuführen. 

Auf der ers­ten Jah­res­ta­gung des IDS nach der Wen­de hat mein Schwie­ger­va­ter Prof. Dr. Hart­mut Schmidt einen Vor­trag gehal­ten (Bei­trag im Jahr­buch). Danach kam ein Kol­le­ge aus dem Wes­ten zu mei­ner Schwie­ger­mut­ter und lob­te den Vor­trag. Mei­ne Schwie­ger­mut­ter frag­te sich, wie­so er dazu zur Frau des Vor­tra­gen­den gekom­men war (Tja, doch etwas ande­re Rol­len­bil­der damals. Im Wes­ten.) und ant­wor­te­te: „Wir haben vie­le an unse­rem Insti­tut, die sol­che Vor­trä­ge hal­ten kön­nen.“. Das Gegen­über wuss­te nicht mehr wei­ter und das Gespräch war beendet.

Quellen

Alt, Peter André. 2019. Wen­de an Uni­ver­si­tä­ten und Biblio­the­ken: Vie­le DDR-Wis­sen­schaft­ler ver­lo­ren ihre Stel­le. Ber­li­ner Zei­tung. (https://www.berliner-zeitung.de/zukunft-technologie/wende-an-universitaeten-und-bibliotheken-viele-ddr-wissenschaftler-verloren-ihre-stelle-li.69910)

Hölt­schi, René. 2022. Von der DDR-Ver­gan­gen­heit zur Bewah­rung euro­päi­scher Sou­ve­rä­ni­tät: der Halb­lei­ter-Clus­ter Sili­con Sax­o­ny. Neue Züri­cher Zei­tung. Zürich. (https://www.nzz.ch/wirtschaft/silicon-saxony-halbleiter-oekosystem-mit-ddr-erbe-in-sachsen-ld.1693996)

Spie­gel. 1990. Drü­ben war es leich­ter. Der Spie­gel 13/1990. (https://www.spiegel.de/politik/drueben-war-es-leichter-a-548dc5bf-0002–0001-0000–000013499353)

taz. 1990. Zwei Bun­des­län­der erken­nen DDR-Abitur nicht an. taz 24.03.1990. (https://taz.de/Zwei-Bundeslaender-erkennen-DDR-Abitur-nicht-an/!1775240/)

Laut und leise

Mir ist etwas klar geworden.

Bei der Armee waren wir in gro­ßen Zim­mern unter­ge­bracht. Acht, zehn, zwölf Per­so­nen. Die muss­ten über Jah­re zusam­men leben. Mit­ein­an­der klar­kom­men. Es gab Radi­os. Die Laut­stär­ke muss­te aus­ge­han­delt wer­den. Manch­mal bat jemand dar­um, die Musik lei­ser zu stel­len. Da gab es einen Trick: Man dreh­te ein­fach noch lau­ter, sag­te „huch“ und dreh­te dann wie­der etwas zurück. Letzt­end­lich war es auf die­se Wei­se sogar lau­ter gewor­den, als es vor­her schon gewe­sen war.

Deut­sche Fah­nen haben mir schon immer Übel­keit berei­tet. Die Sach­sen begrüß­ten Kohl 1990 in einem Fah­nen­meer. Ich bin zusam­men­ge­zuckt, wenn die Wes­sis in den 90ern von Deutsch­land gespro­chen haben. 2006 war irgend­was mit Fuß­ball. Die Deut­schen waren froh und glück­lich. Über­all Fah­nen. Die Deut­schen waren nett zu ande­ren. Das war nur kurz. Bald dreh­te jemand wie­der lauter.

Nach der Wen­de. Asyl­be­wer­ber­hei­me brann­ten in Ost und West. Es war ent­setz­lich. Uner­träg­lich. 2015. Krieg in Syri­en. Vie­le Men­schen muss­ten flie­hen. Ange­la Mer­kel sag­te: „Wir schaf­fen das!“. Die BILD-Zei­tung war soli­da­risch mit den Flücht­lin­gen. Ich rieb mir ver­wun­dert die Augen. In der Schu­le mei­ner Kin­der sam­mel­ten die Men­schen Anzieh­sa­chen und ande­re Din­ge, die man den Flücht­lin­gen geben konn­te. Medi­ka­men­te. Men­schen nah­men die Flücht­lin­ge bei sich zu hau­se auf. Vier Jah­re spä­ter wur­de ein Poli­ti­ker erschos­sen, weil er 2015 Mensch­lich­keit gezeigt hat­te. 2023 drang die Poli­zei mit gro­ßem Krach in eine Kir­che ein und been­de­te das Kirchenasyl.

Seit den 70ern weiß man vom Treib­haus­ef­fekt. Hier und da kam etwas in den Medi­en vor. Kon­fe­ren­zen fan­den statt. Eine Umwelt­mi­nis­te­rin schrieb 1997 ein Buch, in dem alles klar gesagt wur­de. Sie wur­de spä­ter Kanz­le­rin, ver­ant­wort­lich für Pil­le­pal­le (ihre eige­nen Wor­te). 2018 sorg­te eine Schü­le­rin dafür, dass die Mensch­heit Notiz von dem Pro­blem nahm. Mil­lio­nen Men­schen gin­gen auf die Stra­ße. Es gab Hoff­nung. Bei den Wah­len 2021 gab es eine Par­tei, die bei 12% lag, eine Par­tei mit einem Clown als Kan­di­dat und die Par­tei, die den Grund zur Hoff­nung gab. Der Clown hat sich selbst ins Aus gelacht, die Par­tei der Hoff­nung wur­de mas­siv bekämpft, so dass letzt­end­lich die 12%-Partei mit dem Typ mit der Rau­te gewann. Die Pil­le­pal­le-Poli­tik wur­de fort­ge­setzt. Der Machen-Sie-sich-kei­ne-Sor­gen-Rau­te-Mann zer­stör­te ein Gesetz, das er in der Vor­gän­ger­re­gie­rung selbst mit aus­ge­ar­bei­tet hat­te. Es wur­de noch wärmer.

Das ist das Mus­ter. Es ist immer gleich. 

Es ist zu laut!

Einfach nicht mitmachen

Von mei­ner Frau wuss­te ich, dass sie in ihrer Fami­lie einen Wehr­machts­an­ge­hö­ri­gen hat­ten, der in Nor­we­gen Zivi­lis­ten erschie­ßen soll­te, den Befehl ver­wei­gert hat und selbst erschos­sen wurde.

Nun habe ich erfah­ren, dass ein Mit­glied mei­ner Fami­lie wegen Fah­nen­flucht erschos­sen wur­de. Kurz vor Kriegs­en­de war er eben­falls in Nor­we­gen nicht vom Aus­gang zurückgekehrt. 

Er war mit sei­ner nor­we­gi­schen Freun­din unter­ge­taucht. Er wur­de geschnappt und hin­ge­rich­tet. Was aus sei­ner Freun­din gewor­den ist, ist nicht bekannt. Viel­leicht haben sich die Wege mei­ner Fami­lie und der Fami­lie mei­ner Frau ja schon frü­her gekreuzt. Viel­leicht war ihrem Ver­wand­ten ja die Auf­ga­be zuge­dacht, die Freun­din mei­nes Ver­wand­ten zu ermor­den und er hat sich gewei­gert und ist selbst dafür gestorben.

Ich wüss­te gern mehr über die Umstän­de und Grün­de sei­ner Flucht, über die nor­we­gi­sche Fami­lie, die ein Kind ver­lo­ren hat.

In der Todes­nach­richt stand, dass Todes­an­zei­gen und Nach­ru­fe ver­bo­ten sind. Hier nun also sehr spät ein Nach­ruf für mei­nen Ver­wand­ten, der für sei­ne Lie­be gestor­ben ist. Er erscheint nicht in einer Zei­tung oder in einer Zeit­schrift, aber in dergleichen. 

Der Anfang vom Ende

Heu­te vor 34 Jah­ren war Micha­el Gor­bat­schow in Ber­lin. Zum 40 Geburts­tag der DDR. Eine gute Bekann­te von mir, die heu­te mei­ne Frau ist, hat­te irgend­wann 1989 eine Woh­nung bekom­men und einen Ter­min für die Ein­wei­hung gesucht. Da der 7.10. ein Fei­er­tag war und nie­mand von ihren Freun­den zu irgend­wel­chen der offi­zi­el­len Fei­ern gehen wür­de, hat­te sie den 7.10. gewählt. Am 07. Mai 1989 fan­den in der DDR Kom­mu­nal­wah­len statt (Wiki­pe­dia-Ein­trag zu die­sen Wah­len). Die Bür­ger­be­we­gung orga­ni­sier­te zusam­men mit der Kir­che eine flä­chen­de­cken­de Prä­senz bei den Aus­zäh­lun­gen. Das war im Wahl­ge­setz der DDR so vor­ge­se­hen. Der Beschiss fand bei der Zusam­men­füh­rung der Wahl­er­geb­nis­se auf Stadt­be­zirks- bzw. Bezirks­ebe­ne statt, wo dann ein Wahl­er­geb­nis von 98,85% für die Kandidat*innen der Natio­na­len Front (SED + Block­par­tei­en) her­aus­kam. Mei­ne Schwes­ter war bei den Aus­zäh­lun­gen in Buch dabei. Dort waren 70% der Wähler*innen für die Block­par­tei­en. Von der Kunst­hoch­schu­le in Wei­ßen­see ist auch bekannt, dass nur 50% der Wähler*innen dafür waren. Seit dem 7. Juni gab es des­halb jeden Monat Pro­tes­te der Oppo­si­ti­on an der Welt­zeit­uhr am Alex­an­der­platz. Es war klar, dass es am 7.10. eine Ter­min­kol­li­si­on gab. Gor­bat­schow in der Stadt. 40 Jah­re DDR. Jubel­fei­ern mit ein paar Sach­sen, die zum Fei­ern her­an­ge­karrt wor­den waren.

Hon­ecker fei­er­te im Palast der Repu­blik. Andrej Herm­lin trat dort auf. Er hat Hon­ecker gese­hen, als die Pro­tes­te von drau­ßen drin­nen wahr­ge­nom­men wor­den waren. Hon­ecker saß allein an einem Tisch. Herm­lin wuss­te da schon, dass das das Ende der DDR war. (Bericht in der taz, 07.10.2009) Wir waren auf dem Weg nach Hellersdorf.

Vie­le der Par­ty­gäs­te, die Freun­de von der Jun­gen Gemein­de, kamen erst kurz vor Zwölf. Sie waren am Alex­an­der­platz gewe­sen. Sie berich­te­ten von Was­ser­wer­fern, Poli­zis­ten mit Schutz­hel­men. Ich wuss­te von den Was­ser­wer­fern, aber nie­mand hat­te sie je gese­hen. Im Ein­satz gese­hen. Poli­zis­ten mit Schutz­hel­men gab es nur im Westfernsehen.

Wir saßen um ein klei­nes Küchen­ra­dio und ver­such­ten irgend­wie Infor­ma­ti­on zu bekom­men. Jede hal­be Stun­de Nach­rich­ten: SFB. Rias. Wie eine klei­ne Ver­schwö­rung. Mit der letz­ten U‑Bahn ver­ließ ich Hel­lers­dorf und war gegen 1:30 Uhr Schön­hau­ser Allee. An der Geth­se­ma­n­e­kir­che war alles abge­sperrt. Eine Poli­zei­ket­te stand in der Star­gar­der. Ich hat­te Befürch­tun­gen, dass ich mei­ne Woh­nung nicht mehr errei­chen wür­de. Aber ich kam unbe­hel­ligt an LKWs und Strei­fen­wa­gen vor­bei, sah noch drei voll besetz­te Mann­schafts­wa­gen in die Gleim­stra­ße ein­bie­gen und war dann im ret­ten­den Haus­ein­gang ver­schwun­den. Ich war sehr froh, dass ich da durch­ge­kom­men war, denn ich war noch in Buch gemel­det und wie hät­te ich der Staats­ge­walt erklä­ren sol­len, dass ich „da hin­ten“ in einer besetz­ten Woh­nung wohnte?

Mein Gott, Walther! Die DDR als prä-faschistischer, post-faschistischer und faschistischer Staat und überhaupt.

Die­ser Blog-Post ist aus einer Mast­o­don-Dis­kus­si­on ent­stan­den. Weil sie so schön war, habe ich sie hier noch ein­mal ein biss­chen sor­tiert und für die Nach­welt archi­viert. Die­ser Bei­trag kann Spu­ren von Sar­kas­mus und sogar Wut enthalten.

Die taz hat am 03.07.2023, vor dem Hin­ter­grund der Wahl eines AfD-Mit­glieds zum Land­rat in Son­ne­berg, ein Inter­view mit dem (ost­deut­schen) His­to­ri­ker Ilko-Sascha Kowal­c­zuk ver­öf­fent­licht. In der Print­aus­ga­be endet es so:

taz: Also ist das nicht nur ein Ost-Problem?

Nein. Zeigt nicht immer nur mit dem Fin­ger auf den Osten. Der Osten ist als Labo­ra­to­ri­um der Glo­ba­li­sie­rung, als Ort der Trans­for­ma­ti­on dem Wes­ten nur ein paar Trip­pel­schrit­te vor­aus. Genau des­halb ist die Debat­te über den Osten so rele­vant: Hier – wie zum Teil in Ost­eu­ro­pa – sehen wir Ent­wick­lun­gen, die euro­pa­weit dro­hen, wenn nicht end­lich mal gegen­ge­steu­ert wird. Das kön­nen Sie an vie­len demo­sko­pi­schen Unter­su­chun­gen sehen und übri­gens auch an den Wahl­um­fra­gen der AfD. Die liegt im Osten bei 30 Pro­zent, im Wes­ten steht sie aber mitt­ler­wei­le auch bei 15 Pro­zent, der Wes­ten zieht nach. Des­we­gen sind der Ost­deutsch­land-Dis­kurs und Debat­ten über Son­ne­berg wich­tig: Wir kön­nen hier erle­ben, was uns in ganz Deutsch­land erwar­tet, wenn wir nicht end­lich mal gegensteuern.

taz, 03.07.2023: „Ilko-Sascha Kowal­c­zuk über den Osten: „Wer Nazis wählt, ist ein Nazi“

Das ist genau mei­ne Mei­nung. Ein Punkt, den ich hier in die­sem Blog und auch auf Mast­o­don zu ver­mit­teln ver­su­che. Also alles prims­tens? Nein, lei­der nicht, denn es gibt komi­sche Stel­len im Interview.

Ilko-Sascha Kowal­c­zuk hat in der #DDR #Nazi-Äuße­run­gen gegen geis­tig Behin­der­te gehört und lei­tet dar­aus ab, dass die DDR ein prä­fa­schis­ti­scher Staat war. 

Das fin­de ich ein biss­chen schnell geschos­sen. Sol­che Bemer­kun­gen wird es sowohl im Wes­ten wie im Osten geben, die Erzie­hung, die ich in mei­nen Schu­len hat­te, war aber zutiefst huma­nis­tisch. Die #Eutha­na­sie-Mor­de der #Nazis und ihre Ver­bre­chen wur­den im Unter­richt bespro­chen (sie­he auch Der Ossi und der Holo­caust).

Ich habe in Ber­lin-Buch gewohnt. WBS70. Im unters­ten Stock­werk haben in all den Häu­sern Rollstuhlfahrer*innen gewohnt. Es gab und gibt immer noch hin­ten an den Häu­sern spe­zi­el­le Zufahrts­we­ge, über die Men­schen mit Rol­lis leicht in die Woh­nun­gen gelan­gen konn­ten. Sie­he rote Lini­en auf der Kar­te. Fahr­stüh­le gab es in den Fünf­ge­schos­sern vor der Wen­de nicht. Für Men­schen mit Roll­stuhl kamen also nur die Erge­schoss­woh­nun­gen in Fra­ge. Die Zufahr­ten wur­den beim Neu­bau der Blö­cke 1974–1976 eingerichtet. 

Woh­nun­gen für Behin­der­te mit Zufahrts­ram­pen in Ber­lin Buch.

Das waren also struk­tu­rel­le Maß­nah­men im Zuge des Woh­nungs­baus. Das fol­gen­de Bild zeigt, dass beim Ent­wurf des WBS 70-Sys­tems, das in der DDR in den 70er Jah­ren ent­wi­ckelt und dann für den Bau von 644 900 Woh­nun­gen ver­wen­det wur­de, Erd­ge­schoss­woh­nun­gen für Rollstuhlfahrer*innen und Men­schen mit Behin­de­run­gen ein­ge­plant wurden.

Woh­nungs­grund­ris­se für Woh­nun­gen für Roll­stuhl­fah­rer und Behin­der­te in den WBS 70-Planungen

Ich habe von 1976 bis 1986 in dem Block gemein­sam mit vie­len Rolli-Fahrer*innen gelebt und nie irgend­ein böses Wort gehört. 

Ein geis­tig behin­der­ter Jun­ge fuhr immer mit dem Bus vom Bahn­hof Buch zum Lin­den­ber­ger Weg und zurück. Tag­aus, tag­ein. Ohne Beglei­tung. Manch­mal durf­te er die Türen auf und zuma­chen. Er hat sich sehr gefreut. Er hat­te eine brau­en Kunst­le­der­ta­sche dabei, die er als Lenk­rad benut­ze. Er saß immer in der ers­ten Rei­he vorn neben dem Fah­rer. Spä­ter habe ich ihn auch ab und zu in der S‑Bahn getrof­fen. Das war alles ganz normal.

Dass ich nie irgend­was Böses gehört habe, schließt natür­lich nicht aus, dass es böse Bemer­kun­gen gege­ben hat. Wenn man mit Behin­der­ten unter­wegs ist, gibt es ja viel mehr Begeg­nun­gen. Nur ist es eben nicht wahr, wenn behaup­tet wird, alle Behin­der­ten sei­en weg­ge­sperrt wor­den oder beschimpft worden.

Ins­ge­samt scheint es mir sehr weit her­ge­holt, aus Begeg­nun­gen mit behin­der­ten­feind­li­chen Men­schen zu schlie­ßen, dass man in einem prä­fa­schis­ti­schen Staat lebt.

Der Nut­zer Peer schreibt dazu auf Mastodon:

War­um so vor­sich­tig in dei­ner Kri­tik? Kowal­c­zuks Schluss­fol­ge­run­gen sind nicht nur „etwas weit her­ge­holt“, son­dern Non­sens. Vor­aus­ge­setzt das taz-Inter­view gibt sei­ne Aus­sa­gen zutref­fend wieder.

Ich leh­ne mich mal weit aus dem Fens­ter: Es gibt kein ein­zi­ges Land auf der Welt, in dem die best­mög­li­chen staat­li­chen Inklu­si­ons­be­mü­hun­gen ver­hin­dern wür­den, dass sich Men­schen nega­tiv über behin­der­te Men­schen äußern. Dem­nach wären die­se Län­der alle prä­fa­schis­tisch nach der Kowalczuk-Definition.

Geschich­ten­er­zäh­ler Kowal­c­zuk schließt von meh­re­ren Ein­zel­erfah­run­gen auf strukturelle/staatliche Pro­ble­me und dar­aus wie­der auf Prä-Faschismus.

In der Christ­bur­ger Stra­ße im DDR-Prenz­lau­er Berg gab es einen pri­va­ten Hand­wer­ker (Leder­gür­tel, Schuh­ma­cher so was in der Art). Die hat­ten ein Kind mit Down-Syn­drom, das sich dort sicht­bar im bzw. vor dem Laden beschäf­tig­te, ohne dass die Eltern immer selbst sicht­bar waren. Hät­te das zu nega­ti­ven Reak­tio­nen geführt, hät­ten sie das ihrem Kind ver­mut­lich nicht zuge­mu­tet. Jeden­falls wur­de es nicht ver­steckt und war auch nicht im Heim. (Geis­tig behin­dert und pri­va­ter Hand­wer­ker gleich 2x nicht Main­stream in der DDR).

Ande­res Bei­spiel: Sebas­ti­an Urban­ski hat eben­falls das Down-Syn­drom. “Als er 1986 in Pan­kow ein­ge­schult wur­de, gal­ten Kin­der wie er in der DDR als „bil­dungs­un­fä­hig“. Doch sei­ne Eltern hat­ten ihm einen Schul­platz erstrit­ten.” https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/holocaust-gedenktag-2017-mit-sebastian-urbanski-spricht-erstmals-ein-mensch-mit-down-syndrom-im-bundestag-li.29544

Pan­kow war ein Stadt­be­zirk in der DDR. Ist natür­lich nicht so pos­ti­tiv, dass er in der Schu­le nicht sofort mit offen Armen auf­ge­nom­men wur­de, aber das war zu der Zeit im Wes­ten sicher auch nicht so. Ent­schei­den­der dürf­te aber sein, dass sei­ne Eltern sich gegen die „prä­fa­schis­ti­sche Dik­ta­tur“ durch­ge­setzt haben. Wie geht denn das? Wür­de mich nicht wun­dern, wenn der deut­sche Rechts­staat zu die­ser Zeit noch sehr viel effek­ti­ver dar­in war, den Zugang zur Regel­schu­le zu verhindern.

In Ham­burg soll es jeden­falls erst seit dem Schul­jahr 2010 das Recht für Schü­ler mit Down-Syn­drom geben, all­ge­mei­ne Schu­len zu besu­chen. https://kidshamburg.de/down-syndrom/das-kind-mit-down-syndrom-in-der-schule/ Das wären immer­hin „nur“ 36 Jah­re nach der west­deut­schen TV-Serie „Unser Wal­ter“, die angeb­lich sehr zur Sen­si­bi­li­sie­rung im Wes­ten bei­getra­gen hat.

Übri­gens: Im Osten wur­de auch West­fern­se­hen geschaut, bis auf mar­gi­na­le regio­na­le Aus­nah­men. – Soll­te man viel­leicht nicht ignorieren.

s.a. https://behinderung-ddr.de/lebenswelten/familie

Nut­zer Peer in Dis­kus­si­on auf Mast­o­don, 05.07.2023

Der Arti­kel ent­hält noch eini­ge nicht beleg­te All­aus­sa­gen, z.B. über Nazis in der NVA, die eben­falls auf Mast­o­don dis­ku­tiert wur­den. Die feh­len­de Auf­ar­bei­tung der Nazi­ver­bre­chen im Osten im Gegen­satz zur Auf­ar­bei­tung im Wes­ten durch die 68er ist auch ein The­ma im Inter­view. Hier­zu möch­te ich nur kurz auf mei­nen Blog-Bei­trag Der Ossi und der Holo­caust ver­wei­sen, der ein ziem­lich genau­es Bild zeich­net, wann wel­che Auf­ar­bei­tungs­schrit­te erfolg­ten, was an Wis­sen über die Ver­bre­chen der Nazis in der Bevöl­ke­rung vor­han­den war und in dem man auch die Unter­schie­de zum Wes­ten sehen kann (Bei­spiel Aus­strah­lung der Serie Holo­caust und Bay­ri­scher Rund­funk, sowie Skan­dal um Wehrmachtsausstellung).

Die Dis­kus­si­on auf Mast­o­don hat­te sich gera­de ein wenig beru­higt, da erschien die­ser Leser­brief in der taz:

Bezeich­nend für die Wahr­neh­mung behin­der­ter Men­schen durch DDR-Bür­ger ist, dass die im Inter­view erwähn­te west­deut­sche, auch „ drü­ben“ zu emp­fan­gen­de ZDF Fern­seh­se­rie „Unser Wal­ter“ in der DDR ent­ge­gen der Inten­ti­on der Sen­dung dis­kri­mi­na­to­risch benutzt wur­de. „Mein Gott, Wal­ter“ sag­ten die Leu­te zum Bei­spiel, wenn jemand unge­schickt han­del­te. Die faschis­ti­schen Nar­ra­ti­ve vom gesun­den Volks­kör­per wur­den in der DDR eben nur abge­sägt, aber Wur­zel und Nähr­bo­den blie­ben wei­test­ge­hend unangetastet.

Leser­brief von Wolf­ram Hasch, Ber­lin in der taz, 12.07.2023

Die­ser Brief ist so haar­sträu­bend! Die Redens­art kommt von einem Lied von Mike Krü­ger von 1975, in dem es um einen Walt­her mit „th“ geht, der der Ver­wal­ter eines Miets­hau­ses ist.

Das könn­te man ken­nen, wenn man in der Bun­des­re­pu­blik oder in der DDR auf­ge­wach­sen ist. Mike Krü­ger ist ein deut­scher Komi­ker aus Ulm. Mein Gott, Walt­her war 32 Wochen auf Platz 1 der deut­schen Album-Charts und wur­de über 250.000 mal ver­kauft (sie­he Wiki­pe­dia). Im Osten ist die Plat­te sicher auf Kas­set­ten kopiert und wei­ter­ge­reicht worden. 

So und zum Schluss, weil ich gera­de so schön in Schwung bin, kommt jetzt mein Leser­brief in mei­ner pri­va­ten Ossi-Bild-Zeitung.

Mein Leserbrief in meiner Zeitung (Sarkasmus)

Ich habe kurz vor Coro­na noch eini­ge Ama­zon-Akti­en gekauft und bin dadurch unglaub­lich reich gewor­den. Ich habe mich dafür sehr geschämt und das meis­te Geld an die Deut­sche Umwelt­hil­fe gespen­det. Vom Rest habe ich eine Zei­tung für Ost­deut­sche auf Bild-Niveau gegrün­det. Die ist natür­lich, was die Redak­ti­on angeht, total unab­hän­gig von ihrem Besit­zer, so wie die Washing­ton Post auch. Aber ab und zu ver­öf­fent­li­che ich einen Leser­brief. Hier mei­ner zu Mein Gott, Walther.

Betrifft Bei­trag „Im Wes­ten alles Nazis?“

Ihren Aus­füh­run­gen zu den faschis­ti­schen Umtrie­ben in den alten Bun­des­län­dern der BRD kann ich nur zustim­men. Zu denen von Ihnen bereits erwähn­ten Nazi-Struk­tu­ren im Ver­fas­sung­schutz, in der Armee, in der Poli­zei und der noto­ri­schen Blind­heit der Jus­tiz auf dem rech­ten Auge, sowie der trotz Par­tei­aus­schluss­ver­fah­ren mit Mehr­heit als AfD-Lan­des­vor­sit­zen­de von Schles­wig-Hol­stein wie­der­ge­wähl­ten Poli­ti­ke­rin Doris von Sayn-Witt­gen­stein mit Kon­takt zu Holo­caust-Leug­ne­rin möch­te ich noch fol­gen­de uner­hör­te Bege­ben­heit hin­zu­fü­gen: 1974 begann das Fern­se­hen der BRD mit der Aus­strah­lung der Fern­seh­se­rie „Unser Wal­ter“, in der das Leben mit einem Kind mit Behin­de­rung the­ma­ti­siert wur­de. Nur kurz dar­auf erschien eine Schall­plat­te mit dem Titel „Mein Gott, Walt­her“, in dem Men­schen ver­höhnt wer­den, denen ab und zu Din­ge miss­lin­gen. Der Zusam­men­hang zur Fern­seh­se­rie wur­de durch die Ände­rung der Schrei­bung des Wor­tes „Walt­her“ nur ober­fläch­lich kaschiert. Die faschis­ti­sche Grund­hal­tung der Bür­ger der BRD kann man auch dar­an erken­nen, dass sich die­ses Mach­werk eines west-deut­schen Komi­kers über 250.000 mal ver­kauft hat. Das Lied war übri­gens wie immer noch auf you­tube abruf­ba­re Vide­os zei­gen, auch im öster­rei­chi­schen Fern­se­hen zu sehen, aber dass in die­sem Land sogar die Künst­ler Nazis sind, wis­sen wir ja spä­tes­tens seit dem Erschei­nen von „Mein Kampf“!

Mit anti­fa­schis­ti­schen Grü­ßen aus Ost-Ber­lin Ste­fan Müller

Ist absurd, oder? Aber nicht absur­der als der Leser­brief, den die taz gedruckt hat.

DDR vs. Iran, Folter und Röntgenstrahlung

In der Bahn saß ein Mann hin­ter mir und erklär­te einer Frau, die zufäl­lig neben ihm saß, die Welt. Er war ein Öko, hat­te schon diver­se Peti­tio­nen und Kla­gen gestar­tet, aber es dran­gen auch immer wie­der merk­wür­di­ge Din­ge an mein Ohr (Ich ver­such­te, ein Buch zu begut­ach­ten und das aus­zu­blen­den .…). Jeden­falls hat­te er die DDR mit dem Iran ver­gli­chen und von Fol­ter gespro­chen. Mein Wis­sens­stand war so, dass es zum Ende der DDR fast kei­ne phy­si­sche Fol­ter gab, dafür aber aus­ge­klü­gel­te psy­chi­sche Zer­set­zung. Bis in Fami­li­en hinein.

Das kann man hier nachlesen:

https://www.demokratie-statt-diktatur.de/stasi-und-die-menschenrechte/wuerde-des-menschen/

Es gab in Pots­dam eine Sta­si-Hoch­schu­le mit ent­spre­chen­den Abschlussarbeiten.

Ich habe ihm das gesagt und er mein­te: Ja, aber die Sta­si habe Rönt­gen­strah­lung eingesetzt!

Irgend­wann hat er dann auch sei­ner Sitz­nach­ba­rin erzählt, wie toll das doch mit dem Inter­net sei, da kön­ne man das alles nach­le­sen. Dum­mer­wei­se woll­te ich mein Buch wei­ter­le­sen. Ich hät­te gleich mal nach­gu­cken sol­len. Es gibt höchst inter­es­san­te his­to­ri­sche Unter­su­chun­gen aus den 90ern zu den Rönt­gen­ge­rä­ten und dem Ein­satz radio­ak­ti­ver Mate­ria­li­en durch die Sta­si (Eisen­feld et. al. 2002).

Kurz: Das mit den Rönt­gen­ge­rä­ten ist Quatsch. Zer­rüt­tung fin­det man auch in die­sem Bericht und es gibt noch ganz vie­le inter­es­san­te Sachen zu Spio­na­ge, Ein­satz von Strah­lung an der Gren­ze, Zusam­men­ar­beit mit wis­sen­schaft­li­chen Insti­tu­tio­nen usw.

Die Sta­si hat zum Bei­spiel West­geld radio­ak­tiv mar­kiert, weil sie raus­fin­den woll­te, wer die Schei­ne aus den Brie­fen klaut. Ich dach­te ja immer, dass Post und Sta­si prak­tisch eins waren und dass die eben ab und zu Sachen aus Brie­fen und Pake­ten genom­men haben.

Den Post­ler haben sie geschnappt, aber 12 Schei­ne blie­ben ver­schwun­den. Wahr­schein­lich hat­te die in Wirk­lich­keit der Chef und das konn­te ja nicht in den Akten doku­men­tiert werden. =:-)

Die radio­ak­ti­ve Mar­kie­rung von Geld­schei­nen und deren Ergeb­nis ist in einem
wei­te­ren Fall belegt.124 Er doku­men­tiert einen gera­de­zu kri­mi­nell fahr­läs­si­gen Umgang des MfS mit radio­ak­ti­ven Sub­stan­zen. Auf­ge­deckt und nach­ge­wie­sen wer­den soll­te der Dieb­stahl von West­geld aus Post­sen­dun­gen. Dazu prä­pa­rier­ten Mit­ar­bei­ter des OTS am 4. Mai 1988 20 5 DM-Schei­ne mit dem »Wolke«-Mittel 113 (jeweils belas­tet mit einer Akti­vi­tät von 60 uCI), steck­ten sie in Brief­ku­verts und schick­ten sie einen Tag spä­ter, wie es heißt, »ope­ra­tiv in den Post­ka­nal«. Tat­säch­lich konn­te ein Mit­ar­bei­ter der Post des Dieb­stahls überführt und festge­nommen wer­den. Es konn­ten bei ihm aber nur acht der zwan­zig prä­pa­rier­ten Geld­schei­ne sicher­ge­stellt ‑wer­den. Zwölf der kon­ta­mi­nier­ten 5 DM-Schei­ne blie­ben ver­schwun­den und gaben den betei­lig­ten MfS-Mit­ar­bei­tern Anlaß zu ei­nigem Kopf­zer­bre­chen. Ihren Berech­nun­gen zufol­ge ver­ur­sach­te das Tra­gen auch nur eines die­ser Schei­ne am Kör­per über einen Zeit­raum von drei Mona­ten eine Belas­tung von 200 rem, »was ins­be­son­de­re im Gona­den­be­reich spä­te­re Wirkun­gen bei Jugend­li­chen ver­ur­sa­chen könnte«.125 Die­se Dosis wür­de jedoch, so heißt es, inner­halb eines Jah­res infol­ge der Zer­falls­zeit auf 16 rem sin­ken und wäre da­ nach »aus unse­rer Sicht ungefährlich«.126 Ande­rer­seits muß­te ein­ge­räumt wer­ den, daß alles auch davon abhing, wie die betref­fen­den Per­so­nen mit den Schei­nen umgin­gen. Wür­de eine Per­son meh­re­re die­ser Schei­ne am Kör­per tra­gen, so bestün­de die Gefahr einer »ver­viel­fach­ten« Belas­tung und »von Spätschäden an begrenz­ten Körperteilen«.127 Wenn man in Rech­nung stellt, daß die radio­ak­tiv mar­kier­ten Geld­schei­ne mög­li­cher­wei­se auch in die Hände von Klein­kin­dern oder schwan­ge­ren Frau­en fal­len konn­ten, so muß die­sem Mar­kie­rungs­ver­fah­ren ein gemein­ge­fähr­li­cher Cha­rak­ter beschei­nigt wer­den. Ob die Bemü­hun­gen des MfS, die zwölf feh­len­den radio­ak­tiv prä­pa­rier­ten Geld­schei­ne wie­der aufzufin­den, Erfolg hat­ten, ist nicht doku­men­tiert – und das spricht eher für ein nega­ti­ves Ergebnis.

Eisen­feld et al. 2002, Pro­jekt­be­richt »Strah­len« Ein­satz von Rönt­gen­strah­len und radio­ak­ti­ven Stof­fen durch das MfS gegen Oppo­si­tio­nel­le – Fik­ti­on oder Realität

Und obwohl offi­zi­ell die radio­ak­ti­ven Wol­ken einen Umweg um die DDR gemacht hat­ten, hat die Sta­si für ihre Track­ing-Aktio­nen einen #Tscher­no­byl-Auf­schlag berech­net und die Strah­lungs­do­sis erhöht:

Die Dosis von jeweils 450 uCi (gesamt 1,9 mCi) war so stark, daß auch »von außen […] in der Woh­nung gear­bei­tet« wer­den konnte.130 Außer­dem wur­de, wie es heißt, »der infol­ge der KKW-Hava­rie [gemeint ist offen­sicht­lich Tscher­no­byl] erhöh­te Strah­lungs­un­ter­grund […] rech­ne­risch berücksichtigt.«131 Am sel­ben Tag wur­den der Ent­wick­lungs­in­ge­nieur und sei­ne Frau in der Woh­nung und der West­ber­li­ner eine Stun­de spä­ter an der Grenz­über­gangs­stel­le über­ führt und fest­ge­nom­men. Der Ein­satz der bereit­ge­stell­ten »Wol­ke-Mit­tel« lag in der Regie der Abtei­lung 26. Der Erfolg brach­te Haupt­mann Thie­le­mann, der als Mit­ar­bei­ter des OTS die prak­ti­sche Mar­kie­rung durch­führ­te, noch am sel­ben Tag einen Prä­mi­en­vor­schlag in Höhe von 400 Mark ein.

Eisen­feld et al. 2002, Pro­jekt­be­richt »Strah­len« Ein­satz von Rönt­gen­strah­len und radio­ak­ti­ven Stof­fen durch das MfS gegen Oppo­si­tio­nel­le – Fik­ti­on oder Realität

Die haben auch den Boden von Oppo­si­ti­ons­treff­punk­ten prä­pa­riert, so dass die Leu­te das Zeug dann an den Schu­hen hatten.

Oder Manu­skrip­te von Oppo­si­tio­nel­len radio­ak­tiv mar­kiert und dann geguckt, bei wem das im Wes­ten bzw. im Ost­block ange­kom­men ist.

Schon irre alles. Aber die Unter­su­chun­gen haben eben erge­ben, dass Rönt­gen­strah­lung nicht gezielt zur Schä­di­gung von Per­so­nen ein­ge­setzt wurde.

Quellen

Eisen­feld, Bernd & Auer­bach, Tho­mas & Weber, Gud­run & Pflug­beil, Sebas­ti­an. 2002. Pro­jekt­be­richt »Strah­len« Ein­satz von Rönt­gen­strah­len und radio­ak­ti­ven Stof­fen durch das MfS gegen Oppo­si­tio­nel­le – Fik­ti­on oder Rea­li­tät. Ber­lin: Bun­des­ar­chi­v/Sta­si-Unter­la­gen-Archiv. (http://www.nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0292–97839421308513)

Das Recht auf Wür­de des Men­schen. 2023. Demo­kra­tie statt Dik­ta­tur. (https://www.demokratie-statt-diktatur.de/stasi-und-die-menschenrechte/wuerde-des-menschen/)

Die Ossis sind mit der Demokratie nicht zufrieden. Ach wirklich? Und warum sind es die Wessis?

Sor­ry, ich kom­me erst jetzt dazu. Im Janu­ar schlug ein Bericht des Ost­be­auf­trag­ten Wel­len. Er wur­de, wie üblich verdreht.

Die taz schreibt zum Bei­spiel, dass nur noch 39% der Ost­deut­schen mit der Demo­kra­tie zufrie­den wären:

Das Kon­zept des Ost­be­auf­trag­ten ver­weist auf die gesun­ke­ne Zufrie­den­heit mit der Demo­kra­tie beson­ders in den öst­li­chen Bun­des­län­dern. Sie lag zuletzt nur noch bei 39 Prozent.

Anna Leh­mann: Ost­deut­sche sind als Füh­rungs­kräf­te in Bun­des­be­hör­den rar. Die Bun­des­re­gie­rung will gegen­steu­ern, taz, 26.01.2023, S. 6

Die Zeit titel­te „Ost­be­auf­trag­ter: Nur 39 Pro­zent der Ost­deut­schen zufrie­den mit der Demo­kra­tie.“ Der Unter­ti­tel ist dann:

Laut dem aktu­el­len Bericht des Ost­be­auf­trag­ten der Bun­des­re­gie­rung wach­sen in Ost­deutsch­land die Zwei­fel an der Demokratie. 

Mer­kur: Nur vier von zehn Ost­deut­schen zufrie­den mit der Demokratie

Süd­deut­sche: Nur vier von zehn Ost­deut­schen zufrie­den mit der Demokratie

Das ist mal wie­der einer die­ser Hie­be in die Ker­be „Die Ossis leh­nen die Demo­kra­tie ab / sind nicht demo­kra­tie­fä­hig / sind komisch / sind anders als wir / saßen zusam­men im Kin­der­gar­ten auf dem Töpf­chen und lie­ben des­halb Diktaturen.“

In der Mit­tei­lung des Ost­be­auf­trag­ten der Bun­des­re­gie­rung steht aber:

Dem „Deutsch­land-Moni­tor“ zufol­ge sind nur noch 39 Pro­zent der Ost­deut­schen zufrie­den mit der Demo­kra­tie, so wie sie in Deutsch­land funk­tio­niert. Gera­de ein­mal 32 Pro­zent von ihnen glau­ben, dass Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­ker das Wohl unse­res Lan­des wich­tig sei. Und zwei Drit­tel sind der Mei­nung, Ost­deut­sche wür­den häu­fig als Men­schen zwei­ter Klas­se behandelt.

Man­che Medi­en brin­gen die Ein­schrän­kung „so wie sie in Deutsch­land funk­tio­niert“, man­che wei­sen dar­auf hin, dass die Zustim­mung auch im Wes­ten sinkt. Man­che unter­las­sen das aber.

Als Ossi fra­ge ich mich, wie kann man mit dem, was in die­sem Land läuft denn zufrie­den sein? Eigent­lich geht das nur, wenn man mate­ri­ell abge­si­chert und poli­tisch unin­ter­es­siert ist. Ansons­ten habe ich hier ein paar Punk­te, die man komisch fin­den könnte:

  • Mas­ken­af­fä­re: Ver­un­treu­ung von Mil­lio­nen ohne recht­li­che Konsequenzen
  • Kor­rup­ti­on im Öl und Gas­ge­schäft bei CDU/CSU und SPD
  • Scheu­ers Ver­sen­kun­gen von Mil­lio­nen Euros im Maut­de­sas­ter ohne recht­li­che Konsequnezen
  • Scheu­ers Umlen­kung von Gel­dern in sei­nen Wahlkreis
  • Gif­feys pla­gier­te Dok­tor­ar­beit und Mas­ter­ar­beit. Gif­fey tritt nach Aberken­nung ihres Dok­tor­titls als Fami­li­en­mi­nis­te­rin der Bun­des­re­gie­rung zurück, macht aber dann als Regie­ren­de Bür­ger­meis­te­rin von Ber­lin naht­los wei­ter. What? Eine Die­bin und Betrü­ge­rin gut genug für Berlin?
  • Gif­fey wur­de 2022 mit 58,9% zur Par­tei­vor­sit­zen­den in Ber­lin gewählt. Trotz Rot-Grün-Roter Mehr­heit wur­de 2023 RGR nicht wei­ter­ge­führt, son­dern nach einer Mit­glie­der­be­fra­gung, die mit einer mil­li­me­ter­dün­nen Mehr­heit von 54% für Schwarz-Rot aus­ging, dann die Koali­ti­on mit der CDU begon­nen. Das gan­ze Gif­fey-Paket hät­te frü­her mehr­fach für einen Rück­tritt gereicht.
  • Pla­gia­te und Titel­be­trug bei diver­sen ande­ren Politiker*innen
  • Lob­by-Zugang für den Bun­des­tag zum Bei­spiel von Waffenhändlern
  • Der ehe­ma­li­ge Chef des Ver­fas­sungs­schut­zes, der von der Poli­tik fest­ge­legt wird, ist ein Nazi.
  • Der Minis­ter­prä­si­dent eines Bun­des­lan­des, der frü­her beim Öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk gear­bei­tet hat, for­dert die Strei­chung der Rund­funk­ge­büh­ren und ansons­ten alle drei Wochen das Gegen­teil von dem, was er frü­her gefor­dert hat. 
  • Por­sche ist life dabei bei der Aus­hand­lung des Koalitionsvertrags
  • Döpf­ner, Ver­lags­chef des Sprin­ger-Kon­zerns, weist sei­ne Blät­ter an, die FDP hoch­zu­schrei­ben, damit die­se dann die Koali­ti­on plat­zen las­sen kann.
  • Wie von Döpf­ner geplant, kann eine Par­tei, die für 11% der Wähler*innen steht, die Poli­tik der rest­li­chen Regie­rung sabo­tie­ren, wobei dazu natür­lich ein Machen-Sie-sich-kei­ne-Sor­gen-Kli­ma­kanz­ler gehört, der das mit sich machen lässt. 
  • Ver­hin­de­rung eines aus­sa­ge­kräf­ti­gen Ergeb­nis­ses beim Volks­ent­scheid durch die Tren­nung von Wahl­ter­min und Volks­ent­scheid in Ber­lin durch die SPD-Innensenatorin.

Viel­leicht sind wir Ossis alle etwas naiv. Wir waren geschockt, als wir sahen, was die Funk­tio­nä­re in Wand­litz alles hat­ten, obwohl das unter dem Niveau west­deut­scher Arbeiter*innen lag. Viel­leicht sind unse­re Ansprü­che an Politiker*innen ein­fach zu hoch. Höher als die der Wessis.

Viel­leicht geht es den Wes­sis auch ein­fach zu gut und/oder sie inter­es­sie­ren sich nicht so für die Kor­rup­ti­on und Berei­che­rung. Ist ja nor­mal, machen ja alle.

Also: Es ist nicht so, dass Ossis Demo­kra­tie als poli­ti­sches Sys­tem ableh­nen. Im Gegen­teil, die Zustim­mung zur Demo­kra­tie an sich war zumin­dest 2018 sogar noch höher als im Wes­ten 95% vs. 93% (Stu­die der Uni­ver­si­tät Leip­zig). Was abge­lehnt wird, ist die Art und Wei­se, in der Din­ge gera­de lau­fen. Und hier ist die Fra­ge an die 59% der Wes­sis, die mit der Demo­kra­tie, wie sie gera­de in Deutsch­land funk­tio­niert, zufrie­den sind: What’s wrong with you?