Lars Reyer, geboren 1977 in der Nähe von Zwickau, hat eine neue These über den Osten (und den Westen): Wir waren müde. Sein Aufsatz in der taz mit dem Titel „Irgendwann kommt was“ ist gut geschrieben, aber manche Dinge gefallen mir nicht.
Viele DDRen
Lars Reyer war zur Wende 12, ich war zur Wende 21. Mir ist ja beim Lesen von Katja Heuer (2023) klar geworden, dass man nicht von der DDR sprechen darf. Es gab viele DDRen. Einmal zeitlich mit der entsprechend ausgerichteten Politik. Phasen der Entspannung und Anspannung. Und dann gab es individuell ganz unterschiedliche Erfahrungen. Und es gab lokale Unterschiede.
Müdigkeit
Reyer schreibt:
Die DDR in ihrem Endstadium war ein Land, dessen Müdigkeit und Verfall auf die in ihm lebenden Menschen abfärbte, die ihrerseits müde und verfallen durch den Tag schwappten, der ein Tag war, dessen Ende man herbeisehnte, aber niemals wirklich erwartete.
Diese Müdigkeit war keine individuelle, keine psychologische, sondern eine strukturelle Müdigkeit. Sie war nicht Ausdruck von Faulheit oder Trägheit, sondern das Ergebnis eines jahrzehntelangen Umgangs mit Forderungen, die ihrerseits entweder aus Unter- oder Überforderungen bestanden; eines Lebens unter Bedingungen, die jedes Versprechen auf Zukunft entwerteten, ehe es ausgesprochen war. Vielleicht, so könnte man sagen, war diese Gesellschaft eine, die das Prinzip Hoffnung durch das Prinzip Erschöpfung ersetzt hatte. Der Mensch, dieser geschundene, vom Produktionsplan genormte Organismus, war im Grunde nichts anderes als eine wandelnde Sollgröße. Seine Funktion bestand darin, zu funktionieren.
Reyer, Lars. 2026. Irgendwann kommt was, taz, 21.02.2026.
Jetzt also Müdigkeit. Eine neue These über den Osten. Ich stimme mit Reyer überhaupt nicht überein. Das ist sicher auf den Altersunterschied zurückzuführen. Lars Reyer berichtet über seinen Vater und sein Umfeld, das müde und vielleicht resigniert war. Für mich und viele andere war die Zeit in den 80er Jahren eine Zeit der Empörung aber auch der Hoffnung. In der Sowjetunion hatte Gorbatschow übernommen. Glasnost und Perestroika zogen ein. Das war auch in den Medien dort wahrnehmbar und schwappt zum Teil auch in die kleine DDR. In der sowjetischen Politzeitschrift Neue Zeit, die es auch in der DDR gab, standen unerhörte Dinge. Der Sputnik wurde verboten, Nummern der Neuen Zeit nicht ausgeliefert. In den Studiokinos der DDR waren Filme wie Vogelscheuche zu sehen (1983 in der SU, 1987 dann endlich in der DDR), die der sowjetischen Gesellschaft ihr Bild vor Augen hielten in Form vom Umgang von Kindern untereinander. Unglaublich! Jadup und Boel kam 1988 in die Kinos. Ein sehr kritischer Film, der von 1980 bis dahin im Eisschrank gelegen hatte.
Die Menschen äußerten ihren Unmut immer offener. Der Wahlbetrug bei den Kommunalwahlen im Mai wurde 1989 von kirchlich organisierten Gruppen zum ersten Mal nachgewiesen. Meine Schwester war bei Auszählungen in Wahllokalen dabei. An jedem siebten des Monats versammelten sich Oppositionelle an der Weltzeituhr am Alex. Beim Sport in der Woche vor dem 7. Oktober, dem 40. Jahrestag der DDR, bei dem am Alexanderplatz demonstriert und protestiert werden würde, sagte ich zu den anderen: Da kommt was!
Es gab geduldete Untergrundmusik mit kritischen Texten. (Punk, die anderen Bands)
Sandow offen staatskritisch mit „Wir können bis an unsere Grenzen geh’n / Hast du schon mal drüber hinweg geseh’n / Wir bauen auf und tapeziern nicht mit.“ Der Tapezier-Vers war die Fusion von Honeckers Lieblingslied „Bau auf, bau auf, Freie Deutsche Jugend bau auf!“ und dem Spruch: „Würden Sie, nebenbei gesagt, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?“, der von Honecker kam und Kurt Hager zugeschrieben wurde.
Auch AG Geige war sehr schön. Die hatten den Song Zeychen & Wunder. Der erschien sogar noch auf ner Amiga-Platte.
Sie lebten in Zeiten von Zeychen und Wundern, wo sind sie hin, niemand sah sie gehn?
AG Geige. 1989. Trickbeat Amiga. Zeychen und Wunder
Trotz alldem verbleiben noch ein, zwei Sekunden, vielleicht wird ja doch noch ein PIEPS geschehen.
Weiß nicht, ob man dem als nicht Zensur-Erfahrener etwas abgewinnen kann, aber ich finde es großartig.
AG Geige war Dada, Multimedia und für Funktionäre wohl unverständlich.
Theaterstücke, in denen man Kritik am Staat finden konnte, wenn man genauer hinschaute als die Zensur. In Heiner Müllers Stücke konnte man auch diverse Dinge hinein- oder herauslesen. Müller produzierte zusammen mit den Einstürzenden Neubauten beim Rundfunk der DDR Hörspiele. Selbst Faust und Shakespeare waren interessant. Theater war für mich damals viel, viel wichtiger als heute. Eben weil dort staatskritische Nachrichten übermittelt wurden. Damit haben die Akteure auch etwas bewirkt. Das funktionierte nur, weil es Zensur gab und es mutig und gefährlich war, dagegen aufzubegehren. Das ist heute anders. Vielleicht wird es bald wieder so. Oder so ähnlich.
Die ganze Untergrundkunst in Dresden und Berlin (und sicher auch anderswo). Ausstellungen in Wohnzimmern. In die man nur reinkam, wenn man vorher auf dem Konzert schräger Bands den Zettel mitgenommen hatte.
Es brodelte und blubberte überall. Es stank, aber das war Teil vom Ganzen.
Es war klar, dass etwas passieren würde, nur nicht genau was. Wie Reyers Vater gesagt hat: „Da kommt was!“. Bei der Armee mussten wir im Juni alle die chinesischen Propaganda-Filme sehen. Meine Kumpels waren dann auch im Oktober mit Schlagstöcken in Dresden. Ich war zum Glück schon raus. Wie es ablief, kann man Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ nachlesen.
Wir glaubten, dass wir den weiteren Verlauf würden steuern können, wenn sich die chinesische Lösung vermeiden ließe.
Wir lagen falsch.
Wir waren … wir waren alles, nur nicht müde.
Wir waren naiv.
Lebenserwartung
„Ein Land mit einer „in Bezug auf die entwickelten westlichen Nationen relativ abnehmende(n) durchschnittliche(n) Lebenserwartung“, wie der Soziologe und Publizist Wolfgang Engler in seiner etwas pathetisch betitelten Ethnologie „Die Ostdeutschen, Kunde von einem verlorenen Land“ ganz beiläufig notiert.“
Reyer, Lars. 2026. Irgendwann kommt was, taz, 21.02.2026.
Naja, das hört sich jetzt dramatisch an. Als wären wir alle so dahingestorben. Was da aber genau steht ist, dass die Lebenserwartung sich nicht genauso schnell erhöht hat wie im Westen. Aber sie hat sich erhöht. Hier ist eine Abbildung von der Bundeszentrale für politische Bildung (Bötcher, 2022).

Allerdings kann man dem Artikel der BPB auch entnehmen, dass das DDR-Gesundheitssystem zum Ende vom Westen unterstützt wurde. Ich habe als Jugendlicher selbst West-Medikamente bekommen, nachdem die Formulare von zwei Ärzten unterschrieben worden waren.
Warmes Bier
Unter einem Bild des Autors steht: „Man saß nach der Frühschicht in den Gärten, redete wenig, trank Bier aus lauwarmen Flaschen.“

Ich hielt das erst für eine neue Variante von Anne Rabes Geschichten darüber, dass in der DDR niemand eine Waschmaschine besessen habe. Jetzt also: Wir hatten keine Kühlschränke. Ich kenne niemanden, der keinen Kühlschrank hatte. Wir hatten sogar eine Tiefkühltruhe.
In der Diskussion auf Mastodon habe ich dann erfahren, dass es mancherorts üblich ist, warmes Bier zu trinken. In Thüringer Gaststätten gab es sogar Tauchsieder, um das Bier aufzuwärmen, wenn es zu kalt war. Wie dem auch sei: Mir ist unklar, warum die Temperatur für den restlichen Artikel dann relevant sein soll und warum der Autor diesen Umstand erwähnt hat.
Unsere Kühlschränke waren übrigens von der Firma DKK (Foron), die als erste FCKW-freie Kühlschränke hergestellt haben, dann aber von westdeutschen Firmen mit Kampagnen platt gemacht wurden.
Befindlichkeiten. Leere?
Ein Rückzug auf das Ich, das einen, wenn man genau hinhörte, nur allzu oft zurück anschwieg.
Reyer, Lars. 2026. Irgendwann kommt was, taz, 21.02.2026.
Vielleicht. Viele. Aber nicht alle.
Wir haben ja Lyrik gemacht und unser selbst gedrucktes Heft hieß Befindlichkeiten. Wir haben in uns hineingehört. Genau. Aber unsere Ichs haben nicht geschwiegen. Sie haben geschrien.
Und woher will er wissen von der Leere? Wenn alle geschwiegen hätten, woher will er dann wissen, dass sie auch von ihrem Selbst angeschwiegen wurden?
Die Einstürzenden Neubauten aus West-Berlin dagegen waren leer. Ohne Angst:
Wir sind leer / Glaub mir
Einstürzende Neubauten. 1981. Abstieg und Zerfall, Kollaps.
Wir sind leer
Die Zeit hat ihre Kinder längst gefressen
Und sie ist satt
Komm her komm mit
Sieh zu wie die Zeit
Zerfällt vor unsern Augen
Komm her komm mit
Wir sind leer – ohne Angst
Wir sind leer
Endgültig / vollständig / leer
Abstieg & Zerfall
Wir waren voll. Und ohne Angst. Vielleicht waren wir naiv. Vielleicht hätten wir Angst haben sollen, aber in den 80ern hatten wir keine. Meine Schwiegereltern berichteten von den 50er Jahren. Wenn vor dem Haus eine Autotür klappte, hatten sie Angst, abgeholt zu werden, denn in ihrer Umgebung hatte keiner ein Auto. In den 80er Jahren hatten viele eins und wir hatten keine Angst mehr, abgeholt zu werden. Ich habe vor kurzem meine Stasiakte erneut angefordert und habe die Auskunft erhalten, dass ich erfasst wurde. Ich weiß aber noch nicht weshalb. Ich habe damals schon immer zu allen gesagt, dass man davon ausgehen muss, dass immer einer dabei ist, es wäre bitter, wenn es jemand war, der mir wichtig war.
Diese unheimliche Armut! Wieder.
Reyer kann viel besser formulieren als Anne Rabe, die von einer „tasächlichen Armut“ gesprochen hat (siehe Anne Rabe, die Prügelstrafe und Jugendwerkhöfe und die unglaubliche „tatsächliche Armut“ in der DDR), aber wahr werden seine Aussagen dadurch auch nicht. Er behauptet doch tatsächlich, dass wir nichts als unsere Körper besessen hätten:
Denn der eigene Körper war das Einzige, was in diesem Land wirklich einem selbst gehörte – und selbst das nur bedingt.
Reyer, Lars. 2026. Irgendwann kommt was, taz, 21.02.2026.
Vielleicht war das ja Spaß. Oder literarisch überhöht. Wenn, ja, hab ich’s nicht mitbekommen. Tut mir Leid.
Also: Es ist falsch: Wir hatten Bücher. Viele! Und gute! Auch von westlichen Autor*innen und Klassiker natürlich auch. Wir hatten Schallplatten. Aus’m Osten und aus dem Westen (Lizenzpressungen und Platten aus Ungarn und der CSSR). Wir hatten Kassetten mit Aufnahmen von den Platten, die wir anders nicht kriegen konnten. Im DDR-Radio wurden West-Platten zum Mitschneiden gesendet. Wir hatten Radios mit Westmusik. Wir hatten Tonbänder, Kassettenrecorder, Plattenspieler. Wir hatten Fahrräder, zwar nicht so toll wie die im Westen und gar nicht zu vergleichen mit denen von heute, aber die fuhren auch. Ich habe 150km-Touren damit gemacht.
Manche hatten Grundstücke mit Häusern oder kleinen Gärten, manche hatten Autos. Doch wirklich! Der Autor zeigt ja selbst ein Bild seines Vaters in einem Garten vor einem Bungalow und spricht von Gärten in der Mehrzahl. Manche dieser Gärten waren gepachtet, manche aber auch gekauft.
Mein Großvater war Koch in der Betriebskantine des Stickstoffwerks in Piesteritz. Meine Oma war Zimmermädchen und dann Kerzenmacherin in einem Industriebetrieb in Wittenberg (Wittol). Also kein gehobenes Bürgertum, sondern ganz normale Leute. Sie wohnten in einer soliden Zweizimmerwohnung mit Waschmaschine und Kühlschrank. Hatten einen Kleingarten, zeitweise sogar zwei, und ab 1968 einen Trabbi und später einen Moskwitsch in einer eigenen Garage. Mein anderer Großvater war Ingenieur bei Zeiss. Er hatte einen Polski-Fiat (auch mit Garage). Er wohnte in einer Zweizimmerwohnung in der Allee der Kosmonauten in Jena. Meine Eltern waren beide Wissenschaftler. Sie hatten einen Lada und auch einen Garten in der Nähe von Eberswalde. Man musste lange auf ein Auto warten, und als ich klein war, ist mein Vater immer mit der Bahn von Berlin nach Wittenberg zu meinem Großvater gefahren und hat deren Auto geborgt, mit dem wir dann in den Urlaub gefahren sind, aber uns gehörte doch wesentlich mehr als unsere Körper.
Reyer schreibt von der Frühschicht, nach der sein Vater im Garten saß und Bier trank. Schichtarbeiter haben Schichtzuschläge bekommen. Hier sind die Gehälter aus einer Studie mit 2,4 Mio Beschäftigten aus dem Jahr 1988. Stephan & Wiedemann (1990) berichten detailliert darüber, wie sich die Löhne zusammengesetzt haben und wie sich Netto vom Brutto unterschied. Als Schichtarbeiter*in bekam man teilweise hohe Zulagen. HF-Kader waren die Studierten.


Ich weiß nicht, was genau der Vater des Autors gearbeitet hat, aber ich kann mir vorstellen, dass man in einer Familie mit vier Kindern (falls es nicht andere Verwandte oder Bekannte waren, die in der 55 km²-Wohnung wohnten) nicht viel Geld übrig hat. Allerdings gab es für kinderreiche Familien auch Förderung vom Staat. Mitte der 80er sogar schon ab drei Kindern. Wir haben welche bekommen. Und als Student konnte man von 200 M Stipendium leben, wenn also beide Elternteile gearbeitet haben, dann müsste auch Geld für Geschenke dagewesen sein.
Und mit dem Körper, ja, das war bedingt, denn man wurde zu allem Möglichen gezwungen. Zum Beispiel zum Wehrdienst. Und schon vorher zu paramilitärischer Ausbildung in der Schule.
Der kaputte Sozialismus
Der Sozialismus, so wie er sich in den späten Achtzigerjahren in der DDR zeigte, war gewissermaßen das politische Äquivalent einer stur am Laufen gehaltenen Industriebrache. Alles pfiff auf dem letzten Loch, die Kessel dampften und zischten und standen kurz vorm Zerbersten, aber irgendwo fand sich immer unverhofft ein Werkstoff, den man zum Ersatzteil umfunktionieren konnte. Irgendjemand fand am Schluss doch immer ein Ventil, um den Druck wieder abzulassen. Die Kessel explodierten vorerst nicht.
Reyer, Lars. 2026. Irgendwann kommt was, taz, 21.02.2026.
Ja, ich habe ja vor 1986 diverse Betriebe besichtigt. Toll, war’s nicht. In der Armeezeit war ich in Espenhain. Das war ein Braunkohlekraftwerk, was aber auf Verschleiß gefahren worden war. Kaputt. An vielen Stellen. Und die absolute Ökokatastrophe. Die Anwohner*innen litten an Atemwegserkrankungen und Ekzemen.
Ich habe von meinen Betriebsbesichtigungen schon in dem Blog-Post geschrieben, in dem es um den Nationalstolz ging, den die SED-Funktionär*innen bei uns entfacht haben sollen (siehe „Historische Ursachen der Fremdenfeindlichkeit in den neuen Bundesländern“: Kommentare zu einem Aufsatz von Patrice G. Poutrus, Jan C. Behrends und Dennis Kuck). Das funktionierte zum Ende der DDR nur noch bei 100%igen wie Patrice Poutruce selber, der war schließlich hauptamtlicher FDJ-Chef eines Betriebes.
Es gab einige mehr oder wenig gut funktionierende Betriebe. Das VEB Elektromotorenwerk Wernigerode (Elmo) gehörte dazu. Wolfgang Beck, der letzte Betriebsdirektor hat darüber in seinem Buch berichtet (Beck 2023). Auch wie man mitunter mit Devisen Material beschaffen musste. Und darüber, was passierte, wenn man keine Arbeitskräfte mehr hatte, weil es eine Amnestie gab.
Letztendlich dürfte der CSU-Mann Strauß die DDR mit Hilfe eines Milliardenkredits noch ein paar Jährchen über das eigentliche Ende hinaus am Leben gehalten haben.
Warten, aber worauf?
Denn da (und obwohl) alles eingerichtet und alles geregelt war, ahnte man, dass es nicht mehr lange so weitergehen konnte, weil alles Eingerichtete und alles Geregelte wie ein unendlich andauerndes Provisorium erschien. Es war eine Zeit des Wartens – worauf, das wusste niemand so genau.“
Reyer, Lars. 2026. Irgendwann kommt was, taz, 21.02.2026.
Natürlich wussten wir, worauf wir warteten. Auf Glasnost und Perestroika.
Die Band Gefahrenzone aus Saalfeld richtete sogar ein Lied an Gorbatschow und wurde dann prompt von der Stasi zersetzt. Aber die Tapes waren im Umlauf. Ich bekam es von einem Freund, dessen Opa beim ZK war. So war das.
Sie sangen: „Genosse Gorbatschow, wo gehen Sie hin? Wir brauchen genau solche Reformen wie Sie in der UdSSR.“
Gefahrenzone wurde übrigens, genau wie alle anderen oben erwähnten Bands, im DDR-Radio gespielt. Man mag es kaum glauben. Lutz Schramm hat sie im Parocktikum gespielt. Man kann im Parocktikum-Wiki selbst in Playlists suchen.

Erzählen in kurzen Sätzen
Und so begann, im Rückblick, ein fieberhaftes Nachholen von Geschichten, ein Erzählen, das manchmal an Selbstrechtfertigung grenzte. Die Müdigkeit wich der Erzählung – aber in der Erzählung blieb sie als Schatten.
Reyer, Lars. 2026. Irgendwann kommt was, taz, 21.02.2026.
Das ist perfide. Die, die nicht einfach nach der Wende verstummt sind, versuchen etwas gegen den Mainstream zu setzen. In kurzen Sätzen. In vielen kurzen Sätzen. Wie Daniela Dahn anmerkte. Man braucht ein ganzes Kapitel, nur um zu zeigen, was an einem vergifteten oder einfach nur idiotischen Satz falsch ist. Und vielleicht ist die Müdigkeit auch neu. Und sogar eine kollektive Müdigkeit. Die Müdigkeit einer Gruppe. Einer Gruppe, zu der ich nie gehören wollte, zu deren Bestandteil ich und viele andere aber gemacht wurden.
Diejenigen, die früher geschwiegen hatten, begannen zu sprechen. Aber ihre Sätze blieben kurz.
Die Müdigkeit, die früher kollektiv war, ist heute individuell. Damals war man müde vom Staat; heute ist man müde von sich selbst.
Die Freiheit hat die Erschöpfung nicht aufgehoben, sie hat sie privatisiert.
Reyer, Lars. 2026. Irgendwann kommt was, taz, 21.02.2026.
Meine Schwiegereltern berichteten von einem Kollegen aus dem Westen, der in den 70ern zu Besuch kam und fand, dass in der DDR selbst die Babys grau wären. Ich habe oben von Besitz gesprochen. Ich besaß eine Platte mit Liedern vom Kleinen Prinzen. Eins davon hieß: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Menschen, die nur grauen Babys und nur müde Bürger gesehen haben, vermochten nicht mit dem Herzen zu sehen. Konnten nicht sehen, was unter der Oberfläche war und wie es dort brodelte. Bei vielen.
Die Bubble
Ich habe Eingangs erwähnt, dass mir klargeworden ist, dass es die DDR nicht gibt. Es hat jeder Ossi seine und dann gibt es noch das Gemisch vom Westen. Nun kann man sagen: „Ja, Stefan, dann ist das, was Du schilderst, eben Deine.“ Das kann man sagen, aber ich möchte doch zu bedenken geben, dass ich Ende der 80er mit ganz vielen Menschen in wirklich verschiedenen Kontexten zusammengekommen bin. Das ist – verglichen mit allem, was bei mir danach kam und vielleicht auch heute an Blasenbildung üblich ist – ein wirklich großer Querschnitt der DDR-Bevölkerung gewesen. Ich zähle einfach mal ein paar Dinge auf:
- Großeltern in Jena und Wittenberg aus verschiedenen Milieus
- Armeezeit: sechs Monate unter Unteroffiziersschülern (hauptsächlich mit Abitur aus allen Landesteilen) zweieinhalb Jahre Unteroffizier auf Zeit mit Soldaten und Unteroffizieren aus allen Landesteilen und Bevölkerungsschichten. Ich war sowohl mit Soldaten als auch mit Unteroffizieren befreundet. Das ging in Kamenz, weil der Druck da nicht so hoch war, wie anderswo. Auch Gespräche mit Offiziersschülern, auch solchen, die abgekeult haben = nachträglich festgestellt hatten, dass sie nicht länger als notwendig in der NVA dienen wollten
- Kontakte in die Kulturszene: Musik, Theater, Weimar, Berlin, Dresden
- Volkshochschule in Kamenz Russischkurs für die Vorbereitung auf die Uni
- Ich war beim Sport (Karate bei Berlin-Chemie) und bin auch da mit Menschen aus anderen Kreisen zusammengekommen.
Ich denke, ich war mit 21 zur Wende auch noch jung, aber ich habe doch schon viel mehr mitbekommen, als die Vier- bzw. Zwölfjährigen. Und viel besessen! Ich hätte nie gedacht, dass ich mal mit meinem Besitz angeben würde. Aber hier: Das war meins. Es hat 6600 Mark gekostet und das sind nach heutigen Maßstäben fast 20.000 Brote. Und dann hatte ich noch eine BX20 mit Objektiv. Aber keine Hosen. Die gab es in meiner Größe nicht.
Bild von HMK-Stereo-Anlage mit Tangentialarm-Plattenspieler
Zusammenfassung
Die Zusammenfassung hatte ich eigentlich schon 1989 während meiner Militärzeit in Kamenz geschrieben: Bei mir waren die Menschen nicht müde. Sie haben gelächelt und sind gegangen:
Kamenz 12.01.89
Einer nimmt den Zirkus ernst. Sitzt unbeweglich, starr auf der harten Sitzbank. Er denkt an nichts, als daran, korrekte Haltung zu bewahren. Streicht die blaugrüne Jacke glatt und überprüft den Sitz seines Ordens. Rings die Leute lächeln, in ihre eigenen Gedanken versunken. Die Manege ist leer. Es ist ruhig. Man ist ruhig. Nach einiger Zeit verlassen die Leute einzeln das Zirkuszelt. Der Mann mit dem Orden ist der letzte.
Und sie waren in ihre eigenen Gedanken versunken! Individuen, die gelächelt haben. Und sie haben nicht mitgemacht. Sie sind gegangen. Aus der Manege. Nicht aus dem Land oder dem Leben. Sie wussten: „Da kommt was!“
Ich denke, in diesem kurzen Text ist alles drin.
Quellen
Beck, Wolfgang. 2023. Alles hat ein Ende – auch die Marktwirtschaft. Wolfgang Beck, der letzte Betriebsdirektor des VEB Elektromotorenwerk Wernigerode (Elmo), erzählt von der Planwirtschaft und dem wirtschaftlichen Ab- und Aufbruch nach 1990 (Rohnstock Biografien). Arnstadt: THK-Verlag.
Böttcher, Sabine. 2022. Gesundheit und Gesundheitsversorgung in der DDR. Lange Wege der deutschen Einheit. Bundeszentrale für politische Bildung. (https://www.bpb.de/themen/deutsche-einheit/lange-wege-der-deutschen-einheit/505032/gesundheit-und-gesundheitsversorgung-in-der-ddr/)
Hoyer, Katja. 2023. Diesseits der Mauer: Eine neue Geschichte der DDR 1949–1990. Hamburg: Hoffmann und Campe.
Stephan, Helga & Wiedemann, Eberhard. 1990. Lohnstruktur und Lohndifferenzierung in der DDR Ergebnisse der Lohndatenerfassung vom September 1988. Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 23(4). 550–562. (https://doku.iab.de/mittab/1990/1990_4_MittAB_Stephan_Wiedemann.pdf)