Wahlen in Sachsen-Anhalt und alle drehen durch

Wir sind kurz vor der Machtübernahme durch eine als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei in einem Bundesland. Wahrscheinlich wird der Kelch dieses Mal noch an uns vorübergehen, aber alle drehen jetzt schon mal durch. (Ich auch.) Die Wochenend-taz ist voller (guter) Beiträge zu Sachsen-Anhalt, aber es gibt auch – wie kurz nach der Wende von Eberhardt Seidel-Pielen in der taz – Vorschläge, dem Osten Subventionen zu kürzen, weil er wählt, wie er wählt. (N.B. Wenn man meint, dass niemand die AfD wählen sollte, dann wäre es angebracht, dafür zu sorgen, dass niemand sie wählen kann. Zum Beispiel, indem man sie verbietet …)

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem Stück von Harald Stutte mit dem Titel „Dem Westen reicht es irgendwann“. Ist eigentlich alles drin. Ich arbeite den Beitrag mal durch.

Über bald 37 Jahre hat man sich an die Dauerempörung Ost als Diktaturfolge und nunmehr folkloristisch-regionale Besonderheit gewöhnt – ohne sich angesichts verbesserter Beschäftigung, sanierter Infrastruktur und in Schuss gebrachter Innenstädte einen Reim darauf machen zu können.

Stutte, Harald. 2026. Drohende Folgen eines AfD-Wahlsieges: Dem Westen reicht es irgendwann. RND Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Also, der Vergleichsmaßstab bei der Beschäftigung ist die DDR, in der es Vollbeschäftigung gab. Man kann nun sagen, dass die Ossis ja selbst Schuld sind, denn sie wollten (mehrheitlich) den schnellen Anschluss. Danach gab es große Entlassungswellen und Unsicherheit. Über 100.000 Wissenschaftler*innen wurden entlassen, Berufe existierten nicht mehr. Dass es Beschäftigung gibt, bedeutet nicht unbedingt, dass die Menschen mit dieser Beschäftigung zufrieden sind. Straßen wurden gebaut, Infrastruktur wurde saniert. Das stimmt. Aber es wurde auch ein großer Teil des Bahnnetzes zerstört. Die Innenstädte wurden mit Staatsgeld und dem Geld von Westlern saniert. Ohne wäre es wahrscheinlich nicht gegangen. Aber das Ergebnis ist, dass die Immobilien im Besitz von Westdeutschen sind. Das kann man in der Zeit von 2019 dazu lesen:

Das gilt nicht nur für Leipzig: Schon vor zwölf Jahren fanden Wissenschaftler heraus, dass 60 Prozent der privaten Vermieter von Dresdner Wohnungen in Westdeutschland leben. Laut Stichproben sei jeder vierte Eigentümer ostdeutscher Mehrfamilienhäuser in den alten Ländern zu Hause. Zahlen des Statistischen Bundesamtes ergeben, dass 45 Prozent der Westdeutschen ihre Wohnung selbst besitzen. Im Osten liegt der Anteil nur bei 31 Prozent, und er ist seit 15 Jahren nicht gestiegen. Im Ostsee-Badeort Binz sind westdeutsche Eigentümer in der Mehrheit: Wie der MDR vor vier Jahren berichtete, besitzen Menschen aus den alten Ländern dort 52 Prozent der Flurstücke. Wenn Ostdeutsche Immobilien besitzen, dann eher dort, wo sie wenig wert sind: auf dem Dorf, in den Kleinstädten, in den Randlagen. Der Durchschnittshaushalt in den alten Ländern verfügt über Immobilien mit einem Nettowert von 122.500 Euro, in den neuen Ländern sind es 50.900 Euro.

Daran sei die Bundesregierung mit schuld. Die Sonderabschreibung habe zwar dafür gesorgt, dass Städte rasch saniert worden seien. Aber sie habe wirtschaftspolitisch falsche Anreize gesetzt: „Mittel- und langfristig hat sie dem Osten überhaupt nichts gebracht.“

Warum nicht? „Sie hat zu einer Vermögensverschiebung geführt“, sagt Milbradt. „Ostdeutsche haben kaum profitiert, aber einige Westdeutsche haben ihr Vermögen vergrößert.“ Natürlich, sagt er, galt die Sonderabschreibung auch für Ostdeutsche. Doch es kann nur derjenige etwas von der Steuer absetzen, der Steuern bezahlt. Viele Ostdeutsche aber fingen nach 1989 beruflich von vorne an.

[…]

Längst diskutieren wir darüber, dass Westdeutsche in Führungspositionen im Osten überrepräsentiert sind. Müssen wir nicht auch darüber diskutieren, wie Ostdeutschen zu Eigentum verholfen werden kann – so wie Westdeutschen einst zu Ost-Immobilien verholfen worden ist?

Hähning, Anne. 2019. Wer ist eigentlich mein Vermieter? Die Zeit. 36/2019

Der Prenzlauer Berg war kurz vor dem Zusammenbrechen. Er wurde unter erheblichem finanziellen Aufwand saniert. Nur: Dort wohnen keine Ossis mehr. 90% der Menschen, die dort leben, sind nicht mehr aus dem Osten. Weggentrifiziert. In der Urlaubsanlage an der Ostsee, in der wir Urlaub machen, arbeitet eine Frau aus dem Osten. Aber die Anlage gehört jemandem aus dem Westen. Man stelle sich einmal vor, wie das wäre, wenn über die Hälfte von Stuttgart, München oder Hamburg im Besitz von Ostdeutschen wäre. Eine merkwürdige Vorstellung, oder?

Anne Rabe zitiert zu diesem Thema ihren Freund den Historiker Patrice Poutrus mit dem Satz: „ist mir doch egal, ob mir ein Wessi die Miete erhöht oder einen Ossi.“ Das ist von beiden unglaublich naiv, denn die Miete fließt in den Westen. Dort wird sie versteuert und dort wird Vermögen aufgebaut oder das Geld ausgegeben (Mehrwertsteuer geht an Kommunen, Länder und Bund). Später wird das Vermögen im Westen vererbt. Die Erbschaftssteuer geht an das Bundesland, die Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung werden anteilig an Kommune, Bundesland und Bund verteilt. Das heißt, der Immobilienbesitz durch Westler führt zu Wohlstand im Westen. Ungleichheiten werden verstärkt. Selbiges trifft auf Firmenbesitz zu. Die großen Firmen haben ihren Sitz im Westen und zahlen dort Steuern. Ich habe darüber schon in Anne Rabe, die Prügelstrafe und Jugendwerkhöfe und die unglaubliche „tatsächliche Armut“ in der DDR geschrieben.

Weiter mit Suttes Text.

Für die große Mehrheit der Menschen im Westen ist und bleibt diese Bundesrepublik eine Erfolgsgeschichte, die sie mit Wohlstand, Sicherheit, Freiheit, Toleranz und Frieden verbinden.

Stutte, Harald. 2026. Drohende Folgen eines AfD-Wahlsieges: Dem Westen reicht es irgendwann. RND Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Ja. Das liegt daran, dass Nazi-Deutschland im Westen die Demokratie zusammen mit dem Marshallplan geschenkt bekommen hat. Die Nazis durften in den höchsten Positionen weiter mitspielen. Allen ging es immer besser. Es gab das Wirtschaftswunder und die Westbindung. Im Osten hat eine kleine Minderheit ein friedliche Revolution angestoßen und hatte Glück, dass Gorbatschow und die DDR-Regierung die Panzer in der Garage gelassen haben. Diese Minderheit war gegen eine Wiedervereinigung nach dem Kohl-Plan, aber ihre Visionen waren nicht umsetzbar. Auch aus ökonomischen Gründen.

Die Ossis haben dann die Demokratie in einer traumatischen Umbruchsituation erlebt. Fast alle Führungspositionen wurden durch Westler besetzt und das hat sich in vielen gesellschaftlichen Bereichen auch nicht geändert, weil Eliten sich aus sich selbst rekrutieren (Mau, 2020). Interessanterweise finden aber dennoch im Osten genauso viele Menschen die Demokratie als Herrschaftsform gut, wie im Westen. Das wird für gewöhnlich in Kommentaren wie dem hier diskutierten unterschlagen.

Aber anders als im Osten scheint es in den alten Bundesländern bei den meisten noch immer ein Grundvertrauen in Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu geben. Dagegen ist im Osten nur knapp die Hälfte der Menschen mit dem Funktionieren der Demokratie zufrieden.

Stutte, Harald. 2026. Drohende Folgen eines AfD-Wahlsieges: Dem Westen reicht es irgendwann. RND Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Darüber hatte ich bereits 2023 in Die Ossis sind mit der Demokratie nicht zufrieden. Ach wirklich? Und warum sind es die Wessis? geschrieben. Was bei all diesen Meldungen und Aussagen gekonnt verschwiegen wird, ist, dass auch Westler mit der Demokratie, so wie sie gerade ist, nicht zufrieden sind. Der Prozentsatz ist geringer, aber der Unterschied ist nicht so groß, dass er einen Aufschrei in den Medien rechtfertigen würde.

2023 waren 51% der Ossis mit der Demokratie, wie sie gerade läuft, zufrieden und 62% der Wessis.

Das hier ist das Ergebnis für die Frage, wie man die Demokratie als Idee findet und wie man die Umsetzung findet:

Repräsentative Bevölkerungsbefragung: Fallzahl n=4.005, repräsentativ für die deutschsprachige
Wohnbevölkerung des Bundesgebiets ab 16 Jahren, 2025

Man kann sehr schön sehen, dass in Ost und West gleich viele Menschen sehr zufrieden oder eher zufrieden sind, nämlich 98%. Wenn es um das „Funktionieren der Demokratie“ geht, sind die Unterschiede auch nicht sehr groß: 38% in Westdeutschland sind unzufrieden und 49% in Ostdeutschland. Und jetzt liebe Wessis, passt ganz gut auf: Diese Werte sind eine Katastrophe: Denn die Ossis sind in der Gesamtbilanz nicht so wichtig, weil im Osten viel weniger Menschen leben. In einigen Jahren wird uns alles um die Ohren fliegen und zwar wegen der AfD-Wähler*innen im Westen.

Zum Vergleich hier die Daten von 2023:

Fallzahl n=4.003, repräsentativ für die deutschsprachige
Wohnbevölkerung ab 16 Jahren des Bundesgebiets, 2023

Damals fanden 98% der Wessis die Idee der Demokratie prinzipiell gut, aber nur 96% der Ossis. Das bedeutet, dass sich in den letzten zwei Jahren die Zustimmung bei den Ossis um 2% erhöht hat und jetzt genauso hoch ist, wie bei den Wessis. Der Anteil der Ossis, die Demokratie als Herrschaftsform prinzipiell sehr gut finden, ist sogar von 60 auf 65% gestiegen. Damals waren 39% der Westdeutschen mit dem Funktionieren der Demokratie unzufrieden und 46% der Ostdeutschen. Das heißt, es sind 3% mehr Ossis unzufrieden. Man kann jetzt spekulieren, woran das liegt. Vielleicht an den versuchten Rentenreformen? Krankenversicherungen? Daran, dass der Bundeskanzler uns alle für eine Truppe arbeitsscheuer Faulenzer hält? Ich selbst bin auch unzufriedener. In Berlin hat Schwarz-Rot alles kaputt gemacht.

Teilnehmer*innen vom Puppentheater-Museum Berlin bei #unkürzbar Demonstration gegen Kürzungen in Berlin am Roten Rathaus. Dem Puppentheatermuseum wurden Zuschüsse für die Miete gestrichen. 22.02.2025

Hochschulverträge gebrochen, Mobilitätsgesetz nicht umgesetzt, Radinfrastruktur zurückgebaut. Wegener gibt fast 400.000€ für einen Truck und Teilnahme am CSD + Campagne aus, kürzt aber bei queeren Projekten (taz, 2026). Volksentscheide werden behindert, nicht umgesetzt. Die schwarz-rote Bundesregierung versucht, den Deutsche-Wohnen und Co-Enteigen-Volksentscheid auszuhebeln. Merz bezeichent 2 Millionen Menschen als linke Spinner.

Millionen „linke Spinner“ auf der Straße: Lichtermeer am Brandenburger Tor für Demokratie und gegen den Rechtsruck, vorn leuchtende Buchstaben: „Hope & Resistance“, Berlin, 25.01.2025

Ich bin nur ein Ossi und habe von Demokratie keine Ahnung, aber ich dachte immer, dass Demonstrationen ein Mittel sind, seine Meinung kundzutun. Eins der wenigen Mittel, die man hat, wenn gerade keine Wahl ansteht. Es wäre schön, wenn Politiker*innen das zur Kenntnis nehmen würden und vielleicht sogar dem Volkeswille entsprechend handeln. Die Demonstrierenden zu beschimpfen und dann mit der AfD gemeinsam einen Fünf Punkte für sichere Grenzen und das Ende der illegalen Migration zu verabschieden, ist so ziemlich das Gegenteil und kann zu Unzufriedenheit mit dem „Funktionieren der Demokratie in Deutschland“ führen.

Mit Reiche sitzt eine Gas-Managerin im Wirtschaftsministerium. Die Wissenschaftsministerin ist eine „Erfahrungsklimaforscherin“, die noch 2017 zum menschengemachten Klimawandel äußerte: „aber ich glaube nicht, dass wir diejenigen sind, die Schuld an irgendwas sind an dieser Stelle.“ usw.

Dagegen ist im Osten nur knapp die Hälfte der Menschen mit dem Funktionieren der Demokratie zufrieden. Von dort bis zur Bereitschaft, dieses System einer Alternative zu opfern, ist der Weg nicht weit.

Stutte, Harald. 2026. Drohende Folgen eines AfD-Wahlsieges: Dem Westen reicht es irgendwann. RND Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Zwei Drittel im Westen sind jetzt auch nicht berauschend. Ich möchte zum wiederholten Male darauf hinweisen, dass es ein fataler Fehler ist, den Westen zu ignorieren und auf den Osten zu verweisen. Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft bekommen wir die Quittung dafür.

In Bremerhaven, wo über 60 Prozent der Wohngebäude sanierungsbedürftig sind, in Hamburg mit seinem besonders großen Sanierungsbedarf an Schulen oder in Nordrhein-Westfalen mit seinen zahlreichen maroden Brücken ballt manch einer die Faust in der Tasche.

Stutte, Harald. 2026. Drohende Folgen eines AfD-Wahlsieges: Dem Westen reicht es irgendwann. RND Redaktionsnetzwerk Deutschland.

OK. Bremerhaven, Hamburg, NRW. Alles Kommunisten, Linke und Sozialdemokraten, oder? Gucken wir mal nach:

In allen Regionen hat die AfD zwischen 2021 und 2025 ihre Ergebnisse verdoppelt. In Bremerhaven liegt sie bei 19,2%. 0,5% hinter der CDU als bereits drittstärkste Kraft. In NRW drittstärkste Kraft, nur 3,2 Prozent hinter der SPD. Meine Prognose ist, dass die AfD bei der nächsten Wahl zweitstärkste Kraft werden wird. Fragen? Ich habe welche! Das ist ein systematisches Versagen der Medien. Immer wieder. Über 35 Jahre. Langsam wird es ernst. Manche Medien wie die taz haben das begriffen und berichten seit einigen Jahren anders.

Hier zum Spaß noch Bayern: Die AfD ist in diesem reichen Bundesland zweitstärkste Kraft gleich nach der CSU.

Besser noch die Prognosen zur Landtagswahl:

CDU, AfD und Freie Wähler haben zusammen 70%. Allesamt rassistische und ausländerfeindliche Parteien. Der Chef der Freien Wähler ist ein Antisemit. Horst Seehofer wollte bis zur letzten Patrone gegen Migrant*innen kämpfen (Der Spiegel, 2015) und hat den Verfassungsschutzbericht zur AfD ändern lassen, weil einige der monierten Äußerungen auch von der CSU kommen (Süddeutsche Zeitung, 2022).

Und das sind die Prognosen für die nächste Bundestagswahl:

Prognosen zur Bundestagswahl aus dem August 2026. Bei allen Instituten liegt die AfD vor der CDU und ist stärkste Kraft.

Bei allen Instituten liegt die AfD vor der CDU und ist stärkste Kraft. Die Verhältnisse der letzten Bundestagswahl haben sich umgekehrt: Damals hatte die CDU 28% und die AfD 20. Jetzt hat die AfD 28 und die CDU 20%. Man beachte, dass der Osten dünn besiedelt ist. Das heißt bei Wahlergebnissen auf Bundesebene ist die Ostbevölkerung praktisch irrelevant. Man muss sich also fragen: Was ist passiert? Ist fast ein Drittel der (westdeutschen) Bundesbürger*innen jetzt zu Nazis geworden? Und für wen spricht Stutte, wenn er sagt, dass es „dem Westen“ irgendwann reicht? Lässt er die größte Wähler*innengruppe elegant unter den Tisch fallen?

Wer will mir hier noch irgendwas erzählen?

Der Osten leidet. Aber woran eigentlich? Erst an […], heute an […], an […], an […], an […]? Am fehlenden Verständnis für […], an […] und […], an […], an „Westmedien“?

Ja. Ich definitiv.

PS: Ein ehemaliger SPD-Politiker hat mir erzählt, dass im Ruhrgebiet ganze SPD-Ortsverbände zur AfD wechseln, wegen einem der drei Punkte oben. Aber hackt mal weiter auf dem Osten rum.

Schluss

Dass Menschen in Ost und West eine Nazi-Partei wählen, ist schrecklich. Das verhindert man aber nicht durch Drohungen oder Beschimpfungen in der Presse. Solche Artikel dienen nur der Rückversicherung, dass man selbst zu den Guten gehört und die anderen irgendwie komisch sind. Es ist Othering und somit etwas, dass man ja eigentlich als Guter ablehnt. Nur scheint das niemand zu merken.

Die Frage ist, was man tun kann. Herr Merz war ja angetreten, die AfD zu halbieren. Er hat sie verdoppelt. Sein Ansatz war also der falsche. Ich würde hier dem Soziologen Prof. Steffen Mau folgen, der Bürgerräte und mehr Beteiligung vorschlägt. Es gab in der Bundesrepublik schon immer einen Bodensatz von extrem Rechten: Republikaner, Schill-Partei, DVU, NPD, Heimat. Die wird es wahrscheinlich immer geben. Was zur Zeit passiert, liegt jedoch im Bereich darüber und ist gefährlich.

Die gesamte Bundesrepublik sollte über Politik und Politikstil nachdenken. Marco Bülow hat 2021 den Politik-Kodex entwickelt. Ziel ist die Verhinderung von Korruption und Lobbyismus und von Transparenz. Wenn dieser Politik-Kodex für alle Politiker*innen verbindlich würde, wäre viel gewonnen.

Quellen

Balser, Markus & Steinke, Ronen. 2022. Verfassungsschutz: Seehofer ließ Verfassungsschutzkritik an AfD abschwächen. Süddeutsche Zeitung. (https://www.sueddeutsche.de/politik/afd-verfassungsschutz-seehofer-gutachtenvergleich-1.5511775)

Borcholte, Andreas. 2015. Seehofers „Notwehr“-Sprüche: Rhetorisch braun. Der Spiegel. 09.10.2015. (https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/horst-seehofer-brisantes-notwehr-gerede-a-1057081.html)

Franke, Helene & Hebenstreit, Jörg & Holtmann, Everhard & Jaeck, Tobias & Pollak, Reinhard & Reiser, Marion & Sand, Matthias & Zissel, Pierre. 2026. Deutschland-Monitor ’25: Gesellschaftliche und politische Einstellungen Themenschwerpunkt: Wie veränderungsbereit ist Deutschland? Berlin, Halle (Saale), Jena und Mannheim: Zentrum für Sozialforschung Halle e. V. (ZSH) an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Institut für Politikwissenschaft Friedrich-Schiller-Universität Jena, GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften. (https://deutschland-monitor.info/fileadmin/Reports/Deutschland-Monitor-2025-Hauptbericht.pdf)

Fromm, Anne. 2021. Presse in Ostdeutschland: Wer streichelt unsere Seele? taz. 09.03.2021. Berlin. (https://taz.de/Presse-in-Ostdeutschland/!5756271/)

Hähning, Anne. 2019. Wer ist eigentlich mein Vermieter? Die Zeit. 36/2019 (https://www.zeit.de/2019/36/ostdeutschland-wohnungen-besitzer-westdeutsche-investition-anreize/komplettansicht)

Hebenstreit, Jörg & Holtmann, Everhard & Jaeck, Tobias & Lutz, Lynn-Malou & Pollak, Reinhard & Reiser, Marion & Sand, Matthias & Zissel, Pierre. 2024. Deutschland-Monitor ’23: Gesellschaftliche und politische Einstellungen Themenschwerpunkt: Stadt und Land. Berlin, Halle (Saale), Jena und Mannheim: Zentrum für Sozialforschung Halle e. V. (ZSH) an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Institut für Politikwissenschaft Friedrich-Schiller-Universität Jena, GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften. (https://deutschland-monitor.info/fileadmin/Reports/Deutschland-Monitor23.pdf)

Mau, Steffen. 2020. Lütten Klein: Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft (Schriftenreihe 10490). Bonn: Zentrale für Politische Bildung. (https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/303713/luetten-klein)

Müller, Dana. 2026. PR-Aktion kurz vor der Wahl: Wegners Wagen auf dem CSD: Winken statt Wirken. taz. 12.07.2026. Berlin. (https://taz.de/PR-Aktion-kurz-vor-der-Wahl/!6195433/)

Stutte, Harald. 2026. Drohende Folgen eines AfD-Wahlsieges: Dem Westen reicht es irgendwann. RND Redaktionsnetzwerk Deutschland. (https://www.rnd.de/politik/37-jahre-dauerempoerung-wahlen-im-osten-werden-zum-stresstest-fuer-die-demokratie-6QBXC275BVER3DP3BHFIAFTL3Y.html)

Was qualifiziert Sie für den Bundestag?

In diesem Beitrag bespreche ich die Voraussetzungen für eine Wahl in den Bundestag, das Problem, das die gegenwärtigen Krisen für die Demokratie darstellen und Möglichkeiten zur Erweiterung derselben. Ein abschließender Abschnitt ist den Menschheitskrisen und sich daraus ergebenden neuen Anforderungen an Politiker*innen gewidmet.

Voraussetzungen für die Wahl

Als ich mit meinen Eltern über meine Bundestagskandidatur für Die PARTEI Erlangen gesprochen habe, waren sie skeptisch. Mein Vater war der Meinung, dass das doch Menschen machen sollten, die etwas entsprechendes studiert haben. Politikwissenschaften, oder so. Tja, so sind wir, wir Ossis. Wir fragen uns, ob wir Dinge können, und im Zweifelsfall lassen wir die Blender vor (hatte ich Andreas Scheuer, MA mit seinem Fake-Doktortitel schon erwähnt?), die einfach selbstbewusst auftreten. Es gibt dazu einen schönen Witz aus Nachwendezeiten: Frage: „Warum dauert das Abitur im Westen 13 Jahre, aber im Osten nur 12 Jahre?“ Anwort: „Weil im Westen noch ein Jahr Schauspielunterricht dabei ist!“ Regine Hildebrandt (1990 Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen in Brandenburg) erzählt ihn sehr gut zum Anfang einer MDR-Dokumentation über Ost-Frauen:

https://youtu.be/dVX-XUYgAxM
Regine Hildebrandt erzählt den Abitur-Witz. 2. Teil einer dreiteiligen Dokumentation über Ostfrauen, MDR

Ich persönlich kann mich über mangelndes Selbstvertrauen nicht beklagen. Das liegt allerdings daran, dass ich Wissenschaftler bin und da ist die Sachlage oft sehr klar. Ich hatte einfach immer Recht. Also meistens. Also ausreichend oft.1

Was qualifiziert einen dazu, in den Bundestag zu gehen? Muss man Politikwissenschaftler*in sein? Nein, 2013 kandidierte ein Kollege, ebenfalls Sprachwissenschaftler, für eine damals gerade neu gegründete Partei. Das fand niemand lustig. Nun kandidiere ich für Die PARTEI. Das finden hoffentlich einige lustig. Der Hufeisen-Stefan Müller von der CSU, gegen den ich antrete, ist Bankfachwirt, viele CSU-Mitglieder sind Bauern. Julia Klöckner ist Weinkönigin. Sie kann sehr gut lächeln. Das ist genau die Qualifikation, die sie braucht. Zum Beispiel zum Kuscheln mit Nestlé:

Julia Klöckner sagt in ihrem Beitrag, dass sie in ihrem Gespräch mit Nestlé viel Neues erfahren hat. Über Nestlé hätte sie schon vorher viel erfahren können. Zum Beispiel aus dem Film We feed the world – Essen global. Ich will das hier nicht zusammenfassen, da bekomme ich nur schlechte Laune. Guckt Euch den Film einfach an.

Lobbyismus und Repräsentativität

Aber jetzt ganz im Ernst: Der Bundestag besteht aus vom Volk gewählten Vertreter*innen, die die Interessen der Wähler*innen bzw. von Gruppen von Wähler*innen vertreten sollen. Also eigentlich Lobbyismus. Viele CDU/CSU-Abgeordnete sind (Groß-)Bauern und sitzen auch im Agrarausschuss des Bundestages (62% der CSU/CDU, 25% der Grünen, 0% bei den anderen, taz, 17.03.2021). Außer ihrer Parteimitgliedschaft haben sie keine besondere Qualifikation. Auch das ist in Ordnung (aber siehe unten). Das einzige Problem ist, dass Lobbyismus in CDU/CSU und leider auch der SPD bisher intransparent geblieben ist und dass die CDU/CSU sich gegen entsprechende Gesetze gewehrt hat.

Marco Bülow (Ex-SPD, jetzt Die PARTEI) spricht beim Klimamontag von Berlin4Future über Korruption und Lobbyismus, Berlin, Alexanderplatz, 07.09.20, Bild: Stefan Müller, CC-BY

Es muss transparent sein, wer was im Bundestag macht und was dabei die Interessen der jeweiligen Person sind oder sein könnten. Dann können Wähler*innen frei entscheiden, ob sie jemanden wählen wollen oder nicht.

Grob vereinfacht kann man also als Grundvoraussetzung für ein Bundestagsmandat eine Parteizugehörigkeit, die Fähigkeit zu lächeln2 und Menschen zu begeistern und für gewisse Positionen die Fähigkeit zu führen annehmen. Reicht das für eine funktionierende Demokratie? Leider nicht, denn der Bundestag ist nicht divers genug. Küppersbusch fasst zusammen:

„Von der Idee, alle Stände und Berufe im Parlament vertreten zu sehen ist wenig übrig. Im Bundestag sitzen 203 Abgeordnete aus dem Öffentlichen Dienst und zwei, die privat Hausmannfrau sind. 101 arbeiten bei „gesellschaftlichen Organisationen“ wie etwa Parteien, vier sind arbeitslos oder ohne Beruf. Das Parlament bildet die Gesellschaft nicht mehr ab, und das schaffte auch Fallhöhe für eine Rabulistenfraktion rechtsaußen.“

Friedrich Küpersbusch: Corona, CDU und Grüne: Impfparty mit Scheibe.(taz, 06.04.2021)

Für das Problem, dass sich Teile der Bevölkerung nicht repräsentiert fühlen, gibt es eine Lösung. Repräsentativ zusammengestellte, geloste Bürger*innenräte. Diese würden auch das Lobbyismus-Problem abmildern und sie sind wichtig für Problemfelder, die Politiker*innen systembedingt nicht bearbeiten können. Wie funktioniert das im Detail und warum?

Gewisse Probleme können bzw. wollen Politiker*innen nicht angehen, weil sie das je nach Problemlage 5–10% ihrer Wähler*innen kosten könnte und weil die gesamte gegenwärtige Politik auf Machterhalt und Wiederwahl in vier bzw. fünf Jahren ausgerichtet ist. Ein Beispiel für einen Bürger*innenrat war der, der zum Thema Abtreibung in Irland durchgeführt wurde. Es wäre für Politiker*innen schwer gewesen, sich hinzustellen und zu sagen: „Ich bin für Abtreibung.“ Es wurde also ein Bürger*innenrat zusammengestellt. Dazu wurde eine repräsentative Gruppe von 100 Personen ausgewählt. Repräsentativ heißt, dass die Zusammensetzung der Altersstruktur, der sozio-ökonomischen Struktur usw. des jeweiligen Landes entspricht. Wer letztendlich in diesem Rat sitzt, wird nach der repräsentativen Vorauswahl durch ein Losverfahren entschieden. Der Bürger*innenrat trifft sich dann über mehrere Wochen und bekommt Input von Expert*innen zum jeweiligen Problem (Recht, Gesund, Ökonomie, Klima, Verkeher, whatever), so dass alle Aspekte gut aufgearbeitet sind. (Das unterscheidet die Räte von Volksentscheiden, bei denen einfach jede*r Einzelne aus dem Bauch heraus entscheidet.) Die 100 Personen kommen dann zu einem Schluss, der hoffentlich von einer breiten Mehrheit der Gesellschaft mitgetragen wird. Das folgende Video über das Referendum zur Abtreibung in Irland erklärt alle Punkte sehr gut:

Außer diesem Bürgerrinnen*rat zur Abtreibung gab es auch in Frankreich schon einen zum Thema Klimaschutz. Die Regierung Macron hat Teile der Empfehlungen auch übernommen.

Dass Bürger*innenräte kein Hirngespinst irgendwelcher Revoluzer oder Sozialromantiker sind, sieht man auch daran, dass Wolfgang Schäubele (Bundestagspräsident, CDU) sie unterstützt.

Bürgerrat Demokratie Veranstaltung mit Bundespräsident Wolfgang Schäubele, 15.11.2019

Das Lobbyismusproblem würde duch Bürger*innenräte zwar nicht gelöst, aber zumindest auch abgemildert, weil es nicht möglich ist, langjährige Netzwerke und Abhängigkeiten aufzubauen, wenn die Ratsmitglieder zufällig ausgewählt sind und nur zu wenigen Sitzungen zusammenkommen.

Dass beim Thema Lobbyismus und Korruption dringend etwas passieren muss, zeigt auch das Rezo-Video, um das es im folgenden Abschnitt geht.

Krisentauglichkeit

Rezo hat die gegenwärtige Situation mal wieder schön zusammengefasst: Unsere gegenwärtige Regierung ist korrupt, machomässig unterwegs und inkompetent:

Rezo zerstört die Corona-Politik, 05.04.2021

Was man in der aktuellen Situation braucht, ist die Fähigkeit, eine Bedrohungslage einzuschätzen. Man muss Exponentialkurven verstehen können und man muss einschätzen können, wie eine weitere Entwicklung verlaufen wird. Niemand, der ein Ministerium leitet, versteht alle fachlichen Details. Das muss auch nicht so sein, aber es braucht Selbstbewusstsein und menschliche Größe und ein Urteilsvermögen, um einschätzen zu können, dass man selbst an bestimmten Stellen inkompetent ist und sich auf Expert*innen verlassen muss. Rezo hat die wesentlichen Videoschnipsel der letzten Wochen zusammengeschnitten und belegt, dass unsere Bundesregierung/Ministerpräsidentenkonferenz ein inkompetenter, arroganter Machohaufen ist. Aus der Bezeichnung Machohaufen (klingt irgendwie wie Matschhaufen, vielleicht ist er ja nach dem Corona-Winter weg) folgt auch, dass Angela Merkel nicht eingeschlossen ist. Sie hat Physik studiert und versteht Exponentialkurven. Das ist es, was wir brauchen. Also nicht unbedingt die Phsyik aber die Exponentialkurven (Mein Vater hat mich darauf hingewiesen, dass das Oberstufenschulstoff ist.). Die folgende Kurve zeigt das Infektionsgeschehen in Deutschland. Man sieht sehr schön die erste, zweite und dritte Welle.

Dritte Welle kurz vor dem Rumgeeiere der Ministerpräsidentenkonfernez vor Ostern 2021

Diese Entwicklungen wurden vorhergesagt. Es wurden mathematische Modelle gebaut, die genau das vorhergesagt haben, was eingetreten ist. (Siehe Fußnote 1 zu formalen Modellen in der Sprachwissenschaft.) In vielen Situationen hilft es, einen Phänomenbereich zu modellieren. Man kann dann Vorhersagen einer Theorie bestimmen und ein Abgleich mit der Wirklichkeit hilft einem, Rückschlüsse auf die Qualität der Theorie zu ziehen. Wie das Rezo-Video zeigt, wurden die Gefahren, vor denen unser Land stand und immer noch steht, ignoriert und Politiker (ohne *innen) sind sich nicht zu blöd, sich vorn hinzustellen und das auch noch richtig zu finden.

Schauen wir uns eine andere Kurve an. Sie ist aus dem Wikipedia-Artikel über Kohlenstoffdioxid in der Erdatmosphäre und zeigt ebenfalls ein exponentielles Wachstum:

Exponentieller Zunahme von CO2 in der Atmosphäre in den letzten Jahrzehnten Quelle: CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=694303

Klimawissenschaftler*innen bauen komplexe Modelle zu den Entwicklungen, die uns in den nächsten Jahren und Jahrzehnten bevorstehen. Sie sind sehr zurückhaltend und nicht alarmistisch. Das entspricht der Seriosität, die in der Wissenschaft üblich ist. Ein Kollege von der Humboldt-Uni, der wie ich auch bei den Scientists4Future aktiv ist, hat noch vor zwei Jahren den Begriff Klimakrise abgelehnt, weil er ihn für zu alarmistisch hielt. Die Klimawissenschftler*innen sind sich einig: Wir haben ein Problem. Ein großes! Die Klimakrise ist um ein Vielfaches größer als das, was wir jetzt erleben. Corona macht keinen Spaß? Dann kämpft dafür, dass wir nicht Corna++ bekommen!

Angela Merkel versteht das alles, aber leider ist Angela Merkel eine lame duck. Sie konnte sich bei Corona nicht gegen ihre Matsch-Kumpels durchsetzen. Auch die Öko-Bilanz ist finster. Merkel war Umweltministerin und hat auf die Klimaprobleme hingewiesen.

Buchpublikation von Angela Merkel 1997

Sie hat schon 1997 klar aufgezeigt, was getan werden muss. Was passiert ist, ist aber so ziemlich das Gegenteil von dem, was wir gebraucht hätten.

Christian Lindner und mein Vater3 sagen: Die Klimaprobleme und die große Politik sollten doch die Profis regeln. Diese haben aber versagt. Wir können nicht mehr warten (und Lindner hat ja eh keine Lust zu regieren). Und deshalb machen wir das jetzt selbst! Los! Wie Rezo sagt: Besser als die sind wir allemal!

Ein (zukünftiger) Profi demonstriert bei Fridays For Future Demonstration in Berlin, 15.03.2019 Bild: Stefan Müller, CC-BY

Quellen

Küpersbusch, Friedrich. 2021. Corona, CDU und Grüne: Impfparty mit Scheibe. (https://taz.de/Corona-CDU-und-Gruene/!5758868/)

Maurin, Jost. 2021. Lobbyismus in der Union: Anfälligkeit für Einflussnahme. (https://taz.de/Lobbyismus-in-der-Union/!5757524/)

tagesschau. 2019. Initiative für mehr Demokratie: „Bürgerrat“ gibt Empfehlungen ab. (https://www.youtube.com/watch?v=LV_dptGINYI)

Wagenhofer, Erwin. 2005. We feed the world – Essen global. Allegro Film. (https://www.youtube.com/watch?v=m5HfaSBdtWU)