Israel vs. Gaza

Israel

Isra­el ist ein schö­nes Land. Ich war zwei­mal zu Work­shops dort in Hai­fa. Ein­mal 2006 und ein­mal 2015. 2006 sind wir mit dem Bus zum See Gene­za­reth gefah­ren. Ich habe die Orte gese­hen, an denen der Jude Jesus Chris­tus 5.000 Men­schen gespeist und diver­se ande­re Wun­der voll­bracht hat.

Ich war auch eini­ge Tage in Jeru­sa­lem. Eine wun­der­bar ver­rück­te Stadt. Sie ist wich­tig für unglaub­lich vie­le Religionen.

Kla­ge­mau­er in Jeru­sa­lem, 2015

Wenn man Bus fährt sit­zen neben einem 18jährigen in Zivil­klei­dung mit gro­ßen auto­ma­ti­schen Geweh­ren in der Hand.

Ich habe eine Freun­din in Isra­el und einen guten Kol­le­gen. Die Freun­din hat­te auch den Work­shop 2015 orga­ni­siert. Ich war danach mit ihr und einem Kol­le­gen am Toten Meer und wir haben Masa­da besucht. Masa­da ist eine Fes­tung auf einem Tafel­berg. Umge­ben von Wüste. 

Blick auf die Gegend um Masa­da vom Fes­tungs­berg aus. Man sieht Res­te der Befes­ti­gungs­a­nal­gen der Römer. 2015

Masa­da war lan­ge der Ort, an dem die neu­en Rekrut*innen der israe­li­schen Armee ver­ei­digt wur­den. Das wur­de dann irgend­wann abge­schafft, weil die Mas­sen­selbst­mord­ge­schich­te der jüdi­schen Kämp­fer, die die­se Fes­tung gegen die Römer ver­tei­digt hat­ten, nicht so ganz zum gegen­wär­ti­gen Selbst­ver­ständ­nis der Armee passte.

Wir besuch­ten eine Oase in der Nähe von Masa­da. Was­ser. Leben.

Der Vater mei­ner Schwie­ger­mut­ter hat einem Juden das Leben geret­tet. Er hat ihm ein Zug-Ticket durch die Sowjet­uni­on nach Wla­di­wos­tok gelöst. Von dort floh er über Japan in die USA. Mit­hil­fe mei­nes israe­li­schen Kol­le­gen konn­te ich sei­nen Nef­fen 2006 in Herz­lia aus­fin­dig machen. Mein Schwa­ger hat ihn dann in Isra­el besucht.

Gaza

Ich habe eine Kol­le­gin, deren Mann aus Gaza kommt. Die bei­den haben einen Sohn. Mei­ne Kin­der haben mit ihm gespielt.

Gaza ist schon län­ger von Isra­el abge­rie­gelt. Es gibt dort nicht genü­gend Was­ser. Amnes­ty Inter­na­tio­nal hat das im Juni 2022 beschrie­ben (AI, 2022). AI erklärt die Lage der natür­li­chen Was­ser­vor­kom­men und die Ver­tei­lung des Was­sers aus dem See Gene­za­reth. 25% der Krank­hei­ten in Gaza rüh­ren von der man­geln­den Was­ser­ver­sor­gung her. Mehr als die Hälf­te der Kin­der lei­den unter Durchfallerkrankungen.

Deutsch­land leis­tet Ent­wick­lungs­hil­fe im Gaza-Strei­fen. Was­ser­wer­ke, Klär­wer­ke wer­den gebaut (BMZ, 05/2023).

Nach den unglaub­lich bru­ta­len Über­fäl­len der Hamas, hat Isra­el nun zeit­wei­lig Blo­cka­den von Was­ser­zu­fuhr und Strom sowie Treib­stoff ver­hängt. Strom oder Treib­stoff braucht man für Pum­pen und Meerwasserentsalzungsanlagen.

Wir hat­ten neu­lich einen Strom­aus­fall. Mei­ne Toch­ter sag­te danach auch zu Gaza: Sie wüss­te über­haupt nicht, was sie ohne Strom machen soll­te. Der Strom­aus­fall hat die Netz­frei­schal­tung in mei­nem Zim­mer geschrot­tet, so dass ich eine Woche im Zim­mer kei­nen Strom hat­te und Ver­län­ge­rungs­ka­bel dort­hin legen muss­te. Aber das alles, ein Leben ohne Com­pu­ter oder Han­dy ist nichts im Ver­gleich zu einem Leben kom­plett ohne Strom. Kran­ken­häu­ser, Was­ser­pum­pen, Kli­ma­an­la­gen funk­tio­nie­ren nicht mehr und das inmit­ten zer­stör­ter Häu­ser, flie­hen­der Men­schen usw. Letzt­end­lich sind in sol­chen Situa­tio­nen Tele­fo­ne auch von ande­ren Bedeu­tung als hier bei uns, wo sie im Wesent­li­chen der Zer­streu­ung dienen.

Hört auf zu streiten!

Wir sind mit einem Paar befreun­det, das sich gele­gent­lich strei­tet. Wir haben neu­lich solch einen Streit mit­er­lebt. Das Paar hat einen Sohn. Die­ser rief mit­ten im Streit: „Hört auf zu strei­ten! Ihr seid bei­de Scheiße!“

Das beschreibt die Situa­ti­on ganz gut, den­ke ich. Und so sit­ze ich in mei­nem Zim­mer, lese die Zei­tung, schaue Nach­rich­ten und drei­mal am Tag ste­he ich auf und schreie: „HÖRT AUF ZU STREITEN! IHR SEID BEIDE SCHEISSE!“ Es hört mich niemand.

So, hier ist der Post zu Ende. Aber wie immer gibt es noch Gefun­de­nes und Nach-Gedachtes.

Anhang

The Enshittenment

Sieg der Vernunft

Die Musi­ker von Knor­ka­tor sind sehr ernst­haf­te Men­schen, die in einer Spaß­band arbei­ten. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren haben sie immer wie­der kom­ple­xe The­men wie Glück, Wohl­stand, Fort­schritt, Reich­tum, Mil­li­ar­dä­re, Kli­ma­ka­ta­stro­phe und Krieg the­ma­ti­siert. Sieg der Ver­nunft ist von 2022 und passt auch zum Isra­el-Hamas-Kon­flikt wie die Faust aufs Auge.

Literatur

Bun­des­mi­nis­te­ri­um für wirt­schaft­li­che Zusam­men­ar­beit und Ent­wick­lung. 2023. Schutz unse­rer natür­li­chen Lebens­grund­la­gen mit einem Fokus auf Was­ser: Abwas­ser­ma­nage­ment Bes­se­re Infra­struk­tur im Was­ser­sek­tor. (https://www.bmz.de/de/laender/palaestinensische-gebiete/weiteres-engagement-17822) 30.05.2023

Drey­fus, Tomer. 2023. Schwarz-wei­ßer Naher Osten. taz, 21.10.2023, S. 15. Ber­lin. (https://www.taz.de/!5965024)

Rei­mann Graf, Manue­la. 2022. Besetz­tes Was­ser. AMNES­TY-Maga­zin. Bern. (https://www.amnesty.ch/de/ueber-amnesty/publikationen/magazin-amnesty/2022–2/besetztes-wasser)

Gewalterfahrungen und 1968 für den Osten

So, nun gibt es etwas Neu­es. Die Ossis bräuch­ten doch mal ein 1968, um mit ihren Eltern dar­über zu reden, was die so wäh­rend der DDR-Zeit gemacht hät­ten. 1968 wird auch immer wie­der im Zusam­men­hang mit der Auf­ar­bei­tung des Faschis­mus erwähnt. Es wird behaup­tet, dass dar­über im Osten genau so wenig wie im Wes­ten gespro­chen wur­de und dass das eben dar­an läge, dass es im Osten kein 1968 gege­ben hät­te. Das ist Quatsch bzw. eine Lüge bzw. eine quat­schi­ge Lüge. Ich habe das aus­führ­lich in mei­nem Blog-Post zum Umgang mit dem Holo­caust in der DDR nach­ge­wie­sen: Im Osten wur­de in der Schul­bil­dung, mit­tels Brief­mar­ken, Denk­mä­lern, Stra­ßen­nah­men, Schul­na­men usw. auf die jüdi­schen Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus hin­ge­wie­sen und zwar schon seit kurz nach dem Krieg, als es den Begriff Holo­caust noch gar nicht gab. Es gab über 1000 Bücher zum The­ma und über 1000 Fil­me. Das alles ist im Prin­zip bekannt und gut doku­men­tiert durch zwei Bücher und eben auch die­sen Blog-Bei­trag, den es ja nun auch schon seit 2019 gibt. Jetzt sind zwei Bücher erschie­nen. Eins von einer Frau aus dem Wes­ten, eins von einer Frau, die 1986, also drei Jah­re vor der Wen­de, im Osten gebo­ren wur­de. Sie schreibt über eine Fami­lie in der Kin­der Gewalt aus­ge­setzt sind. Dar­aus wer­den dann diver­se Schluss­fol­ge­run­gen gezo­gen. Dar­über, wie der Ossi so ist, dass es in den Fami­li­en Gewalt gab und letzt­end­lich ergibt sich wie­der die Erklä­rung dafür, war­um die Ossis so schei­ße sind.

Zwei Fra­gen hät­te ich an Euch, lie­be Wes­sis. War­um glaubt Ihr, mir mein Leben erklä­ren zu dür­fen? Woher nehmt Ihr die Gewiss­heit, nur irgend­wie annä­hernd ver­ste­hen zu kön­nen, wie das war? Ihr regt Euch fürch­ter­lich drü­ber auf, wenn ein Kind mit Feder­schmuck zum Fasching geht, Aus­druck gro­ßer Bewun­de­rung für die ame­ri­ka­ni­schen Urein­woh­ner, oder wenn ein Kind im Kimo­no kommt. Aber Ihr kommt ange­rit­ten und wollt einem Fünf­tel der Lan­des­be­völ­ke­rung erklä­ren, wie es damals in deren Land war? War­um? Weil Ihr die­sel­be Spra­che sprecht? Ich sag jetzt jedes Mal, wenn Ihr wie­der so einen Arti­kel ver­fasst habt, laut: India­ner. Drei Mal! India­ner, India­ner, India­ner. So, dit zeckt, wa? 

Ihr habt die DDR über­nom­men. Die ahnungs­lo­sen Ossis haben sich Euch in die Arme gewor­fen. Die Bür­ger­be­we­gung woll­te es mehr­heit­lich nicht, aber die Mehr­heit woll­te es schon. Nun isses so, wie es ist: Die Men­schen sind arbeits­los gewor­den, die Indus­trie wur­de abge­wi­ckelt, ver­schenkt oder zer­stört. Wissenschaftler*innen wur­den ent­las­sen. Es blei­ben ein paar still vor sich hin­blü­hen­de Land­schaf­ten. Mit Män­ner­über­schuss, komi­scher Alters­struk­tur, weil alle, die konn­ten, in den Wes­ten zum Arbei­ten gegan­gen sind. Und jetzt kommt Ihr an und wollt irgend­wie her­aus­fin­den, war­um wir so komisch sind? Ihr ver­sucht das an einer Zeit fest­zu­ma­chen, die 34 Jah­re zurück­liegt und nur 40 Jah­re lang war? Klingt irgend­wie merk­wür­dig, zumal die ent­schei­den­de Zeit, die mit den größ­ten Trans­for­ma­tio­nen und den größ­ten Brü­chen ja für alle noch leben­den Ossis wohl die Wen­de 1989 sein dürfte.

Gewalt/Keine Gewalt

Anne Rabe ver­ar­bei­tet ihre Gewalt­er­fah­run­gen in einem Roman. Sie wur­de 1986 gebo­ren und war also zur Wen­de drei Jah­re alt. Ich weiß nichts über die Fami­lie und was da aus der DDR noch mit­ge­kom­men ist, aber die Eltern dürf­ten vom Nach­wen­de­cha­os beein­flusst gewe­sen sein, das natür­lich ein zusätz­li­cher Stress­fak­tor für alle war und even­tu­el­le Nei­gun­gen zu Gewalt ver­stärkt haben könn­te. (Nach­trag: Ich habe das Buch jetzt gele­sen und Rabe beschreibt dar­in kei­ne Nach­wen­de­ge­walt. Sie beschreibt eine gewalt­tä­ti­ge Fami­lie. Schla­gen­de Groß­vä­ter und eine psy­cho­pa­thi­sche Mut­ter. Sie schreibt selbst, dass ihre Fami­lie nicht nor­mal war. sie­he Kei­ne Gewalt! Zu Mög­lich­kei­ten und Glück und dem Buch von Anne Rabe, Nach­trag 2: Bereits 2021 gab es eine Stu­die der Uni-Leip­zig, in der her­aus­ge­fun­den wur­de, dass es im Wes­ten mehr Gewalt als im Osten gab. Wie Sabi­ne Renne­fanz 2023 im Tages­spie­gel anmerk­te, wur­de die­se Stu­die in den Leit­me­di­en kom­plett igno­riert (Renne­fanz, 2023). Wäre das nicht der Fall gewe­sen, wäre Anne Rabes Roman viel­leicht nie geschrie­ben, ver­öf­fent­licht oder wahr­ge­nom­men wor­den.) Aus mei­nem Schul­um­feld sind mir kei­ne Fäl­le von Gewalt in Fami­li­en bekannt. Ich habe vor zwei Jah­ren von einer Bekann­ten von Gewalt in ihrer Fami­lie erfah­ren, aber das jetzt als typisch für den Osten ein­zu­ord­nen, wäre kom­plett verfehlt. 

Dirk Knipp­hals, gebo­ren 1963, in Kiel und Ham­burg stu­diert, also wohl aus dem Wes­ten, schreibt:

Die Pri­vat­heit, auch die Fami­lie waren kei­ne Schutz­räu­me, die dem Zugriff des Regimes ent­zo­gen waren. Es gab den Über­bau, für eine bes­se­re, gerech­te­re anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Welt zu strei­ten, und die Eltern der Ich-Erzäh­le­rin Sti­ne glau­ben in dem Roman unbe­dingt dar­an – und zugleich fehl­te die Mög­lich­keit, inner­halb der Fami­lie nahe Bezie­hun­gen zwi­schen der Eltern- und der Kin­der­ge­ne­ra­ti­on auf­zu­bau­en. Das macht das indi­vi­du­el­le Schick­sal, das von Anne Rabe geschil­dert wird, all­ge­mein inter­es­sant. Es trifft auf vie­le Fami­li­en der DDR zu.

Dirk Knipp­hals, Roma­ne von Char­lot­te Gneuß und Anne Rabe: Was hast du vor 1989 gemacht?, taz, 16.10.2023

Mit Ver­laub, das ist ein­fach Quatsch. Vie­le Leu­te haben sich aus­ge­klinkt und ihr Ding gemacht. Es war klar, dass die Sta­si ver­sucht hat, alles zu unter­wan­dern, was irgend­wie dem Sys­tem gefähr­lich wer­den konn­te. Man muss­te dann damit rech­nen, dass die Sta­si irgend­wo zuhört, aber man konn­te eben doch sein Ding machen. Ich habe in den 70ern West-Bücher gele­sen (Comics und Sim­mels Es muss nicht immer Kavi­ar sein), von Freun­den geborgt. Ich habe 1988 Dia­lek­tik ohne Dog­ma von Robert Have­mann und ein Buch von Rudolf Bah­ro von mei­nem Deutsch­leh­rer geborgt bekom­men. Mein Leh­rer war sogar in der Par­tei, aber irgend­wie trotz­dem so eine Art Dissident. 

Mein Leh­rer 2017 mit dem Buch Stirb nicht im War­te­raum der Zukunft über den Punk-Unter­grund im Osten, das ich ihm geschenkt hat­te. Er war mit dafür ver­ant­wort­lich, dass bis auf einen Jun­gen aus mei­ner Klas­se alle „frei­wil­lig“ drei Jah­re zur Armee gegan­gen sind. Er hat sich für eine Pun­ke­rin ein­ge­setzt, die von unse­rer Schu­le flie­gen soll­te. Ich war im Okto­ber 1989, drei Jah­re nach mei­ner Schul­zeit, mit ihm auf einem Punk-Kon­zert in der Wer­ner-See­len­bin­der-Hal­le, bei dem Die Fir­ma und Die Skep­ti­ker auf­tra­ten. Die Fir­ma mit Trans­pa­ren­ten vom Neu­en Forum. Ich habe mei­nen Leh­rer noch oft getrof­fen und wir haben geredet.

Und die meis­ten DDR-Men­schen waren ein­fach unpo­li­tisch, sind nicht ange­eckt und haben sich ins Pri­va­te zurück­ge­zo­gen. Natür­lich gab es da Pri­vat­heit. Und woher nimmt Dirk Kipp­hals die Gewiss­heit, dass irgend­et­was auf vie­le Fami­li­en zutrifft. India­ner, India­ner, India­ner! Echt, wenn Ihr so was behaup­tet, möch­te ich Quel­len. Unter­su­chun­gen. Und als Sprach­wis­sen­schaft­ler weiß ich auch, dass „vie­le“ vom Kon­text abhängt. Drei? Drei Mil­lio­nen? Mehr als im Wes­ten? 15 Millionen?

Zur Gewalt in der DDR hier noch fol­gen­des Zitat vom unver­däch­ti­gen Bay­ri­schen Rundfunk:

In der DDR wur­de in anti­fa­schis­ti­schem Selbst­ver­ständ­nis die Prü­gel­stra­fe an Schu­len 1949 abge­schafft, als „Relikt inhu­ma­ner Dis­zi­pli­nie­rungs­me­tho­den des NS-Regimes“ – wäh­rend in West­deutsch­land der Bun­des­ge­richts­hof Leh­rern noch 1957 ein „gene­rel­les Gewohn­heits­recht“ zum Prü­geln zusprach.

In den bun­des­deut­schen Län­dern wur­de die Prü­gel­stra­fe erst 1973 ver­bo­ten, Bay­ern schaff­te sie als letz­tes Bun­des­land 1983 ab – ein Ver­dienst der 68er-Bewe­gung und deren Wunsch nach gewalt­frei­er Erzie­hung. Auch die Schü­ler selbst for­der­ten damals eine ande­re Pädagogik.

Bay­ri­scher Rund­funk: Prü­gel­stra­fe in Deutsch­land – Ein his­to­ri­scher Rück­blick, 04.09.2022

In mei­ner POS gab es den Che­mie­leh­rer Herr Keil, der mit dem Schlüs­sel­bund warf. Das hät­te ins Auge gehen kön­nen. Nie­mand hat jeman­den geschlagen.

Im pri­va­ten Bereich wur­de in der BRD das Prü­geln übri­gens erst 2000 ver­bo­ten, weil die BRD eine UN-Vor­ga­be umset­zen muss­te. Ej, Mann! Und da kommt Ihr uns mit der Gewalt in der DDR wegen eines repres­si­ven Sys­tems? Papa gibt mal ne Schel­le, war im Wes­ten ganz nor­mal. Übri­gens: gro­ße Errun­gen­schaft: Ab 1957 durf­te Mama auch ganz offi­zi­ell mit zulan­gen. Vor­her war das dem Herr im Hau­se vorbehalten:

In Deutsch­land sprach der Bun­des­ge­richts­hof Leh­rern noch 1957 ein „gene­rel­les Gewohn­heits­recht“ zum Prü­geln zu. Ein Jahr spä­ter wur­den Män­ner und Frau­en gleich­ge­stellt. Nun durf­ten auch Müt­ter Schlä­ge aus­tei­len, vor­her war das Züch­ti­gungs­recht den Vätern vorbehalten.

Deutsch­land­funk Kul­tur: Prü­geln ver­bo­ten: Vom lan­gen Kampf für die Kin­der­rech­te, 25.08.2019

Im sel­ben Bei­trag steht folgendes:

Wel­che Aus­wüch­se die­se Kin­der­feind­lich­keit auch nach dem Krieg noch her­vor­brach­te, zeig­ten die unhalt­ba­ren Zustän­de in vie­len Kin­der­hei­men bis Mit­te der 1970er-Jah­re. Das Unrecht wur­de erst 2006 durch das Buch „Schlä­ge im Namen des Herrn“ in sei­nem gan­zen Aus­maß publik. Mehr als eine hal­be Mil­li­on Kin­der in kirch­li­chen und staat­li­chen Hei­men wur­den allein in West­deutsch­land kör­per­lich und see­lisch schwer miss­han­delt. Aber auch in ande­ren euro­päi­schen Ländern.

Der Wes­ten hat das also ganz ohne Dik­ta­tur geschafft. Im Namen des Her­ren wur­den die Kin­der aus Barm­her­zig­keit ver­prü­gelt. Ja, ich weiß, es gab im Osten Jugend­werk­hö­fe, ich ken­ne auch jeman­den, der dort war und jetzt arbeits­un­fä­hig ist. Im Wes­ten waren aber auch nor­ma­le Hei­me und Kuren wohl nicht so schön, wie jetzt her­aus­kommt. Ich habe über Kuren im Osten und mei­ne Erfah­run­gen bereits geschrieben.

1968

Die Wes­sis fin­den, es müs­se doch eine Auf­ar­bei­tung der DDR-Zeit in den Fami­li­en geben, so wie es eine Auf­ar­bei­tung der Nazi-Zeit 1968 in der BRD gege­ben habe. Man muss nur kurz dar­über nach­den­ken, was das bedeu­tet, um die Unge­heu­er­lich­keit die­ses Ansin­nens zu ver­ste­hen. Es wird auch nicht bes­ser, wenn man das selbst wie Dirk Knipp­hals in sei­nem Arti­kel erwähnt. Deut­sche hat­ten Mil­lio­nen Juden bes­tia­lisch umge­bracht. Sie waren jahr­zehn­te­lang in einer Art Eupho­rie Hit­ler hin­ter­her­ge­tau­melt. Sie hat­ten alle flei­ßig ihre Arier­nach­wei­se zusam­men­ge­stellt, glaub­ten sie wür­den zur Her­ren­ras­se gehö­ren und woll­ten bes­se­re Men­schen züch­ten. Sie hat­ten einen zwei­ten Welt­krieg ange­fan­gen. Die Mehr­heit fand das groß­ar­tig! Die Mit­glieds­num­mern der NSDAP gin­gen über 10 Mil­lio­nen. Noch 1943 freu­te sich der Sport­pa­last auf den Tota­len Krieg, den Deutsch­land dann auch bekam.

Goeb­bels for­dert 1943 vor begeis­ter­ten Natio­nal­so­zia­lis­ten und Mili­tärs den tota­len Krieg.

Da muss man Fra­gen stellen!

Ich habe in der DDR gelebt. Es war eine Dik­ta­tur. Wir haben das in der Schu­le gelernt: die Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats. Die Sta­si hat­te ein rie­si­ges Über­wa­chungs­netz aus haupt­amt­li­chen und inof­fi­zi­el­len Mitarbeiter*innen instal­liert. Es war ein Über­wa­chungs­staat. Man konn­te dort nur leben, wenn man sich sag­te, dass es egal ist. Alle wuss­ten, dass alles irgend­wie bei der Sta­si lan­den konn­te. In den ers­ten Jah­ren nach dem Krieg wur­den Men­schen abge­holt und ver­schwan­den dann. Es gab auch spä­ter noch poli­ti­sche Gefan­ge­ne, die ein gel­bes Qua­drat auf dem Rücken hat­ten, damit man sie bes­ser erschie­ßen konn­te, soll­ten sie eine Flucht­ver­such unter­neh­men. (Sie wur­den dann aber doch gegen Apfel­si­nen ein­ge­tauscht.) Auch an der Mau­er wur­den Men­schen erschos­sen. Aber, hey, 6 Mil­lio­nen ver­gas­te, erschos­se­ne, an Krank­hei­ten in KZs gestor­be­ne oder ver­hun­ger­te Juden, Schrumpf­köp­fe, Lam­pen­schir­me aus Men­schen­haut sind ja wohl eine gaaa­anz ande­re Hausnummer.

Schrumpf­köp­fe und Men­schen­haut mit Täto­wie­run­gen im KZ Buchenwald

Wie soll­te denn Eurer Mei­nung nach eine Auf­ar­bei­tung aus­se­hen? Es ist eine Auf­ar­bei­tung direkt nach der Wen­de erfolgt. Die meis­ten Gräu­el­ta­ten sind bes­tens doku­men­tiert: in den Sta­si­un­ter­la­gen. Die Sta­si woll­te sie 1989 noch ver­nich­ten, Bürgerrechtler*innen konn­ten das zum größ­ten Teil ver­hin­dern. Mein Schwa­ger hat die geret­te­ten Akten in der Nor­man­nen­stra­ße bewacht. Jeder, der eine Sta­si­ak­te hat­te, konn­te Akten­ein­sicht bean­tra­gen. Vie­le haben das gemacht. Vera Wol­len­ber­ger hat erfah­ren, dass ihr Man sie bespit­zelt hat. Mein Chef hat erfah­ren, dass sei­ne Mut­ter Infor­ma­tio­nen über ihn an die Sta­si gelie­fert hat. Wir wis­sen das. Wir wis­sen auch, ob unse­re Eltern in der Par­tei waren oder nicht. Mei­ne waren nicht in der Par­tei. Wir wis­sen sel­ber, ob wir drei Jah­re zur Armee gegan­gen sind, um stu­die­ren zu kön­nen. Wir ken­nen Men­schen, die sich quer­ge­stellt haben und Schä­fer gewor­den sind, statt Mathe­ma­ti­ker. Ihrer Idea­le wegen. Wir ken­nen Men­schen, die vier Jah­re zur Armee gegan­gen sind, weil sie dann ein Jahr vor den Drei­jäh­ri­gen die Bewer­bung auf das Medi­zin­stu­di­um sicher hat­ten. Nie­mand, selbst die rötes­te Socke aus dem Osten war an einer indus­tri­el­len Aus­lö­schung eines Teils der Bevöl­ke­rung beteiligt.

Ich habe mit mei­nen Eltern schon zu DDR-Zei­ten über 1953 gere­det. Wir hat­ten Auf der Suche nach Gatt in der Schu­le. Ich habe sie gefragt, wie es bei ihnen war. Sie waren damals zehn Jah­re alt. Ihre Eltern, mei­ne Groß­el­tern haben sich nicht am Auf­stand betei­ligt. Schlimm? 

Die Mehr­heit der Men­schen in der DDR haben so ihr Leben gelebt, um den offi­zi­el­len Teil her­um. Den hat man soweit es ging aus­ge­blen­det. Ich war zum Bei­spiel bei vie­len Demos am ers­ten Mai. Das Erschei­nen dort war Pflicht. Ich fand die Demos immer groß­ar­tig, weil ich dort mei­ne Kum­pels aus ande­ren Schu­len wie­der­ge­trof­fen habe. Man ist hin­ge­gan­gen, hat sich so ver­hal­ten, dass der Klas­sen­leh­rer einen wahr­ge­nom­men hat und ist dann wie­der verschwunden.

Ich wüss­te nicht, was es außer den Sta­si­ak­ten noch auf­zu­ar­bei­ten gäbe. Für mich sieht die gesam­te Dis­kus­si­on mit 1968 + Gewalt nach Töpf­chen­theo­rie 2.0 aus. Erin­nert Ihr Euch noch? Der Kri­mi­no­lo­ge Pfeif­fer hat­te damals her­aus­ge­fun­den, war­um wir Ossis alle so anders sind: Weil wir alle im Kin­der­gar­ten neben­ein­an­der auf dem Töpf­chen geses­sen hat­ten. Nein? Ihr erin­nert Euch nicht? Dann lest mal den Osch­mann, er erin­nert Euch. 

Nachtrag 1: Aufarbeitung Die Firma

Char­lot­te Gneuß wur­de 1992 gebo­ren. Ihre Eltern haben im Osten gelebt und sind dann aus­ge­reist. Sie nutzt die Erfah­run­gen ihrer Eltern für den Roman. Das ist der zitier­te Aus­schnitt zum 1968 für die Ostgeschichte:

Ich glau­be, dass wir end­lich anfan­gen soll­ten, in unse­ren Fami­li­en Fra­gen zu stel­len. Wo wart Ihr damals? Was habt ihr vor 1989 gemacht? Ich glau­be, das fin­det nicht genug statt. Wir haben in Deutsch­land ein faschis­ti­sches Erbe, im Osten kommt noch die Gewalt­er­fah­rung bis 1989 hin­zu. Natür­lich müs­sen wir das ange­hen. Wir kön­nen doch nicht immer die Eman­zi­pa­ti­ons­er­fah­rung Ost gegen das Gewalt­ge­dächt­nis aus­spie­len, wir müs­sen das gleich­zei­tig den­ken, die Geschich­te muss in ihrer Kom­ple­xi­tät erzählt wer­den. Fort­schritt und Rück­schritt gehen Hand in Hand. Und ja, wir brau­chen ein 1968 für unse­re Ost­ge­schich­te, davon bin ich über­zeugt. Viel­leicht wird es irgend­wann hei­ßen: 2023, das war das Jahr, als die Kin­der und Enkel began­nen, Fra­gen zu stel­len, die ihre Vor­gän­ger nicht fra­gen woll­ten oder konnten.

Char­lot­te Gneuß im Inter­view mit der FAZ, 25.09.2023

Ich fin­de es völ­lig legi­tim, dass die Kin­der Fra­gen stel­len. Mei­ne begin­nen jetzt, sich lang­sam für die The­men zu inter­es­sie­ren, die ich ihnen schon län­ger nahe­zu­brin­gen ver­su­che. Viel­leicht gibt es Fra­gen, die ich mir nicht vor­stel­len konn­te. Mir fällt aber selbst bei gro­ßer Anstren­gung nichts ein. Ich weiß auch nicht, wel­che Gewalt­er­fah­run­gen sie meint. In der Zeit, in der ich auf­ge­wach­sen bin, gab es kei­ne Gewalt gegen DDR-Bürger*innen, von den Fäl­len, wo es gegen har­te Oppo­si­tio­nel­le ging, abge­se­hen. 99% der DDR-Bürger*innen dürf­ten kei­ne Gewalt­er­fah­run­gen haben. Weder als Han­deln­de noch als Leidende.

Oben habe ich mei­nen Leh­rer und das Fir­ma-Kon­zert erwähnt. Nach der Wen­de kam raus, dass Trötsch, der Sän­ger der Band Die Fir­ma, bei der Sta­si war. Er hat die Band nach der Sta­si benannt.

„Fir­ma“ war ein übli­cher infor­mel­ler Begriff für die Sta­si in der DDR. Tat­ja­na, die Sän­ge­rin, hat sich dann auch geoutet. Dar­über wur­de gespro­chen. Ein Inter­view mit der Firma/Freygang/Ichfunktion wur­de in der Sze­ne-Zeit­schrift NMI Mes­sit­sch veröffentlicht.

Inter­view mit der Firma/Freygang/Ichfunktion in der Sze­ne-Zeit­schrift NMI Mes­sit­sch, 5/92

Ich habe die Fir­ma foto­gra­fiert. Im CD-Book­let von Kin­der der Maschi­nen­re­pu­blik sind zwei Bil­der von mir. Ich habe mich mit Tat­ja­na getrof­fen und wir haben über die Sta­si-Geschich­te gespro­chen, über den Beruf ihres Vaters und dass sie sehr jung zur Sta­si gekom­men ist. So ähn­lich wie die Hel­din des Romans.

Wir haben gespro­chen. Dar­über wie das pas­sie­ren konn­te, wer sie ist, wer sie war. Die Fir­ma hat zu DDR-Zei­ten Lie­der über die Ver­wei­ge­rung des Mili­tär­diens­tes gesun­gen (Boris Vian: „Der Deser­teur“).

Die Fir­ma: „Verweigert’s Mili­tär, verweigert’s Waf­fen-Tra­gen!“ in einer Auf­nah­me von 1992.

Hier eine Auf­nah­me von 1988 mit schlech­tem Ton, auf­ge­nom­men in einem Jugend­klub in Friedrichsfelde-Ost:

Die Fir­ma: „Verweigert’s Mili­tär, verweigert’s Waf­fen-Tra­gen! Ihr müsst schon etwas wagen!“ 

Auf Ver­wei­ge­rung stand Gefäng­nis. Zivil­dienst gab es nicht. Die Fir­ma war extrem wich­tig für eine gan­ze Sze­ne von Men­schen. Sie hat Men­schen Kraft gege­ben. Den­noch: Sie ist jetzt auch im Sta­si­mu­se­um in der Normannenstraße.

Alles ist im Prin­zip bekannt, alles wur­de bespro­chen. Nur hat es damals nie­man­den inter­es­siert oder es wur­de eben ver­ges­sen. Es ist nicht so, dass wir Lei­chen im Kel­ler hät­ten. Ich kann ver­ste­hen, dass Men­schen, die heu­te auf­wach­sen, Fra­gen haben und ich wäre auch jeder­zeit Bereit als Zeit­zeu­ge zu berich­ten. Ich war vor eini­gen Jah­ren mal in der Schu­le einer befreun­de­ten Leh­re­rin in Gel­sen­kir­chen. Aus dem Infor­ma­ti­ons­be­darf der jün­ge­ren Gene­ra­ti­on jetzt aber abzu­lei­ten, wir müss­ten etwas auf­ar­bei­ten und wir wären so komisch, weil da etwas Unver­ar­bei­te­tes sei, ist ein­fach … Quatsch.

Nachtrag 2: Regelabfrage

Noch ein wei­te­rer Punkt zur Auf­ar­bei­tung: Für alle, die im öffent­li­chen Dienst arbei­ten woll­ten, gab es bis 2007 eine Regel­an­fra­ge beim Sta­si-Unter­la­gen-Archiv. Belas­te­te Per­so­nen wur­den nicht ein­ge­stellt. Kam bei Per­so­nen im öffent­li­chen Dienst her­aus, dass sie für die Sta­si tätig waren, wur­den sie ent­las­sen. Ich habe im April 2007 einen Ruf an die FU-Ber­lin bekom­men und woll­te zum 01.08. dort anfan­gen. Der Fach­be­reichs­lei­ter infor­mier­te mich, dass dar­aus wahr­schein­lich nichts wer­den wür­de, da die Regel­ab­fra­ge erst noch erfol­gen müs­se. Es sah so aus, als wür­de noch 18 Jah­re nach der Wen­de die Sta­si mein Leben nega­tiv beein­flus­sen. Dann wur­de aber gera­de noch recht­zei­tig die Regel­ab­fra­ge auf­ge­ho­ben, so dass die­ser Schritt im Ein­stel­lungs­ver­fah­ren weg­fiel und ich im August begin­nen konnte.

Der Punkt ist: Es gab staat­li­che vor­ge­schrie­be­ne Auf­ar­bei­tung für alle, die im öffent­li­chen Dienst arbei­ten woll­ten. Die Arbeits­grup­pe, in der ich nach der Wen­de gear­bei­tet habe, kam von der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten. Eini­ge Mit­glie­der der Grup­pe sind in die Indus­trie gegan­gen, weil ihnen klar war, dass sie die Regel­an­fra­ge nicht über­ste­hen wür­den. Wir wuss­ten, wer das war. 

Nachtrag 3: Aufarbeitung Sascha Anderson

Im Prenz­lau­er Berg gab es zu DDR-Zei­ten eine rege Kunst­sze­ne. Musiker*innen, Dichter*innen, bil­den­de Künstler*innen usw. usf. Eine wich­ti­ge Figur war Sascha Ander­son. Nach der Wen­de stell­te sich her­aus, dass Ander­son IM war. Das ging groß durch die Medi­en. Wolf Bier­mann bezeich­ne­te ihn als Sascha Arsch­loch. Alles wur­de auf­ge­ar­bei­tet und bespro­chen. Es war ein gro­ßer Skan­dal. Vie­le Freund­schaf­ten sind zer­bro­chen. 2014 ist ein Film dar­über erschienen.

Ich war zur Pre­mie­re. Vie­le der Betrof­fe­nen und auch Sascha Ander­son selbst waren vor Ort. 

Sascha Ander­son, IM der Staats­si­cher­heit, bei der Pre­mie­re des Doku­men­tar­films Ander­son von Anne­kat­rin Hendel

Und obwohl die DDR da schon 25 Jah­re Geschich­te war, war alles immer noch sehr schmerz­haft und emo­tio­nal für die Anwesenden. 

Also: Es wur­de gespro­chen. Über gro­ße und über klei­ne Bege­ben­hei­ten in der Ver­gan­gen­heit. Anne Rabe schreibt in ihrem Roman selbst oder lässt die Ich-Erzäh­le­rin sagen, dass sie nicht reden woll­te. Das kann sein, aber sie soll­te es dann nicht ande­ren vor­wer­fen. Und ahnungs­lo­se Wes­sis soll­ten sich hüten, aus Anne Rabes Roman irgend­et­was abzu­lei­ten. Ich habe das in Wei­te­re Kom­men­ta­re zu Anne Rabes Buch: Eine Mög­lich­keit aber kein Glück genau­er ausgeführt.

Quellen

Decker, Kers­tin. 11.05.1999. Das Töpf­chen und der Haß. tages­spie­gel. Ber­lin. (https://www.tagesspiegel.de/kultur/das-toepfchen-und-der-hass/77844.html)

Kolb, Anet­te. 2022. Prü­gel­stra­fe in Deutsch­land – Ein his­to­ri­scher Rück­blick. Bay­ri­scher Rund­funk. (https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/pruegelstrafe-in-deutschland-ein-historischer-rueckblick,TGOW2Et)

Renne­fanz, Sabi­ne. 2023. Die west­deut­sche Bril­le: Eine weit­hin igno­rier­te Stu­die über Gewalt in Ost und West gibt neu zu den­ken. Tages­spie­gel. Ber­lin. 30.09.2023 (https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/die-westdeutsche-brille-eine-weithin-ignorierte-studie-uber-gewalt-in-ost-und-west-lasst-neu-denken-10543546.html)

Ulke, C. & Flei­scher, T. & Muehl­an, H. & Alt­weck, L. & Hahm, S. & Glaes­mer, H. & Fegert, J.M. et al. 2021. Socio-poli­ti­cal con­text as deter­mi­nant of child­hood maltre­at­ment: A popu­la­ti­on-based stu­dy among women and men in East and West Ger­ma­ny. Epi­de­mio­lo­gy and Psych­ia­tric Sci­en­ces (30). 1–8. (doi:10.1017/S2045796021000585)

Der Anfang vom Ende

Heu­te vor 34 Jah­ren war Micha­el Gor­bat­schow in Ber­lin. Zum 40 Geburts­tag der DDR. Eine gute Bekann­te von mir, die heu­te mei­ne Frau ist, hat­te irgend­wann 1989 eine Woh­nung bekom­men und einen Ter­min für die Ein­wei­hung gesucht. Da der 7.10. ein Fei­er­tag war und nie­mand von ihren Freun­den zu irgend­wel­chen der offi­zi­el­len Fei­ern gehen wür­de, hat­te sie den 7.10. gewählt. Am 07. Mai 1989 fan­den in der DDR Kom­mu­nal­wah­len statt (Wiki­pe­dia-Ein­trag zu die­sen Wah­len). Die Bür­ger­be­we­gung orga­ni­sier­te zusam­men mit der Kir­che eine flä­chen­de­cken­de Prä­senz bei den Aus­zäh­lun­gen. Das war im Wahl­ge­setz der DDR so vor­ge­se­hen. Der Beschiss fand bei der Zusam­men­füh­rung der Wahl­er­geb­nis­se auf Stadt­be­zirks- bzw. Bezirks­ebe­ne statt, wo dann ein Wahl­er­geb­nis von 98,85% für die Kandidat*innen der Natio­na­len Front (SED + Block­par­tei­en) her­aus­kam. Mei­ne Schwes­ter war bei den Aus­zäh­lun­gen in Buch dabei. Dort waren 70% der Wähler*innen für die Block­par­tei­en. Von der Kunst­hoch­schu­le in Wei­ßen­see ist auch bekannt, dass nur 50% der Wähler*innen dafür waren. Seit dem 7. Juni gab es des­halb jeden Monat Pro­tes­te der Oppo­si­ti­on an der Welt­zeit­uhr am Alex­an­der­platz. Es war klar, dass es am 7.10. eine Ter­min­kol­li­si­on gab. Gor­bat­schow in der Stadt. 40 Jah­re DDR. Jubel­fei­ern mit ein paar Sach­sen, die zum Fei­ern her­an­ge­karrt wor­den waren.

Hon­ecker fei­er­te im Palast der Repu­blik. Andrej Herm­lin trat dort auf. Er hat Hon­ecker gese­hen, als die Pro­tes­te von drau­ßen drin­nen wahr­ge­nom­men wor­den waren. Hon­ecker saß allein an einem Tisch. Herm­lin wuss­te da schon, dass das das Ende der DDR war. (Bericht in der taz, 07.10.2009) Wir waren auf dem Weg nach Hellersdorf.

Vie­le der Par­ty­gäs­te, die Freun­de von der Jun­gen Gemein­de, kamen erst kurz vor Zwölf. Sie waren am Alex­an­der­platz gewe­sen. Sie berich­te­ten von Was­ser­wer­fern, Poli­zis­ten mit Schutz­hel­men. Ich wuss­te von den Was­ser­wer­fern, aber nie­mand hat­te sie je gese­hen. Im Ein­satz gese­hen. Poli­zis­ten mit Schutz­hel­men gab es nur im Westfernsehen.

Wir saßen um ein klei­nes Küchen­ra­dio und ver­such­ten irgend­wie Infor­ma­ti­on zu bekom­men. Jede hal­be Stun­de Nach­rich­ten: SFB. Rias. Wie eine klei­ne Ver­schwö­rung. Mit der letz­ten U‑Bahn ver­ließ ich Hel­lers­dorf und war gegen 1:30 Uhr Schön­hau­ser Allee. An der Geth­se­ma­n­e­kir­che war alles abge­sperrt. Eine Poli­zei­ket­te stand in der Star­gar­der. Ich hat­te Befürch­tun­gen, dass ich mei­ne Woh­nung nicht mehr errei­chen wür­de. Aber ich kam unbe­hel­ligt an LKWs und Strei­fen­wa­gen vor­bei, sah noch drei voll besetz­te Mann­schafts­wa­gen in die Gleim­stra­ße ein­bie­gen und war dann im ret­ten­den Haus­ein­gang ver­schwun­den. Ich war sehr froh, dass ich da durch­ge­kom­men war, denn ich war noch in Buch gemel­det und wie hät­te ich der Staats­ge­walt erklä­ren sol­len, dass ich „da hin­ten“ in einer besetz­ten Woh­nung wohnte?

Mein langer Weg zur „Stunde Null“

Die­ses Doku­ment von Mari­an­ne Mey­er-Krah­mer beschreibt die letz­ten Stun­den in Sip­pen­haft im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger und ihre Erfah­run­gen in der Zeit danach. Mari­an­ne Mey­er-Krah­mer war eins der Kin­der von Carl Goer­de­ler, Ober­bür­ger­meis­ter von Leip­zig. Gör­de­ler war am Atten­tat auf Hit­ler am 20. Juli 1944 betei­ligt und wur­de hin­ge­rich­tet. Frau Mey­er-Krah­mer hat die­ses Doku­ment Bekann­ten von mir gege­ben und es ist schließ­lich zu mir gelangt. Ich den­ke, sie hat sich die Mühe gemacht, die­se Erin­ne­run­gen auf­zu­schrei­ben, damit sie ver­brei­tet wer­den und die Ver­öf­fent­li­chung hier ist in ihrem Sin­ne. Ste­fan Mül­ler, 27.09.2023

Es gibt einen ähn­li­chen Bei­trag bei der Stif­tung 20. Juli. Dort fin­den sich wei­te­re Details aus der Zeit vor dem Atten­tat und von der Ver­haf­tung und noch ein Zitat von Gör­de­ler zu Plä­nen für ein Nach­kriegs­eu­ro­pa und zum The­ma Opti­mis­mus. Hier gibt es Details zum Unter­richt (Goe­the gegen ein Nazi-Männ­lich­keits­bild). 04.10.2023

Doku­ment von Mari­an­ne Mey­er-Krah­mer über ihre Stun­de Null

Als Ange­hö­ri­ge von Carl Goer­de­ler waren wir unmit­tel­bar nach dem 20. Juli 1944 in Sip­pen­haft genom­men wor­den: zunächst in Straf­ge­fäng­nis­sen, dann in ver­schie­de­nen Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern in Haft gehal­ten, die Kin­der mei­nes älte­ren Bru­ders, (neun Mona­te und drei Jah­re alt), ihrer Mut­ter weg­ge­nom­men, an einen unbe­kann­ten Ort gebracht. – Ich selbst war damals 24 Jah­re alt, also erwach­sen und bewußt genug, um mich mit dem Kampf mei­nes Vaters gegen Hit­ler voll iden­ti­fi­zie­ren zu kön­nen. Im Sin­ne der Gesta­po haben wir, mei­ne Mut­ter und mei­ne drei über­le­ben­den Geschwis­ter, uns nie als unschul­di­ge Opfer gefühlt.

Wir waren zunächst im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Stutt­hof bei Dan­zig. Als die Rus­sen sich im Janu­ar 1945 näher­ten, wur­den wir nach Buchen­wald trans­por­tiert. Als sich dort die Ame­ri­ka­ner näher­ten, nach Dach­au. Und als sie im April in Bay­ern ein­zu­drin­gen began­nen, brach­te man uns in die Dolomiten.

Dachau – Abtransport

Wir wur­den nicht wie ande­re KZ-Häft­lin­ge zur Arbeit gezwun­gen, hat­ten es dadurch phy­sisch zwei­fel­los leich­ter. Durch die streng mit vier bewaff­ne­ten Wach­män­nern besetz­ten Eck­tür­me unse­res Zau­nes um die Son­der­ba­ra­cke waren wir jedoch völ­lig von jeder mensch­lich mit uns füh­len­den Umwelt abge­schlos­sen; kei­ne Nach­richt von außen über die Kin­der, unse­re alte Groß­mutter, den bedroh­ten Onkel Fritz, von des­sen Hin­rich­tung wir erst nach unse­rer Befrei­ung erfah­ren soll­ten. Ihn und mei­nen Vater soll­te wäh­rend der mona­te­lan­gen Haft nie ein Zei­chen der ihnen liebs­ten Men­schen erreichen.

Jede, auch nur zag­haf­te, Fra­ge an die Wach­mann­schaf­ten unter­lie­ßen wir bald, denn nur ein zyni­sches Ach­sel­zu­cken wäre die Ant­wort gewe­sen. Sie hat­te uns schon zu oft in neue Ängs­te gestürzt. Auch das bar­sche Wort „Abtrans­port“ kann­ten wir nur zu gut, um noch nach dem Wohin oder etwa unse­rer fer­ne­ren Zukunft zu fra­gen. Wir waren recht­los und vogelfrei.

Heu­te, nach­dem wir so viel von dem erlit­te­nen Leid der geschun­de­nen und in den Tod getrie­be­nen Häft­lin­ge und der Todes­ma­schi­ne von Ausch­witz wis­sen, stel­len sich unse­re Ängs­te und Demü­ti­gun­gen anders, beschei­de­ner dar. Aber mit­ten in der Aus­ge­setzt­heit unse­rer dama­li­gen Exis­tenz ver­moch­ten wir nicht zu relativieren.

Am 30. April 1945, laut war die ame­ri­ka­ni­sche Artil­le­rie zu hören, wur­den wir aus dem
Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Dach­au abtrans­por­tiert. – Unver­geß­lich hat sich mir die­ser Abend ein­ge­prägt. Heu­te erscheint er mir stell­ver­tre­tend für alle Not jener Tage.

Dies­mal waren die Fens­ter des Bus­ses nicht ver­hängt und die Wach­mann­schaf­ten spürbar ner­vös. – Wir fuh­ren in den sin­ken­den Tag. Die schräg ein­fal­len­de Son­ne beleuch­te­te mit schar­fen Strah­len eine gespens­ti­sche Sze­ne: Wir fuh­ren eine Stun­de lang, kilo­me­ter­lang, vor­bei an mar­schie­ren­den, nein, sich hin­schlep­pen­den Häft­lings­ko­lon­nen. Zahl­los schie­nen die­se abge­ma­ger­ten Elends­ge­stal­ten, zu Num­mern ent­wür­digt mit ihren kahl gescho­re­nen Köp­fen und in der grau­ge­streif­ten Häft­lings­klei­dung. Bis in den Bus hör­ten wir den har­ten Tritt ihrer Holz­schu­he, halb schlur­fend, halb marschierend.

Ein grau­sa­mer Wider­sinn lag in dem Bild: Mit­ten im Cha­os des Zusam­men­bruchs und der Auf­lö­sung waren sie noch unter dem Kom­man­do ihrer Bewa­cher in Rei­hen und Blocks orga­ni­siert und geord­net. Am Stra­ßen­rand lagen tote Häft­lin­ge, erschos­sen oder vor Schwä­che umge­kom­men. – Wohin ging der Weg für die anderen?

War es ein Marsch in die Frei­heit? Oder — im Ange­sicht der Frei­heit — zum Erschie­ßen: in den Tod? Todes­furcht und Hoff­nung auf Frei­heit hiel­ten auch uns in äußers­ter Span­nung. Und die­se Span­nung wird die See­len vie­ler Men­schen damals fast zer­ris­sen haben. Auf der Flucht, im sinn­lo­sen Kampf, in der Angst der Bombennächte.

Unser Bus fuhr dies­mal in einem Kon­voi mit drei ande­ren, deren Insas­sen uns unbe­kannt waren. (Nach der Befrei­ung erfuh­ren wir, daß es pro­mi­nen­te Häft­lin­ge wie Niem­öl­ler, Gene­ral Hal­der, der Prinz von Hes­sen u.a. waren.) Ein Füh­rungs­wa­gen mit SS-Offi­zie­ren war an der Spit­ze des Kon­vois. So sicher wir uns für den Augen­blick in unse­rem Bus füh­len konn­ten, so gab es die Sicher­heit und Gewiß­heit, am Leben zu sein, nur eben für den Augen­blick – wie so oft in die­ser Haftzeit.

Niederndorf – Befreiung

Da wir von Beginn unse­rer Haft an von jeder ver­läß­li­chen Nach­richt abge­schnit­ten waren, wuß­ten wir nicht, wie nahe das Kriegs­en­de schon war. Es mag Mit­ter­nacht gewe­sen sein, als uns Stim­men­ge­wirr aus dem Dahin­däm­mern auf­rüt­tel­te: Licht­strah­len gro­ßer Stab­lam­pen fuh­ren über unse­re Gesich­ter. Sol­da­ten waren zu erken­nen. Ver­dutzt, fast fröh­lich rie­fen sie zu uns her­ein: „Was machen hier Frau­en und Kin­der? Wollt ihr etwa noch über den Paß nach Süden? Von da kom­men wir doch! Zurück! Es geht zurück in die Hei­mat.“ – Es waren deut­sche Sol­da­ten, die von der ita­lie­ni­schen Front über den Bren­ner zurückfluteten.

Die Rufe ver­stumm­ten schnell, als die Sol­da­ten unse­re stren­ge Bewa­chung wahr­nah­men. Für uns war es aber die ers­te Begeg­nung mit frei­en Men­schen, wenn auch kein Zwie­ge­spräch. (Wir hat­ten Sprech­ver­bot.) Nun, wir wur­den nicht in den Süden gefah­ren, son­dern in schar­fem Bogen nach Osten; wie wir spä­ter erfah­ren soll­ten, ins öster­rei­chi­sche Pus­ter­tal. Es war schon Tag gewor­den, als unser Kon­voi in einem Wald­stück zum Ste­hen kam. Wir waren gewohnt, lan­ges War­ten hin­zu­neh­men. Hat­ten uns die fri­schen Stim­men aus der Außen­welt da oben auf dem Bren­ner­paß nicht Mut gemacht, eben nicht mehr alles hin­zu­neh­men? Jeden­falls bestürm­ten wir die bei­den jun­gen volks­deut­schen Wach­män­ner, uns wenigs­tens kurz ein­mal her­aus­zu­las­sen. Sie fühl­ten sich wohl schon recht hilf­los uns gegen­über, ver­stan­den sie doch kaum ihren Wacht­be­fehl bei die­sen Frau­en und jun­gen Men­schen, die ihnen völ­lig unge­fähr­lich erschie­nen sein müs­sen. So gaben sie nach. Zunächst such­te sich jeder von uns nur ganz rasch ein pri­va­tes Fleck­chen. Doch als wir uns wie­der zum Ein­stei­gen ver­sam­melt hat­ten, wur­den wir plötz­lich wider­spens­tig. Irgend­je­mand hat­te ent­deckt, daß der SS-Führungswagen fehl­te. Auch aus den ande­ren Wagen war man aus­ge­stie­gen; doch wir zöger­ten, Ver­bin­dung auf­zu­neh­men, nun doch noch im Gehor­sam gegen­über dem Ver­bot der Wach­män­ner. Nur woll­ten wir nicht sofort wie­der in den Bus. Wir „maul­ten“, wir hät­ten Hun­ger, hät­ten seit unse­rer Abfahrt aus Dach­au nichts mehr zu essen gehabt. Unser Eigen-Sinn wur­de des­to hef­ti­ger, je zöger­li­cher und ver­le­ge­ner die Wach­leu­te antworteten.

Heu­te – im Rück­blick – wür­de ich es eine Etap­pe auf dem Weg zur Stun­de Null nen­nen. daß sich spon­tan ein klei­ner Trupp von etwa fünf­zehn jun­gen Häft­lin­gen zusam­men­fand und trot­zig erklär­te, wir wür­den uns nun selbst um etwas zu essen küm­mern. Wir konn­ten sehen, daß die Stra­ße am Ende aus dem Wald­stück hin­aus­führ­te; dort­hin woll­ten wir gehen. Wir bra­chen auf, kein Wach­mann hob das Gewehr. Dies­mal hin­der­te uns nie­mand, fort­zu­ge­hen, aus eige­nem Wil­len, mit eige­nem Ziel. Das Fina­le die­ser Etap­pe ist rasch erzählt: nach etwa einer Vier­tel­stun­de schon begrüß­te uns das Orts­schild „Nie­dern­dorf“. Jetzt waren wir nicht mehr – wie bis­her – im Irgend­wo; jetzt kann­ten wir sogar den Ort, in dem wir waren. Nach all den Geheim­nis­krä­me­rei­en der Haft­mo­na­te gab es für uns wie­der ein Zei­chen selbst erfah­re­ner Außenwelt.

Rechts, gleich am Ein­gang des Dor­fes, ein Wirts­haus. Wir öff­nen die Tür zum Gast­zim­mer – da waren sie schon alle ver­sam­melt, „unse­re“ SS-Offi­zie­re. „Wir wol­len etwas zu essen haben!“ Trot­zig und doch noch im Bewußt­sein der Abhän­gig­keit begehr­ten wir auf. Erstau­nen. Bestür­zung, bei­na­he Ent­set­zen und zugleich eine merk­wür­di­ge Gefü­gig­keit zeich­ne­te die Gesich­ter unse­rer obers­ten Bewa­cher. Die Bus­se wur­den in das Dorf geholt, Bro­te und Geträn­ke ver­teilt. In der Schu­le erhiel­ten wir Quar­tier. Nur haben wir dort kei­ne Nacht ver­bracht: Als es Abend wur­de, kam mein ältes­ter Bru­der, Ulrich, lei­se eine Hin­ter­trep­pe her­auf­ge­schli­chen, Bro­te unter dem Man­tel ver­steckt, und flüs­ter­te, wir soll­ten ihm rasch fol­gen, es gäbe einen unbe­wach­ten Hin­ter­aus­gang. In klei­nen Grup­pen fan­den wir Unter­kom­men bei Nach­barn, die erstaun­lich spon­tan bereit waren, uns auf­zu­neh­men. Anders als uns muß ihnen das nahe Kriegs­en­de bewußt gewe­sen sein, und sie waren
nicht mehr bereit, sich auf die Sei­te der SS zu stellen. 

Eigen­tüm­lich undra­ma­tisch ver­lief so das Ende unse­rer Haft­zeit. Doch mar­kier­te die­ses unver­mu­te­te Ende kei­nes­wegs die „Stun­de Null“. Wir waren zwar „frei“, unab­hän­gig aber noch nicht; unse­re Situa­ti­on, recht­lich, prak­tisch, war völ­lig undurch­sich­tig, Zukunft, nah oder fern, uner­kenn­bar. Auf uner­klär­li­che Wei­se waren die SS-Bewa­cher am nächs­ten Mor­gen ver­schwun­den. Oberst Bonin, der aus Dach­au zu uns gesto­ßen war, bewirk­te, daß wir unter die Obhut deut­scher Sol­da­ten gestellt wur­den. Nicht sofort begrif­fen wir, daß wir noch Schutz brauch­ten: der Krieg war an die­sem 4. Mai nicht end­gül­tig been­det, das Dorf weit­ge­hend in der Hand von Par­ti­sa­nen, unse­re Ver­sor­gung kei­nes­wegs gesi­chert. So fuh­ren uns die Sol­da­ten in ein nahe­ge­le­ge­nes, von Trup­pen gera­de geräum­tes Hotel am Prags­er Wildsee.

Ein paar Tage spä­ter erleb­ten wir die Kapi­tu­la­ti­on die­ser deut­schen Wehr­machts­ein­heit. Die Erin­ne­rung hat sich mir ein­ge­prägt wie ein Stand­bild: Im Hof une­res Hotels stan­den die Sol­da­ten im Kreis um die von ihnen in der Mit­te auf­ge­schich­te­ten Geweh­re. Nun waren auch sie offen­sicht­lich wehr­los – eine Wehr­lo­sig­keit hilfs­be­rei­ter Män­ner, die uns trotz allem rühr­te –, und die Ame­ri­ka­ner übernahmen das Kom­man­do. Wir, vor­dem Häft­lin­ge, viel­leicht auch Gei­seln, waren unter neu­er Aufsicht.

Warteschleife: Capri, Paris, Frankfurt

Unbe­schwert waren die­se jun­gen Ame­ri­ka­ner, die nun unse­re Betreu­er waren! Sie haben wohl gewußt, daß wir dem KZ ent­kom­men waren, ver­wöhn­ten uns, schaff­ten wär­me­re Klei­dung her­bei, sorg­ten für reich­li­che und aller­bes­te Kost. Ab und an ruder­te uns ein freund­li­cher GI über den Wild­see … Das Glück , freund­li­che, arg­lo­se Men­schen um uns zu haben, uns frei bewe­gen zu kön­nen, locker­te die eiser­nen Rei­fen, die sich nach vie­len Ängs­ten um unse­re Her­zen gezo­gen hat­ten. Kei­ne Wach­tür­me, kei­ne Zäu­ne – wir waren wirk­lich frei. Glück­lich­sein als schwe­re­lo­ses Gefühl, das wir mit der Vor­stel­lung von „Befrei­ung“ ver­bin­den, aber hat sich nicht gleich ein­stel­len kön­nen. Eher eine Benom­men­heit, in der unse­re Freu­de sich nur zag­haft vor­wag­te. Fast bru­tal überfiel uns die Gewiß­heit, daß mein Vater und sein Bru­der Fritz nicht überlebt hat­ten – ent­ge­gen unse­ren geheims­ten Hoff­nun­gen. Das Leben war nun ohne sie zu bestehen, und es war ein Leben unter dem Vor­zei­chen geschei­ter­ter Hoffnungen.

Nach zwei Wochen wur­de uns – gewohnt freund­lich – mit­ge­teilt, daß wir noch nicht nach Hau­se kämen, son­dern „in die Nähe von Nea­pel“. Wie­der war es schwie­rig, Grün­de oder Zusam­men­hän­ge zu ver­ste­hen, die über unser Dasein ent­schie­den; wenn wir auch spür­ten, daß die Ame­ri­ka­ner uns nicht wis­sent­lich quä­len woll­ten. Es ver­lau­te­te, wir soll­ten befragt wer­den, man wol­le Nähe­res über die Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger erfah­ren. Die bunt­ge­misch­te Gesell­schaft, zu der sich unser Gefan­ge­nen­korps seit Dach­au ver­grö­ßert hat­te, muß­te ja Inter­es­se wecken: ein eng­li­scher Oberst vom Secret Ser­vice, Mit­glie­der der Hor­thy-Fami­lie, Schu­sch­nigg, Gene­ral Hal­der und Pas­tor Niem­öl­ler. Wir selbst waren aber nicht im gerings­ten neu­gie­rig, wir woll­ten nur an den Ort, an den wir wirk­lich gehör­ten. In Ita­li­ens Süden kämen wir – mit wel­cher Vor­freu­de wür­de ich heu­te die Bot­schaft hören! Damals mach­te uns die Nach­richt nur trau­rig und auch zor­nig. Capri, die Traum­in­sel, wie­der nur ein Asyl.

Auch die aben­teu­er­li­che Fahrt in den ame­ri­ka­ni­schen Jeeps berg­ab in die Geröll­fel­der der Po-Ebe­ne konn­te uns nicht fes­seln; der Gene­ral­baß brumm­te nur, „es geht immer wei­ter weg von zuhaus.“ Dann tat sich wie ein Thea­ter­pro­spekt die Schön­heit die­ser Insel vor uns auf. Die Ame­ri­ka­ner hat­ten uns an einen ihrer schöns­ten Fle­cken gebracht, nach Ana­ca­pri, der Spit­ze der damals stil­len Insel. Bewun­dernd sahen wir abends die dunk­len Kon­tu­ren der Bergküste, den unge­wohnt hel­len Ster­nen­him­mel; die bunt fla­ckern­den Posi­ti­ons­lich­ter der Fischer­boo­te grüß­ten zu uns her­auf. Der metal­le­ne Glanz des Mee­res schim­mer­te besänf­ti­gend im Dun­kel der Nacht.

Der Tag bescher­te unschul­di­ge Urlaubs­freu­den. Prak­tisch und zupa­ckend, wie Ame­ri­ka­ner nun ein­mal sind, hat­ten unse­re Befrei­er bin­nen 24 Stun­den Biki­nis aus Armee-Hand­tü­chern nähen las­sen und lie­ßen es sich nicht neh­men, uns im Jeep ans Meer zu chauf­fie­ren. Freund­li­che Gast­ge­ber auch die ita­lie­ni­schen Bau­ern, die uns gera­de­zu ein­lu­den, in ihre Kirsch­bäu­me zu klet­tern und uns güt­lich zu tun. Abends aber, wenn wir ver­geb­lich Schlaf such­ten und unse­re Gedan­ken sich selb­stän­dig mach­ten konn­ten der Froh­sinn, das unbe­schwer­te Geläch­ter aus dem Innen­hof des Hotels zum Dis­ak­kord wer­den. Unse­re enge, letzt­lich erzwun­ge­ne Schick­sals­ge­mein­schaft bekam Ris­se. Ganz zu Recht freu­ten sich vie­le ihrer Frei­heit, der Aus­sicht auf das Wie­der­se­hen mit den Ihren. Weni­ge aber muß­ten sich auf die Endgültigkeit eines Ver­lus­tes vor­be­rei­ten, auf eine Zukunft, die im Schat­ten lag.

Fast vier Wochen dau­er­te es, bis wir die ersehn­te Nach­richt erhiel­ten, wir „Sip­pen­häft­lin­ge“ wür­den nach Deutsch­land geflo­gen. – Von unse­rem Gedächt­nis erwar­ten wir, daß es Fak­ten spei­chert, die wir abglei­chen und überprüfen kön­nen; Erin­ne­rung als Ver­ge­gen­wär­ti­gung aber hat ihre eige­nen Geset­ze: Sie sam­melt Erleb­nis­se und Ein­drü­cke, ande­re überläßt sie dem Ver­ges­sen. So habe ich kei­ne Ein­zel­hei­ten unse­res Auf­bruchs und Rück­flugs von Capri gespei­chert, wohl aber die Erin­ne­rung an eine kur­ze, wenn­gleich wesent­li­che Begeg­nung in Paris. Es war gegen Abend; ich stand am Ende eines Gan­ges vor mei­nem Hotel­zim­mer und schau­te durch ein gro­ßes Fens­ter auf einen Platz, der schon im Halb­dun­kel lag. Ein bri­ti­scher Offi­zier trat neben mich, wohl, um auch hin­aus­zu­schau­en. „Bon­jour, Madame“ – die Stim­me klang höf­lich, doch etwas ver­hal­ten. Ich wand­te mich ihm zu und erkann­te an einem Abzei­chen, er müs­se zur pol­ni­schen Divi­si­on inner­halb der bri­ti­schen Trup­pen gehö­ren. Spon­tan beglück­wünsch­te ich ihn: „Nun ist auch Ihr Land frei!“ „Sie irren sich, Madame“, kam es zurück, „Jetzt herr­schen bei uns die Bol­sche­wis­ten.“ Es klang tief­trau­rig und resi­gniert und signa­li­sier­te mir, einem Mene­te­kel gleich, daß Kriegs­en­de und Frei­heit noch lan­ge nicht mit­ein­an­der iden­tisch waren.

Am fol­gen­den Vor­mit­tag lan­de­ten wir in Frank­furt am Main und wur­den mit der lang ersehn­ten Nach­richt begrüßt: „Tomor­row we shall bring ever­y­bo­dy home.“ Selt­sam, wie Stim­mun­gen umkip­pen, wel­che Macht Gefüh­le haben kön­nen! Als die ersehn­te Heim­kehr greif­bar nahe war. spür­ten wir plötz­lich den Schmerz, gar kei­nen Ort zu wis­sen, der H e i m a t war. – Hei­mat der Fami­lie war und blieb Ost­preu­ßen, see­li­scher Ort das gelieb­te groß­el­ter­li­che Haus am Meer, mit dem wir alles Glück unse­rer behü­te­ten Kin­der- und Jugend­zeit ver­ban­den. Ost­preu­ßen aber war längst an die Sowjet­uni­on ver­lo­ren. – Leip­zig hät­te Wahl­hei­mat sein kön­nen, die Stadt unse­rer Schul- und Stu­di­en­jah­re, der wir viel ver­dank­ten. Aber das Haus in er ehe­ma­li­gen Rathen­au­stra­ße, das unse­re Eltern 1930 gemie­tet hat­ten, war jetzt merk­wür­dig bezie­hungs­los für uns: All unser Hab und Gut war durch das Volks­ge­richts­hofs­ur­teil gegen mei­nen Vater weg­ge­nom­men und abtrans­por­tiert war
uns durch das Volks­ge­richts­ur­teil gegen mei­nen V~ter weg­ge­nom­men und abtrans­por­tiert wor­den. Es gab dort also kein gemüt­li­ches Wohn­zim­mer mehr mit den alten Maha­go­ni-Möbeln, kei­nen run­den Tisch, an dem wir fröh­lich mit dem Vater Kar­ten gespielt hat­ten, kei­ne ver­trau­ten „Kinder“-Zimmer. Wir wür­den uns mit dem zufrie­den geben müs­sen, was der Auk­tio­na­tor noch nicht ver­stei­gert hat­te. Auch die Die­le zum Emp­fang hat­te ihren Sinn ver­lo­ren. Das Ver­hält­nis unse­res Eltern­hau­ses zu den meis­ten sei­ner ursprüng­li­chen Gäs­te hat­te sich schon in der NS-Zeit durch Anpas­sung und Oppor­tu­nis­mus der füh­ren­den Schich­ten auf­zu­lö­sen begon­nen. Selbst in der Not­zeit hat­te es nur eine Hand­voll treu­er Freun­de gege­ben. Aber wür­den wir sie überhaupt vorfinden? 

Ein ame­ri­ka­ni­scher Offi­zier gesell­te sich zu unse­rer klei­nen Fami­li­en­grup­pe. „Viel­leicht wis­sen Sie noch nicht, daß wir Ame­ri­ka­ner nur noch kur­ze Zeit in Leip­zig sind. Wir kön­nen Sie dort­hin brin­gen, aber Sie müs­sen damit rech­nen, daß uns Ende Juni die sowje­ti­sche Armee in Leip­zig ablö­sen wird.“ – So zart und leicht ver­letz­lich mei­ne Mut­ter war, in schwie­ri­gen Situa­tio­nen konn­te sie bewun­derns­wert gelas­sen sein und ihren kla­ren Ver­stand bewah­ren: Nur war sie bis­her gewohnt gewe­sen, wich­ti­ge Ent­schei­dun­gen zunächst mit mei­nem Vater zu überlegen. Jetzt übernahm sie ganz selbst­ver­ständ­lich und ruhig die Ver­ant­wor­tung für die Fami­lie: Auf jeden Fall wür­de sie selbst nach Leip­zig fah­ren; dort war­te­ten auf sie ihre alte Mut­ter, Jut­tas Schwes­tern und viel­leicht auch mein Bru­der Rein­hard (er hat­te Dach­au mit vier ande­ren jun­gen Sip­pen­häft­lin­gen zu Fuß ver­las­sen müs­sen). Dar­über­hin­aus war mei­ne Mut­ter fest ent­schlos­sen, sich von dort aus für die Reha­bi­li­tie­rung ihres Man­nes und unse­re Rech­te ein­zu­set­zen. Uns drei jun­gen „Mädels“ aber riet sie, nach Süd­deutsch­land auf „den Hof“ zu gehen, den mein Vater als Refu­gi­um für die Fami­lie erwor­ben hat­te. „Unter den Kom­mu­nis­ten wer­det ihr kei­ne Chan­ce haben, euch ein neu­es Leben auf­zu­bau­en!“ (Wie recht mei­ne Mut­ter mit ihrer Vor­aus­sa­ge hat­te, zeig­te sich bereits ein hal­bes Jahr spä­ter, als mein Bru­der Rem­hard auf Anra­ten eines alten Sozi­al­de­mo­kra­ten Leip­zig ver­ließ, um in Hei­del­berg sein Jura­stu­di­um wie­der aufzunehmen.) – 

Nach den Mona­ten der Haft und des tröst­li­chen Zusam­men­seins muß­ten wir uns nun unver­mit­telt tren­nen, eine wenig überschaubare Zukunft vor Augen. Mei­ne Schwä­ge­rin Irma woll­te zu ihrer Mut­ter in Ham­burg, um von dort aus ihre bei­den von der Gesta­po nach Bad Sach­sa ver­schlepp­ten klei­nen Kin­der heim­zu­ho­len. Mein ältes­ter Bru­der Ulrich, schon fer­ti­ger Jurist, soll­te uns für ein paar Tage nach Süd­deutsch­land beglei­ten, um dort unse­re Wohn- und Eigen­tums­rech­te durch­zu­set­zen. Für den Augen­blick waren wir ja arm wie Kir­chen­mäu­se und muß­ten sehen, irgend­wie und irgend­wo zu exis­tie­ren.

Die „Stun­de Null“ könn­te nur eine Kurz­for­mel für Geschichts­bü­cher sein. Weder das kol­lek­ti­ve noch das indi­vi­du­el­le Bewußt­sein ken­nen die­se Zäsur. Wohl mag es Tage geben, an denen wir eine neue Sei­te im Buch unse­res Lebens auf­schla­gen, wenn wir an einem neu­en Ort, mit einem neu­en Berufs­ab­schnitt begin­nen. Immer aber beglei­tet uns unse­re Ver­gan­gen­heit. Sie beglei­tet uns nicht wie ein sanft dahin­flie­ßen­der Strom, natur­ge­ge­ben, unab­hän­gig von unse­rem Dasein. Oft kann sie sper­rig sein, die­se Ver­gan­gen­heit, dem nai­ven Sich-Erin­nern wider­ste­hen. Erin­ne­run­gen an Unwie­der­hol­ba­res kön­nen plötz­lich auf­stei­gen, Sehn­süch­te nach Unwie­der­bring­li­chem wecken. Die Furcht vor der Wie­der­kehr erleb­ter Schre­cken aber hat in mei­nem Gedächt­nis auch Luft­lö­cher des Ver­ges­sens ent­ste­hen las­sen. Dies möge der Leser beden­ken, der mit mir die Län­ge mei­nes Weges zur „Stun­de Null“ durch­mißt, in die­sen Mona­ten noch immer bedroh­ter Freu­de an der Freiheit.

Zabergäu — Sackgasse

Wie froh waren wir, daß unser gro­ßer Bru­der bei uns war, als wir zwei Tage spä­ter dem Ver­wal­ter und sei­ner Frau gegen­über­stan­den! Zuerst glaub­ten sie wohl an Geis­ter, als Jut­ta und Nina leib­haf­tig vor ihnen stan­den; war doch kein Jahr ver­gan­gen, daß die Gesta­po die bei­den mit mei­ner Schwä­ge­rin auf dem Hof ver­haf­tet und weg­ge­schafft hat­te. Dann aber wech­sel­te ihre Hal­tung zwi­schen ängst­li­cher Unsi­cher­heit und Unwil­len. Schnell aber wich die bestürzte Fas­sungs­lo­sig­keit wider­wil­li­ger Abwehr, ja Feind­se­lig­keit. Nur dem ener­gi­schen Auf­tre­ten mei­nes Bru­ders ver­dank­ten wir den Ein­laß in das gro­ße Haus, in dem über der Ver­wal­ter-Woh­nung dre Räu­me für unse­re Fami­lie bereit­stan­den. Wir soll­ten nur ja kei­ne Ansprü­che an Essens­vor­rä­te stel­len. Die sei­en sämt­lich von den ein­rü­cken­den Fran­zo­sen beschlag­nahmt wor­den. Man habe ja mit unse­rer Rückkehr nicht rech­nen kön­nen, des­halb sei­en die Wohn­räu­me noch in dem Zustand, wie die Gesta­po sie hin­ter­las­sen habe. (Daß sie eini­ge wert­vol­le Besitz­tü­mer mei­ner Schwä­ge­rin schon dem ihren ein­ver­leibt hat­ten, stell­te mein Bru­der wenig spä­ter fest.)

In die­sem schwä­bi­schen Dorf soll­ten wir nun end­lich, nach zehn Mona­ten Gefäng­nis- und KZ-Haft, wie­der unser eige­nes, aber auch ein neu­es All­tags­le­ben begin­nen. Für die­sen Ort einer ers­ten Zuflucht hat­te, wie erwähnt, noch mein Vater gesorgt. Mit­ten im Krieg hat­te er ein klei­nes Anwe­sen in Süd­deutsch­land gesucht; er wuß­te, Ost­preu­ßen, unse­re ursprüng­li­che Hei­mat, wür­de an die Sowjet­uni­on abzu­tre­ten sein, und was von Leip­zig nach den Bom­ben­an­grif­fen übrig blei­ben wür­de, war im Unge­wis­sen. – Nie hat­te mein Vater dar­an gezwei­felt, daß der Krieg, hat­te er erst ein­mal begon­nen, mit einer Kata­stro­phe enden wür­de, wenn Hit­ler nicht auf­ge­hal­ten wür­de. Ja, für ihn, den eher libe­ra­len Chris­ten, konn­te ein gerech­ter Gott die Ver­bre­chen des deut­schen Vol­kes nicht unge­straft las­sen. Gro­ßer Gna­de wür­de es bedür­fen, wenn die Völ­ker Deutsch­land ein­mal sei­ne Unta­ten ver­ge­ben wür­den. – Nahe­zu pro­phe­tisch hat­te unser sonst so rea­lis­ti­scher Vater vor­aus­ge­se­hen, wie flüch­ten­de Men­schen zu Fuß auf den Auto­bah­nen dahin­strö­men wür­den; auf Auto­bah­nen, die Hit­ler für angriffs­star­ke Pan­zer und Armee­ko­lon­nen in impe­ria­ler Hybris hat­te aus­bau­en lassen.

Immer wie­der hat­te mei­nen Vater die Sor­ge ver­folgt, uns in Deutsch­lands Zusam­men­bruch nicht mehr hel­fen und beschüt­zen zu kön­nen; dann soll­te uns im – weit­ge­hend vom Krieg ver­schon­ten – Süd­wes­ten auf dem Lan­de ein Dach über dem Kopf gesi­chert sein und, wenn wir selbst tüchtig zupack­ten, die nöti­ge Nah­rung und Wär­me. Was er nicht vor­aus­ge­se­hen hat­te, waren das Miß­trau­en und die Ableh­nung, die uns an die­sem klei­nen Ort, an dem es noch vie­le Nazi-Freun­de gab, begeg­nen wür­den. „Was hat­ten die Kin­der eines Vater­lands­ver­rä­ters bei ihnen zu suchen?“ Noch kein Jahr war seit dem miß­glück­ten Atten­tat ver­gan­gen, die­sem ver­zwei­fel­ten Ver­such, den Krieg und die Ver­bre­chen zu been­den; noch kein Jahr, daß auf den Kopf Carl Goer­de­lers eine Mil­li­on Reichs­mark aus­ge­setzt wor­den war, auf ihn, den füh­ren­den Geg­ner des Hit­ler-Regimes. Was wir als Befrei­ung erleb­ten, emp­fan­den vie­le Men­schen, die uns umga­ben, als demü­ti­gen­de Nie­der­la­ge. Und unter dem Schutz „der Fein­de“ waren wir in das Dorf gekom­men! Nun waren wir nicht mehr getra­gen von der Schick­sals­ge­mein­schaft der poli­tisch Ver­fem­ten des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers. Nun begrif­fen wir, daß uns die­se Gemein­schaft vor einer Außen­welt geschützt hat­te, die mit dem Selbst­op­fer unse­res Vaters und sei­ner Freun­de nichts im Sin­ne hatte. 

Nur eine jun­ge Frau half uns, wenigs­tens eini­ger­ma­ßen Ord­nung in das Tohu­wa­bo­hu zu brin­gen, daß die Gesta­po bei der Durch­su­chung unse­rer drei Wohn­räu­me hin­ter­las­sen hat­te. Jedoch soll­te sie die ein­zi­ge blei­ben, der wir etwas von der Trau­er, uns­rer Ver­stört­heit mit­tei­len konn­ten. Soll­te dies die „Stun­de Null“ gewe­sen sein, so war sie es – bit­ter noch heu­te – als ein Tief­punkt unse­res see­li­schen Lebens. Erwar­tet hat­ten wir, trös­tend für erdul­de­tes Leid emp­fan­gen zu wer­den, gehofft auf Dank­bar­keit und Ver­eh­rung für den Vater und alle Men­schen, die Deutsch­land hat­ten ret­ten wollen. 

Noch waren wir mit den eige­nen Ver­let­zun­gen beschäf­tigt, den­ke ich heu­te; sahen kaum, daß wir die frem­den Groß­städ­ter im klei­nen Bau­ern­dorf waren; fremd mit unse­rem distan­ziert klin­gen­den Hoch­deutsch mit­ten im herz­lich-der­ben Schwä­bi­schen. Fremd und fern für die Dorf­be­woh­ner war die Welt der Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger, aus der wir kamen. Von ihr zu spre­chen, von ihr zu hören – das hät­te wohl noch zu vie­le Schat­ten auf eine Zeit gewor­fen, deren Glanz man sich noch in der Erin­ne­rung bewah­ren woll­te. Aber wir steck­ten nicht nur in see­li­schen Nöten, wir hat­ten auch die schon geschil­der­ten mate­ri­el­len Sor­gen. Alles, was wir besa­ßen, war an den Staat gefal­len. (Es soll­te noch fünf Jah­re dau­ern, bis mei­ne Mut­ter eine Pen­si­ons­zah­lung und mei­ne Schwes­ter Nina eine Wai­sen­ren­te erhielt.) Zwar hat­ten die ame­ri­ka­ni­schen Behör­den jeden von uns mit 150 Reichs­mark aus­ge­stat­tet, als sie uns in ein selb­stän­di­ges Leben ent­lie­ßen: ange­sichts des Wert­ver­falls baren Gel­des konn­ten wir davon unse­ren Lebens­un­ter­halt aber nicht bestrei­ten, geschwei­ge Hilfs­kräf­te auf dem Bau­ern­hof entlohnen.

Wie schwie­rig das Ver­hält­nis zu dem Ver­walt­er­ehe­paar auch war, das mit unse­rer Rück­kehr nicht gerech­net hat­te, wir muß­ten mit ihnen aus­kom­men – und voll mit­ar­bei­ten, wenn wir mit­es­sen woll­ten. Aus den Pflicht­zei­ten im Arbeits­dienst und wäh­rend der Semes­ter­fe­ri­en war ich mit StaII­ar­beit ver­traut und konn­te sogar eini­ger­ma­ßen mel­ken … Beim Füt­tern von Schwei­nen, Kühen und Hüh­nern und bei der vie­len Feld­ar­beit muß­ten mei­ne 16jährige Schwes­ter Nina und die 17jährige Kusi­ne Jut­ta hart mit­ar­bei­ten. Sicher stell­ten wir alle drei uns nicht all­zu geschickt an, hat­ten auch nicht Kraft genug nach Mona­ten der Haft. So san­ken wir abends immer tod­mü­de ins Bett. Die gro­ße Bean­spru­chung, möch­te man mei­nen, hät­te uns gut tun sol­len, hel­fen, las­ten­des Wis­sen zu ver­ges­sen. Aber wir sehn­ten uns gera­de nach Besin­nung, nach Stil­le, woll­ten wie­der zu uns kom­men, dem Gesche­he­nen einen Sinn abge­win­nen. Ja, wir woll­ten trau­ern dürfeh. 

Stuttgart – Neubeginn

Als ein Licht­strahl in die noch dunk­le Welt des Kum­mers und der Pla­gen brach die ers­te Nach­richt von mei­nem Ver­lob­ten. Er leb­te, war gesund und hoff­te, bald aus der bri­ti­schen Gefan­gen­schaft ent­las­sen zu wer­den. So gab es wie­der eine Zukunft; eine Zukunft mit einem ver­trau­ten Men­schen, der uns allen in der Haft­zeit uner­müd­lich bei­gestan­den, Sor­gen und Trau­er geteilt und Erleich­te­rung ver­schafft hat­te. Aber die­se Zukunft schien noch end­los fern. –

Ein wei­te­res Tor zur Zukunft öff­ne­te sich erst, als einer der alten Freun­de mei­nes Vaters uns auf dem Hof besuch­te: Theo­dor Bäu­erle, mei­nem Vater mensch­lich und poli­tisch eng ver­bun­den. Ich hat­te ihn schon 1942 ken­nen­ge­lernt, als ich mei­ne Eltern ein­mal nach Stutt­gart beglei­te­te. Bäu­erle war ein Mensch, mit dem wir über alles spre­chen konn­ten, was uns bedrück­te; gemein­sa­me Trau­er ver­band uns, sein warm­her­zi­ger Trost besänf­tig­te, sein Mit­ge­fühl ließ uns ruhi­ger wer­den. Dann erzähl­te er von sei­ner Arbeit. Da er unbe­las­tet war, hat­te man ihn mit der Posi­ti­on als Minis­te­ri­al­di­rek­tor in der Kul­tus­ver­wal­tung betraut. Er hat­te den Auf­trag, für ein bal­di­ge Öff­nung der Schu­len zu sor­gen, die in den letz­ten Kriegs­mo­na­te geschlos­sen wor­den waren. Er berich­te­te, wie schwie­rig es sei, den Auf­trag zu erfül­len. Ein Pro­blem was der Man­gel an Räu­men: Etwa ein Drit­tel der Schu­len war zer­stört oder schwer beschä­digt. Wäh­rend die Raum­not noch annä­hernd überbrückbar schien, war jedoch der Fehl­be­stand an Leh­rern ein­schnei­dend. Vie­le waren gefal­len oder noch in Kriegs­ge­fan­gen­schaft. Für die übrigen – das waren vor allem Frau­en – gal­ten die stren­gen Auf­la­gen der ame­ri­ka­ni­schen (bzw. fran­zö­si­schen) Besat­zungs­ver­wal­tung: Kein ehe­ma­li­ges NSDAP-Mit­glied durf­te vor­erst ein­ge­stellt wer­den. Über­prü­fun­gen waren im Lau­fe der Zeit vorzunehmen. 

Bäu­erle erzähl­te, er habe, um mehr Leh­rer ein­stel­len zu kön­nen, auf den gro­ßen Druck hin­ge­wie­sen, dem vor allem die Beam­ten durch die Par­tei aus­ge­setzt gewe­sen sei­en, habe aber dafür noch kein Ver­ständ­nis gefun­den. Eher soll­te der Unter­richt ganz aus­fal­len, als daß die Besat­zungs­mäch­te auf ihr Plan­ziel der Ree­du­ca­ti­on, ins­be­son­de­re der Jugend, ver­zich­tet hät­ten. Ich bedau­er­te, daß ich außer Pro­mo­ti­on und ers­tem Staats­examen päd­ago­gisch weder Aus­bil­dung noch Prü­fung vor­wei­sen könn­te. „Wir kön­nen Sie trotz­dem brau­chen!“, war Vater Bäu­er­les ermu­ti­gen­de Ant­wort. Und wirk­lich, ein paar Tage spä­ter rief er an und sag­te, am 1. Okto­ber kön­ne ich in Stutt­gart zu unter­rich­ten anfangen!!

Wo aber soll­ten wir drei Mäd­chen woh­nen? Denn daß wir zu dritt nach Stutt­gart gehen wür­den, war aus­ge­mach­te Sache. Ich könn­te ver­die­nen, und unse­re bei­den Jüngs­ten, Jut­ta und Nina, konn­ten dort end­lich wie­der zur Schu­le gehen – seit der Ver­haf­tung am 21. Juli 1944. Nun lie­fen die Dräh­te nach Stutt­gart heiß. Die alten Bosch-Freun­de tra­ten in Akti­on und ver­wand­ten sich für uns bei der Stadt­ver­wal­tung. Inner­halb von zwei Wochen erhiel­ten wir die begehr­te Zuzugs­ge­neh­mi­gung und ein Zim­mer in Feu­er­bach. Was mach­te es da, daß wir drei uns in nur zwei Bet­ten zu tei­len hat­ten! Mit sol­chen Ein­schrän­kun­gen fer­tig­zu­wer­den, hat­te uns die Haft­zeit gelehrt.

Am 1. Okto­ber 1945 fuhr ich von unse­rem Feu­er­ba­cher Qμar­tier zu mei­ner ers­ten Dienst­stel­le in Stutt­gart, dem Köni­gin-Char­lot­te-Gym­na­siwn. Die Stra­ßen­bahn fuhr die gro­ße Heil­bron­ner Ein­fall­stra­ße nach Stutt­gart ent­lang. Rechts und links der Tras­se wur­den schma­le Fahr­bah­nen von Schutt frei­ge­räumt. Gro­ße und klei­ne Trüm­mer­bro­cken zer­stör­ter Häu­ser und Fabrik­hal­len lagen hoch­ge­türmt am Ran­de. Unüber­seh­bar waren die Fol­gen des Krie­ges und sei­ner zer­stö­re­ri­schen Bom­ben­näch­te. Nun waren die Men­schen dabei, mit Kar­ren, Schip­pen und Krä­nen das Cha­os zu ord­nen; end­lich konn­ten sie den Auf­bau begin­nen, der wie­der eine Zukunft hatte.

Auch das Gebäu­de des Köni­gin-Char­lot­te-Gym­na­si­ums war nicht unver­sehrt. In einem Sei­ten­trakt waren für die Ober­stu­fen­schü­ler eini­ge Räu­me not­dürf­tig her­ge­rich­tet. Wenigs­tens die älte­ren Schü­ler soll­ten mit dem Ler­nen begin­nen. (Jut­ta und Nina waren erst vier­zehn Tage spä­ter an der Rei­he.) In die­ser Über­gangs­zeit zwi­schen dem Ende des Drit­ten Rei­ches und staat­li­chem Neu­be­ginn war auch die Schul­lei­te­rin vor­erst nur pro­vi­so­risch ein­ge­setzt. Sie brach­te mich in einen gro­ßen hel­len Dach­raum; vor­sorg­lich stand dort schon ein klei­ner eiser­ner Ofen für den Win­ter bereit – das Ofen­rohr führ­te durch ein Fens­ter. Etwa zwan­zig 18jährige Mäd­chen erwar­te­ten uns bereits. Brav, wie es damals zur Schul­sit­te gehör­te, waren sie auf­ge­stan­den. Sie waren vol­ler Taten­drang und Neu­gier nach der erzwun­ge­nen Lern-Abs­ti­nenz, auch wenn kaum eine von ihnen wohl wis­sen konn­te, wie es ein­mal mit ihr, mit der Erfül­lung von Berufs­wün­schen, gar mit einem Stu­di­um, wei­ter­ge­hen wür­de. Deutsch­land war ein besetz­tes Land. Die Alli­ier­ten wür­den über sei­ne wei­te­re Ent­wick­lung entscheiden. 

Offe­ne. freund­li­che Gesieb­ter begrüß­ten uns. Die Direk­to­rin stell­te mich als die neue Deutsch- und Geschichts­leh­re­rin mit mei­nem Mäd­chen­na­men vor (ich war ja noch nicht ver­hei­ra­tet). Viel­leicht war sie genau so wenig dar­auf vor­be­rei­tet wie ich, daß die Mie­nen der Mäd­chen sich plötz­lich skep­tisch ver­schlos­sen. Eini­ge Mäd­chen schau­ten ver­le­gen zu Boden, wäh­rend ande­re sich straff­ten, um mit einer leich­ten Bewe­gung des Kop­fes Abstand von uns zu neh­men. Nur scho­ckier­te mich die­se Ges­te der unaus­ge­spro­che­nen Zurück­wei­sung einer Goer­de­ler-Toch­ter nicht, wie sie mich noch bei den Dorf­be­woh­nern scho­ckiert hat­te. Die­sen jun­gen Men­schen gegen­über spür­te ich auf ein­mal Kraft und Mut, sie gewin­nen zu kön­nen. Ich war jung, kaum acht Jah­re älter als mei­ne zukünf­ti­gen Schü­le­rin­nen, und trau­te mir zu, eine Brü­cke zu ihnen zu fin­den. Ich war sicher, daß mei­ne Eltern im Kampf gegen Hit­ler den rich­ti­gen Weg gegan­gen waren, hat­te als jun­ge Schü­le­rin selbst die Ver­füh­rungs­küns­te des Hit­ler-Rei­ches erlebt und war mir des­sen gewiß, daß ich ihnen hel­fen könn­te und muß­te, einen Weg in die Nach-Hit­ler-Zeit zu finden.

Die anfäng­li­che Miß­stim­mung begann sich ganz all­mäh­lich zu lösen, als ich mit den Mäd­chen allein war und sie ruhig bat, mir zu erzäh­len. wie sie die letz­ten Mona­te des Krie­ges und die ers­ten Mona­te der Frie­dens­zeit erlebt hät­ten. Dabei erwähn­te ich, daß ich die­se für uns alle so bedeut­sa­me Zeit gewiß völ­lig anders durch­lebt hät­te und ich ihnen davon auch erzäh­len wol­le. So wären die nächs­ten Schul­ta­ge vom Zuhö­ren bestimmt. Ich erfuhr, daß fast alle Mäd­chen BDM-Führerinnen gewe­sen sei­en, meist die letz­ten Mona­te auf dem Land ver­bracht hat­ten. Meh­re­re von ihnen hat­ten den Vater, Brü­der oder Freun­de ver­lo­ren. Jedoch trau­er­ten sie nicht nur um die ver­lo­re­nen Men­schen. Sie betrau­er­ten einen noch umfas­sen­de­ren Ver­lust: Die meis­ten von ihnen hat­ten an den Natio­nal­so­zia­lis­mus geglaubt, dar­an geglaubt, daß es not­wen­dig sei, sich mit aller Kraft für die Grö­ße des deut­schen Vol­kes und Rei­ches ein­zu­set­zen. Nun waren sie nicht nur in ihren Hoff­nun­gen getäuscht, sie muß­ten auch an den Men­schen zwei­feln, die sie ihnen ver­mit­telt hatten.

„Es war eine furcht­ba­re Lee­re in uns“, erin­ner­te sich noch nach vie­len Jah­ren eine mei­ner
Schü­le­rin­nen. In die­se Lee­re galt es, ein wenig Wär­me und mensch­li­ches Mit­ge­fühl zu brin­gen. Das war damals für mich – zum Glück – nicht bewuß­te Pla­nung, son­dern etwas Selbst­ver­ständ­li­ches. Viel­leicht des­halb selbst­ver­ständ­lich und kein kunst­vol­les Mich-Hin­ein­ver­set­zen, weil ich mich – bei aller äuße­ren Ruhe – immer wie­der von dem glei­chen Gefühl umfas­sen­den Welt-Ver­lus­tes bedroht wuß­te: An jenem 20. Juli vor einem Jahr hat­te Gott nicht denen bei­gestan­den, die unse­re Welt vom Bösen hat­ten befrei­en wollen.

Es war gewiß kein Zufall, daß ich als ers­te Lek­tü­re für mei­ne jun­gen Schü­le­rin­nen „Die Lei­den des jun­gen Wert­her“ aus­such­te. Ich wuß­te nur zu genau, daß sie jah­re­lang gelehrt wur­den, jene mar­tia­li­schen Lie­der von stets kampf­be­rei­ten Män­nern zu sin­gen, die sich trot­zig und mit aller phy­si­schen Kraft Schick­sal und Fein­den ent­ge­gen­zu­stel­len oder stolz unter­zu­ge­hen hat­ten. Der ver­zwei­feln­de jun­ge Wert­her soll­te nicht zum neu­en Vor­bild wer­den, aber das Tor zu einer ande­ren Sprach- und Gefühls­welt öff­nen. All­mäh­lich wich die Lee­re aus den Gemü­tern; jun­ge Men­schen erlaub­ten sich nun Emp­fin­dun­gen, die sie auch aus­spre­chen durf­ten. Sie spür­ten den lyri­schen Zau­ber der Spra­che überschwenglichen Glücks, das Ver­stum­men des Worts in Zwei­fel und Trauer.

Heu­te. im Rück­blick, zie­hen sich die­se ers­ten Wochen päd­ago­gi­scher Tätig­keit zu mei­ner „Stun­de Null zusam­men. Zum Beginn eines nun selbst­be­stimm­ten Lebens und selbst­be­stimm­ter Zie­le. Es erschloß sich mir ein Beruf, der mich ein Leben lang aus­füll­te, in dem mich die Hoff­nung nie ver­ließ. In mei­nem klei­nen, begrenz­ten Umfeld etwas bewir­ken zu kön­nen. War ich auch nach dem Krieg in eine im dop­pel­ten Sin­ne kaput­te Welt ent­las­sen – hat­te die nach­wir­ken­de Hit­ler-Ver­eh­rung in einem Dorf erlebt, war durch Trüm­mer zu mei­ner Schu­le gefah­ren – mit die­ser kaput­ten Welt brauch­te ich mich nicht abzu­fin­den. – Es galt, Leid und Ängs­te jun­ger Men­schen, ihre Ver­lus­te und Scmer­zen wahr- und ernst­zu­neh­men, Ermu­ti­gung den Zag­haf­ten zu geben, Freu­den mit den Glück­li­chen zu tei­len. Es galt aber auch, auf der Hut zu sein, die Macht als Leh­rer nicht zu miß­brauchen, Ein­fluß nur zu üben, um auf dem Weg zum Erwach­sen-Wer­den zu hel­fen Mei­ne sper­ri­ge Ver­gan­gen­heit hat mir gehol­fen, mei­ne Schü­ler anspre­chen und ver­ste­hen zu können.

In den Mona­ten der Haft hat­te ich selbst erfah­ren, was es heißt, gede­mü­tigt und mit zyni­scher Freu­de geängs­tigt zu wer­den. Im Eltern­haus war mein Sinn gegen die Erbärm­lich­keit von Oppor­tu­nis­mus, vor­aus­ei­len­der Anpas­sung und kon­ven­tio­nel­ler Glät­te geschärft wor­den. Mit ihrer Lie­be und Für­sor­ge hat­ten die Eltern uns immer beschützt, Maß­stä­be und Wer­te mit­ge­ge­ben, an denen wir auch als selb­stän­di­ge Men­schen fest­hal­ten konnten.





Mein Gott, Walther! Die DDR als prä-faschistischer, post-faschistischer und faschistischer Staat und überhaupt.

Die­ser Blog-Post ist aus einer Mast­o­don-Dis­kus­si­on ent­stan­den. Weil sie so schön war, habe ich sie hier noch ein­mal ein biss­chen sor­tiert und für die Nach­welt archi­viert. Die­ser Bei­trag kann Spu­ren von Sar­kas­mus und sogar Wut enthalten.

Die taz hat am 03.07.2023, vor dem Hin­ter­grund der Wahl eines AfD-Mit­glieds zum Land­rat in Son­ne­berg, ein Inter­view mit dem (ost­deut­schen) His­to­ri­ker Ilko-Sascha Kowal­c­zuk ver­öf­fent­licht. In der Print­aus­ga­be endet es so:

taz: Also ist das nicht nur ein Ost-Problem?

Nein. Zeigt nicht immer nur mit dem Fin­ger auf den Osten. Der Osten ist als Labo­ra­to­ri­um der Glo­ba­li­sie­rung, als Ort der Trans­for­ma­ti­on dem Wes­ten nur ein paar Trip­pel­schrit­te vor­aus. Genau des­halb ist die Debat­te über den Osten so rele­vant: Hier – wie zum Teil in Ost­eu­ro­pa – sehen wir Ent­wick­lun­gen, die euro­pa­weit dro­hen, wenn nicht end­lich mal gegen­ge­steu­ert wird. Das kön­nen Sie an vie­len demo­sko­pi­schen Unter­su­chun­gen sehen und übri­gens auch an den Wahl­um­fra­gen der AfD. Die liegt im Osten bei 30 Pro­zent, im Wes­ten steht sie aber mitt­ler­wei­le auch bei 15 Pro­zent, der Wes­ten zieht nach. Des­we­gen sind der Ost­deutsch­land-Dis­kurs und Debat­ten über Son­ne­berg wich­tig: Wir kön­nen hier erle­ben, was uns in ganz Deutsch­land erwar­tet, wenn wir nicht end­lich mal gegensteuern.

taz, 03.07.2023: „Ilko-Sascha Kowal­c­zuk über den Osten: „Wer Nazis wählt, ist ein Nazi“

Das ist genau mei­ne Mei­nung. Ein Punkt, den ich hier in die­sem Blog und auch auf Mast­o­don zu ver­mit­teln ver­su­che. Also alles prims­tens? Nein, lei­der nicht, denn es gibt komi­sche Stel­len im Interview.

Ilko-Sascha Kowal­c­zuk hat in der #DDR #Nazi-Äuße­run­gen gegen geis­tig Behin­der­te gehört und lei­tet dar­aus ab, dass die DDR ein prä­fa­schis­ti­scher Staat war. 

Das fin­de ich ein biss­chen schnell geschos­sen. Sol­che Bemer­kun­gen wird es sowohl im Wes­ten wie im Osten geben, die Erzie­hung, die ich in mei­nen Schu­len hat­te, war aber zutiefst huma­nis­tisch. Die #Eutha­na­sie-Mor­de der #Nazis und ihre Ver­bre­chen wur­den im Unter­richt bespro­chen (sie­he auch Der Ossi und der Holo­caust).

Ich habe in Ber­lin-Buch gewohnt. WBS70. Im unters­ten Stock­werk haben in all den Häu­sern Rollstuhlfahrer*innen gewohnt. Es gab und gibt immer noch hin­ten an den Häu­sern spe­zi­el­le Zufahrts­we­ge, über die Men­schen mit Rol­lis leicht in die Woh­nun­gen gelan­gen konn­ten. Sie­he rote Lini­en auf der Kar­te. Fahr­stüh­le gab es in den Fünf­ge­schos­sern vor der Wen­de nicht. Für Men­schen mit Roll­stuhl kamen also nur die Erge­schoss­woh­nun­gen in Fra­ge. Die Zufahr­ten wur­den beim Neu­bau der Blö­cke 1974–1976 eingerichtet. 

Woh­nun­gen für Behin­der­te mit Zufahrts­ram­pen in Ber­lin Buch.

Das waren also struk­tu­rel­le Maß­nah­men im Zuge des Woh­nungs­baus. Das fol­gen­de Bild zeigt, dass beim Ent­wurf des WBS 70-Sys­tems, das in der DDR in den 70er Jah­ren ent­wi­ckelt und dann für den Bau von 644 900 Woh­nun­gen ver­wen­det wur­de, Erd­ge­schoss­woh­nun­gen für Rollstuhlfahrer*innen und Men­schen mit Behin­de­run­gen ein­ge­plant wurden.

Woh­nungs­grund­ris­se für Woh­nun­gen für Roll­stuhl­fah­rer und Behin­der­te in den WBS 70-Planungen

Ich habe von 1976 bis 1986 in dem Block gemein­sam mit vie­len Rolli-Fahrer*innen gelebt und nie irgend­ein böses Wort gehört. 

Ein geis­tig behin­der­ter Jun­ge fuhr immer mit dem Bus vom Bahn­hof Buch zum Lin­den­ber­ger Weg und zurück. Tag­aus, tag­ein. Ohne Beglei­tung. Manch­mal durf­te er die Türen auf und zuma­chen. Er hat sich sehr gefreut. Er hat­te eine brau­en Kunst­le­der­ta­sche dabei, die er als Lenk­rad benut­ze. Er saß immer in der ers­ten Rei­he vorn neben dem Fah­rer. Spä­ter habe ich ihn auch ab und zu in der S‑Bahn getrof­fen. Das war alles ganz normal.

Dass ich nie irgend­was Böses gehört habe, schließt natür­lich nicht aus, dass es böse Bemer­kun­gen gege­ben hat. Wenn man mit Behin­der­ten unter­wegs ist, gibt es ja viel mehr Begeg­nun­gen. Nur ist es eben nicht wahr, wenn behaup­tet wird, alle Behin­der­ten sei­en weg­ge­sperrt wor­den oder beschimpft worden.

Ins­ge­samt scheint es mir sehr weit her­ge­holt, aus Begeg­nun­gen mit behin­der­ten­feind­li­chen Men­schen zu schlie­ßen, dass man in einem prä­fa­schis­ti­schen Staat lebt.

Der Nut­zer Peer schreibt dazu auf Mastodon:

War­um so vor­sich­tig in dei­ner Kri­tik? Kowal­c­zuks Schluss­fol­ge­run­gen sind nicht nur „etwas weit her­ge­holt“, son­dern Non­sens. Vor­aus­ge­setzt das taz-Inter­view gibt sei­ne Aus­sa­gen zutref­fend wieder.

Ich leh­ne mich mal weit aus dem Fens­ter: Es gibt kein ein­zi­ges Land auf der Welt, in dem die best­mög­li­chen staat­li­chen Inklu­si­ons­be­mü­hun­gen ver­hin­dern wür­den, dass sich Men­schen nega­tiv über behin­der­te Men­schen äußern. Dem­nach wären die­se Län­der alle prä­fa­schis­tisch nach der Kowalczuk-Definition.

Geschich­ten­er­zäh­ler Kowal­c­zuk schließt von meh­re­ren Ein­zel­erfah­run­gen auf strukturelle/staatliche Pro­ble­me und dar­aus wie­der auf Prä-Faschismus.

In der Christ­bur­ger Stra­ße im DDR-Prenz­lau­er Berg gab es einen pri­va­ten Hand­wer­ker (Leder­gür­tel, Schuh­ma­cher so was in der Art). Die hat­ten ein Kind mit Down-Syn­drom, das sich dort sicht­bar im bzw. vor dem Laden beschäf­tig­te, ohne dass die Eltern immer selbst sicht­bar waren. Hät­te das zu nega­ti­ven Reak­tio­nen geführt, hät­ten sie das ihrem Kind ver­mut­lich nicht zuge­mu­tet. Jeden­falls wur­de es nicht ver­steckt und war auch nicht im Heim. (Geis­tig behin­dert und pri­va­ter Hand­wer­ker gleich 2x nicht Main­stream in der DDR).

Ande­res Bei­spiel: Sebas­ti­an Urban­ski hat eben­falls das Down-Syn­drom. “Als er 1986 in Pan­kow ein­ge­schult wur­de, gal­ten Kin­der wie er in der DDR als „bil­dungs­un­fä­hig“. Doch sei­ne Eltern hat­ten ihm einen Schul­platz erstrit­ten.” https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/holocaust-gedenktag-2017-mit-sebastian-urbanski-spricht-erstmals-ein-mensch-mit-down-syndrom-im-bundestag-li.29544

Pan­kow war ein Stadt­be­zirk in der DDR. Ist natür­lich nicht so pos­ti­tiv, dass er in der Schu­le nicht sofort mit offen Armen auf­ge­nom­men wur­de, aber das war zu der Zeit im Wes­ten sicher auch nicht so. Ent­schei­den­der dürf­te aber sein, dass sei­ne Eltern sich gegen die „prä­fa­schis­ti­sche Dik­ta­tur“ durch­ge­setzt haben. Wie geht denn das? Wür­de mich nicht wun­dern, wenn der deut­sche Rechts­staat zu die­ser Zeit noch sehr viel effek­ti­ver dar­in war, den Zugang zur Regel­schu­le zu verhindern.

In Ham­burg soll es jeden­falls erst seit dem Schul­jahr 2010 das Recht für Schü­ler mit Down-Syn­drom geben, all­ge­mei­ne Schu­len zu besu­chen. https://kidshamburg.de/down-syndrom/das-kind-mit-down-syndrom-in-der-schule/ Das wären immer­hin „nur“ 36 Jah­re nach der west­deut­schen TV-Serie „Unser Wal­ter“, die angeb­lich sehr zur Sen­si­bi­li­sie­rung im Wes­ten bei­getra­gen hat.

Übri­gens: Im Osten wur­de auch West­fern­se­hen geschaut, bis auf mar­gi­na­le regio­na­le Aus­nah­men. – Soll­te man viel­leicht nicht ignorieren.

s.a. https://behinderung-ddr.de/lebenswelten/familie

Nut­zer Peer in Dis­kus­si­on auf Mast­o­don, 05.07.2023

Der Arti­kel ent­hält noch eini­ge nicht beleg­te All­aus­sa­gen, z.B. über Nazis in der NVA, die eben­falls auf Mast­o­don dis­ku­tiert wur­den. Die feh­len­de Auf­ar­bei­tung der Nazi­ver­bre­chen im Osten im Gegen­satz zur Auf­ar­bei­tung im Wes­ten durch die 68er ist auch ein The­ma im Inter­view. Hier­zu möch­te ich nur kurz auf mei­nen Blog-Bei­trag Der Ossi und der Holo­caust ver­wei­sen, der ein ziem­lich genau­es Bild zeich­net, wann wel­che Auf­ar­bei­tungs­schrit­te erfolg­ten, was an Wis­sen über die Ver­bre­chen der Nazis in der Bevöl­ke­rung vor­han­den war und in dem man auch die Unter­schie­de zum Wes­ten sehen kann (Bei­spiel Aus­strah­lung der Serie Holo­caust und Bay­ri­scher Rund­funk, sowie Skan­dal um Wehrmachtsausstellung).

Die Dis­kus­si­on auf Mast­o­don hat­te sich gera­de ein wenig beru­higt, da erschien die­ser Leser­brief in der taz:

Bezeich­nend für die Wahr­neh­mung behin­der­ter Men­schen durch DDR-Bür­ger ist, dass die im Inter­view erwähn­te west­deut­sche, auch „ drü­ben“ zu emp­fan­gen­de ZDF Fern­seh­se­rie „Unser Wal­ter“ in der DDR ent­ge­gen der Inten­ti­on der Sen­dung dis­kri­mi­na­to­risch benutzt wur­de. „Mein Gott, Wal­ter“ sag­ten die Leu­te zum Bei­spiel, wenn jemand unge­schickt han­del­te. Die faschis­ti­schen Nar­ra­ti­ve vom gesun­den Volks­kör­per wur­den in der DDR eben nur abge­sägt, aber Wur­zel und Nähr­bo­den blie­ben wei­test­ge­hend unangetastet.

Leser­brief von Wolf­ram Hasch, Ber­lin in der taz, 12.07.2023

Die­ser Brief ist so haar­sträu­bend! Die Redens­art kommt von einem Lied von Mike Krü­ger von 1975, in dem es um einen Walt­her mit „th“ geht, der der Ver­wal­ter eines Miets­hau­ses ist.

Das könn­te man ken­nen, wenn man in der Bun­des­re­pu­blik oder in der DDR auf­ge­wach­sen ist. Mike Krü­ger ist ein deut­scher Komi­ker aus Ulm. Mein Gott, Walt­her war 32 Wochen auf Platz 1 der deut­schen Album-Charts und wur­de über 250.000 mal ver­kauft (sie­he Wiki­pe­dia). Im Osten ist die Plat­te sicher auf Kas­set­ten kopiert und wei­ter­ge­reicht worden. 

So und zum Schluss, weil ich gera­de so schön in Schwung bin, kommt jetzt mein Leser­brief in mei­ner pri­va­ten Ossi-Bild-Zeitung.

Mein Leserbrief in meiner Zeitung (Sarkasmus)

Ich habe kurz vor Coro­na noch eini­ge Ama­zon-Akti­en gekauft und bin dadurch unglaub­lich reich gewor­den. Ich habe mich dafür sehr geschämt und das meis­te Geld an die Deut­sche Umwelt­hil­fe gespen­det. Vom Rest habe ich eine Zei­tung für Ost­deut­sche auf Bild-Niveau gegrün­det. Die ist natür­lich, was die Redak­ti­on angeht, total unab­hän­gig von ihrem Besit­zer, so wie die Washing­ton Post auch. Aber ab und zu ver­öf­fent­li­che ich einen Leser­brief. Hier mei­ner zu Mein Gott, Walther.

Betrifft Bei­trag „Im Wes­ten alles Nazis?“

Ihren Aus­füh­run­gen zu den faschis­ti­schen Umtrie­ben in den alten Bun­des­län­dern der BRD kann ich nur zustim­men. Zu denen von Ihnen bereits erwähn­ten Nazi-Struk­tu­ren im Ver­fas­sung­schutz, in der Armee, in der Poli­zei und der noto­ri­schen Blind­heit der Jus­tiz auf dem rech­ten Auge, sowie der trotz Par­tei­aus­schluss­ver­fah­ren mit Mehr­heit als AfD-Lan­des­vor­sit­zen­de von Schles­wig-Hol­stein wie­der­ge­wähl­ten Poli­ti­ke­rin Doris von Sayn-Witt­gen­stein mit Kon­takt zu Holo­caust-Leug­ne­rin möch­te ich noch fol­gen­de uner­hör­te Bege­ben­heit hin­zu­fü­gen: 1974 begann das Fern­se­hen der BRD mit der Aus­strah­lung der Fern­seh­se­rie „Unser Wal­ter“, in der das Leben mit einem Kind mit Behin­de­rung the­ma­ti­siert wur­de. Nur kurz dar­auf erschien eine Schall­plat­te mit dem Titel „Mein Gott, Walt­her“, in dem Men­schen ver­höhnt wer­den, denen ab und zu Din­ge miss­lin­gen. Der Zusam­men­hang zur Fern­seh­se­rie wur­de durch die Ände­rung der Schrei­bung des Wor­tes „Walt­her“ nur ober­fläch­lich kaschiert. Die faschis­ti­sche Grund­hal­tung der Bür­ger der BRD kann man auch dar­an erken­nen, dass sich die­ses Mach­werk eines west-deut­schen Komi­kers über 250.000 mal ver­kauft hat. Das Lied war übri­gens wie immer noch auf you­tube abruf­ba­re Vide­os zei­gen, auch im öster­rei­chi­schen Fern­se­hen zu sehen, aber dass in die­sem Land sogar die Künst­ler Nazis sind, wis­sen wir ja spä­tes­tens seit dem Erschei­nen von „Mein Kampf“!

Mit anti­fa­schis­ti­schen Grü­ßen aus Ost-Ber­lin Ste­fan Müller

Ist absurd, oder? Aber nicht absur­der als der Leser­brief, den die taz gedruckt hat.

DDR vs. Iran, Folter und Röntgenstrahlung

In der Bahn saß ein Mann hin­ter mir und erklär­te einer Frau, die zufäl­lig neben ihm saß, die Welt. Er war ein Öko, hat­te schon diver­se Peti­tio­nen und Kla­gen gestar­tet, aber es dran­gen auch immer wie­der merk­wür­di­ge Din­ge an mein Ohr (Ich ver­such­te, ein Buch zu begut­ach­ten und das aus­zu­blen­den .…). Jeden­falls hat­te er die DDR mit dem Iran ver­gli­chen und von Fol­ter gespro­chen. Mein Wis­sens­stand war so, dass es zum Ende der DDR fast kei­ne phy­si­sche Fol­ter gab, dafür aber aus­ge­klü­gel­te psy­chi­sche Zer­set­zung. Bis in Fami­li­en hinein.

Das kann man hier nachlesen:

https://www.demokratie-statt-diktatur.de/stasi-und-die-menschenrechte/wuerde-des-menschen/

Es gab in Pots­dam eine Sta­si-Hoch­schu­le mit ent­spre­chen­den Abschlussarbeiten.

Ich habe ihm das gesagt und er mein­te: Ja, aber die Sta­si habe Rönt­gen­strah­lung eingesetzt!

Irgend­wann hat er dann auch sei­ner Sitz­nach­ba­rin erzählt, wie toll das doch mit dem Inter­net sei, da kön­ne man das alles nach­le­sen. Dum­mer­wei­se woll­te ich mein Buch wei­ter­le­sen. Ich hät­te gleich mal nach­gu­cken sol­len. Es gibt höchst inter­es­san­te his­to­ri­sche Unter­su­chun­gen aus den 90ern zu den Rönt­gen­ge­rä­ten und dem Ein­satz radio­ak­ti­ver Mate­ria­li­en durch die Sta­si (Eisen­feld et. al. 2002).

Kurz: Das mit den Rönt­gen­ge­rä­ten ist Quatsch. Zer­rüt­tung fin­det man auch in die­sem Bericht und es gibt noch ganz vie­le inter­es­san­te Sachen zu Spio­na­ge, Ein­satz von Strah­lung an der Gren­ze, Zusam­men­ar­beit mit wis­sen­schaft­li­chen Insti­tu­tio­nen usw.

Die Sta­si hat zum Bei­spiel West­geld radio­ak­tiv mar­kiert, weil sie raus­fin­den woll­te, wer die Schei­ne aus den Brie­fen klaut. Ich dach­te ja immer, dass Post und Sta­si prak­tisch eins waren und dass die eben ab und zu Sachen aus Brie­fen und Pake­ten genom­men haben.

Den Post­ler haben sie geschnappt, aber 12 Schei­ne blie­ben ver­schwun­den. Wahr­schein­lich hat­te die in Wirk­lich­keit der Chef und das konn­te ja nicht in den Akten doku­men­tiert werden. =:-)

Die radio­ak­ti­ve Mar­kie­rung von Geld­schei­nen und deren Ergeb­nis ist in einem
wei­te­ren Fall belegt.124 Er doku­men­tiert einen gera­de­zu kri­mi­nell fahr­läs­si­gen Umgang des MfS mit radio­ak­ti­ven Sub­stan­zen. Auf­ge­deckt und nach­ge­wie­sen wer­den soll­te der Dieb­stahl von West­geld aus Post­sen­dun­gen. Dazu prä­pa­rier­ten Mit­ar­bei­ter des OTS am 4. Mai 1988 20 5 DM-Schei­ne mit dem »Wolke«-Mittel 113 (jeweils belas­tet mit einer Akti­vi­tät von 60 uCI), steck­ten sie in Brief­ku­verts und schick­ten sie einen Tag spä­ter, wie es heißt, »ope­ra­tiv in den Post­ka­nal«. Tat­säch­lich konn­te ein Mit­ar­bei­ter der Post des Dieb­stahls überführt und festge­nommen wer­den. Es konn­ten bei ihm aber nur acht der zwan­zig prä­pa­rier­ten Geld­schei­ne sicher­ge­stellt ‑wer­den. Zwölf der kon­ta­mi­nier­ten 5 DM-Schei­ne blie­ben ver­schwun­den und gaben den betei­lig­ten MfS-Mit­ar­bei­tern Anlaß zu ei­nigem Kopf­zer­bre­chen. Ihren Berech­nun­gen zufol­ge ver­ur­sach­te das Tra­gen auch nur eines die­ser Schei­ne am Kör­per über einen Zeit­raum von drei Mona­ten eine Belas­tung von 200 rem, »was ins­be­son­de­re im Gona­den­be­reich spä­te­re Wirkun­gen bei Jugend­li­chen ver­ur­sa­chen könnte«.125 Die­se Dosis wür­de jedoch, so heißt es, inner­halb eines Jah­res infol­ge der Zer­falls­zeit auf 16 rem sin­ken und wäre da­ nach »aus unse­rer Sicht ungefährlich«.126 Ande­rer­seits muß­te ein­ge­räumt wer­ den, daß alles auch davon abhing, wie die betref­fen­den Per­so­nen mit den Schei­nen umgin­gen. Wür­de eine Per­son meh­re­re die­ser Schei­ne am Kör­per tra­gen, so bestün­de die Gefahr einer »ver­viel­fach­ten« Belas­tung und »von Spätschäden an begrenz­ten Körperteilen«.127 Wenn man in Rech­nung stellt, daß die radio­ak­tiv mar­kier­ten Geld­schei­ne mög­li­cher­wei­se auch in die Hände von Klein­kin­dern oder schwan­ge­ren Frau­en fal­len konn­ten, so muß die­sem Mar­kie­rungs­ver­fah­ren ein gemein­ge­fähr­li­cher Cha­rak­ter beschei­nigt wer­den. Ob die Bemü­hun­gen des MfS, die zwölf feh­len­den radio­ak­tiv prä­pa­rier­ten Geld­schei­ne wie­der aufzufin­den, Erfolg hat­ten, ist nicht doku­men­tiert – und das spricht eher für ein nega­ti­ves Ergebnis.

Eisen­feld et al. 2002, Pro­jekt­be­richt »Strah­len« Ein­satz von Rönt­gen­strah­len und radio­ak­ti­ven Stof­fen durch das MfS gegen Oppo­si­tio­nel­le – Fik­ti­on oder Realität

Und obwohl offi­zi­ell die radio­ak­ti­ven Wol­ken einen Umweg um die DDR gemacht hat­ten, hat die Sta­si für ihre Track­ing-Aktio­nen einen #Tscher­no­byl-Auf­schlag berech­net und die Strah­lungs­do­sis erhöht:

Die Dosis von jeweils 450 uCi (gesamt 1,9 mCi) war so stark, daß auch »von außen […] in der Woh­nung gear­bei­tet« wer­den konnte.130 Außer­dem wur­de, wie es heißt, »der infol­ge der KKW-Hava­rie [gemeint ist offen­sicht­lich Tscher­no­byl] erhöh­te Strah­lungs­un­ter­grund […] rech­ne­risch berücksichtigt.«131 Am sel­ben Tag wur­den der Ent­wick­lungs­in­ge­nieur und sei­ne Frau in der Woh­nung und der West­ber­li­ner eine Stun­de spä­ter an der Grenz­über­gangs­stel­le über­ führt und fest­ge­nom­men. Der Ein­satz der bereit­ge­stell­ten »Wol­ke-Mit­tel« lag in der Regie der Abtei­lung 26. Der Erfolg brach­te Haupt­mann Thie­le­mann, der als Mit­ar­bei­ter des OTS die prak­ti­sche Mar­kie­rung durch­führ­te, noch am sel­ben Tag einen Prä­mi­en­vor­schlag in Höhe von 400 Mark ein.

Eisen­feld et al. 2002, Pro­jekt­be­richt »Strah­len« Ein­satz von Rönt­gen­strah­len und radio­ak­ti­ven Stof­fen durch das MfS gegen Oppo­si­tio­nel­le – Fik­ti­on oder Realität

Die haben auch den Boden von Oppo­si­ti­ons­treff­punk­ten prä­pa­riert, so dass die Leu­te das Zeug dann an den Schu­hen hatten.

Oder Manu­skrip­te von Oppo­si­tio­nel­len radio­ak­tiv mar­kiert und dann geguckt, bei wem das im Wes­ten bzw. im Ost­block ange­kom­men ist.

Schon irre alles. Aber die Unter­su­chun­gen haben eben erge­ben, dass Rönt­gen­strah­lung nicht gezielt zur Schä­di­gung von Per­so­nen ein­ge­setzt wurde.

Quellen

Eisen­feld, Bernd & Auer­bach, Tho­mas & Weber, Gud­run & Pflug­beil, Sebas­ti­an. 2002. Pro­jekt­be­richt »Strah­len« Ein­satz von Rönt­gen­strah­len und radio­ak­ti­ven Stof­fen durch das MfS gegen Oppo­si­tio­nel­le – Fik­ti­on oder Rea­li­tät. Ber­lin: Bun­des­ar­chi­v/Sta­si-Unter­la­gen-Archiv. (http://www.nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0292–97839421308513)

Das Recht auf Wür­de des Men­schen. 2023. Demo­kra­tie statt Dik­ta­tur. (https://www.demokratie-statt-diktatur.de/stasi-und-die-menschenrechte/wuerde-des-menschen/)

Das Theater mit dem Gendern

Prof. (em) Dr. Hei­de Wege­ner schreibt Arti­kel über das Gen­dern in der WeLT und schickt sie dann an Kolleg*innen. Ich habe auf die­sem Blog schon öfter über das Gen­dern geschrie­ben. Obwohl ich der Mei­nung bin, dass Fra­gen der Gleich­be­rech­ti­gung letzt­end­lich Fra­gen der öko­no­mi­schen Abhän­gig­keit sind, gen­de­re ich inzwi­schen auch (Gen­dern, arbei­ten und der Osten). Da Hei­de Wege­ner in ihren Arti­keln auch immer wie­der Ost-The­men anspricht (z.B. den Gen­der Pay-Gap in Ost und West), kann ich nicht anders als die Arti­kel hier zu kommentieren.

Vor­weg: Der Bei­trag War­um Maria Stuart nicht mehr „König“ sein darf ent­hält zu einem gro­ßen Teil Argu­men­te, die in Ihrem ers­ten Bei­trag Wo gegen­dert wird, ist die Lohn­lü­cke grö­ßer bereits ent­hal­ten waren. Und das trotz mei­ner Dis­kus­si­on mit ihr (Post 1, Post 2). Hei­de Wege­ner muss sich also eine gewis­se Fak­ten­re­sis­tenz vor­wer­fen lassen.

Im jüngs­ten Auf­satz dis­ku­tiert Hei­de Wege­ner das Gen­dern an Thea­tern. Hier­zu eini­ge Anmerkungen:

noch dazu mit For­men, die nach gel­ten­der Recht­schrei­bung falsch sind,

Die gegen­der­ten For­men sind nicht falsch. Es gibt dafür nur noch kei­ne Nor­mie­rung. Der Rat für Deut­sche Recht­schrei­bung hat in sei­ner Äuße­rung dazu fest­ge­hal­ten, dass er eine Nor­mie­rung zum jet­zi­gen Zeit­punkt nicht für sinn­voll hält.

Der Rat hat vor die­sem Hin­ter­grund die Auf­nah­me von Aste­risk („Gen­der-Stern“), Unter­strich („Gen­der-Gap“), Dop­pel­punkt oder ande­ren ver­kürz­ten For­men zur Kenn­zeich­nung mehr­ge­schlecht­li­cher Bezeich­nun­gen im Wort­in­nern in das Amt­li­che Regel­werk der deut­schen Recht­schrei­bung zu die­sem Zeit­punkt nicht empfohlen.

Geschlech­ter­ge­rech­te Schrei­bung: Emp­feh­lun­gen vom 26.03.2021

Hier kann man sich das von einem Voll­ju­ris­ten erklärt noch mal genau durch­le­sen: Kol­ter (2023). Noch mal zum Ver­ständ­nis die­ser Aus­sa­ge: Wenn etwas nicht nor­miert ist, gibt es ein­fach kei­ne offi­zi­el­le Regel für die Schrei­bung. Zum Bei­spiel ist das Jugend­wort des Jah­res 2021 sus in allen Aus­ga­ben des Dudens vor 2021 nicht ent­hal­ten. Wie auch? Den­noch gibt es natür­lich Kon­ven­tio­nen für die Schrei­bung. Aber kei­ne ver­bind­li­che Reg­lung. Viel­leicht wird/wurde es in spä­te­re Auf­la­gen auf­ge­nom­men. Genau­so könn­te eine Nor­mie­rung für „mehr­ge­schlecht­li­che Bezeich­nun­gen“ eines Tages erfolgen.

Und jetzt zum Kulturteil:

Bedau­er­lich ist, dass der Wes­ten 1989 nicht wenigs­tens in der Spra­che dem Osten gefolgt ist. Das Gegen­teil ist der Fall, wie fol­gen­de Bele­ge zei­gen.
Die Thea­ter in Ber­lin Mit­te ste­hen der Char­lot­ten­bur­ger Schaubühne in punc­to Gen­dern in nichts nach, sie unter­schei­den sich ledig­lich durch das gra­phi­sche Zei­chen mit­ten im Wort, statt des Unter­strichs _ wird ein Dop­pel­punkt : eingefügt und wir erhal­ten am Deut­schen Thea­ter Aktivist:innen, Mechaniker:innen, Tüftler:innen, Künstler:innen, sogar in Zusam­men­set­zun­gen, Kurator:innenteam, Autor:innentheatertage bzw am BE Zuschauer:innen, Freund:innen, und sogar Gäst:innen wird wiederbelebt.

Das ist ein lus­ti­ges State­ment und es ist genau­so schräg wie die Aus­füh­run­gen zum Gen­der-Pay-Gap. Man kann in Wiki­pe­dia leicht eine Lis­te der Inten­dan­ten (kei­ne wei­ter Endung nötig) des Deut­schen Thea­ters und des Ber­li­ner Ensem­bles finden: 

Deut­sches Thea­ter:

Ber­li­ner Ensem­ble:

Die Volks­büh­ne und das Maxim-Gor­ki-Thea­ter hat Hei­de Wege­ner nicht erwähnt. Viel­leicht gen­dern die nicht oder sie hat­te kein Pro­gramm­heft. Der Voll­stän­dig­keit hal­ber hier auch die Intendant*innen:

Volks­büh­ne:

Maxim-Gor­ki-Thea­ter:

Seit dem Aus­schei­den der Ossis, sind die Pos­ten am BE und DT mit Aus­nah­me von Ste­phan Susch­ke alle von West-Män­nern besetzt gewe­sen. Am Gor­ki-Thea­ter hat es immer­hin eine Frau geschafft. Auch die ist nicht aus dem Osten. Man muss also bei Ost-West-Ent­wick­lun­gen ein biss­chen genau­er hin­gu­cken. Was man auch her­aus­be­kom­men müss­te, bevor man sol­che State­ments ver­öf­fent­licht, ist, wie das in den Häu­sern gere­gelt ist. Kann jeder schrei­ben, wie er bzw. sie will oder gibt es Haus­re­geln für das Gen­dern? Das mach­te einen gewal­ti­gen Unter­schied. Dazu unten mehr.

Wege­ner wie­der­holt ihr Argu­ment aus dem frü­he­ren Aufsatz:

Etwa stellt die Paar­form Schüler und Schülerinnen für Spre­cher, für die „Schu­le“ ganz selbstverständlich Jun­gen und Mädchen ein­schließt (in Deutsch­land, nicht in Afgha­ni­stan!), kei­nen kom­mu­ni­ka­ti­ven Nut­zen, son­dern eine Zumu­tung dar. Für sie ist die Infor­ma­ti­on, dass neben Schülern auch Schülerinnen gemeint sind, überinformativ und führt des­halb zu Ver­druss. Denn sie verstößt gegen Gri­ces Zwei­te Kon­ver­sa­ti­ons­ma­xi­me der Quantität: „Do not make your con­tri­bu­ti­on more infor­ma­ti­ve than is required.“

Das Argu­ment ist aber lei­der falsch. Für den kon­kre­ten Fall mag es zutref­fend sein, dass kei­ne neue Infor­ma­ti­on in Bezug auf die Grup­pen­zu­sam­men­set­zung mit­ge­lie­fert wird. Nur ist Spra­che eben ein Sys­tem und wenn ansons­ten gegen­dert wird bzw. Paar­for­meln ver­wen­det wer­den, dann wäre hier das Weg­las­sen die­ser län­ge­ren mar­kier­ten Form ein Signal. Es ist alles nicht so ein­fach mit der Pragmatik.

Geglückte Kom­mu­ni­ka­ti­on setzt vor­aus, dass die Infor­ma­ti­on eine Informationslücke schließt, dass beim Gesprächspartner eine Lücke, Unwis­sen­heit also besteht. Eine Infor­ma­ti­on, die kei­ne Lücke schließt, ist nicht nur überflüssig, sie ist belei­di­gend. Denn so dumm ist der Hörer nicht und will auch nicht so behan­delt wer­den. Schon gar nicht mit mora­lisch erho­be­nem Zeigefinger.

Bei Kom­mu­ni­ka­ti­on geht es nicht unbe­dingt um das Schlie­ßen von Infor­ma­ti­ons­lü­cken. Spra­che und Spre­chen hat vie­le Funk­tio­nen. Das müss­te Hei­de Wege­ner auch wis­sen. Eine der Funk­tio­nen des Gen­derns nennt sie ja in ihrem Arti­kel selbst: „Gen­dern dient der Image­pfle­ge, es soll den Spre­cher als woke, als pro­gres­siv ausweisen“.

Woher weiß Hei­de Wege­ner, was Hörer*innen wol­len? Das Gen­dern ist eine Sprach­va­ri­an­te und was Gendern-Gegner*innen tun, ist, Men­schen, die anders spre­chen, zu erklä­ren, war­um sie das, was sie tun, falsch fin­den. Das ist irgend­wie ein inter­es­san­ter Turn in der moder­nen Sprach­wis­sen­schaft, denn eini­ge mei­ner Held*innen erklä­ren nun, dass das, was Sprecher*innen tun, gar nicht gin­ge, denn es sei gegen das Sys­tem der Spra­che. Gegen die Theo­rien, die sie Zeit ihres Lebens aus­ge­ar­bei­tet haben. All die groß­ar­ti­gen Grammatiker*innen wie Bier­wisch, Eisen­berg, Klein, Wege­ner, Wun­der­lich machen einen ent­schei­den­den Feh­ler: Sie schrei­ben ande­ren Men­schen vor, was sie zu tun oder zu las­sen haben. Das ist preskrip­ti­ve, nor­ma­ti­ve Lin­gu­is­tik. Wir waren uns aber eigent­lich immer einig, dass wir deskrip­ti­ve Lin­gu­is­tik machen. Das heißt, wir beschrei­ben das, was Men­schen tun. Die Gra­phe­ma­tik beschäf­tigt sich mit Schreib­va­ri­an­ten. Mit dem, was Men­schen tun. In Blogs und Foren. Die Recht­schreib­feh­ler von heu­te sind die Ortho­gra­phie von mor­gen. Genau­so müs­sen wir als Syntaktiker*innen unse­re Theo­rien ändern, wenn sie nicht mehr passen.

Ob die deut­sche Spra­che durch Gen­der­for­men ernst­haft Scha­den nimmt, kann man erst dann beurteilen.

Das kann doch nicht sein. Das ist bes­te deut­sche Sprach­pfle­ger­ver­ein-Schrei­be. Haben wir die­se Leu­te nicht immer belä­chelt? Wie kann denn die Spra­che Scha­den neh­men? Was soll das denn bedeu­ten? Weil Men­schen ande­res spre­chen, geht die Spra­che kaputt? Dann spre­chen sie eben anders. Wenn es irgend­wann nicht mehr passt, wird es abge­baut oder es bil­den sich ande­re, neue For­men. Nur weil es so ist, wie wir es nicht gewöhnt sind, so, dass es nicht zu unse­ren Theo­rien passt, ist es noch lan­ge nicht kaputt.

Gen­dern ist eine Mode, und Moden sind end­lich. […] Auch die­se Mode wird, wie alle Moden, irgend­wann untergehen.

Aber, lie­be Hei­de, dann ent­spann Dich doch. Genie­ße Dei­nen Lebens­abend und war­te, bis es vor­bei ist. Ich ver­ste­he die Auf­re­gung nicht.

Dein Unbe­ha­gen an der Ver­wen­dung des Par­ti­zips tei­le ich. Aber man kann ja auf ande­re Wei­se gen­dern. Auch die­se Text­tei­le sind Wie­der­ho­lun­gen aus dem ers­ten Auf­satz und die Rad­fah­ren­den kom­men hier wie­der vor. Des­halb hier ein Kom­men­tar dazu:

Die­sel­ben Leu­te, die so viel von Dif­fe­ren­zie­rung reden, opfern die durch­aus sinn­vol­le Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen der Bezeich­nung für eine aktu­el­le Tätigkeit und der für die Rol­le: wie kann ich, ohne gene­ri­sches Mas­ku­li­num, noch sagen, dass „nicht alle Zuhörer auch Zuhörende waren“? Gilt das Schild „Rad­fah­rer abstei­gen“ nicht auch für mich? Rad­fah­rer bin ich auch dann, wenn ich mein Rad schie­be, aber Rad­fah­ren­de eben nicht.

Das Argu­ment ver­ste­he ich nicht. Wenn Du Dein Rad schiebst, musst Du nicht mehr abstei­gen. Viel­leicht wäre rol­lern hier bes­ser für die Argu­men­ta­ti­on: Auch wenn Du nicht rad­fährst, sollst Du nicht auf dem Rad sit­zend durch die Fuß­gän­ger­zo­ne rol­lern. Also „Radfahrer*innen abstei­gen!“. Pro­blem ist hier die Län­ge. Bis man das gele­sen hat, ist man schon vor­bei gera­delt. „Abstei­gen!“ mit Fahr­rad­ver­bots­zei­chen ist eigent­lich ausreichend.

Auch in den News­let­tern und Pro­gramm­hef­ten der Thea­ter schaf­fen es eini­ge Wörter, in der Grund­form zu überleben, beim BE bei­spiels­wei­se Regis­seu­re, Migran­ten, Juden, beim DT sogar die Bürger. Absicht­lich oder ver­se­hent­lich? Aus­schlie­ßen kann man wohl, dass mit die­sen For­men nur Männer gemeint sind. 

Das ist auch ein inter­es­san­tes Argu­men­ta­ti­ons­mus­ter, das ich aus der Kli­ma­dis­kus­si­on ken­ne: Die Gegener*innen von XY fin­den irgend­wo bei Aktivist*innen einen klei­nen Feh­ler und lei­ten dar­aus ab, dass sie damit wohl nicht für Kli­ma­schutz sein könn­ten, denn sonst wür­den sie ja (nicht) YZ.

Hier for­dert ein Gen­der-Kri­ti­ker (Nein, das geht bei mir nicht mehr, ich muss eine Gen­der-Kri­ti­ke­rin schrei­ben, denn, lie­be Hei­de, das ist Sprach­wan­del, auch wenn Ihr das bestrei­tet.), dass Insti­tu­tio­nen kon­se­quent gen­dern. Aber selbst die taz gen­dert nicht kon­se­quent. Sie stellt es ihren Autor*innen frei. Und so muss das auch sein.

Den Feh­ler habe ich übri­gens selbst auch gemacht. In der Zeit, in der ich noch nicht gegen­dert habe, habe ich mich über einen taz-Arti­kel auf­ge­regt, in dem von Die­ben und Mör­dern gespro­chen wur­de, obwohl es um ein Straf­la­ger für Frau­en ging, in dem Die­bin­nen und Mör­de­rin­nen inhaf­tiert waren. Aber es schreibt eben nicht „die taz“, son­dern ver­schie­de­ne Autor*innen in der taz. Man­che leh­nen das Gen­dern kon­se­quent ab, ande­re tun es bis zum Abwinken.

Prof. Dr. Hel­muth Feil­ke (2022) argu­men­tiert übri­gens für ein maß­vol­les Gen­dern. Das Gen­dern setzt ein Signal. Es reicht aus, wenn nicht alle For­men gegen­dert wer­den, son­dern ab und zu das Signal an die Empfänger*innen geschickt wird.

Dar­aus darf man den Schluss zie­hen, dass man das Gan­ze nicht so ernst neh­men soll­te. Alles nur Theater.

Ja. Durch­sa­ge an alle: Ent­spannt Euch!

Wer­be­kar­te einer Ent­span­nungs­trai­ne­rin auf ver­zo­ge­nem Holztisch.

Nachtrag

Ich bin gegen Sprach­re­ge­lun­gen. Das Gen­dern soll­te nie­man­dem vor­ge­schrie­ben wer­den. Genau­so soll­te es nie­man­dem ver­bo­ten wer­den. Das habe ich bereits 2021 auf­ge­schrie­ben: Gen­dern und Bewer­tun­gen von Arbeits­leis­tun­gen im aka­de­mi­schen Bereich.

Nachtrag 2

Die lus­tigs­te Stel­le im Arti­kel hät­te ich bei­na­he über­se­hen, weil ich Hei­de Wege­ner ja ken­ne und ihre Kurz-Bio­gra­phie nicht gele­sen habe. Dort steht: „Prof. Hei­de Wege­ner ist Linguistin.“

Im Text steht:

Blatz hat­te Recht. Es gibt kei­nen Grund, das Gene­ri­sche Mas­ku­li­num zu mei­den. Im Gegen­teil: Die bes­te, klars­te Art, die Kern­be­deu­tung von Berufs-und Rol­len­be­zeich­nun­gen auszudrücken, ist die endungs­lo­se Grund­form, Freund, Arzt, Viro­lo­ge. Da die­se For­men kein Merk­mal für Geschlecht ent­hal­ten, unter­spe­zi­fi­ziert also sind, schlie­ßen sie alle Geschlech­ter ein und sind dadurch inklusiv.

In der Kurz-Bio hät­te also ste­hen müs­sen: „Prof. Hei­de Wege­ner ist Lin­gu­ist.“ Nun hat Hei­de Wege­ner das wohl nicht selbst geschrie­ben, son­dern ihre Freund*innen aus der WeLT-Redak­ti­on. Die sind nun, was Femi­nis­mus und Gen­dern angeht, sicher­lich kom­plett unver­däch­tig und haben aus frei­en Stü­cken die femi­ni­ne Form gewählt. Wohl weil sie die­se intui­tiv ange­mes­se­ner fan­den. Wenn die endungs­lo­se Grund­form im Wes­ten auch benutzt wur­de, wäre das nun aber der Beweis dafür, dass es Sprach­wan­del in die­sem Bereich gibt, etwas, was Wissenschaftler*innen wie Hei­de Wege­ner und Josef Bay­er vehe­ment bestrei­ten. Wenn nicht, ist es immer­hin noch ein Beweis dafür, dass Sprecher*innen das Bedürf­nis haben, eben nicht das völ­lig aus­rei­chen­de gene­ri­sche Mas­ku­li­num, son­dern eben die femi­ni­ne Form zu benutzen. 

Quellen

Feil­ke, Hel­muth. 2022. Gen­dern mit Grips statt Schrei­ben in Gips: Prak­ti­sche Argu­men­te für ein fle­xi­bles Gen­dern. Deutsch. 1–7. https://www.friedrich-verlag.de/fileadmin/fachwelten/deutsch/blog-downloads/Gendern_Essay-Fassung.pdf.

Kol­ter, Max. 2023. VG Ber­lin zum Gen­dern an Schu­len: Auf die Sprach­kom­pe­tenz kommt es an. LTO.de — Legal Tri­bu­ne Online — Aktu­el­les aus Recht und Jus­tiz. (https://www.lto.de/recht/hintergruende/h/vg-berlin-gendern-schueler-schule-klasse-lehrer-rechtschreibung/)

Die Ossis sind mit der Demokratie nicht zufrieden. Ach wirklich? Und warum sind es die Wessis?

Sor­ry, ich kom­me erst jetzt dazu. Im Janu­ar schlug ein Bericht des Ost­be­auf­trag­ten Wel­len. Er wur­de, wie üblich verdreht.

Die taz schreibt zum Bei­spiel, dass nur noch 39% der Ost­deut­schen mit der Demo­kra­tie zufrie­den wären:

Das Kon­zept des Ost­be­auf­trag­ten ver­weist auf die gesun­ke­ne Zufrie­den­heit mit der Demo­kra­tie beson­ders in den öst­li­chen Bun­des­län­dern. Sie lag zuletzt nur noch bei 39 Prozent.

Anna Leh­mann: Ost­deut­sche sind als Füh­rungs­kräf­te in Bun­des­be­hör­den rar. Die Bun­des­re­gie­rung will gegen­steu­ern, taz, 26.01.2023, S. 6

Die Zeit titel­te „Ost­be­auf­trag­ter: Nur 39 Pro­zent der Ost­deut­schen zufrie­den mit der Demo­kra­tie.“ Der Unter­ti­tel ist dann:

Laut dem aktu­el­len Bericht des Ost­be­auf­trag­ten der Bun­des­re­gie­rung wach­sen in Ost­deutsch­land die Zwei­fel an der Demokratie. 

Mer­kur: Nur vier von zehn Ost­deut­schen zufrie­den mit der Demokratie

Süd­deut­sche: Nur vier von zehn Ost­deut­schen zufrie­den mit der Demokratie

Das ist mal wie­der einer die­ser Hie­be in die Ker­be „Die Ossis leh­nen die Demo­kra­tie ab / sind nicht demo­kra­tie­fä­hig / sind komisch / sind anders als wir / saßen zusam­men im Kin­der­gar­ten auf dem Töpf­chen und lie­ben des­halb Diktaturen.“

In der Mit­tei­lung des Ost­be­auf­trag­ten der Bun­des­re­gie­rung steht aber:

Dem „Deutsch­land-Moni­tor“ zufol­ge sind nur noch 39 Pro­zent der Ost­deut­schen zufrie­den mit der Demo­kra­tie, so wie sie in Deutsch­land funk­tio­niert. Gera­de ein­mal 32 Pro­zent von ihnen glau­ben, dass Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­ker das Wohl unse­res Lan­des wich­tig sei. Und zwei Drit­tel sind der Mei­nung, Ost­deut­sche wür­den häu­fig als Men­schen zwei­ter Klas­se behandelt.

Man­che Medi­en brin­gen die Ein­schrän­kung „so wie sie in Deutsch­land funk­tio­niert“, man­che wei­sen dar­auf hin, dass die Zustim­mung auch im Wes­ten sinkt. Man­che unter­las­sen das aber.

Als Ossi fra­ge ich mich, wie kann man mit dem, was in die­sem Land läuft denn zufrie­den sein? Eigent­lich geht das nur, wenn man mate­ri­ell abge­si­chert und poli­tisch unin­ter­es­siert ist. Ansons­ten habe ich hier ein paar Punk­te, die man komisch fin­den könnte:

  • Mas­ken­af­fä­re: Ver­un­treu­ung von Mil­lio­nen ohne recht­li­che Konsequenzen
  • Kor­rup­ti­on im Öl und Gas­ge­schäft bei CDU/CSU und SPD
  • Scheu­ers Ver­sen­kun­gen von Mil­lio­nen Euros im Maut­de­sas­ter ohne recht­li­che Konsequnezen
  • Scheu­ers Umlen­kung von Gel­dern in sei­nen Wahlkreis
  • Gif­feys pla­gier­te Dok­tor­ar­beit und Mas­ter­ar­beit. Gif­fey tritt nach Aberken­nung ihres Dok­tor­titls als Fami­li­en­mi­nis­te­rin der Bun­des­re­gie­rung zurück, macht aber dann als Regie­ren­de Bür­ger­meis­te­rin von Ber­lin naht­los wei­ter. What? Eine Die­bin und Betrü­ge­rin gut genug für Berlin?
  • Gif­fey wur­de 2022 mit 58,9% zur Par­tei­vor­sit­zen­den in Ber­lin gewählt. Trotz Rot-Grün-Roter Mehr­heit wur­de 2023 RGR nicht wei­ter­ge­führt, son­dern nach einer Mit­glie­der­be­fra­gung, die mit einer mil­li­me­ter­dün­nen Mehr­heit von 54% für Schwarz-Rot aus­ging, dann die Koali­ti­on mit der CDU begon­nen. Das gan­ze Gif­fey-Paket hät­te frü­her mehr­fach für einen Rück­tritt gereicht.
  • Pla­gia­te und Titel­be­trug bei diver­sen ande­ren Politiker*innen
  • Lob­by-Zugang für den Bun­des­tag zum Bei­spiel von Waffenhändlern
  • Der ehe­ma­li­ge Chef des Ver­fas­sungs­schut­zes, der von der Poli­tik fest­ge­legt wird, ist ein Nazi.
  • Der Minis­ter­prä­si­dent eines Bun­des­lan­des, der frü­her beim Öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk gear­bei­tet hat, for­dert die Strei­chung der Rund­funk­ge­büh­ren und ansons­ten alle drei Wochen das Gegen­teil von dem, was er frü­her gefor­dert hat. 
  • Por­sche ist life dabei bei der Aus­hand­lung des Koalitionsvertrags
  • Döpf­ner, Ver­lags­chef des Sprin­ger-Kon­zerns, weist sei­ne Blät­ter an, die FDP hoch­zu­schrei­ben, damit die­se dann die Koali­ti­on plat­zen las­sen kann.
  • Wie von Döpf­ner geplant, kann eine Par­tei, die für 11% der Wähler*innen steht, die Poli­tik der rest­li­chen Regie­rung sabo­tie­ren, wobei dazu natür­lich ein Machen-Sie-sich-kei­ne-Sor­gen-Kli­ma­kanz­ler gehört, der das mit sich machen lässt. 
  • Ver­hin­de­rung eines aus­sa­ge­kräf­ti­gen Ergeb­nis­ses beim Volks­ent­scheid durch die Tren­nung von Wahl­ter­min und Volks­ent­scheid in Ber­lin durch die SPD-Innensenatorin.

Viel­leicht sind wir Ossis alle etwas naiv. Wir waren geschockt, als wir sahen, was die Funk­tio­nä­re in Wand­litz alles hat­ten, obwohl das unter dem Niveau west­deut­scher Arbeiter*innen lag. Viel­leicht sind unse­re Ansprü­che an Politiker*innen ein­fach zu hoch. Höher als die der Wessis.

Viel­leicht geht es den Wes­sis auch ein­fach zu gut und/oder sie inter­es­sie­ren sich nicht so für die Kor­rup­ti­on und Berei­che­rung. Ist ja nor­mal, machen ja alle.

Also: Es ist nicht so, dass Ossis Demo­kra­tie als poli­ti­sches Sys­tem ableh­nen. Im Gegen­teil, die Zustim­mung zur Demo­kra­tie an sich war zumin­dest 2018 sogar noch höher als im Wes­ten 95% vs. 93% (Stu­die der Uni­ver­si­tät Leip­zig). Was abge­lehnt wird, ist die Art und Wei­se, in der Din­ge gera­de lau­fen. Und hier ist die Fra­ge an die 59% der Wes­sis, die mit der Demo­kra­tie, wie sie gera­de in Deutsch­land funk­tio­niert, zufrie­den sind: What’s wrong with you?

Das leidige Thema: Diskussion

Prof. Dr. Hei­de Wege­ner hat auf mei­nen Kom­men­tar zu ihrem WeLT-Arti­kel geant­wor­tet und ich dis­ku­tie­re hier eini­ge Punkte. 

Ost-Frau­en erklä­ren mir, sie hät­ten „das nicht nötig“, das = die For­men der Gen­der­spra­che, und ich den­ke, sie haben recht. Ich bewun­de­re sie dafür, dass sie viel frü­her als die im Wes­ten nicht nur Fri­seur, son­dern auch Mecha­ni­ker lern­ten und nicht nur Päd­ago­gik und Kunst­ge­schich­te stu­dier­ten, son­dern auch Maschi­nen­bau und Phy­sik. Und anstatt den Kin­dern For­men wie dem/*der Patient*in bei­zu­brin­gen, soll­ten die Leh­rer sie bes­ser dazu ani­mie­ren, auch die MINT-Fächer zu studieren.

Ja, ganz genau so habe ich auch Jahr­zen­te lang gedacht. Das ist ja auch in mei­nem ers­ten Blog-Post zu dem The­ma (Gen­dern, arbei­ten und der Osten) beschrie­ben. Nach der Wen­de haben die Ost­frau­en die West­frau­en über­haupt nicht ver­stan­den, weil sie deren Pro­ble­me über­haupt nicht hat­ten. Wie Du sagst, liegt das eigent­li­che Pro­blem viel tie­fer, das bedeu­tet aber nicht, dass man nicht das, was man tun kann, schon machen kann. Ich kann nicht für mehr Kin­der­gar­ten­plät­ze sor­gen, aber ich kann weib­li­chen und diver­sen Student*innen1 signa­li­sie­ren, dass sie wert­ge­schätzt wer­den. (Eini­ge, sehr weni­ge, kann ich auch ein­stel­len. Das habe ich auch getan. Auch fle­xi­ble Lösun­gen mit Kin­der­aus­zei­ten gefun­den usw. Aber dar­über hin­aus kann man eben noch Gendern.)

Der ange­führ­te Test prüft musi­ci­an, also For­men im Sin­gu­lar – und damit ist er völ­lig wert­los, was gene­ri­sche Les­art angeht, denn im Sin­gu­lar sind die Nomen nur in amt­li­chen Tex­ten gene­risch, sonst fast nie (Mit dem Abitur erwirbt der Schü­ler…). Das zei­gen auch die Ergeb­nis­se des ange­führ­ten Tests S. 3 : „Es ergibt sich, dass Sin­gu­lar­for­men bei­der Wort­klas­sen zu 83 Pro­zent als „männ­lich“, Plu­ral­for­men aber zu 97 Pro­zent  als „neu­tral“ bewer­tet wer­den. Im Plu­ral gel­ten Berufs­be­zeich­nun­gen zu 94, Rol­len­be­zeich­nun­gen sogar zu 99 Pro­zent als „neu­tral““.  Kon­se­quenz: Im Sin­gu­lar muss man die movier­te Form benut­zen. Des­halb lässt sich auch der Chir­ur­gen­text nicht aufs Deut­sche über­tra­gen. Nie­mand wür­de eine Chir­ur­gin (im refe­ren­zi­el­len Modus!) mit Chir­urg bezeich­nen, nicht mal Ost­frau­en.  Die unter­schei­den sehr genau zwi­schen refe­ren­zi­el­ler und gene­ri­scher Les­art: „Ich bin / sie ist Arzt – aber: Mei­ne Ärz­tin meint

Man kann den Text über­tra­gen: „Einer der Chir­ur­gen soll ope­rie­ren, sagt aber: ‚Ich kann nicht, das Kind ist mein Sohn.’“ Ja, aber dann ist es Plu­ral, wie Du sagst.

Aber auch die Tests mit Plu­ral­for­men bestä­ti­gen nicht die Behaup­tung von Femi­nis­ten, gene­ri­sche Mas­ku­li­na wür­den eher spe­zi­fisch als ‚männ­lich‘ ver­stan­den, weder die ori­gi­na­len Tests von 2001 oder 2008 noch die von Schunack/Binanzer durch­ge­führ­ten Unter­su­chun­gen, s. ZS 2022. Es gibt kei­nen Grund, das GM zu mei­den. Im Gegen­teil: Die bes­te Art, die Kern­be­deu­tung von Berufs-und Rol­len­be­zeich­nun­gen aus­zu­drü­cken, ist die unmar­kier­te Grund­form, Freund, Arzt, Viro­lo­ge. Da die­se For­men kein Merk­mal für Geschlecht ent­hal­ten, unter­spe­zi­fi­ziert also sind, schlie­ßen sie alle Geschlech­ter ein und sind dadurch inklu­siv. Auch das Suf­fix der Nomi­na agen­tis -er ist kein Merk­mal für ‚männ­lich‘, son­dern für den Agens, im Gegen­satz zu -ling für den Pati­ens, Leh­rer — Lehr­ling. Wäre es anders, dann hät­ten wir in  Lehr-er-in  zwei sich gegen­sei­tig aus­schlie­ßen­de Mor­phe­me hin­ter­ein­an­der, etwas, was es m.W. in natür­li­chen Spra­chen nicht gibt.

Das sind alles klu­ge Gedan­ken. Du und ande­re Linguist*innen kön­nen sich jetzt bis an ihr Lebens­en­de damit beschäf­ti­gen, Lai­en zu erklä­ren, war­um die unge­gen­der­ten For­men per­fekt funk­tio­niert haben. Es wird aber den­noch Men­schen geben, die gen­dern, weil sie einen Bedarf dafür haben. Sie­he unten zur Pragmatik.

Ich bezweif­le auch, ob nicht-binä­re oder homo­se­xu­el­le oder Trans-Men­schen wirk­lich den stän­di­gen Hin­weis auf ihr Anders­sein wol­len. Wol­len die nicht viel­leicht lie­ber ein­fach nur dazu­ge­hö­ren? Mit *For­men im Sin­gu­lar (die Autorin A und die Regisseur*in B)  wer­den (nicht)binäre Men­schen gera­de­zu geoutet. Wol­len die das überhaupt?

Das ist ein inter­es­san­ter Punkt. Ich den­ke, dass auch gera­de in der quee­ren Sze­ne viel gegen­dert wird. Prof. Horst Simon, soweit ich weiß, ein glück­lich ver­part­ner­ter cis-Mann, spricht von sich als Linguist*in. Mit die­ser etwas extre­men Art wäre es dann „die Autor*in A und die Regisseur*in B“. Jun­ge Men­schen stel­len sich in Gesprächs­run­den immer vor und geben zusätz­lich zu ihrem Namen ihr bevor­zug­tes Pro­no­men an. Ich war neu­lich bei einem Tref­fen älte­rer Men­schen (50–70) und eine männ­lich gele­se­ne Per­son stell­te sich mit Namen und Pro­no­men sie vor. Damit wuss­ten alle Bescheid. Auf alle ande­ren männ­lich gele­se­nen Per­so­nen wird mit er ver­wie­sen. Es ist ihre Wahl, wie offen sie leben wollen.

Es geht nicht nur um „Unter­bre­chung und mini­ma­le Ver­zö­ge­rung“, die mas­si­ve Ableh­nung durch die spre­chen­de Mehr­heit beruht u.a. auf der über­trie­be­nen, da inhalt­lich nicht gerecht­fer­tig­ten Expli­zi­tät der Gen­der­for­men. Etwa stellt die Paar­form Schü­ler und Schü­le­rin­nen für Spre­cher, für die ‚Schu­le‘ ganz selbst­ver­ständ­lich Jun­gen und Mäd­chen ein­schließt (in Deutsch­land, nicht in Afgha­ni­stan), kei­nen kom­mu­ni­ka­ti­ven Nut­zen, son­dern eine Zumu­tung dar. Für sie ist die Infor­ma­ti­on, dass neben Schü­lern auch Schü­le­rin­nen …, über­in­for­ma­tiv und führt des­halb zu Ver­druss. Sie ver­stößt gegen die Gri­ce­sche Kon­ver­sa­ti­ons­ma­xi­me der Rele­vanz, vgl. Gri­ce (1975:45): „Do not make your con­tri­bu­ti­on more infor­ma­ti­ve than is requi­red.“ Geglück­te Kom­mu­ni­ka­ti­on setzt vor­aus, dass die Infor­ma­ti­on eine Infor­ma­ti­ons­lü­cke schließt, dass beim Gesprächs­part­ner eine Lücke, Unwis­sen­heit also besteht. Eine Infor­ma­ti­on, die kei­ne Lücke schließt, ist nicht nur über­flüs­sig, sie ist belei­di­gend. Denn so dumm ist der Hörer nicht und will auch nicht so behan­delt werden.

Ja, Ver­druss. Das hat­te ich ja gesagt (Das lei­di­ge The­ma: Gen­dern). Das Gen­dern ver­stößt nicht gegen die Maxi­me der Rele­vanz, denn es geht den Sprecher*innen genau um die­sen Effekt. Mit dem Umweg, der län­ge­ren Form wird etwas aus­ge­sagt. Näm­lich: „Ich, die Sprecher*in, gen­de­re, weil ich möch­te, dass Frau­en und Trans-Per­so­nen expli­zit erwähnt wer­den.“ Es ist ein klas­si­sches Form-Bedeu­tungs­paar mit einer erwei­ter­ten Bedeu­tung und die­se, die­ses Das-immer-wie­der-unter-die-Nase-gerie­ben-Bekom­men nervt.

Wenn es dar­um geht, alle anzu­spre­chen, wie oft behaup­tet, so tun wir das doch schon lan­ge, indem wir Sehr geehr­te Damen und Her­ren oder lie­be Zuschau­er und Zuschaue­rin­nen sagen.

Ja. Wenn wir es sagen. Ich sage es manch­mal in Lehr­ver­an­stal­tun­gen statt Glot­tal­ver­schluss. Dann feh­len die Transpersonen.

Wer so argu­men­tiert und damit „geschlech­ter­ge­rech­te“ Spra­che all­ge­mein recht­fer­tigt, ver­kennt den Unter­schied der drei Funk­tio­nen des Sprach­zei­chens (Orga­non­mo­dell): 

In der Anre­de ist das Sprach­zei­chen Signal und erfüllt die Appell­funk­ti­on. Weit über­wie­gend, wenn wir über jn reden, ist es aber Sym­bol und erfüllt die Dar­stel­lungs­funk­ti­on. Schließ­lich ist es Sym­ptom und erfüllt dann die Aus­drucks­funk­ti­on, sagt etwas über den Spre­cher aus. Und in den meis­ten Fäl­len scheint mir das die eigent­li­che Moti­va­ti­on zu sein: Gen­dern dient der Image­pfle­ge, es soll den Spre­cher als woke, als pro­gres­siv aus­wei­sen. Es ist eine Mode, und Moden sind end­lich. Wer erin­nert sich noch an das Pro­no­men “frau”?

Das ist ein Aspekt. Natür­lich sagt mei­ne Spra­che auch etwas über mich aus. 

Ich erin­ne­re mich noch an „frau“. In der taz kommt es noch ab und zu vor. Auch sehr schön ist „maus“. Da gibt es aber nur eine Autorin, die das benutzt. Bzw. eine Autor*in. =:-)

Natür­li­cher Sprach­wan­del geht anders und hat ande­re Zie­le, noch nie haben kom­pli­zier­te­re For­men die ein­fa­che­ren ver­drängt. Hier liegt Sprach­len­kung, der Ver­such einer Sprach­len­kung vor.

Was ist, wenn Sprach­len­kung von vie­len Men­schen ange­nom­men wird und dann ein­fach Ein­gang in die Spra­che fin­det? Espe­ran­to war eine Plan­spra­che. Künst­lich. Inzwi­schen ist es eine leben­di­ge Spra­che. Und ich fin­de „Leh­rer“ in Dei­nem ers­ten Zitat inzwi­schen schon komisch. Man gewöhnt sich an „Lehrer*innen“ und dann sind die „Leh­rer“ eben nur noch männ­li­che Per­so­nen. Das ist Sprachwandel.

Ob er dau­ert, bis die Frau­en gleich­be­rech­tigt sind? In ande­ren Spra­chen hat man die Suf­fi­xe längst abge­schafft, schon M. That­cher woll­te Prime Minis­ter sein, nicht Ministress.

Oh, je. That­cher als Bei­spiel für irgend­was zu benut­zen, ist so, als wür­de man in der WeLT veröffentlichen.

Sind die Bri­ten frau­en­feind­lich, sind sie noch stär­ker als wir unter­drückt vom Patri­ar­chat? Oder sind sie im Gegen­teil eman­zi­pier­ter als wir? 

Ich habe 1992 in Edin­burgh stu­diert. Ein Dozent, den ich irgend­was zur Ver­wen­dung der Pro­no­mi­na gefragt hat­te, hat mir erklärt, dass man­che auch das Pro­no­men ‘they’ ver­wen­den. Ich habe das damals nicht ver­stan­den, wuss­te es nicht ein­zu­ord­nen. Aber die­se Dis­kus­sio­nen gibt es auch in Groß­bri­tan­ni­en schon sehr lan­ge. Ins­ge­samt fällt das nicht so auf, weil das Eng­li­sche eben viel weni­ger rele­van­te gram­ma­tisch mar­kier­te Unter­schie­de hat.

Die „geschlech­ter­ge­rech­ten“ For­men wer­den als dis­kri­mi­nie­rend emp­fun­den: W. Gold­berg „I’m an actor , I can play any­thing“, Cate Blan­chett lehnt actress ab und besteht sogar als Diri­gen­tin im Film auf der Anre­de Maes­tro, nicht Maes­tra. Nele Pol­lat­schek und Sophie Rois leh­nen die deut­schen For­men ab.

Ich den­ke, das soll­te jede*r machen wie er/sie will. Horst ist eben Linguist*in, ich bin Lin­gu­ist und Du Lin­gu­is­tin. Pri­ma. Es gibt nur dann ein Pro­blem, wenn jemand etwas vor­schrei­ben will. Das soll­te es nicht geben.

In der Schweiz, in der zunächst mehr gegen­dert wur­de als in Deutsch­land, was ver­ständ­lich ist, hat­ten dort die Frau­en doch erst 1971 das Wahl­recht erlangt, wird jetzt eine “Renais­sance des Gene­ri­schen Mas­ku­li­nums“ beob­ach­tet, bei Stu­den­tin­nen unter 25 (s. J. Schrö­ter, A.  Lin­ke, N. Buben­ho­fer 2012: „Ich als Lin­gu­ist“. Eine empi­ri­sche Stu­die zur Ein­schät­zung und Ver­wen­dung des Gene­ri­schen Mas­ku­li­nums, in: Susan­ne Günth­ner u.a. Gen­der­lin­gu­is­tik, Sprach­li­che Kon­struk­ti­on von Geschlechts­iden­ti­tät, Ber­lin: de Gruy­ter, 359–379, DOI :10.1515/9783110272901.359

OK. Sie­he oben. Soll jeder machen, wie sie will. (Das war jetzt lus­tig, oder? =;-)

Ich habe kei­nen Zugang zu Stu­den­tin­nen mehr, kann das aber durch ein­zel­ne Teen­ager bestä­ti­gen. Die fin­den Gen­dern doof und kari­kie­ren es durch die Kür­zel die SuS und die LuL und dann wei­ter zu  die Sus und die Lul.

Nun ja. SuS wird von Lehrer*innen bzw. an den Uni­ver­si­tä­ten in der Lehr­amts­aus­bil­dung auch ver­wen­det. Ist eine übli­che Abkür­zung. Ich habe auch noch mal bei Prof. Bea­te Lüt­ke nach­ge­fragt, die in der Lehrer*innenausbildung arbei­tet. Hier ihre Ant­wort zu SuS und LuL und ihrer Sicht auf das Gendern:

SuS und LuL ver­wen­den zumeist Stu­die­ren­de in Unter­richts­ent­wür­fen, weil sie in den Pla­nungs­ta­bel­len wenig Platz fürs Aus­schrei­ben haben. Die­se Abkür­zun­gen tau­chen also eher im Rah­men schul­prak­ti­scher Mate­ria­li­en für den Ein­satz in Schu­len auf. In der wis­sen­schaft­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on wer­den sie nicht ver­wen­det, bei den Grund­schul­kol­le­gin­nen ist mir das bis­her auch nicht auf­ge­fal­len. Als Refe­ren­da­rin habe ich ‘SuS’ auch in mei­nen tabel­la­ri­schen Unter­richts­ent­wür­fen ver­wen­det, weil es dar­in so vor­ge­ge­ben war; das ist aber 20 Jah­re her.

Ich selbst gen­de­re fle­xi­bel und ver­wen­de Gen­der­for­men wie Lehr­kräf­te, Schüler*innen und set­ze in der Dop­pel­form in die Kasus (‘bei Schü­lern und Schü­le­rin­nen’). Ich mache mir kei­ne Sor­gen, dass die deut­sche Spra­che durchs Gen­dern beschä­digt wird. Mein Lese­fluss wird dadurch nicht gestört :). Mir ist wich­tig, dass sich in mei­nen Uni-Kur­sen alle ein­be­zo­gen und ange­spro­chen füh­len. Eine que­e­re Per­son sag­te mir ein­mal in mei­ner Sprach­bil­dungs­vor­le­sung, dass sie sich durch das Gen­der-* erst­ma­lig in Lehr­ver­an­stal­tun­gen ein­be­zo­gen und ange­spro­chen füh­le. Das hat mich ver­an­lasst, dazu eine Umfra­ge zu machen. Die gro­ße Mehr­heit der Grup­pe hat sich für das * ausgesprochen.

Bea­te Lüt­ke, p. M. 2023.

Außer­dem gibt es Kol­la­te­ral­schä­den. Die schon erwähn­ten For­men  dem*der Arzt*in  (in Papie­ren der Cha­ri­té mas­sen­haft) machen die deut­sche Spra­che nun wirk­lich nicht leich­ter für die (DaF)Lerner.

Ja. Ich schrei­be immer die Ärzt*in. Dann hat man sich die Dis­junk­ti­on beim Arti­kel gespart. For­mal ist das für Grammatiker*innen natür­lich die Höl­le, weil es kei­ne Kon­gru­enz zwi­schen Arti­kel und Nomen mehr gibt, aber dann müs­sen sich die­je­ni­gen, die das model­lie­ren wol­len, eben etwas dafür ausdenken.

Und die­sel­ben Leu­te, die so viel von Dif­fe­ren­zie­rung reden, opfern die durch­aus sinn­vol­le Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen der Bezeich­nung für eine aktu­el­le Tätig­keit und der für die Rol­le: wie kann ich, ohne Gene­ri­sches Mas­ku­li­num, sagen, dass “nicht alle Zuhö­rer auch Zuhö­ren­de waren“? Gilt das Schild  “Rad­fah­rer abstei­gen” nicht auch für mich? Rad­fah­rer bin ich auch dann, wenn ich mein Rad schie­be, aber Rad­fah­ren­de eben nicht mehr. Aber nach dem adfc Ber­lin sind sogar Getö­te­te noch Rad­fah­ren­de, nicht nur an Ostern, dem Fest der Auf­er­ste­hung! Es ist gro­tesk. Und wenn Lin­gu­is­ten sol­che For­men emp­feh­len, ist das beschämend. 

Ja. Das fin­de ich nicht gut und mache ich auch nicht. Das Bei­spiel ist schon älter und von Max Goldt: „In der Lob­by lagen tote Stu­die­ren­de.“ Damit macht man das Par­ti­zip mehr­deu­tig. Das wür­de ich nicht so machen, aber wenn es sich durch­set­zen wür­de, dann wäre es eben so. Ich muss es ja nicht aktiv so ver­wen­den, denn die Form „Student*innen“ gibt es ja auch noch. Ande­rer­seits wird Leh­rer dann eben ein­deu­tig mit Bezug auf männ­lich gele­se­ne Personen.

Bea­te Lüt­ke hat mich auf einen Text von Hel­muth Feil­ke (2022) auf­merk­sam gemacht, der im Wesent­li­chen genau die Punk­te bringt, die ich hier auch ver­tre­ten habe, nur bes­ser for­mu­liert. Der Text weist im Vor­über­ge­hen auch auf ein lus­ti­ges neu­es Pro­blem hin, das sich aus der Ver­wen­dung der Par­ti­zip­for­men ergibt: Im Sin­gu­lar gibt es einen Unter­schied in der Fle­xi­on: ein Stu­die­ren­der vs. eine Stu­die­ren­de.

Soll jetzt die­ser Pro-Gen­dern-Text mit einer Kri­tik an einer der ver­wen­de­ten For­men enden? Nein. Er endet mit einem Ja. Ja, zum fle­xi­blen Gen­dern. Wie das genau geht, hat Hel­mut Feil­ke gut beschrieben.

Quellen

Feil­ke, Hel­muth. 2022. Gen­dern mit Grips statt Schrei­ben in Gips: Prak­ti­sche Argu­men­te für ein fle­xi­bles Gen­dern. Deutsch. 1–7. https://www.friedrich-verlag.de/fileadmin/fachwelten/deutsch/ blog-downloads/Gendern_Essay-Fassung.pdf.

Das leidige Thema: Gendern

Heu­te Nacht habe ich von Prof. Dr. Hei­de Wege­ner eine Mail mit dem Betreff „Das lei­di­ge The­ma“ bekom­men. Hei­de Wege­ner schreibt immer wie­der in der WeLT zu die­sem lei­di­gen The­ma. Sie hat mir ein PDF eines WeLT-Arti­kels (pay­wall) geschickt, der eine kür­ze­re Ver­si­on eines Auf­sat­zes ist, der in einem lin­gu­is­ti­schen Sam­mel­band erschei­nen wird.

Ich gen­de­re und habe das in einem Blog­post hier schon erklärt (Gen­dern, arbei­ten und der Osten). Wie ich da geschrie­ben habe, bin ich der Mei­nung, dass die Fra­ge der Gleich­stel­lung eine öko­no­mi­sche ist und dass es des­halb wich­tig ist, die Infra­struk­tur, die Fami­li­en brau­chen, damit alle arbei­ten kön­nen, aus­zu­bau­en und zu finanzieren.

Hier eini­ge kur­ze Kom­men­ta­re zu Hei­de Wege­ners Artikel:

Wege­ner beschäf­tigt sich mit dem gene­ri­schen Mas­ku­li­num und mit Stu­di­en, die zei­gen sol­len, dass es sich nur auf Mas­ku­li­na bezie­hen wür­de. Ich habe das Gen­dern selbst lan­ge abge­lehnt und dann aber, weil ich durch Prof. Dr. Hen­ning Lobin (Lei­ter des Insti­tuts für Deut­sche Spra­che in Mann­heim) auf fol­gen­de Stu­die auf­merk­sam gewor­den bin, mit dem Gen­dern begonnen:

Stahl­berg, Dag­mar, Sabi­ne Sczes­ny & Frie­de­ri­ke Braun. 2001. Name your favo­ri­te musi­ci­an: Effects of mas­cu­li­ne gene­rics and of their alter­na­ti­ves in Ger­man. Jour­nal of Lan­guage and Social Psy­cho­lo­gy 20(4). 464–469. DOI: 10.1177/0261927X01020004004.

Ich weiß noch genau, wie ich mich im DFG-Fach­kol­le­gi­um mit Prof. Hel­muth Feil­ke über die Expe­ri­men­te unter­hal­ten habe und er mein­te, dass das nicht so ein­fach wäre, denn, was man expe­ri­men­tell nach­wei­sen wür­de, wären Kli­schees. Das wür­de auch im Eng­li­schen funk­tio­nie­ren, wo es die ent­spre­chen­den Endun­gen ja gar nicht gibt. Hier ist das ent­spre­chen­de Bei­spiel, das auf die Psy­cho­lo­gin­nen Mikae­la Wap­man und Debo­rah Bel­le zurückgeht. 

Hei­de Wege­ner dis­ku­tiert nun eini­ge Bei­spie­le, die genau das auch für das Deut­sche zeigen.

Eins der Expe­ri­men­te, die betrach­tet wer­den, bestand dar­in, dass Proband*innen Schauspieler*innen, Politiker*innen und Superheld*innen nen­nen soll­ten. Dabei wur­de die Auf­ga­be immer mit gene­ri­schem Mas­ku­li­num, als Paar­form (Poli­ti­ker und Poli­ti­ke­rin­nen) und mit gro­ßem I gestellt.

Dies Ergeb­nis ist von grundsätzlicher Bedeu­tung, zeigt es doch: Real exis­tie­ren­de Ver­tre­ter, zumal in Spit­zen­po­si­tio­nen, mit Bildschirmpräsenz (Kanz­le­rin, Fuß­ball­star), wir­ken prägend, beein­flus­sen Bedeu­tung und Veränderung von Berufs- und Rol­len­bil­dern stärker als sprach­li­che Änderungen. Die Grund­an­nah­me der Femi­nis­ti­schen Lin­gu­is­tik, Spra­che deter­mi­nie­re das Den­ken und die­ses dann die sozia­le Realität, wird hier vom Kopf auf die Füße gestellt.

Dass die Wirk­lich­keit unse­re Kli­schees formt, hat wohl nie­mand jemals wirk­lich in Fra­ge gestellt. Dass die Art, wie wir über Per­so­nen und Din­ge reden, die Welt beein­flusst, wird wohl aber auch kei­ne Sprachwissenschaftler*in ernst­haft abstrei­ten wol­len. Das Stich­wort ist Framing und jede Linguist*in soll­te das Buch LTI von Vic­tor Klem­pe­rer ken­nen, der sich mit der Spra­che der Nazis aus­ein­an­der­setzt. Auch heu­te wird bewusst von Flücht­lings­strö­men, Mes­ser­män­nern und so wei­ter gespro­chen. Spra­che beein­flusst unser Den­ken, das lässt sich nicht von der Hand wei­sen, auch wenn es einem beim Gen­dern gera­de nicht passt.

Setzt man den Ost-West-Unter­schied im Gebrauch von Gen­der­spra­che, die nach Ent­ste­hung und Ver­brei­tung ein eher west­deut­sches Phänomen ist, in Rela­ti­on zu den Zah­len für den Gen­der Pay Gap in den alten und neu­en Bundesländern, so zeigt sich: Wo gegen­dert wird, ist die Lohnlücke größer (alte Bundesländer 19 Pro­zent, neue Bundesländer 6 Pro­zent, unbe­rei­nigt). Der behaup­te­te eman­zi­pa­to­ri­sche Effekt von Gen­der­spra­che erscheint als from­me Schimäre.

Die­se Aus­sa­ge ist inter­es­sant, nur dass das Eine nichts mit dem Ande­ren zu tun hat. Ein Ziel des Gen­derns ist es, Wert­schät­zung für Frau­en und Trans-Men­schen aus­zu­drü­cken, sie sicht­bar zu machen. Gera­de auch dort, wo sie ent­spre­chend der Kli­schees nicht erwar­tet sind. Der Gen­der Pay Gap ist die unter­schied­li­che Ent­loh­nung für die­sel­be Arbeit. Eine Frau bekommt auf der­sel­ben Stel­le weni­ger als ein gleich qua­li­fi­zier­ter Mann. Pro­fes­so­rin­nen bekom­men oft weni­ger als Pro­fes­so­ren, auch weil sie das selbst anders verhandeln. 

Schaut man sich den geo­gra­phi­cal pay gap, den Unter­schied in der Bezah­lung zwi­schen West und Ost für glei­che Arbeit an, so liegt der bei 22,5%. Dirk Osch­mann schreibt Fol­gen­des zu den Details:

Bei Tex­til­fir­men sind die unge­heu­er­li­chen Unter­schie­de mit 69,5 Pro­zent am größ­ten, aber auch die belieb­te Auto­in­dus­trie kann sich mit 41,3 Pro­zent noch sehen las­sen, gefolgt von Maschi­nen­bau mit 40,4 Pro­zent, der Her­stel­lung von IT-Gütern mit 39,8 Pro­zent und der Schiff­fahrt mit 38,9 Pro­zent. Und natür­lich bekommt der Osten signi­fi­kant weni­ger oder gar kein Weih­nachts­geld, wie der Spie­gel im Novem­ber 2022 meldet.

Dirk Osch­mann, 2022, Der Osten – Eine West­deut­sche Erfin­dung, S. 66

Das bedeu­tet, das Frau­en und Män­ner ohne­hin schon weit unter dem West-Niveau bezahlt wer­den. Am größ­ten ist der Unter­schied übri­gens in einem klas­si­schen Frau­en­be­ruf: im Tex­til­be­reich bei den Näher*innen. Dass ein Mann in die­sem Bereich dann nur unwe­sent­lich mehr ver­dient … Tja. Viel­leicht ist die Aus­beu­tung im Osten dann ins­ge­samt so groß, dass man die Frau­en schlecht noch schlech­ter bezah­len kann. Ein kon­kre­tes Bei­spiel aus mei­ner Ver­wandt­schaft: Eine Frau arbei­tet als Ver­käu­fe­rin und fährt mit dem Fleisch­wa­gen übers Land. Wenn sie das Ren­ten­ein­tritts­al­ter erreicht haben wird, wird sie die Min­dest­ren­te bekom­men, denn das Geld, das sie in die Ren­ten­ver­si­che­rung ein­ge­zahlt hat, reicht nicht für mehr und das, obwohl sie ihr Gan­zes Leben Voll­zeit gear­bei­tet hat. Wenn man vor die­sem Hin­ter­grund einen Arti­kel mit dem Titel Wo gegen­dert wird, ist die Lohn­lü­cke grö­ßer in der Sprin­ger-Pres­se ver­öf­fent­licht, ist das an Zynis­mus eigent­lich nicht zu über­bie­ten. Aber wahr­schein­lich ist es ein­fach nur Unwis­sen­heit: Der Osten ist so weit weg, selbst für Professor*innen, die mit­ten drin wohnen.

Die Unter­schie­de zwi­schen West- und Ost-Gesell­schaft sind so gewal­tig, dass Wege­ners Ver­gleich des Gen­der Pay Gaps ohne wei­te­re Auf­schlüs­se­lung rele­van­ter Fak­to­ren ein­fach unzu­läs­sig ist. Im Osten krie­gen die Frau­en seit der Wen­de weni­ger Kin­der, was viel­leicht der Kar­rie­re för­der­lich ist. Die Kin­der­ver­sor­gung all­ge­mein ist bes­ser. In Bay­ern kann Mut­ti das Kind in der Kita abge­ben und dann den Ein­kauf erle­di­gen. Mit­tags kom­men die Kin­der zurück. Im Osten sind Ein­rich­tun­gen mit Ganz­tags­be­treu­ung die Norm (Krip­pe, Kin­der­gar­ten, Schule+Hort). Dass Frau­en Voll­zeit arbei­ten, ist nor­mal. All das müss­te man in Über­le­gun­gen ein­be­zie­hen. Was Wege­ner ver­glei­chen müss­te, ist eine West­deut­sche Gesell­schaft mit und ohne Gen­dern. Das ist nicht so ein­fach, aber viel­leicht gibt es gesell­schaft­li­che Berei­che, in denen man die Aus­wir­kung von inklu­si­ver Spra­che expe­ri­men­tell nach­wei­sen kann.

(Nach­trag vom 20.05.2023: Der MDR hat erklärt, wodurch der gerin­ge­re unbe­rei­nig­te Gen­der-Pay-Gap im Osten zustan­de kommt: Deutsch­land­kar­te zum Gen­der Pay Gap: Lohn­lü­cke im Osten klei­ner. Es liegt dar­an, dass Män­ner im Osten in schlech­ter bezahl­ten Beru­fen arbei­ten. Die gut bezahl­ten Indus­trie-Jobs sind im Wes­ten. Ossis arbei­ten z.B. bei Lager­wirt­schaft, Post und Zustel­lung, Frau­en in ver­gleichs­wei­se bes­ser bezahl­ten Beru­fen wie in der Ver­wal­tung. Der berei­nig­te Gen­der-Pay-Gap [glei­cher Beruf, glei­che Qua­li­fi­ka­ti­on] liegt bei 10,8 % im Osten und 15,3 % im Wes­ten, ein Unter­schied von nur 4,5%, der sich viel­leicht über die von mir oben ange­spro­che­nen Fak­to­ren erklä­ren lässt.)

Das wirft die Fra­ge auf, ob gene­ri­sche und gegen­der­te Sprach­for­men gleich­wer­tig sind. Für die­se Annah­me spricht das der­zei­ti­ge Neben­ein­an­der bei­der For­men: Die meis­ten Deutsch­spre­cher wech­seln heu­te pro­blem­los zwi­schen dem gene­ri­schen Mas­ku­li­num und geschlech­ter­ge­rech­ter Spra­che hin und her, sie gebrau­chen pas­siv in den Medi­en Gen­der­for­men, aktiv aber wei­ter das gene­ri­sche Mas­ku­li­num – ohne Verständigungsprobleme.

Dass es beim gene­ri­schen Mas­ku­li­num Ver­stän­di­gungs­pro­ble­me geben wür­de, hat nie­mand behaup­tet, die Kom­mu­ni­ka­ti­on funk­tio­nier­te in den letz­ten Jahr­hun­der­ten auch. Es ist eine Fra­ge der Inklu­si­on, eine Fra­ge der Höf­lich­keit, ob man eine umständ­li­che­re Form wählt und damit Frau­en und Trans-Per­so­nen expli­zit mit­nennt und expli­zit anspricht.

Viel­leicht kann man das am bes­ten mit einem Bei­spiel ver­deut­li­chen: Wenn wir Behör­den anschrei­ben oder Mails an Empfänger*innen, bei denen wir nicht wis­sen, wer die Mail letzt­end­lich lesen wird, schrei­ben wir „Sehr geehr­te Damen und Her­ren“. Ich habe 2021 eine Kon­fe­renz orga­ni­siert und eine Mail an den all­ge­mei­nen Kon­fe­renz­ac­count bekom­men, die mit „Dear Sirs“ begann. Der Schrei­ber der Mail ist wohl davon aus­ge­gan­gen, dass nur Män­ner die­se Kon­fe­renz orga­ni­sie­ren würden/könnten, was unan­ge­bracht und belei­di­gend für Frau­en auf der Emp­fän­ger­sei­te ist. Man kann ande­re Anre­den wäh­len. „To whom it may con­cern“ oder „Hi“. Im Deut­schen „Hal­lo“, „Lie­bes Glo­be­trot­ter-Team“ oder eben die expli­zi­te Form „Sehr geehr­te Damen und Her­ren“. Alles wird ver­stan­den, aber es gibt Unter­schie­de im Stil und im Register.

Ein Abschnitt in Hei­de Wege­ners Text trägt die Über­schrift „Die Welt prägt die Spra­che, nicht die Spra­che die Welt“. Ich möch­te behaup­ten, dass Spra­che und Welt in einer Wech­sel­wir­kung zuein­an­der ste­hen. Der Ton macht die Musik, wie oben bei den Anre­den gezeigt. Ein wei­te­res Bei­spiel: Es gibt sehr vie­le Wör­ter, mit denen man sich auf Men­schen mit Behin­de­rung bezie­hen kann. Alle wer­den ver­stan­den. Man­che sind wert­schät­zend, man­che ver­let­zend. Ich möch­te in einer inklu­si­ven Welt leben, die es allen erlaubt, ihren Mög­lich­kei­ten ent­spre­chend teil­zu­ha­ben, sich ver­stan­den zu füh­len und mit­ge­nom­men zu werden.

Gendern und Klimakleber

Beim Nach­den­ken über das Gen­dern und die Aktio­nen der Letz­ten Gene­ra­ti­on, Extinc­tion Rebel­li­on und Sci­en­tist Rebel­li­on ist mir klar gewor­den, dass die Ableh­nung und der Hass wahr­schein­lich Ergeb­nis ähn­li­cher Pro­zes­se sind. Die Kli­makle­ber gehen nicht weg. Das hört ein­fach nicht auf. So wie die Kli­ma­kri­se auch nicht auf­hört. Die Klimabürger*innen erin­nern uns täg­lich dar­an, das wir als Gesell­schaft, als der Nor­den eigent­lich auf einem ganz ande­ren Kurs sein müss­ten und dass unse­re Regie­run­gen ver­sa­gen. Genau­so erin­nern Men­schen, die gen­dern, Men­schen, die nicht gen­dern, in jedem Satz an ein struk­tu­rel­les Unrecht, an Ungleich­be­hand­lung, dar­an, dass mann Pri­vi­le­gi­en auf­ge­ben muss. Es stört, es nervt. In etwas so Schö­nem wie der Spra­che. Es stört, es nervt. Bei etwas so Schö­nem Not­wen­di­gem wie dem Weg zur Arbeit.

Die Unter­bre­chung und mini­ma­le Ver­zö­ge­rung durch den Glo­tal­ver­schluss ist dabei nicht gegen die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­part­ner gerich­tet. Sel­bi­ges gilt auch für die Ver­grö­ße­rung der ohne­hin schon vor­han­de­nen Staus. Die­se Unter­bre­chun­gen mar­kie­ren ein­fach Unge­rech­tig­kei­ten und Pro­ble­me, die sich aus unse­rem Wei­ter-So ergeben.

Weil bei­des nervt, gibt es schlaue (und auch dum­me) Men­schen, die Grün­de fin­den, war­um das Gen­dern nicht „funk­tio­nie­ren“ wür­de, was dar­an falsch sei, ein­fach über­se­hend, dass Men­schen es tun und ver­stan­den wer­den. Und so gibt es schlaue (und dum­me) Men­schen, die der Letz­ten Gene­ra­ti­on erklä­ren, was die doch gefäl­ligst tun soll­ten, oft ver­ken­nend, dass sie all das auch tun oder schon getan haben.

Also: All das wird so lan­ge blei­ben, bis Frau­en gleich­be­rech­tigt sind (oder län­ger, weil das Gen­dern dann nor­mal gewor­den ist) und bis wir als Gesell­schaf­ten Wege gefun­den haben, mit der Kli­ma­ka­ta­stro­phe adäquat umzu­ge­hen und noch Schlim­me­res zu ver­hin­dern (und hof­fent­lich nicht län­ger, weil die Stö­run­gen nicht nor­mal werden).

Quellen

Wege­ner, Hei­de. 2023. Wo gegen­dert wird, ist die Lohn­lü­cke grö­ßer. In Mei­nun­ger, André & Trut­kow­ski, Ewa (eds.), Gen­dern – auf Teufel*in komm raus? Ber­lin: Kul­tur­ver­lag Kadmos.

Osch­mann, Dirk. 2023. Der Osten: eine west­deut­sche Erfin­dung. Ber­lin: Ull­stein Buchverlage.

MDR. 2023. Deutsch­land­kar­te zum Gen­der Pay Gap: Lohn­lü­cke im Osten klei­ner. (https://www.mdr.de/wissen/geld-verdienen-lohn-frauen-maenner-luecke-ost-west-equal-pay-day102.html)