Gendern und Bewertungen von Arbeitsleistungen im akademischen Bereich

Vor­weg: 1) Ich gen­de­re. 2) Ich war eins der ers­ten Mit­glie­der in Prof. Dr. Gis­bert Fan­se­lows Gesell­schaft gegen den Erhal­tung der deut­schen Spra­che. Gis­bert hat­te auf einer Web-Sei­te „100 gute rea­sons gegen die pre­ser­va­ti­on von der deut­schen Spra­che“. Mit irgend­wel­chen Sprachpfleger*innen habe ich also nichts zu tun.

Da bei der Deut­schen Gesell­schaft für Sprach­wis­sen­schaft (DGfS) eine Sat­zungs­än­de­rung in Rich­tung gen­der­ge­rech­te Spra­che anstand, habe ich im DGfS-Forum einen Bei­trag geschrie­ben, den ich dann auch außer­halb ver­öf­fent­li­chen woll­te (Gen­dern, arbei­ten und der Osten). Ich habe erst dar­über nach­ge­dacht, den Blog-Bereich der HU dafür zu benut­zen, habe den Bei­trag aber dann auf die­sen Ost-Blog getan, weil die dar­un­ter­lie­gen­den Fra­gen auch etwas mit dem Osten zu tun haben. Ich woll­te eigent­lich gar nicht wei­ter zum The­ma schrei­ben, aber jetzt muss ich doch noch ein­mal. Auf Twit­ter und sonst wo kocht gera­de die Dis­kus­si­on über, ob man denn Prü­fungs­leis­tun­gen von Stu­die­ren­den anders bewer­ten kann oder soll, wenn die­se nicht gendern. 

Bei der Uni­ver­si­tät Kas­sel fin­det man fol­gen­de Anleitung:

Anlei­tung zum Bewer­tungs­kri­te­ri­um gen­der­ge­rech­te Spra­che der Uni­ver­si­tät Kas­sel, 27.02.2021

Hier stellt sich die Fra­ge, wie man mit den Gen­der-Mar­kern all­ge­mein umge­hen soll. Vor drei­ßig Jah­ren wur­de das Binnen‑I z.B. bei der taz und die gespro­che­ne Vari­an­te mit Glot­tal­ver­schluß bei Radio 100 ver­wen­det. Bei­des Avant­gar­de und Nischen­an­ge­bo­te. Ansons­ten kam es in ent­spre­chen­den Zir­keln vor, ver­ein­zelt auch an Uni­ver­si­tä­ten. Ich habe eine Leip­zi­ger Hoch­schul­zeit­schrift von 1992 mit Bin­nen-I-Bei­trag. Inzwi­schen ist das Binnen‑I bzw. das Gen­der­stern­chen im Main­stream angekommen. 

Harald Schmidt gen­dert im Kom­men­tar zur Lan­des­tags­wahl in Baden-Wür­tem­berg, 2021

Es wird im Tagespie­gel ver­wen­det, von Nachrichtensprecher*innen u.s.w. For­schungs­för­de­rungs­ein­rich­tun­gen wie die DFG ver­wen­den es schon meh­re­re Jah­re stan­dard­mä­ßig, Uni­ver­si­tä­ten geben Emp­feh­lun­gen für gen­der­ge­rech­tes Schrei­ben. Vor eini­ger Zeit hat Ulri­ke Win­kel­mann, die Chef­re­dak­teu­rin der taz, einen wei­sen Bei­trag dazu ver­fasst. In der taz gab es immer sone und sol­che. Man­che haben das Gen­dern abge­lehnt1, man­che haben dafür gekämpft. Die taz ist ein bun­ter Hau­fen und das ist auch gut so. Ulri­ke Win­kel­mann hat dafür plä­diert, das Gen­dern nicht vor­zu­schrei­ben und nicht zu erzwingen:

In dem Augen­blick, da eman­zi­pa­ti­ve Sprach­po­li­tik zu einer von einem „Oben“ gesetz­ten Norm wird – und vie­les sieht aktu­ell schon danach aus –, wird sie sich genau die­sem Vor­wurf aus­set­zen müs­sen: dass sie Wirk­lich­kei­ten kon­stru­iert, die vie­le nicht als die ihren begreifen.

Ulrikw Winckel­mann, Sprach­kri­tik darf kein Eli­ten­pro­jekt sein, taz, 06.02.2021

Ich den­ke, es ist wich­tig, zwei Din­ge zu unter­schei­den: 1) gibt es Insti­tu­tio­nen, die beschlos­sen haben, Gleich­stel­lungs­aspek­te adäquat zu berück­sich­ti­gen und in der Innen­kom­mu­ni­ka­ti­on und nach außen gen­der­ge­rech­te Spra­che zu ver­wen­den. 2) gibt es Bestre­bun­gen oder zumin­dest die Mög­lich­keit, gen­der­ge­rech­te Spra­che bei ande­ren zu erzwin­gen. 1) ist nor­mal und in Ord­nung, 2) ist nicht in Ord­nung. War­um nicht? 

Wenn man ver­sucht, Sprach­wan­del zu erzwin­gen, stößt man auf Ableh­nung, bei denen, die sol­che Ent­wick­lun­gen kri­tisch sehen oder sich eben ein­fach nicht umstel­len wol­len. Soll man sie ein­fach zwin­gen? Nein. Ich bin aus dem Osten. Damals war es üblich, zu Prü­fun­gen ein FDJ-Hemd anzu­zie­hen. Das war ein Bekennt­nis zum Staat, das von Prüf­lin­gen ver­langt wur­de. Wenn nun gesetz­te Gen­der­stern­chen in die Bewer­tung ein­flie­ßen sol­len, dann erin­nert mich das sehr stark an die­se Zeit. Es war eine wider­wär­ti­ge Zeit. Die Poli­tik war über­all drin. Ich hat­te als 13jähriger eine Auf­nah­me­prü­fung für die Erwei­ter­te Ober­schu­le Hein­rich-Hertz, eine Mathe­schu­le. Die Prü­fung bestand aus zwei Tei­len: einem Mathe­test mit Kno­be­lauf­ga­ben und einem poli­ti­schen Gespräch mit dem stell­ver­tre­ten­den Direk­tor. Der Mathe­test war kein Pro­blem, aber eine der Fra­gen im Auf­nah­me­ge­spräch war, ob ich drei Jah­re zur Armee gehen wür­de. Ich war 13 und hat­te noch nie dar­über nach­ge­dacht. Spon­tan fand ich die Vor­stel­lung nicht so pri­ckelnd. Ich bin des­we­gen abge­lehnt wor­den und nur dem enor­men Ein­satz mei­ner Eltern ist es zu ver­dan­ken, dass ich dann doch auf die­se Schu­le gehen konn­te. Und ich habe zuge­sagt, drei Jah­re zur Armee zu gehen. Wie das im DDR-Bil­dungs­sys­tem lief, kann man sehr gut in Klaus Kor­dons Buch Kro­ko­dil im Nacken nach­le­sen. Kor­don beschreibt ein Paar, das loy­al und posi­tiv zum Staat ein­ge­stellt ist, was sich in dem Moment ändert, als die Kin­der in die Schu­le kom­men und der Wider­spruch zwi­schen Rea­li­tät und Schul­un­ter­richt so groß wird, dass die Fami­lie einen Flucht­ver­such unter­nimmt. Der schei­tert. Fol­gen: Tren­nung der Fami­lie, Eltern ein­zeln im Gefäng­nis, Kin­der im Heim. Ich bin sehr froh, dass die­se Zeit vor­bei ist, dass mei­ne Kin­der nicht in der Schu­le drei Fächer mit dem­sel­ben Inhalt (Staats­bür­ger­kun­de, Ein­füh­rung in die sozia­lis­ti­sche Pro­duk­ti­on, Geschich­te) haben, in denen man irgend­wel­che Grund­sät­ze des Sozia­lis­mus aus­wen­dig ler­nen muss.

Ich den­ke, das Gen­der­stern­chen hat sich durch­ge­setzt oder ist zumin­dest kurz davor und wir soll­ten den Rest nicht erzwin­gen. Zumin­dest der Osten hat­te sol­chen Zwang schon und wir wür­den damit nur die noAfD stärken.