Müde oder aufgekratzt? Und mit warmem Bier?

Lars Rey­er, gebo­ren 1977 in der Nähe von Zwi­ckau, hat eine neue The­se über den Osten (und den Wes­ten): Wir waren müde. Sein Auf­satz in der taz mit dem Titel „Irgend­wann kommt was“ ist gut geschrie­ben, aber man­che Din­ge gefal­len mir nicht.

Viele DDRen

Lars Rey­er war zur Wen­de 12, ich war zur Wen­de 21. Mir ist ja beim Lesen von Kat­ja Heu­er (2023) klar gewor­den, dass man nicht von der DDR spre­chen darf. Es gab vie­le DDRen. Ein­mal zeit­lich mit der ent­spre­chend aus­ge­rich­te­ten Poli­tik. Pha­sen der Ent­span­nung und Anspan­nung. Und dann gab es indi­vi­du­ell ganz unter­schied­li­che Erfah­run­gen. Und es gab loka­le Unterschiede. 

Müdigkeit

Rey­er schreibt:

Die DDR in ihrem End­sta­di­um war ein Land, des­sen Müdig­keit und Ver­fall auf die in ihm leben­den Men­schen abfärb­te, die ihrer­seits müde und ver­fal­len durch den Tag schwapp­ten, der ein Tag war, des­sen Ende man her­bei­sehn­te, aber nie­mals wirk­lich erwartete.

Die­se Müdig­keit war kei­ne indi­vi­du­el­le, kei­ne psy­cho­lo­gi­sche, son­dern eine struk­tu­rel­le Müdig­keit. Sie war nicht Aus­druck von Faul­heit oder Träg­heit, son­dern das Ergeb­nis eines jahr­zehn­te­lan­gen Umgangs mit For­de­run­gen, die ihrer­seits ent­we­der aus Unter- oder Über­for­de­run­gen bestan­den; eines Lebens unter Bedin­gun­gen, die jedes Ver­spre­chen auf Zukunft ent­wer­te­ten, ehe es aus­ge­spro­chen war. Viel­leicht, so könn­te man sagen, war die­se Gesell­schaft eine, die das Prin­zip Hoff­nung durch das Prin­zip Erschöp­fung ersetzt hat­te. Der Mensch, die­ser geschun­de­ne, vom Pro­duk­ti­ons­plan genorm­te Orga­nis­mus, war im Grun­de nichts ande­res als eine wan­deln­de Soll­grö­ße. Sei­ne Funk­ti­on bestand dar­in, zu funktionieren.

Rey­er, Lars. 2026. Irgend­wann kommt was, taz, 21.02.2026.

Jetzt also Müdig­keit. Eine neue The­se über den Osten. Ich stim­me mit Rey­er über­haupt nicht über­ein. Das ist sicher auf den Alters­un­ter­schied zurück­zu­füh­ren. Lars Rey­er berich­tet über sei­nen Vater und sein Umfeld, das müde und viel­leicht resi­gniert war. Für mich und vie­le ande­re war die Zeit in den 80er Jah­ren eine Zeit der Empö­rung aber auch der Hoff­nung. In der Sowjet­uni­on hat­te Gor­bat­schow über­nom­men. Glas­nost und Pere­stroi­ka zogen ein. Das war auch in den Medi­en dort wahr­nehm­bar und schwappt zum Teil auch in die klei­ne DDR. In der sowje­ti­schen Polit­zeit­schrift Neue Zeit, die es auch in der DDR gab, stan­den uner­hör­te Din­ge. Der Sput­nik wur­de ver­bo­ten, Num­mern der Neu­en Zeit nicht aus­ge­lie­fert. In den Stu­dio­ki­nos der DDR waren Fil­me wie Vogel­scheu­che zu sehen (1983 in der SU, 1987 dann end­lich in der DDR), die der sowje­ti­schen Gesell­schaft ihr Bild vor Augen hiel­ten in Form vom Umgang von Kin­dern unter­ein­an­der. Unglaub­lich! Jadup und Boel kam 1988 in die Kinos. Ein sehr kri­ti­scher Film, der von 1980 bis dahin im Eis­schrank gele­gen hatte.

Die Men­schen äußer­ten ihren Unmut immer offe­ner. Der Wahl­be­trug bei den Kom­mu­nal­wah­len im Mai wur­de 1989 von kirch­lich orga­ni­sier­ten Grup­pen zum ers­ten Mal nach­ge­wie­sen. Mei­ne Schwes­ter war bei Aus­zäh­lun­gen in Wahl­lo­ka­len dabei. An jedem sieb­ten des Monats ver­sam­mel­ten sich Oppo­si­tio­nel­le an der Welt­zeit­uhr am Alex. Beim Sport in der Woche vor dem 7. Okto­ber, dem 40. Jah­res­tag der DDR, bei dem am Alex­an­der­platz demons­triert und pro­tes­tiert wer­den wür­de, sag­te ich zu den ande­ren: Da kommt was!

Es gab gedul­de­te Unter­grund­mu­sik mit kri­ti­schen Tex­ten. (Punk, die ande­ren Bands) 

San­dow offen staats­kri­tisch mit „Wir kön­nen bis an unse­re Gren­zen geh’n / Hast du schon mal drü­ber hin­weg geseh’n / Wir bau­en auf und tape­zi­ern nicht mit.“ Der Tape­zier-Vers war die Fusi­on von Hon­eckers Lieb­lings­lied „Bau auf, bau auf, Freie Deut­sche Jugend bau auf!“ und dem Spruch: „Wür­den Sie, neben­bei gesagt, wenn Ihr Nach­bar sei­ne Woh­nung neu tape­ziert, sich ver­pflich­tet füh­len, Ihre Woh­nung eben­falls neu zu tape­zie­ren?“, der von Hon­ecker kam und Kurt Hager zuge­schrie­ben wurde.

Auch AG Gei­ge war sehr schön. Die hat­ten den Song Zey­chen & Wun­der. Der erschien sogar noch auf ner Amiga-Platte.

Sie leb­ten in Zei­ten von Zey­chen und Wun­dern, wo sind sie hin, nie­mand sah sie gehn?
Trotz all­dem ver­blei­ben noch ein, zwei Sekun­den, viel­leicht wird ja doch noch ein PIEPS geschehen.

AG Gei­ge. 1989. Trick­beat Ami­ga. Zey­chen und Wunder

Weiß nicht, ob man dem als nicht Zen­sur-Erfah­re­ner etwas abge­win­nen kann, aber ich fin­de es großartig.

AG Gei­ge war Dada, Mul­ti­me­dia und für Funk­tio­nä­re wohl unverständlich.

Thea­ter­stü­cke, in denen man Kri­tik am Staat fin­den konn­te, wenn man genau­er hin­schau­te als die Zen­sur. In Hei­ner Mül­lers Stü­cke konn­te man auch diver­se Din­ge hin­ein- oder her­aus­le­sen. Mül­ler pro­du­zier­te zusam­men mit den Ein­stür­zen­den Neu­bau­ten beim Rund­funk der DDR Hör­spie­le. Selbst Faust und Shake­speare waren inter­es­sant. Thea­ter war für mich damals viel, viel wich­ti­ger als heu­te. Eben weil dort staats­kri­ti­sche Nach­rich­ten über­mit­telt wur­den. Damit haben die Akteu­re auch etwas bewirkt. Das funk­tio­nier­te nur, weil es Zen­sur gab und es mutig und gefähr­lich war, dage­gen auf­zu­be­geh­ren. Das ist heu­te anders. Viel­leicht wird es bald wie­der so. Oder so ähnlich.

Die gan­ze Unter­grund­kunst in Dres­den und Ber­lin (und sicher auch anders­wo). Aus­stel­lun­gen in Wohn­zim­mern. In die man nur rein­kam, wenn man vor­her auf dem Kon­zert schrä­ger Bands den Zet­tel mit­ge­nom­men hatte.

Es bro­del­te und blub­ber­te über­all. Es stank, aber das war Teil vom Ganzen.

Es war klar, dass etwas pas­sie­ren wür­de, nur nicht genau was. Wie Rey­ers Vater gesagt hat: „Da kommt was!“. Bei der Armee muss­ten wir im Juni alle die chi­ne­si­schen Pro­pa­gan­da-Fil­me sehen. Mei­ne Kum­pels waren dann auch im Okto­ber mit Schlag­stö­cken in Dres­den. Ich war zum Glück schon raus. Wie es ablief, kann man Uwe Tell­kamps Roman „Der Turm“ nach­le­sen.

Wir glaub­ten, dass wir den wei­te­ren Ver­lauf wür­den steu­ern kön­nen, wenn sich die chi­ne­si­sche Lösung ver­mei­den ließe.

Wir lagen falsch.

Wir waren … wir waren alles, nur nicht müde.

Wir waren naiv.

Lebenserwartung

„Ein Land mit einer „in Bezug auf die ent­wi­ckel­ten west­li­chen Natio­nen rela­tiv abnehmende(n) durchschnittliche(n) Lebens­er­war­tung“, wie der Sozio­lo­ge und Publi­zist Wolf­gang Eng­ler in sei­ner etwas pathe­tisch beti­tel­ten Eth­no­lo­gie „Die Ost­deut­schen, Kun­de von einem ver­lo­re­nen Land“ ganz bei­läu­fig notiert.“

Rey­er, Lars. 2026. Irgend­wann kommt was, taz, 21.02.2026.

Naja, das hört sich jetzt dra­ma­tisch an. Als wären wir alle so dahin­ge­stor­ben. Was da aber genau steht ist, dass die Lebens­er­war­tung sich nicht genau­so schnell erhöht hat wie im Wes­ten. Aber sie hat sich erhöht. Hier ist eine Abbil­dung von der Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung (Böt­cher, 2022).

Lebens­er­war­tung in der DDR und in der BRD von 1951–2010 nach (Böt­cher, 2022).

Aller­dings kann man dem Arti­kel der BPB auch ent­neh­men, dass das DDR-Gesund­heits­sys­tem zum Ende vom Wes­ten unter­stützt wur­de. Ich habe als Jugend­li­cher selbst West-Medi­ka­men­te bekom­men, nach­dem die For­mu­la­re von zwei Ärz­ten unter­schrie­ben wor­den waren.

Warmes Bier

Unter einem Bild des Autors steht: „Man saß nach der Früh­schicht in den Gär­ten, rede­te wenig, trank Bier aus lau­war­men Flaschen.“

Ich hielt das erst für eine neue Vari­an­te von Anne Rabes Geschich­ten dar­über, dass in der DDR nie­mand eine Wasch­ma­schi­ne beses­sen habe. Jetzt also: Wir hat­ten kei­ne Kühl­schrän­ke. Ich ken­ne nie­man­den, der kei­nen Kühl­schrank hat­te. Wir hat­ten sogar eine Tiefkühltruhe.

In der Dis­kus­si­on auf Mast­o­don habe ich dann erfah­ren, dass es man­cher­orts üblich ist, war­mes Bier zu trin­ken. In Thü­rin­ger Gast­stät­ten gab es sogar Tauch­sie­der, um das Bier auf­zu­wär­men, wenn es zu kalt war. Wie dem auch sei: Mir ist unklar, war­um die Tem­pe­ra­tur für den rest­li­chen Arti­kel dann rele­vant sein soll und war­um der Autor die­sen Umstand erwähnt hat.

Unse­re Kühl­schrän­ke waren übri­gens von der Fir­ma DKK (Foron), die als ers­te FCKW-freie Kühl­schrän­ke her­ge­stellt haben, dann aber von west­deut­schen Fir­men mit Kam­pa­gnen platt gemacht wurden.

Befindlichkeiten. Leere?

Ein Rück­zug auf das Ich, das einen, wenn man genau hin­hör­te, nur all­zu oft zurück anschwieg.

Rey­er, Lars. 2026. Irgend­wann kommt was, taz, 21.02.2026.

Viel­leicht. Vie­le. Aber nicht alle.

Wir haben ja Lyrik gemacht und unser selbst gedruck­tes Heft hieß Befind­lich­kei­ten. Wir haben in uns hin­ein­ge­hört. Genau. Aber unse­re Ichs haben nicht geschwie­gen. Sie haben geschrien.

Und woher will er wis­sen von der Lee­re? Wenn alle geschwie­gen hät­ten, woher will er dann wis­sen, dass sie auch von ihrem Selbst ange­schwie­gen wurden? 

Die Ein­stür­zen­den Neu­bau­ten aus West-Ber­lin dage­gen waren leer. Ohne Angst:

Wir sind leer / Glaub mir
Wir sind leer
Die Zeit hat ihre Kin­der längst gefres­sen
Und sie ist satt
Komm her komm mit
Sieh zu wie die Zeit
Zer­fällt vor unsern Augen
Komm her komm mit
Wir sind leer – ohne Angst
Wir sind leer
End­gül­tig / voll­stän­dig / leer
Abstieg & Zerfall

Ein­stür­zen­de Neu­bau­ten. 1981. Abstieg und Zer­fall, Kollaps.

Wir waren voll. Und ohne Angst. Viel­leicht waren wir naiv. Viel­leicht hät­ten wir Angst haben sol­len, aber in den 80ern hat­ten wir kei­ne. Mei­ne Schwie­ger­el­tern berich­te­ten von den 50er Jah­ren. Wenn vor dem Haus eine Auto­tür klapp­te, hat­ten sie Angst, abge­holt zu wer­den, denn in ihrer Umge­bung hat­te kei­ner ein Auto. In den 80er Jah­ren hat­ten vie­le eins und wir hat­ten kei­ne Angst mehr, abge­holt zu wer­den. Ich habe vor kur­zem mei­ne Sta­si­ak­te erneut ange­for­dert und habe die Aus­kunft erhal­ten, dass ich erfasst wur­de. Ich weiß aber noch nicht wes­halb. Ich habe damals schon immer zu allen gesagt, dass man davon aus­ge­hen muss, dass immer einer dabei ist, es wäre bit­ter, wenn es jemand war, der mir wich­tig war.

Diese unheimliche Armut! Wieder.

Rey­er kann viel bes­ser for­mu­lie­ren als Anne Rabe, die von einer „tasäch­li­chen Armut“ gespro­chen hat (sie­he Anne Rabe, die Prü­gel­stra­fe und Jugend­werk­hö­fe und die unglaub­li­che „tat­säch­li­che Armut“ in der DDR), aber wahr wer­den sei­ne Aus­sa­gen dadurch auch nicht. Er behaup­tet doch tat­säch­lich, dass wir nichts als unse­re Kör­per beses­sen hätten:

Denn der eige­ne Kör­per war das Ein­zi­ge, was in die­sem Land wirk­lich einem selbst gehör­te – und selbst das nur bedingt.

Rey­er, Lars. 2026. Irgend­wann kommt was, taz, 21.02.2026.

Viel­leicht war das ja Spaß. Oder lite­ra­risch über­höht. Wenn, ja, hab ich’s nicht mit­be­kom­men. Tut mir Leid.

Also: Es ist falsch: Wir hat­ten Bücher. Vie­le! Und gute! Auch von west­li­chen Autor*innen und Klas­si­ker natür­lich auch. Wir hat­ten Schall­plat­ten. Aus­’m Osten und aus dem Wes­ten (Lizenz­pres­sun­gen und Plat­ten aus Ungarn und der CSSR). Wir hat­ten Kas­set­ten mit Auf­nah­men von den Plat­ten, die wir anders nicht krie­gen konn­ten. Im DDR-Radio wur­den West-Plat­ten zum Mit­schnei­den gesen­det. Wir hat­ten Radi­os mit West­mu­sik. Wir hat­ten Ton­bän­der, Kas­set­ten­re­cor­der, Plat­ten­spie­ler. Wir hat­ten Fahr­rä­der, zwar nicht so toll wie die im Wes­ten und gar nicht zu ver­glei­chen mit denen von heu­te, aber die fuh­ren auch. Ich habe 150km-Tou­ren damit gemacht.

Man­che hat­ten Grund­stü­cke mit Häu­sern oder klei­nen Gär­ten, man­che hat­ten Autos. Doch wirk­lich! Der Autor zeigt ja selbst ein Bild sei­nes Vaters in einem Gar­ten vor einem Bun­ga­low und spricht von Gär­ten in der Mehr­zahl. Man­che die­ser Gär­ten waren gepach­tet, man­che aber auch gekauft.

Mein Groß­va­ter war Koch in der Betriebs­kan­ti­ne des Stick­stoff­werks in Piesteritz. Mei­ne Oma war Zim­mer­mäd­chen und dann Ker­zen­ma­che­rin in einem Indus­trie­be­trieb in Wit­ten­berg (Wit­tol). Also kein geho­be­nes Bür­ger­tum, son­dern ganz nor­ma­le Leu­te. Sie wohn­ten in einer soli­den Zwei­zim­mer­woh­nung mit Wasch­ma­schi­ne und Kühl­schrank. Hat­ten einen Klein­gar­ten, zeit­wei­se sogar zwei, und ab 1968 einen Trab­bi und spä­ter einen Moskwitsch in einer eige­nen Gara­ge. Mein ande­rer Groß­va­ter war Inge­nieur bei Zeiss. Er hat­te einen Pol­ski-Fiat (auch mit Gara­ge). Er wohn­te in einer Zwei­zim­mer­woh­nung in der Allee der Kos­mo­nau­ten in Jena. Mei­ne Eltern waren bei­de Wis­sen­schaft­ler. Sie hat­ten einen Lada und auch einen Gar­ten in der Nähe von Ebers­wal­de. Man muss­te lan­ge auf ein Auto war­ten, und als ich klein war, ist mein Vater immer mit der Bahn von Ber­lin nach Wit­ten­berg zu mei­nem Groß­va­ter gefah­ren und hat deren Auto geborgt, mit dem wir dann in den Urlaub gefah­ren sind, aber uns gehör­te doch wesent­lich mehr als unse­re Körper.

Rey­er schreibt von der Früh­schicht, nach der sein Vater im Gar­ten saß und Bier trank. Schicht­ar­bei­ter haben Schicht­zu­schlä­ge bekom­men. Hier sind die Gehäl­ter aus einer Stu­die mit 2,4 Mio Beschäf­tig­ten aus dem Jahr 1988. Ste­phan & Wie­demann (1990) berich­ten detail­liert dar­über, wie sich die Löh­ne zusam­men­ge­setzt haben und wie sich Net­to vom Brut­to unter­schied. Als Schichtarbeiter*in bekam man teil­wei­se hohe Zula­gen. HF-Kader waren die Studierten.

Ich weiß nicht, was genau der Vater des Autors gear­bei­tet hat, aber ich kann mir vor­stel­len, dass man in einer Fami­lie mit vier Kin­dern (falls es nicht ande­re Ver­wand­te oder Bekann­te waren, die in der 55 km²-Woh­nung wohn­ten) nicht viel Geld übrig hat. Aller­dings gab es für kin­der­rei­che Fami­li­en auch För­de­rung vom Staat. Mit­te der 80er sogar schon ab drei Kin­dern. Wir haben wel­che bekom­men. Und als Stu­dent konn­te man von 200 M Sti­pen­di­um leben, wenn also bei­de Eltern­tei­le gear­bei­tet haben, dann müss­te auch Geld für Geschen­ke dage­we­sen sein.

Und mit dem Kör­per, ja, das war bedingt, denn man wur­de zu allem Mög­li­chen gezwun­gen. Zum Bei­spiel zum Wehr­dienst. Und schon vor­her zu para­mi­li­tä­ri­scher Aus­bil­dung in der Schule.

Der kaputte Sozialismus

Der Sozia­lis­mus, so wie er sich in den spä­ten Acht­zi­ger­jah­ren in der DDR zeig­te, war gewis­ser­ma­ßen das poli­ti­sche Äqui­va­lent einer stur am Lau­fen gehal­te­nen Indus­trie­bra­che. Alles pfiff auf dem letz­ten Loch, die Kes­sel dampf­ten und zisch­ten und stan­den kurz vorm Zer­bers­ten, aber irgend­wo fand sich immer unver­hofft ein Werk­stoff, den man zum Ersatz­teil umfunk­tio­nie­ren konn­te. Irgend­je­mand fand am Schluss doch immer ein Ven­til, um den Druck wie­der abzu­las­sen. Die Kes­sel explo­dier­ten vor­erst nicht.

Rey­er, Lars. 2026. Irgend­wann kommt was, taz, 21.02.2026.

Ja, ich habe ja vor 1986 diver­se Betrie­be besich­tigt. Toll, war’s nicht. In der Armee­zeit war ich in Espen­hain. Das war ein Braun­koh­le­kraft­werk, was aber auf Ver­schleiß gefah­ren wor­den war. Kaputt. An vie­len Stel­len. Und die abso­lu­te Öko­ka­ta­stro­phe. Die Anwohner*innen lit­ten an Atem­wegs­er­kran­kun­gen und Ekzemen.

Ich habe von mei­nen Betriebs­be­sich­ti­gun­gen schon in dem Blog-Post geschrie­ben, in dem es um den Natio­nal­stolz ging, den die SED-Funktionär*innen bei uns ent­facht haben sol­len (sie­he „His­to­ri­sche Ursa­chen der Frem­den­feind­lich­keit in den neu­en Bun­des­län­dern“: Kom­men­ta­re zu einem Auf­satz von Patri­ce G. Pou­trus, Jan C. Beh­rends und Den­nis Kuck). Das funk­tio­nier­te zum Ende der DDR nur noch bei 100%igen wie Patri­ce Pou­truce sel­ber, der war schließ­lich haupt­amt­li­cher FDJ-Chef eines Betriebes.

Es gab eini­ge mehr oder wenig gut funk­tio­nie­ren­de Betrie­be. Das VEB Elek­tro­mo­to­ren­werk Wer­ni­ge­ro­de (Elmo) gehör­te dazu. Wolf­gang Beck, der letz­te Betriebs­di­rek­tor hat dar­über in sei­nem Buch berich­tet (Beck 2023). Auch wie man mit­un­ter mit Devi­sen Mate­ri­al beschaf­fen muss­te. Und dar­über, was pas­sier­te, wenn man kei­ne Arbeits­kräf­te mehr hat­te, weil es eine Amnes­tie gab.

Letzt­end­lich dürf­te der CSU-Mann Strauß die DDR mit Hil­fe eines Mil­li­ar­den­kre­dits noch ein paar Jähr­chen über das eigent­li­che Ende hin­aus am Leben gehal­ten haben.

Warten, aber worauf?

Denn da (und obwohl) alles ein­ge­rich­tet und alles gere­gelt war, ahn­te man, dass es nicht mehr lan­ge so wei­ter­ge­hen konn­te, weil alles Ein­ge­rich­te­te und alles Gere­gel­te wie ein unend­lich andau­ern­des Pro­vi­so­ri­um erschien. Es war eine Zeit des War­tens – wor­auf, das wuss­te nie­mand so genau.“

Rey­er, Lars. 2026. Irgend­wann kommt was, taz, 21.02.2026.

Natür­lich wuss­ten wir, wor­auf wir war­te­ten. Auf Glas­nost und Perestroika.

Die Band Gefah­ren­zo­ne aus Saal­feld rich­te­te sogar ein Lied an Gor­bat­schow und wur­de dann prompt von der Sta­si zer­setzt. Aber die Tapes waren im Umlauf. Ich bekam es von einem Freund, des­sen Opa beim ZK war. So war das.

Sie san­gen: „Genos­se Gor­bat­schow, wo gehen Sie hin? Wir brau­chen genau sol­che Refor­men wie Sie in der UdSSR.“

Gefah­ren­zo­ne wur­de übri­gens, genau wie alle ande­ren oben erwähn­ten Bands, im DDR-Radio gespielt. Man mag es kaum glau­ben. Lutz Schramm hat sie im Parock­ti­kum gespielt. Man kann im Parock­ti­kum-Wiki selbst in Play­lists suchen.

Air­ti­me bei Parock­ti­kum 1987–1989 für die Saal­fel­der Band Gefah­ren­zo­ne, gegen die ein Ope­ra­ti­ver Vor­gang bei der Sta­si lief. 

Erzählen in kurzen Sätzen

Und so begann, im Rück­blick, ein fie­ber­haf­tes Nach­ho­len von Geschich­ten, ein Erzäh­len, das manch­mal an Selbst­recht­fer­ti­gung grenz­te. Die Müdig­keit wich der Erzäh­lung – aber in der Erzäh­lung blieb sie als Schatten.

Rey­er, Lars. 2026. Irgend­wann kommt was, taz, 21.02.2026.

Das ist per­fi­de. Die, die nicht ein­fach nach der Wen­de ver­stummt sind, ver­su­chen etwas gegen den Main­stream zu set­zen. In kur­zen Sät­zen. In vie­len kur­zen Sät­zen. Wie Danie­la Dahn anmerk­te. Man braucht ein gan­zes Kapi­tel, nur um zu zei­gen, was an einem ver­gif­te­ten oder ein­fach nur idio­ti­schen Satz falsch ist. Und viel­leicht ist die Müdig­keit auch neu. Und sogar eine kol­lek­ti­ve Müdig­keit. Die Müdig­keit einer Grup­pe. Einer Grup­pe, zu der ich nie gehö­ren woll­te, zu deren Bestand­teil ich und vie­le ande­re aber gemacht wurden.

Die­je­ni­gen, die frü­her geschwie­gen hat­ten, began­nen zu spre­chen. Aber ihre Sät­ze blie­ben kurz.

Die Müdig­keit, die frü­her kol­lek­tiv war, ist heu­te indi­vi­du­ell. Damals war man müde vom Staat; heu­te ist man müde von sich selbst.

Die Frei­heit hat die Erschöp­fung nicht auf­ge­ho­ben, sie hat sie privatisiert.

Rey­er, Lars. 2026. Irgend­wann kommt was, taz, 21.02.2026.

Mei­ne Schwie­ger­el­tern berich­te­ten von einem Kol­le­gen aus dem Wes­ten, der in den 70ern zu Besuch kam und fand, dass in der DDR selbst die Babys grau wären. Ich habe oben von Besitz gespro­chen. Ich besaß eine Plat­te mit Lie­dern vom Klei­nen Prin­zen. Eins davon hieß: „Man sieht nur mit dem Her­zen gut“. Men­schen, die nur grau­en Babys und nur müde Bür­ger gese­hen haben, ver­moch­ten nicht mit dem Her­zen zu sehen. Konn­ten nicht sehen, was unter der Ober­flä­che war und wie es dort bro­del­te. Bei vielen.

Die Bubble

Ich habe Ein­gangs erwähnt, dass mir klar­ge­wor­den ist, dass es die DDR nicht gibt. Es hat jeder Ossi sei­ne und dann gibt es noch das Gemisch vom Wes­ten. Nun kann man sagen: „Ja, Ste­fan, dann ist das, was Du schil­derst, eben Dei­ne.“ Das kann man sagen, aber ich möch­te doch zu beden­ken geben, dass ich Ende der 80er mit ganz vie­len Men­schen in wirk­lich ver­schie­de­nen Kon­tex­ten zusam­men­ge­kom­men bin. Das ist – ver­gli­chen mit allem, was bei mir danach kam und viel­leicht auch heu­te an Bla­sen­bil­dung üblich ist – ein wirk­lich gro­ßer Quer­schnitt der DDR-Bevöl­ke­rung gewe­sen. Ich zäh­le ein­fach mal ein paar Din­ge auf:

  • Groß­el­tern in Jena und Wit­ten­berg aus ver­schie­de­nen Milieus 
  • Armee­zeit: sechs Mona­te unter Unter­of­fi­ziers­schü­lern (haupt­säch­lich mit Abitur aus allen Lan­des­tei­len) zwei­ein­halb Jah­re Unter­of­fi­zier auf Zeit mit Sol­da­ten und Unter­of­fi­zie­ren aus allen Lan­des­tei­len und Bevöl­ke­rungs­schich­ten. Ich war sowohl mit Sol­da­ten als auch mit Unter­of­fi­zie­ren befreun­det. Das ging in Kamenz, weil der Druck da nicht so hoch war, wie anders­wo. Auch Gesprä­che mit Offi­ziers­schü­lern, auch sol­chen, die abge­keult haben = nach­träg­lich fest­ge­stellt hat­ten, dass sie nicht län­ger als not­wen­dig in der NVA die­nen wollten
  • Kon­tak­te in die Kul­tur­sze­ne: Musik, Thea­ter, Wei­mar, Ber­lin, Dresden
  • Volks­hoch­schu­le in Kamenz Rus­sisch­kurs für die Vor­be­rei­tung auf die Uni
  • Ich war beim Sport (Kara­te bei Ber­lin-Che­mie) und bin auch da mit Men­schen aus ande­ren Krei­sen zusammengekommen.

Ich den­ke, ich war mit 21 zur Wen­de auch noch jung, aber ich habe doch schon viel mehr mit­be­kom­men, als die Vier- bzw. Zwölf­jäh­ri­gen. Und viel beses­sen! Ich hät­te nie gedacht, dass ich mal mit mei­nem Besitz ange­ben wür­de. Aber hier: Das war meins. Es hat 6600 Mark gekos­tet und das sind nach heu­ti­gen Maß­stä­ben fast 20.000 Bro­te. Und dann hat­te ich noch eine BX20 mit Objek­tiv. Aber kei­ne Hosen. Die gab es in mei­ner Grö­ße nicht.

Bild von HMK-Ste­reo-Anla­ge mit Tangentialarm-Plattenspieler

Zusammenfassung

Die Zusam­men­fas­sung hat­te ich eigent­lich schon 1989 wäh­rend mei­ner Mili­tär­zeit in Kamenz geschrie­ben: Bei mir waren die Men­schen nicht müde. Sie haben gelä­chelt und sind gegangen:

Kamenz 12.01.89
Einer nimmt den Zir­kus ernst. Sitzt unbe­weg­lich, starr auf der har­ten Sitz­bank. Er denkt an nichts, als dar­an, kor­rek­te Hal­tung zu bewah­ren. Streicht die blau­grü­ne Jacke glatt und über­prüft den Sitz sei­nes Ordens. Rings die Leu­te lächeln, in ihre eige­nen Gedan­ken ver­sun­ken. Die Mane­ge ist leer. Es ist ruhig. Man ist ruhig. Nach eini­ger Zeit ver­las­sen die Leu­te ein­zeln das Zir­kus­zelt. Der Mann mit dem Orden ist der letzte.

Und sie waren in ihre eige­nen Gedan­ken ver­sun­ken! Indi­vi­du­en, die gelä­chelt haben. Und sie haben nicht mit­ge­macht. Sie sind gegan­gen. Aus der Mane­ge. Nicht aus dem Land oder dem Leben. Sie wuss­ten: „Da kommt was!“

Ich den­ke, in die­sem kur­zen Text ist alles drin.

Quellen

Beck, Wolf­gang. 2023. Alles hat ein Ende – auch die Markt­wirt­schaft. Wolf­gang Beck, der letz­te Betriebs­di­rek­tor des VEB Elek­tro­mo­to­ren­werk Wer­ni­ge­ro­de (Elmo), erzählt von der Plan­wirt­schaft und dem wirt­schaft­li­chen Ab- und Auf­bruch nach 1990 (Rohn­stock Bio­gra­fien). Arn­stadt: THK-Verlag.

Bött­cher, Sabi­ne. 2022. Gesund­heit und Gesund­heits­ver­sor­gung in der DDR. Lan­ge Wege der deut­schen Ein­heit. Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung. (https://www.bpb.de/themen/deutsche-einheit/lange-wege-der-deutschen-einheit/505032/gesundheit-und-gesundheitsversorgung-in-der-ddr/)

Hoyer, Kat­ja. 2023. Dies­seits der Mau­er: Eine neue Geschich­te der DDR 1949–1990. Ham­burg: Hoff­mann und Campe.

Ste­phan, Hel­ga & Wie­demann, Eber­hard. 1990. Lohn­struk­tur und Lohn­dif­fe­ren­zie­rung in der DDR Ergeb­nis­se der Lohn­da­ten­er­fas­sung vom Sep­tem­ber 1988. Mit­tei­lun­gen aus der Arbeits­markt- und Berufs­for­schung 23(4). 550–562. (https://doku.iab.de/mittab/1990/1990_4_MittAB_Stephan_Wiedemann.pdf)