„Ines Geipel lügt“

In Der Ossi und der Holo­caust habe ich die Behaup­tun­gen von Anet­ta Kaha­ne und Ines Gei­pel zum Umgang der DDR mit dem Holo­caust unter­sucht und bin zum Schluss gekom­men, dass bei­de Autorin­nen ent­we­der kei­ne Ahnung haben oder lügen. 

Die West-Gesell­schaft des direk­ten Nach­kriegs, die sich manisch schön­putz­te, die schier mär­chen­gleich Koh­le mach­te und sich in ihrer Unfä­hig­keit zu trau­ern ver­pupp­te. Die post­fa­schis­ti­sche DDR der fünf­zi­ger Jah­re dage­gen wur­de zur Syn­the­se zwi­schen ein­ge­kap­sel­tem Hit­ler und neu­er Sta­lin-Dik­ta­tur, pla­niert durch einen roten Anti­fa­schis­mus, der ein­zig eine Hel­den­sor­te zuließ: den deut­schen Kom­mu­nis­ten als Über­win­der Hit­lers. Mit die­ser instru­men­tel­len Ver­ges­sens­po­li­tik wur­de im sel­ben Atem­zug der Holo­caust für 40 Jah­re in den Ost-Eis­schrank gescho­ben. Er kam öffent­lich nicht vor.

Ines Gei­pel, Das Ding mit dem Osten, Frank­fur­ter All­ge­mei­ne, 14.08.2019

Im Blog-Post zei­ge ich recht deut­lich, dass die Ver­bre­chen an den Juden über­all the­ma­ti­siert wur­den. In den Geschichts­bü­chern der neun­ten Klas­se, im Lite­ra­tur­un­ter­richt, in Büchern, Fil­men, Stra­ßen­nah­men usw.

Beim taz-Lab gab es eine Podi­ums­dis­kus­si­on mit der His­to­ri­ke­rin Kat­ja Hoyer und dem Schrift­stel­ler Mar­co Mar­tin, bei der letz­te­rer sag­te, das mit der Geschichts­schrei­bung durch die Sie­ger im Ver­ei­ni­gungs­pro­zess sei doch eine Mär, denn es gäbe doch auch ost­deut­sche Stim­men wie Ines Gei­pel und Anne Rabe. Ich habe dann im Dis­kus­si­ons­teil dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Anet­ta Kaha­ne und Ines Gei­pel kei­ne glaub­wür­di­gen Quel­len sei­en, da sie ent­we­der kei­ne Ahnung hät­ten oder lügen wür­den, was zu gro­ßer Ent­rüs­tung führ­te. Lei­der kann­te ich zu die­sem Zeit­punkt eine Doku­men­ta­ti­on des MDRs noch nicht, denn aus die­ser geht her­vor, dass Ines Gei­pel erheb­li­che Pro­ble­me mit der Wahr­heit in Bezug auf ihr eige­nes Leben hat. Auch die Zah­len der Doping­be­trof­fe­nen, die sie als Che­fin der Doping­op­fer­hil­fe ver­tre­ten hat, hiel­ten einer Über­prü­fung nicht stand.

Das ist der MDR-Beitrag:

Doping und Dich­tung: Bei­trag vom MDR über Behaup­tun­gen von Ines Geipel

Ines Gei­pel hat behaup­tet, dass die Sta­si bei einer Blind­darm-Ope­ra­ti­on ihre Bauch­mus­ku­la­tur und all ihre Orga­ne zer­schnit­ten habe. 

Eine Unter­leibs­ope­ra­ti­on 1984 bot die Gele­gen­heit, „sie zumin­dest für län­ge­re Zeit auf Eis zu legen“, wie sie aus den Akten zitier­te. Ein Chir­urg der Virch­ow-Kli­nik in Ber­lin stell­te 2004, zwan­zig Jah­re nach der per­fi­den Tat, fest, was die Ärz­te in der DDR ihr ange­tan hat­ten. „Mein gesam­ter Bauch war samt Mus­ku­la­tur durch­schnit­ten wor­den“, erfuhr sie. „Alle inne­ren Orga­ne waren verletzt.“

Reinsch, Micha­el. 12.04.2011. Ines Gei­pel: Der Schre­cken steht mit­ten im Raum. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung. Frankfurt/Main.

In der Doku­men­ta­ti­on wur­de sie bei einem Sprint-Wett­be­werb zwei Mona­te nach der OP gezeigt. Mit ver­letz­ten Orga­nen läuft man kei­ne 100m, weil man auch vor dem Wett­kampf trai­nie­ren muss. 

Den kom­plet­ten Bauch auf­schnei­den, wer glaubt in so einen Unsinn? Da könn­te man nicht mehr lau­fen. Ich habe ja erst vor ein paar Tagen wie­der gele­sen, dass alle inne­re inne­ren Orga­ne wur­den ver­letzt. Das ist ein Unding. Das geht nicht und da kann man vor allen Din­gen nicht sechs Wochen oder acht Wochen spä­ter lau­fen. Schlecht wie immer – aber gelau­fen ist sie.

Uwe Trö­mer im MDR-Bei­trag Doping und Dichtung

Bezüg­lich ihrer Blind­darm­ope­ra­ti­on gibt sie an, dass sie als Fol­ge der durch die Sta­si durch­ge­führ­ten Ope­ra­ti­on kei­ne Kin­der mehr bekom­men konn­te (Ein­zel­kämp­fer bei 1:24:15). Laut MDR-Fak­ten­check (2023: 60) steht im OP-Bericht vom 17.01.2003 nichts von Ver­let­zun­gen ande­rer Orga­ne oder Ver­let­zun­gen, die Kin­der­lo­sig­keit hät­ten ver­ur­sacht haben können.

Gei­pel gibt mit Welt­re­kor­den an und damit Olym­pio­ni­kin gewe­sen zu sein, sie hat aber nie eine gewon­nen, ja, sie hat nicht ein­mal an einer Olym­pia­de teil­ge­nom­men. Bei Sprint-Wett­kämp­fen lan­de­te sie trotz hoher Doping­wer­te auf hin­te­ren Plät­zen. In die natio­na­le Aus­wahl der Sprint­staf­fel kam sie nicht, weil es bes­se­re Läu­fe­rin­nen gab. 

Nach Aus­strah­lung der MDR-Doku leg­te Ines Gei­pel eine Pro­gramm­be­schwer­de ein (doku­men­tiert auf ihrer Web-Sei­te: Pro­gramm­be­schwer­de Doping und Dich­tung). Die­se ist eigent­lich noch schlim­mer, als das, was man aus der Doku erfährt, denn sie zeigt, wie Ines Gei­pel arbei­tet. Mit bewuss­ten Aus­las­sun­gen, Ver­dre­hun­gen und Mani­pu­la­tio­nen. Der MDR hat die Pro­gramm­be­schwer­de durch zwei renom­mier­te Sportjournalist*innen prü­fen las­sen und auf 101 Sei­ten ist die gan­ze Unge­heu­er­lich­keit des Vor­gangs doku­men­tiert. Die Autor*innen nen­nen Gei­pel dar­in eine Lüg­ne­rin und Hoch­stap­le­rin, die Wör­ter Unver­fro­ren­heit und Dreis­tig­keit kom­men vor. Nur ein Bei­spiel: In Gei­pels Sta­si-Akte steht:

Die­ser Darm­ver­schluss ergab sich jedoch, da dies bei jun­gen Men­schen noch der Fall ist oder mög­lich ist; ansons­ten wäre eine wei­te­re Ope­ra­ti­on nötig gewe­sen. Danach soll­te Gei­pel wie­der in ein Kran­ken­haus wegen ihrer .… Geschich­te. Dies wäre die Chan­ce gewe­sen, sie für län­ge­re Zeit auf Eis zu legen. Sie ist jetzt z.Z. in einer Pha­se der Rehabilitation …

BStU, nach Screen­shot aus MDR-Doku.

BStU, Screen­shot aus MDR-Doku.

Die­se Aus­sa­ge belegt, dass das eine Chan­ce gewe­sen wäre, d.h. das Auf-Eis-Legen ist nicht erfolgt. Gei­pel lässt in ihren Zita­ten das Wort gewe­sen ein­fach weg: „Das ist die Chan­ce, sie für län­ge­re Zeit auf Eis zu legen.“ (In Ein­zel­kämp­fer, 2013: 1:26:15 kann man sehen, wie sie die Pas­sa­ge „vor­liest“).

Man kann also schlie­ßen, dass Ines Gei­pel kei­ne glaub­wür­di­ge Zeu­gin in Bezug auf die DDR-Geschich­te ist. 

Denn der ver­ant­wor­tungs­vol­le Umgang mit der Wahr­heit gehört augen­schein­lich nicht zu den Stär­ken der 62 Jah­re alten Berlinerin.

Lud­wig, Udo & Neu­mann, Thi­lo & Pursch­ke, Tho­mas. 2023. Ver­lei­hung des Erich-Loest-Prei­ses: Ines Gei­pel und der schwie­ri­ge Umgang mit der Wahr­heit. Der Spie­gel. 23.02.2023

Ich hat­te ja in der Aus­ein­an­der­set­zung über den Umgang mit dem Holo­caust in der DDR als Ergeb­nis die bei­den Mög­lich­kei­ten „kei­ne Ahnung“ und „lügen“. Theo­re­tisch ist es immer noch mög­lich, dass Ines Gei­pel kei­ne Ahnung in Bezug auf das The­ma Holo­caust hat­te bzw. hat, aber die Lügen-Mög­lich­keit erhält mit die­ser Infor­ma­ti­on über Ines Gei­pel mehr Plausibilität.

Nachtrag

Die Doku­men­te auf Ines Gei­pels Web-Sei­te sind mir bekannt. Sie wer­den im Fak­ten­check in der Erwi­de­rung auf die Pro­gramm­be­schwer­de gegen den MDR bespro­chen. Die von Gei­pel bei­gebrach­ten Doku­men­te wider­le­gen nichts von dem, was oben aus den Doku­men­ta­tio­nen zitiert wurde.

Quellen

Kar­te, Uwe. 2023. Doping und Dich­tung: Das schwie­ri­ge Erbe des DDR-Sports. 2023. mdr. (https://www.youtube.com/watch?v=FUInTLwH4fI)

Kau­del­ka, San­dra. 2013. Ein­zel­kämp­fer. ZDF. (https://youtu.be/Vdhu-cNkWcc?t=5054)

Kowal­c­zuk, Ilko-Sascha. 2022. Getrüb­te Erin­ne­run­gen? Über ein Buch, das nicht erschie­nen ist. Deutsch­land Archiv. (https://www.bpb.de/513987)

Kowal­c­zuk, Ilko-Sascha. 2023. Der Fall Gei­pel und Gesin­nungs­kämp­fe: Doping und Praw­da. taz 16.12.2023. Ber­lin. (https://taz.de/Der-Fall-Geipel-und-Gesinnungskaempfe/!5977524/)

Lud­wig, Udo & Neu­mann, Thi­lo & Pursch­ke, Tho­mas. 2022. Wir­bel um Ver­tre­te­rin von Doping-Opfern: Lügen, betrü­gen, täu­schen. Der Spie­gel 21. (https://www.spiegel.de/sport/ines-geipel-vertreterin-von-doping-opfern-luegen-betruegen-taeuschen-a-4f0bebfd-c8f3-4eda-bc21-0baf6ecaf7ea)

Lud­wig, Udo & Neu­mann, Thi­lo & Pursch­ke, Tho­mas. 2023. Ver­lei­hung des Erich-Loest-Prei­ses: Ines Gei­pel und der schwie­ri­ge Umgang mit der Wahr­heit. Der Spie­gel. (https://www.spiegel.de/sport/ddr-dopingsystem-ines-geipel-und-der-schwierige-umgang-mit-der-wahrheit-a-7e209638-b5ce-4ad7-b35f-9d096b33e04b)

MDR Haupt­re­dak­ti­on Sport. 2023. MDR-Doku­men­ta­ti­on „Doping und Dich­tung“ Fak­ten­check. Leip­zig. 24.08.2023.

Reinsch, Micha­el. 2011. Ines Gei­pel: Der Schre­cken steht mit­ten im Raum. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung. 12.04.2011. Frankfurt/Main. (https://www.faz.net/aktuell/sport/sportpolitik/doping/ines-geipel-der-schrecken-steht-mitten-im-raum-1621434.html)

Wir, die Soziologin und die aus dem zwar vorbildlichen, aber abweichenden Osten

Ich habe schon im Bei­trag über Kling Klang und den Osten dar­über geschrie­ben, dass Zei­tungs­bei­trä­ge die Ossis ein­fach nicht zur Leser­schaft zäh­len. Es wird über sie geschrie­ben. Selbst in Fäl­len in denen die Autor*innen das eigent­lich ändern wol­len und auf eine bes­se­re Ver­stän­di­gung und mehr Respekt hin­ar­bei­ten. Hier möch­te ich ein par­al­le­les Bei­spiel aus der Wis­sen­schaft diskutieren.

Die Sozio­lo­gin Prof. Jut­ta All­men­din­ger spricht über Kin­der­be­treu­ung und wie sich das alles bei „uns“ ver­än­dert und ver­bes­sert hat. Wie „wir“ mit gewis­sen Pro­ble­men umge­hen und erwähnt dann lobend und ver­glei­chend den Osten. Wenn man genau hin­hört oder hin­ter­her noch mal drü­ber nach­denkt, merkt man, dass der Osten nicht zu „wir“ gehört. Der Osten ist immer das Ande­re, das Abwei­chen­de. Etwas mit dem man sich ver­glei­chen kann. 

Wir sind halt kei­ne dop­pel­ten Lott­chen. Wir leben in unse­rer Gesell­schaft. Wir kön­nen hier nur Ver­glei­che anziehn. Bei­spiels­wei­se zu den ost­deut­schen Län­dern, wo immer noch es viel, viel selbst­ver­ständ­li­cher ist, dass Frau­en auch erwerbs­tä­tig, auch ganz­tags erwerbs­tä­tig sind.

Zer­back, Sarah, 15. Mai 2024: Sozio­lo­gin zu Fami­li­en: 33-Stun­den-Woche für bei­de Eltern­tei­le ide­al Inter­view mit Prof. Jut­ta All­men­din­ger. Rele­van­ter Teil beginnt ab 4:03.

Als Wissenschaftler*in müss­te man sagen: Bei uns ist das so: Einer­seits haben wir X im Wes­ten und ande­rer­seits haben wir Y im Osten.

Dass es Unter­schie­de gibt, lässt sich nicht leug­nen. Aber die gibt es auch zwi­schen Nord und Süd (zum Bei­spiel im Fleischverbrauch).

Vie­le Ossis woll­ten lan­ge dazu­ge­hö­ren. Jetzt haben sie auf­ge­ge­ben. Die Schlumpf­par­tei hört ihnen zu. Alle ande­ren haben ver­sagt. Ver­sa­gen immer noch.

Und wie man sieht, ist das Gan­ze nicht nur ein Pro­blem der (West-)Medien, son­dern auch eins der Intel­li­genz, der wis­sen­schaft­li­chen Elite.

Anne Rabe – Leserbriefe

Ich habe vie­le, vie­le Reak­tio­nen zu mei­nem Arti­kel über Anne Rabes Buch in der Ber­li­ner Zei­tung bekom­men: Leser­brie­fe über die BLZ, Emails direkt an mich, Brie­fe und Post-Kar­ten, Anru­fe, Hin­wei­se auf Bücher mit eige­nen Bio­gra­fien, ja sogar ein Päck­chen mit einem sol­chen Buch. Eine Zuschrift war eine Inter­view­an­fra­ge eines Ham­bur­ger Radio-Sen­ders. Das Inter­view in „Hei­ße Tas­se“ hat inzwi­schen statt­ge­fun­den und ist auch Bestand­teil mei­nes Blogs gewor­den. Ins­ge­samt waren von den Zuschrif­ten 30 posi­tiv und sechs in ein­zel­nen Punk­ten kri­tisch oder ins­ge­samt nega­tiv (Stand 14.06.2024). Zu den negativen/kritischen möch­te ich hier Stel­lung neh­men. Tei­le posi­ti­ver und nega­ti­ver Brie­fe wur­den in der Ber­li­ner Zei­tung am 01.06.2024 ver­öf­fent­licht. Dazu gibt es eine Ant­wort in der BLZ vom 15.06.2024. Der ursprüng­li­che Ant­wort­text war 17.000 Zei­chen lang und lag somit deut­lich über den 5.000 zur Ver­fü­gung ste­hen­den Zei­chen. Die­ser Text über­lappt sich etwas mit den Ant­wor­ten hier.

Saarbrücken ist nicht Neunkirchen

Auf Mast­o­don und von einem Leser wur­de ich dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Erich Hon­ecker nicht in Saar­brü­cken son­dern in Neun­kir­chen gebo­ren ist. Die­ser Feh­ler tut mir Leid. Er war im ursprüng­li­chen Blog­post nicht ent­hal­ten und mei­ne Erin­ne­rung hat mich wohl der Poin­te wegen beim Schrei­ben des Arti­kels getäuscht. Da ich den gedruck­ten Arti­kel in der Ber­li­ner Zei­tung nicht mehr ändern kann, wer­de ich den Hon­ecker-Ein­trag in der Wiki­pe­dia ändern. (Das war ein Scherz, der zum nächs­ten Abschnitt überleitet.)

Wikipedia ist keine wissenschaftliche Quelle

Mehr­fach kam der Ein­wand, dass Wiki­pe­dia kei­ne wis­sen­schaft­li­che Quel­le ist. Das ist mir durch­aus bewusst. Ich bil­de Student*innen im wis­sen­schaft­li­chen Arbei­ten aus (sie­he hier mei­ne Richt­li­ni­en für Haus­ar­bei­ten). In der Online-Ver­si­on des Arti­kels sind die wis­sen­schaft­li­chen Quel­len zitiert. Im Druck-Arti­kel war dafür kein Platz, aber am Ende des Arti­kels gibt es einen Ver­weis auf die Online-Ver­si­on.

Wiki­pe­dia ist auch für Wissenschaftler*innen ein ers­ter Anlauf­punkt. Man kann dort nach­le­sen und dann die dort zitier­te Fach­li­te­ra­tur kon­sul­tie­ren. Im Fall der Amok­läu­fe und der Kinds­tö­tun­gen habe ich das getan. Der Ver­weis auf Wiki­pe­dia im BLZ-Arti­kel und hier im Blog-Post hat­te den Sinn zu zei­gen, wie ein­fach es gewe­sen wäre, einen Start­punkt für wei­te­re Recher­chen zu fin­den. Weder Anne Rabe noch irgendeine*r der Buchpreis-Juror*innen oder Rezensent*innen (Aus­nah­me Wieb­ke Hol­ler­sen) hat das getan. Ich zitie­re hier mei­nen Artikel:

Zusam­men­fas­send kann man sagen, dass Anne Rabes Buch an vie­len wich­ti­gen Stel­len gra­vie­ren­de Feh­ler ent­hält, die oft­mals durch nur einen Klick in die ent­spre­chen­den Wiki­pe­dia-Arti­kel oder einen zwei­ten Klick in die dort ver­link­te Fach­li­te­ra­tur als sol­che erkannt wer­den können.

Ein wei­te­rer Grund, Wiki­pe­dia in bestimm­ten Situa­tio­nen zu ver­wen­den, ist, dass Argu­men­ta­tio­nen nach­voll­zieh­bar sein sol­len. Die ver­link­ten Doku­men­te müs­sen dazu zugäng­lich sein. Das ist bei Fach­pu­bli­ka­tio­nen lei­der immer noch nicht der Fall. Eine Zusam­men­stel­lung der Fak­ten über die Wehr­sport­grup­pe Hoff­mann wäre zum Bei­spiel nicht zu leis­ten. Ich müss­te dazu im Prin­zip Wiki­pe­dia replizieren.

Absolute und relative Zahlen

Ein Pro­fes­sor schreibt mir:

Wenn Herr Pro­fes­sor Mül­ler so stark auf die Rich­tig­keit der Fak­ten abstellt, was die Aus­sa­gen von Frau Rabe in Ihrem Buch „Die Mög­lich­keit von Glück“ angeht, so ist das nicht zu bean­stan­den. Es stimmt mich aber bedenk­lich — und das stellt dann auch den gan­zen Arti­kel in Fra­ge — wenn die Aus­sa­gen der Autorin bewusst (?) nicht rich­tig inter­pre­tiert wer­den. Wenn im Jah­re 2006 im Wes­ten 48 und im Osten 34 Kinds­tö­tun­gen erfolg­ten, dann kann man nicht ein­fach sagen, dass dies 29% weni­ger Tötun­gen im Osten waren als im Wes­ten. Wer die­se Zah­len näm­lich ins Ver­hält­nis zum Bevöl­ke­rungs­an­teil setzt, der stellt fest, dass 2006 4x mehr West­deut­sche als Ost­deut­sche in Deutsch­land leb­ten. Wenn ich die Zahl 48 mit 4 mul­ti­pli­zie­re, dann ist das Ergeb­nis 192. Die Aus­sa­ge von Frau Rabe — rich­tig inter­pre­tiert — fällt sogar noch güns­tig für die Ost­deut­schen aus. 

Herr Pro­fes­sor Mül­ler: Wenn man so anspruchs­voll daher­kommt, soll­te man sich schon etwas mehr Mühe geben.

Leser­brief OL

Die­se Aus­sa­ge ent­hält die Unter­stel­lung, ich hät­te die Autorin bewusst fehl­in­ter­pre­tiert. Hier ist die zitier­te Stel­le aus mei­nem BLZ-Artikel:

Als letz­ten Punkt möch­te ich die Kinds­tö­tun­gen anspre­chen. Anne Rabe behaup­tet in ihrem Nicht-Sach­buch, dass die Zahl der Kinds­tö­tun­gen in den 90er- und 2000er-Jah­ren im Osten dop­pelt so hoch war wie im Wes­ten und im Jahr 2006 auf das Vier­fa­che anstieg. Schaut man in Stu­di­en zur Poli­zei­li­chen Kri­mi­nal­sta­tis­tik (PKS) die­ser Jah­re, stellt man fest, dass die Fall­zah­len ins­ge­samt so klein sind, dass man kei­ne sta­tis­tisch rele­van­ten Aus­sa­gen machen kann. 

Außer­dem wei­sen die Autorin­nen dar­auf hin, dass die Fäl­le mit dem Jahr der Erfas­sung in die PKS ein­ge­hen. Das war für die neun Kinds­tö­tun­gen, die in Frank­furt (Oder) zwi­schen 1988 und 1999 statt­fan­den, das Jahr 2006. Dadurch ist der extre­me Anstieg von 2006 zu erklä­ren, denn die Fall­zah­len ins­ge­samt sind sehr klein. Zu guter Letzt ist die Aus­sa­ge von Anne Rabe, die Zahl der Kinds­tö­tun­gen sei im Osten dop­pelt so hoch wie im Wes­ten gewe­sen, schlicht falsch. Wenn dem so wäre, wäre das wirk­lich extrem, denn im Osten gibt es viel weni­ger Men­schen und viel gerin­ge­re Gebur­ten­ra­ten als im Westen.

Die abso­lu­ten Zah­len für 2006 betra­gen 48 tote Kin­der für West­deutsch­land und 34 für Ost­deutsch­land – das sind 29 Pro­zent weni­ger. Wenn die abso­lu­ten Zah­len im Osten vier­mal so groß wie im Wes­ten gewe­sen wären, hät­ten es 192 statt 34 Kinds­tö­tun­gen sein müssen.

Die Kri­tik des Lesers ist sehr merk­wür­dig, denn ich habe im Satz vor den abso­lu­ten Zah­len geschrie­ben, dass es im Osten viel weni­ger Men­schen und viel nied­ri­ge­re Geburts­ra­ten gibt als im Wes­ten und dass man, wenn man die abso­lu­ten Zah­len betrach­ten wür­de, nicht auf eine um den Fak­tor vier höhe­re Tötungs­zahl kom­men könn­te. Im von mir ein­ge­reich­ten Bei­trag stand auch noch ein Satz zur Ermitt­lung der Opfer­zif­fern (OZ). Rele­vant sind die Kinds­tö­tun­gen pro 100.000 Men­schen im rele­van­ten Alter (Kin­der unter sechs Jahren). 

Lei­der ist die­ser Satz im Redak­ti­ons­pro­zess ver­lo­ren gegan­gen, was mir nicht auf­ge­fal­len ist. Ich hät­te den gan­zen Absatz noch ein­mal sorg­fäl­tig lesen müs­sen. Jetzt steht fol­gen­des in der Online-Version:

Die abso­lu­ten Zah­len für 2006 sind für West­deutsch­land 48 und für Ost­deutsch­land 34. Was unter­sucht wur­de, ist die Anzahl der Kinds­tö­tun­gen pro 100.000 Kin­dern unter sechs Jahren. 

Im Ori­gi­nal-Blog­post zum The­ma ist das rich­tig. Hier noch ein­mal die Gra­fik aus der Poli­zei­sta­tis­tik mit den rela­ti­ven und abso­lu­ten Zahlen:

Man sieht sehr schön, dass die rela­ti­ven Zah­len (West 1,28 vs. Ost 5,76) sich anders ver­hal­ten als die abso­lu­ten (48 vs. 34). Die rela­ti­ven Zah­len sind in der Tat um den Fak­tor vier höher, die abso­lu­ten Zah­len sind aber um 29 % niedriger.

Wer spricht?

Leser Rein­hard Brett­schnei­der schreibt:

Sehr geehr­ter Herr Mül­ler, lie­be Ber­li­ner Zei­tung, es ist sehr gut, dass die Ber­li­ner Zei­tung so viel­fäl­tig und frei Men­schen ihre Mei­nung schrei­ben lässt. Ich fin­de es super, Herr Mül­ler, dass Sie die­sen Frei­raum nut­zen. Ich bin froh, dass ich, sei­ner­zeit 29 Jah­re alt, mit dem Ende der DDR die­se Frei­hei­ten auch dort erle­ben konn­te.

Ich fin­de mich in Ihren Arti­kel in kei­ner Wei­se wie­der. Für mich ein Arti­kel mehr, der Spal­tung zwi­schen Ost und West erhal­ten will. Und ich per­sön­lich bin sehr froh, dass ich sowohl per­sön­lich als auch beruf­lich die­sen Spal­ter­geist nicht erle­be.

Eine Sache hat mich beson­ders irri­tiert. Gleich am Anfang schlie­ßen Sie
2 Grup­pen aus dem Dis­kurs aus und Ihre Begrün­dun­gen klin­gen für mich wie „nied­ri­ge Beweg­grün­de“ mit denen bei­de Grup­pe, ihre Mei­nung zur DDR bil­den.. Wenn ich ehe­ma­li­ge Oppo­si­tio­nel­le in Medi­en oder anders­wo erle­be, so haben sie sehr unter­schied­li­che und dif­fe­ren­zier­te Mei­nun­gen.
Zu der ande­ren Grup­pe hat­te und habe ich zu wenig Kon­takt.

Ich bin Phy­si­ker und des­halb etwas zah­len­af­fin. Herr Mül­ler, Sie haben voll­kom­men recht, dass Frau Rabe falsch liegt, wenn sie behaup­tet hat, dass die abso­lu­te Zahl der Kinds­tö­tun­gen in in den neu­en Bun­des­län­dern über den der alten Län­der lag. Ich ken­ne das Ori­gi­nal­zi­tat von Frau Rabe nicht, aber üblich sind in sol­chen Fäl­len für Ver­glei­che natür­lich rela­ti­ve Zah­len.
Gro­be Zah­len zum ein­fa­chen Rech­nen: Neue Län­der ca. 14 Mio (inkl. 1,4 Mio Ber­lin), alte Län­der 70 Mio., 25 (=34–9 wegen des Son­der­ef­fekts) vs.
48 macht einen Anteil von 1,8 pro Mio Ein­woh­ner gegen 0,7 pro 1 Mio. Das ist etwa das 2,5 fache. Das ist schon eine deut­li­che Kor­re­la­ti­on, ins­be­son­de­re wenn es über einen lan­gen Zeit­raum so war. Kor­re­la­ti­on ist kei­ne Kau­sa­li­tät. Und ich ver­mu­te, dass die abso­lu­te Zahl (zum Glück) so klein ist, dass die gewiss viel­fäl­ti­gen Ursa­chen nicht wis­sen­schaft­lich erforscht wer­den.

Lie­be Ber­li­ner Zei­tung, auch wenn Sie für die OS-Arti­kel inhalt­li­che Ver­ant­wor­tung aus­schlie­ßen, wäre ein Fak­ten­check bei einem Arti­kel, der sich auf Fak­ten beruft, viel­leicht doch angebracht.

Leser­brief Rein­hard Brettschneider

Hier die ein­zel­nen Punk­te kommentiert:

Für mich ein Arti­kel mehr, der Spal­tung zwi­schen Ost und West erhal­ten will. Und ich per­sön­lich bin sehr froh, dass ich sowohl per­sön­lich als auch beruf­lich die­sen Spal­ter­geist nicht erlebe.

Leser­brief Rein­hard Brettschneider

Sehr geehr­ter Herr Brett­schnei­der, ein ers­ter Bei­trag zur Hei­lung wäre ein ange­mes­se­ne Wahr­neh­mung der Tat­sa­chen, eine fai­re Bericht­erstat­tung in den Medi­en. Die­se ist nicht gege­ben, wes­halb ich die­sen Blog betrei­be. Ich erle­be die­sen Spal­ter­geist auch weder beruf­lich noch per­sön­lich. Wir hat­ten gera­de eine pri­va­te Par­ty mit ca. 70 Men­schen, bei denen wahr­schein­lich 80 Pro­zent aus dem Wes­ten waren. Wir waren mit Fami­li­en aus dem Wes­ten im Urlaub usw. In mei­nem Umfeld an der Hum­boldt-Uni kom­me ich prims­tens mit allen aus. Eini­ge mei­ner Kolleg*innen haben mich auch auf den Arti­kel ange­spro­chen. Posi­tiv. Die Spal­tung ist real. Gera­de auch bei Pro­fes­su­ren zeigt sie sich. Ich bin an unse­rem Insti­tut an einer Ost-Uni der ein­zi­ge Ossi von neun Pro­fes­su­ren. Von 22 Jura-Professor*innen sind zwei aus dem Osten. Ich habe in Ich will was sagen über mei­ne Ent­wick­lung zum Ossi und die Grün­de für die­sen Blog geschrie­ben. Spal­tung liegt mir fern. Wis­sen­schaft geht auch ohne­hin nur gemein­sam. Ich habe lan­ge Jah­re in Saar­brü­cken, Bre­men, in Jena und auch an der FU-Ber­lin gear­bei­tet. Aus­schließ­lich mit West-Professor*innen. Ich bin auch ins DFG-Fach­kol­le­gi­um gewählt wor­den. Das Fach­kol­le­gi­um ver­gibt die For­schungs­mit­tel, die Wissenschaftler*innen bean­tra­gen kön­nen. Wäh­len dür­fen alle im betref­fen­den Fach Pro­mo­vier­ten. Auch dort war ich der ein­zi­ge Ossi. Ich habe als Ossi im beruf­li­chen Umfeld kei­ner­lei Pro­ble­me. Ich möch­te hier auf Miss­stän­de hin­wei­sen und die Spal­tung über­win­den. Dazu ist es wich­tig, dass ten­den­ziö­ser Bericht­erstat­tung etwas ent­ge­gen­ge­stellt wird. 

Eine Sache hat mich beson­ders irri­tiert. Gleich am Anfang schlie­ßen Sie
2 Grup­pen aus dem Dis­kurs aus und Ihre Begrün­dun­gen klin­gen für mich wie „nied­ri­ge Beweg­grün­de“ mit denen bei­de Grup­pe, ihre Mei­nung zur DDR bil­den.. Wenn ich ehe­ma­li­ge Oppo­si­tio­nel­le in Medi­en oder anders­wo erle­be, so haben sie sehr unter­schied­li­che und dif­fe­ren­zier­te Mei­nun­gen.
Zu der ande­ren Grup­pe hat­te und habe ich zu wenig Kontakt.

Leser­brief Rein­hard Brettschneider

Ich habe zu die­sem Punkt in einem Blog-Post über einen Arti­kel von Patri­ce Pou­trus geschrie­ben. Ad homi­nem-Argu­men­te sind immer schwach, in bestimm­ten Dis­kus­sio­nen sogar schlecht, eine Form von What­a­bou­tism. Aber in der aktu­el­len Situa­ti­on ist es schon wich­tig zu schau­en, wer spricht. Mir geht es um extre­me Ansich­ten. Es gibt His­to­ri­ker oder ande­re Autor*innen, die kein gutes Haar an der DDR las­sen und eben auch fak­tisch Fal­sches oder logisch Unhalt­ba­res von sich geben. Und man fragt sich dann, war­um sie das tun. Patri­ce Pou­trus war in der DDR haupt­amt­li­cher FDJ-Sekre­tär. Er hat vor der Wen­de ange­fan­gen Geschich­te zu stu­die­ren. Das waren nur die rötes­ten Socken. Genau­so kommt Ines Gei­pel aus einem Eltern­haus mit Sta­si-IM, der für Ter­ror­an­schlä­ge auf dem Gebiet der BRD zustän­dig war. Kaha­ne ist die Toch­ter eines füh­ren­den DDR-Jour­na­lis­ten. Die­se Men­schen haben sich irgend­wann von ihrer Ver­gan­gen­heit gelöst, sind dabei aber über das Ziel hin­aus­ge­schos­sen. Sie sind kei­ne ver­läss­li­chen his­to­ri­schen Zeit­zeu­gen, so wie Anne Rabe auch kei­ne ver­läss­li­che Quel­le in Bezug auf die DDR ist. Der Abschnitt mit der Selbst­vor­stel­lung in der Ber­li­ner Zei­tung ist – gemes­sen an dem, was ich hät­te auch noch sagen wol­len und müs­sen – viel­leicht etwas zu lang gera­ten. Er war nötig, um zu zei­gen, dass ich kein „Im Osten war alles dufte“-Mensch bin, kein Ost­al­gi­ker und kein Jam­mer-Ossi (ein Begriff zur pau­scha­len Zurück­wei­sung aller Klagen).

Übri­gens war ich beim taz-Lab mit zwei Ost­le­rin­nen, die bei­de in der Jun­gen Gemein­de waren. Eine der bei­den ist in der zehn­ten Klas­se aus poli­ti­schen Grün­den von der Schu­le geflo­gen. Sie hat einen Aus­rei­se­an­trag gestellt und durf­te zwei Wochen vor Mau­er­öff­nung in den Wes­ten aus­rei­sen. Wir fan­den es alle drei kuri­os, dass jetzt die Dissident*innen die DDR ver­tei­di­gen müs­sen. Also: Es gibt immer sone und sol­che. Ich ver­su­che, ein dif­fe­ren­zier­tes Bild von der DDR zu zeichnen.

Ich bin Phy­si­ker und des­halb etwas zah­len­af­fin. Herr Mül­ler, Sie haben voll­kom­men recht, dass Frau Rabe falsch liegt, wenn sie behaup­tet hat, dass die abso­lu­te Zahl der Kinds­tö­tun­gen in in den neu­en Bun­des­län­dern über den der alten Län­der lag. Ich ken­ne das Ori­gi­nal­zi­tat von Frau Rabe nicht, aber üblich sind in sol­chen Fäl­len für Ver­glei­che natür­lich rela­ti­ve Zah­len.
Gro­be Zah­len zum ein­fa­chen Rech­nen: Neue Län­der ca. 14 Mio (inkl. 1,4 Mio Ber­lin), alte Län­der 70 Mio., 25 (=34–9 wegen des Son­der­ef­fekts) vs.
48 macht einen Anteil von 1,8 pro Mio Ein­woh­ner gegen 0,7 pro 1 Mio. Das ist etwa das 2,5 fache. Das ist schon eine deut­li­che Kor­re­la­ti­on, ins­be­son­de­re wenn es über einen lan­gen Zeit­raum so war. Kor­re­la­ti­on ist kei­ne Kau­sa­li­tät. Und ich ver­mu­te, dass die abso­lu­te Zahl (zum Glück) so klein ist, dass die gewiss viel­fäl­ti­gen Ursa­chen nicht wis­sen­schaft­lich erforscht wer­den.

Lie­be Ber­li­ner Zei­tung, auch wenn Sie für die OS-Arti­kel inhalt­li­che Ver­ant­wor­tung aus­schlie­ßen, wäre ein Fak­ten­check bei einem Arti­kel, der sich auf Fak­ten beruft, viel­leicht doch angebracht.

Leser­brief Rein­hard Brettschneider

Lie­ber Herr Brett­schnei­der, ich habe ange­fan­gen, Mathe­ma­tik zu stu­die­ren, dann – als es den Fach­be­reich gab – zu Infor­ma­tik gewech­selt und in Infor­ma­tik pro­mo­viert. Ich bin auch zah­len­af­fin. Im vori­gen Abschnitt habe ich erklärt, was schief gegan­gen ist. Der Satz bezüg­lich der Kinds­tö­tun­gen pro 100.000 Gebur­ten ist dem Ping-Pong mit der zustän­di­gen Redak­teu­rin zum Opfer gefal­len. Sie hat­te ange­merkt, dass mit den abso­lu­ten Zah­len etwas unklar sei, wes­halb ich dann noch ein­ge­fügt hat­te, wie hoch die abso­lu­ten Zah­len sein müss­ten, wenn man Anne Rabes Aus­sa­ge zugrun­de­le­gen wür­de. Hier kön­nen Sie auch sehen, dass die Redak­ti­on durch­aus auch inhalt­lich mit mir an dem Arti­kel gear­bei­tet hat. Die Ver­öf­fent­li­chung wur­de um meh­re­re Wochen ver­zö­gert, weil da noch Din­ge geprüft wur­den. Es wäre übri­gens nicht kor­rekt, wie Sie vor­ge­schla­gen haben, die Bevöl­ke­rungs­grö­ßen zum Ver­gleich her­an­zu­zie­hen. Das kann man sehen, wenn man sich über­legt, was wäre, wenn in den neu­en Bun­des­län­dern in einem Jahr nur ein Kind gebo­ren wür­de. Wenn die­ses dann getö­tet wür­de, wäre die Zahl der getö­te­ten Kin­der pro Ein­woh­ner extrem gering. Die Zahl der Kinds­tö­tun­gen pro Geburt läge aber bei 100%. Was in der Poli­zei­sta­tis­tik also ange­ge­ben wur­de sind die Zahl der Kinds­tö­tun­gen pro 100.000 Gebur­ten. Das wäre ver­gleich­bar, wenn es nicht Pro­ble­me mit Dun­kel- und Hell­feld in der Erfas­sung und das Pro­blem der ins­ge­samt zu nied­ri­gen Fall­zah­len gäbe, die Sie ja auch anspre­chen. Man kann dar­aus abso­lut nichts ablei­ten. Das habe ich im Arti­kel auch geschrieben:

Schaut man in Stu­di­en zur Poli­zei­li­chen Kri­mi­nal­sta­tis­tik (PKS) die­ser Jah­re, stellt man fest, dass die Fall­zah­len ins­ge­samt so klein sind, dass man kei­ne sta­tis­tisch rele­van­ten Aus­sa­gen machen kann.

Die Autorin­nen der zitier­ten Stu­die schrei­ben das auch expli­zit (Höynck, Behn­sen & Zäh­rin­ger. 2015: 337). Sie kön­nen in der Stu­die auch noch wei­te­re pro­ble­ma­ti­sche Aspek­te fin­den. Zum Bei­spiel Auf­nah­me des Falls durch die Poli­zei vs. Ankla­ge vs. Ver­ur­tei­lung. Die PKS lis­tet die Fäl­le erst mal nur aus der Sicht der Poli­zei. Es kann sich dann immer noch her­aus­stel­len, dass die Sach­la­ge anders war. Ich bit­te Sie, noch mei­nen ori­gi­na­len Blog-Post zu dem The­ma Kinds­tö­tun­gen zu lesen. Da sind die Grün­de, war­um man aus der PKS nichts ablei­ten kann, genau erklärt. Lei­der konn­te ich auf der einen Sei­te, die mir zur Ver­fü­gung stand, nicht tie­fer ins Detail gehen.

Kausalität und Faktencheck

Im fol­gen­den Leser­brief geht es um die Tat­sa­che, dass der Faschis­mus im Osten in sei­ner jet­zi­gen Aus­prä­gung nicht ohne den Wes­ten mög­lich gewe­sen wäre. Wie ich im Ori­gi­nal-Arti­kel aus­ge­führt habe, haben die Poli­zei und auch zustän­di­ge Politiker*innen in Ros­tock-Lich­ten­ha­gen mas­siv ver­sagt. Alle betei­lig­ten waren aus dem Wes­ten und trotz Ankün­di­gung der Aus­schrei­tun­gen im Wochen­en­de. Par­tei­struk­tu­ren wur­den von Neo­na­zis auf­ge­baut (Deut­sche Alter­na­ti­ve), rech­te und rechts­extre­me Akti­vi­tä­ten von Gerich­ten und Ver­fas­sungs­schutz geschützt oder gedeckt. Ich gebe hier einen Leser­brief kom­plett wie­der und gehe dann auf Details ein:

Das Lesen des Bei­tra­ges von Herrn Ste­fan Mül­ler hat mich doch etwas ärger­lich gemacht, denn von einem Hoch­schul­leh­rer hät­te ich doch ein wenig mehr erwar­tet. Aber mal im ein­zel­nen: Ich fand den Ton des Bei­tra­ges schon etwas gei­fernd, was eigent­lich unnö­tig ist, denn wenn man jeman­den Feh­ler nach­wei­sen kann, kommt das in sach­li­cher Ton­la­ge durch­aus bes­ser an. Ein Ver­ständ­nis von Kau­sa­li­tät, was ist  Ursa­che und was ist Fol­ge, hat Herr Mül­ler offen­bar auch nicht so recht. Denn zu den Aus­schrei­tun­gen in Ros­tock-Lich­ten­ha­gen schriebt er tri­um­phie­rend: „Die Neo­na­zis aus dem Wes­ten kam am zwei­ten Tag“ – ja, wenn es einen ers­ten Tag, völ­lig ohne Neo­na­zis aus dem Wes­ten nicht gege­ben hät­te, dann hät­te es auch kei­nen zwei­ten Tag geben kön­nen. Der Ver­such ging dann doch in die Hose. Und der Ver­such mit Höcke und Kal­bitz geht dane­ben: „Höcke und Kal­bitz sind aus dem Wes­ten“. Ja, natür­lich, aber da sind sie nichts gewor­den, waren klei­ne Lich­ter, groß sind sie erst im Osten gewor­den. Und ein paar Zei­len spä­ter sieht Herr Mül­ler das dann offen­bar auch selbst ein: „Natür­lich gehört zum Erfolg der Nazis in Ost­deutsch­land das Fuß­volk, das begeis­tert mit­macht“. Ja, natür­lich, ohne Fuß­volk kann man in der Poli­tik gar nichts werden. 

Und dann die Geschich­te mit den „Nazi-Auf­mär­schen“. Dass die Ver­samm­lungs­frei­heit ein hohes Gut ist, ist gera­de erst zum 75. Jubi­lä­um des Grund­ge­set­zes wie­der betont wor­den, und dass es hohe Hür­den gibt, bevor eine Demons­tra­ti­on ver­bo­ten wer­den kann soll­te auch bekannt sein. Dafür die Ver­wal­tungs­rich­ter in Gera zu schel­ten und dann auch noch dar­auf hin­zu­wei­sen, dass alle drei „Wes­sis“ sind, das geht nun wirk­lich an der Sache vor­bei. Es gibt in der Bun­des­re­pu­blik – anders als frü­her in der DDR – eine poli­tisch unab­hän­gi­ge Jus­tiz, die nach Recht und Gesetz zu ent­schei­den hat und nicht nach poli­ti­scher Oppor­tu­ni­tät. Dass das manch­mal schwer aus­zu­hal­ten ist, ver­ste­he ich, zumal der zitier­te Jena­er Bür­ger­meis­ter, der den Auf­marsch ver­bie­ten woll­te, ein Par­tei­freund von mir ist. Aber das gehört lei­der nun mal zu einem frei­heit­li­chen Rechts­staat dazu.

Leser­brief Bern­hard Kavemann

Ich ver­ste­he die Emo­tio­na­li­tät des Leser­brief­schrei­bers. Ich bin auch manch­mal emotional.

Nun zu den Details:

Ein Ver­ständ­nis von Kau­sa­li­tät, was ist  Ursa­che und was ist Fol­ge, hat Herr Mül­ler offen­bar auch nicht so recht. Denn zu den Aus­schrei­tun­gen in Ros­tock-Lich­ten­ha­gen schriebt er tri­um­phie­rend: „Die Neo­na­zis aus dem Wes­ten kam am zwei­ten Tag“ – ja, wenn es einen ers­ten Tag, völ­lig ohne Neo­na­zis aus dem Wes­ten nicht gege­ben hät­te, dann hät­te es auch kei­nen zwei­ten Tag geben können. 

Leser­brief Bern­hard Kavemann

Wer am ers­ten Tag da war, weiß ich nicht. Dar­um geht es auch in dem Bei­trag nicht. Es geht um die Fak­ten bzgl. Ros­tock-Lich­ten­ha­gen und da liegt Anne Rabe falsch. Bit­te lesen Sie auch den Blog-Abschnitt „Nazis aus dem Wes­ten“ zu die­sem The­ma. Man hät­te die­se Aus­schrei­tun­gen sofort unter­bin­den müs­sen. Das ist nicht gesche­hen, weil die Poli­zei­füh­rung und Poli­ti­ker alle­samt zuhau­se waren und der Mob trotz mona­te­lan­ger vor­he­ri­ger Ankün­di­gung unge­hin­dert toben konn­te. Nazi-Ver­bre­chen sind nie kon­se­quent ver­folgt wor­den, wes­halb sich das Pro­blem immer wei­ter zuge­spitzt hat.

Und der Ver­such mit Höcke und Kal­bitz geht dane­ben: „Höcke und Kal­bitz sind aus dem Wes­ten“. Ja, natür­lich, aber da sind sie nichts gewor­den, waren klei­ne Lich­ter, groß sind sie erst im Osten gewor­den. Und ein paar Zei­len spä­ter sieht Herr Mül­ler das dann offen­bar auch selbst ein: „Natür­lich gehört zum Erfolg der Nazis in Ost­deutsch­land das Fuß­volk, das begeis­tert mit­macht“. Ja, natür­lich, ohne Fuß­volk kann man in der Poli­tik gar nichts werden. 

Leser­brief Bern­hard Kavemann

Bit­te lesen Sie die Zusam­men­stel­lung der rechts­extre­men AfD-Politiker*innen und auch der Lan­des­vor­sit­zen­den, die auch aus der Online-Ver­si­on des Arti­kels ver­linkt ist. Da kön­nen Sie sehen, wel­che ande­ren AfD­ler es noch gibt und gab. Sie kön­nen ihre Lebens­läu­fe stu­die­ren und selbst nach­prü­fen, ob aus den jewei­li­gen Per­so­nen im Wes­ten nichts gewor­den ist. Die AfD ist von neo­li­be­ra­len Professor*innen aus dem Wes­ten gegrün­det wor­den. Die­se waren Mit­glie­der der CDU/CSU, der FDP und ja, sogar der SPD. Die Par­tei wur­de nach und nach immer extre­mer. Nicht nur im Osten sind extrem rech­te Politiker*innen am Werk. Die im Wes­ten wer­den auch von ihren Lan­des­ver­bän­den immer wie­der gewählt. Auch trotz Aus­schluss­ver­fah­ren wegen Holo­caust-Leug­nung und so wei­ter. Alles bes­tens ver­linkt. Ich erin­ne­re nur an Dr. Alex­an­der „Wir wer­den sie jagen“ Gau­land, Oberst a. D. Georg Paz­der­ski, Dr. Ali­ce Wei­del, Offi­zier Mar­tin Rei­chardt, Doris von Sayn-Witt­gen­stein, PD Dr. phil. Hans-Tho­mas Till­schnei­der, Dr. Wolf­gang Gede­on. Das sind Men­schen mit hohem Bil­dungs­ni­veau, aus denen im Wes­ten schon was gewor­den war. Der ein­drück­lichs­te Beweis:

Gau­land war von 1973 bis 2013 Mit­glied der CDU. Er war im Lau­fe sei­ner Par­tei­kar­rie­re im Frank­fur­ter Magis­trat und im Bun­des­um­welt­mi­nis­te­ri­um tätig und lei­te­te von 1987 bis 1991 die Hes­si­sche Staats­kanz­lei unter Minis­ter­prä­si­dent Wal­ter Wall­mann, der sein Men­tor war.

Und viel­leicht soll­te man auch den Chef des Bun­des­ver­fas­sung­schut­zes Hans-Georg Maa­ßen erwäh­nen, der durch Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer ins Amt geholt wor­den war und der nun selbst durch sei­ne eige­ne Behör­de beob­ach­tet wird. Wie wird man groß?

Und dann die Geschich­te mit den “Nazi-Auf­mär­schen”. Dass die Ver­samm­lungs­frei­heit ein hohes Gut ist, ist gera­de erst zum 75. Jubi­lä­um des Grund­ge­set­zes wie­der betont wor­den, und dass es hohe Hür­den gibt, bevor eine Demons­tra­ti­on ver­bo­ten wer­den kann soll­te auch bekannt sein. Dafür die Ver­wal­tungs­rich­ter in Gera zu schel­ten und dann auch noch dar­auf hin­zu­wei­sen, dass alle drei „Wes­sis“ sind, das geht nun wirk­lich an der Sache vor­bei. Es gibt in der Bun­des­re­pu­blik – anders als frü­her in der DDR – eine poli­tisch unab­hän­gi­ge Jus­tiz, die nach Recht und Gesetz zu ent­schei­den hat und nicht nach poli­ti­scher Oppor­tu­ni­tät. Dass das manch­mal schwer aus­zu­hal­ten ist, ver­ste­he ich, zumal der zitier­te Jena­er Bür­ger­meis­ter, der den Auf­marsch ver­bie­ten woll­te, ein Par­tei­freund von mir ist. Aber das gehört lei­der nun mal zu einem frei­heit­li­chen Rechts­staat dazu.

Leser­brief Bern­hard Kavemann

Bit­te lesen Sie den auch ver­link­ten Arti­kel über die drei Rich­ter in der taz. Wenn man sich anguckt, wie ihre Urtei­le im Ver­gleich zum Bun­des­ge­biet aus­fal­len, ist klar, wer da sitzt. 

In Jena durf­te die NPD Mär­sche im Geden­ken an die Reichs­po­grom­nacht und an den Tod von Hit­ler­stell­ver­tre­ter Rudolf Heß durch­füh­ren. Die Neo­na­zi-Grup­pe „Thügida/Wir lie­ben Ost­thü­rin­gen“ durf­te Hit­lers Geburts­tag am 20. April 2016 mit einem Fackel­zug in Jena fei­ern. Das Gericht kas­sier­te dabei immer wie­der zuvor ver­häng­te Ver­samm­lungs­ver­bo­te des dama­li­gen SPD-Ober­bür­ger­meis­ters Albrecht Schröter.

Wag­ner, Joa­chim. 2024. AfD-nahe Jus­tiz: Die rech­ten Rich­ter von Gera. taz. Ber­lin.

Ist das von der Ver­samm­lungs­frei­heit gedeckt? Freu­den­mär­sche zur Reichs­pro­grom­nacht? Fei­ern zu Hit­lers Geburts­tag? Wirk­lich? Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt sah das bezüg­lich Heß-Auf­mär­schen in Wun­sie­del anders:

Der erwei­ter­te Para­graf 130 stel­le tat­säch­lich einen Ein­griff in die Mei­nungs­frei­heit dar, urteil­ten jetzt die Leip­zi­ger Rich­ter. Die­ser sei jedoch gerecht­fer­tigt, weil es dem Schutz des öffent­li­chen Frie­dens und der Men­schen­wür­de der Opfer und ihrer Nach­kom­men die­ne. Der ver­bo­te­ne Auf­marsch in Wun­sie­del hät­te laut Urteil den öffent­li­chen Frie­den gestört. Er hät­te weit über die Stadt hin­aus Beach­tung gefun­den und ins­be­son­de­re bei Opfern des NS-Regimes die ver­ständ­li­che Furcht aus­ge­löst vor der gefähr­li­chen Aus­brei­tung des Gedan­ken­guts der Neo­na­zis, hieß es.

Erleich­tert reagier­te Wun­sie­dels Bür­ger­meis­ter Karl-Wil­li Beck (CSU): “Wir sind wirk­lich sehr froh. Damit ist ein gewich­ti­ger Kelch an uns vor­über gegan­gen.” Die Ent­schei­dung sei jedoch nicht nur für die Kom­mu­ne von gro­ßer Bedeu­tung, son­dern bundesweit.

“Wir freu­en uns, dass der Spuk im August been­det ist”, sag­te Wun­sie­dels Land­rat, Karl Döh­ler (CSU). Die Rich­ter hät­ten sei­ne Behör­de auf der gesam­ten Linie bestä­tigt. Bay­erns Minis­ter­prä­si­dent Gün­ter Beck­stein (CSU) sprach von einem “guten Tag für den Rechts­staat”. Die Ent­schei­dung stär­ke die­sen gegen Verfassungsfeinde.

dpa. 2019. Ver­schärf­tes Ver­samm­lungs­recht bestä­tigt. Frank­fur­ter Rund­schau. Frankfurt/Main.

Auch zu ande­ren Gele­gen­hei­ten wur­den NPD-Demos ver­bo­ten. Ich habe im fol­gen­den nur Fäl­le auf­ge­führt, bei denen kei­ne beson­de­ren Ver­bots­grün­de (Coro­na-Infek­ti­ons­schutz­maß­nah­men, poli­zei­li­che Über­las­tung am 1. Mai usw.) ange­führt wurden:

Rechts­extre­mis­ti­sche Auf­zü­ge an geschichts­träch­ti­gen Orten und Gedenk­ta­gen sind künf­tig leich­ter zu ver­bie­ten. Laut einer Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts muss einer zuerst ange­mel­de­ten Demons­tra­ti­on nicht zwin­gend Vor­rang gewährt werden.

Der Spie­gel. 2005. Karls­ru­he erleich­tert Ver­bot von NPD-Demos. Der Spie­gel. Hamburg.10.06.2005

Das deut­sche Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVG) in Karls­ru­he hat die für Sams­tag geplan­te Demons­tra­ti­on der rechts­extre­men NPD (Natio­nal­de­mo­kra­ti­sche Par­tei Deutsch­lands) in Ber­lin end­gül­tig ver­bo­ten. Das teil­te ein Spre­cher der Ber­li­ner Poli­zei mit. Das Gericht wies in letz­ter Instanz eine Beschwer­de der Par­tei gegen das poli­zei­li­che Ver­bot des Auf­mar­sches zurück und bestä­tig­te damit eine ent­spre­chen­de Ent­schei­dung der Vorinstanzen.

Zuvor hat­ten bereits das Ver­wal­tungs­ge­richt (VG) und das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt (OVG) Ber­lin das Ver­bot bestä­tigt. In den Vor­in­stan­zen hat­ten die Gerich­te das Ver­bot der Demons­tra­ti­on damit begrün­det, dass bei dem Auf­marsch mit Straf­ta­ten wie Volks­ver­het­zung zu rech­nen sei. Zudem zie­le das Mot­to der gegen isla­mi­sche Zen­tren in der Stadt gerich­te­ten Demons­tra­ti­on — “Ber­lin bleibt deutsch” — dar­auf ab, Feind­se­lig­kei­ten gegen mos­le­mi­sche Bür­ger und ins­be­son­de­re gegen Tür­ken zu schü­ren. Die Ver­an­stal­ter hat­ten rund tau­send Teil­neh­mer erwartet.

Der Stan­dard. 2004. Ver­fas­sungs­ge­richt bestä­tigt Ver­bot von NPD-Demons­tra­ti­on. Der Stan­dard. 26.09.2004

Es scho­ckiert mich, dass ein SPD­ler im Eil­ent­scheid auf­ge­ho­be­ne Ver­bo­te von NPD-Demos zum Hit­ler­ge­burts­tag nor­mal fin­det, wäh­rend sogar CSU­ler für ein Ver­bot von Demos am Todes­tag von Hit­lers Stell­ver­tre­ter gefoch­ten haben und erleich­tert sind, dass der Spuk vor­bei ist. 

Herr Kave­mann, Mit­glie­der mei­ner Fami­lie haben im KZ geses­sen (sie­he Blog-Post zur Kol­lek­tiv­schuld bei Anne Rabe) oder sind gera­de noch so einer Ver­haf­tung ent­gan­gen (aus bei­den Tei­len der Fami­lie). Sie waren alle in Ihrer Par­tei bzw. deren Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on SAJ. Und Sie schrei­ben mir, dass es schon ok ist, dass eine ver­fas­sungs­feind­li­che Orga­ni­sa­ti­on am Hit­ler­ge­burts­tag mit Fackeln durch die Stadt zieht?

Wie die Zita­te oben zei­gen, gibt es Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten. Die rech­ten Rich­ter hät­ten also anders ent­schei­den kön­nen. Und selbst wenn dem nicht so wäre: Die Rich­ter spre­chen unser Recht. Wir kön­nen es ändern. Wir könn­ten dafür sor­gen, dass sol­che Auf­mär­sche ver­bo­ten wären, so wie es für Wun­sie­del ja auch getan wur­de. Wenn so eine Rechts­an­pas­sung für Ver­bo­te von NPD-Auf­mär­schen nötig wäre, so müss­te das von den zustän­di­gen Stel­len umge­setzt wer­den, die haupt­säch­lich mit West-Jurist*innen besetzt sind. Wir sind also wie­der da gelan­det, wo wir ange­fan­gen haben: Das gan­ze Land hat ein Pro­blem und an den Posi­tio­nen, wo man etwas tun kann, sit­zen über­wie­gend Westler.

Jammer-Ossi

Brief aus Rostock.

ich,  „Wes­si“ lebe und arbei­te in Rostock. 

Ich lebe hier ger­ne und bin die­ses Ost- West ziem­lich müde.

Was mich an die­sem (lei­der pseu­do- wis­sen­schaft­li­chen) Arti­kel mas­siv stört, ist das was ich hier so oft höre.

Die man­geln­de Über­nah­me der Eigen­ver­ant­wor­tung. Man war ja doch nur Opfer, man bekam etwas über­ge­stülpt, es gibt doch einen gro­ßen Wes­si Plan hin­ter allem, dahin­ter ste­cken doch ame­ri­ka­ni­sche Mulits und „es gab auch sehr viel Gutes in der DDR“..  das Soft­eis und der Ori­gi­nal DDR Eierlikör… 

Ich kann’s nicht mehr hören! 

1. Es gab und gibt vie­le “Ossi” die Gewin­ner sind. Ros­tock ist voll von gut situ­ier­ten gebür­ti­gen Ros­to­ckern, auch  die ehe­ma­li­gen LPG Vor­sit­zen­den im Land­kreis haben sich gut bedient.

2. Zur Wahr­heit gehört auch: MV ist das Bun­des­land mit der höchs­ten Alko­ho­li­ker­quo­te, der höchs­ten Schul­ab­bre­cher Quo­te, die höchs­te Rate an Dia­be­ti­kern,… ( Ich arbei­te im Gesund­heits­we­sen…). Das ist jetzt mal kein Wes­si Ding aus, denn das war zu Zei­ten der DDR nicht anders- nur bes­ser vertuscht. 

3. Fragt man nach Bewei­sen, wo genau die Wes­si über­all hin­ter ste­cken… Kommt nix! Auch mit den ame­ri­ka­ni­schen Mul­tis… Nix.

Was für eine beque­me mär 

4. Unwis­sen­schaft­lich: In MV (dar­über weiß ich inzwi­schen gut Bescheid — auch über Lich­ten­ha­gen) leben 1.7 Mio. Men­schen. Ten­denz stei­gend — lei­der nur durch Zuzug 65+ Men­schen aus dem Westen). 

Wenn man schon Zah­len ver­gleicht, Herr Pro­fes­sor, dann soll­te die Bezugs­ba­sis stim­men. 1.7 Mio Men­schen leben allei­ne in der Regi­on Han­no­ver mit Braun­schweig, da kom­me ich ursprüng­lich her.

Es nervt total, dass sich die „Ossis“ sel­ber ger­ne schön rechnen.…dann braucht man ja nicht ins Han­deln zu kommen.

Wiki­pe­dia ist übri­gens kei­ne akzep­tier­te Quel­le… Eher hier zur Ver­dum­mung des Lesers genutzt.

Auch das die lini­en­treu­en Rich­ter, Poli­zis­ten, sprich der Kader, initi­al durch Wes­sis aus­ge­tauscht wur­de, ist jetzt kein Geheim­nis und war auch rich­tig – oder soll­ten die SED­ler wei­ter machen? Mein Onkel gehör­te zum Kader auch dazu – und ist noch heu­te so was von lini­en­treu… wür­de  alles zurück­dre­hen. Echt unerträglich!

Es gibt hier (in MV) echt vie­le Pro­ble­me – genau­so wie im Westen.

Mit dem Unter­schied, daß sich dort nie­mand mit Wen­de, die Wes­sis, … raus­re­den kann. 

Und die­ses Nar­ra­tiv soll­te jetzt hier end­lich auch mal aufhören. 

Es gibt vie­le Ros­to­cker die anpa­cken, die gestalten. 

Es gibt aber auch vie­le, die genau so einen Arti­kel nut­zen um sich ent­spannt zurück zu leh­nen, als Opfer rum­stöh­nen, anstatt sich der eige­nen Geschich­te und Ver­ant­wor­tung kri­tisch zu stel­len.  Es gibt ihn schon: den Jam­mer Ossi.

Recht­fer­ti­gen tun sich die Ossis nur dau­ernd vor sich sel­ber… und ver­ge­wis­sern sich, das sie ja nichts machen können. 

Kann das end­lich mal aufhören?!

Leser­brief HR

Ich war mir erst nicht sicher, ob der Vor­stel­lungs­teil, in dem ich über mei­nen Hin­ter­grund geschrie­ben habe, nicht zu lang war. Jetzt bin ich froh, dass ich ihn geschrie­ben habe. Zur man­geln­den Über­nah­me von Eigen­ver­ant­wor­tung kann ich sagen, dass ich das aus eige­ner Anschau­ung bestä­ti­gen kann. Ich habe nach der Wen­de mit Glück eine Stel­le im Wis­sen­schaft­ler­in­te­gra­ti­ons­pro­gramm bekom­men. Die­ses Pro­gramm war für Ostwissenschaftler*innen als Brü­cke gedacht. Sie wur­den drei Jah­re finan­ziert und soll­ten die­se Jah­re dazu benut­zen, sich in das neue aka­de­mi­sche Sys­tem zu inte­grie­ren. Ich hat­te kurz nach der Wen­de bei Prof. Kun­ze an der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten eine Hilfs­kraft­stel­le und habe dann, als er an die Hum­boldt-Uni­ver­si­tät wech­sel­te, eine Mit­ar­bei­ter­stel­le bekom­men, weil sei­ne Inte­gra­ti­ons­mit­tel frei wur­den, da er einen Lehr­stuhl an der HU bekam. Kurz vor Ablauf der Drei­jah­res­frist gab es ein Tref­fen all der­je­ni­gen, die in die­sem Pro­gramm waren. Ich war auch dabei und war erschüt­tert: Alle klag­ten dar­über, dass sie nun arbeits­los wer­den wür­den und fan­den, die Poli­tik müs­se etwas tun. Dabei wäre es an ihnen gewe­sen, sich irgend­wie inner­halb die­ser drei Jah­re zu bewerben. 

Ich möch­te Ihren Brief jetzt nach den Punk­ten beantworten:

1. Es gab und gibt vie­le „Ossi“ die Gewin­ner sind. Ros­tock ist voll von gut situ­ier­ten gebür­ti­gen Ros­to­ckern, auch  die ehe­ma­li­gen LPG Vor­sit­zen­den im Land­kreis haben sich gut bedient.

Leser­brief HR

Ich sehe mich als abso­lu­ten Gewin­ner an. Das habe ich auch in Ich will was sagen so geschrie­ben. Ich habe eine Fami­lie, ein tol­les Fahr­rad (von 1997), eine Woh­nung und eine Arbeit, die mir gro­ßen Spaß macht. Ich bin Pro­fes­sor am bes­ten sprach­wis­sen­schaft­li­chen Insti­tut, das es in die­sem Land gibt. Zur Zeit bin ich sogar Direk­tor die­ses Insti­tuts. Ich habe über 500.000€ an Dritt­mit­teln ein­ge­wor­ben und damit vie­len Men­schen eine Arbeits­stel­le in mei­nen Pro­jek­ten geben kön­nen. Seit 2014 bin ich Mit­glied in der Aca­de­mia Euro­paea, Sec­tion Lin­gu­i­stic Stu­dies. Mei­ne Erdős-Zahl ist 4. Mein h‑index liegt bei 35 (Goog­le-Scho­lar-Pro­fil). Ich habe mit mei­nem Leip­zi­ger Kol­le­gen Prof. Dr. Mar­tin Has­pel­math (aus dem Wes­ten und sehr in Ord­nung) den wis­sen­schaft­li­chen Ver­lag Lan­guage Sci­ence Press gegrün­det, der sprach­wis­sen­schaft­li­che Bücher im Open Access ver­öf­fent­licht. Über tau­send Autor*innen haben bei uns ver­öf­fent­licht, der Ver­lag hat ins­ge­samt über 2 Mio Down­loads. Noam Chom­sky ist einer unse­rer pro­mi­nen­ten Unterstützer*innen. Ste­ven Pin­ker gehört auch dazu. Ich habe mich nir­gends bedient, das war alles har­te Arbeit. Poli­tisch aktiv bin ich auch: 2021 war ich Kanz­ler­kan­di­dat für die Par­tei Die PARTEI. Außer­dem arbei­te ich neben­be­ruf­lich als Foto­graf. Mein Leben ist erfüllt, man könn­te auch sagen über­füllt. Man­geln­de Eigen­in­itia­ti­ve kön­nen Sie mir sicher nicht vorwerfen.

Mein klei­ner Bru­der ist Pro­fes­sor, mei­ne klei­ne Schwes­ter pro­mo­viert. Uns allen geht es gut. Mei­ne Eltern sind bis auf kur­ze Unter­bre­chun­gen bei mei­ner Mut­ter sogar als Wissenschaftler*innen durch die Wen­de gekom­men. Es tut mir Leid, wenn ich Sie ner­ve, aber ich jam­me­re nicht. Ich beschwe­re mich! Ich tue das, um Pro­ble­me zu lösen, um Din­ge zu ändern. Nicht für mich, son­dern für die­ses Land. Sehen Sie sich die Wahl­er­geb­nis­se an, dann ver­ste­hen Sie viel­leicht mei­ne Motivation.

Von Lebens­mit­teln habe ich im Arti­kel über Anne Rabe nichts geschrie­ben. Im Gegen­teil ich stim­me ihr sogar zu: Schla­ger­süß­ta­fel ist eklig! (sie­he Blog-Post zu Anne Rabe und Schla­ger­süß­ta­fel. In einem frü­he­ren Blog-Post habe ich beschrie­ben, was ich mit mei­nem Freund mit Schla­ger­süß­ta­fel gemacht habe: Schla­ger­süß­ta­fel und Klas­sen­kei­le)

Zu 2. habe ich nichts zu sagen. Ich weiß nicht, was das mit mei­nem Bei­trag zu tun hat.

3. Fragt man nach Bewei­sen, wo genau die Wes­si über­all hin­ter ste­cken… Kommt nix! Auch mit den ame­ri­ka­ni­schen Mul­tis… Nix.

Was für eine beque­me mär 

Leser­brief HR

Ich habe in mei­nem Bei­trag kon­kre­te Per­so­nen bzw. Ereig­nis­se genannt, an denen West-Per­so­nen betei­ligt waren. Politiker*innen und Poli­zis­ten in Lich­ten­ha­gen, Poli­ti­ker, die ehe­mals Ver­fas­sungs­schutz­prä­si­den­ten waren, die rech­ten Rich­ter aus Gera, die Poli­ti­ker der AfD.

Ansons­ten gibt es inzwi­schen auch viel Infor­ma­ti­on zur Treu­hand. Der ers­te Chef von Kahla-Thü­rin­gen Por­zel­lan hat­te kei­ne Ahnung von Por­zel­lan. Sei­ne ein­zi­ge Qua­li­fi­ka­ti­on bestand dar­in, dass er einen Bru­der bei der Treu­hand hat­te. Er hat dann auch sehr schnel­le eine Plei­te hin­ge­legt. Zum Glück war sein Nach­fol­ger ein Por­zel­laner von Rosen­thal. Über die Abwick­lung von Elmo in Wer­ni­ge­ro­de können Sie auch in der Ber­li­ner Zei­tung lesen. Die Vor­stel­lun­gen von Bir­git Breu­el und Det­lef Roh­wed­der kön­nen Sie auch dem Arti­kel ent­neh­men. Aber eigent­lich war das nicht The­ma des Artikels.

Zu vier­tens: Was die Ein­woh­ner­zahl von MV mit irgend etwas, was in dem Arti­kel bespro­chen wur­de, zu tun haben soll, ist mir unklar. Zu Wiki­pe­dia sie­he oben.

Auch das die lini­en­treu­en Rich­ter, Poli­zis­ten, sprich der Kader, initi­al durch Wes­sis aus­ge­tauscht wur­de, ist jetzt kein Geheim­nis und war auch rich­tig – oder soll­ten die SED­ler wei­ter machen? Mein Onkel gehör­te zum Kader auch dazu – und ist noch heu­te so was von lini­en­treu… wür­de  alles zurück­dre­hen. Echt unerträglich!

Leser­brief HR

Ja, das stimmt, denn das Fach­wis­sen war auf Ost­sei­te außer bei ein paar Fachanwält*innen, die bei Schalk-Golod­kow­ski gear­bei­tet haben, nicht vor­han­den. Durch den selbst gewähl­ten Anschluss galt plötz­lich das west­deut­sche Rechts­sys­tem. Man hät­te aber den Auf­bau-Ost anders gestal­ten kön­nen und zum Bei­spiel Ost-West-Tan­dems für Pos­ten bil­den kön­nen. Ossi wird ein­ge­ar­bei­tet und über­nimmt dann spä­ter. Statt­des­sen gab es das Gefühl fremd­be­stimmt zu sein. Das rächt sich jetzt bit­ter, weil vie­le rechts­extrem wäh­len. Die AfD holt die Frus­trier­ten ab.

Es gibt hier (in MV) echt vie­le Pro­ble­me – genau­so wie im Westen.

Mit dem Unter­schied, daß sich dort nie­mand mit Wen­de, die Wes­sis, … raus­re­den kann. 

Leser­brief HR

Bit­te schau­en Sie sich sta­tis­ti­sche Kar­ten an. Sie wer­den immer die Umris­se der DDR erken­nen. Der Wohl­stand ist ver­schie­den ver­teilt. Die Fir­men sit­zen im Wes­ten und besit­zen den Osten. Steu­ern wer­den im Wes­ten am Fir­men­sitz gezahlt nicht vor Ort. Paten­te wer­den im Wes­ten am Fir­men­sitz ange­mel­det. Dar­über kann man schon kla­gen. Übri­gens ist der Pas­sus mit den „gleich­ar­ti­gen Lebens­ver­hält­nis­sen“ in allen Lan­des­tei­len 1994 aus dem Grund­ge­setz gestri­chen worden.

War in Arti­kel 72 Grund­ge­setz einst das Hand­lungs­ziel „ein­heit­li­cher Lebensverhältnisse“ ver­an­kert, wur­de das Adjek­tiv „ein­heit­lich“ 1994 durch das inter­prera­ri­ons­of­fe­ne­re „gleich­wer­tig“ ersetzt.

Mau, Stef­fen (2019). Lüt­ten Klein. S. 163

Das Buch mei­nes Kol­le­gen Prof. Dr. Stef­fen Mau kann ich Ihnen nur wärms­tens emp­feh­len. Er ist Sozio­lo­ge und prä­sen­tiert Ihnen noch wei­te­re Fak­ten. Auch zur Abwick­lung der Eli­ten im Osten und zu den Trans­for­ma­tio­nen im Ost-Block allgemein.

Es gibt aber auch vie­le, die genau so einen Arti­kel nut­zen um sich ent­spannt zurück zu leh­nen, als Opfer rum­stöh­nen, anstatt sich der eige­nen Geschich­te und Ver­ant­wor­tung kri­tisch zu stel­len.  Es gibt ihn schon: den Jam­mer Ossi.

Leser­brief HR

Das kann schon sein. Mir geht es um die ande­re Sei­te, die den gesam­ten Osten seit Jahr­zehn­ten pau­schal beschimpft. So wie auch Sie es getan haben. Ich wei­se dar­auf hin, dass die Schuld am Faschis­mus nicht der Osten allein trägt. Und ich kann das tun, weil ich kein Jam­mer-Ossi son­dern ein erfolg­rei­cher Wis­sen­schaft­ler bin. Und nein, das hört nicht auf. Ich fan­ge gera­de erst an.

Kinderverschickung

Es erstaunt, dass ein deut­scher pro­fes­sor stän­dig wiki­pe­dia als beweis bemüht. Sei­ne mei­nung über kinds­tö­tun­gen ist ein­sei­tig: im wes­ten hat nie­mand gleich meh­re­re neu­ge­bo­re­ne in blu­men­töp­fen abge­legt. Aber im wes­ten hat bis­her nie­mand alle blu­men­töp­fe unter­sucht und das ergeb­nis bei wiki­pe­dia ver­ewigt.
Die erwähn­te „kin­der­land­ver­schi­ckung“ fand übri­gens im bom­ben­krieg statt.
Gemeint ist hier schlicht die kin­der­ver­schi­ckung – bei der es im osten wie im wes­ten zu gewalt und miss­brauch kam. Das soll­te man bei wiki­pe­dia nachtragen. 

Leser­brief F.F., Berlin-wilmersdorf

Es stimmt, es hät­te Kin­der­ver­schi­ckung hei­ßen müs­sen. Vie­len Dank für den Hin­weis, das wur­de jetzt im Arti­kel und über­all hier im Blog kor­ri­giert. Kin­der­ver­schi­ckung habe ich in einem Blog-Post dis­ku­tiert. Soweit ich weiß, sind kei­ne Fäl­le von Miss­brauch bekannt. Das gan­ze Gesund­heits­sys­tem war anders orga­ni­siert. Nicht über­wie­gend kirch­lich und nicht pro­fit­ori­en­tiert. Die Prü­gel­stra­fe war – anders als im Wes­ten – bereits 1949 abge­schafft wor­den (sie­he Blog-Bei­trag Gewalt­er­fah­run­gen und 1968 für den Osten), die staat­li­che und gesell­schaft­li­che Kon­trol­le war in allen Berei­chen des Lebens strikter.

Was haben die Blu­men­töp­fe mit der Dis­kus­si­on zu tun? Es geht um die Anzahl der Kinds­tö­tun­gen pro 100.000 Gebur­ten pro Jahr. Dazu gibt es die Poli­zei­li­che Kri­mi­nal­sta­tis­tik. Und Forschungsliteratur.

Dunkeldeutschland

Auch, dass es ein „Dun­kel­deutsch­land“ gar nicht gab, son­dern eine Erfin­dung von Anne Rabe ist.  Ich war übri­gens bei der Lesung und Dis­kus­si­on des Romans auf dem taz Kon­gress und habe die aggres­si­ven, atem­los vor­ge­tra­ge­nen detail­lier­ten Vor­wür­fe des Herrn Ste­fan Mül­ler mit ange­hört. Sei­ne Wut war kaum zu brem­sen. Nie­mand konn­te sei­ne Behaup­tun­gen nachprüfen. 

Wir Leser*innen sind intel­li­gent genug, zwi­schen einem Roman, der Anre­gun­gen für eige­ne Gedan­ken geben soll, und einer Pau­scha­li­sie­rung einer gan­zen Bevöl­ke­rung wie Herr Mül­ler behaup­tet, zu unter­schei­den. Herr Mül­ler war touché.

Ich habe nicht gesagt, dass es Dun­kel­deutsch­land nicht gab. 

Weil es so eine schö­ne Geschich­te ist, die zu allem passt, was man über Dun­kel­deutsch­land zu wis­sen glaubt.

Zitat aus mei­nem Artikel

Ich ver­wen­de den Begriff ja sogar selbst. Wenn auch sar­kas­tisch. Ich möch­te vor­schla­gen, dass man sei­ne Ver­wen­dung auf das gan­ze Land aus­wei­tet, denn es sieht all­ge­mein recht fins­ter aus (Man rech­ne nur mal die Wahl­er­geb­nis­se von CSU, Frei­en Wäh­lern und AfD in Bay­ern zusam­men.) Übri­gens habe ich im dun­kels­ten Erlan­gen für einen Auf­bau West gekämpft. Laut CSU hat Erlan­gen maro­de Stra­ßen­lam­pen, wes­halb da nur ein Pla­kat dran hän­gen darf. Das von der CSU. Lei­der hat es nicht für eine Mehr­heit gereicht.

Hier ist das Video vom taz-Lab an der Stel­le mit mei­nem Kom­men­tar. Ich hat­te Anne Rabe ange­bo­ten, ihr einen 80seitigen Aus­druck mei­ner Blog-Posts zu über­las­sen. Sie woll­te ihn nicht haben und auch nicht dar­über reden. Damit man mei­ne Behaup­tun­gen nach­prü­fen kann, habe ich die Blog-Posts mit Quel­len­an­ga­ben und dann den Arti­kel in der Ber­li­ner geschrie­ben. Die Behaup­tun­gen über den „Ossi an sich“ fin­den sich im Roman, der kein Sach­buch ist. Zum Bei­spiel an den Stel­len über Amok­läu­fe, zum Bei­spiel an den Stel­len über die Kinds­tö­tun­gen. An Stel­len, wo ein­fach mal behaup­tet wird, dass Anti­se­mi­tis­mus Bestand­teil der real­so­zia­lis­ti­schen Ideo­lo­gie war:

Auch waren Anti­se­mi­tis­mus und Natio­na­lis­mus wich­ti­ge Bestand­tei­le der sowje­ti­schen und real­so­zia­lis­ti­schen Ideologie.

Rabe, Anne. 2023. Die Mög­lich­keit von Glück. Stutt­gart: Klett-Cot­ta.
S. 271

Sie­he Blog-Post zu die­sem The­ma.

Anne Rabe wird dann von einem Bre­mer Poli­tik­pro­fes­sor als Quel­le für sei­ne nicht beleg­ten Behaup­tun­gen bezüg­lich Anti­se­mi­tis­mus zitiert. Das ist ein sich gegen­sei­tig stüt­zen­des Netz von Falsch­be­haup­tun­gen. Hier der Blog-Post zum Poli­tik-Pro­fes­sor. Und falls es Fra­gen zum Anti­se­mi­tis­mus und zu offi­zi­el­len Ein­stel­lun­gen zum Holo­caust in der DDR gibt, kann ich gleich noch den Blog-Bei­trag Der Ossi und der Holo­caust empfehlen.

Danksagungen

Ich möch­te mich bei allen Leserbriefschreiber*innen bedan­ken. Außer­dem dan­ke ich allen Nutzer*innen von Mast­o­don, die sich an der Dis­kus­si­on betei­ligt haben und auch bei der Suche nach NPD-Gerichts­ur­tei­len Tipps gege­ben haben.

Quellen

Der Spie­gel. 2005. Karls­ru­he erleich­tert Ver­bot von NPD-Demos. Der Spie­gel. 10.06.2005. Ham­burg. (https://www.spiegel.de/politik/deutschland/verfassungsgericht-karlsruhe-erleichtert-verbot-von-npd-demos-a-359875.html)

Der Stan­dard. 2004. Ver­fas­sungs­ge­richt bestä­tigt Ver­bot von NPD-Demons­tra­ti­on. Der Stan­dard. 26.09.2004 (https://www.derstandard.at/story/1804305/verfassungsgericht-bestaetigt-verbot-von-npd-demonstration)

dpa. 2019. Ver­schärf­tes Ver­samm­lungs­recht bestä­tigt. Frank­fur­ter Rund­schau. Frankfurt/Main. (https://www.fr.de/politik/verschaerftes-versammlungsrecht-bestaetigt-11568632.html)

Karls­ru­he erleich­tert Ver­bot von NPD-Demos. 2005. Der Spie­gel. Ham­burg.

Höynck, The­re­sia & Behn­sen, Mira & Zäh­rin­ger, Ulri­ke. 2015. Tötungs­de­lik­te an Kin­dern unter 6 Jah­ren in Deutsch­land: Eine kri­mi­no­lo­gi­sche Unter­su­chung anhand von Straf­ver­fah­rens­ak­ten (1997–2006). Wies­ba­den: Sprin­ger. (https://doi.org/10.1007/978–3‑658–07587‑3)

Hol­ler­sen, Wieb­ke. 2023. Erzie­hung in der DDR: Gibt es im Osten „eine ver­erb­te Bru­ta­li­tät“? Ber­li­ner Zei­tung. Ber­lin. (https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/erziehung-in-der-ddr-gibt-es-im-osten-eine-vererbte-brutalitaet-li.418237)

Mül­ler, Ste­fan. 2024. Pro­fes­sor kri­ti­siert Anne Rabe: „Es geht mir auf die Ner­ven, wie über die DDR geschrie­ben wird“. Ber­li­ner Zei­tung. Ber­lin. (https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/berliner-professor-stefan-mueller-kritisiert-anne-rabe-es-geht-mir-auf-die-nerven-wie-ueber-die-ddr-geschrieben-wird-li.2213032)

Wag­ner, Joa­chim. 2024. AfD-nahe Jus­tiz: Die rech­ten Rich­ter von Gera. taz. Ber­lin. (https://taz.de/AfD-nahe-Justiz/!5999618/)

Die rechten Richter von Gera

In der taz vom 22.04.2024 gibt es einen Arti­kel über rech­te Rich­ter von Gera. Bespro­chen wird, dass zwei Rich­ter Asyl­an­trä­ge signi­fi­kant häu­fi­ger ableh­nen, als das im bun­des­wei­ten Durch­schnitt der Fall ist. 

In einem „For­de­rungs­pa­pier zur Jus­tiz in Thü­rin­gen“ aus dem April 2022 bekla­gen neun Ver­ei­ne aus der Flücht­lings­hil­fe eine „Ent­schei­dungs­pra­xis“ des Ver­wal­tungs­ge­richts Gera in Asyl­ver­fah­ren, die „min­des­tens eine ten­den­ziö­se Recht­spre­chung ver­mu­ten lässt“. Unter Rechts­an­wäl­ten sei es ein „offe­nes Geheim­nis“, dass es dort fast unmög­lich ist, Asyl­ver­fah­ren afri­ka­ni­scher Klä­ger zu gewin­nen. Im Faden­kreuz der Kri­tik ste­hen die Rich­ter Fuchs und Ame­lung. MDR-Recher­chen und eine Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung auf eine Klei­ne Anfra­ge der Links­frak­ti­on im Bun­des­tag bestä­ti­gen die Pra­xis­er­fah­run­gen der Anwäl­te und Flüchtlingshelfer.

Außer­dem sind Rich­ter des­sel­ben Gerichts für Geneh­mi­gun­gen von Nazi-Ver­an­stal­tun­gen zuständig:

Die Asyl­rechts­spre­chung ist aber nicht der ein­zi­ge Bereich, der in Gera Fra­gen auf­wirft. Auch die Ent­schei­dungs­pra­xis des Prä­si­den­ten des Ver­wal­tungs­ge­richts Gera, Micha­el Obhues, als Vor­sit­zen­der der 1. Kam­mer ist poli­tisch umstrit­ten. Die­se hat einer Neo­na­zi-Grup­pe und der NDP (heu­te „Die Hei­mat“) über Jah­re erstaun­lich viel Raum für Demons­tra­tio­nen, Pro­test­ak­tio­nen und rech­te Rock­kon­zer­te eröffnet.

In Jena durf­te die NPD Mär­sche im Geden­ken an die Reichs­po­grom­nacht und an den Tod von Hit­ler­stell­ver­tre­ter Rudolf Heß durch­füh­ren. Die Neo­na­zi-Grup­pe „Thügida/Wir lie­ben Ost­thü­rin­gen“ durf­te Hit­lers Geburts­tag am 20. April 2016 mit einem Fackel­zug in Jena fei­ern. Das Gericht kas­sier­te dabei immer wie­der zuvor ver­häng­te Ver­samm­lungs­ver­bo­te des dama­li­gen SPD-Ober­bür­ger­meis­ters Albrecht Schröter.

Typisch für die­se Gerichts­be­schlüs­se ist, dass die Kam­mer den Vor­trä­gen der brau­nen Anmel­der eher glaub­te als denen des Ober­bür­ger­meis­ters – wenn sie zum Bei­spiel vor­ga­ben, mit Demos die Mei­nungs­frei­heit zu ver­tei­di­gen oder gegen „lin­ken Ter­ror“ zu pro­tes­tie­ren, obwohl sie tat­säch­lich Hit­ler oder Heß hul­di­gen woll­ten. Dass die offi­zi­ell genann­ten Demons­tra­ti­ons­zie­le nur zur Tar­nung vor­ge­scho­ben waren und die Pro­tes­te in Wirk­lich­keit Tarn­ver­samm­lun­gen für brau­ne Anlie­gen waren, hiel­ten die Ver­wal­tungs­rich­ter in Gera für nicht hin­rei­chend belegt.

Und wie Joa­chim Wag­ner fest­stellt: „Die Fol­ge die­ser Spruch­pra­xis: Zwi­schen 2006 und 2016 hat­te sich Jena zur einem Pro­te­stel­do­ra­do für NPD und Neo­na­zis entwickelt.“

Das­sel­be Gericht hat ent­schie­den, dass die AfD nicht wirk­lich ver­fas­sungs­feind­lich sei, obwohl der Ver­fas­sungs­schutz, der sich ja mit der Ein­ord­nung von Par­tei­en als rechts­extrem auch nicht leicht tut, das nach jah­re­lan­ger Detail­ar­beit inzwi­schen her­aus­ge­fun­den hat­te. Ein AfD-Sport­schüt­ze durf­te sei­ne Waf­fe behalten:

Hier kam die Kam­mer im August 2023 neben­bei zum Ergeb­nis, dass die Ver­fas­sungs­schüt­zer bis­lang nicht „trag­fä­hig nach­ge­wie­sen“ hät­ten, dass der Thü­rin­ger AfD-Lan­des­ver­band „erwie­sen rechts­extre­mis­tisch“ sei. Der AfD-Sport­schüt­ze durf­te sei­ne Waf­fen­be­sitz­kar­te vor­erst behalten.

Sehr guter Arti­kel. Es fehl­ten nur eini­ge Details, die im Ost-West-Dis­kurs aber sehr wich­tig sind: Wer sind die­se Rich­ter? Wo kom­men sie her? Dr. Bengt-Chris­ti­an Fuchs, Vize­prä­si­dent des Ver­wal­tungs­ge­richts Gera, ist laut lin­ke­dIn-Pro­fil Bank­kauf­mann und hat 1984–1986 in Han­no­ver und Lon­don gear­bei­tet. Er ist außer­dem Oberst­leut­nant der Bun­des­wehr. Dr. Bernd Ame­lung hat von 1982–1989 an der Georg-August-Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen sein ers­tes Staats­examen in Öffent­li­chem Recht gemacht. Micha­el Obhues, Prä­si­dent des Ver­wal­tungs­ge­richts Gera, wur­de in Erwit­te/Westfalen gebo­ren. Er stu­dier­te 1986–1992 an der Universität in Münster Rechts­wis­sen­schaf­ten. Details zu sei­ner Kar­rie­re als Jurist fin­det man in den ThürVBl. 8/2006, S. III.

Stef­fen Mau hat in Lüt­ten Klein fest­ge­stellt, dass Richter*innen im Osten meis­tens aus dem Wes­ten sind: 

In den weni­gen Berei­chen, wo die Ost­deut­schen auf­ho­len konn­ten, reden wir von Fort­schrit­ten im nied­ri­gen ein­stel­li­gen Pro­zent­be­reich: in der Rich­ter­schaft ins­ge­samt von 11,8 auf 13,3 Pro­zent, bei den Prä­si­den­ten und Vize­prä­si­den­ten der obers­ten Gerich­te sowie den Vor­sit­zen­den Rich­tern der ein­zel­nen Sena­te von 3,4 auf 5,9 Pro­zent. Jeweils in Ost­deutsch­land wohl­ge­merkt, nicht bundesweit.

Mau, Stef­fen. 2020. Lüt­ten Klein: Leben in der ost­deut­schen Trans­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft (Schrif­ten­rei­he 10490). Bonn: Zen­tra­le für Poli­ti­sche Bil­dung. S. 182

Und so ist es auch in die­sem Fall. Was ich mir von der taz wün­sche, ist, dass die Her­kunft von Nazis oder von Men­schen, die Nazi-Aktio­nen ermög­li­chen, ange­ge­ben wird. Das ist wich­tig, weil durch die Bericht­erstat­tung ohne die­se Infor­ma­ti­on das Kli­schee ver­fes­tigt wird, dass im Osten alles Nazis sei­en. Hier am kon­kre­ten Fall von Jena kann man sehen, dass die Wähler*innen einen SPD-Bür­ger­meis­ter gewählt haben, der sich red­lich müh­te, die Nazis aus der Stadt zu hal­ten, was aber durch Richter*innen aus dem Wes­ten tor­pe­diert wurde. 

Nach der Wen­de wur­de die kom­plet­te Jus­tiz und Poli­zei und auch der Ver­fas­sungs­schutz von West­lern auf­ge­baut. Wie wir jetzt wis­sen, waren vie­le der invol­vier­ten Per­so­nen extrem rechts. (Maa­ßen war der gemä­ßig­te Ersatz für jeman­den, der mit dem NSU zu gut klar­ge­kom­men war, und was Maa­ßen denkt, wis­sen wir ja nun ziem­lich genau. Sei­ne eige­ne Behör­de stuft ihn als rechts­extrem ein.) Nazi-Par­tei­en sind gezielt in den Osten gegan­gen, um dort Struk­tu­ren auf­zu­bau­en (sie­he „His­to­ri­sche Ursa­chen der Frem­den­feind­lich­keit in den neu­en Bun­des­län­dern“: Kom­men­ta­re zu einem Auf­satz von Patri­ce G. Pou­trus, Jan C. Beh­rends und Den­nis Kuck). Das alles soll­te man wis­sen, wenn man dar­über nach­denkt, war­um die Macht­ver­hält­nis­se im Osten jetzt so sind, wie sie sind. Der blü­hen­de Faschis­mus im Osten ist sicher nicht dar­auf zurück­zu­füh­ren, dass wir Ossis alle neben­ein­an­der auf dem Töpf­chen geses­sen hät­ten (Pfeif­fer) und auch Anne Rabes Geschwa­fel von der Gewalt­tä­tig­keit in der DDR ist Unfug, wie ich in vie­len Blog-Posts nach­ge­wie­sen habe (Sie inter­pre­tiert die Kri­mi­nal­sta­tis­tik falsch. Aus­sa­gen über Amok­läu­fe in Schu­len sind falsch usw. usf.). Auch in Lich­ten­ha­gen waren am drit­ten Tag West-Nazis vor Ort und die gesam­te ver­ant­wort­li­che Füh­rung (Regie­rung und Poli­zei­lei­tung) war trotz vor­he­ri­ger Ankün­di­gung der Aus­schrei­tun­gen in Zei­tun­gen im Wochen­en­de und nicht erreich­bar (Post dazu). Zu Anne Rabes Behaup­tun­gen sie­he die Über­sichts­sei­te mit Blog­posts.

Man stel­le sich nun die Gefüh­le eines anti­fa­schis­ti­schen Men­schen vor, der sol­che Arti­kel liest. Sie denkt: Erst kom­men sie her und beset­zen alle Stel­len in der Ver­wal­tung, um uns Ossis zu zei­gen, wie es geht. Dann legen sie die kom­plet­te Indus­trie still, weil sie die Treu­hand-Anstalt auch über­nom­men haben (Kahla Thü­rin­gen Por­zel­lan wur­de für 1 DM an einen win­di­gen Rechts­an­walt ver­kauft, des­sen ein­zi­ge Qua­li­fi­ka­ti­on ein Bru­der bei der Treu­hand war.). Dann kom­men West­ler, grün­den eine rech­te, wirt­schafts­li­be­ra­le Par­tei, wo auch fast die gesam­te Füh­rung der ost­deut­schen Lan­des­vor­stän­de in West-Hand sind (sie­he Der Ossi ist nicht demo­kra­tie­fä­hig. Merkt Ihr’s noch?). Dann radi­ka­li­siert sich die­se Par­tei und die Gerich­te im Osten, die mit Westler*innen bestückt sind, pro­te­gie­ren das. Den Ossis wird nach erfolg­rei­chem Auf­bau der Struk­tu­ren durch West­ler vor­ge­wor­fen, dass sie alle Nazis sei­en. Und wenn dann über den Osten berich­tet wird, wer­den die rele­van­ten Fak­ten über die Her­kunft der ent­spre­chen­den Nazis oder ihre Beschützer*innen nicht genannt und das Kli­schee wei­ter vertieft. 

Quellen

Decker, Kers­tin. 1999. Das Töpf­chen und der Haß. tages­spie­gel. Ber­lin. (https://www.tagesspiegel.de/kultur/das-toepfchen-und-der-hass/77844.html)

Mau, Stef­fen. 2020. Lüt­ten Klein: Leben in der ost­deut­schen Trans­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft (Schrif­ten­rei­he 10490). Bonn: Zen­tra­le für Poli­ti­sche Bil­dung. (https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/303713/luetten-klein)

Frankfurt

Die taz hat sich in den letz­ten Wochen und Mona­ten extrem ver­bes­sert, was die Bericht­erstat­tung über den Osten angeht. Wahr­schein­lich hängt das auch mit dem kom­men­den taz-Lab zum The­ma Osten zusam­men. Ein beson­de­res High­light ist der Bei­trag von Dr. rer. pol. Ute Scheub Demo­kra­tie reso­nant machen über den Anschluss der DDR und ver­ta­ne Chan­cen bei der Aus­ar­bei­tung einer gemein­sa­men Verfassung. 

Zu einer Sache, die immer wie­der pas­siert und die vie­le Ossis ärgern dürf­te und die auch jetzt noch – trotz geschärf­ter Sin­ne – pas­siert, möch­te ich etwas sagen. Frank­furt. In der taz vom 20.04.2024 schreibt Bernd Pickert zum The­ma Mixed Mar­ti­al Arts (MMA):

Da ist Katha­ri­na Dalis­da aus Frank­furt, stu­dier­te Sportöko­no­min mit Bürs­ten­schnitt und Blu­men­kohl­oh­ren, eine der auf­stre­ben­den Frau­en in den deut­schen MMA, 

Pickert, Bernd (20.04.2024): Die net­ten Cage­figh­ter von nebenan

Katha­ri­na Dalis­da ist aus Frank­furt am Main. Der Fluss wird aber nicht genannt. Es gibt in der BRD zwei Frank­fur­te: Frank­furt am Main und Frank­furt an der Oder. Das Pro­blem ist, dass das Ost-Frank­furt kom­plett igno­riert wird. Nun könn­te man sagen, Frankfurt/M. ist viel grö­ßer, ein indus­tri­el­les, kul­tu­rel­les und poli­ti­sches Zen­trum and not­hing important ever came from Frank­furt (Oder). Aber das ist nicht rich­tig: Frank­furt O. war eine der 15 Bezirks­haupt­städ­te in der DDR und ist aus Sicht der taz von Ber­lin aus viel näher gele­gen. Das könn­te die Wich­tig­keit des ande­ren Frank­furts aus­glei­chen, aber selbst wenn man das nicht weiß oder wenn es einem egal ist, soll­te man doch als Jour­na­list, der zum The­ma Spor, ins­be­son­de­re Mixed Mar­ti­al Arts, schreibt, schon von Frank­furt gehört haben.

In Wiki­pe­dia steht zum The­ma MMA:

Die Kämp­fer bedie­nen sich sowohl der Schlag- und Tritt­tech­ni­ken (Striking) des Boxens, Kick­bo­xens, Tae­kwon­do, Muay Thai und Kara­te als auch der Boden­kampf- und Ring­tech­ni­ken (Grap­pling) des Bra­zi­li­an Jiu-Jitsu, Rin­gens, Judo und Sam­bo. Auch Tech­ni­ken aus ande­ren Kampf­kunst­ar­ten wer­den benutzt.

Frank­furt O. war und ist eine Sport­stadt. Der Armee­s­port­klub Frank­furt hat zu DDR-Zei­ten dort trai­niert und es gibt dort jetzt auch einen Bun­des­wehr­sport­stütz­punkt. Mas­sen­haft Olym­pia­sie­ger kom­men aus Frank­furt O. Sieger*innen im Boxen, im Judo und im Rin­gen (sie­he Sport­zen­trum Frank­furt). Allen, die in den 90ern irgend­was mit Sport zu tun hat­ten, dürf­ten Hen­ry Mas­ke und Axel Schulz ein Begriff sein, die bei­de aus der Box­tra­di­ti­on her­vor­ge­gan­gen sind (trai­niert von Man­fred Wol­ke). Auch Men­schen, die ansons­ten mit dem Boxen nichts am Hut hat­ten, kann­ten die bei­den. Ihre Box­kämp­fe hat­ten Rekordeinschaltquoten.

Also, wenn eins der bei­den Frank­furts hier der Default ist, dann ist es wohl Frank­furt O. Da Katha­ri­na Dalis­da aus Frankfurt/Main ist, hät­te das kennt­lich gemacht wer­den müssen.

Es ist eine Klei­nig­keit, aber die­se Klei­nig­keit zeigt: Der Osten ist in den Redak­tio­nen nicht prä­sent. Vie­le Men­schen gen­dern, weil sie es nicht aus­rei­chend fin­den, dass Frau­en nur mit­ge­dacht wer­den anstatt mit­re­prä­sen­tiert und mit­ge­nannt zu wer­den. Der Osten, selbst wenn er direkt vor der Tür liegt, wird nicht mit­ge­dacht. Über den Osten wird bzw. wur­de nur geschrie­ben, wenn es irgend etwas Nega­ti­ves zu ver­mel­den gibt. Das ändert sich gera­de bei der taz so ein biss­chen. Hof­fen wir, dass das auch nach dem taz-Lab so bleibt.

In der Wochen­end­aus­ga­be zum taz-Lab gab es eine Korrektur. =:-)

Nazis im Westen, Nazis in der SED

Wäh­rend der Arbeit am Bei­trag Wei­te­re Kom­men­ta­re zu Anne Rabes Buch: Eine Mög­lich­keit aber kein Glück habe ich mir den Wiki­pe­dia-Ein­trag zum KZ Lich­ten­burg ange­se­hen. Mein Groß­on­kel war dort ein Jahr und neun Mona­te ein­ge­sperrt. Es gibt dort Lis­ten mit den Lager­ko­man­dan­ten und den Schutz­haft­la­ger­füh­rern. Die Schutz­haft­la­ger­füh­rer waren die, die die Häft­lin­ge bewach­ten. Sie unter­stan­den dem Lager­kom­man­dan­ten. Ich habe mir dann den Spaß gemacht, nach­zu­schau­en, wer die Nazis waren, die in der Zeit ver­ant­wort­lich waren, als mein Groß­on­kel dort ein­ge­ses­sen hat, und was aus ihnen gewor­den ist. Wiki­pe­dia ist ein fan­tas­ti­sche Res­sour­ce! Hier ist das Ergebnis:

Lagerkommandanten

Die Lager­kom­man­dan­ten waren:

  • SS-Stan­dard­ten­füh­rer Otto Reich. Wiki­pe­dia sagt: „Reich wur­de nach Kriegs­en­de juris­tisch nicht belangt.“ Reich ist 1955 in Düs­sel­dorf gestorben.
  • SS-Stan­dar­ten­füh­rer Her­mann Bara­now­ski, gestor­ben 1940 in Aue
  • SS-Stan­dar­ten­füh­rer Hans Hel­wig, gestor­ben 1952 in Hems­bach, Baden-Würt­tem­berg. „Hel­wig starb 1952, ohne dass es zu einer straf­recht­li­chen Ver­fol­gung sei­ner Tätig­keit in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern gekom­men war.“

Schutzlagerführer

Die Schutz­haft­la­ger­füh­rer waren:

Der wur­de weni­ge Tage vor der Befrei­ung Buchen­walds durch die Nazis selbst hin­ge­rich­tet. Das wuss­te ich bis­her nicht. Es gab ein Kor­rup­ti­ons­ver­fah­ren gegen ihn. Himm­ler hat­te ihn erst geschützt, aber dann war es doch zu viel. Er hat Zeu­gen ermordet.

Rem­mert wur­de ver­ur­teilt: „wegen Kör­per­ver­let­zung im Amt“. 1934!

Wiki­pe­dia schreibt: „In der zeit­ge­nös­si­schen Pres­se wur­de über das Ver­fah­ren nicht berich­tet. Es han­del­te sich um ein wei­test­ge­hend nach rechts­staat­li­chen Grund­sät­zen ablau­fen­des Ver­fah­ren. In der Fol­ge befahl Adolf Hit­ler, dass wei­te­re zu den Miss­hand­lun­gen im KZ Ester­we­gen lau­fen­de Ermitt­lun­gen ein­ge­stellt wer­den sollten.“

„Von 1946 bis 1948 war er inter­niert; anschlie­ßend wur­de er wegen sei­ner SS-Zuge­hö­rig­keit zu einem Jahr Gefäng­nis ver­ur­teilt; sei­ne Inter­nie­rung wur­de jedoch ange­rech­net, sodass er frei­kam. 1950 wur­de er wegen der Miss­hand­lung wei­te­rer Häft­lin­ge zu drei Jah­ren Haft ver­ur­teilt; er kam im April 1954 frei.“

  • Egon Zill, gestor­ben 1974 in Dach­au, Bayern. 

„1955 fäll­te das Schwur­ge­richt des Land­ge­richt Mün­chen II am 14. Janu­ar ein Urteil: lebens­läng­li­che Haft wegen „Anstif­tung zum Mord im KZ Dachau“.“

Auswertung des Schnelltests

Das Ergeb­nis die­ser Kurz­über­prü­fung aus pri­va­tem Inter­es­se ist:

1) Die Nazis, die mit Lich­ten­burg zu tun hat­ten, sind nach Kriegs­en­de alle (!) in den Wes­ten gegangen.

2) Vie­le von ihnen haben dort fröh­lich bis an ihr Lebens­en­de gelebt. Sie wur­den nicht ange­klagt und nicht ver­ur­teilt oder beka­men Haft­stra­fen von weni­gen Jahren.

Das ent­spricht dem, was Ossis in der Schu­le gelernt haben, und ist irgend­wie auch nicht ver­wun­der­lich. Als Nazi hät­te ich auch Angst vor den Rus­sen gehabt.

Nazis in der SED

In der Dis­kus­si­on auf Mast­o­don über Anne Rabes Buch „Die Mög­lich­keit von Glück“ gibt es einen Nut­zer, der mei­ne Argu­men­ta­ti­on nicht ver­steht. Er hat mich auf eine Publi­ka­ti­on des Wis­sen­schaft­li­chen Diens­tes des Bun­des­tags von 2019 hin­ge­wie­sen, in der der Anteil der NSDAP-Mit­glie­der in der SED dis­ku­tiert wird. In die­ser Kurz­mit­tei­lung fin­det man Folgendes:

Einen ers­ten repräsentativen Überblick über die frühere Zugehörigkeit der Par­tei­mit­glie­der zur NSDAP und deren Glie­de­run­gen ver­schaff­te sich die Par­tei­zen­tra­le Anfang 1954. Dem­nach hat­ten zu die­sem Zeit­punkt 96844 Mit­glie­der (= 8,6%) und 9533 Kan­di­da­ten(= 9,3%) früher der NSDAP angehört.

Die­se Infor­ma­ti­on ist inter­es­sant. In Wiki­pe­dia steht noch ein biss­chen mehr dazu:

Nach dem 17. Juni 1953, in des­sen Fol­ge es bis zum März 1954 zu 23.173 Par­tei­aus­schlüs­sen kam,[43] wur­de von der Abtei­lung Par­tei­or­ga­ne des Zen­tral­ko­mi­tees ein­ma­lig auch der Anteil ehe­ma­li­ger NSDAP-Mit­glie­der an der SED-Mit­glied­schaft ermittelt.[44] Dem­nach hat­ten zu die­sem Zeit­punkt 8,7 % (106.377) der SED-Mit­glie­der und ‑Kan­di­da­ten vor 1945 der NSDAP ange­hört. Regio­nal war die­ser Anteil aus bis­lang nicht abschlie­ßend geklär­ten Grün­den sehr ungleich­mä­ßig ver­teilt; in Ber­lin lag er bei ledig­lich 4 Pro­zent, in Thü­rin­gen in ein­zel­nen Kreis­or­ga­ni­sa­tio­nen dage­gen bei bis zu 25 Pro­zent. Die­se SED-Mit­glie­der mit NS-Ver­gan­gen­heit las­sen sich nach dem For­schungs­stand von 2021 in der Haupt­sa­che zwei Grup­pen mit unter­schied­li­chen Pro­fi­len zuord­nen. Zum einen han­del­te es sich um jün­ge­re Män­ner, die nach einer Ver­gan­gen­heit in der Hit­ler­ju­gend wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges Mit­glie­der der NSDAP gewor­den waren, zum ande­ren um Lei­tungs­per­so­nal in Betrie­ben und Ver­wal­tun­gen, das von der Ent­na­zi­fi­zie­rung nicht erfasst wor­den war. Die Inte­gra­ti­on der zuletzt genann­ten Grup­pe war mit erheb­li­chen Span­nun­gen ver­bun­den; vor allem wäh­rend der 1950er Jah­re kam es immer wie­der zu „Kon­flik­ten zwi­schen Alt­kom­mu­nis­ten und Wirt­schafts­funk­tio­nä­ren“, die „als ehe­ma­li­ge NSDAP-Mit­glie­der der SED bei­getre­ten waren und wei­ter­hin wie loka­le Hono­ra­tio­ren auftraten“.

Man kann die Zahl der Mit­glie­der nun mit der Anzahl der NSDAP-Mit­glie­der in Gesamt­deutsch­land ver­glei­chen. Im Mai 43 waren 7.700.000 Men­schen in die­ser Par­tei. Das waren 11% der Deut­schen. Wenn 8,6% der SED-Mit­glie­der in der NSDAP waren, dann muss die Gesamt­zahl der Mit­glie­der bei 1.126.093 gele­gen haben. 1954 lag die Ein­woh­ner­zahl bei 18.002.000. Geht man davon aus, dass die NSDAP-Mit­glied­schaft gleich­mä­ßig über das Deut­sche Reich ver­teilt ist, müss­ten 1.980.220 Men­schen auf DDR-Gebiet in der NSDAP gewe­sen sein. Es ist sehr wahr­schein­lich, dass die­se Zahl nicht kor­rekt ist, denn in den Jah­ren vor 1954 haben schon Hun­dert­tau­sen­de die DDR bzw. die SBZ ver­las­sen. Dar­un­ter sicher auch vie­le Nazis. Wahr­schein­lich über­pro­por­tio­nal vie­le Nazis. Wenn man jetzt trotz­dem mit 1.980.220 wei­ter­rech­net, kommt man dar­auf, dass 5,4% der NSDAP-Mit­glie­der in die SED auf­ge­nom­men wurden.

Am 15. Juni 1946 fass­te das Zen­tral­se­kre­ta­ri­at den grund­le­gen­den Beschluss zur Öff­nung der Par­tei für „nomi­nel­le Pgs“ und hob damit einen Unver­ein­bar­keits­be­schluss auf. Die Auf­nah­me konn­te nun nach „indi­vi­du­el­ler Beur­tei­lung in den Par­tei­or­ga­ni­sa­tio­nen“ erfol­gen; bei der Ent­schei­dung berück­sich­tigt wer­den soll­ten ins­be­son­de­re Jugend­li­che und „die akti­ve Betä­ti­gung des Betref­fen­den gegen Hitler“.

Wie weit jetzt die indi­vi­du­el­len Beur­tei­lun­gen in den Par­tei­or­ga­ni­sa­tio­nen der SED kor­rekt waren, kann ich nicht wis­sen, aber dass es in Betrie­ben vor 1945 Lei­tungs­per­so­nal gab, das in die NSDAP ein­ge­tre­ten war, um dort prä­sent zu sein, weiß ich aus dem fami­liä­ren Umfeld einer anti­fa­schis­ti­schen Fami­lie. Der Hin­ter­ge­dan­ke war, dass man früh­zei­tig über even­tu­ell für die Fir­ma bedroh­li­che Ent­wick­lun­gen infor­miert war. Aus der ent­spre­chen­den Fabrik­lei­tung ging eine von drei Per­so­nen ungern in die Partei.

So, davon kann man jetzt hal­ten, was man will. Wich­tig ist, wel­che NSDAP-Mit­glie­der in Füh­rungs­po­si­tio­nen gelang­ten. Und dafür gibt es glück­li­cher­wei­se eine Lis­te in Wiki­pe­dia: Lis­te ehe­ma­li­ger NSDAP-Mit­glie­der, die nach Mai 1945 poli­tisch tätig waren. Die­ser Lis­te kann man ent­neh­men, dass fast aus­schließ­lich in West-Deutsch­land Nazis in hohe Posi­tio­nen gekom­men sind. Die NSDAP-Mit­glie­der, die im Osten aktiv waren, waren vor­her bei den Rus­sen in Umer­zie­hungs­pro­gram­men gewe­sen und haben teil­wei­se noch im Krieg aktiv gegen Nazi-Deutsch­land gekämpft. Im Natio­nal­ko­mi­tee Frei­es Deutsch­land (NKFD). Lei­der ist die Lis­te nicht voll­stän­dig, aber Kurt Blecha und Gün­ther Kretz­scher, die auf der Lis­te noch feh­len, waren eben­falls im NKFD und haben aktiv gegen die Nazis gekämpft. Gün­ter Kertzscher war sogar Grün­dungs­mit­glied des NKFD. Auf der ande­ren Sei­te gab es Glob­ke, der als Jurist pro­mi­nent im Natio­nal­so­zia­lis­mus an Ras­sen­ge­set­zen mit­wirk­te, und ande­re hohe Nazis, die auch im Wes­ten wie­der hohe Posi­tio­nen belegten. 

Neue­re For­schun­gen in einem Son­der­for­schungs­be­reich haben erge­ben, dass in Thü­rin­gen 14% der SED-Funk­tio­nä­re in lei­ten­der Funk­ti­on ihre NSDAP-Mit­glied­schaft die gesam­te DDR-Zeit geheim hal­ten konn­ten (Novy, Bea­trix. 2009). Die rele­van­te Grup­pe bestand aus 262 Per­so­nen. 14% davon sind 36. Die Wissenschaftler*innen haben 3 von 15 Bezir­ken der DDR unter­sucht und ver­mu­ten, dass in Meck­len­burg-Vor­pom­mern noch mehr Per­so­nen betrof­fen sein könn­ten, weil die Ver­trie­be­nen dort ohne Papie­re anka­men. Mul­ti­pli­ziert man also 36 mit 5 und legt noch ein biss­chen was drauf für die Ver­trie­be­nen im Nor­den, so kommt man auf 180+20 oder 180+70. Das wären dann 250 NSDAP-Mit­glie­der, die sich uner­kannt durch­ge­mo­gelt haben. Wie Diet­mar Remy sagt, sagt das nichts dar­über aus, was sie als NSDA­P­ler gemacht und gedacht haben. Es wur­de nur die Tat­sa­che fest­ge­stellt, dass sie in der NSDAP waren und das nicht ange­ge­ben hat­ten. Teil­wei­se hat­ten ihnen wohl älte­re Genos­sen gesagt, dass das ok sei (Novy, Bea­trix. 2009). Jeden­falls han­del­te es sich nicht um Men­schen vom Kali­ber Glob­kes. Die hät­ten das nicht geheim hal­ten können.

Sag mir, wo die Nazis sind! Wo sind sie geblieben?

Als klei­nes Kind hat­te mei­ne Frau gelernt, dass in Deutsch­land die Nazis geherrscht hat­ten. Sie hat­te dann ihre Mut­ter gefragt, wo denn die Men­schen von frü­her sei­en. Nein, die Nazis waren nicht alle weg. Aber die schlim­men Nazis waren weg. Sie leb­ten ent­we­der im Wes­ten fried­lich vor sich hin (sie­he oben) oder wan­der­ten über die Rat­ten­li­nie, unter­stützt von west­li­chen Geheim­diens­ten und dem Vati­kan, nach Süd­ame­ri­ka aus, wo sie bei der Nie­der­schla­gung lin­ker Revo­lu­tio­nen gern gese­he­ne Exper­ten für Fol­ter und Zer­stö­rung waren (Har­ras­ser, 2022). 

Die­ser Mann lebt noch heute:

In Nord­stem­men in Nie­der­sach­sen. Er wur­de in Frank­reich wegen sei­ner Ver­bre­chen zum Tode ver­ur­teilt, aber da es kein Aus­lie­fe­rungs­ab­kom­men gab, wur­de er nicht aus­ge­lie­fert und er konn­te auch nicht in der Bun­des­re­pu­blik erneut ange­klagt wer­den, weil es recht­lich nicht mög­lich ist, für das­sel­be Ver­bre­chen zwei­mal vor Gericht gestellt zu wer­den. Tja. Jetzt wird er von Neo­na­zis gefei­ert und fin­det das toll: Er bereut nichts. 

Wenn es im Osten noch ehe­mals pro­mi­nen­te Nazis gab, dann haben die wenigs­tens die Hufe still­ge­hal­ten. Par­tei­en wie die Sozia­lis­ti­sche Reichs­par­tei gegrün­det haben sie jeden­falls nicht.

To do Anteil der NSDAP-Mit­glie­der in Par­tei­en der BRD.

Quellen

Novy, Bea­trix. 2009. Ver­schwie­ge­ne Lebens­läu­fe in der DDR. 16.12.2009. Deutsch­land­funk. (https://www.deutschlandfunk.de/verschwiegene-lebenslaeufe-in-der-ddr-100.html)

Har­ras­ser, Karin. 2022. Sura­zo: Moni­ka und Hans Ertl: Eine deut­sche Geschich­te in Boli­vi­en. Ber­lin: Matthes & Seitz.

Wissen, Unwissen, Ignoranz und Arroganz

Ich habe das her­vor­ra­gen­de Buch von Lutz Sei­ler Stern 111 gele­sen. Es han­delt von einem jun­gen Mann aus Gera, der nach Ber­lin auf­bricht, nach­dem sei­ne Eltern am Tag der Mau­er­öff­nung in den Wes­ten gegan­gen sind. Das Schick­sal sei­ner Eltern in Auf­nah­me­la­gern und bei ers­ten Jobs wird beschrie­ben. Fol­gen­den Aus­schnitt habe ich mir mar­kiert und auch auf Mast­o­don gepostet:

Ohne Zwei­fel gab es Kurs­teil­neh­mer, die über UNIX ein paar Din­ge fra­gen konn­ten, die Wal­ter Bisch­off nicht wuss­te. Sie lie­ßen es ihn spü­ren, sie ver­such­ten, es ihm zu bewei­sen. „Das Wich­tigs­te wird sein, dass nie­mand erfährt, woher du kommst, eigent­lich“ — das hat­te Kara­jan gesagt, Chef­trai­ner von CTZ. Kara­jan hat­te Wal­ter gezeigt, wie das Kurs­ma­te­ri­al beschaf­fen sein soll­te, wel­che Tech­nik ihn vor Ort erwar­ten und wie sie gehand­habt wer­den muss­te. Das Auf­wen­digs­te waren die Foli­en für den Over­head-Pro­jek­tor. Jeder Kurs war eine Foli­en­wüs­te. „Ein Ost­ler, ver­stehst du, Wal­ter — vie­le ertrü­gen das nicht, bei 1000 Mark Kurs­ge­bühr pro Tag“, hat­te Kara­jan gesagt. 

Lutz Sei­ler, 2020: Stern 111, Suhrkamp

Die­se Abwer­tung und Arro­ganz. Sowohl durch den Chef der Aus­bil­dungs­fir­ma als auch durch die Aus­zu­bil­den­den. Ich selbst habe die­se Abwer­tung nie erfah­ren, aber die Mehr­heit der Ost­deut­schen wohl schon. Vie­le West­deut­sche wun­dern sich, war­um die Din­ge so lau­fen, wie sie jetzt lau­fen, aber sie ver­ste­hen immer noch nichts.

Bei der Dis­kus­si­on auf Mast­o­don hat mich jemand auf einen Pod­cast hin­ge­wie­sen, in dem Andre­as Baum und Andi Arbeit über Stern 111 spre­chen. Andi Arbeit äußert dann irgend­wann folgendes:

Und ich glaub, bei so Aka­de­mi­ker­el­tern stellt sich dann ja auch raus, dass der Vater – wie man sich kaum vor­stel­len kann – irgend­wel­che Pro­gram­mier­spra­chen kann, mit denen er dann bis in LA irgend­wel­che wil­den Soft­ware-Pro­gram­me irgend­wie ent­wirft und wo man sich auch fragt: Mein Gott, woher konn­te der das? In Jena oder irgend­wo in irgend ner Uni hat er dann C+ oder C++, ich weiß auch nicht genau, wie die heißt, alles Mög­li­che gelernt, was ihn dazu befä­higt hat, über­haupt die­ses Leben zu führen. 

Andi Arbeit 2020: Mein Freund der Baum — das Bücher­ra­dio mit Andre­as Baum & Andi Arbeit 24:13

Hät­te ich nicht beim Abwa­schen gestan­den, wäre ich wohl vom Stuhl gefal­len. Über drei­ßig Jah­re spä­ter kommt da die­sel­be Arro­ganz zum Vor­schein, die es auch 1989 gab und die im Buch beschrie­ben ist. Und Andi Arbeit hat es wahr­schein­lich nicht ein­mal selbst bemerkt. Mein Gott, woher konn­te der das? Als Ossi! C+ oder C++ oder wie das heißt. Das kann man sich ja kaum vor­stel­len, dass irgend­ei­ner von die­sem nichts­nut­zi­gen Pack zu irgend­was gut war.

Mal schnell noch zwi­schen­durch, bevor wir zum eigent­li­che Inhalt hier kom­men. In der Syn­tax von C und auch ande­ren Pro­gram­mier­spra­chen gibt es eine Nach­fol­ger­funk­ti­on. Man kann also statt c = c + 1; auch c = c++; oder ein­fach gleich c++; schrei­ben. Damit wird der Wert der Varia­ble c um eins erhöht. Die Pro­gram­mier­spra­che C++ ist der Nach­fol­ger von C. Eine Weiterentwicklung.

Also: Also! Los.

Karl Marx und ich

Über Karl Marx haben wir in der Schu­le gelernt, dass er acht Spra­chen konn­te. Ich habe mich als jun­ger Mann dar­über gefreut, dass ich mehr Spra­chen als Marx beherrsch­te. Die meis­ten davon waren aller­dings Com­pu­ter­spra­chen. Ich konn­te BASIC, Pas­cal (Tur­bo Pas­cal), C, C++, ReDa­Bas (Ost-Kopie von DBASE) und forth. Außer­dem konn­te ich Z80 Assem­bler pro­gram­mie­ren. Ich kann­te mich mit CP/M und Unix aus und hat­te mit pro­gram­mier­ba­ren Taschen­rech­nern von Texas Instru­ments (Umge­kehr­te Pol­ni­sche Nota­ti­on, yes), Home-Com­pu­tern (ZX81, C20, C64, C128, Z9001, KC 85/2) und an rus­si­schen Pro­zess­rech­nern wie der SM‑4 (Nach­bau der PDP-11 von DEC) gear­bei­tet. Alles noch vor dem Stu­di­um. Wie war es mir nur gelun­gen, die­ses Wis­sen zu erwer­ben? Als Ossi????

Homecomputer und Computerclubs

In den 80er Jah­ren kamen die ers­ten Home­com­pu­ter auf. Der ZX80 kos­te­te 100£ und das Nach­fol­ge­mo­dell, der ZX81, fand auch sei­nen Weg nach Ost­deutsch­land. Lie­be West­ver­wand­te brach­ten einen mit, man­che Arbeits­grup­pen hat­ten sol­che West­ge­rä­te. Spä­ter fand der C64 auch in ost­deut­schen Kin­der­zim­mern wei­te Ver­brei­tung. Mit mei­nem Freund Peer bekam ich einen Feri­en­job bei einem Wis­sen­schaft­ler in einer Lun­gen­kli­nik in Buch. Er hat­te zwei C64 und auch das Vor­gän­ger­mo­dell Com­mo­do­re VC20. Unser Job war es, Pro­gram­me aus der Zeit­schrift 64er ein­zu­ge­ben. Die­se Maschi­nen­sprach­e­pro­gram­me waren dort in Hexa­de­zi­mal­code abge­druckt. End­lo­se Zei­chen­ko­lon­nen. Wozu die Lun­gen­kli­nik Com­pu­ter­spie­le brauch­te, war uns nicht ganz klar, aber wir durf­ten die Pro­gram­me dann auch selbst haben und beka­men noch Geld. Die­se Pro­gram­me bil­de­ten den Grund­stock eines Tausch­im­pe­ri­ums für Com­pu­ter­spie­le, die dann im Haus der Jun­gen Talen­te in grö­ße­ren Tausch­krei­sen noch ver­mehrt wur­den (Don’t ask about copy­rights. War halt ne Mau­er dazwi­schen.). Der Punkt ist: Es gab West-Com­pu­ter, es gab West-Zeit­schrif­ten, die bis zur abso­lu­ten Mate­ri­al­er­mü­dung gele­sen und wei­ter­ge­ge­ben wur­den. Es gab auch Com­pu­ter-Bücher von Data-Becker zum Bei­spiel, die von hilfs­be­rei­ten Omas oder Opas über die Gren­ze gebracht wur­den. Es gab Com­pu­ter­clubs und es gab Ver­an­stal­tun­gen für Schüler*innen, bei denen man auch pro­gram­mie­ren ler­nen konn­te. Die­se Heim­com­pu­ter hat­ten meist einen BASIC-Inter­pre­ter dabei, so dass alle BASIC ler­nen konnten.

Universitäten und Forschungseinrichtungen

Mei­ne Mut­ter hat Astro­phy­sik stu­diert, mein Vater Phy­sik. Im Rah­men des Astro­phy­sik­stu­di­ums wur­den die Student*innen auf dem Zeiss-Rechen­au­to­mat 1 (ZRA1) aus­ge­bil­det. Mein Vater hat, obwohl das eigent­lich nur für die Astrophysiker*innen Pflicht war, auch in die­ser Ver­an­stal­tung pro­gram­mie­ren gelernt. Das war 1964/1965. Wäh­rend der Müt­ter­kur nach mei­ner Geburt 1968 lern­te mei­ne Mut­ter COBOL. Sie war nicht ganz sicher, wel­che Pro­gram­mier­spra­che sie brau­chen wür­de. Es stell­te sich her­aus, dass das die fal­sche Spra­che gewe­sen war und sie For­tran brauch­te, aber auch das war dann kein Pro­blem. Über 20 Jah­re spä­ter, nach der Wen­de, wur­de mei­ne Mut­ter ent­las­sen. Sie arbei­te­te dann in der Wei­ter­bil­dung für Frau­en und brach­te ihnen Pro­gram­mie­ren bei. In COBOL. Mei­ne Eltern arbei­te­ten bei­de an der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten in der Mole­ku­lar­bio­lo­gie an einem Groß­rech­ner, der BESM‑6. Noch wäh­rend der DDR-Zeit lern­te mei­ne Mut­ter auch BASIC und C. Mei­ne Eltern hat­ten in der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten Zugriff auf die Fach­zeit­schrif­ten aus dem Wes­ten. Mein Vater hat zu hau­se mit einem pro­gram­mier­ba­ren Taschen­rech­ner von Texas Instru­ments gear­bei­tet, den sein Schwie­ger­va­ter aus dem Wes­ten mit­ge­bracht hat­te. Pro­gram­me wur­den auf Magnet­kar­ten gespei­chert. Mein Vater konn­te MOPS (Maschi­nen­ori­en­tier­te Pro­gram­mier­spra­che für den Robo­tron 300), alle For­tran-Vari­an­ten und Algol 60.

Mei­ne Mut­ter hat mich auch schon als Schü­ler zu Kol­le­gen mit­ge­nom­men, die Com­pu­ter zusam­men gebaut haben. Ich erin­ne­re mich an Büros mit offe­nen Com­pu­tern, wo ich die Pla­ti­nen sehen konn­te. Die Laufwerke. 

Ich hat­te das Glück, auf die Spe­zi­al­schu­le mit mathe­ma­tisch-natur­wis­sen­schaft­li­cher Aus­rich­tung Hein­rich-Hertz gehen zu kön­nen. Dort hat­ten wir zu Beginn (1982) eben­falls pro­gram­mier­ba­re Taschen­rech­ner von Texas Instru­ments. Spä­ter kamen Z9001 dazu, die ers­ten Heim­com­pu­ter der DDR. Die Hein­rich-Hertz-Schu­le ist sogar im Wiki­pe­dia-Artiekl über den Z9001 erwähnt. Unser Com­pu­ter­ka­bi­nett wur­de mit Com­pu­tern aus den ers­ten 100 Stück aus­ge­stat­tet. Mit die­sen Rech­nern hat­ten wir spe­zi­el­len Infor­ma­tik­un­ter­richt, den es an ande­ren Schu­len nicht gab. Wir lern­ten Grund­la­gen wie bestimm­te Algo­rith­men und Pro­gramm­ab­lauf­plä­ne. Mit Peer bekam ich eine Ein­zel­be­treu­ung im Rechen­zen­trum der Hum­boldt-Uni. Wir konn­ten direkt am Haupt­com­pu­ter der HU arbei­ten, was die Student*innen zu der Zeit nicht durf­ten. Sie muss­ten Loch­kar­ten stan­zen und die­se dann zum Rech­nen abge­ben. In der elf­ten und zwölf­ten Klas­se gab es ein Unter­richts­fach Wis­sen­schaft­lich-prak­ti­sche Arbeit. Die Hertz-Schu­le hat­te Ver­trä­ge mit dem Zen­tral­in­sti­tut für Kyber­ne­tik und Infor­ma­ti­ons­pro­zes­se der DDR (ZKI). Peer, ich und ein Jun­ge aus der Nach­bar­klas­se konn­ten in der UNIX-Arbeits­grup­pe arbei­ten. Sie arbei­ten an MUTOS. Das war eine UNIX-Vari­an­te, die ihren Weg über Öster­reich-Ungarn in den Ost­block gefun­den hat­te. Embar­go­tech­nik, aber für Geld … Im ZKI habe ich C gelernt. Der Wis­sen­schaft­ler, der es mir bei­gebracht hat, mein­te zu BASIC: „Wer BASIC gelernt hat, ist ver­saut für’s Leben!“ Ich habe dann die Arbeit am ZKI der Arbeit im Rechen­zen­trum der HU vor­ge­zo­gen, denn die Rech­ner im ZKI waren bes­ser. Der theo­re­ti­sche Teil in der HU war aber toll. In der HU wur­de auch das fol­gen­de Doku­ment ausgedruckt:

Aus­druck von Ker­nig­han & Rit­chie, das in Karl-Marx-Stadt ein­ge­ge­ben wor­den war auf einem Par­al­lel­dru­cker der Humboldt-Universität.

Das war eine Ver­si­on des Stan­dard-Buches über C von Ker­nig­han & Rit­chie aus dem Jah­re 1978. Es wur­de für mich auf einem Par­al­lel­dru­cker aus­ge­druckt. Der Dru­cker hat­te Typen­rä­der und es wur­de je eine Zei­le gedruckt. Lei­der waren die Typen­rä­der nicht gut syn­chro­ni­siert. Das wur­de aber durch das Ruckeln der Stra­ßen­bah­nen ausgeglichen.

Im ZKI konn­ten Peer und ich die Biblio­thek benut­zen und hat­ten dar­über Zugriff auf Com­pu­ter und Wis­sen­schafts­zeit­schrif­ten (mc – Die Mikro­com­pu­ter-Zeit­schrift, c’t, Chip, Bild der Wis­sen­schaft). Die aktu­el­len Aus­ga­ben waren oft aus­ge­lie­hen, aber wir lasen auch alte Aus­ga­ben gern. Peer sorg­te auch dafür, dass wir an die Fach­zeit­schrif­ten in der Ber­li­ner Stadt­bi­blio­thek dran­ka­men: Nach einem Brief­wech­sel inklu­si­ve Leser­brief an die Ber­li­ner Zei­tung hat­ten wir irgend­wann ein Gespräch mit dem Direk­tor der Biblio­thek. Ich habe dort als Schü­ler auch Bücher über die Grund­la­gen der Hard­ware von Com­pu­tern gele­sen. Die­se Bücher waren ganz nor­mal für alle auch ohne Son­der­ge­neh­mi­gung ausleihbar.

Bestä­ti­gung des Rechen­zen­trums der HU, das die Schü­ler, die dort arbei­te­ten, Zugang zu West-Lite­ra­tur benö­tig­ten. 02.04.1985

Bei der Armee konn­te ich dann letzt­lich auch mit Com­pu­tern arbei­ten. Ich habe mit Reda­bas (ein geklau­tes Ost­block-DBASE) und dann mit Tur­bo-Pas­cal gear­bei­tet. Um in die Com­pu­ter­grup­pe rein­zu­kom­men (lief wohl irgend­wie über die ZKI-Con­nec­tion, die Kon­tak­te nach Straus­berg hat­ten, wo auch MUTOS ver­wen­det wur­de), muss­te ich nach­wei­sen, dass ich das ent­spre­chen­de Wis­sen hat­te. Ich arbei­te nach Dienst an einem Pro­gramm für den KC85/2 in Assem­bler. Die KC85/2 hat­ten einen U880-Pro­zes­sor. Das war die Ost-Vari­an­te des Z80.

Zusam­men­fas­sung: Es gab im Osten Com­pu­ter. Die lie­fen mit den­sel­ben Pro­gram­mier­spra­chen wie im Wes­ten. Wir hat­ten Zugriff auf die West-Lite­ra­tur. Mit­un­ter lief die Lite­ra­tur­be­schaf­fung etwas hol­pe­rig, aber man kam dran. Mit­un­ter waren die Aus­dru­cke etwas hol­pe­rig, aber man kam zurecht. Wissenschaftler*innen aus ganz ver­schie­de­nen Dis­zi­pli­nen haben mit Com­pu­tern gear­bei­tet. Allein in mei­ner Fami­lie war es Phy­sik, Astro­phy­sik, Mole­ku­lar­bio­lo­gie, Kris­tal­lo­gra­fie. Das Mili­tär hat­te Com­pu­ter. Nach der Wen­de arbei­tet ich als Stu­den­ti­sche Hilfs­kraft bei der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten der DDR, Abtei­lung für Com­pu­ter­lin­gu­is­tik von Prof. Jür­gen Kun­ze. Die Arbeits­grup­pe gab es – soweit ich weiß – seit den 70er Jah­ren. Sie hat­ten Com­pu­ter und haben die­se pro­gram­miert. Überraschung. 

Infor­ma­tik als eige­nes Fach gab es erst rela­tiv spät. Es gab ab 1987 an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin einen Stu­di­en­gang für Mathe­ma­ti­sche Infor­ma­tik. Das war das kom­plet­te Mathe­stu­di­um plus zusätz­li­che Infor­ma­tik­kur­se. In die­sem Stu­di­en­gang habe ich 1989 ange­fan­gen zu stu­die­ren. In Dres­den gab es noch tech­ni­sche Infor­ma­tik. Dort ging es mehr um die Hard­ware von Computern. 

In Frankfurt/Oder gab es ein Halb­lei­ter­werk, das den Osten ver­sorgt hat. Es brach zusam­men, am Tag der Wäh­rungs­uni­on, weil der Ost­block kei­ne West-Wäh­rung bezah­len konn­te. In Sach­sen gab es eben­falls Halb­lei­ter-Indus­trie. Die NZZ schreibt zur Zeit nach der Wende:

In den 1990er Jah­ren habe man des­halb die rich­ti­gen Fach­kräf­te gefun­den, und die Uni­ver­si­tä­ten sei­en dar­auf aus­ge­rich­tet gewe­sen, die­se Fach­kräf­te auszubilden.

Hölt­schi, 2022: Von der DDR-Ver­gan­gen­heit zur Bewah­rung euro­päi­scher Sou­ve­rä­ni­tät: der Halb­lei­ter-Clus­ter Sili­con Sax­o­ny, Neue Züri­cher Zeitung.

Das heißt, es gab qua­li­fi­zier­tes Per­so­nal und es gab Uni­ver­si­tä­ten, die die Men­schen aus­ge­bil­det haben.

Schulbildung

Die Schul­bil­dung war im natur­wis­sen­schaft­li­chen Bereich bes­ser als die im Wes­ten. Sagt man. Mein Sohn hat­te einen guten Mathe­leh­rer, der auch schon zu Ost­zei­ten Leh­rer war. Er hat zur Vor­be­rei­tung auf die MSA-Prü­fung die Schüler*innen Auf­ga­ben für die Prü­fung nach der 10. Klas­se in der DDR rech­nen las­sen. Mein Sohn mein­te, dass die viel, viel schwie­ri­ger waren als die aktu­el­len Aufgaben.

Im Eini­gungs­ver­trag wur­den alle Ost-Abitur-Abschlüs­se um eine Note her­un­ter­ge­stuft. Ich stel­le mir gera­de vor, wie der West-Ver­hand­lungs­füh­rer, des­sen Name ich ver­ges­sen habe, mit dem Ost-Ver­hand­lungs­füh­rer, des­sen Name ich ver­ges­sen habe, gespro­chen hat: „Also, Herr X, Sie müs­sen schon ein­se­hen, dass die Ossis alle ein biss­chen döo­fer als die Wes­sis sind.“ „Ja, ehm, hm, Herr Y, da haben sie schon Recht. Wäre es ok, wenn wir die Abitur­no­ten aller Ossis um eine hal­be Note nach unten kor­ri­gie­ren?“ „Nein, die sind noch viel döo­fer. Also das muss min­des­tens eine gan­ze Note sein.“ „Ok.“ (Mis­ter X zu sich sel­ber: „Sag ich doch, die sind doof.“)

Aber jetzt mal Spaß bei­sei­te. Die empi­ri­sche Grund­la­ge die­ses Beschlus­ses wür­de mich schon inter­es­sie­ren. Wie wur­den die Ver­gleichs­stich­pro­ben bestimmt? So?

Miss Ost­deutsch­lands im Bil­dungs­test 2004, 15 Jah­re nach der Wen­de, d.h. mit guter West-Bildung

Aber das kann es nicht gewe­sen sein, denn die­se Form der Besten­er­mitt­lung fand erst statt, als der Eini­gungs­ver­trag unter Dach und Fach war.

Das Ergeb­nis war jeden­falls, dass alle Ossis schon mal schlech­te­re Chan­cen hat­ten, wenn sie sich mit West­lern mes­sen muss­ten. Und das muss­ten vie­le. Mil­lio­nen haben nach der Wen­de das Land (den Osten) ver­las­sen, denn sie wur­den dort arbeits­los, weil ihre Betrie­be geschlos­sen wur­den oder sie ein­fach aus den Uni­ver­si­tä­ten und den For­schungs­ein­rich­tun­gen raus­ge­wor­fen wur­den. („Von den 218.000 Wis­sen­schaft­lern der ehe­ma­li­gen DDR ver­lor die Hälf­te ihre Stel­le. Bei den Pro­fes­so­ren waren es nach Zah­len der bri­ti­schen Zeit­schrift Natu­re sogar zwei Drit­tel.“ Peter André Alt, Ber­li­ner Zei­tung, 06.11.2019)

Es gab übri­gens zwei Schu­len im Osten, deren Abitur nicht abge­wer­tet wur­de. Eine davon war mei­ne. Ich bin also nicht betrof­fen. Ich bin also kein Jam­mer-Ossi. Bis 2013 war mir das gan­ze Ost-The­ma Wum­pe. Die DDR war nichts meins, ich habe ihr nicht nach­ge­weint. Ich bin Pro­fes­sor, mir geht es gut. Bis 2019 habe ich auch nichts gesagt. Jetzt spre­che ich für ande­re. Ich hof­fe, irgend­wer ver­steht das und irgend­wem nützt das.

Nach­trag 08.01.2024. Es gab Nach­fra­gen bezüg­lich der Her­ab­stu­fung der Abitur­no­ten. Im Eini­gungs­ver­trag war das nicht gere­gelt, aber ich habe zwei Arti­kel zu dem The­ma gefun­den. Einen im Spie­gel (Drü­ben war es leich­ter) und einen in der taz (Zwei Bun­des­län­der erken­nen DDR-Abitur nicht an). Noch zum Hin­ter­grund: In der DDR konn­ten pro Klas­se zwei bis drei Schüler*innen Abitur machen, wobei die Klas­sen­stär­ke um die 30 lag.

In unse­ren Klas­sen erhiel­ten von knapp drei­ßig Kin­dern gera­de mal zwei bis drei eine Emp­feh­lung für die Erwei­ter­te Ober­schu­le, so dass Leh­rer gut dar­an taten, früh­zei­tig zu signa­li­sie­ren, wen sie dafür im Auge hatten.

Mau, Stef­fen, 2019, Lüt­ten Klein: Leben in der ost­deut­schen Trans­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft, Ber­lin: Suhr­kamp Ver­lag S. 55.

In mei­ner Klas­se waren 31 Schüler*innen. Die Stu­di­en­platz­ver­ga­be erfolg­te nach volks­wirt­schaft­li­chem Bedarf. Wenn man einen Stu­di­en­platz bekom­men hat, hat­te man dann auch die Arbeits­stel­le sicher. Das war ganz anders, als das im Wes­ten ist, wo es hun­der­te Student*innen im Bereich Lite­ra­tur­wis­sen­schaft und habi­li­tier­te Taxifahrer*innen gibt.

Zusammenfassung

Lie­be Wes­sis, wir wuss­ten alles über Euch. Wir fan­den Euch inter­es­sant. Euer Leben haben wir im Fern­se­hen gese­hen und das der Amis. Wir haben Eure Bücher gele­sen. Die Roma­ne und die Fach­bü­cher. Das war noch viel span­nen­der, wenn sie schwer zu bekom­men waren. Wir wuss­ten alles über Euch, aber Ihr nichts über uns. Und das ist zum Teil lei­der auch über 30 Jah­re nach dem Anschluss der DDR immer noch so. Shame on you. Also jeden­falls on ein paar von Euch. On tho­se, who immer noch sol­chen Müll in Zei­tun­gen schrei­ben, in Pod­casts sagen oder sonst wie ver­brei­ten. Wun­dert Euch nicht, wenn das kei­ner mehr will bzw. immer noch kei­ner will.

Und noch etwas: Redet über uns, als wären wir dabei. Das reicht viel­leicht schon. Wobei, Andre­as Baum ist ja aus dem Osten und Andi Arbeit hat den­noch so gesagt, was sie gesagt hat.

Immer­hin haben ja alle bis zum Ende gele­sen. =:-) Stay tun­ed, bis zum nächs­ten Rant.

Nachgedanken

Mir fal­len immer noch nach­träg­lich Din­ge ein. Zum The­ma „doo­fe Ossis“ noch drei Punk­te: 1) Prof. Dr. Man­fred Bier­wisch war der ers­te Deut­sche, der im Rah­men von Chom­skys Trans­for­ma­ti­ons­gram­ma­tik gear­bei­tet hat. Und zwar ab 1959, lan­ge, lan­ge vor dem Wes­ten. Jahr­zehn­te. Bier­wisch hat 1963 die ers­te Trans­for­ma­ti­ons­ana­ly­se des Deut­schen vor­ge­stellt. Es gibt ein tol­les Gespräch mit Bier­wisch über die gesam­te DDR-Zeit und dar­über, wie die Ent­wick­lung der Arbeits­grup­pen ver­lief. Vie­le bekann­te West­ler haben die Grup­pe im Osten besucht (Prof. Dr. Die­ter Wun­der­lich war einer davon. In Wiki­pe­dia steht auch, dass Wun­der­lich über Bier­wisch zur Gene­ra­ti­ven Gram­ma­tik kam.)

2) Die soge­nann­te Aka­de­mie-Gram­ma­tik von 1981 Grund­zü­ge einer deut­schen Gram­ma­tik hat Stan­dards gesetzt. Die Duden-Gram­ma­tik aus die­ser Zeit war … nun ja. Ab 2005 ist sie sehr gut.

3) Rena­te Schmidt, eine gute Bekann­te, hat an der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten an Wör­ter­bü­chern gear­bei­tet. Nach der Wen­de wur­de die Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten der DDR abge­wi­ckelt. 22 Ossis wur­den vom Insti­tut für Deut­sche Spra­che in Mann­heim über­nom­men. Rena­tes Chef Hel­mut Schu­ma­cher begrüß­te die Neu­en und ver­sprach ihr, ihr das Erstel­len von Wör­ter­bü­chern bei­zu­brin­gen. Sie hat­te aber schon an fünf Wör­ter­bü­chern mit­ge­ar­bei­tet. Zum Wör­ter­buch der deut­schen Gegen­warts­spra­che steht in Wikipedia:

Das Wör­ter­buch der deut­schen Gegen­warts­spra­che (WDG) wur­de in Ber­lin an der Deut­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten (ab Okto­ber 1972: Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten der DDR) zwi­schen 1952 und 1977 unter der Lei­tung von Ruth Klap­pen­bach und Wolf­gang Stei­nitz erar­bei­tet. Das Wör­ter­buch erschien in 6 Bän­den und wur­de bis zum Ende der DDR band­wei­se ver­setzt nach­ge­druckt. Das WDG umfasst über 4.500 Sei­ten und ent­hält knapp 100.000 Stich­wör­ter. In Kon­zep­ti­on und Quel­len­aus­wahl war es sei­ner Zeit weit vor­aus und wur­de daher auch als Vor­bild vie­ler Wör­ter­buch­pro­jek­te her­an­ge­zo­gen, so etwa vom Gro­ßen Wör­ter­buch der deut­schen Spra­che des Duden­ver­lags (1976–1981).

Im Wes­ten wur­de das Werk zu DDR-Zei­ten kaum rezen­siert oder gar in sei­ner Bedeu­tung erkannt und gewürdigt. 

Wiki­pe­dia zum Wör­ter­buch der Deut­schen Gegen­warts­spra­che, 08.01.2024

Rena­te Schmidt arbei­te­te unter Hel­mut Schu­ma­chers „Lei­tung“ am Valen­z­wör­ter­buch: VALBU. Valen­z­wör­ter­buch deut­scher Ver­ben. Schu­ma­chers Bei­trag am gesam­ten Wör­ter­buch waren vier Arti­kel von ins­ge­samt 638. Sei­ne Arti­kel waren von schlech­ter Qua­li­tät. Rena­te Schmidt kor­ri­gier­te die­se Arti­kel und leg­te sie ihm wie­der hin. Er über­nahm die revi­dier­ten Fas­sun­gen ohne irgend­wel­che Ände­run­gen und ohne irgend­ei­nen Kom­men­tar. Wort­los. Rena­te hat noch als Rent­ne­rin das gan­ze Wör­ter­buch durch­ge­se­hen und alle Arti­kel kor­ri­giert. Als Erst­au­tor wird Schu­ma­cher geführt (Wer als Erst­au­tor genannt wird, ist in der Wis­sen­schaft wich­tig, weil die Lite­ra­tur­ver­zeich­nis­se nach Erst­au­toren sor­tiert sind.) Schuh­ma­cher war dann wegen schwe­rer Depres­sio­nen sechs Mona­te krank geschrie­ben. Er sag­te, Rena­te Schmidt habe ihn in die Depres­si­on getrie­ben. Tja, ist eben doof, wenn man nichts bei­trägt und das Weni­ge, was von einem kommt, dann auch noch falsch ist. Viel­leicht noch zum Hin­ter­grund: Rena­te ist die liebs­te Per­son der Welt, nie­mand, der Stress macht oder so. Das kön­nen sicher alle ehe­ma­li­gen Kolleg*innen bestä­ti­gen. Ein Kol­le­ge, der frü­her am IDS arbei­te­te und jetzt eine Pro­fes­sur anders­wo hat, hat mir mal gesagt, dass sich die Arbeits­at­mo­sphä­re am IDS durch die Ossis wesent­lich ver­bes­sert hat. Die Ossis gin­gen sogar mit Sekre­tä­rin­nen essen, was die Wes­sis nie im Leben gemacht hät­ten, obwohl sie 68er-Revo­luz­zer waren. Also alles sehr umgäng­li­che Men­schen, kein Grund für schlech­te Lau­ne. Schu­ma­chers Depres­si­on ist also wahr­schein­lich wirk­lich auf die Ein­sicht in die eige­ne Inkom­pe­tenz zurückzuführen. 

Auf der ers­ten Jah­res­ta­gung des IDS nach der Wen­de hat Prof. Dr. Hart­mut Schmidt, Rena­te Schmidts Mann, einen Vor­trag gehal­ten (Bei­trag im Jahr­buch). Danach kam ein Kol­le­ge aus dem Wes­ten zu ihr und lob­te den Vor­trag. Sie frag­te sich, wie­so er dazu zur Frau des Vor­tra­gen­den gekom­men war (Tja, doch etwas ande­re Rol­len­bil­der damals. Im Wes­ten.) und ant­wor­te­te: „Wir haben vie­le an unse­rem Insti­tut, die sol­che Vor­trä­ge hal­ten kön­nen.“. Das Gegen­über wuss­te nicht mehr wei­ter und das Gespräch war beendet.

Quellen

Alt, Peter André. 2019. Wen­de an Uni­ver­si­tä­ten und Biblio­the­ken: Vie­le DDR-Wis­sen­schaft­ler ver­lo­ren ihre Stel­le. Ber­li­ner Zei­tung. (https://www.berliner-zeitung.de/zukunft-technologie/wende-an-universitaeten-und-bibliotheken-viele-ddr-wissenschaftler-verloren-ihre-stelle-li.69910)

Hölt­schi, René. 2022. Von der DDR-Ver­gan­gen­heit zur Bewah­rung euro­päi­scher Sou­ve­rä­ni­tät: der Halb­lei­ter-Clus­ter Sili­con Sax­o­ny. Neue Züri­cher Zei­tung. Zürich. (https://www.nzz.ch/wirtschaft/silicon-saxony-halbleiter-oekosystem-mit-ddr-erbe-in-sachsen-ld.1693996)

Spie­gel. 1990. Drü­ben war es leich­ter. Der Spie­gel 13/1990. (https://www.spiegel.de/politik/drueben-war-es-leichter-a-548dc5bf-0002–0001-0000–000013499353)

taz. 1990. Zwei Bun­des­län­der erken­nen DDR-Abitur nicht an. taz 24.03.1990. (https://taz.de/Zwei-Bundeslaender-erkennen-DDR-Abitur-nicht-an/!1775240/)

Laut und leise

Mir ist etwas klar geworden.

Bei der Armee waren wir in gro­ßen Zim­mern unter­ge­bracht. Acht, zehn, zwölf Per­so­nen. Die muss­ten über Jah­re zusam­men leben. Mit­ein­an­der klar­kom­men. Es gab Radi­os. Die Laut­stär­ke muss­te aus­ge­han­delt wer­den. Manch­mal bat jemand dar­um, die Musik lei­ser zu stel­len. Da gab es einen Trick: Man dreh­te ein­fach noch lau­ter, sag­te „huch“ und dreh­te dann wie­der etwas zurück. Letzt­end­lich war es auf die­se Wei­se sogar lau­ter gewor­den, als es vor­her schon gewe­sen war.

Deut­sche Fah­nen haben mir schon immer Übel­keit berei­tet. Die Sach­sen begrüß­ten Kohl 1990 in einem Fah­nen­meer. Ich bin zusam­men­ge­zuckt, wenn die Wes­sis in den 90ern von Deutsch­land gespro­chen haben. 2006 war irgend­was mit Fuß­ball. Die Deut­schen waren froh und glück­lich. Über­all Fah­nen. Die Deut­schen waren nett zu ande­ren. Das war nur kurz. Bald dreh­te jemand wie­der lauter.

Nach der Wen­de. Asyl­be­wer­ber­hei­me brann­ten in Ost und West. Es war ent­setz­lich. Uner­träg­lich. 2015. Krieg in Syri­en. Vie­le Men­schen muss­ten flie­hen. Ange­la Mer­kel sag­te: „Wir schaf­fen das!“. Die BILD-Zei­tung war soli­da­risch mit den Flücht­lin­gen. Ich rieb mir ver­wun­dert die Augen. In der Schu­le mei­ner Kin­der sam­mel­ten die Men­schen Anzieh­sa­chen und ande­re Din­ge, die man den Flücht­lin­gen geben konn­te. Medi­ka­men­te. Men­schen nah­men die Flücht­lin­ge bei sich zu hau­se auf. Vier Jah­re spä­ter wur­de ein Poli­ti­ker erschos­sen, weil er 2015 Mensch­lich­keit gezeigt hat­te. 2023 drang die Poli­zei mit gro­ßem Krach in eine Kir­che ein und been­de­te das Kirchenasyl.

Seit den 70ern weiß man vom Treib­haus­ef­fekt. Hier und da kam etwas in den Medi­en vor. Kon­fe­ren­zen fan­den statt. Eine Umwelt­mi­nis­te­rin schrieb 1997 ein Buch, in dem alles klar gesagt wur­de. Sie wur­de spä­ter Kanz­le­rin, ver­ant­wort­lich für Pil­le­pal­le (ihre eige­nen Wor­te). 2018 sorg­te eine Schü­le­rin dafür, dass die Mensch­heit Notiz von dem Pro­blem nahm. Mil­lio­nen Men­schen gin­gen auf die Stra­ße. Es gab Hoff­nung. Bei den Wah­len 2021 gab es eine Par­tei, die bei 12% lag, eine Par­tei mit einem Clown als Kan­di­dat und die Par­tei, die den Grund zur Hoff­nung gab. Der Clown hat sich selbst ins Aus gelacht, die Par­tei der Hoff­nung wur­de mas­siv bekämpft, so dass letzt­end­lich die 12%-Partei mit dem Typ mit der Rau­te gewann. Die Pil­le­pal­le-Poli­tik wur­de fort­ge­setzt. Der Machen-Sie-sich-kei­ne-Sor­gen-Rau­te-Mann zer­stör­te ein Gesetz, das er in der Vor­gän­ger­re­gie­rung selbst mit aus­ge­ar­bei­tet hat­te. Es wur­de noch wärmer.

Das ist das Mus­ter. Es ist immer gleich. 

Es ist zu laut!

Einfach nicht mitmachen

Von mei­ner Frau wuss­te ich, dass sie in ihrer Fami­lie einen Wehr­machts­an­ge­hö­ri­gen hat­ten, der in Nor­we­gen Zivi­lis­ten erschie­ßen soll­te, den Befehl ver­wei­gert hat und selbst erschos­sen wurde.

Nun habe ich erfah­ren, dass ein Mit­glied mei­ner Fami­lie wegen Fah­nen­flucht erschos­sen wur­de. Kurz vor Kriegs­en­de war er eben­falls in Nor­we­gen nicht vom Aus­gang zurückgekehrt. 

Er war mit sei­ner nor­we­gi­schen Freun­din unter­ge­taucht. Er wur­de geschnappt und hin­ge­rich­tet. Was aus sei­ner Freun­din gewor­den ist, ist nicht bekannt. Viel­leicht haben sich die Wege mei­ner Fami­lie und der Fami­lie mei­ner Frau ja schon frü­her gekreuzt. Viel­leicht war ihrem Ver­wand­ten ja die Auf­ga­be zuge­dacht, die Freun­din mei­nes Ver­wand­ten zu ermor­den und er hat sich gewei­gert und ist selbst dafür gestorben.

Ich wüss­te gern mehr über die Umstän­de und Grün­de sei­ner Flucht, über die nor­we­gi­sche Fami­lie, die ein Kind ver­lo­ren hat.

In der Todes­nach­richt stand, dass Todes­an­zei­gen und Nach­ru­fe ver­bo­ten sind. Hier nun also sehr spät ein Nach­ruf für mei­nen Ver­wand­ten, der für sei­ne Lie­be gestor­ben ist. Er erscheint nicht in einer Zei­tung oder in einer Zeit­schrift, aber in dergleichen. 

Der Anfang vom Ende

Heu­te vor 34 Jah­ren war Micha­el Gor­bat­schow in Ber­lin. Zum 40 Geburts­tag der DDR. Eine gute Bekann­te von mir, die heu­te mei­ne Frau ist, hat­te irgend­wann 1989 eine Woh­nung bekom­men und einen Ter­min für die Ein­wei­hung gesucht. Da der 7.10. ein Fei­er­tag war und nie­mand von ihren Freun­den zu irgend­wel­chen der offi­zi­el­len Fei­ern gehen wür­de, hat­te sie den 7.10. gewählt. Am 07. Mai 1989 fan­den in der DDR Kom­mu­nal­wah­len statt (Wiki­pe­dia-Ein­trag zu die­sen Wah­len). Die Bür­ger­be­we­gung orga­ni­sier­te zusam­men mit der Kir­che eine flä­chen­de­cken­de Prä­senz bei den Aus­zäh­lun­gen. Das war im Wahl­ge­setz der DDR so vor­ge­se­hen. Der Beschiss fand bei der Zusam­men­füh­rung der Wahl­er­geb­nis­se auf Stadt­be­zirks- bzw. Bezirks­ebe­ne statt, wo dann ein Wahl­er­geb­nis von 98,85% für die Kandidat*innen der Natio­na­len Front (SED + Block­par­tei­en) her­aus­kam. Mei­ne Schwes­ter war bei den Aus­zäh­lun­gen in Buch dabei. Dort waren 70% der Wähler*innen für die Block­par­tei­en. Von der Kunst­hoch­schu­le in Wei­ßen­see ist auch bekannt, dass nur 50% der Wähler*innen dafür waren. Seit dem 7. Juni gab es des­halb jeden Monat Pro­tes­te der Oppo­si­ti­on an der Welt­zeit­uhr am Alex­an­der­platz. Es war klar, dass es am 7.10. eine Ter­min­kol­li­si­on gab. Gor­bat­schow in der Stadt. 40 Jah­re DDR. Jubel­fei­ern mit ein paar Sach­sen, die zum Fei­ern her­an­ge­karrt wor­den waren.

Hon­ecker fei­er­te im Palast der Repu­blik. Andrej Herm­lin trat dort auf. Er hat Hon­ecker gese­hen, als die Pro­tes­te von drau­ßen drin­nen wahr­ge­nom­men wor­den waren. Hon­ecker saß allein an einem Tisch. Herm­lin wuss­te da schon, dass das das Ende der DDR war. (Bericht in der taz, 07.10.2009) Wir waren auf dem Weg nach Hellersdorf.

Vie­le der Par­ty­gäs­te, die Freun­de von der Jun­gen Gemein­de, kamen erst kurz vor Zwölf. Sie waren am Alex­an­der­platz gewe­sen. Sie berich­te­ten von Was­ser­wer­fern, Poli­zis­ten mit Schutz­hel­men. Ich wuss­te von den Was­ser­wer­fern, aber nie­mand hat­te sie je gese­hen. Im Ein­satz gese­hen. Poli­zis­ten mit Schutz­hel­men gab es nur im Westfernsehen.

Wir saßen um ein klei­nes Küchen­ra­dio und ver­such­ten irgend­wie Infor­ma­ti­on zu bekom­men. Jede hal­be Stun­de Nach­rich­ten: SFB. Rias. Wie eine klei­ne Ver­schwö­rung. Mit der letz­ten U‑Bahn ver­ließ ich Hel­lers­dorf und war gegen 1:30 Uhr Schön­hau­ser Allee. An der Geth­se­ma­n­e­kir­che war alles abge­sperrt. Eine Poli­zei­ket­te stand in der Star­gar­der. Ich hat­te Befürch­tun­gen, dass ich mei­ne Woh­nung nicht mehr errei­chen wür­de. Aber ich kam unbe­hel­ligt an LKWs und Strei­fen­wa­gen vor­bei, sah noch drei voll besetz­te Mann­schafts­wa­gen in die Gleim­stra­ße ein­bie­gen und war dann im ret­ten­den Haus­ein­gang ver­schwun­den. Ich war sehr froh, dass ich da durch­ge­kom­men war, denn ich war noch in Buch gemel­det und wie hät­te ich der Staats­ge­walt erklä­ren sol­len, dass ich „da hin­ten“ in einer besetz­ten Woh­nung wohnte?