DDR vs. Iran, Folter und Röntgenstrahlung

In der Bahn saß ein Mann hin­ter mir und erklär­te einer Frau, die zufäl­lig neben ihm saß, die Welt. Er war ein Öko, hat­te schon diver­se Peti­tio­nen und Kla­gen gestar­tet, aber es dran­gen auch immer wie­der merk­wür­di­ge Din­ge an mein Ohr (Ich ver­such­te, ein Buch zu begut­ach­ten und das aus­zu­blen­den .…). Jeden­falls hat­te er die DDR mit dem Iran ver­gli­chen und von Fol­ter gespro­chen. Mein Wis­sens­stand war so, dass es zum Ende der DDR fast kei­ne phy­si­sche Fol­ter gab, dafür aber aus­ge­klü­gel­te psy­chi­sche Zer­set­zung. Bis in Fami­li­en hinein.

Das kann man hier nachlesen:

https://www.demokratie-statt-diktatur.de/stasi-und-die-menschenrechte/wuerde-des-menschen/

Es gab in Pots­dam eine Sta­si-Hoch­schu­le mit ent­spre­chen­den Abschlussarbeiten.

Ich habe ihm das gesagt und er mein­te: Ja, aber die Sta­si habe Rönt­gen­strah­lung eingesetzt!

Irgend­wann hat er dann auch sei­ner Sitz­nach­ba­rin erzählt, wie toll das doch mit dem Inter­net sei, da kön­ne man das alles nach­le­sen. Dum­mer­wei­se woll­te ich mein Buch wei­ter­le­sen. Ich hät­te gleich mal nach­gu­cken sol­len. Es gibt höchst inter­es­san­te his­to­ri­sche Unter­su­chun­gen aus den 90ern zu den Rönt­gen­ge­rä­ten und dem Ein­satz radio­ak­ti­ver Mate­ria­li­en durch die Sta­si (Eisen­feld et. al. 2002).

Kurz: Das mit den Rönt­gen­ge­rä­ten ist Quatsch. Zer­rüt­tung fin­det man auch in die­sem Bericht und es gibt noch ganz vie­le inter­es­san­te Sachen zu Spio­na­ge, Ein­satz von Strah­lung an der Gren­ze, Zusam­men­ar­beit mit wis­sen­schaft­li­chen Insti­tu­tio­nen usw.

Die Sta­si hat zum Bei­spiel West­geld radio­ak­tiv mar­kiert, weil sie raus­fin­den woll­te, wer die Schei­ne aus den Brie­fen klaut. Ich dach­te ja immer, dass Post und Sta­si prak­tisch eins waren und dass die eben ab und zu Sachen aus Brie­fen und Pake­ten genom­men haben.

Den Post­ler haben sie geschnappt, aber 12 Schei­ne blie­ben ver­schwun­den. Wahr­schein­lich hat­te die in Wirk­lich­keit der Chef und das konn­te ja nicht in den Akten doku­men­tiert werden. =:-)

Die radio­ak­ti­ve Mar­kie­rung von Geld­schei­nen und deren Ergeb­nis ist in einem
wei­te­ren Fall belegt.124 Er doku­men­tiert einen gera­de­zu kri­mi­nell fahr­läs­si­gen Umgang des MfS mit radio­ak­ti­ven Sub­stan­zen. Auf­ge­deckt und nach­ge­wie­sen wer­den soll­te der Dieb­stahl von West­geld aus Post­sen­dun­gen. Dazu prä­pa­rier­ten Mit­ar­bei­ter des OTS am 4. Mai 1988 20 5 DM-Schei­ne mit dem »Wolke«-Mittel 113 (jeweils belas­tet mit einer Akti­vi­tät von 60 uCI), steck­ten sie in Brief­ku­verts und schick­ten sie einen Tag spä­ter, wie es heißt, »ope­ra­tiv in den Post­ka­nal«. Tat­säch­lich konn­te ein Mit­ar­bei­ter der Post des Dieb­stahls überführt und festge­nommen wer­den. Es konn­ten bei ihm aber nur acht der zwan­zig prä­pa­rier­ten Geld­schei­ne sicher­ge­stellt ‑wer­den. Zwölf der kon­ta­mi­nier­ten 5 DM-Schei­ne blie­ben ver­schwun­den und gaben den betei­lig­ten MfS-Mit­ar­bei­tern Anlaß zu ei­nigem Kopf­zer­bre­chen. Ihren Berech­nun­gen zufol­ge ver­ur­sach­te das Tra­gen auch nur eines die­ser Schei­ne am Kör­per über einen Zeit­raum von drei Mona­ten eine Belas­tung von 200 rem, »was ins­be­son­de­re im Gona­den­be­reich spä­te­re Wirkun­gen bei Jugend­li­chen ver­ur­sa­chen könnte«.125 Die­se Dosis wür­de jedoch, so heißt es, inner­halb eines Jah­res infol­ge der Zer­falls­zeit auf 16 rem sin­ken und wäre da­ nach »aus unse­rer Sicht ungefährlich«.126 Ande­rer­seits muß­te ein­ge­räumt wer­ den, daß alles auch davon abhing, wie die betref­fen­den Per­so­nen mit den Schei­nen umgin­gen. Wür­de eine Per­son meh­re­re die­ser Schei­ne am Kör­per tra­gen, so bestün­de die Gefahr einer »ver­viel­fach­ten« Belas­tung und »von Spätschäden an begrenz­ten Körperteilen«.127 Wenn man in Rech­nung stellt, daß die radio­ak­tiv mar­kier­ten Geld­schei­ne mög­li­cher­wei­se auch in die Hände von Klein­kin­dern oder schwan­ge­ren Frau­en fal­len konn­ten, so muß die­sem Mar­kie­rungs­ver­fah­ren ein gemein­ge­fähr­li­cher Cha­rak­ter beschei­nigt wer­den. Ob die Bemü­hun­gen des MfS, die zwölf feh­len­den radio­ak­tiv prä­pa­rier­ten Geld­schei­ne wie­der aufzufin­den, Erfolg hat­ten, ist nicht doku­men­tiert – und das spricht eher für ein nega­ti­ves Ergebnis.

Eisen­feld et al. 2002, Pro­jekt­be­richt »Strah­len« Ein­satz von Rönt­gen­strah­len und radio­ak­ti­ven Stof­fen durch das MfS gegen Oppo­si­tio­nel­le – Fik­ti­on oder Realität

Und obwohl offi­zi­ell die radio­ak­ti­ven Wol­ken einen Umweg um die DDR gemacht hat­ten, hat die Sta­si für ihre Track­ing-Aktio­nen einen #Tscher­no­byl-Auf­schlag berech­net und die Strah­lungs­do­sis erhöht:

Die Dosis von jeweils 450 uCi (gesamt 1,9 mCi) war so stark, daß auch »von außen […] in der Woh­nung gear­bei­tet« wer­den konnte.130 Außer­dem wur­de, wie es heißt, »der infol­ge der KKW-Hava­rie [gemeint ist offen­sicht­lich Tscher­no­byl] erhöh­te Strah­lungs­un­ter­grund […] rech­ne­risch berücksichtigt.«131 Am sel­ben Tag wur­den der Ent­wick­lungs­in­ge­nieur und sei­ne Frau in der Woh­nung und der West­ber­li­ner eine Stun­de spä­ter an der Grenz­über­gangs­stel­le über­ führt und fest­ge­nom­men. Der Ein­satz der bereit­ge­stell­ten »Wol­ke-Mit­tel« lag in der Regie der Abtei­lung 26. Der Erfolg brach­te Haupt­mann Thie­le­mann, der als Mit­ar­bei­ter des OTS die prak­ti­sche Mar­kie­rung durch­führ­te, noch am sel­ben Tag einen Prä­mi­en­vor­schlag in Höhe von 400 Mark ein.

Eisen­feld et al. 2002, Pro­jekt­be­richt »Strah­len« Ein­satz von Rönt­gen­strah­len und radio­ak­ti­ven Stof­fen durch das MfS gegen Oppo­si­tio­nel­le – Fik­ti­on oder Realität

Die haben auch den Boden von Oppo­si­ti­ons­treff­punk­ten prä­pa­riert, so dass die Leu­te das Zeug dann an den Schu­hen hatten.

Oder Manu­skrip­te von Oppo­si­tio­nel­len radio­ak­tiv mar­kiert und dann geguckt, bei wem das im Wes­ten bzw. im Ost­block ange­kom­men ist.

Schon irre alles. Aber die Unter­su­chun­gen haben eben erge­ben, dass Rönt­gen­strah­lung nicht gezielt zur Schä­di­gung von Per­so­nen ein­ge­setzt wurde.

Quellen

Eisen­feld, Bernd & Auer­bach, Tho­mas & Weber, Gud­run & Pflug­beil, Sebas­ti­an. 2002. Pro­jekt­be­richt »Strah­len« Ein­satz von Rönt­gen­strah­len und radio­ak­ti­ven Stof­fen durch das MfS gegen Oppo­si­tio­nel­le – Fik­ti­on oder Rea­li­tät. Ber­lin: Bun­des­ar­chi­v/Sta­si-Unter­la­gen-Archiv. (http://www.nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0292–97839421308513)

Das Recht auf Wür­de des Men­schen. 2023. Demo­kra­tie statt Dik­ta­tur. (https://www.demokratie-statt-diktatur.de/stasi-und-die-menschenrechte/wuerde-des-menschen/)

Das Theater mit dem Gendern

Prof. (em) Dr. Hei­de Wege­ner schreibt Arti­kel über das Gen­dern in der WeLT und schickt sie dann an Kolleg*innen. Ich habe auf die­sem Blog schon öfter über das Gen­dern geschrie­ben. Obwohl ich der Mei­nung bin, dass Fra­gen der Gleich­be­rech­ti­gung letzt­end­lich Fra­gen der öko­no­mi­schen Abhän­gig­keit sind, gen­de­re ich inzwi­schen auch (Gen­dern, arbei­ten und der Osten). Da Hei­de Wege­ner in ihren Arti­keln auch immer wie­der Ost-The­men anspricht (z.B. den Gen­der Pay-Gap in Ost und West), kann ich nicht anders als die Arti­kel hier zu kommentieren.

Vor­weg: Der Bei­trag War­um Maria Stuart nicht mehr „König“ sein darf ent­hält zu einem gro­ßen Teil Argu­men­te, die in Ihrem ers­ten Bei­trag Wo gegen­dert wird, ist die Lohn­lü­cke grö­ßer bereits ent­hal­ten waren. Und das trotz mei­ner Dis­kus­si­on mit ihr (Post 1, Post 2). Hei­de Wege­ner muss sich also eine gewis­se Fak­ten­re­sis­tenz vor­wer­fen lassen.

Im jüngs­ten Auf­satz dis­ku­tiert Hei­de Wege­ner das Gen­dern an Thea­tern. Hier­zu eini­ge Anmerkungen:

noch dazu mit For­men, die nach gel­ten­der Recht­schrei­bung falsch sind,

Die gegen­der­ten For­men sind nicht falsch. Es gibt dafür nur noch kei­ne Nor­mie­rung. Der Rat für Deut­sche Recht­schrei­bung hat in sei­ner Äuße­rung dazu fest­ge­hal­ten, dass er eine Nor­mie­rung zum jet­zi­gen Zeit­punkt nicht für sinn­voll hält.

Der Rat hat vor die­sem Hin­ter­grund die Auf­nah­me von Aste­risk („Gen­der-Stern“), Unter­strich („Gen­der-Gap“), Dop­pel­punkt oder ande­ren ver­kürz­ten For­men zur Kenn­zeich­nung mehr­ge­schlecht­li­cher Bezeich­nun­gen im Wort­in­nern in das Amt­li­che Regel­werk der deut­schen Recht­schrei­bung zu die­sem Zeit­punkt nicht empfohlen.

Geschlech­ter­ge­rech­te Schrei­bung: Emp­feh­lun­gen vom 26.03.2021

Hier kann man sich das von einem Voll­ju­ris­ten erklärt noch mal genau durch­le­sen: Kol­ter (2023). Noch mal zum Ver­ständ­nis die­ser Aus­sa­ge: Wenn etwas nicht nor­miert ist, gibt es ein­fach kei­ne offi­zi­el­le Regel für die Schrei­bung. Zum Bei­spiel ist das Jugend­wort des Jah­res 2021 sus in allen Aus­ga­ben des Dudens vor 2021 nicht ent­hal­ten. Wie auch? Den­noch gibt es natür­lich Kon­ven­tio­nen für die Schrei­bung. Aber kei­ne ver­bind­li­che Reg­lung. Viel­leicht wird/wurde es in spä­te­re Auf­la­gen auf­ge­nom­men. Genau­so könn­te eine Nor­mie­rung für „mehr­ge­schlecht­li­che Bezeich­nun­gen“ eines Tages erfolgen.

Und jetzt zum Kulturteil:

Bedau­er­lich ist, dass der Wes­ten 1989 nicht wenigs­tens in der Spra­che dem Osten gefolgt ist. Das Gegen­teil ist der Fall, wie fol­gen­de Bele­ge zei­gen.
Die Thea­ter in Ber­lin Mit­te ste­hen der Char­lot­ten­bur­ger Schaubühne in punc­to Gen­dern in nichts nach, sie unter­schei­den sich ledig­lich durch das gra­phi­sche Zei­chen mit­ten im Wort, statt des Unter­strichs _ wird ein Dop­pel­punkt : eingefügt und wir erhal­ten am Deut­schen Thea­ter Aktivist:innen, Mechaniker:innen, Tüftler:innen, Künstler:innen, sogar in Zusam­men­set­zun­gen, Kurator:innenteam, Autor:innentheatertage bzw am BE Zuschauer:innen, Freund:innen, und sogar Gäst:innen wird wiederbelebt.

Das ist ein lus­ti­ges State­ment und es ist genau­so schräg wie die Aus­füh­run­gen zum Gen­der-Pay-Gap. Man kann in Wiki­pe­dia leicht eine Lis­te der Inten­dan­ten (kei­ne wei­ter Endung nötig) des Deut­schen Thea­ters und des Ber­li­ner Ensem­bles finden: 

Deut­sches Thea­ter:

Ber­li­ner Ensem­ble:

Die Volks­büh­ne und das Maxim-Gor­ki-Thea­ter hat Hei­de Wege­ner nicht erwähnt. Viel­leicht gen­dern die nicht oder sie hat­te kein Pro­gramm­heft. Der Voll­stän­dig­keit hal­ber hier auch die Intendant*innen:

Volks­büh­ne:

Maxim-Gor­ki-Thea­ter:

Seit dem Aus­schei­den der Ossis, sind die Pos­ten am BE und DT mit Aus­nah­me von Ste­phan Susch­ke alle von West-Män­nern besetzt gewe­sen. Am Gor­ki-Thea­ter hat es immer­hin eine Frau geschafft. Auch die ist nicht aus dem Osten. Man muss also bei Ost-West-Ent­wick­lun­gen ein biss­chen genau­er hin­gu­cken. Was man auch her­aus­be­kom­men müss­te, bevor man sol­che State­ments ver­öf­fent­licht, ist, wie das in den Häu­sern gere­gelt ist. Kann jeder schrei­ben, wie er bzw. sie will oder gibt es Haus­re­geln für das Gen­dern? Das mach­te einen gewal­ti­gen Unter­schied. Dazu unten mehr.

Wege­ner wie­der­holt ihr Argu­ment aus dem frü­he­ren Aufsatz:

Etwa stellt die Paar­form Schüler und Schülerinnen für Spre­cher, für die „Schu­le“ ganz selbstverständlich Jun­gen und Mädchen ein­schließt (in Deutsch­land, nicht in Afgha­ni­stan!), kei­nen kom­mu­ni­ka­ti­ven Nut­zen, son­dern eine Zumu­tung dar. Für sie ist die Infor­ma­ti­on, dass neben Schülern auch Schülerinnen gemeint sind, überinformativ und führt des­halb zu Ver­druss. Denn sie verstößt gegen Gri­ces Zwei­te Kon­ver­sa­ti­ons­ma­xi­me der Quantität: „Do not make your con­tri­bu­ti­on more infor­ma­ti­ve than is required.“

Das Argu­ment ist aber lei­der falsch. Für den kon­kre­ten Fall mag es zutref­fend sein, dass kei­ne neue Infor­ma­ti­on in Bezug auf die Grup­pen­zu­sam­men­set­zung mit­ge­lie­fert wird. Nur ist Spra­che eben ein Sys­tem und wenn ansons­ten gegen­dert wird bzw. Paar­for­meln ver­wen­det wer­den, dann wäre hier das Weg­las­sen die­ser län­ge­ren mar­kier­ten Form ein Signal. Es ist alles nicht so ein­fach mit der Pragmatik.

Geglückte Kom­mu­ni­ka­ti­on setzt vor­aus, dass die Infor­ma­ti­on eine Informationslücke schließt, dass beim Gesprächspartner eine Lücke, Unwis­sen­heit also besteht. Eine Infor­ma­ti­on, die kei­ne Lücke schließt, ist nicht nur überflüssig, sie ist belei­di­gend. Denn so dumm ist der Hörer nicht und will auch nicht so behan­delt wer­den. Schon gar nicht mit mora­lisch erho­be­nem Zeigefinger.

Bei Kom­mu­ni­ka­ti­on geht es nicht unbe­dingt um das Schlie­ßen von Infor­ma­ti­ons­lü­cken. Spra­che und Spre­chen hat vie­le Funk­tio­nen. Das müss­te Hei­de Wege­ner auch wis­sen. Eine der Funk­tio­nen des Gen­derns nennt sie ja in ihrem Arti­kel selbst: „Gen­dern dient der Image­pfle­ge, es soll den Spre­cher als woke, als pro­gres­siv ausweisen“.

Woher weiß Hei­de Wege­ner, was Hörer*innen wol­len? Das Gen­dern ist eine Sprach­va­ri­an­te und was Gendern-Gegner*innen tun, ist, Men­schen, die anders spre­chen, zu erklä­ren, war­um sie das, was sie tun, falsch fin­den. Das ist irgend­wie ein inter­es­san­ter Turn in der moder­nen Sprach­wis­sen­schaft, denn eini­ge mei­ner Held*innen erklä­ren nun, dass das, was Sprecher*innen tun, gar nicht gin­ge, denn es sei gegen das Sys­tem der Spra­che. Gegen die Theo­rien, die sie Zeit ihres Lebens aus­ge­ar­bei­tet haben. All die groß­ar­ti­gen Grammatiker*innen wie Bier­wisch, Eisen­berg, Klein, Wege­ner, Wun­der­lich machen einen ent­schei­den­den Feh­ler: Sie schrei­ben ande­ren Men­schen vor, was sie zu tun oder zu las­sen haben. Das ist preskrip­ti­ve, nor­ma­ti­ve Lin­gu­is­tik. Wir waren uns aber eigent­lich immer einig, dass wir deskrip­ti­ve Lin­gu­is­tik machen. Das heißt, wir beschrei­ben das, was Men­schen tun. Die Gra­phe­ma­tik beschäf­tigt sich mit Schreib­va­ri­an­ten. Mit dem, was Men­schen tun. In Blogs und Foren. Die Recht­schreib­feh­ler von heu­te sind die Ortho­gra­phie von mor­gen. Genau­so müs­sen wir als Syntaktiker*innen unse­re Theo­rien ändern, wenn sie nicht mehr passen.

Ob die deut­sche Spra­che durch Gen­der­for­men ernst­haft Scha­den nimmt, kann man erst dann beurteilen.

Das kann doch nicht sein. Das ist bes­te deut­sche Sprach­pfle­ger­ver­ein-Schrei­be. Haben wir die­se Leu­te nicht immer belä­chelt? Wie kann denn die Spra­che Scha­den neh­men? Was soll das denn bedeu­ten? Weil Men­schen ande­res spre­chen, geht die Spra­che kaputt? Dann spre­chen sie eben anders. Wenn es irgend­wann nicht mehr passt, wird es abge­baut oder es bil­den sich ande­re, neue For­men. Nur weil es so ist, wie wir es nicht gewöhnt sind, so, dass es nicht zu unse­ren Theo­rien passt, ist es noch lan­ge nicht kaputt.

Gen­dern ist eine Mode, und Moden sind end­lich. […] Auch die­se Mode wird, wie alle Moden, irgend­wann untergehen.

Aber, lie­be Hei­de, dann ent­spann Dich doch. Genie­ße Dei­nen Lebens­abend und war­te, bis es vor­bei ist. Ich ver­ste­he die Auf­re­gung nicht.

Dein Unbe­ha­gen an der Ver­wen­dung des Par­ti­zips tei­le ich. Aber man kann ja auf ande­re Wei­se gen­dern. Auch die­se Text­tei­le sind Wie­der­ho­lun­gen aus dem ers­ten Auf­satz und die Rad­fah­ren­den kom­men hier wie­der vor. Des­halb hier ein Kom­men­tar dazu:

Die­sel­ben Leu­te, die so viel von Dif­fe­ren­zie­rung reden, opfern die durch­aus sinn­vol­le Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen der Bezeich­nung für eine aktu­el­le Tätigkeit und der für die Rol­le: wie kann ich, ohne gene­ri­sches Mas­ku­li­num, noch sagen, dass „nicht alle Zuhörer auch Zuhörende waren“? Gilt das Schild „Rad­fah­rer abstei­gen“ nicht auch für mich? Rad­fah­rer bin ich auch dann, wenn ich mein Rad schie­be, aber Rad­fah­ren­de eben nicht.

Das Argu­ment ver­ste­he ich nicht. Wenn Du Dein Rad schiebst, musst Du nicht mehr abstei­gen. Viel­leicht wäre rol­lern hier bes­ser für die Argu­men­ta­ti­on: Auch wenn Du nicht rad­fährst, sollst Du nicht auf dem Rad sit­zend durch die Fuß­gän­ger­zo­ne rol­lern. Also „Radfahrer*innen abstei­gen!“. Pro­blem ist hier die Län­ge. Bis man das gele­sen hat, ist man schon vor­bei gera­delt. „Abstei­gen!“ mit Fahr­rad­ver­bots­zei­chen ist eigent­lich ausreichend.

Auch in den News­let­tern und Pro­gramm­hef­ten der Thea­ter schaf­fen es eini­ge Wörter, in der Grund­form zu überleben, beim BE bei­spiels­wei­se Regis­seu­re, Migran­ten, Juden, beim DT sogar die Bürger. Absicht­lich oder ver­se­hent­lich? Aus­schlie­ßen kann man wohl, dass mit die­sen For­men nur Männer gemeint sind. 

Das ist auch ein inter­es­san­tes Argu­men­ta­ti­ons­mus­ter, das ich aus der Kli­ma­dis­kus­si­on ken­ne: Die Gegener*innen von XY fin­den irgend­wo bei Aktivist*innen einen klei­nen Feh­ler und lei­ten dar­aus ab, dass sie damit wohl nicht für Kli­ma­schutz sein könn­ten, denn sonst wür­den sie ja (nicht) YZ.

Hier for­dert ein Gen­der-Kri­ti­ker (Nein, das geht bei mir nicht mehr, ich muss eine Gen­der-Kri­ti­ke­rin schrei­ben, denn, lie­be Hei­de, das ist Sprach­wan­del, auch wenn Ihr das bestrei­tet.), dass Insti­tu­tio­nen kon­se­quent gen­dern. Aber selbst die taz gen­dert nicht kon­se­quent. Sie stellt es ihren Autor*innen frei. Und so muss das auch sein.

Den Feh­ler habe ich übri­gens selbst auch gemacht. In der Zeit, in der ich noch nicht gegen­dert habe, habe ich mich über einen taz-Arti­kel auf­ge­regt, in dem von Die­ben und Mör­dern gespro­chen wur­de, obwohl es um ein Straf­la­ger für Frau­en ging, in dem Die­bin­nen und Mör­de­rin­nen inhaf­tiert waren. Aber es schreibt eben nicht „die taz“, son­dern ver­schie­de­ne Autor*innen in der taz. Man­che leh­nen das Gen­dern kon­se­quent ab, ande­re tun es bis zum Abwinken.

Prof. Dr. Hel­muth Feil­ke (2022) argu­men­tiert übri­gens für ein maß­vol­les Gen­dern. Das Gen­dern setzt ein Signal. Es reicht aus, wenn nicht alle For­men gegen­dert wer­den, son­dern ab und zu das Signal an die Empfänger*innen geschickt wird.

Dar­aus darf man den Schluss zie­hen, dass man das Gan­ze nicht so ernst neh­men soll­te. Alles nur Theater.

Ja. Durch­sa­ge an alle: Ent­spannt Euch!

Wer­be­kar­te einer Ent­span­nungs­trai­ne­rin auf ver­zo­ge­nem Holztisch.

Nachtrag

Ich bin gegen Sprach­re­ge­lun­gen. Das Gen­dern soll­te nie­man­dem vor­ge­schrie­ben wer­den. Genau­so soll­te es nie­man­dem ver­bo­ten wer­den. Das habe ich bereits 2021 auf­ge­schrie­ben: Gen­dern und Bewer­tun­gen von Arbeits­leis­tun­gen im aka­de­mi­schen Bereich.

Nachtrag 2

Die lus­tigs­te Stel­le im Arti­kel hät­te ich bei­na­he über­se­hen, weil ich Hei­de Wege­ner ja ken­ne und ihre Kurz-Bio­gra­phie nicht gele­sen habe. Dort steht: „Prof. Hei­de Wege­ner ist Linguistin.“

Im Text steht:

Blatz hat­te Recht. Es gibt kei­nen Grund, das Gene­ri­sche Mas­ku­li­num zu mei­den. Im Gegen­teil: Die bes­te, klars­te Art, die Kern­be­deu­tung von Berufs-und Rol­len­be­zeich­nun­gen auszudrücken, ist die endungs­lo­se Grund­form, Freund, Arzt, Viro­lo­ge. Da die­se For­men kein Merk­mal für Geschlecht ent­hal­ten, unter­spe­zi­fi­ziert also sind, schlie­ßen sie alle Geschlech­ter ein und sind dadurch inklusiv.

In der Kurz-Bio hät­te also ste­hen müs­sen: „Prof. Hei­de Wege­ner ist Lin­gu­ist.“ Nun hat Hei­de Wege­ner das wohl nicht selbst geschrie­ben, son­dern ihre Freund*innen aus der WeLT-Redak­ti­on. Die sind nun, was Femi­nis­mus und Gen­dern angeht, sicher­lich kom­plett unver­däch­tig und haben aus frei­en Stü­cken die femi­ni­ne Form gewählt. Wohl weil sie die­se intui­tiv ange­mes­se­ner fan­den. Wenn die endungs­lo­se Grund­form im Wes­ten auch benutzt wur­de, wäre das nun aber der Beweis dafür, dass es Sprach­wan­del in die­sem Bereich gibt, etwas, was Wissenschaftler*innen wie Hei­de Wege­ner und Josef Bay­er vehe­ment bestrei­ten. Wenn nicht, ist es immer­hin noch ein Beweis dafür, dass Sprecher*innen das Bedürf­nis haben, eben nicht das völ­lig aus­rei­chen­de gene­ri­sche Mas­ku­li­num, son­dern eben die femi­ni­ne Form zu benutzen. 

Quellen

Feil­ke, Hel­muth. 2022. Gen­dern mit Grips statt Schrei­ben in Gips: Prak­ti­sche Argu­men­te für ein fle­xi­bles Gen­dern. Deutsch. 1–7. https://www.friedrich-verlag.de/fileadmin/fachwelten/deutsch/blog-downloads/Gendern_Essay-Fassung.pdf.

Kol­ter, Max. 2023. VG Ber­lin zum Gen­dern an Schu­len: Auf die Sprach­kom­pe­tenz kommt es an. LTO.de — Legal Tri­bu­ne Online — Aktu­el­les aus Recht und Jus­tiz. (https://www.lto.de/recht/hintergruende/h/vg-berlin-gendern-schueler-schule-klasse-lehrer-rechtschreibung/)

Die Ossis sind mit der Demokratie nicht zufrieden. Ach wirklich? Und warum sind es die Wessis?

Sor­ry, ich kom­me erst jetzt dazu. Im Janu­ar schlug ein Bericht des Ost­be­auf­trag­ten Wel­len. Er wur­de, wie üblich verdreht.

Die taz schreibt zum Bei­spiel, dass nur noch 39% der Ost­deut­schen mit der Demo­kra­tie zufrie­den wären:

Das Kon­zept des Ost­be­auf­trag­ten ver­weist auf die gesun­ke­ne Zufrie­den­heit mit der Demo­kra­tie beson­ders in den öst­li­chen Bun­des­län­dern. Sie lag zuletzt nur noch bei 39 Prozent.

Anna Leh­mann: Ost­deut­sche sind als Füh­rungs­kräf­te in Bun­des­be­hör­den rar. Die Bun­des­re­gie­rung will gegen­steu­ern, taz, 26.01.2023, S. 6

Die Zeit titel­te „Ost­be­auf­trag­ter: Nur 39 Pro­zent der Ost­deut­schen zufrie­den mit der Demo­kra­tie.“ Der Unter­ti­tel ist dann:

Laut dem aktu­el­len Bericht des Ost­be­auf­trag­ten der Bun­des­re­gie­rung wach­sen in Ost­deutsch­land die Zwei­fel an der Demokratie. 

Mer­kur: Nur vier von zehn Ost­deut­schen zufrie­den mit der Demokratie

Süd­deut­sche: Nur vier von zehn Ost­deut­schen zufrie­den mit der Demokratie

Das ist mal wie­der einer die­ser Hie­be in die Ker­be „Die Ossis leh­nen die Demo­kra­tie ab / sind nicht demo­kra­tie­fä­hig / sind komisch / sind anders als wir / saßen zusam­men im Kin­der­gar­ten auf dem Töpf­chen und lie­ben des­halb Diktaturen.“

In der Mit­tei­lung des Ost­be­auf­trag­ten der Bun­des­re­gie­rung steht aber:

Dem „Deutsch­land-Moni­tor“ zufol­ge sind nur noch 39 Pro­zent der Ost­deut­schen zufrie­den mit der Demo­kra­tie, so wie sie in Deutsch­land funk­tio­niert. Gera­de ein­mal 32 Pro­zent von ihnen glau­ben, dass Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­ker das Wohl unse­res Lan­des wich­tig sei. Und zwei Drit­tel sind der Mei­nung, Ost­deut­sche wür­den häu­fig als Men­schen zwei­ter Klas­se behandelt.

Man­che Medi­en brin­gen die Ein­schrän­kung „so wie sie in Deutsch­land funk­tio­niert“, man­che wei­sen dar­auf hin, dass die Zustim­mung auch im Wes­ten sinkt. Man­che unter­las­sen das aber.

Als Ossi fra­ge ich mich, wie kann man mit dem, was in die­sem Land läuft denn zufrie­den sein? Eigent­lich geht das nur, wenn man mate­ri­ell abge­si­chert und poli­tisch unin­ter­es­siert ist. Ansons­ten habe ich hier ein paar Punk­te, die man komisch fin­den könnte:

  • Mas­ken­af­fä­re: Ver­un­treu­ung von Mil­lio­nen ohne recht­li­che Konsequenzen
  • Kor­rup­ti­on im Öl und Gas­ge­schäft bei CDU/CSU und SPD
  • Scheu­ers Ver­sen­kun­gen von Mil­lio­nen Euros im Maut­de­sas­ter ohne recht­li­che Konsequnezen
  • Scheu­ers Umlen­kung von Gel­dern in sei­nen Wahlkreis
  • Gif­feys pla­gier­te Dok­tor­ar­beit und Mas­ter­ar­beit. Gif­fey tritt nach Aberken­nung ihres Dok­tor­titls als Fami­li­en­mi­nis­te­rin der Bun­des­re­gie­rung zurück, macht aber dann als Regie­ren­de Bür­ger­meis­te­rin von Ber­lin naht­los wei­ter. What? Eine Die­bin und Betrü­ge­rin gut genug für Berlin?
  • Gif­fey wur­de 2022 mit 58,9% zur Par­tei­vor­sit­zen­den in Ber­lin gewählt. Trotz Rot-Grün-Roter Mehr­heit wur­de 2023 RGR nicht wei­ter­ge­führt, son­dern nach einer Mit­glie­der­be­fra­gung, die mit einer mil­li­me­ter­dün­nen Mehr­heit von 54% für Schwarz-Rot aus­ging, dann die Koali­ti­on mit der CDU begon­nen. Das gan­ze Gif­fey-Paket hät­te frü­her mehr­fach für einen Rück­tritt gereicht.
  • Pla­gia­te und Titel­be­trug bei diver­sen ande­ren Politiker*innen
  • Lob­by-Zugang für den Bun­des­tag zum Bei­spiel von Waffenhändlern
  • Der ehe­ma­li­ge Chef des Ver­fas­sungs­schut­zes, der von der Poli­tik fest­ge­legt wird, ist ein Nazi.
  • Der Minis­ter­prä­si­dent eines Bun­des­lan­des, der frü­her beim Öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk gear­bei­tet hat, for­dert die Strei­chung der Rund­funk­ge­büh­ren und ansons­ten alle drei Wochen das Gegen­teil von dem, was er frü­her gefor­dert hat. 
  • Por­sche ist life dabei bei der Aus­hand­lung des Koalitionsvertrags
  • Döpf­ner, Ver­lags­chef des Sprin­ger-Kon­zerns, weist sei­ne Blät­ter an, die FDP hoch­zu­schrei­ben, damit die­se dann die Koali­ti­on plat­zen las­sen kann.
  • Wie von Döpf­ner geplant, kann eine Par­tei, die für 11% der Wähler*innen steht, die Poli­tik der rest­li­chen Regie­rung sabo­tie­ren, wobei dazu natür­lich ein Machen-Sie-sich-kei­ne-Sor­gen-Kli­ma­kanz­ler gehört, der das mit sich machen lässt. 
  • Ver­hin­de­rung eines aus­sa­ge­kräf­ti­gen Ergeb­nis­ses beim Volks­ent­scheid durch die Tren­nung von Wahl­ter­min und Volks­ent­scheid in Ber­lin durch die SPD-Innensenatorin.

Viel­leicht sind wir Ossis alle etwas naiv. Wir waren geschockt, als wir sahen, was die Funk­tio­nä­re in Wand­litz alles hat­ten, obwohl das unter dem Niveau west­deut­scher Arbeiter*innen lag. Viel­leicht sind unse­re Ansprü­che an Politiker*innen ein­fach zu hoch. Höher als die der Wessis.

Viel­leicht geht es den Wes­sis auch ein­fach zu gut und/oder sie inter­es­sie­ren sich nicht so für die Kor­rup­ti­on und Berei­che­rung. Ist ja nor­mal, machen ja alle.

Also: Es ist nicht so, dass Ossis Demo­kra­tie als poli­ti­sches Sys­tem ableh­nen. Im Gegen­teil, die Zustim­mung zur Demo­kra­tie an sich war zumin­dest 2018 sogar noch höher als im Wes­ten 95% vs. 93% (Stu­die der Uni­ver­si­tät Leip­zig). Was abge­lehnt wird, ist die Art und Wei­se, in der Din­ge gera­de lau­fen. Und hier ist die Fra­ge an die 59% der Wes­sis, die mit der Demo­kra­tie, wie sie gera­de in Deutsch­land funk­tio­niert, zufrie­den sind: What’s wrong with you?