Anne Rabe, die Prügelstrafe und Jugendwerkhöfe und die unglaubliche Armut in der DDR

Dass ich das Buch Die Mög­lich­keit von Glück für einen Skan­dal hal­te, habe ich ja schon in diver­sen Posts hier und in einem Arti­kel in der Ber­li­ner Zei­tung kund­ge­tan (sie­he die Über­sichts­sei­te zu Anne Rabe). Anne Rabes neu­es Buch über Moral woll­te ich des­halb gar nicht lesen. Nun bin ich aber über Mast­o­don auf den Denk­an­ge­bot-Pod­cast von Katha­ri­na Nocun auf­merk­sam gewor­den, in dem sie mit Anne Rabe über Moral, den Osten und die AfD spricht. Das Inter­view hat mir recht gut gefal­len, aber es kom­men wie­der eini­ge Punk­te vor, die Anne Rabe seit eini­gen Jah­ren wie­der­holt. In leicht abge­wan­del­ter Ver­si­on. Letzt­end­lich bleibt sie bei ihren unhalt­ba­ren The­sen über Gewalt. Sie schil­dert die DDR in den dun­kels­ten Schat­tie­run­gen, die ein­fach nicht der Rea­li­tät ent­spre­chen. Ich dis­ku­tie­re im Fol­gen­den der Rei­hen­fol­ge nach eini­ge ihrer Aussagen.

Con­tent-War­nung: Im fol­gen­den Abschnitt geht es um Gewalt gegen Kin­der. Es gibt teil­wei­se expli­zi­te Schil­de­run­gen von Men­schen, die in West-Deutsch­land Gewalt erlebt haben. Man kann die­sen Abschnitt über­sprin­gen, indem man in der Glie­de­rung oben zum nächs­ten Abschnitt springt.

Gewalt gegen Kinder

In der ers­ten kom­men­tie­rungs­wür­di­gen Pas­sa­ge spricht sie über eine Rede von Astrid Lind­gren, die die­se im Jahr 1972 gehal­ten hat:

Wenn man das heu­te liest, denkt man so, na ja, gut, also es ist eine sehr schö­ne, sehr berüh­ren­de Rede, aber die Pro­vo­ka­ti­on ver­steht man nicht mehr so ganz. Das liegt natür­lich dar­an, dass wir heu­te im Gegen­satz zu damals in der gesam­ten west­li­chen Welt das Recht auf gewalt­freie Erzie­hung durch­ge­setzt haben. Und aus­schlag­ge­bend war tat­säch­lich die­se Rede. Also damals gab es noch in kei­nem ein­zi­gen Land das Recht auf gewalt­freie Erzie­hung. Und nach die­ser Rede ging zuerst in Schwe­den eine Dis­kus­si­on los, eine poli­ti­sche. Da wur­de sie auch ein­ge­la­den und soll­te mit­dis­ku­tie­ren. Und ein Jahr spä­ter hat­te eben Schwe­den als ers­tes Land auf der gan­zen Welt ein Gesetz gegen Gewalt in der Erzie­hung. Und alle ande­ren west­li­chen Län­der folg­ten. Deutsch­land immer­hin 2001.

Nocun, Katha­ri­na. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ost­al­gie.

Was hier fehlt, ist der Ver­weis auf die Lage in der SBZ/DDR, in der die Prü­gel­stra­fe an Schu­len lan­ge vor der Lind­gren-Rede von 1972 abge­schafft wur­de. Näm­lich bereits 1945 von der sowje­ti­schen Mili­tär­ad­mi­nis­tra­ti­on (SMAD) als der Schul­be­trieb wie­der auf­ge­nom­men wur­de. Die ent­spre­chen­den Regeln wur­den bei Grün­dung von DDR über­nom­men (Wiki­pe­dia Kör­per­stra­fe), weil man Prü­gel­stra­fe, wie die viel zitier­ten 68er auch, für ein „Relikt inhu­ma­ner Dis­zi­pli­nie­rungs­me­tho­den des NS-Regimes“ hielt. Man beach­te auch, dass Nazi-Leher*innen nach dem Krieg nicht leh­ren durf­ten. Das wur­de von in Crash-Kur­sen aus­ge­bil­de­ten soge­nann­ten Neu­leh­rern über­nom­men. Ein Bruch mit der Nazi-Päd­ago­gik wur­de also, anders als im Wes­ten, radi­kal voll­zo­gen. Ich habe in Gewalt­er­fah­run­gen und 1968 für den Osten dar­über aus­führ­li­cher geschrie­ben. Im Wes­ten hat­te der Bun­des­ge­richts­hof Leh­rern noch 1957 ein „gene­rel­les Gewohn­heits­recht“ zum Prü­geln zuge­spro­chen. Erst 1973 wur­de das Prü­geln in der Schu­le ver­bo­ten, in Bay­ern gar erst 1983. Bis 1958 durf­te nur Papa prü­geln und im Zuge der Gleich­stel­lung der Frau­en durf­te das dann auch Mama. Zu den Quel­len sie­he den zitier­ten Post. Dazu kamen Miss­hand­lun­gen von Kin­dern in christ­li­chen Kin­der­hei­men. Auch dafür Quel­len im Gewalt-Post.

Rabe sagt über die DDR-Schulen:

Die Auf­ga­be für die Eltern war es, die Kin­der im Sin­ne des Staa­tes zu erzie­hen zu sozia­lis­ti­schen Per­sön­lich­kei­ten. Und wenn das miss­glückt ist, aus wel­chen Grün­den auch immer und häu­fig sind ja Kin­der, die Gewalt aus­ge­setzt sind, zum Bei­spiel eben Kin­der, die dann nicht gut funk­tio­nie­ren, dann kann der Staat ein­grei­fen und zugrei­fen. Und da gibt es zahl­rei­che Geschich­ten. Da sagen natür­lich jetzt dann immer ganz vie­le, ja, aber wir haben das ja alle nicht so ernst genom­men, was der Staat da gesagt hat. Und das kann auch in ganz, ganz vie­len Fäl­len so sein. Aber dass es eben die Mög­lich­keit gibt, prägt einen erst mal.

Und in Dik­ta­tu­ren ist es eben oft will­kür­lich. Also nur weil der eine etwas nicht erfah­ren hat, heißt es nicht, dass es woan­ders nicht durch­ex­er­ziert wur­de. Wir haben eben Erzie­hungs­in­sti­tu­tio­nen wie Jugend­werk­hö­fe, bru­ta­le Arbeits­la­ger für Kin­der, all die­se Din­ge. Und da sind dann eben sol­che Geschich­ten wie Prü­gel­stra­fe in der Schu­le ist abge­schafft. Ist halt die Fra­ge, wie ent­schei­dend das ist, wenn ich gleich­zei­tig damit dro­hen kann, jeman­den in den Arbeits­knast zu ste­cken. Also die­se Gewich­tung. Und dann ist die Fra­ge, also ich ver­su­che mich dem sozu­sa­gen zu nähern aus der Sicht, was sind Din­ge, die haben wir iden­ti­fi­ziert als gute Bedin­gun­gen für Gewalt? Also was sind zum Bei­spiel Fak­to­ren, die wir heu­te ver­su­chen aus­zu­ra­die­ren oder wo wir ver­su­chen, Leu­ten zu hel­fen? Und davon herr­schen halt rela­tiv viele.

Nocun, Katha­ri­na. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ost­al­gie.

So, so. Bru­ta­le Arbeits­la­ger für Kin­der. Die Jugend­werk­hö­fe waren schreck­lich. Das ist klar. Es gibt Men­schen mit blei­ben­den Schä­den, die heu­te nicht arbei­ten kön­nen, weil sie unter post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­stö­run­gen leiden.

Ver­tre­ter von Ich bin armuts­be­trof­fen hält Rede im Kli­ma­camp von Extinc­tion Rebel­li­on. Er berich­tet von sei­nen Erfah­run­gen in einem DDR-Jugend­werk­hof. Inva­li­den­park, Ber­lin, 13.04.2023

Nur ist die Fra­ge, wer in die Spe­zi­al­hei­me kam. Die­se waren für schwer erzieh­ba­re Kin­der, wie Anne Rabe in ihrem Buch Die Mög­lich­keit von Glück auch selbst geschrie­ben hat. Bei der Bun­des­stif­tung zur Auf­ar­bei­tung der SED-Dik­ta­tur gibt es eine Über­sichts­sei­te zum The­ma Jugend­werk­hö­fe. Laut die­ser Sei­te waren in den 40 Jah­ren DDR 135.000 Kin­der und Jugend­li­che in Spe­zi­al­hei­men (was die Jugend­werk­hö­fe ein­schließt). In die­se Ein­rich­tun­gen kam man aber nur, wenn man mas­siv ver­hal­tens­auf­fäl­lig war (sie­he Bun­des­stif­tung zu Grün­den, auch unak­zep­ta­blen und eigent­lich geset­zes­wid­ri­gen). Im Unter­schied dazu konn­te man im Wes­ten einen Tritt in den Hin­tern bekom­men, weil man beim Wan­der­tag zu lang­sam lief oder frech zum Leh­rer war (sie­he unten). Die Lehrer*innen waren zum Teil noch Nazi-Lehrer*innen, die auch die erprob­ten Metho­den wei­ter ver­wen­de­ten. Im Osten wur­den die zum Groß­teil ent­las­sen oder durf­ten die ers­ten Jah­re nach dem Krieg nicht als Lehrer*in arbei­ten. In Crash-Kur­sen wur­den so genann­te Neu­leh­rer aus­ge­bil­det. Die Kon­ti­nui­tät der Nazi-Päd­ago­gik war gebro­chen. 1983 war ich 15 Jah­re alt. Mei­ne Altersgenoss*innen in Bay­ern hät­ten also alle bis zur neun­ten Klas­se ver­prü­gelt wer­den dür­fen. Auch dazu unten mehr.

Ich ken­ne ins­ge­samt drei Per­so­nen, die in einem Jugend­werk­hof waren. Ein Mäd­chen aus mei­ner Schu­le (nach­dem ich die Schu­le ver­las­sen hat­te). Ein Jun­ge, den ich über mei­ne Punk­freun­de nach der Wen­de ken­nen­ge­lernt hat­te und den Mann oben, den ich bei einer Kli­ma-Ver­an­stal­tung 2023 foto­gra­fiert habe. Bei der Bun­des­stif­tung steht Folgendes:

In Spe­zi­al­hei­men wur­den Kin­der und Jugend­li­che unter­ge­bracht, die als „schwer erzieh­bar“ gal­ten und „deren Umer­zie­hung in ihrer bis­he­ri­gen Erzie­hungs­um­ge­bung trotz opti­mal orga­ni­sier­ter erzie­he­ri­schen Ein­wir­kung der Gesell­schaft nicht erfolg­reich ver­lief.“ (§ 1 , Abs. 2, Anord­nung über die Spe­zi­al­hei­me der Jugend­hil­fe (1965). Hier­un­ter zähl­te die DDR-Päd­ago­gik alle Her­an­wach­sen­den, deren Ver­hal­tens­wei­sen und Leis­tun­gen im Wider­spruch zu den gesell­schaft­li­chen For­de­run­gen stan­den und sich u.a. in soge­nann­ter Dis­zi­plin­lo­sig­keit, Ver­hal­tens­auf­fäl­lig­kei­ten und kri­mi­nel­lem Ver­hal­ten niederschlugen.

[…]

Im Mai 1989 exis­tier­ten 401 Nor­mal­kin­der­hei­me und 73 Spe­zi­al­kin­der­hei­me. Dazu gehör­ten 41 Jugend­werk­hö­fe sowie der 1965 als Dis­zi­pli­nar­ein­rich­tung im Sys­tem der Spe­zi­al­hei­me ein­ge­rich­te­te Geschlos­se­ne Jugend­werk­hof Tor­gau. In den Jah­ren 1949 bis 1990 haben etwa 495.000 Min­der­jäh­ri­ge die Hei­me der DDR durch­lau­fen; 135.000 davon die Spe­zi­al­hei­me. Rund 6.000 Jugend­li­che leb­ten für eine gewis­se Zeit im Geschlos­se­nen Jugend­werk­hof Torgau.

Es gab also in der gesam­ten DDR-Zeit 135.000 Min­der­jäh­ri­ge in den Spe­zi­al­hei­men. In Wiki­pe­dia steht, dass zwi­schen 1968 und 1977 1,8 Min­der­jäh­ri­ge von 1000 in einem Jugend­werk­hof waren. In den Jugend­werk­hof kam man nur in einem Alter ab 14 Jah­ren. Die POS ging bis zur zehn­ten Klas­se, das heißt, dass man im Alter von 14 bis 16 in den Jugend­werk­hof kom­men konn­te. In mei­ner Schu­le gab es vier par­al­le­le Klas­sen a 31 Schü­ler. Wenn man die 8., 9. und 10. Klas­se als poten­ti­el­le Jugend­werk­hof-Jugend­li­che betrach­tet, dann wären das 372 Jugend­li­che. Unter 555 Jugend­li­chen ist einer in den Jugend­werk­hof gegan­gen, also nicht mal einer pro Schu­le. Das heißt, dass das sehr spe­zi­el­le Fäl­le waren. Die Jugend­li­che in mei­ner Schu­le hat über einen län­ge­ren Zeit­raum diver­se Din­ge ange­stellt, man­che auch mit einem poli­ti­schen Aspekt. Zum Bei­spiel eine DDR-Fah­ne ohne Emblem rausgehängt.

An mei­ner Schu­le gab es Jugend­li­che, die in das Leh­rer­zim­mer ein­ge­bro­chen waren und ein Ton­band­ge­rät gestoh­len hat­ten. Sie haben einen Tadel bekom­men und wenn ich mich recht erin­ne­re, wur­de die­ser auch beim Fah­nen­ap­pell vor der gan­zen Schu­le aus­ge­spro­chen. In mei­ner Stra­ße wohn­te ein Schul­schwän­zer. Weil er nicht zur Schu­le kam, wur­de dann irgend­wann ver­fügt, dass er von der Poli­zei gebracht wur­de. Der Poli­zist wohn­te im sel­ben Wohn­block. Immer wenn ich früh zur Schu­le ging, stand der Jugend­li­che grin­send am Stra­ßen­rand und war­te­te auf den Poli­zis­ten, der ihn dann im Poli­zei-Wart­burg zur Schu­le fah­ren wür­de. In mei­ner Klas­se gab es meh­re­re Jugend­li­che, die schon sit­zen­ge­blie­ben waren. In der ach­ten Klas­se mach­te die­ser Alters­un­ter­schied viel aus. Es gab Jun­gen, die im Bio­lo­gie-Unter­richt geraucht haben. Unse­re Klas­se hat meh­re­re Rus­sisch­leh­re­rin­nen, die frisch von der Uni kamen, fer­tig gemacht. Sie muss­ten die Klas­se abge­ben. Sie wur­den mit Ein­weg­sprit­zen, die es in Buch reich­lich gab, weil das Kli­ni­kum dort war, mit Was­ser bespritzt. Ein­mal hat einer sogar einen Apfel mit dem Mes­ser zer­lö­chert und dann nach vorn gegen die Tafel gewor­fen, wo er zer­platz­te und die Apfel­stü­cke über­all durch die Gegend flo­gen. Das ende­te erst, als eine erfah­re­ne, reso­lu­te Leh­re­rin den Rus­sisch­un­ter­richt über­nahm. Die Gro­ßen aus unse­rer Schu­le haben mal den Trab­bi der Bio­leh­re­rin in die Weit­sprung­gru­be getra­gen. Das war ein ziem­li­ches Stück Weg über den gesam­ten Sport­platz. Aber die Trab­bis waren ja aus Pap­pe und nicht so schwer. Weiß nicht, wie die Leh­re­rin den Trab­bi da wie­der raus­be­kom­men hat. Wahr­schein­lich muss­te sie die Halb­star­ken um Hil­fe bit­ten. Für all das kam man nicht in den Jugend­werk­hof. Man muss­te schon etwas mehr anstellen.

Anne Rabe sag­te so dahin: „Und da sind dann eben sol­che Geschich­ten wie Prü­gel­stra­fe in der Schu­le ist abge­schafft. Ist halt die Fra­ge, wie ent­schei­dend das ist, wenn ich gleich­zei­tig damit dro­hen kann, jeman­den in den Arbeits­knast zu ste­cken. Also die­se Gewich­tung.“ Die­se Dro­hung gab es so nicht. Jeden­falls nicht in der nor­ma­len Schu­le. Die kam dann höchs­tens, wenn alle ande­ren Instru­men­te der DDR-Päd­ago­gik ver­sagt hat­ten. Prü­gel wur­de frü­her in Nazi-Deutsch­land und dann in der BRD für ganz ande­re Ver­feh­lun­gen ver­ab­reicht (sie­he unten). Die Schwel­le dafür war sehr viel nied­ri­ger. Im Osten lie­fen die Dro­hun­gen anders. Zum Bei­spiel gab es auf jedem Zeug­nis eine ver­ba­le Beur­tei­lung. Dort wur­de auch der Klas­sen­stand­punkt bewer­tet. Wenn man schlech­te Noten oder attes­tier­te man­geln­de Loya­li­tät dem Staat gegen­über hat­te, konn­te das je nach Berufs­wunsch mas­si­ve Aus­wir­kun­gen auf das spä­te­re Leben haben. Die Zulas­sung zum Abitur und zum Stu­di­um hing davon ab. Der stän­di­ge Bekennt­nis­zwang in Schu­le und FDJ, das war das Pro­blem, nicht Gewalt in Schu­len oder Kur­hei­men (sie­he Kin­der­ver­schi­ckung und die DDR? zu Kuren). Ich habe über mora­li­schen Druck und Bekennt­nis­zwang in mei­nem Kli­ma­blog in Der mora­li­sche Druck der Öko-Gut­men­schen ist ja wie in der DDR geschrie­ben. Ein sehr gutes Buch zum The­ma ist auch Kro­ko­dil im Nacken von Klaus Kor­don. Es han­delt von einem sys­tem­treu­en Paar, das sich recht gut in der DDR ein­ge­rich­tet hat­te und dann aber, als das Kind in die Schu­le ging, merk­ten, wie falsch und ver­lo­gen alles war und wie sehr man sich anpas­sen und ver­bie­gen muss­te. Das führ­te dann zu einem Flucht­ver­such. Die­se Art der Erzie­hung war das Pro­blem der DDR, nicht Gewalt in den Schu­len, wie Anne Rabe alle Wes­sis und Nach­ge­bo­re­nen glau­ben machen möchte.

Ich habe auf Mast­o­don gefragt, ob Men­schen in der BRD Gewalt in Schu­len erlebt haben. Hier eini­ge der Antworten:

Ende der 1960er in BW noch erlebt: Mit dem Line­al auf die Fin­ger hau­en, Ohr­fei­gen und an den Haaren/den Ohren zie­hen. Letz­te­res war eine Spe­zia­li­tät der Reli­gi­ons­leh­re­rin. Das mit dem Line­al habe ich (nicht per­sön­lich) auch nur bei ihr erlebt, soweit ich mich ent­sin­ne. Ohr­fei­gen gab es (sel­ten) vom Klas­sen­leh­rer, der eigent­lich okay war, aber vom Krieg einen Gra­nat­split­ter im Kopf hat­te, der nicht ent­fernt wer­den konn­te und wenn der “wan­der­te”, stand er schon mal neben sich.🫣 (Ver­wen­dung ok)

Ja klar, kannst du ruhig ver­wen­den, aber die Schu­le benen­nen möch­te ich nicht. Es war glau­be ich auch an so ziem­lich allen Grund- und Haupt­schu­len so. Mein ältes­ter Bru­der war auf der „Volks­schu­le“ und da gehör­ten Prü­gel noch ziem­lich lan­ge zum Schul­all­tag, obwohl es da dann end­lich so lang­sam auch ers­ten Wider­stand durch die Eltern­schaft gab. Ich hab’ es ab dem Gym­na­si­um nicht mehr erlebt, aber das war dann auch schon in den 70ern. (Ver­öf­fent­li­chung OK)
Einer mei­ner Klas­sen­leh­rer hat­te sich damals die Ein­wil­li­gung zur “kör­per­li­chen Züch­ti­gung” eines Jun­gen geben las­sen. Die­ser hat­te wäh­rend einer Mathe Stun­de die Leh­re­rin vor der ver­sam­mel­ten Klas­se ver­prü­gelt, bis sie wei­nend fort­lief. Ich sah wie der Leh­rer den Jun­gen an einem ande­ren Tag, bei­de im vol­len Lauf in den Hin­tern trat als die­ser an einer Tür brem­sen muss­te und er von der Wucht gegen die Tür prall­te. Das muss ca 1986 gewe­sen sein. (Ver­öf­fent­li­chung OK) Das war in NRW. Name des Leh­rers bekannt.
Ich erin­ne­re mich, dass die Gewalt an den Schu­len oft The­ma unter uns Kin­dern waren. Aus mei­ner Per­spek­ti­ve erschien es mir, dass Kin­der aus „pre­kä­ren Ver­hält­nis­sen“, so wie ich auch von den Leh­rern gese­hen wur­den, einen schwe­ren Stand hat­ten. Den „Wohl­stands­kin­dern“, denen man es der Klei­dung bereits ansah, mit ihnen wur­de ganz anders gere­det und ihnen wur­de vie­les ver­zie­hen.
Es gab viel sub­ti­le ver­ba­le Gewalt und ich ver­stand sie sehr wohl. (Ver­öf­fent­li­chung OK) 
Ein­ge­schult 1976 in Süd­ost­bay­ern, drei Jah­re Dorf­schu­le, dann gro­ße Kreis­stadt Traun­stein. In der 5. Klas­se hat­te ich einen Klas­sen­leh­rer, der mit Schlüs­sel­bund und Sche­re nach Schü­lern warf, wenn sein Jäh­zorn mit ihm durch­ging. In der 6. Klas­se hat­te der Klas­sen­leh­rer eine klei­ne Arm­brust, mit der er Kor­ken und Krei­de­stü­cke auf Schü­ler schoß, die nicht auf­merk­sam waren. Ich war selbst nie betrof­fen. Ab 1980 Real­schu­le, dort kei­ne Vor­komm­nis­se mehr. (Ver­wen­dung OK)
aus zwei­ter Hand, aber: Ein ehem. Schü­ler von mir berich­te­te mal, dass eine (mir bekann­te und heu­te pen­sio­nier­te) Leh­re­rin ihn geschla­gen hät­te. Meh­re­re sei­ner dama­li­gen Mitschüler*innen haben das glaub­haft bestä­tigt. Den Anlass weiß ich nicht (mehr?). Der Schü­ler wur­de ~1997–1999 gebo­ren.
Bun­des­land Bay­ern. (Ver­wen­dung ok)

Damals noch in NRW. Auf dem Schul­aus­flug zu lang­sam und Trit­te in den Ar…. Grund­schu­le Süch­tel (Vier­sen) ca 1960 / 61 (Ver­öf­fent­li­chung OK)
Für #Öster­reich (#Stei­er­mark) kann ich sol­ches bis in die spä­ten 70er bestä­ti­gen: In der Volks­schu­le sehr stark abhän­gig von den ein­zel­nen Leh­rern. Der dama­li­ge Direk­tor ein stram­mer Nazi, wir durf­ten als 6jährige im Turn­saal das Exer­zie­ren ler­nen (so begann jede Turn­stun­de). Daheim davon etwas zu erzäh­len hät­te die Schlä­ge ver­dop­pelt: “Du wirst es schon ver­dient haben”. In der Ober­stu­fe des Gym­na­si­ums war das dann nicht mehr mög­lich, der Druck wur­de über Noten aus­ge­übt. (Ver­wen­dung OK, liest noch)
1960–64 in der Grund­schu­le “St. Peter und Paul”, Lands­hut, wur­de ich im 1. und 2. Schul­jahr von der Leh­re­rin geohr­feigt. Im 3. und 4. gab es dann vom Leh­rer “Tat­zen”, Schlä­ge mit dem Rohr­stock auf die Fin­ger. “Schwe­re­re Fäl­le bekamen“übergelegt”, dh. mit dem Rohr­stock auf den Hin­tern. An das ver­bis­se­ne Gesicht des Leh­rers, der gleich­zei­tig auch Schul­lei­ter war, erin­ne­re ich mich heu­te noch. Im Gym­na­si­um, ab 1964, wur­de am Schlä­fen­haar gezo­gen. Ab der 7. Klas­se war dann Schluss. (Ver­wen­dung OK)
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Ich kann mich dar­an erin­nern, dass 2 Klas­sen­ka­me­ra­den mit dem Stock der Hin­tern (hef­tigst!) ver­sohlt wur­de. Das war zw. 1980 und 1983. Bei­de waren zu dem Zeit­punkt etwa 13 — 15 Jah­re alt.
Leh­rer war […], Schü­ler […] und […]. In 1 Fall ging es dar­um, dass 1 einen Mitschüler(in?) geschla­gen hat, im ande­ren Fall, dass der Betr. zum Leh­rer “Leck mich am A…” gesagt hat. Es gab noch vie­le ande­re Fäl­le an die ich mich im Detail nicht erin­ne­re. 🤷🏻‍♂️(Ver­wen­dung ok)

Nach Aus­sa­ge von Elrho­em war die­se Schu­le kei­ne „öffent­li­che“ Schu­le. Die Schu­le war an ein Heim ange­glie­dert, folg­te dem öffent­li­chen Lehr­plan. Das Heim war von katho­li­schen Non­nen geführt, die noch im vor­letz­ten Jahr­hun­dert leb­ten, die Leh­rer waren „welt­lich“ (also Zivilisten).

Nicht in Bay­ern, in NRW, Gym­na­si­um, ca. 1994: flie­gen­der Schlüs­sel­bund, den ich aber auf­fan­gen konn­te und dann eher spon­tan aus dem Fens­ter in die Büsche geschmis­sen hat­te… Bestra­fung gab es dafür nicht, das wäre wohl zu sehr nach hin­ten los­ge­gan­gen. Glei­cher Geschichts­leh­rer ca. 1999 Ohren zie­hen, Fin­ger schmerz­haft in Rücken boh­ren (da saß ich nur im glei­chen Raum, war nicht Ziel). Zwei­ter Kom­men­tar: Bei uns war das auf glei­cher Schul­form, etwa zeit­gleich im glei­chen Land ein Bio­leh­rer und der Schlüs­sel­bund ging ins Auge. Die Eltern „konn­ten über­zeugt wer­den“, dass zu viel Thea­ter dar­um zu machen der Schul­kar­rie­re gleich bei­der Söh­ne nicht för­der­lich sei. (Ver­öf­fent­li­chung ok)
Span­nend! Reli­gi­ons­leh­re­rin in HH 1969 hat mir so eine gescheu­ert, das die Bril­le im Arsch war. Mei­ne Mut­ter hat kei­ne Anzei­ge erstat­tet und die Bril­le bezahlt. Damit ich kei­ne „Nach­tei­le“ habe. Hat­te ich natür­lich trotz­dem und das Ver­hält­nis zu mei­ner Mut­ter nach­hal­tig ver­än­dert. (Ver­öf­fent­li­chung ok)

Hier noch anony­mi­sier­te Bei­trä­ge mit OK für Verwendung:

Einem Leh­rer in der Grund­schu­le muss es wohl mal furcht­bar pein­lich gewe­sen sein, dass er mal ’n Buch nach mir gewor­fen hat, als ich zu sehr genervt habe. (War das hal­be Jahr in mei­nem Leben, als ADHS mal nicht hypo­ak­tiv war…) Prü­gel wären da also wohl noch juris­tisch OK gewesen …

Grund­schu­le in Lüden­scheid, NRW an den Ohren oder Haa­ren aus der Klas­se wer­fen war eher die Regel als die Aus­nah­me. Ca 1986/87. Das ist halt nur das, was ich aus der 2./3. Klas­se von damals erin­ne­re. Kon­se­quen­zen oder Öffent­lich­keit gab es keine.

1970 BW, Hoch­wür­den zieht mich im Unter­richt an den Haa­ren, mein Bank­nach­bar bekommt eine Kopf­nuss. Wir hat­ten uns unter­hal­ten. Wenn er in Rage war, hat Hoch­wür­den getobt und geschrien, auch mal einen Kin­der­stuhl gegen die Tafel geschla­gen. [Es war ein katho­li­scher Pfar­rer, der als Reli­gi­ons­leh­rer gear­bei­tet hat.]

Mir ist klar, dass eine Umfra­ge unter Mastodon-Nutzer*innen kei­ne sozio­lo­gisch soli­de Erhe­bung zur Gewalt an Schu­len ist, aber für einen ers­ten Ein­druck mag das genü­gen. Es gibt auch Medi­en­be­rich­te zum Thema:

In der Klas­se 6 b der Volks­schu­le im schwä­bi­schen Amen­din­gen ging die Erd­kun­de­stun­de zu Ende. Der für den Tafel­dienst ein­ge­teil­te elf­jäh­ri­ge Schü­ler warf erleich­tert den Schwamm ins Becken und traf dabei ver­se­hent­lich ein Trink­glas. Als er dann nach dem Klin­gel­zei­chen auch noch „wie ein Geiß­bock her­um­hüpf­te“, zog der Erd­kun­de­leh­rer „den Schü­ler an einem Ohr und an den in der Nähe des Ohres gewach­se­nen Haa­ren und ver­setz­te ihm anschlie­ßend min­des­tens zwei kräf­ti­ge Ohrfeigen“.

Die Tät­lich­kei­ten mach­ten dem Schü­ler „etwa eine Stun­de lang deut­li­che Schmer­zen“ und beschäf­tig­ten ein Jahr spä­ter das Baye­ri­sche Obers­te Lan­des­ge­richt. Die drei Rich­ter des 5. Straf­se­nats wer­te­ten die Züch­ti­gung zwar als „kör­per­li­che Miß­hand­lung“ weil das „Wohl­be­fin­den“ des Schü­lers „mehr als nur uner­heb­lich beein­träch­tigt“ gewe­sen sei. Aber: Der­lei Beein­träch­ti­gun­gen müß­ten bay­ri­sche Schü­ler schon mal hinnehmen.

Spie­gel 1979. Bay­ern: Sinn des Fort­schritts. 1979. Der Spie­gel 18/1979.

Ich fin­de das alles ziem­lich krass. Gewalt, die Angst erzeugt und wohl auch erzeu­gen soll­te. Im Kin­der­gar­ten wur­de ich an den Ohren gezo­gen, bis mei­ne Eltern sich beschwert haben, und in mei­ner Schul­zeit gab es einen schlüs­sel­wer­fen­den Che­mie-Leh­rer. Aber es gab kei­nen Rohr­stock und Schlä­ge auf die Fin­ger oder den Hin­tern. Trit­te in den Po wegen Trö­de­lei bei einem Aus­flug? Kopf­nüs­se für Schwat­zen? Kräf­ti­ge Ohr­fei­gen für Über­mut? Undenk­bar. Wenn es so etwas in der DDR in Schu­len gege­ben hat, dann war es zumin­dest ille­gal. Da alles mit­ein­an­der ver­wo­ben war, Lehrer*innen und eini­ge Eltern in der Par­tei waren, dürf­ten sol­che Stra­fen, die der offi­zi­el­len Par­tei­li­nie wider­spra­chen, jedoch sel­ten vor­ge­kom­men sein. Ein Nut­zer merkt an, dass das Recht auf Erzie­hung ohne Prü­gel nichts wert sei, wenn man es man­gels funk­tio­nie­ren­dem Rechts­sys­tem nicht ein­kla­gen konn­te. Da ist etwas dran, aber in mei­nem Fall haben die Beschwer­den mei­ner Eltern gefruch­tet und inter­es­san­ter­wei­se hat das Rechts­sys­tem im Wes­ten je nach Kon­stel­la­ti­on auch nicht gehol­fen. Wenn das Leh­rer­kol­le­gi­um zusam­men­hielt und Prü­gel­stra­fe ok fand, dann wur­den Eltern davon über­zeugt, nicht zu kla­gen, wie man den Posts oben ent­neh­men kann.

Das Feh­len der oben doku­men­tier­ten Gewalt passt natür­lich nicht zu Anne Rabes Gewalt-These.

In der fol­gen­den Pas­sa­ge geht es um Sze­nen in Anne Rabes auto­fik­tio­na­lem Roman Die Mög­lich­keit von Glück:

Katha­ri­na Nocun: In dei­nem Roman Die Mög­lich­keit von Glück geht es ja um die Auf­ar­bei­tung einer Fami­li­en­ge­schich­te in der DDR und im Zuge des­sen auch um ziem­lich viel Gewalt. Da gab es eine Sze­ne, da hat­te ich wirk­lich Trä­nen in den Augen. Da ging es um eine Mut­ter, die ihr Kind absicht­lich zu lan­ge in hei­ßes Was­ser gestellt hat, um es zu bestra­fen. Und ja, viel­leicht auch, um zu quä­len. Glaubst du, es gibt einen Zusam­men­hang zwi­schen auto­ri­tä­ren Sys­te­men und dem Innen­le­ben von Familien? 

Anne Rabe: Ja, also ganz klar. Das ist ja auch ein DDR-Mythos, dass man sagt, okay, es gibt die­ses Fami­li­en­le­ben, das ist ganz wun­der­bar und die Dik­ta­tur ist irgend­wo drau­ßen, dass man über­haupt ver­sucht, in der Rück­schau Dik­ta­tur und All­tag zu tren­nen. Das ist ein Irr­tum. Das geht gar nicht.

Nocun, Katha­ri­na. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ost­al­gie.

Für alle, die Anne Rabes Buch nicht gele­sen haben: Anne Rabe beschreibt eine unnor­ma­le Fami­lie. Sie schreibt das selbst so:

Alle Fami­li­en haben sol­che Geschich­ten. Gemein­sa­me Erleb­nis­se, die eine Fami­lie zu einer Fami­lie machen. Geschich­ten, die man sich immer wie­der erzählt. Die Geschich­ten von einem miss­glück­ten Weih­nachts­bra­ten, von Irr­fahr­ten zu einem lang ersehn­ten Urlaubs­ziel, Miss­ge­schi­cke und Toll­pat­schig­kei­ten, die einem noch immer die Lach­trä­nen in die Augen trei­ben. Die­se Geschich­ten, an die man denkt, wenn man Zuhau­se denkt.

Was Tim und ich uns erzäh­len, wenn wir über unse­re Kind­heit spre­chen, sind Geschich­ten davon, wie wir gelernt haben, still zu sein.

Rabe, Anne. 2023. Die Mög­lich­keit von Glück. Stutt­gart: Klett-Cot­ta. S. 23

Ich habe in Kei­ne Gewalt! Zu Mög­lich­kei­ten und Glück und dem Buch von Anne Rabe bereits dar­über geschrie­ben: Anne Rabe schil­dert eine durch und durch gewalt­tä­ti­ge Fami­lie. Sie bekam stän­dig Schlä­ge und Kopf­nüs­se. Das wird dann mit wil­den The­sen über Gewalt und Kinds­mor­de und Amok­läu­fe im Osten kom­bi­niert, die ein­fach fak­tisch falsch sind. Die Details sind im eben zitier­ten Blog-Post und in Wei­te­re Kom­men­ta­re zu Anne Rabes Buch: Eine Mög­lich­keit aber kein Glück dis­ku­tiert. Das oben ange­ge­be­ne Zitat zeigt recht deut­lich, dass die Ich-Erzäh­le­rin in Anne Rabes auto­fik­tio­na­lem Roman weiß, dass ihre Fami­lie nicht nor­mal ist. Anne Rabe lei­tet aus dem Leben ihrer Fami­lie weit­rei­chen­de Schluss­fol­ge­run­gen für ein gan­zes Land ab. Ihre Eltern waren sys­tem­treu und Funk­tio­nä­re. Zumin­dest die im Roman. Was vom Roman der Rea­li­tät ent­spricht, will Anne Rabe nicht sagen. Es ist klar, dass ihre Mut­ter oder zumin­dest die beschrie­be­ne Per­son eine Psy­cho­path­in war, aber dar­aus irgend­was mit Dik­ta­tu­ren abzu­lei­ten, ist nicht zuläs­sig. War­um muss ich mir von Anne Rabe erklä­ren las­sen, dass man Fami­lie und Außen nicht tren­nen konn­te? War­um? So haben Mil­lio­nen Men­schen gelebt. In Sport­ver­ei­nen, in Fami­li­en. Wir waren uns 1989 alle (also in mei­nem Umfeld) einig, dass wir die DDR, so wie sie war, nicht woll­ten. Das war eben nicht nur die Fami­lie. Es war der musi­ka­li­sche Unter­grund, die soge­nann­ten ande­ren Bands, die avant­gar­dis­ti­sche Kunst­sze­ne (Autoper­fo­ra­ti­ons­ar­tis­ten usw.), der Sport­ver­ein (Ber­lin Che­mie)1, Men­schen aus mei­ner Schu­le. Sogar mein ehe­ma­li­ger Klas­sen­leh­rer. Ein SED-Mit­glied, das mir Have­mann-Bücher aus dem Wes­ten zum Lesen borg­te und den ich auf Punk-Kon­zert in die Wer­ner-See­len­bin­der-Hal­le mit­nahm, auf dem Neue-Forum-Ban­ner hoch­ge­hal­ten wur­den. Die Über­ra­schung kam dann nach der Wen­de, als plötz­lich das Eini­gen­de weg war und wir fest­stel­len muss­ten, dass wir alle unter­schied­li­che Vor­stel­lun­gen dar­über hat­ten, was wir statt­des­sen woll­ten. Wenn Anne Rabe bei Lesun­gen auf Men­schen trifft, die ihr von Erleb­nis­sen berich­ten, die ihren eige­nen ähneln, dann liegt das wohl dar­an, dass zu ihren Lesun­gen nur oder über­wie­gen­de die Men­schen kom­men, die ihre Erfah­run­gen oder ihre Grund­ein­stel­lung tei­len. Vie­le Ossis macht ihr Buch aber nur unfass­bar wütend. Jemand, der ganz offen­sicht­lich fal­sche Din­ge ver­brei­tet und dafür von noch ahnungs­lo­se­ren Wes­sis (Die Jury des Lite­ra­tur­prei­ses bestand in der Tat nur aus Wes­sis) fast einen Lite­ra­tur­preis bekommt, macht sie nicht nur bei DDR-Nost­al­gi­kern, zu denen ich mich übri­gens expli­zit nicht zäh­le, unbe­liebt. Mein Arti­kel in der Ber­li­ner Zei­tung, der die gra­vie­rends­ten der fak­ti­schen Feh­ler in Anne Rabes Buch dis­ku­tiert, war der mit Abstand am meis­ten run­ter­ge­la­de­ne der Aus­ga­be, wie mir Anja Reich dann mit­teil­te. Er hat­te offen­sicht­lich einen Nerv getrof­fen. Such­ma­schie­nen schlu­gen noch lan­ge nach der Ver­öf­fent­li­chung des Arti­kels „Anne Rabe Pro­fes­sor“ vor, wenn man bereits „Anne Rabe“ ein­ge­ge­ben hat­te. Also: Natür­lich konn­te man in der DDR so vor sich hin­le­ben. Mil­lio­nen haben das getan. Auch wenn Anne Rabe das nicht wahr­ha­ben will. Sie hat es nicht erlebt und weil sie das gar nicht will, wird sie nie ver­ste­hen, wie das funk­tio­niert hat und warum.

Diskurs, 1968 und alternative Erziehung

Hier eine Aus­sa­ge zu den 68ern, der Fra­ge nach Gewalt in der Erzie­hung und dem gesell­schaft­li­chen Diskurs:

Katha­ri­na Nocun: Und es gibt ja die The­se, dass auch das Feh­len einer 68er-Bewe­gung im Osten, die sich dann ja im Wes­ten extrem kri­tisch dann, halt auch teil­wei­se an den eige­nen Eltern und deren Betei­li­gung am NS-Regime und der Groß­el­tern abge­ar­bei­tet hat , dass das Feh­len einer ver­gleich­ba­ren Bewe­gung, die es ja auch gar nicht geben konn­te, so in die­sem Aus­maß, also weil, klar, auto­ri­tä­res Regime, dass das dazu führt, dass Men­schen, viel­leicht auch weni­ger Berüh­rungs­ängs­te mit extrem rech­ten Par­tei­en heu­te ent­wi­ckeln, weil sich das so wei­ter­trägt. Glaubst du, da ist was dran oder das ist halt viel­leicht auch eine Erklä­rung, die es sich zu leicht macht?

Anne Rabe: Bei­des. Also wenn wir zum Bei­spiel auch dar­über spre­chen, über die­se auto­ri­tä­ren Erzie­hungs­me­tho­den, also wo man auch immer sagen kann, okay, es gibt auch in West­deutsch­land und es gab auch in West­deutsch­land ganz, ganz viel Gewalt gegen Kin­der, aber es gab eben auch eine Dis­kus­si­on um auto­ri­tä­re Erzie­hung. Es gab dar­um einen Dis­kurs. Da hat sich was ver­än­dert und das gab es eben in Ost­deutsch­land nicht.

Nocun, Katha­ri­na. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ost­al­gie.

Eine Sache, die ich bis­her immer über­se­hen habe, weil der gan­ze DDR-Dis­kurs auch mit gro­ßer Medi­en­be­tei­li­gung statt­fin­det, ist, dass der Dis­kurs in der DDR natür­lich ganz anders aus­ge­se­hen hat. Er war den­noch exis­tent, anders als heu­te in den West-Medi­en und auch von Anne Rabe behaup­tet wird. Mei­ne Frau hat beim Bahn­fah­ren mit Chris­ti­an Berndt, einem west­deut­schen His­to­ri­ker und Jour­na­list, über den Osten gespro­chen und der hat dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es im Osten durch­aus einen Dis­kurs zu den ver­schie­dens­ten The­men gab. Nur eben nicht in den offi­zi­el­len Medi­en. Im Osten wur­den alle Ent­wick­lun­gen, die es im Wes­ten gab, ganz auf­merk­sam mit­ver­folgt. Bis auf eine paar Täler mit Ahnungs­lo­sen (Dres­den und Greifs­wald) hat­te die gesam­te DDR West­fern­se­hen und Rund­funk. Zum Schluss auch in Sach­sen, weil die Men­schen ein­fach Satel­li­ten­schüs­seln benutzt haben. In Kamenz hat sogar die NVA auf den Wohn­blocks der Offi­zie­re Satel­li­ten­schüs­seln instal­liert, damit die­se nicht so ahnungs­los waren, wenn die Sol­da­ten mit den neus­ten Nach­rich­ten aus dem Urlaub kamen. Ich habe die Schüs­seln in Baut­zen auch selbst gese­hen. Das heißt, die Ossis haben alles mit­be­kom­men und der Dis­kurs fand statt. Bei Par­ties, im Pri­va­ten. Wir haben gere­det, in einem fort. Doch. Wirk­lich. Ich erin­ne­re mich an einen Witz über anti­au­to­ri­tä­re Erzie­hung. Ich glau­be, den hat­te ich sogar von einem Lehrer.

Journalist*innen und Nach­ge­bo­re­ne kön­nen sich das nicht vor­stel­len, weil sie den­ken, Dis­kurs bedeu­tet einen lan­gen Kom­men­tar in den Tages­the­men oder in der FAZ oder vom Chef­re­por­ter der taz Peter Unfried. Aber nein: Wenn die Pres­se zen­siert und zu Tei­len unbrauch­bar ist, dann fin­det der Dis­kurs zwi­schen den Zei­len in Thea­ter­stü­cken oder Fil­men, in Rock­songs oder eben im Pri­va­ten statt. Davon ist außer in Sta­si­un­ter­la­gen natür­lich wenig doku­men­tiert. Aber es gab ihn.

Noch zum The­ma 1968, weil das Katha­ri­na Nocun ange­spro­chen hat. Anne Rabe hat­te in ihrem Buch Die Mög­lich­keit von Glück auch eine angeb­lich feh­len­de Auf­ar­bei­tung der DDR-Zeit in der Art der 1968er behaup­tet. Das wur­de in der Pres­se begeis­tert auf­ge­nom­men, wodurch ich erst von die­sem Buch erfah­ren habe. Ich habe in diver­sen Blog­bei­trä­gen über ihre Posi­ti­on im Buch und in Inter­views geschrie­ben. Sie­he Gewalt­er­fah­run­gen und 1968 für den Osten und Wei­te­re Kom­men­ta­re zu Anne Rabes Buch: Eine Mög­lich­keit aber kein Glück. Die Auf­ar­bei­tung ist erfolgt. Die Sta­si-Akten wur­den ja geret­tet. Was raus­kam, war für vie­le sehr schmerz­haft. Sie haben erfah­ren, dass ihre eige­ne Mut­ter sie bei der Sta­si ver­pfif­fen hat oder ihr Ehe­part­ner (Vera Wol­len­ber­ger bzw. Lengs­feld und Ste­phan Herm­lin). Der IM Sascha Ander­son, der im Prin­zip die gan­ze Unter­grund­sze­ne im Prenz­lau­er Berg orga­ni­siert hat­te, flog auf. Ich war bei der Pre­mie­re des Films über ihn dabei. Die Punk-Band Die Fir­ma, bei der zwei von fünf Band­mit­glie­dern IMs waren. Der Lie­der­ma­cher Gun­der­mann. Das alles ist im ers­ten der zitier­ten Blog-Posts aus­führ­lich doku­men­tiert. Alles bekannt.

Im Pod­cast hat Anne Rabe jetzt eine mil­de­re Position:

Es ist natür­lich auch für eine Gesell­schaft ein­fa­cher, wenn sie sich viel­leicht eigent­lich mit sich sel­ber aus­ein­an­der­set­zen müss­te, den Feind im Außen zu suchen. Also in dem Fall dann der Wes­si. Anstatt mal die Kon­flik­te unter­ein­an­der zu klä­ren, was ist denn hier lie­gen geblie­ben? Und das ist was, wenn du auch nach mei­ner eige­nen Erfah­rung fragst, was für mich die­se 90er Jah­re extrem geprägt hat, ist eben die­ses Unver­mö­gen der Eltern­ge­nera­ti­on, das mit­ein­an­der zum Bei­spiel zu klä­ren. Ich bin ja auch in einer Klein­stadt auf­ge­wach­sen, wo jeder jeden kennt und jeder auch so weiß von jedem, was er so gemacht hat. Oder ahnt oder es gibt Gerüch­te, all die­se Din­ge. Und die konn­ten das nicht und es ist viel­leicht mensch­lich total ver­ständ­lich. Die haben das nicht geschafft, sich an den Tisch zu set­zen und zu sagen, so jetzt möch­te ich mal, dass wir das hier klä­ren. Wir leben doch jetzt nicht mehr in Gefahr. Wir kön­nen das jetzt machen. Und dadurch haben sich zum Bei­spiel eben Kon­flik­te wei­ter­ge­tra­gen in den Kin­dern. So wur­den die sozu­sa­gen pro­ji­ziert. Also ich kom­me ja aus einer sehr roten Fami­lie, wie man so sagt. Und ich habe das als Kind ganz oft erlebt, dass ich gemerkt habe, dass Leu­te mich nicht lei­den kön­nen. Das so Eltern sozu­sa­gen, wenn die mei­nen Namen gehört haben, dass die dann so, aha, okay, Oder fragt, bist du die Toch­ter, oder bist du die Enke­lin von sowie­so. Das gab es ganz häu­fig, ohne dass es erklärt wur­de. Oder auch in der Grund­schu­le war das zum Bei­spiel, das war ja kurz nach der Wen­de ganz mas­siv, da hat­te ich eine Leh­re­rin, die mich rich­tig gemobbt hat. Und ich habe das als Kind über­haupt nicht ver­stan­den. Weil das auch nicht erklärt wur­de. Und das liegt natür­lich an die­sem Unver­mö­gen der Erwach­se­nen mit­ein­an­der, sich hin­zu­set­zen und zu sagen, okay, wir haben hier noch was zu klä­ren. Das trägt sich so fort bis heute.

Das Ver­hal­ten der Leh­re­rin ist unpro­fes­sio­nell gewe­sen und unak­zep­ta­bel. Ansons­ten ist Anne Rabes Wunsch schräg. Die, die unter Men­schen wie ihren Eltern gelit­ten haben, sol­len sich jetzt mit ihnen aus­spre­chen? Sie sol­len nett zu den Kin­dern der Funk­tio­nä­re sein, die ihr Leben zer­stört haben? Das ist viel­leicht ein biss­chen viel ver­langt. Anne Rabe sagt inzwi­schen ja selbst: „Und die konn­ten das nicht und es ist viel­leicht mensch­lich total ver­ständ­lich.“ In ihrem Buch schreibt Anne Rabe, dass sie nicht mit den Opfern ihrer Eltern reden wollte. 

Aber das ist nicht der ein­zi­ge Grund, war­um ich das Gespräch mit Adas Eltern plötz­lich scheue. Ich will kei­ne Abso­lu­ti­on von ihnen, kei­ne spä­te Ver­brü­de­rung mit den­je­ni­gen, die auf mei­ne Eltern und ihr gan­zes Sys­tem zu Recht wütend waren. Ich woll­te mich auch nicht als die­je­ni­ge pro­du­zie­ren, die nun ihre Haus­auf­ga­ben gemacht und im Gegen­satz zu den ewig Gest­ri­gen ver­stan­den hat­te, aus was für einem Land sie kam.

Rabe, Anne. 2023. Die Mög­lich­keit von Glück. Stutt­gart: Klett-Cot­ta. S. 155

Also: Wenn jemand reden muss/will dann die Täter. Viel­leicht auch die Kin­der der Täter und der Opfer. Ansons­ten ist es etwas schräg, dass die Kin­der der Täter jetzt den Opfern vor­wer­fen, dass sie die Dik­ta­tur nicht auf­ge­ar­bei­tet hät­ten und dass des­halb 40% der Wähler*innen in man­chen ost­deut­schen Bun­des­län­dern die AfD wäh­len. Sol­che Argu­men­ta­tio­nen machen Men­schen wütend. Doch. Wirk­lich. Und das bekommt man dann aus den Feuil­le­tons bis zum Erbre­chen. Aus Redak­tio­nen in denen es einen hal­ben Ossi gibt, wenn’s hochkommt.

Noch zum Ver­gleich von 1968 mit der Auf­ar­bei­tung der DDR-Geschich­te. Die natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­bre­chen kann man nicht mit denen in der DDR ver­glei­chen. Es ist nicht genau fest­stell­bar, wie vie­le Men­schen in der DDR gestor­ben sind. Der Wis­sen­schaft­li­che Dienst des Bun­des­ta­ges gibt als Maxi­mal­wert 4.000 an für die gesam­ten 40 Jah­re der DDR (Wis­sen­schaft­li­cher Dienst des Bun­des­ta­ges 2021). Bei Kiev in Babyn Jar hat die Wehr­macht in 36 Stun­den 33.000 Men­schen erschos­sen. Durch die Nazis sind ca. 80 Mil­lio­nen Men­schen zu Tode gekom­men. Vie­le davon wur­den sys­te­ma­tisch in Ver­nich­tungs­la­gern ermordet. 

60–65 Mil­lio­nen Men­schen sind im Krieg gestor­ben. In Psych­ia­trien hat man Men­schen ver­hun­gern las­sen. Sie sind nach drei Mona­ten Man­gel­er­näh­rung gestor­ben (Hun­ger­kost-Erlaß). Ich habe in Zwei Dik­ta­tu­ren – zwei Töp­fe all die­se Unvor­stell­bar­kei­ten auf­ge­lis­tet. An die­sen gan­zen Ver­bre­chen waren Deut­sche betei­ligt. Es war ein rie­si­ger Appa­rat. Regie­rung, SS-Leu­te, SA-Leu­te, Rich­ter, Ärz­te, Kran­ken­pfle­ger, Juris­ten, Lok­füh­rer, ein Ver­wal­tungs­ap­pa­rat, NSDAP-Mit­glie­der. Journalist*innen von Zei­tun­gen, Zeit­schrif­ten, Filmemacher*innen wie Leni Rie­fen­stahl, ein Pro­pa­gan­da­ap­pa­rat, der das mög­lich gemacht hat. Dar­über muss­te man spre­chen. Men­schen, die die bei­den Dik­ta­tu­ren gleich­set­zen, ver­harm­lo­sen letzt­end­lich den Holo­caust und ande­re Ver­bre­chen in Nazi-Deutschland.

Übri­gens: Oben habe ich einen Spie­gel-Arti­kel zum höchst­rich­ter­li­chen Ent­scheid zur Prü­gel­stra­fe in Bay­ern zitiert. Eine wei­te­re Stel­le aus die­sem Arti­kel passt hier sehr gut:

Poli­tisch unab­hän­gig sind die höchst­be­sol­de­ten Bay­ern-Juris­ten selbst­ver­ständ­lich auch. So erträgt der Frei­staat mit beach­tens­wer­ter Duld­sam­keit den Ober­strich­ter Karl Gün­ther Stem­pel, der sich seit Jah­ren in der rechts­ra­di­ka­len Sze­ne her­vor­tut und erst Ende März auf einer Ver­an­stal­tung des „Deut­schen Kul­tur­werks Euro­päi­schen Geis­tes“ in Lüne­burg ein „Bekennt­nis zur Volks­kul­tur in abend­län­di­scher Schick­sals­ge­mein­schaft“ abge­legt hat – neben dem Refe­ren­ten Ralf Oll­mann, der 1976 “wegen Schän­dung des jüdi­schen Fried­hofs in Göt­tin­gen“ zu 21 Mona­ten Haft mit Bewäh­rung ver­ur­teilt wor­den war. Die bay­ri­sche SPD: „Wahr­lich ein schö­nes Gespann.“

Spie­gel 1979. Bay­ern: Sinn des Fort­schritts. 1979. Der Spie­gel 18/1979.

Wer noch nicht genug hat, kann ja den Wiki­pe­dia­ein­trag von Karl Gün­ther Stem­pel lesen: „ein deut­scher Jurist und Autor natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Gesin­nung“. Der Arti­kel ist von 1979, also 11 Jah­re nach 1968. Die Typen waren immer noch da.

Armut

Ein ande­res The­ma ist Armut. Bei 40:14 hört man dazu:

Anne Rabe: Gera­de ins­be­son­de­re so in den 80er Jah­ren der DDR. Da haben wir einer­seits eben die­se Ago­nie der DDR, dass klar ist, hier geht es irgend­wie nicht mehr vor­an. Die­ses gan­ze Heils­ver­spre­chen, das ist irgend­wie Quatsch, das wird nichts mehr. Wir haben eine zuneh­men­de Armut. Wir sehen halt die DDR-Bil­der dann immer aus Ber­lin. Aber das Pro­vinz­le­ben im Osten, so am Ran­de der Repu­blik, war ganz anders als in Ber­lin. Also, wei­ter man weg­kam sozu­sa­gen von der Haupt­stadt, umso schlech­ter war die Ver­sor­gung. Und da spre­chen wir wirk­lich von tat­säch­li­cher Armut, auch von Lebens­mit­tel­knapp­heit zum Teil. Also, das sind alles Din­ge, die gab es in den 80er Jah­ren. Oder man woll­te irgend­wel­che Pro­duk­te haben und dann kam man auf die War­te­lis­te oder man kann­te wen. 

Katha­ri­na Nocun: So, so kann ich das aus mei­ner Fami­lie in Polen. Also, da war über­haupt nicht die Erwar­tungs­hal­tung. Ich kann Din­ge irgend­wie kau­fen, das sei denn, irgend­je­mand hat mir Devi­sen gegeben. 

Anne Rabe: Sowas, aber auch tat­säch­lich, wo ich sage, also es gibt zum Bei­spiel Berich­te, das ist ganz inter­es­sant, so aus Brie­fen oder so, wo dann Leu­te, gera­de Frau­en, so was schrei­ben, wie ich habe wie­der kei­ne Win­ter­ja­cken für mei­ne Kin­der gekriegt. Oder im Kon­sum gab es wie­der nur Milch und Nudeln. So, also ich spre­che von einer tat­säch­li­chen Armut, nicht nur von einem kar­gen Leben, son­dern von Armut. Und das bedeu­te­te ins­be­son­de­re für die Frau­en ein wahn­sin­nig har­tes Leben, weil die natür­lich ver­ant­wort­lich waren für die Haus­ar­beit und für die Arbeit. Die muss­ten früh mor­gens ihre Kin­der in die Krip­pen brin­gen. Und da muss­ten die zur Arbeit gehen. Dann nach der Arbeit anste­hen, nach Lebens­mit­teln, viel­leicht noch Koh­len rein­s­chip­pen, hat­ten häu­fig kei­ne Wasch­ma­schi­nen zu Hau­se. Ja, dann musst du irgend­wie die Wäsche ein­ko­chen. Oder die­se gan­ze Ver­sor­gungs­la­ge hat dazu geführt, dass es ein wahn­sin­nig stres­si­ges, anstren­gen­des Leben für Frau­en war.

Nocun, Katha­ri­na. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ost­al­gie. 40:14

Also, dass das Leben der Frau­en anstren­gend war, ist unbe­strit­ten, aber auch hier über­treibt Anne Rabe oder stellt es irgend­wie ver­quer dar. Immer­hin ist die Dar­stel­lung näher an der Rea­li­tät. In einem Inter­view in den Zwi­schen­tö­nen hat­te sie noch 2023 behaup­tet, es hät­te kei­ne Wasch­ma­schi­nen gege­ben. Jetzt behaup­tet sie nur noch, dass es häu­fig kei­ne Wasch­ma­schi­nen gege­ben hät­te. Ich habe über das Inter­view in den Zwi­schen­tö­nen bereits 2024 geschrie­ben (Wasch­ma­schi­nen und Schwu­le in der DDR und Les­ben natür­lich auch). Wenn Anne Rabe 5,6% der Haus­hal­te ohne Wasch­ma­schi­ne häu­fig fin­det, dann ist das wohl so. Ansons­ten kann man in den Fach­pu­bli­ka­tio­nen zum The­ma fol­gen­de Anga­ben finden:

1986 befan­den sich in 94,4 Pro­zent aller DDR-Haus­hal­te Wasch­ma­schi­nen, davon ca. 13 Pro­zent Wasch­voll­au­to­ma­ten, ca. 40 Pro­zent Wasch­au­to­ma­ten und ca. 47 Pro­zent Bot­tich­wasch­ma­schi­nen; Hans-Joa­chim Scheit­hau­er u. Micha­el Laue, Moder­ne Wasch­ma­schi­nen – spar­sa­me Hel­fer im Haus­halt, in: Ener­gie­an­wen­dung 37, 1988, H. 6, S. 229ff., hier S. 229; Sta­tis­ti­sches Amt der DDR (Hg.), Sta­tis­ti­sches Jahr­buch der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik 1990, Ber­lin 1990, S. 324f.

Wöl­fel, Syl­via. 2012. „Plan­mä­ßi­ge Ver­rin­ge­rung des Bedarfs“ Die Ent­wick­lung ver­brauchs­ar­mer Haus­halts­ge­rä­te in der DDR. Tech­nik­ge­schich­te 79(1). 45–60. (doi:10.5771/0040–117X-2012–1‑45)

Der Ver­brei­tungs­grad heu­te liegt bei 96,2%. Ich hat­te als Stu­dent eine Wel­len­rad-Maschi­ne. Die hat zwar alle Knöp­fe aus Klei­dungs­stü­cken geris­sen, für mei­nen Kara­te-Gi war sie aber sehr gut geeig­net. Zum Win­deln­wa­schen taug­ten die­se Din­ger auch. Mei­ne Mut­ter hat­te seit mei­ner Geburt 1968 einen Wasch­voll­au­to­ma­ten. Zu den Details und Ehe­kre­di­ten usw. sie­he Wasch­ma­schi­nen und Schwu­le in der DDR und Les­ben natür­lich auch.

Koh­le rein­s­chip­pen­de Frau­en hat es in der Tat gege­ben, aber die Koh­le kam ein­mal im Jahr. Anna Rabe erzeugt ein Bild von armen Frau­en, die täg­lich mit fie­ses­ter schwers­ter Arbeit belas­tet sind. In Ber­lin gab es Bri­ketts, die wur­den in den Kel­ler gebracht. Hoch­ge­tra­gen habe ich die Koh­le. Ich hät­te sie auch in den Kel­ler geschippt, wenn es nötig gewe­sen wäre. Aber in der DDR haben Frau­en eben auch Glei­se ver­legt, wenn sie solch einen Beruf woll­ten, und Koh­le in den Kel­ler geschippt. Zum Gleis­bau sie­he Stolz & Eigen­sinn.

Ich schrei­be zu die­sem Punkt der Armut noch ein­mal, weil das wich­tig ist. Denn die Fra­ge, was Wohl­stand ist, was ein ange­mes­se­ner Lebens­stan­dard ist, ist aktu­el­ler denn je, weil wir so, wie wir jetzt leben, nicht wei­ter­le­ben kön­nen. Der Erd­über­las­tungs­tag ist in Deutsch­land bereits Anfang Mai erreicht. Danach kon­su­mie­ren wir über das, was der Pla­net her­gibt. Des­halb ist die Fra­ge, ob die Men­schen in der DDR in „tat­säch­li­cher Armut“ gelebt haben, rele­vant. Ulri­ke Herr­mann hat vor­ge­schla­gen, dass man zurück zum Lebens­stan­dard der BRD 1978 gehen soll­te (natür­lich ohne Fort­schrit­te in der Medi­zin usw. auf­zu­ge­ben), aber eben ohne die gan­zen Aus­wüch­se und den Über­kon­sum, den es seit die­ser Zeit zuneh­mend gibt (Herr­mann, 2022). Für mich wäre auch der Lebens­stan­dard der 80er in der DDR annehm­bar, also etwas, was Anne Rabe als „tat­säch­li­che Armut“ bezeich­net hat.

Anne Rabe hat die­se Zeit nicht erlebt. Sie ist 1986 gebo­ren und berich­tet nur aus sekun­dä­ren Quel­len. Sie war nicht in Rumä­ni­en oder Polen in den 80er Jahren.

Also: Es gab Eng­päs­se. Es gab bestimm­te Din­ge oder auch Lebens­mit­tel nicht oder sel­ten oder nur in Spe­zi­al­lä­den für viel Geld zu kau­fen. Zum Bei­spiel Süd­früch­te (Bana­nen und Oran­gen) gab es in Ber­lin nur in der Weih­nachts­zeit, in der rest­li­chen DDR noch sel­te­ner (Anne Rabe schreibt auf S. 12 von Die Mög­lich­keit von Glück aber, dass sie Bana­nen hat­ten. Das war Wis­mar.). Der Man­gel an Süd­früch­ten kam daher, dass die DDR-Mark nicht kon­ver­tier­bar war und man eben die­se Früch­te für Ost­geld nicht impor­tie­ren konn­te. Das West-Geld, über das die DDR ver­füg­te, wur­de für ande­re Anschaf­fun­gen benö­tigt. Zum Bei­spiel muss­te das Öl, das uns unse­re „Freun­de“ aus der Sowjet­uni­on gelie­fert haben, mit Devi­sen bezahlt wer­den. Auch Ket­schup gab es nicht immer zu kau­fen. Mei­ne Kon­fek­ti­ons­grö­ße gab es in der DDR nicht. Ich war ein­fach zu lang und zu dünn. Ich habe jetzt 32/36 und Hosen in die­ser Län­ge gab es nur für Men­schen mit dop­pel­tem Hüft­um­fang. Das führ­te dazu, dass ich eine Kord­ho­se hat­te, die ein Fehl­kauf einer Kol­le­gin mei­ner Mut­ter im Inter­shop (West­geld) war und eine Kord­ho­se, die 1984 ein Import der DDR aus Däne­mark war. Zu Weih­nach­ten. Die­se Kord­ho­se habe ich zwei Jah­re lang getra­gen und danach auch noch, wenn ich wäh­rend mei­ner Armee­zeit Urlaub hat­te. Sie war zum Schluss fast durch­sich­tig. Die Mut­ter eines Freun­des hat einen Fli­cken drauf gemacht, dann ging sie noch ein biss­chen. Zu hau­se habe ich einen Trai­nings­an­zug ange­zo­gen, um die Hose zu schonen.

Gestell­ruck­sä­cke gab es nicht immer. Ich habe mal am Alex­an­der­platz jeman­den mit einem Gestell­ruck­sack in Plas­te­tü­te rum­lau­fen sehen und habe dar­aus geschlos­sen, dass er den irgend­wo gekauft haben muss­te. Ich habe ihn gefragt und bin dann sofort zum Haus für Sport und Frei­zeit am Frank­fur­ter Tor gefah­ren und habe einen gekauft.

War ich arm? Es hat in der DDR nie­mand gehun­gert. Ich hat­te als Stu­dent 1989 ein Sti­pen­di­um von 300 Mark. Da ich drei Jah­re bei der Armee gewe­sen war, betrug mein Sti­pen­di­um 100 Mark mehr als das regu­lä­re Sti­pen­di­um. Von 200 Mark konn­te man aber in der DDR leben. Die Mie­te für eine Ein­zim­mer­woh­nung betrug 20–30 Mark und die Prei­se für Grund­nah­rungs­mit­tel waren sub­ven­tio­niert. Ein Liter Milch kos­te­te 70 Pfen­nig (nach der Maul-und-Klau­en­seu­che 66 Pfen­nig mit leicht redu­zier­tem Fett­ge­halt), ein Brot 95 Pfen­nig. Prei­se für Nah­rungs­mit­tel und Mie­ten waren bei den Vor­kriegs­prei­sen ein­ge­fro­ren wor­den. Bei der Beklei­dung war es so, dass es meist ein erschwing­li­ches Modell zu kau­fen gab. Das woll­te man nicht unbe­dingt haben, weil es nicht chic war. Aber es gab es (wenn man nicht mei­ne Kör­per­ma­ße hat­te).2 Wiki­pe­dia hat eine sehr aus­führ­li­che Lis­te mit Prei­sen für die ver­schie­dens­ten Waren. Nah­rungs­mit­tel, Schall­plat­ten, Kos­me­tik, Unter­wä­sche, Kame­ras, Autos. Auch zu ver­füg­ba­rem Geld gibt es auf der Sei­te detail­lier­te Angaben.

Das Durch­schnitts­ein­kom­men in der DDR betrug 1989 1300 Mark (1949: 290 Mark, 1970: 755 Mark; mdr 2021). Die Ren­te wur­de aus dem Durch­schnitts­ein­kom­men der letz­ten 20 Jah­re ermit­telt. Dadurch, dass es kei­ne Infla­ti­on gab, hat­te man also mehr als das Ein­kom­men, das man vor 20 Jah­ren hat­te. Da man davon aber den Grund­be­darf schon vor 20 Jah­ren hat­te decken kön­nen, konn­te man ihn dann als Rentner*in garan­tiert decken. Von der Ren­te konn­te man sich nicht ohne Wei­te­res einen Farb­fern­se­her oder eine Ste­reo­an­la­ge leis­ten, aber die hat­te man ja viel­leicht vom Gehalt gekauft und es gab auch nicht viel Anre­gun­gen, etwas Neu­es zu kaufen.

Ich habe Erfah­rungs­be­rich­te von Wer­ni­ge­ro­de, Deren­burg, Trip­tis und Kahla. Dass es, wie von Anne Rabe behaup­tet, nur Nudeln und Milch gege­ben habe, ent­spricht nicht der Wahr­heit. Es gab Schul­spei­sung (bei uns war die nicht beson­ders lecker, Groß­kü­che, aber wir haben sie geges­sen). Teils hat ein rich­ti­ger Flei­scher für die Kauf­hal­le gear­bei­tet und es gab gute lokal gemach­te Wurst. In mei­ner Kind­heit waren wir in Thü­rin­gen, im Vogt­land, im Erz­ge­bir­ge und im Harz im Urlaub. Ein­mal waren wir in einem FDGB-Heim, ansons­ten in pri­va­ten Unter­künf­ten. Wir haben uns selbst ver­sorgt und auch ab und zu in Gast­stät­ten geges­sen. Es gab über­all ver­nünf­ti­ge Ver­sor­gung mit Lebens­mit­teln. Ich habe eine wei­te­re Umfra­ge zur Ver­sor­gung außer­halb Ber­lins auf Mast­o­don gestar­tet und es gab wohl im Nor­den auch Kar­tof­fel­eng­päs­se, aber das war kein Dau­er­zu­stand. Hun­gern muss­te niemand.

Hun­gern muss­te in der DDR nie­mand, nur die Jungs am kur­zen Ende der Son­nen­al­lee. (Für Nach­ge­bo­re­ne: Die Akteu­re im Buch Son­nen­al­lee und im Film machen sich einen Witz und spie­len Tourist*innen aus dem Wes­ten vor, dass sie Hun­ger hätten.)

In ande­ren sozia­lis­ti­schen Län­dern sah die Ver­sor­gung ganz anders aus. Ich war 1984, als das wie­der mög­lich war, mit einem Schü­ler­aus­tausch in Polen. Dort haben wir zwei Wochen lang Nudeln mit einer unde­fi­nier­ba­ren rosa Soße bekom­men. 1988 war ich in Rumä­ni­en. Dort gab es in den Lebens­mit­tel­lä­den außer Brot nichts. Das wür­de ich als Armut bezeich­nen. So war es in der DDR aber nicht.

Also, wenn ich mir über­le­ge, wie unser Leben heu­te sein soll­te, dann kommt im Prin­zip die Ver­sor­gung in Ber­lin ohne die Aus­fäl­le her­aus: regio­na­les, sai­so­na­les Obst und Gemü­se, lokal geba­cke­nes Brot, das am Abend nicht weg­ge­wor­fen wur­de, son­dern für den nächs­ten Tag auf­ge­ho­ben wur­de. Eine ver­nünf­ti­ge Ver­sor­gung mit Klei­dung und Schu­hen ohne Fast Fashion und Pro­duk­ti­on in Fern­ost (zur Schuh­pro­duk­ti­on in Wei­ßen­fels sie­he auch Stolz & Eigen­sinn).

Und Armut, Armut sieht so aus:

Sofa eines Obdach­lo­sen mit Tep­pich davor und Regal, mit Schlaf­sack, Kis­sen und ande­ren Hab­se­lig­kei­ten auf der Schön­hau­ser Allee. Dazu ein durch­sich­ti­ger Beu­tel von der Biblio­thek der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin. 26.10.2025
Zelt im Gleim­tun­nel. Davor Kokos­läu­fer, ein Tisch mit Blu­men, Bil­der, Stüh­le, ein Besen zum Aus­fe­gen und eine Kehr­schau­fel. Ber­lin, 25.10.2025

Das gab es in der DDR nicht. Es gab nicht genü­gend Woh­nun­gen und die Alt­bau­ten fie­len zusam­men, aber das bedeu­te­te eben, dass Kin­der bei ihren Eltern woh­nen muss­ten. Auf der Stra­ße leb­te niemand.

Junge Gemeinde und Studium

Anne Rabe behaup­tet Fol­gen­des über die Mit­glied­schaft in der Jun­gen Gemein­de und der FDJ:

Zum Bei­spiel im Vor­feld des 17. Juni gab es so eine ideo­lo­gi­sche Ver­schär­fung, dass man Jugend­li­chen, die gleich­zei­tig Mit­glied waren in der jun­gen Gemein­de, also in der christ­li­chen Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on, in der FDJ, der frei­en deut­schen Jugend, also der Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on der DDR, nach sowje­ti­schem Vor­bild, dass man gesagt hat, ihr könnt nicht mal gleich­zei­tig Mit­glied sein in bei­dem. Und nur wenn ihr in der FDJ seid, dann könnt ihr auch stu­die­ren und so. Also sol­che Geschich­ten, dass es dort einen Ver­such gab, einer ideo­lo­gi­schen Ver­schär­fung und dass man zum Bei­spiel sowas, da gab es so einen Beschluss, dass alle Jugend­li­chen, die in der jun­gen Gemein­de sind, müs­sen von den Schu­len ver­wie­sen wer­den. Also alle Acht­kläss­ler, Neunt­kläss­ler sozu­sa­gen raus, wenn die sich nicht zur FDJ beken­nen. Das wur­de spä­ter wie­der zurück­ge­nom­men, aber es gab eben so Schrit­te, die dazu geführt haben, dass sich die­se Sowjet­ideo­lo­gie, sta­li­nis­ti­sche Ideo­lo­gie, dass das ver­schärft wurde.

Nocun, Katha­ri­na. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ost­al­gie. 52:26

Die­se Aus­sa­ge hat mich erstaunt. In den 50er Jah­ren gab es noch die Grund­schu­le, die bis zur ach­ten Klas­se ging. Hät­te man die Schüler*innen der ach­ten Klas­se ein­fach raus­ge­schmis­sen, hät­ten sie in der DDR kei­nen Aus­bil­dungs­be­ruf erler­nen kön­nen. Da es aber eine Arbeits­pflicht gab und Arbeits­kräf­te über­all benö­tigt wur­den, wäre das recht merk­wür­dig gewe­sen. Es gab die­se Aktio­nen gegen die Jun­ge Gemein­de tat­säch­lich (Hugi, 2019) und Christ*innen wur­den auch nach 1953 noch wo mög­lich Stei­ne in den Weg gelegt, aber die Aktio­nen rich­te­ten sich gegen Abiturient*innen und gegen Student*innen. In der DDR und auch in der BRD haben damals viel, viel weni­ger Jugend­li­che Abitur gemacht (in den 80ern 2 von 30). Es gab alter­na­ti­ve Aus­bil­dungs­we­ge wie Berufs­aus­bil­dung mit Abitur. Die­je­ni­gen, die Abitur machen durf­ten, wur­den ent­spre­chend sorg­fäl­tig aus­ge­wählt. Die Logik dahin­ter war, dass der Staat in die­se Men­schen Geld inves­tier­te und nicht woll­te, dass sie bei der nächs­ten Gele­gen­heit in den Wes­ten ver­schwan­den. Für Christ*innen war es immer schwer, einen sol­chen Platz zu bekom­men. 1953 rich­te­ten sich die Maß­nah­men mit Schul­ver­wei­sen gegen Abiturient*innen und Student*innen. Grund­schü­ler waren nicht betrof­fen. Auch folgt aus „Nicht in der FDJ“ nicht Ver­weis von der Schu­le, wie es Anne Rabe dar­ge­stellt hat. Aus „Nicht in der FDJ“ folg­te Schwie­rig­kei­ten bei der Zulas­sung zum Abitur und dann zum Stu­di­um. Spä­ter gab es die zehn­klas­si­ge Poly­tech­ni­sche Ober­schu­le für alle Schüler*innen. Auch da gab es Gän­ge­lei und Druck, aber es gab eben auch Men­schen, die nicht bei den Thäl­mann-Pio­nie­ren oder in der FDJ waren. Ein katho­li­sches Mäd­chen aus mei­ner Klas­se muss­te immer ganz hin­ten beim Fah­nen­ap­pell ste­hen, damit man sie ohne ihr FDJ-Hemd nicht gese­hen hat.

Stalin, Chruschtschow und Breschnew 

Anne Rabe berich­tet über das Ende des Sta­li­nis­mus Folgendes:

Das ist auch immer inter­es­sant, wenn man rein­guckt, das Ende Sta­lins und das Ende des Sta­li­nis­mus ist ja eh super inter­es­sant, wie die da rein­ge­stol­pert sind aus lau­ter Angst vor die­sem Dik­ta­tor. Aber in der DDR war das noch extre­mer. Die fuh­ren dann als Dele­ga­ti­on dahin und die­se berühm­te Geheim­re­de von Bre­sch­new, wo er dann eben über die Ver­bre­chen des Sta­li­nis­mus gespro­chen hat. Und fuh­ren dann zurück und wuss­ten gar nicht, was sie damit machen soll­ten, sozu­sa­gen. Und brauch­ten dann erst wie­der Anwei­sun­gen aus Mos­kau, dass man jetzt eben wirk­lich hier die Denk­mä­ler run­ter­reißt und so. Weil sie völ­lig über­for­dert waren und das gar nicht sel­ber ent­schei­den konn­ten oder dis­kur­siv mit­ein­an­der besprechen.

Nocun, Katha­ri­na. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ost­al­gie. 52:56

Die Geheim­re­de Über den Per­so­nen­kult und sei­ne Fol­gen war nicht von Bre­sch­new, son­dern von Chruscht­schow. Chruscht­schow hat die Rede am 25.02.1956 zum Abschluss des 20. Par­tei­ta­ges der KPdSU gehalten. 

Schließ­lich wur­de ein wei­te­rer Tages­ord­nungs­punkt gebil­ligt, der aber unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit und ohne anschlie­ßen­de Dis­kus­si­on statt­fin­den soll­te. […] Nur loya­le Par­tei­mit­glie­der waren zuge­las­sen, die Anwe­sen­heit von Jour­na­lis­ten war verboten.

Geheim­re­de Über den Per­so­nen­kult und sei­ne Folgen

Das bedeu­tet, dass Anne Rabe nicht nur den dama­li­gen Par­tei­chef mit einem weit weni­ger bedeu­ten­den Funk­tio­när, der erst 1966 – also zehn Jah­re spä­ter – Gene­ral­se­kre­tär des ZK der KPdSU wer­den soll­te, ver­wech­selt hat. Sie hat auch ein­fach mal erfun­den, dass eine DDR-Dele­ga­ti­on bei die­sem Par­tei­tag anwe­send war.

Zuhö­rer berich­te­ten nach 1989, das Publi­kum habe die Rede in völ­li­gem Schwei­gen und mit läh­men­dem Ent­set­zen auf­ge­nom­men. Es habe kei­ne Aus­spra­che gege­ben. Jede münd­li­che oder schrift­li­che Wei­ter­ga­be des Gehör­ten wur­de den Dele­gier­ten unter­sagt. Kopien der Rede gin­gen im März 1956 an die Staats­chefs im Ostblock. 

Geheim­re­de Über den Per­so­nen­kult und sei­ne Folgen

Ich hat­te ja an ande­rer Stel­le dar­über geschrie­ben, dass Bre­sch­new am 10.11.1982 gestor­ben ist und uns damit den 11.11. ver­dor­ben hat (Ber­li­ner und Bre­sch­new). DDR-Bewohner*innen, die die 80er bewusst wahr­ge­nom­men haben, kön­nen Bre­sch­new, Andro­pow und Tscher­nen­kow aus eige­ner Erfah­rung grob zeit­lich ver­or­ten, auch wenn sie im Geschichts­un­ter­richt Krei­de holen waren. Die­ses Wis­sen aus eig­nen Erfah­run­gen fehlt Anne Rabe. 

Im taz-Lab hat Anne Rabe 2024 ange­merkt, dass Umber­to Eco ja auch nicht im Mit­tel­al­ter dabei gewe­sen sei und trotz­dem Roma­ne dar­über schrei­ben kön­ne. Die­se Aus­sa­ge ist 100% kor­rekt, nur ent­spre­chen Ecos Aus­sa­gen dem Wis­sens­stand und es gibt wirk­lich kei­ne Zeitzeug*innen mehr, die er hät­te befra­gen kön­nen und die ihn hät­ten wider­le­gen können.

Ulb­richt wur­de in Mos­kau über den Inhalt der Rede durch einen befreun­de­ten Genos­sen infor­miert (Hoyer, 2023), da er aber offi­zi­ell erst im März über die Rede in Kennt­nis gesetzt wur­de, konn­te er unmit­tel­bar nach der Rück­kehr auch nichts machen, denn er wuss­te ja offi­zi­ell noch über­haupt nichts von den Ver­än­de­run­gen in Mos­kau. Letzt­end­lich betrieb Ulb­richt aber einen ähn­li­chen Per­so­nen­kult wie Sta­lin, wes­halb die­ser Wan­del dann für ihn per­sön­lich auch pro­ble­ma­tisch war (Hoyer, 2023). Also: Es war alles ein biss­chen anders, als von Anne Rabe beschrie­ben, aber sie hat recht: Es war interessant.

Zusammenfassung

Das Gespräch ist im Gro­ßen und Gan­zen gut. Die Bemer­kun­gen zu Gewalt und Armut ent­spre­chen wei­test­ge­hend dem, was Anne Rabe in frü­he­ren Inter­views und in ihrem auto­fik­tio­na­len Roman Die Mög­lich­keit von Glück behaup­tet hat, und sind somit unvoll­stän­dig, ten­den­zi­ös oder schlicht falsch.

Danksagungen

Ich dan­ke allen, die auf Mast­o­don mit­dis­ku­tiert haben, ins­be­son­de­re denen, deren Posts ich hier ver­wen­den durf­te. Peer dan­ke ich für das Auf­fin­den des Spie­gel-Arti­kels von 1979.

Quellen

Der Spie­gel. 1979. Bay­ern: Sinn des Fort­schritts. Der Spie­gel 18/1979. (https://www.spiegel.de/politik/sinn-des-fortschritts-a-f95c10c7-0002–0001-0000–000040351630)

Herr­mann, Ulri­ke. 2022. Kapi­ta­lis­mus und Kli­ma­schutz: Schrump­fen statt Wach­sen. taz 17.09.2022. Ber­lin. (https://taz.de/Kapitalismus-und-Klimaschutz/!5879301/)

Hoyer, Kat­ja. 2023. Dies­seits der Mau­er: Eine neue Geschich­te der DDR 1949–1990. Ham­burg: Hoff­mann und Campe.

Hugi, Son­ja. 2019. Kam­pa­gne gegen die Jun­gen Gemein­den der evan­ge­li­schen Kir­chen. Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung. (https://www.bpb.de/themen/deutsche-teilung/ddr-kompakt/521490/kampagne-gegen-die-jungen-gemeinden-der-evangelischen-kirchen/)

mdr. 2021. Ren­te — damals und heu­te: Was am Lebens­abend blieb: 12-Bett-Zim­mer und 520,13 Mark Ren­te. (https://www.mdr.de/geschichte/ddr/alltag/familie/rente-rentner-altersarmut-pflege-osten-100.html)

Nocun, Katha­ri­na. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ost­al­gie. (https://www.denkangebot.org/allgemein/anne-rabe-ueber-moral-die-afd-und-ostalgie/)

Wis­sen­schaft­li­cher Dienst des Bun­des­ta­ges. 2021. Zur Zahl der Todes­op­fer auf­grund poli­ti­scher Ver­fol­gung in der DDR. Aus­ge­wähl­te Aspek­te. (https://www.bundestag.de/resource/blob/855618/52a47e246eee6bec67127050c4224a74/WD‑1–015–21-pdf.pdf)

  1. Anne Rabe sagt zu Sport­ver­ei­nen: „Die Par­tei­en­struk­tur der DDR war eben kei­ne diver­se, viel­stim­mi­ge, dis­kur­si­ve Struk­tur, sozu­sa­gen die­se Erfah­rung ist eine ande­re, genau­so wie die Ver­eins­struk­tur. Die war eben an die Betrie­be ange­knüpft und damit letzt­lich auch an den Staat. Also alles staat­lich orga­ni­siert.“ Sie kann ein­fach nicht begrei­fen, dass man eben auch in so einem staat­lich vor­ge­ge­be­nen Ske­lett sein Ding machen konn­te. Ich war in zwei Ver­ei­nen: In der ers­ten bis zur ach­ten Klas­se habe ich bei Lok Ober­spree Schach gespielt. Den Namen hat­ten wir von einem ande­ren Klub über­nom­men. Das Schach­trai­ning fand in einem Jugend­klub statt. Der Jugend­trai­ner W. Schlief war ein Arbei­ter, der sei­ne gan­ze Frei­zeit in unse­re Aus­bil­dung gesteckt hat und auch mit uns zu den Wett­kämp­fen gefah­ren ist. Er kommt hier noch in der Ver­eins­chro­nik vor: Schach­freun­de Nord-Ost. Da gab es kei­ne staat­li­che Kon­trol­le in dem Sinn, wie es viel­leicht Anne Rabe vor­schwebt. Nach mei­ner Schach­zeit war ich von1984 (?) bis nach der Wen­de bei Ber­lin Che­mie und habe dort Kara­te trai­niert. Kara­te gab es in der DDR nicht offi­zi­ell, weil die nor­ma­len Polizist*innen nur ein biss­chen Judo konn­ten. Das lief also unter Kraft & Kampf­sport. So stand es in mei­nem DTSB-Aus­weis. Bei Ver­let­zun­gen soll­ten wir sagen, dass das beim Ball­spie­len pas­siert sei. Mein Trai­ner Axel Dschirsk, ein Stunt­man bei der Defa, hat­te hin­ter­her eine Stasiakte. 
  2. Es ist übri­gens auch heu­te noch so, dass Men­schen mit Über­grö­ßen mehr für ihre Klei­dung bezah­len müs­sen oder mehr Zeit auf­wen­den müs­sen. Mit dem Auf­kom­men von Inter­net­vers­än­den ist die Beschaf­fung aller­dings ein­fa­cher geworden.

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