Wahlen in Sachsen-Anhalt und alle drehen durch

Wir sind kurz vor der Macht­über­nah­me durch eine als gesi­chert rechts­extrem ein­ge­stuf­te Par­tei in einem Bun­des­land. Wahr­schein­lich wird der Kelch die­ses Mal noch an uns vor­über­ge­hen, aber alle dre­hen jetzt schon mal durch. (Ich auch.) Die Wochen­end-taz ist vol­ler (guter) Bei­trä­ge zu Sach­sen-Anhalt, aber es gibt auch – wie kurz nach der Wen­de von Eber­hardt Sei­del-Pie­len in der taz – Vor­schlä­ge, dem Osten Sub­ven­tio­nen zu kür­zen, weil er wählt, wie er wählt. (N.B. Wenn man meint, dass nie­mand die AfD wäh­len soll­te, dann wäre es ange­bracht, dafür zu sor­gen, dass nie­mand sie wäh­len kann. Zum Bei­spiel, indem man sie verbietet …)

Die­ser Bei­trag beschäf­tigt sich mit einem Stück von Harald Stut­te mit dem Titel „Dem Wes­ten reicht es irgend­wann“. Ist eigent­lich alles drin. Ich arbei­te den Bei­trag mal durch.

Über bald 37 Jah­re hat man sich an die Dau­er­em­pö­rung Ost als Dik­ta­tur­fol­ge und nun­mehr folk­lo­ris­tisch-regio­na­le Beson­der­heit gewöhnt – ohne sich ange­sichts ver­bes­ser­ter Beschäf­ti­gung, sanier­ter Infra­struk­tur und in Schuss gebrach­ter Innen­städ­te einen Reim dar­auf machen zu können.

Stut­te, Harald. 2026. Dro­hen­de Fol­gen eines AfD-Wahl­sie­ges: Dem Wes­ten reicht es irgend­wann. RND Redak­ti­ons­netz­werk Deutsch­land.

Also, der Ver­gleichs­maß­stab bei der Beschäf­ti­gung ist die DDR, in der es Voll­be­schäf­ti­gung gab. Man kann nun sagen, dass die Ossis ja selbst Schuld sind, denn sie woll­ten (mehr­heit­lich) den schnel­len Anschluss. Danach gab es gro­ße Ent­las­sungs­wel­len und Unsi­cher­heit. Über 100.000 Wissenschaftler*innen wur­den ent­las­sen, Beru­fe exis­tier­ten nicht mehr. Dass es Beschäf­ti­gung gibt, bedeu­tet nicht unbe­dingt, dass die Men­schen mit die­ser Beschäf­ti­gung zufrie­den sind. Stra­ßen wur­den gebaut, Infra­struk­tur wur­de saniert. Das stimmt. Aber es wur­de auch ein gro­ßer Teil des Bahn­net­zes zer­stört. Die Innen­städ­te wur­den mit Staats­geld und dem Geld von West­lern saniert. Ohne wäre es wahr­schein­lich nicht gegan­gen. Aber das Ergeb­nis ist, dass die Immo­bi­li­en im Besitz von West­deut­schen sind. Das kann man in der Zeit von 2019 dazu lesen:

Das gilt nicht nur für Leip­zig: Schon vor zwölf Jah­ren fan­den Wis­sen­schaft­ler her­aus, dass 60 Pro­zent der pri­va­ten Ver­mie­ter von Dresd­ner Woh­nun­gen in West­deutsch­land leben. Laut Stich­pro­ben sei jeder vier­te Eigen­tü­mer ost­deut­scher Mehr­fa­mi­li­en­häu­ser in den alten Län­dern zu Hau­se. Zah­len des Sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes erge­ben, dass 45 Pro­zent der West­deut­schen ihre Woh­nung selbst besit­zen. Im Osten liegt der Anteil nur bei 31 Pro­zent, und er ist seit 15 Jah­ren nicht gestie­gen. Im Ost­see-Bade­ort Binz sind west­deut­sche Eigen­tü­mer in der Mehr­heit: Wie der MDR vor vier Jah­ren berich­te­te, besit­zen Men­schen aus den alten Län­dern dort 52 Pro­zent der Flur­stü­cke. Wenn Ost­deut­sche Immo­bi­li­en besit­zen, dann eher dort, wo sie wenig wert sind: auf dem Dorf, in den Klein­städ­ten, in den Rand­la­gen. Der Durch­schnitts­haus­halt in den alten Län­dern ver­fügt über Immo­bi­li­en mit einem Net­to­wert von 122.500 Euro, in den neu­en Län­dern sind es 50.900 Euro.

Dar­an sei die Bun­des­re­gie­rung mit schuld. Die Son­der­ab­schrei­bung habe zwar dafür gesorgt, dass Städ­te rasch saniert wor­den sei­en. Aber sie habe wirt­schafts­po­li­tisch fal­sche Anrei­ze gesetzt: “Mit­tel- und lang­fris­tig hat sie dem Osten über­haupt nichts gebracht.”

War­um nicht? “Sie hat zu einer Ver­mö­gens­ver­schie­bung geführt”, sagt Milb­radt. “Ost­deut­sche haben kaum pro­fi­tiert, aber eini­ge West­deut­sche haben ihr Ver­mö­gen ver­grö­ßert.” Natür­lich, sagt er, galt die Son­der­ab­schrei­bung auch für Ost­deut­sche. Doch es kann nur der­je­ni­ge etwas von der Steu­er abset­zen, der Steu­ern bezahlt. Vie­le Ost­deut­sche aber fin­gen nach 1989 beruf­lich von vor­ne an.

[…]

Längst dis­ku­tie­ren wir dar­über, dass West­deut­sche in Füh­rungs­po­si­tio­nen im Osten über­re­prä­sen­tiert sind. Müs­sen wir nicht auch dar­über dis­ku­tie­ren, wie Ost­deut­schen zu Eigen­tum ver­hol­fen wer­den kann – so wie West­deut­schen einst zu Ost-Immo­bi­li­en ver­hol­fen wor­den ist?

Häh­ning, Anne. 2019. Wer ist eigent­lich mein Ver­mie­ter? Die Zeit. 36/2019

Der Prenz­lau­er Berg war kurz vor dem Zusam­men­bre­chen. Er wur­de unter erheb­li­chem finan­zi­el­len Auf­wand saniert. Nur: Dort woh­nen kei­ne Ossis mehr. 90% der Men­schen, die dort leben, sind nicht mehr aus dem Osten. Weg­gen­tri­fi­ziert. In der Urlaubs­an­la­ge an der Ost­see, in der wir Urlaub machen, arbei­tet eine Frau aus dem Osten. Aber die Anla­ge gehört jeman­dem aus dem Wes­ten. Man stel­le sich ein­mal vor, wie das wäre, wenn über die Hälf­te von Stutt­gart, Mün­chen oder Ham­burg im Besitz von Ost­deut­schen wäre. Eine merk­wür­di­ge Vor­stel­lung, oder?

Anne Rabe zitiert zu die­sem The­ma ihren Freund den His­to­ri­ker Patri­ce Pou­trus mit dem Satz: „ist mir doch egal, ob mir ein Wes­si die Mie­te erhöht oder einen Ossi.“ Das ist von bei­den unglaub­lich naiv, denn die Mie­te fließt in den Wes­ten. Dort wird sie ver­steu­ert und dort wird Ver­mö­gen auf­ge­baut oder das Geld aus­ge­ge­ben (Mehr­wert­steu­er geht an Kom­mu­nen, Län­der und Bund). Spä­ter wird das Ver­mö­gen im Wes­ten ver­erbt. Die Erb­schafts­steu­er geht an das Bun­des­land, die Ein­nah­men aus Ver­mie­tung und Ver­pach­tung wer­den antei­lig an Kom­mu­ne, Bun­des­land und Bund ver­teilt. Das heißt, der Immo­bi­li­en­be­sitz durch West­ler führt zu Wohl­stand im Wes­ten. Ungleich­hei­ten wer­den ver­stärkt. Sel­bi­ges trifft auf Fir­men­be­sitz zu. Die gro­ßen Fir­men haben ihren Sitz im Wes­ten und zah­len dort Steu­ern. Ich habe dar­über schon in Anne Rabe, die Prü­gel­stra­fe und Jugend­werk­hö­fe und die unglaub­li­che „tat­säch­li­che Armut“ in der DDR geschrieben. 

Wei­ter mit Sut­tes Text.

Für die gro­ße Mehr­heit der Men­schen im Wes­ten ist und bleibt die­se Bun­des­re­pu­blik eine Erfolgs­ge­schich­te, die sie mit Wohl­stand, Sicher­heit, Frei­heit, Tole­ranz und Frie­den verbinden.

Stut­te, Harald. 2026. Dro­hen­de Fol­gen eines AfD-Wahl­sie­ges: Dem Wes­ten reicht es irgend­wann. RND Redak­ti­ons­netz­werk Deutsch­land.

Ja. Das liegt dar­an, dass Nazi-Deutsch­land im Wes­ten die Demo­kra­tie zusam­men mit dem Mar­shall­plan geschenkt bekom­men hat. Die Nazis durf­ten in den höchs­ten Posi­tio­nen wei­ter mit­spie­len. Allen ging es immer bes­ser. Es gab das Wirt­schafts­wun­der und die West­bin­dung. Im Osten hat eine klei­ne Min­der­heit ein fried­li­che Revo­lu­ti­on ange­sto­ßen und hat­te Glück, dass Gor­bat­schow und die DDR-Regie­rung die Pan­zer in der Gara­ge gelas­sen haben. Die­se Min­der­heit war gegen eine Wie­der­ver­ei­ni­gung nach dem Kohl-Plan, aber ihre Visio­nen waren nicht umsetz­bar. Auch aus öko­no­mi­schen Gründen. 

Die Ossis haben dann die Demo­kra­tie in einer trau­ma­ti­schen Umbruch­si­tua­ti­on erlebt. Fast alle Füh­rungs­po­si­tio­nen wur­den durch West­ler besetzt und das hat sich in vie­len gesell­schaft­li­chen Berei­chen auch nicht geän­dert, weil Eli­ten sich aus sich selbst rekru­tie­ren (Mau, 2020). Inter­es­san­ter­wei­se fin­den aber den­noch im Osten genau­so vie­le Men­schen die Demo­kra­tie als Herr­schafts­form gut, wie im Wes­ten. Das wird für gewöhn­lich in Kom­men­ta­ren wie dem hier dis­ku­tier­ten unterschlagen.

Aber anders als im Osten scheint es in den alten Bun­des­län­dern bei den meis­ten noch immer ein Grund­ver­trau­en in Demo­kra­tie und Rechts­staat­lich­keit zu geben. Dage­gen ist im Osten nur knapp die Hälf­te der Men­schen mit dem Funk­tio­nie­ren der Demo­kra­tie zufrie­den.

Stut­te, Harald. 2026. Dro­hen­de Fol­gen eines AfD-Wahl­sie­ges: Dem Wes­ten reicht es irgend­wann. RND Redak­ti­ons­netz­werk Deutsch­land.

Dar­über hat­te ich bereits 2023 in Die Ossis sind mit der Demo­kra­tie nicht zufrie­den. Ach wirk­lich? Und war­um sind es die Wes­sis? geschrie­ben. Was bei all die­sen Mel­dun­gen und Aus­sa­gen gekonnt ver­schwie­gen wird, ist, dass auch West­ler mit der Demo­kra­tie, so wie sie gera­de ist, nicht zufrie­den sind. Der Pro­zent­satz ist gerin­ger, aber der Unter­schied ist nicht so groß, dass er einen Auf­schrei in den Medi­en recht­fer­ti­gen würde.

2023 waren 51% der Ossis mit der Demo­kra­tie, wie sie gera­de läuft, zufrie­den und 62% der Wessis.

Das hier ist das Ergeb­nis für die Fra­ge, wie man die Demo­kra­tie als Idee fin­det und wie man die Umset­zung findet:

Reprä­sen­ta­ti­ve Bevöl­ke­rungs­be­fra­gung: Fall­zahl n=4.005, reprä­sen­ta­tiv für die deutsch­spra­chi­ge
Wohn­be­völ­ke­rung des Bun­des­ge­biets ab 16 Jah­ren, 2025

Man kann sehr schön sehen, dass in Ost und West gleich vie­le Men­schen sehr zufrie­den oder eher zufrie­den sind, näm­lich 98%. Wenn es um das „Funk­tio­nie­ren der Demo­kra­tie“ geht, sind die Unter­schie­de auch nicht sehr groß: 38% in West­deutsch­land sind unzu­frie­den und 49% in Ost­deutsch­land. Und jetzt lie­be Wes­sis, passt ganz gut auf: Die­se Wer­te sind eine Kata­stro­phe: Denn die Ossis sind in der Gesamt­bi­lanz nicht so wich­tig, weil im Osten viel weni­ger Men­schen leben. In eini­gen Jah­ren wird uns alles um die Ohren flie­gen und zwar wegen der AfD-Wähler*innen im Westen.

Zum Ver­gleich hier die Daten von 2023:

Fall­zahl n=4.003, reprä­sen­ta­tiv für die deutsch­spra­chi­ge
Wohn­be­völ­ke­rung ab 16 Jah­ren des Bun­des­ge­biets, 2023

Damals fan­den 98% der Wes­sis die Idee der Demo­kra­tie prin­zi­pi­ell gut, aber nur 96% der Ossis. Das bedeu­tet, dass sich in den letz­ten zwei Jah­ren die Zustim­mung bei den Ossis um 2% erhöht hat und jetzt genau­so hoch ist, wie bei den Wes­sis. Der Anteil der Ossis, die Demo­kra­tie als Herr­schafts­form prin­zi­pi­ell sehr gut fin­den, ist sogar von 60 auf 65% gestie­gen. Damals waren 39% der West­deut­schen mit dem Funk­tio­nie­ren der Demo­kra­tie unzu­frie­den und 46% der Ost­deut­schen. Das heißt, es sind 3% mehr Ossis unzu­frie­den. Man kann jetzt spe­ku­lie­ren, wor­an das liegt. Viel­leicht an den ver­such­ten Ren­ten­re­for­men? Kran­ken­ver­si­che­run­gen? Dar­an, dass der Bun­des­kanz­ler uns alle für eine Trup­pe arbeits­scheu­er Fau­len­zer hält? Ich selbst bin auch unzu­frie­de­ner. In Ber­lin hat Schwarz-Rot alles kaputt gemacht. 

Teilnehmer*innen vom Pup­pen­thea­ter-Muse­um Ber­lin bei #unkürz­bar Demons­tra­ti­on gegen Kür­zun­gen in Ber­lin am Roten Rat­haus. Dem Pup­pen­thea­ter­mu­se­um wur­den Zuschüs­se für die Mie­te gestri­chen. 22.02.2025

Hoch­schul­ver­trä­ge gebro­chen, Mobi­li­täts­ge­setz nicht umge­setzt, Rad­in­fra­struk­tur zurück­ge­baut. Wege­ner gibt fast 400.000€ für einen Truck und Teil­nah­me am CSD + Cam­pa­gne aus, kürzt aber bei quee­ren Pro­jek­ten (taz, 2026). Volks­ent­schei­de wer­den behin­dert, nicht umge­setzt. Die schwarz-rote Bun­des­re­gie­rung ver­sucht, den Deut­sche-Woh­nen und Co-Ent­ei­gen-Volks­ent­scheid aus­zu­he­beln. Merz bezei­chent 2 Mil­lio­nen Men­schen als lin­ke Spinner.

Mil­lio­nen „lin­ke Spin­ner“ auf der Stra­ße: Lich­ter­meer am Bran­den­bur­ger Tor für Demo­kra­tie und gegen den Rechts­ruck, vorn leuch­ten­de Buch­sta­ben: „Hope & Resis­tance“, Ber­lin, 25.01.2025

Ich bin nur ein Ossi und habe von Demo­kra­tie kei­ne Ahnung, aber ich dach­te immer, dass Demons­tra­tio­nen ein Mit­tel sind, sei­ne Mei­nung kund­zu­tun. Eins der weni­gen Mit­tel, die man hat, wenn gera­de kei­ne Wahl ansteht. Es wäre schön, wenn Politiker*innen das zur Kennt­nis neh­men wür­den und viel­leicht sogar dem Vol­kes­wil­le ent­spre­chend han­deln. Die Demons­trie­ren­den zu beschimp­fen und dann mit der AfD gemein­sam einen Fünf Punk­te für siche­re Gren­zen und das Ende der ille­ga­len Migra­ti­on zu ver­ab­schie­den, ist so ziem­lich das Gegen­teil und kann zu Unzu­frie­den­heit mit dem „Funk­tio­nie­ren der Demo­kra­tie in Deutsch­land“ führen.

Mit Rei­che sitzt eine Gas-Mana­ge­rin im Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um. Die Wis­sen­schafts­mi­nis­te­rin ist eine „Erfah­rungs­kli­ma­for­scherin“, die noch 2017 zum men­schen­ge­mach­ten Kli­ma­wan­del äußer­te: „aber ich glau­be nicht, dass wir die­je­ni­gen sind, die Schuld an irgend­was sind an die­ser Stel­le.“ usw. 

Dage­gen ist im Osten nur knapp die Hälf­te der Men­schen mit dem Funk­tio­nie­ren der Demo­kra­tie zufrie­den. Von dort bis zur Bereit­schaft, die­ses Sys­tem einer Alter­na­ti­ve zu opfern, ist der Weg nicht weit.

Stut­te, Harald. 2026. Dro­hen­de Fol­gen eines AfD-Wahl­sie­ges: Dem Wes­ten reicht es irgend­wann. RND Redak­ti­ons­netz­werk Deutsch­land.

Zwei Drit­tel im Wes­ten sind jetzt auch nicht berau­schend. Ich möch­te zum wie­der­hol­ten Male dar­auf hin­wei­sen, dass es ein fata­ler Feh­ler ist, den Wes­ten zu igno­rie­ren und auf den Osten zu ver­wei­sen. Irgend­wann in nicht all­zu fer­ner Zukunft bekom­men wir die Quit­tung dafür.

In Bre­mer­ha­ven, wo über 60 Pro­zent der Wohn­ge­bäu­de sanie­rungs­be­dürf­tig sind, in Ham­burg mit sei­nem beson­ders gro­ßen Sanie­rungs­be­darf an Schu­len oder in Nord­rhein-West­fa­len mit sei­nen zahl­rei­chen maro­den Brü­cken ballt manch einer die Faust in der Tasche.

Stut­te, Harald. 2026. Dro­hen­de Fol­gen eines AfD-Wahl­sie­ges: Dem Wes­ten reicht es irgend­wann. RND Redak­ti­ons­netz­werk Deutsch­land.

OK. Bre­mer­ha­ven, Ham­burg, NRW. Alles Kom­mu­nis­ten, Lin­ke und Sozi­al­de­mo­kra­ten, oder? Gucken wir mal nach:

In allen Regio­nen hat die AfD zwi­schen 2021 und 2025 ihre Ergeb­nis­se ver­dop­pelt. In Bre­mer­ha­ven liegt sie bei 19,2%. 0,5% hin­ter der CDU als bereits dritt­stärks­te Kraft. In NRW dritt­stärks­te Kraft, nur 3,2 Pro­zent hin­ter der SPD. Mei­ne Pro­gno­se ist, dass die AfD bei der nächs­ten Wahl zweit­stärks­te Kraft wer­den wird. Fra­gen? Ich habe wel­che! Das ist ein sys­te­ma­ti­sches Ver­sa­gen der Medi­en. Immer wie­der. Über 35 Jah­re. Lang­sam wird es ernst. Man­che Medi­en wie die taz haben das begrif­fen und berich­ten seit eini­gen Jah­ren anders.

Hier zum Spaß noch Bay­ern: Die AfD ist in die­sem rei­chen Bun­des­land zweit­stärks­te Kraft gleich nach der CSU.

Bes­ser noch die Pro­gno­sen zur Landtagswahl:

CDU, AfD und Freie Wäh­ler haben zusam­men 70%. Alle­samt ras­sis­ti­sche und aus­län­der­feind­li­che Par­tei­en. Der Chef der Frei­en Wäh­ler ist ein Anti­se­mit. Horst See­ho­fer woll­te bis zur letz­ten Patro­ne gegen Migrant*innen kämp­fen (Der Spie­gel, 2015) und hat den Ver­fas­sungs­schutz­be­richt zur AfD ändern las­sen, weil eini­ge der monier­ten Äuße­run­gen auch von der CSU kom­men (Süd­deut­sche Zei­tung, 2022).

Und das sind die Pro­gno­sen für die nächs­te Bundestagswahl:

Pro­gno­sen zur Bun­des­tags­wahl aus dem August 2026. Bei allen Insti­tu­ten liegt die AfD vor der CDU und ist stärks­te Kraft.

Bei allen Insti­tu­ten liegt die AfD vor der CDU und ist stärks­te Kraft. Die Ver­hält­nis­se der letz­ten Bun­des­tags­wahl haben sich umge­kehrt: Damals hat­te die CDU 28% und die AfD 20. Jetzt hat die AfD 28 und die CDU 20%. Man beach­te, dass der Osten dünn besie­delt ist. Das heißt bei Wahl­er­geb­nis­sen auf Bun­des­ebe­ne ist die Ost­be­völ­ke­rung prak­tisch irrele­vant. Man muss sich also fra­gen: Was ist pas­siert? Ist fast ein Drit­tel der (west­deut­schen) Bundesbürger*innen jetzt zu Nazis gewor­den? Und für wen spricht Stut­te, wenn er sagt, dass es „dem Wes­ten“ irgend­wann reicht? Lässt er die größ­te Wähler*innengruppe ele­gant unter den Tisch fallen?

Wer will mir hier noch irgend­was erzählen?

Der Osten lei­det. Aber wor­an eigent­lich? Erst an […], heu­te an […], an […], an […], an […]? Am feh­len­den Ver­ständ­nis für […], an […] und […], an […], an „West­me­di­en“?

Ja. Ich definitiv.

PS: Ein ehe­ma­li­ger SPD-Poli­ti­ker hat mir erzählt, dass im Ruhr­ge­biet gan­ze SPD-Orts­ver­bän­de zur AfD wech­seln, wegen einem der drei Punk­te oben. Aber hackt mal wei­ter auf dem Osten rum. 

Schluss

Dass Men­schen in Ost und West eine Nazi-Par­tei wäh­len, ist schreck­lich. Das ver­hin­dert man aber nicht durch Dro­hun­gen oder Beschimp­fun­gen in der Pres­se. Sol­che Arti­kel die­nen nur der Rück­ver­si­che­rung, dass man selbst zu den Guten gehört und die ande­ren irgend­wie komisch sind. Es ist Othe­ring und somit etwas, dass man ja eigent­lich als Guter ablehnt. Nur scheint das nie­mand zu merken. 

Die Fra­ge ist, was man tun kann. Herr Merz war ja ange­tre­ten, die AfD zu hal­bie­ren. Er hat sie ver­dop­pelt. Sein Ansatz war also der fal­sche. Ich wür­de hier dem Sozio­lo­gen Prof. Stef­fen Mau fol­gen, der Bür­ger­rä­te und mehr Betei­li­gung vor­schlägt. Es gab in der Bun­des­re­pu­blik schon immer einen Boden­satz von extrem Rech­ten: Repu­bli­ka­ner, Schill-Par­tei, DVU, NPD, Hei­mat. Die wird es wahr­schein­lich immer geben. Was zur Zeit pas­siert, liegt jedoch im Bereich dar­über und ist gefährlich. 

Die gesam­te Bun­des­re­pu­blik soll­te über Poli­tik und Poli­tik­stil nach­den­ken. Mar­co Bülow hat 2021 den Poli­tik-Kodex ent­wi­ckelt. Ziel ist die Ver­hin­de­rung von Kor­rup­ti­on und Lob­by­is­mus und von Trans­pa­renz. Wenn die­ser Poli­tik-Kodex für alle Politiker*innen ver­bind­lich wür­de, wäre viel gewonnen.

Quellen

Bal­ser, Mar­kus & Stein­ke, Ronen. 2022. Ver­fas­sungs­schutz: See­ho­fer ließ Ver­fas­sungs­schutz­kri­tik an AfD abschwä­chen. Süd­deut­sche Zei­tung. (https://www.sueddeutsche.de/politik/afd-verfassungsschutz-seehofer-gutachtenvergleich‑1.5511775)

Bor­chol­te, Andre­as. 2015. See­ho­fers „Notwehr“-Sprüche: Rhe­to­risch braun. Der Spie­gel. 09.10.2015. (https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/horst-seehofer-brisantes-notwehr-gerede-a-1057081.html)

Fran­ke, Hele­ne & Heben­streit, Jörg & Holt­mann, Ever­hard & Jaeck, Tobi­as & Poll­ak, Rein­hard & Rei­ser, Mari­on & Sand, Mat­thi­as & Zis­sel, Pierre. 2026. Deutsch­land-Moni­tor ’25: Gesell­schaft­li­che und poli­ti­sche Ein­stel­lun­gen The­men­schwer­punkt: Wie ver­än­de­rungs­be­reit ist Deutsch­land? Ber­lin, Hal­le (Saa­le), Jena und Mann­heim: Zen­trum für Sozi­al­for­schung Hal­le e. V. (ZSH) an der Mar­tin-Luther-Uni­ver­si­tät Hal­le-Wit­ten­berg, Insti­tut für Poli­tik­wis­sen­schaft Fried­rich-Schil­ler-Uni­ver­si­tät Jena, GESIS – Leib­niz-Insti­tut für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten. (https://deutschland-monitor.info/fileadmin/Reports/Deutschland-Monitor-2025-Hauptbericht.pdf)

Fromm, Anne. 2021. Pres­se in Ost­deutsch­land: Wer strei­chelt unse­re See­le? taz. 09.03.2021. Ber­lin. (https://taz.de/Presse-in-Ostdeutschland/!5756271/)

Häh­ning, Anne. 2019. Wer ist eigent­lich mein Ver­mie­ter? Die Zeit. 36/2019 (https://www.zeit.de/2019/36/ostdeutschland-wohnungen-besitzer-westdeutsche-investition-anreize/komplettansicht)

Heben­streit, Jörg & Holt­mann, Ever­hard & Jaeck, Tobi­as & Lutz, Lynn-Malou & Poll­ak, Rein­hard & Rei­ser, Mari­on & Sand, Mat­thi­as & Zis­sel, Pierre. 2024. Deutsch­land-Moni­tor ’23: Gesell­schaft­li­che und poli­ti­sche Ein­stel­lun­gen The­men­schwer­punkt: Stadt und Land. Ber­lin, Hal­le (Saa­le), Jena und Mann­heim: Zen­trum für Sozi­al­for­schung Hal­le e. V. (ZSH) an der Mar­tin-Luther-Uni­ver­si­tät Hal­le-Wit­ten­berg, Insti­tut für Poli­tik­wis­sen­schaft Fried­rich-Schil­ler-Uni­ver­si­tät Jena, GESIS – Leib­niz-Insti­tut für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten. (https://deutschland-monitor.info/fileadmin/Reports/Deutschland-Monitor23.pdf)

Mau, Stef­fen. 2020. Lüt­ten Klein: Leben in der ost­deut­schen Trans­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft (Schrif­ten­rei­he 10490). Bonn: Zen­tra­le für Poli­ti­sche Bil­dung. (https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/303713/luetten-klein)

Mül­ler, Dana. 2026. PR-Akti­on kurz vor der Wahl: Weg­ners Wagen auf dem CSD: Win­ken statt Wir­ken. taz. 12.07.2026. Ber­lin. (https://taz.de/PR-Aktion-kurz-vor-der-Wahl/!6195433/)

Stut­te, Harald. 2026. Dro­hen­de Fol­gen eines AfD-Wahl­sie­ges: Dem Wes­ten reicht es irgend­wann. RND Redak­ti­ons­netz­werk Deutsch­land. (https://www.rnd.de/politik/37-jahre-dauerempoerung-wahlen-im-osten-werden-zum-stresstest-fuer-die-demokratie-6QBXC275BVER3DP3BHFIAFTL3Y.html)

Kahane 2.0: Holocaust, Antisemitismus, Antifaschismus, Israel, Propaganda und angebliche Nazi-Richter und ‑Lehrer in der DDR

Holocaust nicht thematisiert oder relativiert?

Vor sie­ben Jah­ren behaup­te­te Anet­ta Kaha­ne, dass die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Holo­caust in der DDR weder auf sys­te­mi­scher noch auf indi­vi­du­el­ler Ebe­ne gewollt gewe­sen sei.

Im Osten war eine sys­te­mi­sche und indi­vi­du­el­le Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Natio­nal­so­zia­lis­mus und der Sho­ah nicht gewollt. Dies hät­te zu Fra­gen nach Men­schen­rech­ten oder Min­der­hei­ten­schutz geführt, die nur bei Stra­fe des Unter­gangs der DDR zu beant­wor­ten gewe­sen wären. 

Anet­ta Kaha­ne, Debat­te Ost­deut­sche und Migran­ten: Nicht in die Fal­len tap­pen, taz, 12.06.2018

Sie­ben Jah­re spä­ter weist ihr Nef­fe Leon Kaha­ne in einem Inter­view in der Kunst­zeit­schrift Mono­pol dar­auf hin, dass es einen Uni­ver­sa­lis­mus gege­ben habe, in dem der Holo­caust mit den Mor­den an Kommunist*innen, Homo­se­xu­el­len usw. gemein­sam behan­delt wur­de. Immer­hin wird die Exis­tenz des Geden­kens nicht ganz geleug­net, wie das bei Ines Gei­pel der Fall war. Ich habe Anet­ta Kaha­nes und Ines Gei­pels Aus­sa­gen von 2018 und 2019 im Blog-Post Der Ossi und der Holo­caust dis­ku­tiert. Was will man gegen den Uni­ver­sa­lis­mus-Vor­wurf sagen? Uni­ver­sa­lis­mus ist ein schö­nes Schlag­wort dafür, dass sich die Kommunist*innen selbst gefei­ert haben. Da war viel Pro­pa­gan­da dabei, aber letzt­end­lich hat­ten die Men­schen, die im Wider­stand waren, auch das Recht dazu, stolz zu sein. Und es war nicht der Fall, dass der Völ­ker­mord an den Juden unter den Tisch gekehrt wur­de, wie Anet­ta Kaha­ne behaup­tet hat. Leon Kaha­ne war an einer Aus­stel­lung über jüdi­sches Leben in der DDR betei­ligt. Er weiß, dass es über 1000 Bücher zum jüdi­schen Leben, zum Holo­caust und zum Wider­stand gab, dass es über 1000 Fil­me gab (zu den Details sie­he Der Ossi und der Holo­caust). Aus­schnit­te aus den Fil­men konn­te man in der Aus­stel­lung sehen.

Über­sicht der Film­se­quen­zen, die in der Aus­stel­lung „Ein ande­res Land – Jüdisch in der DDR“ gezeigt wur­den, Jüdi­sches Muse­um, Ber­lin, 19.11.2023

Es gab dort auch ein Regal mit Büchern. 

Bücher in der Aus­stel­lung „Ein ande­res Land – Jüdisch in der DDR“, Jüdi­sches Muse­um, Ber­lin, 19.11.2023

Ich habe über die Aus­stel­lung in Aus­stel­lung: „Ein ande­res Land. Jüdisch in der DDR.“ geschrie­ben. All die Auf­ar­bei­tung und Aus­ein­an­der­set­zung und das Geden­ken wird igno­riert und abge­tan, indem man behaup­tet, die Kommunist*innen hät­ten sich nur selbst gefeiert.

Das Inter­view mit Leon Kaha­ne ist in einer Inter­view­rei­he der Zeit­schrift Mono­pol erschie­nen, zu der auf der Sei­te steht:

Es ist Teil der Rei­he „Osten vom Wes­ten“, für die Kage als in West­deutsch­land Auf­ge­wach­se­ner Gesprä­che mit Kul­tur­schaf­fen­den führt, die ihre Kar­rie­ren noch in der DDR begon­nen haben.

Die­se Aus­sa­ge ist lus­tig, denn Kaha­ne war zum Fall der Mau­er 4 Jah­re alt. Er wird damals noch im Bud­del­kas­ten Sand­förm­chen gebas­telt haben. Aber viel­leicht waren die von beson­de­rem künst­le­ri­schen Wert. Kaha­ne ist also in der­sel­ben Gene­ra­ti­on wie Anne Rabe und die Aus­sa­gen auch von ähn­li­cher Qua­li­tät. Ich gehe ein­fach mal eini­ge State­ments durch.

USA und Israel Faschisten?

In der DDR hat­te man den Faschis­mus in Gän­ze über­wun­den. Die neu­en Faschis­ten ver­or­te­te man in Isra­el und in Ame­ri­ka und hat so rela­tiv naht­los an zen­tra­le ideo­lo­gi­sche Ele­men­te des Natio­nal­so­zia­lis­mus anknüp­fen kön­nen und sie inso­fern auch nicht auf­ar­bei­ten müssen.

Leon Kaha­ne. 2025. Künst­ler Leon Kaha­ne „In der DDR gab es im Grun­de kei­ne Erin­ne­rungs­kul­tur“, Mono­pol. 20.06.2025

Also die USA waren ganz klar der Klas­sen­feind. Sie waren Kapi­ta­lis­ten und Impe­ria­lis­ten. Das wur­de uns so ver­mit­telt (mei­ne Schul­zeit dau­er­te von 1974–1986, auch wäh­rend der Armee­zeit gab es Polit­un­ter­richt). Faschis­mus war etwas ande­res, jeden­falls habe ich nie von solch einer Gleich­set­zung gehört.1 Die Sache mit Isra­el ist kom­plex. Die Sowjet­uni­on hat Isra­el nach der Staats­grün­dung sofort aner­kannt.2 Es gab in Isra­el lin­ke Tra­di­tio­nen und Bewe­gun­gen (Kib­bu­zim), wes­halb die Hoff­nung bestand, dass sich Isra­el dem Ost-Block anschlie­ßen wür­de. Ab der Stel­lung­nah­me Ben-Guri­ons zum Korea­krieg (1950–1953) war klar, dass Isra­el auf U.S.-Seite stand und die Block­lo­gik ergab dann, dass Isra­el auch Klas­sen­feind war. Das hat erst mal nichts mit Anti­se­mi­tis­mus zu tun, auch wenn das gern in einen Topf gewor­fen wird.3 Ein lus­ti­ges Gedan­ken­ex­pe­ri­ment ist es, sich aus­zu­ma­len, was pas­siert wäre, wenn Isra­el sich dem Ost­block ange­schlos­sen hät­te. Wür­de man dann alle, die das kri­ti­sie­ren, als Anti­se­mi­ten bezeich­nen? Oder nicht? Wenn nicht, war­um nicht?

Die Lager, die auf dem Gebiet der spä­te­ren DDR waren, haben eine Uni­ver­sa­li­sie­rungs-Erzäh­lung, die den Fokus ganz stark auf die kom­mu­nis­ti­schen Wider­ständ­ler legt, auf die Selbst­be­frei­ung und so wei­ter. Die Juden hat­ten dort, über die gan­ze DDR hin­weg, eigent­lich kei­nen Raum. Und das ist etwas, was gera­de wie­der Kon­junk­tur hat.

Die­se Aus­sa­ge ist falsch. Die Mor­de an den Juden kamen im Film vor, der in Buchen­wald allen Besucher*innen gezeigt wur­de. Sie­he dazu den Wiki­pe­dia-Ein­trag zum Film O Buchen­wald bzw. den Blog-Post Der Ossi und der Holo­caust. Wäh­rend vie­le West­deut­sche noch nie ein KZ gese­hen haben, war der Besuch eines KZs in der DDR für Schüler*innen Pflicht. Der Buchen­wald-Film wur­de den Besucher*innen der Gedenk­stät­te gezeigt. Er ist noch heu­te gele­gent­lich bei kom­men­tier­ten Vor­füh­run­gen zu sehen. Unab­hän­gig davon, ob die Mor­de an Juden in den Gedenk­stät­ten vor­ka­men, gibt es eine über­wäl­ti­gen­de Anzahl von Doku­men­ten und Ehrun­gen, die zei­gen, dass sie im All­tag der DDR immer wie­der the­ma­ti­siert wur­den. Ich ver­wei­se wie­der auf Der Ossi und der Holo­caust zum Geschichts- und Lite­ra­tur­un­ter­richt, zu Stra­ßen­na­men, zu Plas­ti­ken im öffent­li­chen Raum, Brief­mar­ken, Büchern, Fil­men usw.

Zeu­ge mag das völ­lig zer­le­se­ne Exem­plar von Nackt unter Wöl­fen sein, das ich 2025 foto­gra­fiert habe.

Nackt unter Wöl­fen von Bru­no Apitz, Aus­ga­be 1958, Pri­vat­be­sitz in Feri­en­quar­tier, foto­gra­fiert 2025

Die vor­lie­gen­de Aus­ga­be ist von 1958 und es waren damals bereits 330.000 Exem­pla­re verkauft.

Nackt unter Wöl­fen von Bru­no Apitz, Impres­sum Auf­la­ge 330.–369. Tausend

Zu den rele­van­ten Text­stel­len sie­he Lite­ra­tur­un­ter­richt. Nackt unter Wöl­fen erschien in 30 Spra­chen und erreich­te eine Gesamt­auf­la­ge von mehr als zwei Mil­lio­nen. Eben­falls beim Lite­ra­tur­un­ter­richt fin­det man eine Bal­la­de von Johan­nes R. Becher: Die Kin­der­schu­he aus Lub­lin (you­tube). Becher war Kul­tur­mi­nis­ter in der DDR, er war Kom­mu­nist, kein Jude und hat die Ermor­dung jüdi­scher Kin­der trotz­dem zu sei­nem The­ma gemacht. Die Bal­la­de wur­de in der DDR im Lite­ra­tur­un­ter­richt behan­delt. Es gab ein­heit­li­che Lehr­plä­ne für das gan­ze Land. Leon Kaha­ne kann das im Gegen­satz zu Anet­ta Kaha­ne nicht aus eige­ner Erfah­rung wis­sen, aber wenn er sol­che The­sen ver­tritt, hat er die Pflicht sich mit dem The­ma zu beschäftigen.

Der Wiederaufbau der Neuen Synagoge

Der Inter­view­er Jan Kage behaup­tet in einer Fra­ge über die Zeit nach der Wende:

Und gleich­zei­tig gab es ein neu­es jüdi­sches Leben, auch eine jüdi­sche Immi­gra­ti­on, dar­un­ter vie­le, die aus Ost­eu­ro­pa hier nach Ber­lin kamen. Die Syn­ago­ge wur­de wie­der in alter Pracht auf­ge­baut. Es gab einen Aufbruch.

Was dabei uner­wähnt bleibt, ist, dass die Grund­stein­le­gung für den Wie­der­auf­bau der Syn­ago­ge am 10. Novem­ber 1988 statt­fand. Einen Tag nach dem 50. Jah­res­tag der Reichs­po­grom­nacht. Ein Jahr vor dem Fall der Mau­er. Kaha­ne war da drei Jah­re alt. Laut Zeit­zeu­gen waren Kera­mik­werk­stät­ten der DDR mit der Anfer­ti­gung von Zie­geln für die Syn­ago­ge in der ent­spre­chend benö­tig­ten Form beschäf­tigt. Unter ande­rem die Werk­statt von Hed­wig Boll­ha­gen und die Kera­mik­werk­stadt der Kunst­hoch­schu­le Burg Gie­bi­chen­stein in Halle.

Bild mit Erich Hon­ecker. Bild­be­schrif­tung: „Sym­bo­li­sche Grund­stein­le­gung für den Wie­der­auf­bau der Neu­en Syn­ago­ge, Ber­lin, 1988“, „Zum 50. Jah­res­tag der Novem­ber­po­gro­me begann 1988 der Wie­der­auf­bau der Syn­ago­ge in der Ora­ni­en­bur­ger Stra­ße mit der sym­bo­li­schen Grund­stein­le­gung. Die SED-Füh­rung ver­folg­te damit außen­po­li­ti­sche und öko­no­mi­sche Inter­es­sen: Sie woll­te durch eine ver­än­der­te Erin­ne­rungs­po­li­tik die Bezie­hun­gen zu den USA ver­bes­sern. Doch sie reagier­te auch auf ein ver­än­der­tes Bewusst­sein in der Bevöl­ke­rung. In die­ser Zeit wur­den Aus­stel­lungs­pro­jek­te und Publi­ka­tio­nen zur Erin­ne­rung an die Ver­bre­chen in der NS-Zeit zu jüdi­schen The­men rea­li­siert. Mahn­ma­le und Gedenk­ta­feln wur­den errich­tet, FDJ-Mit­glie­der pfleg­ten jüdi­sche Fried­hö­fe.“ „Mit Dank­bar­keit möch­te ich gegen­über dem Staats­rats­vor­sit­zen­den und dem Hohen Haus erklä­ren, dass die Ent­schei­dung über den Wie­der­auf­bau der „Neu­en Syn­ago­ge“ in der Haupt­stadt Ber­lin im Ver­band der Jüdi­schen Gemein­den in der DDR und unter allen Bür­gern jüdi­schen Glau­bens mit gro­ßer Freu­de auf­ge­nom­men wur­de. Vie­le aus­län­di­sche Glau­bens­ge­nos­sen haben uns dazu beglück­wünscht und ver­ste­hen die­se Ent­schei­dung als Zeug­nis für leben­di­ges jüdi­sches Gemein­de­le­ben in der DDR. Sieg­mund Roth­stein (1925–2020), Gedenk­re­de auf der Son­der­sit­zung der Volks­kam­mer der DDR zum bevor­ste­hen­den Jah­res­tag am 9. Novem­ebr 1988“, Aus­stel­lung „Ein ande­res Land – Jüdisch in der DDR“, Jüdi­sches Muse­um, Ber­lin, 19.11.2023

Wahlerfolge der AfD und Transformationserfahrungen im Osten

Kaha­ne sagt zu den Wahl­er­fol­gen der AfD in den neu­en Bundesländern:

War­um wird in den soge­nann­ten „neu­en Bun­des­län­dern“ so viel AfD gewählt? Mei­nes Erach­tens hat das mehr mit der ver­säum­ten Auf­ar­bei­tung zu tun als mit der Trans­for­ma­ti­ons­er­fah­rung der Wende.

Ja, lie­ber Leon Kaha­ne. Das ist Dei­ne Geschich­te und auch die von Anne Rabe. Und die von Ines Gei­pel und von Dei­ner Tan­te. Sie wird von West-Medi­en ger­ne gedruckt, weil sie so schön ent­las­tend ist. Denn, wenn es die Trans­for­ma­ti­ons­er­fah­run­gen wären, dann wäre der Wes­ten mit­schul­dig. Wäre es aber eine man­geln­de Auf­ar­bei­tung oder, wie bei Anne Rabe behaup­tet, irgend­wel­che Gewalt­er­fah­run­gen oder bei Pfeif­fer das gemein­sa­me Sit­zen auf dem Töpf­chen im Kin­der­gar­ten (Decker, 1999), dann könn­te man die Ossis irgend­wie patho­lo­gi­sie­ren, als anders abtun und das Pro­blem exter­na­li­sie­ren. Man braucht dann noch ein biss­chen Huf­ei­sen­theo­rie dazu, damit man erklä­ren kann, war­um so vie­le Ossis erst Die Lin­ke gewählt haben und nun AfD wäh­len. Das macht lei­der aber kei­nen Sinn, weil Bodo Rame­low ein lie­ber Sozi­al­de­mo­krat ist (Thü­rin­gen hat­te einen Minis­ter­prä­si­den­ten von Der Lin­ken) und sei­ne Ansich­ten abso­lut inkom­pa­ti­bel mit denen des hes­si­schen Nazis Björn Höcke sind.

Nazi punks fuck off!

Leon Kaha­ne schreibt:

In der DDR gab es einen Wider­stand gegen den von oben ange­ord­ne­ten Anti­fa­schis­mus, der sich in einer sym­bo­li­schen Hin­wen­dung zum Rechts­ra­di­ka­lis­mus aus­drückt. Zum Bei­spiel Punks, die Land­ser gehört haben.

Leon Kaha­ne

Ja, lie­ber Leon, als sich Land­ser gegrün­det haben, warst Du sechs Jah­re alt. Das war näm­lich 1991. Aber sie waren erst 1992 dann unter dem Namen Land­ser unter­wegs. Also drei Jah­re nach der Wen­de und zwei Jah­re nach DDR. Kann schon mal pas­sie­ren. Bei die­sen gan­zen Sze­nen und Bands kennt sich ja kei­ner aus. Aber eins stimmt: Es gab ganz sicher einen oder andert­halb Punks die rechts­extre­me Musik gehört haben. Ich hat­te sel­ber eine Kas­set­te mit Titeln wie „Töte dei­nen Nach­barn“ und „Mein gol­de­ner Schlag­ring“ in der Hand.4 War nicht so meins. Ansons­ten: Die Punks haben von den Skin­heads aufs Maul bekom­men. Die Punks waren links. 1987 gab es den Über­fall von Nazis­kins aus Ost und West auf ein Kon­zert der Punk-Band Die Fir­ma in der Zions­kir­che. Es gab eine Anti­fa, die sich als Selbst­ver­tei­di­gungs­grup­pe gegen die Nazis­kins gebil­det hat­te. Es gab 1983 den Ver­such einer Kranz­nie­der­le­gung durch Ost-Ber­li­ner Punks im KZ Sach­sen­hau­sen. Das wur­de von der Sta­si ver­ei­telt. Die Punks nah­men den Kranz wie­der mit und leg­ten ihn an der Mahn­wa­che für die Opfer des Faschis­mus Unter den Lin­den ab. Die anti­fa­schis­ti­sche, pazi­fis­ti­sche Band Die Fir­ma hat­te einen Song mit der Zei­le: „Wir müs­sen weg von der Mit­te! Wo ist der Weg von der Mit­te?“ und es gab einen Song „Der Faschist“. Gefah­ren­zo­ne hat­te das Lied Glas­nost, in dem sie sich auf Rus­sisch an Micha­el Gor­bat­schow wand­ten. Die gan­ze Punk-Musik-Sze­ne ist recht gut in Lutz Schramms Par­ok­ti­mums­wi­ki beschrie­ben. Lutz Schramm hat von den Bands Tapes bekom­men und hat auch Bands wie Gefah­ren­zo­ne im DDR-Radio gespielt, gegen die in den 80ern Zer­set­zungs­maß­nah­men der Sta­si lie­fen. Auf tape attack kann man die in der DDR pro­du­zier­ten Kas­set­ten run­ter­la­den. Zum Bei­spiel Papier­krieg: Noch nie hat eine Dik­ta­tor sei­ne Volks­ab­stim­mung ver­lo­ren. Poli­tisch. Anti­fa­schis­tisch. Links. Der Song Der Schoß ist frucht­bar noch ent­hält die Zei­le „Lasst nicht zu, dass sechs Mil­lio­nen umsonst gestor­ben sind.“.

Es gab ver­schie­de­ne Teil­sze­nen. Zum Einen gab es die Punks die inner­halb der Kir­che Rück­zugs­räu­me fan­den, weil der Staat Kir­chen­ge­län­de respek­tiert hat. Auf Kir­chen­ge­län­de konn­ten Punk-Grup­pen pro­ben und es gab Fes­ti­vals wie das Erlösa­fes­ti­val in der Erlö­ser­kir­che. Die Punks arbei­te­ten in der Kir­che von Unten zusam­men. Undenk­bar, dass die Pfar­rer Nazis geför­dert hät­ten. Staats­feind­li­che Lie­der waren aber bei Kon­zer­ten auf Kir­chen­ge­län­de durch­aus zu hören („Des­halb erheb’ ich mei­ne Hand gegen mein Vater­land.“). Die Sta­si stand drau­ßen drum rum und hör­te inter­es­siert zu. In den Bands waren IMs. Gegen Ende der DDR gab es eine Libe­ra­li­sie­rung und Punk-Bands beka­men einen Ein­stu­fung (Spiel­erlaub­nis, man konn­te nicht ein­fach irgend­wie Musik machen). Das waren die so genann­ten ande­ren Bands. Von denen waren vie­le auch staats­kri­tisch und ver­lo­ren auch tem­po­rär oder für immer ihre Auf­tritts­ge­neh­mi­gung (Frey­gang, Herbst in Peking). Herbst in Peking wid­me­ten einen Song Leo Trotz­ki („dem Mann, den wir wäh­len wür­den, wenn wir wäh­len könnten“).

Nach der Wen­de kan­di­dier­ten Anar­chis­ten aus dem Umfeld von Frey­gang, Fir­ma, Ich Funk­ti­on und auch Fee­ling B als Auto­no­me Akti­on Wydoks für die Volks­kam­mer. Nix Nazis.

Zur Musik, die wir hör­ten, gehör­ten die Dead Ken­ne­dys und deren Lied: Nazi punks fuck off. Das wur­de von Lutz Schramm auch im DDR-Jugend­ra­dio DT64 gespielt.

Ein biss­chen was ist aber dran, an Dei­ner Ant­wort. Der „Gau-Lei­ter“ von Ber­lin war der Sohn eines Par­tei­ka­ders. So sag­te man. Das war die maxi­ma­le Rebellion.

Listen von Juden? Um Gottes Willen!

Kage fragt:

In der jüdi­schen Com­mu­ni­ty der DDR waren vie­le Kom­mu­nis­ten und Sozia­lis­ten. Sie waren also säku­lar. Zur kogni­ti­ven Dis­so­nanz gibt es eine Anek­do­te von Gre­gor Gysi, des­sen Vater Klaus ein paar Jah­re Kul­tur­mi­nis­ter der DDR war, und der auch aus einer jüdi­schen Fami­lie stammt. Als Ägyp­ten und Syri­en 1973 Isra­el über­fie­len, der Jom-Kip­pur-Krieg, gab es ein State­ment der SED, in dem die israe­li­sche Aggres­si­on ver­ur­teilt wur­de. Die­ses soll­ten alle jüdi­schen Per­so­nen des öffent­li­chen Lebens in der DDR unter­schrei­ben. Und der Sohn frag­te den Vater, der die Sho­ah über­lebt hat­te und der von die­sem Staat über­zeugt war, woher die denn wüss­ten, dass sie jüdisch sind. “Haben die Lis­ten?” Wie war das jüdi­sche Leben in der DDR organisiert? 

Ich weiß nicht, war­um Gysi die Geschich­te erzählt, aber die Ant­wort war ganz klar: Ja, es gab Lis­ten, denn die Men­schen, die KZs oder sonst wie Ver­fol­gung durch die Nazis über­lebt hat­ten, waren als Ver­folg­te des Nazi­re­gimes regis­triert (auch mein Groß­on­kel) und beka­men eine höhe­re Ren­te, konn­ten frü­her in Ren­te gehen und so weiter. 

Dies gilt im Prin­zip auch für die von der Deut­schen Wirt­schafts­kom­mis­si­on (DWK) am 5. Okto­ber 1949, d.h. zwei Tage vor der Grün­dung der DDR, erlas­se­nen »Anord­nung zur Siche­rung der recht­li­chen Stel­lung der aner­kann­ten Ver­folg­ten des Nazi­re­gimes«, die künf­tig den Eck­pfei­ler der Wie­der­gut­ma­chung in der DDR bil­de­te: Sie gewähr­te aner­kann­ten Opfern des Faschis­mus Alters- und Arbeits­un­fä­hig­keits­ren­ten, beson­de­re Berück­sich­ti­gung bei der Wohn- und Gewer­be­raum­ver­ga­be, aus­rei­chen­de Ver­sor­gung mit Haus­rat, umfas­sen­de Leis­tun­gen zur gesund­heit­li­chen Reha­bi­li­tie­rung sowie beson­de­re Stu­di­en­bei­hil­fen für ihre Kin­der. Im Febru­ar 1950 erlas­se­ne Richt­li­ni­en regel­ten den Kreis der Berech­tig­ten. In der detail­lier­ten Auf­lis­tung stan­den zwar die poli­tisch Ver­folg­ten, ins­be­son­de­re die­je­ni­gen, die aktiv gegen das NS-Regime gekämpft hat­ten, an der Spit­ze, doch waren die an zwölf­ter Stel­le genann­ten ras­sisch Ver­folg­ten dabei mate­ri­ell-recht­lich nicht dis­kri­mi­niert. Aller­dings waren die Ansprü­che auf sol­che aner­kann­ten Opfer des Faschis­mus beschränkt, die auf dem Ter­ri­to­ri­um der SBZ/DDR leb­ten – 1949 sol­len es etwa 50 000 gewe­sen sein.

Gosch­ler, Con­stan­tin. 1993. Pater­na­lis­mus und Ver­wei­ge­rung — Die DDR und die Wie­der­gut­ma­chung für jüdi­sche Ver­folg­te des Natio­nal­so­zia­lis­mus. In Benz, Wolf­gang (ed.), Jahr­buch für Anti­se­mi­tis­mus­for­schung, vol. 2. Frankfurt/Main: Campus-Verlag.

Aber unab­hän­gig davon hat­te der Staat Lis­ten über alles Mög­li­che. Die DDR war ein Über­wa­chungs­staat mit einem enorm auf­ge­bläh­ten Geheim­dienst und Netz von inof­fi­zi­el­len Mit­ar­bei­tern (ehm, hüstl, viel­leicht auch IM Gre­gor und ganz sicher IM Vic­to­ria, SCNR).

Letzt­end­lich waren die Per­so­nen, die zu Stel­lung­nah­men gedrängt wur­den, Per­so­nen des öffent­li­chen Lebens, die sich unter­ein­an­der gekannt haben dürf­ten und die sicher von­ein­an­der wuss­ten, war­um sie im KZ gewe­sen waren oder wo sie in der Emi­gra­ti­on gewe­sen waren.

Die Erklä­rung, die jüdi­sche Bür­ger der DDR zu einem Krieg in der Regi­on abge­ge­ben haben, bezog sich auf den Sechs­ta­ge­krieg. Ich habe sie in der Aus­stel­lung foto­gra­fiert, an der auch Leon Kaha­ne betei­ligt war (sie­he unten). Der Sechs­ta­ge­krieg fand 1967 statt. Der Jom-Kip­pur-Krieg dann 1973. Jan Kage sagt rich­tig über den Jom-Kip­pur-Krieg, dass Ägyp­ten und Syri­en Isra­el ange­grif­fen haben. Aber um die­sen Krieg ging es über­haupt nicht, son­dern eben um den Sechs­ta­ge­krieg von 1967. Ägyp­ten war mit 1000 Pan­zern und 100.000 Sol­da­ten an den israe­li­schen Gren­zen auf­mar­schiert. Isra­el hat­te dann in einem Prä­ven­tiv­schlag die ägyp­ti­sche Luft­waf­fe am Boden zer­stört und danach, da die Geg­ner ohne Absi­che­rung aus der Luft waren, gro­ße Gebie­te ein­ge­nom­men. Dar­un­ter die Golan­hö­hen, den Gaza-Strei­fen, die Sinai-Halb­in­sel, das West-Jor­dan­land und das poli­tisch und reli­gi­ös wich­ti­ge Ost­je­ru­sa­lem. Die fol­gen­de Kar­te gibt einen Über­blick über die erober­ten Gebiete:

Gebiets­ge­win­ne Isra­els im Sechs­ta­ge­krieg. Quel­le: Wiki­pe­dia Hoheit CC-BY-SA

Die Fra­ge von Jan Kage war falsch gestellt. Sie ent­hält meh­re­re Feh­ler. Leon Kaha­ne hät­te das auf­fal­len müs­sen und er hät­te den Inter­view­er auf den Feh­ler hin­wei­sen müs­sen. Der hät­te das leicht kor­ri­gie­ren kön­nen, ohne dass wir es gemerkt hät­ten, denn es war ja kein Fern­seh­in­ter­view. Die Fra­ge macht his­to­risch betrach­tet über­haupt kei­nen Sinn: War­um soll­te die SED Jüd*innen zu einem Brief anre­gen, wenn ande­re Län­der Isra­el über­fal­len? Beim Sechs­ta­ge­krieg war die Lage dage­gen anders: Isra­el hat­te einen Prä­ven­tiv­schlag geführt und im Ergeb­nis des Krie­ges gro­ße Gebie­te neu besetzt. Ein Land, das zum ande­ren Block gehör­te. Das konn­te man schon mal ver­ur­tei­len. So funk­tio­nier­te das Block­den­ken damals.

Es bleibt lei­der nur der Schluss, dass weder Inter­view­er noch Inter­view­ter sich mit der zuge­ge­be­ner­ma­ßen kom­ple­xen Mate­rie auskennen.

Mythos Antifaschismus?

Leon Kaha­ne antwortet:

Was ich zu die­sem „Sich-Ver­hal­ten“ sagen kann: Es gab tat­säch­lich eine Unter­schrif­ten­lis­te, ein State­ment jüdi­scher Bür­ger der DDR, das vie­le Künst­ler, Jour­na­lis­ten und Schrift­stel­ler ver­wei­gert haben zu unter­schrei­ben. Einer davon war mein Groß­va­ter. Die­ses State­ment war in sei­ner gan­zen Spra­che hoch­gra­dig anti­se­mi­tisch. Auch, dass man das im Namen der jüdi­schen Bür­ger ver­fasst hat, erin­nert mich an eini­ge offe­ne Brie­fe der Gegen­wart. Das Ver­ständ­nis des Juden­tums war in der DDR extrem ver­küm­mert. Auf der ande­ren Sei­te waren Bio­gra­fien wie die mei­ner Groß­el­tern unheim­lich wich­tig für den Mythos der DDR als anti­fa­schis­ti­schem Staat. Und somit auch, um nicht über das Ver­hält­nis zur NS-Nach­fol­ge­ge­sell­schaft nach­den­ken zu müs­sen. Die­ser Miss­brauch hat sicher­lich auch für Pri­vi­le­gi­en gesorgt. Aber die­se Pri­vi­le­gi­en waren ver­gif­tet und hat­ten einen Preis. Man kann sich viel­leicht vor­stel­len, wie pre­kär das jüdi­sche Leben war und wie sehr es an eine poli­ti­sche Bot­schaft der DDR gebun­den war. Sowas kann immer sehr schnell kippen.

Leon Kaha­ne

Also: Leon Kaha­ne war der Mei­nung, dass in der DDR von den USA als faschis­ti­schem Staat gespro­chen wur­de. Ande­rer­seits spricht er vom „Mythos der DDR als anti­fa­schis­ti­schem Staat“. Das heißt, er ist der Mei­nung, dass die DDR nicht anti­fa­schis­tisch war. Was denn dann? Ich bin ver­wirrt. Ich bin mein gan­zes Leben anti­fa­schis­tisch erzo­gen wor­den. Alle Kin­der der DDR waren in KZs. Ich war acht Mal in Buchen­wald (bei den Weim­ar­ta­ge der FDJ, bei einer Klas­sen­fahrt), ich war in Ausch­witz (im Rah­men eines Schul­aus­tauschs mit einer Part­ner­schu­le in Polen), ich war in Sach­sen­hau­sen (im Rah­men der Jugend­stun­den mei­ner POS). Stra­ßen, Schu­len waren nach Antifaschist*innen benannt, wir hat­ten anti­fa­schis­ti­schen Stoff in Musik, in Geschich­te, in Lite­ra­tur (z.B. haben wir Nackt unter Wöl­fen gele­sen. Ein Buch über Buchen­wald, in dem auch der Mord an den Juden the­ma­ti­siert wur­de und Die Früh­lings­so­na­te, eine Erzäh­lung, in der es um die Mor­de von SS und Wehr­macht an den Kie­wer Juden in Babyn Jar ging (33.000 Men­schen in 48 Stun­den). Zu den Details sie­he Der Ossi und der Holo­caust). Nur ein Mythos? In Wirk­lich­keit waren doch alle Faschis­ten? Wohl kaum. Die Herr­schen­den (Nicht-Juden und im Gegen­satz zum Wes­ten auch Juden) hat­ten auch im KZ geses­sen oder waren gera­de noch recht­zei­tig Rich­tung Osten oder Wes­ten geflo­hen. Man kann bzw. muss die Kom­mu­nis­ten schreck­lich fin­den, den Über­wa­chungs­staat, die Zer­set­zungs­maß­nah­men gegen die Oppo­si­ti­on usw. aber man kann nicht behaup­ten, dass sie kei­ne Anti­fa­schis­ten gewe­sen sei­en. Die Behaup­tung, dass es in der DDR kei­ne Nazis gab, kann man wohl ins Reich der Mythen ver­ban­nen. Es gab sogar neue und oft waren es Bon­zen­kin­der, die die extrems­te Form der Abgren­zung von ihren Eltern wähl­ten. In der DDR gab es auch eine Anti­fa, die nicht staat­lich war (Ich habe am 4.11.89 im Anti­fa-Block demons­triert.). Auch Anti­se­mi­tis­mus gab es in der DDR. Nach­wen­de­um­fra­gen erga­ben aber einen viel, viel gerin­ge­ren Grad an Anti­se­mi­tis­mus als im Wes­ten (Emnid-Umfra­ge von 1991: 4% vs. 16%, sie­he Dahn, 1997). Die Behaup­tung, dass die DDR nazifrei gewe­sen sei, wäre nicht rich­tig, aber ein anti­fa­schis­ti­scher Staat war sie sehr wohl.

Prekäres jüdisches Leben?

Kaha­ne schreibt: „Aber die­se Pri­vi­le­gi­en waren ver­gif­tet und hat­ten einen Preis. Man kann sich viel­leicht vor­stel­len, wie pre­kär das jüdi­sche Leben war und wie sehr es an eine poli­ti­sche Bot­schaft der DDR gebun­den war.“ Nein. Ich kann mir nicht vor­stel­len, wie pre­kär das jüdi­sche Leben war. Ich habe extra noch ein­mal nach­ge­se­hen, was pre­kär bedeu­tet: pre­kär in Wiki­pe­dia. Juden waren in der DDR als Ver­folg­te des Nazi­re­gimes (zu Recht) pri­vi­le­giert. Wie auch die Kaha­nes: Max Kaha­ne, von 1965–1968 Chef­kom­men­ta­tor der Par­tei­zei­tung Neu­es Deutsch­land, Doris Kaha­ne, Staats­künst­le­rin mit Auf­trä­gen in Indi­en. Die Kaha­nes waren 100%ig von der Sache der DDR über­zeugt und genos­sen auch schon dadurch wei­te­re Pri­vi­le­gi­en (Rei­se­frei­heit zum Bei­spiel, auch Anet­ta Kaha­ne war zu DDR-Zei­ten in den West­afri­ka und Mosam­bik.). In Der Ossi und der Holo­caust lis­te ich ande­re jüdi­sche Men­schen aus Wis­sen­schaft, Kul­tur und Poli­tik auf, die in der DDR ange­se­hen waren und das gesell­schaft­li­che Leben präg­ten. Das schreibt Gosch­ler (1993) zur mate­ri­el­len Absi­che­rung der Opfer des Faschismus:

Dort gelang­te nun die alte Tren­nung von »Kämp­fern« und »Opfern« wie­der zu neu­en Ehren und wur­de nun auch mit mate­ri­el­len Kon­se­quen­zen gewür­digt: Kämp­fer, die das um fünf Jah­re her­ab­ge­setz­te Pen­si­ons­al­ter erreicht hat­ten oder inva­li­de waren, soll­ten eine Ehren­pen­si­on in Höhe von monat­lich 800 Mark erhal­ten, für Opfer waren dem­ge­gen­über ledig­lich 600 Mark vor­ge­se­hen. Sofern Juden also nicht Trä­ger der »Medail­le für Kämp­fer gegen den Faschis­mus 1933–1945« waren, muß­ten sie sich mit dem min­de­ren Sta­tus und ent­spre­chen­der Pen­si­ons­be­rech­ti­gung des Opfers begnü­gen. Mau muß dabei aller­dings her­vor­he­ben, daß die Höhe der Ehren­pen­sio­nen gemes­sen an DDR-Nor­mal­ren­ten exor­bi­tant hoch war; bis 1989 waren die Ehren­pen­sio­nen auf 1800 Mark für »Kämp­fer« bzw. 1600 Mark für »Opfer« angestiegen.

Gosch­ler, Con­stan­tin. 1993. Pater­na­lis­mus und Ver­wei­ge­rung — Die DDR und die Wie­der­gut­ma­chung für jüdi­sche Ver­folg­te des Natio­nal­so­zia­lis­mus. In Benz, Wolf­gang (ed.), Jahr­buch für Anti­se­mi­tis­mus­for­schung, vol. 2. Frankfurt/Main: Campus-Verlag.

Die­se Ehren­pen­si­on gab es zusätz­lich zu der nor­ma­len Ren­te aus er Sozi­al­ver­si­che­rung. Nur zum Ver­gleich: 1989 betrug das Sti­pen­di­um 200 Mark. Man konn­te davon bequem leben, denn Grund­nah­rungs­mit­tel waren sehr bil­lig. Mie­te kos­te­te 30 Mark. Es wur­de den Bezieher*innen die­ser Ren­ten nahe­ge­legt, die­se nicht in Bank­fi­lia­len abzu­ho­len, um kei­nen Neid zu erregen.

Sicher, wenn man sich zum Staats­feind ent­wi­ckel­te, dann bekam man Pro­ble­me. Da gab es aber kei­ne Unter­schie­de zwi­schen Juden und Nicht-Juden. Die Zer­set­zungs­maß­nah­men der Sta­si waren für alle glei­cher­ma­ßen unschön. Ansons­ten war es auch nicht schlimm, wenn man die Ehren­pen­si­on nicht bekam, denn in der DDR konn­te man auch von nor­ma­len Ein­kom­men und Ren­ten leben. Und wegen des mög­li­chen Ent­zugs von Pri­vi­le­gi­en rum­zu­jam­mern, fin­de ich schon etwas … nun ja schräg.

Übri­gens stand neben dem State­ment in der Aus­stel­lung, dass vie­le Jüd*innen es nicht unter­schrie­ben haben. Dar­un­ter Peter Edel, Ste­fan Heym, Lin Jal­da­ti und Arnold Zweig. Wie Leon Kaha­ne anmerkt, hat wohl Max Kaha­ne auch nicht unter­schrie­ben. Max Kaha­ne hat noch 1970 den Vater­län­di­schen Ver­dienst­or­den in Gold bekom­men und 1974 eine Span­ge dazu. Auch Peter Edel und Lin Jal­da­ti wur­den noch nach 1967 mit hohen Aus­zeich­nun­gen geehrt. Wenn man im Osten in Ungna­de gefal­len war, bekam man kei­ne Orden mehr. Zu Max Kaha­nes Nicht-Unter­schrift gibt es unten noch wei­te­re Gedanken.

Die Erklärung jüdischer DDR-Bürger*innen zum Sechstagekrieg

Das ist die Erklä­rung der jüdi­schen DDR-Bür­ger. Ich habe sie in maxi­ma­ler Auf­lö­sung hoch­ge­la­den. Wenn man das Bild anklickt, kann man den Text lesen. 

Erklä­rung jüdi­scher Bürger*innen aus der DDR zu Isra­els Agie­ren im Sechs­ta­ge­krieg vom 09.06.1967 im Zen­tral­or­gan der SED Neu­es Deutschland

Kaha­ne sagt: „Die­ses State­ment war in sei­ner gan­zen Spra­che hoch­gra­dig anti­se­mi­tisch.“ Die geneig­te Lese­rin möge das State­ment selbst lesen. Es befin­det sich in Gän­ze im Anhang. Zu Beginn steht: „Als Bür­ger der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik jüdi­scher Her­kunft erhe­ben wir unse­re Stim­me, um fei­er­lich die Aggres­si­on zu ver­ur­tei­len, der sich die herr­schen­den Krei­se Isra­els gegen die ara­bi­schen Nach­bar­staa­ten schul­dig gemacht haben.“ Das State­ment bezieht sich auf die Regie­rung, nicht auf die Israe­lis oder Jüd*innen an sich. Es stellt auch nicht das Exis­tenz­recht Isra­els in Fra­ge. Es wird ledig­lich dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Staats­grün­dung nicht nach dem vor­ge­se­he­nen UN-Plan erfolg­te. Die Behaup­tung zur Grün­dung Isra­els ist nicht kor­rekt. Isra­el hat­te sich selbst gegrün­det. Die Paläs­ti­nen­ser und die umge­ben­den Staa­ten (Ägyp­ten, Syri­en, Jor­da­ni­en und Irak) grif­fen Isra­el an. Das Ergeb­nis des Paläs­ti­na­krie­ges war aber, dass Gebie­te, die den Paläs­ti­nen­sern zuge­dacht waren, dann 1949 israe­lisch besetzt waren. Und zwar laut Sel­ter (2020) 75% des gesam­ten Gebie­tes. Nur der Gaza-Strei­fen ging an Ägyp­ten und das West-Jor­dan­land an Jor­da­ni­en. Ansons­ten geht es in der Erklä­rung um die Gebiets­be­set­zung 1967, die im vori­gen Abschnitt beschrie­ben wur­den.5 Zum Schluss der Erklä­rung wird dar­auf hin­ge­wie­sen, wie die­ser Kon­flikt been­det wer­den kann: „Frie­den im Vor­de­ren Ori­ent wird es nur geben, wenn die Regie­rung Isra­els ihre impe­ria­lis­ti­sche Poli­tik auf­gibt und end­lich zu einer Poli­tik der guten Nach­bar­schaft und der Ach­tung der Inter­es­sen der ara­bi­schen Völ­ker fin­det.“. Es geht also ganz klar um gute Nach­bar­schaft. Das Exis­tenz­recht Isra­els wird nir­gends in Fra­ge gestellt. Die 1967 besetz­ten Gebie­te habe ich oben ver­linkt. Die geneig­te Leser*in möge den Links fol­gen und die in Wiki­pe­dia auf­ge­lis­te­ten UN-Reso­lu­tio­nen und völ­ker­recht­li­chen Ein­schät­zun­gen zur Kennt­nis neh­men. Erst 2024 stell­te der Inter­na­tio­na­le Gerichts­hof wie­der fest, dass das West­jor­dan­land unrecht­mä­ßig besetzt ist (tages­schau, 19.07.2024).

Also: Die­se Erklä­rung rich­te­te sich gegen die Poli­tik der israe­li­schen Regie­rung und ist auch nach der Defi­ni­ti­on der IHRA, die ich im Fol­gen­den dis­ku­tie­re, nicht antisemitisch.

Antisemitismus nach der Definition der IHRA

Im wei­te­ren Ver­lauf des Inter­views wie­der­holt Jan Kage den fal­schen Bezug auf den Jom-Kip­pur-Krieg und behaup­tet eben­falls, das State­ment dazu sei anti­se­mi­tisch gewesen:

Von hier bis zu der Debat­te nach dem Jom-Kip­pur-Krieg in der DDR: Immer wie­der kom­men die­se anti­se­mi­ti­schen Kli­schees hoch.

Jan Kage

Die­se Sache ist schwie­rig, aber wenn man sich gegen Krie­ge äußert, ist das noch lan­ge nicht anti­se­mi­tisch. Es kann anti­se­mi­tisch sein, auch kön­nen an sich nicht anti­se­mi­ti­sche Äuße­run­gen aus einer anti­se­mi­ti­schen Moti­va­ti­on her­aus getä­tigt wer­den, aber State­ments gegen einen Krieg sind nicht auto­ma­tisch anti­se­mi­tisch. Man kann sich das anhand der aktu­el­len Ent­wick­lun­gen in Gaza klar­ma­chen. Es ist abso­lut legi­tim, gegen die­sen Krieg zu sein. Ich habe Freun­de in Isra­el, die jede Woche gegen die Netan­ja­hu-Regie­rung protestieren.

Nurit auf dem Work­shop on lar­ge-sca­le grammar deve­lo­p­ment and grammar engi­nee­ring, Open Uni­ver­si­ty Hai­fa, Zikhron Ya’a­kov, 24.06.2015

Nurit hat ihre Nich­te beim Mas­sa­ker der Hamas ver­lo­ren. Sie war 17 und hat in der Wüs­te getanzt. Den­noch ist Nurit und ihre Fami­lie gegen den Krieg (Times of Isra­el, 20.03.2024) und sie demons­trier­te schon vor dem 7. Okto­ber 2023 jede Woche gegen die rechts­extre­me israe­li­sche Regie­rung. Ist sie anti­se­mi­tisch? Bin ich anti­se­mi­tisch, wenn ich den­ke wie sie? Wohl kaum.

Das hier ist die Defi­ni­ti­on von Anti­se­mi­tis­mus der Inter­na­tio­nal Holo­caust Remem­brance Alli­ance (IHRA), die von vie­len als zu streng abge­lehnt wird:

„Anti­se­mi­tis­mus ist eine bestimm­te Wahr­neh­mung von Jüdin­nen und Juden, die sich als Hass gegen­über Jüdin­nen und Juden aus­drü­cken kann. Der Anti­se­mi­tis­mus rich­tet sich in Wort oder Tat gegen jüdi­sche oder nicht­jü­di­sche Ein­zel­per­so­nen und/oder deren Eigen­tum sowie gegen jüdi­sche Gemein­de­in­sti­tu­tio­nen oder reli­giö­se Einrichtungen.“

Um die IHRA bei ihrer Arbeit zu lei­ten, kön­nen die fol­gen­den Bei­spie­le zur Ver­an­schau­li­chung dienen:

Erschei­nungs­for­men von Anti­se­mi­tis­mus kön­nen sich auch gegen den Staat Isra­el, der dabei als jüdi­sches Kol­lek­tiv ver­stan­den wird, rich­ten. Aller­dings kann Kri­tik an Isra­el, die mit der an ande­ren Län­dern ver­gleich­bar ist, nicht als anti­se­mi­tisch betrach­tet wer­den. Anti­se­mi­tis­mus umfasst oft die Anschul­di­gung, die Juden betrie­ben eine gegen die Mensch­heit gerich­te­te Ver­schwö­rung und sei­en dafür ver­ant­wort­lich, dass „die Din­ge nicht rich­tig lau­fen“. Der Anti­se­mi­tis­mus mani­fes­tiert sich in Wort, Schrift und Bild sowie in ande­ren Hand­lungs­for­men, er benutzt unheil­vol­le Ste­reo­ty­pe und unter­stellt nega­ti­ve Charakterzüge.

Das ist eine sinn­vol­le Defi­ni­ti­on mit einer sinn­vol­len Erklä­rung. Es ist nicht so, wie oft behaup­tet wird, dass die­se Defi­ni­ti­on Kri­tik an Isra­el unmög­lich machen wür­de. Jede Kri­tik an Isra­el wür­de aber sofort anti­se­mi­tisch wer­den, wenn man behaup­ten wür­de, dass Isra­el Gaza nur des­halb platt­ge­macht hat, weil die Men­schen in Isra­el Juden sind.

Also noch­mal: Die DDR war gegen Isra­el, weil Isra­el Teil des kapi­ta­lis­ti­schen Blocks war. Das steht auch sehr klar in die­sem Brief.

Nurit hat mir übri­gens davon erzählt, wie für den Krieg gegen die Men­schen im Gaza-Strei­fen argu­men­tiert wird. Es wird behaup­tet, in Gaza gäbe es kei­ne Unschul­di­gen. Schließ­lich hät­ten die Men­schen in Gaza ja die Hamas gewählt. Eine sol­che Argu­men­ta­ti­on ist ras­sis­tisch und rechts­extrem, denn: Die letz­ten Wah­len waren 2006. Wer weiß, was Men­schen heu­te den­ken? Wer weiß, was sie über den aktu­el­len Kon­flikt den­ken? Und was ist mit Kin­dern? Und unab­hän­gig davon: Muss man die Men­schen dann erschie­ßen? Inter­es­sant wird es, wenn man die­sel­be Logik auf Isra­el anwen­det, denn das wür­de bedeu­ten, dass es in Isra­el kei­ne Unschul­di­gen gibt und man die Israe­lis alle erschie­ßen könn­te, denn eine Mehr­heit von ihnen hat ja Netan­ja­hu gewählt bzw. eine der Koali­ti­ons­par­tei­en. Oder sind all die­je­ni­gen, die aktiv gegen den Krieg sind oder ihn auch nur pas­siv ableh­nen aus­ge­nom­men? Und was ist mit den Deut­schen? Was ist mit mei­nem Groß­on­kel? Ist er schuld? Der Mann aus dem ande­ren Teil der Fami­lie, der einem Juden ein Bahn­ti­cket gekauft hat und zur Flucht über Wla­di­wos­tok, Japan in die USA ver­hol­fen hat? Was ist mit uns, den Nach­kom­men? Bin ich raus, weil mein Groß­on­kel im KZ saß? Das wäre merk­wür­dig, denn für mei­nen Groß­on­kel kann ich nichts. Man kommt da in sehr schwie­ri­ge Berei­che. Die Alli­ier­ten haben nach dem Krieg die Vor­stel­lung von Kol­lek­tiv­schuld sehr schnell auf­ge­ge­ben. Es ist nicht gerecht­fer­tigt, ein ande­res Volk so zu behan­deln, wie es Isra­el der­zeit tut. Durch nichts.

Nurit hat ihre Nich­te ver­lo­ren. Ein jun­ges Mäd­chen, das getanzt hat. Bis früh um 7:00, bis die Ter­ro­ris­ten kamen. Bei der Aus­hand­lung des Waf­fen­still­stands gab es drei Hal­tun­gen von Men­schen aus Opfer­fa­mi­li­en. Man­che Eltern (weni­ge) waren der Mei­nung, ihre Kin­der soll­ten auf kei­nen Fall aus­ge­tauscht wer­den, denn auf die­se Wei­se kämen nur Paläs­ti­nen­ser frei, die wei­ter mor­den wür­den (War­ti­me Dia­ries, 2024). Eine zwei­te Grup­pe war der Ansicht, dass nur sol­che Men­schen aus­ge­tauscht wer­den soll­ten, die nicht zu den Mör­dern vom 7.10.2023 gehör­ten. Eine drit­te Grup­pe war dafür, dass das kei­ne Rol­le spie­len soll­te. Nurit und ihre Fami­lie gehör­te zur drit­ten Grup­pe. Ich bewun­de­re sie dafür. Die­ser Kon­flikt muss been­det wer­den. Der Hass muss ein Ende haben, die Spi­ra­le der Gewalt. Es geht nur, in dem bei­de Sei­ten sagen: Wir hören auf. Jetzt!

Die Ansichten von Max Kahane

Ein letz­ter Punkt noch hier­zu: „das vie­le Künst­ler, Jour­na­lis­ten und Schrift­stel­ler ver­wei­gert haben zu unter­schrei­ben. Einer davon war mein Groß­va­ter.“ In einem Inter­view von Wera Herz­berg, auf das ich wei­ter unten noch ein­ge­hen wer­de, berich­tet die­se von ihrer Mut­ter Ursu­la Herz­berg, die Staats­an­wäl­tin in der DDR war, dass die­se nie­mals etwas Kri­ti­sches gegen­über Isra­el gesagt oder unter­schrie­ben hät­te. Bei Max Kaha­ne war das anders (Dank an Peer, der das raus­ge­sucht hat):

Max Kaha­ne zu Isra­el in Neue Zeit, 23.04.1965, S. 6 (zwei Jah­re vor dem Sechstagekrieg)

Für Men­schen ohne DDR-Ver­ständ­nis: Für das State­ment der jüdi­schen Bür­ger der DDR gab es viel­leicht einen Druck zum Unter­schrei­ben von offi­zi­el­ler Sei­te. Anders war das für das obi­ge Doku­ment: Max Kaha­ne war die offi­zi­el­le Sei­te (aus ers­ter Hand). Was gedruckt wur­de, war abge­wo­gen. Auch wenn der Arti­kel das sug­ge­riert, wur­den kei­ne spon­ta­nen Ant­wor­ten, die viel­leicht Minu­ten spä­ter bereut wur­den, doku­men­tiert. Die Pres­se war in der Hand des Staa­tes. Die CDU war eine gleich­ge­schal­te­te Block­par­tei (Ulb­richt Mai, 1945: „Es muss demo­kra­tisch aus­se­hen, aber wir müs­sen alles in der Hand haben.“, Leon­hard, 1955). Was Max Kaha­ne hat dru­cken las­sen, war sei­ne Mei­nung und die des Staa­tes und der Tenor die­ser kur­zen Mel­dung ist der glei­che wie der des Brie­fes der jüdi­schen Bürger*innen: Isra­el ist ein impe­ria­lis­ti­scher Agres­sor. Anti­se­mi­tisch? Hängt von der Defi­ni­ti­on und deren Anwen­dung ab. Sie­he oben. Anti­im­pe­ria­lis­tisch? Ganz sicher. Bei Pro­fes­sor Eis­ler han­del­te es sich wohl um Hanns Eis­ler, eben­falls ein Jude.

Die Stel­lung­nah­me der jüdi­schen Bürger*innen erschien im Neu­en Deutsch­land. Pro­pa­gan­dis­tisch hät­te es über­haupt kei­nen Sinn erge­ben, wenn der Chef­kom­men­ta­tor des Neu­en Deutsch­lands einen Brief von unab­hän­gi­gen jüdi­schen Bürger*innen mit unter­zeich­net hät­te. Es war klar, dass das, was im Neu­en Deutsch­land erscheint, die offi­zi­el­le Mei­nung der SED-Staats­füh­rung war und somit iden­tisch mit der des Chef­kom­men­ta­tors. Sol­che Brie­fe und Stel­lung­nah­men waren dazu da, der rest­li­chen Bevöl­ke­rung zu zei­gen, was Intel­lek­tu­el­le und Künstler*innen von einer bestimm­ten Sache hal­ten. Also: Leon Kaha­ne kann sich nichts dar­auf ein­bil­den, dass sein Groß­va­ter das aus Leon Kaha­nes Sicht anti­se­mi­ti­sche State­ment nicht unter­schrie­ben hat. Viel­leicht war das State­ment ja doch nicht antisemitisch?

Nazis auf den mittleren Ebenen?

Jan Kage fragt:

Auch in der DDR hat man nach 1945 weder Rich­ter noch Staats­an­wäl­te oder Leh­rer – die­sen gan­zen Mit­tel­bau aus Beam­ten – aus­ge­tauscht. Das ging nicht, weil man nicht schnell genug nach­aus­bil­den konn­te. Statt­des­sen tausch­te man die Füh­rungs­ebe­ne aus. Und von hier konn­te man dann gut vom Osten auf den Wes­ten zei­gen. Wir sind die Guten und da drü­ben bei Ade­nau­er sit­zen die Faschis­ten. Und in Öster­reich auch. Waren die jüdi­schen Leu­te in der DDR Kron­zeu­gen für die­se eige­ne anti­fa­schis­ti­sche Erzählung?

Leon Kaha­ne wider­spricht dem nicht, aber die Aus­sa­ge ist ein­fach falsch. Es gab nach dem Krieg die soge­nann­ten Neu­leh­rer. Ich ken­ne per­sön­lich einen Latein/­Kunst-Leh­rer, der Mit­glied der NSDAP gewe­sen war und nach dem Krieg nicht arbei­ten durf­te. Das steht im Wiki­pe­dia-Ein­trag zu den Neulehrern:

Wur­den im ers­ten Schul­jahr noch eini­ge Leh­rer mit natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Ver­gan­gen­heit gedul­det, so wur­den die Richt­li­ni­en für den Ver­bleib im Schul­dienst schritt­wei­se ver­schärft. In den west­li­chen Besat­zungs­zo­nen konn­ten eini­ge Leh­rer mit zwei­fel­haf­tem Hin­ter­grund nach soge­nann­ten „Ent­bräu­nungs­kur­sen“ ab 1947 wie­der in den Schul­dienst ein­tre­ten, wäh­rend in der sowje­ti­schen Besat­zungs­zo­ne das Neu­leh­rer­pro­gramm so umfang­reich gestal­tet wur­de, dass gro­ße Tei­le der bis­he­ri­gen Leh­rer­schaft von den rund 40.000 Neu­leh­rern ersetzt wur­den. Obschon die alte Leh­rer­schaft die Qua­li­tät einer höchs­tens ein­jäh­ri­gen Umschu­lung anzwei­fel­te, war auf­grund des zumeist aka­de­mi­schen Hin­ter­grun­des der Neu­leh­rer das Ergeb­nis hin­rei­chend gut und ermög­lich­te den sonst im Nach­kriegs­deutsch­land auf­ga­ben­lo­sen Beru­fen eine fes­te Anstel­lung. Die gro­ße Mehr­zahl der Neu­leh­rer blieb auf Dau­er im Schul­dienst tätig.

Wiki­pe­dia­ein­trag Neu­leh­rer, 05.11.2025

Auch die Behaup­tung bezüg­lich der Juris­ten ist nicht rich­tig. Die Mut­ter von André Herz­berg (Dem Sän­ger der Rock­band Pan­kow, die auch in der Aus­stel­lung vor­kam) war Staats­an­wäl­tin in der DDR. Sie hat­te nach dem Krieg und der Rück­kehr aus dem Exil einen Crash-Kurs zur Juris­tin absol­viert. Ihre Toch­ter Wera Herz­berg hat über ihr Leben ein Thea­ter­stück gemacht und schreibt dazu in der Ber­li­ner Zeitung:

In Lei­ces­ter, wo sie leb­te, hat sie mei­nen Vater ken­nen­ge­lernt und vie­le ande­re jüdi­sche Emi­gran­ten aus Deutsch­land. Sie trat in die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei ein und ging 1947 zurück nach Deutsch­land, nach Ber­lin-Ste­glitz, wo sie bei Freun­den woh­nen konn­te. Und dann bekam sie die Chan­ce, einen Kurz­lehr­gang im Fach Jura zu besu­chen. Das war in Pots­dam und damit ver­bun­den war die Auf­for­de­rung, in den sowje­tisch besetz­ten Teil Deutsch­lands zu ziehen.

[…]

War­um ist sie zurück­ge­gan­gen?

Mei­ne Mut­ter ist 1942 in die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei ein­ge­tre­ten, und hat­te tat­säch­lich einen Auf­trag. Aber sie hat auch dar­an geglaubt, dass sie in die­sem Deutsch­land etwas ändern kann. Und der erkenn­ba­re Anti­fa­schis­mus im Ost­teil war für sie etwas Gutes. Zudem tat sich dort für sie ein rie­si­ges Berufs­feld auf, weil alle Nazi-Juris­ten ent­las­sen wurden.

Hat Ihre Mut­ter spä­ter noch Jura stu­diert?

Sie soll­te, aber sie hat­te dann schon drei Kin­der, hat­te sich von mei­nem Vater schei­den las­sen. Es war für sie nicht zu stem­men. Sie hat dann auf mitt­le­rer Ebe­ne als Staats­an­wäl­tin gear­bei­tet, war auch mal Jugend­staats­an­walt, aber eigent­lich war ihr Gebiet die Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät, auch Dieb­stäh­le und so etwas.

Lenz, Susan­ne. 11.01.2025. Wera Herz­berg im Inter­view: „Mei­ne Mut­ter woll­te raus aus dem ver­ein­ten Deutsch­land“. Ber­li­ner Zei­tung.

Peer hat mich auf Hafer­kamp & Wudt­ke (1997) hin­ge­wie­sen. In die­ser Fach­ver­öf­fent­li­chung zur Rich­ter­aus­bil­dung in der DDR kann man Fol­gen­des lesen:

Hin­zu kamen die rigo­ro­sen Ent­na­zi­fi­zie­rungs­plä­ne der Sowjets. In Befehl Nr. 49 der SMAD vom 4. Sep­tem­ber 1945 wur­de ange­ord­net, daß „bei der Durch­füh­rung der Reor­ga­ni­sa­ti­on des Gerichts­we­sens sämt­li­che frü­he­re Mit­glie­der des NSDAP aus dem Appa­rat der Gerich­te und der Staats­an­walt­schaft zu ent­fer­nen sind, eben­so Per­so­nen, wel­che an der Straf­po­li­tik unter dem Hit­ler­re­gime unmit­tel­bar teil­ge­nom­men haben.“ Von den etwa 2400 im Mai 1945 im Jus­tiz­dienst täti­gen Rich­tern und Staats­an­wäl­ten hat­ten knapp 80 % das Par­tei­buch der NSDAP. Schon im Okto­ber 1945 führ­te eine ers­te Ent­las­sungs­wel­le in der SBZ zur Ent­fer­nung von 811 Rich­tern, das ent­sprach etwa 90 % der NS-belas­te­ten Rich­ter. Bis 1948 erhöh­te sich die­se Zahl auf 905, damit betrug die ver­blie­be­ne Belas­tung in der Rich­ter­schaft im Sep­tem­ber 1948 4,8 %. Zu Errei­chung des Min­dest­solls für die Ein­rich­tung einer funk­ti­ons­fä­hi­gen Jus­tiz fehl­ten Ende 1945 bereits etwa 40 % der Rich­ter. Die ört­li­chen Kom­man­dan­ten ver­such­ten, die Lücke durch sog. „Rich­ter im Sofort­ein­satz“ zu schlie­ßen. Regio­nal unter­schied­lich über­nah­men juris­tisch halb- oder unge­bil­de­te Kom­mu­nis­ten und „bewähr­te Anti­fa­schis­ten“ die Recht­spre­chung. Ende 1945 waren etwa 25 % der Rich­ter „im Soforteinsatz“.

Hafer­kamp, Hans-Peter & Wudt­ke, Tors­ten. 1997. Rich­ter­aus­bil­dung in der DDR. forum his­to­riae iuris. Quel­len für die Ein­zel­aus­sa­gen sie­he dort.

Die Behaup­tun­gen von Jan Kage sind also plain wrong und es ist eine Schan­de für Leon Kaha­ne, dass er sie unwi­der­spro­chen ste­hen lässt.

Ehm, davon unab­hän­gig bleibt der Rest von Kages Fra­ge natür­lich wahr: „Und von hier konn­te man dann gut vom Osten auf den Wes­ten zei­gen. Wir sind die Guten und da drü­ben bei Ade­nau­er sit­zen die Faschis­ten.“ Die Füh­rungs­ebe­ne war aus­ge­tauscht und die Faschis­ten saßen im Wes­ten. Hans Glob­ke zum Bei­spiel. Glob­ke war Mit­ver­fas­ser der Nürn­ber­ger Ras­sen­ge­set­ze und rech­te Hand Ade­nau­ers. Die Orga­ni­sa­ti­on Geh­len war der Vor­läu­fer des BND und wur­de von Nazis auf­ge­baut. Alles so Sachen, die man schlecht weg­dis­ku­tiert bekommt. Ich habe auch für KZ-Mann­schaf­ten oder Deut­sche Chris­ten, die die Bibel von jüdi­schen Ein­flüs­sen befrei­en woll­ten, Ver­bleibs­stu­di­en ange­stellt. Die Schwer­ver­bre­cher sind bis auf sehr weni­ge Aus­nah­men alle in den Wes­ten oder über die Rat­ten­li­nie (von der katho­li­schen Kir­che bzw. US-Geheim­diens­ten orga­ni­siert) nach Argen­ti­ni­en oder in die ara­bi­sche Welt geflo­hen. Auch von den im Osten leben­den christ­li­chen Anti­se­mi­ten sind vie­le in den Wes­ten gegan­gen. Sie­he Nazis im Wes­ten, Nazis in der SED und Das SS-Lager­per­so­nal von Buchen­wald und (Ost-)Deutsche Chris­ten in Ost und West.

Antisemitismus?

Ich möch­te einen Punkt noch ein­mal klar machen: Isra­el begeht Men­schenrechs­ver­let­zun­gen. Der Anti­se­mi­tis­mus­vor­wurf ist eine Immu­ni­sie­rungs­stra­te­gie: Jede Kri­tik an Isra­el wird sofort als Anti­se­mi­tis­mus geblockt. Zum bes­se­ren Ver­ständ­nis viel­leicht hier ein Bei­spiel für sol­che Stra­te­gien aus den Mate­ria­li­en der Ama­deu-Anto­nio-Stif­tung, die Leon Kaha­nes Tan­te Anet­ta Kaha­ne gelei­tet hat. In der Erklä­rung anti­se­mi­ti­scher Codes wird neben Roth­schild, Rocke­fel­ler, Geor­ge Sor­os, Mark Zucker­berg und Bill Gates noch Anet­ta Kaha­ne genannt.

Bei­spiel für anti­se­mit­sche Codes in Mate­ri­al der Ama­deu-Anto­nio-Stif­tung erstellt am 23.09.2021 decon­s­truct anti­se­mi­tism! Anti­se­mi­ti­sche Codes und Meta­phern erken­nen, auch heu­te noch vom Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Bil­dung, Fami­lie, Senio­ren, Frau­en und Sport ver­linkt.

Als beschei­de­ner Mensch wür­de ich, wenn ich für eine sol­che Bro­schü­re ver­ant­wort­lich wäre (Anet­ta Kaha­ne lei­te­te die Stif­tung bis 2022), dafür sor­gen, dass mein Name aus die­ser Lis­te ver­schwin­det, selbst wenn die Aus­sa­ge wahr wäre. Davon abge­se­hen: Anet­ta Kaha­ne mag sich als Aus­län­der­be­auf­trag­te und auch im Kampf gegen Anti­se­mi­tis­mus ver­dient gemacht haben, sie spielt aber in einer gaaaaa­anz ande­ren Liga als Rocke­fel­ler, Sor­os, Zucker­berg und Gates. In einer ganz ande­ren. So anders, dass es schon weh tut. Die Auf­nah­me des eige­nen Namens in eine sol­che Lis­te ist der Ver­such der Immu­ni­sie­rung: Alle die Anet­ta Kaha­ne kri­ti­sie­ren, han­deln anti­se­mi­tisch, wenn man die Kri­te­ri­en von Anet­ta Kaha­ne zugrundelegt.

Zeitzeugen

Leon Kaha­ne gehört wie Anne Rabe zur Drit­ten Gene­ra­ti­on Ost. Die bei­den sind fast gleich alt. Anne Rabe hat in einer Podi­ums­dis­kus­si­on mit Simo­ne Schmol­lack auf die Fra­ge, wie sie denn über die DDR schrei­ben kön­ne, wenn sie zur Wen­de erst drei Jah­re alt war, geant­wor­tet, dass Umber­to Eco ja auch nicht im Mit­tel­al­ter gelebt, aber den­noch über die­se Zeit geschrie­ben habe. Das ist wohl wahr, aber im Gegen­satz zu Anne Rabe konn­te man Umber­to Eco bis­her kei­ne gro­ben Schnit­zer in sei­nem Roman nach­wei­sen. Im Gegen­satz zur Nach­kriegs­ge­nera­ti­on und zur DDR-Gene­ra­ti­on kön­nen die jüngs­ten Vertreter*innen der Drit­ten Gene­ra­ti­on Ost nichts oder sehr wenig über ihre Zeit in der DDR sagen, dafür aber eini­ges über die Nach­wen­de­zeit und das Leben mit ihren vom Umbruch betrof­fe­nen Eltern. Wenn Sie sich den­noch zu The­men äußern, die den DDR-All­tag betref­fen, müs­sen sie sich genau­so auf­wen­dig in die Mate­rie ein­ar­bei­ten, wie Men­schen aus dem Wes­ten. Sie brau­chen Quel­len und müs­sen ihr Wis­sen sys­te­ma­ti­sie­ren. Leon Kaha­ne hat offen­sicht­lich kei­ne Ahnung von den Sub­kul­tu­ren in der DDR und lei­der auch nicht von der Geschich­te der DDR nach dem Krieg (Neu­leh­rer) und der Geschich­te Isra­els (Sechs­ta­ge­krieg vs. Jom-Kip­pur-Krieg). Sonst hät­te er sei­nem Inter­view­part­ner wider­spre­chen müs­sen. Genau so hat Anne Rabe kei­ne Ahnung von Amok­läu­fen oder Poli­zei­sta­tis­ti­ken. All­ge­mein nicht mit dem wis­sen­schaft­li­chen Arbei­ten. Rabe und Kaha­ne kom­men aus sys­tem­treu­en Fami­li­en, wes­halb ihnen selbst das Wis­sen über den DDR-Unter­grund aus zwei­ter Hand aus den Fami­li­en fehlt. Ihre Aus­sa­gen sind also mit Vor­sicht zu genie­ßen und soll­ten von inter­es­sier­ten Journalist*innen veri­fi­ziert wer­den. Damit kann man Pein­lich­kei­ten wie das vor­lie­gen­de Inter­view und auch eine Preis­ver­ga­be an ein schlech­tes Buch vermeiden.

Zusammenfassung

Zusam­men­ge­fasst: Auch Israe­lis kön­nen Ras­sis­ten sein, auch Israe­lis kön­nen das Völ­ker­recht bre­chen und Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen bege­hen. Und Anet­ta Kaha­ne und ihr Nef­fe kön­nen Unfug über den Osten ver­brei­ten. Dass man zu einer dis­kri­mi­nier­ten Min­der­heit gehört, bedeu­tet nicht, dass man unfehl­bar ist. Um es mit Fun­ny van Dan­nen zu sagen: Auch les­bi­sche schwar­ze Behin­der­te kön­nen ätzend sein!

Das gan­ze Inter­view ist mal wie­der ein Ärger­nis und letzt­end­lich auch ein Bei­trag zur För­de­rung des Faschis­mus, auch wenn das Jan Kage und Leon Kaha­ne jetzt weh­tun mag. Die Bericht­erstat­tung über den Osten ist seit über 35 Jah­ren auf ähn­li­chem Niveau. Das hat zur Fol­ge, dass die west­deut­schen Leit­me­di­en im Osten nicht mehr kon­su­miert wer­den (Fromm, 2021), dass wei­te Tei­le der ost­deut­schen Gesell­schaft nicht mehr am Dis­kurs teil­neh­men und dann ihre Infor­ma­tio­nen aus diver­sen Schmud­del­ka­nä­len auf Tele­gram und sonst­wo bekom­men. War­um soll­ten sie Geld bezah­len, um Falsch­in­for­ma­tio­nen über sich zu lesen? War­um soll­ten sie Men­schen aus dem Wes­ten zuschau­en, die über sie spre­chen? Oder Men­schen aus dem Osten, die kei­ne Ahnung haben, wie die DDR war und The­sen ver­brei­ten, die zu dem pas­sen, was Men­schen aus dem Wes­ten hören wol­len? Die­se Men­schen zurück­zu­ho­len dürf­te schwer wer­den. Viel­leicht ist es bereits zu spät.

Anhang: Vollständige Erklärung jüdischer Bürger der DDR zum Sechstagekrieg

Das steht in der Erklärung:

Als Bür­ger der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik jüdi­scher Her­kunft erhe­ben wir unse­re Stim­me, um fei­er­lich die Aggres­si­on zu ver­ur­tei­len, der sich die herr­schen­den Krei­se Isra­els gegen die Nach­bar­staa­ten schul­dig gemacht haben. Wir füh­len uns berech­tigt und ver­pflich­tet, unse­re Stim­me zu erhe­ben, denn wir Bür­ger der DDR, in der der Anti­se­mi­tis­mus aus­ge­rot­tet und für Anti­se­mi­ten kein Platz ist, die wir sel­ber unter den Ver­fol­gun­gen des Hit­ler­fa­schis­mus schwer gelit­ten haben, bekla­gen eben­so wie vie­le Bür­ger Isra­els den Ver­lust zahl­rei­cher Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ger, gemor­det von den deut­schen Impe­ria­lis­ten. Wenn die Regie­rung Isra­els sich anmaßt, im Namen der Juden zu spre­chen, so sei fest­ge­stellt, daß die erdrü­cken­de Mehr­zahl der Juden außer­halb Isra­els lebt und die­ses nicht als ihren Staat betrach­tet. Sym­pa­thien, die in der Welt den durch den Hit­ler­fa­schis­mus und Anti­se­mi­tis­mus geschun­de­nen Juden ent­ge­gen­ge­bracht wer­den, sol­len zur Tar­nung impe­ria­lis­ti­scher Inter­es­sen miss­braucht werden.

Es ist die Tra­gik der jüdi­schen Bevöl­ke­rung Isra­els, dass die Macht­ha­ber die­ses Staa­tes eine Poli­tik betrei­ben, dies sich in den Dienst der stra­te­gi­schen Inter­es­sen impe­ria­lis­ti­scher Groß­mäch­te am Suez­ka­nal und an den ara­bi­schen Ölquel­len gestellt hat.

Lei­der trifft das nicht nur auf das Jahr 1967 zu. Schon die Geburt des Staa­tes Isra­el ist behaf­tet mit Wort­bruch und Anne­xi­on. Die Reso­lu­ti­on der UNO vom Novem­ber 1947 zur Bil­dung eines ara­bi­schen und eines jüdi­schen Staa­tes auf dem Gebiet des dama­li­gen Paläs­ti­na wur­de gebro­chen. Unter Miß­ach­tung der UNO-Fest­le­gung wur­de von den reak­tio­nä­ren Krei­sen der Staat Isra­el gegrün­det, der 80 Pro­zent des Ter­ri­to­ri­ums des ehe­ma­li­gen Paläs­ti­na okku­pier­te. Vie­le Hun­dert­tau­sen­de ara­bi­sche Men­schen wur­den mit Waf­fen­ge­walt bru­tal aus Hei­mat, Haus und Hof durch die israe­li­sche Groß­bour­geoi­sie ver­trie­ben. So wie die USA-Impe­ria­lis­ten die Bun­des­re­pu­blik zur Speer­spit­ze gegen die Völ­ker Euro­pas aus­bau­ten, so wur­de Isra­el zur zur Speer­spit­ze gegen die ara­bi­schen Völ­ker aus­er­ko­ren. Die­se Isra­el zuge­dach­te Rol­le zeig­te sich beson­ders deut­lich im Jah­re 1956, als Isra­el, gefolgt von den impe­ria­lis­ti­schen Groß­mäch­ten Ägyp­ten über­fiel. Die jet­zi­gen Macht­ha­ber Isra­els, die das Brand­mal der Aggres­si­on von 1956 auf ihrer Stirn tra­gen, kom­man­die­ren auch die Aggres­si­on von 1967, wie das Bei­spiel des Kriegs­mi­nis­ters Dayan beweist. Dayan hat auch an der Aggres­si­on des USA-Impe­ria­lis­mus gegen Viet­nam teil­ge­nom­men und sie in Wort und Schrift verherrlicht.

Nach allen schreck­li­chen Leh­ren der Ver­gan­gen­heit genüg­te es den Macht­ha­bern Isra­els nicht, ein ver­häng­nis­vol­les und unna­tür­li­ches Bünd­nis mit dem Impe­ria­lis­mus ein­zu­ge­hen, son­dern dar­über hin­aus arbei­ten sie noch offen mit den Nazi­mör­dern des jüdi­schen Vol­kes, mit den west­deut­schen Impe­ria­lis­ten in Bonn, auf das aller­engs­te zusam­men. Sys­te­ma­tisch haben die west­deut­schen Impe­ria­lis­ten seit vie­len Jah­ren das israe­li­sche Aggres­si­ons­po­ten­ti­al durch gewal­ti­ge Waf­fen­hil­fe, durch die Aus­bil­dung mili­tä­ri­scher Kader in den Kaser­nen der Nazi­ge­ne­ra­le und den Auf­bau einer Kriegs­pro­duk­ti­on in Isra­el mit­ge­schaf­fen. Die ver­ächt­li­che Cha­rak­ter­lo­sig­keit die­ser Kom­pli­cen­schaft fand bekannt­lich auch ihren Aus­druck wäh­rend des Eich­mann-Pro­zes­ses, als durch gehei­me Ver­ein­ba­run­gen zwi­schen den Regie­run­gen Bonns und Tel Avivs der mil­lio­nen­fa­che Mör­der Glob­ke und ande­re Anti­se­mi­ten, die im west­deut­schen Staat ent­schei­den­de Posi­tio­nen ein­neh­men, gedeckt wur­den. Es liegt uns am Her­zen, vor der Fort­set­zung der Poli­tik der Israe­li­schen Regie­rung zu war­nen, zu war­nen vor der her­aus­for­dern­den Hal­tung des Erobe­rers, wie sie zu bekun­den der israe­li­sche Außen­mi­nis­ter Abba Eban gera­de in jenem Augen­blick für rich­tig befand, als er sich dem UNO-Sicher­heits­rat stell­te, von dem die erreg­ten Völ­ker den Beschluß zur Been­di­gung der Kampfh­an­lun­gen erwar­te­ten. Als „den schöns­ten Tag in sei­nem Leben“ bezeich­ne­te der­sel­be Außen­mi­nis­ter den Tag des mili­tä­ri­schen Angriffs gegen Ägyp­ten, die Inva­si­on in den unbe­streit­ba­ren Gebiets­be­sitz frem­der Völker.

Wir sind in tie­fer Sor­ge um das Schick­sal der Bevöl­ke­rung Isra­els, unter der wir zahl­rei­che Freun­de und Ver­wand­te besit­zen. Die impe­ria­lis­ti­sche Poli­tik rich­tet sich gegen deren Inter­es­sen, und sie selbst sind Opfer die­ser Poli­tik. Das alte Erbe aus der eng­li­schen Kolo­ni­al­herr­schaft, die Schü­rung der Gegen­sät­ze zwi­schen Ara­bern und Juden, wird jetzt aus­ge­nutzt, um den geführ­ten Angriff als Ver­tei­di­gung zu maskieren.

Mit unse­rer Regie­rung gemein­sam ver­lan­gen wir DDR-Bür­ger jüdi­scher Her­kunft die Ein­stel­lung der Aggres­si­on und die sofor­ti­ge Rück­nah­me der israe­li­schen Trup­pen hin­ter die Linie, von der aus sie die Kriegs­hand­lun­gen begon­nen haben.

Es ist die Poli­tik der Aggres­si­on, wel­che die Exis­tenz Isra­els aufs Spiel setzt und das Leben all sei­ner Bür­ger aufs schwers­te gefähr­det. Wer auf der Insel lebt, soll sich das Meer nicht zum Feind machen! Frie­den im Vor­de­ren Ori­ent wird es nur geben, wenn die Regie­rung Isra­els ihre impe­ria­lis­ti­sche Poli­tik auf­gibt und end­lich zu einer Poli­tik der guten Nach­bar­schaft der ara­bi­schen Völ­ker findet.

Carl­heinz von Brück, Prof. Wolf­gang Fran­ken­stein, Kurt Gold­stein, Prof. Lea Grun­dig, Prof. Dr. Sieg­bert Kahn, Prof. Dr. F. K. Kaul, Dr. habil Franz Loe­ser, Dr. med. Ernst Rel­fen­berg, Dr. med. Eli­sa­beth Thier­feld, Ger­ry Wolf

Danksagungen

Ich dan­ke Peer, der in der Dis­kus­si­on auf Mast­o­don mal wie­der wert­vol­le Doku­men­te bei­getra­gen hat.

Quellen

Dahn, Danie­la. 1997. West­wärts und nicht ver­ges­sen: Vom Unbe­ha­gen in der Ein­heit (Rororo Sach­buch 60341). Ham­burg: Rowohlt Verlag.

Decker, Kers­tin. 1999. Das Töpf­chen und der Haß. tages­spie­gel. Ber­lin. (https://www.tagesspiegel.de/kultur/das-toepfchen-und-der-hass/77844.html)

Fromm, Anne. 2021. Pres­se in Ost­deutsch­land: Wer strei­chelt unse­re See­le? taz. Ber­lin. (https://taz.de/Presse-in-Ostdeutschland/!5756271/)

Gosch­ler, Con­stan­tin. 1993. Pater­na­lis­mus und Ver­wei­ge­rung – Die DDR und die Wie­der­gut­ma­chung für jüdi­sche Ver­folg­te des Natio­nal­so­zia­lis­mus. In Benz, Wolf­gang (ed.), Jahr­buch für Anti­se­mi­tis­mus­for­schung, vol. 2. Frankfurt/Main: Campus-Verlag.

Hafer­kamp, Hans-Peter & Wudt­ke, Tors­ten. 1997. Rich­ter­aus­bil­dung in der DDR. forum his­to­riae iuris. (https://forhistiur.net/1997–10-haferkamp-wudtke/1997–10-haferkamp-wudtke)

Jung, Tilo. 2025. Geno­zid-For­scher Omer Bar­tov über Gaza, Isra­el & den Wes­ten. (https://jung-naiv.podigee.io/1103–784-genozid-forscher-omer-bartov-uber-gaza-israel-den-westen)

Lenz, Susan­ne. 2025. Wera Herz­berg im Inter­view: „Mei­ne Mut­ter woll­te raus aus dem ver­ein­ten Deutsch­land“. Ber­li­ner Zei­tung, 11.01.2025. (https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/theater/wera-herzberg-im-interview-meine-mutter-wollte-raus-aus-dem-vereinten-deutschland-li.2286366)

Leon­hard, Wolf­gang. 1955. Die Revo­lu­ti­on ent­lässt ihre Kin­der (Kiwi Band 119). Köln: Kie­pen­heu­er & Witsch.

Sokol, Sam. 2024. Likud MK tells fami­ly mem­ber of Oct. 7 vic­tim to ‘get out of my sight’ during Knes­set pro­test. Times of Isra­el 20.03.2024. (https://www.timesofisrael.com/liveblog_entry/likud-mk-tells-family-member-of-oct-7-vicitm-to-get-out-of-my-sight-during-knesset-protest/)

tages­schau. 2024. Inter­na­tio­na­ler Gerichts­hof: Isra­els Sied­lungs­po­li­tik laut UN-Gut­ach­ten ille­gal. tages­schau 19.07.2024. ARD. (https://www.tagesschau.de/ausland/asien/israel-igh-volkerrecht-100.html)

Tzvi­ka Mor. 2024. War­ti­me dia­ries 143. (https://www.israelstory.org/episode/tzvika-mor/)

Wel­lisch, Felix. 2025. Frei­ge­las­se­ne Paläs­ti­nen­ser: Wei­ter Weg zur Ver­söh­nung. taz. 29.10.2025. Ber­lin. (https://taz.de/Freigelassene-Palaestinenser/!6122480/)


Die Nazis aus der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein (und Brandenburg)

Neu­lich hat­te ich ja mal geguckt, wo die Nazis aus dem KZ Lich­ten­burg und die Nazis aus Buchen­wald abge­blie­ben sind. Durch einen taz-Arti­kel über den Wahr­sa­ger Max Moe­cke (taz, 25.09.2025), der in Pir­na-Son­nen­stein ermor­det wur­de, bin ich auf die­sen Ort gekom­men und habe dann mal nach­ge­schaut, wo die Nazis nach Kriegs­en­de hin­ge­gan­gen sind und was aus ihnen gewor­den ist. Der Wiki­pe­dia­ein­trag für Pir­na-Son­nen­stein lis­tet fol­gen­de Per­so­nen auf, die für Eutha­na­sie-Ver­bre­chen im Rah­men der Akti­on T4 (13.720 psy­chisch kran­ke und geis­tig behin­der­te Men­schen wur­den in Son­nen­stein mit Gift­gas ermor­det) oder Mor­de an poli­ti­schen Geg­nern zustän­dig waren. Ich bespre­che im Fol­gen­den erst Pir­na-Son­nen­stein. Danach gibt es noch einen Nach­trag zur Tötungs­an­stalt in Bran­den­burg.

Die Akti­on T4 wur­de 1941 von Hit­ler been­det und das Schloss Son­nen­stein anders ver­wen­det, aber eini­ge der Nazis, die T4 bis dahin umge­setzt hat­ten, mor­de­ten dann in den Ver­nich­tungs­la­gern wei­ter. Die fol­gen­den Per­so­nen wer­den im Zusam­men­hang mit den Ver­nich­tungs­la­gern genannt:

Ansons­ten wer­den im Arti­kel noch fol­gen­de Ärz­te nament­lich genannt:

1947 gab es in Dres­den einen Pro­zess (Dresd­ner Ärz­te­pro­zess), in dem Her­mann Paul Nit­sche (seit 1940 einer der medi­zi­ni­schen Lei­ter der Kran­ken­mord­ak­ti­on) und zwei Son­nen­stei­ner Pfle­ger wur­den zum Tod ver­ur­teilt. Außer­dem gab es Haft­stra­fen, die 1956 bei einer Amnes­tie erlas­sen wur­den. In Wiki­pe­dia kann man zu dem Pro­zess lesen:

Der Dres­de­ner Pro­zess gilt als einer der frü­hes­ten Ver­su­che der deut­schen Jus­tiz zur juris­ti­schen Auf­ar­bei­tung der NS-Kran­ken­mor­de. Er fand unter Ober­ho­heit der sowje­ti­schen Besat­zung statt, Rechts­grund­la­ge war das Kon­troll­rats­ge­setz Nr. 10, das unter ande­rem die Bestra­fung von Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit vor­sah.[6]

Zwi­schen dem 16. Juni und dem 25. Juni wur­den die Ange­klag­ten und die Zeu­gen in öffent­li­chen Sit­zun­gen ver­nom­men.[7] Durch die Medi­en fand der Pro­zess in der Öffent­lich­keit gro­ße Auf­merk­sam­keit. Die Säch­si­sche Zei­tung berich­te­te täg­lich über den Ver­lauf des Pro­zes­ses.[8]

Am 7. Juli 1947 wur­de das Urteil ver­kün­det.[9] Die Staats­an­walt­schaft hat­te zwar elf­mal die Todes­stra­fe bean­tragt, jedoch wur­de sie nur vier­mal aus­ge­spro­chen. Beson­ders bei den Kran­ken­schwes­tern fie­len die Urtei­le meist gerin­ger aus als gefor­dert wur­de. Ein­zel­ne Ange­klag­te, dar­un­ter der Haupt­an­ge­klag­te Alfred Schulz sowie der Lei­ter der Kin­der­fach­ab­tei­lung Arthur Mit­tag, hat­ten sich zuvor sui­zi­diert resp. Sui­zid­ver­su­che began­gen, an deren Fol­gen sie ver­star­ben. Im März 1948 wur­den die Todes­ur­tei­le in Dres­den voll­streckt, nach­dem eine Revi­si­on gegen das Urteil mit Beschluss des Ober­lan­des­ge­richts Dres­den vom 27. Sep­tem­ber 1947 als unbe­grün­det ver­wor­fen wor­den war.[10]

Ich zitie­re das hier, damit man sehen kann, dass es im Osten Auf­ar­bei­tung gab, dass es Todes­ur­tei­le gab, die voll­streckt wur­den, dass es Medi­en­be­glei­tung gab. In ent­spre­chen­den Ver­öf­fent­li­chung wird immer wie­der behaup­tet, dass es in der DDR kei­ne Auf­ar­bei­tung und kei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Natio­nal­so­zia­lis­mus gab. Die Wahr­heit ist, dass es in bestimm­ten Berei­chen die ers­ten Pro­zess gab und dass die DDR auch bei der Errich­tung von Gedenk­stät­ten dem Wes­ten bis zum Schluss weit vor­aus war.

Text­ta­fel: „Die SED betrach­tet den Auf­stieg des Natio­nal­so­zia­lis­mus als eine Fol­ge des kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schafts­sys­tems. Mit der Eta­blie­rung des «Arbei­ter- und Bau­ern­staa­tes» und sei­nes plan­wirt­schaft­li­chen Sys­tems sieht sie den Faschis­mus als end­gül­tig über­wun­den an. Geschichts­po­li­tisch stellt sich die Par­tei in die Tra­di­ti­on des kom­mu­nis­ti­schen Arbei­ter­wi­der­stands gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus (NS). An Orten ehe­ma­li­ger Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger wird daher vor allem an pro­mi­nen­te Kom­mu­nis­ten wie Ernst Thäl­mann erin­nert, wäh­rend ande­re Opfer­grup­pen, allen vor­an Juden:Jüdinnen, in den Hin­ter­grund gerückt wer­den.
Die drei gro­ßen «Natio­na­len Mahn- und Gedenk­stät­ten» Buchen­wald, Sach­sen­hau­sen und Ravens­brück wer­den jähr­lich von Hun­dert­tau­sen­den besucht. Da es in der Bun­des­re­pu­blik zu jener Zeit kei­ne ver­gleich­ba­ren gesamt­staat­li­chen Insti­tu­tio­nen zur Erin­ne­rung an den NS-Ter­ror gibt, wird der Umgang mit ihnen ab 1990 wich­tig für die Her­aus­bil­dung der heu­ti­gen Gedenk­stät­ten­land­schaft.“ Muse­um Uto­pie und All­tag, Eisen­hüt­ten­stadt, 07.08.2025

Jetzt noch ein­mal eine alpha­be­ti­sche Lis­te aller Per­so­nen, die ich in Wiki­pe­dia fin­den konn­te, und deren Ver­bleib nach 1945.

  • Kurt Borm (2001, Suder­burg, Nie­der­sach­sen, Borm ver­heim­lich­te sei­ne Iden­ti­tät und wur­de in Schles­wig-Hol­stein lei­ten­der Arzt. Erst 1962 wur­de er ver­haf­tet, dann aber aus der Unter­su­chungs­haft ent­las­sen. „Am 6. Juni 1972 sprach ihn das Gericht frei. Borm habe zwar objek­tiv Bei­hil­fe zur Tötung von min­des­tens 6652 Geis­tes­kran­ken geleis­tet, jedoch kön­ne ihm nicht nach­ge­wie­sen wer­den, dass er schuld­haft gehan­delt habe, da ihm „unwi­der­leg­bar das Bewusst­sein der Rechts­wid­rig­keit“ sei­nes Tuns gefehlt habe. Urteil 1974 vom Bun­des­ge­richts­hof bestä­tigt.“ Er war dann wei­ter als Arzt tätig.),
  • Kurt Bolen­der (Sui­zid vor Urteils­ver­kün­dung, 1966, Hagen, NRW, leb­te bis 1961 uner­kannt in Ham­burg die Peit­sche aus dem KZ hat­te er noch in der Woh­nung. Er war mit Diet­rich Allers befreun­det, der T4 gelei­tet hatte)
  • Klaus End­ru­weit (1994, Hil­des­heim, Nie­der­sach­sen, „Am Ende des Krie­ges noch an der Ost­front ein­ge­setzt, geriet End­ru­weit in ame­ri­ka­ni­sche Gefan­gen­schaft, aus der er jedoch als­bald wie­der ent­las­sen wur­de. Im Juni 1945 konn­te er in Hil­des­heim beim Städ­ti­schen Kran­ken­haus gegen freie Woh­nung und Ver­pfle­gung unter­kom­men. Am 1. Juli 1946 eröff­ne­te er eine Arzt­pra­xis in Bet­t­rum im Land­kreis Hil­des­heim. Gleich­zei­tig war er ab 1956 Vor­stands­mit­glied der Kas­sen­ärzt­li­chen Ver­ei­ni­gung sowie von 1956 bis 1957 und 1962 bis 1965 der Ärz­te­kam­mer Nie­der­sach­sens in Hil­des­heim. Dort konn­te er bis zu sei­ner Ver­haf­tung am 20. Juni 1962 unbe­hel­ligt prak­ti­zie­ren. Noch am glei­chen Tage erhielt er Haft­ver­scho­nung gegen die Auf­la­ge, sich ein­mal wöchent­lich bei der Poli­zei zu mel­den. So konn­te er wei­ter­hin prak­ti­zie­ren.“ „Noch vor Pro­zess­be­ginn ord­ne­te der Regie­rungs­prä­si­dent in Hil­des­heim am 16. Sep­tem­ber 1966 das Ruhen von End­ru­weits Bestal­lung als Arzt an. Ähn­lich wie bei sei­nem Mit­an­ge­klag­ten lös­te die­se Ent­schei­dung eine Wel­le von Soli­da­ri­täts- und Sym­pa­thie­be­kun­dun­gen aus Krei­sen sei­ner Ärz­te­kol­le­gen, Ver­bän­den und ver­schie­de­nen Bür­ger­meis­tern aus.“),
  • Kurt Franz (1998, Wup­per­tal, Lager­kom­man­dant des Ver­nich­tungs­la­gers Treb­linka. „Aus der ame­ri­ka­ni­schen Gefan­gen­schaft konn­te er flie­hen und nach Düs­sel­dorf zurück­keh­ren. Dort mel­de­te er sich am 26. Juni 1945 mit sei­nem rich­ti­gen Namen beim Arbeits­amt an. Bis Ende 1948 war er als Brü­cken­bau­ar­bei­ter tätig. Von 1949 bis zu sei­ner Ver­haf­tung an sei­nem Wohn­ort Düs­sel­dorf am 2. Dezem­ber 1959 arbei­te­te er wie­der als Koch.“ Lebens­lan­ge Haft: „Wegen sei­nes Alters und aus gesund­heit­li­chen Grün­den wur­de Franz Mit­te 1993 ent­las­sen, nach­dem er bereits seit Ende der sieb­zi­ger Jah­re Frei­gän­ger war.“),
  • Hein­rich Gley (1985, Müns­ter, NRW, „Nach Kriegs­en­de geriet er am 10. Mai 1945 in Pil­sen in ame­ri­ka­ni­sche Kriegs­ge­fan­gen­schaft, sei­ne Ent­las­sung erfolg­te am 29. Dezem­ber 1947. Anschlie­ßend arbei­te­te er bis 1958 als Mau­rer in West­fa­len und muss­te in der Fol­ge die­se Tätig­keit krank­heits­be­dingt auf­ge­ben. In Bie­le­feld wur­de Gley wegen sei­ner Zuge­hö­rig­keit zur SS, wahr­schein­lich im Rah­men der Ent­na­zi­fi­zie­rung, zu 100 Tagen Haft ver­ur­teilt, die jedoch durch die Inter­nie­rungs­haft bereits abge­gol­ten waren. Im Rah­men der Ermitt­lun­gen bezüg­lich der Ver­bre­chen in Bel­zec kam Gley Anfang der 1960er Jah­re in Haft. Im Bel­zec-Pro­zess wur­de gegen Gley und sie­ben wei­te­re Ange­klag­te ab August 1963 vor dem Land­ge­richt Mün­chen ver­han­delt. Er wur­de wegen des Puta­tiv­not­stan­des im Janu­ar 1964 außer Ver­fol­gung gesetzt und damit wur­de kei­ne Haupt­ver­hand­lung gegen ihn eröff­net. Auch wegen sei­ner Betei­li­gung an der „Akti­on T4“ kam es zu kei­nem Pro­zess. Gley starb im Juni 1985.“
  • Lorenz Hacken­holt (für tot erklärt im Wes­ten, Eini­ge Jah­re nach dem Krieg stell­te sei­ne Frau den Antrag, ihren ver­miss­ten Mann für tot zu erklä­ren. Dies geschah am 1. April 1954 durch das Amts­ge­richt Ber­lin-Schö­ne­berg zum 31. Dezem­ber 1945. Trotz ein­zel­ner Hin­wei­se, dass Hacken­holt noch am Leben sei, ende­te eine Unter­su­chung durch eine Son­der­kom­mis­si­on der Münch­ner Kri­mi­nal­po­li­zei von 1959 bis 1963 ohne Ergebnis.)
  • Gott­lieb Hering (9/1945 Stet­ten im Rems­tal, BaWü, „Nach Kriegs­en­de soll Hering wie­der kurz­zei­tig die Kri­mi­nal­po­li­zei in Heil­bronn gelei­tet haben. Er starb infol­ge einer Erkran­kung unter unge­klär­ten Umstän­den im Schloss Stet­ten (Rems­tal), wo sich ab Herbst 1943 ein Aus­weichs­kran­ken­haus der Stadt Stutt­gart befand.[3] Sowohl in sei­nem 1948 von sei­ner deut­lich jün­ge­ren Wit­we pos­tum betrie­be­nen Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ver­fah­ren[4] als auch in sei­ner beim Poli­zei­prä­si­di­um Stutt­gart geführ­ten Per­so­nal­ak­te, laut der er sich im Okto­ber 1944 „vom Ein­satz zurück“ gemel­det habe,[5] blie­ben sei­ne Auf­ent­hal­te und Tätig­kei­ten seit Dezem­ber 1939 im Wesent­li­chen uner­wähnt. Man ging im Beneh­men mit dem Befrei­ungs­mi­nis­te­ri­um viel­mehr davon aus, dass er nicht als Haupt­schul­di­ger oder Belas­te­ter zu betrach­ten sei. Folg­lich blieb sei­ne Wit­we von der andern­falls zu erwar­ten­den Ein­zie­hung des Nach­las­ses und dem Ver­lust der Pen­si­ons­an­sprü­che ver­schont. Die­se Ent­schei­dung wur­de zuletzt noch im Jah­re 1972 bei der Über­prü­fung der soge­nann­ten 131er nach Akten­la­ge bestätigt.“
  • Otto Horn (1999, Ber­lin, „Horn wur­de vom Land­ge­richt Düs­sel­dorf am 3. Sep­tem­ber 1965 in den Treb­linka-Pro­zes­sen man­gels eines siche­ren Nach­wei­ses sei­ner Schuld frei­ge­spro­chen.“ War wohl angeb­lich gegen die Mor­de, die in sei­nem Umfeld stattfanden.)
  • Erwin Lam­bert (1976, Stutt­gart, BaWü, „Am 15. Mai 1945 wur­de Lam­bert von den Bri­ten gefan­gen genom­men und an die US-Ame­ri­ka­ner aus­ge­lie­fert, die ihn in ein Lager ins würt­tem­ber­gi­sche Aalen brach­ten. Nach Waib­lin­gen ent­las­sen, zog er zunächst nach Schwaik­heim und ließ sich dann in Stutt­gart nie­der. Dort mach­te er sich als Flie­sen­le­ger selb­stän­dig. Bei der Ent­na­zi­fi­zie­rung in Schwaik­heim wur­de Lam­bert als Mit­läu­fer ein­ge­stuft. Mit Urteil des Land­ge­richts Düs­sel­dorf vom 3. Sep­tem­ber 1965 (Az.: I Ks 2/64) wur­de er im soge­nann­ten Treb­linka-Pro­zess wegen Bei­hil­fe zum gemein­schaft­li­chen Mord an min­des­tens 300.000 Per­so­nen zu vier Jah­ren Zucht­haus ver­ur­teilt. Im Sobi­bor-Pro­zess ver­ur­teil­te ihn das Land­ge­richt Hagen am 20. Dezem­ber 1966 wegen gemein­schaft­li­cher Bei­hil­fe zum Mord an min­des­tens 57.000 Men­schen zu drei Jah­ren Zucht­haus (Az.: 11 Ks 1/64). Sara Ber­ger urteilt, Lam­bert habe die akti­ve Bereit­schaft gezeigt, Stra­te­gien zur Ver­bes­se­rung der Ver­nich­tungs­struk­tu­ren zu fin­den und maß­geb­lich zur Effi­zi­enz­stei­ge­rung der Lager bei­getra­gen.“)
  • Hein­rich Matthes (1978, JVA Bochum, Im Treb­linka-Pro­zess 1965 ver­ur­teilt, vor­her als Pfle­ger gearbeitet.)
  • Gus­tav Münz­ber­ger (1977, Gar­misch-Par­ten­kir­chen, Bay­ern „Nach Kriegs­en­de arbei­te­te Münz­ber­ger als Tisch­ler in Unter­am­mer­gau. Im Rah­men der Ermitt­lun­gen bezüg­lich der Ver­bre­chen im Ver­nich­tungs­la­ger Treb­linka geriet Münz­ber­ger in das Visier der Ermitt­lungs­be­hör­den und wur­de am 13. Juli 1963 in Haft genom­men. Der Treb­linka-Pro­zess gegen zehn Ange­klag­te fand vom 12. Okto­ber 1964 bis zum 3. Sep­tem­ber 1965 vor dem Land­ge­richt Düs­sel­dorf statt. Der Ver­fah­rens­ge­gen­stand umfass­te die Ver­ga­sung von min­des­tens 700.000 über­wie­gend jüdi­schen Men­schen sowie die töd­li­che Miss­hand­lung, Erschie­ßung, Erschla­gung sowie Erhän­gung ein­zel­ner Häft­lin­ge und zudem die Zer­flei­schung durch Bar­ry, den Dienst­hund des Lager­kom­man­dan­ten Kurt Franz. Im Pro­zess ver­such­te die Ver­tei­di­gung, Münz­ber­gers Taten zu recht­fer­ti­gen:
    „Wenn er auf eine mög­lichst letz­te Aus­nut­zung der Gas­kam­mern bestan­den habe, so sei das auch im Inter­es­se der war­ten­den Juden gewe­sen; denn je schnel­ler die Ver­ga­sun­gen erfolgt sei­en, umso kür­zer sei­en die Lei­den und Ängs­te der noch nicht ver­gas­ten Juden gewe­sen.“[3]
    Münz­ber­ger wur­de wegen Bei­hil­fe zum gemein­schaft­li­chen Mord bezie­hungs­wei­se Bei­hil­fe zum Mord zu 12 Jah­ren Zucht­haus ver­ur­teilt. Er ver­büß­te sei­ne Haft in der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Müns­ter und am 3. Sep­tem­ber 1975 wur­de aus der Haft bedingt entlassen.“)
  • Her­mann Paul Nit­sche (1948 Dres­den, nach Todes­ur­teil hin­ge­rich­tet, „Noch im Früh­jahr 1945 wur­de Nit­sche in Seb­nitz ver­haf­tet. Die von sowje­ti­schen Dienst­stel­len vor­ge­nom­me­nen Unter­su­chungs­er­geb­nis­se wur­den am 20. Juni 1946 an die deut­schen Jus­tiz­be­hör­den in Sach­sen über­ge­ben. Das Land­ge­richt Dres­den erhob am 7. Janu­ar 1947 Ankla­ge gegen Nit­sche und wei­te­re 14 Täter. Nit­sche ver­wies auf sei­nen Stand­punkt, wonach die Tötung von unheil­bar Kran­ken wis­sen­schaft­lich und auch gesell­schaft­lich gerecht­fer­tigt sei, und ver­wahr­te sich gegen die Mord­an­kla­ge. Mit Urteil vom 7. Juli 1947 wur­de er jedoch zum Tode ver­ur­teilt. Nach Ableh­nung der Beru­fung durch das Ober­lan­des­ge­richt Dres­den wur­de das Urteil am 25. März 1948 durch das Fall­beil voll­streckt und sein Leich­nam der Ana­to­mie in Leip­zig überantwortet.“)
  • Wal­ter Nowak (ver­schol­len wohl zu letzt in Ita­li­en gese­hen, davor in ame­ri­ka­ni­scher Gefangenschaft),
  • Josef Ober­hau­ser (1979 Mün­chen, Nach der Ent­las­sung aus der Gefan­gen­schaft war Ober­hau­ser 1947/48 Wald- und Säge­werks­ar­bei­ter in Beven­sen. Am 13. April 1948 wur­de er in der Ost­zo­ne ergrif­fen und am 24. Sep­tem­ber 1948 durch eine nach Befehl 201 der sowje­ti­schen Mili­tär­ver­wal­tung gebil­de­te 5. Straf­kam­mer des Land­ge­richts Mag­de­burg wegen Ver­bre­chens gegen das Kon­troll­rats­ge­setz Nr. 10 auf­grund sei­ner Zuge­hö­rig­keit zur SS als einer ver­bre­che­ri­schen Orga­ni­sa­ti­on und sei­ner Betei­li­gung an der Tötung von „Euthanasie“-Opfern in Gra­feneck, Bran­den­burg und Bern­burg zu einer Zucht­haus­stra­fe von 15 Jah­ren unter Aberken­nung der bür­ger­li­chen Ehren­rech­te auf zehn Jah­re ver­ur­teilt. Gleich­zei­tig wur­de er nach Direk­ti­ve 38 Arti­kel II Zif­fer 7 und 8 als Haupt­be­las­te­ter ein­ge­stuft. Nach acht Jah­ren wur­de Ober­hau­ser unter end­gül­ti­ger Haft­er­las­sung am 28. April 1956 im Rah­men einer Amnes­tie aus der Haft ent­las­sen. Zurück in sei­ner Hei­mat­stadt Mün­chen war Ober­hau­ser als Gele­gen­heits­ar­bei­ter und als Schank­kell­ner tätig, bis er am 21. Janu­ar 1965 vom Land­ge­richt Mün­chen I im Bel­zec-Pro­zess zu vier Jah­ren und sechs Mona­ten Zucht­haus wegen Bei­hil­fe zum gemein­schaft­li­chen Mord in 300.000 Fäl­len und wegen fünf wei­te­rer Ver­bre­chen der Bei­hil­fe zum gemein­schaft­li­chen Mord in je 150 Fäl­len ver­ur­teilt wur­de (Az.: 110 Ks 3/64, s. Web­link). Nach­dem er (unter Anrech­nung der Unter­su­chungs­haft) die Hälf­te sei­ner Stra­fe ver­büßt hat­te, wur­de er 1966 ent­las­sen und arbei­te­te wie­der als Schank­kell­ner in Mün­chen (als sol­cher erscheint er in einer kur­zen Sze­ne in Clau­de Lanz­manns Film Sho­ah[4]). Wegen der in Ita­li­en began­ge­nen Kriegs­ver­bre­chen wur­de er im April 1976 von einem ita­lie­ni­schen Gericht in Abwe­sen­heit zu einer lebens­lan­gen Frei­heits­stra­fe ver­ur­teilt. Da die ita­lie­ni­sche Jus­tiz auf einen (wegen feh­len­der Rechts­grund­la­gen aus­sichts­lo­sen) Aus­lie­fe­rungs­an­trag ver­zich­te­te, brauch­te er die­se Stra­fe nicht anzutreten.“)
  • Paul Rost (1984, Dres­den, Sach­sen „Paul Rost geriet 1945 in Öster­reich in ame­ri­ka­ni­sche Gefan­gen­schaft und war kurz­zei­tig im Lager Habach inter­niert. Dort soll er Wal­ter Nowak wie­der­ge­trof­fen haben,[8] der jedoch nach ande­ren Quel­len bereits seit 1943 oder 1944 tot war.[9] Von dort wur­de er nach kur­zer Zeit ent­las­sen und ging nach Dres­den zu sei­ner Fami­lie zurück. Kurz dar­auf nahm ihn dort 1946 die Sowje­ti­sche Armee in Unter­su­chungs­haft. Paul Rost wur­de im glei­chen Jahr im Rah­men des Dresd­ner Eutha­na­sie-Pro­zes­ses ver­nom­men und anschlie­ßend wie­der auf frei­en Fuß gesetzt.[10] Eine wei­te­re Straf­ver­fol­gung fand nicht statt. Die DDR lehn­te 1971 eine Zeu­gen­ver­neh­mung von Rost im Zusam­men­hang mit dem Pro­zess des Land­ge­richts Frank­furt am Main gegen den Direk­tor der Tötungs­an­stalt Son­nen­stein Horst Schu­mann ab.“)
  • Curt Schma­len­bach (1944 bei Flug­zeug­ab­sturz gestorben)
  • Alfred Schulz (1947, Haft­kran­ken­haus Zwi­ckau, evtl. Suizid)
  • Horst Schu­mann (1983, Frank­furt am Main, Im Janu­ar 1945 kam er als Trup­pen­arzt an die West­front, wo er in ame­ri­ka­ni­sche Gefan­gen­schaft geriet, aus der er im Okto­ber 1945 wie­der ent­las­sen wur­de. Mit sei­ner Frau zog er nach Glad­beck und mel­de­te sich beim dor­ti­gen Ein­woh­ner­mel­de­amt ord­nungs­ge­mäß am 15. April 1946 an. Zunächst als Sport­arzt in Diens­ten der Stadt Glad­beck, eröff­ne­te er 1949 mit einem Flücht­lings­kre­dit eine eige­ne Pra­xis. Im Juli 1950 wur­de er Knapp­schafts­arzt der Ruhr­knapp­schaft, obwohl sein Name bereits in Eugen Kogons frü­hem Werk Der SS-Staat genannt wur­de. Ein Antrag vom 29. Janu­ar 1951 auf Ertei­lung eines Jagd- und Fische­rei­sch­ei­nes bei der Stadt Glad­beck führ­te schließ­lich auf­grund des erfor­der­li­chen poli­zei­li­chen Füh­rungs­zeug­nis­ses zu sei­ner Ent­tar­nung als ein von der Staats­an­walt­schaft Tübin­gen Gesuch­ter. Die zöger­li­chen Ermitt­lun­gen ermög­lich­ten es Schu­mann jedoch, am 26. Febru­ar 1951 ins Aus­land zu flie­hen. Nach drei Jah­ren als Schiffs­arzt erhiel­ten die deut­schen Behör­den erst­mals wie­der am 25. Febru­ar 1954 durch das deut­sche Gene­ral­kon­su­lat im japa­ni­schen Osa­ka-Kobe einen Hin­weis auf Schu­mann. Die­ser hat­te dort einen deut­schen Rei­se­pass bean­tragt und erhal­ten. Die Spur Schu­manns führ­te dann 1955 wei­ter nach Ägyp­ten und Mit­te des glei­chen Jah­res in den Sudan, wohin ihm auch sei­ne Frau nach­reis­te. In der Wochen­zei­tung Christ und Welt, deren Redak­ti­ons­lei­ter der Jour­na­list und ehe­ma­li­ge SS-Haupt­sturm­füh­rer Gisel­her Wir­sing war, erschien am 16. April 1959 ein Arti­kel über einen „zwei­ten Albert Schweit­zer“ in Li Jubu, einem Ort im Grenz­ge­biet von Sudan, Kon­go und Fran­zö­sisch-Äqua­to­ri­al­afri­ka, und führ­te damit unge­wollt zur Ent­tar­nung Schu­manns. Einem Haft­be­fehl konn­te sich Schu­mann durch sei­ne Flucht über Nige­ria nach Gha­na ent­zie­hen, wo er in Kete Kra­chi ein Urwald­kran­ken­haus errich­te­te und lei­te­te. […] Ein Repor­ter der bri­ti­schen Zei­tung Dai­ly Express ent­deck­te das Ehe­paar Schu­mann 1962 in Gha­na. Ein deut­sches Aus­lie­fe­rungs­er­su­chen aus dem Vor­jahr wur­de vom gha­nai­schen Staats­prä­si­den­ten Kwa­me Nkru­mah, der Schu­mann zu sei­nen Freun­den zähl­te, igno­riert. Erst nach Nkru­mahs Sturz im Febru­ar 1966 wur­de Schu­mann von den neu­en Macht­ha­bern fest­ge­setzt und am 7. März 1966 in Aus­lie­fe­rungs­haft genom­men. Am 17. Novem­ber 1966 wur­de er an Deutsch­land aus­ge­lie­fert und in der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Butz­bach in Hes­sen in Unter­su­chungs­haft genom­men. Der Pro­zess gegen Schu­mann begann am 23. Sep­tem­ber 1970 vor dem Land­ge­richt Frank­furt am Main und geriet auf­grund der zahl­rei­chen und teil­wei­se dubio­sen Gut­ach­ten über sei­ne Ver­hand­lungs­un­fä­hig­keit zum Jus­tiz­skan­dal. Schließ­lich wur­de das Ver­fah­ren am 14. April 1971 wegen Ver­hand­lungs­un­fä­hig­keit, bedingt durch einen zu hohen Blut­druck des Ange­klag­ten, vor­läu­fig ein­ge­stellt. Am 29. Juli 1972 erfolg­te sei­ne Haft­ent­las­sung. Den Rest sei­nes Lebens ver­brach­te Schu­mann in Frank­furt-Seck­bach, wo er 1983 verstarb.“)
  • Ewald Wort­mann (1985, Osna­brück, Nie­der­sach­sen, 1950 kehr­te Wort­mann aus der sowje­ti­schen Gefan­gen­schaft zurück. Er eröff­ne­te in Fried­rich­skoog eine all­ge­mein­ärzt­li­che Pra­xis, hei­ra­te­te und hat­te vier Kin­der. Wort­mann konn­te erst als letz­ter T4-Arzt für den soge­nann­ten ers­ten Ärz­te­pro­zess gegen Ull­rich und ande­re vor dem Frank­fur­ter Land­ge­richt ermit­telt wer­den. Am 21. März 1963 sag­te er erst­mals als Zeu­ge im Ver­fah­ren gegen den T4-Arzt Georg Ren­no aus. Ein gegen Wort­mann ein­ge­lei­te­tes Ermitt­lungs­ver­fah­ren wur­de am 1. August 1969[9] ein­ge­stellt. Im Pro­zess gegen sei­nen ehe­ma­li­gen Vor­ge­setz­ten und Lei­ter der Ver­ga­sungs­an­stalt Son­nen­stein, Horst Schu­mann, ver­wei­ger­te er im Okto­ber 1970 sei­ne Aus­sa­ge. Wort­mann war der ein­zi­ge der T4-Ärz­te, der zumin­dest „eine gewis­se mora­li­sche Schuld“ ein­räum­te, „weil ich nichts gegen die­se Din­ge unter­nom­men habe. Das ist aber nur eine Ange­le­gen­heit, die mich inner­lich trifft. Ich konn­te ja damals über­haupt nicht gegen die­se Din­ge antre­ten. Es fehl­te mir die Mög­lich­keit und auch der Ein­fluß.“[10] In den Jah­ren 1969/70 dreh­te der Nord­deut­sche Rund­funk einen Doku­men­tar­film über Wort­mann und sei­ne Fami­lie, in dem unter dem Titel „De Dok­tor snackt platt“ die Situa­ti­on eines „typi­schen“ Land­arz­tes dar­ge­stellt wer­den soll­te. Die Auf­nah­men fan­den im Herbst 1969 statt; gesen­det wur­de der Film im Juni 1970.[11]“)

So. Zusam­men­fas­sen kann man sagen, dass von denen, die in Wiki­pe­dia auf­ge­führt sind, nur einer, näm­lich Paul Rost, im Osten geblie­ben sind. Im Osten wur­den Men­schen für ihre Ver­bre­chen zum Tode ver­ur­teilt oder begin­gen vor dem Urteil Sui­zid. Im Wes­ten wur­den eini­ge ver­ur­teilt aber im Rah­men von grö­ße­ren Pro­zes­sen wegen Mord an 700.000 Men­schen. Aber selbst da wur­den teil­wei­se Ver­fah­ren ein­ge­stellt, weil sie sehr spät erfolg­ten oder war­um auch immer.

Von 19 Per­so­nen ist einer im Osten geblie­ben und einer im Osten ver­ur­teilt wor­den und dann in den Wes­ten gegan­gen. Das ist genau so wie die Ergeb­nis­se zu Lich­ten­burg und Buchen­wald und genau­so, wie es uns die Pro­pa­gan­da zu DDR-Zei­ten gesagt hat. Die gro­ßen Nazis waren alle in den Wes­ten geflo­hen. Wer will es ihnen verdenken.

Da die AfD nun auch im Wes­ten erfolg­reich ist, begin­nen die ers­ten Men­schen zu begrei­fen, dass die Ursa­chen für den Erfolg der neu­en Nazis viel­leicht doch nicht oder nicht allein in der DDR-Ver­gan­gen­heit lie­gen, die nun auch schon 36 Jah­re hin­über ist. Viel­leicht gibt es ja Ursa­chen in der Zeit danach und viel­leicht sind es letzt­end­lich die­sel­ben wie im Wes­ten auch. Die Pro­ble­me wur­den nicht erkannt, weil es die­se beque­me Mög­lich­keit der Exter­na­li­sie­rung und Ver­drän­gung gab: ein Ost­pro­blem. Nee! 

Habt Ihr nun davon.

Nachtrag 26.09.2025

Ich wur­de dar­auf hin­ge­wie­sen, dass in Stadt­ro­da (Thü­rin­gen) auch Kin­der ermor­det wur­den. Die Sta­si hat davon 1965 erfah­ren, die Sache wur­de aber nicht ver­folgt. Mar­ga­re­te Hiel­schler hat bis zur Beren­tung 1965 als lei­ten­de Ober­ärz­tin in Stadt­ro­da gearbeitet.

Ger­hard Kloos war Direk­tor der Lan­des­heil­an­stal­ten Stadt­ro­da und als sol­cher an den Eutha­na­sie­ver­bre­chen betei­ligt. Er ist 1988 in Göt­tin­gen gestor­ben. Man lese sei­nen Wiki­pe­dia-Ein­trag, um sich über die Ver­net­zung mit T4-Leu­ten und sei­ne wei­ter Lehr­tä­tig­keit an west­deut­schen Uni­ver­si­tä­ten zu informieren.

Nachtrag 30.01.2026

Die Geschich­te mit Jus­suf Ibra­him ist kom­pli­ziert. Er war kein Nazi hat aber Kin­der zur Tötung nach Stadt­ro­da über­stellt. Er hat aber auch Eltern gewarnt und sie dar­um gebe­ten, ihre Kin­der zurück­zu­neh­men. Fol­gen­des kann man in einem taz-Arti­kel lesen:

Wir Jena­er, wir erin­nern uns, dass Jus­suf Ibra­him, der deut­sche Arzt ägyp­ti­scher Her­kunft, der Nicht­ari­er, jüdi­sche Kin­der behan­del­te, eini­ge von ihnen ver­steck­te und Pas­to­ren mit Berufs­ver­bot in sei­ner Kli­nik pre­di­gen ließ. Wir wis­sen, er war kein NSDAP-Mit­glied. Wir sind über­zeugt, dass die behin­der­te Schwes­ter unse­res Bür­ger­meis­ters nur des­we­gen noch lebt, weil Ibra­him die Mut­ter damals recht­zei­tig warnte.

Haar­hoff, Hei­ke. 2000. Jede Zeit hat ihre Moral. taz. Ber­lin.

Ganz anders gela­gert ist der Fall bei Erich Häß­ler, dem Nach­fol­ger Ibra­hims an der Kin­der­kli­nik in Jena. Der war in der NSDAP und in der SA, war Schu­lungs­red­ner im Ras­sen­po­li­ti­schen Amt Leip­zig, Anti­se­mit und an Eutha­na­sie-Ver­bre­chen beteiligt.

Über Häß­ler bin ich zu Rose­ma­rie Albrecht gekom­men. Auch die­se war als Ärz­tin in der DDR in lei­ten­der Posi­ti­on tätig und hat­te bis 1975 ver­schie­de­ne Lehr­stüh­le inne. Zwi­schen 1964 und 1965 ermit­tel­te die Sta­si wegen der Kran­ken­mor­de in der Lan­des­heil­an­stalt Stadt­ro­da. Die Ermitt­lun­gen wur­den aber auf Wei­sung des Minis­te­ri­ums ein­ge­stellt und die Akte gesperrt. Albrecht war wohl an meh­re­ren Mor­den durch Über­do­sie­rung von Beru­hi­gungs­mit­teln schul­dig. Die Akten wur­den erst 2000 gefun­den. Das Ver­fah­ren gegen sie wur­de 2005 wegen Ver­hand­lungs­un­fä­hig­keit ein­ge­stellt. Sie war da 90.

Nachtrag 29.01.2026: Tötungsanstalt Brandenburg

Durch einen taz-Arti­kel zum Geden­ken an den Holo­caust bin ich auf die Tötungs­an­stalt Bran­den­burg auf­merk­sam gewor­den. Das war das ehe­ma­li­ge Zucht­haus und dann von 1933 bis 1934 eins der frü­hen Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger. Über die­se Lager hat­te auch Wil­li Bre­del in „Die Prü­fung“ geschrie­ben. Zwi­schen 1940 und 1941 sind in Bran­den­burg 9.772 psy­chisch kran­ke Men­schen mit Koh­len­mon­oxid ver­gast wor­den. Die­se Mor­de durf­ten nur von Ärz­ten vor­ge­nom­men wer­den. Die Ärz­te ope­rier­ten unter Deck­na­men und die Todes­ur­sa­chen wur­den in einem eigens ein­ge­rich­te­ten Stan­des­amt gefälscht.

Im Fol­gen­den lis­te ich alle Per­so­nen auf, die im Zusam­men­hang mit Bran­den­burg genannt wer­den und gehe dann auf den Ver­bleib der Per­so­nen ein. Es scheint so zu sein, dass kei­ner von denen bis­her bespro­chen wurde.

Ärz­te:

So sah das Leben der tau­send­fa­chen Mör­der nach dem Krieg aus:

  • August Becker (1967 Lau­bach, Hes­sen, wegen SS-Ange­hö­rig­keit ver­ur­teilt zu drei Jah­ren Arbeits­la­ger, danach Arbeit bis 1959 Schlag­an­fall, danach ver­ur­teilt zu 10 Jah­ren Haft, aber wegen schlech­ter Gesund­heit 1960 wie­der entlassen) 
  • Phil­ipp Bouh­ler (19. Mai bei Dach­au Suizid)
  • Vik­tor Brack (1948, Kriegs­ver­bre­cher­ge­fäng­nis Lands­berg) Er wur­de im Nürn­ber­ger Ärz­te­pro­zess 1947 zum Tode ver­ur­teilt und 1948 hingerichtet.
  • Karl Brandt (1948, Kriegs­ver­bre­cher­ge­fäng­nis Lands­berg) Er war Arzt von Hit­ler und wur­de eben­falls im Nürn­ber­ger Ärz­te­pro­zess 1947 zum Tode ver­ur­teilt und 1948 hin­ge­rich­tet. Man möge in Wiki­pe­dia nach­le­sen, wel­che Per­so­nen und Orga­ni­sa­tio­nen Gna­den­ge­su­che unter­stützt haben.
  • Leo­nar­do Con­ti (1945 Nürn­berg, Suizid)
  • Wer­ner Heyde (1964 Butz­bach, Hes­sen, Sui­zid in Unter­su­chungs­haft) Heyde ver­lor sei­nen Lehr­stuhl für Psych­ia­trie und Neu­ro­lo­gie noch 1945. Heyde wur­de zum Nürn­ber­ger Ärz­te­pro­zess als Zeu­ge gela­den und dort dann selbst schwer belas­tet. Auf dem Rück­weg sprang er vom fah­ren­den Mili­tär­las­ter und für 12 Jah­re unter­tauch­te. Er leb­te dann unter fal­schem Namen in Schles­wig-Hol­stein. Sei­ne Frau erhielt Ver­sor­gungs­be­zü­ge. Ab 1949 prak­ti­zier­te Heyde unter fal­schem Namen als Sport­arzt in Flens­burg. Er leb­te in einem Stadt­teil, in dem auch ande­re unter­ge­tauch­te Nazi-Grö­ßen wohn­ten, in einem Rei­hen­haus. Er fer­tig­te ner­ven­ärzt­li­che Gut­ach­ten für das Ober­ver­si­che­rungs­amt in Schles­wig-Hol­stein an. Dabei ver­dien­te er über­durch­schnitt­lich gut. Bis 1979 erstell­te er ca. 7000 Gut­ach­ten. Als sei­ne Tar­nung auf­flog, floh er und stell­te sich dann in Frankfurt/M. in der Hoff­nung, dass der Ober­staats­an­walt dort, der schon ande­ren zu einem Per­sil­schein ver­hol­fen hat­te, ihn auch ent­spre­chend behan­deln wür­de. Nach der Ver­haf­tung stell­te sich her­aus, dass vie­le Ärz­te in sei­nem Umfeld von sei­ner Iden­ti­tät wuss­ten. Nie­mand wur­de verurteilt.
  • Albert Wid­mann (1986, Stutt­gart-Stamm­heim) Wid­man wur­de erst als Mit­läu­fer ein­ge­stuft, weil er nicht wahr­heits­ge­mäß über sei­ne Ver­stri­ckun­gen berich­te­te. 1959 ver­haf­tet, zu fünf Jah­ren ver­ur­teilt, dann vom Bun­des­ge­richts­hof auf drei Jah­re und sechs Mona­te redu­ziert. 1962 wegen Eutha­na­sie­mor­den ange­klagt. Wegen frü­he­rer Haft dann nur Geld­stra­fe von 4000 DM.

Die im Arti­kel zur Tötungs­an­stalt Bran­den­burg genann­ten gehör­ten zu den Orga­ni­sa­to­ren hun­dert­tau­sen­der Mor­de (die Teil­neh­mer an der „Pro­be­ver­ga­sung“). Des­halb sind vie­le von ihnen auch ver­ur­teilt wor­den oder haben Sui­zid began­gen. Aber Heyde ging es noch eine Wei­le gut. Und alle sind in den Wes­ten gegangen.

Ärz­te:

  • Aqui­lin Ull­rich (2001 Stutt­gart) 1945 aus ame­ri­ka­ni­scher Gefan­gen­schaft geflo­hen. Arbeit als Berg­mann im Saar­land. Sein Uni­ver­si­täts­leh­rer ver­half ihm zu einer Stel­le an einer Stutt­gar­ter Kli­nik. 1952 ließ er sich als Frau­en­arzt und Arzt für Geburts­hil­fe nie­der. Er hat­te wei­ter Kon­takt zu T4-Leu­ten, die eben­falls in Stutt­gart unter­ge­taucht waren. 22.08.1961 ver­haf­tet, 08.09.1961 wie­der ent­las­sen, obwohl er die Mor­de in Bran­den­burg gestan­den hat­te. Er konn­te wei­ter prak­ti­zie­ren und in den Urlaub fah­ren. Das schreibt Wiki­pe­dia: „Die Gene­ral­staats­an­walt­schaft Frankfurt/M. erhob am 15. Janu­ar 1965 Kla­ge gegen ihn sowie die T4-Ärz­te Kurt Borm, Klaus End­ru­weit und Aqui­lin Ull­rich „heim­tü­ckisch, grau­sam, aus nie­de­ren Beweg­grün­den, vor­sätz­lich und mit Über­le­gung jeweils meh­re­re Tau­send Men­schen getö­tet zu haben“. Noch vor Pro­zess­be­ginn ord­ne­te der Regie­rungs­prä­si­dent in Lüne­burg im Sep­tem­ber 1966 an, die ärzt­li­che Bestal­lung Bun­kes ruhen zu las­sen. Mehr als 5000 Men­schen aus Cel­le und Umge­bung sowie der Ärz­te­ver­ein Cel­le setz­ten sich dar­auf­hin für Bun­ke bei der Nie­der­säch­si­schen Lan­des­re­gie­rung ein mit dem Ergeb­nis, dass Bun­ke wei­ter prak­ti­zie­ren durf­te.“ Der Pro­zess ergab Frei­spruch wegen des feh­len­den „Bewußt­seins der Rechts­wid­rig­keit“ (unver­meid­ba­rer Ver­bots­irr­tum) sei­nes Tuns. Genau so wie alle Mit­an­ge­klag­ten auch. Bei der Wie­der­auf­nah­me des Ver­fah­rens konn­te er ein Attest vor­wei­sen, das ihm Ver­hand­lungs­un­fä­hig­keit bestä­tig­te. Er prak­ti­zier­te aber bis 1984 wei­ter als Arzt. 1987 wur­de er dann end­lich wegen Bei­hil­fe zum Mord in min­des­tens 4.500 Fäl­len zu vier Jah­ren Haft ver­ur­teilt. Das Urteil wur­de 1988 auf drei Jah­re revi­diert, weil man angeb­lich nur den Mord an 2.340 Men­schen nach­wei­sen konn­te. 1989 ging er dann ins Gefäng­nis und wur­de nach 20 Mona­ten auf Bewäh­rung entlassen. 
  • Ernst Baum­hard (1943 bei U‑Boot-Ein­satz im Atlantik)
  • Hein­rich Bun­ke (2001 in Cel­le, Nie­der­sach­sen) 1945 Lan­des­frau­en­kli­nik in Cel­le, 1951, nie­der­ge­las­se­ner Frau­en­arzt, 12.04.1961 ver­haf­tet, 19.04.1961 ent­las­sen, prak­ti­zier­te wei­ter, fuhr in den Urlaub. Wegen Bei­hil­fe zur Ermor­dung von 4950 Men­schen ange­klagt, aber frei­ge­spro­chen wegen des feh­len­den „Bewusst­seins der Rechts­wid­rig­keit“ (unver­meid­ba­rer Ver­bots­irr­tum), Ver­fah­ren 1971 wegen Ver­hand­lungs­un­fä­hig­keit ein­ge­stellt, Bun­ke konn­te aber Pra­xis trotz Ver­hand­lungs­un­fä­hig­keit wei­ter­be­trei­ben. 1987 ver­ur­teilt wegen Bei­hil­fe zum Mord in min­des­tens 11.000 Fäl­len zu vier Jah­ren Haft, Bun­des­ge­richts­hof ermä­ßig­te im Revi­si­ons­ver­fah­ren die Stra­fe auf drei Jah­re weil die Bei­hil­fe zum Mord nur für 9.200 Men­schen nach­ge­wie­sen wer­den kön­ne. Nach 18 Mona­ten wur­de er entlassen.
  • Irm­fried Eberl (1948, Ulm, Baden-Würt­em­berg, Sui­zid) 1945 aus der Kriegs­ge­fan­gen­schaft ent­las­sen, dann als Arzt in Blau­beu­ren nie­der­ge­las­sen, 1948 kam er in Unter­su­chungs­haft und beging dort Sui­zid noch bevor die zustän­di­gen Stel­len sei­ne wah­re Iden­ti­tät fest­ge­stellt hatten.

Zusam­men­fas­sung: Nie­mand ist im Osten geblie­ben. Die Ärz­te wur­den frei­ge­spro­chen und waren dann bei der Revi­si­on „ver­hand­lungs­un­fä­hig“ oder beka­men nied­ri­ge Strafen. 

Correctiv bei Nazi-Treffen und Remigration

Am 11.01.2024 habe ich zur Zusam­men­set­zung der Grup­pe beim Nazi-Tref­fen, das Cor­rec­tiv doku­men­tiert hat­te, geschrie­ben (Cor­rec­tiv und die Nazi-Vor­stel­lun­gen bzgl. Remi­gra­ti­on). Von 22 Men­schen war einer aus dem Osten. Alle ande­ren Nazis kom­men aus dem Wes­ten. Nun gab es wie­der ein Tref­fen. Dies­mal nicht in Pots­dam, son­dern in der Schweiz. Bei die­sem Tref­fen waren Mit­glie­der der in Deutsch­land ver­bo­te­nen rechts­extre­men Orga­ni­sa­ti­on „Blood & Honour“, der rechts­extre­men schwei­zer Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on Jun­ge Tat, Mit­glie­der der Jun­gen Alter­na­ti­ve Baden-Würt­tem­berg und AfD-Politiker*innen. Eini­ge wur­den mit Namen genannt: Roger Beck­amp, Abge­ord­ne­ter für die AfD im Deut­schen Bun­des­tag, und Lena Kotré, AfD-Land­tags­ab­ge­ord­ne­te in Brandenburg. 

Ich neh­me an, dass bei der Jun­gen Alter­na­ti­ve aus BaWü kein Ossi dabei war. Beck­amp ist aus Köln und Kotré aus West-Ber­lin. Das heißt, dass bei dem Tref­fen kein Ossi dabei war. Obwohl Kotré im Bran­den­bur­ger Land­tag sitzt, ist sie nicht aus dem Osten. Die Asso­zia­ti­on Osten = Nazi wird durch die Erwäh­nung des Arbeits­or­tes ohne die Anga­be der Her­kunft ver­stärkt. Noch mal: Beim Tref­fen in der Schweiz waren aus­schließ­lich Westler.

Quellen

Peters, Jean & Gins­burg, Tobi­as & Fie­gert, Nic­las & Böh­mer, Mar­tin. 2024. Neue Rech­te: Kein Geheim­tref­fen gegen Deutsch­land – wir waren trotz­dem dabei. cor­rec­tiv. (https://correctiv.org/aktuelles/neue-rechte/2024/12/27/kein-geheimtreffen-gegen-deutschland/)

Sächsische Separatisten (SS)

Vor eini­ger Zeit sind die Säch­si­schen Sepa­ra­tis­ten auf­ge­flo­gen. Eine Grup­pe Rechts­extre­mer, die mit Waf­fen für den Tag X trai­niert haben, wur­de fest­ge­nom­men. Eini­ge von ihnen AfD-Funk­tio­nä­re. Heu­te schreibt die taz zu die­ser Gruppe:

Zu den Fest­ge­nom­men gehö­ren auch die Brü­der Jörg und Jörn S. aus Bran­dis, deren Vater in den 1980er Jah­ren bereits in der mili­tan­ten Neo­na­zi-Sze­ne in Öster­reich aktiv war. Jörg S. gilt der Bun­des­an­walt­schaft als Anfüh­rer der Gruppe. 

Lit­sch­ko, Kon­rad. 2024. Kurth finan­zier­te Ter­ror­ver­däch­ti­ge. taz 13.11.24. Berlin.

Das heißt, das wie­der eine Grup­pe von in den Osten gekom­me­nen West-Nazis gelei­tet wird. Ich bit­te, das zu berück­sich­ti­gen, wenn über „die Ossis“ berich­tet wird und ver­sucht wird, die Exis­tenz von Nazis im Osten irgend­wie auf Eigen­schaf­ten von Ossis zurückzuführen.

Übri­gens hat Peter Kurth, frü­her Ber­li­ner CDU-Sena­tor, den Ter­ro­ris­ten den Kauf eines Hau­ses finan­ziert. Ost-Nazis ver­fü­gen nor­ma­ler­wei­se nicht über aus­rei­chend Mit­tel zum Kauf von Häusern.

Quellen

Lit­sch­ko, Kon­rad. 2024. Kurth finan­zier­te Ter­ror­ver­däch­ti­ge. taz 13.11.24. Ber­lin. (https://www.taz.de/!6049011)

Lilane Eierdiebe, ostdeutsche Institute und Framing

Johan­nes Geck, Dok­to­rand am Insti­tut für Zeit­ge­schich­te München–Berlin, schreibt in einem Mei­nungs­bei­trag in der taz, dass das rechts­extre­me Insti­tut für Staats­po­li­tik erns­ter genom­men wer­den soll­te. Dem ist unbe­dingt zuzu­stim­men. Es gibt nur eine Klei­nig­keit in sei­nem Bei­trag, die mich extrem stört. Eigent­lich sind es zwei Klei­nig­kei­ten. Oder eine, die zwei­mal vorkommt.

Das Insti­tut war eine rechts­extre­me Denk­fa­brik, die rechts­extre­men Politiker*innen der AfD zuar­bei­te­te. Das Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz und der Lan­des­ver­fas­sungs­schutz Sach­sen-Anhalt stuf­ten die Grup­pie­rung als „gesi­chert rechts­extrem“ und als ver­fas­sungs­feind­lich ein. Es wur­de 2024 auf­ge­löst, wohl um einem Ver­bot zuvorzukommen.

Geck schreibt:

In der deut­schen Bericht­erstat­tung über das Umfeld des neu­rech­ten Ver­le­gers Götz Kubit­schek ent­steht bis­wei­len der Ein­druck, es hand­le sich um einen Kreis ver­wirr­ter Hoch­stap­ler. Zuletzt sprach etwa die Spie­gel-Redak­teu­rin Ann-Kath­rin Mül­ler schmun­zelnd von „ganz viel pseu­do­in­tel­lek­tu­el­lem Gere­de“, das aus dem sach­sen-anhal­ti­ni­schen Schnell­ro­da zu ver­neh­men sei. Eine sol­che Ver­harm­lo­sung des inzwi­schen for­mal auf­ge­lös­ten Insti­tuts für Staats­po­li­tik ver­kennt jedoch des­sen Bedeu­tung für die radi­ka­le Rech­te und führt zu einer gefähr­li­chen Unter­schät­zung der orga­ni­sier­ten Geg­ner der libe­ra­len Demo­kra­tie. Neben Maxi­mi­li­an Krah und Ali­ce Wei­del sind die Prot­ago­nis­ten der Wahl­er­fol­ge im Osten, Björn Höcke, Jörg Urban und Hans-Chris­toph Berndt, gern gese­he­ne Gäs­te in der ost­deut­schen „Denk­fa­brik“.

Johan­nes Geck. 2024. Rech­te Extramei­len, taz, 08.11.2024, S. 12.

Framing

Johan­nes Geck ver­wen­det die Wort­grup­pe ost­deut­sche „Denk­fa­brik“ noch ein wei­te­res Mal in sei­nem Arti­kel. Es scheint ihm also wich­tig zu sein, einen Zusam­men­hang zwi­schen Rechts­extre­mis­mus und Ost­deutsch­land her­zu­stel­len. Das Fach­wort dafür ist Framing und die Hebbsche Lern­re­gel erklärt, was im Gehirn pas­siert: „What fires tog­e­ther wires tog­e­ther.“. Wenn Kon­zep­te immer wie­der in Bezie­hung zuein­an­der gesetzt wer­den, reicht es irgend­wann, eins der Kon­zept zu erwäh­nen. Im kon­kre­ten Fall wäre dann Ost­deutsch­land in den Gehir­nen der Medienkonsument*innen untrenn­bar mit Rechts­extre­mis­mus verknüpft.

„Bran­den­burg zeigt Hal­tung“ Demo­teil­neh­me­rin bei „Wir sind die Brand­mau­er“ Kund­ge­bung gegen den Faschis­mus, Ber­lin, 03.02.2024

Im gesamt­deut­schen Dis­kurs ist es bequem, das Gru­se­li­ge aus­zu­la­gern und zu exter­na­li­sie­ren. Die Nazis sind ost­deutsch. Sie sind alle so gewor­den, weil sie zu heiß geba­det wur­den (Rabe)/nebeneinander auf dem Töpf­chen sit­zen muss­ten (Pfei­fer, sie­he Decker, 1999)/unter den Kom­mu­nis­ten gelit­ten haben (der gan­ze Rest, sie­he Zei­tung, Fern­se­hen, irgend­was). Lei­der ist das zu kurz geschos­sen, denn Nazis bzw. Nazi-Wähler*innen gibt es auch in West­deutsch­land (und in Frank­reich, Ita­li­en, Öster­reich und in den USA, wo ja nun kaum die Kom­mu­nis­ten Schuld gewe­sen sein konn­ten). Die Grün­de für ent­spre­chen­des Wahl­ver­hal­ten sind oft ähn­lich und solan­ge das nicht erkannt wird, rut­schen wir wei­ter in Rich­tung Faschismus.

Westdeutsche Denkfabrik und westdeutsche Nazis

Hier noch kurz die Erklä­rung, war­um mich die Phra­se ost­deut­sche „Denk­fa­brik“ ärgert. Das Insti­tut für Staats­po­li­tik wur­de im Mai 2000 von Götz Kubit­schek, Karl­heinz Weiß­mann und dem Rechts­an­walt Ste­fan Hanz gegrün­det. Das Insti­tut hat­te sei­nen Sitz am Anfang in Bad Vil­bel (Hes­sen) und ist erst 2003 nach Schnell­ro­da in Sach­sen-Anhalt umge­zo­gen. Die Grün­der kom­men aus Ravens­burg (Baden-Würt­tem­berg) und Nort­heim (Nie­der­sach­sen). Die Her­kunft von Ste­fan Hanz ist mir nicht bekannt, ich ver­mu­te aber, dass er eben­falls aus dem Wes­ten kommt. Das Staats­po­li­tik-Insti­tut ist also eine west­deut­sche Denk­fa­brik, die seit 2003 im Osten ange­sie­delt ist.

Auch die auf­ge­zähl­ten Politiker*innen sind fast zur Hälf­te aus dem Wes­ten: Höcke und Wei­del sind bei­de aus NRW.

Lilane Eierdiebe und ultimative Attributionsfehler

Zum Pres­se­ko­dex gehört seit 2017 folgendes:

In der Bericht­erstat­tung über Straf­ta­ten ist dar­auf zu ach­ten, dass die Erwäh­nung der Zuge­hö­rig­keit der Ver­däch­ti­gen oder Täter zu eth­ni­schen, reli­giö­sen oder ande­ren Min­der­hei­ten nicht zu einer dis­kri­mi­nie­ren­den Ver­all­ge­mei­ne­rung indi­vi­du­el­len Fehl­ver­hal­tens führt. Die Zuge­hö­rig­keit soll in der Regel nicht erwähnt wer­den, es sei denn, es besteht ein begrün­de­tes öffent­li­ches Inter­es­se. Beson­ders ist zu beach­ten, dass die Erwäh­nung Vor­ur­tei­le gegen­über Min­der­hei­ten schü­ren könnte.

Wenn über einen Eier­dieb­stahl berich­tet wird, ist die Haut­far­be der Täter*in nor­ma­ler­wei­se irrele­vant und soll nicht genannt wer­den. Der Grund dafür ist genau das, was ich oben aus­ge­führt habe: Wenn stän­dig von lila­nen Eier­die­ben gespro­chen wird, ver­fes­tigt sich das Bild, dass alle Men­schen mit lila­n­er Haut­far­be Eier­die­be wären oder zum Eider­dieb­stahl nei­gen. Es kommt dann zum ulti­ma­ti­ven Attributionsfehler:

Erklärt man sich das Ver­hal­ten eines Men­schen damit, dass er Mit­glied einer sozia­len Grup­pe ist, spricht man seit Pet­ti­g­rew (1979) vom „ulti­ma­ti­ven Attri­bu­ti­ons­feh­ler“. Oft dient die­se dis­po­si­tio­na­le Ursa­chen­zu­schrei­bung der Auf­recht­erhal­tung von Vor­ur­tei­len („Er han­delt so, weil er Aus­län­der ist“).

Wiki­pe­dia­ein­trag ulti­ma­ti­ver Attri­bu­ti­ons­feh­ler, 09.11.2024

Folgt man die­sen Grund­sät­zen (Ossis sind eine Min­der­heit, da es fünf mal mehr Wes­sis als Ossis gibt, und sie haben in der Pres­se kei­ne Stim­me) und bedenkt, wor­um es in die­sem Mei­nungs­bei­trag geht, wird klar, dass das Wort ost­deutsch in Gecks Auf­satz Fehl am Plat­ze war. Die Lage des Insti­tuts war für die Aus­sa­ge, des Arti­kels irrele­vant. Der Effekt des Wor­tes ist das Framing von Rechts­extre­mis­mus als spe­zi­fisch ost­deutsch. Ob das die Absicht Gecks war, weiß ich nicht, aber wenn einem Dok­to­ran­den in Neue­rer und Neu­es­ter Geschich­te das aus Ver­se­hen pas­sie­ren wür­de, wür­de das auch nicht für ihn sprechen.

Axel Graf­manns und Miri­am Tödter von „Wir packen’s an Not­hil­fe für Geflüch­te­te“ aus Ber­lin-Bran­den­burg spre­chen auf der Ver­an­stal­tung „Wir sind die Brand­mau­er“ gegen Faschis­mus, die 1630 Orga­ni­sa­tio­nen mit­ein­an­der orga­ni­siert haben. Reichs­tag, Ber­lin, 03.02.2024

Schlussfolgerung

Hört bit­te auf damit, Rechts­extre­mis­mus als ost­deut­sches Pro­blem zu framen. Es ist unser aller Pro­blem. Guckt nach unten auf Eure Füße, sie ste­hen schon jetzt im brau­nen Matsch.

Quellen

Decker, Kers­tin. 1999. Das Töpf­chen und der Haß. tages­spie­gel. Ber­lin. (https://www.tagesspiegel.de/kultur/das-toepfchen-und-der-hass/77844.html)

Das SS-Lagerpersonal von Buchenwald

Ich habe vor Kur­zem das Buch Nackt unter Wöl­fen von Bru­no Apitz erneut gele­sen. Dar­in gibt es die fol­gen­de Passage:

Aus­zug aus Nackt unter Wöl­fen. Ein Gespräch zwi­schen zwei SS-Män­nern über ihr Abtau­chen nach dem Krieg.

Ein SS-Mann legt einem zwei­ten nahe, dass er sich schon auf eine mög­lichst unauf­fäl­li­ge Exis­tenz nach dem Krieg vor­be­rei­ten soll­te. Das hat mich an mei­ne Recher­che zum SS-Per­so­nal des KZ Lich­ten­burg erin­nert und ich habe beschlos­sen, auch für Buchen­wald mal nach­zu­se­hen, was aus dem Per­so­nal gewor­den ist.

Die Struk­tur und die Namen der SS-Ver­wal­tung des KZs Buchen­wald habe ich von der Wiki­pe­dia-Sei­te Per­so­nal im KZ Buchen­wald über­nom­men. Die Daten zum Ver­bleib der SS-Män­ner nach 1945 sind aus den ein­zel­nen Ein­trä­gen der Personen.

Abteilung I: Kommandantur

Lagerkommandant

  • Karl Otto Koch, Juli 1937 bis Dezem­ber 1941, im April 1945 in Buchen­wald von der SS hingerichtet
  • Her­mann Pis­ter, Janu­ar 1942 bis April 1945, zum Tode ver­ur­teilt und im Gefäng­nis an Herz­in­frakt gestorben

Adjutanten

  • Hart­wig Block, 1937, unbekannt
  • Johan­nes Wel­lers­haus, 1937, unbekannt
  • Hans Hüt­tig, 1938 bis 1939, 1954 in Metz durch ein fran­zö­si­sches Mili­tär­ge­richt zu lebens­lan­ger Haft ver­ur­teilt, leb­te bis 1980 in Wachen­heim an der Wein­stra­ße, Rheinland-Pfalz
  • Her­mann Hack­mann, 1939 bis 1940, vor 1945 mehr­fach zum Tode ver­ur­teilt, wegen Buchen­wald zum Tode ver­ur­teilt, 1948 begna­digt in lebens­lan­ge Frei­heits­stra­fe umge­wan­delt, 1955 ent­las­sen, gestor­ben 1994 in Uslar
  • Heinz Bün­ge­ler, 1941 bis 1942, 1943 in SS-Pan­zer­gre­na­dier-Divi­si­on „Toten­kopf“ in der Sov­jet­uni­on gefallen
  • Hans-Theo­dor Schmidt, 1942 bis 1945, 1951 nach Buchen­wald­pro­zess hingerichtet

Abteilung II: Politische Abteilung (Lager-Gestapo)

  • Wil­helm Fre­richs, 1937 bis 1941, ver­bleib unbe­kannt, zuletzt im Som­mer 1947 im Spe­zi­al­la­ger Nr. 2 Buchen­wald lebend gesehen
  • Wal­ter Ser­no, 1941 bis 1945, gestor­ben 1961 in Bremen

Abteilung III: Schutzhaftlagerführung

  • Arthur Rödl, 1937 bis 1940, Sui­zid im April 1945 mit Handgranate
  • Her­mann Flor­stedt, 1940 bis 1942, Ver­bleib unklar, angeb­lich von SS hin­ge­rich­tet, aber auch bei Schwä­ge­rin in Hal­le gese­hen und dann unter­ge­taucht, angeb­lich 1962 bei Kri­mi­nal­po­li­zei in Mainz gear­bei­tet. Ermitt­lun­gen ergeb­nis­los. Ober­staats­an­walt in Lud­wigs­burg sah Tod 1975 nicht als erwie­sen an.
  • Max Scho­bert, 1940 bis 1942, 1942 bis 1945, 1948 nach Buchen­wald­pro­zess hingerichtet
  • Jakob Wei­se­born, 1937 bis 1938, 1939 Sui­zid wegen Unter­schla­gun­gen im KZ Buchenwald
  • SS-Sturm­bann­füh­rer Hans Hüt­tig, 1938 bis 1939, 1954 in Metz durch ein fran­zö­si­sches Mili­tär­ge­richt zu lebens­lan­ger Haft ver­ur­teilt. 1956 ent­las­sen, gestor­ben 1980 in Wachen­heim, Rheinland-Pfalz. 
  • Wolf­gang Plaul, 1941, seit Kriegs­en­de verschollen
  • SS-Ober­sturm­füh­rer Erich Gust, 1942 bis 1944, Gust betrieb ab 1966 das Lokal „Hei­mat­hof“ in Mel­le, Nie­der­sach­sen. Dort speis­ten bekann­te Bon­ner Poli­ti­ker (z.B. Kai-Uwe von Has­sel und Wil­ly Brandt). Die Sta­si wuss­te, wo Gust sich auf­hielt und woll­te die Poli­ti­ker­kon­tak­te aus­nut­zen. Die west­deut­sche Jus­tiz hat ihn nie gefun­den. Gust ist 1992 in Mel­le gestorben.
  • Hans Mer­bach, 1945, wegen Ver­bre­chen bei Eva­ku­ie­rung von Buchen­wald zum Tode ver­ur­teilt und 1949 hingerichtet

Abteilung III/E: Arbeitseinsatz

  • Phil­ipp Grimm, 1940 bis 1942, Im Buchen­wald-Pro­zess zum Tod ver­ur­teilt, in lebens­läng­lich umge­wan­delt, 1954 ent­las­sen, 1984 in Bay­reuth, Bay­ern, gestorben.
  • SS-Haupt­sturm­füh­rer Albert Schwartz, 1942 bis 1945, Im Buchen­wald-Pro­zess zum Tod ver­ur­teilt, zu lebens­läng­lich umge­wan­delt, 1954 ent­las­sen, in lei­ten­der Posi­ti­on in der Indus­trie tätig,1984 in Ahrens­bök, Schles­wig-Hol­stein, gestorben.

Abteilung IV: Verwaltung (SS-Standortverwaltung)

  • Chris­ti­an Mohr, 1937
  • Karl Weich­sel­dor­fer, 1937 bis 1942
  • SS-Sturm­bann­füh­rer Otto Bar­ne­wald, 1942 bis 1945, Im Buchen­wald-Pro­zess zum Tod ver­ur­teilt, 1948 in lebens­läng­lich umge­wan­delt, 1954 ent­las­sen, 1973 in Rhein­hau­sen, NRW, gestorben. 

Abteilung V: Sanitätswesen (Standortarzt)

Standortarzt

  • SS-Ober­sturm­bann­füh­rer Wer­ner Kir­chert, 1937 bis 1938, Inhaf­tiert in Eich­stätt, 1953 in Mün­chen zu vier Jah­ren Zucht­haus ver­ur­teilt, Geschäfts­füh­rer bei der O.W.G‑Chemie in Kiel. Gestor­ben 1987 in Eitorf, NRW, Ermitt­lungs­ver­fah­ren der Staats­an­walt­schaft Würz­burg 1995 nach dem Tod Kir­cherts eingestellt
  • Hans Schlos­ser, 1939
  • Gus­tav Bus­se, 1939 bis 1941
  • SS-Haupt­sturm­füh­rer Wal­de­mar Hoven, 1942 bis 1943, 1945 von SS-Rich­ter wegen Mord zum Tod ver­ur­teilt im April 1945 aber wegen Ärz­te­man­gels ent­las­sen. 1947 im Nün­ber­ger Ärz­te­pro­zess zum Tode ver­ur­teilt und 1948 hingerichtet.
  • SS-Haupt­sturm­füh­rer Ger­hard Schied­laus­ky, 1943 bis 1945, 1947 zum Tod ver­ur­teilt und gehängt.

Weitere

Lagerärzte

  • SS-Haupt­sturm­füh­rer Hein­rich Pla­za, nach 1945 Arzt in Alt­öt­ting, Bay­ern, Lei­ter der Patho­lo­gie in Buchen­wald und betei­ligt am Mas­sen­mord, wegen Mul­ti­pler Skle­ro­se Ermitt­lungs­ver­fah­ren 1952 von der Staats­an­walt­schaft Traun­stein ein­ge­stellt, 1954 in Frank­reich in Abwe­sen­heit zum Tod ver­ur­teilt, 1968 in Alt­öt­ting gestorben.
  • Erwin Ding-Schul­er, Men­schen­ver­su­che, 1945 Sui­zid in ame­ri­ka­ni­scher Haft
  • Erich Wag­ner, 1948 aus Haft ent­flo­hen, leb­te unter Pseud­onym sechs Jah­re in Bay­ern, ab 1957 arbei­te­te er in der Pra­xis sei­ner Frau, 1958 Fest­nah­me und Ankla­ge, 1959 Suizid. 
  • August Ben­der, 1947 zu zehn Jah­ren Haft ver­ur­teilt, 1948 ent­las­sen, als Mit­läu­fer ent­na­zi­fi­ziert, von 1953 bis zur Auf­lö­sung der Kame­rad­schaft Düren 1993 Mit­glied in der Hilfs­ge­mein­schaft auf Gegen­sei­tig­keit der Ange­hö­ri­gen der ehe­ma­li­gen Waf­fen-SS e.V. (HIAG), gestor­ben 2005 in Düren, NRW.
  • SS-Haupt­sturm­füh­rer Hans Eise­le, 1943 im Dach­au-Pro­zess zum Tod ver­ur­teilt, Umwand­lung zu lebens­läng­lich, 1947 erneut Todes­ur­teil im Buchen­wald-Pro­zess, nach Über­prü­fung in zehn Jah­re Haft umge­wan­delt, 1952 ent­las­sen. Kas­sen­arzt in Mün­chen mit Exis­tenz­auf­bau­hil­fe. 1958 ande­re Anschul­di­gun­gen und Flucht nach Ägyp­ten. Wiki­pe­dia schreibt: „Unter dem ägyp­ti­schen Staats­prä­si­den­ten Gam­al Abdel Nas­ser waren seit Mit­te der fünf­zi­ger Jah­re deut­sche und öster­rei­chi­sche, zum gro­ßen Teil ehe­mals natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Wis­sen­schaft­ler ins Land gekom­men, die in mili­tä­ri­schen For­schungs­ein­rich­tun­gen an der Kon­struk­ti­on von Kampf­flug­zeu­gen und Mit­tel­stre­cken­ra­ke­ten betei­ligt waren, die Nas­ser für den Aus­bau der ägyp­ti­schen Vor­rang­stel­lung im Nahen Osten und spe­zi­ell für den Kampf gegen Isra­el benö­tig­te. In die­sen Krei­sen tauch­te auch Eise­le unter, nach­dem ein deut­sches Aus­lie­fe­rungs­ge­such abge­lehnt wor­den war.“ Anschlag des Mos­sad schug fehl. 1967 in Ägyp­ten gestorben.
  • SS-Unter­sturm­füh­rer Wer­ner Greu­nuss, zu lebens­läng­li­cher Haft ver­ur­teilt, auf 20 Jah­re redu­ziert, 1949 geflo­hen, Ver­bleib unklar.
  • Carl Eisen,
  • Lud­wig Ehrsam, 
  • Her­bert Gräff, 
  • Heinz Guda­cker,
  • Ari­bert Heim, 1945 ver­haf­tet, 1947 im Zuge einer Weih­nachts­am­nes­tie ent­las­sen, Ent­na­zi­fi­zie­rung, Haft­be­feh­le, 1962 Flucht nach Ägyp­ten, 1992 in Kai­ro gestor­ben. Der Wiki­pe­dia-Ein­trag ist wild, unbe­dingt dort lesen.
  • Peter Hofer,
  • Kon­rad Köbrich, 
  • Richard Krie­ger,
  • Vik­tor Lewe, 
  • SS-Haupt­sturm­füh­rer Karl-Wer­ner Maa­ßen „Nach Kriegs­en­de betrieb er eine Arzt­pra­xis in Kiel.“
  • Hans Mül­ler,
  • Heinz Neu­mann,
  • Ralf Rog­ge,
  • Wer­ner Roh­de, 1946 in Hameln hingerichtet
  • Wer­ner Stephan

Lagerzahnärzte

  • Georg Col­dew­ey,
  • SS-Ober­sturm­bann­füh­rer Hel­mut Johann­sen, gestor­ben 1994 Hamburg
  • Hans Fischer,
  • Ger­hard Palfer, 
  • Wal­ter Pongs, ab 1945 betrieb er eine Zahn­arzt­pra­xis in Wies­ba­den, Hessen.
  • Paul Reut­ter

SS-Sanitätsdienstgrade

Wachkompanie KZ Buchenwald

  • Paul Krö­ger
  • Arnold Büscher
  • Otto Försch­ner, 1942 bis 1943, 1945 im Dach­au­er Pro­zess zum Tod ver­ur­teilt und 1946 gehängt
  • SS-Ober­sturm­füh­rer Gui­do Rei­mer, 1943 bis 1944, 1947 zum Tod ver­ur­teilt, zu lebens­läng­li­cher Haft begna­digt, 1952 ent­las­sen, Ver­bleib unbekannt
  • Offi­zier der Wehr­macht ab 1944

Zusammenfassung

Wie auch beim Per­so­nal von Lich­ten­burg gab es unter den Buchen­wald-Nazis kei­nen ein­zi­gen, der in den Osten gegan­gen ist. Die SS-Män­ner sind alle hin­ge­rich­tet wor­den, nach Ägyp­ten geflo­hen oder nach Begna­di­gung (im Wes­ten) und Ent­las­sung im Wes­ten geblie­ben. Es gibt eini­ge, die geflo­hen sind und ande­re, bei denen der Ver­bleib unklar ist. Aber es steht zu ver­mu­ten, dass kei­ner von ihnen an die schö­ne Oder gezo­gen ist. Die Buchen­wald-SS war auch an der sys­te­ma­ti­schen Ermor­dung von Sowjet-Bür­gern betei­ligt und so ist es nicht ver­wun­der­lich, dass sie nicht in die SBZ bzw. die DDR zurück wollten.

Wie die­se Men­schen dann die Gesell­schaft in der BRD beein­flusst haben, steht nicht in Wiki­pe­dia, aber zumin­dest einer war in der Hilfs­ge­mein­schaft auf Gegen­sei­tig­keit der Ange­hö­ri­gen der ehe­ma­li­gen Waf­fen-SS e.V. (HIAG) organisiert.

Das soll­te man beden­ken, wenn man die­se Behaup­tun­gen hört, dass es in der DDR auch Nazis gege­ben habe. Ja, hat es, immer­hin gin­gen die Mit­glieds­num­mern der NSDAP bis 10 Mil­lio­nen. Aber die Fra­ge ist natür­lich, was für Nazis, in wel­chen Orga­ni­sa­tio­nen sie wie mit­ge­ar­bei­tet haben, wel­che Dienst­gra­de sie hat­ten, wenn es mili­tä­ri­sche Orga­ni­sa­tio­nen waren, und was aus ihnen dann spä­ter in der DDR im Ver­gleich zur BRD gewor­den ist.

Und eine HIAG gab es in der DDR nicht.

Nachtrag

03.11.2024: Mit­hil­fe von Lei­de (2011) habe ich einen KZ-Arzt gefun­den, der in den Osten gegan­gen ist: Horst Fischer

Als KZ-Arzt im KZ Ausch­witz III Mono­witz und Stell­ver­tre­ten­der Lager­arzt im gesam­ten Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ausch­witz war er von 1942 bis 1945 an Mor­den von Gefan­ge­nen in tau­send­fa­cher Zahl beteiligt.

Wiki­pe­dia­ein­trag Horst Fischer

Er hat bis 1964 unent­deckt als Land­arzt in Bran­den­burg praktiziert.

10.11.2025: Im Wiki­pe­dia-Ein­trag von Rai­ner Eppel­mann (Wehr­dienst­ver­wi­ge­rer und Pfar­rer in der DDR und Minis­ter für Ver­tei­di­gung und Abrüs­tung nach der Wen­de) kann man lesen, dass sein Vater in der SS war und in Buchen­wald und Sach­sen­hau­sen im Ein­satz war. Eppel­mann hat das erst nach der Wen­de erfah­ren. Dem Ein­trag für Eppel­mann bei der Bun­des­stif­tung Auf­ar­bei­tung kann man ent­neh­men, dass Eppel­manns Vater nach dem Mau­er­bau in West-Ber­lin geblie­ben ist. In den KZs hat­te er als Kraft­fah­rer gearbeitet.

Quellen

Lei­de, Hen­ry. 2011. NS-Ver­bre­cher und Staats­si­cher­heit: Die gehei­me Ver­gan­gen­heits­po­li­tik der DDR (Ana­ly­sen Und Doku­men­te: Wis­sen­schaft­li­che Rei­he Der Bun­des­be­auf­trag­ten Für Die Unter­la­gen Des Staats­si­cher­heits­diens­tes Der Ehe­ma­li­gen Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik (BStU) 28). 2nd edn. Göt­tin­gen: Van­den­hoeck & Ruprecht.

(Ost-)Deutsche Christen in Ost und West

In den letz­ten Jah­ren gibt es mit dem Erstar­ken der AfD wie­der eine grö­ße­re Debat­te zu Nazis in der DDR. Es wird immer wie­der die offi­zi­el­le Geschich­te des nazifrei­en Lan­des zitiert. Dass die DDR nazifrei war ist sicher nicht rich­tig, aber dass die Nazi-Dich­te gerin­ger war und dass sie eben nicht – im Unter­schied zu Nazi-Grö­ßen wie Hans Glob­ke und Hans Fil­bin­ger – in Füh­rungs­po­si­tio­nen waren ist und bleibt wahr. Im Wikip­deia-Arti­kel zu Rechts­extre­mis­mus in der DDR wer­den drei Per­so­nen exem­pla­risch genannt: Arno von Len­ski, Franz Füh­mann oder Erhard Mau­ers­ber­ger. Per­so­nen wie Arno von Len­ski habe ich schon in einem frü­he­ren Post bespro­chen. Len­ski war in Sta­lin­grad in sowje­ti­sche Gefan­gen­schaft gera­ten und hat dann die Sei­ten gewechselt:

Nach eini­gem Zögern trat Len­ski am 7. Mai 1944 dem Natio­nal­ko­mi­tee Frei­es Deutsch­land und dem Bund Deut­scher Offi­zie­re bei. Dafür wur­de er von einem Kriegs­ge­richt in Tor­gau in Abwe­sen­heit zum Tode ver­ur­teilt. Er war Mit­ar­bei­ter der Zei­tung und des Sen­ders Frei­es Deutsch­land in Luno­wo. Von Dezem­ber 1944 bis Mai 1945 stu­dier­te er Gesell­schafts­wis­sen­schaf­ten und Poli­ti­sche Öko­no­mie in der Anti­fa-Schu­le in Kras­no­gorsk. Von März 1946 bis August 1949 war er mili­tä­ri­scher Fach­be­ra­ter bei Mos­film für den Doku­men­tar­film Die Schlacht um Sta­lin­grad.

Wiki­pe­dia-Ein­trag von Len­ski, abge­ru­fen 22.06.2024

Franz Füh­mann war eben­falls auf einer Anti­fa-Schu­le und hat dann als Assis­tenz­leh­rer an Anti­fa-Schu­len gelehrt. Wenn wir über Faschis­mus und Faschis­ten reden, dann nicht über sol­che, die zu Antifaschist*innen wur­den, son­dern sol­che, die unbe­hel­ligt ihr Leben füh­ren konn­ten und es zum Teil noch füh­ren. Sol­che wie Karl M.:

Der drit­te Name ist Erhard Mau­ers­ber­ger, der Mit­ar­bei­ter des Insti­tuts zur Erfor­schung und Besei­ti­gung des jüdi­schen Ein­flus­ses auf das deut­sche kirch­li­che Leben war. Er hat dar­an mit­ge­wirkt, Kir­chen­lie­der umzu­dich­ten. Das wur­de zu DDR-Zei­ten nicht auf­ge­ar­bei­tet und ist in der Tat unakzeptabel.

Inter­es­sant ist, dass das Insti­tut sei­ne Mit­ar­bei­ter ver­öf­fent­licht hat, so dass man jetzt unter­su­chen kann, was aus den Nazis und Anti­se­mi­ten, die bis 1945 im Osten gelebt haben, gewor­den ist. Wiki­pe­dia hat eine lan­ge Lis­te mit Namen, von denen vie­le ver­linkt sind. Um zu zei­gen, dass nach dem Krieg weni­ger Nazis im Osten waren, muss man nur die Ost-Nazis anschau­en und unter­su­chen, wie vie­le von ihnen in den Wes­ten gegan­gen sind, denn es wird wohl kaum ein West-Nazi sein Leben auf­ge­ge­ben haben, um zu den Rus­sen in den Osten zu zie­hen. (Das setzt natür­lich eine Gleich­ver­tei­lung von Nazis in Ost und West direkt nach dem Krieg voraus.)

Die Wiki­pe­dia-Sei­te lis­tet die Mit­ar­bei­ter in drei Rubriken:

  • Mit­ar­bei­ter in kir­chen­lei­ten­der Funktion
  • Geist­li­che bzw. Pfarrer
  • Hoch­schul­leh­rer bzw. Akademiker

Im fol­gen­den sor­tie­re ich die Lis­ten nach Ster­be- oder Wohn­ort nach 1945 in West, Ost, unbekannt/irrelevant. Irrele­vant ist der Ster­be­ort zum Bei­spiel bei Per­so­nen, die in Kriegs­ge­fan­gen­schaft gestor­ben sind. Irrele­vant sind auch die­je­ni­gen, die schon vor Kriegs­en­de im Wes­ten waren.

In kirchenleitender Funktion

In den Westen gegangen 

  1. Bischof Fried­rich Peter, Ber­lin, gestor­ben 1960, Gro­nau, NRW „Obgleich Peter 1948 aus dem Pfarr­amt ent­las­sen wur­de, blie­ben ihm die geist­li­chen Rech­te erhal­ten. So erhielt er Beschäf­ti­gungs­auf­trä­ge in der Evan­ge­li­schen Kir­che von West­fa­len, zunächst in Oeding und seit 1953 in Gro­nau (Westf.).“
  2. Lan­des­bi­schof Walt­her Schultz, Schwe­rin, gestor­ben 1957 in Schna­cken­burg, Nie­der­sach­sen „Nach Kriegs­en­de wur­de Schultz, zusam­men mit Kon­sis­to­ri­al­prä­si­dent Her­mann Schmidt zur Ned­den, am 25. Juni 1945 von der bri­ti­schen Besat­zungs­macht ver­haf­tet und inter­niert. Zwei Tage spä­ter leg­te er sein Amt nie­der. Im Jah­re 1948 wur­de er aus dem Dienst der Lan­des­kir­che Meck­len­burgs ent­las­sen. Im Jah­re 1950 wur­de Schultz mit der pfarr­amt­li­chen Hil­fe­leis­tung in der St.-Dionysius-Kirchengemeinde Fal­ling­bos­tel in der Lüne­bur­ger Hei­de beauf­tragt. Als für die­se Auf­ga­be dort eine neue Pfarr­stel­le errich­tet wur­de, muss­te Schultz die Gemein­de ver­las­sen und über­nahm in Schna­cken­burg an der Elbe ein Gemein­de­pfarr­amt, das er bis zu sei­nem Tode innehatte.“
  3. Ober­kon­sis­to­ri­al­rat Theo­dor Ell­wein, Ber­lin, gestor­ben 1962 Mün­chen „Nach der Ent­las­sung im Dezem­ber 1949 wur­de er 1950 von kirch­li­cher Sei­te in den Ruhe­stand ver­setzt. Im Jah­re 1951 wur­de er Reli­gi­ons­leh­rer am Gym­na­si­um Pasing und Lehr­be­auf­trag­ter an der Leh­rer­bil­dungs­an­stalt Mün­chen-Pasing. Von 1954 bis 1961 war er Lei­ter der Päd­ago­gi­schen Arbeits­stel­le der Evan­ge­li­schen Aka­de­mie Bad Boll bei Göp­pin­gen. 1955 war er Mit­glied der Stu­di­en­kom­mis­si­on für Leh­rer­bil­dung („Tutz­in­ger Emp­feh­lun­gen“) in der Evan­ge­li­schen Aka­de­mie Tutz­ing. 1961 trat er in den Ruhestand.“
  4. Ober­kon­sis­to­ri­al­rat Hans Hohl­wein, Eisen­ach, gestor­ben 1996 in Solin­gen „Nach 1945 wirk­te Hohl­wein als theo­lo­gi­scher Hilfs­ar­bei­ter in der Props­tei Hal­ber­stadt, und von 1947 bis 1951 ver­wal­te­te er die Pfarr­stel­le Heu­de­ber in der Kir­chen­pro­vinz Sach­sen. Im Jah­re 1951 erfolg­te sei­ne Über­sied­lung in die Bun­des­re­pu­blik Deutschland.“
  5. Kir­chen­rat Wil­helm Bau­er, Eisen­ach, gestor­ben 1969 in Bay­ern „In dem von ihm 1935 her­aus­ge­ge­be­nen Buch „Fei­er­stun­den Deut­scher Chris­ten“ kamen neben Bibel­zi­ta­ten auch Autoren wie Adolf Hit­ler zu Wort. Zugleich betä­tig­te er sich als Schrift­lei­ter der Zeit­schrift „Deut­sche Fröm­mig­keit“, in der die Posi­tio­nen der Deut­schen Chris­ten ver­tre­ten wur­den. In einer ihrer Aus­ga­ben bekun­de­te er: „Wir sind Natio­nal­so­zia­lis­ten. Der Natio­nal­so­zia­lis­mus bedeu­tet uns die Wie­der­auf­rich­tung einer wahr­haf­ten Volks­ord­nung auf dem Grun­de der ewi­gen Geset­ze unse­res Blu­tes und unse­rer Hei­mat­er­de.“ Im Jah­re 1939 erklär­te er sei­ne Mit­ar­beit am Insti­tut zur Erfor­schung und Besei­ti­gung des jüdi­schen Ein­flus­ses auf das deut­sche kirch­li­che Leben. Zu Beginn der 1940er Jah­re wur­de er stell­ver­tre­ten­der Stu­di­en­lei­ter des Thü­rin­ger Pre­di­ger­se­mi­nars. Nach der Befrei­ung vom Natio­nal­so­zia­lis­mus leb­te Bau­er in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, publi­zier­te dort wei­ter und starb in einem Ort des Frei­staats Bayern.“
  6. Lan­des­su­per­in­ten­dent Fried­rich Kent­mann, Güs­trow, gestor­ben 1953 in Ham­burg „Nach dem Ende von Natio­nal­so­zia­lis­mus und Zwei­tem Welt­krieg 1945 wur­de er sei­nes Amtes als Lan­des­su­per­in­ten­dent ent­ho­ben und vom pfarr­amt­li­chen Dienst sus­pen­diert. Sein Nach­fol­ger als Lan­des­su­per­in­ten­dent wur­de mit Wir­kung vom 1. Okto­ber 1945 der Güs­trower BK-Pas­tor Sibrand Sie­gert (1890–1954). 1950 erfolg­te die Ent­las­sung Kent­manns aus dem Dienst der meck­len­bur­gi­schen Landeskirche.“
  7. Super­in­ten­dent Ger­hard Span­gen­berg, Alten­wed­din­gen, gestor­ben 1975 in Dül­men, NRW „Bis zum Antritt der Pfarr­stel­le im west­fä­li­schen Dül­men, wo er bis zu sei­nem Tod leb­te, arbei­te­te er als Ver­wal­ter einer Obst­fir­ma und spä­ter als Kran­ken­haus­ver­wal­ter. Die Kir­chen­lei­tun­gen ver­lang­ten zur Wie­der­auf­nah­me in den Dienst zunächst die Wie­der­ho­lung des Ordi­na­ti­ons­ge­lüb­des, ein Kol­lo­qui­um und die zeit­wei­li­ge Tätig­keit als Hilfs­pre­di­ger, was er ablehn­te. Den­noch stimm­te 1955 die Kir­chen­lei­tung in Bie­le­feld sei­ner Wahl zum Pfar­rer der Gemein­de in Dül­men zu, wo er nach sei­nem Ruhe­stand auch als Mili­tär­pfar­rer wirkte.“

Im Osten geblieben

  1. Reichs­vi­kar Fritz Engel­ke, Schwe­rin, gestor­ben 1956 in Schwe­rin „Nach 1945 wirk­te er als Pas­tor der Evan­ge­lisch-Luthe­ri­schen Lan­des­kir­che Meck­len­burgs in Schwe­rin. Ab 1950 ver­trat er den im Gulag Worku­ta inhaf­tier­ten Aurel von Jüchen an der Kir­che St. Niko­lai (Schelf­kir­che) Schwerin.
  2. Ober­lan­des­kir­chen­rat Wil­ly Kretz­schmar, Dres­den, gestor­ben 1962 in Dres­den „Nach Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges 1945 erfolg­te zunächst sei­ne Ent­las­sung aus dem akti­ven Kir­chen­dienst. 1946 stell­te er den erfolg­rei­chen Antrag auf Reha­bi­li­tie­rung, in dem er sei­ne Mit­ar­beit im „Ent­ju­dungs­in­sti­tut“ in Eisen­ach extrem her­un­ter­spiel­te. In sei­nem Reha­bil­tie­rungs­an­trag an das säch­si­sche Lan­des­kir­chen­amt in Dres­den stell­te er sich selbst „als Ver­führ­ten der NSDAP“ dar. Spä­tes­tens seit 1939 habe er sich „zu akti­ven Geg­ner des NS-Regimes gewan­delt“ und sich anti­na­tio­na­lis­tisch und par­tei­schäd­lich ver­hal­ten sowie Grund­sät­ze der NSDAP bekämpft. 1959 ging Kretz­schmar als kirch­li­cher Finanz­ver­wal­ter der Lan­des­kir­che Sach­sens in den Ruhestand.“
  3. Ober­lan­des­kir­chen­rat Hein­rich Seck, Dres­den, gestor­ben 1947 in Stadt Weh­len „In die­ser Eigen­schaft und als Mit­glied der Deut­schen Chris­ten war er Mit­ar­bei­ter am Insti­tut zur Erfor­schung und Besei­ti­gung des jüdi­schen Ein­flus­ses auf das deut­sche kirch­li­che Leben und wur­de des­halb nach Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges 1945 aus dem akti­ven Kir­chen­dienst ent­las­sen. Er zog in die Säch­si­sche Schweiz, wo er im Alter von 51 Jah­ren in Stadt Weh­len starb.“
  4. Ober­kir­chen­rat Fried­rich Busch­töns, Ber­lin, gestor­ben 1962 in Ber­lin „1945 über­nahm er die Auf­sicht über die kirch­li­chen Ver­mö­gens­wer­te im Schloss Ilsen­burg und wenig spä­ter über das kirch­li­che Flücht­lings­la­ger in Stol­berg. 1946 wur­de Busch­töns in den Ruhe­stand ver­setzt. Er hat aber auch danach noch pfarr­amt­li­che Diens­te geleis­tet, so etwa in Klein­mach­now. 1955 gehör­te er zum Her­aus­ge­ber- und Redak­ti­ons­kreis der vom ZK der SED ange­reg­ten Zeit­schrift Glau­be und Gewis­sen: eine pro­tes­tan­ti­sche Monats­schrift.
  5. Kir­chen­rat Erhard Mau­ers­ber­ger, Eisen­ach, gestor­ben 1982 Leip­zig, Chor­lei­ter, Lei­ter Bach-Komi­tee, 1972 bei poli­ti­scher Säu­be­rung aus Chor­lei­tung entfernt. 

Unbekannt / irrelevant

  1. Lan­des­bi­schof Mar­tin Sas­se, Eisen­ach, gestor­ben 1942 an Schlaganfall
  2. Lan­des­bi­schof Erwin Bal­zer, Lübeck
  3. Lan­des­bi­schof Adal­bert Paul­sen, Kiel
  4. Bischof Wil­helm Sta­edel, Her­mann­stadt
  5. Bischof Hein­rich Josef Ober­heid, Bad Godesberg
  6. Prä­si­dent Chris­ti­an Kin­der, Kiel
  7. Prä­si­dent Fried­rich Wer­ner, Ber­lin-Char­lot­ten­burg
  8. Vize­prä­si­dent Hahn, Berlin-Charlottenburg
  9. Ober­kir­chen­rat Johan­nes Sie­vers, Lübeck
  10. Super­in­ten­dent Thie­me, Solingen
  11. Dekan Wal­ter Mulot, Wiesbaden
  12. Ober­kir­chen­rat Fröh­lich, Leipzig
  13. Ober­kon­sis­to­ri­al­rat Schön­rock, Schwerin
  14. Ober­kon­sis­to­ri­al­rat Schultz, Schwerin
  15. Ober­kon­sis­to­ri­al­rat Wie­ne­ke, Berlin
  16. Kir­chen­re­gie­rungs­rat Erwin Brau­er, Eisen­ach, gestor­ben 1946 Buchen­wald „Nach der Befrei­ung vom Natio­nal­so­zia­lis­mus ver­lor er sei­ne Ämter und wur­de von den sowje­ti­schen Mili­tär­be­hör­den im Spe­zi­al­la­ger Nr. 2 in Buchen­wald inter­niert, wo er am 19. Dezem­ber 1946 verstarb.“
  17. Kir­chen­rat Ger­hard Braun­schweig, Dresden
  18. Kon­sis­to­ri­al­rat Hans Pohl­mann, Schnei­de­mühl
  19. Gene­ral­su­per­in­ten­dent Hans Schött­ler, Buch­schlag
  20. Lan­des­su­per­in­ten­dent Hans Hein­rich Fölsch, Neustrelitz
  21. Lan­des­ju­gend­pfar­rer Gar­ten­schlä­ger, Potsdam
  22. Kir­chen­rat Volk­mar Franz, Eisenach
  23. Propst Johan­nes Grell (1875–1947), Lei­ter der Kir­chen­pro­vinz Grenz­mark Posen-West­preu­ßen, Schneidemühl
  24. Super­in­ten­dent Krü­ger, Sagan
  25. Super­in­ten­dent Hugo Pich, Eisen­ach

Zwi­schen­fa­zit: Von den Nazi-Chris­ten mit kirch­li­cher Funk­ti­on im Osten sind 7 in den Wes­ten gegan­gen und 5 im Osten geblie­ben. Das bedeu­tet ers­tens, dass die Mehr­heit in den Wes­ten gegan­gen ist und zwei­tens, dass es im Osten sie­ben Nazis weni­ger und im Wes­ten sie­ben Nazis mehr gab als vor der Befreiung.

Geistliche bzw. Pfarrer

Die Lis­te der Geist­li­chen ist lang. Nur weni­ge sind in Wiki­pe­dia ver­linkt. Ich lis­te hier nur die ver­link­ten auf.

In den Westen gegangen 

  1. Pfar­rer Her­men­au, Pots­dam, gestor­ben 1981 Wies­ba­den „Im Jah­re 1939 erklär­te er sei­ne Mit­ar­beit am Insti­tut zur Erfor­schung und Besei­ti­gung des jüdi­schen Ein­flus­ses auf das deut­sche kirch­li­che Leben. In zahl­rei­chen Publi­ka­tio­nen ver­trat er sei­ne Über­zeu­gung von der Rol­le der deut­schen Frau im Reich Adolf Hit­lers. […] 1972: Ver­dienst­kreuz 1. Klas­se der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land“ Zur Ent­na­zi­fi­zie­rung und zum Grund für das Bun­des­ver­dienst­kreuz steht nichts in Wikipedia. 
  2. Pfar­rer Hosen­thien, Mag­de­burg, gestor­ben 1972 in Braun­schweig „1949 folg­te Albert Hosen­thien sei­nem Sohn und zog nach Fort Bliss in El Paso (Texas), kehr­te jedoch, da er mit den dor­ti­gen Gege­ben­hei­ten nicht zurecht­kam, 1954 wie­der nach Deutsch­land zurück. Da die Regi­on Mag­de­burg jetzt in der DDR lag, sie­del­te er sich in Braun­schweig, im west­li­chen Teil Deutsch­lands an. Er arbei­te­te hier auch wie­der als Pfarrer.“
  3. Pfar­rer Hun­ger, Eisen­ach, gestor­ben 1995 Müns­ter, NRW „Nach 1945 ori­en­tier­te er sich auf das Gebiet der Sexu­al­erzie­hung, was ihm den Spitz­na­men „Sex-Hun­ger“ ein­trug. Bis Ende der 1960er Jah­re publi­zier­te er sei­ne christ­lich-kon­ser­va­ti­ve Sexu­al­mo­ral im Güters­lo­her Ver­lags­haus. Er wur­de auch Redak­ti­ons­lei­ter der Zeit­schrift Der evan­ge­li­sche Reli­gi­ons­leh­rer an der Berufs­schu­le, die vom Schrif­ten­mis­si­ons­ver­lag Glad­beck her­aus­ge­ge­ben wurde.“ 
  4. Pfar­rer Kers­ten-Thie­le, Köthen, gestor­ben 1988 Göt­tin­gen, Nie­der­sach­sen „Nach 1945 wirk­te Kers­ten-Thie­le im Vor­stand der Deut­schen Ost­asi­en-Mis­si­on und publi­zier­te in deren Sin­ne meh­re­re Bücher. 1948 war er Pfar­rer in Göt­tin­gen-Gro­ne und 1954 in Düs­sel­dorf. Von 1960 bis 1964 war er Reli­gi­ons­leh­rer am Rethel-Gym­na­si­um (bzw. Jaco­bi-Gym­na­si­um) Düs­sel­dorf und zwi­schen 1968 und 1973 war er als Pas­tor in Sereetz tätig. Anschlie­ßend ging er in die Rhei­ni­sche Lan­des­kir­che zurück.“ 
  5. Pfar­rer Kuhl, Ber­lin, gestor­ben 1959 Kas­sel „Spä­te­re Wohn­sit­ze waren Nord­kir­chen, wo er von 1949 bis 1956 Pfar­rer war. Hier grün­de­te er einen Kirch­bau­ver­ein, um in Nord­kir­chen ein Gemein­de­zen­trum schaf­fen zu kön­nen. Im Jahr 1956 wur­de ihm von der evan­ge­lisch-theo­lo­gi­schen Fakul­tät der Uni­ver­si­tät Bonn die Ehren­dok­tor­wür­de ver­lie­hen. Nach­dem Kuhl 1957 in den Ruhe­stand gegan­gen war, leb­te er bis zu sei­nem Tod 1959 in Kas­sel und hin­ter­ließ eine Frau und zwei Kin­der. In sei­nen letz­ten Lebens­jah­ren hat­te er einen Lehr­auf­trag an der Georg-August-Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen. Gemein­sam mit Bo Rei­cke arbei­te­te er ab 1958 am Biblisch-his­to­ri­schen Hand­wör­ter­buch für den Ver­lag Van­den­hoeck & Ruprecht. Kuhl war von 1921 bis zu sei­nem Tod Mit­glied der Deut­schen Mor­gen­län­di­schen Gesellschaft.“
  6. Pfar­rer Schmidt-Claus­ing, Pots­dam-Babels­berg, gestor­ben 1984 in West-Ber­lin „Nach dem Zwei­ten Welt­krieg lei­te­te Schmidt-Claus­ing den Wie­der­auf­bau der Gemein­de von 1947 bis 1962 als Pfar­rer an der Ber­li­ner Kai­ser-Fried­rich-Gedächt­nis­kir­che. In der Kir­chen­rui­ne wur­de die ein­zi­ge ver­blie­be­ne Glo­cke wie­der gang­bar gemacht und bis in die 1950er Jah­re zum Begrü­ßungs­läu­ten für die Ber­li­ner Russ­land­heim­keh­rer benutzt. Im begin­nen­den Kal­ten Krieg setz­te Schmidt-Claus­ing damit ein poli­ti­sches Zei­chen und mach­te sei­ne Gemein­de bekannt – bis hin zur US-ame­ri­ka­ni­schen Wochen­schau, die das The­ma dank­bar auf­nahm. Fritz Schmidt-Claus­ing starb in einem West-Ber­li­ner Pfle­ge­heim und wur­de auf dem Fried­hof Wil­mers­dorf beigesetzt.“

Hans-Joa­chim Thi­lo hat sich neu­ori­en­tiert, so dass ich ihn hier extra auf­zäh­le. Prin­zi­pi­ell ist das bei den sechs oben genann­ten Per­so­nen natür­lich auch denk­bar, es steht aber ncihts dazu­in Wikipedia.

  1. Pas­tor Thi­lo, Pir­na, gestor­ben 2003 in Lübeck „Thi­los Erfah­run­gen im Kriegs­dienst, sei­ne Ver­wun­dung bei Kiew und sei­ne Kriegs­ge­fan­gen­schaft, zunächst in Kana­da, dann in Eng­land, führ­ten ihn zu einem Umden­ken und Neu­an­fang. Im Dezem­ber 1947 kehr­te er nach Deutsch­land zurück und erhielt eine Pfarr­stel­le der Kir­chen­ge­mein­de am Liet­zen­see in Ber­lin-Witz­le­ben. Gleich­zei­tig bau­te er hier die kirch­li­che Bera­tungs­ar­beit auf. Von 1956 bis 1961 wirk­te er an der Deut­schen Evan­ge­lisch-Luthe­ri­schen Kir­che in Genf. Anschlie­ßend war er Refe­rent an der Evan­ge­li­schen Aka­de­mie Bad Boll, bis er 1966 zum Pas­tor der Mari­en­kir­che in Lübeck beru­fen wur­de, wo er bis zu sei­ner Pen­sio­nie­rung wirk­te. 1973 habi­li­tier­te er sich an der Uni­ver­si­tät Ham­burg für das Fach Prak­ti­sche Theo­lo­gie. Er blieb Gemein­de­pas­tor, hielt jedoch regel­mä­ßig Lehr­ver­an­stal­tun­gen in Ham­burg. 1979 wur­de ihm der Titel Pro­fes­sor verliehen.“

Im Osten geblieben

  1. Ober­pfar­rer Ungern von Stern­berg, Ron­ne­burg, gestor­ben 1949 in Gera „Noch im Janu­ar 1945 gehör­te er zu den Thü­rin­ger Pröps­ten, die den DC-Kir­chen­prä­si­den­ten Hugo Rönck dazu dräng­ten, den Bischofs­ti­tel anzu­neh­men.[2] Auf­grund des Geset­zes zur Über­prü­fung der Pfar­rer­schaft und der Ver­wal­tung der Thü­rin­ger evan­ge­li­schen Kir­che (Rei­ni­gungs­ge­setz) vom 12. Dezem­ber 1945 wur­de Ungern-Stern­berg aus dem Pfarr­dienst ent­las­sen und die Dienst­be­zeich­nung „Super­in­ten­dent im War­te­stand“ wur­de ihm aberkannt. Er wur­de aber zunächst kom­mis­sa­risch als Pfar­rer in Ron­ne­burg wei­ter­be­schäf­tigt, ab dem 1. Dezem­ber 1947 wur­de er dann wie­der offi­zi­ell als Pfar­rer in Nie­der­pöll­nitz eingesetzt.“
  2. Pfar­rer Busch, Dres­den, gestor­ben 1952, Pir­na, Sachsen 
  3. Pfar­rer Del­ling, Leip­zig, gestor­ben 1986 in Hal­le „Im Jah­re 1945 geriet Del­ling in Däne­mark in Kriegs­ge­fan­gen­schaft und wirk­te bis 1947 als Seel­sor­ger im Inter­nie­rungs­la­ger Aar­hus. Nach sei­ner Ent­las­sung ging er nach Pom­mern und erhielt 1947 einen Lehr­auf­trag an der Ernst-Moritz-Arndt-Uni­ver­si­tät Greifs­wald. 1948 habi­li­tier­te er sich hier mit der Schrift Got­tes­dienst im Neu­en Tes­ta­ment (gedruckt 1952) für das Fach Neu­es Tes­ta­ment. Im Jah­re 1950 wur­de Del­ling als Pro­fes­sor mit Lehr­auf­trag an die Mar­tin-Luther-Uni­ver­si­tät Hal­le-Wit­ten­berg beru­fen, 1952 bekam er den vol­len Lehr­auf­trag, die Beför­de­rung zum Pro­fes­sor mit Lehr­stuhl für spät­an­ti­ke Reli­gi­ons­ge­schich­te erfolg­te 1953. 1955 erhielt er durch Kurt Aland, dem Lei­ter der Kom­mis­si­on für spät­an­ti­ke Reli­gi­ons­ge­schich­te der Deut­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten zu Ber­lin, eine Stel­le zur Reor­ga­ni­sa­ti­on des Cor­pus Hel­le­ni­sti­cum. 1955/56 über­nahm Del­ling eine Gast­pro­fes­sur an der Uni­ver­si­tät Leip­zig, eine Beru­fung kam jedoch eben­so wenig zustan­de wie die von Tei­len der Theo­lo­gi­schen Fakul­tät der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät in den 1960er Jah­ren gewünsch­te Ver­set­zung nach Ber­lin. An der Uni­ver­si­tät Hal­le bau­te Del­ling das Insti­tut für spät­an­ti­ke Reli­gi­ons­ge­schich­te auf, dem er seit 1963 als Direk­tor vor­stand. Nach der IV. Hoch­schul­re­form wur­de Del­ling 1969 zum ordent­li­chen Pro­fes­sor ernannt und 1970 eme­ri­tiert. Del­ling forsch­te vor allem zur Über­lie­fe­rungs­ge­schich­te des Neu­en Tes­ta­ments und zum anti­ken Juden­tum (Das Zeit­ver­ständ­nis des Neu­en Tes­ta­ments, 1940; Jüdi­sche Leh­re und Fröm­mig­keit in den para­li­po­me­na Jere­miae, 1967; gesam­mel­te Auf­sät­ze: Stu­di­en zum Neu­en Tes­ta­ment und zum hel­le­nis­ti­schen Juden­tum, 1950–1968, 1970; Stu­di­en zum Früh­ju­den­tum, 1971–1987, 2000). Außer­dem gab er Biblio­gra­phien zur jüdisch-hel­le­nis­ti­schen For­schung her­aus und arbei­te­te am Cor­pus Hel­le­ni­sti­cum Novi Tes­ta­men­ti mit. Die Uni­ver­si­tät Greifs­wald ver­lieh ihm 1964 die Ehren­dok­tor­wür­de. Del­ling ver­starb am 18. Juni 1986, im Alter von 81 Jah­ren, in Halle.“
  4. Pfar­rer Ohl­and, Unkero­da (Thü­rin­gen), gestor­ben 1953 in Frie­dels­hau­sen, Thü­rin­gen „Im Jah­re 1946 ver­lor Ohl­and sein Amt, durf­te aber seit 1948 in Beh­run­gen als Pfarr­vi­kar wie­der amtie­ren, seit 1952 als Pfar­rer in Friedelshausen.“

Irrelevant

  1. Pfar­rer Dungs, Essen
  2. Pfar­rer Jäger, Frei­burg
  3. Pfar­rer Peters­mann, Bres­lau
  4. Pfar­rer Rie­ge, Lübeck
  5. Pfar­rer Joseph Roth, Diers­heim, gestor­ben 1941 Tirol
  6. Pas­tor Dungs, Wei­mar, gestor­ben 1947 durch Hin­rich­tung oder 1949 in Haft

Zwi­schen­fa­zit: Von den Nazi-Pfar­rern im Osten sind 7 in den Wes­ten gegan­gen und 4 im Osten geblie­ben. Zählt man Hans-Joa­chim Thi­lo zu den irrele­van­ten Fäl­len, weil es bei ihm ein Umden­ken und Neu­an­fang gab, blei­ben 6 in den Wes­ten gegan­ge­ne, die zu den Nazis, die ohne­hin aus dem Wes­ten waren, dazu­ge­kom­men sind und den Osten ver­las­sen haben.

Hochschullehrer bzw. Akademiker

In den Westen gegangen

  1. Johan­nes Hem­pel, Ber­lin, gestor­ben 1964 in Göt­tin­gen „Er über­nahm die Her­aus­ge­ber­schaft der Zeit­schrift für die alt­tes­ta­ment­li­che Wis­sen­schaft. Im Jah­re 1937 wur­de er nach Ber­lin beru­fen und lei­te­te das Insti­tu­tum Judai­cum zur Erfor­schung des Juden­tums „vom Boden der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Welt­an­schau­ung aus“. Im Jah­re 1939 erklär­te Hem­pel sei­ne Mit­ar­beit am Insti­tut zur Erfor­schung und Besei­ti­gung des jüdi­schen Ein­flus­ses auf das deut­sche kirch­li­che Leben als Lei­ter der Arbeits­grup­pe Altes Tes­ta­ment. Auf der Arbeits­ta­gung im März 1941 refe­rier­te er über Die Auf­ga­be von Theo­lo­gie und Kir­che von der Front her gese­hen. Wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges fun­gier­te er als Mili­tär­pfar­rer. Das Kriegs­en­de erleb­te er 1945 in einem Laza­rett an der Nord­see. Im Jah­re 1947 wur­de Hem­pel Pfarr­ver­we­ser in Salz­git­ter-Lebens­tedt, einem Ort im Gebiet der Braun­schwei­gi­schen Lan­des­kir­che. Im Jah­re 1955 wur­de er Hono­rar­pro­fes­sor in Göt­tin­gen und betrieb ab 1958 als Eme­ri­tus sei­ne wis­sen­schaft­li­che Arbeit wei­ter, beson­ders für die von ihm betreu­te Zeitschrift.“
  2. Wolf Mey­er-Erlach, Jena, gestor­ben 1982 in Idstein, Hes­sen „Im Jah­re 1945 ging er aller Ämter ver­lus­tig, auch eine Wie­der­ein­stel­lung in der baye­ri­schen Lan­des­kir­che blieb ihm ver­sagt. 1950 flüch­te­te Mey­er-Erlach aus der DDR. Von 1951 bis 1963 wur­de er Pfarr­ver­wal­ter in Wall­ra­ben­stein und Wörs­dorf bei Idstein im Tau­nus (Evan­ge­li­sche Kir­che in Hes­sen und Nas­sau). Von ihm wur­den his­to­ri­sche Sujets wie das Stück „Anno 1634“ aufgeführt.“
  3. Max Adolf Wagen­füh­rer, Jena, gestor­ben 2010 irgend­wo im Wes­ten „Nach dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs kam er an die Luther­kir­che nach Köln-Nip­pes und wur­de zunächst in den Pfarr­dienst der Rhei­ni­schen Kir­che über­nom­men. 1949 wur­de er wegen sei­ner feh­len­den Ordi­na­ti­on vor­über­ge­hend sus­pen­diert und wech­sel­te in den Schul­dienst. 1953 kam er zurück in den Pfarr­dienst, wur­de ordi­niert und erhielt eine Beru­fung an die neu­erbau­te Erlö­ser­kir­che in Wei­den­pesch. Von 1970 bis 1982 war er Pfar­rer in Prien am Chiemsee.“

Im Osten geblieben

  1. Richard Barth, Jena, gestor­ben nach 1946 „Nach der Befrei­ung vom Natio­nal­so­zia­lis­mus ver­lor er sein Amt. Ab 1946 arbei­te­te er als Grund­schul­leh­rer in Jena.“
  2. Paul Fie­big, Leip­zig, gestor­ben 1949 in Kal­be Sach­sen Anhalt 
  3. Rein­hard Lie­be, Frei­berg (Sach­sen), gestor­ben 1956 in Frei­berg. Der Wiki­pe­dia-Ein­trag lässt zu wün­schen übrig.
  4. Heinz Erich Eisen­huth, Jena, gestor­ben 1983 Pferdsdorf/Werra, Thü­rin­gen „Nach­dem er 1945 aus dem Uni­ver­si­täts­dienst ent­las­sen wor­den war, wur­de er 1946 zunächst kom­mis­sa­risch, spä­ter im Haupt­amt Pfar­rer in Jena-Zwät­zen. 1952 wur­de er Super­in­ten­dent in Eisen­ach. Anders als in der For­schungs­li­te­ra­tur bis­wei­len behaup­tet wird, über­nahm er jedoch nie die Lei­tung der Evan­ge­li­schen Aka­de­mie Thü­rin­gen. Er gehör­te aber zeit­wei­se der Syn­ode an und erhielt meh­re­re Lehr­auf­trä­ge am Theo­lo­gi­schen Semi­nar Leip­zig. Nach­dem er 1967 in den War­te­stand getre­ten war, ging er 1969 in den Ruhestand.“
  5. Wil­helm Knevels, Ros­tock, gestor­ben 1978 in West-Ber­lin „Im Jah­re 1950 erhielt er einen Lehr­auf­trag an der Mar­tin-Luther-Uni­ver­si­tät Hal­le-Wit­ten­berg. Nach sei­ner Eme­ri­tie­rung leb­te er in West-Ber­lin und wirk­te dort wei­ter an der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin. Er ist auf dem Wald­fried­hof Dah­lem bestat­tet. Auf dem Grab­stein steht unter den Lebens­da­ten: „Theo­lo­ge des drit­ten Weges / = Selbst­be­sin­nung des Glau­bens / zwi­schen Fun­da­men­ta­lis­mus / und Exis­ten­zi­al­theo­lo­gie / Unser Glau­be ist der Sieg / der die Welt über­win­det“.“ Knevels ist 1897 geboh­ren, die Eme­ri­tie­rung muss also gegen 1962 gewe­sen sein. Ich lis­te ihn hier unter Im Osten geblie­ben, weil er sein gesam­tes Berufs­le­ben im Osten ver­bracht hat.
  6. Wil­helm Koepp, Greifs­wald, gestor­ben 1965 Klein­mach­now „1952 erhielt er den Lehr­stuhl an der Uni­ver­si­tät Ros­tock. 1954 eme­ri­tiert, lehr­te er noch bis zu sei­nem Tode an der Uni­ver­si­tät Ros­tock weiter.“
  7. Johan­nes Lei­poldt, Leip­zig, gestor­ben 1965 in Leip­zig „Nach 1945 war er Dom­herr des Hoch­stifts Mei­ßen und erhielt eine Pro­fes­sur mit Lehr­stuhl für Neu­tes­ta­ment­li­che Wis­sen­schaft in Leip­zig. Er wur­de als ordent­li­ches Mit­glied in die Säch­si­sche Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten auf­ge­nom­men und 1954 mit dem Vater­län­di­schen Ver­dienst­or­den in Sil­ber und 1960 in Gold aus­ge­zeich­net. […] Lei­poldt war von 1953 bis 1963 als Ver­tre­ter der CDU Abge­ord­ne­ter der Volkskammer.“
  8. Her­bert von Hint­zen­s­tern, Eisen­ach, gestor­ben 1996 in Wei­mar „Seit August 1945 war er in Lauscha, ab 1948 als Pfar­rer. Dort trat er der DDR-CDU bei, sein Par­tei­aus­tritt erfolg­te zum 1. Mai 1947. Im Jah­re 1952 wur­de er zum Lan­des­ju­gend­pfar­rer der Evan­ge­lisch-Luthe­ri­schen Kir­che in Thü­rin­gen beru­fen. Seit 1956 lei­te­te er die Evan­ge­li­sche Aka­de­mie Thü­rin­gen und die Pres­se­stel­le der Kir­che. Gleich­zei­tig wur­de er zum Chef­re­dak­teur der Kir­chen­zei­tung Glau­be und Hei­mat beru­fen. 1962 wur­de er zum Kir­chen­rat ernannt. Von 1968 bis 1986 war er neben­amt­li­cher Lei­ter des Pfarr­haus­ar­chivs im Luther­hau­ses in Eisen­ach. 1981 ging er in den Ruhestand.“
  9. Rudolf Mey­er, Leip­zig, gestor­ben 1991 in Jena, Thü­rin­gen „Im Jah­re 1947 wur­de er außer­plan­mä­ßi­ger Pro­fes­sor und 1948 […] Ordi­na­ri­us für Altes Tes­ta­ment an der Fried­rich-Schil­ler-Uni­ver­si­tät Jena. Hier unter­rich­te­te er Gene­ra­tio­nen von Theo­lo­gie­stu­den­ten in Hebrä­isch, der Geschich­te des Vol­kes Isra­el und der Theo­lo­gie des Alten Tes­ta­ments. Zusam­men mit […] wur­de ihm 1952 von der Theo­lo­gi­schen Fakul­tät der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin die Ehren­dok­tor­wür­de ver­lie­hen. Mey­er war seit 1959 ordent­li­ches Mit­glied der Säch­si­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten und seit 1978 kor­re­spon­die­ren­des Mit­glied der Hei­del­ber­ger Aka­de­mie der Wissenschaften.“
  10. Sieg­fried Morenz, Leip­zig, gestor­ben 1970 Leip­zig „Morenz wur­de 1946 Dozent an der Uni­ver­si­tät Leip­zig und habi­li­tier­te sich im sel­ben Jahr bei Wil­helm Schub­art mit einer Schrift zu Ägyp­tens Bei­trag zur wer­den­den Kir­che. Ab 1948 lei­te­te Morenz, zunächst kom­mis­sa­risch, das Ägyp­to­lo­gi­sche Insti­tut der Uni­ver­si­tät Leip­zig. Im Febru­ar 1952 wur­de er Pro­fes­sor mit Lehr­auf­trag, im Sep­tem­ber des Jah­res mit vol­lem Lehr­auf­trag und zwi­schen 1954 und 1961 schließ­lich als Lehr­stuhl­in­ha­ber für Ägyp­to­lo­gie und hel­le­nis­ti­sche Reli­gi­ons­ge­schich­te. Zwi­schen 1952 und 1958 nahm Morenz zudem neben­amt­lich die Lei­tung der Ägyp­ti­schen Abtei­lung der Staat­li­chen Muse­en zu Ber­lin in Ost-Ber­lin wahr. Zwi­schen 1961 und 1966 lehr­te Morenz als Lehr­stuhl­in­ha­ber an der Uni­ver­si­tät Basel, lei­te­te jedoch im Neben­amt wei­ter­hin das Leip­zi­ger Ägyp­to­lo­gi­sche Insti­tut. Danach kehr­te er nach Leip­zig zurück, wo er bis zu sei­nem Tod 1970 wie­der den Lehr­stuhl für Ägyp­to­lo­gie innehatte.“
  11. Kon­rad Weiß, Ber­lin, gestor­ben 1979 in Ros­tock „1946 wur­de Weiß außer­or­dent­li­cher Pro­fes­sor für neu­tes­ta­ment­li­che Theo­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Ros­tock, 1948 wur­de er dort auf eine ordent­li­che Pro­fes­sur beru­fen und 1972 eme­ri­tiert. Die Uni­ver­si­tät Kiel zeich­ne­te Weiß 1961 mit der Ehren­dok­tor­wür­de aus.“

Unbekannt / irrelevant

Die Aus­wer­tung der Lebens­da­ten der Hoch­schul­leh­rer ist ver­blüf­fend. Nur drei sind in den Wes­ten gegan­gen. 11 sind im Osten geblie­ben. Man müss­te die Ein­zel­fäl­le näher anse­hen und erfor­schen, wie inten­siv ihre Mit­ar­beit im Insti­tut zur Erfor­schung und Besei­ti­gung des jüdi­schen Ein­flus­ses auf das deut­sche kirch­li­che Leben war und was davon zu Leb­zei­ten bekannt war. Teil­wei­se hat­ten die Wis­sen­schaft­ler Ehren­dok­tor­tit­le von Uni­ver­si­tä­ten in Ost und West.

Weitere Nazis aus dem Umfeld der Deutschen Christen / dem Institut

In den Westen gegangen

  1. Hugo Rönck deut­scher evan­ge­li­scher Pfar­rer und Bischof, gestor­ben 1990, bis 1976 Pas­tor in Eutin, Schles­wig-Hol­stein. „Im Jah­re 1945 nahm er „kurz vor dem Ein­marsch der amerikan[ischen] Trup­pen“ den Titel Lan­des­bi­schof an. Im April 1945 wur­de er von den Ver­tre­tern der inner­kirch­li­chen Oppo­si­ti­on um Moritz Mit­zen­heim, Erich Hertzsch und Ger­hard Kühn zum Amts­ver­zicht gedrängt und weni­ge Tage spä­ter von US-ame­ri­ka­ni­schen Trup­pen ver­haf­tet. Im August 1945 ent­ließ ihn die Thü­rin­ger Kir­che aus dem kirch­li­chen Dienst. Spä­ter war er von 1947 bis 1976 Pas­tor in Eutin.“

Im Osten geblieben

  1. Johan­nes Klot­sche gestor­ben 1963, Stadt Weh­len, Pir­na, Sach­sen, „Der „fana­ti­sche Anti­se­mit“ Klot­sche unter­zeich­ne­te im April 1939 gemein­sam mit zehn ande­ren Lan­des­kir­chen­lei­tern die Bekannt­ma­chung über Gemein­schafts­ar­beit von Lan­des­kir­chen­lei­tern, deren ers­te Maß­nah­me in der Grün­dung des Insti­tuts zur Erfor­schung und Besei­ti­gung des jüdi­schen Ein­flus­ses auf das deut­sche kirch­li­che Leben bestand. Im Dezem­ber 1941 wur­den Chris­ten jüdi­scher Her­kunft aus der Lan­des­kir­che aus­ge­schlos­sen, womit das Sakra­ment der Tau­fe in Sach­sen par­ti­ell außer Kraft gesetzt war. Bis 1942 gehör­te er dem Ver­wal­tungs­rat des sog. Ent­ju­dungs­in­sti­tuts an. Nach Kriegs­en­de absol­vier­te er 1951/52 eine Aus­bil­dung zum volks­mis­sio­na­ri­schen Dienst an der Pre­di­ger­schu­le Pau­li­num in Ost-Berlin.“
  2. Wal­ter Grund­mann gestor­ben 1976 in Eisen­ach „1930 wur­de er Mit­glied der NSDAP und 1933 akti­ves Mit­glied der Deut­schen Chris­ten, deren im gan­zen Deut­schen Reich gül­ti­ge Richt­li­ni­en er ver­fass­te. 1939 wur­de er zum aka­de­mi­schen Direk­tor des neu gegrün­de­ten Insti­tuts zur Erfor­schung und Besei­ti­gung des jüdi­schen Ein­flus­ses auf das deut­sche kirch­li­che Leben in Eisen­ach ernannt, das im Dienst des staat­li­chen Anti­se­mi­tis­mus die „Ent­ju­dung“ der Bibel und der theo­lo­gi­schen Aus­bil­dung betrieb. Unge­ach­tet sei­ner NS-Ver­gan­gen­heit erlang­te Grund­mann in der DDR als Theo­lo­ge erheb­li­ches Anse­hen: 1954 erteil­ten ihm das Kate­che­ti­sche Ober­se­mi­nar Naum­burg (Saa­le) und das Theo­lo­gi­sche Semi­nar Leip­zig Lehr­auf­trä­ge und er wur­de Rek­tor des Eisen­acher Kate­che­ten­se­mi­nars; sei­ne ab 1959 erschie­ne­nen Evan­ge­li­en­kom­men­ta­re waren Stan­dard­li­te­ra­tur und wer­den bis heu­te (2022) zitiert. Er arbei­te­te für das Minis­te­ri­um für Staats­si­cher­heit, unter dem Deck­na­men GI Berg. […] In der DDR galt Grund­mann bis zu sei­ner Eme­ri­tie­rung 1975 trotz sei­ner NS-Ver­gan­gen­heit als ange­se­he­ner theo­lo­gi­scher Leh­rer. 1974 ver­lieh die Kir­chen­lei­tung ihm noch­mals den Titel eines „Kir­chen­rats“, um sei­ne Arbeit anzu­er­ken­nen und um sei­ne Pen­si­on zu erhö­hen.“ Sei­ne Wiki­pe­dia-Sei­te ent­hält eine aus­führ­li­che­re Schil­de­rung der Stasi-Tätigkeit.

Irrelevant

  1. Fried­rich Coch gestor­ben Sep­tem­ber 1945 in ame­ri­ka­ni­scher Gefan­gen­schaft „Füh­rer der Glau­bens­ge­mein­schaft Deut­sche Chris­ten in Sach­sen und Her­aus­ge­ber der Monats­zeit­schrift Chris­ten­kreuz und Haken­kreuz.“

Schlussfolgerung

7 + 6 + 3 der Per­so­nen, die in der NSDAP waren und sich öffent­lich zum Anti­se­mi­tis­mus bekannt hat­ten, sind vom Osten in den Wes­ten gegan­gen. Dazu noch min­des­tens ein lei­ten­des Mit­glied der Deut­schen Chris­ten. Damit hat sich die Anzahl der Anti­se­mi­ten und Nazis im Osten ver­rin­gert und im Wes­ten erhöht. Von eini­gen die­ser Per­so­nen ist klar, dass sie wirk­lich har­te Nazis und Ras­sis­ten waren. Ande­re waren even­tu­ell weni­ger invol­viert, eini­ge haben sich viel­leicht gewan­delt. Das geht aus Wiki­pe­dia nicht hervor.

Quellen

Gess­ler, Phil­ipp. 2015. Prä­senz von alten Nazis in der DDR kaum dis­ku­tiert. deutsch­land­funk kul­tur. (https://www.deutschlandfunkkultur.de/geschichte-praesenz-von-alten-nazis-in-der-ddr-kaum-100.html)

Combat 18 und Thüringen

Der Chef von Com­bat 18 lebt in Thü­rin­gen. Net­ter­wei­se schreibt die taz jetzt aber auch schon manch­mal selbst dazu, wo die Nazis eigent­lich herkommen:

Die vier Män­ner, dar­un­ter der Anfüh­rer Stan­ley Rös­ke, sol­len Com­bat 18 gemein­sam mit ande­ren Mit­glie­dern bis min­des­tens 2022 wei­ter­be­trie­ben haben. […] Rös­ke ist ein lang­jäh­ri­ger Neo­na­zi aus Kas­sel, der nach Thü­rin­gen über­ge­sie­delt war und sich auch mit Ste­phan Ernst umge­ben hat­te, dem Mör­der des Kas­se­ler Regie­rungs­prä­si­den­ten Wal­ter Lübcke.

Sabi­ne am Orde: Ankla­ge gegen vier Neo­na­zis, taz, 05.04.2024, S. 6. 

Der ande­re Chef kommt nach Spie­gel aus Dort­mund bzw. nach taz aus Cas­trop-Rau­xel in Nordrhein-Westfalen.

Im taz-Arti­kel wird auch Knock­out 51 erwähnt. Das ist eine Nazi­or­ga­ni­sa­ti­on von Men­schen aus Eisen­ach und Erfurt. Sie wur­de laut MDR vom Neo­na­zi Patrick Wiesch­ke (NPD, jetzt Die Hei­mat) aufgebaut. 

Was die bür­ger­li­che Fas­sa­de als Buch­händ­ler und das bie­de­re Image der Par­tei für man­che Beob­ach­ter ver­deck­te: Wiesch­ke scharr­te schon zu die­sem Zeit­punkt immer mehr Jugend­li­che aus Eisen­ach und Erfurt um sich, die zwar rechts, aber noch nicht straff orga­ni­siert waren.

dst. 20.08.2023 MDR THü­rin­gen: Die Neo­na­zis, die nie­mand stopp­te: Pro­zess gegen Eisen­acher “Knock­out 51” startet

Wiesch­ke ist selbst aus Eisen­ach, aber wur­de erst 1981 gebo­ren. Zur Wen­de war er also 8 Jah­re alt. Den über­wie­gen­den und für die Her­aus­bil­dung poli­ti­scher Über­zeu­gun­gen wich­ti­ge­ren Teil sei­ner Jugend hat er also im Nach­wen­de-Deutsch­land verbracht.

Quellen

Die Neo­na­zis, die nie­mand stopp­te: Pro­zess gegen Eisen­acher „Knock­out 51“ star­tet. 2023. MDR Thü­rin­gen. (https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/west-thueringen/eisenach/neonazis-knockout-angeklagt-flieder-100.html)

Leipziger oder Franke?

Ha! Wie­der! Die taz schreibt über den Schelm-Ver­lag, der Mein Kampf und Holo­caust-Leug­nung ver­treibt (Die Lie­fe­ran­ten des Has­ses). Sie schrei­ben über den Ver­lags­lei­ter als Rechts­extre­mist und frü­he­ren Leipziger.

der lang­jäh­ri­ge Rechts­extre­mist und frü­he­re Leip­zi­ger Adri­an Preißdinger.

taz, 15.03.: Die Lie­fe­ran­ten des Hasses

Der Ver­lag war in Leip­zig, das wird im Arti­kel auch erwähnt, aber wie­so soll­te die Infor­ma­ti­on, dass der Ver­lags­lei­ter ein Leip­zi­ger war, rele­vant sein? Die wäre nur in der Ost-West-Dis­kus­si­on wich­tig. Und da ist sie falsch. Adri­an Preiß­in­ger wur­de 1964 in Kro­nach, einer ober­frän­ki­schen Stadt, geboren.