Schmulchen Schievelbeiner, (Wilhelm Buschs) Antisemitismus und die DDR

Im Zusam­men­hang mit Der Ossi und der Holo­caust habe ich neu­lich noch ein­mal in das Buch Völ­ker­mord statt Holo­caust: Jude und Juden­bild im Lite­ra­tur­un­ter­richt der DDR von Mat­thi­as Krauß geguckt. Der Autor gibt sei­ner Ver­wun­de­rung dar­über Aus­druck, dass in einem Wil­helm-Busch-Buch in der Geschich­te von Plisch und Plum die fol­gen­den anti­se­mi­ti­schen Sät­ze auf­tau­chen und auch eine Kari­ka­tur eines Juden nach Stür­mer-Art zu sehen ist.

Kurz die Hose, lang der Rock
Krumm die Nase und der Stock
Augen schwarz und See­le grau
Hut nach hin­ten, Mie­ne schlau
So ist Schmul­chen Schievelbeiner.
(Schö­ner ist doch unsereiner!)

Wil­helm Busch, Plisch und Plum, Gesam­mel­te Wer­ke. Braun­schweig: Ideen­brü­cke. 2016.

Krauß konn­te sich nicht an die­se anti­se­mi­ti­schen Pas­sa­gen erin­nern, obwohl er die Busch­ge­schich­ten alle sehr gut kann­te. Sei­ne Nach­for­schun­gen erga­ben, dass zwar der Kin­der­buch­ver­lag der DDR 1962 ein gro­ßes Wil­helm-Busch-Buch auf­ge­legt hat­te, dass aber Plisch und Plum nur sechs Kapi­tel ent­hielt. Das fünf­te Kapi­tel war gestri­chen und das sie­ben­te zum sechs­ten gewor­den. Die Kin­der in der DDR wur­den mit den Wer­ken Wil­helm Buschs aber ohne sei­ne anti­se­mi­ti­schen Kli­schees groß.

Im Wiki­pe­dia-Arti­kel zu Wil­helm Busch kann man alle mög­li­chen Erklä­run­gen dafür fin­den, war­um das ganz nor­mal gewe­sen sei. Es sei­en ja auch nur weni­ge anti­se­mi­ti­sche Pas­sa­gen gewe­sen. Ich den­ke, was Buschs Anti­se­mi­tis­mus angeht, gibt es kein Ver­tun, denn auch in Die from­me Hele­ne gibt es eine ein­deu­ti­ge Passage:

Und der Jud mit krum­mer Fer­se,
Krum­mer Nas und krum­mer Hos
Schlän­gelt sich zur hohen Bör­se,
Tief­ver­derbt und seelenlos. –

Schwei­gen will ich von Loka­len,
Wo der Böse nächt­lich praßt,
Wo im Kreis der Libe­ra­len
Man den Heil­gen Vater haßt. –

Wil­helm Busch, Die from­me Hele­ne. Gesam­mel­te Wer­ke. Braun­schweig: Ideen­brü­cke, 2016.

Aber selbst wenn man gewillt ist, das hin­zu­neh­men, bleibt doch die Tat­sa­che, dass nach Buschs Tod 1908 der Holo­caust statt­ge­fun­den hat­te, in dem 6 Mil­lio­nen Juden sys­te­ma­tisch ermor­det wur­den. Vor die­sem Hin­ter­grund soll­te man sich doch über­le­gen, ob man anti­se­mi­ti­sche Ste­reo­ty­pe wei­ter ver­brei­tet. Dass das in der DDR nicht geschah, hal­te ich für richtig.

In der Dis­kus­si­on auf Mast­o­don merk­te jemand an, dass es nicht rich­tig sei, die Kapi­tel ein­fach zu löschen. Viel­mehr sei ein Vor­wort mit einer his­to­ri­schen Ein­ord­nung ange­mes­sen. Ich hal­te das für falsch, denn wir spre­chen ja hier nicht über Mein Kampf und his­to­risch inter­es­sier­te Leser*innen, son­dern über Bil­der­ge­schich­ten auch für Kin­der und über sol­che Geschich­ten wer­den eben Ste­reo­ty­pe ver­brei­tet. Ich habe mir das eBook von Busch gekauft und dar­in gibt es kein Vor­wort oder Nach­wort. Es ist der pure Busch plus eine Fuß­no­te, die aber nichts mit Anti­se­mi­tis­mus zu tun hat. Die from­me Hele­ne ist auch in Das Bes­te von Wil­helm Busch von Reclam abge­druckt. Im Impres­sum des eBooks steht 1988, 2007, 2020. Im Nach­wort steht zur from­men Hele­ne, zu Juden, zu Anti­se­mi­tis­mus: nichts.

Antisemitismus im Ostblock

Mei­ne „Lieb­lings­au­torin“ Anne Rabe schreibt zum Anti­se­mi­tis­mus in der DDR:

Auch waren Anti­se­mi­tis­mus und Natio­na­lis­mus wich­ti­ge Bestand­tei­le der sowje­ti­schen und real­so­zia­lis­ti­schen Ideologie.

Rabe, Anne. 2023. Die Mög­lich­keit von Glück, Klett-Cot­ta. S. 271

Kürz­lich konn­te man in einem lan­gen Bei­trag von Mari­na Klim­chuk in der taz lesen, dass es in der ukrai­ni­schen Lokal­pres­se in Riw­ne in den 90ern noch Juden­wit­ze gab. Anti­se­mi­ti­sche Kari­ka­tu­ren oder Wit­ze gab es in der DDR-Pres­se nicht. Es wur­den nicht nur kei­ne neu­en pro­du­ziert, ja, auch die alten wie die von Busch wur­den nicht wei­ter verbreitet.

Quellen

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