Wo ist Ihre Evidenz, Herr Professor?

(Die­ser Blog-Bei­trag ist aus einem Mast­o­don-Post vom 30.01.2024 mit anschlie­ßen­der Dis­kus­si­on ent­stan­den. Ich dan­ke allen, die sich an der Dis­kus­si­on betei­ligt haben.)

In sei­nem Mei­nungs­bei­trag Kri­tik an Isra­el: Sprach­lo­se Wei­ter­ga­be in der taz vom 30.01.2024 schreibt der eme­ri­tier­te Pro­fes­sor für Poli­tik­wis­sen­schaft Lothar Probst folgendes:

das ver­leug­ne­te Wis­sen um den Holo­caust und die Ver­bre­chen des NS-Regimes konn­te sich gleich­wohl durch das Beschwei­gen auf ver­que­re Art und Wei­se auf die nächs­ten Gene­ra­tio­nen übertragen.

Die Nachfolge­generationen sind auch heu­te noch mit der sprach­lo­sen Wei­ter­ga­be eines schuld­be­las­te­ten Erbes konfrontiert.

Dies gilt für den Wes­ten, aber noch stär­ker für den Osten Deutsch­lands: Unter dem dün­nen Fir­nis des staat­lich ver­ord­ne­ten Anti­fa­schis­mus wur­den in den Fami­li­en noch stär­ker als im Wes­ten Ein­stel­lungs­mus­ter tra­diert und kon­ser­viert, die naht­los an die Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus anknüpften.

So, so. Alles was bei Ihnen (den Autor*innen, sol­cher Arti­kel) schei­ße ist, ist im Osten noch schei­ßer. In jedem Arti­kel. Immer. Seit über drei­ßig Jah­ren. Neu­lich ja auch in dem Bei­trag von Garet Jos­wig.

Sehr geehr­ter Herr Pro­fes­sor, lie­ber Kol­le­ge, wo ist Ihre Evi­denz? Ich bin auch Wis­sen­schaft­ler. Wenn ich so arbei­ten wür­de, wür­den mich alle Wissenschaftler*innen in mei­nem Fach­ge­biet aus­la­chen! Könn­te ich da bit­te mal irgend­wel­che empi­ri­sche For­schung sehen? Woher wis­sen Sie das denn? Und dann noch ver­glei­chend Ost-West? Waren Sie jemals in der DDR? Wie groß war die Stich­pro­be? Nach der Wen­de? Befragungen?

Aber hey, wie wäre es denn, wenn Sie (Plu­ral für all die­je­ni­gen, die völ­lig evi­denz­frei Kli­schees ver­brei­ten) mal die Juden frag­tet, die in der DDR gelebt haben? Jan Fed­der­sen war in der Aus­stel­lung zu Juden in der DDR im jüdi­schen Muse­um und bedau­er­te, dort nichts dar­über gefun­den zu haben, wie es wirk­lich war. Näm­lich total anti­se­mi­tisch (sie­he Blog-Post Aus­stel­lung: „Ein ande­res Land. Jüdisch in der DDR.“). Wenn er rich­tig gele­sen hät­te, hät­te er gemerkt, dass es die­sen Anti­se­mi­tis­mus, so wie er ihn sich vor­stellt, in der DDR nicht gege­ben hat. Aber er weiß ja, dass es ihn gege­ben hat. Evi­denz ist dann auch irgend­wie egal.

Lesen Sie doch mal das Buch Der Schnee von ges­tern ist die Sint­flut von heu­te: Die Ein­heit – eine Abrech­nung von Danie­la Dahn, einer Jüdin. Dar­in geht es auch um Anti­se­mi­tis­mus, u.a. über Fried­hö­fe und was da wie pas­siert ist und den Ver­gleich mit dem Wes­ten, wo Neo­na­zis jüdi­sche Grä­ber in die Luft gesprengt haben. Und gehen Sie in die Aus­stel­lung im jüdi­schen Muse­um, falls die noch läuft.

Bei einer Dis­kus­si­on Ihres Bei­trags auf Mast­o­don hat sich dann auch erge­ben, dass es nicht nur so ist, dass Sie kei­ne Evi­denz für Ihre Anwür­fe haben, son­dern dass es sogar so ist, dass es Evi­denz für das Gegen­teil Ihrer Behaup­tung gibt. Inter­es­san­ter­wei­se wird die­se eben­falls von Danie­la Dahn vorgebracht.

Wie SepiaFan, von dem auch das Bild sei­nes Bücher­re­gals mit­ge­schickt wur­de, ange­merkt hat, zitiert Danie­la Dahn in West­wärts und nicht ver­ges­sen eine Emnid-Umfra­ge von 1991 zum The­ma Anti­se­mi­tis­mus und die­se kommt zu dem Ergeb­nis, dass es in den alten Bun­des­län­dern bei 16% der Befrag­ten aus­ge­präg­te anti­se­mi­ti­sche Hal­tun­gen gab, in den neu­en Bun­des­län­dern bei 4% (S. 58). Wenn man rechts­extre­me und anti­se­mi­ti­sche Ein­stel­lun­gen auf die DDR-Ver­gan­gen­heit zurück­füh­ren will, braucht man wohl Daten aus die­ser Zeit, da man bei spä­te­ren Umfra­gen immer auch Ein­flüs­se der trau­ma­ti­schen Nach-Wen­de-Zeit bekommt.

Danie­la Dahn hat übri­gens auch ein gan­zes Kapi­tel zum „ver­ord­ne­ten Anti­fa­schis­mus“. Sehr inter­es­san­te Über­le­gun­gen. Ich möch­te das Kapi­tel jedem, der über den Osten und Faschis­mus schreibt, sehr ans Herz legen. Oder an den Kopf.

Bei der Lek­tü­re die­ses Kapi­tels ist mir klar gewor­den, dass Danie­la Dahn mei­nen Kampf schon in den 90ern geführt hat (sie­he auch Zitat am Ende des Blog-Posts). Sie konn­te damals bei Rowohlt Bücher ver­öf­fent­li­chen. Mir war der Osten damals noch halb­wegs egal. Jeden­falls soweit egal, dass ich mein Wis­sen nicht sys­te­ma­ti­siert und auf­ge­schrie­ben habe. Das habe ich dann erst mit die­sem Blog begon­nen. Und dann wird einem klar, wie schlimm es in West­deutsch­land war, wie lan­ge die Men­schen nichts wuss­ten oder Din­ge, die sie wuss­ten ver­drängt haben. Ich erin­ne­re nur ein­mal mehr an die Skan­da­le um die Wehr­machts­aus­stel­lung: Nein, Opi war OK. Der war zwar in der Wehr­macht, aber die haben nur lieb ande­re Sol­da­ten erschos­sen. So wie Rom­mel halt, nach dem noch heu­te Bun­des­wehr­ka­ser­nen benannt sind. Im Osten wuss­ten wir dage­gen von Babyn Jar und der­glei­chen. Hier, damit die Anwür­fe nicht immer nur von mir kom­men, ein paar Punk­te von Wolf­gang Pomrehn aus der Mast­o­don-Dis­kus­si­on:

Als Wes­si über­fällt mich bei der­lei Lek­tü­re immer Fremd­schä­men.
Als lin­ker Wes­si älte­ren Jahr­gangs möch­te ich mal ein paar aus der Hüf­te geschos­se­ne Fak­ten erwähnen:

  • Bun­des­wehr, Geheim­diens­te und Poli­zei wur­den von alten Nazis aufgebaut.
  • Auf eini­gen Lehr­stüh­len saßen an den Unis bis an den 1980ern alte Nazis, die sich kon­kret an Ver­bre­chen betei­ligt hatten.
  • Deser­teu­re gal­ten noch vie­le Jahr­zehn­te als nach Recht und Gesetz ermordet.
  • Sin­ti wur­den nach 45 wei­ter dis­kri­mi­niert, alte Nazi­ak­ten über sie weitergeführt.
  • Nach 1990 wur­den Ren­ten an alte Faschis­ten v.a. im Bal­ti­kum gezahlt, die in der SS waren und sich höchst­wahr­schein­lich an aller­lei Ver­bre­chen betei­ligt hatten.

Wer über „ver­ord­ne­ten Anti­fa­schis­mus“ in der DDR schwa­dro­niert, will von all dem ablen­ken, oder ist zu blöd zu sehen, dass er eben dies tut.
Das sage ich im Übri­gen als jemand, der nie ein Freund der DDR-Regie­rung gewe­sen ist.

Ein paar Anmer­kun­gen zu den Punk­ten: Es gibt in mei­ner Ver­wandt­schaft einen Ange­hö­ri­gen der Wehr­macht, der in Nor­we­gen Zivi­lis­ten erschie­ßen soll­te. Er hat sich gewei­gert und wur­de selbst erschos­sen. Der west­li­che Teil der Fami­lie hat dar­über nie gespro­chen, weil sie sich geschämt haben.

Ich habe die Goer­de­ler-Toch­ter Mari­an­ne Mey­er-Krah­mer ken­nen gelernt. Sie hat dar­über berich­tet, wie ihr Anfang im Wes­ten nach der Ent­las­sung aus dem KZ war. Wie sie als Leh­re­rin gear­bei­tet hat und wie die nor­ma­le Bevöl­ke­rung auf sie reagiert hat. Die­sen Text hat sie uns gege­ben: Mein lan­ger Weg zur Stun­de Null.

Irgend­wann in den 90ern waren wir in Mann­heim. Wir durf­ten bei der Nach­ba­rin der­je­ni­gen woh­nen, die wir besucht hat­ten, weil die Nach­ba­rin ver­reist war. Eine Leh­re­rin. An der Wand hing ein Bild ihres Vaters. In SS-Uni­form. Mit Toten­kopf an der Müt­ze. Die Woh­nung war ansons­ten piko-bel­lo auf­ge­räumt. Wenn man irgend­wie der Mei­nung wäre, dass ein SS-Vater etwas Schlim­mes ist, dann hät­te man den doch wenigs­tens vor­über­ge­hend in die Schub­la­de gepackt. Aber es wahr wohl normal.

In einem Fern­seh­bei­trag von 1959 vom Hes­si­schen Rund­funk, immer­hin 14 Jah­re nach dem Krieg, kann man sehen, was west-deut­sche Schü­ler auf Volks­schu­len von Hit­ler denken. 

Aus­schnitt aus der Sen­dung „Blick auf unse­re Jugend“, Teil 1: „Hit­ler und Ulb­richt? Fehl­an­zei­ge“ (1959)

Das ist wohl der direk­te Reflex der jewei­li­gen Eltern­häu­ser, unver­dor­ben von irgend­ei­ner Art Geschichts­un­ter­richt: „Hit­ler hat für das deut­sche Volk viel getan, war nur dann schlecht, dass er wahn­sin­nig gewor­den ist.“

Die­se klei­nen Geschich­ten zei­gen Bei­spie­le dafür, wie es im Wes­ten war. Mei­ne beschränk­te Wahr­neh­mung, aber es ist schön, dass die­se mit den Wahr­neh­mun­gen von Men­schen aus dem Wes­ten übereinstimmt.

Also, Herr Pro­fes­sor, lesen Sie die Bücher von Danie­la Dahn und arbei­ten Sie sorgfältiger. 

Und lie­be taz, behan­delt die Ossis so, wie Ihr ande­re Min­der­hei­ten oder benach­tei­lig­te Grup­pen behan­delt: que­e­re Men­schen, Frau­en, Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund. Schreibt nicht ein­fach irgend­wel­chen Mist über sie und lasst das auch bei Gastautor*innen nicht zu. Danke! 

Ich ende hier mit einem wei­te­ren Zitat aus Danie­la Dahns Buch von 1997 (vor 28 Jah­ren geschrieben):

So viel Rich­tig­stel­lung ist also nötig, um einen ein­zi­gen Zei­tungs­satz zu wider­le­gen. Viel­leicht ver­steht man, daß die Ost­ler zu sol­chem Kraft­akt auf die Dau­er kei­ne Lust haben und oft nur abwin­ken: Ihr wer­det es nie verstehen!

Dahn, Danie­la. 1997. West­wärts und nicht ver­ges­sen: Vom Unbe­ha­gen in der Ein­heit S. 68

Seit 2013 gibt es West­ler, die zuhö­ren und die so tun, als wür­den sie etwas ver­ste­hen, als wären sie eine Alter­na­ti­ve, und das ist ein ernst­haf­tes Problem.

Quellen

Dahn, Danie­la. 1997. West­wärts und nicht ver­ges­sen: Vom Unbe­ha­gen in der Ein­heit (Rororo Sach­buch 60341). Ham­burg: Rowohlt Verlag.

Dahn, Danie­la. 2019. Der Schnee von ges­tern ist die Sint­flut von heu­te: Die Ein­heit – eine Abrech­nung. Ham­burg: Rowohlt Ver­lag. (https://www.rosalux.de/publikation/id/41078/holocaust-in-der-ddr-angeblich-verschwiegen)

Ren­ten­skan­dal: Jüdi­sche Opfer kämp­fen um Aner­ken­nung, SS-Leu­te kas­sie­ren ab. 2014. Kon­tras­te. ARD. (https://www.rbb-online.de/kontraste/ueber_den_tag_hinaus/diktaturen/rentenskandal–juedische-opfer-kaempfen-um-anerkennung–ss-leute.html)

Das wis­sen Schü­ler aus dem Jah­re 1959 über Hit­ler und den Natio­nal­so­zia­lis­mus. (https://www.youtube.com/watch?v=7znbxsRjt5k)

Mitglied und Mitklit

Ich gen­de­re ja selbst (sie­he Gen­dern, arbei­ten und der Osten), aber gewis­se Din­ge brin­ge ich ein­fach nicht über das Herz bzw. den Ver­stand. Eins davon ist Beam­tin. Das Nomen Beam­ter ist spe­zi­ell. Es ist eines der weni­gen Nomi­na mit adjek­ti­vi­scher Fle­xi­on: Beam­ter, Gesand­ter, Ver­wand­ter. Adjek­ti­ve pas­sen sich in ihrer Form an die Eigen­schaf­ten des Nomens an:

(1) a. ein grüner Ball
    b. eine grüne Pflanze

Genau­so ist das bei den Nomi­na mit adjek­ti­vi­scher Flexion:

(2) a. ein Beamter
    b. eine Beamte

Das heißt, unse­re lie­be Gram­ma­tik sieht schon eine femi­ni­ne Form für Beam­ter vor. Dum­mer­wei­se gibt es Syn­kre­tis­mus in den For­men, die man braucht, wenn man den defi­ni­ten Arti­kel verwendet:

(3) a. der Beamte
    b. die Beamte

Aber da ist ja das Genus auch durch die Form des Arti­kel vor­ge­ge­ben. Also: Beam­tin, no way!

Edit: Man lernt nie aus. Durch die Dis­kus­si­on auf Mast­o­don habe ich gelernt, dass Beam­tin die nor­ma­le Form ist und zwar schon 1946 belegt. Es ist also kei­ne Form, die sich aus dem Gen­dern und der femi­nis­ti­schen Lin­gu­is­tik erge­ben hat. Mir war Beam­tin 2009 zum ers­ten Mal aufgefallen.

Das ande­re sind die Mitglieder*Innen. Hier wer­den Ver­bre­chen ohne Not began­gen. Es ist das Mit­glied, das heißt, hier liegt ein Neu­trum vor. Der Mit­glied und die Mit­glie­din gibt es im Sin­gu­lar nicht und auch gegen­der­te Plu­ral­for­men sind Unsinn.

Ich foto­gra­fie­re ja seit 2019 die Kli­ma­be­we­gung und war auch beim Grün­dungs­par­tei­tag der Ber­li­ner Kli­ma­lis­te dabei. Ich bin als Foto­graf strikt neu­tral, nie an irgend­wel­chen Dis­kus­sio­nen oder Aktio­nen betei­ligt. Doku­men­tie­re nur. Aber bei die­sem Par­tei­tag habe ich mich dann doch ein­ge­mischt und habe die Kli­ma­lis­te davor bewahrt, das Wort Mitglieder:innen in ihrem Par­tei­pro­gramm zu haben.

Grün­dungs­par­tei­tag radikal:klima, jetzt Kli­ma­lis­te Ber­lin: Vor­stand­mit­glied vor Pro­gramm­ent­wurf, Else, Ber­lin, 09.08.2020

Das Par­tei­pro­gramm mit mei­ner Ände­rung wur­de dann fröh­lich angenommen.

Grün­dungs­par­tei­tag radikal:klima: Abstim­mung, In der Else, Ber­lin, 09.08.2020

In der taz habe ich heu­te gelernt, dass es Men­schen gibt, die statt Mit­glied Mit­klit sagen. Lie­be Frau*innen, ich muss Euch sagen, Ihr seid hier etwas zu sehr penis­fi­xiert. Im Guten oder im Schlech­ten. Schaut man im DWDS bei Mit­glied nach, kommt man auch zu Glied. Und Glied ≠ Pul­ler, auch wenn die­se Bedeu­tung wich­tig ist und bei man­cher oder man­chem zuerst aufblinkert.

  • beweg­li­cher, durch ein Gelenk mit dem Rumpf ver­bun­de­ner Kör­per­teil des Men­schen, der Tiere
  • ein­zel­ner, unab­hän­gig beweg­ba­rer Teil eines Körperteiles
  • einer von vie­len inein­an­der­grei­fen­den Rin­gen, die eine Ket­te bilden 
    • [bild­lich] …
    • [über­tra­gen] Ange­hö­ri­ger, Mitglied
  • Rei­he von zwei oder mehr Per­so­nen in einer in meh­re­ren Rei­hen hin­ter­ein­an­der auf­ge­stell­ten For­ma­ti­on (von Personen) 
    • ⟨in Reih und Glied⟩ 
  • Gene­ra­ti­on, Geschlechterfolge
  • männ­li­ches Geschlechts­teil, Penis

Also: Wenn wir Mit­glied bei der Kli­ma­lis­te wer­den, sind wir einer von vie­len inein­an­der­grei­fen­den Rin­gen und bil­den eine Ket­te. Wie schön! Das hat erst mal noch gar nichts mit Sex zu tun!

Als letz­te Bemer­kung: Mir ist schon klar, dass ich hier letzt­end­lich das­sel­be mache, wie vie­le mei­ner Mega­stars (sie­he Das lei­di­ge The­ma: Gen­dern, und aus­führ­li­cher hier: Das Thea­ter mit dem Gen­dern). Meist sehr alte Linguist*innen ver­su­chen uns zu erklä­ren, dass Gen­dern doof ist und aus den Grün­den X und Y sys­tem­wid­rig und nicht in die deut­sche Gram­ma­tik inte­grier­bar. Mei­ne Ant­wort dar­auf war, dass das natür­lich Unfug ist, denn die Men­schen gen­dern ein­fach, auch wenn es aus gram­ma­ti­scher Sicht ja das gene­ri­sche Mas­ku­li­num usw. gibt. Als deskrip­ti­ve Linguist*innen ist es unse­re Auf­ga­be, den Ist­zu­stand zu beschrei­ben und nicht irgend­wem vor­zu­schrei­ben, was er oder sie oder es zu tun oder zu las­sen hat. Das habe ich so von eben­die­sen Super­stars gelernt. Wenn es nun nur dar­um geht, irgend­wie Stol­per­fal­len in der Spra­che aus­zu­le­gen und zu ner­ven, dann ist natür­lich auch die Ver­wen­dung von Beam­tin und Mit­klit völ­lig legi­tim. Lus­ti­ger­wei­se kann auch Mit­klit nicht von Merz und Baden-Würt­tem­ber­gern ver­bo­ten wer­den, denn es ist völ­lig ortho­gra­fie-kon­form. Es stellt sich natür­lich aber auch die Fra­ge, was mit denen pas­siert, die weder Mit­klit noch Mit­glied sind. Die sind hier wohl in die Rit­ze gefallen. 

Quellen

Neu­kirch, Ralf. 2013. Gleich­be­rech­ti­gung: Sein Name ist Sie. Spie­gel 25/92. (https://www.spiegel.de/politik/sein-name-ist-sie-a-decd60d4-0002–0001-0000–000092536984)

„Deutschland den Deutschen! Ausländer raus!“ Eine Erfindung bepisster Ost-Nazis?

Wenn Ihr wis­sen wollt, was vie­le Ossis auf­regt, dann lest die­sen Bei­trag in der taz: Den Radi­ka­li­sie­rungs­mo­tor stop­pen. Gareth Jos­wig schreibt über Nazis von der Jun­gen Alter­na­ti­ve in Bayern:

Wie radi­kal die Jun­ge Alter­na­ti­ve ist, haben vor­letz­te Sams­tag­nacht wie­der eini­ge ihrer Mit­glie­der beim Fei­ern nach einem Par­tei­tag im mit­tel­frän­ki­schen Gre­ding in Bay­ern zur Schau gestellt. Eine Grup­pe von bis zu 30 Per­so­nen gröl­te tan­zend in einer Dis­ko­thek den stump­fen Neo­na­zi-Slo­gan: „Deutsch­land den Deut­schen! Aus­län­der raus!“

Soweit so gut, aber dann geht es weiter:

– also exakt jene Paro­le, die Neo­na­zis 1993 bei den Pogro­men von Ros­tock-Lich­ten­ha­gen rie­fen, wäh­rend sie Brand­sät­ze auf ein Wohn­heim für viet­na­me­si­sche Ver­trags­ar­bei­ter warfen.

Was soll das? Lich­ten­ha­gen hat in dem gan­zen Arti­kel nichts zu suchen. Was Gareth Jos­wig hier macht, viel­leicht unbe­wusst, ist zu sagen: Ach gucke, die Bay­ern sind Nazis, aber die Ossis sind noch viel schlim­mer. Obwohl das aktu­ell für den Arti­kel nicht der Punkt ist. Sol­ches Ossi-Bas­hing kommt immer wie­der zur Selbst­ent­las­tung und ist so was wie What­a­bou­tism oder auch die­se Huf­ei­sen-Geschich­te: Immer wenn jemand auf die Rech­ten schimpft, wird auch gleich mal kräf­tig auf die Lin­ken geschimpft. 

Inhalt­lich ist es gro­ber Unfug, den Ossis die­sen Spruch anhef­ten zu wol­len. Wenn man mal bei Goog­le-Books nach­guckt, wie die­se Phra­sen ver­wen­det wer­den, dann fin­det man … Überraschung.

Die Phra­se „Aus­län­der raus“ gab es ab 1973 in Buch-Publi­ka­tio­nen. (Neben­be­mer­kung: Den Ossis wird immer erklärt, dass es im Osten Faschis­mus und Ras­sis­mus gäbe, weil es dort kein 1968 gege­ben habe. Des­halb ist es natür­lich inter­es­sant zu sehen, dass die Aus­län­der­feind­lich­keit erst nach 1968 auftrat.) 

Am häu­figs­ten war die Phra­se um 1992.

Die Aus­schrei­tun­gen in Ros­tock-Lich­ten­ha­gen fan­den im August 1992 statt. Da Bücher eine gewis­se Vor­lauf­zeit haben, bis sie in den Druck und den Han­del gehen, dürf­te der Höhe­punkt der Ver­wen­dung ein bis zwei Jah­re vor den Aus­schrei­tun­gen gele­gen haben. Das heißt der Spruch geht nicht auf die pöbeln­den bepiss­ten Ost-Nazis aus Lich­ten­ha­gen zurück, son­dern war schon vor­her weit ver­brei­tet. Man kann sich die Stel­len in den Publi­ka­tio­nen auch anse­hen, indem man unten auf die Jah­res­zah­len klickt. Man fin­det dann Publi­ka­tio­nen, die sich mit Aus­län­der­hass beschäf­ti­gen.

„Gast­ar­bei­ter raus!“ in Arbeit und Arbeits­recht von 1976.

Hier ein Aus­schnitt aus einem 1984 erschie­nen Buch:

Aus­schnitt aus „Tür­ken raus? oder Ver­tei­digt den sozia­len Frie­den:
Bei­trä­ge gegen die Aus­län­der­feind­lich­keit von 1984 im Rowohlt-Ver­lag erschie­nen. Es geht auch um Gewalt gegen Ausländer*innen.

Die Paro­le wird Anfang der 80er in vie­len Publi­ka­tio­nen im Zusam­men­hang mit der NPD diskutiert.

Wir kön­nen uns noch mal den Stand zur Wen­de angucken. 

1982 gab es ein Hoch, das dann aber 1989 noch über­trof­fen wur­de. Ein Drit­tel des Höchst­wer­tes von 1992 war 1989 bereits erreicht. Und es dürf­te klar sein, dass die ent­spre­chen­den Publi­ka­tio­nen nicht in der DDR erschie­nen sind. In der DDR gab es auch eini­ge Nazis (viel, viel weni­ger und anders als im Wes­ten nicht in lei­ten­den Funk­tio­nen), aber die­se hat­ten kei­nen Zugriff auf Dru­cke­rei­en. Es konn­te nur gedruckt wer­den, was vom Staat geneh­migt wur­de. Es gab nicht genug Papier und eben auch nur staat­li­che Dru­cke­rei­en. Umwelt­grup­pen haben in klei­nen Auf­la­gen Unter­grund­blät­ter pro­du­ziert (sie­he Umwelt-Biblio­thek in Ber­lin). Von Nazis ist mir nichts der­glei­chen bekannt und die ent­spre­chen­den Druckerzeug­nis­se dürf­ten es auch nicht zu Goog­le Books geschafft haben. Wenn es die Phra­se in Ost-Büchern gege­ben haben soll­te, dann wohl höchs­tens als Reflex der Vor­gän­ge und Ent­wick­lun­gen im Wes­ten. Offi­zi­ell war Völ­ker­ver­stän­di­gung und Völ­ker­freund­schaft die Linie im Osten.

Das heißt, von der Phra­se „Aus­län­der raus!“ die irgend­wel­che besof­fe­nen Jung-Nazis in Bay­ern grö­len, einen Schwenk nach Lich­ten­ha­gen zu machen, ist ten­den­zi­ös und faktenfrei.

Bit­te gebt Euch mehr Mühe, taz! Es ist wichtig.

Correctiv und die Nazi-Vorstellungen bzgl. Remigration

In dem Bei­trag Geheim­plan gegen Deutsch­land berich­tet Cor­rec­tiv über ein Geheim­tref­fen von Nazis und Fir­men­in­ha­bern zum The­ma Remi­gra­ti­on. Es geht um die Depor­ta­ti­on von 20 Mil­lio­nen Deut­schen. Deut­sche mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund und auch Anders­den­ken­den. Ich habe mir, wie immer (sie­he Der Ossi ist nicht demo­kra­tie­fä­hig? Merkt Ihr’s noch?) , den Spaß gemacht, nach­zu­schau­en, wo die Akteu­re herkommen.

Cor­rec­tiv gibt fol­gen­de Über­sicht über die beim Geheim­tref­fen anwe­sen­den Personen:

AfD

  • Roland Hart­wig (geb. Ber­lin, 1973 Abitur in Heil­bronn), rech­te Hand der Par­tei­che­fin Ali­ce Weidel
  • Ger­rit Huy (Braun­schweig), Bundestagsabgeordnete
  • Ulrich Sieg­mund (Havel­berg, Sach­sen-Anhalt), Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der Sachsen-Anhalt
  • Tim Krau­se (Fran­ken), stellv. Vor­sit­zen­der im Kreis Potsdam

Der Mörig-Clan

  • Ger­not Mörig, ein Zahn­arzt im Ruhe­stand aus Düsseldorf
  • Arne Fried­rich Mörig, Sohn von Ger­not Mörig
  • Astrid Mörig, Frau von Ger­not Mörig

Neonazis

  • Mar­tin Sell­ner, ein rechts­extre­mer Akti­vist aus Österreich
  • Mario Mül­ler (Bre­men), ein ver­ur­teil­ter Gewalt­tä­ter (mehr)
  • Ein jun­ger „Iden­ti­tä­rer“

Gastgeber

Die Zeit schreibt über Huss:

Man­che ihrer Über­zeu­gun­gen habe Mat­hil­da Huss aber nicht ein­mal in die­sen Vide­os geteilt, sag­ten meh­re­re Zeu­gen ZEIT ONLINE. So soll Huss ver­gan­ge­nes Jahr im klei­nen Kreis behaup­tet haben, dass sich die indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on nega­tiv auf den Men­schen aus­ge­wirkt habe. Durch die stark gesun­ke­ne Kin­der­sterb­lich­keit wür­den seit­her zu vie­le schwa­che Kin­der über­le­ben, was den Gen­pool der Mensch­heit belaste.

Zeit über Huss

Mat­hil­da Huss und Dr. Wil­helm Wil­der­ink sind ein paar und in der Fami­lie gibt es „das eine oder ande­re Schlöß­chen“. Das ist bei Ossis eher nicht der Fall, wor­aus man wohl schlie­ßen kann, dass sie auch aus dem Wes­ten ist.

Die Wis­sen­schaft­le­rin Mat­hil­da Huss und ihr Ehe­mann, der Jurist Wil­helm Wil­der­ink, sind die neu­en Besit­zer der Vil­la Adlon. Sie haben das Haus, das Lou­is Adlon 1925 für sich und sei­ne zwei­te Frau Hed­da am Lehnitz­see bau­en ließ, im März 2011 gekauft und wol­len es so detail­ge­treu wie mög­lich rekon­stru­ie­ren. „Wir haben ein Fai­ble für geschichts­träch­ti­ge Gemäu­er“, sagt Mat­hil­da Huss. „Mein Mann ist in einer alten Klos­ter­an­la­ge auf­ge­wach­sen. In mei­ner Fami­lie gibt es das eine oder ande­re Schlöss­chen – wir sind mit dem The­ma groß gewor­den und wis­sen, dass es eine Her­aus­for­de­rung ist, in alter Bau­sub­stanz so zu leben, dass es funktioniert.“

Nadi­ne Fabi­an, Mär­ki­sche All­ge­mei­ne, 08.01.2013: Stuck statt Rau­fa­ser: Die Restau­rie­rung der Vil­la Adlon in Potsdam

Umfeld-Organisationen

  • Simo­ne Baum (Engels­kir­chen, Nord­rhein-West­fa­len), Wer­te­uni­on NRW, Vorstand
  • Michae­la Schnei­der (Mors­bach, Nord­rhein-West­fa­len), Wer­te­uni­on NRW, stell­ver­tre­ten­der Vorstand
  • Sil­ke Schrö­der (Her­kunft unklar), Ver­ein Deut­sche Spra­che, Vorstand
  • Ulrich Vos­ger­au (Pin­ne­berg, Schles­wig-Hol­stein), ehem. Kura­to­ri­ums­mit­glied der Desi­de­ri­us Eras­mus Stif­tung, CDU-Mitglied

Sonstige

Nachträge

In diver­sen spä­te­ren Publi­ka­tio­nen wer­den noch fol­gen­de Per­so­nen genannt:

  • Hans-Ulrich Kopp (Stutt­gart, Funk­tio­när in rechts­extre­men Orga­ni­sa­tio­nen, rech­ter Publi­zist, Ver­le­ger von rechts­extre­mer Lite­ra­tur und Wer­ken von Papst Bene­dikt und Bau­un­ter­neh­mer, Arti­kel taz, 26.01.2024)

Im Text wird Chris­ti­an Gold­schagg (Mün­chen) wird als mög­li­cher Geld­spen­der erwähnt.

Schlussfolgerung

Von den 22 genann­ten Per­so­nen (ohne Per­so­nal) sind 17 aus dem Westen/Österreich und einer aus dem Osten. Bei zwei­en sind die Anga­ben unge­nau, so dass man die Her­kunft nicht ermit­teln kann. Bei zwei­en ist die Her­kunft noch unklar, aber es sind wahr­schein­lich auch Wes­sis (Immo­bi­li­en­mak­le­rin).

Die Telefonzentrale der Römisch-katholischen Dampfbäder der Humboldt-Universität ist nicht mehr besetzt

Man sagt, Feh­ler zu bege­hen, sei nicht dumm. Nur den­sel­ben Feh­ler zum zwei­ten Mal zu bege­hen sei dumm. Ich habe den­sel­ben Feh­ler bzw. die­sel­be Art Feh­ler zwei­mal began­gen. Ich habe etwas nicht gelernt, von dem ich davon aus­ge­gan­gen bin, dass ich es nicht brau­chen wür­de. Im Leben, nicht in der Prüfung.

Die ers­te Prü­fung war die Fahr­prü­fung. Ich konn­te die Fahr­erlaub­nis für LKW machen, obwohl (mir) klar war, dass ich nie im Leben LKW fah­ren wür­de. Es gibt Ver­kehrs­schil­der, die nur für LKW rele­vant sind. Ich habe sie ein­fach igno­riert. Lei­der waren die­se dann in der Fahr­prü­fung relevant.

Ein ähn­lich gela­ger­ter Fall war die Prü­fung in Ana­ly­sis. Prof. Bank hat mit uns den Satz von der impli­zi­ten Funk­ti­on bespro­chen. Der Beweis ging über 1 1/2 Vor­le­sun­gen von je 90 Minu­ten. Ste­fan dach­te sich: Ein Beweis von 135 Minu­ten kann in einer Prü­fung mit 30 Minu­ten Län­ge unmög­lich dran­kom­men. Die Prü­fun­gen waren so auf­ge­baut, dass man zuerst in einem Neben­raum Auf­ga­ben lösen muss­te und dann gab es eine münd­li­che Prü­fung. Ich bekam ein paar Dif­fe­ren­ti­al­glei­chun­gen und Inte­gra­le zu lösen und das war alles kein Pro­blem. In der münd­li­chen Prü­fung war die Fra­ge: „Nen­nen Sie den Satz von der impli­zi­ten Funk­ti­on mit all sei­nen Vor­aus­set­zun­gen und skiz­zie­ren sie den Beweis!“ Da ich dar­auf über­haupt nicht vor­be­rei­tet war, kann­te ich die neun Vor­aus­set­zun­gen nicht und da ein Beweis nur funk­tio­niert, wenn alle Vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind, konn­te ich somit auch den Beweis nicht ver­stan­den haben. Das war das Ende der Prüfung.

Prof. Bank irgend­wann spä­ter, Bild von Fami­lie, danke!

Beim Nach­prü­fungs­ter­min frag­te mich Prof. Bank, ob ich zum Auf­wär­men wie­der Auf­ga­ben haben wol­le. Ich bejah­te, da ich Dif­fe­ren­ti­al­glei­chun­gen und Inte­gra­le wirk­lich sehr gut lösen konn­te. Ich hat­te mich schließ­lich gut vor­be­rei­tet. Die Auf­ga­be war: „Geben Sie den Satz von der impli­zi­ten Funk­ti­on mit all sei­nen Vor­aus­set­zun­gen an.“ Ich habe acht von neun Vor­aus­set­zun­gen zusam­men­be­kom­men. Wir haben uns dann noch ein biss­chen über ande­re Berei­che der Ana­ly­sis unter­hal­ten und Prof. Bank mein­te dann: „Na, gut! Ich gebe Ihnen die Vier. Ich will sie hier nie mehr sehen.“ Ich moch­te ihn.

Den zwei­ten Teil der Ana­ly­sis­vor­le­sung hat­ten wir dann bei Prof. März. Die Prü­fung bei ihr lief sehr gut. In der DDR gab es ein Stu­di­en­buch, in das die Leh­ren­den die Ergeb­nis­se ein­tru­gen. Beim Ein­tra­gen sah sie das Ergeb­nis der ers­ten Prü­fung und mein­te: „Huch, was haben Sie denn hier gemacht?“ Ich war sehr froh, dass sie nicht vor der Prü­fung ins Heft­chen geschaut hat­te. Das hät­te even­tu­ell das Ergeb­nis verfälscht.

In der Wen­de­zeit hat­te ich Pro­ble­me mit mei­nen Dozent*innen. Ich konn­te es ein­fach nicht ver­ste­hen, dass sie ein­fach wei­ter ihre Mathe­ma­tik betrie­ben, ohne ein ein­zi­ges Wort zu dem Cha­os zu sagen, dass uns umgab. Die Mathe­ma­tik war clean, sau­ber. Sie funk­tio­nier­te nach 89 genau­so wie vor­her. Ich fand das ent­setz­lich. Ste­ril. Tot. Ich habe mir dann etwas gesucht, das auch kom­plex ist, aber krumm und schief: Spra­che. Das Ergeb­nis stän­di­ger Ver­hand­lun­gen, Aus­ba­lan­cie­run­gen von Sprecher*innen (oder Spre­chern, wie wir damals sag­ten). Der ein­zi­ge Mensch, der etwas sag­te, der ein­zi­ge Mensch, der anders war, der kei­ne Angst hat­te, war Bernd Bank. Er hat­te einen schwar­zen Man­tel an und einen roten Stern an der Müt­ze. Er war Trotz­kist. Ich moch­te ihn.

Ich habe das Stu­di­um in vier Jah­ren inklu­si­ve Aus­lands­jahr been­det. Über diver­se Umwe­ge bin ich 2016 wie­der an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät gelan­det. Als exter­nes Mit­glied war ich in einer Beru­fungs­kom­mis­si­on in den Erzie­hungs­wis­sen­schaf­ten und bin dort mit jeman­dem zusam­men­ge­kom­men, der mit Bernd Bank im Prä­si­di­um zusam­men­ge­ar­bei­tet hat. Bank war nach der Wen­de Vize­prä­si­dent. Mei­ne Bekann­te hat mir erzählt, dass Bank sich mit­un­ter mit „Römisch-katho­li­sche Dampf­bä­der der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät“ am Tele­fon gemel­det hat. Ich mag die­se Geschichte. 

Bernd Bank ist vor eini­gen Tagen gestor­ben. Die Tele­fon­zen­tra­le der Römisch-katho­li­schen Dampf­bä­der der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät ist jetzt nicht mehr besetzt.

Nachtrag

Beim Nach­den­ken über den Post ist mir klar gewor­den, dass ich den­sel­ben Feh­ler sogar drei­mal gemacht habe. Ich bin für die Wie­der­ho­lungs­prü­fung wahr­schein­lich davon aus­ge­gan­gen, dass der Satz über die impli­zi­te Funk­ti­on nicht mehr dran­kommt, weil der ja schon dran war. Ent­we­der hat­te Bank gedacht, dass ich den­ken könn­te, dass das The­ma jetzt durch ist, oder er fand den Satz so wich­tig, dass er noch mal fra­gen woll­te. Im ers­ten Fall wäre das so eine Art Prü­fungs­schach und er hät­te gewon­nen. Ich mag ihn deswegen.

Übri­gens ist es vie­len Hertz-Schü­lern so gegan­gen, dass sie im ers­ten Stu­di­en­jahr durch die Prü­fun­gen gefal­len sind. Wir hat­ten den Stoff des ers­ten Stu­di­en­jahrs schon in der Schu­le und weil wir alles schon kann­ten, haben wir die Prü­fun­gen unterschätzt.

Wissen, Unwissen, Ignoranz und Arroganz

Ich habe das her­vor­ra­gen­de Buch von Lutz Sei­ler Stern 111 gele­sen. Es han­delt von einem jun­gen Mann aus Gera, der nach Ber­lin auf­bricht, nach­dem sei­ne Eltern am Tag der Mau­er­öff­nung in den Wes­ten gegan­gen sind. Das Schick­sal sei­ner Eltern in Auf­nah­me­la­gern und bei ers­ten Jobs wird beschrie­ben. Fol­gen­den Aus­schnitt habe ich mir mar­kiert und auch auf Mast­o­don gepostet:

Ohne Zwei­fel gab es Kurs­teil­neh­mer, die über UNIX ein paar Din­ge fra­gen konn­ten, die Wal­ter Bisch­off nicht wuss­te. Sie lie­ßen es ihn spü­ren, sie ver­such­ten, es ihm zu bewei­sen. „Das Wich­tigs­te wird sein, dass nie­mand erfährt, woher du kommst, eigent­lich“ — das hat­te Kara­jan gesagt, Chef­trai­ner von CTZ. Kara­jan hat­te Wal­ter gezeigt, wie das Kurs­ma­te­ri­al beschaf­fen sein soll­te, wel­che Tech­nik ihn vor Ort erwar­ten und wie sie gehand­habt wer­den muss­te. Das Auf­wen­digs­te waren die Foli­en für den Over­head-Pro­jek­tor. Jeder Kurs war eine Foli­en­wüs­te. „Ein Ost­ler, ver­stehst du, Wal­ter — vie­le ertrü­gen das nicht, bei 1000 Mark Kurs­ge­bühr pro Tag“, hat­te Kara­jan gesagt. 

Lutz Sei­ler, 2020: Stern 111, Suhrkamp

Die­se Abwer­tung und Arro­ganz. Sowohl durch den Chef der Aus­bil­dungs­fir­ma als auch durch die Aus­zu­bil­den­den. Ich selbst habe die­se Abwer­tung nie erfah­ren, aber die Mehr­heit der Ost­deut­schen wohl schon. Vie­le West­deut­sche wun­dern sich, war­um die Din­ge so lau­fen, wie sie jetzt lau­fen, aber sie ver­ste­hen immer noch nichts.

Bei der Dis­kus­si­on auf Mast­o­don hat mich jemand auf einen Pod­cast hin­ge­wie­sen, in dem Andre­as Baum und Andi Arbeit über Stern 111 spre­chen. Andi Arbeit äußert dann irgend­wann folgendes:

Und ich glaub, bei so Aka­de­mi­ker­el­tern stellt sich dann ja auch raus, dass der Vater – wie man sich kaum vor­stel­len kann – irgend­wel­che Pro­gram­mier­spra­chen kann, mit denen er dann bis in LA irgend­wel­che wil­den Soft­ware-Pro­gram­me irgend­wie ent­wirft und wo man sich auch fragt: Mein Gott, woher konn­te der das? In Jena oder irgend­wo in irgend ner Uni hat er dann C+ oder C++, ich weiß auch nicht genau, wie die heißt, alles Mög­li­che gelernt, was ihn dazu befä­higt hat, über­haupt die­ses Leben zu führen. 

Andi Arbeit 2020: Mein Freund der Baum — das Bücher­ra­dio mit Andre­as Baum & Andi Arbeit 24:13

Hät­te ich nicht beim Abwa­schen gestan­den, wäre ich wohl vom Stuhl gefal­len. Über drei­ßig Jah­re spä­ter kommt da die­sel­be Arro­ganz zum Vor­schein, die es auch 1989 gab und die im Buch beschrie­ben ist. Und Andi Arbeit hat es wahr­schein­lich nicht ein­mal selbst bemerkt. Mein Gott, woher konn­te der das? Als Ossi! C+ oder C++ oder wie das heißt. Das kann man sich ja kaum vor­stel­len, dass irgend­ei­ner von die­sem nichts­nut­zi­gen Pack zu irgend­was gut war.

Mal schnell noch zwi­schen­durch, bevor wir zum eigent­li­che Inhalt hier kom­men. In der Syn­tax von C und auch ande­ren Pro­gram­mier­spra­chen gibt es eine Nach­fol­ger­funk­ti­on. Man kann also statt c = c + 1; auch c = c++; oder ein­fach gleich c++; schrei­ben. Damit wird der Wert der Varia­ble c um eins erhöht. Die Pro­gram­mier­spra­che C++ ist der Nach­fol­ger von C. Eine Weiterentwicklung.

Also: Also! Los.

Karl Marx und ich

Über Karl Marx haben wir in der Schu­le gelernt, dass er acht Spra­chen konn­te. Ich habe mich als jun­ger Mann dar­über gefreut, dass ich mehr Spra­chen als Marx beherrsch­te. Die meis­ten davon waren aller­dings Com­pu­ter­spra­chen. Ich konn­te BASIC, Pas­cal (Tur­bo Pas­cal), C, C++, ReDa­Bas (Ost-Kopie von DBASE) und forth. Außer­dem konn­te ich Z80 Assem­bler pro­gram­mie­ren. Ich kann­te mich mit CP/M und Unix aus und hat­te mit pro­gram­mier­ba­ren Taschen­rech­nern von Texas Instru­ments (Umge­kehr­te Pol­ni­sche Nota­ti­on, yes), Home-Com­pu­tern (ZX81, C20, C64, C128, Z9001, KC 85/2) und an rus­si­schen Pro­zess­rech­nern wie der SM‑4 (Nach­bau der PDP-11 von DEC) gear­bei­tet. Alles noch vor dem Stu­di­um. Wie war es mir nur gelun­gen, die­ses Wis­sen zu erwer­ben? Als Ossi????

Homecomputer und Computerclubs

In den 80er Jah­ren kamen die ers­ten Home­com­pu­ter auf. Der ZX80 kos­te­te 100£ und das Nach­fol­ge­mo­dell, der ZX81, fand auch sei­nen Weg nach Ost­deutsch­land. Lie­be West­ver­wand­te brach­ten einen mit, man­che Arbeits­grup­pen hat­ten sol­che West­ge­rä­te. Spä­ter fand der C64 auch in ost­deut­schen Kin­der­zim­mern wei­te Ver­brei­tung. Mit mei­nem Freund Peer bekam ich einen Feri­en­job bei einem Wis­sen­schaft­ler in einer Lun­gen­kli­nik in Buch. Er hat­te zwei C64 und auch das Vor­gän­ger­mo­dell Com­mo­do­re VC20. Unser Job war es, Pro­gram­me aus der Zeit­schrift 64er ein­zu­ge­ben. Die­se Maschi­nen­sprach­e­pro­gram­me waren dort in Hexa­de­zi­mal­code abge­druckt. End­lo­se Zei­chen­ko­lon­nen. Wozu die Lun­gen­kli­nik Com­pu­ter­spie­le brauch­te, war uns nicht ganz klar, aber wir durf­ten die Pro­gram­me dann auch selbst haben und beka­men noch Geld. Die­se Pro­gram­me bil­de­ten den Grund­stock eines Tausch­im­pe­ri­ums für Com­pu­ter­spie­le, die dann im Haus der Jun­gen Talen­te in grö­ße­ren Tausch­krei­sen noch ver­mehrt wur­den (Don’t ask about copy­rights. War halt ne Mau­er dazwi­schen.). Der Punkt ist: Es gab West-Com­pu­ter, es gab West-Zeit­schrif­ten, die bis zur abso­lu­ten Mate­ri­al­er­mü­dung gele­sen und wei­ter­ge­ge­ben wur­den. Es gab auch Com­pu­ter-Bücher von Data-Becker zum Bei­spiel, die von hilfs­be­rei­ten Omas oder Opas über die Gren­ze gebracht wur­den. Es gab Com­pu­ter­clubs und es gab Ver­an­stal­tun­gen für Schüler*innen, bei denen man auch pro­gram­mie­ren ler­nen konn­te. Die­se Heim­com­pu­ter hat­ten meist einen BASIC-Inter­pre­ter dabei, so dass alle BASIC ler­nen konnten.

Nach­trag 22.07.2024: Peer hat Sta­si-Unter­la­gen zur Com­pu­ter­sze­ne in der DDR gefun­den. Die­se bestä­ti­gen sehr schön, was ich hier geschrie­ben habe und geben auch Zah­len zum Umfang der Sze­nen. Die Sta­si spricht von zehn­tau­sen­den Computerbesitzern.

Sta­si-Doku­ment spricht von zehn­tau­sen­den Com­pu­ter­be­sit­zern und lis­tet die Typen auf.

Universitäten und Forschungseinrichtungen

Mei­ne Mut­ter hat Astro­phy­sik stu­diert, mein Vater Phy­sik. Im Rah­men des Astro­phy­sik­stu­di­ums wur­den die Student*innen auf dem Zeiss-Rechen­au­to­mat 1 (ZRA1) aus­ge­bil­det. Mein Vater hat, obwohl das eigent­lich nur für die Astrophysiker*innen Pflicht war, auch in die­ser Ver­an­stal­tung pro­gram­mie­ren gelernt. Das war 1964/1965. Wäh­rend der Müt­ter­kur nach mei­ner Geburt 1968 lern­te mei­ne Mut­ter COBOL. Sie war nicht ganz sicher, wel­che Pro­gram­mier­spra­che sie brau­chen wür­de. Es stell­te sich her­aus, dass das die fal­sche Spra­che gewe­sen war und sie For­tran brauch­te, aber auch das war dann kein Pro­blem. Über 20 Jah­re spä­ter, nach der Wen­de, wur­de mei­ne Mut­ter ent­las­sen. Sie arbei­te­te dann in der Wei­ter­bil­dung für Frau­en und brach­te ihnen Pro­gram­mie­ren bei. In COBOL. Mei­ne Eltern arbei­te­ten bei­de an der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten in der Mole­ku­lar­bio­lo­gie an einem Groß­rech­ner, der BESM‑6. Noch wäh­rend der DDR-Zeit lern­te mei­ne Mut­ter auch BASIC und C. Mei­ne Eltern hat­ten in der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten Zugriff auf die Fach­zeit­schrif­ten aus dem Wes­ten. Mein Vater hat zu hau­se mit einem pro­gram­mier­ba­ren Taschen­rech­ner von Texas Instru­ments gear­bei­tet, den sein Schwie­ger­va­ter aus dem Wes­ten mit­ge­bracht hat­te. Pro­gram­me wur­den auf Magnet­kar­ten gespei­chert. Mein Vater konn­te MOPS (Maschi­nen­ori­en­tier­te Pro­gram­mier­spra­che für den Robo­tron 300), alle For­tran-Vari­an­ten und Algol 60.

Mei­ne Mut­ter hat mich auch schon als Schü­ler zu Kol­le­gen mit­ge­nom­men, die Com­pu­ter zusam­men gebaut haben. Ich erin­ne­re mich an Büros mit offe­nen Com­pu­tern, wo ich die Pla­ti­nen sehen konn­te. Die Laufwerke. 

Ich hat­te das Glück, auf die Spe­zi­al­schu­le mit mathe­ma­tisch-natur­wis­sen­schaft­li­cher Aus­rich­tung Hein­rich-Hertz gehen zu kön­nen. Dort hat­ten wir zu Beginn (1982) eben­falls pro­gram­mier­ba­re Taschen­rech­ner von Texas Instru­ments. Spä­ter kamen Z9001 dazu, die ers­ten Heim­com­pu­ter der DDR. Die Hein­rich-Hertz-Schu­le ist sogar im Wiki­pe­dia-Artiekl über den Z9001 erwähnt. Unser Com­pu­ter­ka­bi­nett wur­de mit Com­pu­tern aus den ers­ten 100 Stück aus­ge­stat­tet. Mit die­sen Rech­nern hat­ten wir spe­zi­el­len Infor­ma­tik­un­ter­richt, den es an ande­ren Schu­len nicht gab. Wir lern­ten Grund­la­gen wie bestimm­te Algo­rith­men und Pro­gramm­ab­lauf­plä­ne. Mit Peer bekam ich eine Ein­zel­be­treu­ung im Rechen­zen­trum der Hum­boldt-Uni. Wir konn­ten direkt am Haupt­com­pu­ter der HU arbei­ten, was die Student*innen zu der Zeit nicht durf­ten. Sie muss­ten Loch­kar­ten stan­zen und die­se dann zum Rech­nen abge­ben. In der elf­ten und zwölf­ten Klas­se gab es ein Unter­richts­fach Wis­sen­schaft­lich-prak­ti­sche Arbeit. Die Hertz-Schu­le hat­te Ver­trä­ge mit dem Zen­tral­in­sti­tut für Kyber­ne­tik und Infor­ma­ti­ons­pro­zes­se der DDR (ZKI). Peer, ich und ein Jun­ge aus der Nach­bar­klas­se konn­ten in der UNIX-Arbeits­grup­pe arbei­ten. Sie arbei­ten an MUTOS. Das war eine UNIX-Vari­an­te, die ihren Weg über Öster­reich-Ungarn in den Ost­block gefun­den hat­te. Embar­go­tech­nik, aber für Geld … Im ZKI habe ich C gelernt. Der Wis­sen­schaft­ler, der es mir bei­gebracht hat, mein­te zu BASIC: „Wer BASIC gelernt hat, ist ver­saut für’s Leben!“ Ich habe dann die Arbeit am ZKI der Arbeit im Rechen­zen­trum der HU vor­ge­zo­gen, denn die Rech­ner im ZKI waren bes­ser. Der theo­re­ti­sche Teil in der HU war aber toll. In der HU wur­de auch das fol­gen­de Doku­ment ausgedruckt:

Aus­druck von Ker­nig­han & Rit­chie, das in Karl-Marx-Stadt ein­ge­ge­ben wor­den war auf einem Par­al­lel­dru­cker der Humboldt-Universität.

Das war eine Ver­si­on des Stan­dard-Buches über C von Ker­nig­han & Rit­chie aus dem Jah­re 1978. Es wur­de für mich auf einem Par­al­lel­dru­cker aus­ge­druckt. Der Dru­cker hat­te Typen­rä­der und es wur­de je eine Zei­le gedruckt. Lei­der waren die Typen­rä­der nicht gut syn­chro­ni­siert. Das wur­de aber durch das Ruckeln der Stra­ßen­bah­nen ausgeglichen.

Im ZKI konn­ten Peer und ich die Biblio­thek benut­zen und hat­ten dar­über Zugriff auf Com­pu­ter und Wis­sen­schafts­zeit­schrif­ten (mc – Die Mikro­com­pu­ter-Zeit­schrift, c’t, Chip, Bild der Wis­sen­schaft). Die aktu­el­len Aus­ga­ben waren oft aus­ge­lie­hen, aber wir lasen auch alte Aus­ga­ben gern. Peer sorg­te auch dafür, dass wir an die Fach­zeit­schrif­ten in der Ber­li­ner Stadt­bi­blio­thek dran­ka­men: Nach einem Brief­wech­sel inklu­si­ve Leser­brief an die Ber­li­ner Zei­tung hat­ten wir irgend­wann ein Gespräch mit dem Direk­tor der Biblio­thek. Ich habe dort als Schü­ler auch Bücher über die Grund­la­gen der Hard­ware von Com­pu­tern gele­sen. Die­se Bücher waren ganz nor­mal für alle auch ohne Son­der­ge­neh­mi­gung ausleihbar.

Bestä­ti­gung des Rechen­zen­trums der HU, das die Schü­ler, die dort arbei­te­ten, Zugang zu West-Lite­ra­tur benö­tig­ten. 02.04.1985

Bei der Armee konn­te ich dann letzt­lich auch mit Com­pu­tern arbei­ten. Ich habe mit Reda­bas (ein geklau­tes Ost­block-DBASE) und dann mit Tur­bo-Pas­cal gear­bei­tet. Um in die Com­pu­ter­grup­pe rein­zu­kom­men (lief wohl irgend­wie über die ZKI-Con­nec­tion, die Kon­tak­te nach Straus­berg hat­ten, wo auch MUTOS ver­wen­det wur­de), muss­te ich nach­wei­sen, dass ich das ent­spre­chen­de Wis­sen hat­te. Ich arbei­te nach Dienst an einem Pro­gramm für den KC85/2 in Assem­bler. Die KC85/2 hat­ten einen U880-Pro­zes­sor. Das war die Ost-Vari­an­te des Z80.

Zusam­men­fas­sung: Es gab im Osten Com­pu­ter. Die lie­fen mit den­sel­ben Pro­gram­mier­spra­chen wie im Wes­ten. Wir hat­ten Zugriff auf die West-Lite­ra­tur. Mit­un­ter lief die Lite­ra­tur­be­schaf­fung etwas hol­pe­rig, aber man kam dran. Mit­un­ter waren die Aus­dru­cke etwas hol­pe­rig, aber man kam zurecht. Wissenschaftler*innen aus ganz ver­schie­de­nen Dis­zi­pli­nen haben mit Com­pu­tern gear­bei­tet. Allein in mei­ner Fami­lie war es Phy­sik, Astro­phy­sik, Mole­ku­lar­bio­lo­gie, Kris­tal­lo­gra­fie. Das Mili­tär hat­te Com­pu­ter. Nach der Wen­de arbei­tet ich als Stu­den­ti­sche Hilfs­kraft bei der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten der DDR, Abtei­lung für Com­pu­ter­lin­gu­is­tik von Prof. Jür­gen Kun­ze. Die Arbeits­grup­pe gab es – soweit ich weiß – seit den 70er Jah­ren. Sie hat­ten Com­pu­ter und haben die­se pro­gram­miert. Überraschung. 

Infor­ma­tik als eige­nes Fach gab es erst rela­tiv spät. Es gab ab 1987 an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin einen Stu­di­en­gang für Mathe­ma­ti­sche Infor­ma­tik. Das war das kom­plet­te Mathe­stu­di­um plus zusätz­li­che Infor­ma­tik­kur­se. In die­sem Stu­di­en­gang habe ich 1989 ange­fan­gen zu stu­die­ren. In Dres­den gab es noch tech­ni­sche Infor­ma­tik. Dort ging es mehr um die Hard­ware von Computern. 

In Frankfurt/Oder gab es ein Halb­lei­ter­werk, das den Osten ver­sorgt hat. Es brach zusam­men, am Tag der Wäh­rungs­uni­on, weil der Ost­block kei­ne West-Wäh­rung bezah­len konn­te. In Sach­sen gab es eben­falls Halb­lei­ter-Indus­trie. Die NZZ schreibt zur Zeit nach der Wende:

In den 1990er Jah­ren habe man des­halb die rich­ti­gen Fach­kräf­te gefun­den, und die Uni­ver­si­tä­ten sei­en dar­auf aus­ge­rich­tet gewe­sen, die­se Fach­kräf­te auszubilden.

Hölt­schi, 2022: Von der DDR-Ver­gan­gen­heit zur Bewah­rung euro­päi­scher Sou­ve­rä­ni­tät: der Halb­lei­ter-Clus­ter Sili­con Sax­o­ny, Neue Züri­cher Zeitung.

Das heißt, es gab qua­li­fi­zier­tes Per­so­nal und es gab Uni­ver­si­tä­ten, die die Men­schen aus­ge­bil­det haben.

Nach­trag 22.07.2024: In den schon erwähn­ten Sta­si-Unter­la­gen wer­den auch Besit­zer pri­va­ter Com­pu­ter erwähnt, die einen beruf­li­chen EDV-Hin­ter­grund haben.

Das sind nur die Per­so­nen, die zusätz­lich zu ihrer Arbeit mit Com­pu­tern auch pri­vat über einen Com­pu­ter ver­füg­ten. Obwohl mei­ne Eltern bei­de mit Rech­nern arbei­te­ten, hat­ten sie bis auf einen pro­gram­mier­ba­ren Taschen­rech­ner kei­ne pri­va­ten Com­pu­ter. Das heißt, die Zahl der Per­so­nen mit EDV-Beru­fen war größer.

Schulbildung

Die Schul­bil­dung war im natur­wis­sen­schaft­li­chen Bereich bes­ser als die im Wes­ten. Sagt man. Mein Sohn hat­te einen guten Mathe­leh­rer, der auch schon zu Ost­zei­ten Leh­rer war. Er hat zur Vor­be­rei­tung auf die MSA-Prü­fung die Schüler*innen Auf­ga­ben für die Prü­fung nach der 10. Klas­se in der DDR rech­nen las­sen. Mein Sohn mein­te, dass die viel, viel schwie­ri­ger waren als die aktu­el­len Aufgaben.

Im Eini­gungs­ver­trag wur­den alle Ost-Abitur-Abschlüs­se um eine Note her­un­ter­ge­stuft. Ich stel­le mir gera­de vor, wie der West-Ver­hand­lungs­füh­rer, des­sen Name ich ver­ges­sen habe, mit dem Ost-Ver­hand­lungs­füh­rer, des­sen Name ich ver­ges­sen habe, gespro­chen hat: „Also, Herr X, Sie müs­sen schon ein­se­hen, dass die Ossis alle ein biss­chen döo­fer als die Wes­sis sind.“ „Ja, ehm, hm, Herr Y, da haben sie schon Recht. Wäre es ok, wenn wir die Abitur­no­ten aller Ossis um eine hal­be Note nach unten kor­ri­gie­ren?“ „Nein, die sind noch viel döo­fer. Also das muss min­des­tens eine gan­ze Note sein.“ „Ok.“ (Mis­ter X zu sich sel­ber: „Sag ich doch, die sind doof.“)

Aber jetzt mal Spaß bei­sei­te. Die empi­ri­sche Grund­la­ge die­ses Beschlus­ses wür­de mich schon inter­es­sie­ren. Wie wur­den die Ver­gleichs­stich­pro­ben bestimmt? So?

Miss Ost­deutsch­lands im Bil­dungs­test 2004, 15 Jah­re nach der Wen­de, d.h. mit guter West-Bildung

Aber das kann es nicht gewe­sen sein, denn die­se Form der Besten­er­mitt­lung fand erst statt, als der Eini­gungs­ver­trag unter Dach und Fach war.

Das Ergeb­nis war jeden­falls, dass alle Ossis schon mal schlech­te­re Chan­cen hat­ten, wenn sie sich mit West­lern mes­sen muss­ten. Und das muss­ten vie­le. Mil­lio­nen haben nach der Wen­de das Land (den Osten) ver­las­sen, denn sie wur­den dort arbeits­los, weil ihre Betrie­be geschlos­sen wur­den oder sie ein­fach aus den Uni­ver­si­tä­ten und den For­schungs­ein­rich­tun­gen raus­ge­wor­fen wur­den. („Von den 218.000 Wis­sen­schaft­lern der ehe­ma­li­gen DDR ver­lor die Hälf­te ihre Stel­le. Bei den Pro­fes­so­ren waren es nach Zah­len der bri­ti­schen Zeit­schrift Natu­re sogar zwei Drit­tel.“ Peter André Alt, Ber­li­ner Zei­tung, 06.11.2019)

Es gab übri­gens zwei Schu­len im Osten, deren Abitur nicht abge­wer­tet wur­de. Eine davon war mei­ne. Ich bin also nicht betrof­fen. Ich bin also kein Jam­mer-Ossi. Bis 2013 war mir das gan­ze Ost-The­ma Wum­pe. Die DDR war nichts meins, ich habe ihr nicht nach­ge­weint. Ich bin Pro­fes­sor, mir geht es gut. Bis 2019 habe ich auch nichts gesagt. Jetzt spre­che ich für ande­re. Ich hof­fe, irgend­wer ver­steht das und irgend­wem nützt das.

Nach­trag 08.01.2024. Es gab Nach­fra­gen bezüg­lich der Her­ab­stu­fung der Abitur­no­ten. Im Eini­gungs­ver­trag war das nicht gere­gelt, aber ich habe zwei Arti­kel zu dem The­ma gefun­den. Einen im Spie­gel (Drü­ben war es leich­ter) und einen in der taz (Zwei Bun­des­län­der erken­nen DDR-Abitur nicht an). Noch zum Hin­ter­grund: In der DDR konn­ten pro Klas­se zwei bis drei Schüler*innen Abitur machen, wobei die Klas­sen­stär­ke um die 30 lag.

In unse­ren Klas­sen erhiel­ten von knapp drei­ßig Kin­dern gera­de mal zwei bis drei eine Emp­feh­lung für die Erwei­ter­te Ober­schu­le, so dass Leh­rer gut dar­an taten, früh­zei­tig zu signa­li­sie­ren, wen sie dafür im Auge hatten.

Mau, Stef­fen, 2019, Lüt­ten Klein: Leben in der ost­deut­schen Trans­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft, Ber­lin: Suhr­kamp Ver­lag S. 55.

In mei­ner Klas­se waren 31 Schüler*innen. Die Stu­di­en­platz­ver­ga­be erfolg­te nach volks­wirt­schaft­li­chem Bedarf. Wenn man einen Stu­di­en­platz bekom­men hat, hat­te man dann auch die Arbeits­stel­le sicher. Das war ganz anders, als das im Wes­ten ist, wo es hun­der­te Student*innen im Bereich Lite­ra­tur­wis­sen­schaft und habi­li­tier­te Taxifahrer*innen gibt.

Zusammenfassung

Lie­be Wes­sis, wir wuss­ten alles über Euch. Wir fan­den Euch inter­es­sant. Euer Leben haben wir im Fern­se­hen gese­hen und das der Amis. Wir haben Eure Bücher gele­sen. Die Roma­ne und die Fach­bü­cher. Das war noch viel span­nen­der, wenn sie schwer zu bekom­men waren. Wir wuss­ten alles über Euch, aber Ihr nichts über uns. Und das ist zum Teil lei­der auch über 30 Jah­re nach dem Anschluss der DDR immer noch so. Shame on you. Also jeden­falls on ein paar von Euch. On tho­se, who immer noch sol­chen Müll in Zei­tun­gen schrei­ben, in Pod­casts sagen oder sonst wie ver­brei­ten. Wun­dert Euch nicht, wenn das kei­ner mehr will bzw. immer noch kei­ner will.

Und noch etwas: Redet über uns, als wären wir dabei. Das reicht viel­leicht schon. Wobei, Andre­as Baum ist ja aus dem Osten und Andi Arbeit hat den­noch so gesagt, was sie gesagt hat.

Immer­hin haben ja alle bis zum Ende gele­sen. =:-) Stay tun­ed, bis zum nächs­ten Rant.

Nachgedanken

Mir fal­len immer noch nach­träg­lich Din­ge ein. Zum The­ma „doo­fe Ossis“ noch drei Punk­te: 1) Prof. Dr. Man­fred Bier­wisch war der ers­te Deut­sche, der im Rah­men von Chom­skys Trans­for­ma­ti­ons­gram­ma­tik gear­bei­tet hat. Und zwar ab 1959, lan­ge, lan­ge vor dem Wes­ten. Jahr­zehn­te. Bier­wisch hat 1963 die ers­te Trans­for­ma­ti­ons­ana­ly­se des Deut­schen vor­ge­stellt. Es gibt ein tol­les Gespräch mit Bier­wisch über die gesam­te DDR-Zeit und dar­über, wie die Ent­wick­lung der Arbeits­grup­pen ver­lief. Vie­le bekann­te West­ler haben die Grup­pe im Osten besucht (Prof. Dr. Die­ter Wun­der­lich war einer davon. In Wiki­pe­dia steht auch, dass Wun­der­lich über Bier­wisch zur Gene­ra­ti­ven Gram­ma­tik kam.)

2) Die soge­nann­te Aka­de­mie-Gram­ma­tik von 1981 Grund­zü­ge einer deut­schen Gram­ma­tik hat Stan­dards gesetzt. Die Duden-Gram­ma­tik aus die­ser Zeit war … nun ja. Ab 2005 ist sie sehr gut.

3) Rena­te Schmidt, eine gute Bekann­te, hat an der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten an Wör­ter­bü­chern gear­bei­tet. Nach der Wen­de wur­de die Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten der DDR abge­wi­ckelt. 22 Ossis wur­den vom Insti­tut für Deut­sche Spra­che in Mann­heim über­nom­men. Rena­tes Chef Hel­mut Schu­ma­cher begrüß­te die Neu­en und ver­sprach ihr, ihr das Erstel­len von Wör­ter­bü­chern bei­zu­brin­gen. Sie hat­te aber schon an fünf Wör­ter­bü­chern mit­ge­ar­bei­tet. Zum Wör­ter­buch der deut­schen Gegen­warts­spra­che steht in Wikipedia:

Das Wör­ter­buch der deut­schen Gegen­warts­spra­che (WDG) wur­de in Ber­lin an der Deut­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten (ab Okto­ber 1972: Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten der DDR) zwi­schen 1952 und 1977 unter der Lei­tung von Ruth Klap­pen­bach und Wolf­gang Stei­nitz erar­bei­tet. Das Wör­ter­buch erschien in 6 Bän­den und wur­de bis zum Ende der DDR band­wei­se ver­setzt nach­ge­druckt. Das WDG umfasst über 4.500 Sei­ten und ent­hält knapp 100.000 Stich­wör­ter. In Kon­zep­ti­on und Quel­len­aus­wahl war es sei­ner Zeit weit vor­aus und wur­de daher auch als Vor­bild vie­ler Wör­ter­buch­pro­jek­te her­an­ge­zo­gen, so etwa vom Gro­ßen Wör­ter­buch der deut­schen Spra­che des Duden­ver­lags (1976–1981).

Im Wes­ten wur­de das Werk zu DDR-Zei­ten kaum rezen­siert oder gar in sei­ner Bedeu­tung erkannt und gewürdigt. 

Wiki­pe­dia zum Wör­ter­buch der Deut­schen Gegen­warts­spra­che, 08.01.2024

Rena­te Schmidt arbei­te­te unter Hel­mut Schu­ma­chers „Lei­tung“ am Valen­z­wör­ter­buch: VALBU. Valen­z­wör­ter­buch deut­scher Ver­ben. Schu­ma­chers Bei­trag am gesam­ten Wör­ter­buch waren vier Arti­kel von ins­ge­samt 638. Sei­ne Arti­kel waren von schlech­ter Qua­li­tät. Rena­te Schmidt kor­ri­gier­te die­se Arti­kel und leg­te sie ihm wie­der hin. Er über­nahm die revi­dier­ten Fas­sun­gen ohne irgend­wel­che Ände­run­gen und ohne irgend­ei­nen Kom­men­tar. Wort­los. Rena­te hat noch als Rent­ne­rin das gan­ze Wör­ter­buch durch­ge­se­hen und alle Arti­kel kor­ri­giert. Als Erst­au­tor wird Schu­ma­cher geführt (Wer als Erst­au­tor genannt wird, ist in der Wis­sen­schaft wich­tig, weil die Lite­ra­tur­ver­zeich­nis­se nach Erst­au­toren sor­tiert sind.) Schuh­ma­cher war dann wegen schwe­rer Depres­sio­nen sechs Mona­te krank geschrie­ben. Er sag­te, Rena­te Schmidt habe ihn in die Depres­si­on getrie­ben. Tja, ist eben doof, wenn man nichts bei­trägt und das Weni­ge, was von einem kommt, dann auch noch falsch ist. Viel­leicht noch zum Hin­ter­grund: Rena­te ist die liebs­te Per­son der Welt, nie­mand, der Stress macht oder so. Das kön­nen sicher alle ehe­ma­li­gen Kolleg*innen bestä­ti­gen. Ein Kol­le­ge, der frü­her am IDS arbei­te­te und jetzt eine Pro­fes­sur anders­wo hat, hat mir mal gesagt, dass sich die Arbeits­at­mo­sphä­re am IDS durch die Ossis wesent­lich ver­bes­sert hat. Die Ossis gin­gen sogar mit Sekre­tä­rin­nen essen, was die Wes­sis nie im Leben gemacht hät­ten, obwohl sie 68er-Revo­luz­zer waren. Also alles sehr umgäng­li­che Men­schen, kein Grund für schlech­te Lau­ne. Schu­ma­chers Depres­si­on ist also wahr­schein­lich wirk­lich auf die Ein­sicht in die eige­ne Inkom­pe­tenz zurückzuführen. 

Auf der ers­ten Jah­res­ta­gung des IDS nach der Wen­de hat Prof. Dr. Hart­mut Schmidt, Rena­te Schmidts Mann, einen Vor­trag gehal­ten (Bei­trag im Jahr­buch). Danach kam ein Kol­le­ge aus dem Wes­ten zu ihr und lob­te den Vor­trag. Sie frag­te sich, wie­so er dazu zur Frau des Vor­tra­gen­den gekom­men war (Tja, doch etwas ande­re Rol­len­bil­der damals. Im Wes­ten.) und ant­wor­te­te: „Wir haben vie­le an unse­rem Insti­tut, die sol­che Vor­trä­ge hal­ten kön­nen.“. Das Gegen­über wuss­te nicht mehr wei­ter und das Gespräch war beendet.

Quellen

Alt, Peter André. 2019. Wen­de an Uni­ver­si­tä­ten und Biblio­the­ken: Vie­le DDR-Wis­sen­schaft­ler ver­lo­ren ihre Stel­le. Ber­li­ner Zei­tung. (https://www.berliner-zeitung.de/zukunft-technologie/wende-an-universitaeten-und-bibliotheken-viele-ddr-wissenschaftler-verloren-ihre-stelle-li.69910)

Fetsch, Wil­fried. Infor­ma­ti­on der Zen­tra­len Arbeits­grup­pe Geheim­nis­schutz zur pri­va­ten Nut­zung von Com­pu­tern. Bun­des­ar­chi­v/Sta­si-Unter­la­gen-Archiv. (https://www.stasi-mediathek.de/medien/information-der-zentralen-arbeitsgruppe-geheimnisschutz-zur-privaten-nutzung-von-computern/blatt/84/)

Hölt­schi, René. 2022. Von der DDR-Ver­gan­gen­heit zur Bewah­rung euro­päi­scher Sou­ve­rä­ni­tät: der Halb­lei­ter-Clus­ter Sili­con Sax­o­ny. Neue Züri­cher Zei­tung. Zürich. (https://www.nzz.ch/wirtschaft/silicon-saxony-halbleiter-oekosystem-mit-ddr-erbe-in-sachsen-ld.1693996)

Spie­gel. 1990. Drü­ben war es leich­ter. Der Spie­gel 13/1990. (https://www.spiegel.de/politik/drueben-war-es-leichter-a-548dc5bf-0002–0001-0000–000013499353)

taz. 1990. Zwei Bun­des­län­der erken­nen DDR-Abitur nicht an. taz 24.03.1990. (https://taz.de/Zwei-Bundeslaender-erkennen-DDR-Abitur-nicht-an/!1775240/)

Laut und leise

Mir ist etwas klar geworden.

Bei der Armee waren wir in gro­ßen Zim­mern unter­ge­bracht. Acht, zehn, zwölf Per­so­nen. Die muss­ten über Jah­re zusam­men leben. Mit­ein­an­der klar­kom­men. Es gab Radi­os. Die Laut­stär­ke muss­te aus­ge­han­delt wer­den. Manch­mal bat jemand dar­um, die Musik lei­ser zu stel­len. Da gab es einen Trick: Man dreh­te ein­fach noch lau­ter, sag­te „huch“ und dreh­te dann wie­der etwas zurück. Letzt­end­lich war es auf die­se Wei­se sogar lau­ter gewor­den, als es vor­her schon gewe­sen war.

Deut­sche Fah­nen haben mir schon immer Übel­keit berei­tet. Die Sach­sen begrüß­ten Kohl 1990 in einem Fah­nen­meer. Ich bin zusam­men­ge­zuckt, wenn die Wes­sis in den 90ern von Deutsch­land gespro­chen haben. 2006 war irgend­was mit Fuß­ball. Die Deut­schen waren froh und glück­lich. Über­all Fah­nen. Die Deut­schen waren nett zu ande­ren. Das war nur kurz. Bald dreh­te jemand wie­der lauter.

Nach der Wen­de. Asyl­be­wer­ber­hei­me brann­ten in Ost und West. Es war ent­setz­lich. Uner­träg­lich. 2015. Krieg in Syri­en. Vie­le Men­schen muss­ten flie­hen. Ange­la Mer­kel sag­te: „Wir schaf­fen das!“. Die BILD-Zei­tung war soli­da­risch mit den Flücht­lin­gen. Ich rieb mir ver­wun­dert die Augen. In der Schu­le mei­ner Kin­der sam­mel­ten die Men­schen Anzieh­sa­chen und ande­re Din­ge, die man den Flücht­lin­gen geben konn­te. Medi­ka­men­te. Men­schen nah­men die Flücht­lin­ge bei sich zu hau­se auf. Vier Jah­re spä­ter wur­de ein Poli­ti­ker erschos­sen, weil er 2015 Mensch­lich­keit gezeigt hat­te. 2023 drang die Poli­zei mit gro­ßem Krach in eine Kir­che ein und been­de­te das Kirchenasyl.

Seit den 70ern weiß man vom Treib­haus­ef­fekt. Hier und da kam etwas in den Medi­en vor. Kon­fe­ren­zen fan­den statt. Eine Umwelt­mi­nis­te­rin schrieb 1997 ein Buch, in dem alles klar gesagt wur­de. Sie wur­de spä­ter Kanz­le­rin, ver­ant­wort­lich für Pil­le­pal­le (ihre eige­nen Wor­te). 2018 sorg­te eine Schü­le­rin dafür, dass die Mensch­heit Notiz von dem Pro­blem nahm. Mil­lio­nen Men­schen gin­gen auf die Stra­ße. Es gab Hoff­nung. Bei den Wah­len 2021 gab es eine Par­tei, die bei 12% lag, eine Par­tei mit einem Clown als Kan­di­dat und die Par­tei, die den Grund zur Hoff­nung gab. Der Clown hat sich selbst ins Aus gelacht, die Par­tei der Hoff­nung wur­de mas­siv bekämpft, so dass letzt­end­lich die 12%-Partei mit dem Typ mit der Rau­te gewann. Die Pil­le­pal­le-Poli­tik wur­de fort­ge­setzt. Der Machen-Sie-sich-kei­ne-Sor­gen-Rau­te-Mann zer­stör­te ein Gesetz, das er in der Vor­gän­ger­re­gie­rung selbst mit aus­ge­ar­bei­tet hat­te. Es wur­de noch wärmer.

Das ist das Mus­ter. Es ist immer gleich. 

Es ist zu laut!

Einfach nicht mitmachen

Von mei­ner Frau wuss­te ich, dass sie in ihrer Fami­lie einen Wehr­machts­an­ge­hö­ri­gen hat­ten, der in Nor­we­gen Zivi­lis­ten erschie­ßen soll­te, den Befehl ver­wei­gert hat und selbst erschos­sen wurde.

Nun habe ich erfah­ren, dass ein Mit­glied mei­ner Fami­lie wegen Fah­nen­flucht erschos­sen wur­de. Kurz vor Kriegs­en­de war er eben­falls in Nor­we­gen nicht vom Aus­gang zurückgekehrt. 

Er war mit sei­ner nor­we­gi­schen Freun­din unter­ge­taucht. Er wur­de geschnappt und hin­ge­rich­tet. Was aus sei­ner Freun­din gewor­den ist, ist nicht bekannt. Viel­leicht haben sich die Wege mei­ner Fami­lie und der Fami­lie mei­ner Frau ja schon frü­her gekreuzt. Viel­leicht war ihrem Ver­wand­ten ja die Auf­ga­be zuge­dacht, die Freun­din mei­nes Ver­wand­ten zu ermor­den und er hat sich gewei­gert und ist selbst dafür gestorben.

Ich wüss­te gern mehr über die Umstän­de und Grün­de sei­ner Flucht, über die nor­we­gi­sche Fami­lie, die ein Kind ver­lo­ren hat.

In der Todes­nach­richt stand, dass Todes­an­zei­gen und Nach­ru­fe ver­bo­ten sind. Hier nun also sehr spät ein Nach­ruf für mei­nen Ver­wand­ten, der für sei­ne Lie­be gestor­ben ist. Er erscheint nicht in einer Zei­tung oder in einer Zeit­schrift, aber in dergleichen. 

Schlagersüßtafel und Klassenkeile

Nach dem Tod mei­nes Opas habe ich es oft bedau­ert, dass ich ihn nicht mehr zu sei­nem Leben befragt habe. Ich habe mei­ne Eltern gebe­ten, etwas aus ihren Erin­ne­run­gen auf­zu­schrei­ben, aber das wird wahr­schein­lich nichts. Ich muss sie fra­gen. Mich kann ich selbst fra­gen und ich kann auch Din­ge auf­schrei­ben. Ich habe beschlos­sen, das hier zu tun. Klei­ne Erin­ne­run­gen schaf­fen ein Bild unse­rer Ver­gan­gen­heit und ich möch­te, dass mei­ne Teil die­ses Bil­des sind, sonst schrei­ben ande­re unse­re Geschichte.

Schlagersüßtafel

Es gibt im Netz einen Ossi­la­den. Mit all dem Zeug, das ich nie mehr sehen woll­te. Es gab eine Kos­me­tik­se­rie, die hieß Action. Hm.

Schla­ger­süß­ta­fel! Konn­te man alles Mög­li­che mit machen nur nicht essen. Ich hat­te mit einem Kum­pel (C.) eine Tafel gekauft, weil wir dach­ten, dass da Bil­der von Schlagersänger*innen drin wären.1 Was für ne Ent­täu­schung. Wir haben dann Passant*innen vom Bal­kon aus damit bewor­fen. Irgend­wann kam ein Trupp Bau­ar­bei­ter. Die hat­ten offe­ne Farb­ei­mer auf einem Wagen. Die Scho­ko­la­de flog da rein. Splash. Sie fan­den es nicht gut und muss­ten gera­de noch gese­hen haben, wo die Scho­ko­la­de her­kam, obwohl wir uns urst schnell geduckt hat­ten. Sie kamen ins Haus zu uns hoch und klin­gel­ten Sturm. Ich dach­te mir, die machen ja das gan­ze Haus ver­rückt und stell­te die Klin­gel ab. Das war nicht so schlau, denn nun wuss­ten sie ja, dass sie an der rich­ti­gen Tür klin­gel­ten. Sie klopf­ten statt­des­sen. Damals waren die Woh­nungs­ein­gangs­tü­ren noch wenig wider­stands­fä­hi­ge Papp­tü­ren. Ich hat­te Angst. Auch um die Tür. Irgend­wann zogen sie ab. Wie immer haben die Nach­barn von unter uns mich an mei­ne Eltern verpetzt.

Die Siedlung

Den Klas­sen­ka­me­rad C. hab ich auch zu Hau­se besucht. Er wohn­te in einem Haus in der Sied­lung am Lin­den­ber­ger Weg und ich im Neu­bau (Es gab die „alten Neu­bau­ten“, die „Neu­bau­ten“ und die „neu­en Neu­bau­ten“. Wir wohn­ten in den „Neu­bau­ten“, die 1976 fer­tig gewor­den waren.) Die Fami­lie mei­nes Kum­pels hat­ten da noch Öfen und wir haben Wat­te ver­ko­kelt. Hat Spaß gemacht. 

Klassenkeile

Irgend­wann spä­ter gab es in unse­rer Klas­se eine Situa­ti­on, in der die Mäd­chen plötz­lich alle ein ande­res Mäd­chen B. schei­ße fan­den. Sie kam aus einer bil­dungs­fer­nen Fami­lie. Die Schul­klas­sen in mei­ner Schu­le bestan­den aus Schüler*innen, deren Eltern in der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten oder in den Kran­ken­häu­sern in Buch arbei­te­ten. In mei­ner Klas­se sind 8 von 31 Schüler*innen nach der ach­ten Klas­se abge­gan­gen. Zwei an die erwei­ter­te Ober­schu­le (Schli­e­mann und Hertz) und sechs Jun­gen in die Pro­duk­ti­on. Zu die­ser Zeit begann die nor­ma­le EOS ab der zehn­ten Klas­se. Die Schli­e­mann­schu­le war eine Spe­zi­al­schu­le mit Spra­chen­aus­rich­tung und die Hertz-Schu­le eine mit mathe­ma­tisch-natur­wis­sen­schaft­li­cher Aus­rich­tung. Die Klas­se war jeden­falls wild gemischt. Die Jungs, die die Klas­se ver­lie­ßen, waren zum Teil schon ein­mal sit­zen geblie­ben. Vie­le waren Früh­ent­wick­ler, super gut in Sport. Beim 100 Meter­lauf konn­te ich ihnen nur hinterhergucken.

An besag­tem Tag hat­te sich die gesam­te Klas­se gegen das Mäd­chen zusam­men­ge­tan. Heu­te wür­de das wohl alles unter Mob­bing lau­fen. B. soll­te Klas­sen­kei­le bekom­men. Ich habe ver­sucht zu ver­ste­hen, wie­so und war­um und habe gesagt, sie soll­ten sie mal in Ruhe las­sen. Das führ­te dazu, dass ich plötz­lich im Zen­trum des Inter­es­ses stand. Kei­ne Ahnung wie. Grup­pen­dy­na­mik halt. Ich weiß noch, dass es in der Turn­hal­le begann. Ich ging dann ein­fach los. Nach Hau­se. Die Klas­se kam mir hin­ter­her. Ich bin so ca. zehn Minu­ten gelau­fen, dann wur­de ich umstellt und eins der Mäd­chen nahm mei­nen Schul­ran­zen. Klassenkeile.

C. soll­te mich irgend­wie ver­hau­en. Wir stan­den in der Mit­te eines Krei­ses unse­rer Klas­sen­ka­me­ra­den. Ich habe ihn umfasst, sei­nen Ober­kör­per nach hin­ten gebo­gen und er fiel um. Ich nahm H. mei­ne Map­pe aus der Hand und ging nach Hau­se. Ich habe mich nicht umge­dreht. Sie sind mir nicht hin­ter­her gekom­men. Ich wüss­te gern, was sie gedacht und gesagt haben.

Zu Hau­se saß ich auf dem Sofa. Ich habe drei Stun­den lang gezit­tert. Es war kei­ne Mut­ter da und kein Vater. Wie auch, sie haben gear­bei­tet. Das war gut und nor­mal so. Ich glau­be, ich habe auch spä­ter nicht mit ihnen dar­über gesprochen.

Am nächs­ten Tag bin ich nor­mal in die Schu­le gegan­gen. Kann mich nicht erin­nern, dass die Vor­gän­ge vom Vor­tag the­ma­ti­siert wor­den wären. Auch nicht an Angst. Viel­leicht verdrängt. 

Ich habe gelernt, dass man als Ein­zel­ner auch etwas gegen eine Grup­pe aus­rich­ten kann. Dass es merk­wür­di­ge grup­pen­dy­na­mi­sche Pro­zes­se gibt.

Und eine nicht ganz erns­te Bemer­kung zum Schluss. Die Nach­ge­bo­re­nen fin­den ja, wir soll­ten jetzt mal 1968 im Osten machen und über unse­re Gewalt­er­fah­run­gen reden (Blog­post Gewalt­er­fah­run­gen und 1968 für den Osten). Das hier sind mei­ne Gewalt­er­fah­run­gen. Die­se sind natür­lich nicht gemeint. Es gab alle mög­li­chen Zwän­ge im Osten, mili­ta­ri­sier­ter Sport­un­ter­richt, Wehr­un­ter­richt, Ver­wei­ge­rung von Bil­dungs­mög­lich­kei­ten, wenn man nicht mit­ge­spielt hat usw. Nur ist das alles bekannt. Da muss man nichts aufarbeiten.

Berliner und Breschnew

Nach dem Tod mei­nes Opas habe ich es oft bedau­ert, dass ich ihn nicht mehr zu sei­nem Leben befragt habe. Ich habe mei­ne Eltern gebe­ten, etwas aus ihren Erin­ne­run­gen auf­zu­schrei­ben, aber das wird wahr­schein­lich nichts. Ich muss sie fra­gen. Mich kann ich selbst fra­gen und ich kann auch Din­ge auf­schrei­ben. Ich habe beschlos­sen, das hier zu tun. Klei­ne Erin­ne­run­gen schaf­fen ein Bild unse­rer Ver­gan­gen­heit und ich möch­te, dass mei­ne Teil die­ses Bil­des sind, sonst schrei­ben ande­re unse­re Geschichte.

Berliner

Es ist etwas Schlim­mes pas­siert! Ich woll­te gera­de beim Bäcker #Ber­li­ner kau­fen. Dazu muss man wis­sen: Wir in #Ber­lin sind gewalt­frei und kei­ne #Kan­ni­ba­len. Wir essen köst­li­che #Pfann­ku­chen und kei­ne Berliner.

Ich stand also vor der Ver­käu­fe­rin und dach­te dar­über nach, wie es denn sein kön­ne, dass ich Ber­li­ner zu die­sem Gebäck gesagt hat­te. Ich dreh­te mich um und schau­te auf die Wer­bung und frag­te sie, ob da tat­säch­lich „Ber­li­ner“ gestan­den hat­te. Aber nee, da stand „Pfann­ku­chen“.

Wer­be­pla­kat am Bäcker: Köst­li­che Pfann­ku­chen, Ber­lin 11.11.2023

Beim Raus­ge­hen hab ich’s dann ver­stan­den: Drau­ßen wur­de mit „Ber­li­ner“ und drin­nen mit „Pfann­ku­chen“ geworben.

Außen Ber­li­ner, innen Pfann­ku­chen. Wer­bung am Bäcker im Prenz­lau­er Berg, Ber­lin, 11.11.2023

Den­noch wer­de ich mir nie ver­zei­hen, dass ich das Wort „Ber­li­ner“ benutzt habe.

Ich habe von 1992–1993 in Edin­burgh stu­diert. Am Anfang, als wir noch kei­ne Woh­nung hat­ten, schlief ich in der Jugend­her­ber­ge. Bei der Anmel­dung in der Jugend­her­ber­ge mein­te der Mann an der Rezep­ti­on: „Ah, you’­re from Ber­lin. This is whe­re Ken­ne­dy said: ‘I am a donut.’“. Ich habe nicht ver­stan­den, was er woll­te. Ken­ne­dy hat­te natür­lich gesagt: „Ich bin ein Ber­li­ner!“. Das wuss­te ich.

Ken­ne­dy sagt: Ich bin ein Donut.

Aber ich habe das nicht mit Donuts zusam­men­be­kom­men, weil wir in Ber­lin zwar Ber­li­ner sind, aber kei­ne Ber­li­ner essen. Donuts ab und zu schon.

Übri­gens, lie­be Wes­sis, noch zum ers­ten Bild: Wir sind ver­rückt, aber wir sind nicht när­risch. Kar­ne­val wird hier nicht ver­stan­den und fin­det nicht statt. Wir sind das gan­ze Jahr über lustig.

Breschnew

Ges­tern vor 41 Jah­ren starb Leo­nid Bre­sch­new und heu­te vor 41 Jah­ren wur­de sein Tod bekannt. Wir woll­ten um 11:11 Par­ty machen und Pfann­ku­chen essen, aber irgend­wann um 10:00 wur­de ver­kün­det, dass Bre­sch­new gestor­ben war. Unser Phy­sik­leh­rer Herr F. hat geweint. Wir waren sau­er und etwas ver­wun­dert über Herrn Fs. Trauer.

Gewis­ser­ma­ßen als spä­te Rache ver­lin­ke ich eine Rede Bre­sch­news, die die Noto­ri­schen Refle­xe 1983 ver­tont haben. Sol­che Sachen lie­fen damals im SFB in der Sen­dung Dau­er­wel­le, die ich begeis­tert gehört und in Tei­len mit­ge­schnit­ten habe.

Noto­ri­sche Refle­xe — BREZHNEV RAP — 1983