Anne Rabe, die Prügelstrafe und Jugendwerkhöfe und die unglaubliche „tatsächliche Armut“ in der DDR

Dass ich das Buch Die Mög­lich­keit von Glück für einen Skan­dal hal­te, habe ich ja schon in diver­sen Posts hier und in einem Arti­kel in der Ber­li­ner Zei­tung kund­ge­tan (sie­he die Über­sichts­sei­te zu Anne Rabe). Anne Rabes neu­es Buch über Moral woll­te ich des­halb gar nicht lesen. Nun bin ich aber über Mast­o­don auf den Denk­an­ge­bot-Pod­cast von Katha­ri­na Nocun auf­merk­sam gewor­den, in dem sie mit Anne Rabe über Moral, den Osten und die AfD spricht. Das Inter­view hat mir recht gut gefal­len, aber es kom­men wie­der eini­ge Punk­te vor, die Anne Rabe seit eini­gen Jah­ren wie­der­holt. In leicht abge­wan­del­ter Ver­si­on. Letzt­end­lich bleibt sie bei ihren unhalt­ba­ren The­sen über Gewalt. Sie schil­dert die DDR in den dun­kels­ten Schat­tie­run­gen, die ein­fach nicht der Rea­li­tät ent­spre­chen. Ich dis­ku­tie­re im Fol­gen­den der Rei­hen­fol­ge nach eini­ge ihrer Aussagen.

Damit hier kei­ner was in den fal­schen Hals bekommt: Ich bin kein DDR-Nost­al­gi­ker. Ich woll­te die DDR, so wie sie war, nicht und will sie auch so nicht wie­der­ha­ben. Ich war im Früh­jahr 1989 auf dem Erlösa­fest, einem Punk-Kon­zert in der Erlö­ser­kir­che. Die Sta­si stand drau­ßen drum­rum. Mei­ne Schwes­ter war an der Doku­men­ta­ti­on der Fäl­schung der Kom­mu­nal­wah­len im Mai 1989 betei­ligt. Am 4.11.1989 bei der gro­ßen Demons­tra­ti­on gegen die DDR-Regie­rung bin ich im Anti­fa-Block mit­ge­lau­fen. Es gibt die­sen Blog, weil ich auf Trug­schlüs­se, Ver­zer­run­gen, Kli­schees hin­wei­sen will, die letzt­end­lich auch Schuld dar­an sind, dass wir jetzt da sind, wo wir sind. Mit 40% AfD und der Gefahr der abso­lu­ten Mehr­heit in eini­gen Bun­des­län­dern. Die in die­sem Blog dis­ku­tier­ten Falsch­dar­stel­lun­gen haben letzt­end­lich dazu bei­getra­gen, dass der Osten patho­lo­gi­siert wird und die wah­ren Ursa­chen ver­kannt oder igno­riert wurden.

Con­tent-War­nung: Im fol­gen­den Abschnitt geht es um Gewalt gegen Kin­der. Es gibt teil­wei­se expli­zi­te Schil­de­run­gen von Men­schen, die in West-Deutsch­land Gewalt erlebt haben. Man kann die­sen Abschnitt über­sprin­gen, indem man in der Glie­de­rung oben zum nächs­ten Abschnitt springt.

Gewalt gegen Kinder

Astrid Lindgrens Rede und gewaltfreie Erziehung

In der ers­ten kom­men­tie­rungs­wür­di­gen Pas­sa­ge spricht sie über eine Rede von Astrid Lind­gren, die die­se im Jahr 1972 gehal­ten hat:

Wenn man das heu­te liest, denkt man so, na ja, gut, also es ist eine sehr schö­ne, sehr berüh­ren­de Rede, aber die Pro­vo­ka­ti­on ver­steht man nicht mehr so ganz. Das liegt natür­lich dar­an, dass wir heu­te im Gegen­satz zu damals in der gesam­ten west­li­chen Welt das Recht auf gewalt­freie Erzie­hung durch­ge­setzt haben. Und aus­schlag­ge­bend war tat­säch­lich die­se Rede. Also damals gab es noch in kei­nem ein­zi­gen Land das Recht auf gewalt­freie Erzie­hung. Und nach die­ser Rede ging zuerst in Schwe­den eine Dis­kus­si­on los, eine poli­ti­sche. Da wur­de sie auch ein­ge­la­den und soll­te mit­dis­ku­tie­ren. Und ein Jahr spä­ter hat­te eben Schwe­den als ers­tes Land auf der gan­zen Welt ein Gesetz gegen Gewalt in der Erzie­hung. Und alle ande­ren west­li­chen Län­der folg­ten. Deutsch­land immer­hin 2001.

Nocun, Katha­ri­na. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ost­al­gie.

Was hier fehlt, ist der Ver­weis auf die Lage in der SBZ/DDR, in der die Prü­gel­stra­fe an Schu­len lan­ge vor der Lind­gren-Rede von 1972 abge­schafft wur­de. Näm­lich bereits 1945 von der sowje­ti­schen Mili­tär­ad­mi­nis­tra­ti­on (SMAD) als der Schul­be­trieb wie­der auf­ge­nom­men wur­de. Die ent­spre­chen­den Regeln wur­den bei Grün­dung von DDR über­nom­men (Wiki­pe­dia Kör­per­stra­fe), weil man Prü­gel­stra­fe, wie die viel zitier­ten 68er auch, für ein „Relikt inhu­ma­ner Dis­zi­pli­nie­rungs­me­tho­den des NS-Regimes“ hielt. Man beach­te auch, dass Nazi-Lehrer*innen nach dem Krieg nicht leh­ren durf­ten. Das wur­de von in Crash-Kur­sen aus­ge­bil­de­ten soge­nann­ten Neu­leh­rern über­nom­men. Ein Bruch mit der Nazi-Päd­ago­gik wur­de also, anders als im Wes­ten, radi­kal voll­zo­gen. Ich habe in Gewalt­er­fah­run­gen und 1968 für den Osten dar­über aus­führ­li­cher geschrie­ben. Im Wes­ten hat­te der Bun­des­ge­richts­hof Leh­rern noch 1957 ein „gene­rel­les Gewohn­heits­recht“ zum Prü­geln zuge­spro­chen. Erst 1973 wur­de das Prü­geln in der Schu­le ver­bo­ten, in Bay­ern gar erst 1983. Bis 1958 durf­te nur Papa prü­geln und im Zuge der Gleich­stel­lung der Frau­en durf­te das dann auch Mama. Zu den Quel­len sie­he den zitier­ten Post. Dazu kamen Miss­hand­lun­gen von über einer hal­ben Mil­li­on Kin­dern in staat­li­chen und christ­li­chen Kin­der­hei­men. Auch dafür Quel­len im Gewalt-Post und unten noch mehr.

Rabe sagt über die DDR-Schulen:

Die Auf­ga­be für die Eltern war es, die Kin­der im Sin­ne des Staa­tes zu erzie­hen zu sozia­lis­ti­schen Per­sön­lich­kei­ten. Und wenn das miss­glückt ist, aus wel­chen Grün­den auch immer und häu­fig sind ja Kin­der, die Gewalt aus­ge­setzt sind, zum Bei­spiel eben Kin­der, die dann nicht gut funk­tio­nie­ren, dann kann der Staat ein­grei­fen und zugrei­fen. Und da gibt es zahl­rei­che Geschich­ten. Da sagen natür­lich jetzt dann immer ganz vie­le, ja, aber wir haben das ja alle nicht so ernst genom­men, was der Staat da gesagt hat. Und das kann auch in ganz, ganz vie­len Fäl­len so sein. Aber dass es eben die Mög­lich­keit gibt, prägt einen erst mal.

Und in Dik­ta­tu­ren ist es eben oft will­kür­lich. Also nur weil der eine etwas nicht erfah­ren hat, heißt es nicht, dass es woan­ders nicht durch­ex­er­ziert wur­de. Wir haben eben Erzie­hungs­in­sti­tu­tio­nen wie Jugend­werk­hö­fe, bru­ta­le Arbeits­la­ger für Kin­der, all die­se Din­ge. Und da sind dann eben sol­che Geschich­ten wie Prü­gel­stra­fe in der Schu­le ist abge­schafft. Ist halt die Fra­ge, wie ent­schei­dend das ist, wenn ich gleich­zei­tig damit dro­hen kann, jeman­den in den Arbeits­knast zu ste­cken. Also die­se Gewich­tung. Und dann ist die Fra­ge, also ich ver­su­che mich dem sozu­sa­gen zu nähern aus der Sicht, was sind Din­ge, die haben wir iden­ti­fi­ziert als gute Bedin­gun­gen für Gewalt? Also was sind zum Bei­spiel Fak­to­ren, die wir heu­te ver­su­chen aus­zu­ra­die­ren oder wo wir ver­su­chen, Leu­ten zu hel­fen? Und davon herr­schen halt rela­tiv viele.

Nocun, Katha­ri­na. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ost­al­gie.

So, so. Bru­ta­le Arbeits­la­ger für Kin­der. Die Jugend­werk­hö­fe waren schreck­lich. Das ist klar. Es gibt Men­schen mit blei­ben­den Schä­den, die heu­te nicht arbei­ten kön­nen, weil sie unter post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­stö­run­gen leiden.

Ver­tre­ter von Ich bin armuts­be­trof­fen hält Rede im Kli­ma­camp von Extinc­tion Rebel­li­on. Er berich­tet von sei­nen Erfah­run­gen in einem DDR-Jugend­werk­hof. Inva­li­den­park, Ber­lin, 13.04.2023

Nur ist die Fra­ge, wer in die Spe­zi­al­hei­me kam. Die­se waren für schwer erzieh­ba­re Kin­der, wie Anne Rabe in ihrem Buch Die Mög­lich­keit von Glück auch selbst geschrie­ben hat. Bei der Bun­des­stif­tung zur Auf­ar­bei­tung der SED-Dik­ta­tur gibt es eine Über­sichts­sei­te zum The­ma Jugend­werk­hö­fe. Laut die­ser Sei­te waren in den 40 Jah­ren DDR 135.000 Kin­der und Jugend­li­che in Spe­zi­al­hei­men (was die Jugend­werk­hö­fe ein­schließt). In die­se Ein­rich­tun­gen kam man aber nur, wenn man mas­siv ver­hal­tens­auf­fäl­lig war (sie­he Bun­des­stif­tung zu Grün­den, auch unak­zep­ta­blen und eigent­lich geset­zes­wid­ri­gen). Im Unter­schied dazu konn­te man im Wes­ten einen Tritt in den Hin­tern bekom­men, weil man beim Wan­der­tag zu lang­sam lief oder frech zum Leh­rer war (sie­he unten). Die Lehrer*innen waren zum Teil noch Nazi-Lehrer*innen, die auch die erprob­ten Metho­den wei­ter ver­wen­de­ten. Im Osten wur­den die zum Groß­teil ent­las­sen oder durf­ten die ers­ten Jah­re nach dem Krieg nicht als Lehrer*in arbei­ten. In Crash-Kur­sen wur­den so genann­te Neu­leh­rer aus­ge­bil­det. Die Kon­ti­nui­tät der Nazi-Päd­ago­gik war gebro­chen. 1983 war ich 15 Jah­re alt. Mei­ne Altersgenoss*innen in Bay­ern hät­ten also alle bis zur neun­ten Klas­se ver­prü­gelt wer­den dür­fen. Auch dazu unten mehr.

Ich ken­ne ins­ge­samt drei Per­so­nen, die in einem Jugend­werk­hof waren. Ein Mäd­chen aus mei­ner Schu­le (nach­dem ich die Schu­le ver­las­sen hat­te). Ein Jun­ge, den ich über mei­ne Punk­freun­de nach der Wen­de ken­nen­ge­lernt hat­te und den Mann oben, den ich bei einer Kli­ma-Ver­an­stal­tung 2023 foto­gra­fiert habe. Bei der Bun­des­stif­tung steht Folgendes:

In Spe­zi­al­hei­men wur­den Kin­der und Jugend­li­che unter­ge­bracht, die als „schwer erzieh­bar“ gal­ten und „deren Umer­zie­hung in ihrer bis­he­ri­gen Erzie­hungs­um­ge­bung trotz opti­mal orga­ni­sier­ter erzie­he­ri­schen Ein­wir­kung der Gesell­schaft nicht erfolg­reich ver­lief.“ (§ 1 , Abs. 2, Anord­nung über die Spe­zi­al­hei­me der Jugend­hil­fe (1965). Hier­un­ter zähl­te die DDR-Päd­ago­gik alle Her­an­wach­sen­den, deren Ver­hal­tens­wei­sen und Leis­tun­gen im Wider­spruch zu den gesell­schaft­li­chen For­de­run­gen stan­den und sich u.a. in soge­nann­ter Dis­zi­plin­lo­sig­keit, Ver­hal­tens­auf­fäl­lig­kei­ten und kri­mi­nel­lem Ver­hal­ten niederschlugen.

[…]

Im Mai 1989 exis­tier­ten 401 Nor­mal­kin­der­hei­me und 73 Spe­zi­al­kin­der­hei­me. Dazu gehör­ten 41 Jugend­werk­hö­fe sowie der 1965 als Dis­zi­pli­nar­ein­rich­tung im Sys­tem der Spe­zi­al­hei­me ein­ge­rich­te­te Geschlos­se­ne Jugend­werk­hof Tor­gau. In den Jah­ren 1949 bis 1990 haben etwa 495.000 Min­der­jäh­ri­ge die Hei­me der DDR durch­lau­fen; 135.000 davon die Spe­zi­al­hei­me. Rund 6.000 Jugend­li­che leb­ten für eine gewis­se Zeit im Geschlos­se­nen Jugend­werk­hof Torgau.

Es gab also in der gesam­ten DDR-Zeit 135.000 Min­der­jäh­ri­ge in den Spe­zi­al­hei­men. In Wiki­pe­dia steht, dass zwi­schen 1968 und 1977 1,8 Min­der­jäh­ri­ge von 1000 in einem Jugend­werk­hof waren. In den Jugend­werk­hof kam man nur in einem Alter ab 14 Jah­ren. Die POS ging bis zur zehn­ten Klas­se, das heißt, dass man im Alter von 14 bis 16 in den Jugend­werk­hof kom­men konn­te. In mei­ner Schu­le gab es vier par­al­le­le Klas­sen a 31 Schü­ler. Wenn man die 8., 9. und 10. Klas­se als poten­ti­el­le Jugend­werk­hof-Jugend­li­che betrach­tet, dann wären das 372 Jugend­li­che. Unter 555 Jugend­li­chen ist einer in den Jugend­werk­hof gegan­gen, also nicht mal einer pro Schu­le. Das heißt, dass das sehr spe­zi­el­le Fäl­le waren. Die Jugend­li­che in mei­ner Schu­le hat über einen län­ge­ren Zeit­raum diver­se Din­ge ange­stellt, man­che auch mit einem poli­ti­schen Aspekt. Zum Bei­spiel eine DDR-Fah­ne ohne Emblem rausgehängt.

An mei­ner Schu­le gab es Jugend­li­che, die in das Leh­rer­zim­mer ein­ge­bro­chen waren und ein Ton­band­ge­rät gestoh­len hat­ten. Sie haben einen Tadel bekom­men und wenn ich mich recht erin­ne­re, wur­de die­ser auch beim Fah­nen­ap­pell vor der gan­zen Schu­le aus­ge­spro­chen. In mei­ner Stra­ße wohn­te ein Schul­schwän­zer. Weil er nicht zur Schu­le kam, wur­de dann irgend­wann ver­fügt, dass er von der Poli­zei gebracht wur­de. Der Poli­zist wohn­te im sel­ben Wohn­block. Immer wenn ich früh zur Schu­le ging, stand der Jugend­li­che grin­send am Stra­ßen­rand und war­te­te auf den Poli­zis­ten, der ihn dann im Poli­zei-Wart­burg zur Schu­le fah­ren wür­de.1 In mei­ner Klas­se gab es meh­re­re Jugend­li­che, die schon sit­zen­ge­blie­ben waren. In der ach­ten Klas­se mach­te die­ser Alters­un­ter­schied viel aus. Es gab Jun­gen, die im Bio­lo­gie-Unter­richt geraucht haben. Unse­re Klas­se hat meh­re­re Rus­sisch­leh­re­rin­nen, die frisch von der Uni kamen, fer­tig gemacht. Sie muss­ten die Klas­se abge­ben. Sie wur­den mit Ein­weg­sprit­zen, die es in Buch reich­lich gab, weil das Kli­ni­kum dort war, mit Was­ser bespritzt. Ein­mal hat einer sogar einen Apfel mit dem Mes­ser zer­lö­chert und dann nach vorn gegen die Tafel gewor­fen, wo er zer­platz­te und die Apfel­stü­cke über­all durch die Gegend flo­gen. Das ende­te erst, als eine erfah­re­ne, reso­lu­te Leh­re­rin den Rus­sisch­un­ter­richt über­nahm.2 Die Gro­ßen aus unse­rer Schu­le haben mal den Trab­bi der Bio­leh­re­rin in die Weit­sprung­gru­be getra­gen. Das war ein ziem­li­ches Stück Weg über den gesam­ten Sport­platz. Aber die Trab­bis waren ja aus Pap­pe und nicht so schwer. Weiß nicht, wie die Leh­re­rin den Trab­bi da wie­der raus­be­kom­men hat. Wahr­schein­lich muss­te sie die Halb­star­ken um Hil­fe bit­ten. Für all das kam man nicht in den Jugend­werk­hof. Man muss­te schon etwas mehr anstellen.

Anne Rabe sag­te so dahin: „Und da sind dann eben sol­che Geschich­ten wie Prü­gel­stra­fe in der Schu­le ist abge­schafft. Ist halt die Fra­ge, wie ent­schei­dend das ist, wenn ich gleich­zei­tig damit dro­hen kann, jeman­den in den Arbeits­knast zu ste­cken. Also die­se Gewich­tung.“ Die­se Dro­hung gab es so nicht. Jeden­falls nicht in der nor­ma­len Schu­le. Die kam dann höchs­tens, wenn alle ande­ren Instru­men­te der DDR-Päd­ago­gik ver­sagt hat­ten. Prü­gel wur­de frü­her in Nazi-Deutsch­land und dann in der BRD für ganz ande­re Ver­feh­lun­gen ver­ab­reicht (sie­he unten). Die Schwel­le dafür war sehr viel nied­ri­ger. Im Osten lie­fen die Dro­hun­gen anders. Zum Bei­spiel gab es auf jedem Zeug­nis eine ver­ba­le Beur­tei­lung. Dort wur­de auch der Klas­sen­stand­punkt bewer­tet. Wenn man schlech­te Noten oder attes­tier­te man­geln­de Loya­li­tät dem Staat gegen­über hat­te, konn­te das je nach Berufs­wunsch mas­si­ve Aus­wir­kun­gen auf das spä­te­re Leben haben. Die Zulas­sung zum Abitur und zum Stu­di­um hing davon ab. Der stän­di­ge Bekennt­nis­zwang in Schu­le und FDJ, das war das Pro­blem, nicht Gewalt in Schu­len oder Kur­hei­men (sie­he Kin­der­ver­schi­ckung und die DDR? zu Kuren). Ich habe über mora­li­schen Druck und Bekennt­nis­zwang in mei­nem Kli­ma­blog in Der mora­li­sche Druck der Öko-Gut­men­schen ist ja wie in der DDR geschrie­ben. Ein sehr gutes Buch zum The­ma ist auch Kro­ko­dil im Nacken von Klaus Kor­don. Es han­delt von einem sys­tem­treu­en Paar, das sich recht gut in der DDR ein­ge­rich­tet hat­te und dann aber, als das Kind in die Schu­le ging, merk­ten, wie falsch und ver­lo­gen alles war und wie sehr man sich anpas­sen und ver­bie­gen muss­te. Das führ­te dann zu einem Flucht­ver­such. Die­se Art der Erzie­hung war das Pro­blem der DDR, nicht Gewalt in den Schu­len, wie Anne Rabe alle Wes­sis und Nach­ge­bo­re­nen glau­ben machen möchte.

Gewalt an Schulen in der BRD

Ich habe auf Mast­o­don gefragt, ob Men­schen in der BRD Gewalt in Schu­len erlebt haben. Hier eini­ge der Antworten:

Ende der 1960er in BW noch erlebt: Mit dem Line­al auf die Fin­ger hau­en, Ohr­fei­gen und an den Haaren/den Ohren zie­hen. Letz­te­res war eine Spe­zia­li­tät der Reli­gi­ons­leh­re­rin. Das mit dem Line­al habe ich (nicht per­sön­lich) auch nur bei ihr erlebt, soweit ich mich ent­sin­ne. Ohr­fei­gen gab es (sel­ten) vom Klas­sen­leh­rer, der eigent­lich okay war, aber vom Krieg einen Gra­nat­split­ter im Kopf hat­te, der nicht ent­fernt wer­den konn­te und wenn der “wan­der­te”, stand er schon mal neben sich.🫣 (Ver­wen­dung ok)

Ja klar, kannst du ruhig ver­wen­den, aber die Schu­le benen­nen möch­te ich nicht. Es war glau­be ich auch an so ziem­lich allen Grund- und Haupt­schu­len so. Mein ältes­ter Bru­der war auf der „Volks­schu­le“ und da gehör­ten Prü­gel noch ziem­lich lan­ge zum Schul­all­tag, obwohl es da dann end­lich so lang­sam auch ers­ten Wider­stand durch die Eltern­schaft gab. Ich hab’ es ab dem Gym­na­si­um nicht mehr erlebt, aber das war dann auch schon in den 70ern. (Ver­öf­fent­li­chung OK)
Einer mei­ner Klas­sen­leh­rer hat­te sich damals die Ein­wil­li­gung zur “kör­per­li­chen Züch­ti­gung” eines Jun­gen geben las­sen. Die­ser hat­te wäh­rend einer Mathe Stun­de die Leh­re­rin vor der ver­sam­mel­ten Klas­se ver­prü­gelt, bis sie wei­nend fort­lief. Ich sah wie der Leh­rer den Jun­gen an einem ande­ren Tag, bei­de im vol­len Lauf in den Hin­tern trat als die­ser an einer Tür brem­sen muss­te und er von der Wucht gegen die Tür prall­te. Das muss ca 1986 gewe­sen sein. (Ver­öf­fent­li­chung OK) Das war in NRW. Name des Leh­rers bekannt.
Ich erin­ne­re mich, dass die Gewalt an den Schu­len oft The­ma unter uns Kin­dern waren. Aus mei­ner Per­spek­ti­ve erschien es mir, dass Kin­der aus „pre­kä­ren Ver­hält­nis­sen“, so wie ich auch von den Leh­rern gese­hen wur­den, einen schwe­ren Stand hat­ten. Den „Wohl­stands­kin­dern“, denen man es der Klei­dung bereits ansah, mit ihnen wur­de ganz anders gere­det und ihnen wur­de vie­les ver­zie­hen.
Es gab viel sub­ti­le ver­ba­le Gewalt und ich ver­stand sie sehr wohl. (Ver­öf­fent­li­chung OK) 
Ein­ge­schult 1976 in Süd­ost­bay­ern, drei Jah­re Dorf­schu­le, dann gro­ße Kreis­stadt Traun­stein. In der 5. Klas­se hat­te ich einen Klas­sen­leh­rer, der mit Schlüs­sel­bund und Sche­re nach Schü­lern warf, wenn sein Jäh­zorn mit ihm durch­ging. In der 6. Klas­se hat­te der Klas­sen­leh­rer eine klei­ne Arm­brust, mit der er Kor­ken und Krei­de­stü­cke auf Schü­ler schoß, die nicht auf­merk­sam waren. Ich war selbst nie betrof­fen. Ab 1980 Real­schu­le, dort kei­ne Vor­komm­nis­se mehr. (Ver­wen­dung OK)
aus zwei­ter Hand, aber: Ein ehem. Schü­ler von mir berich­te­te mal, dass eine (mir bekann­te und heu­te pen­sio­nier­te) Leh­re­rin ihn geschla­gen hät­te. Meh­re­re sei­ner dama­li­gen Mitschüler*innen haben das glaub­haft bestä­tigt. Den Anlass weiß ich nicht (mehr?). Der Schü­ler wur­de ~1997–1999 gebo­ren.
Bun­des­land Bay­ern. (Ver­wen­dung ok)

Damals noch in NRW. Auf dem Schul­aus­flug zu lang­sam und Trit­te in den Ar…. Grund­schu­le Süch­tel (Vier­sen) ca 1960 / 61 (Ver­öf­fent­li­chung OK)
Für #Öster­reich (#Stei­er­mark) kann ich sol­ches bis in die spä­ten 70er bestä­ti­gen: In der Volks­schu­le sehr stark abhän­gig von den ein­zel­nen Leh­rern. Der dama­li­ge Direk­tor ein stram­mer Nazi, wir durf­ten als 6jährige im Turn­saal das Exer­zie­ren ler­nen (so begann jede Turn­stun­de). Daheim davon etwas zu erzäh­len hät­te die Schlä­ge ver­dop­pelt: “Du wirst es schon ver­dient haben”. In der Ober­stu­fe des Gym­na­si­ums war das dann nicht mehr mög­lich, der Druck wur­de über Noten aus­ge­übt. (Ver­wen­dung OK, liest noch)
1960–64 in der Grund­schu­le “St. Peter und Paul”, Lands­hut, wur­de ich im 1. und 2. Schul­jahr von der Leh­re­rin geohr­feigt. Im 3. und 4. gab es dann vom Leh­rer “Tat­zen”, Schlä­ge mit dem Rohr­stock auf die Fin­ger. “Schwe­re­re Fäl­le bekamen“übergelegt”, dh. mit dem Rohr­stock auf den Hin­tern. An das ver­bis­se­ne Gesicht des Leh­rers, der gleich­zei­tig auch Schul­lei­ter war, erin­ne­re ich mich heu­te noch. Im Gym­na­si­um, ab 1964, wur­de am Schlä­fen­haar gezo­gen. Ab der 7. Klas­se war dann Schluss. (Ver­wen­dung OK)
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Ich kann mich dar­an erin­nern, dass 2 Klas­sen­ka­me­ra­den mit dem Stock der Hin­tern (hef­tigst!) ver­sohlt wur­de. Das war zw. 1980 und 1983. Bei­de waren zu dem Zeit­punkt etwa 13 — 15 Jah­re alt.
Leh­rer war […], Schü­ler […] und […]. In 1 Fall ging es dar­um, dass 1 einen Mitschüler(in?) geschla­gen hat, im ande­ren Fall, dass der Betr. zum Leh­rer “Leck mich am A…” gesagt hat. Es gab noch vie­le ande­re Fäl­le an die ich mich im Detail nicht erin­ne­re. 🤷🏻‍♂️(Ver­wen­dung ok)

Nach Aus­sa­ge von Elrho­em war die­se Schu­le kei­ne „öffent­li­che“ Schu­le. Die Schu­le war an ein Heim ange­glie­dert, folg­te dem öffent­li­chen Lehr­plan. Das Heim war von katho­li­schen Non­nen geführt, die noch im vor­letz­ten Jahr­hun­dert leb­ten, die Leh­rer waren „welt­lich“ (also Zivilisten).

Nicht in Bay­ern, in NRW, Gym­na­si­um, ca. 1994: flie­gen­der Schlüs­sel­bund, den ich aber auf­fan­gen konn­te und dann eher spon­tan aus dem Fens­ter in die Büsche geschmis­sen hat­te… Bestra­fung gab es dafür nicht, das wäre wohl zu sehr nach hin­ten los­ge­gan­gen. Glei­cher Geschichts­leh­rer ca. 1999 Ohren zie­hen, Fin­ger schmerz­haft in Rücken boh­ren (da saß ich nur im glei­chen Raum, war nicht Ziel). Zwei­ter Kom­men­tar: Bei uns war das auf glei­cher Schul­form, etwa zeit­gleich im glei­chen Land ein Bio­leh­rer und der Schlüs­sel­bund ging ins Auge. Die Eltern „konn­ten über­zeugt wer­den“, dass zu viel Thea­ter dar­um zu machen der Schul­kar­rie­re gleich bei­der Söh­ne nicht för­der­lich sei. (Ver­öf­fent­li­chung ok)
Span­nend! Reli­gi­ons­leh­re­rin in HH 1969 hat mir so eine gescheu­ert, das die Bril­le im Arsch war. Mei­ne Mut­ter hat kei­ne Anzei­ge erstat­tet und die Bril­le bezahlt. Damit ich kei­ne „Nach­tei­le“ habe. Hat­te ich natür­lich trotz­dem und das Ver­hält­nis zu mei­ner Mut­ter nach­hal­tig ver­än­dert. (Ver­öf­fent­li­chung ok)

Hier noch anony­mi­sier­te Bei­trä­ge mit OK für Verwendung:

Einem Leh­rer in der Grund­schu­le muss es wohl mal furcht­bar pein­lich gewe­sen sein, dass er mal ’n Buch nach mir gewor­fen hat, als ich zu sehr genervt habe. (War das hal­be Jahr in mei­nem Leben, als ADHS mal nicht hypo­ak­tiv war…) Prü­gel wären da also wohl noch juris­tisch OK gewesen …

Grund­schu­le in Lüden­scheid, NRW an den Ohren oder Haa­ren aus der Klas­se wer­fen war eher die Regel als die Aus­nah­me. Ca 1986/87. Das ist halt nur das, was ich aus der 2./3. Klas­se von damals erin­ne­re. Kon­se­quen­zen oder Öffent­lich­keit gab es keine.

1970 BW, Hoch­wür­den zieht mich im Unter­richt an den Haa­ren, mein Bank­nach­bar bekommt eine Kopf­nuss. Wir hat­ten uns unter­hal­ten. Wenn er in Rage war, hat Hoch­wür­den getobt und geschrien, auch mal einen Kin­der­stuhl gegen die Tafel geschla­gen. [Es war ein katho­li­scher Pfar­rer, der als Reli­gi­ons­leh­rer gear­bei­tet hat.]

Mir ist klar, dass eine Umfra­ge unter Mastodon-Nutzer*innen kei­ne sozio­lo­gisch soli­de Erhe­bung zur Gewalt an Schu­len ist, aber für einen ers­ten Ein­druck mag das genü­gen. Es gibt auch Medi­en­be­rich­te zum Thema:

In der Klas­se 6 b der Volks­schu­le im schwä­bi­schen Amen­din­gen ging die Erd­kun­de­stun­de zu Ende. Der für den Tafel­dienst ein­ge­teil­te elf­jäh­ri­ge Schü­ler warf erleich­tert den Schwamm ins Becken und traf dabei ver­se­hent­lich ein Trink­glas. Als er dann nach dem Klin­gel­zei­chen auch noch „wie ein Geiß­bock her­um­hüpf­te“, zog der Erd­kun­de­leh­rer „den Schü­ler an einem Ohr und an den in der Nähe des Ohres gewach­se­nen Haa­ren und ver­setz­te ihm anschlie­ßend min­des­tens zwei kräf­ti­ge Ohrfeigen“.

Die Tät­lich­kei­ten mach­ten dem Schü­ler „etwa eine Stun­de lang deut­li­che Schmer­zen“ und beschäf­tig­ten ein Jahr spä­ter das Baye­ri­sche Obers­te Lan­des­ge­richt. Die drei Rich­ter des 5. Straf­se­nats wer­te­ten die Züch­ti­gung zwar als „kör­per­li­che Miß­hand­lung“ weil das „Wohl­be­fin­den“ des Schü­lers „mehr als nur uner­heb­lich beein­träch­tigt“ gewe­sen sei. Aber: Der­lei Beein­träch­ti­gun­gen müß­ten bay­ri­sche Schü­ler schon mal hinnehmen.

Spie­gel 1979. Bay­ern: Sinn des Fort­schritts. 1979. Der Spie­gel 18/1979.

Ich fin­de das alles ziem­lich krass. Gewalt, die Angst erzeugt und wohl auch erzeu­gen soll­te. Im Kin­der­gar­ten wur­de ich an den Ohren gezo­gen, bis mei­ne Eltern sich beschwert haben, und in mei­ner Schul­zeit gab es einen schlüs­sel­wer­fen­den Che­mie-Leh­rer. Berich­te von schlüs­sel­wer­fen­den Leh­rern gibt es aus Ost und West auch aus der Zeit nach der Wen­de. Aber soweit ich weiß, gab es im Osten eben kei­nen Rohr­stock und Schlä­ge auf die Fin­ger oder den Hin­tern. Trit­te in den Po wegen Trö­de­lei bei einem Aus­flug? Kopf­nüs­se für Schwat­zen? Kräf­ti­ge Ohr­fei­gen für Über­mut? Undenk­bar. Wenn es so etwas in der DDR in Schu­len gege­ben hat, dann war es zumin­dest ille­gal. Da alles mit­ein­an­der ver­wo­ben war, Lehrer*innen und eini­ge Eltern in der Par­tei waren, dürf­ten sol­che Stra­fen, die der offi­zi­el­len Par­tei­li­nie wider­spra­chen, jedoch sel­ten vor­ge­kom­men sein. Ein Nut­zer merkt an, dass das Recht auf Erzie­hung ohne Prü­gel nichts wert sei, wenn man es man­gels funk­tio­nie­ren­dem Rechts­sys­tem nicht ein­kla­gen konn­te. Da ist etwas dran, aber in mei­nem Fall haben die Beschwer­den mei­ner Eltern gefruch­tet und inter­es­san­ter­wei­se hat das Rechts­sys­tem im Wes­ten je nach Kon­stel­la­ti­on auch nicht gehol­fen. Wenn das Leh­rer­kol­le­gi­um zusam­men­hielt und Prü­gel­stra­fe ok fand, dann wur­den Eltern davon über­zeugt, nicht zu kla­gen, wie man den Posts oben ent­neh­men kann.

Das Feh­len der oben doku­men­tier­ten Gewalt in DDR-Schu­len passt natür­lich nicht zu Anne Rabes Gewalt-These.

Heime im Westen und über 500.000 misshandelte Kinder

Außer­dem bit­te ich die geneig­te Leser*in zu beach­ten, dass Anne Rabe die Prü­gel­stra­fe im Wes­ten der Dro­hung mit dem Kin­der­heim bzw. dem Jugend­werk­hof gegen­über­stellt. Tat­sa­che ist jedoch, dass es im Wes­ten Prü­gel im Schul-All­tag UND Hei­me mit men­schen­un­wür­di­gen Bedin­gun­gen und Fol­ter gab. Dazu noch sexu­el­len Miss­brauch, der zumin­dest auf den Über­blicks­sei­ten zu den DDR-Hei­men, die ich gele­sen habe, nicht erwähnt wurde.

In der Zeit nach dem Krieg beschäf­tig­ten die ca. 3000 Hei­me und Anstal­ten häu­fig noch das­sel­be Per­so­nal, das bereits wäh­rend der Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus des­sen Erzie­hungs­kon­zep­te umge­setzt hat­te. Immer wie­der kam es zu will­kür­li­chen und ent­wür­di­gen­den Bestra­fun­gen oder die Für­sor­ge­zög­lin­ge wur­den ein­ge­sperrt. Oft muss­ten sie gewerb­li­che Tätig­kei­ten aus­üben, ohne dafür ver­gü­tet zu wer­den und ohne ren­ten­ver­si­chert zu sein. Vie­le Jugend­li­che wur­den auch an Bau­ern ver­lie­hen, um dort zu arbei­ten. Den Bau­ern wur­de dabei oft die Pfleg­schaft über die Kin­der und Jugend­li­chen über­tra­gen. Die Behand­lung war oft men­schen­un­wür­dig. Die Jugend­li­chen wur­den als bil­li­ge Arbeits­kraft gebraucht, da ein Pfleg­schafts­ver­hält­nis kein Arbeits­ver­hält­nis sein kann, weil es sich gegen­sei­tig aus­schließt. Eine beruf­li­che Bil­dung wur­de ihnen dabei nicht zuteil.[8] Vie­le der Miss­stän­de wur­den dadurch mög­lich, dass die Heim­auf­sicht in die­ser Zeit prak­tisch auf gan­zer Linie ver­sag­te. Dies hat­te struk­tu­rel­le Grün­de, denn Leis­tungs­er­brin­gung und die Auf­sicht dar­über lagen in einer Hand bei ein und der­sel­ben Behör­de. Hin­zu kam die oft­mals man­gel­haf­te per­so­nel­le (zu wenig und häu­fig schlecht qua­li­fi­zier­tes Per­so­nal) und räum­li­che (zu wenig Platz, dar­aus resul­tie­rend zu gerin­ge Pri­vat­sphä­re sowie schlech­te sani­tä­re Bedin­gun­gen) Aus­stat­tung der Hei­me, der als Fol­ge des Krie­ges eine gro­ße Zahl von zu betreu­en­den dabei aber häu­fig trau­ma­ti­sier­ten Kin­dern gegen­über stand.

Wiki­pe­dia-Ein­trag Heim­erzie­hung in Deutsch­land, abge­ru­fen 09.01.2026

Die Nazi-Lehrer*innen wur­den im Osten alle ent­las­sen bzw. durf­ten die ers­ten Jah­re nach dem Krieg nicht arbei­ten. Statt­des­sen gab es die in Crash-Kur­sen umge­schul­ten Neu­leh­rer*innen. Die Auf­ar­bei­tung ist erst 2010 erfolgt:

Im Dezem­ber 2010 leg­te der Run­de Tisch sei­nen Abschluss­be­richt vor[16]. Dar­in wird auf­ge­zeigt, dass in der Heim­erzie­hung der frü­hen Bun­des­re­pu­blik die Rech­te der Heim­kin­der durch kör­per­li­che Züch­ti­gun­gen, sexu­el­le Gewalt, reli­giö­sen Zwang, Ein­satz vom Medi­ka­men­ten und Medi­ka­men­ten­ver­su­che, Arbeits­zwang sowie feh­len­de oder unzu­rei­chen­de schu­li­sche und beruf­li­che För­de­rung mas­siv ver­letzt wur­den. Dies sei auch nach dama­li­ger Rechts­la­ge und deren Aus­le­gung nicht mit dem Gesetz und auch nicht mit päd­ago­gi­schen Über­zeu­gun­gen ver­ein­bar gewe­sen. Als Ver­ant­wort­li­che für das den Heim­kin­dern zuge­füg­te Leid wer­den Eltern, Vor­mün­der und Pfle­ger, Jugend­be­hör­den, Gerich­te, die kom­mu­na­len und kirch­li­chen Heim­trä­ger und das Heim­per­so­nal und schließ­lich die hier­zu schwei­gen­de Öffent­lich­keit genannt.

Wiki­pe­dia-Ein­trag Heim­erzie­hung in Deutsch­land, abge­ru­fen 09.01.2026

Hier noch ein Zitat aus Häus­ler (2013):

Vie­le Kin­der und Jugend­li­che in den Hei­men wur­den Opfer von Gewalt, Demü­ti­gun­gen und sexu­el­lem Miss­brauch. Die­se Taten wur­den viel­fach durch Mit-Zög­lin­ge aus­ge­übt, von den Erzie­hern aber häu­fig nicht unter­bun­den. Vie­le Betrof­fe­ne berich­ten aus ihrer Heim­zeit von einer Atmo­sphä­re emo­tio­na­ler Käl­te. Quel­len bele­gen, dass dem Erzie­hungs­per­so­nal zum Teil ein lie­be­vol­ler Umgang mit den Kin­dern unter­sagt wur­de. Auch Freund­schaf­ten unter den Bewoh­nern waren nicht gern gese­hen. Nur weni­ge Jugend­li­che in Heim­erzie­hung hat­ten die Gele­gen­heit zum Besuch eines Gym­na­si­ums oder einer ande­ren wei­ter­füh­ren­den Schu­le. Ein Teil der nicht mehr schul­pflich­ti­gen Jugend­li­chen absol­vier­te eine Leh­re, aber die Mehr­heit der Für­sor­ge­zög­lin­ge wur­de im Heim zu gering qua­li­fi­zier­ten, oft­mals kör­per­lich anstren­gen­den Arbeits­leis­tun­gen ver­pflich­tet, die über­wie­gend nicht sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig waren. Die­se von vie­len Betrof­fe­nen als Zwangs­ar­beit ange­se­he­ne Arbeit im Heim führt zu Fehl­zei­ten bei der Rentenversicherung.

Häus­ler, Micha­el. 2013. Ehe­ma­li­ge Heim­kin­der wol­len ihre Akte: Die Benut­zung von Kli­en­ten­ak­ten im Span­nungs­feld zwi­schen Opfer­an­spruch, Per­sön­lich­keits­schutz und his­to­ri­scher For­schung. Aus evan­ge­li­schen Archi­ven (Neue Fol­ge Der „All­ge­mei­nen Mit­tei­lun­gen“ 53), 7–20.

Es geht um die „ers­ten Jahr­zehn­te“ der Bun­des­re­pu­blik also nicht nur die Zeit unmit­tel­bar nach dem Krieg. Bis „Mit­te der 70er Jah­re“ (drei­ßig Jah­re) wur­den „mehr als eine hal­be Mil­li­on Kin­der in kirch­li­chen und staat­li­chen Hei­men allein in West­deutsch­land kör­per­lich und see­lisch schwer miss­han­delt“ (Grü­ter, 2019). In der DDR (40 Jah­re) waren 135.000 in den Spe­zi­al­hei­men (Bun­des­stif­tung Auf­ar­bei­tung).

Wenn es dar­um geht, aus dem Leben in einer Dik­ta­tur irgend­et­was abzu­lei­ten, gibt es dafür im Ver­gleich zur Bun­des­re­pu­blik – anders als von Anne Rabe behaup­tet – kei­ne Basis. Im Bereich Prü­gel­stra­fe und Heim­erzie­hung gibt es bis 1975 einen Vor­teil für den Osten.

Fehlende Forschung zu Gewalt in der DDR

Anne Rabe: Und es ist ein biss­chen schwie­rig mit der Gewalt, sozu­sa­gen der häus­li­chen Gewalt, in der DDR. Ich wer­de dafür ja dann auch immer mal ange­grif­fen, dass sie sagen: „Hä, das stimmt alles gar nicht.“.

Katha­ri­na Nocun: Ja, wir hat­ten ja eben ein­gangs auch dar­über gespro­chen, dass es noch gar nicht so lang der Fall ist, dass wirk­lich inter­na­tio­nal kör­per­li­che Stra­fen gegen Kin­der wirk­lich als Gewalt gese­hen wer­den. Ne, so hast Du eben auch ange­spro­chen, Deutsch­land ist erst in den 90ern zu dem Ergeb­nis gekom­men, ja, das könn­te man mal machen. Glaubst du wirk­lich, aber da gibt es so einen qua­li­ta­ti­ven Unter­schied durch die Sys­te­me auch und durch die Erzie­hungs­for­men, wie sie bei­spiels­wei­se in Schu­len oder Hor­ten vor­ge­lebt wur­den, die ja viel­leicht auch prä­gen, wie der Blick auf gesell­schaft­li­che Gewalt geprägt ist.

Anne Rabe: Ja, ich glau­be schon. Ich woll­te nur sagen, es ist des­halb schwie­rig, weil natür­lich ein Kenn­zei­chen von Dik­ta­tu­ren ist, dass es kei­ne freie For­schung gibt. Also wir haben im Ver­gleich jetzt zu West­deutsch­land über­haupt zu den haben wir eine ganz, ganz schlech­te Daten­la­ge. Das war eigent­lich der Anfang auch, wie ich mich damit beschäf­tigt habe. Ich habe näm­lich eine tol­le Arbeit dar­über gefun­den, weil ich her­aus­fin­den woll­te, ja, wie war das denn eben genau das? Wie war das mit dem Umgang zum Bei­spiel mit häus­li­cher Gewalt in der DDR? Wie ist man damit umgegangen?Diese For­schung über­haupt zu Gewalt in Fami­li­en, die ent­steht so im Kai­ser­reich in Deutsch­land und hat dann immer wei­ter zuge­nom­men. Selbst in der NS-Zeit wur­de dazu noch geforscht. Und in der DDR dann auch am Anfang. Und dann gab es da so Arbei­ten dazu, die haben aber immer so an die sozu­sa­gen in die Prä­am­bel geschrie­ben. Es han­delt sich um eine Form der bür­ger­li­chen Gewalt im Kapi­ta­lis­mus und ist auf­grund der Klein­fa­mi­lie an Struk­tu­ren. Und das wird ver­schwin­den, sobald der Sozia­lis­mus voll­endet ist. Das war die Idee. Und dann hat man in den 70er Jah­ren fest­ge­stellt, dass das nicht so ist. Und dann hat man halt die For­schung dazu ein­ge­stellt. Das ist natür­lich so ein typi­scher Weg, wie man in Dik­ta­tu­ren mit so was umgeht.

Nocun, Katha­ri­na. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ost­al­gie. 36:18

Ja, da hat Anne Rabe Recht: Miss­lie­bi­ge For­schung wur­de unter­drückt. Auch die Zah­len von Sui­zi­den wur­den nicht ver­öf­fent­licht. Was soll­ten denn glück­li­che sozia­lis­ti­sche Men­schen auch für Grün­de für Sui­zi­de haben? Wenn dann irgend­wann die Zahl der Sui­zi­de sprung­haft ansteigt, wie soll man das erklä­ren? Also wur­de so was unter der Decke gehal­ten. In solch einer Situa­ti­on kann man sich nun schön Daten sel­ber aus­den­ken, wie es Anne Rabe getan hat. Oder man kann Stu­di­en anstel­len und Men­schen befra­gen, wie es in der DDR war, wie es Anne Rabe nicht getan hat. Das habe ich im Mai 2024 dazu geschrieben:

Anne Rabe berich­tet von ein­zel­nen Vor­komm­nis­sen, von denen man nicht weiß, ob sie wirk­lich so statt­ge­fun­den haben. Man­ches ist ein­fach unplau­si­bel. Auf der Ebe­ne der anek­do­ti­schen Evi­denz ist es aber ohne­hin nicht mög­lich, zu einem trag­fä­hi­gen Ost-West-Ver­gleich zu kom­men. Dazu braucht es empi­ri­sche Stu­di­en. In Gesprä­chen (z.B. im taz-Lab 27.04.2024 mit Simo­ne Schmol­lack und im oben zitier­ten Inter­view mit Cor­ne­lia Geiss­ler) weist Anne Rabe dar­auf hin, dass es kei­ne Stu­di­en aus DDR-Zei­ten gibt. Aller­dings hat Sabi­ne Renne­fanz am 30.09.2023 im Tages­spie­gel auf eine Stu­die mit 5800 vor 1980 gebo­re­nen Teilnehmer*innen aus West und Ost zu deren Gewalt­er­fah­run­gen in der Kind­heit berich­tet (Ulke C. et al. 2021). Die Stu­die wur­de im Jah­re 2021 an der Uni Leip­zig durch­ge­führt und von den Medi­en wei­test­ge­hend igno­riert. Das Ergeb­nis war, dass es im Wes­ten mehr kör­per­li­che und sexu­el­le Gewalt gab (Zum Bei­spiel beson­ders deut­lich: 13,2 % der west­deut­schen Frau­en haben in ihrer Kind­heit sexu­el­le Gewalt erfah­ren. Im Osten waren es 7,8 %). Anne Rabes Theo­rie vom dik­ta­tur­ge­präg­ten gewalt­tä­ti­gen Osten ent­behrt also jeder empi­ri­schen Grund­la­ge. Die Fak­ten waren vor der ers­ten Auf­la­ge 2023 und wäh­rend der Zeit, in der die Jury des deut­schen Buch­prei­ses die Bücher für die Short­list aus­wähl­te, bekannt. 

Mül­ler, Ste­fan. 2024. Kei­ne Gewalt! Zu Mög­lich­kei­ten und Glück und dem Buch von Anne Rabe. Pas­sa­ge vom Mai 2024.

In der fol­gen­den Pas­sa­ge geht es um Sze­nen in Anne Rabes auto­fik­tio­na­lem Roman Die Mög­lich­keit von Glück:

Katha­ri­na Nocun: In dei­nem Roman Die Mög­lich­keit von Glück geht es ja um die Auf­ar­bei­tung einer Fami­li­en­ge­schich­te in der DDR und im Zuge des­sen auch um ziem­lich viel Gewalt. Da gab es eine Sze­ne, da hat­te ich wirk­lich Trä­nen in den Augen. Da ging es um eine Mut­ter, die ihr Kind absicht­lich zu lan­ge in hei­ßes Was­ser gestellt hat, um es zu bestra­fen. Und ja, viel­leicht auch, um zu quä­len. Glaubst du, es gibt einen Zusam­men­hang zwi­schen auto­ri­tä­ren Sys­te­men und dem Innen­le­ben von Familien? 

Anne Rabe: Ja, also ganz klar. Das ist ja auch ein DDR-Mythos, dass man sagt, okay, es gibt die­ses Fami­li­en­le­ben, das ist ganz wun­der­bar und die Dik­ta­tur ist irgend­wo drau­ßen, dass man über­haupt ver­sucht, in der Rück­schau Dik­ta­tur und All­tag zu tren­nen. Das ist ein Irr­tum. Das geht gar nicht.

Nocun, Katha­ri­na. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ost­al­gie. 34:58

Für alle, die Anne Rabes Buch nicht gele­sen haben: Anne Rabe beschreibt eine unnor­ma­le Fami­lie. Sie schreibt das selbst so:

Alle Fami­li­en haben sol­che Geschich­ten. Gemein­sa­me Erleb­nis­se, die eine Fami­lie zu einer Fami­lie machen. Geschich­ten, die man sich immer wie­der erzählt. Die Geschich­ten von einem miss­glück­ten Weih­nachts­bra­ten, von Irr­fahr­ten zu einem lang ersehn­ten Urlaubs­ziel, Miss­ge­schi­cke und Toll­pat­schig­kei­ten, die einem noch immer die Lach­trä­nen in die Augen trei­ben. Die­se Geschich­ten, an die man denkt, wenn man Zuhau­se denkt.

Was Tim und ich uns erzäh­len, wenn wir über unse­re Kind­heit spre­chen, sind Geschich­ten davon, wie wir gelernt haben, still zu sein.

Rabe, Anne. 2023. Die Mög­lich­keit von Glück. Stutt­gart: Klett-Cot­ta. S. 23

Ich habe in Kei­ne Gewalt! Zu Mög­lich­kei­ten und Glück und dem Buch von Anne Rabe bereits dar­über geschrie­ben: Anne Rabe schil­dert eine durch und durch gewalt­tä­ti­ge Fami­lie. Sie bekam stän­dig Schlä­ge und Kopf­nüs­se. Das wird dann mit wil­den The­sen über Gewalt und Kinds­mor­de und Amok­läu­fe im Osten kom­bi­niert, die ein­fach fak­tisch falsch sind. Die Details sind im eben zitier­ten Blog-Post und in Wei­te­re Kom­men­ta­re zu Anne Rabes Buch: Eine Mög­lich­keit aber kein Glück dis­ku­tiert. Das oben ange­ge­be­ne Zitat zeigt recht deut­lich, dass die Ich-Erzäh­le­rin in Anne Rabes auto­fik­tio­na­lem Roman weiß, dass ihre Fami­lie nicht nor­mal ist. Anne Rabe lei­tet aus dem Leben ihrer Fami­lie weit­rei­chen­de Schluss­fol­ge­run­gen für ein gan­zes Land ab. Ihre Eltern waren sys­tem­treu und Funk­tio­nä­re. Zumin­dest die im Roman. Was vom Roman der Rea­li­tät ent­spricht, will Anne Rabe nicht sagen. Es ist klar, dass ihre Mut­ter oder zumin­dest die beschrie­be­ne Per­son eine Psy­cho­path­in war, aber dar­aus irgend­was mit Dik­ta­tu­ren abzu­lei­ten, ist nicht zuläs­sig. War­um muss ich mir von Anne Rabe erklä­ren las­sen, dass man Fami­lie und Außen nicht tren­nen konn­te? War­um? So haben Mil­lio­nen Men­schen gelebt. In Sport­ver­ei­nen, in Fami­li­en. Wir waren uns 1989 alle (also in mei­nem Umfeld) einig, dass wir die DDR, so wie sie war, nicht woll­ten. Das war eben nicht nur die Fami­lie. Es war der musi­ka­li­sche Unter­grund, die soge­nann­ten ande­ren Bands, die avant­gar­dis­ti­sche Kunst­sze­ne (Autoper­fo­ra­ti­ons­ar­tis­ten usw.), der Sport­ver­ein (Ber­lin Che­mie)3, Men­schen aus mei­ner Schu­le. Sogar mein ehe­ma­li­ger Klas­sen­leh­rer. Ein SED-Mit­glied, das mir Have­mann-Bücher aus dem Wes­ten zum Lesen borg­te und den ich auf Punk-Kon­zert in die Wer­ner-See­len­bin­der-Hal­le mit­nahm, auf dem Neu­es-Forum-Ban­ner hoch­ge­hal­ten wur­den. Die Über­ra­schung kam dann nach der Wen­de, als plötz­lich das Eini­gen­de weg war und wir fest­stel­len muss­ten, dass wir alle unter­schied­li­che Vor­stel­lun­gen dar­über hat­ten, was wir statt­des­sen woll­ten. Wenn Anne Rabe bei Lesun­gen auf Men­schen trifft, die ihr von Erleb­nis­sen berich­ten, die ihren eige­nen ähneln, dann liegt das wohl dar­an, dass zu ihren Lesun­gen nur oder über­wie­gen­de die Men­schen kom­men, die ihre Erfah­run­gen oder ihre Grund­ein­stel­lung tei­len. Vie­le Ossis macht ihr Buch aber nur unfass­bar wütend. Jemand, der ganz offen­sicht­lich fal­sche Din­ge ver­brei­tet und dafür von noch ahnungs­lo­se­ren Wes­sis (Die Jury des Lite­ra­tur­prei­ses bestand in der Tat nur aus Wes­sis) fast einen Lite­ra­tur­preis bekommt, macht sie nicht nur bei DDR-Nost­al­gi­kern, zu denen ich mich – wie im Dis­clai­mer am Anfang des Posts erklärt – expli­zit nicht zäh­le, unbe­liebt. Mein Arti­kel in der Ber­li­ner Zei­tung, der die gra­vie­rends­ten der fak­ti­schen Feh­ler in Anne Rabes Buch dis­ku­tiert, war der mit Abstand am meis­ten run­ter­ge­la­de­ne der Aus­ga­be, wie mir Anja Reich dann mit­teil­te. Er hat­te offen­sicht­lich einen Nerv getrof­fen. Such­ma­schie­nen schlu­gen noch lan­ge nach der Ver­öf­fent­li­chung des Arti­kels „Anne Rabe Pro­fes­sor“ vor, wenn man bereits „Anne Rabe“ ein­ge­ge­ben hat­te. Also: Natür­lich konn­te man in der DDR so vor sich hin­le­ben. Mil­lio­nen haben das getan. Auch wenn Anne Rabe das nicht wahr­ha­ben will. Sie hat es nicht erlebt und weil sie das gar nicht will, wird sie nie ver­ste­hen, wie das funk­tio­niert hat und warum.

Diskurs, 1968 und alternative Erziehung

Hier eine Aus­sa­ge zu den 68ern, der Fra­ge nach Gewalt in der Erzie­hung und dem gesell­schaft­li­chen Diskurs:

Katha­ri­na Nocun: Und es gibt ja die The­se, dass auch das Feh­len einer 68er-Bewe­gung im Osten, die sich dann ja im Wes­ten extrem kri­tisch dann, halt auch teil­wei­se an den eige­nen Eltern und deren Betei­li­gung am NS-Regime und der Groß­el­tern abge­ar­bei­tet hat , dass das Feh­len einer ver­gleich­ba­ren Bewe­gung, die es ja auch gar nicht geben konn­te, so in die­sem Aus­maß, also weil, klar, auto­ri­tä­res Regime, dass das dazu führt, dass Men­schen, viel­leicht auch weni­ger Berüh­rungs­ängs­te mit extrem rech­ten Par­tei­en heu­te ent­wi­ckeln, weil sich das so wei­ter­trägt. Glaubst du, da ist was dran oder das ist halt viel­leicht auch eine Erklä­rung, die es sich zu leicht macht?

Anne Rabe: Bei­des. Also wenn wir zum Bei­spiel auch dar­über spre­chen, über die­se auto­ri­tä­ren Erzie­hungs­me­tho­den, also wo man auch immer sagen kann, okay, es gibt auch in West­deutsch­land und es gab auch in West­deutsch­land ganz, ganz viel Gewalt gegen Kin­der, aber es gab eben auch eine Dis­kus­si­on um auto­ri­tä­re Erzie­hung. Es gab dar­um einen Dis­kurs. Da hat sich was ver­än­dert und das gab es eben in Ost­deutsch­land nicht.

Nocun, Katha­ri­na. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ost­al­gie.

Diskurs in der DDR

Eine Sache, die ich bis­her immer über­se­hen habe, weil der gan­ze DDR-Dis­kurs auch mit gro­ßer Medi­en­be­tei­li­gung statt­fin­det, ist, dass der Dis­kurs in der DDR natür­lich ganz anders aus­ge­se­hen hat. Er war den­noch exis­tent, anders als heu­te in den West-Medi­en und auch von Anne Rabe behaup­tet wird. Mei­ne Frau hat beim Bahn­fah­ren mit Chris­ti­an Berndt, einem west­deut­schen His­to­ri­ker und Jour­na­lis­ten, über den Osten gespro­chen und der hat dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es im Osten durch­aus einen Dis­kurs zu den ver­schie­dens­ten The­men gab. Nur eben nicht in den offi­zi­el­len Medi­en. Im Osten wur­den alle Ent­wick­lun­gen, die es im Wes­ten gab, ganz auf­merk­sam mit­ver­folgt. Bis auf eine paar Täler mit Ahnungs­lo­sen (Dres­den und Greifs­wald) hat­te die gesam­te DDR West­fern­se­hen und Rund­funk. Zum Schluss auch in Sach­sen, weil die Men­schen ein­fach Satel­li­ten­schüs­seln benutzt haben. In Kamenz hat sogar die NVA auf den Wohn­blocks der Offi­zie­re Satel­li­ten­schüs­seln instal­liert, damit die­se nicht so ahnungs­los waren, wenn die Sol­da­ten mit den neus­ten Nach­rich­ten aus dem Urlaub kamen. Ich habe die Schüs­seln in Baut­zen auch selbst gese­hen. Das heißt, die Ossis haben alles mit­be­kom­men und der Dis­kurs fand statt. Bei Par­ties, im Pri­va­ten. Wir haben gere­det, in einem fort. Doch. Wirk­lich. Ich erin­ne­re mich an einen Witz über anti­au­to­ri­tä­re Erzie­hung. Ich glau­be, den hat­te ich sogar von einem Lehrer.

Journalist*innen und Nach­ge­bo­re­ne kön­nen sich das nicht vor­stel­len, weil sie den­ken, Dis­kurs bedeu­tet einen lan­gen Kom­men­tar in den Tages­the­men oder in der FAZ oder vom Chef­re­por­ter der taz Peter Unfried. Aber nein: Wenn die Pres­se zen­siert und zu Tei­len unbrauch­bar ist, dann fin­det der Dis­kurs zwi­schen den Zei­len in Thea­ter­stü­cken oder Fil­men, in Rock­songs oder eben im Pri­va­ten statt. Davon ist außer in Sta­si­un­ter­la­gen natür­lich wenig doku­men­tiert. Aber es gab ihn.

Diskurs zu Erziehung und Prügelstrafe

Und letzt­end­lich fand auch zum The­ma Prü­gel­stra­fe ein Dis­kurs in den DDR-Medi­en und der Gesell­schaft statt (so stand es zumin­dest im Neu­en Deutsch­land). Wir begin­nen mit ver­schärf­ter Pro­pa­gan­da von 1953:

Neu­es Deutsch­land, 12.05.1953. S. 4. FESSELN UND SCHLAGEN lega­li­sier­te das „Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt“ in Karls­ru­he durch eine Ent­schei­dung in letz­ter Instanz. Nach Auf­fas­sung jener Rich­ter, die über die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Kriegs­ver­trä­ge ent­schei­den soll­ten, ist eine sol­che Straf­maß­nah­me gerecht­fer­tigt, weil ‚Erzie­hungs­maß­nah­men ihrem Wesen und ihrem Zweck nach in der Zufü­gung kör­per­li­chen und see­li­schen Schmer­zes bestehen“. Mit die­ser Begrün­dung spra­chen sie ein Kass­ler Eltern­paar, das sei­ne sech­zehn­jäh­ri­ge Toch­ter häu­fig gefes­selt und geschla­gen hat­te, frei. Ein sol­ches Urteil des soge­nann­ten Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts in Karls­ru­he über­rascht bei uns nie­man­den, da bekannt ist, daß nach dem Wil­len Ade­nau­ers das gan­ze deut­sche Volk „gefes­selt und geschla­gen“ wer­den soll. Will­fäh­ri­ge ‚Kreuz­fah­rer sol­len durch sol­che Metho­den erzo­gen wer­den, denn all­seits gebil­de­te und zu bewuß­ten Per­sön­lich­kei­ten ent­wi­ckel­te jun­ge Men­schen sind nie­mals bereit, für ame­ri­ka­ni­sche Impe­ria­lis­ten als Söld­ner zu ster­ben, Der Kampf gegen die reak­tio­nä­re preu­ßi­sche Prü­gel­päd­ago­gik ist daher ein Teil des Kamp­fes um die Ein­heit und Unab­hän­gig­keit unse­res deut­schen Vaterlandes.

Das Akten­zei­chen für das ent­spre­chen­de Urteil des Bun­des­ge­richts­hofes ist: BGH NJW 1953, 1440 Nr. 23. In Hein­rich (2011) fin­det sich ein Zitat aus dem Urteil zu den Ver­ge­hen der Jugend­li­chen und der Stra­fe, die dann für ange­mes­sen befun­den wurde:

„Der damals im 16. Lebens­jahr ste­hen­den Toch­ter“ – so die Schil­de­rung des BGH^1 – wur­den von ihren Eltern „zu Zwe­cken der Erzie­hung […] in einem Fal­le […] ‚zwei­ein­halb‘ Mahl­zei­ten ent­zo­gen, weil sie wahr­heits­wid­rig in Abre­de gestellt hat­te, in Abwe­sen­heit der Eltern vom Fens­ter aus mit Jun­gen sich ver­stän­digt zu haben. Sie erhielt kein Mit­tag- und kein Abend­essen und am nächs­ten Tag zum Früh­stück [nur] ein Stück tro­cke­nes Brot und Kaf­fee. In einem ande­ren Fal­le band die Angekl. das Mäd­chen an einem Stuhl fest, ehe sie für etwa 2 Stun­den zum Zwe­cke von Besor­gun­gen das Haus ver­ließ. Fer­ner band der Angekl. das Mäd­chen zwei­mal die Nacht über im Bett um Leib und Bei­ne über der Decke fest. In einem wei­te­ren Fal­le schnitt die Angekl. dem Mäd­chen das Kopf­haar in so unre­gel­mä­ßi­ger Wei­se kurz, daß es sich auf der Stra­ße nicht sehen las­sen konnte“.

Hein­rich, Man­fred. 2011. Elter­li­che Züch­ti­gung und Straf­recht. Zeit­schrift für Inter­na­tio­na­le Straf­rechts­dog­ma­tik 5. 431–443. Die Aus­las­sungs­mar­kie­run­gen sind so bereits im Arti­kel, der Tei­le aus dem Urteil BGH NJW 1953, 1440 zitiert.

Man beach­te den Wunsch nach deut­scher Ein­heit, den es 1953 noch gab. Dazu muss­te die Prü­gel­stra­fe über­wun­den werden. =:-)

Neu­es Deutsch­land, 30.01.1952, S. 1

Im obi­gen Text von 1952 kann man lesen: „Sie berie­fen einen gemein­sa­men Aus­spra­che­abend ein, auf dem offen über die Fra­gen der Dis­zi­plin gespro­chen wur­de. Es gelang, die­je­ni­gen Eltern, die sich noch der Prü­gel­stra­fe bedie­nen, von der Schäd­lich­keit die­ser Metho­de für die Fes­ti­gung der elter­li­chen Auto­ri­tät und der bewuss­ten Dis­zi­plin in der Schu­le zu über­zeu­gen.“ Das war 1952! Im Wes­ten durf­te ab 1958 end­lich auch die Mut­ter ihre Kin­der ver­prü­geln, vor­her war das nur den Vätern erlaubt (Grü­ter, 2019). Gro­ße Fort­schrit­te in der Gleich­be­rech­ti­gung! Es brauch­te wirk­lich die 68er, bis sich im Wes­ten was änder­te. Bis 1968 waren es aber noch 16 Jahre.

Neu­es Deutsch­land, 02.01.1972, S. 5 (DFG-View­er)
Neue Zeit, 11.09.1975, S. 8B: „Prü­geln sol­len wir nicht – kann man mit Wor­ten erzie­hen?“ ist eins der The­men, die das umfang­rei­che Pro­gramm der Eltern­aka­de­mie Ber­lin zur Unter­stüt­zung jener anbie­tet, die für die Her­aus­bil­dung sozia­lis­ti­scher Per­sön­lich­kei­ten Ver­ant­wor­tung tragen.
Ber­li­ner Zei­tung, 16.03.1952, S. 9.

In dem oben gezeig­ten Bei­trag aus dem Neu­en Deutsch­land (ND) von 1972 ging es eben­falls um die Prü­gel­stra­fe. Das ND war die Par­tei­zei­tung (Zen­tral­or­gan der SED, wie man so schön sag­te) und was dort stand, ent­sprach dem offi­zi­el­len Stand­punkt. Und der war schon min­des­tens ab 1952, dass prü­geln nicht zu den zu prak­ti­zie­ren­den Erzie­hungs­me­tho­den gehör­te. Das ND wur­de, dort wo ich gelebt habe (Neu­bau­sied­lung Ber­lin-Buch) nur sehr wenig gele­sen. Ich habe bei der Post gear­bei­tet und Zei­tun­gen aus­ge­tra­gen. Die meis­ten beka­men die Ber­li­ner Zei­tung, man­che auch Par­tei­zei­tun­gen von Block­par­tei­en. Der direk­te Ein­fluss des NDs war also wahr­schein­lich beschränkt, aber der Zei­tungs­aus­schnitt oben ist zumin­dest ein Beleg dafür, wie die offi­zi­el­le Posi­ti­on zu Gewalt in der Erzie­hung war. Die Neue Zeit war die Zei­tung der Block­par­tei CDU. Wie man den Aus­schnit­ten aus der Ber­li­ner Zei­tung ent­neh­men kann, gab es durch­aus einen Dis­kurs zu Fra­gen der Prü­gel­stra­fe. Inter­es­sant an der Doku­men­ta­ti­on der Leser­brie­fe an die Ber­li­ner Zei­tung ist der Ver­weis dar­auf, dass die Leser*innen, die in ihren Brie­fen für eine Prü­gel­stra­fe argu­men­tier­ten, ihre Adres­se nicht ange­ge­ben hat­ten. Natür­lich war die Aus­wahl der Leser­zu­schrif­ten durch die staat­li­chen Vor­ga­ben gelenkt, aber wie oben dar­ge­legt, gab es einen dar­über hin­aus­ge­hen­den Dis­kurs im pri­va­ten Raum. 

Ergebnisse der Erziehung in Ost und West

Fes­seln und Schla­gen wur­de im Wes­ten höchst­rich­ter­lich gut­ge­hei­ßen, wäh­rend es im Osten von Beginn an die Bestre­bung gab, Eltern und Lehrer*innen eine gewalt­freie Erzie­hung bei­zu­brin­gen. Erfah­rungs­be­rich­te legen nahe, dass es in Ost und West auch nach 1968 noch Gewalt gegen Kin­der gab. Auch nach der Wen­de noch. Im Abschnitt zur feh­len­den For­schung in der DDR habe ich die Stu­die erwähnt, die nach dem Ende der DDR durch­ge­führt wur­de und die zeigt, dass es in der DDR weni­ger Gewalt gegen Kin­der und Jugend­li­che gege­ben hat. XY hat mich dar­auf hin­ge­wie­sen, dass nicht nur kör­per­li­che Gewalt in der Erzie­hung fatal sein kann. So waren auch die Erzie­hungs­me­tho­den von Hit­lers Lieb­lings­päd­ago­gin Johan­na Haa­rer schlecht für Kin­der. Ihre Bücher wur­den nach dem Krieg von den Alli­ier­ten ver­bo­ten, aber Die deut­sche Mut­ter und ihr ers­tes Kind bis 1987 in der alten BRD wei­ter ver­öf­fent­licht. In einer Auf­la­ge in Mil­lio­nen-Höhe. Johan­na Haa­rer war expli­zit gegen kör­per­li­che Gewalt.

Es gibt eine Stu­die der Cha­ri­té, die Men­schen aus Ost und West hin­sicht­lich Nar­ziss­mus und Selbst­wert­ge­fühl unter­sucht hat. Ich zitie­re hier aus der deut­schen Zusammenfassung:

Wie Wis­sen­schaft­ler um Prof. Dr. Ste­fan Röp­ke und Dr. Ali­ne Vater von der Kli­nik für Psych­ia­trie und Psy­cho­the­ra­pie am Cam­pus Ben­ja­min Frank­lin nun zei­gen konn­ten, hat das gesamt­ge­sell­schaft­li­che Umfeld Aus­wir­kun­gen auf das Ent­ste­hen einer über­mä­ßi­gen Selbst­über­schät­zung. „Moder­ne west­li­che Gesell­schaf­ten för­dern die Aus­prä­gung von Nar­ziss­mus. So wei­sen Men­schen, die in den Bun­des­län­dern west­lich der inner­deut­schen Gren­ze auf­ge­wach­sen sind, höhe­re Nar­ziss­mus-Wer­te auf als Men­schen, die eine Erzie­hung in der ehe­ma­li­gen DDR erlebt haben“, erklärt Prof. Röp­ke. „Gezeigt hat sich dies in unse­rer Stu­die vor­ran­gig für den soge­nann­ten gran­dio­sen Nar­ziss­mus, der durch star­ke Selbst­über­schät­zung gekenn­zeich­net ist“, stellt der Wis­sen­schaft­ler fest.

Ein genau gegen­tei­li­ges Bild zeigt sich hin­sicht­lich des Selbst­wert­ge­fühls. Die­ses ist im Osten des Lan­des höher aus­ge­prägt als im Wes­ten. Für ihre aktu­el­le Unter­su­chung haben die For­scher Daten aus einer anony­men Inter­net­um­fra­ge in der deut­schen Bevöl­ke­rung her­an­ge­zo­gen. Mehr als ein­tau­send Per­so­nen beant­wor­te­ten einen Fra­gen­ka­ta­log, wobei knapp 350 von ihnen in der ehe­ma­li­gen DDR gebo­ren waren und etwa 680 Stu­di­en­teil­neh­mer in der alten Bun­des­re­pu­blik auf­ge­wach­sen sind. Unter­schie­den wur­de bei der Aus­wer­tung in sub­kli­ni­schen, unter­schwel­li­gen Nar­ziss­mus, der zur Per­sön­lich­keit gehört und oft als gesun­der Nar­ziss­mus bezeich­net wird. Dane­ben gibt es die patho­lo­gi­sche Selbst­über­schät­zung, die über das gesun­de Maß hinausgeht. 

Pres­se­mit­tei­lung Cha­ri­té, 25.01.2018, För­dern west­li­che Gesell­schaf­ten die Aus­prä­gung von Narzissmus?

Wie das mit dem Nar­ziss­mus genau funk­tio­niert, wodurch er begüns­tigt wird, bit­te ich die Leser*innen, selbst nach­zu­le­sen. Jeden­falls kamen die Men­schen aus der DDR-Dik­ta­tur nicht gebro­chen und gewalt­a­ffin her­aus, son­dern mit bes­se­rem Selbst­wert­ge­fühl als die Men­schen aus dem Wes­ten. Auch das spricht also gegen die Patho­lo­gi­sie­rung der Ossis, der Anne Rabe das Wort redet. Viel­leicht haben die Ent­wick­lun­gen nach der Wen­de doch etwas mit den Ereig­nis­sen nach der Wen­de zu tun …

1968 und Aufarbeitung der Nazi-Diktatur vs. Aufarbeitung der SED-Diktatur

Noch zum The­ma 1968, weil das Katha­ri­na Nocun ange­spro­chen hat. Anne Rabe hat­te in ihrem Buch Die Mög­lich­keit von Glück auch eine angeb­lich feh­len­de Auf­ar­bei­tung der DDR-Zeit in der Art der 1968er behaup­tet. Das wur­de in der Pres­se begeis­tert auf­ge­nom­men, wodurch ich erst von die­sem Buch erfah­ren habe. Ich habe in diver­sen Blog­bei­trä­gen über ihre Posi­ti­on im Buch und in Inter­views geschrie­ben. Sie­he Gewalt­er­fah­run­gen und 1968 für den Osten und Wei­te­re Kom­men­ta­re zu Anne Rabes Buch: Eine Mög­lich­keit aber kein Glück. Die Auf­ar­bei­tung ist erfolgt. Die Sta­si-Akten wur­den ja geret­tet. Was raus­kam, war für vie­le sehr schmerz­haft. Sie haben erfah­ren, dass ihre eige­ne Mut­ter sie bei der Sta­si ver­pfif­fen hat oder ihr Ehe­part­ner (Vera Wol­len­ber­ger bzw. Lengs­feld und Ste­phan Herm­lin). Der IM Sascha Ander­son, der im Prin­zip die gan­ze Unter­grund­sze­ne im Prenz­lau­er Berg orga­ni­siert hat­te, flog auf. Ich war bei der Pre­mie­re des Films über ihn dabei. Die Punk-Band Die Fir­ma, bei der zwei von fünf Band­mit­glie­dern IMs waren. Der Lie­der­ma­cher Gun­der­mann. Das alles ist im ers­ten der zitier­ten Blog-Posts aus­führ­lich doku­men­tiert. Alles bekannt.

Im Pod­cast hat Anne Rabe jetzt eine mil­de­re Position:

Es ist natür­lich auch für eine Gesell­schaft ein­fa­cher, wenn sie sich viel­leicht eigent­lich mit sich sel­ber aus­ein­an­der­set­zen müss­te, den Feind im Außen zu suchen. Also in dem Fall dann der Wes­si. Anstatt mal die Kon­flik­te unter­ein­an­der zu klä­ren, was ist denn hier lie­gen geblie­ben? Und das ist was, wenn du auch nach mei­ner eige­nen Erfah­rung fragst, was für mich die­se 90er Jah­re extrem geprägt hat, ist eben die­ses Unver­mö­gen der Eltern­ge­nera­ti­on, das mit­ein­an­der zum Bei­spiel zu klä­ren. Ich bin ja auch in einer Klein­stadt auf­ge­wach­sen, wo jeder jeden kennt und jeder auch so weiß von jedem, was er so gemacht hat. Oder ahnt oder es gibt Gerüch­te, all die­se Din­ge. Und die konn­ten das nicht und es ist viel­leicht mensch­lich total ver­ständ­lich. Die haben das nicht geschafft, sich an den Tisch zu set­zen und zu sagen, so jetzt möch­te ich mal, dass wir das hier klä­ren. Wir leben doch jetzt nicht mehr in Gefahr. Wir kön­nen das jetzt machen. Und dadurch haben sich zum Bei­spiel eben Kon­flik­te wei­ter­ge­tra­gen in den Kin­dern. So wur­den die sozu­sa­gen pro­ji­ziert. Also ich kom­me ja aus einer sehr roten Fami­lie, wie man so sagt. Und ich habe das als Kind ganz oft erlebt, dass ich gemerkt habe, dass Leu­te mich nicht lei­den kön­nen. Das so Eltern sozu­sa­gen, wenn die mei­nen Namen gehört haben, dass die dann so, aha, okay, Oder fragt, bist du die Toch­ter, oder bist du die Enke­lin von sowie­so. Das gab es ganz häu­fig, ohne dass es erklärt wur­de. Oder auch in der Grund­schu­le war das zum Bei­spiel, das war ja kurz nach der Wen­de ganz mas­siv, da hat­te ich eine Leh­re­rin, die mich rich­tig gemobbt hat. Und ich habe das als Kind über­haupt nicht ver­stan­den. Weil das auch nicht erklärt wur­de. Und das liegt natür­lich an die­sem Unver­mö­gen der Erwach­se­nen mit­ein­an­der, sich hin­zu­set­zen und zu sagen, okay, wir haben hier noch was zu klä­ren. Das trägt sich so fort bis heute.

Das Ver­hal­ten der Leh­re­rin ist unpro­fes­sio­nell gewe­sen und unak­zep­ta­bel. Ansons­ten ist Anne Rabes Wunsch schräg. Die, die unter Men­schen wie ihren Eltern gelit­ten haben, sol­len sich jetzt mit ihnen aus­spre­chen? Sie sol­len nett zu den Kin­dern der Funk­tio­nä­re sein, die ihr Leben zer­stört haben? Das ist viel­leicht ein biss­chen viel ver­langt. Anne Rabe sagt inzwi­schen ja selbst: „Und die konn­ten das nicht und es ist viel­leicht mensch­lich total ver­ständ­lich.“ In ihrem Buch schreibt Anne Rabe, dass sie nicht mit den Opfern ihrer Eltern reden wollte. 

Aber das ist nicht der ein­zi­ge Grund, war­um ich das Gespräch mit Adas Eltern plötz­lich scheue. Ich will kei­ne Abso­lu­ti­on von ihnen, kei­ne spä­te Ver­brü­de­rung mit den­je­ni­gen, die auf mei­ne Eltern und ihr gan­zes Sys­tem zu Recht wütend waren. Ich woll­te mich auch nicht als die­je­ni­ge pro­du­zie­ren, die nun ihre Haus­auf­ga­ben gemacht und im Gegen­satz zu den ewig Gest­ri­gen ver­stan­den hat­te, aus was für einem Land sie kam.

Rabe, Anne. 2023. Die Mög­lich­keit von Glück. Stutt­gart: Klett-Cot­ta. S. 155

Also: Wenn jemand reden muss/will dann die Täter. Viel­leicht auch die Kin­der der Täter und der Opfer. Ansons­ten ist es etwas schräg, dass die Kin­der der Täter jetzt den Opfern vor­wer­fen, dass sie die Dik­ta­tur nicht auf­ge­ar­bei­tet hät­ten und dass des­halb 40% der Wähler*innen in man­chen ost­deut­schen Bun­des­län­dern die AfD wäh­len. Sol­che Argu­men­ta­tio­nen machen Men­schen wütend. Doch. Wirk­lich. Und das bekommt man dann aus den Feuil­le­tons bis zum Erbre­chen. Aus Redak­tio­nen in denen es einen hal­ben Ossi gibt, wenn’s hochkommt.

Noch zum Ver­gleich von 1968 mit der Auf­ar­bei­tung der DDR-Geschich­te. Die natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­bre­chen kann man nicht mit denen in der DDR ver­glei­chen. Es ist nicht genau fest­stell­bar, wie vie­le Men­schen in der DDR gestor­ben sind. Der Wis­sen­schaft­li­che Dienst des Bun­des­ta­ges gibt als Maxi­mal­wert 4.000 an für die gesam­ten 40 Jah­re der DDR (Wis­sen­schaft­li­cher Dienst des Bun­des­ta­ges 2021). Bei Kiev in Babyn Jar hat die Wehr­macht in 36 Stun­den 33.000 Men­schen erschos­sen. Durch die Nazis sind ca. 80 Mil­lio­nen Men­schen zu Tode gekom­men. Vie­le davon wur­den sys­te­ma­tisch in Ver­nich­tungs­la­gern ermordet. 

60–65 Mil­lio­nen Men­schen sind im Krieg gestor­ben. In Psych­ia­trien hat man Men­schen ver­hun­gern las­sen. Sie sind nach drei Mona­ten Man­gel­er­näh­rung gestor­ben (Hun­ger­kost-Erlaß). Ich habe in Zwei Dik­ta­tu­ren – zwei Töp­fe all die­se Unvor­stell­bar­kei­ten auf­ge­lis­tet. An die­sen gan­zen Ver­bre­chen waren Deut­sche betei­ligt. Es war ein rie­si­ger Appa­rat. Regie­rung, SS-Leu­te, SA-Leu­te, Rich­ter, Ärz­te, Kran­ken­pfle­ger, Juris­ten, Lok­füh­rer, ein Ver­wal­tungs­ap­pa­rat, NSDAP-Mit­glie­der. Journalist*innen von Zei­tun­gen, Zeit­schrif­ten, Filmemacher*innen wie Leni Rie­fen­stahl, ein Pro­pa­gan­da­ap­pa­rat, der das mög­lich gemacht hat. Dar­über muss­te man spre­chen. Die SS hat­te im Juni 1944 794.941 Ange­hö­ri­ge. Also 11% der NSDAP-Ange­hö­ri­gen (770.000). Bei Kriegs­en­de war die Waf­fen-SS noch 550.000 Mann stark. Ande­re SS-Leu­te dien­ten in der Wehr­macht. Bei 66 Mio Deut­schen im Jahr 1945 (Demo­gra­fie Deutsch­lands), wegen der Kriegs­fol­gen weni­ger als die Hälf­te davon Män­ner. Mit denen muss­te man reden. Es gibt Kar­ten von Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern, Straf­an­stal­ten (Zuchthaus/Gefängnis) und Gerichts­ge­fäng­nis­sen, die zei­gen, wie dicht das Netz die­ser Lager war.

Von Antifaschist*innen 1936 in einem Buch ver­öf­fent­lich­te Kar­te mit 100 Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern. Mit­tag, Oskar. Die „Über­sichts­kar­te über die Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger, Zucht­häu­ser und Gefäng­nis­se in Deutsch­land“ von 1936. Infor­ma­tio­nen zur Schles­wig-Hol­stei­ni­schen Zeit­ge­schich­te 63/64(2023/2024). 8–33.

Die Lager um 1933 und 1934 waren nicht mit den Ver­nich­tungs­la­gern, die spä­ter ent­stan­den sind, ver­gleich­bar, aber die SS-Leu­te waren auch damals schon bru­tal, wie man in Wil­li Bre­dels Buch Die Prü­fung nach­le­sen kann: Dun­kel­haft, Iso­la­ti­ons­haft, Fol­ter, vie­le Men­schen wur­den in den Sui­zid getrie­ben. Irgend­wer hat in die­sen Gefäng­nis­sen und KZs gear­bei­tet. Bür­ger­meis­ter von Städ­ten waren in Trans­por­te in KZs invol­viert, wie man dem fol­gen­den Doku­ment ent­neh­men kann.

Der Bür­ger­meis­ter als Orts­po­li­zei­be­hör­de: Trans­port­zet­tel für Trans­port eines Arbei­ters ins KZ Sach­sen­hau­sen, 21.06.1938

Je nach Grö­ße des Ortes und der Stadt waren die Bürgermeister*innen in der DDR rote Socken, aber sie haben kei­ne Pro­to­kol­le für den Bahn­trans­port von Oppo­si­tio­nel­len in Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger, in denen zehn­tau­sen­de Men­schen star­ben, unterschrieben. 

Die Sta­si hat­te einen enor­men Appa­rat von Haupt­amt­li­chen (1988 waren es 91.000). In Baut­zen I und Baut­zen II wur­de gefol­tert, im Geschlos­se­nen Jugend­werk­hof Tor­gau gab es eben­falls Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen und Fol­ter. Den­noch ist die Art und Anzahl von Ver­bre­chen, in die die­se Men­schen ver­wi­ckelt waren um Grö­ßen­ord­nun­gen anders als das, was in den 12 Jah­ren davor pas­siert ist. Die Anzahl der in der DDR betei­lig­ten Men­schen ist wesent­lich gerin­ger. Men­schen, die die bei­den Dik­ta­tu­ren gleich­set­zen, ver­harm­lo­sen letzt­end­lich den Holo­caust und ande­re Ver­bre­chen in Nazi-Deutschland.

Übri­gens: Oben habe ich einen Spie­gel-Arti­kel zum höchst­rich­ter­li­chen Ent­scheid zur Prü­gel­stra­fe in Bay­ern zitiert. Eine wei­te­re Stel­le aus die­sem Arti­kel passt hier sehr gut:

Poli­tisch unab­hän­gig sind die höchst­be­sol­de­ten Bay­ern-Juris­ten selbst­ver­ständ­lich auch. So erträgt der Frei­staat mit beach­tens­wer­ter Duld­sam­keit den Ober­strich­ter Karl Gün­ther Stem­pel, der sich seit Jah­ren in der rechts­ra­di­ka­len Sze­ne her­vor­tut und erst Ende März auf einer Ver­an­stal­tung des „Deut­schen Kul­tur­werks Euro­päi­schen Geis­tes“ in Lüne­burg ein „Bekennt­nis zur Volks­kul­tur in abend­län­di­scher Schick­sals­ge­mein­schaft“ abge­legt hat – neben dem Refe­ren­ten Ralf Oll­mann, der 1976 “wegen Schän­dung des jüdi­schen Fried­hofs in Göt­tin­gen“ zu 21 Mona­ten Haft mit Bewäh­rung ver­ur­teilt wor­den war. Die bay­ri­sche SPD: „Wahr­lich ein schö­nes Gespann.“

Spie­gel 1979. Bay­ern: Sinn des Fort­schritts. 1979. Der Spie­gel 18/1979.

Wer noch nicht genug hat, kann ja den Wiki­pe­dia­ein­trag von Karl Gün­ther Stem­pel lesen: „ein deut­scher Jurist und Autor natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Gesin­nung“. Der Spie­gel-Arti­kel ist von 1979, also 11 Jah­re nach 1968. Die Typen waren immer noch da.

Armut

Ein ande­res The­ma ist Armut. Bei 40:14 hört man dazu:

Anne Rabe: Gera­de ins­be­son­de­re so in den 80er Jah­ren der DDR. Da haben wir einer­seits eben die­se Ago­nie der DDR, dass klar ist, hier geht es irgend­wie nicht mehr vor­an. Die­ses gan­ze Heils­ver­spre­chen, das ist irgend­wie Quatsch, das wird nichts mehr. Wir haben eine zuneh­men­de Armut. Wir sehen halt die DDR-Bil­der dann immer aus Ber­lin. Aber das Pro­vinz­le­ben im Osten, so am Ran­de der Repu­blik, war ganz anders als in Ber­lin. Also, wei­ter man weg­kam sozu­sa­gen von der Haupt­stadt, umso schlech­ter war die Ver­sor­gung. Und da spre­chen wir wirk­lich von tat­säch­li­cher Armut, auch von Lebens­mit­tel­knapp­heit zum Teil. Also, das sind alles Din­ge, die gab es in den 80er Jah­ren. Oder man woll­te irgend­wel­che Pro­duk­te haben und dann kam man auf die War­te­lis­te oder man kann­te wen. 

Katha­ri­na Nocun: So, so kann ich das aus mei­ner Fami­lie in Polen. Also, da war über­haupt nicht die Erwar­tungs­hal­tung. Ich kann Din­ge irgend­wie kau­fen, das sei denn, irgend­je­mand hat mir Devi­sen gegeben. 

Anne Rabe: Sowas, aber auch tat­säch­lich, wo ich sage, also es gibt zum Bei­spiel Berich­te, das ist ganz inter­es­sant, so aus Brie­fen oder so, wo dann Leu­te, gera­de Frau­en, so was schrei­ben, wie ich habe wie­der kei­ne Win­ter­ja­cken für mei­ne Kin­der gekriegt. Oder im Kon­sum gab es wie­der nur Milch und Nudeln. So, also ich spre­che von einer tat­säch­li­chen Armut, nicht nur von einem kar­gen Leben, son­dern von Armut. Und das bedeu­te­te ins­be­son­de­re für die Frau­en ein wahn­sin­nig har­tes Leben, weil die natür­lich ver­ant­wort­lich waren für die Haus­ar­beit und für die Arbeit. Die muss­ten früh mor­gens ihre Kin­der in die Krip­pen brin­gen. Und da muss­ten die zur Arbeit gehen. Dann nach der Arbeit anste­hen, nach Lebens­mit­teln, viel­leicht noch Koh­len rein­s­chip­pen, hat­ten häu­fig kei­ne Wasch­ma­schi­nen zu Hau­se. Ja, dann musst du irgend­wie die Wäsche ein­ko­chen. Oder die­se gan­ze Ver­sor­gungs­la­ge hat dazu geführt, dass es ein wahn­sin­nig stres­si­ges, anstren­gen­des Leben für Frau­en war.

Nocun, Katha­ri­na. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ost­al­gie. 40:14

Waschmaschinen

Also, dass das Leben der Frau­en anstren­gend war, ist unbe­strit­ten, aber auch hier über­treibt Anne Rabe oder stellt es irgend­wie ver­quer dar. Immer­hin ist die Dar­stel­lung jetzt näher an der Rea­li­tät als in frü­he­ren Äuße­run­gen. In einem Inter­view in den Zwi­schen­tö­nen hat­te sie noch 2023 behaup­tet, es hät­te kei­ne Wasch­ma­schi­nen gege­ben. Jetzt behaup­tet sie nur noch, dass es häu­fig kei­ne Wasch­ma­schi­nen gege­ben hät­te. Ich habe über das Inter­view in den Zwi­schen­tö­nen bereits 2024 geschrie­ben (Wasch­ma­schi­nen und Schwu­le in der DDR und Les­ben natür­lich auch). Wenn Anne Rabe 5,6% der Haus­hal­te ohne Wasch­ma­schi­ne häu­fig fin­det, dann ist das wohl so. Ansons­ten kann man in den Fach­pu­bli­ka­tio­nen zum The­ma fol­gen­de Anga­ben finden:

1986 befan­den sich in 94,4 Pro­zent aller DDR-Haus­hal­te Wasch­ma­schi­nen, davon ca. 13 Pro­zent Wasch­voll­au­to­ma­ten, ca. 40 Pro­zent Wasch­au­to­ma­ten und ca. 47 Pro­zent Bot­tich­wasch­ma­schi­nen; Hans-Joa­chim Scheit­hau­er u. Micha­el Laue, Moder­ne Wasch­ma­schi­nen – spar­sa­me Hel­fer im Haus­halt, in: Ener­gie­an­wen­dung 37, 1988, H. 6, S. 229ff., hier S. 229; Sta­tis­ti­sches Amt der DDR (Hg.), Sta­tis­ti­sches Jahr­buch der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik 1990, Ber­lin 1990, S. 324f.

Wöl­fel, Syl­via. 2012. „Plan­mä­ßi­ge Ver­rin­ge­rung des Bedarfs“ Die Ent­wick­lung ver­brauchs­ar­mer Haus­halts­ge­rä­te in der DDR. Tech­nik­ge­schich­te 79(1). 45–60. (doi:10.5771/0040–117X-2012–1‑45)

Der Ver­brei­tungs­grad heu­te liegt bei 96,2%. Ich hat­te als Stu­dent eine Wel­len­rad-Maschi­ne. Die hat zwar alle Knöp­fe aus Klei­dungs­stü­cken geris­sen, für mei­nen Kara­te-Gi war sie aber sehr gut geeig­net. Zum Win­deln­wa­schen taug­ten die­se Din­ger auch. Mei­ne Mut­ter hat­te seit mei­ner Geburt 1968 einen Wasch­voll­au­to­ma­ten. In Ber­lin gab es den Wäsche­dienst Rewa­tex. Dort hat man Bett­wä­sche abge­ge­ben und bekam sie dann eine Woche spä­ter wie­der. Gewa­schen und gebü­gelt. Der Wäsche­mann kam vor­bei und hol­te schmut­zi­ge Wäsche ab und brach­te die gewa­sche­ne. In man­chen Wohn­blocks gab es Wasch­kü­chen mit gemein­sam nutz­ba­ren Wasch­ma­schi­nen. Zu den Details und Ehe­kre­di­ten für die Anschaf­fung von Wasch­ma­schi­nen und ande­rem sie­he Wasch­ma­schi­nen und Schwu­le in der DDR und Les­ben natür­lich auch.

Schwere Arbeit

Koh­le rein­s­chip­pen­de Frau­en hat es in der Tat gege­ben, aber die Koh­le kam ein­mal im Jahr. Anna Rabe erzeugt ein Bild von armen Frau­en, die täg­lich mit fie­ses­ter schwers­ter Arbeit belas­tet sind. In Ber­lin gab es Bri­ketts, die wur­den in den Kel­ler gebracht. Hoch­ge­tra­gen habe ich die Koh­le. Ich hät­te sie auch in den Kel­ler geschippt, wenn es nötig gewe­sen wäre. Aber in der DDR haben Frau­en eben auch Glei­se ver­legt, wenn sie solch einen Beruf woll­ten, und Koh­le in den Kel­ler geschippt. Zum Gleis­bau sie­he Stolz & Eigen­sinn.

Das Leben in der Mangelwirtschaft

Ich schrei­be zu die­sem Punkt der Armut noch ein­mal, weil das wich­tig ist. Denn die Fra­ge, was Wohl­stand ist, was ein ange­mes­se­ner Lebens­stan­dard ist, ist aktu­el­ler denn je, weil wir so, wie wir jetzt leben, nicht wei­ter­le­ben kön­nen. Der Erd­über­las­tungs­tag ist in Deutsch­land bereits Anfang Mai erreicht. Danach kon­su­mie­ren wir über das, was der Pla­net her­gibt. Des­halb ist die Fra­ge, ob die Men­schen in der DDR in „tat­säch­li­cher Armut“ gelebt haben, rele­vant. Ulri­ke Herr­mann hat vor­ge­schla­gen, dass man zurück zum Lebens­stan­dard der BRD 1978 gehen soll­te (natür­lich ohne Fort­schrit­te in der Medi­zin usw. auf­zu­ge­ben), aber eben ohne die gan­zen Aus­wüch­se und den Über­kon­sum, den es seit die­ser Zeit zuneh­mend gibt (Herr­mann, 2022). Für mich wäre auch der Lebens­stan­dard der 80er in der DDR annehm­bar, also etwas, was Anne Rabe als „tat­säch­li­che Armut“ bezeich­net hat.

Anne Rabe hat die­se Zeit nicht erlebt. Sie ist 1986 gebo­ren und berich­tet nur aus sekun­dä­ren Quel­len. Sie war nicht in Rumä­ni­en oder Polen in den 80er Jahren.

Also: Es gab Eng­päs­se. Es gab bestimm­te Din­ge oder auch Lebens­mit­tel nicht oder sel­ten oder nur in Spe­zi­al­lä­den für viel Geld zu kau­fen. Zum Bei­spiel Süd­früch­te (Bana­nen und Oran­gen) gab es in Ber­lin nur in der Weih­nachts­zeit, in der rest­li­chen DDR noch sel­te­ner (Anne Rabe schreibt auf S. 12 von Die Mög­lich­keit von Glück aber, dass sie Bana­nen hat­ten. Das war Wis­mar.). Der Man­gel an Süd­früch­ten kam daher, dass die DDR-Mark nicht kon­ver­tier­bar war und man eben die­se Früch­te für Ost­geld nicht impor­tie­ren konn­te. Das West-Geld, über das die DDR ver­füg­te, wur­de für ande­re Anschaf­fun­gen benö­tigt. Zum Bei­spiel muss­te das Öl, das uns unse­re „Freun­de“ aus der Sowjet­uni­on gelie­fert haben, mit Devi­sen bezahlt wer­den. Auch Ket­schup gab es nicht immer zu kau­fen. Mei­ne Kon­fek­ti­ons­grö­ße gab es in der DDR nicht. Ich war ein­fach zu lang und zu dünn. Ich habe jetzt 32/36 und Hosen in die­ser Län­ge gab es nur für Men­schen mit dop­pel­tem Hüft­um­fang. Das führ­te dazu, dass ich eine Kord­ho­se hat­te, die ein Fehl­kauf einer Kol­le­gin mei­ner Mut­ter im Inter­shop (West­geld) war und eine Kord­ho­se, die 1984 ein Import der DDR aus Däne­mark war. Zu Weih­nach­ten. Die­se Kord­ho­se habe ich zwei Jah­re lang getra­gen und danach auch noch, wenn ich wäh­rend mei­ner Armee­zeit Urlaub hat­te. Sie war zum Schluss fast durch­sich­tig. Die Mut­ter eines Freun­des hat einen Fli­cken drauf gemacht, dann ging sie noch ein biss­chen. Zu hau­se habe ich einen Trai­nings­an­zug ange­zo­gen, um die Hose zu schonen.

Gestell­ruck­sä­cke gab es nicht immer. Ich habe mal am Alex­an­der­platz jeman­den mit einem Gestell­ruck­sack in Plas­te­tü­te rum­lau­fen sehen und habe dar­aus geschlos­sen, dass er den irgend­wo gekauft haben muss­te. Ich habe ihn gefragt und bin dann sofort zum Haus für Sport und Frei­zeit am Frank­fur­ter Tor gefah­ren und habe einen gekauft.

War ich arm? Es hat in der DDR nie­mand gehun­gert. Ich hat­te als Stu­dent 1989 ein Sti­pen­di­um von 300 Mark. Da ich drei Jah­re bei der Armee gewe­sen war, betrug mein Sti­pen­di­um 100 Mark mehr als das regu­lä­re Sti­pen­di­um. Von 200 Mark konn­te man aber in der DDR leben. Die Mie­te für eine Ein­zim­mer­woh­nung betrug 20–30 Mark und die Prei­se für Grund­nah­rungs­mit­tel waren sub­ven­tio­niert. Ein Liter Milch kos­te­te 70 Pfen­nig (nach der Maul-und-Klau­en­seu­che 66 Pfen­nig mit leicht redu­zier­tem Fett­ge­halt), ein Brot 95 Pfen­nig. Prei­se für Nah­rungs­mit­tel und Mie­ten waren bei den Vor­kriegs­prei­sen ein­ge­fro­ren wor­den. Bei der Beklei­dung war es so, dass es meist ein erschwing­li­ches Modell zu kau­fen gab. Das woll­te man nicht unbe­dingt haben, weil es nicht chic war. Aber es gab es (wenn man nicht mei­ne Kör­per­ma­ße hat­te).4 Wiki­pe­dia hat eine sehr aus­führ­li­che Lis­te mit Prei­sen für die ver­schie­dens­ten Waren. Nah­rungs­mit­tel, Schall­plat­ten, Kos­me­tik, Unter­wä­sche, Kame­ras, Autos. Auch zu ver­füg­ba­rem Geld gibt es auf der Sei­te detail­lier­te Angaben.

Das Durch­schnitts­ein­kom­men in der DDR betrug 1989 1300 Mark (1949: 290 Mark, 1970: 755 Mark; mdr 2021). Die Ren­te wur­de aus dem Durch­schnitts­ein­kom­men der letz­ten 20 Jah­re ermit­telt. Dadurch, dass es kei­ne Infla­ti­on gab, hat­te man also mehr als das Ein­kom­men, das man vor 20 Jah­ren hat­te. Da man davon aber den Grund­be­darf schon vor 20 Jah­ren hat­te decken kön­nen, konn­te man ihn dann als Rentner*in garan­tiert decken. Von der Ren­te konn­te man sich nicht ohne Wei­te­res einen Farb­fern­se­her oder eine Ste­reo­an­la­ge leis­ten, aber die hat­te man ja viel­leicht vom Gehalt gekauft und es gab auch nicht viel Anre­gun­gen, etwas Neu­es zu kaufen.

Ich habe Erfah­rungs­be­rich­te von Wer­ni­ge­ro­de, Deren­burg, Trip­tis und Kahla. Dass es, wie von Anne Rabe behaup­tet, nur Nudeln und Milch gege­ben habe, ent­spricht nicht der Wahr­heit. Es gab Schul­spei­sung (bei uns war die nicht beson­ders lecker, Groß­kü­che, aber wir haben sie geges­sen). Teils hat ein rich­ti­ger Flei­scher für die Kauf­hal­le gear­bei­tet und es gab gute lokal gemach­te Wurst. In mei­ner Kind­heit waren wir in Thü­rin­gen, im Vogt­land, im Erz­ge­bir­ge und im Harz im Urlaub. Ein­mal waren wir in einem FDGB-Heim, ansons­ten in pri­va­ten Unter­künf­ten. Wir haben uns selbst ver­sorgt und auch ab und zu in Gast­stät­ten geges­sen. Es gab über­all ver­nünf­ti­ge Ver­sor­gung mit Lebens­mit­teln. Ich habe eine wei­te­re Umfra­ge zur Ver­sor­gung außer­halb Ber­lins auf Mast­o­don gestar­tet und es gab wohl im Nor­den auch Kar­tof­fel­eng­päs­se, aber das war kein Dau­er­zu­stand. Hun­gern muss­te niemand.

Hun­gern muss­te in der DDR nie­mand, nur die Jungs am kur­zen Ende der Son­nen­al­lee. (Für Nach­ge­bo­re­ne: Die Akteu­re im Buch Son­nen­al­lee und im Film machen sich einen Witz und spie­len Tourist*innen aus dem Wes­ten vor, dass sie Hun­ger hätten.)

In ande­ren sozia­lis­ti­schen Län­dern sah die Ver­sor­gung ganz anders aus. Ich war 1984, als das wie­der mög­lich war, mit einem Schü­ler­aus­tausch in Polen. Dort haben wir zwei Wochen lang Nudeln mit einer unde­fi­nier­ba­ren rosa Soße bekom­men. 1988 war ich in Rumä­ni­en. Dort gab es in den Lebens­mit­tel­lä­den außer Brot nichts. Das wür­de ich als Armut bezeich­nen. So war es in der DDR aber nicht. Bei der Mast­odon­um­fra­ge wur­den Fami­li­en mit Alko­hol­pro­ble­men erwähnt. Ich hat­te geschrie­ben, dass man von 200 Mark pri­ma leben konn­te. Das war so, aber ich habe auch weder geraucht noch getrun­ken. Gold­brand (32%) kos­te­te 14,50 Mark und Ziga­ret­ten 1,60 (Karo), 2,50 (Alte Juwel) bis 3,20 (Cabi­net). Wenn man pro Tag eine Schach­tel Ziga­ret­ten rauch­te waren also 48 bis 96 Mark weg. Also 48 bis 96 Bro­te. Bei einem Min­dest­lohn von 400 Mark (1976) waren dann immer noch über 300 Mark übrig. Ich weiß nicht, wie viel man rea­lis­tisch für Alko­hol aus­ge­ge­ben hat, wenn man viel getrun­ken hat. Unter Umstän­den war dann nicht mehr so viel übrig. Das ist aber heu­te nicht anders: Man kann von der Grundsicherung/vom Bür­ger­geld leben, aber wenn man Geld für Alko­hol und Tabak aus­gibt, wird es bei den Tages­sät­zen eng. 

Also, wenn ich mir über­le­ge, wie unser Leben heu­te sein soll­te, dann kommt im Prin­zip die Ver­sor­gung in Ber­lin ohne die Aus­fäl­le her­aus: regio­na­les, sai­so­na­les Obst und Gemü­se, lokal geba­cke­nes Brot, das am Abend nicht weg­ge­wor­fen wur­de, son­dern für den nächs­ten Tag auf­ge­ho­ben wur­de. Eine ver­nünf­ti­ge Ver­sor­gung mit Klei­dung und Schu­hen ohne Fast Fashion und Pro­duk­ti­on in Fern­ost (zur Schuh­pro­duk­ti­on in Wei­ßen­fels sie­he auch Stolz & Eigen­sinn).

Und Armut, Armut sieht so aus:

Sofa eines Obdach­lo­sen mit Tep­pich davor und Regal, mit Schlaf­sack, Kis­sen und ande­ren Hab­se­lig­kei­ten auf der Schön­hau­ser Allee. Dazu ein durch­sich­ti­ger Beu­tel von der Biblio­thek der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin. 26.10.2025
Zelt im Gleim­tun­nel. Davor Kokos­läu­fer, ein Tisch mit Blu­men, Bil­der, Stüh­le, ein Besen zum Aus­fe­gen und eine Kehr­schau­fel. Ber­lin, 25.10.2025

Das gab es in der DDR nicht. Es gab nicht genü­gend Woh­nun­gen und die Alt­bau­ten fie­len zusam­men, aber das bedeu­te­te eben, dass Kin­der bei ihren Eltern woh­nen muss­ten. Auf der Stra­ße leb­te niemand.

Junge Gemeinde und Studium

Anne Rabe behaup­tet Fol­gen­des über die Mit­glied­schaft in der Jun­gen Gemein­de und der FDJ:

Zum Bei­spiel im Vor­feld des 17. Juni gab es so eine ideo­lo­gi­sche Ver­schär­fung, dass man Jugend­li­chen, die gleich­zei­tig Mit­glied waren in der jun­gen Gemein­de, also in der christ­li­chen Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on, in der FDJ, der frei­en deut­schen Jugend, also der Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on der DDR, nach sowje­ti­schem Vor­bild, dass man gesagt hat, ihr könnt nicht mal gleich­zei­tig Mit­glied sein in bei­dem. Und nur wenn ihr in der FDJ seid, dann könnt ihr auch stu­die­ren und so. Also sol­che Geschich­ten, dass es dort einen Ver­such gab, einer ideo­lo­gi­schen Ver­schär­fung und dass man zum Bei­spiel sowas, da gab es so einen Beschluss, dass alle Jugend­li­chen, die in der jun­gen Gemein­de sind, müs­sen von den Schu­len ver­wie­sen wer­den. Also alle Acht­kläss­ler, Neunt­kläss­ler sozu­sa­gen raus, wenn die sich nicht zur FDJ beken­nen. Das wur­de spä­ter wie­der zurück­ge­nom­men, aber es gab eben so Schrit­te, die dazu geführt haben, dass sich die­se Sowjet­ideo­lo­gie, sta­li­nis­ti­sche Ideo­lo­gie, dass das ver­schärft wurde.

Nocun, Katha­ri­na. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ost­al­gie. 52:26

Die­se Aus­sa­ge hat mich erstaunt. In den 50er Jah­ren gab es noch die Grund­schu­le, die bis zur ach­ten Klas­se ging. Hät­te man die Schüler*innen der ach­ten Klas­se ein­fach raus­ge­schmis­sen, hät­ten sie in der DDR kei­nen Aus­bil­dungs­be­ruf erler­nen kön­nen. Da es aber eine Arbeits­pflicht gab und Arbeits­kräf­te über­all benö­tigt wur­den, wäre das recht merk­wür­dig gewe­sen. Es gab die­se Aktio­nen gegen die Jun­ge Gemein­de tat­säch­lich (Hugi, 2019) und Christ*innen wur­den auch nach 1953 noch wo mög­lich Stei­ne in den Weg gelegt, aber die Aktio­nen rich­te­ten sich gegen Abiturient*innen und gegen Student*innen. In der DDR und auch in der BRD haben damals viel, viel weni­ger Jugend­li­che Abitur gemacht (in den 80ern 2 von 30). Es gab alter­na­ti­ve Aus­bil­dungs­we­ge wie Berufs­aus­bil­dung mit Abitur. Die­je­ni­gen, die Abitur machen durf­ten, wur­den ent­spre­chend sorg­fäl­tig aus­ge­wählt. Die Logik dahin­ter war, dass der Staat in die­se Men­schen Geld inves­tier­te und nicht woll­te, dass sie bei der nächs­ten Gele­gen­heit in den Wes­ten ver­schwan­den. Für Christ*innen war es immer schwer, einen sol­chen Platz zu bekom­men. 1953 rich­te­ten sich die Maß­nah­men mit Schul­ver­wei­sen gegen Abiturient*innen und Student*innen. Grund­schü­ler waren nicht betrof­fen. Auch folgt aus „Nicht in der FDJ“ nicht Ver­weis von der Schu­le, wie es Anne Rabe dar­ge­stellt hat. Aus „Nicht in der FDJ“ folg­te Schwie­rig­kei­ten bei der Zulas­sung zum Abitur und dann zum Stu­di­um. Spä­ter gab es die zehn­klas­si­ge Poly­tech­ni­sche Ober­schu­le für alle Schüler*innen. Auch da gab es Gän­ge­lei und Druck, aber es gab eben auch Men­schen, die nicht bei den Thäl­mann-Pio­nie­ren oder in der FDJ waren. Ein katho­li­sches Mäd­chen aus mei­ner Klas­se muss­te immer ganz hin­ten beim Fah­nen­ap­pell ste­hen, damit man sie ohne ihr FDJ-Hemd nicht gese­hen hat.

Stalin, Chruschtschow und Breschnew 

Anne Rabe berich­tet über das Ende des Sta­li­nis­mus Folgendes:

Das ist auch immer inter­es­sant, wenn man rein­guckt, das Ende Sta­lins und das Ende des Sta­li­nis­mus ist ja eh super inter­es­sant, wie die da rein­ge­stol­pert sind aus lau­ter Angst vor die­sem Dik­ta­tor. Aber in der DDR war das noch extre­mer. Die fuh­ren dann als Dele­ga­ti­on dahin und die­se berühm­te Geheim­re­de von Bre­sch­new, wo er dann eben über die Ver­bre­chen des Sta­li­nis­mus gespro­chen hat. Und fuh­ren dann zurück und wuss­ten gar nicht, was sie damit machen soll­ten, sozu­sa­gen. Und brauch­ten dann erst wie­der Anwei­sun­gen aus Mos­kau, dass man jetzt eben wirk­lich hier die Denk­mä­ler run­ter­reißt und so. Weil sie völ­lig über­for­dert waren und das gar nicht sel­ber ent­schei­den konn­ten oder dis­kur­siv mit­ein­an­der besprechen.

Nocun, Katha­ri­na. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ost­al­gie. 52:56

Die Geheim­re­de Über den Per­so­nen­kult und sei­ne Fol­gen war nicht von Bre­sch­new, son­dern von Chruscht­schow. Chruscht­schow hat die Rede am 25.02.1956 zum Abschluss des 20. Par­tei­ta­ges der KPdSU gehalten. 

Schließ­lich wur­de ein wei­te­rer Tages­ord­nungs­punkt gebil­ligt, der aber unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit und ohne anschlie­ßen­de Dis­kus­si­on statt­fin­den soll­te. […] Nur loya­le Par­tei­mit­glie­der waren zuge­las­sen, die Anwe­sen­heit von Jour­na­lis­ten war verboten.

Geheim­re­de Über den Per­so­nen­kult und sei­ne Folgen

Das bedeu­tet, dass Anne Rabe nicht nur den dama­li­gen Par­tei­chef mit einem weit weni­ger bedeu­ten­den Funk­tio­när, der erst 1966 – also zehn Jah­re spä­ter – Gene­ral­se­kre­tär des ZK der KPdSU wer­den soll­te, ver­wech­selt hat. Sie hat auch ein­fach mal erfun­den, dass eine DDR-Dele­ga­ti­on bei die­sem Par­tei­tag anwe­send war.

Zuhö­rer berich­te­ten nach 1989, das Publi­kum habe die Rede in völ­li­gem Schwei­gen und mit läh­men­dem Ent­set­zen auf­ge­nom­men. Es habe kei­ne Aus­spra­che gege­ben. Jede münd­li­che oder schrift­li­che Wei­ter­ga­be des Gehör­ten wur­de den Dele­gier­ten unter­sagt. Kopien der Rede gin­gen im März 1956 an die Staats­chefs im Ostblock. 

Geheim­re­de Über den Per­so­nen­kult und sei­ne Folgen

Ich hat­te ja an ande­rer Stel­le dar­über geschrie­ben, dass Bre­sch­new am 10.11.1982 gestor­ben ist und uns damit den 11.11. ver­dor­ben hat (Ber­li­ner und Bre­sch­new). DDR-Bewohner*innen, die die 80er bewusst wahr­ge­nom­men haben, kön­nen Bre­sch­new, Andro­pow und Tscher­nen­kow aus eige­ner Erfah­rung grob zeit­lich ver­or­ten, auch wenn sie im Geschichts­un­ter­richt Krei­de holen waren. Die­ses Wis­sen aus eig­nen Erfah­run­gen fehlt Anne Rabe. 

Im taz-Lab hat Anne Rabe 2024 ange­merkt, dass Umber­to Eco ja auch nicht im Mit­tel­al­ter dabei gewe­sen sei und trotz­dem Roma­ne dar­über schrei­ben kön­ne. Die­se Aus­sa­ge ist 100% kor­rekt, nur ent­spre­chen Ecos Aus­sa­gen dem Wis­sens­stand und es gibt wirk­lich kei­ne Zeitzeug*innen mehr, die er hät­te befra­gen kön­nen und die ihn hät­ten wider­le­gen können.

Ulb­richt wur­de in Mos­kau über den Inhalt der Rede durch einen befreun­de­ten Genos­sen infor­miert (Hoyer, 2023), da er aber offi­zi­ell erst im März über die Rede in Kennt­nis gesetzt wur­de, konn­te er unmit­tel­bar nach der Rück­kehr auch nichts machen, denn er wuss­te ja offi­zi­ell noch über­haupt nichts von den Ver­än­de­run­gen in Mos­kau. Letzt­end­lich betrieb Ulb­richt aber einen ähn­li­chen Per­so­nen­kult wie Sta­lin, wes­halb die­ser Wan­del dann für ihn per­sön­lich auch pro­ble­ma­tisch war (Hoyer, 2023). Also: Es war alles ein biss­chen anders, als von Anne Rabe beschrie­ben, aber sie hat recht: Es war interessant.

Kolonialisierung und ökonomische Naivität

Anne Rabe äußert sich zu Erb­schaf­ten und Ver­mie­tern wie folgt:

Also das, was du gera­de ansprachst mit der Ungleich­heit, mit der Erb­schaft und so wei­ter. Und sagen kann, ja, das stimmt. In Ost­deutsch­land wird weni­ger geerbt. Das wird aber dann häu­fig so als Schuld­de­bat­te gen Wes­ten dis­ku­tiert. Dabei müss­te man das eigent­lich, wür­de ich zum Bei­spiel sagen, sieht man halt in Ost­deutsch­land aus his­to­ri­schen Grün­den eine Schwä­che unse­res Sys­tems beson­ders deut­lich. Ich fin­de immer ganz schön, mein Freund Patri­ce Pou­trus, der sagt immer so schön, ist mir doch egal, ob mir ein Wes­si die Mie­te erhöht oder einen Ossi. Die Rech­te der Mie­ter müs­sen gestärkt wer­den. Also die Ver­tei­lungs­fra­ge, die müs­sen wir gesamt­ge­sell­schaft­lich stel­len. Die Ursa­che dar­in liegt nicht, weil West­deut­sche böse waren zu Ost­deut­schen oder so. Das sie so die­sen Osten da aus­beu­ten woll­ten und sich, also das ist so unge­nau wie­der. Das, was ich mein­te von, wir müs­sen da genau­er sein. Das, was in Ost­deutsch­land an Ungleich­heits­fra­gen sicht­bar wird, ist wie unter einem Brenn­glas ein Pro­blem unse­rer gesam­ten Gesellschaft.

Auch hier wie­der Merk­wür­dig­kei­ten. Im Osten wur­de vor der Wen­de viel weni­ger Geld und Besitz akku­mu­liert. Men­schen, die Miet-Häu­ser besa­ßen, davon gab es noch eini­ge weni­ge, wur­den damit nicht reich. Im Gegen­teil: Die Mie­ten waren auf Vor­kriegs­ni­veau fest­ge­setzt und Sanie­run­gen konn­ten von den Miet­ein­nah­men nicht bezahlt wer­den. Die Besitzer*innen muss­ten für die Sanie­run­gen einen vir­tu­el­len Kre­dit auf­neh­men, der ihrem Haus zuge­ord­net war. Nach der Wen­de muss­ten sie das Haus ver­kau­fen, damit sie die Kre­di­te für Sanie­rung, die dann plötz­lich real gewor­den waren, abbe­zah­len konn­ten. Betrie­be waren in zwei Pri­va­ti­sie­rungs­wel­len ver­staat­licht wor­den. Die Men­schen hat­ten weni­ger Bar­geld ange­spart, weil das auch ohne­hin nicht sinn­voll war. Durch die Wäh­rungs­uni­on wur­den Ver­mö­gen ober­halb eines Sockel­be­trags hal­biert (was aus öko­no­mi­schen Grün­den nicht gut war, der Umtausch­kurs hät­te für die Ossis eigent­lich noch schlech­ter sein müs­sen). Wenn jetzt etwas ver­erbt wer­den kann, dann ist das im Wesent­li­chen das Ver­mö­gen, das nach der Wen­de auf­ge­baut wur­de. Das sind aber ganz ande­re Dimen­sio­nen als das, was man im Wes­ten kennt, wo Fami­li­en im Wirt­schafts­wun­der groß gewor­den sind. Dar­aus aber irgend­was mit Schuld gen Wes­ten abzu­lei­ten, wäre recht merk­wür­dig. „Schuld“ ist der Wes­ten bzw. die demo­kra­tisch gewähl­ten Regie­run­gen, die sich um bestimm­te Din­ge ein­fach nicht geküm­mert haben. Anne Rabe ist in der SPD. Die SPD hat­te 2017 zumin­dest mal den Plan, sich um die Ost­ren­ten zu küm­mern (taz, 13.01.2026). Das ist nicht erfolgt. Das Geld, das man für eine Ren­ten­re­form gebraucht hät­te, betrug 1 Mil­li­ar­de Euro. War halt poli­tisch in der Gro­ßen Koali­ti­on nicht durchsetzbar.

Der Satz von Anne Rabes Freund, dem His­to­ri­ker Patri­ce Pou­trus, zu DDR-Zei­ten geschul­ter Mar­xist und haupt­amt­li­cher FDJ-Sekre­tär, zeugt von einer unglaub­li­chen öko­no­mi­schen Nai­vi­tät. Fir­men­sit­ze sind im Wes­ten, Gewin­ne wer­den dort ver­steu­ert. Das gilt genau so für Ein­nah­men aus Ver­mie­tung und Ver­pach­tung. Wenn mein Ver­mie­ter also in Stutt­gart sitzt, dann pro­fi­tiert, abge­se­hen von der Grund­steu­er, Stutt­gart (15%), Baden-Würt­tem­berg (42,5%) und der Bund (42,5%; sie­he föde­ra­le Ver­tei­lung) von den Woh­nun­gen im Prenz­lau­er Berg oder in Leip­zig. Kapi­tal wird dort akku­mu­liert und wei­ter­ver­erbt. Die Erb­schaft­steu­er geht an das Bun­des­land. Das alles ändert sich auch nicht, wenn die Rech­te der Mie­ter gestärkt wer­den. Ich habe im Prenz­lau­er Berg gelebt. Die Häu­ser wären nach der Wen­de ein­ge­stürzt, wenn sie nicht mit gro­ßem Auf­wand saniert wor­den wären. Dazu hat Ber­lin pri­va­tes Kapi­tal her­an­ge­zo­gen. Es gab Miet­preis-Bin­dun­gen. Nach einer gewis­sen Zeit lie­fen die dann aber aus. Das sind völ­lig unkla­re poli­ti­sche Vor­ga­ben, die auch jetzt noch für den sozia­len Woh­nungs­bau ange­wen­det wer­den. Auch von Anne Rabes Par­tei. Es gibt eine schö­ne Fol­ge von Die Anstalt dazu: Die Abriss-Anstalt.

Es gibt immer wie­der die Dis­kus­si­on dar­über, ob die Bezie­hung zwi­schen West- und Ost-Deutsch­land eine kolo­nia­lis­ti­sche ist. Man kann sich dazu eine Sen­dung im Deutsch­land­funk anhö­ren: Ost­deutsch­land: War­um man von Kolo­nia­lis­mus spre­chen kann. Dort kom­men Exper­tin­nen für Kolo­nia­lis­mus zu Wort. Der Titel spoi­lert schon: Die Ant­wort ist: Ja, die Bezeich­nung Kolo­nia­lis­mus ist sinnvoll.

Also: Ja, für Ein­zel­per­so­nen ist es egal, an wen sie Mie­te bezah­len, aber für Gemein­den ist es nicht egal, wo die Gel­der hin­ge­hen. Von einer vier­zig­jäh­ri­gen Sozi­al­de­mo­kra­tin, die über den Osten und über Moral schreibt, und einem pro­mo­vier­ten His­to­ri­ker, der auch über den Osten und poli­ti­sche Zusam­men­hän­ge schreibt, soll­te man doch ein biss­chen mehr erwar­ten dürfen.

Ansons­ten hat Anne Rabe recht: Ungleich­heits­fra­gen spie­len eine Rol­le. Eine Erb­schafts­steu­er wür­de hel­fen. Ihre Par­tei ist im Prin­zip auch dafür, nur ist das poli­tisch nicht durch­setz­bar. Die CDU ist für Steu­er­re­duk­tio­nen und in der Ampel konn­te die klei­ne gel­be Par­tei die ande­ren bei­den Par­tei­en dar­an hin­dern, gerech­te­re Steu­ern ein­zu­füh­ren. Das ist lei­der auch Teil des AfD-Pro­blems und es ist in der Tat ein Ost-West-Pro­belm, auch wenn der His­to­ri­ker und die Schrift­stel­le­rin das nicht so sehen.

Zusammenfassung

Das Gespräch ist im Gro­ßen und Gan­zen gut. Die Bemer­kun­gen zu Gewalt und Armut ent­spre­chen wei­test­ge­hend dem, was Anne Rabe in frü­he­ren Inter­views und in ihrem auto­fik­tio­na­len Roman Die Mög­lich­keit von Glück behaup­tet hat, und sind somit unvoll­stän­dig, ten­den­zi­ös oder schlicht falsch.

Danksagungen

Ich dan­ke Chris­ti­an Pietsch, durch den ich auf den Pod­cast auf­merk­sam gewor­den bin. Ich war etwas ver­wun­dert, dass er schrieb, er wür­de allem Gesag­ten zustim­men. Das hat mich neu­gie­rig gemacht. Oben sind die Stel­len doku­men­tiert, denen ich nicht zustim­me. Weiß nicht, ob ich alle erwischt habe.

Ich dan­ke allen, die auf Mast­o­don mit­dis­ku­tiert haben, ins­be­son­de­re denen, deren Posts ich hier ver­wen­den durf­te. Peer dan­ke ich für das Auf­fin­den des Spie­gel-Arti­kels von 1979 und die Suche nach Quel­len im ND.

Quellen

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Cha­ri­té. 2018. Pres­se­mit­tei­lung 25.01.2018, För­dern west­li­che Gesell­schaf­ten die Aus­prä­gung von Nar­ziss­mus? (https://www.charite.de/service/pressemitteilung/artikel/detail/foerdern_westliche_gesellschaften_die_auspraegung_von_narzissmus)

Der Spie­gel. 1979. Bay­ern: Sinn des Fort­schritts. Der Spie­gel 18/1979. (https://www.spiegel.de/politik/sinn-des-fortschritts-a-f95c10c7-0002–0001-0000–000040351630)

Grü­ter, Susan­ne. 2019. Deutsch­land­funk Kul­tur. Prü­geln ver­bo­ten: Vom lan­gen Kampf für die Kin­der­rech­te. (https://www.deutschlandfunk.de/pruegeln-verboten-vom-langen-kampf-fuer-die-kinderrechte-100.html)

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Hein­rich, Man­fred. 2011. Elter­li­che Züch­ti­gung und Straf­recht. Zeit­schrift für Inter­na­tio­na­le Straf­rechts­dog­ma­tik 5. 431–443. (https://www.zis-online.com/dat/artikel/2011_5_577.pdf)

Herr­mann, Ulri­ke. 2022. Kapi­ta­lis­mus und Kli­ma­schutz: Schrump­fen statt Wach­sen. taz 17.09.2022. Ber­lin. (https://taz.de/Kapitalismus-und-Klimaschutz/!5879301/)

Hoyer, Kat­ja. 2023. Dies­seits der Mau­er: Eine neue Geschich­te der DDR 1949–1990. Ham­burg: Hoff­mann und Campe.

Hugi, Son­ja. 2019. Kam­pa­gne gegen die Jun­gen Gemein­den der evan­ge­li­schen Kir­chen. Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung. (https://www.bpb.de/themen/deutsche-teilung/ddr-kompakt/521490/kampagne-gegen-die-jungen-gemeinden-der-evangelischen-kirchen/)

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Nocun, Katha­ri­na. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ost­al­gie. (https://www.denkangebot.org/allgemein/anne-rabe-ueber-moral-die-afd-und-ostalgie/)

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Wis­sen­schaft­li­cher Dienst des Bun­des­ta­ges. 2021. Zur Zahl der Todes­op­fer auf­grund poli­ti­scher Ver­fol­gung in der DDR. Aus­ge­wähl­te Aspek­te. (https://www.bundestag.de/resource/blob/855618/52a47e246eee6bec67127050c4224a74/WD‑1–015–21-pdf.pdf)

Zschäch­ner, Roland. 2024. Ost­deutsch­land: War­um man von Kolo­nia­lis­mus spre­chen kann. 30.12.2024. Deutsch­land­funk Kul­tur. (https://www.deutschlandfunkkultur.de/ostdeutschland-postkoloniale-perspektiven-auf-das-innerdeutsche-verhaeltnis-dlf-kultur-5c421ba3-100.html)

Antwort auf abgedruckte Leserbriefe (Directors cut = viel zu lange Version)

Ich möch­te mich recht herz­lich für alle Emails, Brie­fe und Päck­chen bedan­ken, die ich nach der Ver­öf­fent­li­chung mei­nes Arti­kels zu Anne Rabes Buch Die Mög­lich­keit von Glück erhal­ten habe. Ich hat­te das nicht erwar­tet, aber das Feed­back war im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes über­wäl­ti­gend. Von den Brie­fen waren sechs kritisch/negativ und 23 posi­tiv. Ich habe die kritischen/negativen unge­kürzt in mei­nen Blog auf­ge­nom­men und dis­ku­tie­re sie dort detail­liert: https://so-isser-der-ossi.de/2024/05/27/anne-rabe-leserbriefe/, auch den zum Jam­mer-Ossi. Auf die in der Ber­li­ner Zei­tung abge­druck­ten Tei­le der Leser­brie­fe möch­te ich im Fol­gen­den ein­ge­hen. In mei­nem Blog und auch im ver­öf­fent­lich­ten Bei­trag in der BLZ geht es mir dar­um, wel­chen Ein­druck Anne Rabe von der DDR ver­mit­telt und was dar­aus abge­lei­tet wird. Den ers­ten Blog-Ein­trag Gewalt­er­fah­run­gen und 1968 für den Osten habe ich auch zu einem Arti­kel in der taz geschrie­ben, bevor ich Anne Rabes Roman über­haupt gele­sen hat­te. Anne Rabe argu­men­tiert grob ver­ein­fa­chend für eine Töpf­chen­theo­rie 2.0: Weil es Fami­li­en gab, in denen es Gewalt gab, war der ganz Osten so und man kann dar­aus letzt­end­lich alles ablei­ten: Ras­sis­mus, Faschis­mus, Natio­na­lis­mus, Anti­se­mi­tis­mus. Alles, wovor sich das Bil­dungs­bür­ger­tum zu Recht gru­selt. Und es ist pri­ma: Das alles ist nur im Osten zu ver­or­ten. Dun­kel­deutsch­land eben. Dabei ist es lei­der so, dass es im gesam­ten Land ziem­lich fins­ter aus­sieht, ja, sogar in Euro­pa. Die Rechts­extre­mis­mus-Stu­die hat das für Deutsch­land dis­ku­tiert. Der Autor der Stu­die hat in der Ber­li­ner Zei­tung (BLZ, 08.07.2023) her­vor­ge­ho­ben, dass der Rechts­extre­mis­mus mit der Struk­tur der Bevöl­ke­rung im Osten zusam­men­hängt und in struk­tu­rell ähn­li­chen Gebie­ten im Wes­ten ähn­li­che Ein­stel­lun­gen nach­zu­wei­sen sind. Das bedeu­tet also, dass man für die Wahl­er­fol­ge der AfD im Osten oder ras­sis­ti­sche Ein­stel­lun­gen kei­ne gewalt­tä­ti­gen Eltern als Erklä­rung benö­tigt. Die empi­ri­sche For­schung lie­fert Grün­de. Auch bricht Anne Rabes Töpf­chen­theo­rie sofort in sich zusam­men, wenn man ihren auto­fik­tio­na­len Roman genau­er liest, denn dort fin­det sich die fol­gen­de Passage: 

Alle Fami­li­en haben sol­che Geschich­ten. Gemein­sa­me Erleb­nis­se, die eine Fami­lie zu einer Fami­lie machen. Geschich­ten, die man sich immer wie­der erzählt. Die Geschich­ten von einem miss­glück­ten Weih­nachts­bra­ten, von Irr­fahr­ten zu einem lang ersehn­ten Urlaubs­ziel, Miss­ge­schi­cke und Toll­pat­schig­kei­ten, die einem noch immer die Lach­trä­nen in die Augen trei­ben. Die­se Geschich­ten, an die man denkt, wenn man Zuhau­se denkt.

Was Tim und ich uns erzäh­len, wenn wir über unse­re Kind­heit spre­chen, sind Geschich­ten davon, wie wir gelernt haben, still zu sein.

Rabe, Anne. 2023. Die Mög­lich­keit von Glück. Stutt­gart: Klett-Cot­ta. S. 23

Das bedeu­tet, dass Anne Rabe bzw. die Ich-Erzäh­le­rin die­se Fami­lie als unnor­mal ein­stuft. Wenn sie aber unnor­mal war, dann kann man aus der Exis­tenz die­ser Fami­lie nicht auf die Bevöl­ke­rung eines gan­zen Lan­des schlie­ßen. Wie hoch die Antei­le von auto und fik­tio­nal an der auto­fik­tio­na­len Geschich­te sind, wer­den wir nie her­aus­fin­den, denn Anne Rabe äußert sich in Inter­views zu dies­be­züg­li­chen Fra­gen nicht (zum Bei­spiel beim taz-Lab-Gespräch mit Simo­ne Schmol­lack).

Zwei Brie­fe spre­chen die Fra­ge nach den abso­lu­ten und den rela­ti­ven Zah­len bei Kinds­tö­tun­gen an und einer unter­stellt mir eine bewuss­te Falsch­dar­stel­lung. Die Poli­zei­li­che Kri­mi­nal­sta­tis­tik (PKS) ver­wen­det rela­ti­ve Zah­len, um die Zah­len über­haupt ver­gleich­bar zu machen. Ich möch­te das an einem Bei­spiel erklä­ren: Im Fall der so genann­ten Neo­na­ti­zide, also der Kinds­tö­tun­gen direkt nach der Geburt, sind abso­lu­te Zah­len nicht aus­sa­ge­kräf­tig, denn in Bre­men wur­den zum Bei­spiel im Jahr 2022 nur 6.720 Kin­der gebo­ren. In NRW waren es im sel­ben Zeit­raum dage­gen 164.496 Kin­der. Wenn in bei­den Bun­des­län­dern jeweils ein Kind getö­tet wor­den wäre, wäre die abso­lu­te Anzahl gleich, aber für Bre­men wäre die rela­ti­ve Anzahl, also die Anzahl im Ver­gleich zu den Kin­dern, die über­haupt Opfer hät­ten wer­den kön­nen, viel grö­ßer. Neh­men wir an, in Bre­men wären 6.720 Kin­der getö­tet wor­den, dann wären es 100% gewe­sen. 6.270 Kin­der in NRW wären aber nur 4,1%. Der Ver­gleich abso­lu­ter Zah­len ist also offen­sicht­lich unsin­nig. In der PKS wird des­halb der abso­lu­te Wert auf Opfer pro 100.000 mög­li­che Opfer umge­rech­net. In Bre­men wäre die ermit­tel­te Zahl dann also grö­ßer als die tat­säch­li­che Zahl und in NRW klei­ner. So wer­den die Neo­na­ti­zi­de in Bre­men und NRW ver­gleich­bar. Das ist auch in der zitier­ten Stu­die zu den Kinds­tö­tun­gen auf S. 337 erklärt (Höynck, Behn­sen & Zäh­rin­ger, 2015). Ich zitie­re genau die­se Sei­te in mei­nem Blog-Post vom 20.02.2024, der die Kinds­tö­tun­gen aus­führ­li­cher bespricht, als das in der Ber­li­ner mög­lich war. Im Arti­kel, der als Print-Ver­si­on erschie­nen ist, sind die Quel­len aus Platz­grün­den aus­ge­la­gert wor­den. Wenn man nun über die Kinds­tö­tun­gen von Kin­dern unter 6 Jah­ren spricht, muss man als Bezugs­grö­ße 100.000 Kin­der in den jewei­li­gen Bun­des­län­dern anneh­men. Ein Bezug auf die Gesamt­be­völ­ke­rungs­zahl, wie von einem Leser vor­ge­schla­gen, wäre nicht kor­rekt. In mei­ner Ori­gi­nal­ein­rei­chung war ein Satz zu den rela­ti­ven Zah­len bzgl. 100.000 mög­li­chen Opfern ent­hal­ten. Ich wur­de gebe­ten, das noch bes­ser zu erklä­ren und habe des­halb die Sät­ze ein­ge­fügt, die dar­le­gen, wie absurd das Ergeb­nis wür­de, wenn man von abso­lu­ten Zah­len aus­gin­ge. Die PKS und auch die Pres­se­be­rich­te dar­über haben sich auf rela­ti­ve Zah­len (Fach­wort Opferzahlen/OZ) bezo­gen, Anne Rabe hat aber geschrie­ben: „Die Zahl der Kinds­tö­tun­gen ist im Osten Deutsch­lands in den 90er und 00er Jah­ren dop­pelt so hoch wie im Wes­ten und steigt im Jahr 2006 sogar auf das Vier­fa­che an.“ Die­se Aus­sa­ge ist fak­tisch falsch. Ein Leser schrieb mir AR hät­te die rela­ti­ve Zahl gemeint. Was jemand gemeint hat, ist aber nicht rele­vant, ent­schei­dend ist, was jemand ver­öf­fent­licht hat. Als Sprach­wis­sen­schaft­ler kann ich ein­schät­zen, was ein Satz bedeu­tet und als Mathe­ma­ti­ker und pro­mo­vier­ter Infor­ma­ti­ker weiß ich, was Anne Rabe statt­des­sen hät­te schrei­ben müs­sen. Dass ich das jetzt nicht hin­ter­her irgend­wie zurecht­ge­bo­gen habe, sieht man, wenn man sich den Print-Arti­kel ansieht: Dort sind die Bevöl­ke­rungs­grö­ße und die Gebur­ten­ra­ten erwähnt. Nur der eine Satz mit der Bezugs­grö­ße 100.000 ist lei­der im Ping-Pong mit der Redak­ti­on ver­lo­ren gegan­gen. Ich hät­te bes­ser auf­pas­sen müs­sen. Der Punkt mit den abso­lu­ten und rela­ti­ven Zah­len hat jetzt in der Dis­kus­si­on und auch im Arti­kel einen viel zu gro­ßen Raum ein­ge­nom­men. Wich­tig ist, und das sagen Höynck, Behn­sen & Zäh­rin­ger (2015: 337) auch sehr klar (auch an ande­ren Stel­len in ihrem im renom­mier­ten Wis­sen­schafts­ver­lag Sprin­ger erschie­nen Buch), dass man aus der PKS nichts ablei­ten kann. Der wich­tigs­te Punkt ist, dass die Zah­len (glück­li­cher­wei­se) zu klein sind. Die Autorin­nen lis­ten wei­te­re Pro­ble­me auf, die zei­gen, dass das Zie­hen von Schlüs­sen aus der PKS zu Kinds­tö­tun­gen unzu­läs­sig ist. Es wur­de in vie­len Brie­fen kri­ti­siert, dass ich auf Wiki­pe­dia ver­wie­sen habe. Ich bin Pro­fes­sor und bil­de zukünf­ti­ge Wissenschaftler*innen aus. Ich weiß sehr wohl, was Wiki­pe­dia kann und was Wiki­pe­dia nicht kann. In mei­nem Blog-Bei­trag zu den Leser­brie­fen gehen ich dar­auf auch genau­er ein. Der Punkt ist hier, dass genau die­se Stu­die und auch die ent­spre­chen­de Sei­te im Wiki­pe­dia-Ein­trag zu Kinds­tö­tun­gen zitiert wird. Wenn also jemand einen Quick­check zu Anne Rabes Behaup­tun­gen hät­te machen wol­len (Ver­lag, Jury, Rezen­sen­ten), so wäre es ein Leich­tes gewe­sen, in Wiki­pe­dia die Stel­le für wei­te­re Nach­for­schun­gen zu fin­den. Das Pro­blem für die­ses Land ist, dass nie­mand sich die Mühe gemacht hat. Die Gru­sel­ge­schich­te war doch zu schön.

Bern­hard Kave­mann liest aus mei­nem Arti­kel, dass ich kein Ver­ständ­nis für Kau­sa­li­tät hät­te. Ich habe in mathe­ma­ti­scher Logik eine 1,0 im Stu­di­um gehabt, habe ein Sys­tem mit Dis­kurs­re­prä­sen­ta­ti­ons­theo­rie imple­men­tiert und Logik und Com­pu­ta­tio­na­le Seman­tik an diver­sen Unis gelehrt. Wie Schlüs­se funk­tio­nie­ren, weiß ich sehr wohl. Ich habe nir­gends behaup­tet, dass es im Osten kei­ne Nazis gab. Wes­halb wäre ich sonst wohl 1989 im Anti­fa-Block mar­schiert (was ich im Arti­kel auch erwähnt habe). Ich habe behaup­tet, dass Anne Rabe fak­tisch fal­sche Behaup­tun­gen in ihren Roman ein­ge­baut hat. Den Nach­weis dafür haben ich im Arti­kel und noch detail­lier­ter in den Blog-Posts erbracht. Bern­hard Kave­mann schreibt wei­ter: „Der Ver­such mit den AfD-Poli­ti­kern geht eben­falls dane­ben: „Höcke und Kal­bitz sind aus dem Wes­ten.“ Ja, aber da sind sie nichts gewor­den, waren klei­ne Lich­ter, groß sind sie erst im Osten gewor­den.“ Im Arti­kel habe ich bereits Georg Maa­ßen erwähnt, der nicht im Osten groß gewor­den ist, son­dern im Ver­fas­sungs­schutz. Das Bun­des­ka­bi­nett hat ihn 2012 auf Vor­schlag des Bun­des­in­nen­mi­nis­ters Hans-Peter Fried­rich (CSU) zum Chef gemacht. Inzwi­schen wird Maa­ßen von der Behör­de, der er vor­saß, beob­ach­tet. Auch Dr. Alex­an­der „Wir wer­den sie jagen“ Gau­land ist nicht durch Ossis groß gewor­den. Vogel­schiss-Gau­land war von 1973 bis 2013 in der CDU, war im Magis­trat von Frankfurt/Main, und lei­te­te von 1987 bis 1991 die Hes­si­sche Staats­kanz­lei. Er ist jetzt Ehren­vor­sit­zen­der der Höcke-AfD und Vor­sit­zen­der der Bun­des­tags­frak­ti­on. Alle die­je­ni­gen, die noch ein biss­chen Anstand haben, sind bereits aus der AfD aus­ge­tre­ten. Wo kom­men die füh­ren­den Nazis her? Wer hat sie groß gemacht? Gern bit­te in mei­nem Blog in der Rubrik Nazis nachlesen. 

Hel­gard Most merkt an, dass man bei der Dis­kus­si­on mit Anne Rabe beim taz-Lab mei­ne Behaup­tun­gen nicht nach­prü­fen konn­te. Dafür habe ich den Blog geschrie­ben und den Arti­kel in der Ber­li­ner Zei­tung ver­öf­fent­licht. Die Blog-Bei­trä­ge hat­te ich aus­ge­druckt beim taz-Lab mit. 80 Sei­ten. Ich hät­te sie Anne Rabe geschenkt. Wirk­lich. HM behaup­tet wei­ter: „Wir Leser*innen sind intel­li­gent genug, zwi­schen einem Roman, der Anre­gun­gen für eige­ne Gedan­ken geben soll, und der Pau­scha­li­sie­rung einer gan­zen Bevölkerung, wie Herr Müller sie behaup­tet, zu unter­schei­den.“ Das mag für Frau Most zutref­fen, ist aber im All­ge­mei­nen lei­der nicht rich­tig. Mein ers­ter Anne Rabe-Post im Blog bezog sich des­halb auch nicht auf den Roman, den ich damals noch nicht gele­sen hat­te, son­dern auf die Dis­kus­si­on, den die­ser Roman aus­ge­löst hat. Da wird pau­scha­li­siert, die Mär von der gewalt­tä­ti­gen DDR wird ver­brei­tet. End­lich eine Erklä­rung dafür, wie komisch die Ossis sind. Ich möch­te hier ein wei­te­res wich­ti­ges Bei­spiel für die Roman/­Sach­buch-Dis­kus­si­on geben. Anne Rabe behaup­tet: „Auch waren Anti­se­mi­tis­mus und Natio­na­lis­mus wich­ti­ge Bestand­tei­le der sowje­ti­schen und real­so­zia­lis­ti­schen Ideo­lo­gie.“ Das ist eine Tat­sa­chen­be­haup­tung. Der Kon­text ist:

In der DDR droh­te die Dik­ta­tur zudem stän­dig, einen für die Ver­gan­gen­heit zur Ver­ant­wor­tung zu zie­hen. Auch des­halb wur­de geschwie­gen. In einem Land, in dem der Anti­fa­schis­mus Staats­rä­son war, wie soll man da über das spre­chen, was man in der »faschis­ti­schen Wehr­macht« getan hat­te? Auch waren Anti­se­mi­tis­mus und Natio­na­lis­mus wich­ti­ge Bestand­tei­le der sowje­ti­schen und real­so­zia­lis­ti­schen Ideologie.

S. 215

Das ist nicht ein Satz, den irgend­ei­ne Per­son im Roman sagt. Das ist eine Erklä­rung für den Leser. Und sie ist fak­tisch falsch. Ich habe das in mei­nem Blog-Post zum Holo­caust aus­führ­lich bespro­chen und es gibt auch diver­se ande­re Posts, zum Bei­spiel einen, der eine wis­sen­schaft­li­che Stu­die zu Poli­ti­kern in Ost und West aus­wer­tet. Im Osten gab es in den ver­schie­de­nen Regie­run­gen neun, dann acht, dann einen jüdi­schen Poli­ti­ker. Unter ande­rem Klaus Gysi. Im Wes­ten gab es nie in irgend­ei­ner Regie­rung einen. Null. Wich­ti­ge Poli­ti­ker, Musi­ker, Künst­ler der DDR waren Juden. Der Vater von Anet­ta Kaha­ne war ganz vorn mit dabei: Er hat die Nach­rich­ten­agen­tur ADN auf­ge­baut und lei­te­te das Neue Deutsch­land. Wolf Bier­mann hat­te mit Mar­got Hon­ecker meh­re­re Jah­re in einem Haus­halt gelebt. Mari­on Brasch hat als Jüdin Yas­sir Ara­fat am Wer­bel­lin­see begrüßt. Als ich einen Bre­mer Pro­fes­sor für Poli­tik­wis­sen­schaft nach sei­ner Evi­denz bezüg­lich tra­dier­ten Anti­se­mi­tis­mus’ in der DDR frag­te, schrieb er mir zurück, ich sol­le doch mal das Buch von Anne Rabe lesen. Das ist das Niveau, auf dem die Dis­kus­si­on läuft. Ein Wis­sen­schaft­ler ver­weist mich auf ein Buch, das nicht als Sach­buch bewer­tet wur­de und des­halb auch nicht das wis­sen­schaft­li­che Qua­li­täts­si­che­rungs­sys­tem durch­lau­fen hat. Beim taz-Lab gab es eine Dis­kus­si­on zwi­schen dem Schrift­stel­ler Mar­co Mar­tin und der His­to­ri­ke­rin Kat­ja Hoyer. Ich habe Hoyers Buch noch nicht gele­sen und kann zu sei­ner Qua­li­tät nichts sagen, aber Mar­co Mar­tin behaup­te­te, dass es nicht wahr sei, dass die Sie­ger die Geschich­te schrei­ben, und führt zum Bei­spiel Ines Gei­pel und Anne Rabe als ost­deut­sche Stim­men an, die ja den Gegen­part zu den Sie­gern über­näh­men. Das heißt, dass Anne Rabe auf eine Stu­fe mit His­to­ri­kern gestellt wird, die in einem Qua­li­täts­si­che­rungs­sys­tem arbei­ten und ver­öf­fent­li­chen. So wird aus einem Roman ein Sach­buch. Zu Ines Gei­pel gibt es eine Doku­men­ta­ti­on des MDR, die dis­ku­tiert, dass Gei­pel weder Olym­pio­ni­kin, noch Welt­re­kord­hal­te­rin war, dass die Zah­len der Doping­op­fer, die sie als Che­fin der Doping­op­fer­hil­fe genannt hat, viel zu hoch waren. Gei­pel hat eine Pro­gramm­be­schwer­de beim Rund­funk­rat ein­ge­legt. Die 101-sei­ti­ge Erwi­de­rung des MDR liegt mir vor. Die Autor*innen nen­nen Gei­pel dar­in eine Lüg­ne­rin und Hoch­stap­le­rin, die Wör­ter Unver­fro­ren­heit und Dreis­tig­keit kom­men vor. Wie­so soll jemand, der in Bezug auf sei­ne eige­ne Geschich­te lügt, eine glaub­wür­di­ge Quel­le für unser aller Geschich­te sein? Über den Holo­caust schreibt Gei­pel: „Mit die­ser instru­men­tel­len Ver­ges­sens­po­li­tik wur­de im sel­ben Atem­zug der Holo­caust für 40 Jah­re in den Ost-Eis­schrank gescho­ben. Er kam öffent­lich nicht vor.“ Das ist fak­tisch falsch, wie ich aus­führ­lich in Der Ossi und der Holo­caust nach­ge­wie­sen habe.  Anne Rabe und ihre (ehe­ma­li­ge?) Freun­din Ines Gei­pel sind kei­ne ver­läss­li­chen Quel­len, was die Geschich­te der DDR angeht. Das in Bezug auf Anne Rabe zu zei­gen, war das Ziel mei­nes Bei­trags in der Ber­li­ner Zei­tung. Und dann bleibt die Fra­ge: Wer schreibt unse­re Geschichte?

Den Leser­brief zu den Blu­men­töp­fen ver­ste­he ich nicht. Ich weiß nicht, war­um die Leser­brief­re­dak­ti­on ihn aus­ge­sucht hat. 

Rein­hard Brett­schnei­der wirft mir vor, dass ich die Spal­tung erhal­ten will. Nichts liegt mir fer­ner. Wie gesagt: Ich habe mich bis 2013 nicht als Ossi gese­hen. Die Spal­tung ist jedoch real. Vie­les wird man nicht mehr repa­rie­ren kön­nen. Eigen­tums­struk­tu­ren wer­den immer so blei­ben: Ver­mie­ter woh­nen im Wes­ten, die Ein­nah­men flie­ßen dort­hin ab. Fir­men­sit­ze lie­gen im Wes­ten, Ein­nah­men und Paten­te gehen in den Wes­ten. Steu­ern wer­den nicht im Osten gezahlt, son­dern am Fir­men­sitz. Aber man könn­te eini­ge Din­ge ändern, die zur Ver­hei­lung eini­ger Wun­den bei­tra­gen könn­ten. Dazu gehört, dass respekt­voll über den Osten geschrie­ben wird, ja, dass die Men­schen dort über­haupt als sol­che wahr­ge­nom­men wer­den. Ich habe in mei­nem Blog eini­ge Fäl­le dis­ku­tiert, in denen West-Autoren und ‑Wis­sen­schaft­ler über den Osten reden, als wäre er nicht Teil des Lan­des. Und das in Arti­keln, die einen posi­ti­ven Bei­trag zur Ost-West-Debat­te leis­ten wol­len. Ich kämp­fe dafür, dass für die­se Pro­ble­me über­haupt erst mal ein Bewusst­sein ent­steht. Das ist drin­gend not­wen­dig, denn ein ver­nünf­ti­ges Mit­ein­an­der ist auch ein Betrag im Kampf gegen den Faschis­mus. In der taz schreibt Georg Seeß­len: „Die Men­schen, die einem Maxi­mi­li­an Krah zuju­beln, […] trotz der Nach­rich­ten über die­sen Mann, müs­sen einen fun­da­men­ta­len Bruch voll­zo­gen haben.“ Der Punkt hier ist: Die­se Men­schen wur­den von den rele­van­ten Nach­rich­ten wahr­schein­lich nicht erreicht, denn sie sind nicht mehr Teil des gesell­schaft­li­chen Dis­kur­ses. 2021 schrieb Anne Fromm in der taz: „2,5 Pro­zent ihrer Gesamt­auf­la­ge ver­kauft die Süd­deut­sche Zei­tung in den Neu­en Bun­des­län­dern. 3,4 Pro­zent sind es bei der FAZ, etwa 4 Pro­zent beim Spie­gel. Bei der taz sind es, das steht nicht in der Stu­die, rund 6 Pro­zent. […] Die Ost­deut­schen lesen also kei­ne Zei­tun­gen, zumin­dest kei­ne über­re­gio­na­len mit Sitz in der alten BRD.“ War­um soll ich Geld für Druckerzeug­nis­se bezah­len, in denen dau­ernd merk­wür­di­ge Din­ge über mich ste­hen? Ich möch­te, dass es wie­der einen Dis­kurs gibt. Dass wir mit­ein­an­der reden, nicht über­ein­an­der. Ich bin also kein Spal­ter. Ich kämp­fe für ein Mit­ein­an­der, eine Eini­gung, für die deut­sche Ein­heit! Wer hät­te das 1989 gedacht?

Quellen

Beer, Maxi­mi­li­an & Hol­ler­sen, Wieb­ke. 2023. „Es hat eher wenig mit der DDR zu tun“: For­scher über Rechts­extre­mis­mus in Ost­deutsch­land. Ber­li­ner Zei­tung. 08.07.2023. (https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/die-these-vom-rechtsruck-ist-unsinn-forscher-ueber-ostdeutschland-extremismus-und-afd-li.366563)

Fromm, Anne. 2021. Pres­se in Ost­deutsch­land: Wer strei­chelt unse­re See­le? taz, 09.03.2021. Ber­lin. (https://taz.de/Presse-in-Ostdeutschland/!5756271/)

Höynck, The­re­sia & Behn­sen, Mira & Zäh­rin­ger, Ulri­ke. 2015. Tötungs­de­lik­te an Kin­dern unter 6 Jah­ren in Deutsch­land: Eine kri­mi­no­lo­gi­sche Unter­su­chung anhand von Straf­ver­fah­rens­ak­ten (1997–2006). Wies­ba­den: Sprin­ger. (https://doi.org/10.1007/978–3‑658–07587‑3)

Kar­te, Uwe. 2023. Doping und Dich­tung – Das schwie­ri­ge Erbe des DDR-Sports. mdr. 21.01.2023 (https://www.youtube.com/watch?v=FUInTLwH4fI)

MDR Haupt­re­dak­ti­on Sport. 2023. MDR-Doku­men­ta­ti­on „Doping und Dich­tung“ Fak­ten­check. Leip­zig.

Teuw­sen, Peer. 2023. Ver­heim­lich­te Nähe. Neue Züri­cher Zei­tung. 30.09.2023. (https://www.nzz.ch/feuilleton/anne-rabe-verheimlichte-naehe-ld.1782626)

Anne Rabe – Leserbriefe

Ich habe vie­le, vie­le Reak­tio­nen zu mei­nem Arti­kel über Anne Rabes Buch in der Ber­li­ner Zei­tung bekom­men: Leser­brie­fe über die BLZ, Emails direkt an mich, Brie­fe und Post-Kar­ten, Anru­fe, Hin­wei­se auf Bücher mit eige­nen Bio­gra­fien, ja sogar ein Päck­chen mit einem sol­chen Buch. Eine Zuschrift war eine Inter­view­an­fra­ge eines Ham­bur­ger Radio-Sen­ders. Das Inter­view in „Hei­ße Tas­se“ hat inzwi­schen statt­ge­fun­den und ist auch Bestand­teil mei­nes Blogs gewor­den. Ins­ge­samt waren von den Zuschrif­ten 30 posi­tiv und sechs in ein­zel­nen Punk­ten kri­tisch oder ins­ge­samt nega­tiv (Stand 14.06.2024). Zu den negativen/kritischen möch­te ich hier Stel­lung neh­men. Tei­le posi­ti­ver und nega­ti­ver Brie­fe wur­den in der Ber­li­ner Zei­tung am 01.06.2024 ver­öf­fent­licht. Dazu gibt es eine Ant­wort in der BLZ vom 15.06.2024. Der ursprüng­li­che Ant­wort­text war 17.000 Zei­chen lang und lag somit deut­lich über den 5.000 zur Ver­fü­gung ste­hen­den Zei­chen. Die­ser Text über­lappt sich etwas mit den Ant­wor­ten hier.

Saarbrücken ist nicht Neunkirchen

Auf Mast­o­don und von einem Leser wur­de ich dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Erich Hon­ecker nicht in Saar­brü­cken son­dern in Neun­kir­chen gebo­ren ist. Die­ser Feh­ler tut mir Leid. Er war im ursprüng­li­chen Blog­post nicht ent­hal­ten und mei­ne Erin­ne­rung hat mich wohl der Poin­te wegen beim Schrei­ben des Arti­kels getäuscht. Da ich den gedruck­ten Arti­kel in der Ber­li­ner Zei­tung nicht mehr ändern kann, wer­de ich den Hon­ecker-Ein­trag in der Wiki­pe­dia ändern. (Das war ein Scherz, der zum nächs­ten Abschnitt überleitet.)

Wikipedia ist keine wissenschaftliche Quelle

Mehr­fach kam der Ein­wand, dass Wiki­pe­dia kei­ne wis­sen­schaft­li­che Quel­le ist. Das ist mir durch­aus bewusst. Ich bil­de Student*innen im wis­sen­schaft­li­chen Arbei­ten aus (sie­he hier mei­ne Richt­li­ni­en für Haus­ar­bei­ten). In der Online-Ver­si­on des Arti­kels sind die wis­sen­schaft­li­chen Quel­len zitiert. Im Druck-Arti­kel war dafür kein Platz, aber am Ende des Arti­kels gibt es einen Ver­weis auf die Online-Ver­si­on.

Wiki­pe­dia ist auch für Wissenschaftler*innen ein ers­ter Anlauf­punkt. Man kann dort nach­le­sen und dann die dort zitier­te Fach­li­te­ra­tur kon­sul­tie­ren. Im Fall der Amok­läu­fe und der Kinds­tö­tun­gen habe ich das getan. Der Ver­weis auf Wiki­pe­dia im BLZ-Arti­kel und hier im Blog-Post hat­te den Sinn zu zei­gen, wie ein­fach es gewe­sen wäre, einen Start­punkt für wei­te­re Recher­chen zu fin­den. Weder Anne Rabe noch irgendeine*r der Buchpreis-Juror*innen oder Rezensent*innen (Aus­nah­me Wieb­ke Hol­ler­sen) hat das getan. Ich zitie­re hier mei­nen Artikel:

Zusam­men­fas­send kann man sagen, dass Anne Rabes Buch an vie­len wich­ti­gen Stel­len gra­vie­ren­de Feh­ler ent­hält, die oft­mals durch nur einen Klick in die ent­spre­chen­den Wiki­pe­dia-Arti­kel oder einen zwei­ten Klick in die dort ver­link­te Fach­li­te­ra­tur als sol­che erkannt wer­den können.

Ein wei­te­rer Grund, Wiki­pe­dia in bestimm­ten Situa­tio­nen zu ver­wen­den, ist, dass Argu­men­ta­tio­nen nach­voll­zieh­bar sein sol­len. Die ver­link­ten Doku­men­te müs­sen dazu zugäng­lich sein. Das ist bei Fach­pu­bli­ka­tio­nen lei­der immer noch nicht der Fall. Eine Zusam­men­stel­lung der Fak­ten über die Wehr­sport­grup­pe Hoff­mann wäre zum Bei­spiel nicht zu leis­ten. Ich müss­te dazu im Prin­zip Wiki­pe­dia replizieren.

Absolute und relative Zahlen

Ein Pro­fes­sor schreibt mir:

Wenn Herr Pro­fes­sor Mül­ler so stark auf die Rich­tig­keit der Fak­ten abstellt, was die Aus­sa­gen von Frau Rabe in Ihrem Buch „Die Mög­lich­keit von Glück“ angeht, so ist das nicht zu bean­stan­den. Es stimmt mich aber bedenk­lich — und das stellt dann auch den gan­zen Arti­kel in Fra­ge — wenn die Aus­sa­gen der Autorin bewusst (?) nicht rich­tig inter­pre­tiert wer­den. Wenn im Jah­re 2006 im Wes­ten 48 und im Osten 34 Kinds­tö­tun­gen erfolg­ten, dann kann man nicht ein­fach sagen, dass dies 29% weni­ger Tötun­gen im Osten waren als im Wes­ten. Wer die­se Zah­len näm­lich ins Ver­hält­nis zum Bevöl­ke­rungs­an­teil setzt, der stellt fest, dass 2006 4x mehr West­deut­sche als Ost­deut­sche in Deutsch­land leb­ten. Wenn ich die Zahl 48 mit 4 mul­ti­pli­zie­re, dann ist das Ergeb­nis 192. Die Aus­sa­ge von Frau Rabe — rich­tig inter­pre­tiert — fällt sogar noch güns­tig für die Ost­deut­schen aus. 

Herr Pro­fes­sor Mül­ler: Wenn man so anspruchs­voll daher­kommt, soll­te man sich schon etwas mehr Mühe geben.

Leser­brief OL

Die­se Aus­sa­ge ent­hält die Unter­stel­lung, ich hät­te die Autorin bewusst fehl­in­ter­pre­tiert. Hier ist die zitier­te Stel­le aus mei­nem BLZ-Artikel:

Als letz­ten Punkt möch­te ich die Kinds­tö­tun­gen anspre­chen. Anne Rabe behaup­tet in ihrem Nicht-Sach­buch, dass die Zahl der Kinds­tö­tun­gen in den 90er- und 2000er-Jah­ren im Osten dop­pelt so hoch war wie im Wes­ten und im Jahr 2006 auf das Vier­fa­che anstieg. Schaut man in Stu­di­en zur Poli­zei­li­chen Kri­mi­nal­sta­tis­tik (PKS) die­ser Jah­re, stellt man fest, dass die Fall­zah­len ins­ge­samt so klein sind, dass man kei­ne sta­tis­tisch rele­van­ten Aus­sa­gen machen kann. 

Außer­dem wei­sen die Autorin­nen dar­auf hin, dass die Fäl­le mit dem Jahr der Erfas­sung in die PKS ein­ge­hen. Das war für die neun Kinds­tö­tun­gen, die in Frank­furt (Oder) zwi­schen 1988 und 1999 statt­fan­den, das Jahr 2006. Dadurch ist der extre­me Anstieg von 2006 zu erklä­ren, denn die Fall­zah­len ins­ge­samt sind sehr klein. Zu guter Letzt ist die Aus­sa­ge von Anne Rabe, die Zahl der Kinds­tö­tun­gen sei im Osten dop­pelt so hoch wie im Wes­ten gewe­sen, schlicht falsch. Wenn dem so wäre, wäre das wirk­lich extrem, denn im Osten gibt es viel weni­ger Men­schen und viel gerin­ge­re Gebur­ten­ra­ten als im Westen.

Die abso­lu­ten Zah­len für 2006 betra­gen 48 tote Kin­der für West­deutsch­land und 34 für Ost­deutsch­land – das sind 29 Pro­zent weni­ger. Wenn die abso­lu­ten Zah­len im Osten vier­mal so groß wie im Wes­ten gewe­sen wären, hät­ten es 192 statt 34 Kinds­tö­tun­gen sein müssen.

Die Kri­tik des Lesers ist sehr merk­wür­dig, denn ich habe im Satz vor den abso­lu­ten Zah­len geschrie­ben, dass es im Osten viel weni­ger Men­schen und viel nied­ri­ge­re Geburts­ra­ten gibt als im Wes­ten und dass man, wenn man die abso­lu­ten Zah­len betrach­ten wür­de, nicht auf eine um den Fak­tor vier höhe­re Tötungs­zahl kom­men könn­te. Im von mir ein­ge­reich­ten Bei­trag stand auch noch ein Satz zur Ermitt­lung der Opfer­zif­fern (OZ). Rele­vant sind die Kinds­tö­tun­gen pro 100.000 Men­schen im rele­van­ten Alter (Kin­der unter sechs Jahren). 

Lei­der ist die­ser Satz im Redak­ti­ons­pro­zess ver­lo­ren gegan­gen, was mir nicht auf­ge­fal­len ist. Ich hät­te den gan­zen Absatz noch ein­mal sorg­fäl­tig lesen müs­sen. Jetzt steht fol­gen­des in der Online-Version:

Die abso­lu­ten Zah­len für 2006 sind für West­deutsch­land 48 und für Ost­deutsch­land 34. Was unter­sucht wur­de, ist die Anzahl der Kinds­tö­tun­gen pro 100.000 Kin­dern unter sechs Jahren. 

Im Ori­gi­nal-Blog­post zum The­ma ist das rich­tig. Hier noch ein­mal die Gra­fik aus der Poli­zei­sta­tis­tik mit den rela­ti­ven und abso­lu­ten Zahlen:

Man sieht sehr schön, dass die rela­ti­ven Zah­len (West 1,28 vs. Ost 5,76) sich anders ver­hal­ten als die abso­lu­ten (48 vs. 34). Die rela­ti­ven Zah­len sind in der Tat um den Fak­tor vier höher, die abso­lu­ten Zah­len sind aber um 29 % niedriger.

Wer spricht?

Leser Rein­hard Brett­schnei­der schreibt:

Sehr geehr­ter Herr Mül­ler, lie­be Ber­li­ner Zei­tung, es ist sehr gut, dass die Ber­li­ner Zei­tung so viel­fäl­tig und frei Men­schen ihre Mei­nung schrei­ben lässt. Ich fin­de es super, Herr Mül­ler, dass Sie die­sen Frei­raum nut­zen. Ich bin froh, dass ich, sei­ner­zeit 29 Jah­re alt, mit dem Ende der DDR die­se Frei­hei­ten auch dort erle­ben konn­te.

Ich fin­de mich in Ihren Arti­kel in kei­ner Wei­se wie­der. Für mich ein Arti­kel mehr, der Spal­tung zwi­schen Ost und West erhal­ten will. Und ich per­sön­lich bin sehr froh, dass ich sowohl per­sön­lich als auch beruf­lich die­sen Spal­ter­geist nicht erle­be.

Eine Sache hat mich beson­ders irri­tiert. Gleich am Anfang schlie­ßen Sie
2 Grup­pen aus dem Dis­kurs aus und Ihre Begrün­dun­gen klin­gen für mich wie „nied­ri­ge Beweg­grün­de“ mit denen bei­de Grup­pe, ihre Mei­nung zur DDR bil­den.. Wenn ich ehe­ma­li­ge Oppo­si­tio­nel­le in Medi­en oder anders­wo erle­be, so haben sie sehr unter­schied­li­che und dif­fe­ren­zier­te Mei­nun­gen.
Zu der ande­ren Grup­pe hat­te und habe ich zu wenig Kon­takt.

Ich bin Phy­si­ker und des­halb etwas zah­len­af­fin. Herr Mül­ler, Sie haben voll­kom­men recht, dass Frau Rabe falsch liegt, wenn sie behaup­tet hat, dass die abso­lu­te Zahl der Kinds­tö­tun­gen in in den neu­en Bun­des­län­dern über den der alten Län­der lag. Ich ken­ne das Ori­gi­nal­zi­tat von Frau Rabe nicht, aber üblich sind in sol­chen Fäl­len für Ver­glei­che natür­lich rela­ti­ve Zah­len.
Gro­be Zah­len zum ein­fa­chen Rech­nen: Neue Län­der ca. 14 Mio (inkl. 1,4 Mio Ber­lin), alte Län­der 70 Mio., 25 (=34–9 wegen des Son­der­ef­fekts) vs.
48 macht einen Anteil von 1,8 pro Mio Ein­woh­ner gegen 0,7 pro 1 Mio. Das ist etwa das 2,5 fache. Das ist schon eine deut­li­che Kor­re­la­ti­on, ins­be­son­de­re wenn es über einen lan­gen Zeit­raum so war. Kor­re­la­ti­on ist kei­ne Kau­sa­li­tät. Und ich ver­mu­te, dass die abso­lu­te Zahl (zum Glück) so klein ist, dass die gewiss viel­fäl­ti­gen Ursa­chen nicht wis­sen­schaft­lich erforscht wer­den.

Lie­be Ber­li­ner Zei­tung, auch wenn Sie für die OS-Arti­kel inhalt­li­che Ver­ant­wor­tung aus­schlie­ßen, wäre ein Fak­ten­check bei einem Arti­kel, der sich auf Fak­ten beruft, viel­leicht doch angebracht.

Leser­brief Rein­hard Brettschneider

Hier die ein­zel­nen Punk­te kommentiert:

Für mich ein Arti­kel mehr, der Spal­tung zwi­schen Ost und West erhal­ten will. Und ich per­sön­lich bin sehr froh, dass ich sowohl per­sön­lich als auch beruf­lich die­sen Spal­ter­geist nicht erlebe.

Leser­brief Rein­hard Brettschneider

Sehr geehr­ter Herr Brett­schnei­der, ein ers­ter Bei­trag zur Hei­lung wäre ein ange­mes­se­ne Wahr­neh­mung der Tat­sa­chen, eine fai­re Bericht­erstat­tung in den Medi­en. Die­se ist nicht gege­ben, wes­halb ich die­sen Blog betrei­be. Ich erle­be die­sen Spal­ter­geist auch weder beruf­lich noch per­sön­lich. Wir hat­ten gera­de eine pri­va­te Par­ty mit ca. 70 Men­schen, bei denen wahr­schein­lich 80 Pro­zent aus dem Wes­ten waren. Wir waren mit Fami­li­en aus dem Wes­ten im Urlaub usw. In mei­nem Umfeld an der Hum­boldt-Uni kom­me ich prims­tens mit allen aus. Eini­ge mei­ner Kolleg*innen haben mich auch auf den Arti­kel ange­spro­chen. Posi­tiv. Die Spal­tung ist real. Gera­de auch bei Pro­fes­su­ren zeigt sie sich. Ich bin an unse­rem Insti­tut an einer Ost-Uni der ein­zi­ge Ossi von neun Pro­fes­su­ren. Von 22 Jura-Professor*innen sind zwei aus dem Osten. Ich habe in Ich will was sagen über mei­ne Ent­wick­lung zum Ossi und die Grün­de für die­sen Blog geschrie­ben. Spal­tung liegt mir fern. Wis­sen­schaft geht auch ohne­hin nur gemein­sam. Ich habe lan­ge Jah­re in Saar­brü­cken, Bre­men, in Jena und auch an der FU-Ber­lin gear­bei­tet. Aus­schließ­lich mit West-Professor*innen. Ich bin auch ins DFG-Fach­kol­le­gi­um gewählt wor­den. Das Fach­kol­le­gi­um ver­gibt die For­schungs­mit­tel, die Wissenschaftler*innen bean­tra­gen kön­nen. Wäh­len dür­fen alle im betref­fen­den Fach Pro­mo­vier­ten. Auch dort war ich der ein­zi­ge Ossi. Ich habe als Ossi im beruf­li­chen Umfeld kei­ner­lei Pro­ble­me. Ich möch­te hier auf Miss­stän­de hin­wei­sen und die Spal­tung über­win­den. Dazu ist es wich­tig, dass ten­den­ziö­ser Bericht­erstat­tung etwas ent­ge­gen­ge­stellt wird. 

Eine Sache hat mich beson­ders irri­tiert. Gleich am Anfang schlie­ßen Sie
2 Grup­pen aus dem Dis­kurs aus und Ihre Begrün­dun­gen klin­gen für mich wie „nied­ri­ge Beweg­grün­de“ mit denen bei­de Grup­pe, ihre Mei­nung zur DDR bil­den.. Wenn ich ehe­ma­li­ge Oppo­si­tio­nel­le in Medi­en oder anders­wo erle­be, so haben sie sehr unter­schied­li­che und dif­fe­ren­zier­te Mei­nun­gen.
Zu der ande­ren Grup­pe hat­te und habe ich zu wenig Kontakt.

Leser­brief Rein­hard Brettschneider

Ich habe zu die­sem Punkt in einem Blog-Post über einen Arti­kel von Patri­ce Pou­trus geschrie­ben. Ad homi­nem-Argu­men­te sind immer schwach, in bestimm­ten Dis­kus­sio­nen sogar schlecht, eine Form von What­a­bou­tism. Aber in der aktu­el­len Situa­ti­on ist es schon wich­tig zu schau­en, wer spricht. Mir geht es um extre­me Ansich­ten. Es gibt His­to­ri­ker oder ande­re Autor*innen, die kein gutes Haar an der DDR las­sen und eben auch fak­tisch Fal­sches oder logisch Unhalt­ba­res von sich geben. Und man fragt sich dann, war­um sie das tun. Patri­ce Pou­trus war in der DDR haupt­amt­li­cher FDJ-Sekre­tär. Er hat vor der Wen­de ange­fan­gen Geschich­te zu stu­die­ren. Das waren nur die rötes­ten Socken. Genau­so kommt Ines Gei­pel aus einem Eltern­haus mit Sta­si-IM, der für Ter­ror­an­schlä­ge auf dem Gebiet der BRD zustän­dig war. Kaha­ne ist die Toch­ter eines füh­ren­den DDR-Jour­na­lis­ten. Die­se Men­schen haben sich irgend­wann von ihrer Ver­gan­gen­heit gelöst, sind dabei aber über das Ziel hin­aus­ge­schos­sen. Sie sind kei­ne ver­läss­li­chen his­to­ri­schen Zeit­zeu­gen, so wie Anne Rabe auch kei­ne ver­läss­li­che Quel­le in Bezug auf die DDR ist. Der Abschnitt mit der Selbst­vor­stel­lung in der Ber­li­ner Zei­tung ist – gemes­sen an dem, was ich hät­te auch noch sagen wol­len und müs­sen – viel­leicht etwas zu lang gera­ten. Er war nötig, um zu zei­gen, dass ich kein „Im Osten war alles dufte“-Mensch bin, kein Ost­al­gi­ker und kein Jam­mer-Ossi (ein Begriff zur pau­scha­len Zurück­wei­sung aller Klagen).

Übri­gens war ich beim taz-Lab mit zwei Ost­le­rin­nen, die bei­de in der Jun­gen Gemein­de waren. Eine der bei­den ist in der zehn­ten Klas­se aus poli­ti­schen Grün­den von der Schu­le geflo­gen. Sie hat einen Aus­rei­se­an­trag gestellt und durf­te zwei Wochen vor Mau­er­öff­nung in den Wes­ten aus­rei­sen. Wir fan­den es alle drei kuri­os, dass jetzt die Dissident*innen die DDR ver­tei­di­gen müs­sen. Also: Es gibt immer sone und sol­che. Ich ver­su­che, ein dif­fe­ren­zier­tes Bild von der DDR zu zeichnen.

Ich bin Phy­si­ker und des­halb etwas zah­len­af­fin. Herr Mül­ler, Sie haben voll­kom­men recht, dass Frau Rabe falsch liegt, wenn sie behaup­tet hat, dass die abso­lu­te Zahl der Kinds­tö­tun­gen in in den neu­en Bun­des­län­dern über den der alten Län­der lag. Ich ken­ne das Ori­gi­nal­zi­tat von Frau Rabe nicht, aber üblich sind in sol­chen Fäl­len für Ver­glei­che natür­lich rela­ti­ve Zah­len.
Gro­be Zah­len zum ein­fa­chen Rech­nen: Neue Län­der ca. 14 Mio (inkl. 1,4 Mio Ber­lin), alte Län­der 70 Mio., 25 (=34–9 wegen des Son­der­ef­fekts) vs.
48 macht einen Anteil von 1,8 pro Mio Ein­woh­ner gegen 0,7 pro 1 Mio. Das ist etwa das 2,5 fache. Das ist schon eine deut­li­che Kor­re­la­ti­on, ins­be­son­de­re wenn es über einen lan­gen Zeit­raum so war. Kor­re­la­ti­on ist kei­ne Kau­sa­li­tät. Und ich ver­mu­te, dass die abso­lu­te Zahl (zum Glück) so klein ist, dass die gewiss viel­fäl­ti­gen Ursa­chen nicht wis­sen­schaft­lich erforscht wer­den.

Lie­be Ber­li­ner Zei­tung, auch wenn Sie für die OS-Arti­kel inhalt­li­che Ver­ant­wor­tung aus­schlie­ßen, wäre ein Fak­ten­check bei einem Arti­kel, der sich auf Fak­ten beruft, viel­leicht doch angebracht.

Leser­brief Rein­hard Brettschneider

Lie­ber Herr Brett­schnei­der, ich habe ange­fan­gen, Mathe­ma­tik zu stu­die­ren, dann – als es den Fach­be­reich gab – zu Infor­ma­tik gewech­selt und in Infor­ma­tik pro­mo­viert. Ich bin auch zah­len­af­fin. Im vori­gen Abschnitt habe ich erklärt, was schief gegan­gen ist. Der Satz bezüg­lich der Kinds­tö­tun­gen pro 100.000 Gebur­ten ist dem Ping-Pong mit der zustän­di­gen Redak­teu­rin zum Opfer gefal­len. Sie hat­te ange­merkt, dass mit den abso­lu­ten Zah­len etwas unklar sei, wes­halb ich dann noch ein­ge­fügt hat­te, wie hoch die abso­lu­ten Zah­len sein müss­ten, wenn man Anne Rabes Aus­sa­ge zugrun­de­le­gen wür­de. Hier kön­nen Sie auch sehen, dass die Redak­ti­on durch­aus auch inhalt­lich mit mir an dem Arti­kel gear­bei­tet hat. Die Ver­öf­fent­li­chung wur­de um meh­re­re Wochen ver­zö­gert, weil da noch Din­ge geprüft wur­den. Es wäre übri­gens nicht kor­rekt, wie Sie vor­ge­schla­gen haben, die Bevöl­ke­rungs­grö­ßen zum Ver­gleich her­an­zu­zie­hen. Das kann man sehen, wenn man sich über­legt, was wäre, wenn in den neu­en Bun­des­län­dern in einem Jahr nur ein Kind gebo­ren wür­de. Wenn die­ses dann getö­tet wür­de, wäre die Zahl der getö­te­ten Kin­der pro Ein­woh­ner extrem gering. Die Zahl der Kinds­tö­tun­gen pro Geburt läge aber bei 100%. Was in der Poli­zei­sta­tis­tik also ange­ge­ben wur­de sind die Zahl der Kinds­tö­tun­gen pro 100.000 Gebur­ten. Das wäre ver­gleich­bar, wenn es nicht Pro­ble­me mit Dun­kel- und Hell­feld in der Erfas­sung und das Pro­blem der ins­ge­samt zu nied­ri­gen Fall­zah­len gäbe, die Sie ja auch anspre­chen. Man kann dar­aus abso­lut nichts ablei­ten. Das habe ich im Arti­kel auch geschrieben:

Schaut man in Stu­di­en zur Poli­zei­li­chen Kri­mi­nal­sta­tis­tik (PKS) die­ser Jah­re, stellt man fest, dass die Fall­zah­len ins­ge­samt so klein sind, dass man kei­ne sta­tis­tisch rele­van­ten Aus­sa­gen machen kann.

Die Autorin­nen der zitier­ten Stu­die schrei­ben das auch expli­zit (Höynck, Behn­sen & Zäh­rin­ger. 2015: 337). Sie kön­nen in der Stu­die auch noch wei­te­re pro­ble­ma­ti­sche Aspek­te fin­den. Zum Bei­spiel Auf­nah­me des Falls durch die Poli­zei vs. Ankla­ge vs. Ver­ur­tei­lung. Die PKS lis­tet die Fäl­le erst mal nur aus der Sicht der Poli­zei. Es kann sich dann immer noch her­aus­stel­len, dass die Sach­la­ge anders war. Ich bit­te Sie, noch mei­nen ori­gi­na­len Blog-Post zu dem The­ma Kinds­tö­tun­gen zu lesen. Da sind die Grün­de, war­um man aus der PKS nichts ablei­ten kann, genau erklärt. Lei­der konn­te ich auf der einen Sei­te, die mir zur Ver­fü­gung stand, nicht tie­fer ins Detail gehen.

Kausalität und Faktencheck

Im fol­gen­den Leser­brief geht es um die Tat­sa­che, dass der Faschis­mus im Osten in sei­ner jet­zi­gen Aus­prä­gung nicht ohne den Wes­ten mög­lich gewe­sen wäre. Wie ich im Ori­gi­nal-Arti­kel aus­ge­führt habe, haben die Poli­zei und auch zustän­di­ge Politiker*innen in Ros­tock-Lich­ten­ha­gen mas­siv ver­sagt. Alle betei­lig­ten waren aus dem Wes­ten und trotz Ankün­di­gung der Aus­schrei­tun­gen im Wochen­en­de. Par­tei­struk­tu­ren wur­den von Neo­na­zis auf­ge­baut (Deut­sche Alter­na­ti­ve), rech­te und rechts­extre­me Akti­vi­tä­ten von Gerich­ten und Ver­fas­sungs­schutz geschützt oder gedeckt. Ich gebe hier einen Leser­brief kom­plett wie­der und gehe dann auf Details ein:

Das Lesen des Bei­tra­ges von Herrn Ste­fan Mül­ler hat mich doch etwas ärger­lich gemacht, denn von einem Hoch­schul­leh­rer hät­te ich doch ein wenig mehr erwar­tet. Aber mal im ein­zel­nen: Ich fand den Ton des Bei­tra­ges schon etwas gei­fernd, was eigent­lich unnö­tig ist, denn wenn man jeman­den Feh­ler nach­wei­sen kann, kommt das in sach­li­cher Ton­la­ge durch­aus bes­ser an. Ein Ver­ständ­nis von Kau­sa­li­tät, was ist  Ursa­che und was ist Fol­ge, hat Herr Mül­ler offen­bar auch nicht so recht. Denn zu den Aus­schrei­tun­gen in Ros­tock-Lich­ten­ha­gen schriebt er tri­um­phie­rend: „Die Neo­na­zis aus dem Wes­ten kam am zwei­ten Tag“ – ja, wenn es einen ers­ten Tag, völ­lig ohne Neo­na­zis aus dem Wes­ten nicht gege­ben hät­te, dann hät­te es auch kei­nen zwei­ten Tag geben kön­nen. Der Ver­such ging dann doch in die Hose. Und der Ver­such mit Höcke und Kal­bitz geht dane­ben: „Höcke und Kal­bitz sind aus dem Wes­ten“. Ja, natür­lich, aber da sind sie nichts gewor­den, waren klei­ne Lich­ter, groß sind sie erst im Osten gewor­den. Und ein paar Zei­len spä­ter sieht Herr Mül­ler das dann offen­bar auch selbst ein: „Natür­lich gehört zum Erfolg der Nazis in Ost­deutsch­land das Fuß­volk, das begeis­tert mit­macht“. Ja, natür­lich, ohne Fuß­volk kann man in der Poli­tik gar nichts werden. 

Und dann die Geschich­te mit den „Nazi-Auf­mär­schen“. Dass die Ver­samm­lungs­frei­heit ein hohes Gut ist, ist gera­de erst zum 75. Jubi­lä­um des Grund­ge­set­zes wie­der betont wor­den, und dass es hohe Hür­den gibt, bevor eine Demons­tra­ti­on ver­bo­ten wer­den kann soll­te auch bekannt sein. Dafür die Ver­wal­tungs­rich­ter in Gera zu schel­ten und dann auch noch dar­auf hin­zu­wei­sen, dass alle drei „Wes­sis“ sind, das geht nun wirk­lich an der Sache vor­bei. Es gibt in der Bun­des­re­pu­blik – anders als frü­her in der DDR – eine poli­tisch unab­hän­gi­ge Jus­tiz, die nach Recht und Gesetz zu ent­schei­den hat und nicht nach poli­ti­scher Oppor­tu­ni­tät. Dass das manch­mal schwer aus­zu­hal­ten ist, ver­ste­he ich, zumal der zitier­te Jena­er Bür­ger­meis­ter, der den Auf­marsch ver­bie­ten woll­te, ein Par­tei­freund von mir ist. Aber das gehört lei­der nun mal zu einem frei­heit­li­chen Rechts­staat dazu.

Leser­brief Bern­hard Kavemann

Ich ver­ste­he die Emo­tio­na­li­tät des Leser­brief­schrei­bers. Ich bin auch manch­mal emotional.

Nun zu den Details:

Ein Ver­ständ­nis von Kau­sa­li­tät, was ist  Ursa­che und was ist Fol­ge, hat Herr Mül­ler offen­bar auch nicht so recht. Denn zu den Aus­schrei­tun­gen in Ros­tock-Lich­ten­ha­gen schriebt er tri­um­phie­rend: „Die Neo­na­zis aus dem Wes­ten kam am zwei­ten Tag“ – ja, wenn es einen ers­ten Tag, völ­lig ohne Neo­na­zis aus dem Wes­ten nicht gege­ben hät­te, dann hät­te es auch kei­nen zwei­ten Tag geben können. 

Leser­brief Bern­hard Kavemann

Wer am ers­ten Tag da war, weiß ich nicht. Dar­um geht es auch in dem Bei­trag nicht. Es geht um die Fak­ten bzgl. Ros­tock-Lich­ten­ha­gen und da liegt Anne Rabe falsch. Bit­te lesen Sie auch den Blog-Abschnitt „Nazis aus dem Wes­ten“ zu die­sem The­ma. Man hät­te die­se Aus­schrei­tun­gen sofort unter­bin­den müs­sen. Das ist nicht gesche­hen, weil die Poli­zei­füh­rung und Poli­ti­ker alle­samt zuhau­se waren und der Mob trotz mona­te­lan­ger vor­he­ri­ger Ankün­di­gung unge­hin­dert toben konn­te. Nazi-Ver­bre­chen sind nie kon­se­quent ver­folgt wor­den, wes­halb sich das Pro­blem immer wei­ter zuge­spitzt hat.

Und der Ver­such mit Höcke und Kal­bitz geht dane­ben: „Höcke und Kal­bitz sind aus dem Wes­ten“. Ja, natür­lich, aber da sind sie nichts gewor­den, waren klei­ne Lich­ter, groß sind sie erst im Osten gewor­den. Und ein paar Zei­len spä­ter sieht Herr Mül­ler das dann offen­bar auch selbst ein: „Natür­lich gehört zum Erfolg der Nazis in Ost­deutsch­land das Fuß­volk, das begeis­tert mit­macht“. Ja, natür­lich, ohne Fuß­volk kann man in der Poli­tik gar nichts werden. 

Leser­brief Bern­hard Kavemann

Bit­te lesen Sie die Zusam­men­stel­lung der rechts­extre­men AfD-Politiker*innen und auch der Lan­des­vor­sit­zen­den, die auch aus der Online-Ver­si­on des Arti­kels ver­linkt ist. Da kön­nen Sie sehen, wel­che ande­ren AfD­ler es noch gibt und gab. Sie kön­nen ihre Lebens­läu­fe stu­die­ren und selbst nach­prü­fen, ob aus den jewei­li­gen Per­so­nen im Wes­ten nichts gewor­den ist. Die AfD ist von neo­li­be­ra­len Professor*innen aus dem Wes­ten gegrün­det wor­den. Die­se waren Mit­glie­der der CDU/CSU, der FDP und ja, sogar der SPD. Die Par­tei wur­de nach und nach immer extre­mer. Nicht nur im Osten sind extrem rech­te Politiker*innen am Werk. Die im Wes­ten wer­den auch von ihren Lan­des­ver­bän­den immer wie­der gewählt. Auch trotz Aus­schluss­ver­fah­ren wegen Holo­caust-Leug­nung und so wei­ter. Alles bes­tens ver­linkt. Ich erin­ne­re nur an Dr. Alex­an­der „Wir wer­den sie jagen“ Gau­land, Oberst a. D. Georg Paz­der­ski, Dr. Ali­ce Wei­del, Offi­zier Mar­tin Rei­chardt, Doris von Sayn-Witt­gen­stein, PD Dr. phil. Hans-Tho­mas Till­schnei­der, Dr. Wolf­gang Gede­on. Das sind Men­schen mit hohem Bil­dungs­ni­veau, aus denen im Wes­ten schon was gewor­den war. Der ein­drück­lichs­te Beweis:

Gau­land war von 1973 bis 2013 Mit­glied der CDU. Er war im Lau­fe sei­ner Par­tei­kar­rie­re im Frank­fur­ter Magis­trat und im Bun­des­um­welt­mi­nis­te­ri­um tätig und lei­te­te von 1987 bis 1991 die Hes­si­sche Staats­kanz­lei unter Minis­ter­prä­si­dent Wal­ter Wall­mann, der sein Men­tor war.

Und viel­leicht soll­te man auch den Chef des Bun­des­ver­fas­sung­schut­zes Hans-Georg Maa­ßen erwäh­nen, der durch Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer ins Amt geholt wor­den war und der nun selbst durch sei­ne eige­ne Behör­de beob­ach­tet wird. Wie wird man groß?

Und dann die Geschich­te mit den “Nazi-Auf­mär­schen”. Dass die Ver­samm­lungs­frei­heit ein hohes Gut ist, ist gera­de erst zum 75. Jubi­lä­um des Grund­ge­set­zes wie­der betont wor­den, und dass es hohe Hür­den gibt, bevor eine Demons­tra­ti­on ver­bo­ten wer­den kann soll­te auch bekannt sein. Dafür die Ver­wal­tungs­rich­ter in Gera zu schel­ten und dann auch noch dar­auf hin­zu­wei­sen, dass alle drei „Wes­sis“ sind, das geht nun wirk­lich an der Sache vor­bei. Es gibt in der Bun­des­re­pu­blik – anders als frü­her in der DDR – eine poli­tisch unab­hän­gi­ge Jus­tiz, die nach Recht und Gesetz zu ent­schei­den hat und nicht nach poli­ti­scher Oppor­tu­ni­tät. Dass das manch­mal schwer aus­zu­hal­ten ist, ver­ste­he ich, zumal der zitier­te Jena­er Bür­ger­meis­ter, der den Auf­marsch ver­bie­ten woll­te, ein Par­tei­freund von mir ist. Aber das gehört lei­der nun mal zu einem frei­heit­li­chen Rechts­staat dazu.

Leser­brief Bern­hard Kavemann

Bit­te lesen Sie den auch ver­link­ten Arti­kel über die drei Rich­ter in der taz. Wenn man sich anguckt, wie ihre Urtei­le im Ver­gleich zum Bun­des­ge­biet aus­fal­len, ist klar, wer da sitzt. 

In Jena durf­te die NPD Mär­sche im Geden­ken an die Reichs­po­grom­nacht und an den Tod von Hit­ler­stell­ver­tre­ter Rudolf Heß durch­füh­ren. Die Neo­na­zi-Grup­pe „Thügida/Wir lie­ben Ost­thü­rin­gen“ durf­te Hit­lers Geburts­tag am 20. April 2016 mit einem Fackel­zug in Jena fei­ern. Das Gericht kas­sier­te dabei immer wie­der zuvor ver­häng­te Ver­samm­lungs­ver­bo­te des dama­li­gen SPD-Ober­bür­ger­meis­ters Albrecht Schröter.

Wag­ner, Joa­chim. 2024. AfD-nahe Jus­tiz: Die rech­ten Rich­ter von Gera. taz. Ber­lin.

Ist das von der Ver­samm­lungs­frei­heit gedeckt? Freu­den­mär­sche zur Reichs­pro­grom­nacht? Fei­ern zu Hit­lers Geburts­tag? Wirk­lich? Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt sah das bezüg­lich Heß-Auf­mär­schen in Wun­sie­del anders:

Der erwei­ter­te Para­graf 130 stel­le tat­säch­lich einen Ein­griff in die Mei­nungs­frei­heit dar, urteil­ten jetzt die Leip­zi­ger Rich­ter. Die­ser sei jedoch gerecht­fer­tigt, weil es dem Schutz des öffent­li­chen Frie­dens und der Men­schen­wür­de der Opfer und ihrer Nach­kom­men die­ne. Der ver­bo­te­ne Auf­marsch in Wun­sie­del hät­te laut Urteil den öffent­li­chen Frie­den gestört. Er hät­te weit über die Stadt hin­aus Beach­tung gefun­den und ins­be­son­de­re bei Opfern des NS-Regimes die ver­ständ­li­che Furcht aus­ge­löst vor der gefähr­li­chen Aus­brei­tung des Gedan­ken­guts der Neo­na­zis, hieß es.

Erleich­tert reagier­te Wun­sie­dels Bür­ger­meis­ter Karl-Wil­li Beck (CSU): “Wir sind wirk­lich sehr froh. Damit ist ein gewich­ti­ger Kelch an uns vor­über gegan­gen.” Die Ent­schei­dung sei jedoch nicht nur für die Kom­mu­ne von gro­ßer Bedeu­tung, son­dern bundesweit.

“Wir freu­en uns, dass der Spuk im August been­det ist”, sag­te Wun­sie­dels Land­rat, Karl Döh­ler (CSU). Die Rich­ter hät­ten sei­ne Behör­de auf der gesam­ten Linie bestä­tigt. Bay­erns Minis­ter­prä­si­dent Gün­ter Beck­stein (CSU) sprach von einem “guten Tag für den Rechts­staat”. Die Ent­schei­dung stär­ke die­sen gegen Verfassungsfeinde.

dpa. 2019. Ver­schärf­tes Ver­samm­lungs­recht bestä­tigt. Frank­fur­ter Rund­schau. Frankfurt/Main.

Auch zu ande­ren Gele­gen­hei­ten wur­den NPD-Demos ver­bo­ten. Ich habe im fol­gen­den nur Fäl­le auf­ge­führt, bei denen kei­ne beson­de­ren Ver­bots­grün­de (Coro­na-Infek­ti­ons­schutz­maß­nah­men, poli­zei­li­che Über­las­tung am 1. Mai usw.) ange­führt wurden:

Rechts­extre­mis­ti­sche Auf­zü­ge an geschichts­träch­ti­gen Orten und Gedenk­ta­gen sind künf­tig leich­ter zu ver­bie­ten. Laut einer Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts muss einer zuerst ange­mel­de­ten Demons­tra­ti­on nicht zwin­gend Vor­rang gewährt werden.

Der Spie­gel. 2005. Karls­ru­he erleich­tert Ver­bot von NPD-Demos. Der Spie­gel. Hamburg.10.06.2005

Das deut­sche Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVG) in Karls­ru­he hat die für Sams­tag geplan­te Demons­tra­ti­on der rechts­extre­men NPD (Natio­nal­de­mo­kra­ti­sche Par­tei Deutsch­lands) in Ber­lin end­gül­tig ver­bo­ten. Das teil­te ein Spre­cher der Ber­li­ner Poli­zei mit. Das Gericht wies in letz­ter Instanz eine Beschwer­de der Par­tei gegen das poli­zei­li­che Ver­bot des Auf­mar­sches zurück und bestä­tig­te damit eine ent­spre­chen­de Ent­schei­dung der Vorinstanzen.

Zuvor hat­ten bereits das Ver­wal­tungs­ge­richt (VG) und das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt (OVG) Ber­lin das Ver­bot bestä­tigt. In den Vor­in­stan­zen hat­ten die Gerich­te das Ver­bot der Demons­tra­ti­on damit begrün­det, dass bei dem Auf­marsch mit Straf­ta­ten wie Volks­ver­het­zung zu rech­nen sei. Zudem zie­le das Mot­to der gegen isla­mi­sche Zen­tren in der Stadt gerich­te­ten Demons­tra­ti­on — “Ber­lin bleibt deutsch” — dar­auf ab, Feind­se­lig­kei­ten gegen mos­le­mi­sche Bür­ger und ins­be­son­de­re gegen Tür­ken zu schü­ren. Die Ver­an­stal­ter hat­ten rund tau­send Teil­neh­mer erwartet.

Der Stan­dard. 2004. Ver­fas­sungs­ge­richt bestä­tigt Ver­bot von NPD-Demons­tra­ti­on. Der Stan­dard. 26.09.2004

Es scho­ckiert mich, dass ein SPD­ler im Eil­ent­scheid auf­ge­ho­be­ne Ver­bo­te von NPD-Demos zum Hit­ler­ge­burts­tag nor­mal fin­det, wäh­rend sogar CSU­ler für ein Ver­bot von Demos am Todes­tag von Hit­lers Stell­ver­tre­ter gefoch­ten haben und erleich­tert sind, dass der Spuk vor­bei ist. 

Herr Kave­mann, Mit­glie­der mei­ner Fami­lie haben im KZ geses­sen (sie­he Blog-Post zur Kol­lek­tiv­schuld bei Anne Rabe) oder sind gera­de noch so einer Ver­haf­tung ent­gan­gen (aus bei­den Tei­len der Fami­lie). Sie waren alle in Ihrer Par­tei bzw. deren Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on SAJ. Und Sie schrei­ben mir, dass es schon ok ist, dass eine ver­fas­sungs­feind­li­che Orga­ni­sa­ti­on am Hit­ler­ge­burts­tag mit Fackeln durch die Stadt zieht?

Wie die Zita­te oben zei­gen, gibt es Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten. Die rech­ten Rich­ter hät­ten also anders ent­schei­den kön­nen. Und selbst wenn dem nicht so wäre: Die Rich­ter spre­chen unser Recht. Wir kön­nen es ändern. Wir könn­ten dafür sor­gen, dass sol­che Auf­mär­sche ver­bo­ten wären, so wie es für Wun­sie­del ja auch getan wur­de. Wenn so eine Rechts­an­pas­sung für Ver­bo­te von NPD-Auf­mär­schen nötig wäre, so müss­te das von den zustän­di­gen Stel­len umge­setzt wer­den, die haupt­säch­lich mit West-Jurist*innen besetzt sind. Wir sind also wie­der da gelan­det, wo wir ange­fan­gen haben: Das gan­ze Land hat ein Pro­blem und an den Posi­tio­nen, wo man etwas tun kann, sit­zen über­wie­gend Westler.

Jammer-Ossi

Brief aus Rostock.

ich,  „Wes­si“ lebe und arbei­te in Rostock. 

Ich lebe hier ger­ne und bin die­ses Ost- West ziem­lich müde.

Was mich an die­sem (lei­der pseu­do- wis­sen­schaft­li­chen) Arti­kel mas­siv stört, ist das was ich hier so oft höre.

Die man­geln­de Über­nah­me der Eigen­ver­ant­wor­tung. Man war ja doch nur Opfer, man bekam etwas über­ge­stülpt, es gibt doch einen gro­ßen Wes­si Plan hin­ter allem, dahin­ter ste­cken doch ame­ri­ka­ni­sche Mulits und „es gab auch sehr viel Gutes in der DDR“..  das Soft­eis und der Ori­gi­nal DDR Eierlikör… 

Ich kann’s nicht mehr hören! 

1. Es gab und gibt vie­le “Ossi” die Gewin­ner sind. Ros­tock ist voll von gut situ­ier­ten gebür­ti­gen Ros­to­ckern, auch  die ehe­ma­li­gen LPG Vor­sit­zen­den im Land­kreis haben sich gut bedient.

2. Zur Wahr­heit gehört auch: MV ist das Bun­des­land mit der höchs­ten Alko­ho­li­ker­quo­te, der höchs­ten Schul­ab­bre­cher Quo­te, die höchs­te Rate an Dia­be­ti­kern,… ( Ich arbei­te im Gesund­heits­we­sen…). Das ist jetzt mal kein Wes­si Ding aus, denn das war zu Zei­ten der DDR nicht anders- nur bes­ser vertuscht. 

3. Fragt man nach Bewei­sen, wo genau die Wes­si über­all hin­ter ste­cken… Kommt nix! Auch mit den ame­ri­ka­ni­schen Mul­tis… Nix.

Was für eine beque­me mär 

4. Unwis­sen­schaft­lich: In MV (dar­über weiß ich inzwi­schen gut Bescheid — auch über Lich­ten­ha­gen) leben 1.7 Mio. Men­schen. Ten­denz stei­gend — lei­der nur durch Zuzug 65+ Men­schen aus dem Westen). 

Wenn man schon Zah­len ver­gleicht, Herr Pro­fes­sor, dann soll­te die Bezugs­ba­sis stim­men. 1.7 Mio Men­schen leben allei­ne in der Regi­on Han­no­ver mit Braun­schweig, da kom­me ich ursprüng­lich her.

Es nervt total, dass sich die „Ossis“ sel­ber ger­ne schön rechnen.…dann braucht man ja nicht ins Han­deln zu kommen.

Wiki­pe­dia ist übri­gens kei­ne akzep­tier­te Quel­le… Eher hier zur Ver­dum­mung des Lesers genutzt.

Auch das die lini­en­treu­en Rich­ter, Poli­zis­ten, sprich der Kader, initi­al durch Wes­sis aus­ge­tauscht wur­de, ist jetzt kein Geheim­nis und war auch rich­tig – oder soll­ten die SED­ler wei­ter machen? Mein Onkel gehör­te zum Kader auch dazu – und ist noch heu­te so was von lini­en­treu… wür­de  alles zurück­dre­hen. Echt unerträglich!

Es gibt hier (in MV) echt vie­le Pro­ble­me – genau­so wie im Westen.

Mit dem Unter­schied, daß sich dort nie­mand mit Wen­de, die Wes­sis, … raus­re­den kann. 

Und die­ses Nar­ra­tiv soll­te jetzt hier end­lich auch mal aufhören. 

Es gibt vie­le Ros­to­cker die anpa­cken, die gestalten. 

Es gibt aber auch vie­le, die genau so einen Arti­kel nut­zen um sich ent­spannt zurück zu leh­nen, als Opfer rum­stöh­nen, anstatt sich der eige­nen Geschich­te und Ver­ant­wor­tung kri­tisch zu stel­len.  Es gibt ihn schon: den Jam­mer Ossi.

Recht­fer­ti­gen tun sich die Ossis nur dau­ernd vor sich sel­ber… und ver­ge­wis­sern sich, das sie ja nichts machen können. 

Kann das end­lich mal aufhören?!

Leser­brief HR

Ich war mir erst nicht sicher, ob der Vor­stel­lungs­teil, in dem ich über mei­nen Hin­ter­grund geschrie­ben habe, nicht zu lang war. Jetzt bin ich froh, dass ich ihn geschrie­ben habe. Zur man­geln­den Über­nah­me von Eigen­ver­ant­wor­tung kann ich sagen, dass ich das aus eige­ner Anschau­ung bestä­ti­gen kann. Ich habe nach der Wen­de mit Glück eine Stel­le im Wis­sen­schaft­ler­in­te­gra­ti­ons­pro­gramm bekom­men. Die­ses Pro­gramm war für Ostwissenschaftler*innen als Brü­cke gedacht. Sie wur­den drei Jah­re finan­ziert und soll­ten die­se Jah­re dazu benut­zen, sich in das neue aka­de­mi­sche Sys­tem zu inte­grie­ren. Ich hat­te kurz nach der Wen­de bei Prof. Kun­ze an der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten eine Hilfs­kraft­stel­le und habe dann, als er an die Hum­boldt-Uni­ver­si­tät wech­sel­te, eine Mit­ar­bei­ter­stel­le bekom­men, weil sei­ne Inte­gra­ti­ons­mit­tel frei wur­den, da er einen Lehr­stuhl an der HU bekam. Kurz vor Ablauf der Drei­jah­res­frist gab es ein Tref­fen all der­je­ni­gen, die in die­sem Pro­gramm waren. Ich war auch dabei und war erschüt­tert: Alle klag­ten dar­über, dass sie nun arbeits­los wer­den wür­den und fan­den, die Poli­tik müs­se etwas tun. Dabei wäre es an ihnen gewe­sen, sich irgend­wie inner­halb die­ser drei Jah­re zu bewerben. 

Ich möch­te Ihren Brief jetzt nach den Punk­ten beantworten:

1. Es gab und gibt vie­le „Ossi“ die Gewin­ner sind. Ros­tock ist voll von gut situ­ier­ten gebür­ti­gen Ros­to­ckern, auch  die ehe­ma­li­gen LPG Vor­sit­zen­den im Land­kreis haben sich gut bedient.

Leser­brief HR

Ich sehe mich als abso­lu­ten Gewin­ner an. Das habe ich auch in Ich will was sagen so geschrie­ben. Ich habe eine Fami­lie, ein tol­les Fahr­rad (von 1997), eine Woh­nung und eine Arbeit, die mir gro­ßen Spaß macht. Ich bin Pro­fes­sor am bes­ten sprach­wis­sen­schaft­li­chen Insti­tut, das es in die­sem Land gibt. Zur Zeit bin ich sogar Direk­tor die­ses Insti­tuts. Ich habe über 500.000€ an Dritt­mit­teln ein­ge­wor­ben und damit vie­len Men­schen eine Arbeits­stel­le in mei­nen Pro­jek­ten geben kön­nen. Seit 2014 bin ich Mit­glied in der Aca­de­mia Euro­paea, Sec­tion Lin­gu­i­stic Stu­dies. Mei­ne Erdős-Zahl ist 4. Mein h‑index liegt bei 35 (Goog­le-Scho­lar-Pro­fil). Ich habe mit mei­nem Leip­zi­ger Kol­le­gen Prof. Dr. Mar­tin Has­pel­math (aus dem Wes­ten und sehr in Ord­nung) den wis­sen­schaft­li­chen Ver­lag Lan­guage Sci­ence Press gegrün­det, der sprach­wis­sen­schaft­li­che Bücher im Open Access ver­öf­fent­licht. Über tau­send Autor*innen haben bei uns ver­öf­fent­licht, der Ver­lag hat ins­ge­samt über 2 Mio Down­loads. Noam Chom­sky ist einer unse­rer pro­mi­nen­ten Unterstützer*innen. Ste­ven Pin­ker gehört auch dazu. Ich habe mich nir­gends bedient, das war alles har­te Arbeit. Poli­tisch aktiv bin ich auch: 2021 war ich Kanz­ler­kan­di­dat für die Par­tei Die PARTEI. Außer­dem arbei­te ich neben­be­ruf­lich als Foto­graf. Mein Leben ist erfüllt, man könn­te auch sagen über­füllt. Man­geln­de Eigen­in­itia­ti­ve kön­nen Sie mir sicher nicht vorwerfen.

Mein klei­ner Bru­der ist Pro­fes­sor, mei­ne klei­ne Schwes­ter pro­mo­viert. Uns allen geht es gut. Mei­ne Eltern sind bis auf kur­ze Unter­bre­chun­gen bei mei­ner Mut­ter sogar als Wissenschaftler*innen durch die Wen­de gekom­men. Es tut mir Leid, wenn ich Sie ner­ve, aber ich jam­me­re nicht. Ich beschwe­re mich! Ich tue das, um Pro­ble­me zu lösen, um Din­ge zu ändern. Nicht für mich, son­dern für die­ses Land. Sehen Sie sich die Wahl­er­geb­nis­se an, dann ver­ste­hen Sie viel­leicht mei­ne Motivation.

Von Lebens­mit­teln habe ich im Arti­kel über Anne Rabe nichts geschrie­ben. Im Gegen­teil ich stim­me ihr sogar zu: Schla­ger­süß­ta­fel ist eklig! (sie­he Blog-Post zu Anne Rabe und Schla­ger­süß­ta­fel. In einem frü­he­ren Blog-Post habe ich beschrie­ben, was ich mit mei­nem Freund mit Schla­ger­süß­ta­fel gemacht habe: Schla­ger­süß­ta­fel und Klas­sen­kei­le)

Zu 2. habe ich nichts zu sagen. Ich weiß nicht, was das mit mei­nem Bei­trag zu tun hat.

3. Fragt man nach Bewei­sen, wo genau die Wes­si über­all hin­ter ste­cken… Kommt nix! Auch mit den ame­ri­ka­ni­schen Mul­tis… Nix.

Was für eine beque­me mär 

Leser­brief HR

Ich habe in mei­nem Bei­trag kon­kre­te Per­so­nen bzw. Ereig­nis­se genannt, an denen West-Per­so­nen betei­ligt waren. Politiker*innen und Poli­zis­ten in Lich­ten­ha­gen, Poli­ti­ker, die ehe­mals Ver­fas­sungs­schutz­prä­si­den­ten waren, die rech­ten Rich­ter aus Gera, die Poli­ti­ker der AfD.

Ansons­ten gibt es inzwi­schen auch viel Infor­ma­ti­on zur Treu­hand. Der ers­te Chef von Kahla-Thü­rin­gen Por­zel­lan hat­te kei­ne Ahnung von Por­zel­lan. Sei­ne ein­zi­ge Qua­li­fi­ka­ti­on bestand dar­in, dass er einen Bru­der bei der Treu­hand hat­te. Er hat dann auch sehr schnel­le eine Plei­te hin­ge­legt. Zum Glück war sein Nach­fol­ger ein Por­zel­laner von Rosen­thal. Über die Abwick­lung von Elmo in Wer­ni­ge­ro­de können Sie auch in der Ber­li­ner Zei­tung lesen. Die Vor­stel­lun­gen von Bir­git Breu­el und Det­lef Roh­wed­der kön­nen Sie auch dem Arti­kel ent­neh­men. Aber eigent­lich war das nicht The­ma des Artikels.

Zu vier­tens: Was die Ein­woh­ner­zahl von MV mit irgend etwas, was in dem Arti­kel bespro­chen wur­de, zu tun haben soll, ist mir unklar. Zu Wiki­pe­dia sie­he oben.

Auch das die lini­en­treu­en Rich­ter, Poli­zis­ten, sprich der Kader, initi­al durch Wes­sis aus­ge­tauscht wur­de, ist jetzt kein Geheim­nis und war auch rich­tig – oder soll­ten die SED­ler wei­ter machen? Mein Onkel gehör­te zum Kader auch dazu – und ist noch heu­te so was von lini­en­treu… wür­de  alles zurück­dre­hen. Echt unerträglich!

Leser­brief HR

Ja, das stimmt, denn das Fach­wis­sen war auf Ost­sei­te außer bei ein paar Fachanwält*innen, die bei Schalk-Golod­kow­ski gear­bei­tet haben, nicht vor­han­den. Durch den selbst gewähl­ten Anschluss galt plötz­lich das west­deut­sche Rechts­sys­tem. Man hät­te aber den Auf­bau-Ost anders gestal­ten kön­nen und zum Bei­spiel Ost-West-Tan­dems für Pos­ten bil­den kön­nen. Ossi wird ein­ge­ar­bei­tet und über­nimmt dann spä­ter. Statt­des­sen gab es das Gefühl fremd­be­stimmt zu sein. Das rächt sich jetzt bit­ter, weil vie­le rechts­extrem wäh­len. Die AfD holt die Frus­trier­ten ab.

Es gibt hier (in MV) echt vie­le Pro­ble­me – genau­so wie im Westen.

Mit dem Unter­schied, daß sich dort nie­mand mit Wen­de, die Wes­sis, … raus­re­den kann. 

Leser­brief HR

Bit­te schau­en Sie sich sta­tis­ti­sche Kar­ten an. Sie wer­den immer die Umris­se der DDR erken­nen. Der Wohl­stand ist ver­schie­den ver­teilt. Die Fir­men sit­zen im Wes­ten und besit­zen den Osten. Steu­ern wer­den im Wes­ten am Fir­men­sitz gezahlt nicht vor Ort. Paten­te wer­den im Wes­ten am Fir­men­sitz ange­mel­det. Dar­über kann man schon kla­gen. Übri­gens ist der Pas­sus mit den „gleich­ar­ti­gen Lebens­ver­hält­nis­sen“ in allen Lan­des­tei­len 1994 aus dem Grund­ge­setz gestri­chen worden.

War in Arti­kel 72 Grund­ge­setz einst das Hand­lungs­ziel „ein­heit­li­cher Lebensverhältnisse“ ver­an­kert, wur­de das Adjek­tiv „ein­heit­lich“ 1994 durch das inter­prera­ri­ons­of­fe­ne­re „gleich­wer­tig“ ersetzt.

Mau, Stef­fen (2019). Lüt­ten Klein. S. 163

Das Buch mei­nes Kol­le­gen Prof. Dr. Stef­fen Mau kann ich Ihnen nur wärms­tens emp­feh­len. Er ist Sozio­lo­ge und prä­sen­tiert Ihnen noch wei­te­re Fak­ten. Auch zur Abwick­lung der Eli­ten im Osten und zu den Trans­for­ma­tio­nen im Ost-Block allgemein.

Es gibt aber auch vie­le, die genau so einen Arti­kel nut­zen um sich ent­spannt zurück zu leh­nen, als Opfer rum­stöh­nen, anstatt sich der eige­nen Geschich­te und Ver­ant­wor­tung kri­tisch zu stel­len.  Es gibt ihn schon: den Jam­mer Ossi.

Leser­brief HR

Das kann schon sein. Mir geht es um die ande­re Sei­te, die den gesam­ten Osten seit Jahr­zehn­ten pau­schal beschimpft. So wie auch Sie es getan haben. Ich wei­se dar­auf hin, dass die Schuld am Faschis­mus nicht der Osten allein trägt. Und ich kann das tun, weil ich kein Jam­mer-Ossi son­dern ein erfolg­rei­cher Wis­sen­schaft­ler bin. Und nein, das hört nicht auf. Ich fan­ge gera­de erst an.

Kinderverschickung

Es erstaunt, dass ein deut­scher pro­fes­sor stän­dig wiki­pe­dia als beweis bemüht. Sei­ne mei­nung über kinds­tö­tun­gen ist ein­sei­tig: im wes­ten hat nie­mand gleich meh­re­re neu­ge­bo­re­ne in blu­men­töp­fen abge­legt. Aber im wes­ten hat bis­her nie­mand alle blu­men­töp­fe unter­sucht und das ergeb­nis bei wiki­pe­dia ver­ewigt.
Die erwähn­te „kin­der­land­ver­schi­ckung“ fand übri­gens im bom­ben­krieg statt.
Gemeint ist hier schlicht die kin­der­ver­schi­ckung – bei der es im osten wie im wes­ten zu gewalt und miss­brauch kam. Das soll­te man bei wiki­pe­dia nachtragen. 

Leser­brief F.F., Berlin-wilmersdorf

Es stimmt, es hät­te Kin­der­ver­schi­ckung hei­ßen müs­sen. Vie­len Dank für den Hin­weis, das wur­de jetzt im Arti­kel und über­all hier im Blog kor­ri­giert. Kin­der­ver­schi­ckung habe ich in einem Blog-Post dis­ku­tiert. Soweit ich weiß, sind kei­ne Fäl­le von Miss­brauch bekannt. Das gan­ze Gesund­heits­sys­tem war anders orga­ni­siert. Nicht über­wie­gend kirch­lich und nicht pro­fit­ori­en­tiert. Die Prü­gel­stra­fe war – anders als im Wes­ten – bereits 1949 abge­schafft wor­den (sie­he Blog-Bei­trag Gewalt­er­fah­run­gen und 1968 für den Osten), die staat­li­che und gesell­schaft­li­che Kon­trol­le war in allen Berei­chen des Lebens strikter.

Was haben die Blu­men­töp­fe mit der Dis­kus­si­on zu tun? Es geht um die Anzahl der Kinds­tö­tun­gen pro 100.000 Gebur­ten pro Jahr. Dazu gibt es die Poli­zei­li­che Kri­mi­nal­sta­tis­tik. Und Forschungsliteratur.

Dunkeldeutschland

Auch, dass es ein „Dun­kel­deutsch­land“ gar nicht gab, son­dern eine Erfin­dung von Anne Rabe ist.  Ich war übri­gens bei der Lesung und Dis­kus­si­on des Romans auf dem taz Kon­gress und habe die aggres­si­ven, atem­los vor­ge­tra­ge­nen detail­lier­ten Vor­wür­fe des Herrn Ste­fan Mül­ler mit ange­hört. Sei­ne Wut war kaum zu brem­sen. Nie­mand konn­te sei­ne Behaup­tun­gen nachprüfen. 

Wir Leser*innen sind intel­li­gent genug, zwi­schen einem Roman, der Anre­gun­gen für eige­ne Gedan­ken geben soll, und einer Pau­scha­li­sie­rung einer gan­zen Bevöl­ke­rung wie Herr Mül­ler behaup­tet, zu unter­schei­den. Herr Mül­ler war touché.

Ich habe nicht gesagt, dass es Dun­kel­deutsch­land nicht gab. 

Weil es so eine schö­ne Geschich­te ist, die zu allem passt, was man über Dun­kel­deutsch­land zu wis­sen glaubt.

Zitat aus mei­nem Artikel

Ich ver­wen­de den Begriff ja sogar selbst. Wenn auch sar­kas­tisch. Ich möch­te vor­schla­gen, dass man sei­ne Ver­wen­dung auf das gan­ze Land aus­wei­tet, denn es sieht all­ge­mein recht fins­ter aus (Man rech­ne nur mal die Wahl­er­geb­nis­se von CSU, Frei­en Wäh­lern und AfD in Bay­ern zusam­men.) Übri­gens habe ich im dun­kels­ten Erlan­gen für einen Auf­bau West gekämpft. Laut CSU hat Erlan­gen maro­de Stra­ßen­lam­pen, wes­halb da nur ein Pla­kat dran hän­gen darf. Das von der CSU. Lei­der hat es nicht für eine Mehr­heit gereicht.

Hier ist das Video vom taz-Lab an der Stel­le mit mei­nem Kom­men­tar. Ich hat­te Anne Rabe ange­bo­ten, ihr einen 80seitigen Aus­druck mei­ner Blog-Posts zu über­las­sen. Sie woll­te ihn nicht haben und auch nicht dar­über reden. Damit man mei­ne Behaup­tun­gen nach­prü­fen kann, habe ich die Blog-Posts mit Quel­len­an­ga­ben und dann den Arti­kel in der Ber­li­ner geschrie­ben. Die Behaup­tun­gen über den „Ossi an sich“ fin­den sich im Roman, der kein Sach­buch ist. Zum Bei­spiel an den Stel­len über Amok­läu­fe, zum Bei­spiel an den Stel­len über die Kinds­tö­tun­gen. An Stel­len, wo ein­fach mal behaup­tet wird, dass Anti­se­mi­tis­mus Bestand­teil der real­so­zia­lis­ti­schen Ideo­lo­gie war:

Auch waren Anti­se­mi­tis­mus und Natio­na­lis­mus wich­ti­ge Bestand­tei­le der sowje­ti­schen und real­so­zia­lis­ti­schen Ideologie.

Rabe, Anne. 2023. Die Mög­lich­keit von Glück. Stutt­gart: Klett-Cot­ta.
S. 271

Sie­he Blog-Post zu die­sem The­ma.

Anne Rabe wird dann von einem Bre­mer Poli­tik­pro­fes­sor als Quel­le für sei­ne nicht beleg­ten Behaup­tun­gen bezüg­lich Anti­se­mi­tis­mus zitiert. Das ist ein sich gegen­sei­tig stüt­zen­des Netz von Falsch­be­haup­tun­gen. Hier der Blog-Post zum Poli­tik-Pro­fes­sor. Und falls es Fra­gen zum Anti­se­mi­tis­mus und zu offi­zi­el­len Ein­stel­lun­gen zum Holo­caust in der DDR gibt, kann ich gleich noch den Blog-Bei­trag Der Ossi und der Holo­caust empfehlen.

Danksagungen

Ich möch­te mich bei allen Leserbriefschreiber*innen bedan­ken. Außer­dem dan­ke ich allen Nutzer*innen von Mast­o­don, die sich an der Dis­kus­si­on betei­ligt haben und auch bei der Suche nach NPD-Gerichts­ur­tei­len Tipps gege­ben haben.

Quellen

Der Spie­gel. 2005. Karls­ru­he erleich­tert Ver­bot von NPD-Demos. Der Spie­gel. 10.06.2005. Ham­burg. (https://www.spiegel.de/politik/deutschland/verfassungsgericht-karlsruhe-erleichtert-verbot-von-npd-demos-a-359875.html)

Der Stan­dard. 2004. Ver­fas­sungs­ge­richt bestä­tigt Ver­bot von NPD-Demons­tra­ti­on. Der Stan­dard. 26.09.2004 (https://www.derstandard.at/story/1804305/verfassungsgericht-bestaetigt-verbot-von-npd-demonstration)

dpa. 2019. Ver­schärf­tes Ver­samm­lungs­recht bestä­tigt. Frank­fur­ter Rund­schau. Frankfurt/Main. (https://www.fr.de/politik/verschaerftes-versammlungsrecht-bestaetigt-11568632.html)

Karls­ru­he erleich­tert Ver­bot von NPD-Demos. 2005. Der Spie­gel. Ham­burg.

Höynck, The­re­sia & Behn­sen, Mira & Zäh­rin­ger, Ulri­ke. 2015. Tötungs­de­lik­te an Kin­dern unter 6 Jah­ren in Deutsch­land: Eine kri­mi­no­lo­gi­sche Unter­su­chung anhand von Straf­ver­fah­rens­ak­ten (1997–2006). Wies­ba­den: Sprin­ger. (https://doi.org/10.1007/978–3‑658–07587‑3)

Hol­ler­sen, Wieb­ke. 2023. Erzie­hung in der DDR: Gibt es im Osten „eine ver­erb­te Bru­ta­li­tät“? Ber­li­ner Zei­tung. Ber­lin. (https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/erziehung-in-der-ddr-gibt-es-im-osten-eine-vererbte-brutalitaet-li.418237)

Mül­ler, Ste­fan. 2024. Pro­fes­sor kri­ti­siert Anne Rabe: „Es geht mir auf die Ner­ven, wie über die DDR geschrie­ben wird“. Ber­li­ner Zei­tung. Ber­lin. (https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/berliner-professor-stefan-mueller-kritisiert-anne-rabe-es-geht-mir-auf-die-nerven-wie-ueber-die-ddr-geschrieben-wird-li.2213032)

Wag­ner, Joa­chim. 2024. AfD-nahe Jus­tiz: Die rech­ten Rich­ter von Gera. taz. Ber­lin. (https://taz.de/AfD-nahe-Justiz/!5999618/)

Waschmaschinen und Schwule in der DDR und Lesben natürlich auch

Ich dach­te, ich sei fer­tig mit Anne Rabe (sie­he Posts in Kate­go­rie Anne Rabe), aber ich woll­te die Sen­dung Zwi­schen­tö­ne mit ihr noch mal kom­plett hören. Es ist wirk­lich erschüt­ternd, wie wenig Anne Rabe über die DDR weiß. Da ihre Gesprächspartner*innen meist aus dem Wes­ten sind, blei­ben ihre Aus­sa­gen auch unwi­der­spro­chen und wer­den weiterverbreitet.

Waschmaschinen

Anne Rabe behaup­tet, in der DDR hät­te es kei­ne Wasch­ma­schi­nen gegeben. 

Tat­säch­lich auf jeden Fall weiß ich, dass mei­ne Mut­ter zu der Zeit allein gelebt hat mit uns, weil mein Vater noch woan­ders stu­die­ren war und das ist was, wor­über ich manch­mal so nach­den­ke, weil tat­säch­lich, also die­se tat­säch­li­che mate­ri­el­le Armut beson­ders für die Frau­en so in den 80er Jah­ren ein ziem­lich har­tes Leben bedeu­te­te, so ohne Wasch­ma­schi­nen, ohne Bade­zim­mer, also die­ses Win­deln-Aus­ko­chen, ohne das, was wir heu­te alles so haben und die Kin­der eben sehr früh mor­gens in den Kin­der­gar­ten brin­gen und dann wei­ter zur Arbeit. Also das ist was, wor­über ich manch­mal nach­den­ke, dass das doch ein sehr, sehr anstren­gen­des Leben gera­de für jun­ge Müt­ter war.

Anne Rabe im Inter­view in den Zwischentönen

Wiki­pe­dia schreibt zum The­ma Waschmaschinen:

Die WM 66 war eine Wasch­ma­schi­ne, die in der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik (DDR) ab 1966 gebaut und ver­kauft wur­de. Die Bezeich­nung WM stand für Wel­len­rad­wasch­ma­schi­ne. Auf­grund der ein­fa­chen tech­ni­schen Kon­struk­ti­on war sie ver­gleichs­wei­se preis­wert und gekenn­zeich­net durch leich­te Bedien­bar­keit, eine kom­pak­te Bau­form, sehr gerin­ge Stör- und Feh­ler­an­fäl­lig­keit sowie eine lan­ge Lebens­dau­er. Dies trug dazu bei, dass sie sowohl für den DDR-Markt als auch für den Export mil­lio­nen­fach pro­du­ziert wur­de. Die wei­te Ver­brei­tung der WM 66 mach­te sie zu einem der bekann­tes­ten Elek­tro­haus­halts­ge­rä­te in der DDR und zum Sym­bol für den Anstieg des Lebens­stan­dards, der ab dem Ende der 1960er und dem Beginn der 1970er Jah­re die sozia­le Ent­wick­lung in der DDR kenn­zeich­ne­te. Her­stel­ler war der VEB Wasch­ge­rä­te­werk Schwar­zen­berg – Betrieb des Kom­bi­na­tes Haushaltsgeräte.

Wiki­pe­dia-Arti­kel zur WM 66.

Und so sah sie aus:

WM 66 mit einem Paket Spee, einem bekann­ten Wasch­mit­tel in der DDR, Bild aus Wiki­pe­dia CC0.

Mei­ne Eltern hat­ten auch eine Wasch­ma­schi­ne. Sogar einen Wasch­voll­au­to­mat. Mei­ne Mut­ter hat damit mei­ne Hosen geschrumpft, wes­halb ich mich genau dar­an erin­nern kann. Die Wasch­ma­schi­ne stand im Bad. Eine Trom­mel­wasch­ma­schi­ne. Ein Toploa­der. Wir sind 1976 in die Woh­nung gezo­gen. Da war sie schon da. Nach Aus­kunft mei­ner Mut­ter war es eine WVA66. Mei­ne Mut­ter hat­te sie zu mei­ner Geburt (1968) von mei­nem Groß­va­ter bekom­men. Die hat­te 2800 Mark gekos­tet, was viel, viel Geld war, aber mein Opa war Inge­nieur bei Zeiss. Wiki­pe­dia schreibt zu die­sem Gerät:

1966 wur­de ein Wasch­voll­au­to­mat ohne Boden­be­fes­ti­gung in Schmal­bau­wei­se mit der Typ­be­zeich­nung WVA 66 (Nach­fol­ge­ge­rät WVA 68) vor­ge­stellt. Die Beschi­ckung der Wasch­trom­mel mit Wäsche erfolg­te von oben (Top­la­der). Die Behäl­ter­bau­grup­pe mit Antriebs­sys­tem war schwing­be­weg­lich in Federn zur Kom­pen­sa­ti­on der Unwucht­kräf­te wäh­rend des Schleu­der­gan­ges auf­ge­hängt, sodass das Gerät ohne Boden­be­fes­ti­gung betrie­ben wer­den konn­te. Die Schleu­der­dreh­zahl betrug 850/min. Das Gerät war auf aus­fahr­ba­ren Lauf­rol­len ortsbeweglich.

Wel­len­rad­wasch­ma­schi­nen gab es ab 640 Mark. Ich hat­te auch selbst so eine Wel­len­rad­wasch­ma­schi­ne, als ich eine eige­ne Woh­nung hat­te (1989). Das Rad am Boden riss alle Knöp­fe ab. Wiki­pe­dia: „Nach­teil des Wel­len­rad­sys­tems ist der rela­tiv hohe Wäsche­ver­schleiß, da die Wäsche teil­wei­se auch vom rotie­ren­den Wel­len­rad erfasst wird.“ Aber Win­deln und Kara­te-Anzü­ge haben kei­ne Knöp­fe, dafür waren sie auf alle Fäl­le geeig­net. Die Schleu­der war extra. Als Stu­dent hat­te ich das Geld, was ich als Sti­pen­di­um bekam. Das waren 300 Mark, weil ich bei der Armee gewe­sen war. Sonst lag es bei 200 Mark. Ich weiß nicht, wo ich die Wasch­ma­schi­ne her hat­te. Kann mich jeden­falls nicht erin­nern, dass Geld ein Pro­blem gewe­sen wäre. Viel­leicht habe ich sie gebraucht gekauft oder geschenkt bekom­men von jeman­dem, der sich eine bes­se­re gekauft hat.

Das DDR-Design­mu­se­um schreibt zum The­ma Waschmaschinen:

Wel­cher DDR-Bür­ger kennt die­se Wasch­ma­schi­nen nicht. Der Name Schwar­zen­berg war ein Begriff.

1961 ent­stand der Wasch­voll­au­to­mat WVA 61. 1966 die WVA 66 mit Schleu­der­gang, 1987 der Wasch­voll­au­to­mat VA 68‑E.

Die ers­te Wasch­ma­schi­ne vom Typ „WM 66“ wur­de ab 1966 her­ge­stellt. Die Maschi­ne konn­te weder spü­len noch schleu­dern. Die Bezeich­nung WM steht für Wel­len­rad­wasch­ma­schi­ne. Die Haus­frau benö­tig­te zum Schleu­dern eine Tischschleuder.

Auf der Muse­ums­sei­te gibt es Bil­der der ver­schie­de­nen Model­le und der Schleu­dern. Auf der Wiki­pe­dia-Sei­te des Wasch­ge­rä­te­werks Schwar­zen­berg fin­det man Infor­ma­ti­on zu den ver­kauf­ten Stück­zah­len. Anne Rabe scheint die ein­zi­ge DDR-Bür­ge­rin zu sein, die die­se Wasch­ma­schi­nen nicht kennt. Viel­leicht hat­te ihre Mut­ter die Maschi­ne im Kel­ler und hat das vor ihrer Toch­ter geheim gehal­ten. Anders ist das nicht zu erklä­ren. Viel­leicht hat­ten sie auch wirk­lich kei­ne, obwohl es eine Funk­tio­närs­fa­mi­lie mit zwei arbei­ten­den Erwach­se­nen und einem Funk­tio­närs­groß­va­ter waren, aber dann müs­sen sie das Geld irgend­wie anders ver­p­läm­pert haben.

Übri­gens: Es gab in der DDR Ehe­kre­di­te, die man „abkin­dern“ konn­te. Die waren genau für sol­che Din­ge wie Wasch­ma­schi­nen gedacht.

Zwi­schen 1972 und 1988 wur­den 1.371.649 Ehe­kre­di­te mit einem Gesamt­vo­lu­men von 9,3 Mil­li­ar­den Mark ver­ge­ben, von denen etwa ein Vier­tel „abge­kin­dert“ wurde.

Wiki­pe­dia: Ehe­kre­dit

Die Ehe­kre­di­te gab es für Paa­re, „deren gemein­sa­mes Ein­kom­men bei Ehe­schlie­ßung nicht über 1.400 Mark lag“. Rabe sagt, dass ihre Mut­ter gear­bei­tet hat. Ihr Vater hat viel­leicht ein Sti­pen­di­um bekom­men. Ent­we­der, sie haben über 1400 Mark ver­dient, dann konn­ten sie eine Wasch­ma­schi­ne kau­fen oder sie haben weni­ger ver­dient, dann hät­ten sie einen Kre­dit über 5000 Mark bekom­men, von dem sie nur 2500 Mark hät­ten zurück­zah­len müs­sen. Das wäre prak­tisch ein geschenk­ter Wasch­voll­au­to­mat gewesen.

(Nach­trag: 09.04.2024 Peer hat mich auf fol­gen­de Infor­ma­ti­on zur Ver­brei­tung von Wasch­ma­schi­nen hingewiesen:

1986 befan­den sich in 94,4 Pro­zent aller DDR-Haus­hal­te Wasch­ma­schi­nen, davon ca. 13 Pro­zent Wasch­voll­au­to­ma­ten, ca. 40 Pro­zent Wasch­au­to­ma­ten und ca. 47 Pro­zent Bot­tich­wasch­ma­schi­nen; Hans-Joa­chim Scheit­hau­er u. Micha­el Laue, Moder­ne Wasch­ma­schi­nen – spar­sa­me Hel­fer im Haus­halt, in: Ener­gie­an­wen­dung 37, 1988, H. 6, S. 229ff., hier S. 229; Sta­tis­ti­sches Amt der DDR (Hg.), Sta­tis­ti­sches Jahr­buch der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik 1990, Ber­lin 1990, S. 324f.

Wöl­fel, Syl­via. 2012. „Plan­mä­ßi­ge Ver­rin­ge­rung des Bedarfs“ Die Ent­wick­lung ver­brauchs­ar­mer Haus­halts­ge­rä­te in der DDR. Tech­nik­ge­schich­te 79(1). 45–60. (doi:10.5771/0040–117X-2012–1‑45)

Die­se Ver­brei­tung ent­spricht in etwa der heu­ti­gen Ver­brei­tung in der Bun­des­re­pu­blik, die bei 96,2% liegt.

Das bedeu­tet, so die Aus­sa­ge über „tat­säch­li­che mate­ri­el­le Armut“ und die feh­len­de Wasch­ma­schi­ne in der Fami­lie Rabe denn kor­rekt ist, dass die­se Fami­lie sehr spe­zi­ell war. Aber die­sen Ver­dacht hat­te ich ja schon mehr­fach und Rabe selbst äußert sich ja auch so bzgl. der Gewalt in ihrer Familie.)

Homosexualität

Im Inter­view in den Zwi­schen­tö­nen beschreibt Anne Rabe, wie sie fest­ge­stellt hat, dass der Sozia­lis­mus der DDR ganz schreck­lich war:

Rabe: Eigent­lich gab es einen Moment, einen Aus­lö­ser, an den ich mich sehr gut erin­ne­re und zwar war ich so mit 18, Sil­ves­ter in Ham­burg und war dann mit mei­nem Freund damals im Kino und wir haben den Film geguckt von Juli­an Schna­bel, Befo­re Night Falls. Ein ganz tol­ler Film, den ich sehr emp­feh­len kann, über den kuba­ni­schen Schrift­stel­ler Rey­nal­do Are­nas, einen homo­se­xu­el­len Schrift­stel­ler, der des­halb auf Kuba ver­folgt wur­de für sei­ne Homo­se­xua­li­tät. Und das war ein sehr berüh­ren­der Film, da gibt es dann auch so Ver­schnit­te mit vie­len Cas­tro-Reden über Homo­se­xua­li­tät und das war der Moment, ich konn­te hin­ter­her gar nicht auf­ste­hen aus dem Kino­ses­sel, wo mir so bewusst wur­de, dass das, ich bin mit einem sehr posi­ti­ven DDR-Bild, einem sehr posi­ti­ven Bild vom Sozia­lis­mus und auch so sehr naiv damals noch so im Sin­ne von „Das wäre eigent­lich die Lösung für die Pro­ble­me unse­rer Zeit jetzt.“ auf­ge­wach­sen, hat­te nicht viel gehört über die Abgrün­de die­ses Sys­tems und das war für mich dann klar, ach so, das ist alles ganz, ganz anders und ich selbst wuss­te damals auch schon eben, ich bin nicht hete­ro­se­xu­ell, ich bin sel­ber que­er, für mich gäbe es da kei­nen Platz viel­leicht oder das wäre infra­ge gestellt und das war so ein ganz, ganz berüh­ren­der Moment, der mich rich­tig geschockt hat und da war mir klar, ach nee, hier stimmt eigent­lich gar nichts.

Schwarz: Mit 18, im Jahr 2002, nee 2004.

Rabe: Genau und dann habe ich tat­säch­lich ange­fan­gen auch dar­über zu lesen und mir selbst ein Bild zu machen über die DDR, über das, was da so alles so los war und dann gerät man ja rela­tiv schnell, kommt man da auf ziem­lich fins­te­re Ange­le­gen­hei­ten sozu­sa­gen. Ja doch, wenn man sucht schon, also das geht schon.

Nun ist es aber so, dass die Ein­stel­lung zur Homo­se­xua­li­tät im katho­lisch gepräg­ten Kuba sicher eine ande­re war als in der DDR der 80er Jah­re. Die DDR hat­te 1968 den Para­graph 175 gegen Homo­se­xua­li­tät lan­ge vor der BRD (1994) abge­schafft und in den 80er Jah­ren gab es Schwu­len­grup­pen in der FDJ und der SED, die ver­such­ten, den kirch­li­chen Grup­pen, die es schon seit den 70ern gab, Kon­kur­renz zu machen bzw. mit denen zu kooperieren.

Man kann dazu bei der Bun­des­zen­tra­le poli­ti­scher Bil­dung nachlesen: 

1988/89 kam es zur Grün­dung von schwul-les­bi­schen Grup­pen bei der Frei­en Deut­schen Jugend (FDJ) und in Klub­häu­sern. In Leip­zig nann­te man sich „Rosa­Lin­de“, in Dres­den „Gere­de“. Ziel war es, ein schwul-les­bi­sches Enga­ge­ment außer­halb der Kir­che zu initi­ie­ren. Man ver­such­te auch, Par­tei­mit­glie­der in bestehen­de Orga­ni­sa­tio­nen ein­zu­schleu­sen oder dort ange­schlos­se­ne Genos­sen für die SED-Zie­le zu instru­men­ta­li­sie­ren, bei­spiels­wei­se im Sonn­tags-Club. Nach­dem die­ser Ver­such geschei­tert war, wur­de – als Kon­kur­renz – die Grup­pe „Cou­ra­ge“ gegrün­det. Die FDJ gab allen Jugend­klubs vor, ein­mal im Monat eine Ver­an­stal­tung zum The­ma Homo­se­xua­li­tät zu orga­ni­sie­ren. Die unter dem Dach der SED in ver­schie­de­nen Städ­ten gegrün­de­ten Grup­pen bil­de­ten die „Inter­es­sen­grup­pe Theo­rie“, die schwul-les­bi­sche Poli­tik auf mar­xis­tisch-leni­nis­ti­scher Basis, aber auch eine Ver­net­zung mit den kirch­li­chen Arbeits­krei­sen anstrebte. 

Kön­ne, Chris­ti­an. 2018. Schwu­le und Les­ben in der DDR und der Umgang des SED-Staa­tes mit Homo­se­xua­li­tät. Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung.

Ich hat­te einen schwu­len Klas­sen­ka­me­ra­den, der mir Info­ma­te­ri­al kirch­li­cher Grup­pen zu Homo­se­xua­li­tät gege­ben hat (ca. 1985). Jörg ist jetzt Pfar­rer und hat es sich erkämpft, dass er mit sei­nem Mann im Pfarr­haus woh­nen darf (May­er, 2015).

Pfar­rer Jörg Zab­ka mit sei­nem Mann, Ber­lin, 02.11.2014. Bild: Vere­na May­er / Süd­deut­sche Zeitung

John Zin­ner hat sich in Lauscha, einer klei­nen Stadt in Thü­rin­gen, geoutet. Er ist stadt­be­kannt. Das Outing war wegen sei­nes homo­pho­ben Stief­va­ters nicht ein­fach, aber er hat es nach einer abge­bro­che­nen Repu­blik­flucht doch durch­ge­zo­gen. Das kann man in einem Arti­kel in der Zeit von 2016 nachlesen.

Kneipen

Wir wuss­ten von Schwu­len­treffs in der DDR. Von einem Lokal an der Schön­hau­ser Allee Ecke Kas­ta­ni­en­al­lee hat mir mein Mathe­leh­rer erzählt. Den Namen habe ich lei­der ver­ges­sen. Wahr­schein­lich war es das Cafe Schön­hau­ser. Es gab die Offen­bach­stu­ben. Die Prenz­lau­er-Berg-Nach­rich­ten schrei­ben über schwu­le Treffpunkte:

Nach der Zeit vor der Wen­de befragt, fal­len Patrick meh­re­re legen­dä­re Loca­ti­ons für schwu­les Publi­kum ein: „Es gab das Café Schön­hau­ser, die Schop­pen­stu­be und den Burg­frie­den“, zählt er auf. „Der Film Coming Out wur­de in die­sen Knei­pen gedreht“, weiß Wal­ter zu berich­ten. Und das war ein wah­rer Mei­len­stein: Coming Out (Regie: Hei­ner Carow) war der ein­zi­ge Film mit zen­tral schwu­ler The­ma­tik, der in der DDR je pro­du­ziert wur­de – im Novem­ber 1989 kam er in die Kinos. Auch (Ost-)Berlins bekann­tes­te Trans*-Person, Char­lot­te von Mahls­dorf, ein Name, der im Lau­fe des Abends häu­fi­ger fällt, hat­te eine Rol­le in Coming Out.

Cald­art, Isa­bel­la. 2018. Ver­schwin­den die schwu­len Knei­pen? Prenz­lau­er Berg Nachrichten.

In Kön­ne (2018) wird ange­merkt, dass es in Ost-Ber­lin viel weni­ger Schwu­len-Knei­pen gab als vor dem Krieg. Dazu muss man aller­dings wis­sen, dass es in Ost-Ber­lin ins­ge­samt eine Unter­ver­sor­gung mit Knei­pen gab. Man müss­te das also ins Ver­hält­nis zur Gesamt­knei­pen­dich­te set­zen, wenn man irgend­et­was dar­aus ablei­ten will.

Papier

Kön­ne (2018) schreibt zu Papierkontingenten:

Selbst Papier­kon­tin­gen­te für Flug­blät­ter wur­den staat­li­cher­seits nicht genehmigt.

Das hört sich für Nicht-Ossis oder Nach­ge­boh­re­ne sicher nach schlim­mer Unter­drü­ckung an. Die feh­len­de Hin­ter­grund­in­for­ma­ti­on ist, dass es einen extre­men Man­gel an Papier gab. Die meis­ten Druckerzeug­nis­se waren so genann­te Bück­wa­re. Man konn­te nicht ohne wei­te­res Abos für Peri­odi­ka abschlie­ßen. Ich habe jah­re­lang für mei­ne Mut­ter auf dem Schul­weg am Bahn­hofs­ki­osk ver­sucht, die Für Dich und die NBI zu ergat­tern. Ich war früh um 7:00 dort und es hat meis­tens geklappt. Wenn ich es ver­ba­selt hat­te, war mei­ne Mut­ter sauer. 

Titel­sei­te der DDR-Frau­en­zei­tung Für Dich von 1979. Die DDR hat Ver­wun­de­te aus Nami­bia in Ber­lin-Buch im Kli­ni­kum betreut. Bild in einer Aus­stel­lung im Muse­um Pan­kow, Ber­lin, 04.04.2024

Das Mosa­ik habe ich auch meis­tens bekom­men, aber mei­ne Samm­lung hat­te auch Lücken. 

  • Mosa­ik (Comic für Kin­der und Jugendliche)
  • Neu­es Leben (Jugend­zeit­schrift)
  • Für Dich (Wochen­zeit­schrift für die Frau)
  • NBI (Neue Ber­li­ner Illus­trier­te, Wochenzeitschrift)
  • Das Maga­zin (monat­lich erschei­nen­de Zeit­schrift mit Geschich­ten und Akt-Bildern)

Wenn also der Staat den Schwu­len- und Les­ben-Ver­bän­den Papier geneh­migt hät­te, dann hät­te das bedeu­tet, dass er Homo­se­xua­li­tät nicht nur nicht behin­dert, son­dern auch för­dert. Das pass­te nun aber gar nicht ins Sys­tem. Wie­so soll­te der Staat etwas för­dern, das er nicht unter Kon­trol­le hat­te und das ihm even­tu­ell Schwie­rig­kei­ten berei­ten wür­de? Geför­dert wur­den eige­ne Mas­sen­or­ga­ni­sa­ti­on oder Grup­pen, die die eige­ne Ideo­lo­gie propagierten.

Ver­viel­fäl­ti­gungs­ma­schi­nen und Papier gab es nicht. Ich habe eine Zeit­schrift, die ich mit einem Freund gemacht habe, auf NVA-Dru­ckern aus­ge­druckt. Der Tele­graph wur­de mit Uralt-Druck­wal­zen vervielfältigt.

Stasi

Kön­ne (2018) schreibt, dass die Sta­si Schwu­len- und Les­ben­ver­bän­de bespit­zelt hat. Das hört sich schlimm an und es war auch schlimm, aber als Hin­ter­grund­in­for­ma­ti­on muss man wis­sen, dass alle Grup­pie­run­gen, die sich gebil­det haben, von der Sta­si unter­wan­dert und beob­ach­tet wur­den. Allen war klar, dass bei einem Tref­fen von drei Leu­ten, einer bei der Sta­si war. Man­che, wie zum Bei­spiel Vera Wol­len­ber­ger, hat­ten die Sta­si mit im Bett. Da war sie sogar in Zwei­er­grup­pen dabei. Das war die DDR. Ein Staat, der sei­ner Bevöl­ke­rung nicht trau­te und sie lücken­los über­wacht hat.

Kurt Demm­ler am 4.11.1989: Irgend­ei­ner ist immer dabei

Die Schwu­len- und Les­ben­ver­bän­de haben das ein­zig Rich­ti­ge getan: Sie haben die Sta­si mit offe­nen Armen emp­fan­gen. Sie­he Sta­pel (2001) und taz vom 12.10.1993 zur Stasi-Bespitzelung.

Einstellung zu Homosexualität in Aufklärungsbüchern und der Wissenschaft

Im Auf­klä­rungs­buch „Mann und Frau intim“ gibt es ein Kapi­tel zur Homo­se­xua­li­tät, das im Wesent­li­chen dem ent­spricht, was fort­schritt­li­che Men­schen heu­te über Homo­se­xua­li­tät den­ken. Das Buch ist 1971 erschie­nen und wur­de wie­der­holt unver­än­dert nach­ge­druckt. Mir liegt die 12. unver­än­der­te Auf­la­ge von 1979 vor. Mei­ne Aus­ga­be ist aus dem Ver­lag Volk und Gesund­heit, Ber­lin. Nach Wiki­pe­dia­ein­trag des Autors Schnabl ist es vor­her 1969 in Rudol­stadt und auch als gering­fü­gig gekürz­te Lizenz­aus­ga­be 1969 in der BRD ver­öf­fent­licht wor­den. Das Buch wur­de ins Tsche­chi­sche (1972), Bul­ga­ri­sche (1979) und Rus­si­sche (1982) über­setzt. Bis 1990 hat­te das Buch 18 Auflagen.

Sexu­al­rat­ge­ber von 1971 aus der DDR mit heu­ti­gen Ansich­ten zur Homosexualität

Da in der DDR nicht ein­fach irgend­wer irgend­wel­che Bücher ver­öf­fent­li­chen konn­te, kann man davon aus­ge­hen, dass das die offi­zi­el­le Mei­nung zum The­ma war. Kön­nen (2018) schreibt:

Dies zeig­te sich in den Rat­ge­bern zur Sexua­li­tät für Erwach­se­ne. So wur­de 1977 Homo­se­xua­li­tät im Auf­klä­rungs­buch „Mann und Frau intim“ als eine von meh­re­ren Mög­lich­kei­ten mensch­li­cher Sexua­li­tät dar­ge­stellt. 1984 fand sich in „Lie­be und Sexua­li­tät bis 30“ erst­mals ein Kapi­tel zur Homo­se­xua­li­tät, das die­se posi­tiv dar­stell­te. Es ist nicht belegt, dass eine sol­che Ände­rung auch in den Unter­richts­hil­fen erfolg­te. Im sel­ben Jahr wur­de vom Ber­li­ner Magis­trat, der Ost-Ber­li­ner Stadt­ver­wal­tung, eine Grup­pe von Wis­sen­schaft­lern an der Hum­boldt Uni­ver­si­tät ein­ge­setzt, die Kon­zep­te erar­bei­ten soll­te, um die Lebens­um­stän­de und Lebens­be­din­gun­gen von Schwu­len und Les­ben zu ver­bes­sern.

DDR-weit gab es von 1985 bis 1990 drei inter­dis­zi­pli­nä­re Work­shops an ver­schie­de­nen Uni­ver­si­tä­ten mit dem Fokus auf homo­se­xu­el­len Eman­zi­pa­ti­ons­be­we­gun­gen. 1987 erschien mit „Homo­se­xua­li­tät“ die ers­te popu­lär­wis­sen­schaft­li­che Publi­ka­ti­on in der DDR. 1988 pro­du­zier­te das Deut­sche Hygie­ne-Muse­um Dres­den den Auf­klä­rungs­film „Die ande­re Lie­be“. Die Bro­schü­re zum Film infor­mier­te über die Geschich­te und das aktu­el­le Leben Homo­se­xu­el­ler sowie über die Kennt­nis­se der Wis­sen­schaft und gab Tipps für den All­tag des Ein­zel­nen – und spe­zi­ell für Eltern und Erzieher.

Kön­ne, Chris­ti­an. 2018. Schwu­le und Les­ben in der DDR und der Umgang des SED-Staa­tes mit Homo­se­xua­li­tät. Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung.

Es gab ein Auf­klä­rungs­buch für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren: Denkst Du schon an Lie­be von Hein­rich Brück­ner.

Zu DDR-Zei­ten habe ich es gele­sen, es stand bei mei­nen Eltern im Schrank. Ich habe es mir extra jetzt noch ein­mal gekauft (4. Auf­la­ge von 1976). Es gibt auch in die­sem Buch ein Kapi­tel über Homo­se­xua­li­tät und die­se wird als nor­ma­le Vari­an­te dar­ge­stellt. Ich den­ke, dass das auch den Ansich­ten ent­spricht, die heu­te Stand der medi­zi­ni­schen For­schung sind. Ein­zi­ger Unter­schied ist wahr­schein­lich das Schutz­al­ter (§151), das in dem Buch noch gerecht­fer­tigt wird, aber in der DDR auch 1988 abge­schafft wurde.

Kuba und Homosexualität

Kuba war nach der Revo­lu­ti­on bis zu Fidel Cas­tros Tod von die­sem kon­trol­liert und gelenkt. Wie Rabe schreibt, gab es Reden von Cas­tro mit homo­se­xu­el­le­feind­li­chen Äuße­run­gen. Nach des­sen Tod wur­den wich­ti­ge Ämter von Raúl Cas­tro über­nom­men. Inter­es­san­ter­wei­se lei­te­te ab 1980 Raúl Cas­tros Toch­ter Marie­la Cas­tro Espín das Zen­trum für Sexu­el­le Bil­dung. Seit 1990 ist sie Direk­to­rin des Cen­tro Nacio­nal de Edu­ca­ción Sexu­al (Natio­na­les Zen­trum für sexu­el­le Auf­klä­rung – CENESEX). Sie ist LGBTQ-Akti­vis­tin und setzt sich sehr stark für die Rech­te der Homo­se­xu­el­len ein. Der Cuba-Bud­dy, eine Tou­ris­mus-Sei­te mit Spe­zia­li­sie­rung auf Kuba, schreibt:

In den letz­ten Jah­ren hat sich die Situa­ti­on der LGBTQ-Gemein­schaft auf Kuba deut­lich ver­bes­sert. Im Jahr 2008 wur­den Geset­ze ein­ge­führt, die Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund der sexu­el­len Ori­en­tie­rung ver­bie­ten. Die Geschlechts­um­wand­lung wur­de lega­li­siert und ist für jede Kuba­ne­rin und für jeden Kuba­ner kos­ten­frei und wird voll­stän­dig von den Kran­ken­kas­sen übernommen.

Im Sep­tem­ber 2022 stimm­te eine gro­ße Mehr­heit der Bevöl­ke­rung außer­dem bei einem Refe­ren­dum für eine Reform des Fami­li­en­ge­set­zes. Damit ist die Lega­li­sie­rung der gleich­ge­schlecht­li­chen Ehe, die Mög­lich­keit der Leih­mut­ter­schaft für homo­se­xu­el­le Paa­re sowie Adop­ti­on und här­te­res Vor­ge­hen gegen geschlech­ter­spe­zi­fi­sche Gewalt beschlos­sen worden.

Vor genau zehn Jah­ren, 2013 fand die ers­te offi­zi­el­le Pri­de-Woche in Havan­na statt, an der Tau­sen­de von Men­schen teil­nah­men. Seit­dem erstrahlt die Haupt­stadt jedes Jahr für eine Woche in den Far­ben der Community.

Der Cuba bud­dy: Geschich­te der LGBTQIAS+-Gemeinschaft in Kuba

Aus wirt­schaft­li­chen Grün­den inten­si­vier­te Kuba ab den 80er Jah­ren den Tou­ris­mus und war des­halb auch an einer fort­schritt­li­che­ren Sicht auf Homo­se­xua­li­tät inter­es­siert. 2022, also ein Jahr vor dem Inter­view mit Rabe, wur­den die Fami­li­en­ge­set­ze in Kuba moder­ni­siert, so dass man jetzt gleich­ge­schlecht­lich hei­ra­ten kann. Kuba hat jetzt eins der libe­rals­ten Fami­li­en­ge­set­ze weltweit.

Kuba ist immer noch ein sozia­lis­ti­sches Land, ein Ein­par­tei­en­sys­tem mit einer kom­mu­nis­ti­schen Par­tei. Die Fra­ge, die man sich stel­len muss, ist, war­um es so lan­ge gedau­ert hat, bis die Geset­ze geän­dert wur­den. Und die Ant­wort ist, dass in sol­chen Dik­ta­tu­ren des Pro­le­ta­ri­ats, also de fac­to Ein­par­tei­en­sys­te­men, je nach Gege­ben­hei­ten im jewei­li­gen Land, viel an Ein­zel­per­so­nen hän­gen kann. Die Men­schen, die, als Rabe drei Jah­re alt war, an den run­den Tischen saßen, waren zum Teil für einen Sozia­lis­mus mit mensch­li­chem Ant­litz. Mehr Betei­li­gung, weni­ger Über­wa­chung. Eine eigen­stän­di­ge, lin­ke, pro­gres­si­ve DDR.

Wer­bung für Anti-Kohl-Demo im Dezem­ber 1989 ver­schie­de­ner Oppo­si­ti­ons­grup­pen, u.a. den Grü­nen und der Frau­en­ver­ei­ni­gung Lila Offen­si­ve. DDR-Muse­um Eisenhüttenstadt.

Wich­tig ist in die­sem Zusam­men­hang, dass das Fami­li­en­ge­setz auf­grund eines Refe­ren­dums geän­dert wur­de. Das zeigt, dass es in Kuba heut­zu­ta­ge eine Betei­li­gung des Vol­kes gibt. Übri­gens setzt sich auch hier Marie­la Cas­tro für die Stär­kung par­ti­zi­pa­ti­ver Mecha­nis­men ein.

Schwule und der Sozialismus

Anne Rabe lei­te­te ja aus einem Film über einen Schrift­stel­ler im katho­li­schen Kuba irgend­et­was über „den Sozia­lis­mus“ ab. Man hät­te ja mal gucken kön­nen, wie es in der DDR war, um her­aus­zu­fin­den, ob das im Film Gezeig­te für den Sozia­lis­mus an sich typisch gewe­sen war. Aber selbst wenn es in der DDR auch so schlimm gewe­sen wäre, wäre man noch nicht fer­tig gewe­sen. Es hät­te ja sein kön­nen, dass die DDR viel­leicht als Nazi-Erbe noch bestimm­te spe­zi­el­le homo­pho­be Ein­stel­lun­gen tra­diert hät­te, die aber nicht zwangs­läu­fig mit dem Sozia­lis­mus gekop­pelt gewe­sen sein müss­ten. Dazu hät­te man über­prü­fen müs­sen, wie es in ande­ren Län­dern des Ost-Blocks gewe­sen ist. Kön­nen (2018) schreibt dazu:

Die sich in der DDR for­mie­ren­de Eman­zi­pa­ti­ons­be­we­gung war durch die­sel­be Film­pro­duk­ti­on beein­flusst wie die der Bun­des­re­pu­blik und such­te sich auch spä­ter ihre Vor­bil­der im Wes­ten. Sol­che aus der frü­hen Geschich­te der UdSSR, wo die Straf­bar­keit für Homo­se­xua­li­tät – zwi­schen 1917 und 1934 – abge­schafft wor­den war, wur­den nicht genutzt. Kon­tak­te mit Homo­se­xu­el­len aus ande­ren Staa­ten des ehe­ma­li­gen Ost­blocks wie Polen, ČSSR oder Ungarn, in denen Homo­se­xua­li­tät teil­wei­se eben­falls seit den 1960er straf­frei war, sind aber ab 1987/88 bezeugt.

Das zeigt, dass die Sowjet­uni­on, wo zumin­dest die spä­te­re Hälf­te des Mar­xis­mus-Leni­nis­mus her­kam, schon vor 1934 eine ande­re Ein­stel­lung zur Homo­se­xua­li­tät hat­te als die Deut­schen, die ihr 1000jähriges fins­te­res Kapi­tel da gera­de erst begon­nen hat­ten. 1934 wur­de Röhm ermor­det und dann war der Weg frei für die sys­te­ma­ti­sche Ver­fol­gung und Ver­nich­tung Homo­se­xu­el­ler (Wiki­pe­dia: Homo­se­xua­li­tät in der Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus). In Polen wur­de die Homo­se­xua­li­tät sogar 1932 schon straf­frei und homo­se­xu­el­le Pro­sti­tu­ti­on 1968 lega­li­siert.

Schlussfolgerung

An der DDR gab es viel zu bemän­geln und ich war auch im Okto­ber 1989 in der Geth­se­ma­ne-Kir­che und habe pro­tes­tiert, aber aus einem Film über das schwe­re Leben eines schwu­len Schrift­stel­lers in Kuba abzu­lei­ten, dass der Sozia­lis­mus schlecht ist, hal­te ich für etwas gewagt. Schlimm ist es dann, wenn eine que­e­re Per­son 2023, also 19 Jah­re spä­ter, die­se Geschich­te völ­lig unre­flek­tiert erzählt.

Der Sozialismus ist tot, es lebe der Solzialismus!

Anne Rabe ist Mit­glied der SPD. Aus mei­nen ver­schie­de­nen Blog-Bei­trä­gen soll­te klar gewor­den sein, dass Anna Rabes Arbeit sich nicht durch Gründ­lich­keit aus­zeich­net. So hat sie wahr­schein­lich auch nicht wirk­lich nach­ge­schaut, in wel­che Par­tei sie ein­ge­tre­ten ist. Die SPD war ursprüng­lich eine Arbei­ter­par­tei. Mein Opa war drin, sein Bru­der war in der SAJ, der Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on der SPD. Er hat im KZ geses­sen für Flug­blät­ter für eine Ein­heits­front aus KPD und SPD (sie­he Blog-Post zu Rabes Ideen von Blut­schuld). Die SPD war bis 1959, bis zum Godes­ber­ger Pro­gramm, eine mar­xis­tisch-leni­nis­ti­sche Par­tei. Das haben sie dann aus dem Pro­gramm gewor­fen, aber sie wol­len immer noch den (demo­kra­ti­schen) Sozia­lis­mus auf­bau­en (sie­he Ham­bur­ger Pro­gramm, 2007). Ob das mit dem aktu­el­len Per­so­nal was wird, ist noch eine ande­re Fra­ge, aber das ist zumin­dest das Ziel. Die SPD steht zur Zeit nir­gend­wo im Osten da, wo sie ste­hen könn­te, in Sach­sen bei 6%, und Anne Rabe ist Teil des Pro­blems. Sie hilft dem Wes­ten, wie Osch­mann es sagen wür­de, sich einen Osten zu kon­stru­ie­ren. Mit die­sen Men­schen möch­te im Osten nie­mand zu tun haben. Damit die­ses Pro­blem irgend­wann im Wes­ten ankommt, schrei­be ich die­se Blog-Beiträge.

Umfra­ge­er­geb­nis­se für Sach­sen 3.4.2024: https://dawum.de/Sachsen/

Zusammenfassung

Lie­be Wes­sis, lie­be drit­te oder vier­te Gene­ra­ti­on Ossis: Anne Rabe ist kei­ne zuver­läs­si­ge Quel­le für irgend­was. Wenn Ihr sie inter­viewt, berei­tet Euch gut dar­auf vor. Wenn Ihr über Ihre Aus­sa­gen schreibt, recher­chiert selbst. Ihr wer­det sonst auch Teil der gro­ßen Peinlichkeit.

Quellen

Anne Rabe: „In ver­wir­ren­den Zei­ten sind ein­fa­che Nar­ra­ti­ve ver­füh­re­risch“. 2023. Deutsch­land­ra­dio. (Zwi­schen­tö­ne.) (https://www.deutschlandfunk.de/anne-rabe-in-verwirrenden-zeiten-sind-einfache-narrative-verfuehrerisch-dlf-84b94bff-100.html)

Kön­ne, Chris­ti­an. 2018. Schwu­le und Les­ben in der DDR und der Umgang des SED-Staa­tes mit Homo­se­xua­li­tät. Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung. (https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/265466/schwule-und-lesben-in-der-ddr/)

May­er, Vere­na. 2015. Homo­se­xua­li­tät und Kir­che: Der Herr Pfar­rer und sein Mann. Süd­deut­sche Zei­tung. Mün­chen. (https://www.sueddeutsche.de/leben/homosexualitaet-und-kirche-der-herr-pfarrer-und-sein-mann‑1.2218981)

Souk­up, Jean Jac­ques. 1993. Zwölf IMs auf eine Les­be. taz. 12.10.1993. Ber­lin. (https://taz.de/Zwoelf-IMs-auf-eine-Lesbe/!1596600/)

Sta­pel, Edu­ard. 2001. DDR-Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung: Von der Sta­si bespit­zelt. LAMB­DA-Nach­rich­ten 1. (https://www.homopoliticus.at/start/gastbeitraege/ddr-vergangenheitsbewaeltigung-von-der-stasi-bespitzelt/)

Timt­schen­ko, Maria. 2016. DDR: Ein Mann fin­det sein Glück. Die Zeit (50/2016). (https://www.zeit.de/2016/50/ddr-thueringen-homosexualitaet-lauscha/)

Wöl­fel, Syl­via. 2012. „Plan­mä­ßi­ge Ver­rin­ge­rung des Bedarfs“ Die Ent­wick­lung ver­brauchs­ar­mer Haus­halts­ge­rä­te in der DDR. Tech­nik­ge­schich­te 79(1). 45–60. (doi:10.5771/0040–117X-2012–1‑45)

„Historische Ursachen der Fremdenfeindlichkeit in den neuen Bundesländern“: Kommentare zu einem Aufsatz von Patrice G. Poutrus, Jan C. Behrends und Dennis Kuck

Einleitung

Ich arbei­te gera­de an einer Rezen­si­on von Anne Rabes Buch „Die Mög­lich­keit von Glück“. Ich habe dazu zwei Blog-Posts geschrie­ben (Kei­ne Gewalt! Zu Mög­lich­kei­ten und Glück und dem Buch von Anne Rabe und Wei­te­re Kom­men­ta­re zu Anne Rabes Buch: Eine Mög­lich­keit aber kein Glück) und im zwei­ten auch den fol­gen­den Satz zu Anti­se­mi­tis­mus und Natio­na­lis­mus kommentiert:

Auch waren Anti­se­mi­tis­mus und Natio­na­lis­mus wich­ti­ge Bestand­tei­le der sowje­ti­schen und real­so­zia­lis­ti­schen Ideologie.

Rabe, Anne. 2023. Die Mög­lich­keit von Glück. Stutt­gart: Klett-Cot­ta.
S. 271

Die Bespre­chung die­ses einen Sat­zes ist viel zu lang gera­ten, so dass ich beschlos­sen habe, sie in einen extra Blog-Post aus­zu­la­gern. Das ist die­ser hier.

Ad hominem: Wer spricht?

Ich habe mich gefragt, wo hat Anne Rabe das nur her­hat. Quel­len hat sie kei­ne ange­ge­ben. Da steht nur die­ser eine Satz. Na, viel­leicht von Ines Gei­pel. Dass sie mit Ines Gei­pel befreun­det war/ist habe ich aus einem Arti­kel in der NZZ über ein angeb­li­ches Pla­gi­at von Rabe erfah­ren (sie­he Wei­te­re Kom­men­ta­re zu Anne Rabes Buch: Eine Mög­lich­keit aber kein Glück). Dass Anet­ta Kaha­ne und Ines Gei­pel gelo­gen haben (oder extrem unwis­send sind), wenn sie behaup­ten, der Holo­caust sei im Osten nicht vor­ge­kom­men, habe ich schon in Der Ossi und der Holo­caust bespro­chen. Zum (fast) nicht vor­han­de­nen Anti­se­mi­tis­mus in der DDR hat die Jüdin Danie­la Dahn viel geschrie­ben. Man­ches ist auch im Holo­caust-Post erwähnt. Ande­re Sachen bespre­che ich im Post über die Aus­stel­lung über jüdi­sches Leben in der DDR, die vom jüdi­schen Muse­um orga­ni­siert wurde.

Ich habe diver­se Inter­views mit Anne Rabe gele­sen und in einem Inter­view von Cor­ne­lia Geiß­ler von der Ber­li­ner Zei­tung steht:

Auch der His­to­ri­ker Patri­ce G. Pou­trus, der eher Osch­manns Gene­ra­ti­on ange­hört, hat beob­ach­tet, dass Rech­te und Rechts­extre­me im Osten auf ein fes­tes natio­na­lis­ti­sches Welt­bild trafen.

Geiß­ler, Cor­ne­lia. 2023. Anne Rabe: „Es reicht nicht, die DDR immer nur vom Ende her zu erzäh­len“. Ber­li­ner Zei­tung.

Ich bin ja immer bereit, Neu­es zu ler­nen und dach­te mir: „Gut, mal gucken, was der His­to­ri­ker Pou­trus her­aus­ge­fun­den hat.“ Als ers­tes: Kur­zer Chek: Er ist aus dem Osten. Also gut, mal gucken. Bei der Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung habe ich einen Auf­satz von ihm gefun­den, den er gemein­sam mit Jan C. Beh­rends und Den­nis Kuck ver­fasst hat: His­to­ri­sche Ursa­chen der Frem­den­feind­lich­keit in den neu­en Bun­des­län­dern.

Zwei­ter Check: Wiki­pe­dia­ein­trag zu Patri­ce G. Pou­trus.

Anschlie­ßend arbei­te­te er als haupt­amt­li­cher FDJ-Funk­tio­när erst im VEB Werk für Fern­seh­elek­tro­nik und dann in der FDJ-Bezirks­lei­tung Ber­lin. 1988 leg­te er sein Abitur an der Abend­schu­le der Volks­hoch­schu­le Ber­lin-Trep­tow ab. 1989 wur­de er zum Fern­stu­di­um der Geschichts­wis­sen­schaf­ten an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin zugelassen.

Nun ja, nun ja. Ein FDJ-Sekre­tär, der sich für ein Geschichts­stu­di­um bewor­ben hat. In der DDR. Fächer wie Geschich­te und Phi­lo­so­phie stu­dier­ten in der DDR nur die rötes­ten Socken. Für mich fällt Pou­trus damit in eine Grup­pe mit Gei­pel (Vater IM für ter­ro­ris­ti­sche Anschlä­ge auf BRD-Gebiet), Kaha­ne (Vater ND-Chef­re­dak­teur, sie selbst IM, die aktiv jüdi­sche Freun­de ver­ra­ten hat, sie­he Wiki­pe­dia­ein­trag) und Rabe (Funk­tio­närs­kind): ehe­ma­li­ge rote Socken bzw. Funk­tio­närs­kin­der, die auf die ande­re Sei­te vom Pferd gefal­len sind. Der Punkt ist: Als belas­te­ter Mensch darf man auf kei­nen Fall irgend­et­was Gutes an dem fin­den, was man hin­ter sich gelas­sen hat, denn ande­re könn­ten ja dann den­ken, man sei immer noch „so einer“.

Rote Ver­gan­gen­heit allein bedeu­tet nichts. Men­schen kön­nen sich ändern. Ad homi­nem-Argu­men­te sind in der nor­ma­len Wis­sen­schaft unzu­läs­sig. Aber irgend­wie scheint mir hier doch ein Mus­ter vor­zu­lie­gen und es geht bei gesell­schaft­lich rele­van­ten Aus­sa­gen eben doch dar­um, wer spricht. Die ech­ten Argu­men­te zu Pou­trus kom­men in den nun fol­gen­den Abschnit­ten. Die gegen Kaha­ne und Gei­pel habe ich bereits in Holo­caust-Post vor­ge­bracht. Die gegen Rabe in den bei­den zu Beginn zitier­ten Blog-Posts und auch ver­mischt mit dem, was jetzt kommt.

Jugendliche Rechtsextremisten in Jugendtreffs

Ich gehe den Text von Pou­trus, Beh­rends & Kuck ein­fach mal der Rei­he nach durch. Die Autoren schreiben:

Trotz Ver­ein­heit­li­chungs­ten­den­zen und inter­na­tio­na­ler Ver­net­zung in der rech­ten und Skin­head-Sze­ne sind deut­li­che Unter­schie­de zwi­schen der Situa­ti­on in Ost- und West­deutsch­land zu beob­ach­ten. Kenn­zeich­nend ist nicht nur die ’star­ke Domi­nanz jugend­li­cher Rechts­extre­mis­ten’ in den Jugend­treffs ver­schie­de­ner ost­deut­scher Brenn­punk­te, son­dern die inzwi­schen erreich­te vor­aus­set­zungs­lo­se Gewaltbereitschaft.

Pou­trus, Patri­ce G., Beh­rends, Jan C. & Kuck, Den­nis. 2002. His­to­ri­sche Ursa­chen der Frem­den­feind­lich­keit in den neu­en Bun­des­län­dern. Aus Poli­tik und Zeit­ge­schich­te.

Hier­zu möch­te ich der geneig­ten Leser*in fol­gen­des Video ans Herz legen:

Der Bei­trag zeigt einen Jugend­club in Cott­bus, in dem sich Rechts­ra­di­ka­le tref­fen. Sie wer­den dort vom CDU-Innen­mi­nis­ter Jörg Schön­bohm besucht, der die Jugend­li­chen pri­ma fin­det (12:30). Die Fami­lie Schön­bohm floh 1945 in den Wes­ten. Schön­bohm war Gene­ral­leut­nant in der Bun­des­wehr und Lan­des­vor­sit­zen­der der CDU Bran­den­burg. Auch sieht man im Video, dass die Nazi-Par­tei Deut­sche Alter­na­ti­ve, die in Bran­den­burg aktiv war, von Men­schen aus dem Wes­ten auf­ge­baut wur­de (11:25). Rabe schreibt dazu auch an eini­gen Stel­len etwas und stellt den Ein­fluss von West-Nazis und West­po­li­ti­kern in Fra­ge. Ihre Aus­sa­gen im Buch zum Bei­spiel bzgl. Lich­ten­ha­gen sind ein­fach falsch. Zu die­ser Dis­kus­si­on sie­he Wei­te­re Kom­men­ta­re zu Anne Rabes Buch: Eine Mög­lich­keit aber kein Glück.

Nationalstolz

Die Autoren argu­men­tie­ren, dass die DDR einen Natio­nal­stolz zu eta­blie­ren ver­sucht habe, der dann spä­ter in den jetzt zu beob­ach­ten Natio­na­lis­mus umge­schla­gen sei. Im Fol­gen­den möch­te ich eini­ge Berei­che unter­su­chen, auf die man hät­te stolz sein kön­nen oder sollen.

Sport

Die Staats­füh­rung woll­te, dass wir stolz auf unser Land sind. Ver­ständ­lich. Sie woll­te, dass wir gern dort leben und nicht bei der erst­bes­ten Gele­gen­heit abhau­en. Aber hat das irgend­wie geklappt? Ich bin ja fast noch nach­träg­lich stolz auf die DDR gewor­den, als ich ges­tern gese­hen habe, wie gigan­tisch die Last war, die die Gene­ra­ti­on mei­ner Eltern und Groß­el­tern gestemmt hat: Repa­ra­ti­ons­leis­tun­gen und Wie­der­auf­bau (sie­he Wei­te­re Kom­men­ta­re zu Anne Rabes Buch: Eine Mög­lich­keit aber kein Glück). Aber zu DDR-Zei­ten war ich nicht stolz auf die DDR und kann­te außer andert­halb Sta­si-Kin­dern wahr­schein­lich auch nie­man­den, der stolz war. Die DDR hat es ver­sucht. Mit Sport. Kata­ri­na Witt war super. Ich habe sie als Kind beim Schau­lau­fen gese­hen. Im Sport- und Erho­lungs­zen­trum im Fried­richs­hain. Beim Kin­der­schau­lau­fen. Sie war ein Schlumpf. Wahr­schein­lich so 14 Jah­re alt. Spä­ter hing in jedem Klas­sen­raum ein Bild von ihr. Im FDJ-Hemd. Sie war Mit­glied der Volks­kam­mer. Sie kann­te Bryan Adams und hat­te dafür gesorgt, dass er zu einem Kon­zert nach Ber­lin kam.

Sie ließ es sich nicht neh­men, ihn anzu­kün­di­gen. Vor 65.000 Men­schen. Sie haben sie aus­ge­buht.5 Die Gold-Käthe hat es nicht ver­stan­den. Wo kam nur die­se Abnei­gung her? Sie hat­te doch alles gewon­nen, was man gewin­nen konn­te? Für die FDJ, für Erich Hon­ecker, für ihr Land. Wir moch­ten sie nicht.

Nach der Wen­de hat sie das Land ver­las­sen. Wie man dem fol­gen­den Video ent­neh­men kann, hat sie heu­te noch nicht ver­stan­den, war­um wir sie nicht mochten.

https://www.youtube.com/watch?v=wThl0N5fybk

San­dow hat sogar ein Lied über die Kon­zer­te damals (mit Bruce Springsteen) und über unse­ren Stolz auf Katha­ri­na Witt geschrieben:

Wir bau­en auf und tape­zi­ern nicht mit
Wir sind sehr stolz auf Katha­ri­na Witt
Katha­ri­na was born
Born in the GDR.

San­dow: Born in the GDR. 1989

Betriebe

Mei­ne Mut­ter hat Betriebs­be­sich­ti­gun­gen orga­ni­siert. (Für die, die es nicht erlebt haben: Ein Groß­teil des kul­tu­rel­len Lebens fand in der DDR auch über die Betrie­be statt. Musik, Aus­flü­ge usw. Frei­geis­ter fan­den das doof. Die­se kleb­ri­ge Enge. Aber das war alles weg, als nach der Wen­de die Arbeits­lo­sig­keit kam. Per­sön­li­che Bin­dun­gen weg, Arbeit weg, Kul­tur weg. Es blieb nur ein Trüm­mer­hau­fen.) Jeden­falls habe ich eine Licht­lei­ter­fa­brik, eine Fabrik von Stern­ra­dio und ein Kugel­la­ger­werk besich­tigt. Ich dach­te, dass eine Licht­lei­ter­fa­brik etwas Hoch­mo­der­nes sein müss­te. Es war eine klei­ne Klit­sche mit Maschi­nen aus den 70er Jah­ren. Die Kugel­la­ger­fa­brik funk­tio­nier­te. Ich fand es lus­tig, dass die fer­ti­gen Kugel­la­ger­rol­len auf Schie­nen durch die Hal­le roll­ten. Die Fer­ti­gungs­an­la­ge für Stern­ra­dio wur­de aus Schwe­den impor­tiert. Coo­les Zeug. Nest­bau­wei­se. Wir konn­ten sehen, wie die Schalt­krei­se auf die Pla­ti­nen kamen usw. Die Takt­stra­ße stand in einem alten Fabrik­ge­bäu­de. Die Stern­re­cor­der – muss wohl der SKR 700 gewe­sen sein – wur­den ganz oben pro­du­ziert. Wenn sie fer­tig waren schweb­ten sie am För­der­band ins Trep­pen­haus, wo sie dann ins Erd­ge­schoss hin­ab­ge­las­sen wer­den soll­ten. Das Abbrem­sen der Recor­der im Trep­pen­haus funk­tio­nier­te nicht, so dass eine gro­ße Anzahl der Recor­der sechs Stock­wer­ke in die Tie­fe stürz­te. 1540 Mark ein­fach futsch. Pfusch. Soll­te ich dar­auf stolz sein?

Ich bin in Buch auf­ge­wach­sen. In den Neu­bau­ten. Es gab die alten Neu­bau­ten, die Neu­bau­ten und die neu­en Neu­bau­ten. Ich konn­te dabei zuse­hen, wie Tei­le der Neu­bau­ten und der neu­en Neu­bau­ten ent­stan­den. Die Bau­stel­len stan­den oft Mona­te lang still, weil Mate­ri­al fehl­te. Die Bau­ar­bei­ter saßen in den Bau­wa­gen davor. Soll­te ich dar­auf stolz sein? Es gab Woh­nungs­not. Spä­ter im Wes­ten habe ich mich dar­über gewun­dert, wie schnell man Häu­ser bau­en konnte.

1987 war ich für drei Wochen im Braun­koh­le­werk Espen­hain. Die Schwe­le­rei war zuge­fro­ren und das Werk hat­te die Armee um Hil­fe gebe­ten. Die Kom­pa­nie vor uns hat­te die Schwe­le­rei vom Eis befreit, so dass die För­der­bän­der wie­der lie­fen. Wir waren nur noch zur Sicher­heit dort im Ein­satz. Ich erin­ne­re mich genau dar­an, wie wir hin­ge­fah­ren sind. Wir saßen auf einem Las­ter, ich war ein­ge­schla­fen. Irgend­wann bin ich auf­ge­wacht, hab einen kur­zen Blick nach drau­ßen gewor­fen und wuss­te: Wir sind da. Der Schnee war schwarz. Ich habe in der Nacht­schicht gear­bei­tet und mei­ne Auf­ga­be war es, ab und zu an ein Rohr einer Fil­ter­an­la­ge zu klop­fen, damit die Asche in einen mit Was­ser gespül­ten Kanal fiel, denn die Klap­pe dafür ver­klemm­te sich ab und zu. Es gab För­der­bän­der über die Koh­le­bri­ketts aus den Koh­le­pres­sen in Bahn­wag­gons trans­por­tiert wur­de. Die Bri­ketts kamen aus der Pres­se über Dop­pel-T-Trä­ger aus Stahl. Die Trä­ger waren so abge­nutzt, dass in der Mit­te das Metall weg war. Des­halb ver­klemm­te sich ab und zu ein Bri­kett, die umlie­gen­den Brie­ketts plopp­ten raus und fie­len neben die Trä­ger. Unse­re Auf­ga­be war es, die Koh­le auf die Bän­der zu schip­pen. Ein Ange­stell­ter erzähl­te uns, dass das nor­ma­ler­wei­se „die Rus­sen“ machen. Die T‑Träger befan­den sich in der Höhe von 2 bis 3 Metern. Wenn dann so vie­le Bri­ketts run­ter­ge­fal­len waren, dass sie in die Höhe der T‑Träger kamen, wur­den die „Freun­de“ geru­fen und schipp­ten das alles in einem Rutsch weg. Aber da wir nun schon mal da waren, konn­ten wir das auch erledigen. 

Wenn es reg­ne­te, sah man die Pfüt­zen nicht. Der Staub lager­te sich auf ihnen ab.

Das Werk Espen­hain wur­de 1937 von den Nazis gebaut. Schon kriegs­si­cher in red­un­dan­ter Dop­pelt­aus­füh­rung: zwei glei­che Kraft­wer­ke nebeneinander.

Nach dem Koh­le­ein­satz beka­men wir drei Tage ver­län­ger­ten Kurz­ur­laub (VKU). Ich habe jeden Tag geba­det. Die Koh­le war noch lan­ge in den Poren. (Nicht, dass wir in Espen­hain nicht geduscht hät­ten. Das hat nur nicht viel geholfen.)

Soll­te ich auf Espen­hain stolz sein? Das war ein kom­plett run­ter­ge­rock­tes Kraftwerk!

Das steht hier­zu in Wikipedia:

In den 1960er Jah­ren waren die Anla­gen im Zusam­men­hang mit der Wirt­schafts­ori­en­tie­rung auf die Erd­öl­che­mie mas­siv auf Ver­schleiß gefah­ren wor­den. Als Anfang der 1970er Jah­re die Koh­le­che­mie wie­der an Bedeu­tung gewann, wur­de die Pro­duk­ti­on in den ver­schlis­se­nen Anla­gen auf maxi­ma­le Leis­tung gestei­gert. Dadurch und durch nicht vor­han­de­ne Inves­ti­tio­nen im Bereich des Umwelt­schut­zes stie­gen die Schad­stoff­emis­sio­nen in Luft und Was­ser sehr stark an. Über dem Ort und sei­ner Umge­bung lag immer eine Wol­ke von Phe­no­len, Schwe­fel, Ruß und Asche. Der hohe Schad­stoff­aus­stoß mach­te es erfor­der­lich, jeden Mor­gen Stra­ßen und Geh­we­ge zu keh­ren, da sich eine dicke Asche­schicht nie­der­ge­las­sen hat­te. Eini­ge Ein­woh­ner berich­ten, dass gele­gent­lich die Son­ne hin­ter Asche­wol­ken ver­schwand und dass Autos tags­über mit Licht fah­ren muss­ten. Die gesund­heit­li­chen Aus­wir­kun­gen auf die Ein­woh­ner der Stadt waren ver­hee­rend. Die Lebens­er­war­tung lag infol­ge­des­sen eini­ge Jah­re unter dem lan­des­wei­ten Durch­schnitt. Vor allem Kin­der lit­ten stark unter den auf­tre­ten­den Haut- und Atem­wegs­er­kran­kun­gen, wie z. B. Ekze­men und chro­nisch-obstruk­ti­ver Lun­gen­er­kran­kung (COPD). Auch heu­te noch sind vie­le Ein­woh­ner von Spät­fol­gen betroffen

Wiki­pe­dia-Ein­trag zu Espen­hain. 24.02.2024

Im Kon­sum des Wer­kes gab es Schnaps für 60 Pfen­nig (Wiki­pe­dia sagt 1,12 M) die Fla­sche (Brau­se­fla­sche). Der wur­de Kum­pel­tod genannt. Berg­leu­te und Leu­te in den Kraft­wer­ken wur­den exklu­siv damit ver­sorgt. Ich hab das nicht getrun­ken. Viel­leicht bin ich dar­auf stolz …

In den Nach­rich­ten wur­de der 1‑Me­ga­bit-Chip gefei­ert. Soll­te ich dar­auf stolz sein? Freun­de hat­ten West-Com­pu­ter, ich arbei­te­te an Ost-Com­pu­tern. Ich wuss­te, wo wir standen. 

Alle wuss­ten es. Es gab Wit­ze: „Ein Japa­ner kommt in die DDR und reist durchs Land. Kurz vor sei­ner Abrei­se wird er gefragt, was er am bes­ten fand. Die Ant­wort: ‚Die gan­zen Muse­en: Per­ga­mon, Robo­tron, Pen­t­a­con.’“ (Neben­be­mer­kung: Das bedeu­tet nicht, dass alles Schrott war. Es gab neu errich­te­te Wer­ke, gut funk­tio­nie­ren­de Wer­ke, es gab Boden­schatz­vor­kom­men, die ergie­bi­ger waren als die im Wes­ten (Kali). Das alles konn­te man in einem Film über die Treu­hand sehen, der aber lei­der pri­va­ti­siert wur­de … (auf you­tube auf pri­vat gestellt wur­de.)) In Stolz und Eigen­sinn kann man Inter­views mit Frau­en sehen, die auf Export­pro­duk­te hin­wei­sen. Braun­koh­le­bri­ketts wur­den in den Wes­ten expor­tiert. Auch Schu­he für Sala­man­der und ande­re Pro­duk­te. Die Kin­der­schu­he, die man im Film sehen konn­te, waren herz­al­ler­liebst und wür­den heu­te sicher rei­ßend Absatz fin­den. Wiki­pe­dia hat eine Lis­te der Gestat­tungs­pro­duk­ti­on. Die DDR fer­tig­te Waren für den Ver­kauf um Wes­ten. Es gab also Berei­che, die funk­tio­nier­ten. Ent­spre­chen­de Waren wer­den heu­te in Chi­na oder Viet­nam gefertigt.

Ich war nicht stolz auf die DDR. Ich war auch nicht stolz Deut­scher zu sein. Wir hat­ten gelernt, dass Natio­na­lis­mus das Wur­zel allen Übels war. Ich bin nach der Wen­de noch jah­re­lang zusam­men­ge­zuckt, wenn jemand „Deutsch­land“ gesagt hat, und wür­de die­ses Wort auch heu­te noch ger­ne nicht verwenden.

Die Autoren schreiben:

Hilf­los gegen­über der All­ge­gen­wart des West­fern­se­hens und der wirt­schaft­li­chen Über­le­gen­heit der Bun­des­re­pu­blik, ver­such­te die Par­tei eher durch den Ver­gleich mit den sozia­lis­ti­schen Bru­der­län­dern, den Ver­weis auf die eige­ne Spit­zen­stel­lung (hin­ter der Sowjet­uni­on), Punk­te zu sam­meln. Ins­be­son­de­re in Kri­sen­si­tua­tio­nen war die Par­tei­füh­rung auch bereit, unge­niert anti­pol­ni­sche Ste­reo­ty­pe (‘pol­ni­sche Wirt­schaft’) zu bedienen

Es stimmt, dass wir wuss­ten, dass wir die Bes­ten der Abge­häng­ten waren. Noch vor der Sowjet­uni­on. Ich war 1984 in Polen und 1988 in Rumä­ni­en und die Ver­sor­gung dort war unglaub­lich schlecht. Aber ich dach­te: Puh, da haben wir aber Glück. Und muss ja, weil wir das Schau­fens­ter waren (sie­he Bana­nen im Post Wei­te­re Kom­men­ta­re zu Anne Rabes Buch: Eine Mög­lich­keit aber kein Glück). Stolz war ich dar­auf nicht. Die Sache mit den Polen stimmt. Das ging gegen Soli­dar­ność.

Wor­auf war ich stolz, wor­auf konn­te ich stolz sein? Auf mei­ne eige­nen Erfol­ge im Sport? Im Schach? In Mathe­ma­tik­olym­pia­den? Ja. 

Auf unse­re Täte­rä­tä – wie Man­fred Krug sie nann­te – stolz zu sein, wäre mir nie im Traum ein­ge­fal­len. Das war bei FDJ-Funk­tio­nä­ren und bei Sach­sen viel­leicht anders.6

Nationalismus und Rassismus

Nationalismus

Zum Natio­na­lis­mus schrei­ben die Autoren:

In der ‘patrio­ti­schen Erzie­hung’ der DDR wur­den Begrif­fe wie ‘Hei­mat­lie­be’ oder ‘Stolz auf die Errun­gen­schaf­ten’ der DDR mit sozia­lis­ti­scher Ideo­lo­gie auf­ge­la­den. ‘Sozia­lis­ti­scher Patrio­tis­mus’, das hieß unver­brüch­li­che Freund­schaft zur Sowjet­uni­on, Lie­be zur SED und Ver­eh­rung für die Par­tei­füh­rung und Soli­da­ri­tät mit den ‘unter­drück­ten’ Völ­kern der Welt. Uns erscheint aber zwei­fel­haft, ob die Bevöl­ke­rungs­mehr­heit all die­se Impli­ka­tio­nen nach­voll­zog oder ob nicht eher nach der prä­gen­den Kraft dahin­ter­ste­hen­der tra­dier­ter Denk­struk­tu­ren, näm­lich der kri­tik­lo­sen Über­hö­hung des Eige­nen und der exklu­si­ven Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem eige­nen Kol­lek­tiv zu fra­gen ist. Beruh­te die­se ‘ima­gi­ned com­mu­ni­ty’ (Bene­dict Ander­son) also auf genau jenen Mecha­nis­men, die für das Gefühl und das Erleb­nis, einer eth­nisch defi­nier­ten ‘Nati­on’ anzu­ge­hö­ren, typisch sind? Eini­ge fach­spe­zi­fi­sche For­schungs­er­geb­nis­se wei­sen in die­se Rich­tung: Die bil­dungs­ge­schicht­li­che Stu­die von Hel­ga Mar­bur­ger und Chris­tia­ne Grie­se attes­tiert der DDR-Päd­ago­gik einen star­ken Homo­ge­ni­sie­rungs­druck nach innen. ‘Das Eige­ne war kol­lek­ti­ves Eige­nes und als sol­ches streng genormt.’

Hm. Ja. Viel­leicht. Wie die Autoren selbst schrei­ben, war es mit „Lie­be zur SED und Ver­eh­rung für die Par­tei­füh­rung“ nicht weit her. Den Erich haben wir nicht geliebt. Wir haben ja nicht mal die Katha­ri­na geliebt und die sah wirk­lich gut aus. Was die Staats­füh­rung woll­te und was real war, klaff­te nicht nur bei der Wirt­schaft auseinander.

Aber ist jetzt das DDR-Sys­tem schuld dar­an, dass es woll­te, dass die Bevöl­ke­rung die­ses Land lieb­te und da blieb, statt bei der nächst­bes­ten Gele­gen­heit in den Wes­ten zu ver­schwin­den? Die exklu­si­ve Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem eige­nen Kol­lek­tiv gehör­te sicher nicht zu den „dahin­ter­ste­hen­den tra­dier­ten Denk­struk­tu­ren“, denn uns wur­de immer der Wert der Völ­ker­freund­schaft bei­gebracht. Inter­na­tio­na­le Soli­da­ri­tät. Im Kampf für eine bes­se­re Welt, ohne Aus­beu­tung usw. Das schrei­ben die Autoren ja auch selbst. Der oben zitier­te Absatz scheint mir inkon­sis­tent zu sein.

Wei­ter:

Loh­nend ist in die­sem Zusam­men­hang ein Blick auf das Ver­hält­nis der Sta­si zu den auch in der DDR exis­ten­ten Skin­head­grup­pen. In den Sta­si-Akten zum Skin­head­über­fall auf die Zions­kir­che von 1987 wird deut­lich, wie stark die Denk­sche­ma­ta der Ermitt­ler durch­ein­an­der gerie­ten. Waren doch die Opfer – Ziel des Über­falls war ein Punk­kon­zert – durch ihren Non-Kon­for­mis­mus bis dahin selbst Objekt von Beob­ach­tung und Ver­fol­gung der Sicher­heits­or­ga­ne, weil ihre Ein­stel­lung als sys­tem­feind­lich galt. Was die rech­ten Schlä­ger betrifft, so rei­chen die Akten über rechts­extre­me Vor­fäl­le bis 1978 zurück. Gleich­wohl pass­te die ‘faschis­ti­sche’ Ori­en­tie­rung die­ser Täter­grup­pe nicht in das Ras­ter der klas­sen­kämp­fe­risch geschul­ten Geheim­dienst­ler, hat­ten die Skins doch wesent­li­che ’sozia­lis­ti­sche Wer­te’ wie Arbeits­lie­be, Ord­nung, Sau­ber­keit und Bereit­schaft zum Mili­tär­dienst für sich ange­nom­men. Die­ses Bei­spiel ver­deut­licht die ’sozi­al-hygie­ni­schen’ Gemein­sam­kei­ten staats­so­zia­lis­ti­scher und rechts­extre­mer Leit­bil­der. Die­se Über­ein­stim­mung war es, die eine cou­ra­gier­te und offe­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Rechts­extre­mis­mus unmög­lich mach­te, wären damit doch die genann­ten Grund­wer­te der DDR und letzt­lich der beschrie­be­ne Herr­schafts­mo­dus der SED in Mit­lei­den­schaft gezo­gen worden.

Sor­ry. Das geht nicht auf als Argu­ment. Grup­pe 1 hat Wer­te A, B, C, D. Grup­pe 2 hat Wer­te A, B und X. War­um soll Grup­pe 1 nicht Grup­pe 2 wegen X bekämp­fen kön­nen? Wenn es Nazi-Musik gibt, lie­gen Straf­ta­ten vor, gegen die man vor­ge­hen kann. Ich hat­te Kas­set­ten in der Hand, auf denen Songs wie „Töte Dei­nen Nach­barn!“ und „Mein gol­de­ner Schlag­ring“ waren.

Übri­gens kann man den Sta­si-Unter­la­gen zum Vor­fall in der Zions­kir­che auch ent­neh­men, dass da Skin­heads aus West-Ber­lin dabei waren. Just saying.

Reisen

Zum The­ma „Frem­de und Aus­län­der in der DDR“ schrei­ben die Autoren:

Spä­tes­tens seit dem Mau­er­bau waren Aus­lands­rei­sen und inter­na­tio­na­le Mobi­li­tät aus dem All­tag der DDR ver­bannt. Nur weni­ge konn­ten sich pri­va­te Urlaubs­rei­sen etwa nach Bul­ga­ri­en oder Ungarn leis­ten. Besu­che im Wes­ten waren Aus­nah­men im Fal­le wich­ti­ger Fami­li­en­an­ge­le­gen­hei­ten. Für die Mehr­heit der DDR-Bür­ger war Rei­sen ein staat­lich gewähr­tes Pri­vi­leg. Die­sen ein­ge­schränk­ten Erfah­rungs­ho­ri­zont gilt es zu berück­sich­ti­gen, wenn man den Auf­ent­halt von Frem­den und Aus­län­dern in der DDR betrach­tet. Die staats­so­zia­lis­ti­sche Dik­ta­tur mit ihrem all­um­fas­sen­den Rege­lungs­an­spruch ‘offi­zia­li­sier­te’ jede Form und Gele­gen­heit des Kon­takts zu Frem­den, so wie sie das mit allen sozia­len Bezie­hun­gen zu ver­wirk­li­chen such­te. ‘Gesell­schaft’ im Sin­ne eines rela­tiv auto­no­men Bereichs sozia­ler Bezie­hun­gen und Insti­tu­tio­nen, wie er für bür­ger­lich-libe­ra­le Staa­ten typisch ist, soll­te es in der DDR nicht geben, und das galt auch und gera­de auf die­sem Gebiet. Kon­tak­te und Umgang außer­halb der staat­lich fest­ge­leg­ten Regeln waren nicht vor­ge­se­hen, ent­we­der expli­zit ver­bo­ten, zumin­dest aber uner­wünscht. Ange­hö­ri­ge unter­schied­li­cher Staats­an­ge­hö­rig­kei­ten soll­ten sich der SED-Ideo­lo­gie zufol­ge gewis­ser­ma­ßen daher immer als ‘Reprä­sen­tan­ten’ ihrer jewei­li­gen Staats­völ­ker, qua­si in diplo­ma­ti­scher Funk­ti­on, begeg­nen, nicht jedoch auf einer ‘Von-Mensch-zu-Mensch-Basis’. Das ein­an­der Akzep­tie­ren als ‘Men­schen wie du und ich’, als indi­vi­du­el­le Gäs­te und Gast­ge­ber, Durch­rei­sen­de und Ein­hei­mi­sche, als Zufalls­be­kannt­schaf­ten etc. wur­de dadurch von vorn­her­ein erschwert bzw. erfor­der­te bewuss­tes, eigen­sin­ni­ges Gegen­hal­ten — wofür es durch­aus Bei­spie­le gab! Die Bot­schaft der offi­zi­el­len Rege­lungs­wut war aber: ‘Staats­zu­ge­hö­rig­keit’ (und die mach­te sich prak­tisch an der Nati­ons­zu­ge­hö­rig­keit fest) ist emi­nent ‘wich­tig’, der Inter­na­tio­na­lis­mus stell­te die Vor­rang­stel­lung der Nati­on nie infrage .

Das hat mich eini­ger­ma­ßen ver­wun­dert. Denn ich war in Mos­kau, Car­l­o­vy Vary (Karls­bad)
Prag, Buda­pest, Brașov, Buka­rest, Sofia, Soso­pol, Var­na, War­schau und Puła­wy. An vie­len Orten war ich mehr­fach. Das Ein­zi­ge, was man bezah­len muss­te, war eine Zug­fahr­kar­te. Die war nicht teu­er. Lebens­mit­tel kos­te­ten genau so viel wie zu hau­se. Geschla­fen haben wir auf dem Zelt­platz. Ich war im Buce­gi-Gebir­ge wan­dern. Wir hat­ten Sei­fe und Kaf­fee mit. Bes­te Zah­lungs­mit­tel in Rumä­ni­en damals. Die Tour Berlin–Sosopol war der Stan­dard damals. Ich weiß noch, dass die Son­nen­schir­me in Soso­pol 3 Mark gekos­tet haben. Das haben wir uns nicht geleis­tet. Ein­mal hat­te ich Fie­ber, da muss­ten wir. Man hat unter­wegs die­sel­ben Leu­te in Prag und Buda­pest getrof­fen. Die Rei­sen fan­den zwi­schen 1984 und 1989 statt. Ich war jung und hat­te kein Geld. Es ging dennoch.

In Buda­pest schlie­fen die Ossis immer ein­fach unter frei­em Him­mel auf der Maga­re­ten­in­sel. Das ging den Ungarn irgend­wann so auf die Ner­ven, dass sie eine Spe­zi­al­lö­sung für uns Ost­deut­sche ent­wi­ckel­ten: Es gab am Ende der U‑Bahn-Linie einen mit Sta­chel­draht umzäun­ten Platz, auf dem man umsonst schla­fen konn­te (steht auch im Wiki­pe­dia­ein­trag zur Maga­re­ten­in­sel). Man muss­te sei­nen Per­so­nal­aus­weis am Ein­gang abge­ben und am Mor­gen kam um 6:00 die ren­dőr­ség, stell­te sich neben die Schla­fen­den und dreh­te ein­mal voll die Sire­ne auf. Alle waren wach. Bis um 7:00 oder 8:00 hat­te man das Gelän­de wie­der zu ver­las­sen. Man­che haben gezel­tet, man­che unter frei­em Him­mel geschla­fen. Fin­di­ge Ungarn haben ein Geschäfts­mo­dell ent­wi­ckelt: Man konn­te sei­nen Ruck­sack bei ihnen im Gar­ten abstel­len, denn die Schließ­fä­cher an den Bahn­hö­fen waren alle belegt. Ich habe ein­mal da drau­ßen gezel­tet. Wo die­ser Zelt­platz war, konn­te man her­aus­fin­den, indem man ande­re Ossis frag­te. Wir haben uns an den Schu­hen (Römer­lat­schen oder Tram­per) erkannt. Bei mei­nen ande­ren Buda­pest-Besu­chen habe ich immer in einem pri­va­ten Gar­ten gezel­tet. Meh­re­re Ungarn hat­ten ihre Gär­ten zu Zelt­plät­zen umfunktioniert.

Von der Schu­le aus war ich in Mos­kau, Car­l­o­vy Vary und Polen (Puła­wy, War­schau, Ausch­witz). Das ent­spricht dem, was die Autoren geschrie­ben haben: Wir waren in diplo­ma­ti­scher Funk­ti­on dort. Ich bin auch Ehren­pio­nier der Sowjet­uni­on gewor­den, was mir spä­ter in mei­ner Zeit als Kanz­ler­kan­di­dat der Par­tei Die PARTEI sehr hel­fen soll­te (sie­he Kor­rek­tur Lebens­lauf).

Ste­fan Mül­ler, Pro­fes­sor für deut­sche Syn­tax an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin und Direkt­kan­di­dat der Par­tei Die PARTEI für den Wahl­kreis 242 Erlan­gen für die Bun­des­tags­wahl 2021, 09.08.2021, Bild: Arne Rein­hardt CC-BY.

Ich brauch­te kei­ne rote Kra­wat­te mehr zu kau­fen, son­dern habe ein­fach das rote Hals­tuch genom­men, das noch im Kel­ler lag. (Oh, gehö­re ich jetzt zu einer Grup­pe? Bin ich mit­schul­dig gewor­den? Im Sin­ne der Blut­schuld, die Anne Rabe ver­tritt?) Der Rest der Rei­sen waren Individualreisen.

Nun kann man ein­wen­den, dass ich und die ande­ren Men­schen, die ich kann­te, nicht reprä­sen­ta­tiv für die DDR war. Schließ­lich war ich Abitu­ri­ent und die Anzahl der Abiturient*innen war ins­ge­samt eher gering. Zwei Schüler*innen aus einer POS-Klas­se mit 30–31 Schüler*innen. Peer, ein Schul­freund, der auch mit in Mos­kau war, hat die­sen Ein­wand auch sofort gebracht. Da er aber auch die bes­te Such-Maschi­ne der Welt ist, hat er ihn dann auch gleich ent­kräf­tet. Und zwar so richtig.

Eine Mel­dung aus dem Jah­re 1989 kün­digt den neu­en inter­na­tio­na­len Jugend­her­bergs­aus­weis an. 

SED-Zen­tral­or­gan Neu­es Deutsch­land vom 13.01.1989

Da die­ser Aus­weis damals neu war, gab es das vor­her noch nicht. Aber immer­hin zeigt das schon mal, dass die Aus­sa­ge der Autoren nicht rich­tig sein kann. Es geht expli­zit um Indi­vi­du­al­rei­sen, güns­ti­ge Indi­vi­du­al­rei­sen ins Ausland.

Aber auch schon 1976 gab es Indi­vi­du­al­rei­sen nach Ungarn. Mit dem Bus.

Neue Zeit, 10.07.1976, S. 11

Im Arti­kel steht, dass Pri­vat­quar­tie­re am Bala­ton ver­mit­telt wer­den. Das passt nicht zu den Anga­ben der Autoren. Staat­lich orga­ni­sier­te Indi­vi­du­al­rei­sen. Unter­stüt­zen­der geht es nicht.

Es gibt einen Zeit­zeu­gen­be­richt über Mög­lich­kei­ten für Urlaubs­rei­sen der DDR-Bür­ger ins Aus­land.

Peer hat auch Anzei­gen für Fahr­ten ins Aus­land gefunden:

Neue Zeit, 16.12.1987, S. 6

Peer merkt an:

Dass man nicht alles glau­ben soll­te, was in Zei­tun­gen steht oder gar in DDR-Zei­tun­gen stand, gilt hier natür­lich auch. Aber es wäre kei­ne pro­pa­gan­dis­ti­sche Glanz­leis­tung, eine Nach­fra­ge bzw. ein Bedürf­nis nach Aus­lands­rei­sen zu wecken, das man eigent­lich ver­hin­dern wollte.

Peer auf Mast­o­don, 21.04.2024

Den Punkt „Ossis haben noch nie ande­re Men­schen gese­hen.“ kön­nen wir also getrost abhaken.

Jugend-Feldbettspiele

Die Autoren schreiben:

Tat­säch­li­cher Kon­takt der Bür­ger mit Aus­län­dern stell­te für die SED-Dik­ta­tur dage­gen ein Sicher­heits­ri­si­ko dar. So unter­la­gen auch die weni­gen inter­na­tio­na­len Ver­an­stal­tun­gen wie die ‘Welt­fest­spie­le der Jugend und Stu­den­ten’ im Som­mer 1973 oder die ‘Fes­ti­vals des poli­ti­schen Lie­des’ poli­ti­scher Kontrolle.

Hey, war­te mal. Auch das habe ich anders gehört. Es gab nach dem Fes­ti­val vie­le inter­na­tio­na­le Kin­der. Es war ein Fest der Völ­ker­freund­schaft. Soll­ten die Orga­ne des Inne­ren so ver­sagt haben und kom­plett die Kon­trol­le über die äuße­ren Orga­ne ver­lo­ren haben? Das Fes­ti­val der Jugend war unser sum­mer of love.

Das schreibt der Tages­spie­gel dazu:

Das eigent­li­che Fes­ti­val fin­det nicht in den Bars oder Klubs statt, son­dern unter frei­em Him­mel. Zehn­tau­sen­de von Jugend­li­chen kam­pie­ren in den Grün­an­la­gen der Ost-Ber­li­ner Innen­stadt. Das bleibt nicht ohne Fol­gen. Das Fes­ti­val zei­tigt Fes­ti­val-Ehen und Fes­ti­val-Kin­der, und im Volks­mund hei­ßen die Jugend-Welt­fest­spie­le bald Jugend-Feldbettspiele.

Gold­mann, Sven. 2013. Welt­fest­spie­le der Jugend 1973: Love & Peace in Ost-Ber­lin. Tages­spie­gel. Ber­lin.

Es waren 8 Mil­lio­nen Men­schen in der Stadt. Es war die Höl­le los. Der Tages­spie­gel beschreibt auch die Maß­nah­men der Sta­si, aber die Ver­brü­de­rung bzw. Ver­schwes­terung oder Ver­menschung der 8 Mil­lio­nen konn­te und soll­te nicht ver­hin­dert wer­den. Alle spra­chen offen. Sogar mit den Typen von der CDU.

Vertragsarbeiter

Was stimmt, ist, dass man die Ver­trags­ar­bei­ter eigent­lich nicht gese­hen hat und zu den Sowjet­sol­da­ten hat­te man im Prin­zip auch kei­nen Kon­takt. Ich hat­te mal „diplo­ma­ti­schen“ Kon­takt, weil wir bei unse­ren Freun­den in ihrer Kaser­ne waren und Schach gespielt haben. Ich habe gewon­nen. Gere­det haben wir nicht viel. Wohl eher, weil mein Rus­sisch zu schlecht war. Als Schü­ler habe ich bei Ber­nau Erd­bee­ren gepflückt. Da waren auch ein paar Sowjet­sol­da­ten. Ich habe geges­sen und gepflückt, sie haben nur gepflückt. Sie waren unglaub­lich schnell. Gere­det haben wir nicht. Über „Меня зовут Стефан.“ wäre ich auch nicht hin­aus­ge­kom­men und viel­leicht hät­ten sie auch Ärger bekom­men. Bei mei­ner Frau an der Burg Gie­bi­chen­stein in Hal­le haben Kuba­ner, Viet­na­me­sen, Tsche­chen und Bul­ga­ren stu­diert. Es gab Ver­trä­ge mit den jewei­li­gen Län­dern. An der Ger­ma­nis­tik der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin gab es Student*innen aus Bul­ga­ri­en, der Mon­go­lei, Nord­ko­rea, Chi­na, der UdSSR, Kuba. Für die­sen Aus­tausch gab es Ver­trä­ge. Das lief unter Ent­wick­lungs­hil­fe. Dass die Student*innen dann nicht hier geblie­ben sind, lag an ihren Ent­sen­der­län­dern. Bul­ga­ri­en woll­te eine hohe Sum­me für die Aus­bil­dung ihrer Staatsbürger*innen als Ablö­se, wenn die­se nicht zurück­ka­men. Ehen und ande­re Grün­de waren dabei egal.

Dass es Kon­flik­te und ras­sis­ti­sche Vor­fäl­le mit den Vertragsarbeiter*innen in den Betrie­ben gab, kann ich mir vor­stel­len. Auch dass die­se ver­tuscht wur­den, weil nicht sein konn­te, was nicht sein darf. Aber dass die­se eben nicht sein durf­ten, war die offi­zi­el­le Staats­li­nie. Das war der Anspruch. Der Ras­sis­mus war nicht etwas, was den DDR-Bürger*innen bei­gebracht wur­de. Als Beleg möge die fol­gen­den Sei­ten aus Bum­mi für Eltern 1/198, aus der Wochen­zei­tung für Thäl­mann­pio­nie­re Trom­mel und aus dem Neu­en Leben, einer von der FDJ her­aus­ge­ge­be­nen monat­li­chen Zeit­schrift für Teen­ager, gel­ten. In der DDR gab es für die Ziel­grup­pen meist nur jeweils eine Zeitung/Zeitschrift, weil die Zeit­schrif­ten ohne­hin staat­lich kon­trol­liert waren. Die­se hat­ten dann eine ent­spre­chen hohe Auf­la­ge. Bum­mi star­te­te mit einer Auf­la­ge von 736.300, die der Trom­mel betrug 1,2 Mio Exem­pla­re. Das Neue Leben hat­te eine Auf­la­ge von 540.000 bei einer viel höhe­ren Nach­fra­ge. Die Zeit­schrift wur­de also meist von meh­re­ren Leser*innen gelesen.

Bum­mi für Eltern 1/1981. Bericht über Lenin-Denk­mal und befreun­de­te Natio­nen, Län­der, in denen Urlaub gemacht wur­de, und ein Bild von einem befreun­de­ten Schwar­zen Mann mit dem Kind der Autorin auf dem Arm. 

Das Stück ist ein­deu­tig ein Pro­pa­gan­da­text. Es geht um den guten Men­schen Lenin. Dann geht es um Urlaub im Aus­land (erneut ein Wider­spruch zu den Behaup­tun­gen der Autoren) und um einen Freund aus Afri­ka. Auch wenn die­se Tex­te viel­leicht nicht vie­le gele­sen habe, schon gar nicht bis zu der Stel­le nach Lenin, so ist die Aus­sa­ge des Bil­des doch klar. Die Men­schen aus Afri­ka sind lieb. Sie tra­gen unse­re Kin­der. Papi war ein Jahr dort und hat ihnen gehol­fen und jetzt stu­diert Ibrahi­ma hier. Geht so Ras­sis­mus? Ich bin nicht zum Ras­sis­mus erzo­gen wor­den, son­dern zu Völ­ker­freund­schaft und Ver­stän­di­gung. Und zwar vom Kin­der­gar­ten bis zum Unter­gang der DDR.

Der fol­gen­de Aus­schnitt ist aus der Trom­mel, der Zei­tung für Thäl­mann­pio­nie­re, d.h. für Jugend­li­che in der vier­ten bis zur sieb­ten Klasse.

Aus­schnitt aus der Zeit­schrift für Thälm­mann­pio­nie­re Trom­mel 30/1979 zum inter­na­tio­na­len Som­mer­la­ger der Pio­nier­re­pu­blik mit Kin­dern aus Gui­nea, Turk­me­ni­en, Viet­nam, Peru, Bulgarien.

Auch hier Völ­ker­ver­stän­di­gung, Bil­der von Kin­dern aus Gui­nea, Turk­me­ni­en, Viet­nam, Peru und Bul­ga­ri­en, die in die DDR zum Som­mer­fe­ri­en­la­ger in die Pio­nier­re­pu­blik ein­ge­la­den wur­den. Sie wan­der­ten und spiel­ten dort gemein­sam, trie­ben Sport und es gab kul­tu­rel­len Austausch.

Im Jugend­ma­ga­zin Neu­es Leben 05/1985 gab es einen Bericht über eine Schu­le für 900 Kin­der aus Mosam­bik in Staßfurt.

Zwei Dop­pel­sei­ten über Kin­der aus Mosam­bik, die in der DDR zur Schu­le gin­gen und dann auch eine Berufs­aus­bil­dung gemacht haben.

Die Schu­le gab es ab 1982 und ab 1985 gab es dort zusätz­lich zu den 900 Schüler*innen aus Mosam­bik auch noch 400 aus Nami­bia (mdr, 2021). Zur Schu­le und der ver­ein­bar­ten Aus­bil­dung in der DDR sie­he auch deut­sche wel­le (2021).

Wiki­pe­dia schreibt über das Neue Leben:

Inhalt­lich ver­such­te das Blatt, einer­seits die poli­ti­sche Bil­dung der Jugend im Sin­ne des DDR-Sys­tems zu för­dern. Ande­rer­seits sprach es The­men an, die die Jugend­li­chen direkt inter­es­sie­ren, dazu gehör­ten Fra­gen des täg­li­chen Lebens, Mode, Film, Musik (auch mit Inter­pre­ten aus dem west­li­chen Aus­land), Rät­sel und Rat­ge­ber­sei­ten. Bekannt war die Kolum­ne Pro­fes­sor Borr­mann ant­wor­tet zu Fra­gen der Sexua­li­tät. Regel­mä­ßig gab es Umfra­gen nach den belieb­tes­ten Fil­men oder Musik­in­ter­pre­ten. Dar­über hin­aus ent­hielt die Zeit­schrift Kurz­ge­schich­ten, natur­wis­sen­schaft­li­che und tech­ni­sche Bei­trä­ge. Die­se Mischung führ­te zu einer hohen Popu­la­ri­tät des Blattes.

Sol­che Berich­te über die­se Schu­le und die inter­na­tio­na­le Soli­da­ri­tät mit den anti­ko­lo­nia­len Befrei­ungs­be­we­gun­gen gehör­te natür­lich zur „poli­ti­schen Bil­dung der Jugend im Sin­ne des DDR-Sys­tems“, aber die Bot­schaft war eben anti­ko­lo­nia­lis­tisch und antirassistisch.

Mit der Zuspit­zung der Ver­sor­gungs­kri­se der DDR Ende der acht­zi­ger Jah­re hiel­ten die Schlag­wor­te ‘Schmug­gel’ und ‘Waren­ab­kauf’ durch Aus­län­der Ein­zug in die gesteu­er­ten DDR-Medi­en, ver­such­te die SED doch auf die­sem Wege von ihrer ver­fehl­ten Wirt­schafts­po­li­tik abzu­len­ken. Die im Band Aus­land DDR ver­öf­fent­lich­te Leser­brief­samm­lung der Ber­li­ner Zei­tung aus der Zeit des Mau­er­falls zeigt, wel­che Blü­ten die Frem­den­feind­lich­keit bereits weit vor der Ein­heit getrie­ben hat­te. Sie bie­tet ein Pan­ora­ma aus beson­ders anti­pol­ni­schen Vor­ur­tei­len (‘arbeits­scheu’, ‘faul’), Aus­ver­kaufs- und Über­frem­dungs­ängs­ten (‘wol­len wir etwa eine Misch­ras­se?’), aber auch weni­gen mah­nen­den Stimmen.

Das kann sein. Und wenn die­se Bot­schaf­ten wirk­lich über die DDR-Medi­en ver­brei­tet wor­den sind, dann ist auch wirk­lich die DDR-Füh­rung dafür ver­ant­wort­lich zu machen. Ansons­ten ist die Tat­sa­che, dass eine bestimm­te Fra­ge in der Leser­brief­samm­lung vor­kam, noch nicht viel wert, denn es geht ja dar­um, den höhe­ren Grad an Ras­sis­mus und Frem­den­feind­lich­keit in der DDR zu erklä­ren. Und die­se Stim­men hät­te man wohl im Wes­ten mit sei­ner unge­bro­che­nen Nazi-Tra­di­ti­on7 auch fin­den kön­nen. Ich erin­ne­re nur an Horst See­ho­fer, der den Ver­fas­sungs­schutz­be­richt über die Ein­stu­fung der AfD als rechts­extre­me Par­tei hat ändern las­sen, weil die CSU zum Teil die­sel­ben Sprü­che klopft, wie die AfD (Süd­deut­sche, 21.01.2022). Oder an den CSU-Gene­ral­se­kre­tär, Bay­ri­schen Minis­ter­prä­si­den­ten und spä­te­ren Kanz­ler­kan­di­da­ten der CDU/CSU Dr. Edmund Stoi­ber, der 1988 von einer „durch­mischt und durchrasst“en Gesell­schaft gespro­chen hatte. 

Den Begriff von einer „durch­rass­ten Gesell­schaft“ war erst­mals 1988 von Stoi­ber als CSU-Gene­ral­se­kre­tär geprägt wor­den. Damals hat­te er dem SPD-Poli­ti­ker Oskar Lafon­taine vor­ge­wor­fen, die­ser wol­le „eine mul­ti­na­tio­na­le Gesell­schaft auf deut­schem Boden, durch­mischt und durch­rasst“. Den Aus­druck „durch­rasst“ hat­te Stoi­ber hin­ter­her öffent­lich bedauert.

Wei­land, Seve­rin. 2002. Geis-Ent­glei­sung: Empö­rung über Gere­de von der „durch­rass­ten Gesell­schaft“. Der Spie­gel. 2002.

Der zitier­te Spie­gel­ar­ti­kel beschäf­tigt sich mit der Wie­der­ho­lung und Recht­fer­ti­gung die­ser Aus­sa­ge durch den CSU-Rechts­exper­ten Nor­bert Geis im Jahr 2002.

All den­je­ni­gen, die sich wirk­lich für die Student*innen und Vertragsarbeiter*innen in der DDR inter­es­sie­ren, sei das Buch „… die DDR schien mir eine Ver­hei­ßung.“ Migran­tin­nen und Migran­ten in der DDR und in Ost­deutsch­land nahe­ge­legt. Das gibt es an ver­schie­de­nen Stel­len im Inter­net frei zum Down­load (Ost­be­auf­trag­ter oder https://die-ddr-schien-mir-eine-verheissung.de/)

Medizinische Versorgung

Ich bin in Ber­lin Buch auf­ge­wach­sen. Mei­ne Klassenkamerad*innen waren zum gro­ßen Teil Kin­der von Ärzt*innen und sons­ti­gem medi­zi­ni­schen Per­so­nal. In den 70ern und 80ern gab es eine spe­zi­el­le Kran­ken­sta­ti­on zur Pfle­ge und Ver­sor­gung Schwar­zer Men­schen, die in Nami­bia und Ango­la in der SWAPO im Wider­stands­kampf gegen das süd­afri­ka­ni­sche Apart­heids­re­gime gekämpft hat­ten. Über die­se Kran­ken­sta­ti­on und die Men­schen und ihre Ver­sor­gung wur­de in der Aktu­el­len Kame­ra und auf Titel­sei­ten von gern gele­se­nen Zeit­schrif­ten berichtet.

Titel­sei­te der DDR-Frau­en­zei­tung Für Dich von 1979. Die DDR hat Ver­wun­de­te aus Nami­bia in Ber­lin-Buch im Kli­ni­kum betreut. Bild in einer Aus­stel­lung im Muse­um Pan­kow, Ber­lin, 04.04.2024
Bericht in der NBI 13/79 „Dr. Erich Kwiat­kow­ski, Fach­arzt für Chir­ur­gie im Kli­ni­kum Buch, berich­tet. Sei­ne Pati­en­ten sind Opfer süd­afri­ka­ni­scher Über­fäl­le aus Flücht­lings­la­ger in Ango­la.“ Bild in einer Aus­stel­lung im Muse­um Pan­kow, Ber­lin, 04.04.2024

Ras­sis­mus war expli­zit ein Thema: 

Bericht in der NBI 13/79 über Ver­bre­chen des Ras­sis­mus. Bild in einer Aus­stel­lung im Muse­um Pan­kow, Ber­lin, 04.04.2024

Für mich sind Ras­sis­ten Men­schen, die sol­che Ver­bre­chen bege­hen oder gut­hei­ßen. Nicht aber die­je­ni­gen, die sie anpran­gern und den Opfern die­ser Ver­bre­chen hel­fen und sie über lan­ge Jah­re gesund pflegen. 

Titel­sei­te der Wochen­post vom 05.08.1988. Die DDR hat Ver­wun­de­te aus Ango­la in Ber­lin-Buch im Kli­ni­kum betreut. „Gera­de ist das Flug­zeug aus Luan­da gelan­det, der Haupt­stadt Ango­las. Unter den Flug­gäs­ten sind drei Nami­bi­er, Ange­hö­ri­ge der SWAPO. Sie kom­men in die DDR, um hier medi­zi­nisch betreut zu wer­den. In Ango­la, im Flücht­lings­la­ger Kwan­ze Sul, konn­te man ihnen nicht hel­fen. Jetzt sind sie vol­ler Unge­wiß­heit; Was erwar­tet sie im frem­den Land? Ärz­te, Schwes­tern und Pfle­ger emp­fan­gen die neu­en Pati­en­ten auf der Soli­da­ri­täts­sta­ti­on „Jakob Mor­en­ga“ im Kli­ni­kum Ber­lin-Buch. Dort wer­den Maria, Mar­tha und David mög­li­cher­wei­se für Mona­te blei­ben müs­sen. Sie brau­chen unse­re Soli­da­ri­tät.“ Bild in einer Aus­stel­lung im Muse­um Pan­kow, Ber­lin, 04.04.2024

Ich war mit einem Jun­gen befreun­det, des­sen Vater ein Dich­ter aus Syri­en war und des­sen Mut­ter Ärz­tin. Er war voll inte­griert, aner­kannt in der Schu­le. Null Pro­ble­mo. Die Bezie­hung wur­de nicht unter­bun­den. Es gab vie­le geflüch­te­te Kom­mu­nis­ten, die in der DDR Zuflucht gefun­den hat­te. Ein Jun­ge aus mei­ner Klas­se hat­te einen ita­lie­ni­schen Vater. Er war Chef­arzt in einem Kran­ken­haus. Es waren Men­schen aus Chi­le und aus Grie­chen­land in der DDR. Hon­ecker hat­te einen chi­le­ni­schen Schwie­ger­sohn, zu dem er dann nach der Wen­de auch aus­ge­wan­dert ist.

Der nationalistische Taumel der Wiedervereinigung

Ganz zum Schluss, im Fazit, wird das ange­spro­chen, was ich für den eigent­li­chen oder zumin­dest den wich­tigs­ten Grund hal­te.8 Im Fazit steht das wich­tigs­te Wort: Wie­der­ver­ei­ni­gungs­eu­pho­rie. Das ist der Punkt. Kohl kam nach Dres­den. Er schwamm in einem Meer aus Fah­nen. Ein natio­na­lis­ti­scher Tau­mel. Vom Wes­ten gewollt und geför­dert. Die tau­mel­ten drü­ben genau­so. Viel­leicht ist es zu ein­fach, aber wir haben das damals gesehen. 

Men­schen, die ihren Kopf in der Hand hal­ten. Ein Hit­ler­kopf liegt am Stra­ßen­rand. Der Him­mel ist schwarz. Urhe­ber bekannt, 1989

Wir hat­ten Angst davor. 

Dank ich an angst in der Nacht Herz­li­chen Glück­wunsch zur Wiedervereinigung

Deutsch­tü­me­lei! Natio­na­lis­mus! Das kam von der Bun­des­re­gie­rung. Nicht in Ber­lin. In Ber­lin wur­de Kohl ausgebuht. 

In Sach­sen wur­de er mit offe­nen Armen emp­fan­gen. Er hat den Ossis blü­hen­de Land­schaf­ten ver­spro­chen. Von Oskar Lafon­taine, des­sen Herz links schlug, und der damals Kanz­ler­kan­di­dat der Par­tei war, in der auch Anne Rabe Mit­glied ist, woll­te nie­mand etwas Wis­sen. Er hat die Wahr­heit gesagt. Aber „die Wahr­heit ist häss­lich und hat stin­ken­den Atem“.

Sicher ist alles nicht mono­kau­sal. Die Sache mit den Vertragsarbeiter*innen spielt bestimmt eine Rol­le, aber den gesamt­deut­schen Natio­na­lis­mus nur in einem Satz zu erwäh­nen, ist nicht angemessen. 

Zusammenfassung

Ich habe zu Beginn bespro­chen, dass einer der Autoren des hier bespro­che­nen Auf­sat­zes, so wie Gei­pel, Kaha­ne und Rabe, stark mit der DDR ver­ban­delt war. Eine Erklä­rung für ein­sei­ti­ge und fal­sche Posi­tio­nen oder Sicht­wei­sen kann dann sein, dass man über­haupt nicht erst in den Ver­dacht von Sys­tem­nä­he kom­men will. 

Zu den „jugend­li­chen Rechts­extre­mis­ten in Jugend­treffs“ habe ich ange­merkt, dass die­se dort von höchs­ter Stel­le gedul­det waren. Von Jörg Schö­ne­bohm, Gene­ral­leut­nant der Bun­des­wehr a.D. und Vor­sit­zen­der der CDU, Bran­den­burg. Nazi-Akti­vi­tä­ten wur­den im Osten durch die Ver­ant­wort­li­chen, die fast aus­schließ­lich aus dem Wes­ten waren (sie­he Rabe-Post) nicht aus­rei­chend ver­folgt. Die Autoren spre­chen vom Natio­nal­stolz, der in der DDR geför­dert wur­de. Viel­leicht waren Men­schen stolz auf ver­schie­de­ne Sport­ler oder auf Gesamt­ergeb­nis­se bei Olym­pia­den, aber bei Katha­ri­na Witt war das nicht der Fall. Sie wur­de von Tau­sen­den aus­ge­buht. Nach der Wen­de hat sie das Land ver­las­sen, weil sie nicht ver­stan­den hat, woher die Abnei­gung kam. Die Wirt­schaft war maro­de, nichts wor­auf man stolz sein konn­te. Die Behaup­tung, man hät­te in der DDR nicht rei­sen kön­nen und Indi­vi­du­al­rei­sen sei­en uner­wünscht gewe­sen, ist schlicht falsch. Auch die Bemer­kun­gen zu den Jugend-Welt­fest­spie­len ent­spre­chen nicht den Tat­sa­chen, wie man auch noch genau­er im zitier­ten Tages­spie­gel-Arti­kel nach­le­sen kann. Dass es nicht viel Kon­takt zu Ver­trags­ar­bei­tern gege­ben hat, stimmt. Der natio­na­lis­ti­sche Tau­mel nach der Wen­de, der vom Wes­ten auch befeu­ert wur­de, ist sicher ein rele­van­ter Fak­tor, wur­de aber von den Autoren nicht ange­mes­sen diskutiert.

Für Anne Rabes Behaup­tung, im Osten hät­te es ideo­lo­gisch moti­vier­ten Natio­na­lis­mus gege­ben, lie­fern Pou­trus, Beh­rends & Kuck jeden­falls kei­ne Beweise.

Quellen

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Gold­mann, Sven. 2013. Welt­fest­spie­le der Jugend 1973: Love & Peace in Ost-Ber­lin. Tages­spie­gel. Ber­lin. 22.07.2013 (https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/love-peace-in-ost-berlin-8099431.html)

Gro­ßer-Kaya, Cari­na & Kubro­va, Moni­ka. 2022. „… die DDR schien mir eine Ver­hei­ßung.“ Migran­tin­nen und Migran­ten in der DDR und in Ost­deutsch­land. Ber­lin: ammi­an Ver­lag für Regio­nal. und Zeit­ge­schich­te. (https://www.ostbeauftragte.de/resource/blob/2038516/2078178/97492dbb719f360b22218c26d6c1080f/migrationsgeschichten-ministerium-austausch-128-druck-data.pdf?download=1)

Hart­wich, Doreen & Mascher, Bernd-Hel­ge. 2007. Geschich­te der Spe­zi­al­kampf­füh­rung (Abtei­lung IV des MfS): Auf­ga­ben, Struk­tur, Per­so­nal, Über­lie­fe­rung. Ber­lin. (Sta­si-Unter­la­gen-Archiv.) (https://www.stasi-unterlagen-archiv.de/archiv/fachbeitraege/geschichte-der-spezialkampffuehrung-abteilung-iv-des-mfs/#c2565)

Lit­sch­ko, Kon­rad. 2017. Neu­es Gut­ach­ten zu NSU-Mord. taz. 03.04.2017. Ber­lin. (https://taz.de/Archiv-Suche/!5397496/)

Mau, Stef­fen. 2020. Lüt­ten Klein: Leben in der ost­deut­schen Trans­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft (Schrif­ten­rei­he 10490). Bonn: Zen­tra­le für Poli­ti­sche Bil­dung. (https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/303713/luetten-klein)

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Pou­trus, Patri­ce G., Beh­rends, Jan C. & Kuck, Den­nis. 2002. His­to­ri­sche Ursa­chen der Frem­den­feind­lich­keit in den neu­en Bun­des­län­dern. Aus Poli­tik und Zeit­ge­schich­te (https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/25428/historische-ursachen-der-fremdenfeindlichkeit-in-den-neuen-bundeslaendern/).

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Schwarz, Mari­et­ta. 2023. Anne Rabe: „In ver­wir­ren­den Zei­ten sind ein­fa­che Nar­ra­ti­ve ver­füh­re­risch“. 31.12.2023. Deutsch­land­ra­dio. (Zwi­schen­tö­ne.) (https://www.deutschlandfunk.de/anne-rabe-in-verwirrenden-zeiten-sind-einfache-narrative-verfuehrerisch-dlf-84b94bff-100.html)

Sie­bert, Kirs­tin. 2021. Nach­wuchs für den Klas­sen­kampf: Die Schu­le der Freund­schaft in Staß­furt. mdr. (https://www.mdr.de/geschichte/ddr/politik-gesellschaft/schule-der-voelkerfreundschaft-mosambik-stassfurt-sachsen-anhalt-102.html)

Teuw­sen, Peer. 2023. Ver­heim­lich­te Nähe. Neue Züri­cher Zei­tung. 30.09.2023 (https://www.nzz.ch/feuilleton/anne-rabe-verheimlichte-naehe-ld.1782626)

Wei­land, Seve­rin. 2002. Geis-Ent­glei­sung: Empö­rung über Gere­de von der „durch­rass­ten Gesell­schaft“. Der Spie­gel. (https://www.spiegel.de/politik/deutschland/geis-entgleisung-empoerung-ueber-gerede-von-der-durchrassten-gesellschaft-a-181032.html)

Weitere Kommentare zu Anne Rabes Buch: Eine Möglichkeit aber kein Glück

Anne Rabe hat in ihrem Buch Eine Mög­lich­keit von Glück ihre trau­ma­ti­schen Gewalt­er­fah­run­gen in ihrer Kind­heit in Wis­mar auf­ge­ar­bei­tet. Ihre Eltern und Groß­el­tern waren DDR-Kader, ihr Groß­va­ter in Sta­lin­grad gewe­sen und sie führt alle Gewalt auf die DDR-Zeit und die Kriegs­er­leb­nis­se zurück. Ich habe in Kei­ne Gewalt: Zu Mög­lich­kei­ten und Glück und dem Buch von Anne Rabe bereits dazu geschrie­ben, wel­che inhalt­li­chen Feh­ler ihr dabei unter­lau­fen sind und dass ihre Schluss­fol­ge­run­gen nicht trag­fä­hig sind. Hier möch­te ich noch eini­ge wei­te­re Punk­te dis­ku­tie­ren, die inhalt­lich nicht in den ers­ten Blog-Post gepasst haben. Dabei geht es mir vor allem um eine kor­rek­te Dar­stel­lung der DDR-Zeit aber es ist auch noch ein gra­vie­ren­der Feh­ler bezüg­lich der Vor­fäl­le in Ros­tock-Lich­ten­ha­gen zu besprechen.

Nazis, Verantwortung und Scham

In die­sem ers­ten Abschnitt möch­te ich Rabes Ansich­ten bzgl. Kol­lek­tiv­schuld und ihre Scham bezüg­lich ihrer Eltern besprechen.

Schuld und Blut

Rabe schreibt, dass alle Deut­schen „qua ihres deut­schen Blu­tes“ zur SS, zur Wehr­macht, zu den Ver­bre­chern gehören:

Die Nazis waren immer die ande­ren. Die SS, die Wehr­macht, die Ver­bre­cher. Schlimm, schlimm das. So schlimm, dafür über­neh­men wir sogar dann gern die Ver­ant­wor­tung, wenn wir ganz sicher sind, dass unse­re Fami­li­en damit nichts zu tun haben. Aber qua Her­kunft, qua Abstam­mung, qua unse­res deut­schen Blu­tes gehö­ren wir eben dazu, sind wir eben mitverantwortlich.

S. 67

Ist das so? Ist das mit dem Blut nicht Nazi-Ideo­lo­gie? Und nie­mand hat’s gemerkt? Die Lek­to­rin nicht, kein Rezen­sent. War­um soll­te irgend­wer wegen Blut bes­ser oder schlech­ter sein? Tür­ke, Paläs­ti­nen­ser, Jude, Rus­se, Deut­scher? Ich emp­feh­le allen den Wiki­pe­dia-Arti­kel zur Kol­lek­tiv­schuld. Das Fol­gen­de steht dort gleich zu Beginn:

Kol­lek­tiv­schuld bedeu­tet, dass die Schuld für eine Tat nicht dem ein­zel­nen Täter (oder Tätern) ange­las­tet wird, son­dern einem Kol­lek­tiv, allen Ange­hö­ri­gen sei­ner Grup­pe, z. B. sei­ner Fami­lie, sei­nes Vol­kes oder sei­ner Orga­ni­sa­ti­on. Das beinhal­tet folg­lich auch Men­schen, die selbst nicht an der Tat betei­ligt waren. Das Straf­recht moder­ner Demo­kra­tien geht grund­sätz­lich von einer indi­vi­du­el­len Ver­ant­wort­lich­keit aus, so dass Kol­lek­tiv­schuld juris­tisch nicht rele­vant ist. Arti­kel 33 Gen­fer Abkom­men IV bestimmt, dass kei­ne Per­son für ein Ver­bre­chen ver­ur­teilt wer­den darf, das sie nicht per­sön­lich began­gen hat. Eine Kol­lek­tiv­stra­fe setzt Kol­lek­tiv­schuld vor­aus. Nach Art. 87 Abs. 3 Gen­fer Abkom­men III und Arti­kel 33 Gen­fer Abkom­men IV zäh­len Kol­lek­tiv­stra­fen zu den Kriegsverbrechen.

Nun könn­te man – völ­lig zu Recht – dar­über nach­den­ken, ob die Sache mit den Deut­schen viel­leicht doch etwas spe­zi­el­ler ist. Die Alli­ier­ten ver­folg­ten direkt nach dem Krieg einen Kol­lek­tiv­schuld-Ansatz. Das äußer­te sich unter ande­rem dar­in, dass die Wei­ma­rer Bevöl­ke­rung durch das befrei­te KZ Buchen­wald geführt wur­de. Den Etters­berg kann man von Wei­mar aus sehen. Buchen­wald hat­ten die Wei­ma­rer direkt vor der Nase. Sie haben den Rauch nicht gese­hen, das ver­brann­te Men­schen­fleisch nicht gero­chen. Oder es eben all die Jah­re aus­ge­blen­det. Es war rich­tig, sie alle sehen zu las­sen, was ganz in ihrer Nähe gesche­hen war. Film­ma­te­ri­al der US-Army und den Bericht einer Zeit­zeu­gin, die den KZ-Besuch mit­ge­macht hat, hat der Spie­gel veröffentlicht.

Im Urteil der Alli­ier­ten in den Nürn­ber­ger Kriegs­ver­bre­cher­pro­zes­sen steht 1948 Fol­gen­des zur Kollektivschuld:

Es ist undenk­bar, dass die Mehr­heit aller Deut­schen ver­dammt wer­den soll mit der Begrün­dung, dass sie Ver­bre­chen gegen den Frie­den began­gen hät­ten. Das wür­de der Bil­li­gung des Begrif­fes der Kol­lek­tiv­schuld gleich­kom­men, und dar­aus wür­de logi­scher­wei­se Mas­sen­be­stra­fung fol­gen, für die es kei­nen Prä­ze­denz­fall im Völ­ker­recht und kei­ne Recht­fer­ti­gung in den Bezie­hun­gen zwi­schen den Men­schen gibt.“ (aus dem Urteil der Alli­ier­ten in den Nürn­ber­ger Kriegs­ver­bre­cher­pro­zes­sen gegen die I.G. Far­ben, 29. Juli 1948).

Richard von Weiz­äcker schlägt statt Kol­lek­tiv­schuld eine Kol­lek­tiv­haf­tung vor:

auch Richard von Weiz­sä­cker beton­te in sei­ner viel beach­te­ten Rede „Zum 40. Jah­res­tag der Been­di­gung des Krie­ges in Euro­pa und der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gewalt­herr­schaft“, die er am 8. Mai 1985 vor dem Deut­schen Bun­des­tag hielt: „Schuld oder Unschuld eines gan­zen Vol­kes gibt es nicht“, rief aber gleich­zei­tig dazu auf, kol­lek­tiv die Ver­ant­wor­tung für das natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Unrecht zu akzep­tie­ren. Weiz­sä­cker bezeich­net die­se Hal­tung als „Kol­lek­tiv­haf­tung“.

Wiki­pe­dia über eine Rede von Bun­des­prä­si­dent Richard von Weiz­sä­cker Zum 40. Jah­res­tag der Been­di­gung des Krie­ges in Euro­pa und der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gewalt­herr­schaft vom 8. Mai 1985 vor dem Deut­schen Bundestag

Die­se Kol­lek­tiv­haf­tung gab es für die DDR. Wäh­rend die West-Alli­ier­ten den West-Deut­schen den Mar­shall-Plan geschenkt haben, hat die Sowjet­uni­on Fabri­ken und Infra­struk­tur abge­baut und nach Russ­land ver­schickt. Im Fal­le von Carl Zeiss Jena haben sie sogar Men­schen mit­ge­nom­men, die die Fabrik in Russ­land wie­der auf­ge­baut und über Jah­re hin­weg die Rus­sen ein­ge­ar­bei­tet haben. Die Rus­sen haben alles mit­ge­nom­men, was ihnen nütz­lich erschien. In Wiki­pe­dia gibt es ein Lis­te aller seit 1882 still­ge­leg­ten Bahn­ver­bin­dun­gen in Ber­lin und Bran­den­burg. In die­ser Lis­te ist auch ver­merkt, was die Rus­sen mit­ge­nom­men haben.

Ich habe dazu auch eine per­sön­li­che Geschich­te: Ab der fünf­ten Klas­se bin ich von Buch zur Hum­boldt-Uni zur Mathe­ma­ti­schen Schü­ler­ge­sell­schaft gefah­ren. Es gab damals noch eine direk­te Ver­bin­dung von Buch zum Alex­an­der­platz. Die fuhr abwech­selnd auf dem lin­ken und auf dem rech­ten Gleis. Alle 20 Minu­ten. Dazwi­schen fuhr der Zug in die ande­re Rich­tung nach Ber­nau. Ein­mal war ich zu früh dran und sprang gera­de noch in einen Zug auf dem lin­ken Gleis. Die Türen schlos­sen sich, der Zug fuhr los. Lei­der in die fal­sche Rich­tung. Ich war­te­te auf die nächs­te Sta­ti­on, stürz­te aus dem Zug und rann­te hin­über zur ande­ren Sei­te, weil ich da den Zug in Gegen­rich­tung erwi­schen woll­te. Aber, oh Schreck, da war gar kein Gleis! Die Rus­sen hat­ten es mit­ge­nom­men. Von Rönt­gen­tal bis Ber­nau ist die Stre­cke nur eingleisig.

Im Wiki­pe­dia­ar­ti­kel kann man auch lesen, dass die Sowjet­uni­on fast die Hälf­te des ost­deut­schen Schie­nen­net­zes mit­ge­nom­men hat und min­des­tens 2000 der bes­ten Betrie­be. Und dann haben wir bis 1953 noch fast ein Vier­tel des Brut­to­so­zi­al­pro­dukts in die Sowjet­uni­on abgeführt:

Die Repa­ra­ti­ons­leis­tun­gen der spä­te­ren DDR an die Sowjet­uni­on gescha­hen bis 1948 haupt­säch­lich durch Demon­ta­ge von Indus­trie­be­trie­ben. Davon betrof­fen waren 2000 bis 2400 der wich­tigs­ten und best­aus­ge­rüs­te­ten Betrie­be inner­halb der Sowje­ti­schen Besat­zungs­zo­ne Deutsch­lands (SBZ). Bis März 1947 wur­den zudem 11.800 Kilo­me­ter Eisen­bahn­schie­nen demon­tiert und in die Sowjet­uni­on ver­bracht. Damit wur­de das Schie­nen­netz bezo­gen auf den Stand von 1938 um 48 Pro­zent redu­ziert. Der Sub­stanz­ver­lust an indus­tri­el­len und infra­struk­tu­rel­len Kapa­zi­tä­ten durch die Demon­ta­gen betrug ins­ge­samt rund 30 Pro­zent der 1944 auf die­sem Gebiet vor­han­de­nen Fonds. Ab Juni 1946 begann sich mit dem SMAD-Befehl Nr. 167 die Form der Repa­ra­tio­nen von Demon­ta­gen auf Ent­nah­men aus lau­fen­der Pro­duk­ti­on im Rah­men der Sowje­ti­schen Akti­en­ge­sell­schaf­ten zu ver­la­gern, die von 1946 bis 1953 jähr­lich zwi­schen 48 und 12,9 Pro­zent (durch­schnitt­lich 22 Pro­zent) des Brut­to­so­zi­al­pro­dukts betru­gen. Die Repa­ra­tio­nen ende­ten nach dem Volks­auf­stand vom 17. Juni 1953. Auf der Grund­la­ge erst­mals erschlos­se­ner Archiv­ma­te­ria­li­en, vor allem in Mos­kau, kamen Lothar Baar, Rai­ner Karlsch und Wer­ner Matsch­ke vom Insti­tut für Wirt­schafts­ge­schich­te der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin etwa 1993 auf eine Gesamt­sum­me von min­des­tens 54 Mil­li­ar­den Reichs­mark bzw. Deut­sche Mark (Ost) zu lau­fen­den Prei­sen bzw. auf min­des­tens 14 Mil­li­ar­den US-Dol­lar zu Prei­sen des Jah­res 1938. 

Als die Repa­ra­tio­nen 1953 für been­det erklärt wur­den, hat­te die SBZ/DDR die höchs­ten im 20. Jahr­hun­dert bekannt­ge­wor­de­nen Repa­ra­ti­ons­leis­tun­gen erbracht.

Wiki­pe­dia-Arti­kel zu den Repa­ra­ti­ons­leis­tun­gen nach dem zwei­ten Weltkrieg

Dem Plus der BRD aus dem Mar­shall-Plan von 1,41 Mil­li­ar­den US-Dol­lar steht also ein Minus von min­des­tens 14 Mil­li­ar­den US-Dol­lar für die DDR gegen­über. (Neben­be­mer­kung: Ej, lie­be Wes­sis, „wir“ haben die aus der Haf­tung ent­stan­de­nen Schul­den über­nom­men und bezahlt und dann alles von vorn neu auf­ge­baut: die durch den Krieg zer­stör­te Infra­struk­tur und die demon­tier­ten Betrie­be, wohin­ge­gen „Ihr“ schö­ne Geschen­ke bekom­men habt bzw. Betrie­be und Per­so­nal aus dem Osten mit­ge­nom­men habt. Unter ande­rem auch einen Teil von Carl Zeiss, Sie­mens, Schott usw. Außer­dem konn­tet „Ihr“ „Eure“ Roh­stof­fe auf dem Welt­markt kau­fen (den glo­ba­len Süden aus­beu­ten), wäh­rend „wir“ unse­re Roh­stof­fe von „uns­ren Freun­den“ kau­fen muss­ten. Und zwar für West-Geld. Es gibt also kei­nen Grund zur Über­heb­lich­keit und Arro­ganz.) (Neben­be­mer­kung 2: Ins­ge­samt betru­gen die Wie­der­gut­ma­chungs­zah­lun­gen 2022 81,967 Mil­li­ar­den Euro. Die DDR hat sich an die­sen Zah­lun­gen nicht betei­ligt, weil sie das The­ma nach den Zah­lun­gen an die Sowjet­uni­on für erle­digt gehal­ten hat. Ab 1989 war „die DDR“ natür­lich an die­sen Zah­lun­gen betei­ligt. Die Zah­lun­gen wur­den zu unter­schied­li­chen Zei­ten geleis­tet, so dass die abso­lu­ten Zah­len nicht direkt ver­gleich­bar sind.9

Wei­ter schreibt Wiki­pe­dia zum The­ma Kollektivschuld:

Ralph Giord­a­no woll­te 1947 nicht von „Kol­lek­tiv­schuld“ spre­chen. Es habe eine Min­der­heit von Deut­schen gege­ben, die ihrem Gewis­sen und nicht dem Füh­rer gefolgt sei. Die Mehr­heit habe jedoch kein Recht, sich dadurch ent­las­tet zu füh­len und von deren Anstän­dig­keit zu pro­fi­tie­ren, beson­ders weil sie sich auch heu­te noch von die­ser Min­der­heit distanziere.

Das ist wahr. Ein Ver­wand­ter mei­ner Frau, soll­te in Nor­we­gen Zivilist*innen töten und hat sich gewei­gert. Er wur­de selbst erschos­sen. Der West­teils der Fami­lie hat sich dafür geschämt. Sie haben nie dar­über gespro­chen. Und sie­he auch den Bericht von Mari­an­ne Mey­er-Krah­mer Mein lan­ger Weg zur Stun­de Null, den ich hier im Blog ver­öf­fent­licht habe. Mey­er-Krah­mer ist die Toch­ter des Leip­zi­ger Ober­bür­ger­meis­ters Goer­de­ler, der als einer der Hit­ler-Atten­tä­ter hin­ge­rich­tet wur­de. Sie saß im KZ. Übri­gens ohne jeg­li­chen Grund. Es war Sip­pen­haft. Sip­pen­haft ist die klei­ne Freun­din von Kol­lek­tiv­schuld. Sie berich­tet davon, wie ihr Men­schen nach ihrer Befrei­ung begeg­net sind, wie sie die Ableh­nung der BDM-Mäd­chen, mit denen sie als Leh­re­rin zu tun bekam, über­wand. Mit Goethe.

In Wiki­pe­dia fin­det man auch fol­gen­de Aus­sa­ge des Neu­ro­lo­gen und Psych­ia­ters Vik­tor Frankl zum The­ma Kollektivschuld:

es gibt nur zwei Ras­sen von Men­schen, die Anstän­di­gen und die Unanständigen.

Frankl war Jude und hat The­re­si­en­stadt und Ausch­witz über­lebt. Sei­ne rest­li­che Fami­lie wur­de ermor­det. Vater, Mut­ter, Bru­der, Frau.

Rabe wirft ihren Lehrer*innen vor, dass die­se kei­ne vor­wurfs­vol­len All­aus­sa­gen über die Vor­fah­ren ihrer Schüler*innen gemacht hätten:

Die­se omi­nö­sen deut­schen Sol­da­ten. Kein Leh­rer sag­te: Eure Groß­vä­ter und Urgroß­vä­ter waren die deut­schen Sol­da­ten, die in Ost­eu­ro­pa und der Sowjet­uni­on alles abge­schlach­tet haben, was sich beweg­te, die geraubt und ver­ge­wal­tigt und gan­ze Dör­fer ange­zün­det haben.

S. 87

Viel­leicht lag das dar­an, dass das zu platt und im Ein­zel­fall auch nicht rich­tig gewe­sen wäre? Wenn wäre die Aus­sa­ge ja wohl auch „Unse­re Groß­vä­ter und Urgroß­vä­ter“ gewe­sen. Und folgt es nicht auto­ma­tisch, wenn man über die Ver­bre­chen die­ser Gene­ra­ti­on auf­klärt, dass die Groß­el­tern und Urgroß­el­tern von vie­len, vie­len Deut­schen Täter*innen waren? Muss man die­sen Gedan­ken nicht selbst denken?

Mein einer Opa war übri­gens kriegs­wich­tig (Inge­nieur bei Kör­ting in Leip­zig) und des­halb nicht im Krieg und mein ande­rer war zwar bei der Wehr­macht aber als Koch.

Bei­de haben somit zwar irgend­et­was zum Krieg bei­getra­gen, aber der Vor­wurf, den Rabes Lehrer*innen ihnen hät­te machen sol­len, hät­te auf sie wohl nicht zugetroffen.

Mein Opa war in der SPD, nicht in der NSDAP. Die SPD war ab dem 22. Juni 1933 als „volks- und staats­feind­li­che Orga­ni­sa­ti­on“ ver­bo­ten. Der Bru­der mei­nes Groß­va­ters war bis zum Ver­bot am 28. Febru­ar 1933 in der SAJ (Sozia­lis­ti­sche Arbei­ter-Jun­gend). Er hat ein Jahr und neun Mona­te im KZ Lich­ten­burg geses­sen, weil er Flug­blät­ter für eine Ein­heits­front aus KPD und SPD ver­teilt hat. 

Ankla­ge­schrift „gegen List und Genos­sen wegen Vor­be­rei­tung eines hoch­ver­rä­te­ri­schen Unter­neh­mens“ 19.09.1935

Der Groß­va­ter mei­ner Frau hat einem Juden ein Bahn-Ticket nach Wla­di­wos­tok gekauft, als Juden das schon längst nicht mehr konn­ten. Er hat ihm zur Flucht ver­hol­fen. Mit Hil­fe eines israe­li­schen Kol­le­gen habe ich sei­nen Nef­fen in Isra­el aus­fin­dig gemacht und mein Schwa­ger hat ihn dann dort besucht. Der Groß­va­ter war Lei­ter des Arbeits­am­tes in Ins­ter­burg. Er saß in der Nazi­zeit mehr­fach im Gefäng­nis und stand mehr­fach vor Gericht. Ein­mal hat ein Kind eines Men­schen aus sei­ner Freun­des­grup­pe sie ver­ra­ten: Sie hat­ten Radio Lon­don gehört. Er konn­te sich vor Gericht dar­auf beru­fen, dass die Aus­sa­ge eines Kin­des nicht zäh­len wür­de. Ande­re aus dem Freun­des­kreis kann­ten sich nicht aus und wur­den ver­ur­teilt. Er wur­de oft von Men­schen gewarnt, denen er frü­her Arbeit ver­schafft hat­te. Beim drit­ten Mal Schutz­haft half ihm der Poli­zei­di­rek­tor: Die ande­ren Ange­klag­ten wur­den ins KZ Dach­au abtrans­por­tiert, der Poli­zei­prä­si­dent hielt den Groß­va­ter zurück mit der Behaup­tung, es habe kei­nen Platz mehr in den Trans­por­ten nach Dach­au gegeben.

Ein Ange­hö­ri­ger der Fami­lie mei­ner Frau hat sich im Krieg gewei­gert, nor­we­gi­sche Zivilist*innen (Par­ti­sa­nen) zu erschie­ßen und wur­de selbst erschos­sen. Ein Cou­sin mei­nes Vaters ist in Nor­we­gen mit einer Nor­we­ge­rin deser­tiert und wur­de erschossen.

Schrei­ben der Deut­schen Dienst­stel­le für die Benach­rich­ti­gung der nächs­ten Ange­hö­ri­gen der ehe­ma­li­gen deut­schen Wehr­macht, 07.04.2017

Der Cou­sin scheint sei­ne Waf­fe mit­ge­nom­men zu haben. Also: ein­mal Ver­wei­ge­rung des Schie­ßens aus Mensch­lich­keit, ein­mal Fah­nen­flucht aus Lie­be. „Todes­an­zei­gen oder Nach­ru­fe in Zei­tun­gen, Zeit­schrif­ten und der­glei­chen sind verboten.“

Sind wir schul­dig? Als Men­schen mit deut­schem Blut? Was ist das für ein ras­sis­ti­scher Unsinn! Soll­ten wir uns nicht alle dar­an mes­sen, was wir jetzt tun? Wie wir die Taten ande­rer ein­ord­nen? An unse­rer Mensch­lich­keit? Am 4.11.1989 gab es eine gro­ße Demons­tra­ti­on am Alex­an­der­platz. Die ers­te freie Demons­tra­ti­on in der DDR. Ich lief im Anti­fa-Block mit. Die Sta­si hat Bil­der von die­sem Block gemacht (sie­he Wag­ner, 2018, Ver­tusch­te Gefahr: Die Sta­si & Neo­na­zis).

© BStU, MfS HAXX, Fo 1021, Bild 57

Bin ich schul­dig? Muss ich mich schä­men? Ich habe nichts getan! Ich war sie­ben Mal in Buchen­wald (sie­he Weim­ar­ta­ge der FDJ) und auch in Sach­sen­hau­sen, in Ausch­witz. Ich habe mich inten­siv mit der deut­schen Ver­gan­gen­heit aus­ein­an­der­ge­setzt, aber ich konn­te die 1000 Jah­re zwi­schen 1933 und 1945 an kei­ner Stel­le beein­flus­sen. Denn ich war da noch nicht geboh­ren. Für mei­ne Eltern kann ich nichts, aber für mei­ne Kin­der. Ich wür­de mich schä­men, wenn sie in die AfD ein­tre­ten wür­den und/oder die Ver­nich­tung von Men­schen pla­nen würden.

Demoteilnehmer*innen mit Schil­dern „‘Remi­gra­ti­on’ ??? No way, AfD!“, „Dan­ke! Mama & Papa, dass ich kein Nazi gewor­den bin!!!“ und „Oh Schie­ße.“ und einem aus AfD-Pfei­len zusam­men­ge­setz­ten Haken­kreuz. Reichs­tag, Ber­lin, 21.01.2024

Scham

Anne Rabe wird zum Opfer ihrer Vor­stel­lun­gen von Kol­lek­tiv­schuld. Wie ich oben geschrie­ben habe: Sip­pen­haft ist die fie­se klei­ne Schwes­ter von Kol­lek­tiv­schuld. Das schreibt Rabe selbst:

Mei­ne Eltern hat­ten stu­die­ren kön­nen und hat­ten es des­halb auch nach dem Sys­tem­wech­sel leich­ter. Wir waren pri­vi­le­giert und ret­te­ten einen Teil die­ser Pri­vi­le­gi­en mit in die neue Zeit. Mut­ter und Vater wür­den sich auf dem Arbeits­markt eta­blie­ren kön­nen. Nicht ohne Pro­ble­me, nicht ohne Arbeits­lo­sig­keit, nicht ohne Umschu­lun­gen und die berühm­ten Brü­che in den Erwerbs­bio­gra­fien, aber sie hat­ten bes­se­re Start­chan­cen als die meis­ten der­je­ni­gen, die das Sys­tem zum Ein­sturz gebracht haben. Bes­se­re Chan­cen als die­je­ni­gen, denen auch ich mei­ne Frei­heit zu ver­dan­ken habe. Ich schä­me mich dafür. Immer noch.

S. 155

Jedes Mal, wenn ich von Hohen­schön­hau­sen, Tor­gau oder ande­ren Dun­kel­or­ten der DDR hör­te, wur­de ich von einer Scham­wel­le fort­ge­schwemmt, aus der ich mich nur lang­sam her­aus­kämp­fen konn­te, indem ich sorg­sam alles studierte.

S. 99

Aber wie­so schämt sich Rabe für ihre Eltern? Sie kann nichts für ihre Eltern. Sie hat sich sogar von ihnen los­ge­sagt. Damit ist doku­men­tiert, dass sie deren Hal­tung und ihre Gewalt­tä­tig­keit ablehnt. Rabe soll­te sich nicht für ihre Eltern schä­men. Aber sie könn­te sich zum Bei­spiel für die inhalt­li­chen Feh­ler in ihrem Buch schä­men. Für ihre Unin­for­miert­heit. Für ihre nicht erfolg­te Recher­che zu The­men, über die sie geschrie­ben hat. Für den Scha­den, den sie damit ange­rich­tet hat. All ihre Feh­ler sind in Kei­ne Gewalt! Zu Mög­lich­kei­ten und Glück und dem Buch von Anne Rabe und auch in die­sem Blog-Bei­trag doku­men­tiert. Oder für ihre Nai­vi­tät bzw. Durch­trie­ben­heit, auf die ich wei­ter unten zu spre­chen komme.

Reden

Anne Rabe mahnt in ihrem Buch an, dass wir doch mit­ein­an­der reden soll­ten. Dass wir Ossis unse­re dunk­le Ver­gan­gen­heit auf­ar­bei­ten soll­ten. Aber sie selbst hat nicht gere­det. Das Ver­sa­gen liegt auch bei ihr. Hier eini­ge Pas­sa­gen aus dem Buch:

Ich bin ein­fach wütend. Auch auf Adas Eltern. 

Auch sie haben uns im Stich und mit der gan­zen Geschich­te allein­ge­las­sen. Adas Vater hat über die roten Socken gespro­chen, über sein Radar, das da anging bei mei­nen Eltern und ande­ren. Sein Hass, sei­ne Wut, sie sind berech­tigt gewe­sen. Aber statt sich mit denen aus­ein­an­der­zu­set­zen, die dafür die Ver­ant­wor­tung tru­gen, statt mit ihnen die Din­ge zu klä­ren, hat er am Küchen­tisch sei­ne Reden geschwun­gen und eben mich spü­ren las­sen, wie wenig er mich lei­den konnte.

S. 155–156

Adas Eltern waren Systemgegner*innen. Sie durf­ten nicht stu­die­ren und haben unter der DDR gelit­ten. Unter Men­schen wie Rabes Eltern. Und jetzt ver­langt sie, dass die, die all das erlit­ten haben, zu denen gehen, die sich schul­dig gemacht haben, und sich mal aussprechen?

Das zeigt ganz klar, dass sie das alles nicht ver­stan­den hat. Sie hat nicht ver­stan­den, was Bau­sol­dat-Sein bedeu­tet hat. Man hat­te sich kom­plett aus der rest­li­chen Gesell­schaft aus­ge­klinkt. Man konn­te höchs­tens noch Theo­lo­gie stu­die­ren. Ich war an einer Spe­zi­al­schu­le mathe­ma­ti­scher Rich­tung. Es gab dort einen Jun­gen, der nahm an inter­na­tio­na­len Mathe­olym­pia­den teil. Er war geni­al. Er hat sich schon in der Schu­le gewei­gert, an dem zwei­wö­chi­gen GST-Lager, in dem wir auch mit auto­ma­ti­schen Waf­fen geschos­sen haben, teil­zu­neh­men. Die para­mi­li­tä­ri­sche Aus­bil­dung in der Schu­le war Pflicht. Der Schü­ler ist dann Schä­fer geworden. 

Ada hat mir erzählt, dass er in der DDR den Wehr­dienst an der Waf­fe ver­wei­gert hat, was nur ging, wenn man sich den »Bau­sol­da­ten« zutei­len ließ. Das hat­te Kon­se­quen­zen. Mie­se Schi­ka­nen wäh­rend und nach der Dienst­zeit – ein sehr bewusst gewähl­tes Außen­sei­ter­tum, einer Gesell­schaft zum Trotz, die einem kei­ne Wahl las­sen woll­te. Der Preis, den Adas Vater für sei­ne mora­li­sche Inte­gri­tät hat­te zah­len müs­sen, war hoch. Sein gan­zes Leben wür­de davon bestimmt sein. Auf ein Stu­di­um brauch­te er nicht mehr zu hof­fen und über­all, wo es sich anzu­stel­len galt, hat­te er sich ganz hin­ten ein­zu­rei­hen. Das hat­te ihn den­noch nicht davon abge­hal­ten, für sei­ne Über­zeu­gun­gen einzustehen.

S. 154

Jeder Kon­takt mit dem Sys­tem und des­sen Kin­dern war poten­ti­ell gefähr­lich und in jedem Fall anstren­gend. Als Bau­sol­dat war man als Sys­tem­geg­ner akten­kun­dig gewor­den. Viel­leicht wur­de man bespit­zelt. Rund um die Uhr. Arbeits­kol­le­gen mel­de­ten Auf­fäl­lig­kei­ten. Und sie ver­langt jetzt von den Oppo­si­tio­nel­len, dass sie mit ihren Eltern spre­chen? Zwar nach der Wen­de, aber ???

Völ­lig unklar.

So wie Gei­pel und Kaha­ne es nicht ver­ste­hen kön­nen, dass sie als rote Socken abge­lehnt wur­den, hat Rabe nicht ver­stan­den, wie die DDR war und was man da nach der Wen­de gemacht hat und was nicht. Wir waren froh, dass wir Krenz & fri­ends los waren. Mit denen woll­te man nicht mehr reden. Ganz davon abge­se­hen, dass nach der Wen­de alle im Über­le­bens­kampf waren, was Rabe ja auch selbst schreibt.

Wie kann Rabe eine Blut­schuld für das gesam­te deut­sche Volk und alle Nach­fah­ren for­dern, für sich selbst aber ver­lan­gen, dass ihre Gegen­über ihr unvor­ein­ge­nom­men begeg­nen? Müss­te die­se Blut­schuld nicht auch für sie gel­ten? Und für Anet­ta Kaha­ne, deren Vater das Neue Deutsch­land, Zen­tral­or­gan der SED, gelei­tet hat? Und für Ines Gei­pel, deren Vater IM war und laut ihrem Wiki­pe­dia-Ein­trag für „das Aus­spä­hen von Objek­ten und die Vor­be­rei­tung von Sabo­ta­ge auf dem Gebiet der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land“ zustän­dig (Hart­wich & Mascher, 2007)? Ist Unfug, oder? Anet­ta Kaha­ne war übri­gens selbst IM, nicht ihre Eltern. Sie hat ihre jüdi­schen Kum­pels verpfiffen.

Ja, Adas Vater hät­te sie nicht ableh­nen sol­len, so wie es auch von ihrer Leh­re­rin unpro­fes­sio­nell war, sie auf­grund ihrer Her­kunft aus­zu­schlie­ßen. Gera­de in der Grund­schu­le, wo ein betrof­fe­nes Kind das wahr­schein­lich nicht ver­ste­hen kann. Aber als erwach­se­ne Frau, und das ist die Ich-Erzäh­le­rin ja, soll­te sie die Situa­ti­on damals so weit ein­schät­zen kön­nen, dass sie die Hand­lun­gen der Akteur*innen ver­steht. Aber das kann sie nicht, denn sie hat nicht mit ihnen gespro­chen (ja, ja, das ist nur ein Roman, aber sol­che Roma­ne wür­de man dann hal­te eben nicht schrei­ben, hät­te man mit Men­schen gesprochen):

Aber das ist nicht der ein­zi­ge Grund, war­um ich das Gespräch mit Adas Eltern plötz­lich scheue. Ich will kei­ne Abso­lu­ti­on von ihnen, kei­ne spä­te Ver­brü­de­rung mit den­je­ni­gen, die auf mei­ne Eltern und ihr gan­zes Sys­tem zu Recht wütend waren. Ich woll­te mich auch nicht als die­je­ni­ge pro­du­zie­ren, die nun ihre Haus­auf­ga­ben gemacht und im Gegen­satz zu den ewig Gest­ri­gen ver­stan­den hat­te, aus was für einem Land sie kam.

S. 155

Hät­te sie mit ihnen gespro­chen, wüss­te sie, dass Christ*innen in der DDR dazu genö­tigt wur­den, vor der gan­zen Klas­se auf­zu­ste­hen. „Wer von Euch glaubt an Gott? Du, Sabi­ne? Dann steh mal bit­te auf. Wer noch?“

Rabe schreibt:

Die Ange­hö­ri­gen der Opfer erfuh­ren nichts über den Ver­bleib ihrer Kin­der, Väter, Müt­ter, Tan­ten, Onkel, Nach­barn und Freun­de. Das Schwei­gen dar­über war so total, dass heu­te kaum noch jemand um die Ver­bre­chen der Anfangs­zeit der DDR weiß, obwohl es nahe­zu kei­ne Fami­lie geben kann, die davon unbe­rührt blieb.

S. 265

Ich habe es immer geahnt: Ich bin ein­zig­ar­tig! Ich bin der ein­zi­ge Ossi, der irgend­wie wuss­te, dass in den 50ern Men­schen abge­holt wur­den. Dass es Men­schen gab, die Angst hat­ten, wenn Auto­tü­ren klapp­ten, weil sie dach­ten, jetzt wür­den sie geholt.

Sor­ry, Frau Rabe. „Auf der Suche nach Gatt“ wur­de in der Schu­le behan­delt. Da wur­de uns natür­lich erklärt, dass das am 17. Juni die Kon­ter­re­vo­lu­ti­on war. Aber man konn­te sei­ne Eltern fra­gen, was da war, was sie gemacht haben.

Der ande­re Teil mei­ner Fami­lie kommt aus Frankfurt/Oder, einer Bezirks­haupt­stadt, der ach­zehnt­größ­ten Stadt in der DDR, von der Sie schrei­ben: „Irgend­was Klei­nes in Bran­den­burg“. Die Mut­ter hat in der Bahn­hofs­mis­si­on gear­bei­tet. Der Vater war in den letz­ten Kriegs­ta­gen gefal­len, als er sich vom Volks­sturm abge­setzt hat­te und von einer irr­lich­tern­den Gra­na­te erwischt wur­de. Allein­ste­hen­de Frau mit fünf Kin­dern. Sie wur­de ein­ge­sperrt. Das wis­sen wir, das weiß die gan­ze Fami­lie, das weiß deren Umfeld. Christ*innen in der DDR wis­sen das. Sie haben halt nicht mit Ihnen drü­ber gespro­chen und hät­ten das zu DDR-Zei­ten auch nicht getan. Weil sie aus einer Funk­tio­närs­fa­mi­lie kom­men. Mein Gott!

Sie for­dern eine Auf­ar­bei­tung der SED-Zeit und Rezen­sen­ten grei­fen das begeis­tert auf: Ja, die Ossis sol­len mal ihren Dreck im Kel­ler auf­ar­bei­ten, so wie wir es ja getan haben 1968.

War Ihre Fami­lie in das SED-Regime ver­wi­ckelt? Gab es in Ihrer Fami­lie Mit­ar­bei­ter der Staats­si­cher­heit? Wür­den Sie sagen, dass Ihre Fami­lie zu DDR-Zei­ten eher Täter oder Opfer waren? Gehör­ten Sie zu den Mit­läu­fern? Hat Ihre Fami­lie vom SED-Regime pro­fi­tiert? Gibt es in Ihrer Fami­lie Mit­glie­der, die auf Grund ihres Glau­bens oder ihrer poli­ti­schen Über­zeu­gung ver­folgt wur­den? Hat Ihre Fami­lie akti­ven Wider­stand gegen das SED-Regime geleis­tet? Ist es wich­tig, dass kom­men­de Gene­ra­tio­nen in der Schu­le über das Unrecht, das in der ehe­ma­li­gen DDR began­gen wur­de, auf­ge­klärt werden?

Die­se Fra­gen wer­den nicht gestellt. Man befragt uns nicht dazu und misst dar­an auch nicht den Grad unse­res poli­ti­schen Bewusst­seins oder den Zustand der Republik.

S. 73

Sor­ry, Frau Rabe, da haben Sie wohl einen Dit­sch von ihrem Eltern­haus mit­be­kom­men. Wer ist denn „man“? Wer soll denn was fra­gen? Der Staat uns? Soll­ten wir das nicht selbst tun? Und ja, 1) hat der Staat uns befragt bzw. unse­re Daten abge­fragt und 2) haben wir mit­ein­an­der gere­det. Das pas­sier­te in den 90ern ziem­lich inten­siv. Nur haben Sie davon nichts mit­be­kom­men, weil Sie da noch zu klein waren. Das kann man Ihnen nicht vor­wer­fen, was man Ihnen vor­wer­fen kann, ist, dass Sie selbst nicht reden woll­ten (sie­he oben) und dass Sie auch nicht recher­chiert haben. Über „Wir müs­sen alle mal reden und wir brau­chen ein 68 für den Osten“ habe ich auch in Gewalt­er­fah­run­gen und 1968 für den Osten noch aus­führ­li­cher besprochen.

Berlinerisch

Auf S. 210 schreibt Anne Rabe zum Berlinischen:

Zwar ist es in der intel­lek­tu­el­len Land­schaft Ost­ber­lins ganz schick gewe­sen, den Jar­gon der Arbei­ter zu imitieren

S. 210

Anne Rabe hat an der FU-Ber­lin ab 2005 Ger­ma­nis­tik und Thea­ter­wis­sen­schaf­ten stu­diert. Als ich dort 2007 anfing, war sie wahr­schein­lich schon weg. An der FU lehr­te damals noch Prof. Nor­bert Ditt­mar, der zum Ber­li­ni­schen geforscht hat. Aber eigent­lich braucht es kei­ne sprach­wis­sen­schaft­li­che Aus­bil­dung, um zu wis­sen, dass das Ber­li­nern in Ber­lin und Bran­den­burg in allen Bevöl­ke­rungs­schich­ten üblich war. Ich konn­te ber­li­nern, schon bevor ich mit Arbei­tern in Kon­takt gekom­men bin. Mei­ne Eltern sind aus Jena und Wit­ten­berg. Von denen habe ich es nicht gelernt. Das kam ganz nor­mal über den Kin­der­gar­ten und die Schu­le. So hat man gespro­chen. Ein Kol­le­ge, der in den 90ern an der HU stu­diert hat, hat Vor­le­sun­gen in der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft gehört, in denen der Dozent bes­tens ber­li­nert hat. Wir alle haben ber­li­nert. Vie­le sind zwei­spra­chig und kön­nen Stan­dard­spra­che und Dia­lekt spre­chen. Im Wes­ten hat man den Schüler*innen das Ber­li­nern aus­ge­trie­ben, so wie man in Bay­ern den Kin­dern das Bay­ri­sche abge­wöhnt hat. Ich habe genau einen Freund aus West­ber­lin, der ber­li­nert. Sonst spre­chen alle West-Ber­li­ner hochdeutsch.

Ein mög­li­cher Grund dafür, dass die Schu­len nicht ver­sucht haben, uns die Dia­lek­te abzu­er­zie­hen, könn­te natür­lich sein, dass auch Funk­tio­nä­re Dia­lekt spra­chen, aber das ist etwas Ande­res als das, was Anne Rabe geschrie­ben hat. 

Jugendweihe – unser erster subversiver Akt

Zur Jugend­wei­he schreibt Rabe:

Das zwei­te Bekennt­nis leg­te das Kind dann selbst ab. In der ach­ten Klas­se, also mit 14 Jah­ren, soll­te das sozia­lis­ti­sche Kind qua Jugend­wei­he in die Welt der Erwach­se­nen auf­ge­nom­men wer­den und muss­te dafür laut­hals gelo­ben, sich „mit gan­zer Kraft für die gro­ße und edle Sache des Sozia­lis­mus einzusetzen“.

S. 114–115

Ja, die Jugend­wei­he war lus­tig! Und es war ganz prak­tisch, dass wir alle ber­li­ner­ten (sie­he vori­gen Abschnitt). Wir soll­ten alle die­ses blö­de Gelöb­nis spre­chen bzw. dann immer jeweils nach einem Stück Text sagen: „Ja, das gelo­ben wir!“

Was wir statt­des­sen sag­ten, war: „Ja, das glo­ben wir.“, was über­setzt ins Stan­dard­deut­sche „Ja, das glau­ben wir.“ heißt. Wir hat­ten alle Spaß. Für vie­le war das ihr ers­ter sub­ver­si­ver Akt. Hat kei­ner gemerkt.

Funktionärssprache

Ich hat­te oben schon das Zitat zum Reden mit Oppo­si­tio­nel­len. Dar­in war fol­gen­der Satz enthalten:

Ich woll­te mich auch nicht als die­je­ni­ge pro­du­zie­ren, die nun ihre Haus­auf­ga­ben gemacht und im Gegen­satz zu den ewig Gest­ri­gen ver­stan­den hat­te, aus was für einem Land sie kam.

S. 155

Ewig Gest­ri­ge ist für mich Funk­tio­närs­spra­che. Die­se Flos­kel kam über­all vor: im Geschichts­un­ter­richt, im Staats­bür­ger­kun­de­un­ter­richt, im FDJ-Stu­di­en­jahr. Es ging um Revan­chis­ten und Reak­tio­nä­re. Nun also Ossis. Hm. Viel­leicht kommt die­se Phra­se auch im Wes­ten vor. Ich hät­te sie aber nicht in solch einem Roman verwendet.

Ein Scherz, oder?

Rabe schreibt als Ich-Erzählerin:

Hans ist das Licht des Lap­tops zu hell im Bett. Er stöhnt und will schla­fen. Um sechs klin­gelt sein Wecker. Als du den Com­pu­ter zuklappst, ist es nicht weni­ger hell. Der Mond scheint dich an. Du stehst auf und ziehst ins Wohn­zim­mer und schreibst: „Vol­ler Mond, du dum­me Sau/zieh dich zurück in dei­nen Ver­hau.“ Es geht doch. Geht doch noch.

Das ist ein Scherz, oder? Ich bin in der Lage Humor zu erken­nen. Ist das der ein­zi­ge fik­tio­na­le Teil im Roman? Oder doch mehr? Oder alles? Oder ist alles ernst?

Spinnen und Bananen

Anne Rabe bzw. ihre Ich-Erzäh­le­rin hat­te es schwer. Ihre Kind­heit war ent­beh­rungs­reich und hart. Sie muss­te auf ein Außen­klo gehen, auf dem es Spin­nen gab. Und grü­ne Bana­nen essen.

Lie­be Frau Rabe, ich hab da ein paar Tipps für Sie: Wenn man nicht möch­te, dass es an einem Ort Spin­nen gibt, kann man sich ein Glas und Papier neh­men. Das Glas stülpt man über die Spin­ne. Das Papier schiebt man unter das Glas und dann kann man die Spin­ne zurück in die Natur beför­dern. Ich weiß, Ihre Kind­heit war schwer, aber es gab hof­fent­lich Papier (zu mei­ner Zeit war das Papier knapp). Min­des­tens Klo­pa­pier wird es wohl gege­ben haben und das sogar an dem Ort, wo sie es hät­ten benut­zen kön­nen. Wenn es bei Ihnen kein Glas gab, gab es viel­leicht die­se Punkte-Becher: 

DDR-Design­klas­si­ker: Punk­te-Becher aus Plas­te, 23.02.2024

Man hat­te mit solch einem Becher lei­der kei­nen Sicht­kon­takt zur Spin­ne mehr, aber hey, Not macht erfin­de­risch. Wir Ossis haben eigent­lich immer noch alles hinbekommen. 

Und mit den grü­nen Bana­nen, das kann ich voll nach­voll­zie­hen. Die sind dann so kleb­rig. Aber auch da gibt es einen Trick: Man lässt die Bana­nen etwas lie­gen. Dann sind sie reif. Sie schrei­ben ja selbst, dass Sie schon ein­mal brau­ne Bana­nen gese­hen hätten. 

Die Bana­nen, die ich nicht moch­te, weil wir sie geges­sen haben, wenn sie noch grün waren. Ich dach­te lan­ge, sie wären schlecht, sobald sie ein paar brau­ne Stel­len hatten.

S. 18

Dann müss­ten Ihnen doch eigent­lich auch Bana­nen in mitt­le­rer Rei­fe unter­ge­kom­men sein. Hät­ten Sie sys­te­ma­tisch getes­tet, hät­ten Sie her­aus­fin­den kön­nen, dass man Bana­nen weder grün noch braun essen muss.

Übri­gens: Bei uns damals war es so, dass wir über­haupt kei­ne Bana­nen hat­ten. Auch kei­ne grü­nen. Also, wir schon, denn wir leb­ten in Ber­lin und Ber­lin wur­de immer bes­ser ver­sorgt als der Rest der DDR. Das hing damit zusam­men, dass die Wes­sis nicht mer­ken soll­ten, dass es bestimm­te Din­ge in der DDR nicht gab, wenn sie mal kurz ihr Mäd­chen aus Ost­ber­lin besuch­ten. Also wir hat­ten wel­che, aber Ihre Eltern in Wis­mar nicht. 

Kari­ka­tur von Bernd A. Chmu­ra. Bana­nen-Repu­blik, 1986. Aus dem Kata­log der X. Kunst­aus­stel­lung der DDR, Dres­den. 1987/1988. S. 429. Ber­lin bekommt die Bana­nen, die rest­li­che DDR die Schalen.

Bzw. sie hat­ten sehr sel­ten wel­che. Ich erin­ne­re mich an Bana­nen bei einer Kur in Ahl­beck. Die waren noch grün!!! In Ber­lin gab es aber auch nicht immer Bana­nen. Eigent­lich gab es Süd­früch­te immer so um die Weih­nachts­zeit, wes­halb Obst­sa­lat noch heu­te für mich mit Weih­nach­ten ver­bun­den ist. 

Obst­sa­lat in einer Schüs­sel von Kahla Thü­rin­gen Por­zel­lan, Ber­lin, 18.12.2021. Kahla Thü­rin­gen Por­zel­lan wur­de nach der Wen­de für eine DM an einen Rechtstan­walt ver­kauft, des­sen einiz­ge Qua­li­fi­ka­ti­on dar­in bestand, einen Bru­der bei der Treu­hand zu haben. Na, ich schwei­fe ab. Und man soll auch nicht so viel Infor­ma­ti­on in Bild­un­ter­schrif­ten packen.

Dass es die Süd­früch­te nur zu Weih­nach­ten gab, lag dar­an, dass Erich Hon­ecker erst zum Jah­res­en­de genü­gend DDR-Oppo­si­tio­nel­le in den Wes­ten ver­kauft hat­te, so dass dann die Bana­nen und Apfel­si­nen gekauft wer­den konn­ten. (Das war Sarkasmus.)

Übri­gens: Die Sze­ne mit der Bade­wan­ne. Ist das nicht genau­so wie das mit den grü­nen Bana­nen? Sti­nes Mut­ter, die Mut­ter der Ich-Erzäh­le­rin, war in der Küche, ihr Vater im Wohn­zim­mer. Sie stand in dem sehr hei­ßen Was­ser. War­um hat sie nicht ein­fach kal­tes Was­ser nach­ge­füllt? War­um hat sie sich und ihren klei­nen Bru­der in das hei­ße Was­ser gestellt? Ich weiß, sie war noch klein und es war eine Stress­si­tua­ti­on. Aber wenn das immer wie­der pas­siert ist, hät­te sie ja mal drü­ber nach­den­ken kön­nen. Oder war es viel­leicht doch nicht so? Oder kann man das in die­sem Alter noch nicht? Sie muss ja min­des­tens vier gewe­sen sein.

Mangelnde Eigenverantwortung und die Fahrt in den Abgrund

Ein ähn­li­cher Fall liegt bei der Schlit­ten­sze­ne vor, auf die mich mein Klas­sen­ka­me­rad Peer in sei­ner Dis­kus­si­on von Anne Rabes Buch auf Mast­o­don hin­ge­wie­sen hat:

Wenn ich mich an Tim erin­ne­re, spü­re ich ihn hin­ter mir auf dem Schlit­ten sit­zen. Damals in Tsche­chi­en, im Rie­sen­ge­bir­ge. Er klam­mert sich an mich, und wir fah­ren im Affen­zahn einen Berg hin­un­ter. Er ver­traut mir, ver­traut dar­auf, dass ich die Kur­ve noch krie­ge vor dem Abhang. Ich brül­le: „Len­ken, Tim­mi, du musst den Fuß raus­hal­ten!“ Aber Tim, der jün­ger ist als ich, viel­leicht sechs oder sie­ben, weiß nicht, was ich mei­ne, und so grei­fe ich mit mei­nem rech­ten Arm hin­ter mich und rufe: „Spring!“ Der Schlit­ten saust ohne uns den Abhang hinunter.

S. 11

Die Fra­ge ist: Wie­so hat die Ich-Erzäh­le­rin nicht selbst die Füße raus­ge­stellt? Ist Sti­ne so? Ist Anne Rabe so? War­um greift sie nicht ein? Wenn so viel Zeit ist, dem zwei Jah­re jün­ge­ren Bru­der Anwei­sun­gen zu geben, war­um bremst SIE dann nicht? Ist das der bei Ossis immer wie­der kli­schee­haft beschwo­re­ne Man­gel an Eigen­ver­ant­wor­tung (sie­he auch Leser­brief zum mei­nem Arti­kel in der Ber­li­ner Zei­tung)? Oder nur ein schie­fes Bild im Roman? Schlech­te Literatur?

Schlagersüßtafel

Zum The­ma Schla­ger­süß­ta­fel schreibt Anne Rabe:

Dar­über, wie die Revo­lu­ti­on 89/90 auch durch die klei­ne Stadt gefegt war, schwieg sich mei­ne Fami­lie aus. Die DDR war den­noch oder gera­de des­halb selt­sam prä­sent. Ein ver­lo­re­ner Sehn­suchts­ort. Ein Ort, an dem alles gut war und »wisst ihr noch, die Schla­ger­süß­ta­fel?«. Die­se Scho­ko­la­de kam in fast allen Erzäh­lun­gen der Eltern vor. Auch wenn sie sich ganz gut ein­ge­lebt hat­ten im schlech­te­ren Deutsch­land, schien die Tat­sa­che, dass es die Schla­ger­süß­ta­fel nicht mehr zu kau­fen gab, von grö­ße­rer Bedeu­tung zu sein als das Haus, das sie nun bau­ten, die Urlau­be, in die wir fuh­ren, und der Ten­nis­kurs, den sie absol­vier­ten. Irgend­wann kamen sie zurück – die Ost­pro­duk­te. Sie füll­ten gan­ze Mes­se­hal­len und auch die Rega­le in unse­rem Super­markt. Plötz­lich gab es wie­der Bam­bi­na, Nudo­s­si, Puffreis und Fil­in­chen. Das ers­te Stück Schla­ger­süß­ta­fel aber war eine Ent­täu­schung. So hat­te sie also geschmeckt, die­se DDR? Nach nichts, noch nicht ein­mal nach Kakao­pul­ver. Ver­mut­lich war das gar kei­ne Schokolade.

S. 256

Schla­ger­süß­ta­fel wird in Wiki­pe­dia als Genuss­mit­tel gelis­tet. Aber ich muss Anne Rabe Recht geben: Schla­ger­süß­ta­fel war unge­nieß­bar. Ich habe in Schla­ger­süß­ta­fel und Klas­sen­kei­le bereits dar­über geschrie­ben: Wir hat­ten sie gekauft, weil wir dach­ten, es wären Bil­der von Schlagersänger*innen drin. Da sie zum Essen nicht taug­te, benutz­ten wir sie, um Bau­ar­bei­ter zu bewer­fen. Wie es dann wei­ter­ging, müsst Ihr in dem ande­ren Blog-Post lesen.

Wiki­pe­dia kann man auch die Zuta­ten ent­neh­men. Ein biss­chen Kakao war drin, aber nur 7%. Übri­gens lus­tig: Beim Lesen der Zuta­ten muss­te ich an die Mut­ter des Ich-Erzäh­lers von Stern 111 den­ken. Sie war Lebens­mit­tel­tech­ni­ke­rin und ihre Auf­ga­be war es, Ersatz­le­bens­mit­tel aus in der DDR ver­füg­ba­ren Roh­stof­fen zu kre­ieren. Viel­leicht war sie ja an der Krea­ti­on der Schla­ger­süß­ta­fel betei­ligt. Stern 111 ist übri­gens ein sehr gelun­ge­ner Nach­wen­de­ro­man. Wer wis­sen will, wie es vor der Wen­de war, soll­te Der Turm und Kro­ko­dil im Nacken lesen.

Plagiat? Nee! Oder doch?

In einem Bei­trag in der Neu­en Züri­cher Zei­tung schreibt Peer Teuw­sen, dass Anne Rabes Roman auf den Schul­tern von Ines Gei­pel ste­hen wür­de. Es wer­den drei Stel­len ange­führt. In einer fah­ren Kin­der Schlit­ten, in der zwei­ten trägt ein Vater sei­nen Sohn auf den Schul­tern und in der drit­ten spre­chen Kin­der über das Stern­bild gro­ßer Wagen. Pla­gi­at ist mein drit­tes Hob­by. Ich bin selbst pla­giert wor­den und habe ein ent­spre­chen­des Ver­fah­ren ein­ge­lei­tet. Ich war in einer Pla­gi­ats­kom­mis­si­on, die sich mit einer pla­gier­ten Dis­ser­ta­ti­on aus­ein­der­ge­setzt hat. Ich habe die­ses Jahr ein Pla­gi­at in einer BA-Arbeit gefun­den und ein 80seitiges Gut­ach­ten über ein Buch und das rest­li­che Werk eines sys­te­ma­tisch pla­gie­ren­den Autors ver­fasst. Der Vor­wurf des Pla­gi­ats gegen Rabe ist lächer­lich. (Nach­trag 29.06.2024: Aber sie­he unten.) Die Text­stel­len, die Teuw­sen anführt, sind kom­plett ver­schie­den, ja, sie haben inhalt­lich außer den oben genann­ten The­men selbst nichts mit­ein­an­der zu tun.

Die Ant­wort des Ver­lags ist interessant:

„Die Ähn­lich­kei­ten sind aus unse­rer Sicht zufäl­lig und allen­falls dadurch bedingt, dass die Bücher der bei­den Autorin­nen the­ma­tisch so nahe bei­ein­an­der lie­gen. Die Autorin­nen haben einen ähn­li­chen Blick auf die DDR und es gibt bio­gra­fi­sche Par­al­le­len (so haben bei­de Autorin­nen jün­ge­re Brü­der und kom­men aus einem sys­tem­na­hen Milieu)“, schreibt Rabes Verlag.

Peer Teuw­sen. 2023. Ver­heim­lich­te Nähe. NZZ.

Die Brü­der sind viel­leicht rele­vant, DDR ist kom­plett irrele­vant und Sys­tem­nä­he auch. Schlit­ten, Brü­der und den Gro­ßen Wagen gibt es auch im Wes­ten. Jeden­falls kann man Teuw­sens Arti­kel ent­neh­men, dass Gei­pel und Rabe befreun­det waren: „Die Älte­re fand es wun­der­bar, dass eine jün­ge­re Autorin sich ihrer The­men annimmt und ihnen eine neue Stim­me verleiht.“

Also kein Pla­gi­at, aber der Ein­fluss von Ines Gei­pel ist wahr­schein­lich für das gesam­te Ideen­ge­flecht rele­vant: Funk­tio­närs­kin­der kri­ti­sie­ren den Osten. Wie ich in mei­nem Blog­post Der Ossi und der Holo­caust gezeigt habe, lügt Ines Gei­pel. Es geht Ihr und Anet­ta Kaha­ne, eben­falls Funk­tio­närs­kind, nicht um eine Auf­ar­bei­tung von Unrecht. Sie stel­len Din­ge wahr­schein­lich bewusst falsch dar. Wie ich damals schon sag­te: Ent­we­der sie lügen bewusst oder sie sind unwis­send. Bei­des wäre schlecht, wenn man sich so weit aus dem Fens­ter lehnt. Und das ist auch für Anne Rabe so, wie ich in Kei­ne Gewalt! Zu Mög­lich­kei­ten und Glück und dem Buch von Anne Rabe und auch hier gezeigt habe: Ent­we­der sie lügt bewusst oder sie ist unwis­send. Wahr­schein­lich das Letz­te­re. Scha­de nur, dass sie damit solch einen Scha­den anrichtet.

Nach­trag vom 29.06.2024: In „Ines Gei­pel lügt“ habe ich eine Doku­men­ta­ti­on des MDRs zu Ines Gei­pels Behaup­tun­gen zu ihrer Ver­gan­gen­heit als Leis­tungs­sport­le­rin bespro­chen und auch wie sie gegen Gegner*innen vor­geht. Es sieht also so aus, als hät­te sie all­ge­mein Pro­ble­me mit der Wahr­heit und ihre Behaup­tun­gen in Bezug auf den Umgang mit dem Holo­caust gehen nicht auf Unwis­sen­heit zurück. Ich habe jetzt ihr Buch Umkämpf­te Zone. Mein Bru­der, der Osten und der Hass gele­sen und habe dort erfah­ren, dass sie das Buch Nackt unter Wöl­fen kann­te und auch in Buchen­wald war. 

Zum The­ma Pla­gi­at kann man fol­gen­des fest­hal­ten: Das Buch von Anne Rabe ist von der Struk­tur genau par­al­lel zu Ines Gei­pels Buch auf­ge­baut. Es gibt kur­ze Kapi­tel mit Impres­sio­nen aus dem Pri­vat­le­ben und dann län­ge­re essay­is­ti­sche Abschnit­te mit poli­ti­scher Ana­ly­se. Die The­men sind sehr ähn­lich. Ins­ge­samt gibt es einen ent­schei­den­den Unter­schied: Bei Ines Gei­pel gibt es ein rela­tiv lan­ges Quel­len­ver­zeich­nis mit 79 Ein­trä­gen, über­wie­gend Fach­auf­sät­zen zur DDR; das Quel­len­ver­zeich­nis von Anne Rabe ent­hält 14 Ein­trä­ge, von denen die meis­ten Gedicht­samm­lun­gen, Roma­ne oder Fil­me sind, aus denen sie ihren Kapi­teln Aus­zü­ge vor­an­ge­stellt hat: Bach­mann, Brasch, Brecht, Inge Mül­ler, Einar Schle­ef, Wera Küchen­meis­ter. Dazu ein Gesetz und ein all­ge­mei­ner Ver­weis auf das Sta­si-Unter­la­gen-Archiv. Die Qua­li­tät der Bücher ins­ge­samt spie­gelt sich an den Quel­len­ver­zeich­nis­sen: Pro­fes­so­rin mit Stu­di­um der Ger­ma­nis­tik auf der einen Sei­te und Per­son mit abge­bro­che­nen Ger­ma­nis­tik­stu­di­um auf der ande­ren Sei­te. Rabes Aus­re­de, sie habe ja kein Sach­buch geschrie­ben, ist lahm. Sie hat bzw. woll­te genau so ein Buch schrei­ben wie Gei­pel. Sie hät­te ein Quel­len­ver­zeich­nis gebraucht und in die­sem hät­te Gei­pel zitiert wer­den müs­sen. Und Teuw­sen ist zuzu­stim­men: Ines Gei­pel hät­te in den Dank­sa­gun­gen als Ideen­ge­be­rin genannt wer­den müs­sen. Inter­es­san­ter­wei­se gibt es bei Gei­pel eine Behaup­tung, die Rabe von dort über­nom­men zu haben scheint. Sol­che Über­nah­men fal­len auf, wenn das Über­nom­me­ne falsch ist. Gei­pel schreibt:

26. April 2002. Der ers­te Schul­a­mok­lauf in Deutsch­land, die öffent­li­chen Mor­de eines Gym­na­si­as­ten, das Unvor­stell­ba­re schlechthin.

Ines Gei­pel, 2019: Umkämpf­te Zone. Mein Bru­der, der Osten und der Hass, Stutt­gart: Klett-Cot­ta. S.110 des E‑Books.

Die­sel­be Behaup­tung fin­det sich bei Anne Rabe und wie ich im Bei­trag zu den Amok­läu­fen gezeigt habe, ist die Behaup­tung falsch: Der ers­te Amok­lauf war 1871 in Saar­brü­cken und dann gab es noch vie­le wei­te­re. Mit Schuss­waf­fen und Flam­men­wer­fern usw. Zum Bei­spiel 1964 in Köln, 1983 in Eppstein, Hessen. 

Also: Ja, es gibt auch hier ein Pro­blem bei Anne Rabe. 

Antisemitismus und Nationalismus

Auf S. 271 kommt mal eben so eine Aus­sa­ge zu Anti­se­mi­tis­mus und Nationalismus: 

Auch waren Anti­se­mi­tis­mus und Natio­na­lis­mus wich­ti­ge Bestand­tei­le der sowje­ti­schen und real­so­zia­lis­ti­schen Ideologie.

S. 271

Wo hat sie das nur her? Quel­len? Na, viel­leicht von Gei­pel. Dass Anet­ta Kaha­ne und Ines Gei­pel gelo­gen haben (oder extrem unwis­send sind), wenn sie behaup­ten, der Holo­caust sei im Osten nicht vor­ge­kom­men, habe ich schon in Der Ossi und der Holo­caust bespro­chen. Zum (fast) nicht vor­han­de­nen Anti­se­mi­tis­mus in der DDR hat die Jüdin Danie­la Dahn viel geschrie­ben. Man­ches ist auch im Holo­caust-Post erwähnt. Ande­re Sachen bespre­che ich im Post über die Aus­stel­lung über jüdi­sches Leben in der DDR, die vom jüdi­schen Muse­um orga­ni­siert wurde.

Ich habe diver­se Inter­views mit Anne Rabe gele­sen und in einem Inter­view von Cor­ne­lia Geiß­ler von der Ber­li­ner Zei­tung steht:

Auch der His­to­ri­ker Patri­ce G. Pou­trus, der eher Osch­manns Gene­ra­ti­on ange­hört, hat beob­ach­tet, dass Rech­te und Rechts­extre­me im Osten auf ein fes­tes natio­na­lis­ti­sches Welt­bild trafen.

Geiß­ler, Cor­ne­lia. 2023. Anne Rabe: „Es reicht nicht, die DDR immer nur vom Ende her zu erzäh­len“. Ber­li­ner Zei­tung.

Ich bin ja immer bereit, Neu­es zu ler­nen und dach­te mir: „Gut, mal gucken, was der His­to­ri­ker Pou­trus her­aus­ge­fun­den hat.“ Als ers­tes: Kur­zer Chek: Er ist aus dem Osten. Also gut, mal gucken. Bei der Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung habe ich einen Auf­satz von ihm gefun­den, den er gemein­sam mit Jan C. Beh­rends und Den­nis Kuck ver­fasst hat: His­to­ri­sche Ursa­chen der Frem­den­feind­lich­keit in den neu­en Bun­des­län­dern. Ich hat­te erst vie­le Punk­te, die in die­sem Arti­kel dis­ku­tiert wer­den, hier bespro­chen, aber dadurch wur­de der Post hier zu lang und zu unüber­sicht­lich. Des­halb habe ich die Dis­kus­si­on in den Post „His­to­ri­sche Ursa­chen der Frem­den­feind­lich­keit in den neu­en Bun­des­län­dern“: Kom­men­ta­re zu einem Auf­satz von Patri­ce G. Pou­trus, Jan C. Beh­rends und Den­nis Kuck ausgelagert.

Einen mei­ner Mei­nung nach ent­schei­den­den Bestand­teil des Natio­na­lis­mus erwäh­nen die Autoren nur im Vor­über­ge­hen im Nach­wort: den natio­na­len Tau­mel in der Wie­der­ver­ei­ni­gung. Die­ser war vom Wes­ten gewollt und geför­dert. Die Ost-Lin­ken haben das damals gese­hen und sich davor gefürch­tet. Mein Freund XY hat mir die bei­den fol­gen­den Gra­fi­ken geschenkt.

Men­schen, die ihren Kopf in der Hand hal­ten. Ein Hit­ler­kopf liegt am Stra­ßen­rand. Der Him­mel ist schwarz.
1989

Dank ich an angst in der Nacht Herz­li­chen Glück­wunsch zur Wiedervereinigung

Deutsch­tü­me­lei! Natio­na­lis­mus! Das kam von der Bun­des­re­gie­rung. Nicht in Ber­lin. In Ber­lin wur­de Kohl ausgebuht. 

In Sach­sen wur­de er mit offe­nen Armen emp­fan­gen. Er hat den Ossis blü­hen­de Land­schaf­ten ver­spro­chen. Von Oskar Lafon­taine, des­sen Herz links schlug, und der damals Kanz­ler­kan­di­dat der Par­tei war, in der auch Anne Rabe Mit­glied ist, woll­te nie­mand etwas Wis­sen. Er hat die Wahr­heit gesagt. Aber „die Wahr­heit ist häss­lich und hat stin­ken­den Atem“.

Sicher ist alles nicht mono­kau­sal. Ande­re mög­li­che Ursa­chen wer­den im genann­ten Blog-Post diskutiert.

Nazis aus dem Westen

Im Post „His­to­ri­sche Ursa­chen der Frem­den­feind­lich­keit in den neu­en Bun­des­län­dern“: Kom­men­ta­re zu einem Auf­satz von Patri­ce G. Pou­trus, Jan C. Beh­rends und Den­nis Kuck ver­lin­ke ich einen Fern­seh­bei­trag, der zeigt wie der CDU-Innen­mi­nis­ter Jörg Schön­bohm einen Jugend­club mit Nazi-Skins besucht und die Jugend­li­chen dort pri­ma fin­det. Schön­bohm war Gene­ral­leut­nant in der Bun­des­wehr und Lan­des­vor­sit­zen­der der CDU Bran­den­burg. Auch sieht man im Video, dass die Nazi-Par­tei Deut­sche Alter­na­ti­ve, die in Bran­den­burg aktiv war, von Men­schen aus dem Wes­ten auf­ge­baut wur­de (11:25). Rabe schreibt dazu auch an eini­gen Stel­len etwas und stellt das in Fra­ge. Die ras­sis­ti­schen Aus­schrei­tun­gen in Lich­ten­ha­gen erwähnt sie expli­zit. Auch Lich­ten­ha­gen ist ein schlim­mes Bei­spiel von Poli­zei­ver­sa­gen (sie­he Ros­tock-Lich­ten­ha­gen 1992: Ein Poli­zei­de­ba­kel). Poli­zei, Jus­tiz, Ver­fas­sungs­schutz, alle Insti­tu­tio­nen wur­den vom Wes­ten auf­ge­baut und waren von West­lern gelei­tet.10 Der Bru­der mei­ner Schwie­ger­mut­ter noch heu­te AfD-Wäh­ler hat zum Bei­spiel das Lan­des­ar­beits­ge­richt in Dres­den auf­ge­baut. Der für Lich­ten­ha­gen zustän­di­ge Poli­zist ist ins Wochen­en­de gefah­ren. Nach Bre­men. Er hat die bepiss­ten Nazis pöbeln und zün­deln las­sen. Im Wiki­pe­dia­ein­trag zu den Aus­schrei­tun­gen steht es noch kras­ser. Nach einer lan­gen, lan­gen Vor­ge­schich­te mit Ankün­di­gun­gen und Dro­hun­gen ist die gesam­te poli­ti­sche und poli­zei­li­che Füh­rung ins Wochen­en­de ver­schwun­den. In den Westen:

Trotz der ange­kün­dig­ten Kra­wal­le und der auf­ge­heiz­ten Stim­mung rund um die ZAst fuhr fast das gesam­te poli­tisch und poli­zei­lich lei­ten­de Per­so­nal, das nach der Wen­de nahe­zu voll­stän­dig mit west­deut­schen Beam­ten aus den Part­ner­län­dern Schles­wig-Hol­stein, Ham­burg und Bre­men besetzt wor­den war, wie üblich am Frei­tag zu ihren Fami­li­en nach West­deutsch­land. So waren am Wochen­en­de der Aus­schrei­tun­gen der Staats­se­kre­tär im Innen­mi­nis­te­ri­um, Klaus Balt­zer, der Abtei­lungs­lei­ter Öffent­li­che Sicher­heit, Olaf von Bre­vern, der Abtei­lungs­lei­ter für Aus­län­der­fra­gen im Innen­mi­nis­te­ri­um und zum dama­li­gen Zeit­punkt zugleich Aus­län­der­be­auf­trag­ter der Lan­des­re­gie­rung, Win­fried Rusch, der Lei­ter des Lan­des­po­li­zei­am­tes, Hans-Hein­rich Hein­sen, der Chef der Poli­zei­di­rek­ti­on Ros­tock, Sieg­fried Kor­dus, sowie der Ein­satz­lei­ter Jür­gen Deckert nicht in Schwe­rin bzw. Ros­tock zuge­gen. Deckert hat­te die Füh­rung an den noch in der Aus­bil­dung befind­li­chen Sieg­fried Trott­now übergeben.

Wiki­pe­dia­ein­trag Aus­schrei­tun­gen in Rostock-Lichtenhagen

Rabe lässt ihre Mut­ter bzw. Sti­nes Mut­ter sagen, dass man Nazis aus dem Wes­ten ange­karrt habe:

Mut­ter hat gesagt, dass man nichts gegen Aus­län­der haben darf. Die machen hier die Arbeit, auf die die Deut­schen kei­ne Lust mehr haben. Und die Viet­na­me­sen, wo sie in Ros­tock das Haus ange­zün­det haben, die sind sogar schon zu Ost­zei­ten in Ros­tock gewe­sen, die kön­nen gar nichts dafür. Außer­dem waren da auch vie­le Nazis aus dem Wes­ten dabei. Die hat man extra da hin­ge­fah­ren, damit sie Ran­da­le machen. Das waren Row­dys. Aber im Fern­se­hen sagen sie immer, dass die alle Ros­to­cker sind.

S. 88

Im Inter­view mit Cor­ne­lia Geiß­ler sagt Rabe: 

Als die Zen­tra­le Auf­nah­me­stel­le für Asyl­be­wer­ber in Ros­tock-Lich­ten­ha­gen in Brand gesetzt wur­de, 1992, hieß es, die Neo­na­zis sei­en nur aus dem Wes­ten ange­fah­ren wor­den. Die Eltern, die Leh­rer, die woll­ten das immer von sich weg­hal­ten. Aber wir Jugend­li­chen kann­ten die Nazis ganz gut, die saßen neben uns am Strand, in den Klas­sen, im Sportverein.

Geiß­ler, Cor­ne­lia. 2023. Anne Rabe: „Es reicht nicht, die DDR immer nur vom Ende her zu erzäh­len“. Ber­li­ner Zei­tung. Ber­lin.

In den bei­den Text­pas­sa­gen gibt es ver­schie­de­ne Aus­sa­gen. 1) Es waren vie­le Nazis aus dem Wes­ten dabei. 2) Die Neo­na­zis sei­en nur aus dem Wes­ten ange­fah­ren worden.

Das sind die Fakten:

Gegen 12 Uhr am Sonn­tag hat­ten sich bereits wie­der etwa 100 Per­so­nen vor der ZAst ver­sam­melt. Nun tra­fen Rechts­extre­mis­ten aus der gan­zen Bun­des­re­pu­blik in Ros­tock ein, dar­un­ter Bela Ewald Alt­hans, Ingo Has­sel­bach, Ste­fan Nie­mann, Micha­el Bütt­ner, Ger­hard End­ress, Ger­hard Frey, Chris­ti­an Mal­co­ci, Arnulf Priem, Erik Rund­quist, Nor­bert Weid­ner und Chris­ti­an Worch. Von die­sen wur­de nur End­ress wäh­rend der Aus­schrei­tun­gen festgenommen.

Wiki­pe­dia­ein­trag Aus­schrei­tun­gen in Rostock-Lichtenhagen

Also: Fakt ist, dass Neo­na­zis aus dem Wes­ten dabei waren. Ob die ange­fah­ren wor­den sind und wenn ja von wem, weiß ich nicht, aber ansons­ten hat­te Rabes (Roman-)Mutter Recht. Ja, auch ehe­ma­li­ge Funk­tio­nä­re kön­nen Recht haben.

Bei den NSU-Mor­den war der Ver­fas­sungs­schutz selbst dabei (taz, 03.04.2017). Maa­ßen, ein Neo-Nazi erst CDU, jetzt Wer­te­uni­on, war der, der den­je­ni­gen abge­löst hat, der wegen des Ver­sa­gens beim NSU gehen muss­te. In Leip­zig Con­ne­witz ist eine Hor­de von über 200 Nazis ein­ge­fal­len und haben den Stadt­teil ver­wüs­tet. Die Ver­fah­ren wur­den ver­schleppt, vie­le sind straf­frei davon­ge­kom­men. Einer war Jura-Stu­dent. Er hat danach wei­ter­stu­diert und trat 2018 sein Refe­ren­da­ri­at an. Ein JVA-Mit­ar­bei­ter und Täter arbei­te­te fröh­lich wei­ter in der JVA (taz: 11.01.2021, Schlep­pen­de Auf­klä­rung). Die AfD wur­de von Neo­li­be­ra­len Wirtschaftsprofessor*innen aus dem Wes­ten auf­ge­baut und nach und nach von West-Nazis über­nom­men. Das habe ich Osch­mann nach sei­nem ers­ten Arti­kel geschrie­ben und ihn auf mei­nen Blog-Bei­trag Der Ossi ist nicht demo­kra­tie­fä­hig. Merkt Ihr’s noch? mit den Quel­len ver­wie­sen. Er hat sich herz­lich bedankt und wird jetzt dafür zitiert. Die Quel­len­an­ga­be hat er wohl vergessen. 

Bei Ent­hül­lun­gen von Cor­rec­tiv zu den Depor­ta­ti­ons­plä­nen, die AfD-Mit­glie­der, CDU-Mit­glie­der und sons­ti­ge Neo­na­zis dis­ku­tiert haben, habe ich mir auch mal den Spaß gemacht, zu schau­en, wo die betei­lig­ten Per­so­nen her­ka­men. Über­ra­schung: Das Ver­hält­nis West zu Ost ist 19:1. Bit­te­schön: Cor­rec­tiv und die Nazi-Vor­stel­lun­gen bzgl. Remi­gra­ti­on.

In die­ser Auf­zäh­lung darf Karl-Heinz Hoff­mann nicht feh­len. Hoff­mann ist ein extre­mer Rechts­extre­mist. Er hat die Wehr­sport­grup­pe Hoff­mann gegrün­det und hat mit 400–600 Kum­pels bewaff­net für den End­sieg trai­niert. (Ej, lie­be Wes­sis, das gab es in der DDR wirk­lich nicht. Hört auf, vom „ver­ord­ne­ten Anti­fa­schis­mus“ zu faseln.) Hoff­mann ging dann irgend­wann doch in den Knast und kam schließ­lich 1989 wegen guter Füh­rung und posi­ti­ver Sozi­al­pro­gno­se pas­send zur Mau­er­öff­nung wie­der raus. Dan­ke­schön! Hoff­mann ist aus Kahla (Thü­rin­gen), ging sofort wie­der rüber, kauf­te die hal­be Stadt auf und begann Neo-Nazi-Struk­tu­ren aufzubauen.

So war es. Wir wis­sen das. Nur Anne Rabe tut so, als wäre es anders. Weil sie es nicht weiß? Weil sie nie mit jeman­dem gere­det hat? Außer mit Gei­pel? Weil sich das Gegen­teil bes­ser ver­kauft? Sie­he unten.

Verbot des Themas

Anne Rabe nimmt die Kri­tik an ihrem Buch vor­weg: Was wisst Ihr schon, Ihr Nachgeborenen!

„Ihr, die ihr auf­tau­chen wer­det aus der Flut
In der wir unter­ge­gan­gen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unse­ren Schwä­chen sprecht
Auch der fins­te­ren Zeit
Der ihr ent­ron­nen seid.“

Der blö­de Brecht macht mich noch wahn­sin­nig. Er mar­schiert mir gera­de rein in die Gedan­ken und mahnt und mahnt. Bil­de dir kein Urteil! Bil­de dir ja kein Urteil, du Nach­ge­bo­re­ne! Ja, wie­so eigent­lich nicht? Das ist doch ein bil­li­ger Trick. Hin­ter der wort­schö­nen Mah­ne­rei drei Kel­ler tief Schwei­gen. Dort habt ihr eure Schuld ver­bud­delt und ver­bie­tet uns, sie aus­zu­he­ben. Sprecht uns ab, dass wir zu unse­rem eige­nen Urteil kom­men. Was kümmert’s euch? Was geht’s euch an, was wir über euch denken?

Tja, Frau Rabe. Hätten’se mal mit Adas Eltern gespro­chen. Die hät­ten Ihnen erzählt, wie die DDR sich für Oppo­si­tio­nel­le ange­fühlt hat. Das woll­ten Sie aber nicht. Sie haben sich geschämt. Wenn Sie ein Sach­buch über den Osten schrei­ben wol­len oder einen sach­lich rich­ti­gen Roman, dann müs­sen Sie recher­chie­ren. Sie kön­nen sich nicht ein­fach etwas aus den Fin­gern sau­gen, von dem Sie anneh­men, dass es sich gut ver­kauft. Die „drei Kel­ler tief Schwei­gen“ fan­ta­sie­ren Sie her­bei. Oder sie sind da. Im Haus Ihrer Eltern. Aber da hät­ten Sie viel­leicht nicht suchen dür­fen. Es ist alles bespro­chen und Sie haben es avai­li­ble at your fin­ger­tips: einen Klick ent­fernt. Alles, was hier steht, kommt aus Wiki­pei­dia bzw. den dort ver­link­ten Quel­len. Sie habe es nicht für nötig gehal­ten, den Arti­kel über Lich­ten­ha­gen, den über Kinds­tö­tun­gen zu lesen. Sie dach­ten, dass Sie genug wüss­ten. So wie fast alle, die in Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten über Ihr Buch geschrie­ben haben, sich in ihren Vor­ur­tei­len bestä­tigt sahen. Ich wür­de Ihre Arbeit nicht als Pla­gi­at ein­ord­nen, aber als ein glat­tes „Durch­ge­fal­len“.

Unredlich oder naiv?

Eine Erklä­rung für den Erfolg die­ses Buches lie­fert wohl das Inter­view auf Deutsch­land­funk Kul­tur, das Mari­et­ta Schwarz geführt hat.

Schwarz: Das ist natür­lich ein Buch auch, was, und das sage ich jetzt mal ganz bewusst als West­deut­sche, die Bun­des­re­pu­blik total entlastet.

Rabe: Das ist aber inter­es­sant, weil das ist schön, dass man das immer, weil ich habe gar nicht an die Bun­des­re­pu­blik gedacht dabei und ich sage das auch immer wie­der, weil ja manch­mal auch so Leu­te kom­men ja aber in West­deutsch­land gab es das auch und so. Da sag ich immer ja wun­der­bar, bit­te schreibt die Bücher, weil ich fin­de, ich lese die auch ger­ne. Ich kann nur nichts dar­über schreiben.

Schwarz: Aber Sie wis­sen was mei­ne, ne?

Rabe: Ich weiß total, was Sie meinen.

Schwarz: Ich habe mir auch so gedacht, okay, war­um lade ich denn jetzt Anne Rabe ein, um mit ihr über die die­ses Buch zu reden. War­um spricht mich dann die­ses Buch an? Hat das damit zu tun, dass es sozusagen …

Rabe: Ich könn­te jetzt was ganz böses sagen.

Schwarz: Bit­te. Nur zu.

Rabe: Das ist wirk­lich inter­es­sant, weil des­we­gen mein­te ich, ich habe gar nicht an West­deutsch­land gedacht bei dem Schrei­ben. Und ich fin­de auch nicht, dass man immer, wenn man über den Osten schreibt, damit auto­ma­tisch was über den Wes­ten sagt. Aber, dass sie als West­deut­sche anschei­nend sofort den­ken, naja, das bedeu­tet was für mich als West­deut­sche, oder das bedeu­tet etwas Ent­las­ten­des für mich als West­deut­sche, wo der Wes­ten eigent­lich gar kei­ne Rol­le spielt in die­sem Buch.

Schwarz, Mari­et­ta. 2023. Anne Rabe: „In ver­wir­ren­den Zei­ten sind ein­fa­che Nar­ra­ti­ve ver­füh­re­risch“. 31.12.2023. Deutsch­land­ra­dio. (Zwi­schen­tö­ne.)

Das kann nicht sein. Rabe hat Ger­ma­nis­tik und Thea­ter­wis­sen­schaft stu­diert. Sie hat den PEN Ber­lin mit­ge­grün­det. Sie ist poli­tisch aktiv, Mit­glied der SPD. Sie ist ent­we­der abso­lut naiv oder durch­trie­ben. Das Buch schlägt genau in die Ker­be, in die von 60% der taz-Autor*innen und von weiß nicht wie vie­len Autor*innen in Zeit, FAZ, Spie­gel usw. geschla­gen wird. Die Wun­de ist tief und schmerzt. Und wenn kei­ne neu­en Schlä­ge kom­men, wird mal eben ein biss­chen Salz rein­ge­schüt­tet. Die­ser Blog ist voll von Bei­spie­len. Nur Frau Rabe hat von die­sem Ost-West-Dis­kurs noch nichts gemerkt, obwohl sie ja einen Ter­min mit Osch­mann auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se hat­te (zu dem Osch­mann nicht gekom­men ist).

Und wei­ter:

Schwarz: Ja, das bedeu­tet halt etwas …

Genau! Das lernt man in Prag­ma­tik. Im Ger­ma­nis­tik-Stu­di­um. Als Autorin und poli­ti­scher Mensch soll­te man das aller­dings auch ohne Stu­di­um sehen können.

Rabe: Aber es ist ihr Zen­trum anschei­nend sofort wie­der und viel­leicht auch das Zen­trum die­ser Bun­des­re­pu­blik immer noch zum Teil.

Schwarz: Ja, glau­be ich jetzt nicht, dass es mein Zen­trum ist, aber es bedeu­tet etwas für den Dis­kurs über Ost­deutsch­land, das es mir nicht so gefällt …
[…]
Rabe: Das stimmt schon mit der Ent­las­tung, aber das wür­de ich mir nicht anziehen.

Das Buch ist ein Erfolg und wird gefei­ert, weil es den Wes­ten ent­las­tet. Die Ossis sind schei­ße, alles Psy­chos, die in Schu­len Amok lau­fen, ihre Kin­der mas­sen­wei­se töten, Natio­na­lis­ten und Anti­se­mi­ten. Wir haben es immer gewusst und Anne Rabe hat es in ihrem Nicht-Sach­buch noch ein­mal gut zusam­men­ge­fasst. Anschau­lich bebil­dert mit Mate­ri­al aus ihrer eige­nen Kind­heit. Ich habe in der ver­gan­ge­nen Woche einem Pro­fes­sor für Poli­tik­wis­sen­schaf­ten einen kri­ti­schen Brief geschrie­ben. Er hat mir eine lan­ge Ant­wort-Mail geschickt und mich dazu auf­ge­for­dert, doch ein­mal das Buch von Anne Rabe zu lesen. So gehen Fake News in unser All­ge­mein­wis­sen ein. Es wird in der Poli­tik­wis­sen­schaft und in der Geschichts­for­schung zitiert wer­den, obwohl es eben kein Sach­buch ist, obwohl es nicht von Fachwissenschaftler*innen begut­ach­tet wurde. 

Hier ein paar Aus­schnit­te aus den Rezensionen:

Die Zumu­tung die­ses Buches besteht dar­in, erschüt­tern­de Lieb­lo­sig­keit und rohe Gewalt als Regel­fall, nicht als Aus­nah­me dazu­stel­len. Zu die­sem Zweck durch­zie­hen Archiv­re­cher­chen, Geset­zes­tex­te und Umfra­ge­er­geb­nis­se die 50 kur­zen Kapi­tel. Sie ver­mi­schen sich mit Erin­ne­run­gen, Traum­se­quen­zen und lite­ra­ri­schen Zita­ten zu einem kalei­do­skop­ar­ti­gen Text.

Dirk Hohn­strä­ter, „Die Mög­lich­keit von Glück“ von Anne Rabe. WDR, 11.10.2023.

Archiv­re­cher­chen hat es zu Anne Rabes Ver­wand­ten gege­ben, aber wenn es Recher­chen zu Rechts­extre­men oder irgend­wel­chen DDR-The­men gege­ben haben soll­te, so sind sie nicht drei Kel­ler tief gegan­gen, son­dern waren ober­fläch­lich. Umfra­ge­er­geb­nis­se zum Osten gab es nicht. Rabe bezieht sich auf Umfra­gen wie den Erin­ne­rungs­mo­ni­tor der Uni Bie­le­feld und die von der Uni Han­no­ver gelei­te­te Mehr­ge­ne­ra­tio­nen­stu­die. Auf Ergeb­nis­se von 2018 aus Bie­le­feld und es geht dabei um Erin­ne­run­gen an die Nazi­zeit. Die­se sind „zu die­sem Zweck“ ungeeignet.

Mit den fol­gen­den Zita­ten wirbt Anne Rabe selbst auf ihrer Web-Sei­te:

Liest man die­ses Buch, sieht man Deutsch­land anders.

Dirk Hohn­strä­ter, WDR 3

Ich hof­fe, dass das Buch schnell in der Ver­sen­kung ver­schwin­det. Und dass Dirk Hohn­strä­ters Behaup­tung für die­sen Blog­bei­trag gilt.

Anne Rabe ver­bin­det Archiv­ar­beit mit poli­ti­schem Essay­is­mus und epi­so­discher Autofiktion.

Katha­ri­na Teutsch, DLF Büchermarkt

Das Buch, das man jetzt lesen muss, wenn man nicht nach schlich­ten Ant­wor­ten auf die schlich­ten Fra­gen sucht, was das Erbe des ers­ten sozia­lis­ti­schen Staats auf deut­schem Boden sein könn­te und war­um ›im Osten‹ heu­te ›die Leu­te‹ wäh­len, wie sie wählen.

Tobi­as Rüt­her, Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Sonntagszeitung

Ich wür­de ja die Ant­wort von Anne Rabe als schlicht bezeich­nen. Sie nimmt die Gewalt, die sie in ihrer Fami­lie erfah­ren hat, als mono­kau­sa­le Erklä­rung für alles.

Die Mög­lich­keit von Glück‹ (ist) ein Buch, das weit über sei­nen indi­vi­du­el­len Gegen­stand hin­aus­reicht. Es erklärt, war­um Ost­deutsch­land eine ande­re Gewalt­ge­schich­te nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung auf­weist als West­deutsch­land. (…) Und die auch den der­zeit boo­men­den Büchern, die einer Nor­ma­li­sie­rung der DDR-Erfah­run­gen (und damit ihrer Rela­ti­vie­rung) das Wort reden wol­len, den Boden ent­zie­hen. Gegen den pau­scha­li­sie­ren­den Blick hilft der aufs indi­vi­du­el­le Schick­sal. Dass es eines im Roman ist, nimmt ihm nichts an Wahr­haf­tig­keit. Oder an Erschütterungskraft.

Andre­as Platt­haus, FAZ

Ja. Ich bin erschüttert.

Wer sind eigentlich die Anderen?

Hier ist oft von „den Wes­sis“ und „den Ossis“, von „wir“ und „ihr“ die Rede. Das ist schlecht, denn die­se Grup­pen­ein­tei­lung ist Teil des Pro­blems, das auch in die­sem Bei­trag bespro­chen wur­de. Ange­fan­gen bei der Kol­lek­tiv­schuld, über die Scham Rabes, die angeb­li­che Gewalt­tä­tig­keit des gan­zen Ostens. Ich woll­te nie ein Teil von „wir“ sein. Die DDR war mir zuwi­der. Zumin­dest der obe­re Teil. Also nicht Ros­tock son­dern die Staats­füh­rung. In einem Gym­na­si­um in Gel­sen­kir­chen habe ich mal gesagt, dass das Pro­blem mit der DDR gewe­sen sei, dass die Herr­schen­den so doof gewe­sen sei­en. Das war sicher etwas ver­ein­fa­chend, aber es war mein Pro­blem. „Ihr“ habt mich zum Ossi gemacht. Prof. Dr. Nai­ka Forou­tan beschreibt das in ihrer Arbeit: „Ost­deut­sche sind auch Migran­ten“. Mit „ihr“ sind in ihren Kli­schees gefan­ge­ne Journalist*inne, Historiker*innen und sons­ti­ge Per­so­nen gemeint und ich hät­te gehofft, dass „wir“ uns irgend­wann auf­lö­sen, aber das ist nicht pas­siert. Wie ich an mei­nem eige­nen Bei­spiel erfah­ren habe, wer­den „wir“ mehr, weil „ihr“ dafür sorgt. „Ihr“ kon­stru­iert „Euch“ den Osten, so wie es der Osch­mann gesagt hat. Jetzt hel­fen „Euch“ „unse­re“ Kin­der. Ich wünsch­te, das alles wäre nicht so. Ich wünsch­te, alle wür­den mit­ein­an­der reden. Viel­leicht hilft die­ser Text.

Ich bin die Andern, Du bist die Ande­ren. Die Andern haben ange­fan­gen! COR: Leit­kul­tur. 2017.

„So viel Richtigstellung ist also nötig, um einen einzigen Zeitungssatz zu widerlegen.“

Ich bit­te um Ent­schul­di­gung für die­sen lan­gen Blog­post. Und das war ja nur der zwei­te Teil zu den Mög­lich­kei­ten für Glück.

Danie­la Dahn erklärt in ihrem 1997er Buch über meh­re­re Sei­ten, war­um ein ein­zi­ger Satz im West-Ost-Dis­kurs falsch gewe­sen ist, und schreibt danach:

So viel Rich­tig­stel­lung ist also nötig, um einen ein­zi­gen Zei­tungs­satz zu wider­le­gen. Viel­leicht ver­steht man, daß die Ost­ler zu sol­chem Kraft­akt auf die Dau­er kei­ne Lust haben und oft nur abwin­ken: Ihr wer­det es nie verstehen!

Dahn, Danie­la. 1997. West­wärts und nicht ver­ges­sen: Vom Unbe­ha­gen in der Ein­heit S. 68

Ich muss­te vie­le Sät­ze in Anne Rabes Buch kom­men­tie­ren. Ent­spre­chend lang sind die Blog-Posts gewor­den. Ich wür­de mich freu­en, wenn sie von genau­so vie­len Men­schen gele­sen wer­den wie Anne Rabes Buch. Das wird wahr­schein­lich nicht pas­sie­ren, denn ich habe kei­ne Buch­preis-Jury und kei­ne Mar­ke­ting­ma­schi­ne auf mei­ner Sei­te. Nur Euch. Aber viel­leicht schaf­fen wir es ja. Emp­fehlt die Posts wei­ter. Dan­ke. Bitte.

Schlussfolgerung

Anne Rabe hat Recht mit ihrer Aus­sa­ge bezüg­lich Schlagersüßtafeln!

Danksagungen

Ich dan­ke mei­ner Such-Maschi­ne Peer für vie­le Bele­ge und auch für die immer kri­ti­sche Dis­kus­si­on. Ich dan­ke mei­nem klei­nen Bru­der dafür, dass er mir die Bum­mi-Hef­te gekauft hat, weil die alten, an die ich mich erin­nert hat­te, irgend­wann mal weg­ge­wor­fen wor­den waren. Ich dan­ke mei­ner Frau für die fort­wäh­ren­de Dis­kus­si­on von Ost­the­men. Wenn wir nicht über die Kli­ma­ka­ta­stro­phe reden, reden wir eigent­lich nur über den Osten. (Hat eigent­lich schon mal jemand ver­sucht, dem Osten die Kli­ma­ka­ta­stro­phe anzu­hän­gen? Ach ne, geht ja gar nicht, denn Deutsch­land steht ja nur des­halb halb­wegs gut in der Kli­ma­bi­lanz da, weil die Ost-Indus­trie in den 90ern abge­wi­ckelt wurde.) 

Und ich dan­ke mei­nem Vater und mei­ner Mut­ter für die Erlaub­nis, allein als Sechs­zehn­jäh­ri­ger bis ans Schwar­ze Meer zu fah­ren, und dafür, dass sie mich nicht zum Nazi erzo­gen haben.

Und Ihnen/Euch dan­ke ich dafür, dass Ihr bis hier­her gele­sen und alle Vide­os ange­se­hen und alle ver­link­ten Wiki­pe­dia­ar­ti­kel gele­sen habt.

Quellen

Bal­ser, Mar­kus & Stein­ke, Ronen. 2022. Ver­fas­sungs­schutz: See­ho­fer ließ Ver­fas­sungs­schutz­kri­tik an AfD abschwä­chen. Süd­deut­sche Zei­tung. (https://www.sueddeutsche.de/politik/afd-verfassungsschutz-seehofer-gutachtenvergleich‑1.5511775)

Geiß­ler, Cor­ne­lia. 2023. Anne Rabe: „Es reicht nicht, die DDR immer nur vom Ende her zu erzäh­len“. Ber­li­ner Zei­tung. Ber­lin. (https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/literatur/osten-interview-schriftstellerin-anne-rabe-es-reicht-nicht-die-ddr-immer-nur-vom-ende-her-zu-erzaehlen-debatte-dirk-oschmann-li.341318)

Gold­mann, Sven. 2013. Welt­fest­spie­le der Jugend 1973: Love & Peace in Ost-Ber­lin. Tages­spie­gel. Ber­lin. 22.07.2013 (https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/love-peace-in-ost-berlin-8099431.html)

Gosch­ler, Con­stan­tin. 1993. Pater­na­lis­mus und Ver­wei­ge­rung: Die DDR und die Wie­der­gut­ma­chung für jüdi­sche Ver­folg­te des Natio­nal­so­zia­lis­mus. In Benz, Wolf­gang (ed.), Jahr­buch für Anti­se­mi­tis­mus­for­schung, vol. 2. Frankfurt/Main: Campus-Verlag.

Hart­wich, Doreen & Mascher, Bernd-Hel­ge. 2007. Geschich­te der Spe­zi­al­kampf­füh­rung (Abtei­lung IV des MfS): Auf­ga­ben, Struk­tur, Per­so­nal, Über­lie­fe­rung. Ber­lin. (Sta­si-Unter­la­gen-Archiv.) (https://www.stasi-unterlagen-archiv.de/archiv/fachbeitraege/geschichte-der-spezialkampffuehrung-abteilung-iv-des-mfs/#c2565)

Lit­sch­ko, Kon­rad. 2017. Neu­es Gut­ach­ten zu NSU-Mord. taz. 03.04.2017. Ber­lin. (https://taz.de/Archiv-Suche/!5397496/)

Mau, Stef­fen. 2020. Lüt­ten Klein: Leben in der ost­deut­schen Trans­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft (Schrif­ten­rei­he 10490). Bonn: Zen­tra­le für Poli­ti­sche Bil­dung. (https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/303713/luetten-klein)

mh. 2022. Ros­tock-Lich­ten­ha­gen 1992: Ein Poli­zei­de­ba­kel. (https://www.mdr.de/geschichte/zeitgeschichte-gegenwart/politik-gesellschaft/was-wurde-aus-der-volkspolizei-rostock-lichtenhagen-randale-100.html)

Pou­trus, Patri­ce G., Beh­rends, Jan C. & Kuck, Den­nis. 2002. His­to­ri­sche Ursa­chen der Frem­den­feind­lich­keit in den neu­en Bun­des­län­dern. Aus Poli­tik und Zeit­ge­schich­te (https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/25428/historische-ursachen-der-fremdenfeindlichkeit-in-den-neuen-bundeslaendern/).

Schulz, Dani­el. 2018. Pro­fes­so­rin über Iden­ti­tä­ten: „Ost­deut­sche sind auch Migran­ten“. taz. Ber­lin. (https://taz.de/Professorin-ueber-Identitaeten/!5501987/)

Schwarz, Mari­et­ta. 2023. Anne Rabe: „In ver­wir­ren­den Zei­ten sind ein­fa­che Nar­ra­ti­ve ver­füh­re­risch“. 31.12.2023. Deutsch­land­ra­dio. (Zwi­schen­tö­ne.) (https://www.deutschlandfunk.de/anne-rabe-in-verwirrenden-zeiten-sind-einfache-narrative-verfuehrerisch-dlf-84b94bff-100.html)

Teuw­sen, Peer. 2023. Ver­heim­lich­te Nähe. Neue Züri­cher Zei­tung. 30.09.2023 (https://www.nzz.ch/feuilleton/anne-rabe-verheimlichte-naehe-ld.1782626)

Wag­ner, Bernd. 2018. Ver­tusch­te Gefahr: Die Sta­si & Neo­na­zis. (https://www.bpb.de/themen/deutsche-teilung/stasi/218421/vertuschte-gefahr-die-stasi-neonazis/)

Gewalterfahrungen und 1968 für den Osten

So, nun gibt es etwas Neu­es. Die Ossis bräuch­ten doch mal ein 1968, um mit ihren Eltern dar­über zu reden, was die so wäh­rend der DDR-Zeit gemacht hät­ten. 1968 wird auch immer wie­der im Zusam­men­hang mit der Auf­ar­bei­tung des Faschis­mus erwähnt. Es wird behaup­tet, dass dar­über im Osten genau so wenig wie im Wes­ten gespro­chen wur­de und dass das eben dar­an läge, dass es im Osten kein 1968 gege­ben hät­te. Das ist Quatsch bzw. eine Lüge bzw. eine quat­schi­ge Lüge. Ich habe das aus­führ­lich in mei­nem Blog-Post zum Umgang mit dem Holo­caust in der DDR nach­ge­wie­sen: Im Osten wur­de in der Schul­bil­dung, mit­tels Brief­mar­ken, Denk­mä­lern, Stra­ßen­nah­men, Schul­na­men usw. auf die jüdi­schen Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus hin­ge­wie­sen und zwar schon seit kurz nach dem Krieg, als es den Begriff Holo­caust noch gar nicht gab. Es gab über 1000 Bücher zum The­ma und über 1000 Fil­me. Das alles ist im Prin­zip bekannt und gut doku­men­tiert durch zwei Bücher und eben auch die­sen Blog-Bei­trag, den es ja nun auch schon seit 2019 gibt. Jetzt sind zwei Bücher erschie­nen. Eins von einer Frau aus dem Wes­ten, eins von einer Frau, die 1986, also drei Jah­re vor der Wen­de, im Osten gebo­ren wur­de. Sie schreibt über eine Fami­lie in der Kin­der Gewalt aus­ge­setzt sind. Dar­aus wer­den dann diver­se Schluss­fol­ge­run­gen gezo­gen. Dar­über, wie der Ossi so ist, dass es in den Fami­li­en Gewalt gab und letzt­end­lich ergibt sich wie­der die Erklä­rung dafür, war­um die Ossis so schei­ße sind.

Zwei Fra­gen hät­te ich an Euch, lie­be Wes­sis. War­um glaubt Ihr, mir mein Leben erklä­ren zu dür­fen? Woher nehmt Ihr die Gewiss­heit, nur irgend­wie annä­hernd ver­ste­hen zu kön­nen, wie das war? Ihr regt Euch fürch­ter­lich drü­ber auf, wenn ein Kind mit Feder­schmuck zum Fasching geht, Aus­druck gro­ßer Bewun­de­rung für die ame­ri­ka­ni­schen Urein­woh­ner, oder wenn ein Kind im Kimo­no kommt. Aber Ihr kommt ange­rit­ten und wollt einem Fünf­tel der Lan­des­be­völ­ke­rung erklä­ren, wie es damals in deren Land war? War­um? Weil Ihr die­sel­be Spra­che sprecht? Ich sag jetzt jedes Mal, wenn Ihr wie­der so einen Arti­kel ver­fasst habt, laut: India­ner. Drei Mal! India­ner, India­ner, India­ner. So, dit zeckt, wa? 

Ihr habt die DDR über­nom­men. Die ahnungs­lo­sen Ossis haben sich Euch in die Arme gewor­fen. Die Bür­ger­be­we­gung woll­te es mehr­heit­lich nicht, aber die Mehr­heit woll­te es schon. Nun isses so, wie es ist: Die Men­schen sind arbeits­los gewor­den, die Indus­trie wur­de abge­wi­ckelt, ver­schenkt oder zer­stört. Wissenschaftler*innen wur­den ent­las­sen. Es blei­ben ein paar still vor sich hin­blü­hen­de Land­schaf­ten. Mit Män­ner­über­schuss, komi­scher Alters­struk­tur, weil alle, die konn­ten, in den Wes­ten zum Arbei­ten gegan­gen sind. Und jetzt kommt Ihr an und wollt irgend­wie her­aus­fin­den, war­um wir so komisch sind? Ihr ver­sucht das an einer Zeit fest­zu­ma­chen, die 34 Jah­re zurück­liegt und nur 40 Jah­re lang war? Klingt irgend­wie merk­wür­dig, zumal die ent­schei­den­de Zeit, die mit den größ­ten Trans­for­ma­tio­nen und den größ­ten Brü­chen ja für alle noch leben­den Ossis wohl die Wen­de 1989 sein dürfte.

Gewalt/Keine Gewalt

Anne Rabe ver­ar­bei­tet ihre Gewalt­er­fah­run­gen in einem Roman. Sie wur­de 1986 gebo­ren und war also zur Wen­de drei Jah­re alt. Ich weiß nichts über die Fami­lie und was da aus der DDR noch mit­ge­kom­men ist, aber die Eltern dürf­ten vom Nach­wen­de­cha­os beein­flusst gewe­sen sein, das natür­lich ein zusätz­li­cher Stress­fak­tor für alle war und even­tu­el­le Nei­gun­gen zu Gewalt ver­stärkt haben könn­te. (Nach­trag: Ich habe das Buch jetzt gele­sen und Rabe beschreibt dar­in kei­ne Nach­wen­de­ge­walt. Sie beschreibt eine gewalt­tä­ti­ge Fami­lie. Schla­gen­de Groß­vä­ter und eine psy­cho­pa­thi­sche Mut­ter. Sie schreibt selbst, dass ihre Fami­lie nicht nor­mal war. sie­he Kei­ne Gewalt! Zu Mög­lich­kei­ten und Glück und dem Buch von Anne Rabe, Nach­trag 2: Bereits 2021 gab es eine Stu­die der Uni-Leip­zig, in der her­aus­ge­fun­den wur­de, dass es im Wes­ten mehr Gewalt als im Osten gab. Wie Sabi­ne Renne­fanz 2023 im Tages­spie­gel anmerk­te, wur­de die­se Stu­die in den Leit­me­di­en kom­plett igno­riert (Renne­fanz, 2023). Wäre das nicht der Fall gewe­sen, wäre Anne Rabes Roman viel­leicht nie geschrie­ben, ver­öf­fent­licht oder wahr­ge­nom­men wor­den.) Aus mei­nem Schul­um­feld sind mir kei­ne Fäl­le von Gewalt in Fami­li­en bekannt. Ich habe vor zwei Jah­ren von einer Bekann­ten von Gewalt in ihrer Fami­lie erfah­ren, aber das jetzt als typisch für den Osten ein­zu­ord­nen, wäre kom­plett verfehlt. 

Dirk Knipp­hals, gebo­ren 1963, in Kiel und Ham­burg stu­diert, also wohl aus dem Wes­ten, schreibt:

Die Pri­vat­heit, auch die Fami­lie waren kei­ne Schutz­räu­me, die dem Zugriff des Regimes ent­zo­gen waren. Es gab den Über­bau, für eine bes­se­re, gerech­te­re anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Welt zu strei­ten, und die Eltern der Ich-Erzäh­le­rin Sti­ne glau­ben in dem Roman unbe­dingt dar­an – und zugleich fehl­te die Mög­lich­keit, inner­halb der Fami­lie nahe Bezie­hun­gen zwi­schen der Eltern- und der Kin­der­ge­ne­ra­ti­on auf­zu­bau­en. Das macht das indi­vi­du­el­le Schick­sal, das von Anne Rabe geschil­dert wird, all­ge­mein inter­es­sant. Es trifft auf vie­le Fami­li­en der DDR zu.

Dirk Knipp­hals, Roma­ne von Char­lot­te Gneuß und Anne Rabe: Was hast du vor 1989 gemacht?, taz, 16.10.2023

Mit Ver­laub, das ist ein­fach Quatsch. Vie­le Leu­te haben sich aus­ge­klinkt und ihr Ding gemacht. Es war klar, dass die Sta­si ver­sucht hat, alles zu unter­wan­dern, was irgend­wie dem Sys­tem gefähr­lich wer­den konn­te. Man muss­te dann damit rech­nen, dass die Sta­si irgend­wo zuhört, aber man konn­te eben doch sein Ding machen. Ich habe in den 70ern West-Bücher gele­sen (Comics und Sim­mels Es muss nicht immer Kavi­ar sein), von Freun­den geborgt. Ich habe 1988 Dia­lek­tik ohne Dog­ma von Robert Have­mann und ein Buch von Rudolf Bah­ro von mei­nem Deutsch­leh­rer geborgt bekom­men. Mein Leh­rer war sogar in der Par­tei, aber irgend­wie trotz­dem so eine Art Dissident. 

Mein Leh­rer 2017 mit dem Buch Stirb nicht im War­te­raum der Zukunft über den Punk-Unter­grund im Osten, das ich ihm geschenkt hat­te. Er war mit dafür ver­ant­wort­lich, dass bis auf einen Jun­gen aus mei­ner Klas­se alle „frei­wil­lig“ drei Jah­re zur Armee gegan­gen sind. Er hat sich für eine Pun­ke­rin ein­ge­setzt, die von unse­rer Schu­le flie­gen soll­te. Ich war im Okto­ber 1989, drei Jah­re nach mei­ner Schul­zeit, mit ihm auf einem Punk-Kon­zert in der Wer­ner-See­len­bin­der-Hal­le, bei dem Die Fir­ma und Die Skep­ti­ker auf­tra­ten. Die Fir­ma mit Trans­pa­ren­ten vom Neu­en Forum. Ich habe mei­nen Leh­rer noch oft getrof­fen und wir haben geredet.

Und die meis­ten DDR-Men­schen waren ein­fach unpo­li­tisch, sind nicht ange­eckt und haben sich ins Pri­va­te zurück­ge­zo­gen. Natür­lich gab es da Pri­vat­heit. Und woher nimmt Dirk Kipp­hals die Gewiss­heit, dass irgend­et­was auf vie­le Fami­li­en zutrifft. India­ner, India­ner, India­ner! Echt, wenn Ihr so was behaup­tet, möch­te ich Quel­len. Unter­su­chun­gen. Und als Sprach­wis­sen­schaft­ler weiß ich auch, dass „vie­le“ vom Kon­text abhängt. Drei? Drei Mil­lio­nen? Mehr als im Wes­ten? 15 Millionen?

Zur Gewalt in der DDR hier noch fol­gen­des Zitat vom unver­däch­ti­gen Bay­ri­schen Rundfunk:

In der DDR wur­de in anti­fa­schis­ti­schem Selbst­ver­ständ­nis die Prü­gel­stra­fe an Schu­len 1949 abge­schafft, als „Relikt inhu­ma­ner Dis­zi­pli­nie­rungs­me­tho­den des NS-Regimes“ – wäh­rend in West­deutsch­land der Bun­des­ge­richts­hof Leh­rern noch 1957 ein „gene­rel­les Gewohn­heits­recht“ zum Prü­geln zusprach.

In den bun­des­deut­schen Län­dern wur­de die Prü­gel­stra­fe erst 1973 ver­bo­ten, Bay­ern schaff­te sie als letz­tes Bun­des­land 1983 ab – ein Ver­dienst der 68er-Bewe­gung und deren Wunsch nach gewalt­frei­er Erzie­hung. Auch die Schü­ler selbst for­der­ten damals eine ande­re Pädagogik.

Bay­ri­scher Rund­funk: Prü­gel­stra­fe in Deutsch­land – Ein his­to­ri­scher Rück­blick, 04.09.2022

In mei­ner POS gab es den Che­mie­leh­rer Herr Keil, der mit dem Schlüs­sel­bund warf. Das hät­te ins Auge gehen kön­nen. Nie­mand hat jeman­den geschlagen.

Im pri­va­ten Bereich wur­de in der BRD das Prü­geln übri­gens erst 2000 ver­bo­ten, weil die BRD eine UN-Vor­ga­be umset­zen muss­te. Ej, Mann! Und da kommt Ihr uns mit der Gewalt in der DDR wegen eines repres­si­ven Sys­tems? Papa gibt mal ne Schel­le, war im Wes­ten ganz nor­mal. Übri­gens: gro­ße Errun­gen­schaft: Ab 1957 durf­te Mama auch ganz offi­zi­ell mit zulan­gen. Vor­her war das dem Herrn im Hau­se vorbehalten:

In Deutsch­land sprach der Bun­des­ge­richts­hof Leh­rern noch 1957 ein „gene­rel­les Gewohn­heits­recht“ zum Prü­geln zu. Ein Jahr spä­ter wur­den Män­ner und Frau­en gleich­ge­stellt. Nun durf­ten auch Müt­ter Schlä­ge aus­tei­len, vor­her war das Züch­ti­gungs­recht den Vätern vorbehalten.

Deutsch­land­funk Kul­tur: Prü­geln ver­bo­ten: Vom lan­gen Kampf für die Kin­der­rech­te, 25.08.2019

Im sel­ben Bei­trag steht folgendes:

Wel­che Aus­wüch­se die­se Kin­der­feind­lich­keit auch nach dem Krieg noch her­vor­brach­te, zeig­ten die unhalt­ba­ren Zustän­de in vie­len Kin­der­hei­men bis Mit­te der 1970er-Jah­re. Das Unrecht wur­de erst 2006 durch das Buch „Schlä­ge im Namen des Herrn“ in sei­nem gan­zen Aus­maß publik. Mehr als eine hal­be Mil­li­on Kin­der in kirch­li­chen und staat­li­chen Hei­men wur­den allein in West­deutsch­land kör­per­lich und see­lisch schwer miss­han­delt. Aber auch in ande­ren euro­päi­schen Ländern.

Der Wes­ten hat das also ganz ohne Dik­ta­tur geschafft. Im Namen des Her­ren wur­den die Kin­der aus Barm­her­zig­keit ver­prü­gelt. Ja, ich weiß, es gab im Osten Jugend­werk­hö­fe, ich ken­ne auch jeman­den, der dort war und jetzt arbeits­un­fä­hig ist. Im Wes­ten waren aber auch nor­ma­le Hei­me und Kuren wohl nicht so schön, wie jetzt her­aus­kommt. Ich habe über Kuren im Osten und mei­ne Erfah­run­gen bereits geschrieben.

1968

Die Wes­sis fin­den, es müs­se doch eine Auf­ar­bei­tung der DDR-Zeit in den Fami­li­en geben, so wie es eine Auf­ar­bei­tung der Nazi-Zeit 1968 in der BRD gege­ben habe. Man muss nur kurz dar­über nach­den­ken, was das bedeu­tet, um die Unge­heu­er­lich­keit die­ses Ansin­nens zu ver­ste­hen. Es wird auch nicht bes­ser, wenn man das selbst wie Dirk Knipp­hals in sei­nem Arti­kel erwähnt. Deut­sche hat­ten Mil­lio­nen Juden bes­tia­lisch umge­bracht. Sie waren jahr­zehn­te­lang in einer Art Eupho­rie Hit­ler hin­ter­her­ge­tau­melt. Sie hat­ten alle flei­ßig ihre Arier­nach­wei­se zusam­men­ge­stellt, glaub­ten sie wür­den zur Her­ren­ras­se gehö­ren und woll­ten bes­se­re Men­schen züch­ten. Sie hat­ten einen zwei­ten Welt­krieg ange­fan­gen. Die Mehr­heit fand das groß­ar­tig! Die Mit­glieds­num­mern der NSDAP gin­gen über 10 Mil­lio­nen. Noch 1943 freu­te sich der Sport­pa­last auf den Tota­len Krieg, den Deutsch­land dann auch bekam.

Goeb­bels for­dert 1943 vor begeis­ter­ten Natio­nal­so­zia­lis­ten und Mili­tärs den tota­len Krieg.

Da muss man Fra­gen stellen!

Ich habe in der DDR gelebt. Es war eine Dik­ta­tur. Wir haben das in der Schu­le gelernt: die Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats. Die Sta­si hat­te ein rie­si­ges Über­wa­chungs­netz aus haupt­amt­li­chen und inof­fi­zi­el­len Mitarbeiter*innen instal­liert. Es war ein Über­wa­chungs­staat. Man konn­te dort nur leben, wenn man sich sag­te, dass es egal ist. Alle wuss­ten, dass alles irgend­wie bei der Sta­si lan­den konn­te. In den ers­ten Jah­ren nach dem Krieg wur­den Men­schen abge­holt und ver­schwan­den dann. Es gab auch spä­ter noch poli­ti­sche Gefan­ge­ne, die ein gel­bes Qua­drat auf dem Rücken hat­ten, damit man sie bes­ser erschie­ßen konn­te, soll­ten sie eine Flucht­ver­such unter­neh­men. (Sie wur­den dann aber doch gegen Apfel­si­nen ein­ge­tauscht.) Auch an der Mau­er wur­den Men­schen erschos­sen. Aber, hey, 6 Mil­lio­nen ver­gas­te, erschos­se­ne, an Krank­hei­ten in KZs gestor­be­ne oder ver­hun­ger­te Juden, Schrumpf­köp­fe, Lam­pen­schir­me aus Men­schen­haut sind ja wohl eine gaaa­anz ande­re Hausnummer.

Schrumpf­köp­fe und Men­schen­haut mit Täto­wie­run­gen im KZ Buchenwald

Wie soll­te denn Eurer Mei­nung nach eine Auf­ar­bei­tung aus­se­hen? Es ist eine Auf­ar­bei­tung direkt nach der Wen­de erfolgt. Die meis­ten Gräu­el­ta­ten sind bes­tens doku­men­tiert: in den Sta­si­un­ter­la­gen. Die Sta­si woll­te sie 1989 noch ver­nich­ten, Bürgerrechtler*innen konn­ten das zum größ­ten Teil ver­hin­dern. Mein Schwa­ger hat die geret­te­ten Akten in der Nor­man­nen­stra­ße bewacht. Jeder, der eine Sta­si­ak­te hat­te, konn­te Akten­ein­sicht bean­tra­gen. Vie­le haben das gemacht. Vera Wol­len­ber­ger hat erfah­ren, dass ihr Man sie bespit­zelt hat. Mein Chef hat erfah­ren, dass sei­ne Mut­ter Infor­ma­tio­nen über ihn an die Sta­si gelie­fert hat. Wir wis­sen das. Wir wis­sen auch, ob unse­re Eltern in der Par­tei waren oder nicht. Mei­ne waren nicht in der Par­tei. Wir wis­sen sel­ber, ob wir drei Jah­re zur Armee gegan­gen sind, um stu­die­ren zu kön­nen. Wir ken­nen Men­schen, die sich quer­ge­stellt haben und Schä­fer gewor­den sind, statt Mathe­ma­ti­ker. Ihrer Idea­le wegen. Wir ken­nen Men­schen, die vier Jah­re zur Armee gegan­gen sind, weil sie dann ein Jahr vor den Drei­jäh­ri­gen die Bewer­bung auf das Medi­zin­stu­di­um sicher hat­ten. Nie­mand, selbst die rötes­te Socke aus dem Osten war an einer indus­tri­el­len Aus­lö­schung eines Teils der Bevöl­ke­rung beteiligt.

Ich habe mit mei­nen Eltern schon zu DDR-Zei­ten über 1953 gere­det. Wir hat­ten Auf der Suche nach Gatt in der Schu­le. Ich habe sie gefragt, wie es bei ihnen war. Sie waren damals zehn Jah­re alt. Ihre Eltern, mei­ne Groß­el­tern haben sich nicht am Auf­stand betei­ligt. Schlimm? 

Die Mehr­heit der Men­schen in der DDR haben so ihr Leben gelebt, um den offi­zi­el­len Teil her­um. Den hat man soweit es ging aus­ge­blen­det. Ich war zum Bei­spiel bei vie­len Demos am ers­ten Mai. Das Erschei­nen dort war Pflicht. Ich fand die Demos immer groß­ar­tig, weil ich dort mei­ne Kum­pels aus ande­ren Schu­len wie­der­ge­trof­fen habe. Man ist hin­ge­gan­gen, hat sich so ver­hal­ten, dass der Klas­sen­leh­rer einen wahr­ge­nom­men hat und ist dann wie­der verschwunden.

Ich wüss­te nicht, was es außer den Sta­si­ak­ten noch auf­zu­ar­bei­ten gäbe. Für mich sieht die gesam­te Dis­kus­si­on mit 1968 + Gewalt nach Töpf­chen­theo­rie 2.0 aus. Erin­nert Ihr Euch noch? Der Kri­mi­no­lo­ge Pfeif­fer hat­te damals her­aus­ge­fun­den, war­um wir Ossis alle so anders sind: Weil wir alle im Kin­der­gar­ten neben­ein­an­der auf dem Töpf­chen geses­sen hat­ten. Nein? Ihr erin­nert Euch nicht? Dann lest mal den Osch­mann, er erin­nert Euch. 

Nachtrag 1: Aufarbeitung Die Firma

Char­lot­te Gneuß wur­de 1992 gebo­ren. Ihre Eltern haben im Osten gelebt und sind dann aus­ge­reist. Sie nutzt die Erfah­run­gen ihrer Eltern für den Roman. Das ist der zitier­te Aus­schnitt zum 1968 für die Ostgeschichte:

Ich glau­be, dass wir end­lich anfan­gen soll­ten, in unse­ren Fami­li­en Fra­gen zu stel­len. Wo wart Ihr damals? Was habt ihr vor 1989 gemacht? Ich glau­be, das fin­det nicht genug statt. Wir haben in Deutsch­land ein faschis­ti­sches Erbe, im Osten kommt noch die Gewalt­er­fah­rung bis 1989 hin­zu. Natür­lich müs­sen wir das ange­hen. Wir kön­nen doch nicht immer die Eman­zi­pa­ti­ons­er­fah­rung Ost gegen das Gewalt­ge­dächt­nis aus­spie­len, wir müs­sen das gleich­zei­tig den­ken, die Geschich­te muss in ihrer Kom­ple­xi­tät erzählt wer­den. Fort­schritt und Rück­schritt gehen Hand in Hand. Und ja, wir brau­chen ein 1968 für unse­re Ost­ge­schich­te, davon bin ich über­zeugt. Viel­leicht wird es irgend­wann hei­ßen: 2023, das war das Jahr, als die Kin­der und Enkel began­nen, Fra­gen zu stel­len, die ihre Vor­gän­ger nicht fra­gen woll­ten oder konnten.

Char­lot­te Gneuß im Inter­view mit der FAZ, 25.09.2023

Ich fin­de es völ­lig legi­tim, dass die Kin­der Fra­gen stel­len. Mei­ne begin­nen jetzt, sich lang­sam für die The­men zu inter­es­sie­ren, die ich ihnen schon län­ger nahe­zu­brin­gen ver­su­che. Viel­leicht gibt es Fra­gen, die ich mir nicht vor­stel­len konn­te. Mir fällt aber selbst bei gro­ßer Anstren­gung nichts ein. Ich weiß auch nicht, wel­che Gewalt­er­fah­run­gen sie meint. In der Zeit, in der ich auf­ge­wach­sen bin, gab es kei­ne Gewalt gegen DDR-Bürger*innen, von den Fäl­len, wo es gegen har­te Oppo­si­tio­nel­le ging, abge­se­hen. 99% der DDR-Bürger*innen dürf­ten kei­ne Gewalt­er­fah­run­gen haben. Weder als Han­deln­de noch als Leidende.

Oben habe ich mei­nen Leh­rer und das Fir­ma-Kon­zert erwähnt. Nach der Wen­de kam raus, dass Trötsch, der Sän­ger der Band Die Fir­ma, bei der Sta­si war. Er hat die Band nach der Sta­si benannt.

„Fir­ma“ war ein übli­cher infor­mel­ler Begriff für die Sta­si in der DDR. Tat­ja­na, die Sän­ge­rin, hat sich dann auch geoutet. Dar­über wur­de gespro­chen. Ein Inter­view mit der Firma/Freygang/Ichfunktion wur­de in der Sze­ne-Zeit­schrift NMI Mes­sit­sch veröffentlicht.

Inter­view mit der Firma/Freygang/Ichfunktion in der Sze­ne-Zeit­schrift NMI Mes­sit­sch, 5/92

Ich habe die Fir­ma foto­gra­fiert. Im CD-Book­let von Kin­der der Maschi­nen­re­pu­blik sind zwei Bil­der von mir. Ich habe mich mit Tat­ja­na getrof­fen und wir haben über die Sta­si-Geschich­te gespro­chen, über den Beruf ihres Vaters und dass sie sehr jung zur Sta­si gekom­men ist. So ähn­lich wie die Hel­din des Romans.

Wir haben gespro­chen. Dar­über wie das pas­sie­ren konn­te, wer sie ist, wer sie war. Die Fir­ma hat zu DDR-Zei­ten Lie­der über die Ver­wei­ge­rung des Mili­tär­diens­tes gesun­gen (Boris Vian: „Der Deser­teur“).

Die Fir­ma: „Verweigert’s Mili­tär, verweigert’s Waf­fen-Tra­gen!“ in einer Auf­nah­me von 1992.

Hier eine Auf­nah­me von 1988 mit schlech­tem Ton, auf­ge­nom­men in einem Jugend­klub in Friedrichsfelde-Ost:

Die Fir­ma: „Verweigert’s Mili­tär, verweigert’s Waf­fen-Tra­gen! Ihr müsst schon etwas wagen!“ 

Auf Ver­wei­ge­rung stand Gefäng­nis. Zivil­dienst gab es nicht. Die Fir­ma war extrem wich­tig für eine gan­ze Sze­ne von Men­schen. Sie hat Men­schen Kraft gege­ben. Den­noch: Sie ist jetzt auch im Sta­si­mu­se­um in der Normannenstraße.

Alles ist im Prin­zip bekannt, alles wur­de bespro­chen. Nur hat es damals nie­man­den inter­es­siert oder es wur­de eben ver­ges­sen. Es ist nicht so, dass wir Lei­chen im Kel­ler hät­ten. Ich kann ver­ste­hen, dass Men­schen, die heu­te auf­wach­sen, Fra­gen haben und ich wäre auch jeder­zeit Bereit als Zeit­zeu­ge zu berich­ten. Ich war vor eini­gen Jah­ren mal in der Schu­le einer befreun­de­ten Leh­re­rin in Gel­sen­kir­chen. Aus dem Infor­ma­ti­ons­be­darf der jün­ge­ren Gene­ra­ti­on jetzt aber abzu­lei­ten, wir müss­ten etwas auf­ar­bei­ten und wir wären so komisch, weil da etwas Unver­ar­bei­te­tes sei, ist ein­fach … Quatsch.

Nachtrag 2: Regelabfrage

Noch ein wei­te­rer Punkt zur Auf­ar­bei­tung: Für alle, die im öffent­li­chen Dienst arbei­ten woll­ten, gab es bis 2007 eine Regel­an­fra­ge beim Sta­si-Unter­la­gen-Archiv. Belas­te­te Per­so­nen wur­den nicht ein­ge­stellt. Kam bei Per­so­nen im öffent­li­chen Dienst her­aus, dass sie für die Sta­si tätig waren, wur­den sie ent­las­sen. Ich habe im April 2007 einen Ruf an die FU-Ber­lin bekom­men und woll­te zum 01.08. dort anfan­gen. Der Fach­be­reichs­lei­ter infor­mier­te mich, dass dar­aus wahr­schein­lich nichts wer­den wür­de, da die Regel­ab­fra­ge erst noch erfol­gen müs­se. Es sah so aus, als wür­de noch 18 Jah­re nach der Wen­de die Sta­si mein Leben nega­tiv beein­flus­sen. Dann wur­de aber gera­de noch recht­zei­tig die Regel­ab­fra­ge auf­ge­ho­ben, so dass die­ser Schritt im Ein­stel­lungs­ver­fah­ren weg­fiel und ich im August begin­nen konnte.

Der Punkt ist: Es gab staat­li­che vor­ge­schrie­be­ne Auf­ar­bei­tung für alle, die im öffent­li­chen Dienst arbei­ten woll­ten. Die Arbeits­grup­pe, in der ich nach der Wen­de gear­bei­tet habe, kam von der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten. Eini­ge Mit­glie­der der Grup­pe sind in die Indus­trie gegan­gen, weil ihnen klar war, dass sie die Regel­an­fra­ge nicht über­ste­hen wür­den. Wir wuss­ten, wer das war. 

Nachtrag 3: Aufarbeitung Sascha Anderson

Im Prenz­lau­er Berg gab es zu DDR-Zei­ten eine rege Kunst­sze­ne. Musiker*innen, Dichter*innen, bil­den­de Künstler*innen usw. usf. Eine wich­ti­ge Figur war Sascha Ander­son. Nach der Wen­de stell­te sich her­aus, dass Ander­son IM war. Das ging groß durch die Medi­en. Wolf Bier­mann bezeich­ne­te ihn als Sascha Arsch­loch. Alles wur­de auf­ge­ar­bei­tet und bespro­chen. Es war ein gro­ßer Skan­dal. Vie­le Freund­schaf­ten sind zer­bro­chen. 2014 ist ein Film dar­über erschienen.

Ich war zur Pre­mie­re. Vie­le der Betrof­fe­nen und auch Sascha Ander­son selbst waren vor Ort. 

Sascha Ander­son, IM der Staats­si­cher­heit, bei der Pre­mie­re des Doku­men­tar­films Ander­son von Anne­kat­rin Hendel

Und obwohl die DDR da schon 25 Jah­re Geschich­te war, war alles immer noch sehr schmerz­haft und emo­tio­nal für die Anwesenden. 

Also: Es wur­de gespro­chen. Über gro­ße und über klei­ne Bege­ben­hei­ten in der Ver­gan­gen­heit. Anne Rabe schreibt in ihrem Roman selbst oder lässt die Ich-Erzäh­le­rin sagen, dass sie nicht reden woll­te. Das kann sein, aber sie soll­te es dann nicht ande­ren vor­wer­fen. Und ahnungs­lo­se Wes­sis soll­ten sich hüten, aus Anne Rabes Roman irgend­et­was abzu­lei­ten. Ich habe das in Wei­te­re Kom­men­ta­re zu Anne Rabes Buch: Eine Mög­lich­keit aber kein Glück genau­er ausgeführt.

Quellen

Decker, Kers­tin. 11.05.1999. Das Töpf­chen und der Haß. tages­spie­gel. Ber­lin. (https://www.tagesspiegel.de/kultur/das-toepfchen-und-der-hass/77844.html)

Kolb, Anet­te. 2022. Prü­gel­stra­fe in Deutsch­land – Ein his­to­ri­scher Rück­blick. Bay­ri­scher Rund­funk. (https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/pruegelstrafe-in-deutschland-ein-historischer-rueckblick,TGOW2Et)

Renne­fanz, Sabi­ne. 2023. Die west­deut­sche Bril­le: Eine weit­hin igno­rier­te Stu­die über Gewalt in Ost und West gibt neu zu den­ken. Tages­spie­gel. Ber­lin. 30.09.2023 (https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/die-westdeutsche-brille-eine-weithin-ignorierte-studie-uber-gewalt-in-ost-und-west-lasst-neu-denken-10543546.html)

Ulke, C. & Flei­scher, T. & Muehl­an, H. & Alt­weck, L. & Hahm, S. & Glaes­mer, H. & Fegert, J.M. et al. 2021. Socio-poli­ti­cal con­text as deter­mi­nant of child­hood maltre­at­ment: A popu­la­ti­on-based stu­dy among women and men in East and West Ger­ma­ny. Epi­de­mio­lo­gy and Psych­ia­tric Sci­en­ces (30). 1–8. (doi:10.1017/S2045796021000585)