Dass ich das Buch Die Möglichkeit von Glück für einen Skandal halte, habe ich ja schon in diversen Posts hier und in einem Artikel in der Berliner Zeitung kundgetan (siehe die Übersichtsseite zu Anne Rabe). Anne Rabes neues Buch über Moral wollte ich deshalb gar nicht lesen. Nun bin ich aber über Mastodon auf den Denkangebot-Podcast von Katharina Nocun aufmerksam geworden, in dem sie mit Anne Rabe über Moral, den Osten und die AfD spricht. Das Interview hat mir recht gut gefallen, aber es kommen wieder einige Punkte vor, die Anne Rabe seit einigen Jahren wiederholt. In leicht abgewandelter Version. Letztendlich bleibt sie bei ihren unhaltbaren Thesen über Gewalt. Sie schildert die DDR in den dunkelsten Schattierungen, die einfach nicht der Realität entsprechen. Ich diskutiere im Folgenden der Reihenfolge nach einige ihrer Aussagen.
Damit hier keiner was in den falschen Hals bekommt: Ich bin kein DDR-Nostalgiker. Ich wollte die DDR, so wie sie war, nicht und will sie auch so nicht wiederhaben. Ich war im Frühjahr 1989 auf dem Erlösafest, einem Punk-Konzert in der Erlöserkirche. Die Stasi stand draußen drumrum. Meine Schwester war an der Dokumentation der Fälschung der Kommunalwahlen im Mai 1989 beteiligt. Am 4.11.1989 bei der großen Demonstration gegen die DDR-Regierung bin ich im Antifa-Block mitgelaufen. Es gibt diesen Blog, weil ich auf Trugschlüsse, Verzerrungen, Klischees hinweisen will, die letztendlich auch Schuld daran sind, dass wir jetzt da sind, wo wir sind. Mit 40% AfD und der Gefahr der absoluten Mehrheit in einigen Bundesländern. Die in diesem Blog diskutierten Falschdarstellungen haben letztendlich dazu beigetragen, dass der Osten pathologisiert wird und die wahren Ursachen verkannt oder ignoriert wurden.
Content-Warnung: Im folgenden Abschnitt geht es um Gewalt gegen Kinder. Es gibt teilweise explizite Schilderungen von Menschen, die in West-Deutschland Gewalt erlebt haben. Man kann diesen Abschnitt überspringen, indem man in der Gliederung oben zum nächsten Abschnitt springt.
Gewalt gegen Kinder
Astrid Lindgrens Rede und gewaltfreie Erziehung
In der ersten kommentierungswürdigen Passage spricht sie über eine Rede von Astrid Lindgren, die diese im Jahr 1972 gehalten hat:
Wenn man das heute liest, denkt man so, na ja, gut, also es ist eine sehr schöne, sehr berührende Rede, aber die Provokation versteht man nicht mehr so ganz. Das liegt natürlich daran, dass wir heute im Gegensatz zu damals in der gesamten westlichen Welt das Recht auf gewaltfreie Erziehung durchgesetzt haben. Und ausschlaggebend war tatsächlich diese Rede. Also damals gab es noch in keinem einzigen Land das Recht auf gewaltfreie Erziehung. Und nach dieser Rede ging zuerst in Schweden eine Diskussion los, eine politische. Da wurde sie auch eingeladen und sollte mitdiskutieren. Und ein Jahr später hatte eben Schweden als erstes Land auf der ganzen Welt ein Gesetz gegen Gewalt in der Erziehung. Und alle anderen westlichen Länder folgten. Deutschland immerhin 2001.
Nocun, Katharina. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ostalgie.
Was hier fehlt, ist der Verweis auf die Lage in der SBZ/DDR, in der die Prügelstrafe an Schulen lange vor der Lindgren-Rede von 1972 abgeschafft wurde. Nämlich bereits 1945 von der sowjetischen Militäradministration (SMAD) als der Schulbetrieb wieder aufgenommen wurde. Die entsprechenden Regeln wurden bei Gründung von DDR übernommen (Wikipedia Körperstrafe), weil man Prügelstrafe, wie die viel zitierten 68er auch, für ein „Relikt inhumaner Disziplinierungsmethoden des NS-Regimes“ hielt. Man beachte auch, dass Nazi-Lehrer*innen nach dem Krieg nicht lehren durften. Das wurde von in Crash-Kursen ausgebildeten sogenannten Neulehrern übernommen. Ein Bruch mit der Nazi-Pädagogik wurde also, anders als im Westen, radikal vollzogen. Ich habe in Gewalterfahrungen und 1968 für den Osten darüber ausführlicher geschrieben. Im Westen hatte der Bundesgerichtshof Lehrern noch 1957 ein „generelles Gewohnheitsrecht“ zum Prügeln zugesprochen. Erst 1973 wurde das Prügeln in der Schule verboten, in Bayern gar erst 1983. Bis 1958 durfte nur Papa prügeln und im Zuge der Gleichstellung der Frauen durfte das dann auch Mama. Zu den Quellen siehe den zitierten Post. Dazu kamen Misshandlungen von über einer halben Million Kindern in staatlichen und christlichen Kinderheimen. Auch dafür Quellen im Gewalt-Post und unten noch mehr.
Rabe sagt über die DDR-Schulen:
Die Aufgabe für die Eltern war es, die Kinder im Sinne des Staates zu erziehen zu sozialistischen Persönlichkeiten. Und wenn das missglückt ist, aus welchen Gründen auch immer und häufig sind ja Kinder, die Gewalt ausgesetzt sind, zum Beispiel eben Kinder, die dann nicht gut funktionieren, dann kann der Staat eingreifen und zugreifen. Und da gibt es zahlreiche Geschichten. Da sagen natürlich jetzt dann immer ganz viele, ja, aber wir haben das ja alle nicht so ernst genommen, was der Staat da gesagt hat. Und das kann auch in ganz, ganz vielen Fällen so sein. Aber dass es eben die Möglichkeit gibt, prägt einen erst mal.
Und in Diktaturen ist es eben oft willkürlich. Also nur weil der eine etwas nicht erfahren hat, heißt es nicht, dass es woanders nicht durchexerziert wurde. Wir haben eben Erziehungsinstitutionen wie Jugendwerkhöfe, brutale Arbeitslager für Kinder, all diese Dinge. Und da sind dann eben solche Geschichten wie Prügelstrafe in der Schule ist abgeschafft. Ist halt die Frage, wie entscheidend das ist, wenn ich gleichzeitig damit drohen kann, jemanden in den Arbeitsknast zu stecken. Also diese Gewichtung. Und dann ist die Frage, also ich versuche mich dem sozusagen zu nähern aus der Sicht, was sind Dinge, die haben wir identifiziert als gute Bedingungen für Gewalt? Also was sind zum Beispiel Faktoren, die wir heute versuchen auszuradieren oder wo wir versuchen, Leuten zu helfen? Und davon herrschen halt relativ viele.
Nocun, Katharina. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ostalgie.
So, so. Brutale Arbeitslager für Kinder. Die Jugendwerkhöfe waren schrecklich. Das ist klar. Es gibt Menschen mit bleibenden Schäden, die heute nicht arbeiten können, weil sie unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden.

Nur ist die Frage, wer in die Spezialheime kam. Diese waren für schwer erziehbare Kinder, wie Anne Rabe in ihrem Buch Die Möglichkeit von Glück auch selbst geschrieben hat. Bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gibt es eine Übersichtsseite zum Thema Jugendwerkhöfe. Laut dieser Seite waren in den 40 Jahren DDR 135.000 Kinder und Jugendliche in Spezialheimen (was die Jugendwerkhöfe einschließt). In diese Einrichtungen kam man aber nur, wenn man massiv verhaltensauffällig war (siehe Bundesstiftung zu Gründen, auch unakzeptablen und eigentlich gesetzeswidrigen). Im Unterschied dazu konnte man im Westen einen Tritt in den Hintern bekommen, weil man beim Wandertag zu langsam lief oder frech zum Lehrer war (siehe unten). Die Lehrer*innen waren zum Teil noch Nazi-Lehrer*innen, die auch die erprobten Methoden weiter verwendeten. Im Osten wurden die zum Großteil entlassen oder durften die ersten Jahre nach dem Krieg nicht als Lehrer*in arbeiten. In Crash-Kursen wurden so genannte Neulehrer ausgebildet. Die Kontinuität der Nazi-Pädagogik war gebrochen. 1983 war ich 15 Jahre alt. Meine Altersgenoss*innen in Bayern hätten also alle bis zur neunten Klasse verprügelt werden dürfen. Auch dazu unten mehr.
Ich kenne insgesamt drei Personen, die in einem Jugendwerkhof waren. Ein Mädchen aus meiner Schule (nachdem ich die Schule verlassen hatte). Ein Junge, den ich über meine Punkfreunde nach der Wende kennengelernt hatte und den Mann oben, den ich bei einer Klima-Veranstaltung 2023 fotografiert habe. Bei der Bundesstiftung steht Folgendes:
In Spezialheimen wurden Kinder und Jugendliche untergebracht, die als „schwer erziehbar“ galten und „deren Umerziehung in ihrer bisherigen Erziehungsumgebung trotz optimal organisierter erzieherischen Einwirkung der Gesellschaft nicht erfolgreich verlief.“ (§ 1 , Abs. 2, Anordnung über die Spezialheime der Jugendhilfe (1965). Hierunter zählte die DDR-Pädagogik alle Heranwachsenden, deren Verhaltensweisen und Leistungen im Widerspruch zu den gesellschaftlichen Forderungen standen und sich u.a. in sogenannter Disziplinlosigkeit, Verhaltensauffälligkeiten und kriminellem Verhalten niederschlugen.
[…]
Im Mai 1989 existierten 401 Normalkinderheime und 73 Spezialkinderheime. Dazu gehörten 41 Jugendwerkhöfe sowie der 1965 als Disziplinareinrichtung im System der Spezialheime eingerichtete Geschlossene Jugendwerkhof Torgau. In den Jahren 1949 bis 1990 haben etwa 495.000 Minderjährige die Heime der DDR durchlaufen; 135.000 davon die Spezialheime. Rund 6.000 Jugendliche lebten für eine gewisse Zeit im Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau.
Es gab also in der gesamten DDR-Zeit 135.000 Minderjährige in den Spezialheimen. In Wikipedia steht, dass zwischen 1968 und 1977 1,8 Minderjährige von 1000 in einem Jugendwerkhof waren. In den Jugendwerkhof kam man nur in einem Alter ab 14 Jahren. Die POS ging bis zur zehnten Klasse, das heißt, dass man im Alter von 14 bis 16 in den Jugendwerkhof kommen konnte. In meiner Schule gab es vier parallele Klassen a 31 Schüler. Wenn man die 8., 9. und 10. Klasse als potentielle Jugendwerkhof-Jugendliche betrachtet, dann wären das 372 Jugendliche. Unter 555 Jugendlichen ist einer in den Jugendwerkhof gegangen, also nicht mal einer pro Schule. Das heißt, dass das sehr spezielle Fälle waren. Die Jugendliche in meiner Schule hat über einen längeren Zeitraum diverse Dinge angestellt, manche auch mit einem politischen Aspekt. Zum Beispiel eine DDR-Fahne ohne Emblem rausgehängt.
An meiner Schule gab es Jugendliche, die in das Lehrerzimmer eingebrochen waren und ein Tonbandgerät gestohlen hatten. Sie haben einen Tadel bekommen und wenn ich mich recht erinnere, wurde dieser auch beim Fahnenappell vor der ganzen Schule ausgesprochen. In meiner Straße wohnte ein Schulschwänzer. Weil er nicht zur Schule kam, wurde dann irgendwann verfügt, dass er von der Polizei gebracht wurde. Der Polizist wohnte im selben Wohnblock. Immer wenn ich früh zur Schule ging, stand der Jugendliche grinsend am Straßenrand und wartete auf den Polizisten, der ihn dann im Polizei-Wartburg zur Schule fahren würde.1 In meiner Klasse gab es mehrere Jugendliche, die schon sitzengeblieben waren. In der achten Klasse machte dieser Altersunterschied viel aus. Es gab Jungen, die im Biologie-Unterricht geraucht haben. Unsere Klasse hat mehrere Russischlehrerinnen, die frisch von der Uni kamen, fertig gemacht. Sie mussten die Klasse abgeben. Sie wurden mit Einwegspritzen, die es in Buch reichlich gab, weil das Klinikum dort war, mit Wasser bespritzt. Einmal hat einer sogar einen Apfel mit dem Messer zerlöchert und dann nach vorn gegen die Tafel geworfen, wo er zerplatzte und die Apfelstücke überall durch die Gegend flogen. Das endete erst, als eine erfahrene, resolute Lehrerin den Russischunterricht übernahm.2 Die Großen aus unserer Schule haben mal den Trabbi der Biolehrerin in die Weitsprunggrube getragen. Das war ein ziemliches Stück Weg über den gesamten Sportplatz. Aber die Trabbis waren ja aus Pappe und nicht so schwer. Weiß nicht, wie die Lehrerin den Trabbi da wieder rausbekommen hat. Wahrscheinlich musste sie die Halbstarken um Hilfe bitten. Für all das kam man nicht in den Jugendwerkhof. Man musste schon etwas mehr anstellen.
Anne Rabe sagte so dahin: „Und da sind dann eben solche Geschichten wie Prügelstrafe in der Schule ist abgeschafft. Ist halt die Frage, wie entscheidend das ist, wenn ich gleichzeitig damit drohen kann, jemanden in den Arbeitsknast zu stecken. Also diese Gewichtung.“ Diese Drohung gab es so nicht. Jedenfalls nicht in der normalen Schule. Die kam dann höchstens, wenn alle anderen Instrumente der DDR-Pädagogik versagt hatten. Prügel wurde früher in Nazi-Deutschland und dann in der BRD für ganz andere Verfehlungen verabreicht (siehe unten). Die Schwelle dafür war sehr viel niedriger. Im Osten liefen die Drohungen anders. Zum Beispiel gab es auf jedem Zeugnis eine verbale Beurteilung. Dort wurde auch der Klassenstandpunkt bewertet. Wenn man schlechte Noten oder attestierte mangelnde Loyalität dem Staat gegenüber hatte, konnte das je nach Berufswunsch massive Auswirkungen auf das spätere Leben haben. Die Zulassung zum Abitur und zum Studium hing davon ab. Der ständige Bekenntniszwang in Schule und FDJ, das war das Problem, nicht Gewalt in Schulen oder Kurheimen (siehe Kinderverschickung und die DDR? zu Kuren). Ich habe über moralischen Druck und Bekenntniszwang in meinem Klimablog in Der moralische Druck der Öko-Gutmenschen ist ja wie in der DDR geschrieben. Ein sehr gutes Buch zum Thema ist auch Krokodil im Nacken von Klaus Kordon. Es handelt von einem systemtreuen Paar, das sich recht gut in der DDR eingerichtet hatte und dann aber, als das Kind in die Schule ging, merkten, wie falsch und verlogen alles war und wie sehr man sich anpassen und verbiegen musste. Das führte dann zu einem Fluchtversuch. Diese Art der Erziehung war das Problem der DDR, nicht Gewalt in den Schulen, wie Anne Rabe alle Wessis und Nachgeborenen glauben machen möchte.
Gewalt an Schulen in der BRD
Ich habe auf Mastodon gefragt, ob Menschen in der BRD Gewalt in Schulen erlebt haben. Hier einige der Antworten:




Es gab viel subtile verbale Gewalt und ich verstand sie sehr wohl. (Veröffentlichung OK)


Bundesland Bayern. (Verwendung ok)




Lehrer war […], Schüler […] und […]. In 1 Fall ging es darum, dass 1 einen Mitschüler(in?) geschlagen hat, im anderen Fall, dass der Betr. zum Lehrer “Leck mich am A…” gesagt hat. Es gab noch viele andere Fälle an die ich mich im Detail nicht erinnere. 🤷🏻♂️(Verwendung ok)
Nach Aussage von Elrhoem war diese Schule keine „öffentliche“ Schule. Die Schule war an ein Heim angegliedert, folgte dem öffentlichen Lehrplan. Das Heim war von katholischen Nonnen geführt, die noch im vorletzten Jahrhundert lebten, die Lehrer waren „weltlich“ (also Zivilisten).


Hier noch anonymisierte Beiträge mit OK für Verwendung:
Einem Lehrer in der Grundschule muss es wohl mal furchtbar peinlich gewesen sein, dass er mal ’n Buch nach mir geworfen hat, als ich zu sehr genervt habe. (War das halbe Jahr in meinem Leben, als ADHS mal nicht hypoaktiv war…) Prügel wären da also wohl noch juristisch OK gewesen …
Grundschule in Lüdenscheid, NRW an den Ohren oder Haaren aus der Klasse werfen war eher die Regel als die Ausnahme. Ca 1986/87. Das ist halt nur das, was ich aus der 2./3. Klasse von damals erinnere. Konsequenzen oder Öffentlichkeit gab es keine.
1970 BW, Hochwürden zieht mich im Unterricht an den Haaren, mein Banknachbar bekommt eine Kopfnuss. Wir hatten uns unterhalten. Wenn er in Rage war, hat Hochwürden getobt und geschrien, auch mal einen Kinderstuhl gegen die Tafel geschlagen. [Es war ein katholischer Pfarrer, der als Religionslehrer gearbeitet hat.]
Mir ist klar, dass eine Umfrage unter Mastodon-Nutzer*innen keine soziologisch solide Erhebung zur Gewalt an Schulen ist, aber für einen ersten Eindruck mag das genügen. Es gibt auch Medienberichte zum Thema:
In der Klasse 6 b der Volksschule im schwäbischen Amendingen ging die Erdkundestunde zu Ende. Der für den Tafeldienst eingeteilte elfjährige Schüler warf erleichtert den Schwamm ins Becken und traf dabei versehentlich ein Trinkglas. Als er dann nach dem Klingelzeichen auch noch „wie ein Geißbock herumhüpfte“, zog der Erdkundelehrer „den Schüler an einem Ohr und an den in der Nähe des Ohres gewachsenen Haaren und versetzte ihm anschließend mindestens zwei kräftige Ohrfeigen“.
Die Tätlichkeiten machten dem Schüler „etwa eine Stunde lang deutliche Schmerzen“ und beschäftigten ein Jahr später das Bayerische Oberste Landesgericht. Die drei Richter des 5. Strafsenats werteten die Züchtigung zwar als „körperliche Mißhandlung“ weil das „Wohlbefinden“ des Schülers „mehr als nur unerheblich beeinträchtigt“ gewesen sei. Aber: Derlei Beeinträchtigungen müßten bayrische Schüler schon mal hinnehmen.
Spiegel 1979. Bayern: Sinn des Fortschritts. 1979. Der Spiegel 18/1979.
Ich finde das alles ziemlich krass. Gewalt, die Angst erzeugt und wohl auch erzeugen sollte. Im Kindergarten wurde ich an den Ohren gezogen, bis meine Eltern sich beschwert haben, und in meiner Schulzeit gab es einen schlüsselwerfenden Chemie-Lehrer. Berichte von schlüsselwerfenden Lehrern gibt es aus Ost und West auch aus der Zeit nach der Wende. Aber soweit ich weiß, gab es im Osten eben keinen Rohrstock und Schläge auf die Finger oder den Hintern. Tritte in den Po wegen Trödelei bei einem Ausflug? Kopfnüsse für Schwatzen? Kräftige Ohrfeigen für Übermut? Undenkbar. Wenn es so etwas in der DDR in Schulen gegeben hat, dann war es zumindest illegal. Da alles miteinander verwoben war, Lehrer*innen und einige Eltern in der Partei waren, dürften solche Strafen, die der offiziellen Parteilinie widersprachen, jedoch selten vorgekommen sein. Ein Nutzer merkt an, dass das Recht auf Erziehung ohne Prügel nichts wert sei, wenn man es mangels funktionierendem Rechtssystem nicht einklagen konnte. Da ist etwas dran, aber in meinem Fall haben die Beschwerden meiner Eltern gefruchtet und interessanterweise hat das Rechtssystem im Westen je nach Konstellation auch nicht geholfen. Wenn das Lehrerkollegium zusammenhielt und Prügelstrafe ok fand, dann wurden Eltern davon überzeugt, nicht zu klagen, wie man den Posts oben entnehmen kann.
Das Fehlen der oben dokumentierten Gewalt in DDR-Schulen passt natürlich nicht zu Anne Rabes Gewalt-These.
Heime im Westen und über 500.000 misshandelte Kinder
Außerdem bitte ich die geneigte Leser*in zu beachten, dass Anne Rabe die Prügelstrafe im Westen der Drohung mit dem Kinderheim bzw. dem Jugendwerkhof gegenüberstellt. Tatsache ist jedoch, dass es im Westen Prügel im Schul-Alltag UND Heime mit menschenunwürdigen Bedingungen und Folter gab. Dazu noch sexuellen Missbrauch, der zumindest auf den Überblicksseiten zu den DDR-Heimen, die ich gelesen habe, nicht erwähnt wurde.
In der Zeit nach dem Krieg beschäftigten die ca. 3000 Heime und Anstalten häufig noch dasselbe Personal, das bereits während der Zeit des Nationalsozialismus dessen Erziehungskonzepte umgesetzt hatte. Immer wieder kam es zu willkürlichen und entwürdigenden Bestrafungen oder die Fürsorgezöglinge wurden eingesperrt. Oft mussten sie gewerbliche Tätigkeiten ausüben, ohne dafür vergütet zu werden und ohne rentenversichert zu sein. Viele Jugendliche wurden auch an Bauern verliehen, um dort zu arbeiten. Den Bauern wurde dabei oft die Pflegschaft über die Kinder und Jugendlichen übertragen. Die Behandlung war oft menschenunwürdig. Die Jugendlichen wurden als billige Arbeitskraft gebraucht, da ein Pflegschaftsverhältnis kein Arbeitsverhältnis sein kann, weil es sich gegenseitig ausschließt. Eine berufliche Bildung wurde ihnen dabei nicht zuteil.[8] Viele der Missstände wurden dadurch möglich, dass die Heimaufsicht in dieser Zeit praktisch auf ganzer Linie versagte. Dies hatte strukturelle Gründe, denn Leistungserbringung und die Aufsicht darüber lagen in einer Hand bei ein und derselben Behörde. Hinzu kam die oftmals mangelhafte personelle (zu wenig und häufig schlecht qualifiziertes Personal) und räumliche (zu wenig Platz, daraus resultierend zu geringe Privatsphäre sowie schlechte sanitäre Bedingungen) Ausstattung der Heime, der als Folge des Krieges eine große Zahl von zu betreuenden dabei aber häufig traumatisierten Kindern gegenüber stand.
Wikipedia-Eintrag Heimerziehung in Deutschland, abgerufen 09.01.2026
Die Nazi-Lehrer*innen wurden im Osten alle entlassen bzw. durften die ersten Jahre nach dem Krieg nicht arbeiten. Stattdessen gab es die in Crash-Kursen umgeschulten Neulehrer*innen. Die Aufarbeitung ist erst 2010 erfolgt:
Im Dezember 2010 legte der Runde Tisch seinen Abschlussbericht vor[16]. Darin wird aufgezeigt, dass in der Heimerziehung der frühen Bundesrepublik die Rechte der Heimkinder durch körperliche Züchtigungen, sexuelle Gewalt, religiösen Zwang, Einsatz vom Medikamenten und Medikamentenversuche, Arbeitszwang sowie fehlende oder unzureichende schulische und berufliche Förderung massiv verletzt wurden. Dies sei auch nach damaliger Rechtslage und deren Auslegung nicht mit dem Gesetz und auch nicht mit pädagogischen Überzeugungen vereinbar gewesen. Als Verantwortliche für das den Heimkindern zugefügte Leid werden Eltern, Vormünder und Pfleger, Jugendbehörden, Gerichte, die kommunalen und kirchlichen Heimträger und das Heimpersonal und schließlich die hierzu schweigende Öffentlichkeit genannt.
Wikipedia-Eintrag Heimerziehung in Deutschland, abgerufen 09.01.2026
Hier noch ein Zitat aus Häusler (2013):
Viele Kinder und Jugendliche in den Heimen wurden Opfer von Gewalt, Demütigungen und sexuellem Missbrauch. Diese Taten wurden vielfach durch Mit-Zöglinge ausgeübt, von den Erziehern aber häufig nicht unterbunden. Viele Betroffene berichten aus ihrer Heimzeit von einer Atmosphäre emotionaler Kälte. Quellen belegen, dass dem Erziehungspersonal zum Teil ein liebevoller Umgang mit den Kindern untersagt wurde. Auch Freundschaften unter den Bewohnern waren nicht gern gesehen. Nur wenige Jugendliche in Heimerziehung hatten die Gelegenheit zum Besuch eines Gymnasiums oder einer anderen weiterführenden Schule. Ein Teil der nicht mehr schulpflichtigen Jugendlichen absolvierte eine Lehre, aber die Mehrheit der Fürsorgezöglinge wurde im Heim zu gering qualifizierten, oftmals körperlich anstrengenden Arbeitsleistungen verpflichtet, die überwiegend nicht sozialversicherungspflichtig waren. Diese von vielen Betroffenen als Zwangsarbeit angesehene Arbeit im Heim führt zu Fehlzeiten bei der Rentenversicherung.
Häusler, Michael. 2013. Ehemalige Heimkinder wollen ihre Akte: Die Benutzung von Klientenakten im Spannungsfeld zwischen Opferanspruch, Persönlichkeitsschutz und historischer Forschung. Aus evangelischen Archiven (Neue Folge Der „Allgemeinen Mitteilungen“ 53), 7–20.
Es geht um die „ersten Jahrzehnte“ der Bundesrepublik also nicht nur die Zeit unmittelbar nach dem Krieg. Bis „Mitte der 70er Jahre“ (dreißig Jahre) wurden „mehr als eine halbe Million Kinder in kirchlichen und staatlichen Heimen allein in Westdeutschland körperlich und seelisch schwer misshandelt“ (Grüter, 2019). In der DDR (40 Jahre) waren 135.000 in den Spezialheimen (Bundesstiftung Aufarbeitung).
Wenn es darum geht, aus dem Leben in einer Diktatur irgendetwas abzuleiten, gibt es dafür im Vergleich zur Bundesrepublik – anders als von Anne Rabe behauptet – keine Basis. Im Bereich Prügelstrafe und Heimerziehung gibt es bis 1975 einen Vorteil für den Osten.
Fehlende Forschung zu Gewalt in der DDR
Anne Rabe: Und es ist ein bisschen schwierig mit der Gewalt, sozusagen der häuslichen Gewalt, in der DDR. Ich werde dafür ja dann auch immer mal angegriffen, dass sie sagen: „Hä, das stimmt alles gar nicht.“.
Katharina Nocun: Ja, wir hatten ja eben eingangs auch darüber gesprochen, dass es noch gar nicht so lang der Fall ist, dass wirklich international körperliche Strafen gegen Kinder wirklich als Gewalt gesehen werden. Ne, so hast Du eben auch angesprochen, Deutschland ist erst in den 90ern zu dem Ergebnis gekommen, ja, das könnte man mal machen. Glaubst du wirklich, aber da gibt es so einen qualitativen Unterschied durch die Systeme auch und durch die Erziehungsformen, wie sie beispielsweise in Schulen oder Horten vorgelebt wurden, die ja vielleicht auch prägen, wie der Blick auf gesellschaftliche Gewalt geprägt ist.
Anne Rabe: Ja, ich glaube schon. Ich wollte nur sagen, es ist deshalb schwierig, weil natürlich ein Kennzeichen von Diktaturen ist, dass es keine freie Forschung gibt. Also wir haben im Vergleich jetzt zu Westdeutschland überhaupt zu den haben wir eine ganz, ganz schlechte Datenlage. Das war eigentlich der Anfang auch, wie ich mich damit beschäftigt habe. Ich habe nämlich eine tolle Arbeit darüber gefunden, weil ich herausfinden wollte, ja, wie war das denn eben genau das? Wie war das mit dem Umgang zum Beispiel mit häuslicher Gewalt in der DDR? Wie ist man damit umgegangen?Diese Forschung überhaupt zu Gewalt in Familien, die entsteht so im Kaiserreich in Deutschland und hat dann immer weiter zugenommen. Selbst in der NS-Zeit wurde dazu noch geforscht. Und in der DDR dann auch am Anfang. Und dann gab es da so Arbeiten dazu, die haben aber immer so an die sozusagen in die Präambel geschrieben. Es handelt sich um eine Form der bürgerlichen Gewalt im Kapitalismus und ist aufgrund der Kleinfamilie an Strukturen. Und das wird verschwinden, sobald der Sozialismus vollendet ist. Das war die Idee. Und dann hat man in den 70er Jahren festgestellt, dass das nicht so ist. Und dann hat man halt die Forschung dazu eingestellt. Das ist natürlich so ein typischer Weg, wie man in Diktaturen mit so was umgeht.
Nocun, Katharina. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ostalgie. 36:18
Ja, da hat Anne Rabe Recht: Missliebige Forschung wurde unterdrückt. Auch die Zahlen von Suiziden wurden nicht veröffentlicht. Was sollten denn glückliche sozialistische Menschen auch für Gründe für Suizide haben? Wenn dann irgendwann die Zahl der Suizide sprunghaft ansteigt, wie soll man das erklären? Also wurde so was unter der Decke gehalten. In solch einer Situation kann man sich nun schön Daten selber ausdenken, wie es Anne Rabe getan hat. Oder man kann Studien anstellen und Menschen befragen, wie es in der DDR war, wie es Anne Rabe nicht getan hat. Das habe ich im Mai 2024 dazu geschrieben:
Anne Rabe berichtet von einzelnen Vorkommnissen, von denen man nicht weiß, ob sie wirklich so stattgefunden haben. Manches ist einfach unplausibel. Auf der Ebene der anekdotischen Evidenz ist es aber ohnehin nicht möglich, zu einem tragfähigen Ost-West-Vergleich zu kommen. Dazu braucht es empirische Studien. In Gesprächen (z.B. im taz-Lab 27.04.2024 mit Simone Schmollack und im oben zitierten Interview mit Cornelia Geissler) weist Anne Rabe darauf hin, dass es keine Studien aus DDR-Zeiten gibt. Allerdings hat Sabine Rennefanz am 30.09.2023 im Tagesspiegel auf eine Studie mit 5800 vor 1980 geborenen Teilnehmer*innen aus West und Ost zu deren Gewalterfahrungen in der Kindheit berichtet (Ulke C. et al. 2021). Die Studie wurde im Jahre 2021 an der Uni Leipzig durchgeführt und von den Medien weitestgehend ignoriert. Das Ergebnis war, dass es im Westen mehr körperliche und sexuelle Gewalt gab (Zum Beispiel besonders deutlich: 13,2 % der westdeutschen Frauen haben in ihrer Kindheit sexuelle Gewalt erfahren. Im Osten waren es 7,8 %). Anne Rabes Theorie vom diktaturgeprägten gewalttätigen Osten entbehrt also jeder empirischen Grundlage. Die Fakten waren vor der ersten Auflage 2023 und während der Zeit, in der die Jury des deutschen Buchpreises die Bücher für die Shortlist auswählte, bekannt.
Müller, Stefan. 2024. Keine Gewalt! Zu Möglichkeiten und Glück und dem Buch von Anne Rabe. Passage vom Mai 2024.
In der folgenden Passage geht es um Szenen in Anne Rabes autofiktionalem Roman Die Möglichkeit von Glück:
Katharina Nocun: In deinem Roman Die Möglichkeit von Glück geht es ja um die Aufarbeitung einer Familiengeschichte in der DDR und im Zuge dessen auch um ziemlich viel Gewalt. Da gab es eine Szene, da hatte ich wirklich Tränen in den Augen. Da ging es um eine Mutter, die ihr Kind absichtlich zu lange in heißes Wasser gestellt hat, um es zu bestrafen. Und ja, vielleicht auch, um zu quälen. Glaubst du, es gibt einen Zusammenhang zwischen autoritären Systemen und dem Innenleben von Familien?
Anne Rabe: Ja, also ganz klar. Das ist ja auch ein DDR-Mythos, dass man sagt, okay, es gibt dieses Familienleben, das ist ganz wunderbar und die Diktatur ist irgendwo draußen, dass man überhaupt versucht, in der Rückschau Diktatur und Alltag zu trennen. Das ist ein Irrtum. Das geht gar nicht.
Nocun, Katharina. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ostalgie. 34:58
Für alle, die Anne Rabes Buch nicht gelesen haben: Anne Rabe beschreibt eine unnormale Familie. Sie schreibt das selbst so:
Alle Familien haben solche Geschichten. Gemeinsame Erlebnisse, die eine Familie zu einer Familie machen. Geschichten, die man sich immer wieder erzählt. Die Geschichten von einem missglückten Weihnachtsbraten, von Irrfahrten zu einem lang ersehnten Urlaubsziel, Missgeschicke und Tollpatschigkeiten, die einem noch immer die Lachtränen in die Augen treiben. Diese Geschichten, an die man denkt, wenn man Zuhause denkt.
Was Tim und ich uns erzählen, wenn wir über unsere Kindheit sprechen, sind Geschichten davon, wie wir gelernt haben, still zu sein.
Rabe, Anne. 2023. Die Möglichkeit von Glück. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 23
Ich habe in Keine Gewalt! Zu Möglichkeiten und Glück und dem Buch von Anne Rabe bereits darüber geschrieben: Anne Rabe schildert eine durch und durch gewalttätige Familie. Sie bekam ständig Schläge und Kopfnüsse. Das wird dann mit wilden Thesen über Gewalt und Kindsmorde und Amokläufe im Osten kombiniert, die einfach faktisch falsch sind. Die Details sind im eben zitierten Blog-Post und in Weitere Kommentare zu Anne Rabes Buch: Eine Möglichkeit aber kein Glück diskutiert. Das oben angegebene Zitat zeigt recht deutlich, dass die Ich-Erzählerin in Anne Rabes autofiktionalem Roman weiß, dass ihre Familie nicht normal ist. Anne Rabe leitet aus dem Leben ihrer Familie weitreichende Schlussfolgerungen für ein ganzes Land ab. Ihre Eltern waren systemtreu und Funktionäre. Zumindest die im Roman. Was vom Roman der Realität entspricht, will Anne Rabe nicht sagen. Es ist klar, dass ihre Mutter oder zumindest die beschriebene Person eine Psychopathin war, aber daraus irgendwas mit Diktaturen abzuleiten, ist nicht zulässig. Warum muss ich mir von Anne Rabe erklären lassen, dass man Familie und Außen nicht trennen konnte? Warum? So haben Millionen Menschen gelebt. In Sportvereinen, in Familien. Wir waren uns 1989 alle (also in meinem Umfeld) einig, dass wir die DDR, so wie sie war, nicht wollten. Das war eben nicht nur die Familie. Es war der musikalische Untergrund, die sogenannten anderen Bands, die avantgardistische Kunstszene (Autoperforationsartisten usw.), der Sportverein (Berlin Chemie)3, Menschen aus meiner Schule. Sogar mein ehemaliger Klassenlehrer. Ein SED-Mitglied, das mir Havemann-Bücher aus dem Westen zum Lesen borgte und den ich auf Punk-Konzert in die Werner-Seelenbinder-Halle mitnahm, auf dem Neues-Forum-Banner hochgehalten wurden. Die Überraschung kam dann nach der Wende, als plötzlich das Einigende weg war und wir feststellen mussten, dass wir alle unterschiedliche Vorstellungen darüber hatten, was wir stattdessen wollten. Wenn Anne Rabe bei Lesungen auf Menschen trifft, die ihr von Erlebnissen berichten, die ihren eigenen ähneln, dann liegt das wohl daran, dass zu ihren Lesungen nur oder überwiegende die Menschen kommen, die ihre Erfahrungen oder ihre Grundeinstellung teilen. Viele Ossis macht ihr Buch aber nur unfassbar wütend. Jemand, der ganz offensichtlich falsche Dinge verbreitet und dafür von noch ahnungsloseren Wessis (Die Jury des Literaturpreises bestand in der Tat nur aus Wessis) fast einen Literaturpreis bekommt, macht sie nicht nur bei DDR-Nostalgikern, zu denen ich mich – wie im Disclaimer am Anfang des Posts erklärt – explizit nicht zähle, unbeliebt. Mein Artikel in der Berliner Zeitung, der die gravierendsten der faktischen Fehler in Anne Rabes Buch diskutiert, war der mit Abstand am meisten runtergeladene der Ausgabe, wie mir Anja Reich dann mitteilte. Er hatte offensichtlich einen Nerv getroffen. Suchmaschienen schlugen noch lange nach der Veröffentlichung des Artikels „Anne Rabe Professor“ vor, wenn man bereits „Anne Rabe“ eingegeben hatte. Also: Natürlich konnte man in der DDR so vor sich hinleben. Millionen haben das getan. Auch wenn Anne Rabe das nicht wahrhaben will. Sie hat es nicht erlebt und weil sie das gar nicht will, wird sie nie verstehen, wie das funktioniert hat und warum.
Diskurs, 1968 und alternative Erziehung
Hier eine Aussage zu den 68ern, der Frage nach Gewalt in der Erziehung und dem gesellschaftlichen Diskurs:
Katharina Nocun: Und es gibt ja die These, dass auch das Fehlen einer 68er-Bewegung im Osten, die sich dann ja im Westen extrem kritisch dann, halt auch teilweise an den eigenen Eltern und deren Beteiligung am NS-Regime und der Großeltern abgearbeitet hat , dass das Fehlen einer vergleichbaren Bewegung, die es ja auch gar nicht geben konnte, so in diesem Ausmaß, also weil, klar, autoritäres Regime, dass das dazu führt, dass Menschen, vielleicht auch weniger Berührungsängste mit extrem rechten Parteien heute entwickeln, weil sich das so weiterträgt. Glaubst du, da ist was dran oder das ist halt vielleicht auch eine Erklärung, die es sich zu leicht macht?
Anne Rabe: Beides. Also wenn wir zum Beispiel auch darüber sprechen, über diese autoritären Erziehungsmethoden, also wo man auch immer sagen kann, okay, es gibt auch in Westdeutschland und es gab auch in Westdeutschland ganz, ganz viel Gewalt gegen Kinder, aber es gab eben auch eine Diskussion um autoritäre Erziehung. Es gab darum einen Diskurs. Da hat sich was verändert und das gab es eben in Ostdeutschland nicht.
Nocun, Katharina. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ostalgie.
Diskurs in der DDR
Eine Sache, die ich bisher immer übersehen habe, weil der ganze DDR-Diskurs auch mit großer Medienbeteiligung stattfindet, ist, dass der Diskurs in der DDR natürlich ganz anders ausgesehen hat. Er war dennoch existent, anders als heute in den West-Medien und auch von Anne Rabe behauptet wird. Meine Frau hat beim Bahnfahren mit Christian Berndt, einem westdeutschen Historiker und Journalisten, über den Osten gesprochen und der hat darauf hingewiesen, dass es im Osten durchaus einen Diskurs zu den verschiedensten Themen gab. Nur eben nicht in den offiziellen Medien. Im Osten wurden alle Entwicklungen, die es im Westen gab, ganz aufmerksam mitverfolgt. Bis auf eine paar Täler mit Ahnungslosen (Dresden und Greifswald) hatte die gesamte DDR Westfernsehen und Rundfunk. Zum Schluss auch in Sachsen, weil die Menschen einfach Satellitenschüsseln benutzt haben. In Kamenz hat sogar die NVA auf den Wohnblocks der Offiziere Satellitenschüsseln installiert, damit diese nicht so ahnungslos waren, wenn die Soldaten mit den neusten Nachrichten aus dem Urlaub kamen. Ich habe die Schüsseln in Bautzen auch selbst gesehen. Das heißt, die Ossis haben alles mitbekommen und der Diskurs fand statt. Bei Parties, im Privaten. Wir haben geredet, in einem fort. Doch. Wirklich. Ich erinnere mich an einen Witz über antiautoritäre Erziehung. Ich glaube, den hatte ich sogar von einem Lehrer.
Journalist*innen und Nachgeborene können sich das nicht vorstellen, weil sie denken, Diskurs bedeutet einen langen Kommentar in den Tagesthemen oder in der FAZ oder vom Chefreporter der taz Peter Unfried. Aber nein: Wenn die Presse zensiert und zu Teilen unbrauchbar ist, dann findet der Diskurs zwischen den Zeilen in Theaterstücken oder Filmen, in Rocksongs oder eben im Privaten statt. Davon ist außer in Stasiunterlagen natürlich wenig dokumentiert. Aber es gab ihn.
Diskurs zu Erziehung und Prügelstrafe
Und letztendlich fand auch zum Thema Prügelstrafe ein Diskurs in den DDR-Medien und der Gesellschaft statt (so stand es zumindest im Neuen Deutschland). Wir beginnen mit verschärfter Propaganda von 1953:

Das Aktenzeichen für das entsprechende Urteil des Bundesgerichtshofes ist: BGH NJW 1953, 1440 Nr. 23. In Heinrich (2011) findet sich ein Zitat aus dem Urteil zu den Vergehen der Jugendlichen und der Strafe, die dann für angemessen befunden wurde:
„Der damals im 16. Lebensjahr stehenden Tochter“ – so die Schilderung des BGH^1 – wurden von ihren Eltern „zu Zwecken der Erziehung […] in einem Falle […] ‚zweieinhalb‘ Mahlzeiten entzogen, weil sie wahrheitswidrig in Abrede gestellt hatte, in Abwesenheit der Eltern vom Fenster aus mit Jungen sich verständigt zu haben. Sie erhielt kein Mittag- und kein Abendessen und am nächsten Tag zum Frühstück [nur] ein Stück trockenes Brot und Kaffee. In einem anderen Falle band die Angekl. das Mädchen an einem Stuhl fest, ehe sie für etwa 2 Stunden zum Zwecke von Besorgungen das Haus verließ. Ferner band der Angekl. das Mädchen zweimal die Nacht über im Bett um Leib und Beine über der Decke fest. In einem weiteren Falle schnitt die Angekl. dem Mädchen das Kopfhaar in so unregelmäßiger Weise kurz, daß es sich auf der Straße nicht sehen lassen konnte“.
Heinrich, Manfred. 2011. Elterliche Züchtigung und Strafrecht. Zeitschrift für Internationale Strafrechtsdogmatik 5. 431–443. Die Auslassungsmarkierungen sind so bereits im Artikel, der Teile aus dem Urteil BGH NJW 1953, 1440 zitiert.
Man beachte den Wunsch nach deutscher Einheit, den es 1953 noch gab. Dazu musste die Prügelstrafe überwunden werden. =:-)

Im obigen Text von 1952 kann man lesen: „Sie beriefen einen gemeinsamen Ausspracheabend ein, auf dem offen über die Fragen der Disziplin gesprochen wurde. Es gelang, diejenigen Eltern, die sich noch der Prügelstrafe bedienen, von der Schädlichkeit dieser Methode für die Festigung der elterlichen Autorität und der bewussten Disziplin in der Schule zu überzeugen.“ Das war 1952! Im Westen durfte ab 1958 endlich auch die Mutter ihre Kinder verprügeln, vorher war das nur den Vätern erlaubt (Grüter, 2019). Große Fortschritte in der Gleichberechtigung! Es brauchte wirklich die 68er, bis sich im Westen was änderte. Bis 1968 waren es aber noch 16 Jahre.





In dem oben gezeigten Beitrag aus dem Neuen Deutschland (ND) von 1972 ging es ebenfalls um die Prügelstrafe. Das ND war die Parteizeitung (Zentralorgan der SED, wie man so schön sagte) und was dort stand, entsprach dem offiziellen Standpunkt. Und der war schon mindestens ab 1952, dass prügeln nicht zu den zu praktizierenden Erziehungsmethoden gehörte. Das ND wurde, dort wo ich gelebt habe (Neubausiedlung Berlin-Buch) nur sehr wenig gelesen. Ich habe bei der Post gearbeitet und Zeitungen ausgetragen. Die meisten bekamen die Berliner Zeitung, manche auch Parteizeitungen von Blockparteien. Der direkte Einfluss des NDs war also wahrscheinlich beschränkt, aber der Zeitungsausschnitt oben ist zumindest ein Beleg dafür, wie die offizielle Position zu Gewalt in der Erziehung war. Die Neue Zeit war die Zeitung der Blockpartei CDU. Wie man den Ausschnitten aus der Berliner Zeitung entnehmen kann, gab es durchaus einen Diskurs zu Fragen der Prügelstrafe. Interessant an der Dokumentation der Leserbriefe an die Berliner Zeitung ist der Verweis darauf, dass die Leser*innen, die in ihren Briefen für eine Prügelstrafe argumentierten, ihre Adresse nicht angegeben hatten. Natürlich war die Auswahl der Leserzuschriften durch die staatlichen Vorgaben gelenkt, aber wie oben dargelegt, gab es einen darüber hinausgehenden Diskurs im privaten Raum.
Ergebnisse der Erziehung in Ost und West
Fesseln und Schlagen wurde im Westen höchstrichterlich gutgeheißen, während es im Osten von Beginn an die Bestrebung gab, Eltern und Lehrer*innen eine gewaltfreie Erziehung beizubringen. Erfahrungsberichte legen nahe, dass es in Ost und West auch nach 1968 noch Gewalt gegen Kinder gab. Auch nach der Wende noch. Im Abschnitt zur fehlenden Forschung in der DDR habe ich die Studie erwähnt, die nach dem Ende der DDR durchgeführt wurde und die zeigt, dass es in der DDR weniger Gewalt gegen Kinder und Jugendliche gegeben hat. XY hat mich darauf hingewiesen, dass nicht nur körperliche Gewalt in der Erziehung fatal sein kann. So waren auch die Erziehungsmethoden von Hitlers Lieblingspädagogin Johanna Haarer schlecht für Kinder. Ihre Bücher wurden nach dem Krieg von den Alliierten verboten, aber Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind bis 1987 in der alten BRD weiter veröffentlicht. In einer Auflage in Millionen-Höhe. Johanna Haarer war explizit gegen körperliche Gewalt.
Es gibt eine Studie der Charité, die Menschen aus Ost und West hinsichtlich Narzissmus und Selbstwertgefühl untersucht hat. Ich zitiere hier aus der deutschen Zusammenfassung:
Wie Wissenschaftler um Prof. Dr. Stefan Röpke und Dr. Aline Vater von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Benjamin Franklin nun zeigen konnten, hat das gesamtgesellschaftliche Umfeld Auswirkungen auf das Entstehen einer übermäßigen Selbstüberschätzung. „Moderne westliche Gesellschaften fördern die Ausprägung von Narzissmus. So weisen Menschen, die in den Bundesländern westlich der innerdeutschen Grenze aufgewachsen sind, höhere Narzissmus-Werte auf als Menschen, die eine Erziehung in der ehemaligen DDR erlebt haben“, erklärt Prof. Röpke. „Gezeigt hat sich dies in unserer Studie vorrangig für den sogenannten grandiosen Narzissmus, der durch starke Selbstüberschätzung gekennzeichnet ist“, stellt der Wissenschaftler fest.
Ein genau gegenteiliges Bild zeigt sich hinsichtlich des Selbstwertgefühls. Dieses ist im Osten des Landes höher ausgeprägt als im Westen. Für ihre aktuelle Untersuchung haben die Forscher Daten aus einer anonymen Internetumfrage in der deutschen Bevölkerung herangezogen. Mehr als eintausend Personen beantworteten einen Fragenkatalog, wobei knapp 350 von ihnen in der ehemaligen DDR geboren waren und etwa 680 Studienteilnehmer in der alten Bundesrepublik aufgewachsen sind. Unterschieden wurde bei der Auswertung in subklinischen, unterschwelligen Narzissmus, der zur Persönlichkeit gehört und oft als gesunder Narzissmus bezeichnet wird. Daneben gibt es die pathologische Selbstüberschätzung, die über das gesunde Maß hinausgeht.
Pressemitteilung Charité, 25.01.2018, Fördern westliche Gesellschaften die Ausprägung von Narzissmus?
Wie das mit dem Narzissmus genau funktioniert, wodurch er begünstigt wird, bitte ich die Leser*innen, selbst nachzulesen. Jedenfalls kamen die Menschen aus der DDR-Diktatur nicht gebrochen und gewaltaffin heraus, sondern mit besserem Selbstwertgefühl als die Menschen aus dem Westen. Auch das spricht also gegen die Pathologisierung der Ossis, der Anne Rabe das Wort redet. Vielleicht haben die Entwicklungen nach der Wende doch etwas mit den Ereignissen nach der Wende zu tun …
1968 und Aufarbeitung der Nazi-Diktatur vs. Aufarbeitung der SED-Diktatur
Noch zum Thema 1968, weil das Katharina Nocun angesprochen hat. Anne Rabe hatte in ihrem Buch Die Möglichkeit von Glück auch eine angeblich fehlende Aufarbeitung der DDR-Zeit in der Art der 1968er behauptet. Das wurde in der Presse begeistert aufgenommen, wodurch ich erst von diesem Buch erfahren habe. Ich habe in diversen Blogbeiträgen über ihre Position im Buch und in Interviews geschrieben. Siehe Gewalterfahrungen und 1968 für den Osten und Weitere Kommentare zu Anne Rabes Buch: Eine Möglichkeit aber kein Glück. Die Aufarbeitung ist erfolgt. Die Stasi-Akten wurden ja gerettet. Was rauskam, war für viele sehr schmerzhaft. Sie haben erfahren, dass ihre eigene Mutter sie bei der Stasi verpfiffen hat oder ihr Ehepartner (Vera Wollenberger bzw. Lengsfeld und Stephan Hermlin). Der IM Sascha Anderson, der im Prinzip die ganze Untergrundszene im Prenzlauer Berg organisiert hatte, flog auf. Ich war bei der Premiere des Films über ihn dabei. Die Punk-Band Die Firma, bei der zwei von fünf Bandmitgliedern IMs waren. Der Liedermacher Gundermann. Das alles ist im ersten der zitierten Blog-Posts ausführlich dokumentiert. Alles bekannt.
Im Podcast hat Anne Rabe jetzt eine mildere Position:
Es ist natürlich auch für eine Gesellschaft einfacher, wenn sie sich vielleicht eigentlich mit sich selber auseinandersetzen müsste, den Feind im Außen zu suchen. Also in dem Fall dann der Wessi. Anstatt mal die Konflikte untereinander zu klären, was ist denn hier liegen geblieben? Und das ist was, wenn du auch nach meiner eigenen Erfahrung fragst, was für mich diese 90er Jahre extrem geprägt hat, ist eben dieses Unvermögen der Elterngeneration, das miteinander zum Beispiel zu klären. Ich bin ja auch in einer Kleinstadt aufgewachsen, wo jeder jeden kennt und jeder auch so weiß von jedem, was er so gemacht hat. Oder ahnt oder es gibt Gerüchte, all diese Dinge. Und die konnten das nicht und es ist vielleicht menschlich total verständlich. Die haben das nicht geschafft, sich an den Tisch zu setzen und zu sagen, so jetzt möchte ich mal, dass wir das hier klären. Wir leben doch jetzt nicht mehr in Gefahr. Wir können das jetzt machen. Und dadurch haben sich zum Beispiel eben Konflikte weitergetragen in den Kindern. So wurden die sozusagen projiziert. Also ich komme ja aus einer sehr roten Familie, wie man so sagt. Und ich habe das als Kind ganz oft erlebt, dass ich gemerkt habe, dass Leute mich nicht leiden können. Das so Eltern sozusagen, wenn die meinen Namen gehört haben, dass die dann so, aha, okay, Oder fragt, bist du die Tochter, oder bist du die Enkelin von sowieso. Das gab es ganz häufig, ohne dass es erklärt wurde. Oder auch in der Grundschule war das zum Beispiel, das war ja kurz nach der Wende ganz massiv, da hatte ich eine Lehrerin, die mich richtig gemobbt hat. Und ich habe das als Kind überhaupt nicht verstanden. Weil das auch nicht erklärt wurde. Und das liegt natürlich an diesem Unvermögen der Erwachsenen miteinander, sich hinzusetzen und zu sagen, okay, wir haben hier noch was zu klären. Das trägt sich so fort bis heute.
Das Verhalten der Lehrerin ist unprofessionell gewesen und unakzeptabel. Ansonsten ist Anne Rabes Wunsch schräg. Die, die unter Menschen wie ihren Eltern gelitten haben, sollen sich jetzt mit ihnen aussprechen? Sie sollen nett zu den Kindern der Funktionäre sein, die ihr Leben zerstört haben? Das ist vielleicht ein bisschen viel verlangt. Anne Rabe sagt inzwischen ja selbst: „Und die konnten das nicht und es ist vielleicht menschlich total verständlich.“ In ihrem Buch schreibt Anne Rabe, dass sie nicht mit den Opfern ihrer Eltern reden wollte.
Aber das ist nicht der einzige Grund, warum ich das Gespräch mit Adas Eltern plötzlich scheue. Ich will keine Absolution von ihnen, keine späte Verbrüderung mit denjenigen, die auf meine Eltern und ihr ganzes System zu Recht wütend waren. Ich wollte mich auch nicht als diejenige produzieren, die nun ihre Hausaufgaben gemacht und im Gegensatz zu den ewig Gestrigen verstanden hatte, aus was für einem Land sie kam.
Rabe, Anne. 2023. Die Möglichkeit von Glück. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 155
Also: Wenn jemand reden muss/will dann die Täter. Vielleicht auch die Kinder der Täter und der Opfer. Ansonsten ist es etwas schräg, dass die Kinder der Täter jetzt den Opfern vorwerfen, dass sie die Diktatur nicht aufgearbeitet hätten und dass deshalb 40% der Wähler*innen in manchen ostdeutschen Bundesländern die AfD wählen. Solche Argumentationen machen Menschen wütend. Doch. Wirklich. Und das bekommt man dann aus den Feuilletons bis zum Erbrechen. Aus Redaktionen in denen es einen halben Ossi gibt, wenn’s hochkommt.
Noch zum Vergleich von 1968 mit der Aufarbeitung der DDR-Geschichte. Die nationalsozialistischen Verbrechen kann man nicht mit denen in der DDR vergleichen. Es ist nicht genau feststellbar, wie viele Menschen in der DDR gestorben sind. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages gibt als Maximalwert 4.000 an für die gesamten 40 Jahre der DDR (Wissenschaftlicher Dienst des Bundestages 2021). Bei Kiev in Babyn Jar hat die Wehrmacht in 36 Stunden 33.000 Menschen erschossen. Durch die Nazis sind ca. 80 Millionen Menschen zu Tode gekommen. Viele davon wurden systematisch in Vernichtungslagern ermordet.

60–65 Millionen Menschen sind im Krieg gestorben. In Psychiatrien hat man Menschen verhungern lassen. Sie sind nach drei Monaten Mangelernährung gestorben (Hungerkost-Erlaß). Ich habe in Zwei Diktaturen – zwei Töpfe all diese Unvorstellbarkeiten aufgelistet. An diesen ganzen Verbrechen waren Deutsche beteiligt. Es war ein riesiger Apparat. Regierung, SS-Leute, SA-Leute, Richter, Ärzte, Krankenpfleger, Juristen, Lokführer, ein Verwaltungsapparat, NSDAP-Mitglieder. Journalist*innen von Zeitungen, Zeitschriften, Filmemacher*innen wie Leni Riefenstahl, ein Propagandaapparat, der das möglich gemacht hat. Darüber musste man sprechen. Die SS hatte im Juni 1944 794.941 Angehörige. Also 11% der NSDAP-Angehörigen (770.000). Bei Kriegsende war die Waffen-SS noch 550.000 Mann stark. Andere SS-Leute dienten in der Wehrmacht. Bei 66 Mio Deutschen im Jahr 1945 (Demografie Deutschlands), wegen der Kriegsfolgen weniger als die Hälfte davon Männer. Mit denen musste man reden. Es gibt Karten von Konzentrationslagern, Strafanstalten (Zuchthaus/Gefängnis) und Gerichtsgefängnissen, die zeigen, wie dicht das Netz dieser Lager war.

Die Lager um 1933 und 1934 waren nicht mit den Vernichtungslagern, die später entstanden sind, vergleichbar, aber die SS-Leute waren auch damals schon brutal, wie man in Willi Bredels Buch Die Prüfung nachlesen kann: Dunkelhaft, Isolationshaft, Folter, viele Menschen wurden in den Suizid getrieben. Irgendwer hat in diesen Gefängnissen und KZs gearbeitet. Bürgermeister von Städten waren in Transporte in KZs involviert, wie man dem folgenden Dokument entnehmen kann.

Je nach Größe des Ortes und der Stadt waren die Bürgermeister*innen in der DDR rote Socken, aber sie haben keine Protokolle für den Bahntransport von Oppositionellen in Konzentrationslager, in denen zehntausende Menschen starben, unterschrieben.
Die Stasi hatte einen enormen Apparat von Hauptamtlichen (1988 waren es 91.000). In Bautzen I und Bautzen II wurde gefoltert, im Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau gab es ebenfalls Menschenrechtsverletzungen und Folter. Dennoch ist die Art und Anzahl von Verbrechen, in die diese Menschen verwickelt waren um Größenordnungen anders als das, was in den 12 Jahren davor passiert ist. Die Anzahl der in der DDR beteiligten Menschen ist wesentlich geringer. Menschen, die die beiden Diktaturen gleichsetzen, verharmlosen letztendlich den Holocaust und andere Verbrechen in Nazi-Deutschland.
Übrigens: Oben habe ich einen Spiegel-Artikel zum höchstrichterlichen Entscheid zur Prügelstrafe in Bayern zitiert. Eine weitere Stelle aus diesem Artikel passt hier sehr gut:
Politisch unabhängig sind die höchstbesoldeten Bayern-Juristen selbstverständlich auch. So erträgt der Freistaat mit beachtenswerter Duldsamkeit den Oberstrichter Karl Günther Stempel, der sich seit Jahren in der rechtsradikalen Szene hervortut und erst Ende März auf einer Veranstaltung des „Deutschen Kulturwerks Europäischen Geistes“ in Lüneburg ein „Bekenntnis zur Volkskultur in abendländischer Schicksalsgemeinschaft“ abgelegt hat – neben dem Referenten Ralf Ollmann, der 1976 “wegen Schändung des jüdischen Friedhofs in Göttingen“ zu 21 Monaten Haft mit Bewährung verurteilt worden war. Die bayrische SPD: „Wahrlich ein schönes Gespann.“
Spiegel 1979. Bayern: Sinn des Fortschritts. 1979. Der Spiegel 18/1979.
Wer noch nicht genug hat, kann ja den Wikipediaeintrag von Karl Günther Stempel lesen: „ein deutscher Jurist und Autor nationalsozialistischer Gesinnung“. Der Spiegel-Artikel ist von 1979, also 11 Jahre nach 1968. Die Typen waren immer noch da.
Armut
Ein anderes Thema ist Armut. Bei 40:14 hört man dazu:
Anne Rabe: Gerade insbesondere so in den 80er Jahren der DDR. Da haben wir einerseits eben diese Agonie der DDR, dass klar ist, hier geht es irgendwie nicht mehr voran. Dieses ganze Heilsversprechen, das ist irgendwie Quatsch, das wird nichts mehr. Wir haben eine zunehmende Armut. Wir sehen halt die DDR-Bilder dann immer aus Berlin. Aber das Provinzleben im Osten, so am Rande der Republik, war ganz anders als in Berlin. Also, weiter man wegkam sozusagen von der Hauptstadt, umso schlechter war die Versorgung. Und da sprechen wir wirklich von tatsächlicher Armut, auch von Lebensmittelknappheit zum Teil. Also, das sind alles Dinge, die gab es in den 80er Jahren. Oder man wollte irgendwelche Produkte haben und dann kam man auf die Warteliste oder man kannte wen.
Katharina Nocun: So, so kann ich das aus meiner Familie in Polen. Also, da war überhaupt nicht die Erwartungshaltung. Ich kann Dinge irgendwie kaufen, das sei denn, irgendjemand hat mir Devisen gegeben.
Anne Rabe: Sowas, aber auch tatsächlich, wo ich sage, also es gibt zum Beispiel Berichte, das ist ganz interessant, so aus Briefen oder so, wo dann Leute, gerade Frauen, so was schreiben, wie ich habe wieder keine Winterjacken für meine Kinder gekriegt. Oder im Konsum gab es wieder nur Milch und Nudeln. So, also ich spreche von einer tatsächlichen Armut, nicht nur von einem kargen Leben, sondern von Armut. Und das bedeutete insbesondere für die Frauen ein wahnsinnig hartes Leben, weil die natürlich verantwortlich waren für die Hausarbeit und für die Arbeit. Die mussten früh morgens ihre Kinder in die Krippen bringen. Und da mussten die zur Arbeit gehen. Dann nach der Arbeit anstehen, nach Lebensmitteln, vielleicht noch Kohlen reinschippen, hatten häufig keine Waschmaschinen zu Hause. Ja, dann musst du irgendwie die Wäsche einkochen. Oder diese ganze Versorgungslage hat dazu geführt, dass es ein wahnsinnig stressiges, anstrengendes Leben für Frauen war.
Nocun, Katharina. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ostalgie. 40:14
Waschmaschinen
Also, dass das Leben der Frauen anstrengend war, ist unbestritten, aber auch hier übertreibt Anne Rabe oder stellt es irgendwie verquer dar. Immerhin ist die Darstellung jetzt näher an der Realität als in früheren Äußerungen. In einem Interview in den Zwischentönen hatte sie noch 2023 behauptet, es hätte keine Waschmaschinen gegeben. Jetzt behauptet sie nur noch, dass es häufig keine Waschmaschinen gegeben hätte. Ich habe über das Interview in den Zwischentönen bereits 2024 geschrieben (Waschmaschinen und Schwule in der DDR und Lesben natürlich auch). Wenn Anne Rabe 5,6% der Haushalte ohne Waschmaschine häufig findet, dann ist das wohl so. Ansonsten kann man in den Fachpublikationen zum Thema folgende Angaben finden:
1986 befanden sich in 94,4 Prozent aller DDR-Haushalte Waschmaschinen, davon ca. 13 Prozent Waschvollautomaten, ca. 40 Prozent Waschautomaten und ca. 47 Prozent Bottichwaschmaschinen; Hans-Joachim Scheithauer u. Michael Laue, Moderne Waschmaschinen – sparsame Helfer im Haushalt, in: Energieanwendung 37, 1988, H. 6, S. 229ff., hier S. 229; Statistisches Amt der DDR (Hg.), Statistisches Jahrbuch der Deutschen Demokratischen Republik 1990, Berlin 1990, S. 324f.
Wölfel, Sylvia. 2012. „Planmäßige Verringerung des Bedarfs“ Die Entwicklung verbrauchsarmer Haushaltsgeräte in der DDR. Technikgeschichte 79(1). 45–60. (doi:10.5771/0040–117X-2012–1‑45)
Der Verbreitungsgrad heute liegt bei 96,2%. Ich hatte als Student eine Wellenrad-Maschine. Die hat zwar alle Knöpfe aus Kleidungsstücken gerissen, für meinen Karate-Gi war sie aber sehr gut geeignet. Zum Windelnwaschen taugten diese Dinger auch. Meine Mutter hatte seit meiner Geburt 1968 einen Waschvollautomaten. In Berlin gab es den Wäschedienst Rewatex. Dort hat man Bettwäsche abgegeben und bekam sie dann eine Woche später wieder. Gewaschen und gebügelt. Der Wäschemann kam vorbei und holte schmutzige Wäsche ab und brachte die gewaschene. In manchen Wohnblocks gab es Waschküchen mit gemeinsam nutzbaren Waschmaschinen. Zu den Details und Ehekrediten für die Anschaffung von Waschmaschinen und anderem siehe Waschmaschinen und Schwule in der DDR und Lesben natürlich auch.
Schwere Arbeit
Kohle reinschippende Frauen hat es in der Tat gegeben, aber die Kohle kam einmal im Jahr. Anna Rabe erzeugt ein Bild von armen Frauen, die täglich mit fiesester schwerster Arbeit belastet sind. In Berlin gab es Briketts, die wurden in den Keller gebracht. Hochgetragen habe ich die Kohle. Ich hätte sie auch in den Keller geschippt, wenn es nötig gewesen wäre. Aber in der DDR haben Frauen eben auch Gleise verlegt, wenn sie solch einen Beruf wollten, und Kohle in den Keller geschippt. Zum Gleisbau siehe Stolz & Eigensinn.
Das Leben in der Mangelwirtschaft
Ich schreibe zu diesem Punkt der Armut noch einmal, weil das wichtig ist. Denn die Frage, was Wohlstand ist, was ein angemessener Lebensstandard ist, ist aktueller denn je, weil wir so, wie wir jetzt leben, nicht weiterleben können. Der Erdüberlastungstag ist in Deutschland bereits Anfang Mai erreicht. Danach konsumieren wir über das, was der Planet hergibt. Deshalb ist die Frage, ob die Menschen in der DDR in „tatsächlicher Armut“ gelebt haben, relevant. Ulrike Herrmann hat vorgeschlagen, dass man zurück zum Lebensstandard der BRD 1978 gehen sollte (natürlich ohne Fortschritte in der Medizin usw. aufzugeben), aber eben ohne die ganzen Auswüchse und den Überkonsum, den es seit dieser Zeit zunehmend gibt (Herrmann, 2022). Für mich wäre auch der Lebensstandard der 80er in der DDR annehmbar, also etwas, was Anne Rabe als „tatsächliche Armut“ bezeichnet hat.
Anne Rabe hat diese Zeit nicht erlebt. Sie ist 1986 geboren und berichtet nur aus sekundären Quellen. Sie war nicht in Rumänien oder Polen in den 80er Jahren.
Also: Es gab Engpässe. Es gab bestimmte Dinge oder auch Lebensmittel nicht oder selten oder nur in Spezialläden für viel Geld zu kaufen. Zum Beispiel Südfrüchte (Bananen und Orangen) gab es in Berlin nur in der Weihnachtszeit, in der restlichen DDR noch seltener (Anne Rabe schreibt auf S. 12 von Die Möglichkeit von Glück aber, dass sie Bananen hatten. Das war Wismar.). Der Mangel an Südfrüchten kam daher, dass die DDR-Mark nicht konvertierbar war und man eben diese Früchte für Ostgeld nicht importieren konnte. Das West-Geld, über das die DDR verfügte, wurde für andere Anschaffungen benötigt. Zum Beispiel musste das Öl, das uns unsere „Freunde“ aus der Sowjetunion geliefert haben, mit Devisen bezahlt werden. Auch Ketschup gab es nicht immer zu kaufen. Meine Konfektionsgröße gab es in der DDR nicht. Ich war einfach zu lang und zu dünn. Ich habe jetzt 32/36 und Hosen in dieser Länge gab es nur für Menschen mit doppeltem Hüftumfang. Das führte dazu, dass ich eine Kordhose hatte, die ein Fehlkauf einer Kollegin meiner Mutter im Intershop (Westgeld) war und eine Kordhose, die 1984 ein Import der DDR aus Dänemark war. Zu Weihnachten. Diese Kordhose habe ich zwei Jahre lang getragen und danach auch noch, wenn ich während meiner Armeezeit Urlaub hatte. Sie war zum Schluss fast durchsichtig. Die Mutter eines Freundes hat einen Flicken drauf gemacht, dann ging sie noch ein bisschen. Zu hause habe ich einen Trainingsanzug angezogen, um die Hose zu schonen.
Gestellrucksäcke gab es nicht immer. Ich habe mal am Alexanderplatz jemanden mit einem Gestellrucksack in Plastetüte rumlaufen sehen und habe daraus geschlossen, dass er den irgendwo gekauft haben musste. Ich habe ihn gefragt und bin dann sofort zum Haus für Sport und Freizeit am Frankfurter Tor gefahren und habe einen gekauft.
War ich arm? Es hat in der DDR niemand gehungert. Ich hatte als Student 1989 ein Stipendium von 300 Mark. Da ich drei Jahre bei der Armee gewesen war, betrug mein Stipendium 100 Mark mehr als das reguläre Stipendium. Von 200 Mark konnte man aber in der DDR leben. Die Miete für eine Einzimmerwohnung betrug 20–30 Mark und die Preise für Grundnahrungsmittel waren subventioniert. Ein Liter Milch kostete 70 Pfennig (nach der Maul-und-Klauenseuche 66 Pfennig mit leicht reduziertem Fettgehalt), ein Brot 95 Pfennig. Preise für Nahrungsmittel und Mieten waren bei den Vorkriegspreisen eingefroren worden. Bei der Bekleidung war es so, dass es meist ein erschwingliches Modell zu kaufen gab. Das wollte man nicht unbedingt haben, weil es nicht chic war. Aber es gab es (wenn man nicht meine Körpermaße hatte).4 Wikipedia hat eine sehr ausführliche Liste mit Preisen für die verschiedensten Waren. Nahrungsmittel, Schallplatten, Kosmetik, Unterwäsche, Kameras, Autos. Auch zu verfügbarem Geld gibt es auf der Seite detaillierte Angaben.
Das Durchschnittseinkommen in der DDR betrug 1989 1300 Mark (1949: 290 Mark, 1970: 755 Mark; mdr 2021). Die Rente wurde aus dem Durchschnittseinkommen der letzten 20 Jahre ermittelt. Dadurch, dass es keine Inflation gab, hatte man also mehr als das Einkommen, das man vor 20 Jahren hatte. Da man davon aber den Grundbedarf schon vor 20 Jahren hatte decken können, konnte man ihn dann als Rentner*in garantiert decken. Von der Rente konnte man sich nicht ohne Weiteres einen Farbfernseher oder eine Stereoanlage leisten, aber die hatte man ja vielleicht vom Gehalt gekauft und es gab auch nicht viel Anregungen, etwas Neues zu kaufen.
Ich habe Erfahrungsberichte von Wernigerode, Derenburg, Triptis und Kahla. Dass es, wie von Anne Rabe behauptet, nur Nudeln und Milch gegeben habe, entspricht nicht der Wahrheit. Es gab Schulspeisung (bei uns war die nicht besonders lecker, Großküche, aber wir haben sie gegessen). Teils hat ein richtiger Fleischer für die Kaufhalle gearbeitet und es gab gute lokal gemachte Wurst. In meiner Kindheit waren wir in Thüringen, im Vogtland, im Erzgebirge und im Harz im Urlaub. Einmal waren wir in einem FDGB-Heim, ansonsten in privaten Unterkünften. Wir haben uns selbst versorgt und auch ab und zu in Gaststätten gegessen. Es gab überall vernünftige Versorgung mit Lebensmitteln. Ich habe eine weitere Umfrage zur Versorgung außerhalb Berlins auf Mastodon gestartet und es gab wohl im Norden auch Kartoffelengpässe, aber das war kein Dauerzustand. Hungern musste niemand.
In anderen sozialistischen Ländern sah die Versorgung ganz anders aus. Ich war 1984, als das wieder möglich war, mit einem Schüleraustausch in Polen. Dort haben wir zwei Wochen lang Nudeln mit einer undefinierbaren rosa Soße bekommen. 1988 war ich in Rumänien. Dort gab es in den Lebensmittelläden außer Brot nichts. Das würde ich als Armut bezeichnen. So war es in der DDR aber nicht. Bei der Mastodonumfrage wurden Familien mit Alkoholproblemen erwähnt. Ich hatte geschrieben, dass man von 200 Mark prima leben konnte. Das war so, aber ich habe auch weder geraucht noch getrunken. Goldbrand (32%) kostete 14,50 Mark und Zigaretten 1,60 (Karo), 2,50 (Alte Juwel) bis 3,20 (Cabinet). Wenn man pro Tag eine Schachtel Zigaretten rauchte waren also 48 bis 96 Mark weg. Also 48 bis 96 Brote. Bei einem Mindestlohn von 400 Mark (1976) waren dann immer noch über 300 Mark übrig. Ich weiß nicht, wie viel man realistisch für Alkohol ausgegeben hat, wenn man viel getrunken hat. Unter Umständen war dann nicht mehr so viel übrig. Das ist aber heute nicht anders: Man kann von der Grundsicherung/vom Bürgergeld leben, aber wenn man Geld für Alkohol und Tabak ausgibt, wird es bei den Tagessätzen eng.
Also, wenn ich mir überlege, wie unser Leben heute sein sollte, dann kommt im Prinzip die Versorgung in Berlin ohne die Ausfälle heraus: regionales, saisonales Obst und Gemüse, lokal gebackenes Brot, das am Abend nicht weggeworfen wurde, sondern für den nächsten Tag aufgehoben wurde. Eine vernünftige Versorgung mit Kleidung und Schuhen ohne Fast Fashion und Produktion in Fernost (zur Schuhproduktion in Weißenfels siehe auch Stolz & Eigensinn).
Und Armut, Armut sieht so aus:


Das gab es in der DDR nicht. Es gab nicht genügend Wohnungen und die Altbauten fielen zusammen, aber das bedeutete eben, dass Kinder bei ihren Eltern wohnen mussten. Auf der Straße lebte niemand.
Junge Gemeinde und Studium
Anne Rabe behauptet Folgendes über die Mitgliedschaft in der Jungen Gemeinde und der FDJ:
Zum Beispiel im Vorfeld des 17. Juni gab es so eine ideologische Verschärfung, dass man Jugendlichen, die gleichzeitig Mitglied waren in der jungen Gemeinde, also in der christlichen Jugendorganisation, in der FDJ, der freien deutschen Jugend, also der Jugendorganisation der DDR, nach sowjetischem Vorbild, dass man gesagt hat, ihr könnt nicht mal gleichzeitig Mitglied sein in beidem. Und nur wenn ihr in der FDJ seid, dann könnt ihr auch studieren und so. Also solche Geschichten, dass es dort einen Versuch gab, einer ideologischen Verschärfung und dass man zum Beispiel sowas, da gab es so einen Beschluss, dass alle Jugendlichen, die in der jungen Gemeinde sind, müssen von den Schulen verwiesen werden. Also alle Achtklässler, Neuntklässler sozusagen raus, wenn die sich nicht zur FDJ bekennen. Das wurde später wieder zurückgenommen, aber es gab eben so Schritte, die dazu geführt haben, dass sich diese Sowjetideologie, stalinistische Ideologie, dass das verschärft wurde.
Nocun, Katharina. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ostalgie. 52:26
Diese Aussage hat mich erstaunt. In den 50er Jahren gab es noch die Grundschule, die bis zur achten Klasse ging. Hätte man die Schüler*innen der achten Klasse einfach rausgeschmissen, hätten sie in der DDR keinen Ausbildungsberuf erlernen können. Da es aber eine Arbeitspflicht gab und Arbeitskräfte überall benötigt wurden, wäre das recht merkwürdig gewesen. Es gab diese Aktionen gegen die Junge Gemeinde tatsächlich (Hugi, 2019) und Christ*innen wurden auch nach 1953 noch wo möglich Steine in den Weg gelegt, aber die Aktionen richteten sich gegen Abiturient*innen und gegen Student*innen. In der DDR und auch in der BRD haben damals viel, viel weniger Jugendliche Abitur gemacht (in den 80ern 2 von 30). Es gab alternative Ausbildungswege wie Berufsausbildung mit Abitur. Diejenigen, die Abitur machen durften, wurden entsprechend sorgfältig ausgewählt. Die Logik dahinter war, dass der Staat in diese Menschen Geld investierte und nicht wollte, dass sie bei der nächsten Gelegenheit in den Westen verschwanden. Für Christ*innen war es immer schwer, einen solchen Platz zu bekommen. 1953 richteten sich die Maßnahmen mit Schulverweisen gegen Abiturient*innen und Student*innen. Grundschüler waren nicht betroffen. Auch folgt aus „Nicht in der FDJ“ nicht Verweis von der Schule, wie es Anne Rabe dargestellt hat. Aus „Nicht in der FDJ“ folgte Schwierigkeiten bei der Zulassung zum Abitur und dann zum Studium. Später gab es die zehnklassige Polytechnische Oberschule für alle Schüler*innen. Auch da gab es Gängelei und Druck, aber es gab eben auch Menschen, die nicht bei den Thälmann-Pionieren oder in der FDJ waren. Ein katholisches Mädchen aus meiner Klasse musste immer ganz hinten beim Fahnenappell stehen, damit man sie ohne ihr FDJ-Hemd nicht gesehen hat.
Stalin, Chruschtschow und Breschnew
Anne Rabe berichtet über das Ende des Stalinismus Folgendes:
Das ist auch immer interessant, wenn man reinguckt, das Ende Stalins und das Ende des Stalinismus ist ja eh super interessant, wie die da reingestolpert sind aus lauter Angst vor diesem Diktator. Aber in der DDR war das noch extremer. Die fuhren dann als Delegation dahin und diese berühmte Geheimrede von Breschnew, wo er dann eben über die Verbrechen des Stalinismus gesprochen hat. Und fuhren dann zurück und wussten gar nicht, was sie damit machen sollten, sozusagen. Und brauchten dann erst wieder Anweisungen aus Moskau, dass man jetzt eben wirklich hier die Denkmäler runterreißt und so. Weil sie völlig überfordert waren und das gar nicht selber entscheiden konnten oder diskursiv miteinander besprechen.
Nocun, Katharina. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ostalgie. 52:56
Die Geheimrede Über den Personenkult und seine Folgen war nicht von Breschnew, sondern von Chruschtschow. Chruschtschow hat die Rede am 25.02.1956 zum Abschluss des 20. Parteitages der KPdSU gehalten.
Schließlich wurde ein weiterer Tagesordnungspunkt gebilligt, der aber unter Ausschluss der Öffentlichkeit und ohne anschließende Diskussion stattfinden sollte. […] Nur loyale Parteimitglieder waren zugelassen, die Anwesenheit von Journalisten war verboten.
Geheimrede Über den Personenkult und seine Folgen
Das bedeutet, dass Anne Rabe nicht nur den damaligen Parteichef mit einem weit weniger bedeutenden Funktionär, der erst 1966 – also zehn Jahre später – Generalsekretär des ZK der KPdSU werden sollte, verwechselt hat. Sie hat auch einfach mal erfunden, dass eine DDR-Delegation bei diesem Parteitag anwesend war.
Zuhörer berichteten nach 1989, das Publikum habe die Rede in völligem Schweigen und mit lähmendem Entsetzen aufgenommen. Es habe keine Aussprache gegeben. Jede mündliche oder schriftliche Weitergabe des Gehörten wurde den Delegierten untersagt. Kopien der Rede gingen im März 1956 an die Staatschefs im Ostblock.
Geheimrede Über den Personenkult und seine Folgen
Ich hatte ja an anderer Stelle darüber geschrieben, dass Breschnew am 10.11.1982 gestorben ist und uns damit den 11.11. verdorben hat (Berliner und Breschnew). DDR-Bewohner*innen, die die 80er bewusst wahrgenommen haben, können Breschnew, Andropow und Tschernenkow aus eigener Erfahrung grob zeitlich verorten, auch wenn sie im Geschichtsunterricht Kreide holen waren. Dieses Wissen aus eignen Erfahrungen fehlt Anne Rabe.
Im taz-Lab hat Anne Rabe 2024 angemerkt, dass Umberto Eco ja auch nicht im Mittelalter dabei gewesen sei und trotzdem Romane darüber schreiben könne. Diese Aussage ist 100% korrekt, nur entsprechen Ecos Aussagen dem Wissensstand und es gibt wirklich keine Zeitzeug*innen mehr, die er hätte befragen können und die ihn hätten widerlegen können.
Ulbricht wurde in Moskau über den Inhalt der Rede durch einen befreundeten Genossen informiert (Hoyer, 2023), da er aber offiziell erst im März über die Rede in Kenntnis gesetzt wurde, konnte er unmittelbar nach der Rückkehr auch nichts machen, denn er wusste ja offiziell noch überhaupt nichts von den Veränderungen in Moskau. Letztendlich betrieb Ulbricht aber einen ähnlichen Personenkult wie Stalin, weshalb dieser Wandel dann für ihn persönlich auch problematisch war (Hoyer, 2023). Also: Es war alles ein bisschen anders, als von Anne Rabe beschrieben, aber sie hat recht: Es war interessant.
Kolonialisierung und ökonomische Naivität
Anne Rabe äußert sich zu Erbschaften und Vermietern wie folgt:
Also das, was du gerade ansprachst mit der Ungleichheit, mit der Erbschaft und so weiter. Und sagen kann, ja, das stimmt. In Ostdeutschland wird weniger geerbt. Das wird aber dann häufig so als Schulddebatte gen Westen diskutiert. Dabei müsste man das eigentlich, würde ich zum Beispiel sagen, sieht man halt in Ostdeutschland aus historischen Gründen eine Schwäche unseres Systems besonders deutlich. Ich finde immer ganz schön, mein Freund Patrice Poutrus, der sagt immer so schön, ist mir doch egal, ob mir ein Wessi die Miete erhöht oder einen Ossi. Die Rechte der Mieter müssen gestärkt werden. Also die Verteilungsfrage, die müssen wir gesamtgesellschaftlich stellen. Die Ursache darin liegt nicht, weil Westdeutsche böse waren zu Ostdeutschen oder so. Das sie so diesen Osten da ausbeuten wollten und sich, also das ist so ungenau wieder. Das, was ich meinte von, wir müssen da genauer sein. Das, was in Ostdeutschland an Ungleichheitsfragen sichtbar wird, ist wie unter einem Brennglas ein Problem unserer gesamten Gesellschaft.
Auch hier wieder Merkwürdigkeiten. Im Osten wurde vor der Wende viel weniger Geld und Besitz akkumuliert. Menschen, die Miet-Häuser besaßen, davon gab es noch einige wenige, wurden damit nicht reich. Im Gegenteil: Die Mieten waren auf Vorkriegsniveau festgesetzt und Sanierungen konnten von den Mieteinnahmen nicht bezahlt werden. Die Besitzer*innen mussten für die Sanierungen einen virtuellen Kredit aufnehmen, der ihrem Haus zugeordnet war. Nach der Wende mussten sie das Haus verkaufen, damit sie die Kredite für Sanierung, die dann plötzlich real geworden waren, abbezahlen konnten. Betriebe waren in zwei Privatisierungswellen verstaatlicht worden. Die Menschen hatten weniger Bargeld angespart, weil das auch ohnehin nicht sinnvoll war. Durch die Währungsunion wurden Vermögen oberhalb eines Sockelbetrags halbiert (was aus ökonomischen Gründen nicht gut war, der Umtauschkurs hätte für die Ossis eigentlich noch schlechter sein müssen). Wenn jetzt etwas vererbt werden kann, dann ist das im Wesentlichen das Vermögen, das nach der Wende aufgebaut wurde. Das sind aber ganz andere Dimensionen als das, was man im Westen kennt, wo Familien im Wirtschaftswunder groß geworden sind. Daraus aber irgendwas mit Schuld gen Westen abzuleiten, wäre recht merkwürdig. „Schuld“ ist der Westen bzw. die demokratisch gewählten Regierungen, die sich um bestimmte Dinge einfach nicht gekümmert haben. Anne Rabe ist in der SPD. Die SPD hatte 2017 zumindest mal den Plan, sich um die Ostrenten zu kümmern (taz, 13.01.2026). Das ist nicht erfolgt. Das Geld, das man für eine Rentenreform gebraucht hätte, betrug 1 Milliarde Euro. War halt politisch in der Großen Koalition nicht durchsetzbar.
Der Satz von Anne Rabes Freund, dem Historiker Patrice Poutrus, zu DDR-Zeiten geschulter Marxist und hauptamtlicher FDJ-Sekretär, zeugt von einer unglaublichen ökonomischen Naivität. Firmensitze sind im Westen, Gewinne werden dort versteuert. Das gilt genau so für Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung. Wenn mein Vermieter also in Stuttgart sitzt, dann profitiert, abgesehen von der Grundsteuer, Stuttgart (15%), Baden-Württemberg (42,5%) und der Bund (42,5%; siehe föderale Verteilung) von den Wohnungen im Prenzlauer Berg oder in Leipzig. Kapital wird dort akkumuliert und weitervererbt. Die Erbschaftsteuer geht an das Bundesland. Das alles ändert sich auch nicht, wenn die Rechte der Mieter gestärkt werden. Ich habe im Prenzlauer Berg gelebt. Die Häuser wären nach der Wende eingestürzt, wenn sie nicht mit großem Aufwand saniert worden wären. Dazu hat Berlin privates Kapital herangezogen. Es gab Mietpreis-Bindungen. Nach einer gewissen Zeit liefen die dann aber aus. Das sind völlig unklare politische Vorgaben, die auch jetzt noch für den sozialen Wohnungsbau angewendet werden. Auch von Anne Rabes Partei. Es gibt eine schöne Folge von Die Anstalt dazu: Die Abriss-Anstalt.
Es gibt immer wieder die Diskussion darüber, ob die Beziehung zwischen West- und Ost-Deutschland eine kolonialistische ist. Man kann sich dazu eine Sendung im Deutschlandfunk anhören: Ostdeutschland: Warum man von Kolonialismus sprechen kann. Dort kommen Expertinnen für Kolonialismus zu Wort. Der Titel spoilert schon: Die Antwort ist: Ja, die Bezeichnung Kolonialismus ist sinnvoll.
Also: Ja, für Einzelpersonen ist es egal, an wen sie Miete bezahlen, aber für Gemeinden ist es nicht egal, wo die Gelder hingehen. Von einer vierzigjährigen Sozialdemokratin, die über den Osten und über Moral schreibt, und einem promovierten Historiker, der auch über den Osten und politische Zusammenhänge schreibt, sollte man doch ein bisschen mehr erwarten dürfen.
Ansonsten hat Anne Rabe recht: Ungleichheitsfragen spielen eine Rolle. Eine Erbschaftssteuer würde helfen. Ihre Partei ist im Prinzip auch dafür, nur ist das politisch nicht durchsetzbar. Die CDU ist für Steuerreduktionen und in der Ampel konnte die kleine gelbe Partei die anderen beiden Parteien daran hindern, gerechtere Steuern einzuführen. Das ist leider auch Teil des AfD-Problems und es ist in der Tat ein Ost-West-Probelm, auch wenn der Historiker und die Schriftstellerin das nicht so sehen.
Zusammenfassung
Das Gespräch ist im Großen und Ganzen gut. Die Bemerkungen zu Gewalt und Armut entsprechen weitestgehend dem, was Anne Rabe in früheren Interviews und in ihrem autofiktionalen Roman Die Möglichkeit von Glück behauptet hat, und sind somit unvollständig, tendenziös oder schlicht falsch.
Danksagungen
Ich danke Christian Pietsch, durch den ich auf den Podcast aufmerksam geworden bin. Ich war etwas verwundert, dass er schrieb, er würde allem Gesagten zustimmen. Das hat mich neugierig gemacht. Oben sind die Stellen dokumentiert, denen ich nicht zustimme. Weiß nicht, ob ich alle erwischt habe.
Ich danke allen, die auf Mastodon mitdiskutiert haben, insbesondere denen, deren Posts ich hier verwenden durfte. Peer danke ich für das Auffinden des Spiegel-Artikels von 1979 und die Suche nach Quellen im ND.
Quellen
Bartsch, Michael. 2026. Ost-Sonderrentner in der DDR: Sie wurden vergessen. taz 13.01.2026. Berlin. (https://taz.de/Ost-Sonderrentner-in-der-DDR/!6143827/)
Charité. 2018. Pressemitteilung 25.01.2018, Fördern westliche Gesellschaften die Ausprägung von Narzissmus? (https://www.charite.de/service/pressemitteilung/artikel/detail/foerdern_westliche_gesellschaften_die_auspraegung_von_narzissmus)
Der Spiegel. 1979. Bayern: Sinn des Fortschritts. Der Spiegel 18/1979. (https://www.spiegel.de/politik/sinn-des-fortschritts-a-f95c10c7-0002–0001-0000–000040351630)
Grüter, Susanne. 2019. Deutschlandfunk Kultur. Prügeln verboten: Vom langen Kampf für die Kinderrechte. (https://www.deutschlandfunk.de/pruegeln-verboten-vom-langen-kampf-fuer-die-kinderrechte-100.html)
Häusler, Michael. 2013. Ehemalige Heimkinder wollen ihre Akte: Die Benutzung von Klientenakten im Spannungsfeld zwischen Opferanspruch, Persönlichkeitsschutz und historischer Forschung. Aus evangelischen Archiven (Neue Folge Der „Allgemeinen Mitteilungen“ 53), 7–20. (https://www.evangelische-archive.de/fileadmin/user_upload/vka/PDF/Aus_evangelischen_Archiven/53_2013.pdf)
Heinrich, Manfred. 2011. Elterliche Züchtigung und Strafrecht. Zeitschrift für Internationale Strafrechtsdogmatik 5. 431–443. (https://www.zis-online.com/dat/artikel/2011_5_577.pdf)
Herrmann, Ulrike. 2022. Kapitalismus und Klimaschutz: Schrumpfen statt Wachsen. taz 17.09.2022. Berlin. (https://taz.de/Kapitalismus-und-Klimaschutz/!5879301/)
Hoyer, Katja. 2023. Diesseits der Mauer: Eine neue Geschichte der DDR 1949–1990. Hamburg: Hoffmann und Campe.
Hugi, Sonja. 2019. Kampagne gegen die Jungen Gemeinden der evangelischen Kirchen. Bundeszentrale für politische Bildung. (https://www.bpb.de/themen/deutsche-teilung/ddr-kompakt/521490/kampagne-gegen-die-jungen-gemeinden-der-evangelischen-kirchen/)
mdr. 2021. Rente — damals und heute: Was am Lebensabend blieb: 12-Bett-Zimmer und 520,13 Mark Rente. (https://www.mdr.de/geschichte/ddr/alltag/familie/rente-rentner-altersarmut-pflege-osten-100.html)
Nocun, Katharina. 2025. Anne Rabe über Moral, die AfD und Ostalgie. (https://www.denkangebot.org/allgemein/anne-rabe-ueber-moral-die-afd-und-ostalgie/)
Ulke, C. & Fleischer, T. & Muehlan, H. & Altweck, L. & Hahm, S. & Glaesmer, H. & Fegert, J.M. et al. 2021. Socio-political context as determinant of childhood maltreatment: A population-based study among women and men in East and West Germany. Epidemiology and Psychiatric Sciences (30). 1–8. (doi:10.1017/S2045796021000585)
Wissenschaftlicher Dienst des Bundestages. 2021. Zur Zahl der Todesopfer aufgrund politischer Verfolgung in der DDR. Ausgewählte Aspekte. (https://www.bundestag.de/resource/blob/855618/52a47e246eee6bec67127050c4224a74/WD‑1–015–21-pdf.pdf)
Zschächner, Roland. 2024. Ostdeutschland: Warum man von Kolonialismus sprechen kann. 30.12.2024. Deutschlandfunk Kultur. (https://www.deutschlandfunkkultur.de/ostdeutschland-postkoloniale-perspektiven-auf-das-innerdeutsche-verhaeltnis-dlf-kultur-5c421ba3-100.html)




































