Dieser Blog-Post beschäftigt sich mit zwei Behauptungen:
Der Holocaust sei im Osten nicht thematisiert worden.
Es sei behauptet worden, dass es im Osten keine Nazis gäbe, weil die alle im Westen seien.
Verschiedene Behauptungen zum Holocaust von Ines Geipel und Anetta Kahane habe ich bereits in Der Ossi und der Holocaust diskutiert, aber die Vorstellung von der Einstellung zum Holocaust in der DDR hält sich hartnäckig. So findet man sie auch jüngst wieder in der taz:
Nach dem Krieg brüskierte er [Willi Bredel] mit „Das schweigende Dorf“ (1948) fast schon die offizielle Geschichts- und Gedenkpolitik in Sowjetischer Besatzungszone und DDR: Die hätte den Holocaust lieber verdrängt.
Im Folgenden zitiere ich relevant Stellen aus der Erzählung, gebe dann Informationen zum realen Vorgang und ordne alles in einem letzten Abschnitt ein.
Die Erzählung
1948 wurde im Carl Hinstorff Verlag ein Band mit Erzählungen von Willi Bredel veröffentlicht. In der Erzählung mit gleichlautendem Titel lässt Bredel einen Architekturstudenten eine Geschichte von einem Dorf zwischen Ludwigslust und Schwerin (S. 7) erzählen. Auf S. 14–15 werden Arisierungen thematisiert und die Ermordung einer Mühlenbesitzerin und ihrer Familie in Auschwitz.
Im blutigen Hitlerfrühling dreiunddreißig waren sie aus Furcht vor Verfolgungen in Berlin untergetaucht. Herta Bockelmann, sie hieß jetzt Silberstein, sollte sich von ihrem jüdischen Gatten trennen, dann wollte man ihr, der Tochter aus altem bäuerlichen Geschlecht, ihren Fehltritt nachsehen. Herta Silberstein lehnte solches Ansinnen ab, und die Dollhagener Mühle wurde arisiert. Übrigens wurden später, wie wir erfuhren, die Silbersteins mit ihren drei kleinen Kindern nach Auschwitz transportiert. Die Mühle erhielt Uhle Bruhns vom Kreisleiter für einen lächerlich geringen Preis zugeschoben. Sie gehört ihm heute noch; er hat sie einem gewissen Ziems verpachtet.
Bredel, Willi. 1948. Das schweigende Dorf. Rostock: Carl Hinstorff Verlag. 14–15.
In der Erzählung geht es um einen KZ-Zug, in dem in den letzten Kriegstagen jüdische Frauen und Kinder aus Ravensbrück nach Bergen-Belsen transportiert wurden. In der Nähe des Dorfes kommt der Zug zum Stehen. Frauen und Kinder fliehen und verstecken sich im Dorf. Die SS befiehlt den Dorfbewohnern unter Strafandrohung, die Flüchtlinge wieder auszuliefern. Diese beteiligen sich an der Suche und Rückführung und es wird auch beschrieben, wie sie Frauen erschlagen und Kinder lebendig begraben. Insgesamt sind 72 Tote unter den drei Eichen am Dorfrand begraben. Von der SS und den Dorfbewohnern ermordet. Niemand im Dorf spricht darüber. Zwei Jahre lang, bis durch eine Verkettung von Zufällen alles herauskommt.
In den letzten Tagen des Zusammenbruchs des Hitlerreiches, kurz vor der Kapitulation, fluteten Reste der geschlagenen Hitlerwehrmacht auf ihrer ununterbrochenen Flucht vom Osten nach dem Westen, auch an den Seen um Schwerin entlang und durch die Wälder Westmecklenburgs über Dollhagen hinaus. In den Tagen, als die Russen Berlin eroberten, hielt an der kleinen Bahnstation Dollhagen ein Gefangenenzug. An die zwanzig Waggons, verschlossene Viehwagen, waren vollgepfropft mit gefangenen Frauen und Kindern. Sie kamen von Ravensbrück und sollten nach Belsen geschafft werden. Doch das dortige Konzentrationslager war zu der Stunde, da der Zug in Dollhagen aufgehalten wurde, bereits von amerikanischen Truppen besetzt. Nun wartete die Zugbegleitung, eine Abteilung SS, auf weitere Anweisung. Sie wartete einen Tag und eine Nacht. Es war ein Tag und eine Nacht des Grauens für Dollhagen.
Die Gefangenen waren größtenteils Jüdinnen, und zwar Jüdinnen aus allen Ländern Europas, überwiegend aus Polen und der einstmals besetzten Teile Sowjetrußlands. Sie machten einen erbarmungswürdigen Eindruck, trugen nur noch Fetzen ihrer ehemaligen Kleider auf den Leibern und waren auf das erschreckendste abgemagert. Wimmern und Heulen drang aus den dichtverschlossenen Waggons. Kaum hielt der Zug an der Station, als auch schon acht verhungerte Frauen aus den Waggons gezerrt und der Reihe nach an dem Bahndamm hingelegt wurden. Sämtliche Frauen und auch die Kinder, die bei ihnen waren, hatten seit vielen Tagen nichts zu trinken oder zu essen erhalten und waren nicht aus ihren fahrenden Käfigen herausgekommen. In ihrer Todesqual jammerten und wimmerten, schrien und brüllten die Todgeweihten. Die SS-Burschen hatten Stöcke und Peitschen und schlugen damit auf die Gefangenen ein, die in ihrer Verzweiflung ihre dürren Arme hungerschreiend durch die Gitterfenster zwängten.
Plötzlich stürzten die Frauen eines Waggons ins Freie und rannten über das Bahngleise hinweg ins Dorf hinein. Wahrscheinlich war eine Wagentür geöffnet worden, um Leichen herauszuschaffen. Zwei der flüchtigen Frauen wurden am Bahndamm bereits von der SS erschossen, die übrigen jedoch erreichten das Dorf; es waren insgesamt vierzehn. Da es schon zu dämmern begann, war die Verfolgung schwierig, und den Flüchtlingen war es leicht, sich in Scheunen und Ställen zu verbergen.
Die SS holte den Ortsgruppenleiter des Dorfes, das war Uhle Bruhns. Sie trugen ihm auf, sämtliche flüchtige Frauen tot oder lebend wieder herbeizuschaffen oder aber, so drohten sie, sie würden das Dorf zur Verantwortung ziehen. Außerdem, so behaupteten die SS-Leute hämisch, hätten die Frauen Typhus und würden sowieso das ganze Dorf verseuchen.
Uhle Bruhns holte sich Helfer, den Eisenbahnarbeiter Böhle, den Hufschmied Belz, den Kaufmann Martens, die Bauern Dircksen und Hinnerk. Den Penzlinger trafen sie in seinem Hause nicht an, weil er ins Holz gegangen war, um einige Stämme zu holen; er gebrauchte Latten zur Ausbesserung seines Viehstalles. Das war sein Glück.
Mit Knüppeln bewaffnet machten die Bauern sich auf, die Flüchtigen in ihren Verstecken aufzustöbern. Fanden sie eine Frau, wurde sie unter Stockhieben nach der Station zurückgetrieben, wo sie die SS in Empfang nahm. Sie fanden alle vierzehn. Eine Frau jedoch war so geschwächt, daß sie schon unter den Hieben des Hufschmieds im Dorf tot zusammenbrach.
Die SS war mit der Leistung der Bauern sehr zufrieden und stellte ihnen neue Aufgaben. Sie mußten die Schwächsten und Hinfälligsten unter den Frauen aus den Waggons heraussuchen und zur Station schleppen. Uhle Bruhns, von dem man sagte, er habe anfangs nur widerwillig den Befehlen der SS gehorcht, soll dabei der Wildeste, der Satanischste von allen gewesen sein. Erzählt wird, er sei von Wagen zu Wagen gegangen und habe gerufen: „Wer hat am meisten Hunger?“ Die sich meldeten, zerrte er an den Haaren vom Wagen herunter und schleifte sie nach der Station. Unmittelbar bei der Station stehen – wie Sie schon wissen – drei einsame Eichen. Unter diesen Bäumen wurden die Unglücklichen von einer SS-Wache durch Genickschüsse getötet. Die Bauern mußten bei den Eichen eine Grube ausheben, und in die wurden die Verhungerten und Erschossenen geworfen, insgesamt, wie bisher festgestellt wurde, zweiundsiebzig, darunter auch etliche Kinder, sogar Brustkinder. Uhle Bruhns soll alles, was in der Grube noch zuckte, mit seinem Spaten vollends getötet haben.
Den ganzen Abend war das Schreien, Brüllen und Toben der Gefangenen zu hören, bis tief in die Nacht hinein. Es verstummte erst, als gegen Morgengrauen der Todeszug seine Fahrt fortsetzte. Aber Tage später fanden die Dollhagener längs der Bahnstrecke noch Leichen.
Bredel, Willi. 1948. Das schweigende Dorf. Rostock: Carl Hinstorff Verlag. 48–50.
In der Erzählung rettet die Verlobte des Erzählers ein jüdisches Kind. Das Paar adoptiert das Kind und studiert in Rostock Architektur.
Die Realität
In Bredels Erzählung ist die Dorfbevölkerung an den Grausamkeiten gegen die jüdischen Frauen beteiligt. Wie Gansel (2009: 26 fn. 21) feststellt, gab es einen realen Vorgang, der als Vorlage für die Erzählung dient.
Willi Bredel bezog sich in seiner Erzählung nämlich auf einen realen Vorgang. In der Täglichen Rundschau vom 20.04.1947 wurde über den Fund eines Massengrabes im Dorf Sülstorf bei Schwerin berichtet. In dem Grab fanden sich die Leichen von Häftlingen, die im April 1945 bei einem Transport aus einem Konzentrationslager ermordet worden waren. 1951 errichtete die Jüdische Landesgemeinde in Sülstorf einen Gedenkstein für die 53 ermordeten jüdischen Frauen aus Ungarn. Siehe dazu: Vierneisel, Beatrice: Die Erinnerung an den KZ-Zug in Sülstorf im lokalen Gedächtnis und der Kunst der DDR. In: Friedhof für 53 ungarische Jüdinnen in Sülstorf. Zur Geschichte einer kleinen Gedenkstätte. Hrsg. vom Politische Memoriale e. V. Mecklenburg-Vorpommern. Rostock: Ingo Koch Verlag 2007, S. 45–86. Vierneisel verweist darauf, dass es für die von Bredel in seinem Text behaupteten Verbrechen der Dorfbevölkerung keine Beweise gebe. Entsprechend heißt es: »Doch weder die früheren Zeugenaussagen zu Sülstorf noch andere Berichte zu den Todesmärschen übers Land in Mecklenburg-Vorpommern liefern, soweit bis heute erforscht, Beispiele für Verbrechen von Dorfbewohnern.« (Ebd., S. 75).
Der Verein Mahn- und Gedenkstätten im Landkreis Ludwigslust-Parchim e.V. schreibt:
Jüdische Frauen, die drei Monate vorher aus dem KZ Bergen-Belsen in die SS-Reitschule nach Braunschweig gebracht worden waren, um Trümmer in der zerbombten Stadt zu räumen, verließen Ende Februar 1945 die Stallungen an der Salzdahlumer Straße. Sie wurden in das KZ-Außenlager Beendorf bei Helmstedt gebracht. Am 9. April 1945 startete hier der Räumungstransport mit einem Güterzug, in den 1300 Männer und 3000 Frauen aus diesem Lager gepfercht wurden. Der Zug fuhr über Magdeburg, Stendal, Nauen, Wittenberge und erreichte am 13. April 1945 den Bahnhof in Sülstorf. Hier stand er drei Tage auf einem Nebengleis. Mehr als 300 Menschen kamen in Sülstorf ums Leben, auch aufgrund von Gewaltexzessen.
Am 15. April 1945 wurden die männlichen Häftlinge in das noch unfertige Steinbarackenlager des KZ- Außenlagers Wöbbelin gebracht. Die Frauen verblieben in den Waggons. Erst eine Woche später erreichte der Zug Hamburg, wo die überlebenden Frauen auf die Hamburger Außenlager Eidelstedt, Sasel, Langenhorn/Ochsenzoll und Wandsbek verteilt wurden. Die meisten Frauen konnten Hamburg am 1. Mai 1945 mit einem Transport nach Schweden verlassen. Die in Hamburg Verbliebenen wurden einige Tage später von britischen Soldaten befreit.
Die Sonderausstellung dokumentiert ebenfalls die Geschichte der Sülstorfer Gedenkstätte, die bereits 1947 errichtet wurde.
Willi Bredel schreibt in seiner Erzählung über Arisierung, Bereicherung und Morde in Auschwitz. Er beschreibt eine Dorfgemeinschaft, die an Taten der SS beteiligt war und nach dem Kriegsende zwei Jahre darüber geschwiegen hat. Nach aktuellem Forschungsstand entspricht die Tatbeteiligung der Dorfbewohner nicht den Tatsachen, das Schweigen jedoch schon. Die Massengräber wurden erst 1947 entdeckt.
Bredel schreibt über Nazis im Osten. Das widerlegt die Bauhauptung in der DDR sei behauptet worden, dass ALLE Nazis im Westen seien. Bredel gibt auch Motive für ein Dableiben:
‚Gute Nacht, Herr!’ Leicht und beglückt schlüpfte der Wirt aus dem Zimmer. Er hat sicherlich ruhig geschlafen, wahrscheinlich als einziger in Dollhagen. Drei Häuser weiter erhängte sich in dieser Nacht auf dem Dachboden seiner Werkstatt der Wagen- und Hufschmied Friedrich Belz.
Das war der zweite. Paul Böhle, der Eisenbahner war geflohen, hatte alles in seiner Kate stehn und liegen lassen und war vermutlich im Westen. Er hatte gut fliehen, denn er war Junggeselle und besaß auch kein Land, das ihm an den Schuhsohlen hing. Und nun hatte sich der Hufschmied erhängt. Tod und Angst, wahre Todesangst lag auf dem Dorf. Es muß hergegangen sein, wie am Vortag des Jüngsten Gerichts.
Bredel, Willi. 1948. Das schweigende Dorf. Rostock: Carl Hinstorff Verlag. S. 40.
In der Erzählung Bredels blieben die Bauern, die verwurzelt waren. Täter und Mitwisser*innen. Im realen Dorf Sülstorf gab es keine Täter aber Mitwisser*innen.
Widerlegt ist auch einmal mehr, dass die DDR den Holocaust vertuschen wollte oder dass der nicht erwähnt wurde oder dass die Kommunisten nur sich selbst gefeiert hätten. Gerade die Arbeiten von Willi Bredel widerlegen diese Behauptungen. Der Kommunist Bredel hat in der Frühlingssonate über das Massaker an Kiewer Juden in Babyn Jar geschrieben. Alle Kinder, die in der DDR groß geworden sind, haben die Frühlingssonate in der 9. Klasse im Literaturunterricht behandelt (siehe Der Ossi und der Holocaust: Literaturunterricht). Und in der Erzählung Das schweigende Dorf kommen die Verbrechen an Jüd*innen eben auch vor.
Auf der Suche nach dem Buch Das schweigende Dorf habe ich Fotos einer späteren Auflage aus dem Institut für Lehrerbildung Güstrow samt Ausleihzettel gefunden. Das Buch war in einem Lerhrerbildungsinstitut von spätestens 1959 bis mindestens 1988 verfügbar, wie die Ausleihstempel zeigen.
Zum Satz von Benno Schirrmeister „Nach dem Krieg brüskierte er mit „Das schweigende Dorf“ (1948) fast schon die offizielle Geschichts- und Gedenkpolitik in Sowjetischer Besatzungszone und DDR: Die hätte den Holocaust lieber verdrängt.“: Was soll „fast schon“ bedeuten? Und Willi Bredel WAR die offizielle „Geschichts- und Gedenkpolitik“. Er war in Moskau im Exil gewesen, hatte den stalinschen Großen Terror überlebt und kam mit der „Gruppe Ulbricht“ im Mai 1945 in die SBZ, um einen sozialistischen Staat nach sowjetischem Vorbild aufzubauen. Bredel war hauptamtlicher politischer Instrukteur für das Zentralkomitee der KPD in Mecklenburg-Vorpommern. Ab 1947 war er im Mecklenburgischen Landtag, in der Volkskammer und dann im Zentralkomitee der SED. Von 1962 bis 1964 war er Präsident der Deutschen Akademie der Künste und machte diese zu einer sozialistischen Akademie, wie das ZK der SED es vorsah (siehe Bredels Wikipedia-Eintrag und dort angegebene Quellen). Seine Werke wurden auch nach seinem Tod 1964 noch in weiteren Auflagen veröffentlicht. Es gab in der DDR Zensur und, wie man dem Wikipedia-Eintrag des Aufbau Verlags entnehmen kann, schreckte die Staatsführung auch nicht davor zurück, ganze Ausgaben von ungenehmen Werken makulieren zu lassen. Nichts dergleichen geschah mit Bredels Werken. Auch die Veröffentlichung 1948 war sicher durch einen Zensur-Prozess gegangen/irgendwo abgesegnet worden, denn in der Nachkriegszeit war in der SBZ Papier noch knapper als später in der DDR. Das folgende Bild zeigt, dass es auch vom Schweigenden Dorf mindestens noch eine weitere Auflage 1951 gab. Laut Willi-Bredel-Gesellschaft gab es auch 1950, 1952 und 1954 weitere Auflagen. In den gesammelten Erzählungen, die 1981 im Aufbau Verlag erschienen, ist das Schweigende Dorf auch enthalten (laut Hans-Kai Möller von der Willi-Bredel-Gesellschaft, 2025 auf den Seiten 217–265). Von diesen gesammelten Erzählungen gab es zwei Auflagen.
Laut Willi-Bredel-Gesellschaft ist Das schweigende Dorf 1951 auch auf Tschechisch und Polnisch erschienen. 1961 und 1971 wurde eine Oper mit gleichnamigem Titel in Plauen bzw. Schwerin aufgeführt (Nestler, 1999: 604).
1947 wurde in Sülstorf eine Gedenkstätte und ein Ehrenfriedhof für die 53 ermordeten jüdischen Frauen und die insgesamt 300 ermordeten Menschen eingerichtet. Das ist sehr früh. Ich weiß von keiner solchen Gedenkstätte auf BRD-Gebiet.
Auch waren Antisemitismus und Nationalismus wichtige Bestandteile der sowjetischen und realsozialistischen Ideologie.
Rabe, Anne. 2023. Die Möglichkeit von Glück. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 271
Die Besprechung dieses einen Satzes ist viel zu lang geraten, so dass ich beschlossen habe, sie in einen extra Blog-Post auszulagern. Das ist dieser hier.
Ad hominem: Wer spricht?
Ich habe mich gefragt, wo hat Anne Rabe das nur herhat. Quellen hat sie keine angegeben. Da steht nur dieser eine Satz. Na, vielleicht von Ines Geipel. Dass sie mit Ines Geipel befreundet war/ist habe ich aus einem Artikel in der NZZ über ein angebliches Plagiat von Rabe erfahren (siehe Weitere Kommentare zu Anne Rabes Buch: Eine Möglichkeit aber kein Glück). Dass Anetta Kahane und Ines Geipel gelogen haben (oder extrem unwissend sind), wenn sie behaupten, der Holocaust sei im Osten nicht vorgekommen, habe ich schon in Der Ossi und der Holocaust besprochen. Zum (fast) nicht vorhandenen Antisemitismus in der DDR hat die Jüdin Daniela Dahn viel geschrieben. Manches ist auch im Holocaust-Post erwähnt. Andere Sachen bespreche ich im Post über die Ausstellung über jüdisches Leben in der DDR, die vom jüdischen Museum organisiert wurde.
Ich habe diverse Interviews mit Anne Rabe gelesen und in einem Interview von Cornelia Geißler von der Berliner Zeitung steht:
Auch der Historiker Patrice G. Poutrus, der eher Oschmanns Generation angehört, hat beobachtet, dass Rechte und Rechtsextreme im Osten auf ein festes nationalistisches Weltbild trafen.
Ich bin ja immer bereit, Neues zu lernen und dachte mir: „Gut, mal gucken, was der Historiker Poutrus herausgefunden hat.“ Als erstes: Kurzer Chek: Er ist aus dem Osten. Also gut, mal gucken. Bei der Bundeszentrale für politische Bildung habe ich einen Aufsatz von ihm gefunden, den er gemeinsam mit Jan C. Behrends und Dennis Kuck verfasst hat: Historische Ursachen der Fremdenfeindlichkeit in den neuen Bundesländern.
Anschließend arbeitete er als hauptamtlicher FDJ-Funktionär erst im VEB Werk für Fernsehelektronik und dann in der FDJ-Bezirksleitung Berlin. 1988 legte er sein Abitur an der Abendschule der Volkshochschule Berlin-Treptow ab. 1989 wurde er zum Fernstudium der Geschichtswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin zugelassen.
Nun ja, nun ja. Ein FDJ-Sekretär, der sich für ein Geschichtsstudium beworben hat. In der DDR. Fächer wie Geschichte und Philosophie studierten in der DDR nur die rötesten Socken. Für mich fällt Poutrus damit in eine Gruppe mit Geipel (Vater IM für terroristische Anschläge auf BRD-Gebiet), Kahane (Vater ND-Chefredakteur, sie selbst IM, die aktiv jüdische Freunde verraten hat, siehe Wikipediaeintrag) und Rabe (Funktionärskind): ehemalige rote Socken bzw. Funktionärskinder, die auf die andere Seite vom Pferd gefallen sind. Der Punkt ist: Als belasteter Mensch darf man auf keinen Fall irgendetwas Gutes an dem finden, was man hinter sich gelassen hat, denn andere könnten ja dann denken, man sei immer noch „so einer“.
Rote Vergangenheit allein bedeutet nichts. Menschen können sich ändern. Ad hominem-Argumente sind in der normalen Wissenschaft unzulässig. Aber irgendwie scheint mir hier doch ein Muster vorzuliegen und es geht bei gesellschaftlich relevanten Aussagen eben doch darum, wer spricht. Die echten Argumente zu Poutrus kommen in den nun folgenden Abschnitten. Die gegen Kahane und Geipel habe ich bereits in Holocaust-Post vorgebracht. Die gegen Rabe in den beiden zu Beginn zitierten Blog-Posts und auch vermischt mit dem, was jetzt kommt.
Jugendliche Rechtsextremisten in Jugendtreffs
Ich gehe den Text von Poutrus, Behrends & Kuck einfach mal der Reihe nach durch. Die Autoren schreiben:
Trotz Vereinheitlichungstendenzen und internationaler Vernetzung in der rechten und Skinhead-Szene sind deutliche Unterschiede zwischen der Situation in Ost- und Westdeutschland zu beobachten. Kennzeichnend ist nicht nur die ’starke Dominanz jugendlicher Rechtsextremisten’ in den Jugendtreffs verschiedener ostdeutscher Brennpunkte, sondern die inzwischen erreichte voraussetzungslose Gewaltbereitschaft.
Hierzu möchte ich der geneigten Leser*in folgendes Video ans Herz legen:
Der Beitrag zeigt einen Jugendclub in Cottbus, in dem sich Rechtsradikale treffen. Sie werden dort vom CDU-Innenminister Jörg Schönbohm besucht, der die Jugendlichen prima findet (12:30). Die Familie Schönbohm floh 1945 in den Westen. Schönbohm war Generalleutnant in der Bundeswehr und Landesvorsitzender der CDU Brandenburg. Auch sieht man im Video, dass die Nazi-Partei Deutsche Alternative, die in Brandenburg aktiv war, von Menschen aus dem Westen aufgebaut wurde (11:25). Rabe schreibt dazu auch an einigen Stellen etwas und stellt den Einfluss von West-Nazis und Westpolitikern in Frage. Ihre Aussagen im Buch zum Beispiel bzgl. Lichtenhagen sind einfach falsch. Zu dieser Diskussion siehe Weitere Kommentare zu Anne Rabes Buch: Eine Möglichkeit aber kein Glück.
Nationalstolz
Die Autoren argumentieren, dass die DDR einen Nationalstolz zu etablieren versucht habe, der dann später in den jetzt zu beobachten Nationalismus umgeschlagen sei. Im Folgenden möchte ich einige Bereiche untersuchen, auf die man hätte stolz sein können oder sollen.
Sport
Die Staatsführung wollte, dass wir stolz auf unser Land sind. Verständlich. Sie wollte, dass wir gern dort leben und nicht bei der erstbesten Gelegenheit abhauen. Aber hat das irgendwie geklappt? Ich bin ja fast noch nachträglich stolz auf die DDR geworden, als ich gestern gesehen habe, wie gigantisch die Last war, die die Generation meiner Eltern und Großeltern gestemmt hat: Reparationsleistungen und Wiederaufbau (siehe Weitere Kommentare zu Anne Rabes Buch: Eine Möglichkeit aber kein Glück). Aber zu DDR-Zeiten war ich nicht stolz auf die DDR und kannte außer anderthalb Stasi-Kindern wahrscheinlich auch niemanden, der stolz war. Die DDR hat es versucht. Mit Sport. Katarina Witt war super. Ich habe sie als Kind beim Schaulaufen gesehen. Im Sport- und Erholungszentrum im Friedrichshain. Beim Kinderschaulaufen. Sie war ein Schlumpf. Wahrscheinlich so 14 Jahre alt. Später hing in jedem Klassenraum ein Bild von ihr. Im FDJ-Hemd. Sie war Mitglied der Volkskammer. Sie kannte Bryan Adams und hatte dafür gesorgt, dass er zu einem Konzert nach Berlin kam.
Sie ließ es sich nicht nehmen, ihn anzukündigen. Vor 65.000 Menschen. Sie haben sie ausgebuht.1 Die Gold-Käthe hat es nicht verstanden. Wo kam nur diese Abneigung her? Sie hatte doch alles gewonnen, was man gewinnen konnte? Für die FDJ, für Erich Honecker, für ihr Land. Wir mochten sie nicht.
Nach der Wende hat sie das Land verlassen. Wie man dem folgenden Video entnehmen kann, hat sie heute noch nicht verstanden, warum wir sie nicht mochten.
https://www.youtube.com/watch?v=wThl0N5fybk
Sandow hat sogar ein Lied über die Konzerte damals (mit Bruce Springsteen) und über unseren Stolz auf Katharina Witt geschrieben:
Wir bauen auf und tapeziern nicht mit Wir sind sehr stolz auf Katharina Witt Katharina was born Born in the GDR.
Sandow: Born in the GDR. 1989
Betriebe
Meine Mutter hat Betriebsbesichtigungen organisiert. (Für die, die es nicht erlebt haben: Ein Großteil des kulturellen Lebens fand in der DDR auch über die Betriebe statt. Musik, Ausflüge usw. Freigeister fanden das doof. Diese klebrige Enge. Aber das war alles weg, als nach der Wende die Arbeitslosigkeit kam. Persönliche Bindungen weg, Arbeit weg, Kultur weg. Es blieb nur ein Trümmerhaufen.) Jedenfalls habe ich eine Lichtleiterfabrik, eine Fabrik von Sternradio und ein Kugellagerwerk besichtigt. Ich dachte, dass eine Lichtleiterfabrik etwas Hochmodernes sein müsste. Es war eine kleine Klitsche mit Maschinen aus den 70er Jahren. Die Kugellagerfabrik funktionierte. Ich fand es lustig, dass die fertigen Kugellagerrollen auf Schienen durch die Halle rollten. Die Fertigungsanlage für Sternradio wurde aus Schweden importiert. Cooles Zeug. Nestbauweise. Wir konnten sehen, wie die Schaltkreise auf die Platinen kamen usw. Die Taktstraße stand in einem alten Fabrikgebäude. Die Sternrecorder – muss wohl der SKR 700 gewesen sein – wurden ganz oben produziert. Wenn sie fertig waren schwebten sie am Förderband ins Treppenhaus, wo sie dann ins Erdgeschoss hinabgelassen werden sollten. Das Abbremsen der Recorder im Treppenhaus funktionierte nicht, so dass eine große Anzahl der Recorder sechs Stockwerke in die Tiefe stürzte. 1540 Mark einfach futsch. Pfusch. Sollte ich darauf stolz sein?
Ich bin in Buch aufgewachsen. In den Neubauten. Es gab die alten Neubauten, die Neubauten und die neuen Neubauten. Ich konnte dabei zusehen, wie Teile der Neubauten und der neuen Neubauten entstanden. Die Baustellen standen oft Monate lang still, weil Material fehlte. Die Bauarbeiter saßen in den Bauwagen davor. Sollte ich darauf stolz sein? Es gab Wohnungsnot. Später im Westen habe ich mich darüber gewundert, wie schnell man Häuser bauen konnte.
1987 war ich für drei Wochen im Braunkohlewerk Espenhain. Die Schwelerei war zugefroren und das Werk hatte die Armee um Hilfe gebeten. Die Kompanie vor uns hatte die Schwelerei vom Eis befreit, so dass die Förderbänder wieder liefen. Wir waren nur noch zur Sicherheit dort im Einsatz. Ich erinnere mich genau daran, wie wir hingefahren sind. Wir saßen auf einem Laster, ich war eingeschlafen. Irgendwann bin ich aufgewacht, hab einen kurzen Blick nach draußen geworfen und wusste: Wir sind da. Der Schnee war schwarz. Ich habe in der Nachtschicht gearbeitet und meine Aufgabe war es, ab und zu an ein Rohr einer Filteranlage zu klopfen, damit die Asche in einen mit Wasser gespülten Kanal fiel, denn die Klappe dafür verklemmte sich ab und zu. Es gab Förderbänder über die Kohlebriketts aus den Kohlepressen in Bahnwaggons transportiert wurde. Die Briketts kamen aus der Presse über Doppel-T-Träger aus Stahl. Die Träger waren so abgenutzt, dass in der Mitte das Metall weg war. Deshalb verklemmte sich ab und zu ein Brikett, die umliegenden Brieketts ploppten raus und fielen neben die Träger. Unsere Aufgabe war es, die Kohle auf die Bänder zu schippen. Ein Angestellter erzählte uns, dass das normalerweise „die Russen“ machen. Die T‑Träger befanden sich in der Höhe von 2 bis 3 Metern. Wenn dann so viele Briketts runtergefallen waren, dass sie in die Höhe der T‑Träger kamen, wurden die „Freunde“ gerufen und schippten das alles in einem Rutsch weg. Aber da wir nun schon mal da waren, konnten wir das auch erledigen.
Wenn es regnete, sah man die Pfützen nicht. Der Staub lagerte sich auf ihnen ab.
Das Werk Espenhain wurde 1937 von den Nazis gebaut. Schon kriegssicher in redundanter Doppeltausführung: zwei gleiche Kraftwerke nebeneinander.
Nach dem Kohleeinsatz bekamen wir drei Tage verlängerten Kurzurlaub (VKU). Ich habe jeden Tag gebadet. Die Kohle war noch lange in den Poren. (Nicht, dass wir in Espenhain nicht geduscht hätten. Das hat nur nicht viel geholfen.)
Sollte ich auf Espenhain stolz sein? Das war ein komplett runtergerocktes Kraftwerk!
Das steht hierzu in Wikipedia:
In den 1960er Jahren waren die Anlagen im Zusammenhang mit der Wirtschaftsorientierung auf die Erdölchemie massiv auf Verschleiß gefahren worden. Als Anfang der 1970er Jahre die Kohlechemie wieder an Bedeutung gewann, wurde die Produktion in den verschlissenen Anlagen auf maximale Leistung gesteigert. Dadurch und durch nicht vorhandene Investitionen im Bereich des Umweltschutzes stiegen die Schadstoffemissionen in Luft und Wasser sehr stark an. Über dem Ort und seiner Umgebung lag immer eine Wolke von Phenolen, Schwefel, Ruß und Asche. Der hohe Schadstoffausstoß machte es erforderlich, jeden Morgen Straßen und Gehwege zu kehren, da sich eine dicke Ascheschicht niedergelassen hatte. Einige Einwohner berichten, dass gelegentlich die Sonne hinter Aschewolken verschwand und dass Autos tagsüber mit Licht fahren mussten. Die gesundheitlichen Auswirkungen auf die Einwohner der Stadt waren verheerend. Die Lebenserwartung lag infolgedessen einige Jahre unter dem landesweiten Durchschnitt. Vor allem Kinder litten stark unter den auftretenden Haut- und Atemwegserkrankungen, wie z. B. Ekzemen und chronisch-obstruktiver Lungenerkrankung (COPD). Auch heute noch sind viele Einwohner von Spätfolgen betroffen
Im Konsum des Werkes gab es Schnaps für 60 Pfennig (Wikipedia sagt 1,12 M) die Flasche (Brauseflasche). Der wurde Kumpeltod genannt. Bergleute und Leute in den Kraftwerken wurden exklusiv damit versorgt. Ich hab das nicht getrunken. Vielleicht bin ich darauf stolz …
In den Nachrichten wurde der 1‑Megabit-Chip gefeiert. Sollte ich darauf stolz sein? Freunde hatten West-Computer, ich arbeitete an Ost-Computern. Ich wusste, wo wir standen.
Alle wussten es. Es gab Witze: „Ein Japaner kommt in die DDR und reist durchs Land. Kurz vor seiner Abreise wird er gefragt, was er am besten fand. Die Antwort: ‚Die ganzen Museen: Pergamon, Robotron, Pentacon.’“ (Nebenbemerkung: Das bedeutet nicht, dass alles Schrott war. Es gab neu errichtete Werke, gut funktionierende Werke, es gab Bodenschatzvorkommen, die ergiebiger waren als die im Westen (Kali). Das alles konnte man in einem Film über die Treuhand sehen, der aber leider privatisiert wurde … (auf youtube auf privat gestellt wurde.)) In Stolz und Eigensinn kann man Interviews mit Frauen sehen, die auf Exportprodukte hinweisen. Braunkohlebriketts wurden in den Westen exportiert. Auch Schuhe für Salamander und andere Produkte. Die Kinderschuhe, die man im Film sehen konnte, waren herzallerliebst und würden heute sicher reißend Absatz finden. Wikipedia hat eine Liste der Gestattungsproduktion. Die DDR fertigte Waren für den Verkauf um Westen. Es gab also Bereiche, die funktionierten. Entsprechende Waren werden heute in China oder Vietnam gefertigt.
Ich war nicht stolz auf die DDR. Ich war auch nicht stolz Deutscher zu sein. Wir hatten gelernt, dass Nationalismus das Wurzel allen Übels war. Ich bin nach der Wende noch jahrelang zusammengezuckt, wenn jemand „Deutschland“ gesagt hat, und würde dieses Wort auch heute noch gerne nicht verwenden.
Die Autoren schreiben:
Hilflos gegenüber der Allgegenwart des Westfernsehens und der wirtschaftlichen Überlegenheit der Bundesrepublik, versuchte die Partei eher durch den Vergleich mit den sozialistischen Bruderländern, den Verweis auf die eigene Spitzenstellung (hinter der Sowjetunion), Punkte zu sammeln. Insbesondere in Krisensituationen war die Parteiführung auch bereit, ungeniert antipolnische Stereotype (‘polnische Wirtschaft’) zu bedienen
Es stimmt, dass wir wussten, dass wir die Besten der Abgehängten waren. Noch vor der Sowjetunion. Ich war 1984 in Polen und 1988 in Rumänien und die Versorgung dort war unglaublich schlecht. Aber ich dachte: Puh, da haben wir aber Glück. Und muss ja, weil wir das Schaufenster waren (siehe Bananen im Post Weitere Kommentare zu Anne Rabes Buch: Eine Möglichkeit aber kein Glück). Stolz war ich darauf nicht. Die Sache mit den Polen stimmt. Das ging gegen Solidarność.
Worauf war ich stolz, worauf konnte ich stolz sein? Auf meine eigenen Erfolge im Sport? Im Schach? In Mathematikolympiaden? Ja.
Auf unsere Täterätä – wie Manfred Krug sie nannte – stolz zu sein, wäre mir nie im Traum eingefallen. Das war bei FDJ-Funktionären und bei Sachsen vielleicht anders.2
Nationalismus und Rassismus
Nationalismus
Zum Nationalismus schreiben die Autoren:
In der ‘patriotischen Erziehung’ der DDR wurden Begriffe wie ‘Heimatliebe’ oder ‘Stolz auf die Errungenschaften’ der DDR mit sozialistischer Ideologie aufgeladen. ‘Sozialistischer Patriotismus’, das hieß unverbrüchliche Freundschaft zur Sowjetunion, Liebe zur SED und Verehrung für die Parteiführung und Solidarität mit den ‘unterdrückten’ Völkern der Welt. Uns erscheint aber zweifelhaft, ob die Bevölkerungsmehrheit all diese Implikationen nachvollzog oder ob nicht eher nach der prägenden Kraft dahinterstehender tradierter Denkstrukturen, nämlich der kritiklosen Überhöhung des Eigenen und der exklusiven Identifikation mit dem eigenen Kollektiv zu fragen ist. Beruhte diese ‘imagined community’ (Benedict Anderson) also auf genau jenen Mechanismen, die für das Gefühl und das Erlebnis, einer ethnisch definierten ‘Nation’ anzugehören, typisch sind? Einige fachspezifische Forschungsergebnisse weisen in diese Richtung: Die bildungsgeschichtliche Studie von Helga Marburger und Christiane Griese attestiert der DDR-Pädagogik einen starken Homogenisierungsdruck nach innen. ‘Das Eigene war kollektives Eigenes und als solches streng genormt.’
Hm. Ja. Vielleicht. Wie die Autoren selbst schreiben, war es mit „Liebe zur SED und Verehrung für die Parteiführung“ nicht weit her. Den Erich haben wir nicht geliebt. Wir haben ja nicht mal die Katharina geliebt und die sah wirklich gut aus. Was die Staatsführung wollte und was real war, klaffte nicht nur bei der Wirtschaft auseinander.
Aber ist jetzt das DDR-System schuld daran, dass es wollte, dass die Bevölkerung dieses Land liebte und da blieb, statt bei der nächstbesten Gelegenheit in den Westen zu verschwinden? Die exklusive Identifikation mit dem eigenen Kollektiv gehörte sicher nicht zu den „dahinterstehenden tradierten Denkstrukturen“, denn uns wurde immer der Wert der Völkerfreundschaft beigebracht. Internationale Solidarität. Im Kampf für eine bessere Welt, ohne Ausbeutung usw. Das schreiben die Autoren ja auch selbst. Der oben zitierte Absatz scheint mir inkonsistent zu sein.
Weiter:
Lohnend ist in diesem Zusammenhang ein Blick auf das Verhältnis der Stasi zu den auch in der DDR existenten Skinheadgruppen. In den Stasi-Akten zum Skinheadüberfall auf die Zionskirche von 1987 wird deutlich, wie stark die Denkschemata der Ermittler durcheinander gerieten. Waren doch die Opfer – Ziel des Überfalls war ein Punkkonzert – durch ihren Non-Konformismus bis dahin selbst Objekt von Beobachtung und Verfolgung der Sicherheitsorgane, weil ihre Einstellung als systemfeindlich galt. Was die rechten Schläger betrifft, so reichen die Akten über rechtsextreme Vorfälle bis 1978 zurück. Gleichwohl passte die ‘faschistische’ Orientierung dieser Tätergruppe nicht in das Raster der klassenkämpferisch geschulten Geheimdienstler, hatten die Skins doch wesentliche ’sozialistische Werte’ wie Arbeitsliebe, Ordnung, Sauberkeit und Bereitschaft zum Militärdienst für sich angenommen. Dieses Beispiel verdeutlicht die ’sozial-hygienischen’ Gemeinsamkeiten staatssozialistischer und rechtsextremer Leitbilder. Diese Übereinstimmung war es, die eine couragierte und offene Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus unmöglich machte, wären damit doch die genannten Grundwerte der DDR und letztlich der beschriebene Herrschaftsmodus der SED in Mitleidenschaft gezogen worden.
Sorry. Das geht nicht auf als Argument. Gruppe 1 hat Werte A, B, C, D. Gruppe 2 hat Werte A, B und X. Warum soll Gruppe 1 nicht Gruppe 2 wegen X bekämpfen können? Wenn es Nazi-Musik gibt, liegen Straftaten vor, gegen die man vorgehen kann. Ich hatte Kassetten in der Hand, auf denen Songs wie „Töte Deinen Nachbarn!“ und „Mein goldener Schlagring“ waren.
Übrigens kann man den Stasi-Unterlagen zum Vorfall in der Zionskirche auch entnehmen, dass da Skinheads aus West-Berlin dabei waren. Just saying.
Reisen
Zum Thema „Fremde und Ausländer in der DDR“ schreiben die Autoren:
Spätestens seit dem Mauerbau waren Auslandsreisen und internationale Mobilität aus dem Alltag der DDR verbannt. Nur wenige konnten sich private Urlaubsreisen etwa nach Bulgarien oder Ungarn leisten. Besuche im Westen waren Ausnahmen im Falle wichtiger Familienangelegenheiten. Für die Mehrheit der DDR-Bürger war Reisen ein staatlich gewährtes Privileg. Diesen eingeschränkten Erfahrungshorizont gilt es zu berücksichtigen, wenn man den Aufenthalt von Fremden und Ausländern in der DDR betrachtet. Die staatssozialistische Diktatur mit ihrem allumfassenden Regelungsanspruch ‘offizialisierte’ jede Form und Gelegenheit des Kontakts zu Fremden, so wie sie das mit allen sozialen Beziehungen zu verwirklichen suchte. ‘Gesellschaft’ im Sinne eines relativ autonomen Bereichs sozialer Beziehungen und Institutionen, wie er für bürgerlich-liberale Staaten typisch ist, sollte es in der DDR nicht geben, und das galt auch und gerade auf diesem Gebiet. Kontakte und Umgang außerhalb der staatlich festgelegten Regeln waren nicht vorgesehen, entweder explizit verboten, zumindest aber unerwünscht. Angehörige unterschiedlicher Staatsangehörigkeiten sollten sich der SED-Ideologie zufolge gewissermaßen daher immer als ‘Repräsentanten’ ihrer jeweiligen Staatsvölker, quasi in diplomatischer Funktion, begegnen, nicht jedoch auf einer ‘Von-Mensch-zu-Mensch-Basis’. Das einander Akzeptieren als ‘Menschen wie du und ich’, als individuelle Gäste und Gastgeber, Durchreisende und Einheimische, als Zufallsbekanntschaften etc. wurde dadurch von vornherein erschwert bzw. erforderte bewusstes, eigensinniges Gegenhalten — wofür es durchaus Beispiele gab! Die Botschaft der offiziellen Regelungswut war aber: ‘Staatszugehörigkeit’ (und die machte sich praktisch an der Nationszugehörigkeit fest) ist eminent ‘wichtig’, der Internationalismus stellte die Vorrangstellung der Nation nie infrage .
Das hat mich einigermaßen verwundert. Denn ich war in Moskau, Carlovy Vary (Karlsbad) Prag, Budapest, Brașov, Bukarest, Sofia, Sosopol, Varna, Warschau und Puławy. An vielen Orten war ich mehrfach. Das Einzige, was man bezahlen musste, war eine Zugfahrkarte. Die war nicht teuer. Lebensmittel kosteten genau so viel wie zu hause. Geschlafen haben wir auf dem Zeltplatz. Ich war im Bucegi-Gebirge wandern. Wir hatten Seife und Kaffee mit. Beste Zahlungsmittel in Rumänien damals. Die Tour Berlin–Sosopol war der Standard damals. Ich weiß noch, dass die Sonnenschirme in Sosopol 3 Mark gekostet haben. Das haben wir uns nicht geleistet. Einmal hatte ich Fieber, da mussten wir. Man hat unterwegs dieselben Leute in Prag und Budapest getroffen. Die Reisen fanden zwischen 1984 und 1989 statt. Ich war jung und hatte kein Geld. Es ging dennoch.
In Budapest schliefen die Ossis immer einfach unter freiem Himmel auf der Magareteninsel. Das ging den Ungarn irgendwann so auf die Nerven, dass sie eine Speziallösung für uns Ostdeutsche entwickelten: Es gab am Ende der U‑Bahn-Linie einen mit Stacheldraht umzäunten Platz, auf dem man umsonst schlafen konnte (steht auch im Wikipediaeintrag zur Magareteninsel). Man musste seinen Personalausweis am Eingang abgeben und am Morgen kam um 6:00 die rendőrség, stellte sich neben die Schlafenden und drehte einmal voll die Sirene auf. Alle waren wach. Bis um 7:00 oder 8:00 hatte man das Gelände wieder zu verlassen. Manche haben gezeltet, manche unter freiem Himmel geschlafen. Findige Ungarn haben ein Geschäftsmodell entwickelt: Man konnte seinen Rucksack bei ihnen im Garten abstellen, denn die Schließfächer an den Bahnhöfen waren alle belegt. Ich habe einmal da draußen gezeltet. Wo dieser Zeltplatz war, konnte man herausfinden, indem man andere Ossis fragte. Wir haben uns an den Schuhen (Römerlatschen oder Tramper) erkannt. Bei meinen anderen Budapest-Besuchen habe ich immer in einem privaten Garten gezeltet. Mehrere Ungarn hatten ihre Gärten zu Zeltplätzen umfunktioniert.
Von der Schule aus war ich in Moskau, Carlovy Vary und Polen (Puławy, Warschau, Auschwitz). Das entspricht dem, was die Autoren geschrieben haben: Wir waren in diplomatischer Funktion dort. Ich bin auch Ehrenpionier der Sowjetunion geworden, was mir später in meiner Zeit als Kanzlerkandidat der Partei Die PARTEI sehr helfen sollte (siehe Korrektur Lebenslauf).
Stefan Müller, Professor für deutsche Syntax an der Humboldt-Universität zu Berlin und Direktkandidat der Partei Die PARTEI für den Wahlkreis 242 Erlangen für die Bundestagswahl 2021, 09.08.2021, Bild: Arne Reinhardt CC-BY.
Ich brauchte keine rote Krawatte mehr zu kaufen, sondern habe einfach das rote Halstuch genommen, das noch im Keller lag. (Oh, gehöre ich jetzt zu einer Gruppe? Bin ich mitschuldig geworden? Im Sinne der Blutschuld, die Anne Rabe vertritt?) Der Rest der Reisen waren Individualreisen.
Nun kann man einwenden, dass ich und die anderen Menschen, die ich kannte, nicht repräsentativ für die DDR war. Schließlich war ich Abiturient und die Anzahl der Abiturient*innen war insgesamt eher gering. Zwei Schüler*innen aus einer POS-Klasse mit 30–31 Schüler*innen. Peer, ein Schulfreund, der auch mit in Moskau war, hat diesen Einwand auch sofort gebracht. Da er aber auch die beste Such-Maschine der Welt ist, hat er ihn dann auch gleich entkräftet. Und zwar so richtig.
Eine Meldung aus dem Jahre 1989 kündigt den neuen internationalen Jugendherbergsausweis an.
SED-Zentralorgan Neues Deutschland vom 13.01.1989
Da dieser Ausweis damals neu war, gab es das vorher noch nicht. Aber immerhin zeigt das schon mal, dass die Aussage der Autoren nicht richtig sein kann. Es geht explizit um Individualreisen, günstige Individualreisen ins Ausland.
Aber auch schon 1976 gab es Individualreisen nach Ungarn. Mit dem Bus.
Im Artikel steht, dass Privatquartiere am Balaton vermittelt werden. Das passt nicht zu den Angaben der Autoren. Staatlich organisierte Individualreisen. Unterstützender geht es nicht.
Dass man nicht alles glauben sollte, was in Zeitungen steht oder gar in DDR-Zeitungen stand, gilt hier natürlich auch. Aber es wäre keine propagandistische Glanzleistung, eine Nachfrage bzw. ein Bedürfnis nach Auslandsreisen zu wecken, das man eigentlich verhindern wollte.
Den Punkt „Ossis haben noch nie andere Menschen gesehen.“ können wir also getrost abhaken.
Jugend-Feldbettspiele
Die Autoren schreiben:
Tatsächlicher Kontakt der Bürger mit Ausländern stellte für die SED-Diktatur dagegen ein Sicherheitsrisiko dar. So unterlagen auch die wenigen internationalen Veranstaltungen wie die ‘Weltfestspiele der Jugend und Studenten’ im Sommer 1973 oder die ‘Festivals des politischen Liedes’ politischer Kontrolle.
Hey, warte mal. Auch das habe ich anders gehört. Es gab nach dem Festival viele internationale Kinder. Es war ein Fest der Völkerfreundschaft. Sollten die Organe des Inneren so versagt haben und komplett die Kontrolle über die äußeren Organe verloren haben? Das Festival der Jugend war unser summer of love.
Das schreibt der Tagesspiegel dazu:
Das eigentliche Festival findet nicht in den Bars oder Klubs statt, sondern unter freiem Himmel. Zehntausende von Jugendlichen kampieren in den Grünanlagen der Ost-Berliner Innenstadt. Das bleibt nicht ohne Folgen. Das Festival zeitigt Festival-Ehen und Festival-Kinder, und im Volksmund heißen die Jugend-Weltfestspiele bald Jugend-Feldbettspiele.
Es waren 8 Millionen Menschen in der Stadt. Es war die Hölle los. Der Tagesspiegel beschreibt auch die Maßnahmen der Stasi, aber die Verbrüderung bzw. Verschwesterung oder Vermenschung der 8 Millionen konnte und sollte nicht verhindert werden. Alle sprachen offen. Sogar mit den Typen von der CDU.
Vertragsarbeiter
Was stimmt, ist, dass man die Vertragsarbeiter eigentlich nicht gesehen hat und zu den Sowjetsoldaten hatte man im Prinzip auch keinen Kontakt. Ich hatte mal „diplomatischen“ Kontakt, weil wir bei unseren Freunden in ihrer Kaserne waren und Schach gespielt haben. Ich habe gewonnen. Geredet haben wir nicht viel. Wohl eher, weil mein Russisch zu schlecht war. Als Schüler habe ich bei Bernau Erdbeeren gepflückt. Da waren auch ein paar Sowjetsoldaten. Ich habe gegessen und gepflückt, sie haben nur gepflückt. Sie waren unglaublich schnell. Geredet haben wir nicht. Über „Меня зовут Стефан.“ wäre ich auch nicht hinausgekommen und vielleicht hätten sie auch Ärger bekommen. Bei meiner Frau an der Burg Giebichenstein in Halle haben Kubaner, Vietnamesen, Tschechen und Bulgaren studiert. Es gab Verträge mit den jeweiligen Ländern. An der Germanistik der Humboldt-Universität zu Berlin gab es Student*innen aus Bulgarien, der Mongolei, Nordkorea, China, der UdSSR, Kuba. Für diesen Austausch gab es Verträge. Das lief unter Entwicklungshilfe. Dass die Student*innen dann nicht hier geblieben sind, lag an ihren Entsenderländern. Bulgarien wollte eine hohe Summe für die Ausbildung ihrer Staatsbürger*innen als Ablöse, wenn diese nicht zurückkamen. Ehen und andere Gründe waren dabei egal.
Dass es Konflikte und rassistische Vorfälle mit den Vertragsarbeiter*innen in den Betrieben gab, kann ich mir vorstellen. Auch dass diese vertuscht wurden, weil nicht sein konnte, was nicht sein darf. Aber dass diese eben nicht sein durften, war die offizielle Staatslinie. Das war der Anspruch. Der Rassismus war nicht etwas, was den DDR-Bürger*innen beigebracht wurde. Als Beleg möge die folgenden Seiten aus Bummi für Eltern 1/198, aus der Wochenzeitung für Thälmannpioniere Trommel und aus dem Neuen Leben, einer von der FDJ herausgegebenen monatlichen Zeitschrift für Teenager, gelten. In der DDR gab es für die Zielgruppen meist nur jeweils eine Zeitung/Zeitschrift, weil die Zeitschriften ohnehin staatlich kontrolliert waren. Diese hatten dann eine entsprechen hohe Auflage. Bummi startete mit einer Auflage von 736.300, die der Trommel betrug 1,2 Mio Exemplare. Das Neue Leben hatte eine Auflage von 540.000 bei einer viel höheren Nachfrage. Die Zeitschrift wurde also meist von mehreren Leser*innen gelesen.
Bummi für Eltern 1/1981. Bericht über Lenin-Denkmal und befreundete Nationen, Länder, in denen Urlaub gemacht wurde, und ein Bild von einem befreundeten Schwarzen Mann mit dem Kind der Autorin auf dem Arm.
Das Stück ist eindeutig ein Propagandatext. Es geht um den guten Menschen Lenin. Dann geht es um Urlaub im Ausland (erneut ein Widerspruch zu den Behauptungen der Autoren) und um einen Freund aus Afrika. Auch wenn diese Texte vielleicht nicht viele gelesen habe, schon gar nicht bis zu der Stelle nach Lenin, so ist die Aussage des Bildes doch klar. Die Menschen aus Afrika sind lieb. Sie tragen unsere Kinder. Papi war ein Jahr dort und hat ihnen geholfen und jetzt studiert Ibrahima hier. Geht so Rassismus? Ich bin nicht zum Rassismus erzogen worden, sondern zu Völkerfreundschaft und Verständigung. Und zwar vom Kindergarten bis zum Untergang der DDR.
Der folgende Ausschnitt ist aus der Trommel, der Zeitung für Thälmannpioniere, d.h. für Jugendliche in der vierten bis zur siebten Klasse.
Ausschnitt aus der Zeitschrift für Thälmmannpioniere Trommel 30/1979 zum internationalen Sommerlager der Pionierrepublik mit Kindern aus Guinea, Turkmenien, Vietnam, Peru, Bulgarien.
Auch hier Völkerverständigung, Bilder von Kindern aus Guinea, Turkmenien, Vietnam, Peru und Bulgarien, die in die DDR zum Sommerferienlager in die Pionierrepublik eingeladen wurden. Sie wanderten und spielten dort gemeinsam, trieben Sport und es gab kulturellen Austausch.
Im Jugendmagazin Neues Leben 05/1985 gab es einen Bericht über eine Schule für 900 Kinder aus Mosambik in Staßfurt.
Zwei Doppelseiten über Kinder aus Mosambik, die in der DDR zur Schule gingen und dann auch eine Berufsausbildung gemacht haben.
Die Schule gab es ab 1982 und ab 1985 gab es dort zusätzlich zu den 900 Schüler*innen aus Mosambik auch noch 400 aus Namibia (mdr, 2021). Zur Schule und der vereinbarten Ausbildung in der DDR siehe auch deutsche welle (2021).
Wikipedia schreibt über das Neue Leben:
Inhaltlich versuchte das Blatt, einerseits die politische Bildung der Jugend im Sinne des DDR-Systems zu fördern. Andererseits sprach es Themen an, die die Jugendlichen direkt interessieren, dazu gehörten Fragen des täglichen Lebens, Mode, Film, Musik (auch mit Interpreten aus dem westlichen Ausland), Rätsel und Ratgeberseiten. Bekannt war die Kolumne Professor Borrmann antwortet zu Fragen der Sexualität. Regelmäßig gab es Umfragen nach den beliebtesten Filmen oder Musikinterpreten. Darüber hinaus enthielt die Zeitschrift Kurzgeschichten, naturwissenschaftliche und technische Beiträge. Diese Mischung führte zu einer hohen Popularität des Blattes.
Solche Berichte über diese Schule und die internationale Solidarität mit den antikolonialen Befreiungsbewegungen gehörte natürlich zur „politischen Bildung der Jugend im Sinne des DDR-Systems“, aber die Botschaft war eben antikolonialistisch und antirassistisch.
Mit der Zuspitzung der Versorgungskrise der DDR Ende der achtziger Jahre hielten die Schlagworte ‘Schmuggel’ und ‘Warenabkauf’ durch Ausländer Einzug in die gesteuerten DDR-Medien, versuchte die SED doch auf diesem Wege von ihrer verfehlten Wirtschaftspolitik abzulenken. Die im Band Ausland DDR veröffentlichte Leserbriefsammlung der Berliner Zeitung aus der Zeit des Mauerfalls zeigt, welche Blüten die Fremdenfeindlichkeit bereits weit vor der Einheit getrieben hatte. Sie bietet ein Panorama aus besonders antipolnischen Vorurteilen (‘arbeitsscheu’, ‘faul’), Ausverkaufs- und Überfremdungsängsten (‘wollen wir etwa eine Mischrasse?’), aber auch wenigen mahnenden Stimmen.
Das kann sein. Und wenn diese Botschaften wirklich über die DDR-Medien verbreitet worden sind, dann ist auch wirklich die DDR-Führung dafür verantwortlich zu machen. Ansonsten ist die Tatsache, dass eine bestimmte Frage in der Leserbriefsammlung vorkam, noch nicht viel wert, denn es geht ja darum, den höheren Grad an Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in der DDR zu erklären. Und diese Stimmen hätte man wohl im Westen mit seiner ungebrochenen Nazi-Tradition3 auch finden können. Ich erinnere nur an Horst Seehofer, der den Verfassungsschutzbericht über die Einstufung der AfD als rechtsextreme Partei hat ändern lassen, weil die CSU zum Teil dieselben Sprüche klopft, wie die AfD (Süddeutsche, 21.01.2022). Oder an den CSU-Generalsekretär, Bayrischen Ministerpräsidenten und späteren Kanzlerkandidaten der CDU/CSU Dr. Edmund Stoiber, der 1988 von einer „durchmischt und durchrasst“en Gesellschaft gesprochen hatte.
Den Begriff von einer „durchrassten Gesellschaft“ war erstmals 1988 von Stoiber als CSU-Generalsekretär geprägt worden. Damals hatte er dem SPD-Politiker Oskar Lafontaine vorgeworfen, dieser wolle „eine multinationale Gesellschaft auf deutschem Boden, durchmischt und durchrasst“. Den Ausdruck „durchrasst“ hatte Stoiber hinterher öffentlich bedauert.
Der zitierte Spiegelartikel beschäftigt sich mit der Wiederholung und Rechtfertigung dieser Aussage durch den CSU-Rechtsexperten Norbert Geis im Jahr 2002.
All denjenigen, die sich wirklich für die Student*innen und Vertragsarbeiter*innen in der DDR interessieren, sei das Buch „… die DDR schien mir eine Verheißung.“ Migrantinnen und Migranten in der DDR und in Ostdeutschland nahegelegt. Das gibt es an verschiedenen Stellen im Internet frei zum Download (Ostbeauftragter oder https://die-ddr-schien-mir-eine-verheissung.de/)
Medizinische Versorgung
Ich bin in Berlin Buch aufgewachsen. Meine Klassenkamerad*innen waren zum großen Teil Kinder von Ärzt*innen und sonstigem medizinischen Personal. In den 70ern und 80ern gab es eine spezielle Krankenstation zur Pflege und Versorgung Schwarzer Menschen, die in Namibia und Angola in der SWAPO im Widerstandskampf gegen das südafrikanische Apartheidsregime gekämpft hatten. Über diese Krankenstation und die Menschen und ihre Versorgung wurde in der Aktuellen Kamera und auf Titelseiten von gern gelesenen Zeitschriften berichtet.
Titelseite der DDR-Frauenzeitung Für Dich von 1979. Die DDR hat Verwundete aus Namibia in Berlin-Buch im Klinikum betreut. Bild in einer Ausstellung im Museum Pankow, Berlin, 04.04.2024Bericht in der NBI 13/79 „Dr. Erich Kwiatkowski, Facharzt für Chirurgie im Klinikum Buch, berichtet. Seine Patienten sind Opfer südafrikanischer Überfälle aus Flüchtlingslager in Angola.“ Bild in einer Ausstellung im Museum Pankow, Berlin, 04.04.2024
Rassismus war explizit ein Thema:
Bericht in der NBI 13/79 über Verbrechen des Rassismus. Bild in einer Ausstellung im Museum Pankow, Berlin, 04.04.2024
Für mich sind Rassisten Menschen, die solche Verbrechen begehen oder gutheißen. Nicht aber diejenigen, die sie anprangern und den Opfern dieser Verbrechen helfen und sie über lange Jahre gesund pflegen.
Titelseite der Wochenpost vom 05.08.1988. Die DDR hat Verwundete aus Angola in Berlin-Buch im Klinikum betreut. „Gerade ist das Flugzeug aus Luanda gelandet, der Hauptstadt Angolas. Unter den Fluggästen sind drei Namibier, Angehörige der SWAPO. Sie kommen in die DDR, um hier medizinisch betreut zu werden. In Angola, im Flüchtlingslager Kwanze Sul, konnte man ihnen nicht helfen. Jetzt sind sie voller Ungewißheit; Was erwartet sie im fremden Land? Ärzte, Schwestern und Pfleger empfangen die neuen Patienten auf der Solidaritätsstation „Jakob Morenga“ im Klinikum Berlin-Buch. Dort werden Maria, Martha und David möglicherweise für Monate bleiben müssen. Sie brauchen unsere Solidarität.“ Bild in einer Ausstellung im Museum Pankow, Berlin, 04.04.2024
Ich war mit einem Jungen befreundet, dessen Vater ein Dichter aus Syrien war und dessen Mutter Ärztin. Er war voll integriert, anerkannt in der Schule. Null Problemo. Die Beziehung wurde nicht unterbunden. Es gab viele geflüchtete Kommunisten, die in der DDR Zuflucht gefunden hatte. Ein Junge aus meiner Klasse hatte einen italienischen Vater. Er war Chefarzt in einem Krankenhaus. Es waren Menschen aus Chile und aus Griechenland in der DDR. Honecker hatte einen chilenischen Schwiegersohn, zu dem er dann nach der Wende auch ausgewandert ist.
Der nationalistische Taumel der Wiedervereinigung
Ganz zum Schluss, im Fazit, wird das angesprochen, was ich für den eigentlichen oder zumindest den wichtigsten Grund halte.4 Im Fazit steht das wichtigste Wort: Wiedervereinigungseuphorie. Das ist der Punkt. Kohl kam nach Dresden. Er schwamm in einem Meer aus Fahnen. Ein nationalistischer Taumel. Vom Westen gewollt und gefördert. Die taumelten drüben genauso. Vielleicht ist es zu einfach, aber wir haben das damals gesehen.
Menschen, die ihren Kopf in der Hand halten. Ein Hitlerkopf liegt am Straßenrand. Der Himmel ist schwarz. Urheber bekannt, 1989
Wir hatten Angst davor.
Dank ich an angst in der Nacht Herzlichen Glückwunsch zur Wiedervereinigung
Deutschtümelei! Nationalismus! Das kam von der Bundesregierung. Nicht in Berlin. In Berlin wurde Kohl ausgebuht.
In Sachsen wurde er mit offenen Armen empfangen. Er hat den Ossis blühende Landschaften versprochen. Von Oskar Lafontaine, dessen Herz links schlug, und der damals Kanzlerkandidat der Partei war, in der auch Anne Rabe Mitglied ist, wollte niemand etwas Wissen. Er hat die Wahrheit gesagt. Aber „die Wahrheit ist hässlich und hat stinkenden Atem“.
Sicher ist alles nicht monokausal. Die Sache mit den Vertragsarbeiter*innen spielt bestimmt eine Rolle, aber den gesamtdeutschen Nationalismus nur in einem Satz zu erwähnen, ist nicht angemessen.
Zusammenfassung
Ich habe zu Beginn besprochen, dass einer der Autoren des hier besprochenen Aufsatzes, so wie Geipel, Kahane und Rabe, stark mit der DDR verbandelt war. Eine Erklärung für einseitige und falsche Positionen oder Sichtweisen kann dann sein, dass man überhaupt nicht erst in den Verdacht von Systemnähe kommen will.
Zu den „jugendlichen Rechtsextremisten in Jugendtreffs“ habe ich angemerkt, dass diese dort von höchster Stelle geduldet waren. Von Jörg Schönebohm, Generalleutnant der Bundeswehr a.D. und Vorsitzender der CDU, Brandenburg. Nazi-Aktivitäten wurden im Osten durch die Verantwortlichen, die fast ausschließlich aus dem Westen waren (siehe Rabe-Post) nicht ausreichend verfolgt. Die Autoren sprechen vom Nationalstolz, der in der DDR gefördert wurde. Vielleicht waren Menschen stolz auf verschiedene Sportler oder auf Gesamtergebnisse bei Olympiaden, aber bei Katharina Witt war das nicht der Fall. Sie wurde von Tausenden ausgebuht. Nach der Wende hat sie das Land verlassen, weil sie nicht verstanden hat, woher die Abneigung kam. Die Wirtschaft war marode, nichts worauf man stolz sein konnte. Die Behauptung, man hätte in der DDR nicht reisen können und Individualreisen seien unerwünscht gewesen, ist schlicht falsch. Auch die Bemerkungen zu den Jugend-Weltfestspielen entsprechen nicht den Tatsachen, wie man auch noch genauer im zitierten Tagesspiegel-Artikel nachlesen kann. Dass es nicht viel Kontakt zu Vertragsarbeitern gegeben hat, stimmt. Der nationalistische Taumel nach der Wende, der vom Westen auch befeuert wurde, ist sicher ein relevanter Faktor, wurde aber von den Autoren nicht angemessen diskutiert.
Für Anne Rabes Behauptung, im Osten hätte es ideologisch motivierten Nationalismus gegeben, liefern Poutrus, Behrends & Kuck jedenfalls keine Beweise.