Wir sind kurz vor der Machtübernahme durch eine als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei in einem Bundesland. Wahrscheinlich wird der Kelch dieses Mal noch an uns vorübergehen, aber alle drehen jetzt schon mal durch. Die Wochenend-taz ist voller (guter) Beiträge zu Sachsen-Anhalt, aber es gibt auch – wie kurz nach der Wende von Eberhardt Seidel-Pielen in der taz – Vorschläge, dem Osten Subventionen zu kürzen, weil er wählt, wie er wählt. (N.B. Wenn man meint, dass niemand die AfD wählen sollte, dann wäre es angebracht, dafür zu sorgen, dass niemand sie wählen kann. Zum Beispiel, indem man sie verbietet …)
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem Stück von Harald Stutte mit dem Titel „Dem Westen reicht es irgendwann“. Ist eigentlich alles drin. Ich arbeite den Beitrag mal durch.
Für die große Mehrheit der Menschen im Westen ist und bleibt diese Bundesrepublik eine Erfolgsgeschichte, die sie mit Wohlstand, Sicherheit, Freiheit, Toleranz und Frieden verbinden.
Ja. Das liegt daran, dass Nazi-Deutschland im Westen die Demokratie zusammen mit dem Marschallplan geschenkt bekommen hat. Die Nazis durften in den höchsten Positionen weiter mitspielen. Allen ging es immer besser. Es gab das Wirtschaftswunder und die Westbindung. Im Osten hat eine kleine Minderheit ein friedliche Revolution angestoßen und hatte Glück, dass Gorbatschow und die DDR-Regierung die Panzer in der Garage gelassen haben. Diese Minderheit war gegen eine Wiedervereinigung nach dem Kohl-Plan, aber ihre Visionen waren nicht umsetzbar. Auch aus ökonomischen Gründen.

Die Ossis haben dann die Demokratie in einer traumatischen Umbruchsituation erlebt. Fast alle Führungspositionen wurden durch Westler besetzt und das hat sich in vielen gesellschaftlichen Bereichen auch nicht geändert, weil Eliten sich aus sich selbst rekrutieren. Interessanterweise finden aber dennoch im Osten genauso viele Menschen die Demokratie als Herrschaftsform gut, wie im Westen. Das wird für gewöhnlich in Kommentaren wie dem hier diskutierten unterschlagen.
Aber anders als im Osten scheint es in den alten Bundesländern bei den meisten noch immer ein Grundvertrauen in Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu geben. Dagegen ist im Osten nur knapp die Hälfte der Menschen mit dem Funktionieren der Demokratie zufrieden.
Darüber hatte ich bereits 2023 in Die Ossis sind mit der Demokratie nicht zufrieden. Ach wirklich? Und warum sind es die Wessis? geschrieben. Was bei all diesen Meldungen und Aussagen gekonnt verschwiegen wird, ist, dass auch Westler mit der Demokratie, so wie sie gerade ist, nicht zufrieden sind. Der Prozentsatz ist geringer, aber der Unterschied ist nicht so groß, dass er einen Aufschrei in den Medien rechtfertigen würde.
2023 waren 51% der Ossis mit der Demokratie, wie sie gerade läuft, zufrieden und 62% der Wessis.
Das hier ist das Ergebnis für die Frage, wie man die Demokratie als Idee findet und wie man die Umsetzung findet:

Wohnbevölkerung des Bundesgebiets ab 16 Jahren, 2025
Man kann sehr schön sehen, dass in Ost und West gleich viele Menschen sehr zufrieden oder eher zufrieden sind, nämlich 98%. Wenn es um das „Funktionieren der Demokratie“ geht, sind die Unterschiede auch nicht sehr groß: 38% in Westdeutschland sind unzufrieden und 49% in Ostdeutschland. Und jetzt liebe Wessis, passt ganz gut auf: Diese Werte sind eine Katastrophe: Denn die Ossis sind in der Gesamtbilanz nicht so wichtig, weil im Osten viel weniger Menschen leben. In einigen Jahren wird uns alles um die Ohren fliegen und zwar wegen der AfD-Wähler*innen im Westen.
Zum Vergleich hier die Daten von 2023:

Wohnbevölkerung ab 16 Jahren des Bundesgebiets, 2023
Damals fanden 98% der Wessis die Idee der Demokratie prinzipiell gut, aber nur 96% der Ossis. Das bedeutet, dass sich in den letzten zwei Jahren die Zustimmung bei den Ossis um 2% erhöht hat und jetzt genauso hoch ist, wie bei den Wessis. Der Anteil der Ossis, die Demokratie als Herrschaftsform prinzipiell sehr gut finden, ist sogar von 60 auf 65% gestiegen. Damals waren 39% der Westdeutschen mit dem Funktionieren der Demokratie unzufrieden und 46% der Ostdeutschen. Das heißt, es sind 3% mehr Ossis unzufrieden. Man kann jetzt spekulieren, woran das liegt. Ich selbst bin auch unzufriedener. In Berlin hat Schwarz-Rot alles kaputt gemacht. Hochschulverträge gebrochen, Mobilitätsgesetz nicht umgesetzt. Volksentscheide werden behindert, nicht umgesetzt. Die schwarz-rote Bundesregierung versucht, den Deutsche-Wohnen und Co-Enteigen-Volksentscheid auszuhebeln. Merz bezeichent 2 Millionen Menschen als linke Spinner. Mit Reiche sitzt eine Gas-Managerin im Wirtschaftsministerium. Die Wissenschaftsministerin ist ein „Erfahrungsklimawissenschaftlerin“ usw.
Dagegen ist im Osten nur knapp die Hälfte der Menschen mit dem Funktionieren der Demokratie zufrieden. Von dort bis zur Bereitschaft, dieses System einer Alternative zu opfern, ist der Weg nicht weit.
Zwei Drittel im Westen sind jetzt auch nicht berauschend. Ich möchte zum wiederholten Male darauf hinweisen, dass es ein fataler Fehler ist, den Westen zu ignorieren und auf den Osten zu verweisen. Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft bekommen wir die Quittung dafür.
In Bremerhaven, wo über 60 Prozent der Wohngebäude sanierungsbedürftig sind, in Hamburg mit seinem besonders großen Sanierungsbedarf an Schulen oder in Nordrhein-Westfalen mit seinen zahlreichen maroden Brücken ballt manch einer die Faust in der Tasche.
OK. Bremerhaven, Hamburg, NRW. Alles Kommunisten, Linke und Sozialdemokraten, oder? Gucken wir mal nach:



In allen Regionen hat die AfD zwischen 2021 und 2025 ihre Ergebnisse verdoppelt. In Bremerhaven liegt sie bei 19,2%. 0,5% hinter der CDU als bereits drittstärkste Kraft. In NRW drittstärkste Kraft, nur 3,2 Prozent hinter der SPD. Meine Prognose ist, dass die AfD bei der nächsten Wahl zweitstärkste Kraft werden wird. Fragen? Ich habe welche! Das ist ein systematisches Versagen der Medien. Immer wieder. Über 35 Jahre. Langsam wird es ernst. Manche Medien wie die taz haben das begriffen und berichten seit einigen Jahren anders.
Hier zum Spaß noch Bayern: Die AfD ist in diesem reichen Bundesland zweitstärkste Kraft gleich nach der CSU.

Besser noch die Prognosen zur Landtagswahl:

CDU, AfD und Freie Wähler haben zusammen 70%. Allesamt rassistische und ausländerfeindliche Parteien. Der Chef der Freien Wähler ist ein Antisemit. Horst Seehofer wollte bis zur letzten Patrone gegen Migrant*innen kämpfen und hat den Verfassungsschutzbericht zur AfD ändern lassen, weil einige der monierten Äußerungen auch von der CSU kommen.
Wer will mir hier noch irgendwas erzählen?
Der Osten leidet. Aber woran eigentlich? Erst an […], heute an […], an […], an […], an […]? Am fehlenden Verständnis für […], an […] und […], an […], an „Westmedien“?
Ja. Ich definitiv.
PS: Ein ehemaliger SPD-Politiker hat mir erzählt, dass im Ruhrgebiet ganze SPD-Ortsverbände zur AfD wechseln, wegen einem der drei Punkte oben. Aber hakt mal weiter auf dem Osten rum.