Dass ich das Buch Die Möglichkeit von Glück für einen Skandal halte, habe ich ja schon in diversen Posts hier und in einem Artikel in der Berliner Zeitung kundgetan (siehe die Übersichtsseite zu Anne Rabe). Anne Rabes neues Buch über Moral wollte ich deshalb gar nicht lesen. Nun bin ich aber über Mastodon auf den Denkangebot-Podcast von Katharina Nocun aufmerksam geworden, in dem sie mit Anne Rabe über Moral, den Osten und die AfD spricht. Das Interview hat mir recht gut gefallen, aber es kommen wieder einige Punkte vor, die Anne Rabe seit einigen Jahren wiederholt. In leicht abgewandelter Version. Letztendlich bleibt sie bei ihren unhaltbaren Thesen über Gewalt. Sie schildert die DDR in den dunkelsten Schattierungen, die einfach nicht der Realität entsprechen. Ich diskutiere im Folgenden der Reihenfolge nach einige ihrer Aussagen.
Content-Warnung: Im folgenden Abschnitt geht es um Gewalt gegen Kinder. Es gibt teilweise explizite Schilderungen von Menschen, die in West-Deutschland Gewalt erlebt haben. Man kann diesen Abschnitt überspringen, indem man in der Gliederung oben zum nächsten Abschnitt springt.
Gewalt gegen Kinder
In der ersten kommentierungswürdigen Passage spricht sie über eine Rede von Astrid Lindgren, die diese im Jahr 1972 gehalten hat:
Wenn man das heute liest, denkt man so, na ja, gut, also es ist eine sehr schöne, sehr berührende Rede, aber die Provokation versteht man nicht mehr so ganz. Das liegt natürlich daran, dass wir heute im Gegensatz zu damals in der gesamten westlichen Welt das Recht auf gewaltfreie Erziehung durchgesetzt haben. Und ausschlaggebend war tatsächlich diese Rede. Also damals gab es noch in keinem einzigen Land das Recht auf gewaltfreie Erziehung. Und nach dieser Rede ging zuerst in Schweden eine Diskussion los, eine politische. Da wurde sie auch eingeladen und sollte mitdiskutieren. Und ein Jahr später hatte eben Schweden als erstes Land auf der ganzen Welt ein Gesetz gegen Gewalt in der Erziehung. Und alle anderen westlichen Länder folgten. Deutschland immerhin 2001.
Nocun, Katharina. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ostalgie.
Was hier fehlt, ist der Verweis auf die Lage in der SBZ/DDR, in der die Prügelstrafe an Schulen lange vor der Lindgren-Rede von 1972 abgeschafft wurde. Nämlich bereits 1945 von der sowjetischen Militäradministration (SMAD) als der Schulbetrieb wieder aufgenommen wurde. Die entsprechenden Regeln wurden bei Gründung von DDR übernommen (Wikipedia Körperstrafe), weil man Prügelstrafe, wie die viel zitierten 68er auch, für ein „Relikt inhumaner Disziplinierungsmethoden des NS-Regimes“ hielt. Man beachte auch, dass Nazi-Leher*innen nach dem Krieg nicht lehren durften. Das wurde von in Crash-Kursen ausgebildeten sogenannten Neulehrern übernommen. Ein Bruch mit der Nazi-Pädagogik wurde also, anders als im Westen, radikal vollzogen. Ich habe in Gewalterfahrungen und 1968 für den Osten darüber ausführlicher geschrieben. Im Westen hatte der Bundesgerichtshof Lehrern noch 1957 ein „generelles Gewohnheitsrecht“ zum Prügeln zugesprochen. Erst 1973 wurde das Prügeln in der Schule verboten, in Bayern gar erst 1983. Bis 1958 durfte nur Papa prügeln und im Zuge der Gleichstellung der Frauen durfte das dann auch Mama. Zu den Quellen siehe den zitierten Post. Dazu kamen Misshandlungen von Kindern in christlichen Kinderheimen. Auch dafür Quellen im Gewalt-Post.
Rabe sagt über die DDR-Schulen:
Die Aufgabe für die Eltern war es, die Kinder im Sinne des Staates zu erziehen zu sozialistischen Persönlichkeiten. Und wenn das missglückt ist, aus welchen Gründen auch immer und häufig sind ja Kinder, die Gewalt ausgesetzt sind, zum Beispiel eben Kinder, die dann nicht gut funktionieren, dann kann der Staat eingreifen und zugreifen. Und da gibt es zahlreiche Geschichten. Da sagen natürlich jetzt dann immer ganz viele, ja, aber wir haben das ja alle nicht so ernst genommen, was der Staat da gesagt hat. Und das kann auch in ganz, ganz vielen Fällen so sein. Aber dass es eben die Möglichkeit gibt, prägt einen erst mal.
Und in Diktaturen ist es eben oft willkürlich. Also nur weil der eine etwas nicht erfahren hat, heißt es nicht, dass es woanders nicht durchexerziert wurde. Wir haben eben Erziehungsinstitutionen wie Jugendwerkhöfe, brutale Arbeitslager für Kinder, all diese Dinge. Und da sind dann eben solche Geschichten wie Prügelstrafe in der Schule ist abgeschafft. Ist halt die Frage, wie entscheidend das ist, wenn ich gleichzeitig damit drohen kann, jemanden in den Arbeitsknast zu stecken. Also diese Gewichtung. Und dann ist die Frage, also ich versuche mich dem sozusagen zu nähern aus der Sicht, was sind Dinge, die haben wir identifiziert als gute Bedingungen für Gewalt? Also was sind zum Beispiel Faktoren, die wir heute versuchen auszuradieren oder wo wir versuchen, Leuten zu helfen? Und davon herrschen halt relativ viele.
Nocun, Katharina. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ostalgie.
So, so. Brutale Arbeitslager für Kinder. Die Jugendwerkhöfe waren schrecklich. Das ist klar. Es gibt Menschen mit bleibenden Schäden, die heute nicht arbeiten können, weil sie unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden.

Nur ist die Frage, wer in die Spezialheime kam. Diese waren für schwer erziehbare Kinder, wie Anne Rabe in ihrem Buch Die Möglichkeit von Glück auch selbst geschrieben hat. Bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gibt es eine Übersichtsseite zum Thema Jugendwerkhöfe. Laut dieser Seite waren in den 40 Jahren DDR 135.000 Kinder und Jugendliche in Spezialheimen (was die Jugendwerkhöfe einschließt). In diese Einrichtungen kam man aber nur, wenn man massiv verhaltensauffällig war (siehe Bundesstiftung zu Gründen, auch unakzeptablen und eigentlich gesetzeswidrigen). Im Unterschied dazu konnte man im Westen einen Tritt in den Hintern bekommen, weil man beim Wandertag zu langsam lief oder frech zum Lehrer war (siehe unten). Die Lehrer*innen waren zum Teil noch Nazi-Lehrer*innen, die auch die erprobten Methoden weiter verwendeten. Im Osten wurden die zum Großteil entlassen oder durften die ersten Jahre nach dem Krieg nicht als Lehrer*in arbeiten. In Crash-Kursen wurden so genannte Neulehrer ausgebildet. Die Kontinuität der Nazi-Pädagogik war gebrochen. 1983 war ich 15 Jahre alt. Meine Altersgenoss*innen in Bayern hätten also alle bis zur neunten Klasse verprügelt werden dürfen. Auch dazu unten mehr.
Ich kenne insgesamt drei Personen, die in einem Jugendwerkhof waren. Ein Mädchen aus meiner Schule (nachdem ich die Schule verlassen hatte). Ein Junge, den ich über meine Punkfreunde nach der Wende kennengelernt hatte und den Mann oben, den ich bei einer Klima-Veranstaltung 2023 fotografiert habe. Bei der Bundesstiftung steht Folgendes:
In Spezialheimen wurden Kinder und Jugendliche untergebracht, die als „schwer erziehbar“ galten und „deren Umerziehung in ihrer bisherigen Erziehungsumgebung trotz optimal organisierter erzieherischen Einwirkung der Gesellschaft nicht erfolgreich verlief.“ (§ 1 , Abs. 2, Anordnung über die Spezialheime der Jugendhilfe (1965). Hierunter zählte die DDR-Pädagogik alle Heranwachsenden, deren Verhaltensweisen und Leistungen im Widerspruch zu den gesellschaftlichen Forderungen standen und sich u.a. in sogenannter Disziplinlosigkeit, Verhaltensauffälligkeiten und kriminellem Verhalten niederschlugen.
[…]
Im Mai 1989 existierten 401 Normalkinderheime und 73 Spezialkinderheime. Dazu gehörten 41 Jugendwerkhöfe sowie der 1965 als Disziplinareinrichtung im System der Spezialheime eingerichtete Geschlossene Jugendwerkhof Torgau. In den Jahren 1949 bis 1990 haben etwa 495.000 Minderjährige die Heime der DDR durchlaufen; 135.000 davon die Spezialheime. Rund 6.000 Jugendliche lebten für eine gewisse Zeit im Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau.
Es gab also in der gesamten DDR-Zeit 135.000 Minderjährige in den Spezialheimen. In Wikipedia steht, dass zwischen 1968 und 1977 1,8 Minderjährige von 1000 in einem Jugendwerkhof waren. In den Jugendwerkhof kam man nur in einem Alter ab 14 Jahren. Die POS ging bis zur zehnten Klasse, das heißt, dass man im Alter von 14 bis 16 in den Jugendwerkhof kommen konnte. In meiner Schule gab es vier parallele Klassen a 31 Schüler. Wenn man die 8., 9. und 10. Klasse als potentielle Jugendwerkhof-Jugendliche betrachtet, dann wären das 372 Jugendliche. Unter 555 Jugendlichen ist einer in den Jugendwerkhof gegangen, also nicht mal einer pro Schule. Das heißt, dass das sehr spezielle Fälle waren. Die Jugendliche in meiner Schule hat über einen längeren Zeitraum diverse Dinge angestellt, manche auch mit einem politischen Aspekt. Zum Beispiel eine DDR-Fahne ohne Emblem rausgehängt.
An meiner Schule gab es Jugendliche, die in das Lehrerzimmer eingebrochen waren und ein Tonbandgerät gestohlen hatten. Sie haben einen Tadel bekommen und wenn ich mich recht erinnere, wurde dieser auch beim Fahnenappell vor der ganzen Schule ausgesprochen. In meiner Straße wohnte ein Schulschwänzer. Weil er nicht zur Schule kam, wurde dann irgendwann verfügt, dass er von der Polizei gebracht wurde. Der Polizist wohnte im selben Wohnblock. Immer wenn ich früh zur Schule ging, stand der Jugendliche grinsend am Straßenrand und wartete auf den Polizisten, der ihn dann im Polizei-Wartburg zur Schule fahren würde. In meiner Klasse gab es mehrere Jugendliche, die schon sitzengeblieben waren. In der achten Klasse machte dieser Altersunterschied viel aus. Es gab Jungen, die im Biologie-Unterricht geraucht haben. Unsere Klasse hat mehrere Russischlehrerinnen, die frisch von der Uni kamen, fertig gemacht. Sie mussten die Klasse abgeben. Sie wurden mit Einwegspritzen, die es in Buch reichlich gab, weil das Klinikum dort war, mit Wasser bespritzt. Einmal hat einer sogar einen Apfel mit dem Messer zerlöchert und dann nach vorn gegen die Tafel geworfen, wo er zerplatzte und die Apfelstücke überall durch die Gegend flogen. Das endete erst, als eine erfahrene, resolute Lehrerin den Russischunterricht übernahm. Die Großen aus unserer Schule haben mal den Trabbi der Biolehrerin in die Weitsprunggrube getragen. Das war ein ziemliches Stück Weg über den gesamten Sportplatz. Aber die Trabbis waren ja aus Pappe und nicht so schwer. Weiß nicht, wie die Lehrerin den Trabbi da wieder rausbekommen hat. Wahrscheinlich musste sie die Halbstarken um Hilfe bitten. Für all das kam man nicht in den Jugendwerkhof. Man musste schon etwas mehr anstellen.
Anne Rabe sagte so dahin: „Und da sind dann eben solche Geschichten wie Prügelstrafe in der Schule ist abgeschafft. Ist halt die Frage, wie entscheidend das ist, wenn ich gleichzeitig damit drohen kann, jemanden in den Arbeitsknast zu stecken. Also diese Gewichtung.“ Diese Drohung gab es so nicht. Jedenfalls nicht in der normalen Schule. Die kam dann höchstens, wenn alle anderen Instrumente der DDR-Pädagogik versagt hatten. Prügel wurde früher in Nazi-Deutschland und dann in der BRD für ganz andere Verfehlungen verabreicht (siehe unten). Die Schwelle dafür war sehr viel niedriger. Im Osten liefen die Drohungen anders. Zum Beispiel gab es auf jedem Zeugnis eine verbale Beurteilung. Dort wurde auch der Klassenstandpunkt bewertet. Wenn man schlechte Noten oder attestierte mangelnde Loyalität dem Staat gegenüber hatte, konnte das je nach Berufswunsch massive Auswirkungen auf das spätere Leben haben. Die Zulassung zum Abitur und zum Studium hing davon ab. Der ständige Bekenntniszwang in Schule und FDJ, das war das Problem, nicht Gewalt in Schulen oder Kurheimen (siehe Kinderverschickung und die DDR? zu Kuren). Ich habe über moralischen Druck und Bekenntniszwang in meinem Klimablog in Der moralische Druck der Öko-Gutmenschen ist ja wie in der DDR geschrieben. Ein sehr gutes Buch zum Thema ist auch Krokodil im Nacken von Klaus Kordon. Es handelt von einem systemtreuen Paar, das sich recht gut in der DDR eingerichtet hatte und dann aber, als das Kind in die Schule ging, merkten, wie falsch und verlogen alles war und wie sehr man sich anpassen und verbiegen musste. Das führte dann zu einem Fluchtversuch. Diese Art der Erziehung war das Problem der DDR, nicht Gewalt in den Schulen, wie Anne Rabe alle Wessis und Nachgeborenen glauben machen möchte.
Ich habe auf Mastodon gefragt, ob Menschen in der BRD Gewalt in Schulen erlebt haben. Hier einige der Antworten:




Es gab viel subtile verbale Gewalt und ich verstand sie sehr wohl. (Veröffentlichung OK)


Bundesland Bayern. (Verwendung ok)




Lehrer war […], Schüler […] und […]. In 1 Fall ging es darum, dass 1 einen Mitschüler(in?) geschlagen hat, im anderen Fall, dass der Betr. zum Lehrer “Leck mich am A…” gesagt hat. Es gab noch viele andere Fälle an die ich mich im Detail nicht erinnere. 🤷🏻♂️(Verwendung ok)
Nach Aussage von Elrhoem war diese Schule keine „öffentliche“ Schule. Die Schule war an ein Heim angegliedert, folgte dem öffentlichen Lehrplan. Das Heim war von katholischen Nonnen geführt, die noch im vorletzten Jahrhundert lebten, die Lehrer waren „weltlich“ (also Zivilisten).


Hier noch anonymisierte Beiträge mit OK für Verwendung:
Einem Lehrer in der Grundschule muss es wohl mal furchtbar peinlich gewesen sein, dass er mal ’n Buch nach mir geworfen hat, als ich zu sehr genervt habe. (War das halbe Jahr in meinem Leben, als ADHS mal nicht hypoaktiv war…) Prügel wären da also wohl noch juristisch OK gewesen …
Grundschule in Lüdenscheid, NRW an den Ohren oder Haaren aus der Klasse werfen war eher die Regel als die Ausnahme. Ca 1986/87. Das ist halt nur das, was ich aus der 2./3. Klasse von damals erinnere. Konsequenzen oder Öffentlichkeit gab es keine.
1970 BW, Hochwürden zieht mich im Unterricht an den Haaren, mein Banknachbar bekommt eine Kopfnuss. Wir hatten uns unterhalten. Wenn er in Rage war, hat Hochwürden getobt und geschrien, auch mal einen Kinderstuhl gegen die Tafel geschlagen. [Es war ein katholischer Pfarrer, der als Religionslehrer gearbeitet hat.]
Mir ist klar, dass eine Umfrage unter Mastodon-Nutzer*innen keine soziologisch solide Erhebung zur Gewalt an Schulen ist, aber für einen ersten Eindruck mag das genügen. Es gibt auch Medienberichte zum Thema:
In der Klasse 6 b der Volksschule im schwäbischen Amendingen ging die Erdkundestunde zu Ende. Der für den Tafeldienst eingeteilte elfjährige Schüler warf erleichtert den Schwamm ins Becken und traf dabei versehentlich ein Trinkglas. Als er dann nach dem Klingelzeichen auch noch „wie ein Geißbock herumhüpfte“, zog der Erdkundelehrer „den Schüler an einem Ohr und an den in der Nähe des Ohres gewachsenen Haaren und versetzte ihm anschließend mindestens zwei kräftige Ohrfeigen“.
Die Tätlichkeiten machten dem Schüler „etwa eine Stunde lang deutliche Schmerzen“ und beschäftigten ein Jahr später das Bayerische Oberste Landesgericht. Die drei Richter des 5. Strafsenats werteten die Züchtigung zwar als „körperliche Mißhandlung“ weil das „Wohlbefinden“ des Schülers „mehr als nur unerheblich beeinträchtigt“ gewesen sei. Aber: Derlei Beeinträchtigungen müßten bayrische Schüler schon mal hinnehmen.
Spiegel 1979. Bayern: Sinn des Fortschritts. 1979. Der Spiegel 18/1979.
Ich finde das alles ziemlich krass. Gewalt, die Angst erzeugt und wohl auch erzeugen sollte. Im Kindergarten wurde ich an den Ohren gezogen, bis meine Eltern sich beschwert haben, und in meiner Schulzeit gab es einen schlüsselwerfenden Chemie-Lehrer. Aber es gab keinen Rohrstock und Schläge auf die Finger oder den Hintern. Tritte in den Po wegen Trödelei bei einem Ausflug? Kopfnüsse für Schwatzen? Kräftige Ohrfeigen für Übermut? Undenkbar. Wenn es so etwas in der DDR in Schulen gegeben hat, dann war es zumindest illegal. Da alles miteinander verwoben war, Lehrer*innen und einige Eltern in der Partei waren, dürften solche Strafen, die der offiziellen Parteilinie widersprachen, jedoch selten vorgekommen sein. Ein Nutzer merkt an, dass das Recht auf Erziehung ohne Prügel nichts wert sei, wenn man es mangels funktionierendem Rechtssystem nicht einklagen konnte. Da ist etwas dran, aber in meinem Fall haben die Beschwerden meiner Eltern gefruchtet und interessanterweise hat das Rechtssystem im Westen je nach Konstellation auch nicht geholfen. Wenn das Lehrerkollegium zusammenhielt und Prügelstrafe ok fand, dann wurden Eltern davon überzeugt, nicht zu klagen, wie man den Posts oben entnehmen kann.
Das Fehlen der oben dokumentierten Gewalt passt natürlich nicht zu Anne Rabes Gewalt-These.
In der folgenden Passage geht es um Szenen in Anne Rabes autofiktionalem Roman Die Möglichkeit von Glück:
Katharina Nocun: In deinem Roman Die Möglichkeit von Glück geht es ja um die Aufarbeitung einer Familiengeschichte in der DDR und im Zuge dessen auch um ziemlich viel Gewalt. Da gab es eine Szene, da hatte ich wirklich Tränen in den Augen. Da ging es um eine Mutter, die ihr Kind absichtlich zu lange in heißes Wasser gestellt hat, um es zu bestrafen. Und ja, vielleicht auch, um zu quälen. Glaubst du, es gibt einen Zusammenhang zwischen autoritären Systemen und dem Innenleben von Familien?
Anne Rabe: Ja, also ganz klar. Das ist ja auch ein DDR-Mythos, dass man sagt, okay, es gibt dieses Familienleben, das ist ganz wunderbar und die Diktatur ist irgendwo draußen, dass man überhaupt versucht, in der Rückschau Diktatur und Alltag zu trennen. Das ist ein Irrtum. Das geht gar nicht.
Nocun, Katharina. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ostalgie.
Für alle, die Anne Rabes Buch nicht gelesen haben: Anne Rabe beschreibt eine unnormale Familie. Sie schreibt das selbst so:
Alle Familien haben solche Geschichten. Gemeinsame Erlebnisse, die eine Familie zu einer Familie machen. Geschichten, die man sich immer wieder erzählt. Die Geschichten von einem missglückten Weihnachtsbraten, von Irrfahrten zu einem lang ersehnten Urlaubsziel, Missgeschicke und Tollpatschigkeiten, die einem noch immer die Lachtränen in die Augen treiben. Diese Geschichten, an die man denkt, wenn man Zuhause denkt.
Was Tim und ich uns erzählen, wenn wir über unsere Kindheit sprechen, sind Geschichten davon, wie wir gelernt haben, still zu sein.
Rabe, Anne. 2023. Die Möglichkeit von Glück. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 23
Ich habe in Keine Gewalt! Zu Möglichkeiten und Glück und dem Buch von Anne Rabe bereits darüber geschrieben: Anne Rabe schildert eine durch und durch gewalttätige Familie. Sie bekam ständig Schläge und Kopfnüsse. Das wird dann mit wilden Thesen über Gewalt und Kindsmorde und Amokläufe im Osten kombiniert, die einfach faktisch falsch sind. Die Details sind im eben zitierten Blog-Post und in Weitere Kommentare zu Anne Rabes Buch: Eine Möglichkeit aber kein Glück diskutiert. Das oben angegebene Zitat zeigt recht deutlich, dass die Ich-Erzählerin in Anne Rabes autofiktionalem Roman weiß, dass ihre Familie nicht normal ist. Anne Rabe leitet aus dem Leben ihrer Familie weitreichende Schlussfolgerungen für ein ganzes Land ab. Ihre Eltern waren systemtreu und Funktionäre. Zumindest die im Roman. Was vom Roman der Realität entspricht, will Anne Rabe nicht sagen. Es ist klar, dass ihre Mutter oder zumindest die beschriebene Person eine Psychopathin war, aber daraus irgendwas mit Diktaturen abzuleiten, ist nicht zulässig. Warum muss ich mir von Anne Rabe erklären lassen, dass man Familie und Außen nicht trennen konnte? Warum? So haben Millionen Menschen gelebt. In Sportvereinen, in Familien. Wir waren uns 1989 alle (also in meinem Umfeld) einig, dass wir die DDR, so wie sie war, nicht wollten. Das war eben nicht nur die Familie. Es war der musikalische Untergrund, die sogenannten anderen Bands, die avantgardistische Kunstszene (Autoperforationsartisten usw.), der Sportverein (Berlin Chemie)1, Menschen aus meiner Schule. Sogar mein ehemaliger Klassenlehrer. Ein SED-Mitglied, das mir Havemann-Bücher aus dem Westen zum Lesen borgte und den ich auf Punk-Konzert in die Werner-Seelenbinder-Halle mitnahm, auf dem Neue-Forum-Banner hochgehalten wurden. Die Überraschung kam dann nach der Wende, als plötzlich das Einigende weg war und wir feststellen mussten, dass wir alle unterschiedliche Vorstellungen darüber hatten, was wir stattdessen wollten. Wenn Anne Rabe bei Lesungen auf Menschen trifft, die ihr von Erlebnissen berichten, die ihren eigenen ähneln, dann liegt das wohl daran, dass zu ihren Lesungen nur oder überwiegende die Menschen kommen, die ihre Erfahrungen oder ihre Grundeinstellung teilen. Viele Ossis macht ihr Buch aber nur unfassbar wütend. Jemand, der ganz offensichtlich falsche Dinge verbreitet und dafür von noch ahnungsloseren Wessis (Die Jury des Literaturpreises bestand in der Tat nur aus Wessis) fast einen Literaturpreis bekommt, macht sie nicht nur bei DDR-Nostalgikern, zu denen ich mich übrigens explizit nicht zähle, unbeliebt. Mein Artikel in der Berliner Zeitung, der die gravierendsten der faktischen Fehler in Anne Rabes Buch diskutiert, war der mit Abstand am meisten runtergeladene der Ausgabe, wie mir Anja Reich dann mitteilte. Er hatte offensichtlich einen Nerv getroffen. Suchmaschienen schlugen noch lange nach der Veröffentlichung des Artikels „Anne Rabe Professor“ vor, wenn man bereits „Anne Rabe“ eingegeben hatte. Also: Natürlich konnte man in der DDR so vor sich hinleben. Millionen haben das getan. Auch wenn Anne Rabe das nicht wahrhaben will. Sie hat es nicht erlebt und weil sie das gar nicht will, wird sie nie verstehen, wie das funktioniert hat und warum.
Diskurs, 1968 und alternative Erziehung
Hier eine Aussage zu den 68ern, der Frage nach Gewalt in der Erziehung und dem gesellschaftlichen Diskurs:
Katharina Nocun: Und es gibt ja die These, dass auch das Fehlen einer 68er-Bewegung im Osten, die sich dann ja im Westen extrem kritisch dann, halt auch teilweise an den eigenen Eltern und deren Beteiligung am NS-Regime und der Großeltern abgearbeitet hat , dass das Fehlen einer vergleichbaren Bewegung, die es ja auch gar nicht geben konnte, so in diesem Ausmaß, also weil, klar, autoritäres Regime, dass das dazu führt, dass Menschen, vielleicht auch weniger Berührungsängste mit extrem rechten Parteien heute entwickeln, weil sich das so weiterträgt. Glaubst du, da ist was dran oder das ist halt vielleicht auch eine Erklärung, die es sich zu leicht macht?
Anne Rabe: Beides. Also wenn wir zum Beispiel auch darüber sprechen, über diese autoritären Erziehungsmethoden, also wo man auch immer sagen kann, okay, es gibt auch in Westdeutschland und es gab auch in Westdeutschland ganz, ganz viel Gewalt gegen Kinder, aber es gab eben auch eine Diskussion um autoritäre Erziehung. Es gab darum einen Diskurs. Da hat sich was verändert und das gab es eben in Ostdeutschland nicht.
Nocun, Katharina. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ostalgie.
Eine Sache, die ich bisher immer übersehen habe, weil der ganze DDR-Diskurs auch mit großer Medienbeteiligung stattfindet, ist, dass der Diskurs in der DDR natürlich ganz anders ausgesehen hat. Er war dennoch existent, anders als heute in den West-Medien und auch von Anne Rabe behauptet wird. Meine Frau hat beim Bahnfahren mit Christian Berndt, einem westdeutschen Historiker und Journalist, über den Osten gesprochen und der hat darauf hingewiesen, dass es im Osten durchaus einen Diskurs zu den verschiedensten Themen gab. Nur eben nicht in den offiziellen Medien. Im Osten wurden alle Entwicklungen, die es im Westen gab, ganz aufmerksam mitverfolgt. Bis auf eine paar Täler mit Ahnungslosen (Dresden und Greifswald) hatte die gesamte DDR Westfernsehen und Rundfunk. Zum Schluss auch in Sachsen, weil die Menschen einfach Satellitenschüsseln benutzt haben. In Kamenz hat sogar die NVA auf den Wohnblocks der Offiziere Satellitenschüsseln installiert, damit diese nicht so ahnungslos waren, wenn die Soldaten mit den neusten Nachrichten aus dem Urlaub kamen. Ich habe die Schüsseln in Bautzen auch selbst gesehen. Das heißt, die Ossis haben alles mitbekommen und der Diskurs fand statt. Bei Parties, im Privaten. Wir haben geredet, in einem fort. Doch. Wirklich. Ich erinnere mich an einen Witz über antiautoritäre Erziehung. Ich glaube, den hatte ich sogar von einem Lehrer.
Journalist*innen und Nachgeborene können sich das nicht vorstellen, weil sie denken, Diskurs bedeutet einen langen Kommentar in den Tagesthemen oder in der FAZ oder vom Chefreporter der taz Peter Unfried. Aber nein: Wenn die Presse zensiert und zu Teilen unbrauchbar ist, dann findet der Diskurs zwischen den Zeilen in Theaterstücken oder Filmen, in Rocksongs oder eben im Privaten statt. Davon ist außer in Stasiunterlagen natürlich wenig dokumentiert. Aber es gab ihn.
Noch zum Thema 1968, weil das Katharina Nocun angesprochen hat. Anne Rabe hatte in ihrem Buch Die Möglichkeit von Glück auch eine angeblich fehlende Aufarbeitung der DDR-Zeit in der Art der 1968er behauptet. Das wurde in der Presse begeistert aufgenommen, wodurch ich erst von diesem Buch erfahren habe. Ich habe in diversen Blogbeiträgen über ihre Position im Buch und in Interviews geschrieben. Siehe Gewalterfahrungen und 1968 für den Osten und Weitere Kommentare zu Anne Rabes Buch: Eine Möglichkeit aber kein Glück. Die Aufarbeitung ist erfolgt. Die Stasi-Akten wurden ja gerettet. Was rauskam, war für viele sehr schmerzhaft. Sie haben erfahren, dass ihre eigene Mutter sie bei der Stasi verpfiffen hat oder ihr Ehepartner (Vera Wollenberger bzw. Lengsfeld und Stephan Hermlin). Der IM Sascha Anderson, der im Prinzip die ganze Untergrundszene im Prenzlauer Berg organisiert hatte, flog auf. Ich war bei der Premiere des Films über ihn dabei. Die Punk-Band Die Firma, bei der zwei von fünf Bandmitgliedern IMs waren. Der Liedermacher Gundermann. Das alles ist im ersten der zitierten Blog-Posts ausführlich dokumentiert. Alles bekannt.
Im Podcast hat Anne Rabe jetzt eine mildere Position:
Es ist natürlich auch für eine Gesellschaft einfacher, wenn sie sich vielleicht eigentlich mit sich selber auseinandersetzen müsste, den Feind im Außen zu suchen. Also in dem Fall dann der Wessi. Anstatt mal die Konflikte untereinander zu klären, was ist denn hier liegen geblieben? Und das ist was, wenn du auch nach meiner eigenen Erfahrung fragst, was für mich diese 90er Jahre extrem geprägt hat, ist eben dieses Unvermögen der Elterngeneration, das miteinander zum Beispiel zu klären. Ich bin ja auch in einer Kleinstadt aufgewachsen, wo jeder jeden kennt und jeder auch so weiß von jedem, was er so gemacht hat. Oder ahnt oder es gibt Gerüchte, all diese Dinge. Und die konnten das nicht und es ist vielleicht menschlich total verständlich. Die haben das nicht geschafft, sich an den Tisch zu setzen und zu sagen, so jetzt möchte ich mal, dass wir das hier klären. Wir leben doch jetzt nicht mehr in Gefahr. Wir können das jetzt machen. Und dadurch haben sich zum Beispiel eben Konflikte weitergetragen in den Kindern. So wurden die sozusagen projiziert. Also ich komme ja aus einer sehr roten Familie, wie man so sagt. Und ich habe das als Kind ganz oft erlebt, dass ich gemerkt habe, dass Leute mich nicht leiden können. Das so Eltern sozusagen, wenn die meinen Namen gehört haben, dass die dann so, aha, okay, Oder fragt, bist du die Tochter, oder bist du die Enkelin von sowieso. Das gab es ganz häufig, ohne dass es erklärt wurde. Oder auch in der Grundschule war das zum Beispiel, das war ja kurz nach der Wende ganz massiv, da hatte ich eine Lehrerin, die mich richtig gemobbt hat. Und ich habe das als Kind überhaupt nicht verstanden. Weil das auch nicht erklärt wurde. Und das liegt natürlich an diesem Unvermögen der Erwachsenen miteinander, sich hinzusetzen und zu sagen, okay, wir haben hier noch was zu klären. Das trägt sich so fort bis heute.
Das Verhalten der Lehrerin ist unprofessionell gewesen und unakzeptabel. Ansonsten ist Anne Rabes Wunsch schräg. Die, die unter Menschen wie ihren Eltern gelitten haben, sollen sich jetzt mit ihnen aussprechen? Sie sollen nett zu den Kindern der Funktionäre sein, die ihr Leben zerstört haben? Das ist vielleicht ein bisschen viel verlangt. Anne Rabe sagt inzwischen ja selbst: „Und die konnten das nicht und es ist vielleicht menschlich total verständlich.“ In ihrem Buch schreibt Anne Rabe, dass sie nicht mit den Opfern ihrer Eltern reden wollte.
Aber das ist nicht der einzige Grund, warum ich das Gespräch mit Adas Eltern plötzlich scheue. Ich will keine Absolution von ihnen, keine späte Verbrüderung mit denjenigen, die auf meine Eltern und ihr ganzes System zu Recht wütend waren. Ich wollte mich auch nicht als diejenige produzieren, die nun ihre Hausaufgaben gemacht und im Gegensatz zu den ewig Gestrigen verstanden hatte, aus was für einem Land sie kam.
Rabe, Anne. 2023. Die Möglichkeit von Glück. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 155
Also: Wenn jemand reden muss/will dann die Täter. Vielleicht auch die Kinder der Täter und der Opfer. Ansonsten ist es etwas schräg, dass die Kinder der Täter jetzt den Opfern vorwerfen, dass sie die Diktatur nicht aufgearbeitet hätten und dass deshalb 40% der Wähler*innen in manchen ostdeutschen Bundesländern die AfD wählen. Solche Argumentationen machen Menschen wütend. Doch. Wirklich. Und das bekommt man dann aus den Feuilletons bis zum Erbrechen. Aus Redaktionen in denen es einen halben Ossi gibt, wenn’s hochkommt.
Noch zum Vergleich von 1968 mit der Aufarbeitung der DDR-Geschichte. Die nationalsozialistischen Verbrechen kann man nicht mit denen in der DDR vergleichen. Es ist nicht genau feststellbar, wie viele Menschen in der DDR gestorben sind. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages gibt als Maximalwert 4.000 an für die gesamten 40 Jahre der DDR (Wissenschaftlicher Dienst des Bundestages 2021). Bei Kiev in Babyn Jar hat die Wehrmacht in 36 Stunden 33.000 Menschen erschossen. Durch die Nazis sind ca. 80 Millionen Menschen zu Tode gekommen. Viele davon wurden systematisch in Vernichtungslagern ermordet.

60–65 Millionen Menschen sind im Krieg gestorben. In Psychiatrien hat man Menschen verhungern lassen. Sie sind nach drei Monaten Mangelernährung gestorben (Hungerkost-Erlaß). Ich habe in Zwei Diktaturen – zwei Töpfe all diese Unvorstellbarkeiten aufgelistet. An diesen ganzen Verbrechen waren Deutsche beteiligt. Es war ein riesiger Apparat. Regierung, SS-Leute, SA-Leute, Richter, Ärzte, Krankenpfleger, Juristen, Lokführer, ein Verwaltungsapparat, NSDAP-Mitglieder. Journalist*innen von Zeitungen, Zeitschriften, Filmemacher*innen wie Leni Riefenstahl, ein Propagandaapparat, der das möglich gemacht hat. Darüber musste man sprechen. Menschen, die die beiden Diktaturen gleichsetzen, verharmlosen letztendlich den Holocaust und andere Verbrechen in Nazi-Deutschland.
Übrigens: Oben habe ich einen Spiegel-Artikel zum höchstrichterlichen Entscheid zur Prügelstrafe in Bayern zitiert. Eine weitere Stelle aus diesem Artikel passt hier sehr gut:
Politisch unabhängig sind die höchstbesoldeten Bayern-Juristen selbstverständlich auch. So erträgt der Freistaat mit beachtenswerter Duldsamkeit den Oberstrichter Karl Günther Stempel, der sich seit Jahren in der rechtsradikalen Szene hervortut und erst Ende März auf einer Veranstaltung des „Deutschen Kulturwerks Europäischen Geistes“ in Lüneburg ein „Bekenntnis zur Volkskultur in abendländischer Schicksalsgemeinschaft“ abgelegt hat – neben dem Referenten Ralf Ollmann, der 1976 “wegen Schändung des jüdischen Friedhofs in Göttingen“ zu 21 Monaten Haft mit Bewährung verurteilt worden war. Die bayrische SPD: „Wahrlich ein schönes Gespann.“
Spiegel 1979. Bayern: Sinn des Fortschritts. 1979. Der Spiegel 18/1979.
Wer noch nicht genug hat, kann ja den Wikipediaeintrag von Karl Günther Stempel lesen: „ein deutscher Jurist und Autor nationalsozialistischer Gesinnung“. Der Artikel ist von 1979, also 11 Jahre nach 1968. Die Typen waren immer noch da.
Armut
Ein anderes Thema ist Armut. Bei 40:14 hört man dazu:
Anne Rabe: Gerade insbesondere so in den 80er Jahren der DDR. Da haben wir einerseits eben diese Agonie der DDR, dass klar ist, hier geht es irgendwie nicht mehr voran. Dieses ganze Heilsversprechen, das ist irgendwie Quatsch, das wird nichts mehr. Wir haben eine zunehmende Armut. Wir sehen halt die DDR-Bilder dann immer aus Berlin. Aber das Provinzleben im Osten, so am Rande der Republik, war ganz anders als in Berlin. Also, weiter man wegkam sozusagen von der Hauptstadt, umso schlechter war die Versorgung. Und da sprechen wir wirklich von tatsächlicher Armut, auch von Lebensmittelknappheit zum Teil. Also, das sind alles Dinge, die gab es in den 80er Jahren. Oder man wollte irgendwelche Produkte haben und dann kam man auf die Warteliste oder man kannte wen.
Katharina Nocun: So, so kann ich das aus meiner Familie in Polen. Also, da war überhaupt nicht die Erwartungshaltung. Ich kann Dinge irgendwie kaufen, das sei denn, irgendjemand hat mir Devisen gegeben.
Anne Rabe: Sowas, aber auch tatsächlich, wo ich sage, also es gibt zum Beispiel Berichte, das ist ganz interessant, so aus Briefen oder so, wo dann Leute, gerade Frauen, so was schreiben, wie ich habe wieder keine Winterjacken für meine Kinder gekriegt. Oder im Konsum gab es wieder nur Milch und Nudeln. So, also ich spreche von einer tatsächlichen Armut, nicht nur von einem kargen Leben, sondern von Armut. Und das bedeutete insbesondere für die Frauen ein wahnsinnig hartes Leben, weil die natürlich verantwortlich waren für die Hausarbeit und für die Arbeit. Die mussten früh morgens ihre Kinder in die Krippen bringen. Und da mussten die zur Arbeit gehen. Dann nach der Arbeit anstehen, nach Lebensmitteln, vielleicht noch Kohlen reinschippen, hatten häufig keine Waschmaschinen zu Hause. Ja, dann musst du irgendwie die Wäsche einkochen. Oder diese ganze Versorgungslage hat dazu geführt, dass es ein wahnsinnig stressiges, anstrengendes Leben für Frauen war.
Nocun, Katharina. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ostalgie. 40:14
Also, dass das Leben der Frauen anstrengend war, ist unbestritten, aber auch hier übertreibt Anne Rabe oder stellt es irgendwie verquer dar. Immerhin ist die Darstellung näher an der Realität. In einem Interview in den Zwischentönen hatte sie noch 2023 behauptet, es hätte keine Waschmaschinen gegeben. Jetzt behauptet sie nur noch, dass es häufig keine Waschmaschinen gegeben hätte. Ich habe über das Interview in den Zwischentönen bereits 2024 geschrieben (Waschmaschinen und Schwule in der DDR und Lesben natürlich auch). Wenn Anne Rabe 5,6% der Haushalte ohne Waschmaschine häufig findet, dann ist das wohl so. Ansonsten kann man in den Fachpublikationen zum Thema folgende Angaben finden:
1986 befanden sich in 94,4 Prozent aller DDR-Haushalte Waschmaschinen, davon ca. 13 Prozent Waschvollautomaten, ca. 40 Prozent Waschautomaten und ca. 47 Prozent Bottichwaschmaschinen; Hans-Joachim Scheithauer u. Michael Laue, Moderne Waschmaschinen – sparsame Helfer im Haushalt, in: Energieanwendung 37, 1988, H. 6, S. 229ff., hier S. 229; Statistisches Amt der DDR (Hg.), Statistisches Jahrbuch der Deutschen Demokratischen Republik 1990, Berlin 1990, S. 324f.
Wölfel, Sylvia. 2012. „Planmäßige Verringerung des Bedarfs“ Die Entwicklung verbrauchsarmer Haushaltsgeräte in der DDR. Technikgeschichte 79(1). 45–60. (doi:10.5771/0040–117X-2012–1‑45)
Der Verbreitungsgrad heute liegt bei 96,2%. Ich hatte als Student eine Wellenrad-Maschine. Die hat zwar alle Knöpfe aus Kleidungsstücken gerissen, für meinen Karate-Gi war sie aber sehr gut geeignet. Zum Windelnwaschen taugten diese Dinger auch. Meine Mutter hatte seit meiner Geburt 1968 einen Waschvollautomaten. Zu den Details und Ehekrediten usw. siehe Waschmaschinen und Schwule in der DDR und Lesben natürlich auch.
Kohle reinschippende Frauen hat es in der Tat gegeben, aber die Kohle kam einmal im Jahr. Anna Rabe erzeugt ein Bild von armen Frauen, die täglich mit fiesester schwerster Arbeit belastet sind. In Berlin gab es Briketts, die wurden in den Keller gebracht. Hochgetragen habe ich die Kohle. Ich hätte sie auch in den Keller geschippt, wenn es nötig gewesen wäre. Aber in der DDR haben Frauen eben auch Gleise verlegt, wenn sie solch einen Beruf wollten, und Kohle in den Keller geschippt. Zum Gleisbau siehe Stolz & Eigensinn.
Ich schreibe zu diesem Punkt der Armut noch einmal, weil das wichtig ist. Denn die Frage, was Wohlstand ist, was ein angemessener Lebensstandard ist, ist aktueller denn je, weil wir so, wie wir jetzt leben, nicht weiterleben können. Der Erdüberlastungstag ist in Deutschland bereits Anfang Mai erreicht. Danach konsumieren wir über das, was der Planet hergibt. Deshalb ist die Frage, ob die Menschen in der DDR in „tatsächlicher Armut“ gelebt haben, relevant. Ulrike Herrmann hat vorgeschlagen, dass man zurück zum Lebensstandard der BRD 1978 gehen sollte (natürlich ohne Fortschritte in der Medizin usw. aufzugeben), aber eben ohne die ganzen Auswüchse und den Überkonsum, den es seit dieser Zeit zunehmend gibt (Herrmann, 2022). Für mich wäre auch der Lebensstandard der 80er in der DDR annehmbar, also etwas, was Anne Rabe als „tatsächliche Armut“ bezeichnet hat.
Anne Rabe hat diese Zeit nicht erlebt. Sie ist 1986 geboren und berichtet nur aus sekundären Quellen. Sie war nicht in Rumänien oder Polen in den 80er Jahren.
Also: Es gab Engpässe. Es gab bestimmte Dinge oder auch Lebensmittel nicht oder selten oder nur in Spezialläden für viel Geld zu kaufen. Zum Beispiel Südfrüchte (Bananen und Orangen) gab es in Berlin nur in der Weihnachtszeit, in der restlichen DDR noch seltener (Anne Rabe schreibt auf S. 12 von Die Möglichkeit von Glück aber, dass sie Bananen hatten. Das war Wismar.). Der Mangel an Südfrüchten kam daher, dass die DDR-Mark nicht konvertierbar war und man eben diese Früchte für Ostgeld nicht importieren konnte. Das West-Geld, über das die DDR verfügte, wurde für andere Anschaffungen benötigt. Zum Beispiel musste das Öl, das uns unsere „Freunde“ aus der Sowjetunion geliefert haben, mit Devisen bezahlt werden. Auch Ketschup gab es nicht immer zu kaufen. Meine Konfektionsgröße gab es in der DDR nicht. Ich war einfach zu lang und zu dünn. Ich habe jetzt 32/36 und Hosen in dieser Länge gab es nur für Menschen mit doppeltem Hüftumfang. Das führte dazu, dass ich eine Kordhose hatte, die ein Fehlkauf einer Kollegin meiner Mutter im Intershop (Westgeld) war und eine Kordhose, die 1984 ein Import der DDR aus Dänemark war. Zu Weihnachten. Diese Kordhose habe ich zwei Jahre lang getragen und danach auch noch, wenn ich während meiner Armeezeit Urlaub hatte. Sie war zum Schluss fast durchsichtig. Die Mutter eines Freundes hat einen Flicken drauf gemacht, dann ging sie noch ein bisschen. Zu hause habe ich einen Trainingsanzug angezogen, um die Hose zu schonen.
Gestellrucksäcke gab es nicht immer. Ich habe mal am Alexanderplatz jemanden mit einem Gestellrucksack in Plastetüte rumlaufen sehen und habe daraus geschlossen, dass er den irgendwo gekauft haben musste. Ich habe ihn gefragt und bin dann sofort zum Haus für Sport und Freizeit am Frankfurter Tor gefahren und habe einen gekauft.
War ich arm? Es hat in der DDR niemand gehungert. Ich hatte als Student 1989 ein Stipendium von 300 Mark. Da ich drei Jahre bei der Armee gewesen war, betrug mein Stipendium 100 Mark mehr als das reguläre Stipendium. Von 200 Mark konnte man aber in der DDR leben. Die Miete für eine Einzimmerwohnung betrug 20–30 Mark und die Preise für Grundnahrungsmittel waren subventioniert. Ein Liter Milch kostete 70 Pfennig (nach der Maul-und-Klauenseuche 66 Pfennig mit leicht reduziertem Fettgehalt), ein Brot 95 Pfennig. Preise für Nahrungsmittel und Mieten waren bei den Vorkriegspreisen eingefroren worden. Bei der Bekleidung war es so, dass es meist ein erschwingliches Modell zu kaufen gab. Das wollte man nicht unbedingt haben, weil es nicht chic war. Aber es gab es (wenn man nicht meine Körpermaße hatte).2 Wikipedia hat eine sehr ausführliche Liste mit Preisen für die verschiedensten Waren. Nahrungsmittel, Schallplatten, Kosmetik, Unterwäsche, Kameras, Autos. Auch zu verfügbarem Geld gibt es auf der Seite detaillierte Angaben.
Das Durchschnittseinkommen in der DDR betrug 1989 1300 Mark (1949: 290 Mark, 1970: 755 Mark; mdr 2021). Die Rente wurde aus dem Durchschnittseinkommen der letzten 20 Jahre ermittelt. Dadurch, dass es keine Inflation gab, hatte man also mehr als das Einkommen, das man vor 20 Jahren hatte. Da man davon aber den Grundbedarf schon vor 20 Jahren hatte decken können, konnte man ihn dann als Rentner*in garantiert decken. Von der Rente konnte man sich nicht ohne Weiteres einen Farbfernseher oder eine Stereoanlage leisten, aber die hatte man ja vielleicht vom Gehalt gekauft und es gab auch nicht viel Anregungen, etwas Neues zu kaufen.
Ich habe Erfahrungsberichte von Wernigerode, Derenburg, Triptis und Kahla. Dass es, wie von Anne Rabe behauptet, nur Nudeln und Milch gegeben habe, entspricht nicht der Wahrheit. Es gab Schulspeisung (bei uns war die nicht besonders lecker, Großküche, aber wir haben sie gegessen). Teils hat ein richtiger Fleischer für die Kaufhalle gearbeitet und es gab gute lokal gemachte Wurst. In meiner Kindheit waren wir in Thüringen, im Vogtland, im Erzgebirge und im Harz im Urlaub. Einmal waren wir in einem FDGB-Heim, ansonsten in privaten Unterkünften. Wir haben uns selbst versorgt und auch ab und zu in Gaststätten gegessen. Es gab überall vernünftige Versorgung mit Lebensmitteln. Ich habe eine weitere Umfrage zur Versorgung außerhalb Berlins auf Mastodon gestartet und es gab wohl im Norden auch Kartoffelengpässe, aber das war kein Dauerzustand. Hungern musste niemand.
In anderen sozialistischen Ländern sah die Versorgung ganz anders aus. Ich war 1984, als das wieder möglich war, mit einem Schüleraustausch in Polen. Dort haben wir zwei Wochen lang Nudeln mit einer undefinierbaren rosa Soße bekommen. 1988 war ich in Rumänien. Dort gab es in den Lebensmittelläden außer Brot nichts. Das würde ich als Armut bezeichnen. So war es in der DDR aber nicht.
Also, wenn ich mir überlege, wie unser Leben heute sein sollte, dann kommt im Prinzip die Versorgung in Berlin ohne die Ausfälle heraus: regionales, saisonales Obst und Gemüse, lokal gebackenes Brot, das am Abend nicht weggeworfen wurde, sondern für den nächsten Tag aufgehoben wurde. Eine vernünftige Versorgung mit Kleidung und Schuhen ohne Fast Fashion und Produktion in Fernost (zur Schuhproduktion in Weißenfels siehe auch Stolz & Eigensinn).
Und Armut, Armut sieht so aus:


Das gab es in der DDR nicht. Es gab nicht genügend Wohnungen und die Altbauten fielen zusammen, aber das bedeutete eben, dass Kinder bei ihren Eltern wohnen mussten. Auf der Straße lebte niemand.
Junge Gemeinde und Studium
Anne Rabe behauptet Folgendes über die Mitgliedschaft in der Jungen Gemeinde und der FDJ:
Zum Beispiel im Vorfeld des 17. Juni gab es so eine ideologische Verschärfung, dass man Jugendlichen, die gleichzeitig Mitglied waren in der jungen Gemeinde, also in der christlichen Jugendorganisation, in der FDJ, der freien deutschen Jugend, also der Jugendorganisation der DDR, nach sowjetischem Vorbild, dass man gesagt hat, ihr könnt nicht mal gleichzeitig Mitglied sein in beidem. Und nur wenn ihr in der FDJ seid, dann könnt ihr auch studieren und so. Also solche Geschichten, dass es dort einen Versuch gab, einer ideologischen Verschärfung und dass man zum Beispiel sowas, da gab es so einen Beschluss, dass alle Jugendlichen, die in der jungen Gemeinde sind, müssen von den Schulen verwiesen werden. Also alle Achtklässler, Neuntklässler sozusagen raus, wenn die sich nicht zur FDJ bekennen. Das wurde später wieder zurückgenommen, aber es gab eben so Schritte, die dazu geführt haben, dass sich diese Sowjetideologie, stalinistische Ideologie, dass das verschärft wurde.
Nocun, Katharina. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ostalgie. 52:26
Diese Aussage hat mich erstaunt. In den 50er Jahren gab es noch die Grundschule, die bis zur achten Klasse ging. Hätte man die Schüler*innen der achten Klasse einfach rausgeschmissen, hätten sie in der DDR keinen Ausbildungsberuf erlernen können. Da es aber eine Arbeitspflicht gab und Arbeitskräfte überall benötigt wurden, wäre das recht merkwürdig gewesen. Es gab diese Aktionen gegen die Junge Gemeinde tatsächlich (Hugi, 2019) und Christ*innen wurden auch nach 1953 noch wo möglich Steine in den Weg gelegt, aber die Aktionen richteten sich gegen Abiturient*innen und gegen Student*innen. In der DDR und auch in der BRD haben damals viel, viel weniger Jugendliche Abitur gemacht (in den 80ern 2 von 30). Es gab alternative Ausbildungswege wie Berufsausbildung mit Abitur. Diejenigen, die Abitur machen durften, wurden entsprechend sorgfältig ausgewählt. Die Logik dahinter war, dass der Staat in diese Menschen Geld investierte und nicht wollte, dass sie bei der nächsten Gelegenheit in den Westen verschwanden. Für Christ*innen war es immer schwer, einen solchen Platz zu bekommen. 1953 richteten sich die Maßnahmen mit Schulverweisen gegen Abiturient*innen und Student*innen. Grundschüler waren nicht betroffen. Auch folgt aus „Nicht in der FDJ“ nicht Verweis von der Schule, wie es Anne Rabe dargestellt hat. Aus „Nicht in der FDJ“ folgte Schwierigkeiten bei der Zulassung zum Abitur und dann zum Studium. Später gab es die zehnklassige Polytechnische Oberschule für alle Schüler*innen. Auch da gab es Gängelei und Druck, aber es gab eben auch Menschen, die nicht bei den Thälmann-Pionieren oder in der FDJ waren. Ein katholisches Mädchen aus meiner Klasse musste immer ganz hinten beim Fahnenappell stehen, damit man sie ohne ihr FDJ-Hemd nicht gesehen hat.
Stalin, Chruschtschow und Breschnew
Anne Rabe berichtet über das Ende des Stalinismus Folgendes:
Das ist auch immer interessant, wenn man reinguckt, das Ende Stalins und das Ende des Stalinismus ist ja eh super interessant, wie die da reingestolpert sind aus lauter Angst vor diesem Diktator. Aber in der DDR war das noch extremer. Die fuhren dann als Delegation dahin und diese berühmte Geheimrede von Breschnew, wo er dann eben über die Verbrechen des Stalinismus gesprochen hat. Und fuhren dann zurück und wussten gar nicht, was sie damit machen sollten, sozusagen. Und brauchten dann erst wieder Anweisungen aus Moskau, dass man jetzt eben wirklich hier die Denkmäler runterreißt und so. Weil sie völlig überfordert waren und das gar nicht selber entscheiden konnten oder diskursiv miteinander besprechen.
Nocun, Katharina. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ostalgie. 52:56
Die Geheimrede Über den Personenkult und seine Folgen war nicht von Breschnew, sondern von Chruschtschow. Chruschtschow hat die Rede am 25.02.1956 zum Abschluss des 20. Parteitages der KPdSU gehalten.
Schließlich wurde ein weiterer Tagesordnungspunkt gebilligt, der aber unter Ausschluss der Öffentlichkeit und ohne anschließende Diskussion stattfinden sollte. […] Nur loyale Parteimitglieder waren zugelassen, die Anwesenheit von Journalisten war verboten.
Geheimrede Über den Personenkult und seine Folgen
Das bedeutet, dass Anne Rabe nicht nur den damaligen Parteichef mit einem weit weniger bedeutenden Funktionär, der erst 1966 – also zehn Jahre später – Generalsekretär des ZK der KPdSU werden sollte, verwechselt hat. Sie hat auch einfach mal erfunden, dass eine DDR-Delegation bei diesem Parteitag anwesend war.
Zuhörer berichteten nach 1989, das Publikum habe die Rede in völligem Schweigen und mit lähmendem Entsetzen aufgenommen. Es habe keine Aussprache gegeben. Jede mündliche oder schriftliche Weitergabe des Gehörten wurde den Delegierten untersagt. Kopien der Rede gingen im März 1956 an die Staatschefs im Ostblock.
Geheimrede Über den Personenkult und seine Folgen
Ich hatte ja an anderer Stelle darüber geschrieben, dass Breschnew am 10.11.1982 gestorben ist und uns damit den 11.11. verdorben hat (Berliner und Breschnew). DDR-Bewohner*innen, die die 80er bewusst wahrgenommen haben, können Breschnew, Andropow und Tschernenkow aus eigener Erfahrung grob zeitlich verorten, auch wenn sie im Geschichtsunterricht Kreide holen waren. Dieses Wissen aus eignen Erfahrungen fehlt Anne Rabe.
Im taz-Lab hat Anne Rabe 2024 angemerkt, dass Umberto Eco ja auch nicht im Mittelalter dabei gewesen sei und trotzdem Romane darüber schreiben könne. Diese Aussage ist 100% korrekt, nur entsprechen Ecos Aussagen dem Wissensstand und es gibt wirklich keine Zeitzeug*innen mehr, die er hätte befragen können und die ihn hätten widerlegen können.
Ulbricht wurde in Moskau über den Inhalt der Rede durch einen befreundeten Genossen informiert (Hoyer, 2023), da er aber offiziell erst im März über die Rede in Kenntnis gesetzt wurde, konnte er unmittelbar nach der Rückkehr auch nichts machen, denn er wusste ja offiziell noch überhaupt nichts von den Veränderungen in Moskau. Letztendlich betrieb Ulbricht aber einen ähnlichen Personenkult wie Stalin, weshalb dieser Wandel dann für ihn persönlich auch problematisch war (Hoyer, 2023). Also: Es war alles ein bisschen anders, als von Anne Rabe beschrieben, aber sie hat recht: Es war interessant.
Zusammenfassung
Das Gespräch ist im Großen und Ganzen gut. Die Bemerkungen zu Gewalt und Armut entsprechen weitestgehend dem, was Anne Rabe in früheren Interviews und in ihrem autofiktionalen Roman Die Möglichkeit von Glück behauptet hat, und sind somit unvollständig, tendenziös oder schlicht falsch.
Danksagungen
Ich danke allen, die auf Mastodon mitdiskutiert haben, insbesondere denen, deren Posts ich hier verwenden durfte. Peer danke ich für das Auffinden des Spiegel-Artikels von 1979.
Quellen
Der Spiegel. 1979. Bayern: Sinn des Fortschritts. Der Spiegel 18/1979. (https://www.spiegel.de/politik/sinn-des-fortschritts-a-f95c10c7-0002–0001-0000–000040351630)
Herrmann, Ulrike. 2022. Kapitalismus und Klimaschutz: Schrumpfen statt Wachsen. taz 17.09.2022. Berlin. (https://taz.de/Kapitalismus-und-Klimaschutz/!5879301/)
Hoyer, Katja. 2023. Diesseits der Mauer: Eine neue Geschichte der DDR 1949–1990. Hamburg: Hoffmann und Campe.
Hugi, Sonja. 2019. Kampagne gegen die Jungen Gemeinden der evangelischen Kirchen. Bundeszentrale für politische Bildung. (https://www.bpb.de/themen/deutsche-teilung/ddr-kompakt/521490/kampagne-gegen-die-jungen-gemeinden-der-evangelischen-kirchen/)
mdr. 2021. Rente — damals und heute: Was am Lebensabend blieb: 12-Bett-Zimmer und 520,13 Mark Rente. (https://www.mdr.de/geschichte/ddr/alltag/familie/rente-rentner-altersarmut-pflege-osten-100.html)
Nocun, Katharina. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ostalgie. (https://www.denkangebot.org/allgemein/anne-rabe-ueber-moral-die-afd-und-ostalgie/)
Wissenschaftlicher Dienst des Bundestages. 2021. Zur Zahl der Todesopfer aufgrund politischer Verfolgung in der DDR. Ausgewählte Aspekte. (https://www.bundestag.de/resource/blob/855618/52a47e246eee6bec67127050c4224a74/WD‑1–015–21-pdf.pdf)