Wir sind kurz vor der Machtübernahme durch eine als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei in einem Bundesland. Wahrscheinlich wird der Kelch dieses Mal noch an uns vorübergehen, aber alle drehen jetzt schon mal durch. (Ich auch.) Die Wochenend-taz ist voller (guter) Beiträge zu Sachsen-Anhalt, aber es gibt auch – wie kurz nach der Wende von Eberhardt Seidel-Pielen in der taz – Vorschläge, dem Osten Subventionen zu kürzen, weil er wählt, wie er wählt. (N.B. Wenn man meint, dass niemand die AfD wählen sollte, dann wäre es angebracht, dafür zu sorgen, dass niemand sie wählen kann. Zum Beispiel, indem man sie verbietet …)
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem Stück von Harald Stutte mit dem Titel „Dem Westen reicht es irgendwann“. Ist eigentlich alles drin. Ich arbeite den Beitrag mal durch.
Über bald 37 Jahre hat man sich an die Dauerempörung Ost als Diktaturfolge und nunmehr folkloristisch-regionale Besonderheit gewöhnt – ohne sich angesichts verbesserter Beschäftigung, sanierter Infrastruktur und in Schuss gebrachter Innenstädte einen Reim darauf machen zu können.
Also, der Vergleichsmaßstab bei der Beschäftigung ist die DDR, in der es Vollbeschäftigung gab. Man kann nun sagen, dass die Ossis ja selbst Schuld sind, denn sie wollten (mehrheitlich) den schnellen Anschluss. Danach gab es große Entlassungswellen und Unsicherheit. Über 100.000 Wissenschaftler*innen wurden entlassen, Berufe existierten nicht mehr. Dass es Beschäftigung gibt, bedeutet nicht unbedingt, dass die Menschen mit dieser Beschäftigung zufrieden sind. Straßen wurden gebaut, Infrastruktur wurde saniert. Das stimmt. Aber es wurde auch ein großer Teil des Bahnnetzes zerstört. Die Innenstädte wurden mit Staatsgeld und dem Geld von Westlern saniert. Ohne wäre es wahrscheinlich nicht gegangen. Aber das Ergebnis ist, dass die Immobilien im Besitz von Westdeutschen sind. Das kann man in der Zeit von 2019 dazu lesen:
Das gilt nicht nur für Leipzig: Schon vor zwölf Jahren fanden Wissenschaftler heraus, dass 60 Prozent der privaten Vermieter von Dresdner Wohnungen in Westdeutschland leben. Laut Stichproben sei jeder vierte Eigentümer ostdeutscher Mehrfamilienhäuser in den alten Ländern zu Hause. Zahlen des Statistischen Bundesamtes ergeben, dass 45 Prozent der Westdeutschen ihre Wohnung selbst besitzen. Im Osten liegt der Anteil nur bei 31 Prozent, und er ist seit 15 Jahren nicht gestiegen. Im Ostsee-Badeort Binz sind westdeutsche Eigentümer in der Mehrheit: Wie der MDR vor vier Jahren berichtete, besitzen Menschen aus den alten Ländern dort 52 Prozent der Flurstücke. Wenn Ostdeutsche Immobilien besitzen, dann eher dort, wo sie wenig wert sind: auf dem Dorf, in den Kleinstädten, in den Randlagen. Der Durchschnittshaushalt in den alten Ländern verfügt über Immobilien mit einem Nettowert von 122.500 Euro, in den neuen Ländern sind es 50.900 Euro.
Daran sei die Bundesregierung mit schuld. Die Sonderabschreibung habe zwar dafür gesorgt, dass Städte rasch saniert worden seien. Aber sie habe wirtschaftspolitisch falsche Anreize gesetzt: “Mittel- und langfristig hat sie dem Osten überhaupt nichts gebracht.”
Warum nicht? “Sie hat zu einer Vermögensverschiebung geführt”, sagt Milbradt. “Ostdeutsche haben kaum profitiert, aber einige Westdeutsche haben ihr Vermögen vergrößert.” Natürlich, sagt er, galt die Sonderabschreibung auch für Ostdeutsche. Doch es kann nur derjenige etwas von der Steuer absetzen, der Steuern bezahlt. Viele Ostdeutsche aber fingen nach 1989 beruflich von vorne an.
[…]
Längst diskutieren wir darüber, dass Westdeutsche in Führungspositionen im Osten überrepräsentiert sind. Müssen wir nicht auch darüber diskutieren, wie Ostdeutschen zu Eigentum verholfen werden kann – so wie Westdeutschen einst zu Ost-Immobilien verholfen worden ist?
Der Prenzlauer Berg war kurz vor dem Zusammenbrechen. Er wurde unter erheblichem finanziellen Aufwand saniert. Nur: Dort wohnen keine Ossis mehr. 90% der Menschen, die dort leben, sind nicht mehr aus dem Osten. Weggentrifiziert. In der Urlaubsanlage an der Ostsee, in der wir Urlaub machen, arbeitet eine Frau aus dem Osten. Aber die Anlage gehört jemandem aus dem Westen. Man stelle sich einmal vor, wie das wäre, wenn über die Hälfte von Stuttgart, München oder Hamburg im Besitz von Ostdeutschen wäre. Eine merkwürdige Vorstellung, oder?
Anne Rabe zitiert zu diesem Thema ihren Freund den Historiker Patrice Poutrus mit dem Satz: „ist mir doch egal, ob mir ein Wessi die Miete erhöht oder einen Ossi.“ Das ist von beiden unglaublich naiv, denn die Miete fließt in den Westen. Dort wird sie versteuert und dort wird Vermögen aufgebaut oder das Geld ausgegeben (Mehrwertsteuer geht an Kommunen, Länder und Bund). Später wird das Vermögen im Westen vererbt. Die Erbschaftssteuer geht an das Bundesland, die Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung werden anteilig an Kommune, Bundesland und Bund verteilt. Das heißt, der Immobilienbesitz durch Westler führt zu Wohlstand im Westen. Ungleichheiten werden verstärkt. Selbiges trifft auf Firmenbesitz zu. Die großen Firmen haben ihren Sitz im Westen und zahlen dort Steuern. Ich habe darüber schon in Anne Rabe, die Prügelstrafe und Jugendwerkhöfe und die unglaubliche „tatsächliche Armut“ in der DDR geschrieben.
Weiter mit Suttes Text.
Für die große Mehrheit der Menschen im Westen ist und bleibt diese Bundesrepublik eine Erfolgsgeschichte, die sie mit Wohlstand, Sicherheit, Freiheit, Toleranz und Frieden verbinden.
Ja. Das liegt daran, dass Nazi-Deutschland im Westen die Demokratie zusammen mit dem Marshallplan geschenkt bekommen hat. Die Nazis durften in den höchsten Positionen weiter mitspielen. Allen ging es immer besser. Es gab das Wirtschaftswunder und die Westbindung. Im Osten hat eine kleine Minderheit ein friedliche Revolution angestoßen und hatte Glück, dass Gorbatschow und die DDR-Regierung die Panzer in der Garage gelassen haben. Diese Minderheit war gegen eine Wiedervereinigung nach dem Kohl-Plan, aber ihre Visionen waren nicht umsetzbar. Auch aus ökonomischen Gründen.
Die Ossis haben dann die Demokratie in einer traumatischen Umbruchsituation erlebt. Fast alle Führungspositionen wurden durch Westler besetzt und das hat sich in vielen gesellschaftlichen Bereichen auch nicht geändert, weil Eliten sich aus sich selbst rekrutieren (Mau, 2020). Interessanterweise finden aber dennoch im Osten genauso viele Menschen die Demokratie als Herrschaftsform gut, wie im Westen. Das wird für gewöhnlich in Kommentaren wie dem hier diskutierten unterschlagen.
Aber anders als im Osten scheint es in den alten Bundesländern bei den meisten noch immer ein Grundvertrauen in Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu geben. Dagegen ist im Osten nur knapp die Hälfte der Menschen mit dem Funktionieren der Demokratie zufrieden.
Darüber hatte ich bereits 2023 in Die Ossis sind mit der Demokratie nicht zufrieden. Ach wirklich? Und warum sind es die Wessis? geschrieben. Was bei all diesen Meldungen und Aussagen gekonnt verschwiegen wird, ist, dass auch Westler mit der Demokratie, so wie sie gerade ist, nicht zufrieden sind. Der Prozentsatz ist geringer, aber der Unterschied ist nicht so groß, dass er einen Aufschrei in den Medien rechtfertigen würde.
2023 waren 51% der Ossis mit der Demokratie, wie sie gerade läuft, zufrieden und 62% der Wessis.
Das hier ist das Ergebnis für die Frage, wie man die Demokratie als Idee findet und wie man die Umsetzung findet:
Repräsentative Bevölkerungsbefragung: Fallzahl n=4.005, repräsentativ für die deutschsprachige Wohnbevölkerung des Bundesgebiets ab 16 Jahren, 2025
Man kann sehr schön sehen, dass in Ost und West gleich viele Menschen sehr zufrieden oder eher zufrieden sind, nämlich 98%. Wenn es um das „Funktionieren der Demokratie“ geht, sind die Unterschiede auch nicht sehr groß: 38% in Westdeutschland sind unzufrieden und 49% in Ostdeutschland. Und jetzt liebe Wessis, passt ganz gut auf: Diese Werte sind eine Katastrophe: Denn die Ossis sind in der Gesamtbilanz nicht so wichtig, weil im Osten viel weniger Menschen leben. In einigen Jahren wird uns alles um die Ohren fliegen und zwar wegen der AfD-Wähler*innen im Westen.
Zum Vergleich hier die Daten von 2023:
Fallzahl n=4.003, repräsentativ für die deutschsprachige Wohnbevölkerung ab 16 Jahren des Bundesgebiets, 2023
Damals fanden 98% der Wessis die Idee der Demokratie prinzipiell gut, aber nur 96% der Ossis. Das bedeutet, dass sich in den letzten zwei Jahren die Zustimmung bei den Ossis um 2% erhöht hat und jetzt genauso hoch ist, wie bei den Wessis. Der Anteil der Ossis, die Demokratie als Herrschaftsform prinzipiell sehr gut finden, ist sogar von 60 auf 65% gestiegen. Damals waren 39% der Westdeutschen mit dem Funktionieren der Demokratie unzufrieden und 46% der Ostdeutschen. Das heißt, es sind 3% mehr Ossis unzufrieden. Man kann jetzt spekulieren, woran das liegt. Vielleicht an den versuchten Rentenreformen? Krankenversicherungen? Daran, dass der Bundeskanzler uns alle für eine Truppe arbeitsscheuer Faulenzer hält? Ich selbst bin auch unzufriedener. In Berlin hat Schwarz-Rot alles kaputt gemacht.
Teilnehmer*innen vom Puppentheater-Museum Berlin bei #unkürzbar Demonstration gegen Kürzungen in Berlin am Roten Rathaus. Dem Puppentheatermuseum wurden Zuschüsse für die Miete gestrichen. 22.02.2025
Hochschulverträge gebrochen, Mobilitätsgesetz nicht umgesetzt, Radinfrastruktur zurückgebaut. Wegener gibt fast 400.000€ für einen Truck und Teilnahme am CSD + Campagne aus, kürzt aber bei queeren Projekten (taz, 2026). Volksentscheide werden behindert, nicht umgesetzt. Die schwarz-rote Bundesregierung versucht, den Deutsche-Wohnen und Co-Enteigen-Volksentscheid auszuhebeln. Merz bezeichent 2 Millionen Menschen als linke Spinner.
Millionen „linke Spinner“ auf der Straße: Lichtermeer am Brandenburger Tor für Demokratie und gegen den Rechtsruck, vorn leuchtende Buchstaben: „Hope & Resistance“, Berlin, 25.01.2025
Ich bin nur ein Ossi und habe von Demokratie keine Ahnung, aber ich dachte immer, dass Demonstrationen ein Mittel sind, seine Meinung kundzutun. Eins der wenigen Mittel, die man hat, wenn gerade keine Wahl ansteht. Es wäre schön, wenn Politiker*innen das zur Kenntnis nehmen würden und vielleicht sogar dem Volkeswille entsprechend handeln. Die Demonstrierenden zu beschimpfen und dann mit der AfD gemeinsam einen Fünf Punkte für sichere Grenzen und das Ende der illegalen Migration zu verabschieden, ist so ziemlich das Gegenteil und kann zu Unzufriedenheit mit dem „Funktionieren der Demokratie in Deutschland“ führen.
Mit Reiche sitzt eine Gas-Managerin im Wirtschaftsministerium. Die Wissenschaftsministerin ist eine „Erfahrungsklimaforscherin“, die noch 2017 zum menschengemachten Klimawandel äußerte: „aber ich glaube nicht, dass wir diejenigen sind, die Schuld an irgendwas sind an dieser Stelle.“ usw.
Dagegen ist im Osten nur knapp die Hälfte der Menschen mit dem Funktionieren der Demokratie zufrieden. Von dort bis zur Bereitschaft, dieses System einer Alternative zu opfern, ist der Weg nicht weit.
Zwei Drittel im Westen sind jetzt auch nicht berauschend. Ich möchte zum wiederholten Male darauf hinweisen, dass es ein fataler Fehler ist, den Westen zu ignorieren und auf den Osten zu verweisen. Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft bekommen wir die Quittung dafür.
In Bremerhaven, wo über 60 Prozent der Wohngebäude sanierungsbedürftig sind, in Hamburg mit seinem besonders großen Sanierungsbedarf an Schulen oder in Nordrhein-Westfalen mit seinen zahlreichen maroden Brücken ballt manch einer die Faust in der Tasche.
OK. Bremerhaven, Hamburg, NRW. Alles Kommunisten, Linke und Sozialdemokraten, oder? Gucken wir mal nach:
In allen Regionen hat die AfD zwischen 2021 und 2025 ihre Ergebnisse verdoppelt. In Bremerhaven liegt sie bei 19,2%. 0,5% hinter der CDU als bereits drittstärkste Kraft. In NRW drittstärkste Kraft, nur 3,2 Prozent hinter der SPD. Meine Prognose ist, dass die AfD bei der nächsten Wahl zweitstärkste Kraft werden wird. Fragen? Ich habe welche! Das ist ein systematisches Versagen der Medien. Immer wieder. Über 35 Jahre. Langsam wird es ernst. Manche Medien wie die taz haben das begriffen und berichten seit einigen Jahren anders.
Hier zum Spaß noch Bayern: Die AfD ist in diesem reichen Bundesland zweitstärkste Kraft gleich nach der CSU.
Besser noch die Prognosen zur Landtagswahl:
CDU, AfD und Freie Wähler haben zusammen 70%. Allesamt rassistische und ausländerfeindliche Parteien. Der Chef der Freien Wähler ist ein Antisemit. Horst Seehofer wollte bis zur letzten Patrone gegen Migrant*innen kämpfen (Der Spiegel, 2015) und hat den Verfassungsschutzbericht zur AfD ändern lassen, weil einige der monierten Äußerungen auch von der CSU kommen (Süddeutsche Zeitung, 2022).
Und das sind die Prognosen für die nächste Bundestagswahl:
Prognosen zur Bundestagswahl aus dem August 2026. Bei allen Instituten liegt die AfD vor der CDU und ist stärkste Kraft.
Bei allen Instituten liegt die AfD vor der CDU und ist stärkste Kraft. Die Verhältnisse der letzten Bundestagswahl haben sich umgekehrt: Damals hatte die CDU 28% und die AfD 20. Jetzt hat die AfD 28 und die CDU 20%. Man beachte, dass der Osten dünn besiedelt ist. Das heißt bei Wahlergebnissen auf Bundesebene ist die Ostbevölkerung praktisch irrelevant. Man muss sich also fragen: Was ist passiert? Ist fast ein Drittel der (westdeutschen) Bundesbürger*innen jetzt zu Nazis geworden? Und für wen spricht Stutte, wenn er sagt, dass es „dem Westen“ irgendwann reicht? Lässt er die größte Wähler*innengruppe elegant unter den Tisch fallen?
Wer will mir hier noch irgendwas erzählen?
Der Osten leidet. Aber woran eigentlich? Erst an […], heute an […], an […], an […], an […]? Am fehlenden Verständnis für […], an […] und […], an […], an „Westmedien“?
Ja. Ich definitiv.
PS: Ein ehemaliger SPD-Politiker hat mir erzählt, dass im Ruhrgebiet ganze SPD-Ortsverbände zur AfD wechseln, wegen einem der drei Punkte oben. Aber hackt mal weiter auf dem Osten rum.
Schluss
Dass Menschen in Ost und West eine Nazi-Partei wählen, ist schrecklich. Das verhindert man aber nicht durch Drohungen oder Beschimpfungen in der Presse. Solche Artikel dienen nur der Rückversicherung, dass man selbst zu den Guten gehört und die anderen irgendwie komisch sind. Es ist Othering und somit etwas, dass man ja eigentlich als Guter ablehnt. Nur scheint das niemand zu merken.
Die Frage ist, was man tun kann. Herr Merz war ja angetreten, die AfD zu halbieren. Er hat sie verdoppelt. Sein Ansatz war also der falsche. Ich würde hier dem Soziologen Prof. Steffen Mau folgen, der Bürgerräte und mehr Beteiligung vorschlägt. Es gab in der Bundesrepublik schon immer einen Bodensatz von extrem Rechten: Republikaner, Schill-Partei, DVU, NPD, Heimat. Die wird es wahrscheinlich immer geben. Was zur Zeit passiert, liegt jedoch im Bereich darüber und ist gefährlich.
Die gesamte Bundesrepublik sollte über Politik und Politikstil nachdenken. Marco Bülow hat 2021 den Politik-Kodex entwickelt. Ziel ist die Verhinderung von Korruption und Lobbyismus und von Transparenz. Wenn dieser Politik-Kodex für alle Politiker*innen verbindlich würde, wäre viel gewonnen.
Vor sieben Jahren behauptete Anetta Kahane, dass die Auseinandersetzung mit dem Holocaust in der DDR weder auf systemischer noch auf individueller Ebene gewollt gewesen sei.
Im Osten war eine systemische und individuelle Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der Shoah nicht gewollt. Dies hätte zu Fragen nach Menschenrechten oder Minderheitenschutz geführt, die nur bei Strafe des Untergangs der DDR zu beantworten gewesen wären.
Sieben Jahre später weist ihr Neffe Leon Kahane in einem Interview in der Kunstzeitschrift Monopol darauf hin, dass es einen Universalismus gegeben habe, in dem der Holocaust mit den Morden an Kommunist*innen, Homosexuellen usw. gemeinsam behandelt wurde. Immerhin wird die Existenz des Gedenkens nicht ganz geleugnet, wie das bei Ines Geipel der Fall war. Ich habe Anetta Kahanes und Ines Geipels Aussagen von 2018 und 2019 im Blog-Post Der Ossi und der Holocaust diskutiert. Was will man gegen den Universalismus-Vorwurf sagen? Universalismus ist ein schönes Schlagwort dafür, dass sich die Kommunist*innen selbst gefeiert haben. Da war viel Propaganda dabei, aber letztendlich hatten die Menschen, die im Widerstand waren, auch das Recht dazu, stolz zu sein. Und es war nicht der Fall, dass der Völkermord an den Juden unter den Tisch gekehrt wurde, wie Anetta Kahane behauptet hat. Leon Kahane war an einer Ausstellung über jüdisches Leben in der DDR beteiligt. Er weiß, dass es über 1000 Bücher zum jüdischen Leben, zum Holocaust und zum Widerstand gab, dass es über 1000 Filme gab (zu den Details siehe Der Ossi und der Holocaust). Ausschnitte aus den Filmen konnte man in der Ausstellung sehen.
Übersicht der Filmsequenzen, die in der Ausstellung „Ein anderes Land – Jüdisch in der DDR“ gezeigt wurden, Jüdisches Museum, Berlin, 19.11.2023
Es gab dort auch ein Regal mit Büchern.
Bücher in der Ausstellung „Ein anderes Land – Jüdisch in der DDR“, Jüdisches Museum, Berlin, 19.11.2023
Ich habe über die Ausstellung in Ausstellung: „Ein anderes Land. Jüdisch in der DDR.“ geschrieben. All die Aufarbeitung und Auseinandersetzung und das Gedenken wird ignoriert und abgetan, indem man behauptet, die Kommunist*innen hätten sich nur selbst gefeiert.
Das Interview mit Leon Kahane ist in einer Interviewreihe der Zeitschrift Monopol erschienen, zu der auf der Seite steht:
Es ist Teil der Reihe „Osten vom Westen“, für die Kage als in Westdeutschland Aufgewachsener Gespräche mit Kulturschaffenden führt, die ihre Karrieren noch in der DDR begonnen haben.
Diese Aussage ist lustig, denn Kahane war zum Fall der Mauer 4 Jahre alt. Er wird damals noch im Buddelkasten Sandförmchen gebastelt haben. Aber vielleicht waren die von besonderem künstlerischen Wert. Kahane ist also in derselben Generation wie Anne Rabe und die Aussagen auch von ähnlicher Qualität. Ich gehe einfach mal einige Statements durch.
USA und Israel Faschisten?
In der DDR hatte man den Faschismus in Gänze überwunden. Die neuen Faschisten verortete man in Israel und in Amerika und hat so relativ nahtlos an zentrale ideologische Elemente des Nationalsozialismus anknüpfen können und sie insofern auch nicht aufarbeiten müssen.
Also die USA waren ganz klar der Klassenfeind. Sie waren Kapitalisten und Imperialisten. Das wurde uns so vermittelt (meine Schulzeit dauerte von 1974–1986, auch während der Armeezeit gab es Politunterricht). Faschismus war etwas anderes, jedenfalls habe ich nie von solch einer Gleichsetzung gehört.1 Die Sache mit Israel ist komplex. Die Sowjetunion hat Israel nach der Staatsgründung sofort anerkannt.2 Es gab in Israel linke Traditionen und Bewegungen (Kibbuzim), weshalb die Hoffnung bestand, dass sich Israel dem Ost-Block anschließen würde. Ab der Stellungnahme Ben-Gurions zum Koreakrieg (1950–1953) war klar, dass Israel auf U.S.-Seite stand und die Blocklogik ergab dann, dass Israel auch Klassenfeind war. Das hat erst mal nichts mit Antisemitismus zu tun, auch wenn das gern in einen Topf geworfen wird.3 Ein lustiges Gedankenexperiment ist es, sich auszumalen, was passiert wäre, wenn Israel sich dem Ostblock angeschlossen hätte. Würde man dann alle, die das kritisieren, als Antisemiten bezeichnen? Oder nicht? Wenn nicht, warum nicht?
Die Lager, die auf dem Gebiet der späteren DDR waren, haben eine Universalisierungs-Erzählung, die den Fokus ganz stark auf die kommunistischen Widerständler legt, auf die Selbstbefreiung und so weiter. Die Juden hatten dort, über die ganze DDR hinweg, eigentlich keinen Raum. Und das ist etwas, was gerade wieder Konjunktur hat.
Diese Aussage ist falsch. Die Morde an den Juden kamen im Film vor, der in Buchenwald allen Besucher*innen gezeigt wurde. Siehe dazu den Wikipedia-Eintrag zum Film O Buchenwald bzw. den Blog-Post Der Ossi und der Holocaust. Während viele Westdeutsche noch nie ein KZ gesehen haben, war der Besuch eines KZs in der DDR für Schüler*innen Pflicht. Der Buchenwald-Film wurde den Besucher*innen der Gedenkstätte gezeigt. Er ist noch heute gelegentlich bei kommentierten Vorführungen zu sehen. Unabhängig davon, ob die Morde an Juden in den Gedenkstätten vorkamen, gibt es eine überwältigende Anzahl von Dokumenten und Ehrungen, die zeigen, dass sie im Alltag der DDR immer wieder thematisiert wurden. Ich verweise wieder auf Der Ossi und der Holocaust zum Geschichts- und Literaturunterricht, zu Straßennamen, zu Plastiken im öffentlichen Raum, Briefmarken, Büchern, Filmen usw.
Zeuge mag das völlig zerlesene Exemplar von Nackt unter Wölfen sein, das ich 2025 fotografiert habe.
Nackt unter Wölfen von Bruno Apitz, Ausgabe 1958, Privatbesitz in Ferienquartier, fotografiert 2025
Die vorliegende Ausgabe ist von 1958 und es waren damals bereits 330.000 Exemplare verkauft.
Nackt unter Wölfen von Bruno Apitz, Impressum Auflage 330.–369. Tausend
Zu den relevanten Textstellen siehe Literaturunterricht. Nackt unter Wölfen erschien in 30 Sprachen und erreichte eine Gesamtauflage von mehr als zwei Millionen. Ebenfalls beim Literaturunterricht findet man eine Ballade von Johannes R. Becher: Die Kinderschuhe aus Lublin (youtube). Becher war Kulturminister in der DDR, er war Kommunist, kein Jude und hat die Ermordung jüdischer Kinder trotzdem zu seinem Thema gemacht. Die Ballade wurde in der DDR im Literaturunterricht behandelt. Es gab einheitliche Lehrpläne für das ganze Land. Leon Kahane kann das im Gegensatz zu Anetta Kahane nicht aus eigener Erfahrung wissen, aber wenn er solche Thesen vertritt, hat er die Pflicht sich mit dem Thema zu beschäftigen.
Der Wiederaufbau der Neuen Synagoge
Der Interviewer Jan Kage behauptet in einer Frage über die Zeit nach der Wende:
Und gleichzeitig gab es ein neues jüdisches Leben, auch eine jüdische Immigration, darunter viele, die aus Osteuropa hier nach Berlin kamen. Die Synagoge wurde wieder in alter Pracht aufgebaut. Es gab einen Aufbruch.
Was dabei unerwähnt bleibt, ist, dass die Grundsteinlegung für den Wiederaufbau der Synagoge am 10. November 1988 stattfand. Einen Tag nach dem 50. Jahrestag der Reichspogromnacht. Ein Jahr vor dem Fall der Mauer. Kahane war da drei Jahre alt. Laut Zeitzeugen waren Keramikwerkstätten der DDR mit der Anfertigung von Ziegeln für die Synagoge in der entsprechend benötigten Form beschäftigt. Unter anderem die Werkstatt von Hedwig Bollhagen und die Keramikwerkstadt der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle.
Bild mit Erich Honecker. Bildbeschriftung: „Symbolische Grundsteinlegung für den Wiederaufbau der Neuen Synagoge, Berlin, 1988“, „Zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome begann 1988 der Wiederaufbau der Synagoge in der Oranienburger Straße mit der symbolischen Grundsteinlegung. Die SED-Führung verfolgte damit außenpolitische und ökonomische Interessen: Sie wollte durch eine veränderte Erinnerungspolitik die Beziehungen zu den USA verbessern. Doch sie reagierte auch auf ein verändertes Bewusstsein in der Bevölkerung. In dieser Zeit wurden Ausstellungsprojekte und Publikationen zur Erinnerung an die Verbrechen in der NS-Zeit zu jüdischen Themen realisiert. Mahnmale und Gedenktafeln wurden errichtet, FDJ-Mitglieder pflegten jüdische Friedhöfe.“ „Mit Dankbarkeit möchte ich gegenüber dem Staatsratsvorsitzenden und dem Hohen Haus erklären, dass die Entscheidung über den Wiederaufbau der „Neuen Synagoge“ in der Hauptstadt Berlin im Verband der Jüdischen Gemeinden in der DDR und unter allen Bürgern jüdischen Glaubens mit großer Freude aufgenommen wurde. Viele ausländische Glaubensgenossen haben uns dazu beglückwünscht und verstehen diese Entscheidung als Zeugnis für lebendiges jüdisches Gemeindeleben in der DDR. Siegmund Rothstein (1925–2020), Gedenkrede auf der Sondersitzung der Volkskammer der DDR zum bevorstehenden Jahrestag am 9. Novemebr 1988“, Ausstellung „Ein anderes Land – Jüdisch in der DDR“, Jüdisches Museum, Berlin, 19.11.2023
Wahlerfolge der AfD und Transformationserfahrungen im Osten
Kahane sagt zu den Wahlerfolgen der AfD in den neuen Bundesländern:
Warum wird in den sogenannten „neuen Bundesländern“ so viel AfD gewählt? Meines Erachtens hat das mehr mit der versäumten Aufarbeitung zu tun als mit der Transformationserfahrung der Wende.
Ja, lieber Leon Kahane. Das ist Deine Geschichte und auch die von Anne Rabe. Und die von Ines Geipel und von Deiner Tante. Sie wird von West-Medien gerne gedruckt, weil sie so schön entlastend ist. Denn, wenn es die Transformationserfahrungen wären, dann wäre der Westen mitschuldig. Wäre es aber eine mangelnde Aufarbeitung oder, wie bei Anne Rabe behauptet, irgendwelche Gewalterfahrungen oder bei Pfeiffer das gemeinsame Sitzen auf dem Töpfchen im Kindergarten (Decker, 1999), dann könnte man die Ossis irgendwie pathologisieren, als anders abtun und das Problem externalisieren. Man braucht dann noch ein bisschen Hufeisentheorie dazu, damit man erklären kann, warum so viele Ossis erst Die Linke gewählt haben und nun AfD wählen. Das macht leider aber keinen Sinn, weil Bodo Ramelow ein lieber Sozialdemokrat ist (Thüringen hatte einen Ministerpräsidenten von Der Linken) und seine Ansichten absolut inkompatibel mit denen des hessischen Nazis Björn Höcke sind.
Nazi punks fuck off!
Leon Kahane schreibt:
In der DDR gab es einen Widerstand gegen den von oben angeordneten Antifaschismus, der sich in einer symbolischen Hinwendung zum Rechtsradikalismus ausdrückt. Zum Beispiel Punks, die Landser gehört haben.
Leon Kahane
Ja, lieber Leon, als sich Landser gegründet haben, warst Du sechs Jahre alt. Das war nämlich 1991. Aber sie waren erst 1992 dann unter dem Namen Landser unterwegs. Also drei Jahre nach der Wende und zwei Jahre nach DDR. Kann schon mal passieren. Bei diesen ganzen Szenen und Bands kennt sich ja keiner aus. Aber eins stimmt: Es gab ganz sicher einen oder anderthalb Punks die rechtsextreme Musik gehört haben. Ich hatte selber eine Kassette mit Titeln wie „Töte deinen Nachbarn“ und „Mein goldener Schlagring“ in der Hand.4 War nicht so meins. Ansonsten: Die Punks haben von den Skinheads aufs Maul bekommen. Die Punks waren links. 1987 gab es den Überfall von Naziskins aus Ost und West auf ein Konzert der Punk-Band Die Firma in der Zionskirche. Es gab eine Antifa, die sich als Selbstverteidigungsgruppe gegen die Naziskins gebildet hatte. Es gab 1983 den Versuch einer Kranzniederlegung durch Ost-Berliner Punks im KZ Sachsenhausen. Das wurde von der Stasi vereitelt. Die Punks nahmen den Kranz wieder mit und legten ihn an der Mahnwache für die Opfer des Faschismus Unter den Linden ab. Die antifaschistische, pazifistische Band Die Firma hatte einen Song mit der Zeile: „Wir müssen weg von der Mitte! Wo ist der Weg von der Mitte?“ und es gab einen Song „Der Faschist“. Gefahrenzone hatte das Lied Glasnost, in dem sie sich auf Russisch an Michael Gorbatschow wandten. Die ganze Punk-Musik-Szene ist recht gut in Lutz Schramms Paroktimumswiki beschrieben. Lutz Schramm hat von den Bands Tapes bekommen und hat auch Bands wie Gefahrenzone im DDR-Radio gespielt, gegen die in den 80ern Zersetzungsmaßnahmen der Stasi liefen. Auf tape attack kann man die in der DDR produzierten Kassetten runterladen. Zum Beispiel Papierkrieg: Noch nie hat eine Diktator seine Volksabstimmung verloren. Politisch. Antifaschistisch. Links. Der Song Der Schoß ist fruchtbar noch enthält die Zeile „Lasst nicht zu, dass sechs Millionen umsonst gestorben sind.“.
Es gab verschiedene Teilszenen. Zum Einen gab es die Punks die innerhalb der Kirche Rückzugsräume fanden, weil der Staat Kirchengelände respektiert hat. Auf Kirchengelände konnten Punk-Gruppen proben und es gab Festivals wie das Erlösafestival in der Erlöserkirche. Die Punks arbeiteten in der Kirche von Unten zusammen. Undenkbar, dass die Pfarrer Nazis gefördert hätten. Staatsfeindliche Lieder waren aber bei Konzerten auf Kirchengelände durchaus zu hören („Deshalb erheb’ ich meine Hand gegen mein Vaterland.“). Die Stasi stand draußen drum rum und hörte interessiert zu. In den Bands waren IMs. Gegen Ende der DDR gab es eine Liberalisierung und Punk-Bands bekamen einen Einstufung (Spielerlaubnis, man konnte nicht einfach irgendwie Musik machen). Das waren die so genannten anderen Bands. Von denen waren viele auch staatskritisch und verloren auch temporär oder für immer ihre Auftrittsgenehmigung (Freygang, Herbst in Peking). Herbst in Peking widmeten einen Song Leo Trotzki („dem Mann, den wir wählen würden, wenn wir wählen könnten“).
Nach der Wende kandidierten Anarchisten aus dem Umfeld von Freygang, Firma, Ich Funktion und auch Feeling B als Autonome Aktion Wydoks für die Volkskammer. Nix Nazis.
Zur Musik, die wir hörten, gehörten die Dead Kennedys und deren Lied: Nazi punks fuck off. Das wurde von Lutz Schramm auch im DDR-Jugendradio DT64 gespielt.
Ein bisschen was ist aber dran, an Deiner Antwort. Der „Gau-Leiter“ von Berlin war der Sohn eines Parteikaders. So sagte man. Das war die maximale Rebellion.
Listen von Juden? Um Gottes Willen!
Kage fragt:
In der jüdischen Community der DDR waren viele Kommunisten und Sozialisten. Sie waren also säkular. Zur kognitiven Dissonanz gibt es eine Anekdote von Gregor Gysi, dessen Vater Klaus ein paar Jahre Kulturminister der DDR war, und der auch aus einer jüdischen Familie stammt. Als Ägypten und Syrien 1973 Israel überfielen, der Jom-Kippur-Krieg, gab es ein Statement der SED, in dem die israelische Aggression verurteilt wurde. Dieses sollten alle jüdischen Personen des öffentlichen Lebens in der DDR unterschreiben. Und der Sohn fragte den Vater, der die Shoah überlebt hatte und der von diesem Staat überzeugt war, woher die denn wüssten, dass sie jüdisch sind. “Haben die Listen?” Wie war das jüdische Leben in der DDR organisiert?
Ich weiß nicht, warum Gysi die Geschichte erzählt, aber die Antwort war ganz klar: Ja, es gab Listen, denn die Menschen, die KZs oder sonst wie Verfolgung durch die Nazis überlebt hatten, waren als Verfolgte des Naziregimes registriert (auch mein Großonkel) und bekamen eine höhere Rente, konnten früher in Rente gehen und so weiter.
Dies gilt im Prinzip auch für die von der Deutschen Wirtschaftskommission (DWK) am 5. Oktober 1949, d.h. zwei Tage vor der Gründung der DDR, erlassenen »Anordnung zur Sicherung der rechtlichen Stellung der anerkannten Verfolgten des Naziregimes«, die künftig den Eckpfeiler der Wiedergutmachung in der DDR bildete: Sie gewährte anerkannten Opfern des Faschismus Alters- und Arbeitsunfähigkeitsrenten, besondere Berücksichtigung bei der Wohn- und Gewerberaumvergabe, ausreichende Versorgung mit Hausrat, umfassende Leistungen zur gesundheitlichen Rehabilitierung sowie besondere Studienbeihilfen für ihre Kinder. Im Februar 1950 erlassene Richtlinien regelten den Kreis der Berechtigten. In der detaillierten Auflistung standen zwar die politisch Verfolgten, insbesondere diejenigen, die aktiv gegen das NS-Regime gekämpft hatten, an der Spitze, doch waren die an zwölfter Stelle genannten rassisch Verfolgten dabei materiell-rechtlich nicht diskriminiert. Allerdings waren die Ansprüche auf solche anerkannten Opfer des Faschismus beschränkt, die auf dem Territorium der SBZ/DDR lebten – 1949 sollen es etwa 50 000 gewesen sein.
Goschler, Constantin. 1993. Paternalismus und Verweigerung — Die DDR und die Wiedergutmachung für jüdische Verfolgte des Nationalsozialismus. In Benz, Wolfgang (ed.), Jahrbuch für Antisemitismusforschung, vol. 2. Frankfurt/Main: Campus-Verlag.
Aber unabhängig davon hatte der Staat Listen über alles Mögliche. Die DDR war ein Überwachungsstaat mit einem enorm aufgeblähten Geheimdienst und Netz von inoffiziellen Mitarbeitern (ehm, hüstl, vielleicht auch IM Gregor und ganz sicher IM Victoria, SCNR).
Letztendlich waren die Personen, die zu Stellungnahmen gedrängt wurden, Personen des öffentlichen Lebens, die sich untereinander gekannt haben dürften und die sicher voneinander wussten, warum sie im KZ gewesen waren oder wo sie in der Emigration gewesen waren.
Die Erklärung, die jüdische Bürger der DDR zu einem Krieg in der Region abgegeben haben, bezog sich auf den Sechstagekrieg. Ich habe sie in der Ausstellung fotografiert, an der auch Leon Kahane beteiligt war (siehe unten). Der Sechstagekrieg fand 1967 statt. Der Jom-Kippur-Krieg dann 1973. Jan Kage sagt richtig über den Jom-Kippur-Krieg, dass Ägypten und Syrien Israel angegriffen haben. Aber um diesen Krieg ging es überhaupt nicht, sondern eben um den Sechstagekrieg von 1967. Ägypten war mit 1000 Panzern und 100.000 Soldaten an den israelischen Grenzen aufmarschiert. Israel hatte dann in einem Präventivschlag die ägyptische Luftwaffe am Boden zerstört und danach, da die Gegner ohne Absicherung aus der Luft waren, große Gebiete eingenommen. Darunter die Golanhöhen, den Gaza-Streifen, die Sinai-Halbinsel, das West-Jordanland und das politisch und religiös wichtige Ostjerusalem. Die folgende Karte gibt einen Überblick über die eroberten Gebiete:
Gebietsgewinne Israels im Sechstagekrieg. Quelle: Wikipedia Hoheit CC-BY-SA
Die Frage von Jan Kage war falsch gestellt. Sie enthält mehrere Fehler. Leon Kahane hätte das auffallen müssen und er hätte den Interviewer auf den Fehler hinweisen müssen. Der hätte das leicht korrigieren können, ohne dass wir es gemerkt hätten, denn es war ja kein Fernsehinterview. Die Frage macht historisch betrachtet überhaupt keinen Sinn: Warum sollte die SED Jüd*innen zu einem Brief anregen, wenn andere Länder Israel überfallen? Beim Sechstagekrieg war die Lage dagegen anders: Israel hatte einen Präventivschlag geführt und im Ergebnis des Krieges große Gebiete neu besetzt. Ein Land, das zum anderen Block gehörte. Das konnte man schon mal verurteilen. So funktionierte das Blockdenken damals.
Es bleibt leider nur der Schluss, dass weder Interviewer noch Interviewter sich mit der zugegebenermaßen komplexen Materie auskennen.
Mythos Antifaschismus?
Leon Kahane antwortet:
Was ich zu diesem „Sich-Verhalten“ sagen kann: Es gab tatsächlich eine Unterschriftenliste, ein Statement jüdischer Bürger der DDR, das viele Künstler, Journalisten und Schriftsteller verweigert haben zu unterschreiben. Einer davon war mein Großvater. Dieses Statement war in seiner ganzen Sprache hochgradig antisemitisch. Auch, dass man das im Namen der jüdischen Bürger verfasst hat, erinnert mich an einige offene Briefe der Gegenwart. Das Verständnis des Judentums war in der DDR extrem verkümmert. Auf der anderen Seite waren Biografien wie die meiner Großeltern unheimlich wichtig für den Mythos der DDR als antifaschistischem Staat. Und somit auch, um nicht über das Verhältnis zur NS-Nachfolgegesellschaft nachdenken zu müssen. Dieser Missbrauch hat sicherlich auch für Privilegien gesorgt. Aber diese Privilegien waren vergiftet und hatten einen Preis. Man kann sich vielleicht vorstellen, wie prekär das jüdische Leben war und wie sehr es an eine politische Botschaft der DDR gebunden war. Sowas kann immer sehr schnell kippen.
Leon Kahane
Also: Leon Kahane war der Meinung, dass in der DDR von den USA als faschistischem Staat gesprochen wurde. Andererseits spricht er vom „Mythos der DDR als antifaschistischem Staat“. Das heißt, er ist der Meinung, dass die DDR nicht antifaschistisch war. Was denn dann? Ich bin verwirrt. Ich bin mein ganzes Leben antifaschistisch erzogen worden. Alle Kinder der DDR waren in KZs. Ich war acht Mal in Buchenwald (bei den Weimartage der FDJ, bei einer Klassenfahrt), ich war in Auschwitz (im Rahmen eines Schulaustauschs mit einer Partnerschule in Polen), ich war in Sachsenhausen (im Rahmen der Jugendstunden meiner POS). Straßen, Schulen waren nach Antifaschist*innen benannt, wir hatten antifaschistischen Stoff in Musik, in Geschichte, in Literatur (z.B. haben wir Nackt unter Wölfen gelesen. Ein Buch über Buchenwald, in dem auch der Mord an den Juden thematisiert wurde und Die Frühlingssonate, eine Erzählung, in der es um die Morde von SS und Wehrmacht an den Kiewer Juden in Babyn Jar ging (33.000 Menschen in 48 Stunden). Zu den Details siehe Der Ossi und der Holocaust). Nur ein Mythos? In Wirklichkeit waren doch alle Faschisten? Wohl kaum. Die Herrschenden (Nicht-Juden und im Gegensatz zum Westen auch Juden) hatten auch im KZ gesessen oder waren gerade noch rechtzeitig Richtung Osten oder Westen geflohen. Man kann bzw. muss die Kommunisten schrecklich finden, den Überwachungsstaat, die Zersetzungsmaßnahmen gegen die Opposition usw. aber man kann nicht behaupten, dass sie keine Antifaschisten gewesen seien. Die Behauptung, dass es in der DDR keine Nazis gab, kann man wohl ins Reich der Mythen verbannen. Es gab sogar neue und oft waren es Bonzenkinder, die die extremste Form der Abgrenzung von ihren Eltern wählten. In der DDR gab es auch eine Antifa, die nicht staatlich war (Ich habe am 4.11.89 im Antifa-Block demonstriert.). Auch Antisemitismus gab es in der DDR. Nachwendeumfragen ergaben aber einen viel, viel geringeren Grad an Antisemitismus als im Westen (Emnid-Umfrage von 1991: 4% vs. 16%, siehe Dahn, 1997). Die Behauptung, dass die DDR nazifrei gewesen sei, wäre nicht richtig, aber ein antifaschistischer Staat war sie sehr wohl.
Prekäres jüdisches Leben?
Kahane schreibt: „Aber diese Privilegien waren vergiftet und hatten einen Preis. Man kann sich vielleicht vorstellen, wie prekär das jüdische Leben war und wie sehr es an eine politische Botschaft der DDR gebunden war.“ Nein. Ich kann mir nicht vorstellen, wie prekär das jüdische Leben war. Ich habe extra noch einmal nachgesehen, was prekär bedeutet: prekär in Wikipedia. Juden waren in der DDR als Verfolgte des Naziregimes (zu Recht) privilegiert. Wie auch die Kahanes: Max Kahane, von 1965–1968 Chefkommentator der Parteizeitung Neues Deutschland, Doris Kahane, Staatskünstlerin mit Aufträgen in Indien. Die Kahanes waren 100%ig von der Sache der DDR überzeugt und genossen auch schon dadurch weitere Privilegien (Reisefreiheit zum Beispiel, auch Anetta Kahane war zu DDR-Zeiten in den Westafrika und Mosambik.). In Der Ossi und der Holocaust liste ich andere jüdische Menschen aus Wissenschaft, Kultur und Politik auf, die in der DDR angesehen waren und das gesellschaftliche Leben prägten. Das schreibt Goschler (1993) zur materiellen Absicherung der Opfer des Faschismus:
Dort gelangte nun die alte Trennung von »Kämpfern« und »Opfern« wieder zu neuen Ehren und wurde nun auch mit materiellen Konsequenzen gewürdigt: Kämpfer, die das um fünf Jahre herabgesetzte Pensionsalter erreicht hatten oder invalide waren, sollten eine Ehrenpension in Höhe von monatlich 800 Mark erhalten, für Opfer waren demgegenüber lediglich 600 Mark vorgesehen. Sofern Juden also nicht Träger der »Medaille für Kämpfer gegen den Faschismus 1933–1945« waren, mußten sie sich mit dem minderen Status und entsprechender Pensionsberechtigung des Opfers begnügen. Mau muß dabei allerdings hervorheben, daß die Höhe der Ehrenpensionen gemessen an DDR-Normalrenten exorbitant hoch war; bis 1989 waren die Ehrenpensionen auf 1800 Mark für »Kämpfer« bzw. 1600 Mark für »Opfer« angestiegen.
Goschler, Constantin. 1993. Paternalismus und Verweigerung — Die DDR und die Wiedergutmachung für jüdische Verfolgte des Nationalsozialismus. In Benz, Wolfgang (ed.), Jahrbuch für Antisemitismusforschung, vol. 2. Frankfurt/Main: Campus-Verlag.
Diese Ehrenpension gab es zusätzlich zu der normalen Rente aus er Sozialversicherung. Nur zum Vergleich: 1989 betrug das Stipendium 200 Mark. Man konnte davon bequem leben, denn Grundnahrungsmittel waren sehr billig. Miete kostete 30 Mark. Es wurde den Bezieher*innen dieser Renten nahegelegt, diese nicht in Bankfilialen abzuholen, um keinen Neid zu erregen.
Sicher, wenn man sich zum Staatsfeind entwickelte, dann bekam man Probleme. Da gab es aber keine Unterschiede zwischen Juden und Nicht-Juden. Die Zersetzungsmaßnahmen der Stasi waren für alle gleichermaßen unschön. Ansonsten war es auch nicht schlimm, wenn man die Ehrenpension nicht bekam, denn in der DDR konnte man auch von normalen Einkommen und Renten leben. Und wegen des möglichen Entzugs von Privilegien rumzujammern, finde ich schon etwas … nun ja schräg.
Übrigens stand neben dem Statement in der Ausstellung, dass viele Jüd*innen es nicht unterschrieben haben. Darunter Peter Edel, Stefan Heym, Lin Jaldati und Arnold Zweig. Wie Leon Kahane anmerkt, hat wohl Max Kahane auch nicht unterschrieben. Max Kahane hat noch 1970 den Vaterländischen Verdienstorden in Gold bekommen und 1974 eine Spange dazu. Auch Peter Edel und Lin Jaldati wurden noch nach 1967 mit hohen Auszeichnungen geehrt. Wenn man im Osten in Ungnade gefallen war, bekam man keine Orden mehr. Zu Max Kahanes Nicht-Unterschrift gibt es unten noch weitere Gedanken.
Die Erklärung jüdischer DDR-Bürger*innen zum Sechstagekrieg
Das ist die Erklärung der jüdischen DDR-Bürger. Ich habe sie in maximaler Auflösung hochgeladen. Wenn man das Bild anklickt, kann man den Text lesen.
Erklärung jüdischer Bürger*innen aus der DDR zu Israels Agieren im Sechstagekrieg vom 09.06.1967 im Zentralorgan der SED Neues Deutschland
Kahane sagt: „Dieses Statement war in seiner ganzen Sprache hochgradig antisemitisch.“ Die geneigte Leserin möge das Statement selbst lesen. Es befindet sich in Gänze im Anhang. Zu Beginn steht: „Als Bürger der Deutschen Demokratischen Republik jüdischer Herkunft erheben wir unsere Stimme, um feierlich die Aggression zu verurteilen, der sich die herrschenden Kreise Israels gegen die arabischen Nachbarstaaten schuldig gemacht haben.“ Das Statement bezieht sich auf die Regierung, nicht auf die Israelis oder Jüd*innen an sich. Es stellt auch nicht das Existenzrecht Israels in Frage. Es wird lediglich darauf hingewiesen, dass die Staatsgründung nicht nach dem vorgesehenen UN-Plan erfolgte. Die Behauptung zur Gründung Israels ist nicht korrekt. Israel hatte sich selbst gegründet. Die Palästinenser und die umgebenden Staaten (Ägypten, Syrien, Jordanien und Irak) griffen Israel an. Das Ergebnis des Palästinakrieges war aber, dass Gebiete, die den Palästinensern zugedacht waren, dann 1949 israelisch besetzt waren. Und zwar laut Selter (2020) 75% des gesamten Gebietes. Nur der Gaza-Streifen ging an Ägypten und das West-Jordanland an Jordanien. Ansonsten geht es in der Erklärung um die Gebietsbesetzung 1967, die im vorigen Abschnitt beschrieben wurden.5 Zum Schluss der Erklärung wird darauf hingewiesen, wie dieser Konflikt beendet werden kann: „Frieden im Vorderen Orient wird es nur geben, wenn die Regierung Israels ihre imperialistische Politik aufgibt und endlich zu einer Politik der guten Nachbarschaft und der Achtung der Interessen der arabischen Völker findet.“. Es geht also ganz klar um gute Nachbarschaft. Das Existenzrecht Israels wird nirgends in Frage gestellt. Die 1967 besetzten Gebiete habe ich oben verlinkt. Die geneigte Leser*in möge den Links folgen und die in Wikipedia aufgelisteten UN-Resolutionen und völkerrechtlichen Einschätzungen zur Kenntnis nehmen. Erst 2024 stellte der Internationale Gerichtshof wieder fest, dass das Westjordanland unrechtmäßig besetzt ist (tagesschau, 19.07.2024).
Also: Diese Erklärung richtete sich gegen die Politik der israelischen Regierung und ist auch nach der Definition der IHRA, die ich im Folgenden diskutiere, nicht antisemitisch.
Antisemitismus nach der Definition der IHRA
Im weiteren Verlauf des Interviews wiederholt Jan Kage den falschen Bezug auf den Jom-Kippur-Krieg und behauptet ebenfalls, das Statement dazu sei antisemitisch gewesen:
Von hier bis zu der Debatte nach dem Jom-Kippur-Krieg in der DDR: Immer wieder kommen diese antisemitischen Klischees hoch.
Jan Kage
Diese Sache ist schwierig, aber wenn man sich gegen Kriege äußert, ist das noch lange nicht antisemitisch. Es kann antisemitisch sein, auch können an sich nicht antisemitische Äußerungen aus einer antisemitischen Motivation heraus getätigt werden, aber Statements gegen einen Krieg sind nicht automatisch antisemitisch. Man kann sich das anhand der aktuellen Entwicklungen in Gaza klarmachen. Es ist absolut legitim, gegen diesen Krieg zu sein. Ich habe Freunde in Israel, die jede Woche gegen die Netanjahu-Regierung protestieren.
Nurit auf dem Workshop on large-scale grammar development and grammar engineering, Open University Haifa, Zikhron Ya’akov, 24.06.2015
Nurit hat ihre Nichte beim Massaker der Hamas verloren. Sie war 17 und hat in der Wüste getanzt. Dennoch ist Nurit und ihre Familie gegen den Krieg (Times of Israel, 20.03.2024) und sie demonstrierte schon vor dem 7. Oktober 2023 jede Woche gegen die rechtsextreme israelische Regierung. Ist sie antisemitisch? Bin ich antisemitisch, wenn ich denke wie sie? Wohl kaum.
„Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden, die sich als Hass gegenüber Jüdinnen und Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.“
Um die IHRA bei ihrer Arbeit zu leiten, können die folgenden Beispiele zur Veranschaulichung dienen:
Erscheinungsformen von Antisemitismus können sich auch gegen den Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, richten. Allerdings kann Kritik an Israel, die mit der an anderen Ländern vergleichbar ist, nicht als antisemitisch betrachtet werden. Antisemitismus umfasst oft die Anschuldigung, die Juden betrieben eine gegen die Menschheit gerichtete Verschwörung und seien dafür verantwortlich, dass „die Dinge nicht richtig laufen“. Der Antisemitismus manifestiert sich in Wort, Schrift und Bild sowie in anderen Handlungsformen, er benutzt unheilvolle Stereotype und unterstellt negative Charakterzüge.
Das ist eine sinnvolle Definition mit einer sinnvollen Erklärung. Es ist nicht so, wie oft behauptet wird, dass diese Definition Kritik an Israel unmöglich machen würde. Jede Kritik an Israel würde aber sofort antisemitisch werden, wenn man behaupten würde, dass Israel Gaza nur deshalb plattgemacht hat, weil die Menschen in Israel Juden sind.
Also nochmal: Die DDR war gegen Israel, weil Israel Teil des kapitalistischen Blocks war. Das steht auch sehr klar in diesem Brief.
Nurit hat mir übrigens davon erzählt, wie für den Krieg gegen die Menschen im Gaza-Streifen argumentiert wird. Es wird behauptet, in Gaza gäbe es keine Unschuldigen. Schließlich hätten die Menschen in Gaza ja die Hamas gewählt. Eine solche Argumentation ist rassistisch und rechtsextrem, denn: Die letzten Wahlen waren 2006. Wer weiß, was Menschen heute denken? Wer weiß, was sie über den aktuellen Konflikt denken? Und was ist mit Kindern? Und unabhängig davon: Muss man die Menschen dann erschießen? Interessant wird es, wenn man dieselbe Logik auf Israel anwendet, denn das würde bedeuten, dass es in Israel keine Unschuldigen gibt und man die Israelis alle erschießen könnte, denn eine Mehrheit von ihnen hat ja Netanjahu gewählt bzw. eine der Koalitionsparteien. Oder sind all diejenigen, die aktiv gegen den Krieg sind oder ihn auch nur passiv ablehnen ausgenommen? Und was ist mit den Deutschen? Was ist mit meinem Großonkel? Ist er schuld? Der Mann aus dem anderen Teil der Familie, der einem Juden ein Bahnticket gekauft hat und zur Flucht über Wladiwostok, Japan in die USA verholfen hat? Was ist mit uns, den Nachkommen? Bin ich raus, weil mein Großonkel im KZ saß? Das wäre merkwürdig, denn für meinen Großonkel kann ich nichts. Man kommt da in sehr schwierige Bereiche. Die Alliierten haben nach dem Krieg die Vorstellung von Kollektivschuld sehr schnell aufgegeben. Es ist nicht gerechtfertigt, ein anderes Volk so zu behandeln, wie es Israel derzeit tut. Durch nichts.
Nurit hat ihre Nichte verloren. Ein junges Mädchen, das getanzt hat. Bis früh um 7:00, bis die Terroristen kamen. Bei der Aushandlung des Waffenstillstands gab es drei Haltungen von Menschen aus Opferfamilien. Manche Eltern (wenige) waren der Meinung, ihre Kinder sollten auf keinen Fall ausgetauscht werden, denn auf diese Weise kämen nur Palästinenser frei, die weiter morden würden (Wartime Diaries, 2024). Eine zweite Gruppe war der Ansicht, dass nur solche Menschen ausgetauscht werden sollten, die nicht zu den Mördern vom 7.10.2023 gehörten. Eine dritte Gruppe war dafür, dass das keine Rolle spielen sollte. Nurit und ihre Familie gehörte zur dritten Gruppe. Ich bewundere sie dafür. Dieser Konflikt muss beendet werden. Der Hass muss ein Ende haben, die Spirale der Gewalt. Es geht nur, in dem beide Seiten sagen: Wir hören auf. Jetzt!
Die Ansichten von Max Kahane
Ein letzter Punkt noch hierzu: „das viele Künstler, Journalisten und Schriftsteller verweigert haben zu unterschreiben. Einer davon war mein Großvater.“ In einem Interview von Wera Herzberg, auf das ich weiter unten noch eingehen werde, berichtet diese von ihrer Mutter Ursula Herzberg, die Staatsanwältin in der DDR war, dass diese niemals etwas Kritisches gegenüber Israel gesagt oder unterschrieben hätte. Bei Max Kahane war das anders (Dank an Peer, der das rausgesucht hat):
Für Menschen ohne DDR-Verständnis: Für das Statement der jüdischen Bürger der DDR gab es vielleicht einen Druck zum Unterschreiben von offizieller Seite. Anders war das für das obige Dokument: Max Kahane war die offizielle Seite (aus erster Hand). Was gedruckt wurde, war abgewogen. Auch wenn der Artikel das suggeriert, wurden keine spontanen Antworten, die vielleicht Minuten später bereut wurden, dokumentiert. Die Presse war in der Hand des Staates. Die CDU war eine gleichgeschaltete Blockpartei (Ulbricht Mai, 1945: „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“, Leonhard, 1955). Was Max Kahane hat drucken lassen, war seine Meinung und die des Staates und der Tenor dieser kurzen Meldung ist der gleiche wie der des Briefes der jüdischen Bürger*innen: Israel ist ein imperialistischer Agressor. Antisemitisch? Hängt von der Definition und deren Anwendung ab. Siehe oben. Antiimperialistisch? Ganz sicher. Bei Professor Eisler handelte es sich wohl um Hanns Eisler, ebenfalls ein Jude.
Die Stellungnahme der jüdischen Bürger*innen erschien im Neuen Deutschland. Propagandistisch hätte es überhaupt keinen Sinn ergeben, wenn der Chefkommentator des Neuen Deutschlands einen Brief von unabhängigen jüdischen Bürger*innen mit unterzeichnet hätte. Es war klar, dass das, was im Neuen Deutschland erscheint, die offizielle Meinung der SED-Staatsführung war und somit identisch mit der des Chefkommentators. Solche Briefe und Stellungnahmen waren dazu da, der restlichen Bevölkerung zu zeigen, was Intellektuelle und Künstler*innen von einer bestimmten Sache halten. Also: Leon Kahane kann sich nichts darauf einbilden, dass sein Großvater das aus Leon Kahanes Sicht antisemitische Statement nicht unterschrieben hat. Vielleicht war das Statement ja doch nicht antisemitisch?
Nazis auf den mittleren Ebenen?
Jan Kage fragt:
Auch in der DDR hat man nach 1945 weder Richter noch Staatsanwälte oder Lehrer – diesen ganzen Mittelbau aus Beamten – ausgetauscht. Das ging nicht, weil man nicht schnell genug nachausbilden konnte. Stattdessen tauschte man die Führungsebene aus. Und von hier konnte man dann gut vom Osten auf den Westen zeigen. Wir sind die Guten und da drüben bei Adenauer sitzen die Faschisten. Und in Österreich auch. Waren die jüdischen Leute in der DDR Kronzeugen für diese eigene antifaschistische Erzählung?
Leon Kahane widerspricht dem nicht, aber die Aussage ist einfach falsch. Es gab nach dem Krieg die sogenannten Neulehrer. Ich kenne persönlich einen Latein/Kunst-Lehrer, der Mitglied der NSDAP gewesen war und nach dem Krieg nicht arbeiten durfte. Das steht im Wikipedia-Eintrag zu den Neulehrern:
Wurden im ersten Schuljahr noch einige Lehrer mit nationalsozialistischer Vergangenheit geduldet, so wurden die Richtlinien für den Verbleib im Schuldienst schrittweise verschärft. In den westlichen Besatzungszonen konnten einige Lehrer mit zweifelhaftem Hintergrund nach sogenannten „Entbräunungskursen“ ab 1947 wieder in den Schuldienst eintreten, während in der sowjetischen Besatzungszone das Neulehrerprogramm so umfangreich gestaltet wurde, dass große Teile der bisherigen Lehrerschaft von den rund 40.000 Neulehrern ersetzt wurden. Obschon die alte Lehrerschaft die Qualität einer höchstens einjährigen Umschulung anzweifelte, war aufgrund des zumeist akademischen Hintergrundes der Neulehrer das Ergebnis hinreichend gut und ermöglichte den sonst im Nachkriegsdeutschland aufgabenlosen Berufen eine feste Anstellung. Die große Mehrzahl der Neulehrer blieb auf Dauer im Schuldienst tätig.
Auch die Behauptung bezüglich der Juristen ist nicht richtig. Die Mutter von André Herzberg (Dem Sänger der Rockband Pankow, die auch in der Ausstellung vorkam) war Staatsanwältin in der DDR. Sie hatte nach dem Krieg und der Rückkehr aus dem Exil einen Crash-Kurs zur Juristin absolviert. Ihre Tochter Wera Herzberg hat über ihr Leben ein Theaterstück gemacht und schreibt dazu in der Berliner Zeitung:
In Leicester, wo sie lebte, hat sie meinen Vater kennengelernt und viele andere jüdische Emigranten aus Deutschland. Sie trat in die Kommunistische Partei ein und ging 1947 zurück nach Deutschland, nach Berlin-Steglitz, wo sie bei Freunden wohnen konnte. Und dann bekam sie die Chance, einen Kurzlehrgang im Fach Jura zu besuchen. Das war in Potsdam und damit verbunden war die Aufforderung, in den sowjetisch besetzten Teil Deutschlands zu ziehen.
[…]
Warum ist sie zurückgegangen?
Meine Mutter ist 1942 in die Kommunistische Partei eingetreten, und hatte tatsächlich einen Auftrag. Aber sie hat auch daran geglaubt, dass sie in diesem Deutschland etwas ändern kann. Und der erkennbare Antifaschismus im Ostteil war für sie etwas Gutes. Zudem tat sich dort für sie ein riesiges Berufsfeld auf, weil alle Nazi-Juristen entlassen wurden.
Hat Ihre Mutter später noch Jura studiert?
Sie sollte, aber sie hatte dann schon drei Kinder, hatte sich von meinem Vater scheiden lassen. Es war für sie nicht zu stemmen. Sie hat dann auf mittlerer Ebene als Staatsanwältin gearbeitet, war auch mal Jugendstaatsanwalt, aber eigentlich war ihr Gebiet die Wirtschaftskriminalität, auch Diebstähle und so etwas.
Peer hat mich auf Haferkamp & Wudtke (1997) hingewiesen. In dieser Fachveröffentlichung zur Richterausbildung in der DDR kann man Folgendes lesen:
Hinzu kamen die rigorosen Entnazifizierungspläne der Sowjets. In Befehl Nr. 49 der SMAD vom 4. September 1945 wurde angeordnet, daß „bei der Durchführung der Reorganisation des Gerichtswesens sämtliche frühere Mitglieder des NSDAP aus dem Apparat der Gerichte und der Staatsanwaltschaft zu entfernen sind, ebenso Personen, welche an der Strafpolitik unter dem Hitlerregime unmittelbar teilgenommen haben.“ Von den etwa 2400 im Mai 1945 im Justizdienst tätigen Richtern und Staatsanwälten hatten knapp 80 % das Parteibuch der NSDAP. Schon im Oktober 1945 führte eine erste Entlassungswelle in der SBZ zur Entfernung von 811 Richtern, das entsprach etwa 90 % der NS-belasteten Richter. Bis 1948 erhöhte sich diese Zahl auf 905, damit betrug die verbliebene Belastung in der Richterschaft im September 1948 4,8 %. Zu Erreichung des Mindestsolls für die Einrichtung einer funktionsfähigen Justiz fehlten Ende 1945 bereits etwa 40 % der Richter. Die örtlichen Kommandanten versuchten, die Lücke durch sog. „Richter im Soforteinsatz“ zu schließen. Regional unterschiedlich übernahmen juristisch halb- oder ungebildete Kommunisten und „bewährte Antifaschisten“ die Rechtsprechung. Ende 1945 waren etwa 25 % der Richter „im Soforteinsatz“.
Haferkamp, Hans-Peter & Wudtke, Torsten. 1997. Richterausbildung in der DDR. forum historiae iuris. Quellen für die Einzelaussagen siehe dort.
Die Behauptungen von Jan Kage sind also plain wrong und es ist eine Schande für Leon Kahane, dass er sie unwidersprochen stehen lässt.
Ehm, davon unabhängig bleibt der Rest von Kages Frage natürlich wahr: „Und von hier konnte man dann gut vom Osten auf den Westen zeigen. Wir sind die Guten und da drüben bei Adenauer sitzen die Faschisten.“ Die Führungsebene war ausgetauscht und die Faschisten saßen im Westen. Hans Globke zum Beispiel. Globke war Mitverfasser der Nürnberger Rassengesetze und rechte Hand Adenauers. Die Organisation Gehlen war der Vorläufer des BND und wurde von Nazis aufgebaut. Alles so Sachen, die man schlecht wegdiskutiert bekommt. Ich habe auch für KZ-Mannschaften oder Deutsche Christen, die die Bibel von jüdischen Einflüssen befreien wollten, Verbleibsstudien angestellt. Die Schwerverbrecher sind bis auf sehr wenige Ausnahmen alle in den Westen oder über die Rattenlinie (von der katholischen Kirche bzw. US-Geheimdiensten organisiert) nach Argentinien oder in die arabische Welt geflohen. Auch von den im Osten lebenden christlichen Antisemiten sind viele in den Westen gegangen. Siehe Nazis im Westen, Nazis in der SED und Das SS-Lagerpersonal von Buchenwald und (Ost-)Deutsche Christen in Ost und West.
Antisemitismus?
Ich möchte einen Punkt noch einmal klar machen: Israel begeht Menschenrechsverletzungen. Der Antisemitismusvorwurf ist eine Immunisierungsstrategie: Jede Kritik an Israel wird sofort als Antisemitismus geblockt. Zum besseren Verständnis vielleicht hier ein Beispiel für solche Strategien aus den Materialien der Amadeu-Antonio-Stiftung, die Leon Kahanes Tante Anetta Kahane geleitet hat. In der Erklärung antisemitischer Codes wird neben Rothschild, Rockefeller, George Soros, Mark Zuckerberg und Bill Gates noch Anetta Kahane genannt.
Als bescheidener Mensch würde ich, wenn ich für eine solche Broschüre verantwortlich wäre (Anetta Kahane leitete die Stiftung bis 2022), dafür sorgen, dass mein Name aus dieser Liste verschwindet, selbst wenn die Aussage wahr wäre. Davon abgesehen: Anetta Kahane mag sich als Ausländerbeauftragte und auch im Kampf gegen Antisemitismus verdient gemacht haben, sie spielt aber in einer gaaaaaanz anderen Liga als Rockefeller, Soros, Zuckerberg und Gates. In einer ganz anderen. So anders, dass es schon weh tut. Die Aufnahme des eigenen Namens in eine solche Liste ist der Versuch der Immunisierung: Alle die Anetta Kahane kritisieren, handeln antisemitisch, wenn man die Kriterien von Anetta Kahane zugrundelegt.
Zeitzeugen
Leon Kahane gehört wie Anne Rabe zur Dritten Generation Ost. Die beiden sind fast gleich alt. Anne Rabe hat in einer Podiumsdiskussion mit Simone Schmollack auf die Frage, wie sie denn über die DDR schreiben könne, wenn sie zur Wende erst drei Jahre alt war, geantwortet, dass Umberto Eco ja auch nicht im Mittelalter gelebt, aber dennoch über diese Zeit geschrieben habe. Das ist wohl wahr, aber im Gegensatz zu Anne Rabe konnte man Umberto Eco bisher keine groben Schnitzer in seinem Roman nachweisen. Im Gegensatz zur Nachkriegsgeneration und zur DDR-Generation können die jüngsten Vertreter*innen der Dritten Generation Ost nichts oder sehr wenig über ihre Zeit in der DDR sagen, dafür aber einiges über die Nachwendezeit und das Leben mit ihren vom Umbruch betroffenen Eltern. Wenn Sie sich dennoch zu Themen äußern, die den DDR-Alltag betreffen, müssen sie sich genauso aufwendig in die Materie einarbeiten, wie Menschen aus dem Westen. Sie brauchen Quellen und müssen ihr Wissen systematisieren. Leon Kahane hat offensichtlich keine Ahnung von den Subkulturen in der DDR und leider auch nicht von der Geschichte der DDR nach dem Krieg (Neulehrer) und der Geschichte Israels (Sechstagekrieg vs. Jom-Kippur-Krieg). Sonst hätte er seinem Interviewpartner widersprechen müssen. Genau so hat Anne Rabe keine Ahnung von Amokläufen oder Polizeistatistiken. Allgemein nicht mit dem wissenschaftlichen Arbeiten. Rabe und Kahane kommen aus systemtreuen Familien, weshalb ihnen selbst das Wissen über den DDR-Untergrund aus zweiter Hand aus den Familien fehlt. Ihre Aussagen sind also mit Vorsicht zu genießen und sollten von interessierten Journalist*innen verifiziert werden. Damit kann man Peinlichkeiten wie das vorliegende Interview und auch eine Preisvergabe an ein schlechtes Buch vermeiden.
Zusammenfassung
Zusammengefasst: Auch Israelis können Rassisten sein, auch Israelis können das Völkerrecht brechen und Menschenrechtsverletzungen begehen. Und Anetta Kahane und ihr Neffe können Unfug über den Osten verbreiten. Dass man zu einer diskriminierten Minderheit gehört, bedeutet nicht, dass man unfehlbar ist. Um es mit Funny van Dannen zu sagen: Auch lesbische schwarze Behinderte können ätzend sein!
Das ganze Interview ist mal wieder ein Ärgernis und letztendlich auch ein Beitrag zur Förderung des Faschismus, auch wenn das Jan Kage und Leon Kahane jetzt wehtun mag. Die Berichterstattung über den Osten ist seit über 35 Jahren auf ähnlichem Niveau. Das hat zur Folge, dass die westdeutschen Leitmedien im Osten nicht mehr konsumiert werden (Fromm, 2021), dass weite Teile der ostdeutschen Gesellschaft nicht mehr am Diskurs teilnehmen und dann ihre Informationen aus diversen Schmuddelkanälen auf Telegram und sonstwo bekommen. Warum sollten sie Geld bezahlen, um Falschinformationen über sich zu lesen? Warum sollten sie Menschen aus dem Westen zuschauen, die über sie sprechen? Oder Menschen aus dem Osten, die keine Ahnung haben, wie die DDR war und Thesen verbreiten, die zu dem passen, was Menschen aus dem Westen hören wollen? Diese Menschen zurückzuholen dürfte schwer werden. Vielleicht ist es bereits zu spät.
Anhang: Vollständige Erklärung jüdischer Bürger der DDR zum Sechstagekrieg
Das steht in der Erklärung:
Als Bürger der Deutschen Demokratischen Republik jüdischer Herkunft erheben wir unsere Stimme, um feierlich die Aggression zu verurteilen, der sich die herrschenden Kreise Israels gegen die Nachbarstaaten schuldig gemacht haben. Wir fühlen uns berechtigt und verpflichtet, unsere Stimme zu erheben, denn wir Bürger der DDR, in der der Antisemitismus ausgerottet und für Antisemiten kein Platz ist, die wir selber unter den Verfolgungen des Hitlerfaschismus schwer gelitten haben, beklagen ebenso wie viele Bürger Israels den Verlust zahlreicher Familienangehöriger, gemordet von den deutschen Imperialisten. Wenn die Regierung Israels sich anmaßt, im Namen der Juden zu sprechen, so sei festgestellt, daß die erdrückende Mehrzahl der Juden außerhalb Israels lebt und dieses nicht als ihren Staat betrachtet. Sympathien, die in der Welt den durch den Hitlerfaschismus und Antisemitismus geschundenen Juden entgegengebracht werden, sollen zur Tarnung imperialistischer Interessen missbraucht werden.
Es ist die Tragik der jüdischen Bevölkerung Israels, dass die Machthaber dieses Staates eine Politik betreiben, dies sich in den Dienst der strategischen Interessen imperialistischer Großmächte am Suezkanal und an den arabischen Ölquellen gestellt hat.
Leider trifft das nicht nur auf das Jahr 1967 zu. Schon die Geburt des Staates Israel ist behaftet mit Wortbruch und Annexion. Die Resolution der UNO vom November 1947 zur Bildung eines arabischen und eines jüdischen Staates auf dem Gebiet des damaligen Palästina wurde gebrochen. Unter Mißachtung der UNO-Festlegung wurde von den reaktionären Kreisen der Staat Israel gegründet, der 80 Prozent des Territoriums des ehemaligen Palästina okkupierte. Viele Hunderttausende arabische Menschen wurden mit Waffengewalt brutal aus Heimat, Haus und Hof durch die israelische Großbourgeoisie vertrieben. So wie die USA-Imperialisten die Bundesrepublik zur Speerspitze gegen die Völker Europas ausbauten, so wurde Israel zur zur Speerspitze gegen die arabischen Völker auserkoren. Diese Israel zugedachte Rolle zeigte sich besonders deutlich im Jahre 1956, als Israel, gefolgt von den imperialistischen Großmächten Ägypten überfiel. Die jetzigen Machthaber Israels, die das Brandmal der Aggression von 1956 auf ihrer Stirn tragen, kommandieren auch die Aggression von 1967, wie das Beispiel des Kriegsministers Dayan beweist. Dayan hat auch an der Aggression des USA-Imperialismus gegen Vietnam teilgenommen und sie in Wort und Schrift verherrlicht.
Nach allen schrecklichen Lehren der Vergangenheit genügte es den Machthabern Israels nicht, ein verhängnisvolles und unnatürliches Bündnis mit dem Imperialismus einzugehen, sondern darüber hinaus arbeiten sie noch offen mit den Nazimördern des jüdischen Volkes, mit den westdeutschen Imperialisten in Bonn, auf das allerengste zusammen. Systematisch haben die westdeutschen Imperialisten seit vielen Jahren das israelische Aggressionspotential durch gewaltige Waffenhilfe, durch die Ausbildung militärischer Kader in den Kasernen der Nazigenerale und den Aufbau einer Kriegsproduktion in Israel mitgeschaffen. Die verächtliche Charakterlosigkeit dieser Komplicenschaft fand bekanntlich auch ihren Ausdruck während des Eichmann-Prozesses, als durch geheime Vereinbarungen zwischen den Regierungen Bonns und Tel Avivs der millionenfache Mörder Globke und andere Antisemiten, die im westdeutschen Staat entscheidende Positionen einnehmen, gedeckt wurden. Es liegt uns am Herzen, vor der Fortsetzung der Politik der Israelischen Regierung zu warnen, zu warnen vor der herausfordernden Haltung des Eroberers, wie sie zu bekunden der israelische Außenminister Abba Eban gerade in jenem Augenblick für richtig befand, als er sich dem UNO-Sicherheitsrat stellte, von dem die erregten Völker den Beschluß zur Beendigung der Kampfhanlungen erwarteten. Als „den schönsten Tag in seinem Leben“ bezeichnete derselbe Außenminister den Tag des militärischen Angriffs gegen Ägypten, die Invasion in den unbestreitbaren Gebietsbesitz fremder Völker.
Wir sind in tiefer Sorge um das Schicksal der Bevölkerung Israels, unter der wir zahlreiche Freunde und Verwandte besitzen. Die imperialistische Politik richtet sich gegen deren Interessen, und sie selbst sind Opfer dieser Politik. Das alte Erbe aus der englischen Kolonialherrschaft, die Schürung der Gegensätze zwischen Arabern und Juden, wird jetzt ausgenutzt, um den geführten Angriff als Verteidigung zu maskieren.
Mit unserer Regierung gemeinsam verlangen wir DDR-Bürger jüdischer Herkunft die Einstellung der Aggression und die sofortige Rücknahme der israelischen Truppen hinter die Linie, von der aus sie die Kriegshandlungen begonnen haben.
Es ist die Politik der Aggression, welche die Existenz Israels aufs Spiel setzt und das Leben all seiner Bürger aufs schwerste gefährdet. Wer auf der Insel lebt, soll sich das Meer nicht zum Feind machen! Frieden im Vorderen Orient wird es nur geben, wenn die Regierung Israels ihre imperialistische Politik aufgibt und endlich zu einer Politik der guten Nachbarschaft der arabischen Völker findet.
Goschler, Constantin. 1993. Paternalismus und Verweigerung – Die DDR und die Wiedergutmachung für jüdische Verfolgte des Nationalsozialismus. In Benz, Wolfgang (ed.), Jahrbuch für Antisemitismusforschung, vol. 2. Frankfurt/Main: Campus-Verlag.
Neulich hatte ich ja mal geguckt, wo die Nazis aus dem KZ Lichtenburg und die Nazis aus Buchenwald abgeblieben sind. Durch einen taz-Artikel über den Wahrsager Max Moecke (taz, 25.09.2025), der in Pirna-Sonnenstein ermordet wurde, bin ich auf diesen Ort gekommen und habe dann mal nachgeschaut, wo die Nazis nach Kriegsende hingegangen sind und was aus ihnen geworden ist. Der Wikipediaeintrag für Pirna-Sonnenstein listet folgende Personen auf, die für Euthanasie-Verbrechen im Rahmen der Aktion T4 (13.720 psychisch kranke und geistig behinderte Menschen wurden in Sonnenstein mit Giftgas ermordet) oder Morde an politischen Gegnern zuständig waren. Ich bespreche im Folgenden erst Pirna-Sonnenstein. Danach gibt es noch einen Nachtrag zur Tötungsanstalt in Brandenburg.
Die Aktion T4 wurde 1941 von Hitler beendet und das Schloss Sonnenstein anders verwendet, aber einige der Nazis, die T4 bis dahin umgesetzt hatten, mordeten dann in den Vernichtungslagern weiter. Die folgenden Personen werden im Zusammenhang mit den Vernichtungslagern genannt:
1947 gab es in Dresden einen Prozess (Dresdner Ärzteprozess), in dem Hermann Paul Nitsche (seit 1940 einer der medizinischen Leiter der Krankenmordaktion) und zwei Sonnensteiner Pfleger wurden zum Tod verurteilt. Außerdem gab es Haftstrafen, die 1956 bei einer Amnestie erlassen wurden. In Wikipedia kann man zu dem Prozess lesen:
Der Dresdener Prozess gilt als einer der frühesten Versuche der deutschen Justiz zur juristischen Aufarbeitung der NS-Krankenmorde. Er fand unter Oberhoheit der sowjetischen Besatzung statt, Rechtsgrundlage war das Kontrollratsgesetz Nr. 10, das unter anderem die Bestrafung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorsah.[6]
Zwischen dem 16. Juni und dem 25. Juni wurden die Angeklagten und die Zeugen in öffentlichen Sitzungen vernommen.[7] Durch die Medien fand der Prozess in der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit. Die Sächsische Zeitung berichtete täglich über den Verlauf des Prozesses.[8]
Am 7. Juli 1947 wurde das Urteil verkündet.[9] Die Staatsanwaltschaft hatte zwar elfmal die Todesstrafe beantragt, jedoch wurde sie nur viermal ausgesprochen. Besonders bei den Krankenschwestern fielen die Urteile meist geringer aus als gefordert wurde. Einzelne Angeklagte, darunter der Hauptangeklagte Alfred Schulz sowie der Leiter der KinderfachabteilungArthur Mittag, hatten sich zuvor suizidiert resp. Suizidversuche begangen, an deren Folgen sie verstarben. Im März 1948 wurden die Todesurteile in Dresden vollstreckt, nachdem eine Revision gegen das Urteil mit Beschluss des Oberlandesgerichts Dresden vom 27. September 1947 als unbegründet verworfen worden war.[10]
Ich zitiere das hier, damit man sehen kann, dass es im Osten Aufarbeitung gab, dass es Todesurteile gab, die vollstreckt wurden, dass es Medienbegleitung gab. In entsprechenden Veröffentlichung wird immer wieder behauptet, dass es in der DDR keine Aufarbeitung und keine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus gab. Die Wahrheit ist, dass es in bestimmten Bereichen die ersten Prozess gab und dass die DDR auch bei der Errichtung von Gedenkstätten dem Westen bis zum Schluss weit voraus war.
Texttafel: „Die SED betrachtet den Aufstieg des Nationalsozialismus als eine Folge des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Mit der Etablierung des «Arbeiter- und Bauernstaates» und seines planwirtschaftlichen Systems sieht sie den Faschismus als endgültig überwunden an. Geschichtspolitisch stellt sich die Partei in die Tradition des kommunistischen Arbeiterwiderstands gegen den Nationalsozialismus (NS). An Orten ehemaliger Konzentrationslager wird daher vor allem an prominente Kommunisten wie Ernst Thälmann erinnert, während andere Opfergruppen, allen voran Juden:Jüdinnen, in den Hintergrund gerückt werden. Die drei großen «Nationalen Mahn- und Gedenkstätten» Buchenwald, Sachsenhausen und Ravensbrück werden jährlich von Hunderttausenden besucht. Da es in der Bundesrepublik zu jener Zeit keine vergleichbaren gesamtstaatlichen Institutionen zur Erinnerung an den NS-Terror gibt, wird der Umgang mit ihnen ab 1990 wichtig für die Herausbildung der heutigen Gedenkstättenlandschaft.“ Museum Utopie und Alltag, Eisenhüttenstadt, 07.08.2025
Jetzt noch einmal eine alphabetische Liste aller Personen, die ich in Wikipedia finden konnte, und deren Verbleib nach 1945.
Kurt Borm (2001, Suderburg, Niedersachsen, Borm verheimlichte seine Identität und wurde in Schleswig-Holstein leitender Arzt. Erst 1962 wurde er verhaftet, dann aber aus der Untersuchungshaft entlassen. „Am 6. Juni 1972 sprach ihn das Gericht frei. Borm habe zwar objektiv Beihilfe zur Tötung von mindestens 6652 Geisteskranken geleistet, jedoch könne ihm nicht nachgewiesen werden, dass er schuldhaft gehandelt habe, da ihm „unwiderlegbar das Bewusstsein der Rechtswidrigkeit“ seines Tuns gefehlt habe. Urteil 1974 vom Bundesgerichtshof bestätigt.“ Er war dann weiter als Arzt tätig.),
Kurt Bolender (Suizid vor Urteilsverkündung, 1966, Hagen, NRW, lebte bis 1961 unerkannt in Hamburg die Peitsche aus dem KZ hatte er noch in der Wohnung. Er war mit Dietrich Allers befreundet, der T4 geleitet hatte)
Klaus Endruweit (1994, Hildesheim, Niedersachsen, „Am Ende des Krieges noch an der Ostfront eingesetzt, geriet Endruweit in amerikanische Gefangenschaft, aus der er jedoch alsbald wieder entlassen wurde. Im Juni 1945 konnte er in Hildesheim beim Städtischen Krankenhaus gegen freie Wohnung und Verpflegung unterkommen. Am 1. Juli 1946 eröffnete er eine Arztpraxis in Bettrum im Landkreis Hildesheim. Gleichzeitig war er ab 1956 Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Vereinigung sowie von 1956 bis 1957 und 1962 bis 1965 der Ärztekammer Niedersachsens in Hildesheim. Dort konnte er bis zu seiner Verhaftung am 20. Juni 1962 unbehelligt praktizieren. Noch am gleichen Tage erhielt er Haftverschonung gegen die Auflage, sich einmal wöchentlich bei der Polizei zu melden. So konnte er weiterhin praktizieren.“ „Noch vor Prozessbeginn ordnete der Regierungspräsident in Hildesheim am 16. September 1966 das Ruhen von Endruweits Bestallung als Arzt an. Ähnlich wie bei seinem Mitangeklagten löste diese Entscheidung eine Welle von Solidaritäts- und Sympathiebekundungen aus Kreisen seiner Ärztekollegen, Verbänden und verschiedenen Bürgermeistern aus.“),
Kurt Franz (1998, Wuppertal, Lagerkommandant des Vernichtungslagers Treblinka. „Aus der amerikanischen Gefangenschaft konnte er fliehen und nach Düsseldorf zurückkehren. Dort meldete er sich am 26. Juni 1945 mit seinem richtigen Namen beim Arbeitsamt an. Bis Ende 1948 war er als Brückenbauarbeiter tätig. Von 1949 bis zu seiner Verhaftung an seinem Wohnort Düsseldorf am 2. Dezember 1959 arbeitete er wieder als Koch.“ Lebenslange Haft: „Wegen seines Alters und aus gesundheitlichen Gründen wurde Franz Mitte 1993 entlassen, nachdem er bereits seit Ende der siebziger Jahre Freigänger war.“),
Heinrich Gley (1985, Münster, NRW, „Nach Kriegsende geriet er am 10. Mai 1945 in Pilsen in amerikanische Kriegsgefangenschaft, seine Entlassung erfolgte am 29. Dezember 1947. Anschließend arbeitete er bis 1958 als Maurer in Westfalen und musste in der Folge diese Tätigkeit krankheitsbedingt aufgeben. In Bielefeld wurde Gley wegen seiner Zugehörigkeit zur SS, wahrscheinlich im Rahmen der Entnazifizierung, zu 100 Tagen Haft verurteilt, die jedoch durch die Internierungshaft bereits abgegolten waren. Im Rahmen der Ermittlungen bezüglich der Verbrechen in Belzec kam Gley Anfang der 1960er Jahre in Haft. Im Belzec-Prozess wurde gegen Gley und sieben weitere Angeklagte ab August 1963 vor dem Landgericht München verhandelt. Er wurde wegen des Putativnotstandes im Januar 1964 außer Verfolgung gesetzt und damit wurde keine Hauptverhandlung gegen ihn eröffnet. Auch wegen seiner Beteiligung an der „Aktion T4“ kam es zu keinem Prozess. Gley starb im Juni 1985.“
Lorenz Hackenholt (für tot erklärt im Westen, Einige Jahre nach dem Krieg stellte seine Frau den Antrag, ihren vermissten Mann für tot zu erklären. Dies geschah am 1. April 1954 durch das Amtsgericht Berlin-Schöneberg zum 31. Dezember 1945. Trotz einzelner Hinweise, dass Hackenholt noch am Leben sei, endete eine Untersuchung durch eine Sonderkommission der Münchner Kriminalpolizei von 1959 bis 1963 ohne Ergebnis.)
Gottlieb Hering (9/1945 Stetten im Remstal, BaWü, „Nach Kriegsende soll Hering wieder kurzzeitig die Kriminalpolizei in Heilbronn geleitet haben. Er starb infolge einer Erkrankung unter ungeklärten Umständen im Schloss Stetten (Remstal), wo sich ab Herbst 1943 ein Ausweichskrankenhaus der Stadt Stuttgart befand.[3] Sowohl in seinem 1948 von seiner deutlich jüngeren Witwe postum betriebenen Entnazifizierungsverfahren[4] als auch in seiner beim Polizeipräsidium Stuttgart geführten Personalakte, laut der er sich im Oktober 1944 „vom Einsatz zurück“ gemeldet habe,[5] blieben seine Aufenthalte und Tätigkeiten seit Dezember 1939 im Wesentlichen unerwähnt. Man ging im Benehmen mit dem Befreiungsministerium vielmehr davon aus, dass er nicht als Hauptschuldiger oder Belasteter zu betrachten sei. Folglich blieb seine Witwe von der andernfalls zu erwartenden Einziehung des Nachlasses und dem Verlust der Pensionsansprüche verschont. Diese Entscheidung wurde zuletzt noch im Jahre 1972 bei der Überprüfung der sogenannten 131er nach Aktenlage bestätigt.“
Otto Horn (1999, Berlin, „Horn wurde vom Landgericht Düsseldorf am 3. September 1965 in den Treblinka-Prozessen mangels eines sicheren Nachweises seiner Schuld freigesprochen.“ War wohl angeblich gegen die Morde, die in seinem Umfeld stattfanden.)
Erwin Lambert (1976, Stuttgart, BaWü, „Am 15. Mai 1945 wurde Lambert von den Briten gefangen genommen und an die US-Amerikaner ausgeliefert, die ihn in ein Lager ins württembergische Aalen brachten. Nach Waiblingen entlassen, zog er zunächst nach Schwaikheim und ließ sich dann in Stuttgart nieder. Dort machte er sich als Fliesenleger selbständig. Bei der Entnazifizierung in Schwaikheim wurde Lambert als Mitläufer eingestuft. Mit Urteil des Landgerichts Düsseldorf vom 3. September 1965 (Az.: I Ks 2/64) wurde er im sogenannten Treblinka-Prozess wegen Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord an mindestens 300.000 Personen zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Sobibor-Prozess verurteilte ihn das Landgericht Hagen am 20. Dezember 1966 wegen gemeinschaftlicher Beihilfe zum Mord an mindestens 57.000 Menschen zu drei Jahren Zuchthaus (Az.: 11 Ks 1/64). Sara Berger urteilt, Lambert habe die aktive Bereitschaft gezeigt, Strategien zur Verbesserung der Vernichtungsstrukturen zu finden und maßgeblich zur Effizienzsteigerung der Lager beigetragen.“)
Heinrich Matthes (1978, JVA Bochum, Im Treblinka-Prozess 1965 verurteilt, vorher als Pfleger gearbeitet.)
Gustav Münzberger (1977, Garmisch-Partenkirchen, Bayern „Nach Kriegsende arbeitete Münzberger als Tischler in Unterammergau. Im Rahmen der Ermittlungen bezüglich der Verbrechen im Vernichtungslager Treblinka geriet Münzberger in das Visier der Ermittlungsbehörden und wurde am 13. Juli 1963 in Haft genommen. Der Treblinka-Prozess gegen zehn Angeklagte fand vom 12. Oktober 1964 bis zum 3. September 1965 vor dem Landgericht Düsseldorf statt. Der Verfahrensgegenstand umfasste die Vergasung von mindestens 700.000 überwiegend jüdischen Menschen sowie die tödliche Misshandlung, Erschießung, Erschlagung sowie Erhängung einzelner Häftlinge und zudem die Zerfleischung durch Barry, den Diensthund des Lagerkommandanten Kurt Franz. Im Prozess versuchte die Verteidigung, Münzbergers Taten zu rechtfertigen: „Wenn er auf eine möglichst letzte Ausnutzung der Gaskammern bestanden habe, so sei das auch im Interesse der wartenden Juden gewesen; denn je schneller die Vergasungen erfolgt seien, umso kürzer seien die Leiden und Ängste der noch nicht vergasten Juden gewesen.“[3] Münzberger wurde wegen Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord beziehungsweise Beihilfe zum Mord zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt. Er verbüßte seine Haft in der Justizvollzugsanstalt Münster und am 3. September 1975 wurde aus der Haft bedingt entlassen.“)
Hermann Paul Nitsche (1948 Dresden, nach Todesurteil hingerichtet, „Noch im Frühjahr 1945 wurde Nitsche in Sebnitz verhaftet. Die von sowjetischen Dienststellen vorgenommenen Untersuchungsergebnisse wurden am 20. Juni 1946 an die deutschen Justizbehörden in Sachsen übergeben. Das Landgericht Dresden erhob am 7. Januar 1947 Anklage gegen Nitsche und weitere 14 Täter. Nitsche verwies auf seinen Standpunkt, wonach die Tötung von unheilbar Kranken wissenschaftlich und auch gesellschaftlich gerechtfertigt sei, und verwahrte sich gegen die Mordanklage. Mit Urteil vom 7. Juli 1947 wurde er jedoch zum Tode verurteilt. Nach Ablehnung der Berufung durch das Oberlandesgericht Dresden wurde das Urteil am 25. März 1948 durch das Fallbeil vollstreckt und sein Leichnam der Anatomie in Leipzig überantwortet.“)
Walter Nowak (verschollen wohl zu letzt in Italien gesehen, davor in amerikanischer Gefangenschaft),
Josef Oberhauser (1979 München, Nach der Entlassung aus der Gefangenschaft war Oberhauser 1947/48 Wald- und Sägewerksarbeiter in Bevensen. Am 13. April 1948 wurde er in der Ostzone ergriffen und am 24. September 1948 durch eine nach Befehl 201 der sowjetischen Militärverwaltung gebildete 5. Strafkammer des Landgerichts Magdeburg wegen Verbrechens gegen das Kontrollratsgesetz Nr. 10 aufgrund seiner Zugehörigkeit zur SS als einer verbrecherischen Organisation und seiner Beteiligung an der Tötung von „Euthanasie“-Opfern in Grafeneck, Brandenburg und Bernburg zu einer Zuchthausstrafe von 15 Jahren unter Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf zehn Jahre verurteilt. Gleichzeitig wurde er nach Direktive 38 Artikel II Ziffer 7 und 8 als Hauptbelasteter eingestuft. Nach acht Jahren wurde Oberhauser unter endgültiger Hafterlassung am 28. April 1956 im Rahmen einer Amnestie aus der Haft entlassen. Zurück in seiner Heimatstadt München war Oberhauser als Gelegenheitsarbeiter und als Schankkellner tätig, bis er am 21. Januar 1965 vom Landgericht München I im Belzec-Prozess zu vier Jahren und sechs Monaten Zuchthaus wegen Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord in 300.000 Fällen und wegen fünf weiterer Verbrechen der Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord in je 150 Fällen verurteilt wurde (Az.: 110 Ks 3/64, s. Weblink). Nachdem er (unter Anrechnung der Untersuchungshaft) die Hälfte seiner Strafe verbüßt hatte, wurde er 1966 entlassen und arbeitete wieder als Schankkellner in München (als solcher erscheint er in einer kurzen Szene in Claude Lanzmanns Film Shoah[4]). Wegen der in Italien begangenen Kriegsverbrechen wurde er im April 1976 von einem italienischen Gericht in Abwesenheit zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Da die italienische Justiz auf einen (wegen fehlender Rechtsgrundlagen aussichtslosen) Auslieferungsantrag verzichtete, brauchte er diese Strafe nicht anzutreten.“)
Paul Rost (1984, Dresden, Sachsen „Paul Rost geriet 1945 in Österreich in amerikanische Gefangenschaft und war kurzzeitig im Lager Habach interniert. Dort soll er Walter Nowak wiedergetroffen haben,[8] der jedoch nach anderen Quellen bereits seit 1943 oder 1944 tot war.[9] Von dort wurde er nach kurzer Zeit entlassen und ging nach Dresden zu seiner Familie zurück. Kurz darauf nahm ihn dort 1946 die Sowjetische Armee in Untersuchungshaft. Paul Rost wurde im gleichen Jahr im Rahmen des Dresdner Euthanasie-Prozesses vernommen und anschließend wieder auf freien Fuß gesetzt.[10] Eine weitere Strafverfolgung fand nicht statt. Die DDR lehnte 1971 eine Zeugenvernehmung von Rost im Zusammenhang mit dem Prozess des Landgerichts Frankfurt am Main gegen den Direktor der Tötungsanstalt Sonnenstein Horst Schumann ab.“)
Alfred Schulz (1947, Haftkrankenhaus Zwickau, evtl. Suizid)
Horst Schumann (1983, Frankfurt am Main, Im Januar 1945 kam er als Truppenarzt an die Westfront, wo er in amerikanische Gefangenschaft geriet, aus der er im Oktober 1945 wieder entlassen wurde. Mit seiner Frau zog er nach Gladbeck und meldete sich beim dortigen Einwohnermeldeamt ordnungsgemäß am 15. April 1946 an. Zunächst als Sportarzt in Diensten der Stadt Gladbeck, eröffnete er 1949 mit einem Flüchtlingskredit eine eigene Praxis. Im Juli 1950 wurde er Knappschaftsarzt der Ruhrknappschaft, obwohl sein Name bereits in Eugen Kogons frühem Werk Der SS-Staat genannt wurde. Ein Antrag vom 29. Januar 1951 auf Erteilung eines Jagd- und Fischereischeines bei der Stadt Gladbeck führte schließlich aufgrund des erforderlichen polizeilichen Führungszeugnisses zu seiner Enttarnung als ein von der Staatsanwaltschaft Tübingen Gesuchter. Die zögerlichen Ermittlungen ermöglichten es Schumann jedoch, am 26. Februar 1951 ins Ausland zu fliehen. Nach drei Jahren als Schiffsarzt erhielten die deutschen Behörden erstmals wieder am 25. Februar 1954 durch das deutsche Generalkonsulat im japanischen Osaka-Kobe einen Hinweis auf Schumann. Dieser hatte dort einen deutschen Reisepass beantragt und erhalten. Die Spur Schumanns führte dann 1955 weiter nach Ägypten und Mitte des gleichen Jahres in den Sudan, wohin ihm auch seine Frau nachreiste. In der Wochenzeitung Christ und Welt, deren Redaktionsleiter der Journalist und ehemalige SS-Hauptsturmführer Giselher Wirsing war, erschien am 16. April 1959 ein Artikel über einen „zweiten Albert Schweitzer“ in Li Jubu, einem Ort im Grenzgebiet von Sudan, Kongo und Französisch-Äquatorialafrika, und führte damit ungewollt zur Enttarnung Schumanns. Einem Haftbefehl konnte sich Schumann durch seine Flucht über Nigeria nach Ghana entziehen, wo er in Kete Krachi ein Urwaldkrankenhaus errichtete und leitete. […] Ein Reporter der britischen Zeitung Daily Express entdeckte das Ehepaar Schumann 1962 in Ghana. Ein deutsches Auslieferungsersuchen aus dem Vorjahr wurde vom ghanaischen Staatspräsidenten Kwame Nkrumah, der Schumann zu seinen Freunden zählte, ignoriert. Erst nach Nkrumahs Sturz im Februar 1966 wurde Schumann von den neuen Machthabern festgesetzt und am 7. März 1966 in Auslieferungshaft genommen. Am 17. November 1966 wurde er an Deutschland ausgeliefert und in der Justizvollzugsanstalt Butzbach in Hessen in Untersuchungshaft genommen. Der Prozess gegen Schumann begann am 23. September 1970 vor dem Landgericht Frankfurt am Main und geriet aufgrund der zahlreichen und teilweise dubiosen Gutachten über seine Verhandlungsunfähigkeit zum Justizskandal. Schließlich wurde das Verfahren am 14. April 1971 wegen Verhandlungsunfähigkeit, bedingt durch einen zu hohen Blutdruck des Angeklagten, vorläufig eingestellt. Am 29. Juli 1972 erfolgte seine Haftentlassung. Den Rest seines Lebens verbrachte Schumann in Frankfurt-Seckbach, wo er 1983 verstarb.“)
Ewald Wortmann (1985, Osnabrück, Niedersachsen, 1950 kehrte Wortmann aus der sowjetischen Gefangenschaft zurück. Er eröffnete in Friedrichskoog eine allgemeinärztliche Praxis, heiratete und hatte vier Kinder. Wortmann konnte erst als letzter T4-Arzt für den sogenannten ersten Ärzteprozess gegen Ullrich und andere vor dem Frankfurter Landgericht ermittelt werden. Am 21. März 1963 sagte er erstmals als Zeuge im Verfahren gegen den T4-Arzt Georg Renno aus. Ein gegen Wortmann eingeleitetes Ermittlungsverfahren wurde am 1. August 1969[9] eingestellt. Im Prozess gegen seinen ehemaligen Vorgesetzten und Leiter der Vergasungsanstalt Sonnenstein, Horst Schumann, verweigerte er im Oktober 1970 seine Aussage. Wortmann war der einzige der T4-Ärzte, der zumindest „eine gewisse moralische Schuld“ einräumte, „weil ich nichts gegen diese Dinge unternommen habe. Das ist aber nur eine Angelegenheit, die mich innerlich trifft. Ich konnte ja damals überhaupt nicht gegen diese Dinge antreten. Es fehlte mir die Möglichkeit und auch der Einfluß.“[10] In den Jahren 1969/70 drehte der Norddeutsche Rundfunk einen Dokumentarfilm über Wortmann und seine Familie, in dem unter dem Titel „De Doktor snackt platt“ die Situation eines „typischen“ Landarztes dargestellt werden sollte. Die Aufnahmen fanden im Herbst 1969 statt; gesendet wurde der Film im Juni 1970.[11]“)
So. Zusammenfassen kann man sagen, dass von denen, die in Wikipedia aufgeführt sind, nur einer, nämlich Paul Rost, im Osten geblieben sind. Im Osten wurden Menschen für ihre Verbrechen zum Tode verurteilt oder begingen vor dem Urteil Suizid. Im Westen wurden einige verurteilt aber im Rahmen von größeren Prozessen wegen Mord an 700.000 Menschen. Aber selbst da wurden teilweise Verfahren eingestellt, weil sie sehr spät erfolgten oder warum auch immer.
Von 19 Personen ist einer im Osten geblieben und einer im Osten verurteilt worden und dann in den Westen gegangen. Das ist genau so wie die Ergebnisse zu Lichtenburg und Buchenwald und genauso, wie es uns die Propaganda zu DDR-Zeiten gesagt hat. Die großen Nazis waren alle in den Westen geflohen. Wer will es ihnen verdenken.
Da die AfD nun auch im Westen erfolgreich ist, beginnen die ersten Menschen zu begreifen, dass die Ursachen für den Erfolg der neuen Nazis vielleicht doch nicht oder nicht allein in der DDR-Vergangenheit liegen, die nun auch schon 36 Jahre hinüber ist. Vielleicht gibt es ja Ursachen in der Zeit danach und vielleicht sind es letztendlich dieselben wie im Westen auch. Die Probleme wurden nicht erkannt, weil es diese bequeme Möglichkeit der Externalisierung und Verdrängung gab: ein Ostproblem. Nee!
Habt Ihr nun davon.
Nachtrag 26.09.2025
Ich wurde darauf hingewiesen, dass in Stadtroda (Thüringen) auch Kinder ermordet wurden. Die Stasi hat davon 1965 erfahren, die Sache wurde aber nicht verfolgt. Margarete Hielschler hat bis zur Berentung 1965 als leitende Oberärztin in Stadtroda gearbeitet.
Gerhard Kloos war Direktor der Landesheilanstalten Stadtroda und als solcher an den Euthanasieverbrechen beteiligt. Er ist 1988 in Göttingen gestorben. Man lese seinen Wikipedia-Eintrag, um sich über die Vernetzung mit T4-Leuten und seine weiter Lehrtätigkeit an westdeutschen Universitäten zu informieren.
Nachtrag 30.01.2026
Die Geschichte mit Jussuf Ibrahim ist kompliziert. Er war kein Nazi hat aber Kinder zur Tötung nach Stadtroda überstellt. Er hat aber auch Eltern gewarnt und sie darum gebeten, ihre Kinder zurückzunehmen. Folgendes kann man in einem taz-Artikel lesen:
Wir Jenaer, wir erinnern uns, dass Jussuf Ibrahim, der deutsche Arzt ägyptischer Herkunft, der Nichtarier, jüdische Kinder behandelte, einige von ihnen versteckte und Pastoren mit Berufsverbot in seiner Klinik predigen ließ. Wir wissen, er war kein NSDAP-Mitglied. Wir sind überzeugt, dass die behinderte Schwester unseres Bürgermeisters nur deswegen noch lebt, weil Ibrahim die Mutter damals rechtzeitig warnte.
Ganz anders gelagert ist der Fall bei Erich Häßler, dem Nachfolger Ibrahims an der Kinderklinik in Jena. Der war in der NSDAP und in der SA, war Schulungsredner im Rassenpolitischen Amt Leipzig, Antisemit und an Euthanasie-Verbrechen beteiligt.
Über Häßler bin ich zu Rosemarie Albrecht gekommen. Auch diese war als Ärztin in der DDR in leitender Position tätig und hatte bis 1975 verschiedene Lehrstühle inne. Zwischen 1964 und 1965 ermittelte die Stasi wegen der Krankenmorde in der Landesheilanstalt Stadtroda. Die Ermittlungen wurden aber auf Weisung des Ministeriums eingestellt und die Akte gesperrt. Albrecht war wohl an mehreren Morden durch Überdosierung von Beruhigungsmitteln schuldig. Die Akten wurden erst 2000 gefunden. Das Verfahren gegen sie wurde 2005 wegen Verhandlungsunfähigkeit eingestellt. Sie war da 90.
Nachtrag 29.01.2026: Tötungsanstalt Brandenburg
Durch einen taz-Artikel zum Gedenken an den Holocaust bin ich auf die Tötungsanstalt Brandenburg aufmerksam geworden. Das war das ehemalige Zuchthaus und dann von 1933 bis 1934 eins der frühen Konzentrationslager. Über diese Lager hatte auch Willi Bredel in „Die Prüfung“ geschrieben. Zwischen 1940 und 1941 sind in Brandenburg 9.772 psychisch kranke Menschen mit Kohlenmonoxid vergast worden. Diese Morde durften nur von Ärzten vorgenommen werden. Die Ärzte operierten unter Decknamen und die Todesursachen wurden in einem eigens eingerichteten Standesamt gefälscht.
Im Folgenden liste ich alle Personen auf, die im Zusammenhang mit Brandenburg genannt werden und gehe dann auf den Verbleib der Personen ein. Es scheint so zu sein, dass keiner von denen bisher besprochen wurde.
August Becker (Spezialist für Gaswagen, Teilnehmer an der ersten „Probevergasung“)
So sah das Leben der tausendfachen Mörder nach dem Krieg aus:
August Becker (1967 Laubach, Hessen, wegen SS-Angehörigkeit verurteilt zu drei Jahren Arbeitslager, danach Arbeit bis 1959 Schlaganfall, danach verurteilt zu 10 Jahren Haft, aber wegen schlechter Gesundheit 1960 wieder entlassen)
Karl Brandt (1948, Kriegsverbrechergefängnis Landsberg) Er war Arzt von Hitler und wurde ebenfalls im Nürnberger Ärzteprozess 1947 zum Tode verurteilt und 1948 hingerichtet. Man möge in Wikipedia nachlesen, welche Personen und Organisationen Gnadengesuche unterstützt haben.
Werner Heyde (1964 Butzbach, Hessen, Suizid in Untersuchungshaft) Heyde verlor seinen Lehrstuhl für Psychiatrie und Neurologie noch 1945. Heyde wurde zum Nürnberger Ärzteprozess als Zeuge geladen und dort dann selbst schwer belastet. Auf dem Rückweg sprang er vom fahrenden Militärlaster und für 12 Jahre untertauchte. Er lebte dann unter falschem Namen in Schleswig-Holstein. Seine Frau erhielt Versorgungsbezüge. Ab 1949 praktizierte Heyde unter falschem Namen als Sportarzt in Flensburg. Er lebte in einem Stadtteil, in dem auch andere untergetauchte Nazi-Größen wohnten, in einem Reihenhaus. Er fertigte nervenärztliche Gutachten für das Oberversicherungsamt in Schleswig-Holstein an. Dabei verdiente er überdurchschnittlich gut. Bis 1979 erstellte er ca. 7000 Gutachten. Als seine Tarnung aufflog, floh er und stellte sich dann in Frankfurt/M. in der Hoffnung, dass der Oberstaatsanwalt dort, der schon anderen zu einem Persilschein verholfen hatte, ihn auch entsprechend behandeln würde. Nach der Verhaftung stellte sich heraus, dass viele Ärzte in seinem Umfeld von seiner Identität wussten. Niemand wurde verurteilt.
Albert Widmann (1986, Stuttgart-Stammheim) Widman wurde erst als Mitläufer eingestuft, weil er nicht wahrheitsgemäß über seine Verstrickungen berichtete. 1959 verhaftet, zu fünf Jahren verurteilt, dann vom Bundesgerichtshof auf drei Jahre und sechs Monate reduziert. 1962 wegen Euthanasiemorden angeklagt. Wegen früherer Haft dann nur Geldstrafe von 4000 DM.
Die im Artikel zur Tötungsanstalt Brandenburg genannten gehörten zu den Organisatoren hunderttausender Morde (die Teilnehmer an der „Probevergasung“). Deshalb sind viele von ihnen auch verurteilt worden oder haben Suizid begangen. Aber Heyde ging es noch eine Weile gut. Und alle sind in den Westen gegangen.
Ärzte:
Aquilin Ullrich (2001 Stuttgart) 1945 aus amerikanischer Gefangenschaft geflohen. Arbeit als Bergmann im Saarland. Sein Universitätslehrer verhalf ihm zu einer Stelle an einer Stuttgarter Klinik. 1952 ließ er sich als Frauenarzt und Arzt für Geburtshilfe nieder. Er hatte weiter Kontakt zu T4-Leuten, die ebenfalls in Stuttgart untergetaucht waren. 22.08.1961 verhaftet, 08.09.1961 wieder entlassen, obwohl er die Morde in Brandenburg gestanden hatte. Er konnte weiter praktizieren und in den Urlaub fahren. Das schreibt Wikipedia: „Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt/M. erhob am 15. Januar 1965 Klage gegen ihn sowie die T4-Ärzte Kurt Borm, Klaus Endruweit und Aquilin Ullrich „heimtückisch, grausam, aus niederen Beweggründen, vorsätzlich und mit Überlegung jeweils mehrere Tausend Menschen getötet zu haben“. Noch vor Prozessbeginn ordnete der Regierungspräsident in Lüneburg im September 1966 an, die ärztliche Bestallung Bunkes ruhen zu lassen. Mehr als 5000 Menschen aus Celle und Umgebung sowie der Ärzteverein Celle setzten sich daraufhin für Bunke bei der Niedersächsischen Landesregierung ein mit dem Ergebnis, dass Bunke weiter praktizieren durfte.“ Der Prozess ergab Freispruch wegen des fehlenden „Bewußtseins der Rechtswidrigkeit“ (unvermeidbarer Verbotsirrtum) seines Tuns. Genau so wie alle Mitangeklagten auch. Bei der Wiederaufnahme des Verfahrens konnte er ein Attest vorweisen, das ihm Verhandlungsunfähigkeit bestätigte. Er praktizierte aber bis 1984 weiter als Arzt. 1987 wurde er dann endlich wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 4.500 Fällen zu vier Jahren Haft verurteilt. Das Urteil wurde 1988 auf drei Jahre revidiert, weil man angeblich nur den Mord an 2.340 Menschen nachweisen konnte. 1989 ging er dann ins Gefängnis und wurde nach 20 Monaten auf Bewährung entlassen.
Heinrich Bunke (2001 in Celle, Niedersachsen) 1945 Landesfrauenklinik in Celle, 1951, niedergelassener Frauenarzt, 12.04.1961 verhaftet, 19.04.1961 entlassen, praktizierte weiter, fuhr in den Urlaub. Wegen Beihilfe zur Ermordung von 4950 Menschen angeklagt, aber freigesprochen wegen des fehlenden „Bewusstseins der Rechtswidrigkeit“ (unvermeidbarer Verbotsirrtum), Verfahren 1971 wegen Verhandlungsunfähigkeit eingestellt, Bunke konnte aber Praxis trotz Verhandlungsunfähigkeit weiterbetreiben. 1987 verurteilt wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 11.000 Fällen zu vier Jahren Haft, Bundesgerichtshof ermäßigte im Revisionsverfahren die Strafe auf drei Jahre weil die Beihilfe zum Mord nur für 9.200 Menschen nachgewiesen werden könne. Nach 18 Monaten wurde er entlassen.
Irmfried Eberl (1948, Ulm, Baden-Würtemberg, Suizid) 1945 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, dann als Arzt in Blaubeuren niedergelassen, 1948 kam er in Untersuchungshaft und beging dort Suizid noch bevor die zuständigen Stellen seine wahre Identität festgestellt hatten.
Zusammenfassung: Niemand ist im Osten geblieben. Die Ärzte wurden freigesprochen und waren dann bei der Revision „verhandlungsunfähig“ oder bekamen niedrige Strafen.
Am 11.01.2024 habe ich zur Zusammensetzung der Gruppe beim Nazi-Treffen, das Correctiv dokumentiert hatte, geschrieben (Correctiv und die Nazi-Vorstellungen bzgl. Remigration). Von 22 Menschen war einer aus dem Osten. Alle anderen Nazis kommen aus dem Westen. Nun gab es wieder ein Treffen. Diesmal nicht in Potsdam, sondern in der Schweiz. Bei diesem Treffen waren Mitglieder der in Deutschland verbotenen rechtsextremen Organisation „Blood & Honour“, der rechtsextremen schweizer Jugendorganisation Junge Tat, Mitglieder der Jungen Alternative Baden-Württemberg und AfD-Politiker*innen. Einige wurden mit Namen genannt: Roger Beckamp, Abgeordneter für die AfD im Deutschen Bundestag, und Lena Kotré, AfD-Landtagsabgeordnete in Brandenburg.
Ich nehme an, dass bei der Jungen Alternative aus BaWü kein Ossi dabei war. Beckamp ist aus Köln und Kotré aus West-Berlin. Das heißt, dass bei dem Treffen kein Ossi dabei war. Obwohl Kotré im Brandenburger Landtag sitzt, ist sie nicht aus dem Osten. Die Assoziation Osten = Nazi wird durch die Erwähnung des Arbeitsortes ohne die Angabe der Herkunft verstärkt. Noch mal: Beim Treffen in der Schweiz waren ausschließlich Westler.
Vor einiger Zeit sind die Sächsischen Separatisten aufgeflogen. Eine Gruppe Rechtsextremer, die mit Waffen für den Tag X trainiert haben, wurde festgenommen. Einige von ihnen AfD-Funktionäre. Heute schreibt die taz zu dieser Gruppe:
Zu den Festgenommen gehören auch die Brüder Jörg und Jörn S. aus Brandis, deren Vater in den 1980er Jahren bereits in der militanten Neonazi-Szene in Österreich aktiv war. Jörg S. gilt der Bundesanwaltschaft als Anführer der Gruppe.
Das heißt, das wieder eine Gruppe von in den Osten gekommenen West-Nazis geleitet wird. Ich bitte, das zu berücksichtigen, wenn über „die Ossis“ berichtet wird und versucht wird, die Existenz von Nazis im Osten irgendwie auf Eigenschaften von Ossis zurückzuführen.
Übrigens hat Peter Kurth, früher Berliner CDU-Senator, den Terroristen den Kauf eines Hauses finanziert. Ost-Nazis verfügen normalerweise nicht über ausreichend Mittel zum Kauf von Häusern.
Johannes Geck, Doktorand am Institut für Zeitgeschichte München–Berlin, schreibt in einem Meinungsbeitrag in der taz, dass das rechtsextreme Institut für Staatspolitik ernster genommen werden sollte. Dem ist unbedingt zuzustimmen. Es gibt nur eine Kleinigkeit in seinem Beitrag, die mich extrem stört. Eigentlich sind es zwei Kleinigkeiten. Oder eine, die zweimal vorkommt.
Das Institut war eine rechtsextreme Denkfabrik, die rechtsextremen Politiker*innen der AfD zuarbeitete. Das Bundesamt für Verfassungsschutz und der Landesverfassungsschutz Sachsen-Anhalt stuften die Gruppierung als „gesichert rechtsextrem“ und als verfassungsfeindlich ein. Es wurde 2024 aufgelöst, wohl um einem Verbot zuvorzukommen.
Geck schreibt:
In der deutschen Berichterstattung über das Umfeld des neurechten Verlegers Götz Kubitschek entsteht bisweilen der Eindruck, es handle sich um einen Kreis verwirrter Hochstapler. Zuletzt sprach etwa die Spiegel-Redakteurin Ann-Kathrin Müller schmunzelnd von „ganz viel pseudointellektuellem Gerede“, das aus dem sachsen-anhaltinischen Schnellroda zu vernehmen sei. Eine solche Verharmlosung des inzwischen formal aufgelösten Instituts für Staatspolitik verkennt jedoch dessen Bedeutung für die radikale Rechte und führt zu einer gefährlichen Unterschätzung der organisierten Gegner der liberalen Demokratie. Neben Maximilian Krah und Alice Weidel sind die Protagonisten der Wahlerfolge im Osten, Björn Höcke, Jörg Urban und Hans-Christoph Berndt, gern gesehene Gäste in der ostdeutschen „Denkfabrik“.
Johannes Geck verwendet die Wortgruppe ostdeutsche „Denkfabrik“ noch ein weiteres Mal in seinem Artikel. Es scheint ihm also wichtig zu sein, einen Zusammenhang zwischen Rechtsextremismus und Ostdeutschland herzustellen. Das Fachwort dafür ist Framing und die Hebbsche Lernregel erklärt, was im Gehirn passiert: „What fires together wires together.“. Wenn Konzepte immer wieder in Beziehung zueinander gesetzt werden, reicht es irgendwann, eins der Konzept zu erwähnen. Im konkreten Fall wäre dann Ostdeutschland in den Gehirnen der Medienkonsument*innen untrennbar mit Rechtsextremismus verknüpft.
„Brandenburg zeigt Haltung“ Demoteilnehmerin bei „Wir sind die Brandmauer“ Kundgebung gegen den Faschismus, Berlin, 03.02.2024
Im gesamtdeutschen Diskurs ist es bequem, das Gruselige auszulagern und zu externalisieren. Die Nazis sind ostdeutsch. Sie sind alle so geworden, weil sie zu heiß gebadet wurden (Rabe)/nebeneinander auf dem Töpfchen sitzen mussten (Pfeifer, siehe Decker, 1999)/unter den Kommunisten gelitten haben (der ganze Rest, siehe Zeitung, Fernsehen, irgendwas). Leider ist das zu kurz geschossen, denn Nazis bzw. Nazi-Wähler*innen gibt es auch in Westdeutschland (und in Frankreich, Italien, Österreich und in den USA, wo ja nun kaum die Kommunisten Schuld gewesen sein konnten). Die Gründe für entsprechendes Wahlverhalten sind oft ähnlich und solange das nicht erkannt wird, rutschen wir weiter in Richtung Faschismus.
Westdeutsche Denkfabrik und westdeutsche Nazis
Hier noch kurz die Erklärung, warum mich die Phrase ostdeutsche „Denkfabrik“ ärgert. Das Institut für Staatspolitik wurde im Mai 2000 von Götz Kubitschek, Karlheinz Weißmann und dem Rechtsanwalt Stefan Hanz gegründet. Das Institut hatte seinen Sitz am Anfang in Bad Vilbel (Hessen) und ist erst 2003 nach Schnellroda in Sachsen-Anhalt umgezogen. Die Gründer kommen aus Ravensburg (Baden-Württemberg) und Northeim (Niedersachsen). Die Herkunft von Stefan Hanz ist mir nicht bekannt, ich vermute aber, dass er ebenfalls aus dem Westen kommt. Das Staatspolitik-Institut ist also eine westdeutsche Denkfabrik, die seit 2003 im Osten angesiedelt ist.
Auch die aufgezählten Politiker*innen sind fast zur Hälfte aus dem Westen: Höcke und Weidel sind beide aus NRW.
Lilane Eierdiebe und ultimative Attributionsfehler
In der Berichterstattung über Straftaten ist darauf zu achten, dass die Erwähnung der Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu ethnischen, religiösen oder anderen Minderheiten nicht zu einer diskriminierenden Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens führt. Die Zugehörigkeit soll in der Regel nicht erwähnt werden, es sei denn, es besteht ein begründetes öffentliches Interesse. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.
Wenn über einen Eierdiebstahl berichtet wird, ist die Hautfarbe der Täter*in normalerweise irrelevant und soll nicht genannt werden. Der Grund dafür ist genau das, was ich oben ausgeführt habe: Wenn ständig von lilanen Eierdieben gesprochen wird, verfestigt sich das Bild, dass alle Menschen mit lilaner Hautfarbe Eierdiebe wären oder zum Eiderdiebstahl neigen. Es kommt dann zum ultimativen Attributionsfehler:
Erklärt man sich das Verhalten eines Menschen damit, dass er Mitglied einer sozialen Gruppe ist, spricht man seit Pettigrew (1979) vom „ultimativen Attributionsfehler“. Oft dient diese dispositionale Ursachenzuschreibung der Aufrechterhaltung von Vorurteilen („Er handelt so, weil er Ausländer ist“).
Folgt man diesen Grundsätzen (Ossis sind eine Minderheit, da es fünf mal mehr Wessis als Ossis gibt, und sie haben in der Presse keine Stimme) und bedenkt, worum es in diesem Meinungsbeitrag geht, wird klar, dass das Wort ostdeutsch in Gecks Aufsatz Fehl am Platze war. Die Lage des Instituts war für die Aussage, des Artikels irrelevant. Der Effekt des Wortes ist das Framing von Rechtsextremismus als spezifisch ostdeutsch. Ob das die Absicht Gecks war, weiß ich nicht, aber wenn einem Doktoranden in Neuerer und Neuester Geschichte das aus Versehen passieren würde, würde das auch nicht für ihn sprechen.
Axel Grafmanns und Miriam Tödter von „Wir packen’s an Nothilfe für Geflüchtete“ aus Berlin-Brandenburg sprechen auf der Veranstaltung „Wir sind die Brandmauer“ gegen Faschismus, die 1630 Organisationen miteinander organisiert haben. Reichstag, Berlin, 03.02.2024
Schlussfolgerung
Hört bitte auf damit, Rechtsextremismus als ostdeutsches Problem zu framen. Es ist unser aller Problem. Guckt nach unten auf Eure Füße, sie stehen schon jetzt im braunen Matsch.
Ich habe vor Kurzem das Buch Nackt unter Wölfen von Bruno Apitz erneut gelesen. Darin gibt es die folgende Passage:
Auszug aus Nackt unter Wölfen. Ein Gespräch zwischen zwei SS-Männern über ihr Abtauchen nach dem Krieg.
Ein SS-Mann legt einem zweiten nahe, dass er sich schon auf eine möglichst unauffällige Existenz nach dem Krieg vorbereiten sollte. Das hat mich an meine Recherche zum SS-Personal des KZ Lichtenburg erinnert und ich habe beschlossen, auch für Buchenwald mal nachzusehen, was aus dem Personal geworden ist.
Die Struktur und die Namen der SS-Verwaltung des KZs Buchenwald habe ich von der Wikipedia-Seite Personal im KZ Buchenwald übernommen. Die Daten zum Verbleib der SS-Männer nach 1945 sind aus den einzelnen Einträgen der Personen.
Abteilung I: Kommandantur
Lagerkommandant
Karl Otto Koch, Juli 1937 bis Dezember 1941, im April 1945 in Buchenwald von der SS hingerichtet
Hermann Pister, Januar 1942 bis April 1945, zum Tode verurteilt und im Gefängnis an Herzinfrakt gestorben
Adjutanten
Hartwig Block, 1937, unbekannt
Johannes Wellershaus, 1937, unbekannt
Hans Hüttig, 1938 bis 1939, 1954 in Metz durch ein französisches Militärgericht zu lebenslanger Haft verurteilt, lebte bis 1980 in Wachenheim an der Weinstraße, Rheinland-Pfalz
Hermann Hackmann, 1939 bis 1940, vor 1945 mehrfach zum Tode verurteilt, wegen Buchenwald zum Tode verurteilt, 1948 begnadigt in lebenslange Freiheitsstrafe umgewandelt, 1955 entlassen, gestorben 1994 in Uslar
Heinz Büngeler, 1941 bis 1942, 1943 in SS-Panzergrenadier-Division „Totenkopf“ in der Sovjetunion gefallen
Abteilung II: Politische Abteilung (Lager-Gestapo)
Wilhelm Frerichs, 1937 bis 1941, verbleib unbekannt, zuletzt im Sommer 1947 im Speziallager Nr. 2 Buchenwald lebend gesehen
Walter Serno, 1941 bis 1945, gestorben 1961 in Bremen
Abteilung III: Schutzhaftlagerführung
Arthur Rödl, 1937 bis 1940, Suizid im April 1945 mit Handgranate
Hermann Florstedt, 1940 bis 1942, Verbleib unklar, angeblich von SS hingerichtet, aber auch bei Schwägerin in Halle gesehen und dann untergetaucht, angeblich 1962 bei Kriminalpolizei in Mainz gearbeitet. Ermittlungen ergebnislos. Oberstaatsanwalt in Ludwigsburg sah Tod 1975 nicht als erwiesen an.
Max Schobert, 1940 bis 1942, 1942 bis 1945, 1948 nach Buchenwaldprozess hingerichtet
Jakob Weiseborn, 1937 bis 1938, 1939 Suizid wegen Unterschlagungen im KZ Buchenwald
SS-Sturmbannführer Hans Hüttig, 1938 bis 1939, 1954 in Metz durch ein französisches Militärgericht zu lebenslanger Haft verurteilt. 1956 entlassen, gestorben 1980 in Wachenheim, Rheinland-Pfalz.
SS-Obersturmführer Erich Gust, 1942 bis 1944, Gust betrieb ab 1966 das Lokal „Heimathof“ in Melle, Niedersachsen. Dort speisten bekannte Bonner Politiker (z.B. Kai-Uwe von Hassel und Willy Brandt). Die Stasi wusste, wo Gust sich aufhielt und wollte die Politikerkontakte ausnutzen. Die westdeutsche Justiz hat ihn nie gefunden. Gust ist 1992 in Melle gestorben.
Hans Merbach, 1945, wegen Verbrechen bei Evakuierung von Buchenwald zum Tode verurteilt und 1949 hingerichtet
Abteilung III/E: Arbeitseinsatz
Philipp Grimm, 1940 bis 1942, Im Buchenwald-Prozess zum Tod verurteilt, in lebenslänglich umgewandelt, 1954 entlassen, 1984 in Bayreuth, Bayern, gestorben.
SS-Hauptsturmführer Albert Schwartz, 1942 bis 1945, Im Buchenwald-Prozess zum Tod verurteilt, zu lebenslänglich umgewandelt, 1954 entlassen, in leitender Position in der Industrie tätig,1984 in Ahrensbök, Schleswig-Holstein, gestorben.
Abteilung IV: Verwaltung (SS-Standortverwaltung)
Christian Mohr, 1937
Karl Weichseldorfer, 1937 bis 1942
SS-Sturmbannführer Otto Barnewald, 1942 bis 1945, Im Buchenwald-Prozess zum Tod verurteilt, 1948 in lebenslänglich umgewandelt, 1954 entlassen, 1973 in Rheinhausen, NRW, gestorben.
Abteilung V: Sanitätswesen (Standortarzt)
Standortarzt
SS-Obersturmbannführer Werner Kirchert, 1937 bis 1938, Inhaftiert in Eichstätt, 1953 in München zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt, Geschäftsführer bei der O.W.G‑Chemie in Kiel. Gestorben 1987 in Eitorf, NRW, Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Würzburg 1995 nach dem Tod Kircherts eingestellt
Hans Schlosser, 1939
Gustav Busse, 1939 bis 1941
SS-Hauptsturmführer Waldemar Hoven, 1942 bis 1943, 1945 von SS-Richter wegen Mord zum Tod verurteilt im April 1945 aber wegen Ärztemangels entlassen. 1947 im Nünberger Ärzteprozess zum Tode verurteilt und 1948 hingerichtet.
SS-Hauptsturmführer Gerhard Schiedlausky, 1943 bis 1945, 1947 zum Tod verurteilt und gehängt.
Weitere
Lagerärzte
SS-Hauptsturmführer Heinrich Plaza, nach 1945 Arzt in Altötting, Bayern, Leiter der Pathologie in Buchenwald und beteiligt am Massenmord, wegen Multipler Sklerose Ermittlungsverfahren 1952 von der Staatsanwaltschaft Traunstein eingestellt, 1954 in Frankreich in Abwesenheit zum Tod verurteilt, 1968 in Altötting gestorben.
Erwin Ding-Schuler, Menschenversuche, 1945 Suizid in amerikanischer Haft
Erich Wagner, 1948 aus Haft entflohen, lebte unter Pseudonym sechs Jahre in Bayern, ab 1957 arbeitete er in der Praxis seiner Frau, 1958 Festnahme und Anklage, 1959 Suizid.
SS-Hauptsturmführer Hans Eisele, 1943 im Dachau-Prozess zum Tod verurteilt, Umwandlung zu lebenslänglich, 1947 erneut Todesurteil im Buchenwald-Prozess, nach Überprüfung in zehn Jahre Haft umgewandelt, 1952 entlassen. Kassenarzt in München mit Existenzaufbauhilfe. 1958 andere Anschuldigungen und Flucht nach Ägypten. Wikipedia schreibt: „Unter dem ägyptischen Staatspräsidenten Gamal Abdel Nasser waren seit Mitte der fünfziger Jahre deutsche und österreichische, zum großen Teil ehemals nationalsozialistische Wissenschaftler ins Land gekommen, die in militärischen Forschungseinrichtungen an der Konstruktion von Kampfflugzeugen und Mittelstreckenraketen beteiligt waren, die Nasser für den Ausbau der ägyptischen Vorrangstellung im Nahen Osten und speziell für den Kampf gegen Israel benötigte. In diesen Kreisen tauchte auch Eisele unter, nachdem ein deutsches Auslieferungsgesuch abgelehnt worden war.“ Anschlag des Mossad schug fehl. 1967 in Ägypten gestorben.
SS-Untersturmführer Werner Greunuss, zu lebenslänglicher Haft verurteilt, auf 20 Jahre reduziert, 1949 geflohen, Verbleib unklar.
Carl Eisen,
Ludwig Ehrsam,
Herbert Gräff,
Heinz Gudacker,
Aribert Heim, 1945 verhaftet, 1947 im Zuge einer Weihnachtsamnestie entlassen, Entnazifizierung, Haftbefehle, 1962 Flucht nach Ägypten, 1992 in Kairo gestorben. Der Wikipedia-Eintrag ist wild, unbedingt dort lesen.
Peter Hofer,
Konrad Köbrich,
Richard Krieger,
Viktor Lewe,
SS-Hauptsturmführer Karl-Werner Maaßen „Nach Kriegsende betrieb er eine Arztpraxis in Kiel.“
Walter Pongs, ab 1945 betrieb er eine Zahnarztpraxis in Wiesbaden, Hessen.
Paul Reutter
SS-Sanitätsdienstgrade
SS-Untersturmführer Friedrich Karl Wilhelm, 1947 im Buchenwald-Prozess verurteilt, 1948 hingerichtet.
Wachkompanie KZ Buchenwald
Paul Kröger
Arnold Büscher
Otto Förschner, 1942 bis 1943, 1945 im Dachauer Prozess zum Tod verurteilt und 1946 gehängt
SS-Obersturmführer Guido Reimer, 1943 bis 1944, 1947 zum Tod verurteilt, zu lebenslänglicher Haft begnadigt, 1952 entlassen, Verbleib unbekannt
Offizier der Wehrmacht ab 1944
Zusammenfassung
Wie auch beim Personal von Lichtenburg gab es unter den Buchenwald-Nazis keinen einzigen, der in den Osten gegangen ist. Die SS-Männer sind alle hingerichtet worden, nach Ägypten geflohen oder nach Begnadigung (im Westen) und Entlassung im Westen geblieben. Es gibt einige, die geflohen sind und andere, bei denen der Verbleib unklar ist. Aber es steht zu vermuten, dass keiner von ihnen an die schöne Oder gezogen ist. Die Buchenwald-SS war auch an der systematischen Ermordung von Sowjet-Bürgern beteiligt und so ist es nicht verwunderlich, dass sie nicht in die SBZ bzw. die DDR zurück wollten.
Das sollte man bedenken, wenn man diese Behauptungen hört, dass es in der DDR auch Nazis gegeben habe. Ja, hat es, immerhin gingen die Mitgliedsnummern der NSDAP bis 10 Millionen. Aber die Frage ist natürlich, was für Nazis, in welchen Organisationen sie wie mitgearbeitet haben, welche Dienstgrade sie hatten, wenn es militärische Organisationen waren, und was aus ihnen dann später in der DDR im Vergleich zur BRD geworden ist.
Und eine HIAG gab es in der DDR nicht.
Nachtrag
03.11.2024: Mithilfe von Leide (2011) habe ich einen KZ-Arzt gefunden, der in den Osten gegangen ist: Horst Fischer
Als KZ-Arzt im KZ Auschwitz III Monowitz und Stellvertretender Lagerarzt im gesamten Konzentrationslager Auschwitz war er von 1942 bis 1945 an Morden von Gefangenen in tausendfacher Zahl beteiligt.
Er hat bis 1964 unentdeckt als Landarzt in Brandenburg praktiziert.
10.11.2025: Im Wikipedia-Eintrag von Rainer Eppelmann (Wehrdienstverwigerer und Pfarrer in der DDR und Minister für Verteidigung und Abrüstung nach der Wende) kann man lesen, dass sein Vater in der SS war und in Buchenwald und Sachsenhausen im Einsatz war. Eppelmann hat das erst nach der Wende erfahren. Dem Eintrag für Eppelmann bei der Bundesstiftung Aufarbeitung kann man entnehmen, dass Eppelmanns Vater nach dem Mauerbau in West-Berlin geblieben ist. In den KZs hatte er als Kraftfahrer gearbeitet.
Quellen
Leide, Henry. 2011. NS-Verbrecher und Staatssicherheit: Die geheime Vergangenheitspolitik der DDR (Analysen Und Dokumente: Wissenschaftliche Reihe Der Bundesbeauftragten Für Die Unterlagen Des Staatssicherheitsdienstes Der Ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU) 28). 2nd edn. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
In den letzten Jahren gibt es mit dem Erstarken der AfD wieder eine größere Debatte zu Nazis in der DDR. Es wird immer wieder die offizielle Geschichte des nazifreien Landes zitiert. Dass die DDR nazifrei war ist sicher nicht richtig, aber dass die Nazi-Dichte geringer war und dass sie eben nicht – im Unterschied zu Nazi-Größen wie Hans Globke und Hans Filbinger – in Führungspositionen waren ist und bleibt wahr. Im Wikipdeia-Artikel zu Rechtsextremismus in der DDR werden drei Personen exemplarisch genannt: Arno von Lenski, Franz Fühmann oder Erhard Mauersberger. Personen wie Arno von Lenski habe ich schon in einem früheren Post besprochen. Lenski war in Stalingrad in sowjetische Gefangenschaft geraten und hat dann die Seiten gewechselt:
Wikipedia-Eintrag von Lenski, abgerufen 22.06.2024
Franz Fühmann war ebenfalls auf einer Antifa-Schule und hat dann als Assistenzlehrer an Antifa-Schulen gelehrt. Wenn wir über Faschismus und Faschisten reden, dann nicht über solche, die zu Antifaschist*innen wurden, sondern solche, die unbehelligt ihr Leben führen konnten und es zum Teil noch führen. Solche wie Karl M.:
Interessant ist, dass das Institut seine Mitarbeiter veröffentlicht hat, so dass man jetzt untersuchen kann, was aus den Nazis und Antisemiten, die bis 1945 im Osten gelebt haben, geworden ist. Wikipedia hat eine lange Liste mit Namen, von denen viele verlinkt sind. Um zu zeigen, dass nach dem Krieg weniger Nazis im Osten waren, muss man nur die Ost-Nazis anschauen und untersuchen, wie viele von ihnen in den Westen gegangen sind, denn es wird wohl kaum ein West-Nazi sein Leben aufgegeben haben, um zu den Russen in den Osten zu ziehen. (Das setzt natürlich eine Gleichverteilung von Nazis in Ost und West direkt nach dem Krieg voraus.)
Die Wikipedia-Seite listet die Mitarbeiter in drei Rubriken:
Mitarbeiter in kirchenleitender Funktion
Geistliche bzw. Pfarrer
Hochschullehrer bzw. Akademiker
Im folgenden sortiere ich die Listen nach Sterbe- oder Wohnort nach 1945 in West, Ost, unbekannt/irrelevant. Irrelevant ist der Sterbeort zum Beispiel bei Personen, die in Kriegsgefangenschaft gestorben sind. Irrelevant sind auch diejenigen, die schon vor Kriegsende im Westen waren.
In kirchenleitender Funktion
In den Westen gegangen
Bischof Friedrich Peter, Berlin, gestorben 1960, Gronau, NRW „Obgleich Peter 1948 aus dem Pfarramt entlassen wurde, blieben ihm die geistlichen Rechte erhalten. So erhielt er Beschäftigungsaufträge in der Evangelischen Kirche von Westfalen, zunächst in Oeding und seit 1953 in Gronau (Westf.).“
Landesbischof Walther Schultz, Schwerin, gestorben 1957 in Schnackenburg, Niedersachsen „Nach Kriegsende wurde Schultz, zusammen mit Konsistorialpräsident Hermann Schmidt zur Nedden, am 25. Juni 1945 von der britischen Besatzungsmacht verhaftet und interniert. Zwei Tage später legte er sein Amt nieder. Im Jahre 1948 wurde er aus dem Dienst der Landeskirche Mecklenburgs entlassen. Im Jahre 1950 wurde Schultz mit der pfarramtlichen Hilfeleistung in der St.-Dionysius-Kirchengemeinde Fallingbostel in der Lüneburger Heide beauftragt. Als für diese Aufgabe dort eine neue Pfarrstelle errichtet wurde, musste Schultz die Gemeinde verlassen und übernahm in Schnackenburg an der Elbe ein Gemeindepfarramt, das er bis zu seinem Tode innehatte.“
Oberkonsistorialrat Theodor Ellwein, Berlin, gestorben 1962 München „Nach der Entlassung im Dezember 1949 wurde er 1950 von kirchlicher Seite in den Ruhestand versetzt. Im Jahre 1951 wurde er Religionslehrer am Gymnasium Pasing und Lehrbeauftragter an der Lehrerbildungsanstalt München-Pasing. Von 1954 bis 1961 war er Leiter der Pädagogischen Arbeitsstelle der Evangelischen Akademie Bad Boll bei Göppingen. 1955 war er Mitglied der Studienkommission für Lehrerbildung („Tutzinger Empfehlungen“) in der Evangelischen Akademie Tutzing. 1961 trat er in den Ruhestand.“
Oberkonsistorialrat Hans Hohlwein, Eisenach, gestorben 1996 in Solingen „Nach 1945 wirkte Hohlwein als theologischer Hilfsarbeiter in der Propstei Halberstadt, und von 1947 bis 1951 verwaltete er die Pfarrstelle Heudeber in der Kirchenprovinz Sachsen. Im Jahre 1951 erfolgte seine Übersiedlung in die Bundesrepublik Deutschland.“
Kirchenrat Wilhelm Bauer, Eisenach, gestorben 1969 in Bayern „In dem von ihm 1935 herausgegebenen Buch „Feierstunden Deutscher Christen“ kamen neben Bibelzitaten auch Autoren wie Adolf Hitler zu Wort. Zugleich betätigte er sich als Schriftleiter der Zeitschrift „Deutsche Frömmigkeit“, in der die Positionen der Deutschen Christen vertreten wurden. In einer ihrer Ausgaben bekundete er: „Wir sind Nationalsozialisten. Der Nationalsozialismus bedeutet uns die Wiederaufrichtung einer wahrhaften Volksordnung auf dem Grunde der ewigen Gesetze unseres Blutes und unserer Heimaterde.“ Im Jahre 1939 erklärte er seine Mitarbeit am Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben. Zu Beginn der 1940er Jahre wurde er stellvertretender Studienleiter des Thüringer Predigerseminars. Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus lebte Bauer in der Bundesrepublik Deutschland, publizierte dort weiter und starb in einem Ort des Freistaats Bayern.“
Landessuperintendent Friedrich Kentmann, Güstrow, gestorben 1953 in Hamburg „Nach dem Ende von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg 1945 wurde er seines Amtes als Landessuperintendent enthoben und vom pfarramtlichen Dienst suspendiert. Sein Nachfolger als Landessuperintendent wurde mit Wirkung vom 1. Oktober 1945 der Güstrower BK-Pastor Sibrand Siegert (1890–1954). 1950 erfolgte die Entlassung Kentmanns aus dem Dienst der mecklenburgischen Landeskirche.“
Superintendent Gerhard Spangenberg, Altenweddingen, gestorben 1975 in Dülmen, NRW „Bis zum Antritt der Pfarrstelle im westfälischen Dülmen, wo er bis zu seinem Tod lebte, arbeitete er als Verwalter einer Obstfirma und später als Krankenhausverwalter. Die Kirchenleitungen verlangten zur Wiederaufnahme in den Dienst zunächst die Wiederholung des Ordinationsgelübdes, ein Kolloquium und die zeitweilige Tätigkeit als Hilfsprediger, was er ablehnte. Dennoch stimmte 1955 die Kirchenleitung in Bielefeld seiner Wahl zum Pfarrer der Gemeinde in Dülmen zu, wo er nach seinem Ruhestand auch als Militärpfarrer wirkte.“
Im Osten geblieben
Reichsvikar Fritz Engelke, Schwerin, gestorben 1956 in Schwerin „Nach 1945 wirkte er als Pastor der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs in Schwerin. Ab 1950 vertrat er den im Gulag Workuta inhaftierten Aurel von Jüchen an der Kirche St. Nikolai (Schelfkirche) Schwerin.
Oberlandeskirchenrat Willy Kretzschmar, Dresden, gestorben 1962 in Dresden „Nach Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 erfolgte zunächst seine Entlassung aus dem aktiven Kirchendienst. 1946 stellte er den erfolgreichen Antrag auf Rehabilitierung, in dem er seine Mitarbeit im „Entjudungsinstitut“ in Eisenach extrem herunterspielte. In seinem Rehabiltierungsantrag an das sächsische Landeskirchenamt in Dresden stellte er sich selbst „als Verführten der NSDAP“ dar. Spätestens seit 1939 habe er sich „zu aktiven Gegner des NS-Regimes gewandelt“ und sich antinationalistisch und parteischädlich verhalten sowie Grundsätze der NSDAP bekämpft. 1959 ging Kretzschmar als kirchlicher Finanzverwalter der Landeskirche Sachsens in den Ruhestand.“
Oberlandeskirchenrat Heinrich Seck, Dresden, gestorben 1947 in Stadt Wehlen „In dieser Eigenschaft und als Mitglied der Deutschen Christen war er Mitarbeiter am Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben und wurde deshalb nach Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 aus dem aktiven Kirchendienst entlassen. Er zog in die Sächsische Schweiz, wo er im Alter von 51 Jahren in Stadt Wehlen starb.“
Oberkirchenrat Friedrich Buschtöns, Berlin, gestorben 1962 in Berlin „1945 übernahm er die Aufsicht über die kirchlichen Vermögenswerte im Schloss Ilsenburg und wenig später über das kirchliche Flüchtlingslager in Stolberg. 1946 wurde Buschtöns in den Ruhestand versetzt. Er hat aber auch danach noch pfarramtliche Dienste geleistet, so etwa in Kleinmachnow. 1955 gehörte er zum Herausgeber- und Redaktionskreis der vom ZK der SED angeregten Zeitschrift Glaube und Gewissen: eine protestantische Monatsschrift.“
Kirchenrat Erhard Mauersberger, Eisenach, gestorben 1982 Leipzig, Chorleiter, Leiter Bach-Komitee, 1972 bei politischer Säuberung aus Chorleitung entfernt.
Unbekannt / irrelevant
Landesbischof Martin Sasse, Eisenach, gestorben 1942 an Schlaganfall
Kirchenregierungsrat Erwin Brauer, Eisenach, gestorben 1946 Buchenwald „Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus verlor er seine Ämter und wurde von den sowjetischen Militärbehörden im Speziallager Nr. 2 in Buchenwald interniert, wo er am 19. Dezember 1946 verstarb.“
Zwischenfazit: Von den Nazi-Christen mit kirchlicher Funktion im Osten sind 7 in den Westen gegangen und 5 im Osten geblieben. Das bedeutet erstens, dass die Mehrheit in den Westen gegangen ist und zweitens, dass es im Osten sieben Nazis weniger und im Westen sieben Nazis mehr gab als vor der Befreiung.
Geistliche bzw. Pfarrer
Die Liste der Geistlichen ist lang. Nur wenige sind in Wikipedia verlinkt. Ich liste hier nur die verlinkten auf.
In den Westen gegangen
Pfarrer Hermenau, Potsdam, gestorben 1981 Wiesbaden „Im Jahre 1939 erklärte er seine Mitarbeit am Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben. In zahlreichen Publikationen vertrat er seine Überzeugung von der Rolle der deutschen Frau im Reich Adolf Hitlers. […] 1972: Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland“ Zur Entnazifizierung und zum Grund für das Bundesverdienstkreuz steht nichts in Wikipedia.
Pfarrer Hosenthien, Magdeburg, gestorben 1972 in Braunschweig „1949 folgte Albert Hosenthien seinem Sohn und zog nach Fort Bliss in El Paso (Texas), kehrte jedoch, da er mit den dortigen Gegebenheiten nicht zurechtkam, 1954 wieder nach Deutschland zurück. Da die Region Magdeburg jetzt in der DDR lag, siedelte er sich in Braunschweig, im westlichen Teil Deutschlands an. Er arbeitete hier auch wieder als Pfarrer.“
Pfarrer Hunger, Eisenach, gestorben 1995 Münster, NRW „Nach 1945 orientierte er sich auf das Gebiet der Sexualerziehung, was ihm den Spitznamen „Sex-Hunger“ eintrug. Bis Ende der 1960er Jahre publizierte er seine christlich-konservative Sexualmoral im Gütersloher Verlagshaus. Er wurde auch Redaktionsleiter der Zeitschrift Der evangelische Religionslehrer an der Berufsschule, die vom Schriftenmissionsverlag Gladbeck herausgegeben wurde.“
Pfarrer Kersten-Thiele, Köthen, gestorben 1988 Göttingen, Niedersachsen „Nach 1945 wirkte Kersten-Thiele im Vorstand der Deutschen Ostasien-Mission und publizierte in deren Sinne mehrere Bücher. 1948 war er Pfarrer in Göttingen-Grone und 1954 in Düsseldorf. Von 1960 bis 1964 war er Religionslehrer am Rethel-Gymnasium (bzw. Jacobi-Gymnasium) Düsseldorf und zwischen 1968 und 1973 war er als Pastor in Sereetz tätig. Anschließend ging er in die Rheinische Landeskirche zurück.“
Pfarrer Kuhl, Berlin, gestorben 1959 Kassel „Spätere Wohnsitze waren Nordkirchen, wo er von 1949 bis 1956 Pfarrer war. Hier gründete er einen Kirchbauverein, um in Nordkirchen ein Gemeindezentrum schaffen zu können. Im Jahr 1956 wurde ihm von der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Bonn die Ehrendoktorwürde verliehen. Nachdem Kuhl 1957 in den Ruhestand gegangen war, lebte er bis zu seinem Tod 1959 in Kassel und hinterließ eine Frau und zwei Kinder. In seinen letzten Lebensjahren hatte er einen Lehrauftrag an der Georg-August-Universität Göttingen. Gemeinsam mit Bo Reicke arbeitete er ab 1958 am Biblisch-historischen Handwörterbuch für den Verlag Vandenhoeck & Ruprecht. Kuhl war von 1921 bis zu seinem Tod Mitglied der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft.“
Pfarrer Schmidt-Clausing, Potsdam-Babelsberg, gestorben 1984 in West-Berlin „Nach dem Zweiten Weltkrieg leitete Schmidt-Clausing den Wiederaufbau der Gemeinde von 1947 bis 1962 als Pfarrer an der Berliner Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche. In der Kirchenruine wurde die einzige verbliebene Glocke wieder gangbar gemacht und bis in die 1950er Jahre zum Begrüßungsläuten für die Berliner Russlandheimkehrer benutzt. Im beginnenden Kalten Krieg setzte Schmidt-Clausing damit ein politisches Zeichen und machte seine Gemeinde bekannt – bis hin zur US-amerikanischen Wochenschau, die das Thema dankbar aufnahm. Fritz Schmidt-Clausing starb in einem West-Berliner Pflegeheim und wurde auf dem Friedhof Wilmersdorf beigesetzt.“
Hans-Joachim Thilo hat sich neuorientiert, so dass ich ihn hier extra aufzähle. Prinzipiell ist das bei den sechs oben genannten Personen natürlich auch denkbar, es steht aber ncihts dazuin Wikipedia.
Pastor Thilo, Pirna, gestorben 2003 in Lübeck „Thilos Erfahrungen im Kriegsdienst, seine Verwundung bei Kiew und seine Kriegsgefangenschaft, zunächst in Kanada, dann in England, führten ihn zu einem Umdenken und Neuanfang. Im Dezember 1947 kehrte er nach Deutschland zurück und erhielt eine Pfarrstelle der Kirchengemeinde am Lietzensee in Berlin-Witzleben. Gleichzeitig baute er hier die kirchliche Beratungsarbeit auf. Von 1956 bis 1961 wirkte er an der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Genf. Anschließend war er Referent an der Evangelischen Akademie Bad Boll, bis er 1966 zum Pastor der Marienkirche in Lübeck berufen wurde, wo er bis zu seiner Pensionierung wirkte. 1973 habilitierte er sich an der Universität Hamburg für das Fach Praktische Theologie. Er blieb Gemeindepastor, hielt jedoch regelmäßig Lehrveranstaltungen in Hamburg. 1979 wurde ihm der Titel Professor verliehen.“
Im Osten geblieben
Oberpfarrer Ungern von Sternberg, Ronneburg, gestorben 1949 in Gera „Noch im Januar 1945 gehörte er zu den Thüringer Pröpsten, die den DC-Kirchenpräsidenten Hugo Rönck dazu drängten, den Bischofstitel anzunehmen.[2] Aufgrund des Gesetzes zur Überprüfung der Pfarrerschaft und der Verwaltung der Thüringer evangelischen Kirche (Reinigungsgesetz) vom 12. Dezember 1945 wurde Ungern-Sternberg aus dem Pfarrdienst entlassen und die Dienstbezeichnung „Superintendent im Wartestand“ wurde ihm aberkannt. Er wurde aber zunächst kommissarisch als Pfarrer in Ronneburg weiterbeschäftigt, ab dem 1. Dezember 1947 wurde er dann wieder offiziell als Pfarrer in Niederpöllnitz eingesetzt.“
Pfarrer Delling, Leipzig, gestorben 1986 in Halle „Im Jahre 1945 geriet Delling in Dänemark in Kriegsgefangenschaft und wirkte bis 1947 als Seelsorger im Internierungslager Aarhus. Nach seiner Entlassung ging er nach Pommern und erhielt 1947 einen Lehrauftrag an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald. 1948 habilitierte er sich hier mit der Schrift Gottesdienst im Neuen Testament (gedruckt 1952) für das Fach Neues Testament. Im Jahre 1950 wurde Delling als Professor mit Lehrauftrag an die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg berufen, 1952 bekam er den vollen Lehrauftrag, die Beförderung zum Professor mit Lehrstuhl für spätantike Religionsgeschichte erfolgte 1953. 1955 erhielt er durch Kurt Aland, dem Leiter der Kommission für spätantike Religionsgeschichte der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, eine Stelle zur Reorganisation des Corpus Hellenisticum. 1955/56 übernahm Delling eine Gastprofessur an der Universität Leipzig, eine Berufung kam jedoch ebenso wenig zustande wie die von Teilen der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität in den 1960er Jahren gewünschte Versetzung nach Berlin. An der Universität Halle baute Delling das Institut für spätantike Religionsgeschichte auf, dem er seit 1963 als Direktor vorstand. Nach der IV. Hochschulreform wurde Delling 1969 zum ordentlichen Professor ernannt und 1970 emeritiert. Delling forschte vor allem zur Überlieferungsgeschichte des Neuen Testaments und zum antiken Judentum (Das Zeitverständnis des Neuen Testaments, 1940; Jüdische Lehre und Frömmigkeit in den paralipomena Jeremiae, 1967; gesammelte Aufsätze: Studien zum Neuen Testament und zum hellenistischen Judentum, 1950–1968, 1970; Studien zum Frühjudentum, 1971–1987, 2000). Außerdem gab er Bibliographien zur jüdisch-hellenistischen Forschung heraus und arbeitete am Corpus Hellenisticum Novi Testamenti mit. Die Universität Greifswald verlieh ihm 1964 die Ehrendoktorwürde. Delling verstarb am 18. Juni 1986, im Alter von 81 Jahren, in Halle.“
Pfarrer Ohland, Unkeroda (Thüringen), gestorben 1953 in Friedelshausen, Thüringen „Im Jahre 1946 verlor Ohland sein Amt, durfte aber seit 1948 in Behrungen als Pfarrvikar wieder amtieren, seit 1952 als Pfarrer in Friedelshausen.“
Pfarrer Joseph Roth, Diersheim, gestorben 1941 Tirol
Pastor Dungs, Weimar, gestorben 1947 durch Hinrichtung oder 1949 in Haft
Zwischenfazit: Von den Nazi-Pfarrern im Osten sind 7 in den Westen gegangen und 4 im Osten geblieben. Zählt man Hans-Joachim Thilo zu den irrelevanten Fällen, weil es bei ihm ein Umdenken und Neuanfang gab, bleiben 6 in den Westen gegangene, die zu den Nazis, die ohnehin aus dem Westen waren, dazugekommen sind und den Osten verlassen haben.
Hochschullehrer bzw. Akademiker
In den Westen gegangen
Johannes Hempel, Berlin, gestorben 1964 in Göttingen „Er übernahm die Herausgeberschaft der Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft. Im Jahre 1937 wurde er nach Berlin berufen und leitete das Institutum Judaicum zur Erforschung des Judentums „vom Boden der nationalsozialistischen Weltanschauung aus“. Im Jahre 1939 erklärte Hempel seine Mitarbeit am Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben als Leiter der Arbeitsgruppe Altes Testament. Auf der Arbeitstagung im März 1941 referierte er über Die Aufgabe von Theologie und Kirche von der Front her gesehen. Während des Zweiten Weltkrieges fungierte er als Militärpfarrer. Das Kriegsende erlebte er 1945 in einem Lazarett an der Nordsee. Im Jahre 1947 wurde Hempel Pfarrverweser in Salzgitter-Lebenstedt, einem Ort im Gebiet der Braunschweigischen Landeskirche. Im Jahre 1955 wurde er Honorarprofessor in Göttingen und betrieb ab 1958 als Emeritus seine wissenschaftliche Arbeit weiter, besonders für die von ihm betreute Zeitschrift.“
Wolf Meyer-Erlach, Jena, gestorben 1982 in Idstein, Hessen „Im Jahre 1945 ging er aller Ämter verlustig, auch eine Wiedereinstellung in der bayerischen Landeskirche blieb ihm versagt. 1950 flüchtete Meyer-Erlach aus der DDR. Von 1951 bis 1963 wurde er Pfarrverwalter in Wallrabenstein und Wörsdorf bei Idstein im Taunus (Evangelische Kirche in Hessen und Nassau). Von ihm wurden historische Sujets wie das Stück „Anno 1634“ aufgeführt.“
Max Adolf Wagenführer, Jena, gestorben 2010 irgendwo im Westen „Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam er an die Lutherkirche nach Köln-Nippes und wurde zunächst in den Pfarrdienst der Rheinischen Kirche übernommen. 1949 wurde er wegen seiner fehlenden Ordination vorübergehend suspendiert und wechselte in den Schuldienst. 1953 kam er zurück in den Pfarrdienst, wurde ordiniert und erhielt eine Berufung an die neuerbaute Erlöserkirche in Weidenpesch. Von 1970 bis 1982 war er Pfarrer in Prien am Chiemsee.“
Im Osten geblieben
Richard Barth, Jena, gestorben nach 1946 „Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus verlor er sein Amt. Ab 1946 arbeitete er als Grundschullehrer in Jena.“
Paul Fiebig, Leipzig, gestorben 1949 in Kalbe Sachsen Anhalt
Reinhard Liebe, Freiberg (Sachsen), gestorben 1956 in Freiberg. Der Wikipedia-Eintrag lässt zu wünschen übrig.
Heinz Erich Eisenhuth, Jena, gestorben 1983 Pferdsdorf/Werra, Thüringen „Nachdem er 1945 aus dem Universitätsdienst entlassen worden war, wurde er 1946 zunächst kommissarisch, später im Hauptamt Pfarrer in Jena-Zwätzen. 1952 wurde er Superintendent in Eisenach. Anders als in der Forschungsliteratur bisweilen behauptet wird, übernahm er jedoch nie die Leitung der Evangelischen Akademie Thüringen. Er gehörte aber zeitweise der Synode an und erhielt mehrere Lehraufträge am Theologischen Seminar Leipzig. Nachdem er 1967 in den Wartestand getreten war, ging er 1969 in den Ruhestand.“
Wilhelm Knevels, Rostock, gestorben 1978 in West-Berlin „Im Jahre 1950 erhielt er einen Lehrauftrag an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Nach seiner Emeritierung lebte er in West-Berlin und wirkte dort weiter an der Freien Universität Berlin. Er ist auf dem Waldfriedhof Dahlem bestattet. Auf dem Grabstein steht unter den Lebensdaten: „Theologe des dritten Weges / = Selbstbesinnung des Glaubens / zwischen Fundamentalismus / und Existenzialtheologie / Unser Glaube ist der Sieg / der die Welt überwindet“.“ Knevels ist 1897 gebohren, die Emeritierung muss also gegen 1962 gewesen sein. Ich liste ihn hier unter Im Osten geblieben, weil er sein gesamtes Berufsleben im Osten verbracht hat.
Wilhelm Koepp, Greifswald, gestorben 1965 Kleinmachnow „1952 erhielt er den Lehrstuhl an der Universität Rostock. 1954 emeritiert, lehrte er noch bis zu seinem Tode an der Universität Rostock weiter.“
Johannes Leipoldt, Leipzig, gestorben 1965 in Leipzig „Nach 1945 war er Domherr des Hochstifts Meißen und erhielt eine Professur mit Lehrstuhl für Neutestamentliche Wissenschaft in Leipzig. Er wurde als ordentliches Mitglied in die Sächsische Akademie der Wissenschaften aufgenommen und 1954 mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Silber und 1960 in Gold ausgezeichnet. […] Leipoldt war von 1953 bis 1963 als Vertreter der CDU Abgeordneter der Volkskammer.“
Herbert von Hintzenstern, Eisenach, gestorben 1996 in Weimar „Seit August 1945 war er in Lauscha, ab 1948 als Pfarrer. Dort trat er der DDR-CDU bei, sein Parteiaustritt erfolgte zum 1. Mai 1947. Im Jahre 1952 wurde er zum Landesjugendpfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen berufen. Seit 1956 leitete er die Evangelische Akademie Thüringen und die Pressestelle der Kirche. Gleichzeitig wurde er zum Chefredakteur der Kirchenzeitung Glaube und Heimat berufen. 1962 wurde er zum Kirchenrat ernannt. Von 1968 bis 1986 war er nebenamtlicher Leiter des Pfarrhausarchivs im Lutherhauses in Eisenach. 1981 ging er in den Ruhestand.“
Rudolf Meyer, Leipzig, gestorben 1991 in Jena, Thüringen „Im Jahre 1947 wurde er außerplanmäßiger Professor und 1948 […] Ordinarius für Altes Testament an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Hier unterrichtete er Generationen von Theologiestudenten in Hebräisch, der Geschichte des Volkes Israel und der Theologie des Alten Testaments. Zusammen mit […] wurde ihm 1952 von der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin die Ehrendoktorwürde verliehen. Meyer war seit 1959 ordentliches Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften und seit 1978 korrespondierendes Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.“
Siegfried Morenz, Leipzig, gestorben 1970 Leipzig „Morenz wurde 1946 Dozent an der Universität Leipzig und habilitierte sich im selben Jahr bei Wilhelm Schubart mit einer Schrift zu Ägyptens Beitrag zur werdenden Kirche. Ab 1948 leitete Morenz, zunächst kommissarisch, das Ägyptologische Institut der Universität Leipzig. Im Februar 1952 wurde er Professor mit Lehrauftrag, im September des Jahres mit vollem Lehrauftrag und zwischen 1954 und 1961 schließlich als Lehrstuhlinhaber für Ägyptologie und hellenistische Religionsgeschichte. Zwischen 1952 und 1958 nahm Morenz zudem nebenamtlich die Leitung der Ägyptischen Abteilung der Staatlichen Museen zu Berlin in Ost-Berlin wahr. Zwischen 1961 und 1966 lehrte Morenz als Lehrstuhlinhaber an der Universität Basel, leitete jedoch im Nebenamt weiterhin das Leipziger Ägyptologische Institut. Danach kehrte er nach Leipzig zurück, wo er bis zu seinem Tod 1970 wieder den Lehrstuhl für Ägyptologie innehatte.“
Konrad Weiß, Berlin, gestorben 1979 in Rostock „1946 wurde Weiß außerordentlicher Professor für neutestamentliche Theologie an der Universität Rostock, 1948 wurde er dort auf eine ordentliche Professur berufen und 1972 emeritiert. Die Universität Kiel zeichnete Weiß 1961 mit der Ehrendoktorwürde aus.“
Unbekannt / irrelevant
Adolf Bartels, Weimar, gestorben März 1945 in Weimar
Die Auswertung der Lebensdaten der Hochschullehrer ist verblüffend. Nur drei sind in den Westen gegangen. 11 sind im Osten geblieben. Man müsste die Einzelfälle näher ansehen und erforschen, wie intensiv ihre Mitarbeit im Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben war und was davon zu Lebzeiten bekannt war. Teilweise hatten die Wissenschaftler Ehrendoktortitle von Universitäten in Ost und West.
Weitere Nazis aus dem Umfeld der Deutschen Christen / dem Institut
In den Westen gegangen
Hugo Rönck deutscher evangelischer Pfarrer und Bischof, gestorben 1990, bis 1976 Pastor in Eutin, Schleswig-Holstein. „Im Jahre 1945 nahm er „kurz vor dem Einmarsch der amerikan[ischen] Truppen“ den Titel Landesbischof an. Im April 1945 wurde er von den Vertretern der innerkirchlichen Opposition um Moritz Mitzenheim, Erich Hertzsch und Gerhard Kühn zum Amtsverzicht gedrängt und wenige Tage später von US-amerikanischen Truppen verhaftet. Im August 1945 entließ ihn die Thüringer Kirche aus dem kirchlichen Dienst. Später war er von 1947 bis 1976 Pastor in Eutin.“
Im Osten geblieben
Johannes Klotsche gestorben 1963, Stadt Wehlen, Pirna, Sachsen, „Der „fanatische Antisemit“ Klotsche unterzeichnete im April 1939 gemeinsam mit zehn anderen Landeskirchenleitern die Bekanntmachung über Gemeinschaftsarbeit von Landeskirchenleitern, deren erste Maßnahme in der Gründung des Instituts zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben bestand. Im Dezember 1941 wurden Christen jüdischer Herkunft aus der Landeskirche ausgeschlossen, womit das Sakrament der Taufe in Sachsen partiell außer Kraft gesetzt war. Bis 1942 gehörte er dem Verwaltungsrat des sog. Entjudungsinstituts an. Nach Kriegsende absolvierte er 1951/52 eine Ausbildung zum volksmissionarischen Dienst an der Predigerschule Paulinum in Ost-Berlin.“
Walter Grundmann gestorben 1976 in Eisenach „1930 wurde er Mitglied der NSDAP und 1933 aktives Mitglied der Deutschen Christen, deren im ganzen Deutschen Reich gültige Richtlinien er verfasste. 1939 wurde er zum akademischen Direktor des neu gegründeten Instituts zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben in Eisenach ernannt, das im Dienst des staatlichen Antisemitismus die „Entjudung“ der Bibel und der theologischen Ausbildung betrieb. Ungeachtet seiner NS-Vergangenheit erlangte Grundmann in der DDR als Theologe erhebliches Ansehen: 1954 erteilten ihm das Katechetische Oberseminar Naumburg (Saale) und das Theologische Seminar Leipzig Lehraufträge und er wurde Rektor des Eisenacher Katechetenseminars; seine ab 1959 erschienenen Evangelienkommentare waren Standardliteratur und werden bis heute (2022) zitiert. Er arbeitete für das Ministerium für Staatssicherheit, unter dem Decknamen GI Berg. […] In der DDR galt Grundmann bis zu seiner Emeritierung 1975 trotz seiner NS-Vergangenheit als angesehener theologischer Lehrer. 1974 verlieh die Kirchenleitung ihm nochmals den Titel eines „Kirchenrats“, um seine Arbeit anzuerkennen und um seine Pension zu erhöhen.“ Seine Wikipedia-Seite enthält eine ausführlichere Schilderung der Stasi-Tätigkeit.
Irrelevant
Friedrich Coch gestorben September 1945 in amerikanischer Gefangenschaft „Führer der Glaubensgemeinschaft Deutsche Christen in Sachsen und Herausgeber der Monatszeitschrift Christenkreuz und Hakenkreuz.“
Schlussfolgerung
7 + 6 + 3 der Personen, die in der NSDAP waren und sich öffentlich zum Antisemitismus bekannt hatten, sind vom Osten in den Westen gegangen. Dazu noch mindestens ein leitendes Mitglied der Deutschen Christen. Damit hat sich die Anzahl der Antisemiten und Nazis im Osten verringert und im Westen erhöht. Von einigen dieser Personen ist klar, dass sie wirklich harte Nazis und Rassisten waren. Andere waren eventuell weniger involviert, einige haben sich vielleicht gewandelt. Das geht aus Wikipedia nicht hervor.
Der Chef von Combat 18 lebt in Thüringen. Netterweise schreibt die taz jetzt aber auch schon manchmal selbst dazu, wo die Nazis eigentlich herkommen:
Die vier Männer, darunter der Anführer Stanley Röske, sollen Combat 18 gemeinsam mit anderen Mitgliedern bis mindestens 2022 weiterbetrieben haben. […] Röske ist ein langjähriger Neonazi aus Kassel, der nach Thüringen übergesiedelt war und sich auch mit Stephan Ernst umgeben hatte, dem Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke.
Der andere Chef kommt nach Spiegel aus Dortmund bzw. nach taz aus Castrop-Rauxel in Nordrhein-Westfalen.
Im taz-Artikel wird auch Knockout 51 erwähnt. Das ist eine Naziorganisation von Menschen aus Eisenach und Erfurt. Sie wurde laut MDR vom Neonazi Patrick Wieschke (NPD, jetzt Die Heimat) aufgebaut.
Was die bürgerliche Fassade als Buchhändler und das biedere Image der Partei für manche Beobachter verdeckte: Wieschke scharrte schon zu diesem Zeitpunkt immer mehr Jugendliche aus Eisenach und Erfurt um sich, die zwar rechts, aber noch nicht straff organisiert waren.
Wieschke ist selbst aus Eisenach, aber wurde erst 1981 geboren. Zur Wende war er also 8 Jahre alt. Den überwiegenden und für die Herausbildung politischer Überzeugungen wichtigeren Teil seiner Jugend hat er also im Nachwende-Deutschland verbracht.
Ha! Wieder! Die taz schreibt über den Schelm-Verlag, der Mein Kampf und Holocaust-Leugnung vertreibt (Die Lieferanten des Hasses). Sie schreiben über den Verlagsleiter als Rechtsextremist und früheren Leipziger.
der langjährige Rechtsextremist und frühere Leipziger Adrian Preißdinger.
Der Verlag war in Leipzig, das wird im Artikel auch erwähnt, aber wieso sollte die Information, dass der Verlagsleiter ein Leipziger war, relevant sein? Die wäre nur in der Ost-West-Diskussion wichtig. Und da ist sie falsch. Adrian Preißinger wurde 1964 in Kronach, einer oberfränkischen Stadt, geboren.